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IŠ LIETUVIŲ LEKSIKOLOGIJOS IR LEKSIKOGRAFIJOS

LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA

AUS DER GESCHICHTE DER VIEHZUCHTTERMINOLOGIE IN DEN BALTISCHEN SPRACHEN*

A. SABALIAUSKAS

BEZEICHNUNGEN FÜR VIEHHERDEN

Für eine Herde von Haustieren haben die indogermanischen Sprachen keine gemeinsame oder auch nur einigermaßen weit verbreitete Bezeichnung. Meist haben einzelne Sprachgruppen eigene Bezeichnungen, die semantisch auf unterschiedliche Weise entstanden sind; bisweilen unterscheiden sich solche Bezeichnungen sogar in eng verwandten Sprachen.

Auch die baltischen Sprachen haben keine gemeinsame Bezeichnung für eine Viehherde.

Lit. bandà

Die im Litauischen am häufigsten verwendete Bezeichnung für eine Tierherde ist Herde. Dies ist ein sehr interessantes Wort aus der Terminologie der Viehzucht. Seine Bedeutungen spiegeln gewissermaßen auf besondere Weise verschiedene Etappen der Geschichte der Viehzucht wider und bieten gute semantische Parallelen zur Erklärung der Herkunft von Wörtern mit ähnlicher Bedeutung in anderen idg. Sprachen.

Das Akademische Wörterbuch der litauischen Sprache führt sieben Bedeutungen dieses Wortes an: 1) Viehherde, Herde; 2) das vom Knecht, vom Sohn eines Bauern oder von einem jüngeren Bruder ausgesäte Getreide (Flachs); Saat; 3) Land, auf dem bandà gesät wird; 4) eine Naturalzulage zum Lohn, die dem Knecht gewährt wird; 5) früher an einen Knecht gezahlter Lohn (in Naturalien); 6) Nutzen, Vermögen, Eigentum, Anteil; Geld; 7) ein nicht allzu großer Laib, ein kleines Brot (LKŽd., I, 519—20; in der zweiten Ausgabe des ersten Wörterbuchbandes sind die Bedeutungen etwas anders gegliedert).

Betrachtet man diese Bedeutungsreihe, entsteht der Gedanke, dass die ursprüngliche Bedeutung von lit. Herde ‘Tier, Vieh’ gewesen sein muss, denn nur dann ist die Entwicklung der genannten Bedeutungen möglich. Eine solche Bedeutung von lit. Herde lässt sich noch in den alten litauischen Schriften erkennen, vgl.: leben wie eine Herde und wie unverständige Schweine (1579 m. W₂₁), Gepeitschte und Geschlagene und einer anderen Herde (1599 m. DP 340₃₃), Viele junge Leute wurden wie eine Herde sehr billig verkauft (Br P, II, 346) u. a.1 Aus dieser Bedeutung entwickelten sich die Bedeutungen ‘Tierherde’ und ‘Nutzen, Geld, Vermögen’, und aus letzterer ‘ausgesäte Feldfrüchte’ sowie ‘Land, auf dem diese Feldfrüchte ausgesät werden’. Unter all diesen Bedeutungen fällt die Bedeutung ‘Brotlaib’ auf besondere Weise heraus. Diese Bedeutung dürfte wohl mit der Bedeutung ‘einem Lohnarbeiter als Sachleistung zusätzlich zum Lohn gewährte Beigabe’ zusammenhängen. Wahrscheinlich

*Vgl. die früher veröffentlichten Arbeiten des Verfassers zu diesem Themenbereich: Названия безрогового скота, „Проблемы индоевропейского языкознания“, Москва, 1964, p. 59—65; Baltų kalbų naminių gyvulių pavadinimai, „Lietuvių kalbotyros klausimai“, X, Vilnius, 1968, p. 101—190.

1 K. Būga, Rinktiniai raštai, III, Vilnius, 1961, p. 664.

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bandà war ursprünglich nicht einfach ein kleines Laibchen, sondern ein unter anderem als Naturalabgabe gegebenes Roggen- oder Brotlaib.

Das litauische bandà verfügt bereits über eine alte schriftliche Überlieferung – dieses Wort ist schon vor dem Erscheinen der ersten schriftlichen Denkmäler der litauischen Sprache belegt.

In der Bedeutung ‚Vermögen‘ findet sich das Wort banda bereits 1468 im Kazimieras-Recht: „А коли чи паробъкы украдуть што у кого, а (пакъ) у семь листу верху писано, какъ за которую татбу казнити: коли первое украдеть, ино его не вешати, а заплатити бондою его; а не будетъ бонды, ино господарь его за него заплатить, є паробъка сказнити и пробити...“². In dieser Bedeutung wird es auch im Ersten Litauischen Statut (1529) verwendet: „Jestli hge parobki kradut’ w okolicy a z licom ich pojmajut’, kotoroje lico budet stojati poltiny hroszej: tohdy majet’ karan byti jako zlodej; a jestliż poltiny lico stojati ne budet’: tohdy majet’ z bondy jeho szkoda placzona byti (=tunc debet solvi damnum ex rebus eius) abo lice wernuti, a z naviazku puhami biti...“³. Das litauische bandà mit den Bedeutungen ‚Vermögen‘ und ‚Entlohnung in Naturalien‘ ist auch in anderen späteren litauischen Dokumenten, die in fremden Sprachen verfasst wurden, häufig belegt⁴.

Vom litauischen bandà sind zahlreiche weitere Wörter abgeleitet, deren Bedeutungen eng mit den Bedeutungen dieses Wortes verbunden sind: bandýkštis ‚Herdenvieh, Rind‘ (das Wort ist sowohl in älteren Schriften – M. Mažvydas, J. Bretkūnas, M. Daukša – als auch in Dialekten – Akmenė, Barstyčiai, Betygala – belegt; LKŽd., I(2), 640), bandystis (im 1787 erschienenen „Žiwate“: LKŽd., I(2), 641), bandinga ‚trächtig‘ (LKŽd., I(2), 640), bandaūti ‚dienen (Vieh hüten)‘ (LKŽd., I(2), 639), bandinė ‚Umzäunung für eine Herde; eine weiter vom Hof entfernte Weide; Pfingstfest der Hirten; Zusammenkünfte‘ (LKŽd., I(2), 640), bandininkas ‚Herden-, Viehstall‘ (LKŽd., I(2), 640), bandininkas ‚Hirte der Herde, Schäfer; Knecht eines Bauern‘ (LKŽd., I(2), 640), bandišius ‚Hirte‘ (LKŽd., I(2), 641), bandiskas ‚für eine Herde charakteristisch, tierisch‘ (LKŽd., I(2), 641), bandótis ‚eine Herde säen; aus etwas Nutzen ziehen‘ (LKŽd., I(2), 642), bandúotis ‚Ertrag aus der Aussaat erzielen, Gewinn aus einer Herde ziehen‘ (LKŽd., I(2), 643), bandìnis ‚eigen‘ (LKŽd., I(2), 641), liúosbandė ‚nicht angebundenes Jungvieh im Stall, frei weidendes Vieh‘ (LKŽd., VII, 620).

Von den hier erwähnten Wörtern scheint bandìnis ‚eigen‘, das in Dusetos verwendet wird, sich seiner Bedeutung nach etwas von den übrigen zu entfernen. Die Bedeutung ‚eigen‘ ist offenbar aus ‚bandinis, d. h. in der Herde ausgesät‘ entstanden; vgl. Gaspadarnus linus pabai̇gėm braukt, liko tik bandiniai (Dusetos). Neben bandinių linų und Roggen kamen auch bandinis puodas, bandinis botagas usw. auf.

Das litauische bandà ist mit einigen seiner Bedeutungen auch in die Sprachen der Nachbarn eingegangen (nicht nur in deren Schriftsprache, sondern auch in ihre Umgangssprachen).

Lat. bānda ‘das dem Knechte vom Wirte als Lohn zugeteilte Stück Feld oder die Aussaat darauf; das Nebengewerbe, Nebenverdienst; Gewinn, Geschäft, Profit’, bānds (EM, I, 261–2; EH, I, 204) vartojama latvių liaudies dainose, pasitaiko kai

² K. Jablonskis, Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje, I, Kaunas, 1941, p. 15.

³ K. Jablonskis, Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje, I, p. 15–17; J. Jurginis, Baudžiavos įsigalėjimas Lietuvoje, Vilnius, 1962, p. 135–136.

⁴ K. Jablonskis, Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje, I, p. 307–308, 330, 337–341.

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in denen und in anderen Sprachdenkmälern sowie Dialekten⁵. Ins Lettische könnte das Wort bañda bisweilen auch über die Kuren gelangt sein. Da sich jedoch unter den Überresten der kurischen Sprache keine deutlicheren Spuren dieses Wortes finden (es sei denn, man bringt mit ihm den Ortsnamen Bandowe6 in Verbindung), wäre es zweckmäßiger, lett. bañda als Litauismus anzusehen. Schließlich ist sogar der Fall denkbar, dass ein Teil der Letten das Wort durch die Litauer, ein anderer Teil durch die Kuren kennengelernt hat.

Im Lettischen gibt es noch weitere Wörter, die sich nicht von lett. bañda trennen lassen, vgl. lett. bañdnieks ‘ein Knecht, dem der Wirt ein Stück Land als Lohn abgegeben hat’, bañdenieks, Fem. bandniece, bañduoties ‘für sich arbeiten, durch Nebenverdienst erwerben’ (EM, I, 262), bándāties ‘sich mit dem Besäen der Lohnfelder (bandas) betätigen’, bandžuot ‘Nahrung, Nebenverdienst zu erlangen suchen’, bandžēris ‘wer seine bandas zu vertrinken pflegt’ (EH, I, 204).

Lett. bañda hat auch in der lettischen Toponymie deutliche Spuren hinterlassen, vgl. Bañdas-kalns, Bañdas-plava, Bañdu-purvs, Bandu lauks, Bandu-sils, Bandulauks, Bañdaiņis, Bañdene, Bañdenes, Bañdenīcas, Bañdenieki, Bañdnieki, Bañdenieku-vējsudmalas, Bañdēņi7.

In Lettland gibt es Ortsnamen, die möglicherweise darauf hindeuten, dass die Letten einst auch eine eigene Form *buoda oder *buode besaßen, die dem lit. bandà lautlich genau entspricht. Solche Ortsnamen sind lett. Buōdes, Buōdel-purvs, Buōdīte, Buōdnieki. Im Allgemeinen neigt man dazu, diese Wörter mit lett. buōde ‘die Bude’ (< mittelniederdeutsch bōde), buōdnieks ‘der Kaufmann, der Krämer’ in Verbindung zu bringen; mitunter könnte in ihnen jedoch auch das alte lett. *buoda oder *buode erhalten sein, das dem lit. bandą entspricht8.

Mit verschiedenen Bedeutungen wird lit. bandà auch im Belarussischen verwendet, vgl. belaruss. бонда ‘Fladen, Hörnchen, Brötchen; Laib, kleines Brot; Schlachtgabe (etwas, das Verwandten oder Bekannten gebracht wird, nachdem ein Tier geschlachtet wurde)’⁹.

In einigen belarussischen Dialekten (im Gebiet Brest, im Dreieck zwischen Kobryn, Ivaceviči und Luninec) wird das Wort бонда in der Bedeutung ‘Kühe, die der Braut als Mitgift gegeben werden’ verwendet. Mit dieser Bedeutung wird das Wort auch in benachbarten ukrainischen Dialekten gebraucht¹⁰.

In den altpreußischen Texten findet sich kein Wort, das dem lit. bandą entspricht. Es gibt jedoch einige altpreußische Orts- und Personennamen, die darauf hindeuten könnten, dass dieses Wort in jener Sprache vorhanden gewesen sein mag; vgl. die Ortsnamen Bandadis, Bandeynen, Bandeln, Banduken11 und die Personennamen Bandeyke, Bandiko, Banduke, Bandupe, Bandush12.

In altpreußischen Sprachdenkmälern ist ein anderes Wort belegt, das man wahrscheinlich mit einer baltischen Bezeichnung für ein Tier oder eine Tierherde derselben Wurzel in Verbindung bringen sollte – nämlich altpreuß. nienbon-den ‘nutzlos (=unnützlich)’ (ein Wort aus dem II. Katechismus), ni enbāndan ‘vergeblich (=vergeblich)’ (ein Wort aus dem III. Katechismus)¹³. Der altpreußische Kontext würde darauf hindeuten, dass die wörtliche altpreußische …

⁵ K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 665; E. Fraenkel, Et. Wb., 34; V. Urbutis, LKK, VI, p. 297.

⁶ K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 168.

⁷ J. Endzelīns, Latvijas PSR vietvārdi, I, 1, Rīgā, 1956, p. 84.

⁸ J. Endzelīns, ten pat, p. 152–153.

⁹ K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 665; V. Urbutis, Baltistica, V(1), p. 50–51.

¹⁰ Д. С. ТеленТЮК, Диалектологічний бюлетень, вип. IV, Київ, 1953, p. 58–59; А. П. Непокупний, Мовознавство, 1968, 6, p. 35.

¹¹ G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, Berlin und Leipzig, 1922, p. 16.

¹² R. Trautmann, Die altpreussischen Personennamen, Göttingen, 1925, p. 16, 17.

¹³ R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, Göttingen, 1910, p. 11, 23; Prūsų kalbos paminklai, parengė V. Mažiulis, Vilnius, 1966, p. 101, 139.

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ni enbāndan könnte „nicht zum Nutzen“ bedeuten; vgl. Tou ni tur sten emmen twayse deywas nienbandan westwey (= Du sollst den Namen Gottes nicht unnützlich führen); Tou turri stan Emnan twaisei Deiwas ni enbāndan westwei (= Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich führen).

Dieser Etymologie des prußischen Wortes stimmen viele Forscher zu14; zur Semantik vgl. lit. nauda, lett. naūda ‚Geld‘: isl. naut ‚Stück Vieh‘, altengl. neat ‚Stück Rindvieh, Tier‘15.

Ferner wird lit. bandà mit Wörtern der indogermanischen Wurzel *bhendh- ‚binden‘ in Verbindung gebracht; vgl. skr. bad-hnāti ‚er bindet‘, av. bandayai-ti, skr. bāndhuḥ ‚Verwandter‘, got. bindan ‚binden‘, gr. πεῖσμα ‚Seil‘, lit. bendras usw16.

Lit. bandà scheint sich in seiner Bedeutung von Wörtern dieser indogermanischen Sprachen zu unterscheiden. Die ursprüngliche Bedeutung von lit. bandà muss ‚angebundenes oder im Pferch gehaltenes („angebundenes“) Vieh‘ gewesen sein. Phonetisch bestehen keine Zweifel an der Verbindung von lit. bandà mit den Wörtern dieser Gruppe; die Semantik lässt jedoch gewisse Zweifel aufkommen, da historische Belege für eine solche Art der Viehhaltung fehlen. Mit Wörtern der indogermanischen Wurzel *bhendh- (vgl. gr. φάτνη ‚Krippe‘, kelt. berne ‚Wagenkorb‘) hängt die Bedeutung ‚Viehgehege‘ sehr eng zusammen. Die ursprüngliche Bedeutung von lit. bandà könnte demnach ‚Viehgehege (im Freien oder auf der Weide)‘ gewesen sein, aus der sich dann die Bedeutung ‚Viehherde‘ entwickelt haben könnte. Eine analoge Bedeutungsverschiebung beobachten wir bei lit. gardas ‚Gehege im Freien oder auf der Weide‘, das in unseren alten Schriften, wie wir sehen werden, in der Bedeutung ‚Viehherde‘ verwendet wird. Auch eine andere Erklärung der ursprünglichen Bedeutung von lit. bandà ist möglich: Dieses Wort könnte ‚gemeinsames, gemeinschaftlich gehaltenes Vieh‘ bedeutet haben. Die Bedeutungen der Wörter mit der indogermanischen Wurzel *bhendh- würden einer solchen Annahme ebenfalls nicht widersprechen. Außerdem wird eine solche Erklärung der ursprünglichen Bedeutung von lit. bandà teilweise auch durch die Herkunft des litauischen Wortes kaimenė gestützt.

Anders versuchte J. Endzelynas, die Herkunft von lit. bandà zu erklären. Er brachte baltisch *bandā mit lit. bandyti ‚versuchen, probieren‘ und pruß. perbanda ‚versucht‘ in Verbindung und verwies als semantische Parallelen auf got. kiusan ‚prüfen, erproben‘, gr. γεύσθαι ‚kosten, versuchen, essen‘ und lat. gustāre ‚kosten, genießen‘17.

B. Jēger stimmt diesem Gedanken J. Endzelynas’ zu und bringt lit. bandà ferner mit der indogermanischen Wurzel *bhen- ‚schlagen, verwunden‘ in Verbindung. Nach B. Jēger haben sich daraus die Bedeutungen von lit. bandà folgendermaßen entwickelt: ‚schlagen‘ (lett. beride ‚der Henker‘, beñdēt ‚quälen, grausam behandeln‘) > ‚versuchen‘ (pruß. perbanda ‚versucht‘, lit. bandyti) > ‚kosten‘ (lit. bandyti, lett. bandas dzīt). Aus der Bedeutung ‚schlagen‘ könnte nach B. Jēger unmittelbar die Bedeutung ‚Stück Land‘ (lit. bandà, lett. bānda) entstanden sein (*das ausgehauene [Stück Land]); aus ‚Stück Land (das als Lohn übergebene)‘ könnte die Bedeutung ‚Nutzen‘ entstanden sein (pruß. ni enbāndan, lit. bandà, lett. bānda); aus der Bedeutung ‚Nutzen‘ sei über die Zwischenbedeutung *‚Nutzvieh‘ die Bedeutung ‚Herde‘ (lit. bandà) entstanden18.

14 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 384; K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 665; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, Rīga, 1943, p. 215; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 34.

15 J. Pokorny, Et. Wb., p. 768.

16 J. Pokorny, Et. Wb., p. 127; M. Mayrhofer, Et. Wb., II, p. 406; die Herkunft von lit. bandà erklärte offenbar als Erster Grynbergeris (Grienberger), Sbb. Wien Nr. 142, VIII (1900), p. 43; vgl. B. Jēgers, KZ, 80, p. 125.

17 EM, I, p. 262; Izglītības Ministrijas Mēnešraksts, 1921, Nr. 2, p. 194–195 (unterzeichnet von Pēteris Liepiņš, vgl. die Bibliographie der Arbeiten J. Endzelynas’, Rakstu krājums…, Rīgā, 1959, p. 672).

18 B. Jēgers, KZ, 80, p. 128–129.

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B. Jägers Erklärung erscheint uns schwer glaubhaft. Zunächst ist das Verhältnis des lettischen bėnde zu idg. *bhen- ‘schlagen’ sehr unklar: lett. bėnde ist wahrscheinlich irgendein Lehnwort. Viel überzeugender ist jedoch die semantische Entwicklung in umgekehrter Richtung: ‘Vieh’ > ‘Nutzen’ > ‘Land’.

Lit. kaimenė

Lit. kaimenė ‘Viehgruppe; Herde’ (LKŽd., V, 55) ist sowohl in der Literatursprache als auch in den Dialekten ein recht weit verbreitetes Wort. Am häufigsten wird es in den westlichen Aukštaitischen Dialekten verwendet. Auch in den litauischen Dialekten des ehemaligen Ostpreußens war dieses Wort sehr weit verbreitet. Wir finden das Wort kaimenė auch in älteren litauischen Sprachdenkmälern, vor allem in solchen, deren Verfasser mit den genannten Dialekten verbunden waren – in der Bibelübersetzung von J. Bretkūnas, in der Postille von M. Daukša, in den 1653 in Kėdainiai veröffentlichten Evangelien sowie in der Bibelübersetzung von S. Bitner.

Neben der Form kaimenė wird in den Dialekten auch die Form kaiminė verwendet (Kapsukas, Bartininkai).

In den litauischen Dialekten deckt sich das Verbreitungsgebiet der Wörter kaimenė, kaiminė offenbar nahezu mit dem der Wörter kaimas (Kalvarija, Kapsukas, Kazlų Rūda, Šakiai, Vilkaviškis), kaima (Eržvilkas, Jurbarkas, Raseiniai, Vilkija), kaimė (Dotnuva, Gudžiūnai, Kėdainiai, Krekenava)¹⁹.

Die Herkunft von lit. kaiminė steht außer Zweifel: Es ist mit lit. kaimas20 in Verbindung zu bringen. Die ursprüngliche Bedeutung von lit. kaimenė war wahrscheinlich ‘Vieh des Dorfes, gemeinsam geweidetes Dorfvieh’.

Die Verbreitung von lit. kaimenė innerhalb des Litauischen sowie das Fehlen von Spuren dieses Wortes in den anderen baltischen Sprachen würden darauf hindeuten, dass es sich um ein vergleichsweise junges Wort handelt.

Mit lit. kaiminė wäre auch das von A. Juška aufgezeichnete Wort kaimina ‘Haufen, Gruppe’ in Verbindung zu bringen (Tarp kaiminos vaikų augau, LKŽd., V, 55).

Lit. guotas

Im Litauischen wird in der Bedeutung „Viehherde“ auch das Wort guotas „Herde, Gruppe, Schar; eine kleine Gruppe von Bäumen, Pilzen, Sträuchern oder Getreide; Büschel“ verwendet (LKŽd., III, 740). Neben der Form guotas ist im akademischen Wörterbuch der litauischen Sprache auch die Form guotas bei guostas „Büschel, guotas“ belegt (LKŽd., III, 739).

Das Wort guotas wird vorwiegend im südlichen Teil Litauens verwendet (Alytus, Aukštadvaris, Birštonas, Daukšiai, Leipalingis, Liškiava, Rumiškės). Es ist auch in den älteren Denkmälern der litauischen Sprache gut belegt – es findet sich in J. Bretkūnas’ Postille, M. Daukšas Postille, B. Vilentas’ Enchiridion, in der Bibelübersetzung von S. Bitneris, im Buch Knyga Nobažnystės von 1653 u. a.

K. Būga bringt lit. guotas mit der alten idg. Bezeichnung für Rind in Verbindung (vgl. lett. guovs „Kuh“, skr. gāuh „Rind“, ahd. chuo „Kuh“ usw.) und erklärt, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes sei „Rinderherde, Kuhherde“ gewesen²¹.

19 Verwendet wurde eine von E. Grinaveckienė erstellte handschriftliche Karte (Institut für Litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR).

20 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 251; P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba. Vilnius, 1941, p. 236.

21 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, Vilnius, 1959, p. 353.

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E. Frenkel bringt lit. guõtas nicht unmittelbar mit der idg. Bezeichnung für Rind in Verbindung, sondern mit griechischen Wörtern derselben Wurzel: βόσκειν „weiden“, βοτήρ „Hirte“, βοτόν „Rind“22. Damit gewinnen wir jedoch wohl kaum etwas; uns scheint K. Būgas Herleitung plausibler, zumal in den baltischen Sprachen die alte idg. Bezeichnung für Rind erhalten ist (vgl. lett. guovs).

Wohl wäre es, wenn man K. Būgas Herleitung folgt, am plausibelsten, lit. guõtas auf idg. *gūō(u)-to-m „Viehherde“ zurückzuführen und diese Vorform unmittelbar mit idg. *gōu- „Rind“ zu verbinden23.

Eine sehr schwierige Frage ist der Zusammenhang von lit. guõtas mit lit. gaujà „Haufen, Gruppe, Rudel; Menge, Schar; große Anzahl“ (LKŽd., III, 168), gõveda „Schar, Trupp, Menge, Haufen“, gõveda, goveda, govena, govežda, gõvija, govija (vgl. auch den Einzelhof Góvija), gova, gõvada (LKŽd., III, 487). Lit. gova entstand natürlich aus lit. gõvada. Ganz Ähnliches finden wir auch in einem belarussischen Dialekt, in dem sich aus belaruss. гаўяда „Viehherde“ die Form гаўя entwickelt hat (Staryja Darogi, zwischen Sluzk und Babrujsk)24.

Einige Forscher halten lit. gõveda und damit natürlich auch die übrigen Varianten dieses Wortes für Slawismen; ihrer Ansicht nach geht lit. gõveda „Schar, Trupp, Menge, Haufen“ auf poln. gawiedź zurück25. K. Būga26 hingegen und in seiner Nachfolge auch P. Skardžius27, E. Frenkel28 und F. Slawski29 betrachten lit. gõveda als ein Wort litauischen Ursprungs und verbinden es mit lit. gaujà. Ob lit. gõveda ein Lehnwort oder ein ererbtes Wort ist, lässt sich schwer entscheiden. So scheint beispielsweise die Form govezda (im Wörterbuch von F. Kurschat belegt, Kurschat selbst jedoch unbekannt) auf eine Entlehnung aus dem Polnischen hinzuweisen; dann wäre jedoch das Auftreten der Formen gõvija, govena, gova sehr schwer zu erklären. Daher sollte man vielleicht sowohl das Wort gõveda als auch govija und seine übrigen Formen als einheimische Wörter ansehen, die Form govezda dagegen als Entlehnung aus dem Polnischen oder als eine unter dem Einfluss des polnischen gawiedź umgebildete Form von lit. gõveda.

Sehr hypothetisch, aber dennoch möglich ist auch eine Verbindung dieser Wörter mit lit. guõtas30. Wäre eine solche Verbindung zutreffend, so wäre sowohl die ursprüngliche Bedeutung von lit. gaujà als auch von gõveda „Viehherde“ gewesen.

Liet. kėltuva

Die Grundbedeutung von Liet. kėltuva ist „Rind, Vieh“, doch wird dieses Wort (seine Singularform) recht häufig auch in der Bedeutung „Rinderherde, Herde“ verwendet. In dieser Bedeutung ist Liet. kėltuva in der lebendigen Sprache im äußersten Osten Litauens gebräuchlich (Adutiškis, Dysna, Tverečius) sowie auch auf den im Gebiet Weißrusslands liegenden litauischen Sprachinseln. Auch in älteren litauischen Schriften (M. Mažvydas, J. Bretkūnas) findet sich das erwähnte Wort in der Bedeutung „Rinderherde“. Vgl.:

„...Jobui kialtuwa atymta“, Mž, 433.

22 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 177.

23 J. Pokorny, Et. Wb., p. 483.

24 Дыялекталагічны атлас беларускай мовы, Мінск, 1963, zemėlapis Nr. 293.

25 LKŽd., III, p. 487; J. Otrębski, LP, 4, p. 39; J. Otręmbskis zufolge könnte Liet. gaujà aus Liet. govijà entstanden sein.

26 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, sudarė Z. Zinkevičius, Vilnius, 1958, p. 328.

27 P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 82, 231.

28 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 140.

29 F. Slawski, Sl. et., I, p. 262.

30 K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 867; J. Pokorny, Et. Wb., p. 483.

12

„…und nahe bei mir wirst du [sein], du und deine Kinder, … dein kleines und großes Vieh (geschrieben: keltuwa“, BrB 1 Moz 45, 10 (LKŽd., V, 551).

Lit. kėltuva ist mit lit. kėlti31 zu verbinden.

Lit. pėkus, pruß. pecku

In der Bedeutung ‚Viehherde‘ wird auch lit. pėkus verwendet, dessen ursprüngliche Bedeutung, ebenso wie die des Wortes kėltuva, ‚Rind, Vieh‘ gewesen sei. In der Bedeutung ‚Viehherde‘ kommt das Wort pėkus in unseren älteren Schriften sehr häufig vor (M. Mažvydas, J. Bretkūnas, M. Daukša, S. Chilinskis). Bisweilen wird es dort einfach als Synonym für banda, kėltuva ‚Viehherde‘ gebraucht. Vgl.:

„…war sehr reich an Vieh (Herde“, BrB 1 Moz 13, 2.

„…trieb … die Herde zusammen (am Rand: zur Herde)“, BrB 1 Moz 18, 7.

„…hatte … viel Vieh“, BrP, II, 194.

„…die Hirten, die das Vieh weiden“, Mž, 193.

„…sein Viehbestand umfasste siebentausend Schafe“, Ch Job I 3.

Ähnlich wird lit. pėkus auch in der Ausgabe des Wörterbuchs von K. Širvydas aus dem Jahr 1642 verwendet:

„Vieh, Viehbestand, Kleinvieh. Pecus, udis, und pecus, oris. Pekus, kieltuwą“.

„Bydlecy. Pecuarius, Pecorinus. Pekaus, kieltuwu“ (Dic., 26).

„Das Vieh weiden, Pascerebene. Prigánit, pripenet peku“ (Dic., 192).

„Das Vieh hüten, Pasco, bubulcitor, feruo pecudes. Ganau peku“ (Dic., 286).

Im heutigen Litauischen ist pėkus in der Bedeutung ‚Viehherde‘ nur im Zietela-Dialekt belegt.

Die Beispiele aus dem dritten preußischen Katechismus würden darauf hindeuten, dass das Wort pecku (Gen. Sg.) auch im Preußischen in der Bedeutung ‚Viehherde‘ verwendet wurde:

„…Preįstan rūkans bhe kurpins īst bhe pūton buttan bhe burwalkan Gannan bhe Malnijikans Laukan Pecku bhe wissans labbans…

…Dazu Kleider und Schuch Essen unnd Trincken Haus unnd Hoff Weyb und Kind Acker und Viehe und alle Güter…

Wissan ka prei kermenes maitāsitan prewe rīsnan perlánkei kaigi stwi ast Ist Pout Rūkai Kurpi Buttan Burwalkan Laukan Pecku Penningans…

Alles was zur Leybs narung unnd notturst gehört als Essen Trinken Kleyder Schuch Hausz Hoff Acker Vihe Gelt…

…kas wis̄mu mensen landen dāst kas stesmu Pecku swajan pērdin dāst…

…Der allem Fleisch speise gibet Der dem Vihe sein Futter gibet…“32

Im Lettischen gibt es keine Entsprechungen zu lit. pėkus, preuß. pecku.

Über die Herkunft von lit. pėkus gibt es zwei Auffassungen: Die einen halten dieses Wort für eine alte Entlehnung aus dem Germanischen, die anderen für ein altes baltisches Wort. Die letztere Auffassung scheint eher annehmbar33.

Lit. Vieh, gyvīs usw.

Im Litauischen wird auch die Pluralform gyvulys in der Bedeutung „Viehherde“ verwendet: gyvuliai; vgl. auch die Formen gyvolis, gyvulis, gyvuolis (LKŽd., III, 383, 384, 385, 387)34.

31 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 238; A. Sabaliauskas, LKK, X, p. 136–137.

32 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 28, 29, 36, 37, 52, 53; Prūsų kalbos paminklai, p. 152, 153, 164, 165, 196, 197.

33 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 564–565; A. Sabaliauskas, LKK, X, p. 136.

34 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 122–123.

13

In den südöstlichen litauischen Mundarten wird mit der Bedeutung „Viehherde“ noch ein weiteres Wort derselben Wurzel verwendet: gyvīs, vgl. Pro kur varo gyvį, varykla vadinas (Lazūnai): Visi dudena, kad jo vaikas jau gyvį gano (Dieveniškės); LKŽd., III, 383. Mit der Bedeutung „Lebewesen, lebendige Kreatur“ und in ähnlichen Bedeutungen ist das Wort gyvīs in verschiedenen litauischen Mundarten und in den älteren Schriftdenkmälern weit verbreitet; mit der Bedeutung „Viehherde“ ist es jedoch nur in den genannten Mundarten belegt.

Bezeichnungen für eine „Viehherde“ mit dieser Wurzel (idg. *gṷi-, lit. gy-, slav. ži-) finden sich auch in den slawischen Sprachen: weißruss. жывёла, жывина, poln. żywina, żywizna, żywioła, altruss. животина, serb. живо, slow. živina³⁵. Offenbar konnte sich eine solche Bedeutung für Wörter dieser Wurzel sowohl im Litauischen als auch in den einzelnen slawischen Sprachen ganz unabhängig entwickeln (vgl. serb.-kroat. живина „Hausgeflügel“, ukr. живина); in einzelnen Fällen kann es sich jedoch auch um Entlehnungen handeln. So ist weißruss. жывина, das nach den Daten des weißrussischen dialektologischen Atlas nur in der Umgebung von Hrodna weiter verbreitet ist, zweifellos aus dem Polnischen entlehnt. Besonders interessant sind Bezeichnungen mit dem Formans -l-, die ein vollständig geschlossenes Gebiet bilden, das das Litauische, fast alle weißrussischen Mundarten und einen Teil der polnischen Mundarten umfasst, die unmittelbar an das litauische Sprachgebiet angrenzen³⁶. Die intensivere Verwendung von lit. gyvulys, gyvuliai deutet darauf hin, dass weißruss. жывёла und poln. żywioła unter litauischem Einfluss entstanden sein könnten.

Das in Dieveniškės und Lazūnai mit der Bedeutung „Viehherde“ verwendete gyvīs ist offenbar keine Neubildung dieser Mundarten, sondern ein Relikt des älteren litauischen Gebrauchs von gyvis, denn dieses Wort ist in den älteren Schriftdenkmälern recht häufig mit der Bedeutung „Tier“ belegt, vgl. Avis yra romus, … nekaltas gyvis DP 209: Ta ranka penį visus gyvius, kiekvienam tikrą penukšlą duodama SP I 242; Anoji kančia, ir nebylius gyvius galėtų pajudint galėjimop DP 176; Gyvis, išėjęs išg girų, staugimu, kaukimu, baubimu teip baisus bus DP 7 (LKŽd., III, 383).

Zum Gebrauch der Singularform gyvis mit der Bedeutung „Viehherde“ vgl. die Verwendung von lit. kėltuva, pėkus.

Weder im Altpreußischen noch im Lettischen finden sich Wörter der idg. Wurzel *gṷi- mit der Bedeutung „Viehherde“. Im Lettischen gibt es zwar die Wörter dzīvnieks „ein lebendes Wesen, ein Tier“, dzīvuonis, dzīvīte „ein Haustier“ (EM, I, 560), doch scheinen sie recht jungen Ursprungs zu sein; eine Tendenz, sie mit der Bedeutung „Viehherde“ zu verwenden, ist nicht erkennbar.

In den lettischen Mundarten findet sich die Bezeichnung živats für ein Haustier, die auf die idg. Wurzel *gṷi zurückgeht: „ein Tier; ein Haustier“, „sīkluops“ (ein Schaf, Schwein). Sie ist jedoch aus dem Russischen entlehnt (EM, IV, 814).

Lett. luopi

Lit. gyvulys entspricht in Bedeutung und Gebrauch ungefähr lett. luōps. Die Pluralform luōpi dieses Wortes wird im Lettischen auch mit der Bedeutung „Viehherde“ verwendet, vgl. Laid luopus ārā!; Jādzen luopi ganųos; Luopus ganīt (EM, II, 528).

Lett. luōps ist ein in den baltischen und slawischen Sprachen völlig isoliertes Wort, das wahrscheinlich mit alb. lopē „Kuh“ in Verbindung zu bringen ist³⁷.

35 O. N. Trubatschow, Die Herkunft der Bezeichnungen für Haustiere in den slawischen Sprachen, Moskau, 1960, S. 100; Dialektalglatāni atlas беларускай мовы, Karte Nr. 293.

36 O. N. Trubatschow, Die Herkunft der Bezeichnungen für Haustiere in den slawischen Sprachen, S. 100–101.

37 J. Pokorny, Et. Wb., p. 654; A. Sabaliauskas, LKK, X, p. 137.

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Lett. bars

Im Sinne von ‚Viehherde‘ wird im Lettischen sehr häufig das Wort bars verwendet, ebenso die Verkleinerungsform dieses Wortes bariņš sowie die Verbindungen luõpu bars, luõpu bariņš.

Das Wort bars wird im Lettischen in verschiedenen Bedeutungen gebraucht. So verzeichnet K. Mühlenbachs Wörterbuch sogar sechs Bedeutungen (tatsächlich ließen sich noch weitere unterscheiden) dieses Wortes: 1) die Schwade; 2) ein bestimmter Feldstreifen beim Flachsriffeln; 3) die Mast; 4) der Haufen, die Menge, die Schar, die Herde; 5) die Sandmassen an Flussmündungen, die das Fahrwasser seichter machen; 6) atberi (klātpieduotuo barības tiesu sauc par beriem, baru, biežāk atberiem; vgl. atberes ‚Rückgabe des aus dem Gemeindemagazin geliehenen Getreides; das Getreide, das bei der Rückgabe gleichsam als Prozentsatz zusätzlich abgegeben wird‘) (EM, I, 150, 264–5).

Im Litauischen wird das Wort bãras, das lett. bars entspricht, ebenfalls in ähnlichen Bedeutungen verwendet: ‚ein Feldstreifen, der bei der Arbeit auf einmal eingenommen wird (beim Getreidemähen, Flachsrupfen oder Heumähen); eine Gruppe von Menschen (in dieser Bedeutung nur in den Schriften von S. Gimžauskas (Linkmenys) und im Wörterbuch von A. Juška belegt)‘ (LKŽd., I(2) 651–2). In der heutigen litauischen Sprache wird das Wort bãras in letzter Zeit sehr häufig in der Bedeutung ‚Bereich oder Gebiet irgendeiner Tätigkeit‘ gebraucht.

Wie wir sehen, variieren die Bedeutungen von lit. bãras, besonders aber von lett. bars, recht stark. Dies gab J. Endzelīns Anlass zu der Vermutung, lett. bars sei mehrfachen Ursprungs. Die Bedeutungen 1–3 von lett. bars wollte er mit mittelir. berraim ‚Schere‘, avest. tiži-bāra ‚mit scharfer Schneide‘, lat. ferīre ‚hauen‘, forus ‚Gang um ein Beet‘, dem sen. Vokalismus des Hochdeutschen bara ‚eingezäuntes Land‘, russ. забор ‚Zaun‘ und gr. φόρος ‚ein Stück Land, Furche‘ verbinden. Die Bedeutungen 4–5 von lett. bars wollte J. Endzelīns mit idg. *bher- ‚tragen‘ verbinden; nur die sechste Bedeutung von lett. bars bringt er mit lett. bērt und lit. berti in Verbindung, wobei er zugibt, dass sich möglicherweise auch die vierte Bedeutung von lett. bars mit diesen Verben verbinden lässt38.

J. Endzelīns hatte jedoch wohl kaum recht, wenn er lett. bars für ein Wort dreifachen Ursprungs hielt. Unseres Erachtens lassen sich sämtliche Bedeutungen sowohl von lit. bãras als auch von lett. bars erklären, wenn man diese Wörter mit den Verben lit. berti und lett. bērt verbindet. Den Ursprung von lit. bãras und lett. bars hatte bereits A. Leskien39 so erklärt. Viele spätere Forscher schlossen sich A. Leskiens Erklärung an. K. Būga erklärte, „bãras ist so viel Bodenfläche, wie man bei der Aussaat mit einem einzigen Wurf bestreuen kann“40; derselben Ansicht waren P. Skardžius41, E. Frenkelis42 und J. Otręmbski43. Was J. Endzelīns am ehesten zu Zweifeln an einer solchen Etymologie veranlasste, war wohl die Tatsache, dass in den baltischen Sprachen für die Bedeutung ‚Aussaatfläche‘ ein anderes altes Wort gebraucht wird, lit. biržė, lett. birze, das mit altkirchenslaw. brazda ‚Furche‘, russ. борозда und poln. brózda44 verbunden wird (streng genommen erscheint diese Etymologie recht zweifelhaft).

Die ursprünglichen Bedeutungen dieser Wörter (lit. biržė, lit. bãras) können jedoch unterschiedlich gewesen sein – ihre Bedeutungsangleichung ist bereits das Ergebnis einer späteren Entwicklung.

38 EM, I, p. 265.

39 A. Leskien, Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen, Leipzig, 1884, p. 321; Bildung der Nomina im Litauischen, Leipzig, 1891, p. 167 (pastarajame veikale teigia kiek abejodamas).

40 K. Būga, Ausgewählte Schriften, II, S. 294.

41 P. Skardžius, Wortbildung der litauischen Sprache, S. 26.

42 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 34–35.

43 J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, II, Warszawa, 1965, p. 33.

44 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 44–45; EM, I, p. 299.

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Die Bedeutung „Tierherde“ lässt sich wohl kaum unmittelbar mit dem Verb bérti verbinden, doch lassen sich mit diesem Verb Bedeutungen wie „Menge“, „Schar“ im Allgemeinen in Beziehung setzen (vgl. Die Lindenäste waren mit Knospen übersät; Der Himmel war klar und mit glänzenden Sternen übersät, LKŽd., I(2), 773; lett. biru birām „in Scharen“, birum birumiem, EM, I, 298). Aus der Bedeutung „Menge“, „Schar“ ergibt sich ganz zwanglos auch die Bedeutung „Tierherde, Herde“; vgl. lit. guõtas „Herde – Schar“, lit. kaĩmenė „Herde – Schar“, lit. gyvìs „Herde – Menge“ u. a.

Wie erwähnt, neigte J. Endzelīns dazu, die Bedeutungen 4–5 von lett. bars mit idg. *bher- „tragen“ zu verbinden. Doch werden auch lit. bérti und lett. bērt mit der genannten idg. Wurzel in Verbindung gebracht. Allerdings schien J. Endzelīns an dieser Verbindung ein wenig zu zweifeln, indem er darauf hinwies, dass K. Būga, J. Mikola, A. Brückner und R. Trautmann lit. bérti und lett. bērt mit idg. *bher „tragen“ verbanden, „ohne sich über die Entwickelung der Bedeutung zu äussern“45. Lit. bérti könnte, wie uns scheint, durch Bedeutungen dieses Verbs wie „(vom Tier) werfen“, „führen, gebären“ näher an idg. *bher- herangerückt werden; vgl. Ein Schwein hat geworfen; Wenn du auf das Schwein aufpasst, bis es wirft, bekommst du ein Ferkel LKŽd., I(2), 773, 847. Diese Bedeutungen könnten jedoch auch Neubildungen des Litauischen sein; vgl. ähnliche Bedeutungen der Verben griūti, irti.

Lett. ganeklis u. a.

Im Lettischen finden wir mehrere Bezeichnungen für eine „Tierherde“, die vom Verb ganīt (lit. ganýti) abgeleitet sind: ganeklis (vīrs ganekli aizdzen mājā), ganekles (das Wort findet sich in der lettischen Übersetzung der Glūck-Bibel, 1689), ganība (uz mūsu ganībām vesela ganība luopu), ganīkla (šur un tur luopu ganīklas ganās), ganāmais (būs viens gans, viens ganāmais), ganāmie (EM, I, 599, 600; EH, I, 382).

In den Schriften von J. Žemaitė findet sich das Wort gãniava in der Bedeutung „Tierherde“ (Solche gãniavas von Tieren kann man auf diesen Weiden nicht abweiden lassen, LKŽd., III, 102). Doch ist gãniava hier wohl eher kein Beleg aus der lebendigen Sprache, sondern ein Wort, das durch ein bloßes Missverständnis aus dem in Žemaitės Heimat gebräuchlichen gõniava entstanden ist (vermutlich das Werk der Herausgeber von Žemaitės Schriften).

Lit. gõniava, gonà u. a.

In den litauischen Dialekten finden sich Bezeichnungen für eine „Tierherde“, die mit dem Verb ginti „treiben, die Herde auf die Weide treiben“ in Verbindung zu bringen sind: gõniava „Herde, Schar, Menge“, gonà „Schar, Menge“ (Góną karvių varo piemuo J. Tokios gonõs gyvulių nebuvau dabar matęs Als.), gõna, gõnas, gõnė (Tok ia gõnė kiaulių kažką suėstų Kair.), gonìa (Atidaryk stonią, parveju gõnią Vlk.), gonyčia (LKŽd., III, 482)46.

Lit. gárdas

Dieses Wort wird in der Bedeutung „Tierherde“ nur in unseren alten Schriften verwendet – so gebrauchen es J. Bretkūnas, M. Daukša, S. Chilinskis u. a. Vgl.:

„...und es wird ein Hirte und eine Herde sein“, BrP, II, 209.

„...ein guter Hirte, der also nicht unterlässt, sein verlorenes Schäflein auf seine Schultern zu nehmen, damit er es zu seiner Herde zurückführe“, DP, 174.

„...und sie trieben alle Herden dort zusammen“, Ch 1 Moz 29,3.

45 EM, I, S. 292.

46 P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, S. 47.

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„…sammelte alle Hürden“, Ch 1 Moz 29, 8.

„…und seine Brüder gingen hin, die Herde ihres Vaters zu weiden“, Ch 1 Moz 37, 12.

„…wer weidet die Herde und isst nicht von der Milch der Herde? Bt 1 Pv K 9,7 (vgl. auch LKŽd., III, 120).

Im Litauischen wird das Wort gardas, wie wir wissen, in der Bedeutung einer bestimmten Einfriedung verwendet („abgetrennter Teil eines Stalls“, „Gehege auf einem Feld oder einer Weide“, „aus Brettern gezimmerte Kiste zum Transport von Schweinen“, LKŽd., III, 120). Die letztere Bedeutung – die einer Einfriedung – ist zweifellos die ältere. Die Bedeutung „Viehherde“ entstand offenbar aus der Bedeutung „Gehege auf einem Feld oder einer Weide“.

Lit. gardas ist mit dem altkirchenslaw. gradъ „Burg, Stadt, Garten“, russ. город „Stadt“, skr. grháḥ „Haus“, got. gards, got. garda „Gehege“, alb. garth „Hecke“ u. a.47

Ein litauisches Gegenstück zu gardas findet sich auch im Lettischen, vgl. lett. gards „ein Verschlag am oder im Stalle“ (belegt in den Schriften von J. Janševskis). J. Endzelīns neigt dazu, dieses lettische Wort als Litauismus anzusehen (Anscheinend aus li. gãrdas dass., wenn wirklich mit kurzem a; vgl. gārds 1, EH, I, 384). Uns scheint, dass auch lett. gārds „ein Verschlag fürs Mastvieh, namentlich für Schweine“ (EM, I, 618; EH, I, 390) als Litauismus anzusehen ist. Denn nach den Materialien in K. Mühlenbachs Wörterbuch und dessen Ergänzungen zu urteilen, wird dieses Wort fast ausschließlich im litauischen Grenzgebiet verwendet (Dunika, Gruobinia, Lazduona, Nyca, Nygranda, Rucava). Die Dehnung des a im lettischen Wort ist mit der Aussprache der Litauer in der Region Palatvys zu erklären, denn die dortigen Litauer (Akmenė, Klykoliai, Mažeikiai), von denen dieses Wort ins Lettische gelangt sein dürfte, sprachen lit. gardas als gãrc aus. Selbst wenn lett. gārds keine Entlehnung aus dem Litauischen sein sollte, so hätte ihm doch zumindest das Litauische geholfen, sich in jenen lettischen Mundarten zu erhalten.

Lit. gardas gelangte in der Bedeutung „Gehege“ auch in die ostseefinnischen Sprachen, vgl. finn. karsina, karel. karžina u. a.48

Lit. stōdas

Lit. stōdas wird in der Bedeutung „Viehherde“ ebenfalls nur in alten Schriften verwendet – in dieser Bedeutung findet man es bei J. Bretkūnas, M. Daukša, K. Širvydas u. a. Vgl.:

„…nuneche awi ich Stodo (am Rand: Gardo)...“, BrB 1 Sam 17, 34.

„…Herde und Viehherden, deine…“, DP, 290.

„...piewos, łakos, kãimenes, stōdai...“, DP, 306.

„Beispielsweise wird der Stall so... (Wžormi, movi, bėdac stāda...)“, SP, II, 136.

„…den Hirten, die die Herde weiden…“, KN, 130.

Neben der Form stodas findet sich in alten Schriften auch die Form stoda49.

Über die Herkunft von lit. stōdas gibt es unterschiedliche Auffassungen. A. Brückner vermutete, dass die Litauer dieses Wort aus dem Polnischen entlehnt hätten50. K. Būga, der lange daran zweifelte, ob es sich um ein eigenes Wort oder eine Entlehnung handle51, hält es für eine Entlehnung aus dem Russischen52, während P. Skardžius es für eine Entlehnung hält

47 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 135–136; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 297; J. Pokorny, Et. Wb., p. 444.

48 Y. H. Toivonen, Suomen kielen etymologinen sanakirja, I, Helsinki, 1955, p. 165; A. Sabaliauskas, LKK, VI, p. 118.

49 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 592.

50 A. Brückner, Die slavischen Fremdwörter im Litauischen, Weimar, 1877, p. 137.

51 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, 92, II, p. 591–592.

52 K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 46.

2. Iš lietuvių leksikologijos ir leksikografijos

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LKI BIBLIOTEKA

aus dem Weißrussischen53. Kategorisch lässt sich wohl keine der Ansichten ausschließen. P. Skardžius erinnert jedoch unter anderem an den sehr ähnlichen Gebrauch von lit. stōdas und weißruss. cmado in weißrussischsprachigen Schriften in Dokumenten aus Litauen (vgl. кони, стада и животина князя Лит. Мет. (1520). РИБ. XX 1434). Schließlich ist es möglich, dass eine solche Bezeichnung einer Tierherde auf verschiedenen Wegen aus dem Slawischen ins Litauische gelangt ist.

Lit. armuõ

Lit. armuõ in der Bedeutung ‚Tierherde‘ ist nur ein einziges Mal belegt, und zwar in A. Baranauskas’ Bibelübersetzung: Iš armen(i)ės patiną nesutemptą apieravos, 3 Mos 1,3 (LKŽd, I (2), 310). Unseres Erachtens gab lat. armentum (...si holocaustum fuerit ejus oblatio, ac de armento...3 Mos 1, 3), das im Lateinischen ‚große Arbeitstiere (Pferde, Ochsen); Herde von Arbeitstieren‘ bedeutet, A. Baranauskas den Anstoß, lit. armuõ in diesem Kontext zu verwenden.

Im Übrigen wird lit. armuõ ‚Pflughorizont; Ackerland; Pflügen, Ackerboden‘ (: lit. árti) nirgends in der Bedeutung ‚Tierherde‘ verwendet.

Lit. gaibjė

Lit. gaibjė ist in der Bedeutung „Viehherde“ in folgenden litauischen Sprachdenkmälern belegt: im „Clavis Germanico-Lithvana“, im Wörterbuch von J. Brodowski, im Wörterbuch von F. Nesselmann und im Wörterbuch von F. Kurschat (mit dem Hinweis, dass F. Kurschat selbst ein solches Wort aus der lebendigen Sprache nicht kennt). Die Struktur dieses Wortes weist darauf hin, dass es sich nicht um einen lebendigen Beleg der litauischen Sprache handelt, da Wörter dieser Bildung im Litauischen überhaupt nicht vorkommen. Es stellt sich die Frage, auf welche Weise es in jene Sprachdenkmäler gelangen konnte. F. Kurschat übernahm das Wort aus dem Wörterbuch von F. Nesselmann. F. Nesselmann schrieb es aus dem Manuskript des Wörterbuchs von J. Brodowski ab. Dabei schrieb F. Nesselmann es korrekt ab, denn die betreffende Stelle im Manuskript des Wörterbuchs von J. Brodowski ist sehr deutlich lesbar:

„Gótas Awju. Gardas, Stodas. Gauje, Gaibje“ (B, 613).

In das Manuskript des Wörterbuchs von J. Brodowski gelangte das Wort gaibjė wahrscheinlich aus dem Wörterbuch des 17. Jahrhunderts „Clavis Germanico-Lithvana“, wo es ebenfalls sehr deutlich eingetragen ist:

„Heerde Vieh. Kaimene, ės. F. Gúta, ôs F. Gaibje, ės. F. Gáuje, ęs. F.“ (C, I, 873).

Man kann sogar vermuten, dass J. Brodowski beim Abschreiben dieses Wortes aus der genannten Quelle es mit dem Wort gauje vertauschte, da ihm dieses bekannt war, während er das Wort gaibje ans Ende setzte, weil es ihm unbekannt war. Dass J. Brodowski tatsächlich das „Clavis Germanico-Lithvana“ benutzte, hat J. Lebedys54 eindeutig nachgewiesen. Wie jedoch das Wort gaibjė in das letztgenannte Manuskript gelangte, lässt sich bislang nicht sagen.

53 P. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen, Kaunas, 1931, p. 206.

54 J. Lebedys, Smulkioji lietuvių tautosaka XVII—XVIII a., Vilnius, 1956, p. 23.

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Lit. pūlkas, lett. pulks

Sowohl im Litauischen als auch im Lettischen wird das Wort pūlkas (lett. pulks) in der Bedeutung „Viehherde“ verwendet.

In der Bedeutung „Viehherde“ findet sich das Wort pūlkas bereits in der Ausgabe des Wörterbuchs von K. Širvydas aus dem Jahr 1629:

„Stado, grex, armentum. Herde“

„Stadko, grex pusillus, kleine Herde“ (Dic., 174).

Auch in der Ausgabe des Wörterbuchs von K. Širvydas aus dem Jahr 1642 finden wir:

„Stādo bydla, Armentum, grex Herde“ (Dic., 421).

In der Bedeutung „Viehherde“ wird pūlkas auch häufig in den litauischen Dialekten verwendet. Hier wird es jedoch meist nicht als Synonym für bandos oder kaimenės gebraucht, sondern allgemein in der Bedeutung „Schar, Menge (meist von Lebewesen)“ und gewöhnlich mit einem Bestimmungswort verwendet, vgl. avių pulkas, pulkas kiaulių, pulkas karvių usw. In einigen litauischen Dialekten wird pūlkas jedoch fast als Synonym für bandos oder kaimenės verwendet, vgl. Prie pulko ganydavo (Pumpėnai); Per du pulku ganydavo gyvulius (Linkuva).

Eine sehr ähnliche Verwendung findet sich auch beim lettischen Wort pūlks „der (lebendige) Haufe, die Schar, eine Menge überhaupt“, ganāms pulks „die Herde“, ganāmpulks, ļopu pulks, ļopu pulciņš, pulks, pulciņš (Kur tu dzīsi savu pulciņu?) (EM, I, 600, III, 407; EH, I, 382)55.

Lit. pūlkas und lett. pūlks sind Entlehnungen aus dem Altrussischen, vgl. altruss. pъlkъ „Regiment, Heer, Heeresmacht, Heereszug, Lager“56. Das Wort gelangte offenbar in der Bedeutung eines militärischen Terminus in die baltischen Sprachen; die anderen Bedeutungen entwickelten sich später erst in den baltischen Sprachen. Ein ähnlicher Bedeutungswandel ist auch in einigen slawischen Sprachen zu beobachten, vgl. russ. dial. полок „Schar (von Mädchen)“, serb.-kroat. nyk „Volk, Leute, Menschenmenge“, tschech. pluk „Haufe“.

Die Slawen entlehnten dieses Wort aus dem Urgermanischen (*fulkaz), vgl. ahd. folk, ae. folc ‘Heer, Schar’57.

Lit. tabūnas

Mit der Bedeutung ‘Viehherde’ kommt in litauischen Dialekten bisweilen auch das Wort tabūnas vor. Im Allgemeinen wird dieses Wort im Litauischen in mehreren Bedeutungen verwendet: ‘eine Herde von Tieren (meist Pferden)’ (Kurtuvėnai, Liškiava, Ukmergė, Salamiestis), ‘Schar, Menge’ (Alytus, Anykščiai, Druskininkai, Dusetos, Jurbarkas, Južintai, Laukuva, Lazdijai, Rudamina, Ukmergė, Utena), ‘eine von allen Seiten eingezäunte Weide’ (Kurtuvėnai, Radviliškis, Šiauliai).

Das Wort tabūnas gelangte aus dem Slawischen ins Litauische. Mit der Bedeutung ‘Pferdeherde’ wird ein solches Wort in den ostslawischen Sprachen verwendet, vgl. russ. табун, weißruss. табун, ukrain. табун. Von dort gelangte es auch ins Polnische, vgl. poln. tabun58. Die Ostslawen entlehnten dieses Wort aus

55 Die Beispiele, die im Wörterbuch von K. Mühlenbach — J. Endzelīns fehlen, hat der Autor von der Kandidatin der Philologie D. Zemzare erhalten.

56 P. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Alt litauischen, S. 183; E. Fraenkel, Et. Wb., S. 665–666; EM, III, 407.

57 M. Vasmer, Et. Wb., II, S. 393–394; F. Kluge, Et. Wb., S. 825; E. Klein, Et. Dic., I, S. 607.

58 A. Brückner, Sł. et., S. 563.

2*

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aus den türkisch-tatarischen Sprachen, vgl. Kasan-Tatarisch tabun ‘Pferdeherde’, Tschagatai tabun, Krim-Tatarisch tabum ‘Herde, Schar’59.

Schwer zu sagen ist, aus welcher slawischen Sprache lit. tabūnas stammt; am wahrscheinlichsten ist, dass die Litauer dieses Wort aus dem Russischen übernommen haben. Die Bedeutungen ‘Schar im Allgemeinen, Menge’ und ‘eingezäunte Weide’ entstanden erst im Litauischen selbst.

Lett. pūlis

Dieses Wort wird im Lettischen in mehreren Bedeutungen verwendet: ‘der Haufe; die Menge’ ‘die Herde; die Kette (von Jungwild)’, ‘das Nest’, ‘der Strichregen’ (EM, III, 446–7). Die Bedeutung ‘Tierherde’ hat sich zweifellos aus der Bedeutung ‘Haufen, Menge’ entwickelt.

J. Endzelīns möchte lett. pūlis mit lett. pauna ‘der Schädel; das Maul’, lett. paũna ‘eine kleine Mütze; ein Ranzen; Bündel’ (EM, III, 128) verbinden. Weiter wären diese Wörter mit Wörtern der idg. Wurzel *pū-, *peu-, *pou- ‘aufblasen; aufgeblasen, angeschwollen’ zu verbinden, vgl. skr. phuphusah ‘Lungen’, arm. (h)ogi ‘Geruch, Atmung, Seele’ u. a.60.

* * *

Die baltischen Sprachen verfügen über sehr viele Bezeichnungen für eine ‘Tierherde’; besonders viele solcher Bezeichnungen finden sich im Litauischen. Diese Bezeichnungen sind meist Wörter baltischen Ursprungs, die aus verschiedenen Wurzeln hervorgegangen sind. Häufig ist die semantische Entwicklung ‘Menge, Schar’→‘Tierherde’, ‘Tier, Tiere’→‘Tierherde’ zu beobachten. Einige wenige Bezeichnungen für eine ‘Tierherde’ gelangten auch aus den slawischen Sprachen in die baltischen Sprachen.

PIEMENŲ PAVADINIMAI

In den indoeuropäischen Sprachen gibt es keine gemeinsame, in diesen Sprachen weiter verbreitete Bezeichnung für einen Hirten. Einzelne Gruppen idg. Sprachen verfügen jedoch meist über gemeinsame Bezeichnungen, die auf semantisch ähnliche Weise entstanden sind, mitunter sogar aus derselben idg. Wurzel, vgl. lat. pāstor ‘Hirte’: lat. pāscō, -ere ‘weiden, Viehzucht betreiben’, russ. пастух ‘Hirte’: russ. пасти ‘weiden’, arm. hoviv (< *ou̯i-pā-) ‘Hirte’; dt. Hirt ‘Hirte’: dt. Herde ‘Schar, Herde’, engl. (shep)herd ‘Hirte’; engl. herd ‘Schar, Herde’, lit. ker džius ‘älterer, betagter Hirte’ u. a.

Auf ähnliche Weise entstanden auch in den baltischen Sprachen Bezeichnungen für Hirten.

Lit. piemuo

Diese Bezeichnung ist sehr alt; es gibt Grund zu der Annahme, dass sie noch gemeinindoeuropäischen Ursprungs ist. Zwar finden wir eine solche Hirtenbezeichnung unter den baltischen Sprachen derzeit nur im Litauischen, doch liegen genügend Hinweise dafür vor, dass sie einst gemeinbaltisch war.

Direkte Entsprechungen zu lit. piemuõ gibt es nur im Griechischen, vgl. gr. ποιμήν ‘Hirte’, ποιμνή ‘Herde, Schar’. Zwar gibt es Meinungsverschiedenheiten über die genaue Entsprechung des Wurzelvokalismus von lit. piemuõ und den griechischen Wörtern. Doch ob wir baltisches ie unmittelbar verbinden mit

59 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 66.

60 J. Pokorny, Et. Wb., p. 847.

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idg. *oi oder ob wir den Wurzelvokalismus des baltischen Wortes als durch den Einfluss anderer Wörter verändert erklären, der Zusammenhang zwischen lit. piemuo und gr. ποιμήν ist unzweifelhaft.

Die litauische und die griechische Hirtenbezeichnung werden mit der idg. Vorform *pō(i) verbunden, deren Grundbedeutung ‘Vieh hüten’ gewesen sein soll. Später entwickelte sich aus dieser Bedeutung auch die allgemeinere Bedeutung ‘etwas bewachen’.

Wörter dieser Wurzel finden sich neben dem Litauischen und Griechischen auch in anderen idg. Sprachen, vgl. Skr. pāti ‘er bewacht, hütet’, Av. pāiti, Skr. gōpāḥ ‘Hirte (ursprünglich wohl Rinder-, Kuhhirte, vgl. Skr. gauḥ ‘Rind, Stier, Kuh’)’, pāyuḥ ‘Beschützer’, pālāḥ ‘Wächter, Hirte’, nṛpaḥ ‘König (Beschützer der Menschen)’, altpers. xšāθrapāvan ‘Statthalter, Satrap’1.

Mit idg. *pō(i) versucht man auch eine Gruppe germanischer Wörter zu verbinden, vgl. got. fōdr ‘Scheide’, as. fōdor, dt. Futter ‘Futter’2. Semantisch wird der Zusammenhang der germanischen Wörter mit idg. *pō(i) dadurch erklärt, dass got. fōdr und die übrigen möglicherweise mit der Bedeutung ‘durch Bedecken schützen’ zu verbinden sind.

Es gab Versuche, idg. *pō(i) mit idg. *pā- ‘füttern, nähren, weiden’3 zu verbinden, aus dem die bereits erwähnten idg. Hirtenbezeichnungen hervorgingen (lat. pāstor, russ. пастух, arm. hoviv). Diese Versuche waren jedoch nicht erfolgreich.

Sehr zweifelhaft ist auch die Verbindung von heth. paddar ‘Korb, Tasche’4 mit idg. *pō(i)5.

Die slawischen Sprachen haben keine Wörter der idg. Wurzel *pō(i) ererbt. Zwar findet sich diese Wurzel in der russischen und ukrainischen Bezeichnung für einen Schafhirten, чабан. Sie gelangte jedoch aus den türkisch-tatarischen Sprachen ins Russische (vgl. krimtatar. čōban ‘Hirte’6), die ihrerseits diese Hirtenbezeichnung aus dem Persischen übernahmen, vgl. pers. šūban ‘Hirte’, afghan. špūn < *fšu-pāna- ‘Rinderhirte’, vgl. Skr. pāṇāḥ ‘schützend’7.

Im Lettischen und im Preußischen findet sich keine Hirtenbezeichnung, die lit. piemuo entspricht. Bestimmte Spuren dieses Wortes lassen sich jedoch in einigen Orts- und Personennamen erkennen.

Im Preußischen finden wir den Ortsnamen Paymekopo (in Urkunden aus dem Jahr 1311 belegt). Offenbar lässt sich dieser Ortsname, wenn man ihn von Paymenkopo herleitet, mit lit. piemuo verbinden. Zur Bildung von pruß. Paymekopo vgl. pruß. Auctacops, Auctukape: lit. aukštas + lit. kāpas8.

Mit lit. piemuo versucht man auch den lettischen Personennamen Paim und den Ortsnamen Paimis zu verbinden9.

Wie wir sehen, stimmt der Wurzelvokalismus dieser Beispiele nicht mit dem des litauischen Wurzelworts piemuo überein, entspricht aber dem Vokalismus von gr. ποιμήν. Möglicherweise gab es im Baltischen zwei Varianten dieser Hirtenbezeichnung — *peim- ir *poim-. Vielleicht war sogar die zweite Variante die ältere. Darauf könnte die baltische Hirtenbezeichnung in den ostseefinnischen Sprachen hindeuten, vgl. finn. paimen ‘Hirte’, paimen

1 J. Pokorny, Et. Wb., p. 839; M. Mayrhofer, Et. Wb., I, 348, II, 251, 262.

2 J. Pokorny, Et. Wb., p. 839; F. Kluge, Et. Wb., p. 226—227.

3 M. Mayrhofer, Et. Wb., II, p. 251; J. Pokorny, Et. Wb., p. 787.

4 F. Kluge, Et. Wb., p. 227.

5 J. Friedrich, Hethitisches Wörterbuch, Heidelberg, 1952, p. 166.

6 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 297.

7 M. Mayrhofer, Et. Wb., II, p. 251.

8 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 12, 112.

9 E. Blese, Latviešu personu vārdu un uzvārdu studijas, I, Rīgā, 1929, p. 333; E. Blese tokį (šaknyje su -ai-) latvių kalbos piemens pavadinimą linkęs laikyti sekundariniu skoliniu iš Pabaltijo suomių kalbų.

21

iaa „hüten“, est. paimendama „hüten, bewachen“, karel. paimen „Hirte“, liv. paimēn „Hirte“, paimentta „hüten, bewachen“, wot. paimen „Hirte“, paimenta „hüten, bewachen“ usw.10

[Die baltische Hirtenbezeichnung gelangte zusammen mit anderen Wörtern aus Viehzucht und Ackerbau wahrscheinlich in den letzten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung in die ostseefinnischen Sprachen. Im Finnischen entstand daraus auch ein Verb mit der Bedeutung „hüten, bewachen“ sowie weitere verwandte Wörter, vgl. finn. paimentaminen „Hüten, Weidegang“, paimenkoira „Schäferhund“, paimenpilli „Hirtenflöte“, paimenpoika „Hirtenjunge“, paimentolainen „Nomade“ usw.11

Eine recht interessante Frage ist, warum das Lettische diese Hirtenbezeichnung nicht bewahrt hat. Uns scheint, dass dabei die Präposition pie eine gewisse Rolle gespielt haben könnte. Denn als im Lettischen pie zu einer Präposition wurde, konnten lettische Wörter, die mit der Verbindung pie- begannen, als Zusammensetzungen mit einer Präposition aufgefasst werden. Wörter, deren lexikalischer Zusammenhang mit der Präposition pie nicht mehr empfunden wurde, fügten sich auf gewisse Weise nicht in das System der genannten Zusammensetzungen ein und begannen allmählich zu schwinden, oder ihre Lautgestalt wurde unter dem Einfluss anderer Wörter verändert. Aus diesem Grund konnte beispielsweise lett. plāva das alte lett. pieva verdrängen (EH, II, 278); aus diesem Grund finden wir vielleicht im Lettischen keine lautliche Entsprechung für lit. pieštūs. Diese unsere Hypothese kann natürlich nicht auf lettische Wörter zutreffen, in denen ie < en vorkommt, ebenso wenig auf Wörter, die durch Schwund der Endung einsilbig geworden sind.

Lat. gans, lit. gānas u. a.

Im Lettischen setzte sich eine Bezeichnung für den Hirten mit einer anderen Wurzel durch, vgl. lett. gans ‘Hirte’, die Verkleinerungsformen ganiņš, ganelis, ganēns, gane, gaņa, ganiene, ganikis ‘ein Hirt (ein kleiner, unbedeutender Hirt)’, gantājs ‘der Hüter’ (EM, I, 599, 600; EH, I, 382). Diese Wörter gehören zu lett. ganīt, lit. ganyti.

Von diesem Verb abgeleitete Hirtenbezeichnungen werden auch im Litauischen verwendet, vgl. lit. gānas ‘Hirte, Schäfer’, ganýtojas, ganikas, ganūkas, ganė ‘Hirtin, Schäferin’ (LKŽd., III, 96, 100, 107, 108).

Daneben sind zahlreiche zusammengesetzte Hirtenbezeichnungen gebräuchlich, deren zweiter Bestandteil ein Wort dieser Wurzel ist. Vgl.:

Lit. ančiāgonis ‘Entenhirte’ (LKŽd., I(2), 131) < lit. ántis + ganýti.

Lit. arklāganis ‘Pferdehüter’, arklāganis, arkliaganỹs, arkliāgonis, arkliiganis, arkliūganis (LKŽd., I(2), 301, 303, 305, 307) < lit. arklys + ganýti.

Lit. aviganis ‘Schafhirte, Schafhüter’, avigonis, aviāgonis, avēliaganis (LKŽd., I(2), 521, 523, 525) < lit. avis + ganýti.

Lit. galvijagonis ‘Hirte, Viehhüter’, galvijagonis (LKŽd., III, 83) < lit. galvijas + ganýti.

Lit. jautaganỹs ‘Hüter der Ochsen; Hirte’, jaučiāgonis (LKŽd., IV, 295, 322) < lit. jautis + ganýti.

Lit. karvāganis ‘Kuhhirt’ (LKŽd., V, 352) < lit. kárvė + ganýti.

10 Y. H. Toivonen, E. Itkonen, A. J. Joki, Suomen kielen etymologinen sanakirja, II, Helsinki, 1958, S. 459; J. Kalima, Itämerensuomalaisten kielten balttilaiset lainasanat, Helsinki, 1936, S. 145; V. Thomsen, Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauisk-lettiske) Sprog, Köbenhavn, 1890, S. 208.

11 A. Sabaliauskas, LKK, VI, p. 130.

22

Lit. kiaulāganis ‘Schweinehirt’, kiaulāgonis, kiaūlganis, kiauliāganis, kiauliāgonis (LKŽd., V, 687, 691, 693) < lit. kiaũlė + ganýti.

Lit. ožkaganỹs ‘Ziegenhirt’, ožkāganis¹² < lit. ožkà + ganýti.

Lit. žąsigonis ‘Gänsehirt’ < lit. žąsìs + ganýti.

Lit. bandāganis ‘Rinderhirt, Rinderhirte’, bandganis (LKŽd., I(2), 639) < lit. bandà + ganýti.

Lit. diēnaganis ‘jemand, der das Vieh nur tagsüber hütet, ein schlechter Hirte’ (LKŽd., II, 346) < lit. diēnā + ganýti.

Lit. naktigonis ‘jemand, der nachts Vieh hütet (gewöhnlich Pferde)’ < lit. naktis + ganýti.

Lit. rytāgonis ‘jemand, der morgens Vieh hütet’ < lit. rytās + ganýti.

Zusammengesetzte Hirtenbezeichnungen ähnlicher Herkunft sind auch im Lettischen recht weit verbreitet. Vgl.:

Lett. āitgans ‘der Schafhirt’ (EH, I, 5) < lett. āita ‘Schaf’ + gans ‘Hirte’.

Lett. cūkgans ‘der Schweinehirt’, cūkganis (EM, I, 398; EH, I, 280) < lett. cūka ‘Schwein’ + gans.

Lett. giòvgans ‘der Kuhhirt’ (EM, I, 692; EH, I, 424) < lett. giòvs ‘Kuh’ + gans.

Lett. luōpgans ‘der Viehhirt’ (EM, II, 527) < lett. luōps ‘Rind, Vieh’ + gans.

Lett. zīrgans ‘der Pferdehirt’ (EM, IV, 726; EH, II, 808) < lett. zīrgs ‘Pferd’ + gans.

Lett. zùosgans ‘der Gänsehirt’ (EM, IV, 759) < lett. zùoss ‘Gans’ + gans.

Lett. dižgans ‘der große (ältere) Hirt, Oberhirt’ (EH, I, 324) < lett. dižs ‘groß, stattlich, edel’ + gans.

Lit. ganýti und lett. ganīt werden ferner mit lit. gìnti ‘treiben, vor sich hertreiben; eine Herde, Vieh auf die Weide treiben’, lett. dzīt, russ. гнать ‘treiben, antreiben, verfolgen, verjagen’, poln. gonić, air. gonim ‘ich verwunde, töte’, skr. hanti ‘er tötet, mordet’, arm. gan ‘Schlagen, Prügeln’, gr. φόνος ‘Tötung’ u. a.13

Für diese Wörter wird die idg. Grundform *gu̯hen -(ə)- angesetzt, deren ursprüngliche Bedeutung wahrscheinlich ‘schlagen’ war. Auch in den baltischen Sprachen gibt es Wörter dieser Wurzel, deren Bedeutung sich noch nicht so weit von der ursprünglichen entfernt hat; vgl. lit. genėti ‘Äste beschneiden; Gebüsch schlagen’, lett. dzenēt, lit. genys, lett. dzenis, altpr. genix. In den slawischen Sprachen finden sich Wörter dieser Wurzel, deren Bedeutung sich der von lit. ganýti, lett. ganīt, lit. gìnti, lett. dzīt völlig annähert; vgl. russ. вгон ‘Weide, Viehweide, Viehtriebweg; Austreiben’, poln. wygon.

Im Litauischen gibt es Bezeichnungen für Hirten, die unmittelbar vom Verb gìnti abgeleitet sind; vgl. lit. genùlis ‘Hirtenknabe’ (LKŽd., III, 239), gìnikas ‘jemand, der (Vieh) treibt’ (LKŽd., III, 319), gintėjas (LKŽd., III, 327).

Lit. arklininkas, avininkas usw.

Es kommen auch Hirtenbezeichnungen vor, die unmittelbar von den Bezeichnungen der jeweiligen Tiere abgeleitet sind. Vgl.:

Lit. arklininkas ‘Nachtpferdehüter, Pferdepfleger; Pferdeliebhaber, Pferdekenner’, arklinȳkas (LKŽd., I (2), 305), arklinis ‘Nachtpferdehüter, Pferdehirte, Fütterer’ (LKŽd.,

12 Litauische Sprachbeispiele, bei denen keine Quelle angegeben ist, stammen gewöhnlich aus der Zettelsammlung des akademischen „Wörterbuchs der litauischen Sprache“.

13 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 152—153; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 293; J. Pokorny, Et. Wb., p. 491—493.

23

I(2), 306), arklìčius ‘nichtsnutziger Hirte’ (LKŽd., I (2), 305; zur Semantik vgl. lit. arklìnis ‘Tunichtgut’), vgl. lit. arklỹs.

Lit. avininkas ‘Schafhirte; Schafpfleger, -züchter, -halter’, avinýkas (LKŽd., I(2), 528), avinorius ‘Schafhirte’ (mit slawischem Suffix, LKŽd., I(2), 529), vgl. lit. avis.

Lit. galvìjininkas ‘Rinderhirte’ (LKŽd., III, 83), galvininkas (LKŽd., III, 84), vgl. lit. galvijas.

Lit. jautìnininkas ‘Ochsenhirte; jemand, der mit Ochsen arbeitet’, jautìnis ‘Ochsenknecht, -hirte, -händler; Ochsenhalter’ (LKŽd., IV, 324), jaučius ‘Ochsenhirte; Herdenhüter’, jautìčius (LKŽd., IV, 295), jautìšius ‘Ochsenpfleger’ (LKŽd., IV, 325), vgl. lit. jautis.

Lit. karvininkas ‘Kuhhirte, -pfleger, -züchter’ (LKŽd., V, 357), karvišius ‘abwertend: Kuhhirte’, karviškus (LKŽd., V, 358), vgl. lit. karvė.

Lit. kiaulininkas ‘Schweinehirte, Schweinehirt, Schweinefütterer, -pfleger’, kiaulininkas (LKŽd., V, 696), kiaulinis ‘Schweinehirte; jemand, der Schweine hält’, kiaulinis (LKŽd., V, 697), kiaulišius ‘Schweinehirt, Schweinehirte’, kiauliušis (LKŽd., V, 699), vgl. lit. kiaulė.

Lit. ožkininkas ‘jemand, der Ziegen hält, Ziegenhirt’, ožkininkas, vgl. lit. ožka.

Lit. avinvedis ‘Schafhirte’ (LKŽd., I(2), 529), avinvedỹs < lit. ávi̇̀nas + vesti.

Lit. kiauliapiemenis ‘Schweinehirte’ (LKŽd., V, 694), kiauli̇̀piemenis (LKŽd., V, 700) < lit. kiaulė+piemuo.

Lit. akėčpiemenis, berniukas, gelčius usw.

In der litauischen Sprache kommen auch einzelne Hirtenbezeichnungen anderer Herkunft vor, die meist in einer bestimmten spezifischen Bedeutung gebraucht werden oder eine gewisse emotionale Färbung aufweisen. Vgl.:

Lit. akėčpiemenis ‚für die Egge geeigneter Hirte, Halbwüchsiger‘ (LKŽd., I(2), 51), akėtpiemenis (LKŽd., I(2), 55) < aus lit. akėčios + piemuo.

Lit. berniukas ‚Hirtenjunge, jüngerer Knecht (Dienstbote)‘ (LKŽd., I(2), 770), vgl. lit. berniukas.

Lit. gelčius ‚Kind, Hirtenjunge‘ (LKŽd., III, 213), vgl. lit. geltónas, geltas; zur Semantik vgl. lit. geltonsnāpis ‚Unreifer, Milchbart, Bursche‘.

Lit. naktininkas ‚Nachtweider‘, naktinis, vgl. lit. naktis.

Lit. Nachtlager ‚Nachtwächter‘ < lit. Nacht + liegen

Lit. avčiorius

Lit. avčiorius ‚Schafbesitzer, Schafhirte‘ (LKŽd., I(2), 520) < poln. owczarz.

Im litauischen Wort ist jedoch die lexikalische Verbindung dieses Wortes mit lit. avis. spürbar. Dass dieses Wort aus dem Polnischen entlehnt ist, könnte vielleicht seine Quelle belegen — das Wörterbuch von J. Brodowski.

Lett. šēperis, šēruks

Lett. šēperis ‚ein Hirte, der Hirte auf einem Gut; der Schäfer auf einem Gut‘ (EH, II, 626) — ist ein Wort deutscher Herkunft, vgl. dt. Schäfer, vgl. auch lett. šēperis ‚Schäferhund‘, šēperītis (EM, IV, 17)14.

14 J. Sehwers, Sprachlich-kulturhistorische Untersuchungen, Leipzig, 1936, p. 130.

24

Lett. šeruks ‚ein (verheirateter) Viehpfleger und Hirte (namentl. auf Gütern)‘ (EM, IV, 17) kommt in den lettischen Mundarten an der Grenze zu Litauen vor; nach J. Endzelynas’ Auffassung könnte es aus dem Litauischen entlehnt sein, vgl. lit. šėrti, lett. šėrt < < lit. šerti.

Lit. kerdžius

Im Litauischen werden mehrere spezielle Bezeichnungen für den älteren Hirten verwendet.

Die am weitesten verbreitete Bezeichnung ist kerdžius, die auch in der Schriftsprache verwendet wird. Neben der Form kerdžius finden sich in den Mundarten und verschiedenen Sprachdenkmälern auch andere Formen dieser Bezeichnung für den Viehhirten mit derselben Wurzel, vgl. kerdeninkas (kerdenykas), kerdis, kerdžys (LKŽd., V, 600). Von dieser Bezeichnung sind auch zahlreiche weitere Wörter abgeleitet, die mit der Tätigkeit des Viehhirten oder allgemein mit dem Hüten von Vieh zusammenhängen, vgl. kerdystė ‚Arbeit des Viehhirten‘, kerdžystą, kerdžuvis ‚jemand, der einmal Viehhirte gewesen ist‘, kerdūkas ‚Hirtenjunge‘, kerdžianka ‚Frau, die Vieh hütet‘, kerdžiauti ‚das Amt eines Viehhirten ausüben, Viehhirte sein‘, kerdžinė ‚Festmahl der Hirten‘, kerdžinyčia ‚Hütte des Viehhirten‘, kerdžiuvienė ‚Frau des Viehhirten‘ (LKŽd., V, 600), kiaulkerdis ‚Schweinehirte‘, kiaulkerdžius (LKŽd., V, 699).

In den litauischen Mundarten und auch in der Schriftsprache ist zudem die Form skerdžius sowie die davon abgeleiteten Wörter weit verbreitet (skerdžiauti, skerdystė, skerdžiuvienė). Die Form skerdžius ist jüngeren Datums — sie entstand durch Hinzufügung des Konsonanten s- zur Form kerdžius. Eine solche Konsonantenanfügung ist im Litauischen ziemlich häufig (auch im Lettischen ist sie nicht unbekannt), vgl. lit. keterà: sketerà, kregždė: skregždė, kremzlė: skremzlė u. a.15

Das Auftreten des zusätzlichen s- im Wort kerdžius wird unterschiedlich erklärt. E. Fraenkel weist darauf hin, dass lit. skerdžius nicht mit lit. skersti ‚ein Schwein schlachten‘ in Verbindung gebracht werden sollte, und erklärt das Auftreten von s- durch den Einfluss der Wörter sérgėti, sárgas16. J. Otrębski hingegen erklärt das Auftreten von lit. skerdžius gerade durch den Einfluss des Wortes skersti, da der ältere Hirte zugleich auch Viehschlächter gewesen sei17. Von diesen beiden Erklärungen erscheint diejenige J. Otrębskis überzeugender. Es scheint uns jedoch, dass s- in der Bezeichnung des älteren Hirten auch ohne den Einfluss eines bestimmten Wortes entstanden sein könnte. Schließlich lässt sich das zusätzliche s- sowohl im Litauischen als auch im Lettischen nicht in allen Fällen allein etymologisch durch den Einfluss eines bestimmten Wortes erklären.

Die Hinzufügung von s- im Wort kerdžius ist ein alter Vorgang. Z. Zinkevičius bringt auch die Hydronyme Skerdžius, Skérdžia18 mit dem Wort skerdžius in Verbindung. Diese Hydronyme können jedoch auch mit Wörtern der Gruppe lit. skardis, skardžius verbunden werden, vgl. lit. Skerdupis neben Skardupis sowie weitere sehr verbreitete Hydronyme19. Letztere Möglichkeit erscheint uns umso wahrscheinlicher, als es keine Hydronyme gibt, die mit lit. kerdžius in Verbindung gebracht werden könnten.

15 J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, I, Warszawa, 1958, p. 376–378; J. Endzelins, Latviešu valodas gramatyka, Rīga, 1951, p. 238–239; Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, Vilnius, 1966, p. 190–191.

16 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 242.

17 J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, I, p. 378.

18 Lietuvos TSR upių ir ežerų vardynas, Vilnius, 1963, p. 148; Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, p. 190.

19 Lietuvos TSR upių ir ežerų vardynas, p. 147–148.

25

Lit. kerdžius hat eine recht überzeugende Etymologie: Es wird mit Wörtern der uridg. *kerdho--Vorform in Verbindung gebracht, deren ursprüngliche Bedeutung ‘Reihe; Herde, Viehherde’ gewesen sei. Die semantische Entwicklung der Wörter dieser Vorform spiegelt sich in den slawischen und teilweise auch in den baltischen Sprachen sehr deutlich wider, vgl. russ. череда ‘Reihe, Zeit, Zeitpunkt; Herde’, ukrain. череда ‘Herde, Schar, Menge; Reihe’, weißruss. чарада ‘Kette, Reihe; Menge, Schar; Herde’, poln. trzoda ‘Herde, Vieh’, tschech. třída ‘Ordnung, Reihe, Klasse, Wechsel; Straße, Boulevard’, slowak. črieda ‘Herde, Viehherde’, obersorb. črjoda ‘Haufen’ usw.20

Dass lit. kerdžius, pruß. kėrdan und russ. череда mit uridg. *kerdho verbunden werden, lässt einige Zweifel hinsichtlich des Anlautkonsonantismus im Baltischen und Slawischen aufkommen – ein Guttural anstelle des erwarteten Palatalen; vgl. Sanskrit śárdha- ‘Herde, Schar’, avest. sarəða. Im Baltischen ist ein solcher „unregelmäßiger“ Guttural jedoch ziemlich häufig anzutreffen, und wahrscheinlich sollte diese baltisch-slawische Bezeichnung nicht als Entlehnung aus irgendwelchen westlichen idg. Dialekten betrachtet werden.

B. Jēgers versucht, diese baltischen und slawischen Wörter mit uridg. *(s)ger- ‘schnei-’21 in Verbindung zu bringen.

Von den baltischen Sprachen haben Litauisch und Preußisch Wörter dieser idg. Wurzel bewahrt. Wie wir gesehen haben, bezeichnet das Wort dieser Wurzel im Litauischen einen Oberhirten, während das prußische Wort kėrdan im Singular Akkusativ (eine im dritten Katechismus dreimal belegte Form), kerdan (eine im selben Katechismus einmal belegte Form) die zeitliche Bedeutung bewahrt hat; vgl. prei swaiam kerdan (= zu seiner zeit), en kėrdan (= bey zeit), Enstan kėrdan (= Zu der zeit)22. Somit sind im Baltischen gleichsam zwei Bedeutungspole von idg. *kerdho- bewahrt. Daher scheint die Annahme begründet, dass im Baltischen, bevor sich die Bedeutung ‘Oberhirte’ oder allgemein ‘Hirte’ herausbildete, ein Wort derselben Wurzel mit der Bedeutung ‘Viehherde, Herde’ gebräuchlich gewesen sein muss. Man könnte sogar vermuten, dass die im Wolfenbütteler Postillenmanuskript von 1573 belegte Bezeichnung des Oberhirten kerdenykas gewissermaßen die alte Bedeutung von lit. *kerda ‘Herde, Viehherde’ widerspiegelt; vgl. bandà: bandininkas ‘Hirte’, bandùlis ‘Oberhirte; kerdžius’.

In der Bedeutung ‘Hirte’ wird ein Wort der idg. Wurzel *kerdho- in den germanischen Sprachen verwendet; vgl. got. hairdeis, ahd. hirti, dt. Hirt, engl. (shep)herd, das seinerseits aus der germanischen Herdenbezeichnung hervorging; vgl. got. hairda, ahd. hërta, dt. Herde, engl. herd usw.23

Dass ein Wort der idg. Wurzel *kerdho- früher mit der Bedeutung ‘Reihe, Zeit’ nicht nur im Prußischen, sondern auch in anderen baltischen Sprachen gebraucht wurde, dürfte die Entlehnung dieses Wortes in die ostseefinnischen Sprachen zeigen; vgl. finn. kerta ‘Schicht, Reihe; Mal’ (vgl. Wortverbindungen oder Zusammensetzungen wie ainoa kerta ‘einmal’, vaatekerta ‘Wechsel der Wäsche, Kleidung’, elämänkerta ‘Biografie’, vuosikerta ‘Jahresausgabe’, Ableitungen wie kerros ‘Schicht’, kertoa ‘erzählen; multiplizieren (in der Mathematik)’ usw.), estn. kord, karel. kerda, liv. kērda usw.24. Allerdings haben in jüngster Zeit einige Forscher (J. Ka-

20 M. Vasmer, Et. Wb., III, S. 320; R. Trautmann, B.-sl. Wb., S. 127–128; О. Н. Трубачёв, Происхождение названий домашних животных в славянских языках, S. 105.

21 B. Jēgers, KZ, 80, S. 46–48.

22 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, S. 53, 61, 63, 69, 356; Prūsų kalbos paminklai, S. 195, 209, 211, 223.

23 F. Kluge, Et. Wb., S. 304, 310; J. Pokorny, Et. Wb., S. 579; E. Klein, Et. Dic., I, S. 722.

24 Y. H. Toivonen, Suomen kielen etymologinen sanakirja, I, S. 184–185; V. Thomsen, Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauiske-lettiske) Sprog, S. 185–186; J. Kalima, Itämerensuomalaisten kielten balttilaiset lainasanat, S. 115–117.

26

limą, L. Hakulinen) zweifelten etwas an der baltischen Herkunft dieser Wörter. Ihre Zweifel dürften jedoch kaum begründet sein. Sowohl die Bedeutung als auch die Phonetik der Wörter sprechen dafür, dass sie tatsächlich aus dem Baltischen entlehnt wurden.

Im Lettischen finden wir keine Spuren von idg. *kerdho-. Allerdings ist in lettischen Mundarten (Rucava) die Form kėrdzis ‘žirgu puisis muiža’ belegt (EM, II, 375). Sie dürfte jedoch, wie J. Endzelīns festgestellt hat, aus lit. kerdžius. entstanden sein.

Die litauischen Wörter kerdžius, skerdžius gelangten auch in die auf Weißrussisch, Russisch und Polnisch verfassten, Litauen betreffenden Dokumente; vgl. weißruss. кердъ, скердъ, russ. кердъ, poln. skierdź25.

H. Hirt versuchte völlig unbegründet, lit. kerdžius als ein Wort germanischen (gotischen) Ursprungs zu betrachten26.

Lit. dieninis

Lit. dieninis ‘kerdžius’ (LKŽd., II, 347), vgl. lit. dienà.

Wie wir sehen, erinnert die Semantik dieser litauischen Bezeichnung für den älteren Hirten stark an die Bedeutungsentwicklung von idg. *kerdho-. Lit. dieninis ist in einem verhältnismäßig kleinen Mundartgebiet gebräuchlich (Bagaslaviškis, Gelvonai, Pabaiskas, Paberžė). In Ostlitauen findet sich auch der Familienname Dieninis, der ursprünglich den Beruf der so bezeichneten Person wiedergab.

Lit. viršininkas

Lit. viršininkas ‘kerdžius, älterer Hirte’, vgl. lit. viršus.

Lit. viršininkas in der Bedeutung ‘älterer Hirte’ kommt am häufigsten im nördlichen Teil Mittellitauens vor (Akmenė, Eriškiai, Gruzdžiai, Grūžiai, Klykoliai, Linkuva, Papilė, Pušalotas, Rozalimas, Skaistgirys, Šeduva, Upytė, Žagarė). In der Bedeutung ‘älterer Hirte’ gelangte lit. viršininkas auch in die Mitte des 18. Jahrhunderts auf Polnisch verfassten Dokumente aus den Gegenden von Šiauliai und Žagarė. Neben dem Wort viršynik findet sich in diesen Dokumenten sogar der davon abgeleitete Begriff viršynikostvo ‘Amt und Pflichten eines älteren Hirten’27.

Interessant ist der weitere Weg dieses Wortes. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte J. Jablonskis es in die Literatursprache ein, allerdings nicht in der Bedeutung ‘älterer Hirte’, sondern als ‘Person, die irgendeine Autorität über andere Menschen hat (Vorsteher, Vorgesetzter, начальник)’28. Vor allem dank der Bemühungen J. Jablonskis’ setzte sich das Wort mit seiner neuen Bedeutung fest in der litauischen Literatursprache durch.

Von lit. viršininkas ‘älterer Hirte’ leiteten sich auch einige andere mit der Viehzucht verbundene Wörter ab, vgl. lit. viršininkė ‘Frau des viršininkas, kerdžuvienė’, viršininkai ‘der Tag, an dem der ältere Hirte, d. h. viršininkas, zum Hof des Hirten kommt, um zu essen, sodass der Hirte nicht hüten muss’ (Lauksodis, Linkuva).

25 K. Jablonskis, Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje, p. 212, 323, 358; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 242.

26 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 92.

27 K. Jablonskis, Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje, p. VIII–IX, 356–358.

28 Jablonskio raštai, IV, Kaunas, 1935, p. 17; P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 601.

27

Liet. bandùlis und andere

Liet. bandùlis ‚Viehhirte‘ (LKŽd., I(2), 643), bandžius (LKŽd., I(2), 644), bandūnis (LKŽd., I(2), 641), vgl. auch bandinininkas ‚Hüter der Herde, Hirte‘ (LKŽd., I(2), 640), bandišius ‚Hirte, Fütterer‘ (LKŽd., I(2), 641), vgl. lit. bandà ‚Herde‘.

Litauisch tvarklas

In der linguistischen Literatur wird seit den Zeiten A. Bezzenbergers als Bezeichnung für einen Hirten das im Bibelübersetzungstext von J. Bretkūnas verwendete Wort tvarklas²⁹ angeführt. In späteren litauischen Bibelübersetzungen aus Ostpreußen entspricht dem von J. Bretkūnas verwendeten tvarklas das Wort kerdžius (… und wie eine Herde ohne Hirten, Jes. 13, 14)³⁰. Demnach könnte man vermuten, dass auch in der Bibel von J. Bretkūnas das Wort tvarklas in der Bedeutung ‚Hirte‘ verwendet wird. Leider gelangte das genannte Wort aufgrund eines Irrtums in der Bedeutung ‚Hirte‘ in die linguistische Literatur. Wir haben bereits erwähnt, dass in neueren litauischen Bibelübersetzungen aus Ostpreußen dem Wort tvarklas von J. Bretkūnas in jener Wendung kerdžius entspricht. In neueren deutschen Übersetzungen lautet die Wendung: …und wie eine Herde ohne Hirten (Jes. 13, 14)³¹. In der Bibelübersetzung Martin Luthers von 1549 lautet die Wendung jedoch so: …und wie ein Herd on hürten³². Dass das deutsche hürten in dieser Wendung nicht ‚Hüter‘ oder ‚Hirte‘, sondern ‚Gehege‘ bedeutet, zeigt deutlich eine andere Wendung aus demselben Bibelabschnitt: …die Hirten keine hurten da auffschlahen (Jes. 13, 20), die J. Bretkūnas folgendermaßen übersetzt: …Piemens… Twarklu ne tajis. Somit bedeutet J. Bretkūnas’ tvarklas sowohl in der ersten Wendung (die J. Bretkūnas übersetzt: … und kaip Gūtas be Twarklių) als auch in der zweiten ‚Gehege (= deutsch Hürde, mittelhochdeutsch hurt, Plural hürte)‘, nicht aber ‚Hirte‘.

Lit. pastyrius, pulkaunýkas, ustovas

Lit. pastyrius ‚Oberhirte, Viehhirte‘ (Daugėliškis, Dūkštas, Ignalina, Mielagėnai, Rimšė, Tverečius), vgl. russ. пастырь ‚Hirte, Priester, Schäfer‘, weißruss. пастыр, ukrain. пастир. Das Wort ist vermutlich aus dem Russischen ins Litauische gelangt. Das allen slawischen Sprachen gemeinsame Wort ist wahrscheinlich mit russ. пасти ‚weiden‘ und anderen Wörtern zu verbinden. Wegen seines für die slawischen Sprachen ungewöhnlichen Suffixes hat man es jedoch sogar als Entlehnung zu deuten versucht³³.

Lit. pulkaunýkas ‚Oberhirte, Viehhirte‘ (Karsakiškis, Ukmergė), pulkaunykas < russ. полковник ‚Schäfer‘ (W. N. Dobrowolsky, Sm., 652).

Lit. ustōvas (užstōvas) ‚Oberhirte, Viehhirte; Aufseher‘ (Anykščiai, Balninkai, Daugailiai, Kupiškis, Kupreliškis, Pandėlys, Pasvalys, Rokiškis, Salakas, Sudeikiai, Svėdasai, Tauragnai, Ukmergė, Utena, Užpaliai, Vyžuonos, Zarasai); seine Herkunft ist ungewiss.

E. Fraenkel verbindet diese Bezeichnung für einen Oberhirten, indem er vermutlich mit Recht die Form užstōvas rekonstruiert, mit lit. užstōti ‚verteidigen, Partei für jemanden ergreifen; ein Hindernis sein,“

29 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1150; A. Bezzenberger, Beiträge zur Geschichte der litauischen Sprache, Göttingen, 1877, p. 333.

30 Biblia, Tai esti: Wissas Szwentas Raßtas… Karalauczuje, 1816; Biblija, tai esti Visas Šventas Raštas, Berlynas, 1931.

31 Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift, Berlin, 1907.

32 Biblia: Das ist: die gantze heilige Schrifft: Deutsch. Auff's new zugericht. D. Mart. Luth., Wittemberg, 1549.

33 M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 322.

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etwas zurückhalten; beginnen, užstojis ‚Schutz, Deckung‘, užstolis ‚Erlöser‘ (ein Wort aus den Schriften von M. Daukša) u. a.34

Eine solche Verknüpfung wird unseres Erachtens jedoch durch den Bedeutungsunterschied erheblich erschwert. Wäre es also nicht richtiger, lit. ustòvas (užštòvas) als eine Art Umformung von lit. pristòvas ‚Aufseher, Verwalter‘ (< russ. пристава, weißruss. прыстаў oder poln. przystaw) aufzufassen.

Lit. paganìkas, pūganas u. a.

Im Litauischen finden sich auch Bezeichnungen für besondere Hirtengehilfen – Helfer des Herdenhüters. Vgl.:

Lit. paganìkas ‚Gehilfe des Herdenhüters oder Hirten‘ (Girdiškė, Karklėnai, Laukuva, Nemakščiai, Šilalė, Švėkšna, Upyna, Žarėnai).

Die Form paganìkis kommt auch in den Wörterbüchern des ostpreußischen Litauischen recht häufig vor:

„Hirten=Knabe Paganikkis, -io“, C, I, 952.

„Paganikkis, -io, m. ein Hilfsjunge für den Viehhirten (Niederung, Prökuls)“, G. H. F. Nesselmann, Wb., 256.

Die Verkleinerungsform paganikėlis findet sich in den von F. Nesselmann aufgezeichneten litauischen Volksliedern:

„Der Hirte pfeift ein Flötchen“35.

Liet. paganìkis kilmę yra mėginęs aiškinti A. Leskynas, kurio nuomone „paganikis oder pagunikis Hülfjunge für den Viehhirten, ist wohl sicher das nach paganyti lituanisierte ru. pogonok Viehtreiber, obwohl man sich für die Form mit u auf pr. guntwei inf., gunnimai 1. plur. treiben berufen könnte“36.

Diese Erklärung A. Leskiens lässt sich wohl nicht kategorisch widerlegen. Es gibt jedoch hinreichende Gründe, an ihr zu zweifeln. Erstens unterscheidet sich die Bedeutung des russ. погонок ‚Sūdrussl. 1. der Antreiber der Pflugochsen; der Viehtreiber‘ (И. Я. Павловский Р-н. сл. 1082) erheblich von der Bedeutung des lit. paganìkas. Zweitens findet sich in den litauischen Dialekten ein Synonym für lit. paganìkas, das seiner Wortbildung nach dem russ. погонщик völlig unähnlich ist, sich aber mit lit. ganýti in Verbindung bringen lässt. Vgl.:

Lit. pāganas ‚Gehilfe des Herdenhüters‘ (Kretinga, Palanga, Salantai, Šateikiai), pāganaitis ‚Hirtenjunge‘ (Palanga), vgl. lit. paganyti37.

Lit. paganìkas halten P. Skardžius38 und J. Otrębski39 für ein einheimisches Wort und bringen es mit lit. paganyti in Verbindung.

Lit. pavàrniṅkas, pìrmininkas, šalininkas

Lit. pavàrniṅkas „ein Hirte, der beim Treiben der Herde zusammen mit dem kerdžius am Ende der Herde geht“ (Akmenė), pavarinis (Žemaitkiemis), pavarinys (Lyduokiai), vgl. lit. varyti.

34 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1175.

35 Littauische Volkslieder, gesammelt kritisch bearbeitet und metrisch übersetzt von G. H. F. Nesselmann, Berlin, 1853, p. 20; plg. t. p. V. Kalvaitis, Prūsijos Lietuvių dainos, Tilžė, 1905, p. 341.

36 A. Leskien, Die Bildung der Nomina im Litauischen, p. 510.

37 P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 444.

38 P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 128.

39 J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, II, S. 277.

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Lit. pirmininkas (meist im Plural verwendet): beim Treiben mit dem kerdžius ein Hirte, der an der Spitze der Herde („vor den Augen“) geht (Akmenė), vgl. lit. pirmas. Lit. pirmininkas ist in der Kartei des akademischen „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ einmal auch allgemein in der Bedeutung „Hirte“ belegt (Lazūnai, aufgezeichnet von J. Senkus)40; dabei wird angemerkt, dass das Wort einmal von einem alten Menschen gehört wurde.

Lit. šalininkas (meist im Plural verwendet): beim Treiben mit dem kerdžius ein Hirte, der seitlich neben der Herde geht (Akmenė), vgl. lit. šalis.

In den litauischen Dialekten wird der ältere Hirte mitunter auch mit anderen Wörtern bezeichnet, die meist zur Kennzeichnung von Seniorität und Autorität dienen: piemenų karalius, galvà, tėvas, vyresnybė41. Diese Bezeichnungen haben jedoch meist eine gewisse emotionale Färbung.

* * *

Nach Durchsicht der Bezeichnungen für den Hirten in den baltischen Sprachen können wir feststellen, dass nur das Litauische die alte indogermanische Hirtenbezeichnung bewahrt hat (lit. piemuo). Es gibt jedoch Grund zu der Annahme, dass eine solche Bezeichnung auch in anderen baltischen Sprachen existierte. Aus dem Baltischen gelangte diese Bezeichnung in die ostseefinnischen Sprachen. Im Litauischen findet sich auch eine sehr alte Bezeichnung für den älteren Hirten (lit. kerždžius). In den baltischen Sprachen gibt es zahlreiche Hirten- und ältere Hirtenbezeichnungen unterschiedlicher Herkunft, die weiter nördlich gebraucht werden; besonders viele solcher Bezeichnungen finden sich im Litauischen.

BEZEICHNUNGEN FÜR GEBÄUDE ZUR UNTERBRINGUNG VON VIEH

Die indogermanischen Sprachen haben keine gemeinsame Bezeichnung für ein Gebäude zur Unterbringung von Vieh. Auch in vielen Zweigen der indogermanischen Sprachen gibt es keine gemeinsame Bezeichnung. Die Benennungen dieses Begriffs sind in den einzelnen Sprachen meist unabhängig voneinander entstanden; Entlehnungen kommen recht häufig vor.

Auch die baltischen Sprachen haben keine gemeinsame Bezeichnung für dieses Gebäude. Wie wir jedoch sehen werden, gibt es im Litauischen und Lettischen einige gemeinsame Benennungen dieses Begriffs.

Historische Angaben über die Gebäude der alten Balten zur Unterbringung von Vieh sind sehr spärlich. Aus den kurzen Hinweisen in den erhaltenen historischen Dokumenten lässt sich die Entwicklung dieses Gebäudetyps nicht eingehender rekonstruieren. Sowohl in Litauen als auch in Lettland gab es Gebäude zur Unterbringung von Vieh verschiedener Bauarten1.

Etwas ausführlichere Angaben über die Ställe der litauischen Bauern finden sich in Dokumenten des 16. Jahrhunderts. So heißt es im Inventar des Amtsbezirks Karšuva in einem Eintrag des Revisors der samogitischen Amtsbezirke Jokūbas Laškauskis vom 31. Oktober 1562: „Damit das Vieh wegen des Düngers unbedingt nicht im Haus gehalten werde, sondern offene Viehhöfe eingerichtet und gut eingezäunt würden, wie in Podlachien. Der Amtmann soll als Vorbild an einem Ort in einem der Bezirke einen solchen errichten lassen; und wenn jemand noch nie einen gesehen hat, muss man es folgendermaßen machen

40 Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 29.

41 Lietuvių etnografijos bruožai, red. A. Vyšniauskaitė, Vilnius, 1964, p. 93.

1 Lietuvių etnografijos bruožai, red. A. Vyšniauskaitė, Vilnius, 1964, p. 262–269; Iz. Butkevičius, Lietuvių valstiečių ūkiniai pastatai, — Iš lietuvių kultūros istorijos, II, Vilnius, 1959, p. 237–256; K. Čerbulėnas, Namas („numas“ pirmasis lietuvių gyvenamojo pastato tipas, — Iš lietuvių kultūros istorijos, I, Vilnius, 1958, p. 104–145; Latviešu konversācijas vārdnīca, 10, Rīga, 1933–1934, sklt. 19235–43; A. Bielenstein, Die Holzbauten und Holzgeräte der Letten, I–II, St. Petersburg, 1907–1918; Latviešu etnogrāfija, red. kolēģija: A. Bīrons, S. Cimermanis, A. Krastiņa, I. Leinasare, H. Strods (atb. red.), Rīga, 1969, p. 134; S. Cimermanis, Latviešu tautas dzīves pieminekļi, Celtnes un to iekārta, Rīga, 1969, p. 81–88.

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: Man wähle einen solchen Platz, dass das Wasser nicht von ihm abfließt; dann errichte man an der Südseite ein Tor mit einem nicht sehr hohen Zaun, an der Ostseite einen Stall oder eine Scheune, die nicht hoch und windgeschützt überdacht ist, und sichere mindestens zwei Wände gut, indem man Erde zwischen den Wänden aufschüttet und sie so errichtet. Am Ende des offenen Viehhofs errichte man auf der Nordseite einen zweiten, ebenso auf der Westseite einen dritten; in der Mitte lasse man einen freien Platz, damit das Vieh selbst ungehindert aus den Ställen heraus- und in sie hineingehen kann. Außerdem lege man in der Mitte Stroh und anderes aus, damit das Vieh es zertrample; auf diese Weise wird es genügend Dünger zur Düngung des Bodens geben …“2

Eine der ersten ausführlicheren Beschreibungen litauischer Ställe stammt von S. Daukantas3.

Lit. tvártas

Die in der litauischen Sprache am weitesten verbreitete Bezeichnung für ein Gebäude zur Unterbringung von Vieh ist tvártas. Heute wird dieses Wort in der Literatursprache und in einem großen Teil des litauischen Dialektgebiets verwendet (Teile Süd-, Mittel- und Ostlitauens: Ariogala, Daugai, Dūkštas, Ignalina, Jurbarkas, Kapsukas, Kėdainiai, Lazdijai, Raseiniai, Simnas, Švenčionys, Varėna, Veisiejai, Vilkaviškis, Vilkija; die litauischen Sprachinseln auf dem Gebiet der Weißrussischen SSR: Lazūnai, Zietela)4.

Dieses Wort findet sich bereits in unseren ältesten Schriften. So begegnet es etwa in der Bibelübersetzung von S. B. Chilinskis:

„Wir wollen hier Schafhürden für unser Vieh errichten …“, 4. Mose 32, 16.

„… und baute Hürden für sein Vieh …“, 1. Mose 33, 17.

J. Bretkūnas übersetzt diese Bibelstellen folgendermaßen:

„Wir werden hier nur Schafhürden für unsere Herde errichten …“, 4. Mose 32, 16.

„… und er baute sich Häuser und errichtete für sein Vieh Hütten …“, 1. Mose 33, 17.

Doch sowohl S. B. Chilinskis mit der Form tvartas als auch J. Bretkūnas mit der Form tvarta (?) verwenden das Wort hier offenbar nicht in der heutigen Bedeutung „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“, sondern in der Bedeutung „Umzäunung“. Besonders überzeugend lässt sich dies für J. Bretkūnas behaupten. Diese Annahme würde auch durch den deutschen Bibeltext bestätigt, vgl. M. Luthers Bibelausgabe von 1549:

„Wir wollen nur Schafhürten hie bawen für unser Vieh...“, 4 Moz 32, 16.

„...und bawet jm ein Haus, und machet seinem Vieh hütten...“, 1 Moz. 33, 175.

Nur in der Bedeutung „Umzäunung“ wird das Wort tvártas in den litauischen Wörterbüchern Ostpreußens verwendet:

„Twártas, to, m. ein abgezäunetes Ställchen“, P. Ruhig, Lex., I, 166.

„Stall, Staldas, do, m. nur bezäunt Twártas, to, m.“, R. Ruhig, Lex. II, 336.

„Twartas, to, m. eine Stallung, abgezäunter Stall. Pennukßlū Twartas, ein Maststall, der abgezäunt ist“, Chr. Mielcke, Wb., I, 303.

2 Lietuvos TSR istorijos šaltiniai, I, red. kolegija: K. Jablonskis (atsak. redaktorius), J. Jurginis, J. Žiugžda (vyriaus. redaktorius), Vilnius, 1955, p. 178—179.

3 Budą Senowęs — Letuwiu Kalnienų ir Žamajtių išsraše... Jokub’s Łaukys, Petropilie, 1845, p. 22—23.

4 Bei der Angabe der Verbreitung verschiedener Bezeichnungen für den Stall in den litauischen Dialekten stützt sich der Autor hauptsächlich auf eine handschriftliche Karte des von B. Vanagienė erstellten Litauischen Sprachatlas. Für die Beispiele aus den lettischen Dialekten dankt er der Kandidatin der Philologie E. Šmite.

5 Biblia: Das ist: die gantze heilige Schrifft: Deudsch. Auff's new zugericht. D. Mart. Luth., Wittemberg, 1549.

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„Stall, Staldas, do, m. nur eingezäunt, Twārtas, to m.“, Chr. Mielcke, Wb., II, 450.

„twārtas, -o, Subst. m. die Einzäunung, der Verschlag, eine Hürde“, F. Kurschat, Wb., 472.

„kiaũltwartis, -čio, Subst. m. eine Einzäunung für Schweine“.

„Schweinestall“, F. Kurschat, Wb., 181.

Wie F. Kursaitis tvārtą ‘Umzäunung’ deutlich vom Begriff ‘Gebäude zur Unterbringung von Vieh’ unterscheidet, zeigen besonders die folgenden Beispiele:

„…einen Raum im Stall für die Kälber abzäunen, twārtą weŕbiams staldē nukalti (od. padaryti; auch: aptwērti)“, F. Kurschat, Wb., I, 25.

„…einen Platz im Stall für ein Kalb abzäunen, staldē weŕbiui twārtą padaryti…“, F. Kurschat, Wb., I, 36.

Das Wort twārtas wird in den Schriften der Litauer in Ostpreußen sogar für einen besonderen Teil der Kirche verwendet, vgl.:

„Für die Frauen war ein besonderer Twartas zur Verrichtung ihres Gottesdienstes bestimmt“, K. Jurkšaitis, Jeruz. Išp., 1901, 97.

Das bedeutet, dass tvārtas, das zunächst allgemein eine Umzäunung bezeichnete, also einen eigens abgetrennten Platz im Stall, später in der Bedeutung ‘Gebäude zur Unterbringung von Vieh’ verwendet wurde.

Die Etymologie dieses Wortes lässt keinen Zweifel aufkommen – es ist mit lit. tvērti, tvrtas, tvorà, tvārštis und anderen Wörtern dieser Wurzel zu verbinden6.

In Teilen des Niederlitauischen (Kvėdarna, Plungė, Rietavas, Salantai, Viekšniai) wird das Wort tvārtas in der Bedeutung ‘Verband, Tuch zum Verbinden einer Wunde’ verwendet. Die Bedeutung ‘Gebäude zur Unterbringung von Vieh’ ist dort neu und aus der Literatursprache übernommen.

Offenbar gab es auch im Preußischen ein Wort dieser Wurzel, das in der Bedeutung lit. tvārtas ‘Gebäude zur Unterbringung von Vieh’ gebraucht wurde, vgl. „Coaris Banse“ (Wort 232 des Elbinger Vokabulars)7. Dt. Banse kann ‘weiter Scheunenraum zur Seite der Tenne, der Platz zu beiden Seiten der Tenne in der Scheune zum Aufschichten’8 bedeuten.

A. Fick brachte dieses preußische Wort mit lit. kárti in Verbindung. Plausibler erscheint jedoch A. Bezzenbergers Deutung, der pr. coaris zu der Form toaris emendiert und diese mit lit. tvārtas, tvorà, tvērti9 verbindet. Beim Vergleich dieser Wörter bereitet auch der Vokalismus der Wurzel von pr. toaris gewisse Schwierigkeiten. Es könnte sich um einen ähnlichen Fall handeln wie bei dem preußischen Wort aloade (Wort 541 des Elbinger Vokabulars) ‘Haspe’, das man von *al(v)ōde oder *alvadē herzuleiten versucht.

Der von A. Bezzenberger vorgeschlagenen Etymologie von pr. toaris stimmten R. Trautmann10 und J. Endzelīns11 zu.

Das Lettische kennt keine Bezeichnungen derselben Wurzel für ein Gebäude zur Unterbringung von Vieh. Wörter dieser Wurzel mit ähnlicher Bedeutung sind jedoch belegt, vgl. lett. tvarts ‘der Halt, Schutz, die Zuflucht; die Fischwehr’ (EM, IV, 289), tvertiņš ‘die Zuflucht’, tvertne ‘Unterkunft für Menschen; der Behälter, das Bassin’ (EM, IV, 291). Lett. tvāra ‘ein

6 E. Fraenkel, Et. Wb., S. 1151.

7 Denkmäler der preußischen Sprache, S. 63; bei der Zitierung von Beispielen aus preußischen Wörterverzeichnissen wird gewöhnlich zuerst das preußische Wort angegeben.

8 D. Sanders, Wörterbuch der deutschen Sprache, I, Leipzig, 1860, p. 81; F. L. K. Weigand, Deutsches Wörterbuch, I, Giessen, 1909, p. 153.

9 A. Bezzenberger, BB, 23, S. 232.

10 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, S. 361.

11 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 140, 266.

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‚Zaun aus horizontal liegenden Stangen‘, tvāre ‚ein Zaun; der Fallbaum‘ (EM, IV, 289) sind aber wohl keine Entlehnungen aus dem Litauischen, da sie, wie die Angaben in K. Mühlenbachs Wörterbuch zeigen, hauptsächlich unmittelbar an der litauischen Grenze vorkommen (Gridzgalė, Mėmelė).

Lit. gūrbas, lett. gūrba

Lit. gūrbas wird in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ im nordöstlichen Teil Litauens verwendet (Anykščiai, Debeikiai, Dusetos, Kamajėliai, Kavarskas, Obeliai, Rokiškis, Troškūnai, Utena, Vyžuonos).

Außer der eben genannten Bedeutung wird das Wort gūrbas in den litauischen Dialekten noch in weiteren Bedeutungen verwendet: ‚Korb, Tasche‘, ‚oberer Teil eines Wagens, aus Ruten geflochten; leichte Wagen mit zusammengebundenen Enden (bei Wagen für Fahrten und festliche Anlässe)‘, ‚Krippe‘, ‚aus Ruten geflochtener oder aus Brettern gezimmerter Verschlag für Haustiere (Tauben, Gänse, Hühner usw.); Legeplatz für Eier; Nest‘, ‚Hundehütte‘, ‚abgetrennter Stallteil für Kleinvieh (Schafe, Ferkel, Kälber); Pferch; abgetrennter Kellerteil zum Einlagern anderen Gemüses‘, ‚unüberdachter Hof‘, ‚Käfig (für wilde Tiere)‘, ‚eine bestimmte Art von Bienenstock, mit Stroh gedeckt‘, ‚eine bestimmte Art von Transportverschlag zum Verkauf von Vieh, gewöhnlich von Schweinen‘, ‚Haspel zum Aufspulen und Winden von Garn‘ (LKŽd., III, 741–2).

Das Wort gūrbas in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ findet sich bereits im Wörterbuch von K. Širvydas:

„Chlew, bara, Stabulum. gurbas“, C. Szyrwid, Dic. (1629 metų leidimas), 11.

„Chlew. Stabulum, caulae. Pune, gurbas“, C. Szyrwid, Dic. (1642 metų leidimas), 29.

„Obora, Stabulum, pecuaria loca. Gurbas“, C. Szyrwid, Dic. (1642 m. leidimas), 233.

„Swinnik, Suilehara. Kiaulu gurbas“, C. Szyrwid, Dic. (1642 m. leidimas), 430.

Die Beispiele aus dem Wörterbuch von K. Širvydas zeigen, dass die Ostlitauer das Wort gūrbas in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ schon seit Langem kennen: K. Širvydas stammte gerade aus jenem Gebiet Litauens, in dem das genannte Wort auch heute noch in dieser Bedeutung verwendet wird.

Über die Herkunft des Wortes gūrbas gibt es unterschiedliche Ansichten.

K. Alminauskis betrachtete das deutsche korb ‚Korb, Tasche‘ und korv als Quelle des litauischen gūrbas ebenso wie der Form kūrbas und vertrat die Ansicht, dass sich die Bedeutungen dieses Wortes im Litauischen erweitert hätten12. Der Wechsel der Konsonanten g-: k- ist im Litauischen tatsächlich sehr gewöhnlich, vgl. gėmbė: kėmbė, glėbys: klėbys, griaūnos: kriaūnos, glusnūs: klusnūs usw.13 Das deutsche korb wiederum stammt aus dem Lateinischen, vgl. lat. corbis ‚Korb, Tasche‘14.

E. Frenkel stimmte zwar zu, dass lit. gūrbas ‚Korb, Tasche‘ eine Entlehnung aus dem Deutschen ist, hielt lit. kūrbas jedoch für ein Erbwort und stellte es zu idg. *ger- ‚flechten‘, vgl. gr. ῥέρεον ‚geflochtene Verzäunung der Bude auf dem Marktplatz in Athen, geflochtener Wagenkorb, länglicher mit rohem Rindsfell überzogener leichter Schild‘, γυργαθός ‚aus Weide geflochtener Korb, Fischreuse‘ usw.15

12 K. Alminauskis, Die Germanismen des Litauischen, Kaunas, 1934, p. 55, 76.

13 J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, Vilnius, 1957, p. 54; J. Otrębski. Gramatyka języka litewskiego, I, p. 324.

14 F. Kluge, Et. Wb., p. 393; J. Pokorny, Et. Wb., p. 387.

15 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 178.

3. Iš lietuvių leksikologijos ir leksikografijos

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K. Būga fasste lit. gūrbas ebenfalls als eigenes Wort auf und versuchte, es bald mit germ. kurba, dt. Korb16, bald mit slaw. grъb ‚Hügel, Höcker, Falte‘, serb. грба17, in Verbindung zu bringen.

Berücksichtigt man, dass dt. Korb eine Entlehnung aus dem Lateinischen ist, entfällt K. Būgas erste Herleitung. Auch die zweite Herleitung erscheint uns nicht besonders überzeugend, denn die slawischen Wörter wären mit pruß. garbis ‚Berg‘18 zu vergleichen. K. Būga brachte lit. gūrbas mit den erwähnten slawischen Wörtern in Verbindung, indem er nach semantischen Parallelen suchte: ‚Haufen (куча)‘: ‚Stall‘.

Wahrscheinlich sind sowohl K. Alminauskis’ als auch E. Frenkelis’ Erklärungen teilweise richtig. Unseres Erachtens sollte man bei der Erklärung der Herkunft von lit. gūrbas die Bedeutungen dieser Wörter unterscheiden. Das ostlitauische gūrbas in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ (das, wie wir gesehen haben, bereits in den ersten Ausgaben von K. Sirvydas’ Wörterbuch belegt ist) und die eng damit zusammenhängenden Bedeutungen sind als ein eigenes baltisches Wort anzusehen. Ein solches Wort findet sich, wie wir sehen werden, auch im Lettischen. Gūrbas in der Bedeutung ‚Korb, Flechtkorb‘ und die enger mit dieser Bedeutung verbundenen Bedeutungen sind als Entlehnung aus dem Deutschen anzusehen. Da die Bedeutungen ‚Stall‘ und ‚Korb‘ semantisch recht eng zusammenhängen (‚flechten‘), ist es heute im Litauischen schwierig, eine klare Grenze zwischen ihnen zu ziehen: Eigenwort und Lehnwort könnten miteinander vermischt worden sein.

Die Argumente für die soeben dargelegten Annahmen sind folgende. Das Wort gūrbas hat im Litauischen zwei voneinander völlig unabhängige Verbreitungszentren – eines in der nordöstlichen Ecke Litauens, wo gūrbas in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ verwendet wird, das andere im südwestlichen Teil Litauens, wo das Wort überwiegend die Bedeutung ‚Korb, Flechtkorb‘ hat. In letzterer Bedeutung wird das Wort gūrbas in Teilen des Žemaitischen und des Westaukštaitischen verwendet, gerade in jenen litauischen Dialekten, die den meisten Kontakt mit dem Deutschen hatten (Alksnėnai, Alvitas, Barzdai, Batakiai, Gražiškiai, Jurbarkas, Kybartai, Kudirkos Naumiestis, Lauksargis, Liudvinavas, Pilviškiai, Slavikai, Sudargas, Tauragė, Vilkaviškis)19.

Wie bereits erwähnt, wird lit. gūrbas auch in der Bedeutung ‚bestimmte Art von Bienenstock‘ verwendet. In dieser Bedeutung ist das Wort in Bartininkai (Rajon Vilkaviškis) belegt. In der Bedeutung ‚Bienenstock‘ findet sich die Form kuṙbas auch in den litauischen Wörterbüchern Ostpreußens. Vgl.: „Bienenkorb, der, bičių kūrbas“, F. Kurschat, Wb., I, 239. „bitkurbis, -io, Subst. m. der Bienenkorb“, F. Kurschat, Wb., 49. „Bitinnis kurbėlis, ein Bienenkorb“. „Bitkurbas, o, m. ein Bienenkorb“, G. H. F. Neselmann, Wb., 212. Vgl. auch die Bedeutung von dt. Korb: ‚geflochtne Behältnisse für die Bienen zur Wohnung‘20.

Es ist schwer vorstellbar, dass sich die litauische Bedeutung von gūrbas ‚bestimmte Art eines mit Stroh gedeckten Bienenstocks‘ ohne den Einfluss des Deutschen herausgebildet hätte.

Die Form gūrbas in der Bedeutung ‚Oberteil eines Wagens, aus Weidenruten geflochten; Geflecht aus Stangen mit den Spitzen zusammengefügt‘ erinnert stark an die Bedeutung von dt. Korb: ‚der hintere geflochtne Teil eines Leiter- oder Rüstwagens u. überhaupt ein Korbgeflecht auf solchem Wagen‘21. Lit. gūrbas ist in der genannten Bedeutung in Garliava, Lekėčiai und Kretinga belegt (LKŽd., III, 741).

16 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 331.

17 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 526.

18 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 294.

19 Die Daten stammen aus der Kartei des Atlas der litauischen Sprache.

20 D. Sanders, Wörterbuch der deutschen Sprachen, I, p. 995.

21 D. Sanders, ten pat, p. 995.

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In der Bedeutung „Hundehütte“ wird in den litauischen Dialekten neben der Form gurbas auch die Form gurbà verwendet (Alytus, Leipalingis, Liškiava, Merkinė, Seirijai, Simnas, Veisiejai; LKŽd., III, 741).

Sowohl lit. gurbà als auch gurbas haben Entsprechungen im Lettischen. Im Lettischen werden diese Wörter ebenfalls in recht unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht:

Lat. gùrba ‘ein Käfig für Staare; Hecke; ein Bretterverschlag im Stalle; eine hölzerne Kiste zum Eierlegen fürs Hausgeflügel; eine hölzerne Kiste, in der man Hühner zum Markt transportiert; ein Vogelstall; „cūku aizgalda“, gurbs, gurbes ‘aizgalds, kur luopus ievietuo’ (EM, I, 683; EH, I, 420).

Wie wir sehen, stimmen die Bedeutungen der lettischen Wörter entweder vollständig mit denen der litauischen Wörter derselben Wurzel überein oder stehen ihnen sehr nahe. Hier vermissen wir jedoch, so könnte man sagen, die für das litauische Wort charakteristischen Grundbedeutungen, nämlich „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“ und „Korb, Flechtkorb“. Alle Bedeutungen von lett. gùrba, gurbs liegen gleichsam zwischen den Bedeutungen „Korb, Flechtkorb“ und „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“.

Auch die Frage nach der Verbreitung der lettischen Wörter ist recht interessant. Nach den Angaben in K. Mühlenbachs Wörterbuch und dessen Ergänzungen werden lett. gùrba, gurbs nur im südwestlichen Teil Lettlands, unmittelbar an der litauischen Grenze, verwendet (Asytė, Barta, Gruobinia, Kaletai, Nyca, Nygranda, Saka, Ventspilis).

Die geographische Verbreitung des lettischen Wortes deutet darauf hin, dass lett. gùrba auch aus dem Litauischen stammen könnte. Für diese Annahme spricht auch der Akzent des lettischen Wortes.

Auch in der lettischen Toponymie finden sich keinerlei Spuren von lett. gùrba.

Auf dem Gebiet Litauens gibt es mehrere Ortsnamen, die mit lit. gùrbas, plg. Gùrbai (Gruzdžiai), Gurbmiškis (Waldname, Gruzdžiai), Gurbšilėlis (Pilviškiai), Gùrbšilis, Gurbùkelis (Weg, Gruzdžiai), Gurbų miškas (Dūkštas), Pagùrbė (Dūkštas)²² in Verbindung gebracht werden können. Die Verbindung dieser Ortsnamen mit lit. gùrbas „Gebäude zur Unterbringung von Vieh; Korb, Flechtkorb“ ist jedoch sehr zweifelhaft. So wird etwa Gurbšilėlis als „Erhebung“ erklärt; auf einer litauischen Sprachinsel im Gebiet der Weißrussischen SSR (Stanišiai, Umgebung von Varenavas) findet sich der Ortsname Gùrbos, der mit „Gräber (wie kleine Hügel)“ erklärt wird. Daher sollte man die genannten Ortsnamen wohl eher mit lit. gùrbautas „kleine Bodenerhebung, Erdklumpen“, pr. garbis „Berg“ (so wird das 28. Wort grabis des Elbinger Vokabulars berichtigt; vgl. die prußischen Ortsnamen Lulegarbis, Mantegarbs, Ladegarbe, Swentegarben u. a.)²³, russ. горб „jede Erhebung auf einer Fläche“, poln. garb „krankhafte Vorwölbung des Brustkorbs oder Rückens beim Menschen; Erhebung, Geländeauswölbung“, serb.-kroat. грба u. a. in Verbindung bringen. Wie wir gesehen haben, versuchte K. Būga, mit diesen Wörtern auch lit. gùrbas „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“ zu verbinden.

Lit. kūtė, lett. kūts

Im nördlichen Teil Litauens ist die Bezeichnung kūtė für ein Gebäude zur Unterbringung von Vieh weit verbreitet (Biržai, Joniškis, Kuršėnai, Linkuva, Mažeikiai, Radviliškis, Salantai, Skuodas, Šeduva, Šiauliai, Žagarė). Im äußersten Westen und im äußersten Osten dieses Gebiets

22 Lietuvos TSR administracinis-teritorinis suskirstymas, Vilnius, 1959, p. 716, 851. Duomenys, kurių nėra minėtame darbe, paimti iš Lietuvių kalbos ir literatūros instituto Vietovardžių kartotekos.

23 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, S. 82, 341; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, S. 175; G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, S. 80, 92, 94, 178–179.

3*

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Im Teil wird die Form kūtys verwendet (Kretinga, Pasvalys, Vabalninkas). Bekannt ist auch die Singularform kūtis (LKŽd., VI, 1006).

Die Form kūtė wird auch in der Bedeutung „altes, schlechtes Häuschen, kleine Hütte“ verwendet (LKŽd., VI, 1000; Skaudvilė, Viduklė), vgl. außerdem kūta „Wohnhaus“ (Vilius Bruožis, LKŽd., VI, 999). Wörter, die in dieser Bedeutung gebraucht werden, gehören jedoch nicht zum Verbreitungsgebiet von kūtė als Bezeichnung eines Gebäudes zur Unterbringung von Vieh.

In den alten Denkmälern der litauischen Schriftlichkeit scheint das Wort kūtė nicht belegt zu sein. Die Schriften von M. Valančius und S. Daukantas dürften wohl die ältesten Quellen für dieses Wort sein.

Das Wort kūts (daneben kommt häufig auch die Form kūte vor) wird in der Bedeutung „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“ im Lettischen sehr weit verbreitet verwendet. Die Form kūts ist auch die standardsprachliche Bezeichnung für diesen Begriff.

Die Form kūts (bzw. kūte) wird im gesamten Dialektgebiet Vidzemes (Ainažiai, Aluoja, Cēsis, Limbaži, Mazsalaca, Rūjiena, Sigulda, Smiltene, Valka, Valmiera) und Zemgales (Auce, Bauska, Dobele, Eleja, Jelgava) verwendet. In diesem Dialektgebiet werden andere Stallbezeichnungen mit einem anderen Stamm praktisch nicht gebraucht. Im westlichen Teil Lettlands — in den Dialekten von Kurzeme — stehen die Formen kūts, kūte neben anderen Stallbezeichnungen (laidars, stallis). Die Formen kūts, kūte werden fast ausschließlich im östlichsten Teil Lettlands — in Latgale — nicht verwendet; dort gebraucht man eine slawischen Ursprungs entlehnte Stallbezeichnung.

Eine genauere Grenze zwischen den Dialekten, in denen die Form kūts beziehungsweise kūte verwendet wird, lässt sich nicht ziehen. Es gibt Fälle, in denen am selben Ort beide Formen gebraucht werden (Alažiai, Aluoja, Inčukalns, Padure, Plāņi, Sigulda, Taurkalne). Beide Formen werden auch in den Dialekten im Grenzgebiet zu Litauen verwendet.

Lett. kūts (bzw. kūte) wird mit den entsprechenden Bezeichnungen für Tiere und Vögel verwendet, vgl. lett. aitu, guovju, luopu, putnu, zirgu kūts. Mitunter treten auch andere Varianten der Stallbezeichnung mit diesem Stamm auf, vgl. kūtene „der Stall“, kūtenis; čūku, zuosu kūtene, Diminutiv kūtiņa, pejorativ kūtele (EM, II, 338; EH, I, 684).

Lett. kūts ist bereits in lettischen Evangelientexten des 16. Jahrhunderts belegt24. Die Herkunft von lit. kūtė und lett. kūts ist ebenso wie die der soeben behandelten lit. gurbas und lett. gurba sehr kompliziert. Es gibt mehrere Deutungen, die jedoch alle Zweifel aufwerfen.

Bislang ist vielleicht die populärste die Etymologie von A. Becenberger25. Er vertrat die Auffassung, dass dieses Wort aus dem Preußischen ins Litauische und Lettische gelangt sei. Das altpreußische *kutis (wobei u < a nach einem Gutturalen) stamme aus mittelniederdeutsch kate, kotte „Hütte, Schuppen, Stall“.

P. Person, der lit. kūtė und lett. kūts als eigenständige baltische Wörter auffasste, stellte sie zu lit. kutỹs „Geldbeutel“, preuß. keuto „Haut“, ahd. hūt, lat. cutis, ahd. hutta „Hütte“26.

Auf diese Weise erklärte auch E. Berneker27 die Herkunft des lit. kūtė.

J. Endzelīns neigte zunächst dazu, der Erklärung von A. Bezzenberger zuzustimmen (… wohl eher… nebst oder durch li. kūtis aus einem apr. *kūtis (mit. ū aus ā) aus mnd. kate od. kotte… als zu li. kutỹs ‘Beutel’, apr. keuto, ahd. hūt…)28.

24 J. Endzelīns, Filologu biedrības raksti, XI, Rīgā, 1931, p. 201.

25 A. Bezzenberger, KZ, 44, p. 291.

26 P. Persson, Beiträge zur indogermanischen Wortforschung, Uppsala, 1921, p. 181, 183.

27 E. Berneker, Et. Wb., I, 602.

28 EM, II, p. 338.

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E. Frenkelis29 stimmte A. Becenberger ohne jeden Zweifel zu und nannte auch J. Endzelynas als Anhänger dieser Etymologie. Er beachtete jedoch nicht, dass J. Endzelynas später seine Meinung änderte und der Etymologie von lett. kūts einen eigenen Aufsatz widmete30.

J. Endzelynas neigt in diesem Aufsatz dazu, der Etymologie von P. Person zuzustimmen, wobei er auf die chronologischen wie auch phonetischen Mängel von A. Becenbergers Etymologie hinweist. Eine solche Etymologie ist nach J. Endzelynas jedoch nur möglich, wenn lit. kūtis ein einheimisches, nicht entlehntes Wort ist. Zugleich führt der lettische Wissenschaftler ein sehr gewichtiges Argument an: Diese litauische Bezeichnung für ein Gebäude zur Unterbringung von Vieh könnte eine Entlehnung aus dem Lettischen sein; trifft dies zu, könnte der Wortstamm des lettischen Wortes ū aus un entstanden sein. Dann wäre eine ganz neue Etymologie dieses Wortes möglich: lett. kūts wäre mit urslaw. kašta „σκηνή“, ukrain. куча ‚Schweinestall‘ und bulg. къшта ‚Hütte‘ in Verbindung zu bringen, die E. Berneker seinerseits mit bulg. кътам ‚berge‘, russ. кутать ‚verhüllen‘ usw. verbindet.31

Uns scheint, dass J. Endzelynas’ Erklärung durchaus überzeugend ist. Zunächst ist es sehr gut möglich, dass lit. kūtė aus dem Lettischen entlehnt wurde. Die geografische Verbreitung von lit. kūtė in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ würde diese Annahme vollauf bestätigen. Wie das Zettelkatalogmaterial des Atlas der litauischen Sprache zeigt, wird das Wort in dieser Bedeutung nur im Grenzgebiet zu Lettland verwendet. Am Ende seines Aufsatzes scheint J. Endzelynas die Möglichkeit einer Entlehnung von lit. kūtė aus dem Lettischen allerdings anzuzweifeln, denn nach Fertigstellung des Aufsatzes wurde er darüber informiert, dass lit. kūtės ‚Stall‘ auch in Suvalkija vorkomme. Die Richtigkeit dieser Information wird jedoch durch die Daten des Atlas-Zettelkatalogs nicht bestätigt. Wie erwähnt, finden wir das Wort kūtė auch nicht in den älteren litauischen Sprachdenkmälern – belegt ist es nur in Schriftzeugnissen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, deren Verfasser aus jenem Teil Litauens stammen, in dem kūtė noch heute in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Rindern‘ verwendet wird.

Die geografische Verbreitung von lit. kūtė ist ebenfalls ein gewichtiges Argument dafür, dass dieses Wort nicht aus dem Altpreußischen stammen kann.

Wenn man lit. kūtė als Entlehnung aus dem Lettischen betrachtet und J. Endzelynas’ Hinweis auf die Möglichkeit berücksichtigt, dass lett. kūts aus der Form *kunt- entstanden sein könnte, ließe sich die Bezeichnung für dieses Gebäude zur Unterbringung von Vieh nicht nur mit urslaw. kašta usw. verbinden, wie J. Endzelynas es tut, sondern auch mit russ. кут ‚Ecke, Winkel, Sackgasse, Stichgasse; Spitze oder Ende einer abgeschiedenen Bucht, eines Meerbusens, einer Lagune oder eines Kaps; Ecke eines Bauernhauses, Türwinkel und Ladentisch, Pferd‘ (В. Даль, Сл., II, 227—8), weißruss. кут, ukrain. кут (in Dialekten auch in der Bedeutung ‚Schweinestall‘ verwendet, Б. Д. Гринченко, Сл., II, 332), bulg. кът, serbokroat. кут, slowen. kat, tschech. kout, slowak. kut, poln. kąt32, vgl. ferner russ. закут ‚allerlei Art von Hütte, Hundehütte oder Erdbau; Strohhütte; warmer (mit Mäusen bewohnter) Stall für Kleinvieh im Winter; Kammer, Verschlag, Vorratsraum, besonders ein abgetrennter‘, закута, закутка (В. Даль, Сл. I, 594—5)33.

Auf die Möglichkeit, die baltische Stallbezeichnung mit diesen Wörtern der slawischen Sprachen in Verbindung zu bringen, hatte bereits A. Briukner hingewiesen, der in seinem Wörterbuch zum poln. kąt folgende Bemerkung hinzufügt: „znaczenie pierwotne w lit. kutis, „dół wyryty przez świnie“34. Der von A. Briukner vorgelegten Erklärung der ursprünglichen Bedeutung des litauischen Wortes kann man sich natürlich nicht anschließen.

29 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 322.

30 J. Endzēlins, Filologu biedrības raksti, XI, p. 200—201.

31 E. Berneker, Et. Wb., p. 602—603.

32 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 705; F. Slawski, Sl. et., II, p. 121—122.

33 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 440.

34 A. Brückner, Sl. et., p. 225.

37

Wie bereits erwähnt, wird das Wort kūtė in den litauischen Dialekten auch in der Bedeutung ‚altes, ärmliches Häuschen‘ verwendet. Da das Wort kūtė in dieser Bedeutung in einem anderen Teil Litauens belegt ist als die hier erörterte Bezeichnung für einen Viehstall, scheint es uns, dass man es vielleicht von lit. kūtė ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ trennen und für eine Entlehnung aus dt. Kote ‚die Hütte‘ halten sollte.

Lit. staldas, lett. stallis, altpreuß. staldis

Im südlichen Teil Samogitiens und in einigen westlitauischen Dialekten nahe dem ehemaligen Ostpreußen wird die Bezeichnung staldas für ein Gebäude zur Unterbringung von Vieh verwendet (Kelmė, Pagėgiai, Rietavas, Skaudvilė, Slavikai, Sudargas, Šilalė, Tauragė, Užventis, Vainutas, Varniai); daneben kommt auch die Form staldis vor (Endriejavas, Judrėnai, Juodkrantė, Nida, Sakučiai, Šilutė, Veiviržėnai).

Dieses Wort ist bereits in unseren alten Schriftdenkmälern belegt. Die Form staldoie finden wir sogar in M. Daukšas „Postille“ („Wie euer Leben in der Stallhütte und das reine Liegen in der Krippe nicht beschämt wurde“, DP, 425), deren Verfasser aus Gegenden stammte, in denen das Wort staldas heute nicht mehr gebraucht wird. Im Allgemeinen findet sich lit. staldas vor allem in den Schriften der Litauer Ostpreußens: in J. Bretkūnas „Postille“ (II, 23, 101), D. Kleins „Gesangbuch“ (32), im handschriftlichen Wörterbuch des 17. Jahrhunderts „Lexicon Lithuanicum“ („Stale Staldas, Twartas“, 82 a), kann man sagen, in sämtlichen späteren lexikografischen Werken der Litauer Ostpreußens (in den Wörterbüchern von P. Ruigys, K. Milkus, G. H. F. Nesselmann, F. Kurschat u. a.); recht häufig ist es auch in der Volksdichtung der Litauer dieser Gegend belegt35.

Neben den Formen staldas, staldis finden sich in den litauischen Dialekten auch die Formen stalnė (Padvarėliai, Tirkšliai), stalnis (Zastaučiai, Kreis Mažeikiai). Die letztgenannten Formen werden jedoch offenbar nur für große Pferdeställe, gewöhnlich auf einem Gutshof, gebraucht. Von diesen Formen ist auch das Adjektiv stalninis (arklys) (Šatės, Viekšniai) abgeleitet. Solche Bezeichnungen für Pferdeställe, insbesondere Diminutivformen, begegnen auch recht häufig in samogitischen Volksliedtexten:

„Isz — ein und Brüderchen Isz, aus einem neuen Stall kommend, ein braunes Pferd führend, auf dem Weg zur Schwester“, S. Daukantas, D. Ž., 1236.

„Geh nicht fort, Bursche, mit deinem braunen Pferdchen; dein Pferdchen steht im Stall meines Vaters.“ S. Daukantas, D. Ž., 27.

„Warst du wohl im Stall? Warst du wohl auf der Wiese, Bursche? War wohl dein Kranz dort? Im Stall auf dem Querbalken?“ S. Daukantas, D. Ž., 89.

35 Smulkioji lietuvių tautosaka XVII—XVIII a., paruošė J. Lebedys, Vilnius, 1956, p. 418, 426, 472.

36 Lieder der Žemaiten nach dem Liedbuch der Sänger zusammengestellt, Petersburg, 1846.

38

„Den einen ins Ställchen hineintreiben, den andern in den Garten, a a a dza dza dza den andern in den Garten“, S. Daukantas, D. Ž., 91.

In den zitierten Strophen der von S. Daukantas aufgezeichneten samogitischen Volkslieder werden die Wörter stalnelė, stalnė an den Stellen verwendet, an denen in anderen Varianten dieser Lieder stainėlė, stainė, stainia steht. Daher scheint es uns, dass E. Fraenkel37 diese Wörter zu Unrecht mit lit. staldas in Verbindung bringt, da ihm nur aus S. Daukantas die Form mit -ln- bekannt war: Die Formen stalnelė, stalnė sind an die Stelle der Formen stainėlė, stainė getreten. Auf ihre Veränderung könnte bisweilen auch die Form staldas Einfluss gehabt haben. Bemerkenswert ist, dass in den 1829 erschienenen samogitischen Volksliedern von S. Stanevičius nur die Form stainė belegt ist38. Die Formen stalnė, stalnīs kommen, wie wir später sehen werden, auch in den heutigen samogitischen Dialekten vor, die sich gerade in der Nähe von S. Daukantas’ Geburtsort befinden.

Ein ähnlicher Fall, bei dem der zweite Bestandteil des Diphthongs i durch den Konsonanten l ersetzt wird, liegt auch bei lit. kūlnas ‚schlechtes Pferd‘ (Giedraičiai, Videniškiai, LKŽŽd., VI, 844) neben der Form kūinas vor.

Liet. staldas šaltinis yra vid. vok. žem. stall39, dėl ll > ld plg. lat. meldēris < vok. žem. möller, est. mölder ‘Müller’, kelder ‘Keller’ ir kt.40 Kaip ir lietuvių kalboje, su formantu -ld šis tvarto pavadinimas vartojamas danų kalboje, plg. dan. stald ‘tvartas’. Apskritai, tokį tvarto pavadinimą vartoja daugelis germanų kalbų, o iš germanų jį pasiskolino ir kai kurios kitos Europos kalbos. Pirminė šio žodžio reikšmė ‘vieta stovėti’ — jis sietinas su pr. stallīt ‘stovėti’, gr. στέλλειν ‘pataisyti’, skr. sthálati ‘jis stovi’ ir kt.41

Auf ähnliche Weise entstanden semantisch Bezeichnungen für Ställe in verschiedenen idg. Sprachen, vgl. skt. gosthānam ‚Kuhstall‘, av. goostānō, ahd. ewi-st ‚Schafstall‘, lat. stabulum (dieses Wort ist die Quelle von frz. étable, span. establo, rum. staul, ngr. στάβλος, engl. stable, ir. stábla usw.): idg. *stā- ‚stehen, aufstellen‘42.

Auch im Preußischen finden wir eine Bezeichnung germanischen Ursprungs für ein Gebäude zur Unterbringung von Vieh, die lautgesetzlich lit. staldīs entspricht; vgl. das Wort 226 des Elbinger Vokabulars: „Staldis Stal“43.

Apr. staldīs ist ebenso wie lit. staldas aus dem Deutschen entlehnt, wahrscheinlich aus der mnd. Form stall44.

Im Lettischen gibt es mehrere Formen dieser Stallbezeichnung, vgl. lett. stallis ‚der Stall, vorzugsweise der Pferdestall‘, stalis, stale ‚der Stall‘ (EM, III, 1042; EH, II, 569), stalle, stēļis.

37 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 894.

38 S. Stanevičius, Dainos žemaičių, paruošė J. Lebedys, Vilnius, 1954, p. 14, 78, 122.

39 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 591; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 894.

40 J. Endzelīns, Latviesu valodas gramatika, p. 247–248.

41 F. Kluge, Et. Wb., p. 737; J. Pokorny, Et. Wb., p. 1019–1020.

42 C. D. Buck, Dic., p. 150–151; J. Pokorny, Et. Wb., p. 1004–1010; M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 350.

43 Denkmäler der preußischen Sprache, 63; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 85.

44 W. Prellwitz, Die deutschen Bestandteile in den lettischen Sprachen, Göttingen, 1891, p. 49; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 435; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 254.

39

Lat. stallis bildet in der Bedeutung „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“ auf dem Gebiet der heutigen Lettischen SSR zwei eigentümliche Verbreitungsgebiete. Zunächst wird es neben den Bezeichnungen für den Stall kūts (bzw. kūte), laidars im westlichsten Teil Lettlands verwendet – in den kurländischen Dialekten und einem Teil der semgallischen Dialekte (Aizpute, Alsunga, Barta, Blydienė, Dunika, Grobiņa, Kuldīga, Nīgranda, Piltene, Saldus, Talsi). Das zweite Verbreitungsgebiet dieser Bezeichnung, das keine unmittelbare Grenze mit dem ersten hat und von diesem ziemlich weit entfernt liegt, ist der südliche Teil der sogenannten selischen Dialekte, der an das Gebiet der Litauischen SSR grenzt (Aknīste, Asare, Biržai, Līvāni, Sauka, Subate, Zalve). Auch in diesem Gebiet ist die Form stallis nicht die einzige Stallbezeichnung: Sie wird hier neben den Bezeichnungen kūts (bzw. kūte) und klēvs (im östlichen Teil des Gebiets) verwendet. Die Form stellis kommt in Kurland vor (Piltene, Ugāle, Užava, Vārve, Zlēkas, Žūras). Die Form stalle ist nur ein einziges Mal belegt (Virbi, nördlich von Sabile). Das Wort stallis findet sich bereits in G. Mancelius’ Wörterbuch (1638), wo es neben dem Wort kūts verwendet wird. Neben anderen Stallbezeichnungen findet sich stallis auch im handschriftlichen Wörterbuch von J. Langius aus dem Jahr 1685:

„Stallis (Kuhts, Klähws) ein Stall. Sirgo=Stal= lis, ein Pferd stall. Gohwo=st. ein Vieh =st. Zuhko=stallis, ein Schwein stall,“ J. Langija Vrd., 286.

Bemerkenswert ist, dass dieser Germanismus auch im 1637 erschienenen estnischen Wörterbuch von H. Stahl zu finden ist, vgl. estn. tall45. Die abweichende Lautgestalt des lettischen Wortes könnte darauf hindeuten, dass die Letten dieses Wort zu einer anderen Zeit entlehnten als die Litauer und Preußen. Im Übrigen ist seine Quelle, ebenso wie estn. tall, mnd. stall, stal46.

Lit. pūnė, lett. pūne

Das litauische Wort pūnė wird in der Bedeutung „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“ in einem vergleichsweise kleinen Gebiet der ostoberlitauischen Dialekte verwendet (Gelvonai, Neveronys, Pabaiskas, Siesikai, Šašuoliai, Širvintos, Ukmergė, Vepriai). Diese Bezeichnung kommt auch in den auf dem Gebiet der Weißrussischen SSR gelegenen litauischen Sprachinseln vor (Geliūnai, Gervėčiai). In dieser Bedeutung ist lit. pūnė bereits in der Ausgabe des Wörterbuchs von K. Širvydas aus dem Jahr 1642 belegt: „Chlew. Stabulum, caulae, pune, gurbas“, C. Szyrwid, Dic., 29. „Koźiarnia, Caprile, caprilis casa, haedile. Obkinė pune“, C. Szyrwid, Dic., 126. „Obara, aliter: Claustrum, septum, dimitere pecus è claustris. Pune, namas“, C. Szyrwid, Dic., 233. Lit. pūnia in der Bedeutung „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“ findet sich auch in alten litauischen Dokumenten, die nicht auf Litauisch verfasst wurden. Vgl.: „Дворец, где рикуния мешкает: у дворцы гридня с присенкомъ и ку тому клетка, пуня на быдло...“ Panevėžiukas, Amtsbezirk Vilkija (Dokument aus dem Jahr 1563)47.

45 Anführung zu der Estnischen Sprach… von M. Henrico Stahlen, Revall, M.DC. XXXVII, plg. D. Zemzare, Latviešu vārdnīcas, Rīgā, 1961, p. 49–50.

46 J. Sehwers, Sprachlich-kulturhistorische Untersuchungen, p. 118; EM, III, p. 1042.

47 K. Jablonskis, Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje, p. 200.

40

„Niedaleko tego domu punia drzewiana dla bydła, słomą kryta, Wrota z deszczek na biegunach“, 1604 m. Kėdainių dvaro ir miesto inventorius⁴⁸.

Im Litauischen wird das Wort pūnė (und seine anderen Formen) auch in weiteren Bedeutungen verwendet, vgl. pūnė „Spreuscheune, Teil der Tenne zum Aufschütten der Spreu“ (Kupiškis, Naujamiestis, Vabalninkas), pūnis, -ies „мякиница“ (К. Явнис Поневежские говоры II 27), pūnia „Gebäude zur Lagerung von Getreide, Scheune“ (Dubingiai, Rimšė), pūnė (Viekšniai, Kossarzewski Lituanica 117 a)⁴⁹.

In den Schriften von M. Valančius und S. Daukantas wird dieses Wort in der Bedeutung „Hütte, Zelt“ verwendet. Vgl.:

„Petras nuo pavasario visupirma iškasęs pūnę, apstatė medžiais, paliko į urvą skylę įlįsti ir įsikūrė“⁵⁰.

„…isz mauknų palagus, punes ir lapines sau dirbo, apyniu wirkstjemis ir plauszomis bei witimis siūloje ir raiszioje“⁵¹

Eine ähnliche Bedeutung findet sich auch in einer auf den Anfang des 18. Jahrhunderts datierten Handschrift litauischer Kirchenlieder, vgl.

„Isztirt to noredami, sakima negindami, renkdamięs ing Bethleem Tokieja punioy (?) Jezu uszspeia, Jozefa ir Marya“⁵².

In den Schriften von M. Mažvydas und J. Bretkūnas finden wir dieses Wort in der Bedeutung „Höhle, Grotte“. Vgl.:

„…kaip ir liutas sawa punaeie ir plescha pawargusi kada trauk ghi ingi tinkla sawa“ (Gesmes Chriksconiskas, II, Psalmas X.)⁵³.

„Wie ein Löwe lauert …“ (BrB, Psal. X, 9).

„… sie … legt sich in einer Höhle nieder (am Rand korrigiert: Höhle, Höhle (lauert), BrB, Hiob 38, 40; im Manuskript von J. Bretkūnas 39 (ganz am Anfang).

Vgl. den deutschen Bibeltext von Martin Luther aus dem Jahr 1549:

„…wie ein Löwe in der Höhle…“ (Psal., X).

„…sie… und rügen in der Höle….“ (Hiob., 39 (ganz am Anfang).

Vgl. den lateinischen Bibeltext:

„…wie ein Löwe in seiner Höhle“ (Psal., X, 9).

„Wenn sie in den Höhlen liegen…“ (Hiob., 38, 40).

In den alten Inventaren Litauens und anderen nicht auf Litauisch verfassten Dokumenten wird das Wort punia meist in der Bedeutung „Scheune zur Aufbewahrung von Getreide, Heu und Stroh“ verwendet. Vgl.:

„Zyta w puni dersowatego y miotliastego kop piętnascie…“, 1600, Kraukėnai, Kreis Upytė.

„…punia zrobiona na zboze słomą krita, wrota proste z desk, wrzeciądz y klotka w niej; druga punia nowa ieszcze nie stawiona…“, 1598 m. Breslauja.

„… und sie gaben uns zwei Kolė Geld für diese Scheune“, 1516, Mstislaw?

48 Lietuvos inventoriai XVII a., sudarė K. Jablonskis ir M. Jučas, Vilnius, 1962, p. 19.

49 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 525.

50 M. Valančius, Paaugusių žmonių knygelė, Tilžė, 1902, p. 102; Valančiaus raštai, red. J. Balčikonis, Kaunas, 1931, p. 244.

51 Budą Senowęs – Lietuwiu Kalnienų ir Žamajtių išraszę… Jokūb’s Laukys, Petropilie, 1845, p. 16.

52 V. Biržiška, Tauta ir žodis, VII, p. 259.

53 Mažvydas seniausieji lietuvių kalbos paminklai iki 1570 metams, spaudai parūpino J. Gerullis Kaunas, 1922, p. 524.

41

„Vier Scheunen zur Lagerung von Heu, errichtete und Speicher zur Aufbewahrung von Spreu und Kleie, überdacht …“, 1756, Tradevičiai, Gouvernement Polock.

„Eine große siebeneckige Scheune zur Lagerung von Heu, aus Kiefernbalken, ohne Tor …“, 1775, Letcas, Kreis Vitebsk.54

„Am Ende dieser Scheune eine große neue Scheune aus Balken zur Aufbewahrung von Getreide, mit Stroh gedeckt, das Tor an Angeln (mit) Riegel und mit Schließhaken … diese Scheune hat insgesamt sieben Wände, jede Wand fünf Klafter lang. Wenn man aus dieser Scheune geradeaus zur zweiten geht, steht zwischen der Tenne und dem Tor ein neues Tor, auf der rechten Seite mit Schindeln gedeckt und an Angeln. Hinter diesem Tor eine Scheune aus Balken, mit Stroh gedeckt, in der Mitte zu beiden Seiten Getreidekammern und eine Tenne zum Dreschen des Getreides, der Länge nach dreißig Klafter, quer sieben, an den Enden je ein Tor an hölzernen Angeln, ein Zaun aus Flechtwerk, achtzig“, 1619, Šiaulėnai, Kreis Viduklė.

„Weitergehend eine alte, verfallene Tenne und eine große, schlechte Scheune“, 1645, Žalava, Kreis Ašmena.

„Zwei Tennen, eine mit einer Achse, die dritte eine Scheune für Stroh“, 1651, Palušė, Drevינinkai, Gouvernement Vilnius.

„Bei dieser Scheune eine hölzerne Scheune|| zur Lagerung von Roggen …“, 1700, Papalčiai55. Im Lettischen finden sich sowohl in den Dialekten als auch in verschiedenen Schriftdenkmälern Entsprechungen des litauischen pūnė, die in ähnlichen Bedeutungen verwendet werden.

Lat. pūne ‘eine Scheune; eine Heu- od. Strohscheune (die auch als Anbau errichtet wird); ein Anbau an der klēts od. an der kūts zum Heuaufbewahren, an der Riege (zum Aufbewahren von Kaff und Stroh); ein Anbau od. eine kleine Scheune für sich zum Aufbewahren von Spreu’, pūne ‘eine Scheune’, pūnis, pūnis, pūnis, pūnis ‘eine Kaffscheune; ein kleines, scheuneartiges Gebäude am Meeres- od. Seeufer zum Aufbewahren von Fischerwerkzeugen; eine kleine Scheune für Heu, Stroh und Kaff (als Anbau an der rija); Heuscheune im Walde; eine kleine Scheune für Fischergeräte; eine Bauernhütte’, pūna ‘eine Scheune beim Viehstall; Netzbude bei den Fischern’, pūnite ‘eine Scheune’, pūnītis, pūnelis ‘ein (pejoratives) Demin. zu pūnis’, pūnite ‘ein Hüttchen’ (EM, III, 413, 447; EH, II, 342).

Lett. pūnis ist bereits im Wörterbuch von G. Mancelis aus dem Jahr 1638 belegt, vgl.:

„eine Scheune, Schkunis, Wallh. Puhnis“, G. Mancelis, Lettus, 34156.

Über die Herkunft von lit. pūnė und lett. pūne gibt es zwei Auffassungen. Einige Forscher meinen, dieses Wort sei aus den slawischen Sprachen ins Litauische und Lettische gelangt.

Als Erster vertrat A. Brückner diesen Gedanken und wies darauf hin, dass pūnė ‚Stall, Verschlag fürs Vieh‘ im Wörterbuch von K. Širvydas belegt sei, während es „bei Ragnit unbek.“ sei (hier stützt er sich wahrscheinlich auf das Wörterbuch von G. H. F. Nesselmann); als Quelle des litauischen punė betrachtet er das russische oder weißrussische пунья57.

J. Endzelīns schloss sich A. Brückners Auffassung an (…nach Brückner…. aus r. пунья58), ebenso P. Skardžius (Wegen der Bedeutung wohl aus wr. пунья…59); auch der Verfasser des etymologischen Wörterbuchs der litauischen Sprache, E. Frenkelis, vertrat diese Auffassung60.

54 K. Jablonskis, Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje, S. 65, 83, 90, 225, 236.

55 Lietuvos inventoriai XVII a., S. 86, 141, 170, 436.

56 D. Zemzare, Latviesu vārdnīcas, S. 440.

57 A. Brückner. Die slavischen Fremdwörter im Litauischen, S. 123.

58 EM, III, S. 447.

59 P. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Alt-litauischen, p. 183.

60 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 667.

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Tatsächlich finden wir dieses Wort in allen benachbarten slawischen Sprachen mit nahezu denselben Bedeutungen. Vgl.:

russ. пуня „Scheune, Heuboden, Spreuboden; überdachter Heuschober; Schuppen; eine separate kleine Kammer, ein Flechtwerkverschlag, in dem allerlei aufbewahrt wird und in dem der Hausherr im Sommer schläft; westl. Stall“, пунька, В. Даль, Сл., III, 538. (Nach V. Dal’s Angaben wird dieses Wort in der Umgebung von Nowgorod, Twer [Kalinin], Rjasan, Orjol, Tambow, Kaluga und Smolensk verwendet.)

russ. пуня „Stall; Heuschuppen“, В. Добровольский, Сл., 749.

weißruss. пуня „Stall; Schuppen für Heu oder Stroh“, И. И. Носович, Сл., 538.

poln. punia „kleine hölzerne Scheune für Heu; Schuppen, Heuschober“, punka, J. Karłowicz, A. Kryński i W. Niedźwiedzki, Sł., V, 433, 435.

Wie die Daten des dialektologischen Atlas der belarussischen Sprache zeigen, wird weißruss. пуня in der Bedeutung „Gebäude zur Lagerung von Heu (manchmal auch Stroh und Getreide)“ in ganz Nord- und Ostbelarus verwendet; im westlichen Teil dieses Gebiets kommt auch die Form пунька vor, südlich von Mogiljow ist zudem die Form пуніма61 belegt. Im westlichen Teil Belarus’ wird das Wort пуня auch in der Bedeutung „Schafstall“ verwendet62.

Poln. punia wird sehr selten verwendet und ist zweifellos aus dem Russischen oder Belarussischen entlehnt.

Außer bei den unmittelbaren litauischen und lettischen Nachbarn gibt es dieses Wort in keiner anderen slawischen Sprache. Wie erwähnt, betrachten A. Brückner, J. Endzelīns, P. Skardžius und E. Fraenkel lit. pūnė, lett. pūne als Slawismus.

Eine andere Gruppe von Forschern ist der Ansicht, dass lit. pūnė und lett. pūne einheimische Wörter sind und umgekehrt aus den baltischen Sprachen in die slawischen gelangten.

Russ. пуня und weißruss. пуня hielten A. Potebnja63, E. Karski64, A. Preobrazhenskij65 und K. Būga66 für einen Baltismus. Vor allem aufgrund der geographischen Verbreitung des slawischen Wortes betrachtet es auch M. Vasmer67, der das beste etymologische Wörterbuch des Russischen verfasst hat, als Baltismus.

Welche Seite recht hat, ist tatsächlich sehr schwer zu sagen. Für die Lösung dieses Problems ist die Frage nach der Etymologie des Wortes und seiner ursprünglichen Bedeutung von großer Bedeutung.

Linguisten, die lit. pūnė und lett. pūne für Slawismen halten, haben offenbar bislang nicht versucht, die Herkunft des slawischen Wortes zu erklären. Die Vertreter der zweiten Hypothese haben zwei Etymologien für dieses Wort vorgeschlagen.

Zunächst versucht man, lit. pūnė mit skr. pūnáti „reinigt, läutert, säubert“, pá-vanah „Wind (Gott)“ und ahd. fowen „sieben“ in Verbindung zu bringen. Demnach wäre die ursprüngliche Bedeutung von lit. pūnė „Ort, an dem Getreide gereinigt wird“68. Diese Etymologie ist natürlich schwer zu beweisen. Wohl kaum konnten die alten Balten ein Gebäude besitzen, das eigens zur Reinigung von Getreide bestimmt war.

K. Būga versuchte, die Herkunft von lit. pūnė und lett. pūne anhand des Materials der baltischen Sprachen zu erklären. Er verband lit. pūnė mit lit. pūnė „das leere Ende eines Eis (пужка, тузка яйца),

61 Дыялекталагічны атлас беларускай мовы, zemėlapis 236; Дыялекталагічны атлас беларускай мовы, уступныя артыкулы і каментарыі да карт, Мінск, 1963, p. 794—797.

62 Ten pat, zemėlapis 231.

63 А. А. Потебня, К истории звуков русского языка, III, Этимологические и другие заметки, Варшава, 1881, p. 90.

64 Е. Ф. Карский, Белоруссы, I, Варшава, 1903, p. 135.

65 А. Преображенский, Эт. сл., II, p. 153.

66 K. Būga, Rinktiniai raštai. I, p. 582, II, p. 524—526.

67 M. Vasmer. Et. Wb., II, p. 464—465.

68 А. Преображенский, Эт. сл., II, p. 153; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 465.

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lett. paũna ‚Schädel, Kopf, Schnauze‘, lett. puns ‚Knolle, Erhebung, Geschwür‘. Die ursprüngliche Bedeutung von lit. pūnė war nach K. Būgas Meinung ‚Haufen, Ansammlung von Stroh, Spreu, Mist‘. Ähnliche semantische Parallelen führt er an: lett. gubenis ‚Scheune (für Stroh, Heu); Anbau an eine Darre‘, gubens, gubene, gubezis: lett. guba ‚Haufen, Schober (Heu)‘, lit. gubà, gubė; lit. kūginỹs ‚Stall‘: lit. kūgis ‚Haufen, Schober, Ansammlung‘; lit. gūbas ‚Stall‘: slow. grb ‚Hügelchen, Hügel, Buckel, Falte‘⁶⁹. Falls die dritte von K. Būga angeführte semantische Parallele Zweifel erwecken kann, sind die beiden ersten völlig überzeugend.

Insgesamt ist K. Būgas Etymologie verlässlicher als die erste Etymologie von lit. pūnė (: skr. pūnāti). Semantisch ist ein Zusammenhang von lett. paũna, lett. puns, lit. pūnė ‚leeres Ende eines Eis‘ mit der Bedeutung ‚Haufen‘ durchaus möglich; vgl. russ. куча ‚Haufen, Ansammlung‘: lit. kaukas ‚Geschwulst, Abszess‘, kaukaras ‚Hügelchen, Hügel, Erhebung‘, got. hauhs ‚hoch‘⁷⁰; lit. gumbas ‚Auswuchs, Verdickung an einer Stelle eines Baumes (einer Pflanze); schmerzhafte Schwellung, Abszess, Beule‘, lit. gumburas ‚Erhebung, Hügel‘: lett. gumba ‚Abszess; Erhebung, Haufen‘, und aus der Bedeutung ‚Haufen‘ kann, wie die genannten Parallelen zeigen (kūginys: kūgis; gubenis: guba), die Bedeutung ‚Stall‘ entstehen. K. Būgas Etymologie kann jedoch gewisse Zweifel hervorrufen, weil wir in den baltischen Sprachen keine Wörter finden, die sich mit lit. pūnė ‚Stall‘ verbinden ließen, mit lett. pūne, das in der Bedeutung ‚Haufen‘ gebraucht wird; zudem ist der semantische Sprung von ‚Abszess, Erhebung‘ zu ‚Stall‘ vielleicht zu groß. Nur dieser Umstand erlaubt es unserer Meinung nach nicht, K. Būgas Etymologie als völlig überzeugend anzusehen.

Auch die Bedeutungen von lit. pūnė werfen eine recht komplizierte Frage auf. Während die Bedeutung ‚Hütte, Zelt‘ der von M. Valančius und S. Daukantas verwendeten Wörter zweifellos leicht aus der Bedeutung ‚Stall, Scheune‘ entstanden sein konnte, ist die Entstehung der Bedeutungen ‚Höhle, Grotte‘ in den Schriften von M. Mažvydas und J. Bretkūnas weniger eindeutig. Gewiss konnte die Bedeutung ‚Höhle, Grotte‘ im Sinne von ‚Löwenbehausung‘ auch aus der Bedeutung ‚Stall‘ als ‚Behausung eines Tieres‘ entstanden sein.

Vielleicht wäre diese Bedeutungsvielfalt der baltischen Wörter ein gewisses Argument dafür, dass lit. pūnė, lett. pūne einheimische Wörter baltischer Herkunft sind.

Wie dem auch sei, es gibt dennoch mehr Hinweise darauf, dass die Slawen dieses Wort aus den baltischen Sprachen entlehnt haben, als darauf, dass die Balten es aus den slawischen Sprachen entlehnten. Eine kategorische Aussage ist derzeit jedoch nicht möglich.

Lit. nãmas, lett. nams

In einem bestimmten Gebiet Mittellitauens (Dotnuva, Ėriškiai, Krakės, Kulva, Surviliškis, Šlapaberžė, Vadaktai) wird das Wort nãmas in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ gebraucht.

In dieser Bedeutung findet sich lit. nãmas auch in der Ausgabe des Wörterbuchs von K. Širvydas aus dem Jahr 1642, vgl.:

„Obora, anders: Claustrum, eine Umzäunung; das Vieh aus den Gehegen entlassen. Pune, namas“, C. Szyrwid, Dic. 233.

Das Wort namas (in verschiedenen Formen) findet sich häufig auch in älteren Urkundendokumenten Litauens, die nicht auf Litauisch verfasst wurden. Vgl.:

„Damit das Vieh Dünger liefere, soll man es unbedingt nicht in namai, sondern in obory halten und diese nach Podlachischer Art gut befestigen …“, 1562 m. Karšuva.

69 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, S. 525–526.

70 M. Vasmer, Et. Wb., I, 708; F. Kluge, Et. Wb., p. 311; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 229–230.

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„Vom Hof kommend, zum Dreschplatz hin, ist ein Turm für das Vieh mit Stroh gedeckt, und am Ende dieses Turms ein aus Reisig errichteter Schuppen, unter einem Dach...“, 1597 m. Biliūnai, Raseinių valsč.

„Ein aus Rundhölzern errichtetes, mit Stroh gedecktes Gebäude zur Lagerung von Getreide...“, 1599 m. Žarėnai.

„Ein Gebäude für das Vieh...“, 1600 m. Dubiniai, Beržėnų valsč.

„Ein Turm, auf Litauisch nams, aus Tannenholz mit drei Wänden...“, 1619 m. Joku-biškiai prie Šiaulėnų, Viduklės valsč.

„Ein Nam, das heißt ein Turm für das Vieh, mit allem Zubehör...“, 1639 m. Sokmedžiai Višutaičiai, Tendžiogalos valsč.

„Ein Num zur Haltung des Viehs...“, 1650 m. Kretkampis, Vilkijos valsč.

„Ein Numa oder vielmehr ein samogitischer Turm zur Haltung des Viehs...“, 1675 m. Plungė.

„Ein kleiner Viehstall;... auf diesem Hof ein Numa für das Vieh; die Scheune hinter dem Numa ist mit Stroh gedeckt und mit einem Zaun umgeben, alt...“, 1676 m. Laukuva.

„Ein neuer, mit Stroh gedeckter Viehstall, zusammen mit einem Numa; ein angebauter, mit Stroh gedeckter Schweinestall...“, 1676 m. Smilgiai.

„Ein Viehstall mit Numy; dessen Tür hängt an Zapfen...“, 1678 m. Dikta-riškis, Viduklės valsč.

„Ein Stall, und an dessen Ende ein erst kürzlich aus Holz errichteter Getreideschuppen, mit Stroh gedeckt. Das für das Vieh bestimmte Gebäude, numa genannt, ist aus Wänden errichtet, am Ende mit Hecken ergänzt und mit Stroh gedeckt...“, 1705 m. Laukuva71.

„Zwei Numy. Ein Viehstall, an dessen Ende ein weiterer für Schafe, gegenüber einer für Schweine...“, 1667 m. Biržėnai72.

Aus den angeführten Beispielen ist ersichtlich, dass das Wort nãmas in diesen Dokumenten meist in der Bedeutung ‘eine bestimmte Art von Gebäude zur Haltung von Vieh’ verwendet wird. Gelegentlich kommt auch die Bedeutung ‘Gebäude zur Lagerung von Getreide’ vor. Nach Ansicht der Ethnografen war das in diesen Dokumenten erwähnte nãmas, ebenso wie viežà, „wahrscheinlich eines der frühesten Gebäude, d. h. eines mit rechteckigem Grundriss aus gefällten Baumstämmen, das mit mehreren Räumen zur Haltung von Pferden, Kühen und Kleinvieh errichtet wurde. An einem Ende wohnte manchmal auch die Familie, natürlich nur die ärmere, denn zu jener Zeit (im 16. Jh., A. S.) lebten wohlhabende Bauern bereits in Wohnhäusern“73.

In den genannten Dokumenten findet sich lit. nãmas häufig auch in Zusammensetzungen, die besondere Teile des „Hauses“ bezeichnen. Vgl.:

„....ein für das Vieh aus Rundhölzern errichteter Turm,...ein aus Rundhölzern errichteter Viehstall, an dessen Ende ein Schweinestall....“, 1602 (1603) m. Miminiai, Ukmergės p.

„Einen Turm mit einem Schweinestall und einem namakgalas, der acht Kopa Groschen gekostet hat...“, 1584 m. Padubysys, Raseinių valsč.

„....ein Turm mit einem Dach aus Brettern und einem Strohdach, aus Zweigen geflochten...“, 1603, Karklėnai Bukantai, Amtsbezirk Karklėnai.74

71 K. Jablonskis, Litauische Wörter in der Sprache der Kanzleien des alten Litauens, S. 129, 130, 131, 132; dort werden noch weitere Beispiele angeführt.

72 Inventare Litauens aus dem 17. Jahrhundert, S. 266.

73 Merkmale der litauischen Ethnographie, S. 262; vgl. auch Iz. Butkevičius, Aus der Geschichte der litauischen Kultur, II, S. 243; K. Čerbulėnas, Aus der Geschichte der litauischen Kultur, I, S. 137—145.

74 K. Jablonskis, Litauische Wörter in der Sprache der Kanzleien des alten Litauens, S. 134, 135.

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Lat. nams wird nicht in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ verwendet; einige Bedeutungen dieses Wortes stehen der genannten Bedeutung jedoch tatsächlich sehr nahe. Vgl.:

Lat. nams ‘eine aus geraden Stangen (auch aus den beiden Hälften eines quer durchgesägten, nicht mehr seetüchtigen Bootes), zusammen gestellte, kegelförmige Sommerküche; eine Sommerküche; ein kleines Gebäude, in welchem während des Sommers alles gekocht wird (im Winter nur zu Festzeiten); ein kleines Holzgebäude, in welchem fürs Vieh (ehemals auch für Menschen) gekocht wird, mit einem Herd und Kessel in der Mitte; der mittlere Teil des Wohnhauses, die Küche; „vieta istabas ēkā, kur atradās krāsns“; in manchen Gegenden ist der mittlere Raum des Hauses durch eine Wand in Küche und Hausflur geteilt; ein Vorhaus; ein Vorbau ohne Oberlage vor der Badstube mit einem grossen Kessel zum Wasserkochen; „pirts priekšā“, „pirts priekšējā telpa, kur nuogērbjas“, „piebūve pie pirts, kur veļas“; eine Hütte zum Räuchern der Strömlinge; eine aus den beiden Hälften eines quer durchgesägten, nicht mehr seetüchtigen Bootes zusammengestellte Netzhütte; ein kleines Gebäude; das Haus in der Stadt“ (EM, II, 692–3; EH, II, 4).

Bei Betrachtung dieser Bedeutungen kann man sich wohl die Meinung bilden, dass die älteste Bedeutung von lett. nams ‚Gebäude, in dem eine Einrichtung zum Heizen des Raums, zum Kochen von Speisen o. Ä. vorhanden ist‘ gewesen sein dürfte. Wahrscheinlich wurde auch lit. nãmas ursprünglich in ähnlicher Bedeutung verwendet. Natürlich lässt sich nicht behaupten, dass Litauer und Letten mit diesem Wort völlig identische Gebäude bezeichneten: Ihre Bauweise und Zweckbestimmung konnten selbst in einzelnen Gebieten Litauens und Lettlands in gewissem Maße variieren75.

In den älteren lettischen Schriften wird lett. nams häufig in der Bedeutung des lat. domus (‚Haus, Wohnstätte, Familie, Hausgemeinschaft‘) verwendet; vgl. G. Elgers „Evangelien und Episteln“ (1640),76 den Gebrauch des Wortes nams, mit dem das lat. domus übersetzt wird:

„Vnd te egaja ekszan to nammu, vnd attradda to baernu a Maria sauwa mata…“, G. Elger, 17.

„Et intrantes domum, invenerunt puerum cum Maria matre eius…“, Mat. 2, 11.

„…vnd pepildia wyssu to nammu…“, G. Elger, 86.

„…et replevit totam domum…“, Ap D, 2, 3.

„…ka mans nams tôp pepildits…“, G. Elger, 92.

„…ut impleatur domus mea…“, Luk., 14, 23.

„…vziaem ekszan sauwems nammems“, G. Elger, 98.

„…recipiant me in domos suas“, Luk., 16, 4.

„Mans nams ir wens ludzamu nams…“, G. Elger, 99.

„Quia domus mea domus orationis est…“, Luk., 19, 46.

„…wena auksta Pharisaera namma…“, G. Elger, 106.

„…in domum cuius dum Pharisaeorum…“, Luk., 14, 1.

„Vnd tas tycceia ar wyssu sauwu nammu saimu“, G. Elger, 111.

„…et credidit ipse et domus eius tota“, Jon., 4, 53.

Sogar das lat. paterfamilias übersetzt G. Elger mit tas Nammukungs (G. Elger, 92; Luk., 14,21).

Liet. nãmas wird sowohl in den alten Schriften als auch in der heutigen Sprache in der Bedeutung des lat. domus verwendet.

75 Zur Bedeutung des lett. nams vgl. Latviešu konversācijas vārdnīca, 14, Rīgā, 1936, Sp. 28400-6.

76 Evangelien und Episteln ins Lettische übersetzt von Georg Elger, Nebst einem Register seiner geistlichen Lieder aus der Zeit um 1640, herausg. K. Drāviņš, Lund, 1961.

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Zur Herkunft von lit. nāmas und lett. nams gibt es zwei Auffassungen. Einige Forscher führen es auf urslaw. domъ ‚Haus‘, russ. дом, skr. dāmah, gr. δόμος, lat. domus, arm. tun zurück und erklären die Veränderung des Konsonantismus der baltischen Wörter durch Dissimilation77. Andere neigen dazu, lit. nāmas und lett. nams mit gr. νομός ‚Weide; Wohnort, Wohnsitz‘, gr. νέμω ‚ich siedle an, bearbeite, beherrsche‘ und gr. νομεύς ‚Hirte‘ in Verbindung zu bringen78. J. Endzelīns stimmte zunächst ebenfalls dieser letzten Etymologie zu79, später neigte er jedoch dazu, lit. nāmas und lett. nams mit urslaw. domъ u. a. in Verbindung zu bringen80.

Bislang lässt sich schwer beweisen, welche Auffassung zutrifft. Uns scheint die Verbindung von lit. nāmas mit der alten indogermanischen Bezeichnung für ‚Haus‘ wahrscheinlicher. Der Wechsel von d- und n- im Wortanlaut ist jedenfalls eine recht übliche Erscheinung in den indogermanischen Sprachen, vgl. lit. devyni, lett. deviņi, urslaw. devętь: altpr. newints, skr. nava, lat. novem, got. niun; lit. debesìs, lett. debess ‚Himmel‘; urslaw. nebo, dgs. nebesą, skr. nābhah ‚Nebel, Dunst, Himmel‘, gr. νέφος ‚Wolke‘ u. a.

Lett. laidars, lit. laidaras

Lett. laidars wird in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ im Westen Lettlands, in Kurland, verwendet (Aizpute, Arlava, Blydiene, Dobele, Dunika, Kandava, Matkule, Praviniai, Saka, Tadaikiai, Tume, Užava, Vandzene, Zvardė). Diese Bezeichnung ist in dem genannten Gebiet nicht die einzige: Sie wird dort meist neben anderen lettischen Bezeichnungen für den Stall verwendet (kūts, kūte, stallis, stēllis). Mitunter bezeichnet laidars nur einen großen Stall (Kandava, Laidze, Upesgrīva). Manchmal empfinden die Sprecher des Dialekts laidars als archaisch (Kazdanga, Skaistkalne).

Lett. laidars wird neben der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ auch in anderen Bedeutungen verwendet, vgl. ‚ein eingefriedigter Platz vor dem Viehstalle, wo das Vieh hineingelassen wird; die Düngerstätte innerhalb des Stallkarrees; der von ringsum gebauten Viehställen gebildete Platz; eine Hürde fürs Vieh auf dem Felde‘ (EM, II, 402; EH, I, 711). Neben der Form laidars kommen in den lettischen Dialekten auch die Formen laidaris, laiders, lāideris, lāideris, lāideris, leīdars, leideris vor (EM, III, 402, 403, 446; EH, I, 711, 712). Es finden sich sogar die Formen laidārzs, leidārzs, die durch Volksetymologie entstanden, indem diese Wörter mit lett. dārzs ‚Garten, Gemüsebeet‘ in Verbindung gebracht wurden (EM, II, 402). Auch Zusammensetzungen sind gebräuchlich: ārlāidars ‚Hürde für das Vieh auf dem Felde‘ (EM, I, 243; EH, I, 195), laūklāidars (EM, II, 426; EH, I, 722).

Lett. laidars ist bereits in den Schriften von G. Mancelis belegt.

Lit. laidaras wird nicht in der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ verwendet. Im Übrigen ist sein Gebrauch dem von lett. laidars sehr ähnlich, vgl. lit. laidaras ‚Einzäunung bei den Ställen, in die das Vieh getrieben wird, Hofraum; eingezäunter Platz auf der Weide, in den das Vieh getrieben wird‘, laidaris, laidarỹs, lāideris (LKŽd., VII, 15, 16). Die Form laidaris ist auch in der Bedeutung ‚Mistgrube; Misthaufen, Kehrichthaufen‘ belegt (A. Bezzenberger, Lit. Forsch., 132; LKŽd., VII, 16). Eine ähnliche Bedeutung ist auch für die Form lāideris belegt (G. H. F. Nesselmann, Wb., 351; LKŽd., VII, 16).

77 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 483; V. Mažiulis, LKK, II, p. 14; J. Pokorny, Et. Wb., p. 199. J. Pokornys Auffassung zur Herkunft von lit. nāmas und lett. nams ist ziemlich unklar: An einer Stelle des Wörterbuchs erklärt er, dass „lit. nāmas... ist aus *damas dissimiliert“ (p. 199), an anderer Stelle bringt er das Wort mit gr. νέμω in Verbindung (p. 763–764).

78 R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 193; P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 31; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 361.

79 EM, II, p. 693.

80 J. Endzelīns, Filologu biedrības raksti, 12, p. 175–176.

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Wie die Kartothek des Atlas der litauischen Sprache zeigt, wird lit. la ūdaras (la ū darin, la ūdarỹs, la ūderis) in Niederlitauen und in einem kleinen Teil des westaukštaitischen Dialektgebiets (Joniškis, Kriukai, Šakyna, Žagarė) verwendet81. F. Kuršaitis kannte dieses Wort nicht aus der lebendigen Sprache. Unter den früheren litauischen Autoren verwendet das Wort la ūdaras offenbar nur S. Daukantas.

Die Bedeutung von lett. la ū daras ‘Gebäude zur Unterbringung von Vieh’ ist jüngeren Datums. Die ursprüngliche Bedeutung von lett. la ū-dars und lit. la ūdaras lautet ‘Umzäunung für Vieh’. Aus dieser Bedeutung entwickelte sich die Bedeutung ‘Gebäude zur Unterbringung von Vieh’. Ein analoger Bedeutungswandel, wie wir gesehen haben, trat auch bei den Bedeutungen von lit. tvãrtas ein.

Lit. la ūdaras und lett. la ū dars werden mit lit. leisti, lett. la īst, lit. palãidas und anderen Wörtern derselben Wurzel in Verbindung gebracht82.

Lit. daŋgtis

In einem recht kleinen Gebiet Mittellitauens (Darsūniškis, Kaišiadorys, Kruonis, Palomenė, Užuguostis, Viev is, Žasliai) wird das Wort daŋgtis in der Bedeutung ‘Gebäude zur Unterbringung von Vieh’ verwendet. Nach den Belegen in der Kartothek des akademischen Wörterbuchs der litauischen Sprache zu urteilen, wurde dieses Wort in dieser Bedeutung früher wahrscheinlich in einem etwas größeren Gebiet gebraucht (belegt aus den Umgebungen von Balbieriškis, Daugai, Šilavotas und Valkininkai).

In dieser Bedeutung findet sich lit. daŋgtis bereits 1600 in der sogenannten Postille von J. Morkūnas, vgl.:

„…nur im armen Danktia, in dem Vieh zusammengetrieben wurde“, Post., 26.

Lit. daŋgtis wird auch in der Bedeutung ‘Scheune, Dreschplatz’ verwendet (LKŽd., II, 176).

Die Herkunft dieses Wortes lässt keinen Zweifel zu. Lit. daŋgtis wird neben den bereits genannten Bedeutungen auch in den Bedeutungen ‘Abdeckung, Deckel, Oberseite’ und ‘Dach’ verwendet. Aus der letztgenannten Bedeutung entwickelten sich auch die Bedeutungen ‘Stall’ und ‘Scheune’, vgl. lit. stõgas ‘Dach eines Gebäudes’: lit. stõginė ‘Unterstand zum Lagern von Stroh oder Heu; Scheune’.

In den übrigen baltischen Sprachen finden sich keine Bezeichnungen für Gebäude zur Unterbringung von Vieh, die auf diese Wurzel zurückgehen.

Lit. kūginys

In einem kleinen Gebiet der osthochlitauischen Dialekte (Alizava, Jutkonys, Kupiškis, Salos, Skapiškis) wird das Wort kūginys in der Bedeutung „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“ verwendet. Früher war das Verbreitungsgebiet dieser Stallbezeichnung offenbar größer; inzwischen wird sie zunehmend durch die weiter verbreiteten gurbas, kūtė oder sogar durch das aus der Schriftsprache übernommene tvãrtas verdrängt.

Lit. kūginys in der Bedeutung „Gebäude zur Unterbringung von Vieh“ findet sich bereits in M. Daukšas Postille. Vgl.:

„…und was Schlimmeres: Die Häuser Gottes sind wahrlich zu kūginys für euch geworden…“, DP, 412.

„…in einen kaniūkštė oder in einen umgestürzten dargu kūginys…“, DP, 534.

Die Tatsache, dass das Wort kūginys in M. Daukšas Postille belegt ist, deutet ebenfalls darauf hin, dass dieses Wort früher weiter verbreitet war.

Auch die Herkunft von Lit. kūginys ist unzweifelhaft: Es ist mit lit. kūgis „großer Heu-, Stroh- oder sonstiger Haufen, Schober, Heuschober; kleiner Haufen zusammengerechten Heus oder Sommergetreides; Holzstapel, Holzstoß“ (LKŽd., VI, 775–6) zu verbinden; zur Semantik vgl. lett. gubenis

81 Der Autor verwendete von E. Grinaveckienė zusammengestelltes Material.

82 EM, II, p. 402; P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 302; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 330.

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„Scheune (für Stroh, Heu); Anbau an einer Tenne“: lett. guba, lit. gubà und vielleicht auch lit. pūnė: lit. pūnė ‚das leere Ende eines Eis‘, lett. puns ‚Knoten, Erhebung, Geschwür‘83.

Lit. abārēs

In einem bestimmten Gebiet Mittellitauens, ungefähr zwischen Dotnuva und Kražiai (Kiaunoriai, Kubiliai, Kušleikiai, Tytuvėnai), wird die Bezeichnung abārės für ein ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ verwendet; daneben kommen auch die Formen abārai (Krakės, Pakražantis), abārios, abāros, abariškas (Merkinė) vor, LKŽd., I(2), 2–3. Diese Bezeichnung bildet kein geschlossenes Gebiet, sondern wird meist neben anderen Bezeichnungen für den Viehstall verwendet. Außerdem bezeichnet sie gewöhnlich einen großen Stall. Vereinzelt sind diese Wörter auch an Orten belegt, die außerhalb des von uns angegebenen Gebiets liegen (Garliava, Liškiava, LKŽd., I(2), 2).

Neben der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ werden diese Wörter auch in den Bedeutungen ‚Hof, Innenhof‘ (abarà, ābaras) und ‚große Scheune‘ (abārės) verwendet (LKŽd., I, (2), 2)84.

Die Quelle von lit. abārės und den anderen Formen dieses Wortes ist poln. obora ‚Gebäude für Rindvieh; Hof; Platz vor dem Vieh- oder Pferdestall‘85.

Poln. obora hat Entsprechungen auch in anderen slawischen Sprachen, vgl. russ. обора ‚Gehege, Koppel‘, обвора (В. Даль, Сл., II, 585), bulg. обор ‚Stall‘, serb.-kroat. обор ‚Gehege, Koppel, Hof am Haus‘, slowen. obor ‚Gehege‘, tschech. obora.

Weiterhin sind diese Wörter mit urslaw. воръ ‚Gehege‘, russ. вергать ‚hineinstecken, etwas hineinlegen, verstecken, begraben; graben, herumgraben‘ (В. Даль Сл., I, 178), altslaw. върети ‚stecken‘, poln. wrzeć ‚schließen‘, tschech. otevriti ‚öffnen‘ zu verbinden. Derselben idg. Wurzel gehört auch lit. vērti an86.

Lett. klēvs

Lett. klēvs wird mit der Bedeutung ‚Gebäude zur Unterbringung von Vieh‘ im östlichen Teil Lettlands, in Latgale, verwendet (Balvi, Daugavpils, Ilūkste, Kārsava, Krāslava, Preiļi, Rēzekne, Viļāni, Zilupe). Neben der Form klēvs kommt gelegentlich auch die Form klāvs vor (Atašiene, Līvāni, Pilda, Preiļi). Die Stallbezeichnung mit dieser Wurzel ist in dem genannten Teil Lettlands sehr geschlossen verbreitet; nur im westlichsten Teil dieses Gebiets kommt sie gelegentlich neben der Bezeichnung kūts (bzw. kūte) vor, während im Südwesten (um Līvāni, Subate, Viesīte) neben klēvs nicht nur kūts (bzw. kūte), sondern auch stallis vorkommt.

Die Stallbezeichnung mit dieser Wurzel findet sich bereits in den ältesten lettischen Sprachdenkmälern. Dort wird jedoch nicht eine o-stämmige, sondern eine Form auf -ā verwendet: klēva. Vgl.:

„Stall, Stallis, Kuhts, Wallh. Seelb… Klähwa“, G. Mancelis, Lettus, 173.

„Ochsenstall, Wehrsckuhts, klähwa, Wallh.“, G. Mancelis, Lettus, 134.

„Kuhts (klähwa) ein Stall“, J. Langija Vrd., 125.

Im Wörterbuch von G. F. Stender aus dem Jahr 1761 wird lett. klahwa als ein Wort der oberlettischen Mundart gekennzeichnet.

83 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, S. 525–526.

84 K. Būga, Rinktiniai raštai, III, S. 284–285.

85 A. Brückner, Die slavischen Fremdwörter im Litauischen, p. 66; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1.

86 A. Brückner, Sl. et., p. 371; M. Vasmer, Et. Wb., I, 184; II, 243; V. Machek, Et. sl., p. 332; K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 285.

4. Iš lietuvių leksikologijos ir leksikografijos

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Die Formen klahws, klehws sind in K. Ulmanns 1872 erschienenem Wörterbuch zufällig belegt87. G. Mancels Verweis Wallh. (=Wallhof, lettisch Valle, später Taurkalne (östlich von Jaunjelgava)) deutet darauf hin, dass das Verbreitungsgebiet der Stallbezeichnung mit dieser Wurzel früher etwas weiter nach Westen reichte als ihr heutiges Verbreitungsgebiet.

Im Lettischen ist klēvs in Nereta auch in der Bedeutung „Dreschtenne (kluons)“ belegt (EH, I, 616).

Ins Lettische gelangte diese Stallbezeichnung aus dem Slawischen, vgl. russ. хлеб, weißruss. хлебу, Gen. хлява, ukrain. хлів, poln. chlew usw. Es lässt sich schwer sagen, aus welcher slawischen Sprache die Letten dieses Wort übernommen haben. J. Endzelīns betrachtet russ. хлеб als Quelle. Auch die Entstehung dieser Stallbezeichnung in den slawischen Sprachen selbst ist recht unklar. Dennoch ist die Mehrheit der Forscher der Ansicht, dass die Slawen dieses Wort von den Goten übernommen haben, vgl. got. hlaiw „Grab, Höhle“89. Wie wir sehen, unterscheiden sich die Bedeutungen der gotischen und slawischen Wörter erheblich. Die ursprüngliche Bedeutung des slawischen Wortes könnte „Höhle, Erdbau“ gewesen sein.

In den baltischen Sprachen finden sich zahlreiche spezielle Stallbezeichnungen für einzelne Tierarten.

Pferdeställe

Lit. arklidė (Gaižūnai, Gudaičiai, Kriaušiškiai, Kriukai, Žagarė; aus der Literatursprache auch in andere litauische Dialekte übernommen), arklūdė (ein in der lebendigen Sprache nirgends belegtes Wort, vgl. LKŽd., I (2), 307, nach dem Wort pelūdė gebildet), arklinis (Dūkštas, Kazitiškis, Luodžiai, Šešuolėliai), arklinė (Alanta, Antalieptė, Ažytėnai, Daugailiai, Dubingiai, Giedraičiai, Lyduokiai, Skudutiškis, Šašuoliai, Videniškis, Želva), arkliniñkas (Alsėdžiai, Budriai, Girdiškė, Kaltinėnai, Lauko Soda, Pakražantis, Skuodas, Šakiai, Tirkšliai, Varduva), arklinýkas (Alovė, Barzdai, Butrimonys, Daugai, Kuršiai, Marijampolis, Mauručiai, Medeišiai, Nedingė, Nemaniūnai, Rimšė, Tverečius, Varėna, Žagarai), arklinýkė (Kruonis, Liškiava, Mašnyčia, Panošiškis, Pašlavantis, Savilionys, Šklėriai, Valkininkai, Vydeniai), vgl. auch LKŽd., I (2), 305–7): lit. arklỹs90.

Lit. arkliatvartis (Lazdijai, LKŽd., I (2), 305) < arklỹs + tvártas.

Lit. stainia (ein in fast allen litauischen Dialekten gebrauchtes Wort), stainė (Aukštadvaris, Daugėliškis, Eriškiai, Girkalnis, Gražiškiai, Kurtuvėnai, Pabaiskas, Raguva, Ramygala, Tytuvėnai, Troškūnai, Užventis, Venpriai), stainis (Gaižūnai), staininė (Kražiai, Sereikonai) < poln. stajnia „Pferdestall“91.

Lit. stonia (Alunta, Garliava, Jurbarkas, Kalvarija, Kamajai, Kapsukas, Liudvinavas, Pandelys, Rokiškis, Švėdasai, Šalčininkai) geht auf eine ältere polnische Wortform stania zurück92. Das polnische stania ist ein Wort polnischen Ursprungs, das mit dem Verb stać „stehen“93 zusammenhängt.

In Sprachdenkmälern der litauischen Sprache Ostpreußens findet sich die Form stonė. Vgl.:

87 D. Zemzare, Latviešu vārdnīcas, p. 439.

88 EM, II, p. 225.

89 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 245–246; F. Sławski, Sl. et., I, p. 66.

Bei der Angabe der geographischen Verbreitung der Wörter wurde das von B. Vanagienė zusammengestellte Material des Litauischen Sprachatlasses verwendet.90

91 A. Brückner, Die slavischen Fremdwörter im Litauischen, p. 136; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 892.

92 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 912; S. Reczek, Podręczny słownik dawnej polszczyzny, Wrocław–Warszawa–Kraków, 1968, p. 469.

93 A. Brückner, Sl. et., p. 512, 513.

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„Stónė, ės, f. ein gebrückter Stall“, P. Ruhig, Lex., I, 142.

„Pferdestall, gebrückt, Stónė, ės. f.“, P. Ruhig, Lex., II, 277.

„Pferdestall, gebrückt, Stónė, ės, f.“, Chr. Mielcke, Wb., II, 370.

Wahrscheinlich findet sich der ė-stämmige Formtyp auch in den von L. Rėza veröffentlichten Liedern:

„Dūsu Stonę kloti,

Beram mano Žirgáczui“

(Aufgezeichnet in der Gegend von Isrutis)94.

Im Wörterbuch von M. Nyderman, A. Senas, F. Brenderis und A. Salys findet sich die Form staunià (Wb., IV, 93). In der Kartei des Akademischen Wörterbuchs der litauischen Sprache ist diese Form nicht belegt; dort ist jedoch das Adjektiv staũnas „gut gefüttert, zum Fahren bestimmt (vom Pferd)“ (Debeikiai) belegt; vgl. lit. staininis: stainia, stóninis: stonia, was dafür spräche, dass die Form staunià ein verlässlicher Sprachbeleg ist.

Lit. strãje in der Bedeutung „Pferdestall“ findet sich in den Sprachdenkmälern der Litauer in Ostpreußen. Dort sind verschiedene Formen dieses Wortes belegt. Vgl.:

„Straja, ós, f. die Streu, das Streustroh (Ragnit); dann auch der Stall, bes. der Pferdestall (häufig in Dainos). Vgl. Sztrajus.

Straje, ės, f. dasselbe (Ragnit).

Strajus, aus, m. dasselbe.

Strajélė, ės, f. Verkleinerungsform, dasselbe.

Strajùžė, ės. f. Verkleinerungsform, dasselbe.

Strajininkas, m. ein Stallknecht, Pferdeknecht; ein Stallpferd“, G. H. F. Nesselmann, Wb., 505.

„strāja, -os, Subst. f. ein ausgebrückter und mit Streustroh ausgestreuter Pferdestall“, F. Kurschat, Wb., 407.

In den von V. Kalvaitis veröffentlichten litauischen Volksliedern finden wir auch die Form stragelė (in der Umgebung von Ska... aufgezeichnet)95. Auch das Wort stragininkas in Chr. G. Milk aus Wörterbuch, das mit -g- gebraucht wird, zeigt die Form dieses Wortes:

„Stallpferd, Arklys Stóninink's, Straginink's“, Chr. G. Mielcke, Wb., II, 450.

Es finden sich auch Formen dieser Bezeichnung für den Pferdestall mit dem anlautenden št-. Vgl.:

„Steh auf, Väterchen, steh auf, du Alter,

Gib mir den Schlüssel zum št rejaus…

In den št rejeli trat ich ein,

An das Pferdchen lehnte ich mich“

(Ein im Memelland aufgezeichnetes litauisches Volkslied)96.

Wie wir sehen, hat sich in diesen Beispielen auch der Vokalismus der Wurzel verändert. Die Form strėja ist auch im Wörterbuch von M. Nyderman, A. Sen, F. Brender und A. Salis belegt (Wb., IV, 116).

94 L. Rėza, Lietuvių liaudies dainos, I, Vilnius, 1958, p. 226; V. Kalvaitis, Prūsijos Lietuvių dainos, Tilžė, 1905, p. 296.

95 V. Kalvaitis, Prūsijos Lietuvių dainos, S. 13.

96 Tautosakos darbai, VII, Kaunas, 1940, p. 34.

4*

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Über die Herkunft von lit. strājē gibt es zwei Auffassungen. Schon J. Šmits97 und P. Personas98 (mit Vorbehalten) hielten lit. strāja für ein einheimisches Wort und stellten es zu den Wörtern der idg. Wurzel *ster-, *steru-: *streu- ‘ausbreiten, ausstreuen’, vgl. skr. strṇāti ‘streut (hin), bestreut; wirft hin, wirft nieder’, lat. sternō, -ere ‘hinstreuen, hinbreiten; niederstrecken’, sen. slav. prostrěti ‘ausbreiten’, russ. споръ ‘Ordnung’ u. a. Die Herkunft von lit. strājē wird auch in den etymologischen Wörterbüchern von M. Vasmer99, J. Pokorny100 und A. Walde so erklärt (allerdings heißt es in der zweiten Auflage von A. Waldes Wörterbuch unter Berufung auf einen Brief von H. Hirt, lit. strāja könne auch ein Germanismus sein)101.

Eine solche Erklärung der Herkunft von lit. strājē ist zweifellos falsch. Sie war bereits von K. Būga in den Anmerkungen und Ergänzungen zu A. Preobraženskis etymologischem Wörterbuch der russischen Sprache hinreichend überzeugend kritisiert worden. K. Būgas Arbeit wurde jedoch erst 1959 veröffentlicht, sodass die Forscher bis dahin nicht darauf zurückgreifen konnten.

Wie K. Būga102 richtig bemerkte: Wer die Erklärung von lit. strājē in F. Neselmanns Wörterbuch aufmerksam liest, wird es nicht mit slav. strojiti und anderen Wörtern vergleichen. Tatsächlich zeigt die Erklärung dieses Wortes in den Wörterbüchern von F. Neselmann und F. Kurschat seine semantische Entwicklung und Herkunft.

Die Quelle von lit. strājē ist also dt. Streu ‘Einstreu’, vgl. die ostpreußisch-deutschen Formen dieses Wortes štraie, štrei103. Im Litauischen verlief die semantische Entwicklung dieses Lehnworts folgendermaßen: ‘Einstreu, Streustroh’ → ‘eingestreuter Stall’ → ‘Pferdestall’.

Dass lit. strājē aus dem Deutschen stammt, zeigen auch die bereits erwähnten parallelen Formen strāgē, štrajus104. Diese Annahme wird auch durch die geographische Verbreitung des Wortes bestätigt: Dieses litauische Wort findet sich nur in den Sprachdenkmälern der litauischen Sprache Ostpreußens sowie in der Folklore der Litauer dieser Gegend und der Umgebung von Klaipėda.

K. Būga weist darauf hin, dass die Form strāja im Litauischen unmöglich ist: Die im Wörterbuch von F. Kurschat angeführte Form ist nur eine graphische, keine lautliche Wiedergabe des Wortes, denn in Kurschats Dialekt heißt es strājē > strājē, und anstelle des unbetonten -e am Wortende schreibt er ziemlich häufig -ia.

Die Herkunft von lit. strāja, štraja, štrajus ‘Streu’ hatte K. Alminauskis105 bereits richtig angegeben.

Auch im Wörterbuch von E. Frenkel wird lit. strāja tendenziell als Germanismus betrachtet. Unter anderem wird dort das Argument angeführt, dass dieses Wort in der Bedeutung ‘Einstreu’ in den slavischen Sprachen nicht vorkommt106.

Dt. Streu ‘Einstreu’ ist mit dem Verb streuen ‘streuen, ausstreuen, einstreuen’107 zu verbinden, das seinerseits mit skr. strṇāti und anderen Wörtern dieser Gruppe verwandt ist.

Im Lettischen finden sich die Wörter streija, Pl. streijas ‘die Streu (für Pferde und Vieh)’, streijāt ‘streuen, ausstreuen, Streu ausbreiten’, strejāt (EM, III, 1085; EH,

97 Joh. Schmidt, Zur Geschichte des indogermanischen Vokalismus, II, Weimar, 1875, p. 258.

98 P. Persson, Beiträge zur indogermanischen Wortforschung, Uppsala, 1912, p. 787.

99 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 29.

100 J. Pokorny, Et. Wb., p. 1030.

101 A. Walde, Et. Wb., II, p. 590–591.

102 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 606.

103 K. Alminauskis, Die Germanismen des Litauischen, p. 137, 138.

104 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 606.

105 K. Alminauskis, Die Germanismen des Litauischen, p. 120, 137, 138.

106 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 917.

107 F. Kluge, Et. Wb., p. 758.

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II, 586), deren Quelle mnd. strei, streu ‘allerlei Abfall’, strei(g)en ‘streuen’¹⁰⁸ ist. In der Bedeutung ‚Pferdestall‘ wird lett. streja jedoch nicht verwendet.

Lit. kaniušnia (Miežionys, Vigutėnai, Zarasai), kaniukštė (Aukštadvaris, Jotainiai, Ramygala); diese Bezeichnung für einen Pferdestall ist auch in unseren alten Schriften recht häufig belegt: kaniukšlė (DP, 39), kaniukšne (MP, 202), kaniukštė (MP, 375; DP, 373, 534), vgl. LKŽd., V, 210). Die Form kaniukšne findet sich auch in der I. Auflage von K. Sirvydas’ Wörterbuch:

„Stajnia, Stall, Pferdestall, Ochsenstall, Schafstall“, Dic., 175.

In der III. Auflage von K. Sirvydas’ Wörterbuch wird die Form kaniušne verwendet (Dic., 422).

Diese Bezeichnung für einen Pferdestall gelangte aus dem Slawischen ins Litauische; vgl. weißruss. канюшня, russ. конюшня, poln. koniusznia. Die Litauer entlehnten es wahrscheinlich aus dem Weißrussischen¹⁰⁹. Formen mit eingeschobenem -k- sind erst im Litauischen entstanden. In litauischen Dialekten wird k ziemlich häufig sporadisch zwischen einen Vokal (Diphthong) und s oder š eingeschoben, besonders wenn darauf ein Konsonant folgt¹¹⁰. Im Litauischen entstand auch die Form kaniukšlė; vgl. lit. šermukšlė neben šermukšnė, šermukšnis, krūmokšlis neben krūmokšnis und anderem¹¹¹.

Lit. kaniukšlė (Notėnai, Židikai), kaniukštis (Gudeliai) werden auch in der Bedeutung ‚Schweinestall‘ verwendet (LKŽd., V, 210).

Lett. zirgstallis (EM, IV, 727) < zirgs ‚Pferd‘ + stallis.

Lett. zirgsklēvs (EH, II, 808) < zirgs+klēvs.

Wie bereits erwähnt, wird im Lettischen in der Bedeutung ‚Pferdestall‘ häufig das Wort stallis verwendet.

Schweineställe

Lit. kiaulidė (Aukštadvaris, Dotnuva, Kėdainiai, Nemajūnai, Pabiržė, Pakruojis, Saločiai, Šeduva, Šilalė, Šiluva, Švėkšna, Utena, Žagarė; aus der Literatursprache weit verbreitet, auch in anderen Dialekten), kiaulininkas (Alsėdžiai, Girkalnis, Kelmė, Kražiai, Kriukai, Kudirkos Naumiestis, Kuršėnai, Kvėdarna, Lieporiai, Papilė, Raudonė, Rietavas, Salantai, Sintautai, Skuodas, Šakiai, Šakyna, Tirkšliai, Užventis, Vegeriai, Veiviržėnai, Viduklė); auch die Form kiaūlininkas; kiaulinýkas kommt vor (Alytus, Alksnėnai, Alvitas, Barzdai, Garliava, Igliauka, Jieznas, Kalvarija, Kapsukas, Kazlų Rūda, Lekėčiai, Liubavas, Mauručiai, Medeišiai, Pilviškiai, Rudamina, Rumšiškės, Skriaudžiai, Tverečius, Vilkaviškis); auch die Form kiaulinýkas; kiaulinis wird verwendet (Balčiai, Dūkštas, Inturkė, Kazitiškis, Puvočiai, Širvintos, Videniškis); auch die Form kiaūlinis; kiaulinys (Minkūnai, Molėtai, Vilūčiai); kiaulinė (Balninkai, Dūkštas, Giedraičiai, Markutiškiai, Okainiai, Skudutiškis, Šimonys), kiaulinėčius (Antalieptė, Dubičiai, Kaniava, Paditvys, Pelesa, Plikiai, Rudnia, Vydeniai, Zarasai); kiaulinýčia (Kapsukas, Parovėja); auch die Form kiaulinýčia; kiaulynas (LKŽd., V, 696), kiaulinės ‚Schweineställe‘ (LKŽd., V, 696); vgl. LKŽd., V, 695–7): lit. kiaulė.

Lit. migis (Aukštadvaris, Ažytenai, Čiobiškis, Daugėliškis, Eriškiai, Kulva, Okainiai, Palomenė, Pašušvys, Surviliškis, Šlapaberžė, Vepriai, Žeimys), erwähn-

¹⁰⁸ J. Sehwers, Sprachlich - kulturhistorische Untersuchungen, p. 123.

¹⁰⁹ P. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen, p. 95.

¹¹⁰ Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, p. 194–195; J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, I, p. 383–384.

¹¹¹ P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 293.

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In diesen Orten kommt bisweilen auch die Form migys; migelis (Gelvonai, Pociūnėliai, Pašušvys, Siesikai) vor: lit. migoti, vgl. migis ‚Lager eines Tieres‘. Aus dieser letzteren Bedeutung entwickelte sich die Bedeutung ‚Schweinestall‘.

Lit. namėlis (Aukštadvaris): lit. namas. Lit. namas wird, wie wir gesehen haben, auch in der Bedeutung ‚Stall‘ verwendet.

Lit. svinárnykas (Šklėriai, Vievis, Žietela) < weißruss. свінарнік, vgl. auch russ. свинарник: свинья ‚Schwein‘.

Lit. kiaulmigys (Alanta, Anykščiai, Dusetos, Gražiškiai, Karsakiškis, Krakės, Krekenava, Musninkai, Pabaiskas, Panevėžys, Pociūnėliai, Raguva, Siesikai, Sodeliai, Šašuoliai, Želva); auch die Formen kiaūliamigis, kiāulamagis, kiāūmigis werden verwendet (LKŽd., V, 688, 693, 701) < kiaulė+migis.

Lit. kiaūlatvartis (LKŽd., V, 688), kiaulėtvartis (LKŽd., V, 691), kiauliatvartis (LKŽd., V, 695), kiaūltvartis (LKŽd., V, 701), keltvartis (LKŽd., V, 552) < kiaulė+tvartas.

Lit. kiaulākūtė (Šatės, LKŽd., V, 688) < kiaulė+kūtė

Lit. kiaūliagurbis (Dusetos, LKŽd., V, 693) < kiaulė+gurbas.

Lit. kiaūlstaldis (LKŽd., V, 700) < kiaulė+staldas.

Lett. cūkkūts (EM, I, 398; EH, I, 281) < cūka ‚Schwein‘+kūts.

Lett. cūkklevs (EH, I, 281) < cūka+klēvs.

Lett. cūkstallis (EH, I, 281) < cūka+stallis.

Die Bezeichnung für einen Schweinestall ist auch in den Denkmälern des Altpreußischen belegt: Seweynis Sewstal (Wort Nr. 229 im Elbinger Vokabular)112. Das altpreußische seweynis, wobei unklar ist, inwieweit diese Schreibweise der tatsächlichen Form des altpreußischen Wortes entspricht, ist mit den entsprechenden Bezeichnungen für das Schwein in den baltischen Sprachen zu verbinden; vgl. altpreußisch swintian, lettisch suvens, sivens113.

Schafställe

Lit. avidė (Derveliai, Gadūnavas, Gaižūnai, Kėdainiai, Kietaviškės, Kupiškis, Raginėnai, Surviliškis, Svobiškis; aus der Literatursprache ist dieses Wort auch in andere Dialekte gelangt; schließlich kann auch in den hier genannten Orten avidė nicht immer ein alter Sprachbeleg sein), aviniūkas (Alsėdžiai, Barčiai, Drobūkščiai, Dubičiai, Girdžiai, Lauko Soda, Laužai, Pakražantis, Rėkščiai, Sintautai, Skirpsčiai, Slavikai, Šiauduva, Varduva), avinykas (Dailidės, Mauručiai, Miežionys, Onuškis, Palomenė, Pavinkšniai, Rimšė, Sekonys, Tverečius), avinykė (Birštonas, Butrimonys, Čiobiškis, Darsūniškis, Daukšiai, Igliauka, Kalvarija, Kapčiamiestis, Kruonis, Liškiava, Marijampolis, Nauja Ūta, Paparčiai, Pašlavantis, Simnas, Vievis), avinė (Armališkės, Kaniava, Širvintos), avikinė (Giedraičiai, Minkūnai, Musninkai, Naujamiestis, Pagiriai, Šašuoliai, Vaiskūnai, Žeimelis), avikinis (Radžiūnai, Raguva), avikė (Darsiškiai, Kableliai, Lukštai), avėlinis (Dūkštas, Želva), avinyčia (Alksnėnai, Dotnuva, Juknaičiai, Smalininkai); vgl. außerdem LKŽd., I (2), 523, 525, 527, 528): lit. avis.

Lit. jāuja (Lazūnai, LKŽd., IV, 299): lit. jāuja „Gebäude zum Trocknen und Brechen von Flachs“.

112 Denkmäler der preußischen Sprache, S. 63.

113 A. Sabaliauskas, LKK, X, S. 171–172.

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Lit. avītvartis (Kaniava, LKŽd., I(2), 530) < avis + tvārtas.

Lett. āitstallis (EH, I, 5) < āita ‘Schaf’ + stallis.

Lett. avikūts (EH, I, 190) < avs ‘Schaf’ + kūts.

Kuhställe

Lit. karvidė (Gaižūnai, Kapčiūnai, Lieporiai, Lukošaičiai, Nairiai, Noriūnai, Rūdupiai, Salamiestis, Sodeliai, Telšiai; aus der Schriftsprache ist dieses Wort auch in verschiedene andere litauische Dialekte gelangt. Zudem kann auch hier in den genannten Orten karvidė mitunter ein erst vor Kurzem aufgekommenes Wort sein), karvini̇ṅkas (Alsėdžiai, Eidżiotai, Salantai, Skripščiai, Vardūva), karvinẏkas (Biržiniškė, Mauručiai, Medeišiai, Rimšė, Sekonys, Tverėčius, Vištytis), karvini̇ṅkė (Ratnyčia, LKŽd., V, 357), karvinis (Kazitiškis, Luodžiai), karvinỹs (Molėtai, LKŽd., V, 358), vgl. auch LKŽd., V, 357–8): lit. kárvė.

Lit. bandini̇ṅkas (Drobūkščiai, vgl. auch LKŽd., I(2), 640): lit. bandà.

Lit. galvijinė (Joniškis), galvininkas ‘Stall für Rindvieh’ (LKŽd., III, 84): lit. galvijas.

Lit. gyvulini̇ṅkas (Šakiai): lit. gyvulỹs.

In der Bedeutung ‚Kuhstall eines Gutshofs‘ wurde auch lit. abārės (Kaunatava, Pakšteliai, Papilė, Raudėnai) verwendet.

Lit. jautidė ‘Ochsenstall’ (LKŽd., IV, 323), jautini̇ṅkas ‘Stall für Rindvieh; Ochsenstall’ (LKŽd., IV, 324), jautinyčia (LKŽd., IV, 324): lit. jautis.

Lit. veršidė ‘Kälberstall’ (Laukuva, Utena, vermutlich ein neu aufgekommenes Wort), veršini̇ṅkas (Kurtuvėnai, Skripščiai): lit. veršis.

Lit. kárviatvartis (Ratnyčia, LKŽd., V, 357) < kárvė + tvārtas.

Lett. gùovskūts (EM, I, 693) < gùovs ‘Kuh’ + kūts.

Lett. gùovstallis (EH, I, 424) < gùovs + stallis.

Vergleicht man die Bezeichnungen für spezielle Ställe im Litauischen mit den entsprechenden lettischen Bezeichnungen, fällt die große Vielfalt der litauischen Benennungen ins Auge. Im Lettischen finden wir keine Bildungen wie die litauischen Bezeichnungen vom Typ -idė, -inin-kas. Im Lettischen sind überwiegend zusammengesetzte Bezeichnungen verbreitet: aitu kūts, guovju kūts, teļu kūts, cūkkūts, zirgu kūts (neben stallis). Im Litauischen dagegen werden Bezeichnungen dieser Bildungsart viel seltener verwendet. In den litauischen Dialekten sind in jüngster Zeit Bezeichnungen des Typs -idė sehr verbreitet. Sie kamen mit der Kolchosordnung aus der Schriftsprache in die Dialekte und verdrängen die früher gebräuchlichen, anders gebildeten Bezeichnungen.

* * *

Insgesamt finden sich im Litauischen und Lettischen zahlreiche Bezeichnungen für Gebäude zur Unterbringung von Vieh. Ein Teil dieser Bezeichnungen wird sowohl im Litauischen als auch im Lettischen verwendet. Neben Wörtern einheimischer Herkunft kommen auch Entlehnungen aus den benachbarten slawischen und aus den deutschen Sprachen vor.

55

BEZEICHNUNGEN FÜR GERÄTE ZUM TREIBEN VON VIEH

In der baltischen Viehzuchtterminologie lassen sich die Bezeichnungen für Geräte zum Treiben oder Schlagen von Vieh als eigenständige semantische Gruppe herausstellen. Diese Geräte sind zweifellos sehr alt – sie kamen zusammen mit der intensiveren Viehzucht auf, als der Mensch begann, Vieh zu hüten und für verschiedene Arbeiten einzusetzen. Die speziellen Bezeichnungen für Geräte zum Treiben von Vieh sind in den baltischen Sprachen jedoch vergleichsweise nicht sehr alten Ursprungs; zudem sind sie meist aus Nachbarsprachen entlehnt, in die sie ihrerseits häufig aus entfernteren Gebieten gelangt waren, in denen intensiv Viehzucht betrieben wurde. Natürlich gibt es auch einheimische Wörter, die enger oder weiter verbreitet sind, doch auch sie sind Bildungen jüngerer Zeit.

Die indogermanischen Sprachen verfügen über keine allgemeinere Terminologie für diesen Bereich. Üblicherweise wird hervorgehoben, dass sich insbesondere die slawischen Sprachen durch eine besonders reiche Terminologie auf diesem Gebiet auszeichnen1. Ein beträchtlicher Teil der Bezeichnungen für Geräte zum Treiben von Vieh gelangte aus den slawischen Sprachen auch in die baltischen Sprachen.

Liet. botāgas, lat. pātaga u. a.

Man nimmt an, dass die Indogermanen der Vorzeit das Vieh zunächst mit speziellen Stäbchen, mit denen sie es stachen, antrieben und später durch die Völker des Ostens mit der Peitsche vertraut wurden2. Die Balten lernten dieses Gerät durch die Slawen kennen. Das zeigen die sprachlichen Daten deutlich.

Liet. botāgas ein Gerät zum Treiben von Vieh; eine Peitsche (mit einer Schnur; eine Schnur mit Stiel)3 (LKŽd., I(2), 976 – 7) ist bereits in den allerersten Denkmälern der litauischen Sprache belegt – in den Schriften von M. Mažvydas, M. Daukša, K. Širvydas u. a. Vgl.:

„Mit Peitschen schlug er sie …“, Mž, 443.

„… und schlägt ihn wie mit Peitschen, mit stinkenden Zungen … Denn seine Peitschen sind unsere Sünden …“, DP, 105.

„… da waren unter ihnen Seile, Ketten, Peitschen, Ruten …“, SP, II, 163.

„nahayka, scutica, flagellum, mastix. botagas“, C. Szyrwid, Dic. (Ausgabe von 1629), 86.

„Und er machte eine Peitsche aus Riemen …“, Ch 1, II, 150.

Neben der Form botagas findet sich in den älteren Schriften auch die Form batagas. Vgl.: „korbácz, scutica. flagrum, flagellum, mastix. batagas“, C. Szyrwid, Dic. (Ausgabe von 1629), 60.

„… heftige Peitschen“, WP, 21.

In den litauischen Dialekten und verschiedenen schriftlichen Denkmälern finden sich auch weitere Formen dieser Bezeichnung für die Peitsche: botēgas (LKŽd., I(2), 978), botaga (LKŽd., I(2), 976; belegt in „Clavis Germanico-Lithvana“ und im Wörterbuch von D. Sutkevičius), botas (LKŽd., I(2), 978; von F. Nesselmann aus der Form botkotis rückerschlossenes Wort, wobei botkotis < als botas + kotas aufgefasst wird).

Im žemaitischen Dialekt ist diese Bezeichnung mit anlautendem v- weit verbreitet; vgl. votāgas (Kuršėnai, Pagėgiai, Raudėnai, Viekšniai, Žarėnai, Židikai), votēgas (Girdiškė, Kalnalis, Salantai, Smilgiai, Šilalė; Schriften von M. Valančius und S. Daukantas). Die Formen mit v- sind jüngeren Datums und sind bereits im Bereich der litauischen Sprache selbst entstanden. Solche Formen kommen manchmal auch in älteren litauischen Schriftdenkmälern vor:

1 O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, II, Berlin, 1929, p. 154.

2 O. Schrader, Ebenda, II, S. 154.

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„Viele und Ruten auf die Menschen schlagen...“, KN, 36³.

Zu v: b vgl. lit. bėbras: vėbras, byškupas: vyškupas, vėlybas: vėlyvas u. a.⁴

Wahrscheinlich sollte man lit. botāgas nicht mit lit. botarainis „lange Peitsche“ in Verbindung bringen (LKŽd., I(2), 978; in den Schriften von Žemaitė belegt); vgl. botarainis „krumm, knorrig, grob, verdreht“ (Skuodas; LKŽd., I(2), 978). Ein Beispiel wie: Tavo lazda tikra botarainė könnte vielleicht darauf hindeuten, dass auch in Žemaitės Schriften botarainis nicht in der Bedeutung „Peitsche“, sondern „irgendein Stock“ verwendet wird (vgl. den im Wörterbuch zitierten Satz von Žemaitė: O aš — akloji švaistau botarainiu šunis, net kaukdamį į šalis sklinda). Vgl. auch žem. bōteris „groß, massig“, bōterinis, bōterainas, bōterainis (LKŽd., I(2), 978), mit denen sich die zuvor genannten Wörter in Verbindung bringen ließen.

Lit. bataška „Peitschenriemen, Peitsche, Rute; eine solche Peitsche; Stock“ ist direkt aus poln. batożek, einer Verkleinerungsform von batog „Peitsche“, herzuleiten (J. Karlowicz, A. Kryński W. Niedźwiedzki, Sł, I, 105); vgl. auch poln. batożkować „mit batożki peitschen“, woraus wahrscheinlich auch lit. bataškuoti „schlagen, mit einer bataška prügeln“ entstanden ist.

Die Quelle von lit. botāgas ist weißruss. батога⁵. Eine solche Bezeichnung für die Peitsche findet sich auch in einigen anderen slawischen Sprachen: ukrain. батіг „Peitsche“, батяг, poln. batog „kurze Peitsche“, tschech. batoh „Peitsche“, russ. батог „Stock“, mundartl. потог, altruss. batogъ⁶.

Wie dieses Wort in die slawischen Sprachen gelangte, ist ziemlich unklar. Einige Forscher halten es für ein Lehnwort und nennen als Quelle entweder türk. budak „Zweig“, kasan-tatar. botak oder ital. batacchio „Stock“; andere betrachten es als slawischen Ursprungs und stellen es zu slav. bat „Stock, Eichenstock“, batati „schlagen, klopfen“ (vgl. russ. ботать⁷). Die erste Hypothese (Entlehnung aus den Turksprachen bzw. dem Tatarischen) ist aus lautlichen Gründen weniger wahrscheinlich, obwohl die Geschichte der Viehzucht im Allgemeinen dafür spräche. Insgesamt hat die zweite Hypothese mehr Anhänger.

Aus den slawischen Sprachen gelangte diese Bezeichnung für die Peitsche auch ins Lettische:

Lett. pātaga „die Peitsche“, pātega, pātega (EM, III, 190, 191; EH, II, 217), pātags (EH, II, 217), pārtaga (EM, III, 182; EH, II, 214).

Wie wir sehen, unterscheiden sich die lettischen Belege von den litauischen durch den Anlautkonsonantismus. J. Endzelīns⁸ neigte zu der Annahme, dass slav. batogъ von lettisierten Esten oder Liven so verändert worden sei. Tatsächlich ist der Wechsel b: p für das Lettische sehr charakteristisch. Seine Ursachen versucht man gerade mit dem Einfluss der ostseefinnischen Sprachen zu erklären⁹.

Die Form pārtaga ist bereits eine lettische Neubildung. Die Einfügung des Konsonanten -r- zwischen einem langen Vokal (oder den Diphthongen ie, uo) und einem Konsonanten ist in lettischen Dialekten, besonders in Lehnwörtern, recht häufig; vgl. lett. kārkis: kākis „der Haken“ (EM, II, 196), lett. mērtelis: mētels „der Mantel“ (EM, II, 620), lett. pērlis: pēlis „der Pfühl“ (EM, III, 209), lett. stērķis: stēķis „der Stachel-fisch“ (EM, III, 1063) u. a.¹⁰

³ P. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen, p. 240.

⁴ J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, I, p. 326.

⁵ P. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen, p. 45; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 53.

⁶ M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 62.

⁷ F. Slawski, Sł. Et., I, p. 28; A. Brückner, Sł. et., p. 18; H. M. Шанский, Эт. сл., I, p. 56.

⁸ EM, III, p. 190.

⁹ V. Kiparsky, Scando-slavica, 14, S. 73–97.

¹⁰ J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, S. 237–238; M. Rudzīte, Latviešu dialektoloģija, Rīgā, 1964, S. 100–101, 194, 313–314.

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Lit. bižūnas, lett. bižūne

Lit. bižūnas ‚eine kurze, aus Riemen oder Schnüren geflochtene Peitsche; Rehkeule‘ (LKŽd., I(2), 871), bižūnas ist ebenfalls slawischen Ursprungs (die von E. Frenkel (Et. Wb., 45) angeführten Formen bišūnas, bežūnas sind keine verlässlichen litauischen Sprachbelege). Als Quelle ist poln. bizun oder weißruss. бізун anzusehen11.

Wie ein solches Wort in diese slawischen Sprachen gelangte, ist noch nicht abschließend geklärt. A. Brückner12 vertrat die Auffassung, poln. bizun (er führt auch die Form bizon an) stamme aus dem Ungarischen bizony ‚ja, gewiss, wirklich‘; so, so heißt es, habe der Geschlagene oder der Schlagende geschrien. Ins Polnische sei ein solches Wort über die ungarischen Slowaken gelangt, die im 17.–18. Jh. bei den Herren Litauens und Polens dienten. Als semantische Parallele zu einem solchen Ursprung von poln. bizun führt A. Brückner den Ursprung von poln. harapnik an (vgl. lit. rāpninkas).

Andere Forscher neigen zu der Ansicht, dass die Quelle von poln. bizun das mittel-lat. bison ‚Bison‘ (gr. βίσων) sei; vgl. lat. taurus ‚Stier‘: lat. taureus ‚Lederriemen‘. Auch wurde die Vermutung geäußert, die Quelle des erwähnten polnischen Wortes sei das türkische biston – eine Peitsche, mit der bettelnde muslimische Mönche sich selbst schlugen, um Mitleid zu erregen13.

Alle Etymologien sind zweifelhaft. Dennoch ist vielleicht die Erklärung A. Brückners am überzeugendsten. Ihr folgt auch das neue akademische Wörterbuch der polnischen Sprache14.

Die Quelle von lett. bižūne ‚der Schlägel, Stock zum Schlagen‘, bizuns ‚lunkans sitams rīks‘, bizuons ‚Knüttel, Zigeunerpeitsche‘ ist ebenfalls das Polnische oder Weißrussische, vielleicht sogar ein Dialekt der benachbarten russischen Sprache (EM, I, 303).

In lettischen Volksliedern findet sich auch die Form bizuls ‚zum Werfen, Schlagen‘ (EH, I, 222), die vermutlich aus bizuns. umgebildet ist.

Mit lett. bizuns, bizuls dürfte wohl auch lett. bizuns ‚einer, der sich ohne Arbeit umhertreibt und dabei andere zur Arbeit antreibt‘ zusammenhängen (nasājas kai bizuns aplīk, nikā nestrādā, EH, I, 222); vielleicht gehört dazu auch lett. bizulis ‚umherschwärmender Mensch‘ (EM, I, 302; EH, 222), wobei dieses von lett. bizulis ‚biesendes Vieh‘ zu trennen wäre: lett. biz̄uot ‚biesen (besonders vom Vieh), umherschwärmen, laufen‘. Zur Semantik vgl. die Bedeutungen von lit. bižūnas (Vaikšto kaip bižūnas, darbo nenusitverdamas, LKŽd., I(2), 871).

Lit. dāndaras, lett. dāndala

Die Verbreitung des lit. dāndaras ‚Peitsche (mit vielen Knoten)‘ (LKŽd., II, 171) (Joniškis, Šakyna) deutet darauf hin, dass es aus dem Lettischen ins Litauische gelangt ist. Zwar spricht die Phonetik des Wortes eher dafür, dass es ein litauisches und kein lettisches Wort ist, doch ist es im Litauischen völlig isoliert, während es im Lettischen mehrere Varianten und weitere Wörter derselben Wurzel gibt.

Lett. dāndala ‚eine Zigeunerpeitsche‘, danda, dandara ‚eine Zigeunerpeitsche, die Peitsche‘ (EM, I, 437), dāndele ‚die Zigeunerpeitsche‘ (EH, I, 306), vgl. auch lett. dandalāties ‚mit einer Peitsche fuchteln‘, dandalhot ‚mit der Zigeunerpeitsche schlagen‘ (EM, I, 437), dāndēlet (EH, I, 306).

11 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 45; A. Brückner, Die slavischen Fremdwörter im Litauischen, p. 72.

12 A. Brückner, Sł. et., p. 28.

13 J. Karłowicz, A. Kryński i W. Niedźwiedzki, Sł., I, p. 160; Lietuviškoji enciklopedija, III, Kaunas, 1935, skilt. 1361.

14 W. Doroszewski (red.), Słownik języka polskiego, I, Warszawa, 1958, p. 539.

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Mit diesen lettischen Wörtern ist auch lett. dañdala ‚eine lange, ziemlich dicke, glatte Gerte; ein unartiges, unruhiges Kind (von erwachsenen Menschen nur selten gebraucht), auch ein solches Tier‘, dañdalēties ‚beim Pferdetausch streiten; beim Pferdekauf lärmen‘ (EH, I, 306), dañdars ‚ein eckiger, plumper Mensch‘, dañdariski ‚eilig, über Hals und Kopf‘ (EM, I, 437) zu verbinden. Zur Semantik der letztgenannten Wörter vgl. die Bedeutungen von lit. bizūnas usw.; vgl. auch lett.: iet kā dañdala kuzu kuzām (EM, I, 437).

Diese lettische Bezeichnung für eine Peitsche ist wahrscheinlich lautmalerischen Ursprungs.

Lit. kančiukas, lett. kančuka

Lit. kančiukas ‚lederne Peitsche, Knute, Hirschlederpeitsche‘, kančukas (LKŽd., V, 200), stammt nach Ansicht von P. Skardžius und E. Fraenkel aus dem Weißrussischen канчук15. Es ist jedoch ebenso wahrscheinlich, dass auch die polnische Form kańczuk die Quelle des litauischen kančiukas gewesen sein könnte; sie wird in den Dialekten neben der ansonsten stärker verbreiteten Form kańczug verwendet. Die Form kańczuk findet sich auch in den Schriften der mit Litauen verbundenen polnischen Schriftsteller A. Mickiewicz und I. Chodzko16.

Neben den Formen kančiukas, kančiukas sind im Litauischen auch die Formen kańčius, kańčas, kańčas gebräuchlich (LKŽd., V, 200). Diese Formen werden auf zweierlei Weise erklärt. M. Niedermann vertrat die Auffassung, dass diese Formen im Litauischen selbst entstanden seien, durch Abstraktion aus vermeintlichen Diminutiven; vgl. lit. baršas neben baršiukas (<poln. borsuk oder weißruss. барсук), lit. kāpšas neben kapšiukas (<poln. kapczuk oder weißruss. канчук) u. a.17 P. Skardžius brachte die Vermutung vor, dass lit. kańčius direkt aus dem Polnischen stammen könnte, da es dort neben den Formen kańczuk, kańczug auch die Form kańcz gibt18. F. Sławski widerspricht jedoch dieser Möglichkeit, da poln. kańcz in weit von Litauen entfernten polnischen Dialekten verwendet wird. Seiner Ansicht nach sind sowohl lit. kańčius als auch poln. kańcz in beiden Sprachen unabhängig voneinander entstanden19.

In die slawischen Sprachen (russ. камчук, камчуге, ukrain. канчук, bulg. камшик) gelangte diese Bezeichnung für die Peitsche aus dem Osten; vgl. türk. kamčy, krimtatar. kamčy, karaim. kamčū20. Das Wort ist auch in anderen europäischen Sprachen (Griechisch, Ungarisch) weit verbreitet. Aus dem Slawischen stammen auch die deutschen Formen Kantschu, Kantschuk.

Lett. kančuka ‚die dicke, lederne Kosakenpeitsche‘, kančuks, kančaka, kaņčūklis (EM, II, 154; EH, I, 583), kančiklite (EH, I, 583) haben ebenfalls eine slawische Quelle, wahrscheinlich das Russische oder Weißrussische. Im Lettischen finden sich auch kürzere Formen dieser Wörter – kańce ‚eine Peitsche‘ (EH, I, 583) und kańka ‚die Zigeunerpeitsche‘ (EM, II, 154).

A. Zumentas (Summent) hielt die Form kańce für eine Entlehnung aus dem Polnischen kańc21. Aus denselben Gründen wie im Fall des litauischen kańčius konnte das lettische kańce jedoch kaum direkt aus dem Polnischen stammen. Wahrscheinlich sind sowohl die Form kańce als auch kańka im lettischen Sprachraum entstanden.

15 P. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen, p. 95; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 215.

16 W. Doroszewski (red.), Słownik języka polskiego, III, p. 525.

17 M. Niedermann, StB, III, p. 108–110.

18 P. Skardžius, APh, III, p. 50.

19 F. Sławski, Sl. et., II, p. 48.

20 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 515–516; A. Brückner, Sl. et., p. 217; K. Lokotsch, Et. Wb., p. 84.

21 A. Summent, Unbeachtete slavische Lehnwörter im Lettischen, Göttingen, 1950, p. 143 (mašinraštis), plg. E. Fraenkel, Et. Wb., p. 215.

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Lit. karbãčius, lett. karbãča

Lit. karbãčius ‚eine Art Peitsche, eine Knute‘ (LKŽd., V, 266), karbãčius (LKŽd., V, 267) sind vor allem in der Folklore der Litauer in Ostpreußen belegt, aber auch in anderen Sprachdenkmälern des Litauischen dieser Region: in den Schriften von K. Donelaitis, in der Bibelübersetzung von L. Rėza sowie in den Wörterbüchern von F. Nesselmann und F. Kurschat.

A. Brückner22 und E. Fraenkel23 halten poln. karbacz, korbacz (A. Brückner auch weißruss. карбач) für die Quelle dieser Wörter. Berücksichtigt man jedoch die Verbreitung von lit. karbãčius, karbõčius und insbesondere den Umstand, dass eine solche Peitschenbezeichnung in anderen litauischen Dialekten nicht vorkommt, kann man annehmen, dass die Litauer sie aus dem Deutschen übernommen haben; vgl. ostpreußisch-deutsch Karbatsch(e) ‚Peitsche, Lederpeitsche aus Riemen geflochten‘, karbatschen ‚mit der Karbatsch peitschen, prügeln‘24. Eine solche Peitschenbezeichnung findet sich bereits in Sprachdenkmälern des Deutschen aus dem 17. Jahrhundert25.

Poln. korbacz ist bereits in Sprachdenkmälern des Polnischen aus dem 16. Jahrhundert belegt. Von dort gelangte es aus dem Türkischen, vgl. türk. kyrbaç. Tatsächlich könnte dieses Wort auch über das Ungarische ins Polnische gelangt sein, vgl. ung. korbács. Diese Peitschenbezeichnung türkischen Ursprungs ist in vielen europäischen Sprachen gebräuchlich26.

Lett. karbãča ‚eine Art Peitsche, die Karbatsche‘, Diminutiv karbacina (EH, I, 588), karpaciņa (EH, I, 589), kārbacā (EH, I, 602), kārpača (EH, I, 603); vgl. außerdem lett. karbacuôt ‚mit einer karbacā schlagen‘.

Diese lettische Peitschenbezeichnung findet sich am häufigsten in lettischen Volksliedern, in den Schriften von J. Janševskis und in einigen Wörterbüchern. Zum ersten Mal scheint sie im Wörterbuchmanuskript von J. Langijs (1685) belegt zu sein: „Karbatsch’. ein Carbatſch“, J. Langijs Vrd., 41.

In lettischen Wörterbüchern des 18. Jahrhunderts findet sich bereits das deutsche Wort Karbatsche (G. F. Stender, Lex., II (1789), 349), eine lettische Form dieses Wortes jedoch noch nicht. Sie erscheint erst in Wörterbüchern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (von Kr. Valdemārs und K. Ulmanis)27.

Es ist recht schwer zu sagen, auf welchem Weg diese Peitschenbezeichnung ins Lettische gelangte. J. Endzelīns merkt lediglich an: „Entlehnt gleich li. karbãčius dass.“28 D. Zemzare hält sie für einen Slavismus.29 Die Letten könnten dieses Wort jedoch auch aus dem Deutschen übernommen haben.

Lit. knūtas, lett. knute

Liet. knūtas ‚Peitsche, Knute‘ kommt in einigen unserer Dialekte und in Sprachdenkmälern des 19. Jahrhunderts vor – in den Schriften von M. Valančius und V. Kudirka (LKŽd., VI, 279). Auch die Form kniūtas ist belegt (LKŽd., VI, 272).

Diese Bezeichnung für eine Peitsche ist aus dem Russischen oder Polnischen ins Litauische gelangt. Meist verbreitete sie sich über das Russische (russ. кнут) auch in anderen slawischen Sprachen: weißruss. кнут,

22 A. Brückner, Die slavischen Fremdwörter im Litauischen, p. 90.

23 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 220.

24 F. Frischbier, Preussisches Wörterbuch, I, Berlin, 1882, p. 337.

25 F. Kluge, Et. Wb., p. 351.

26 A. Brückner, Sl. et., p. 256; F. Slawski, Sl. et., II, p. 474–475; K. Lokotsch, Et. Wb., p. 102; V. Machek, Et. sl., p. 192–193.

27 D. Zemzare, Latviešu vārdnīcas, p. 88–89.

28 EH, I, p. 588.

29 D. Zemzare, Latviešu vārdnīcas, p. 88.

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ukr. кнут (bereits in der ersten Hälfte des 18. Jh. in Gebrauch), poln. knut (in Denkmälern des 16.–17. Jh. belegt), tschech. knuta, knut, slowak. knuta, bulg. кнут, serb.-kroat. књма, књм, slowak. knuta, knut, obersorb. knut, knuta.

Ins Russische gelangte eine solche Bezeichnung für eine Peitsche wahrscheinlich aus Skandinavien, vgl. isl. knútr ‚Knorren, Knolle, Knoten‘, schwed. knuter30. Ursprünglich bezeichnete das Wort eine besondere, mit Knoten versehene Peitsche. Allgemein ist diese Peitschenbezeichnung in vielen europäischen Sprachen gebräuchlich, vgl. dt. Knute (von dieser Form könnten auch einige der bereits erwähnten slawischen Formen stammen), frz. knout, engl. knout.

Lett. knute ‚eine Peitsche‘ (EH, I, 634) ist in dieser Bedeutung J. Endzelīns zufolge aus dem Russischen entlehnt. Im Lettischen findet sich auch die Form kņ uote ‚Peitsche‘, vgl. lett. uzkņūotet ‚mit einer kņ uote Schläge verabfolgen‘ (EH, II, 725).

Neben lett. knute ‚eine Peitsche‘ und kņ uote finden wir auch die Wörter knuta ‚ein Knüttel‘, knutka, kņute ‚ein Knüttel zum Schlagen‘ (EH, I, 637), knute ‚eine dünne Stange, die zur Befestigung des Strohs auf dem Dach dient‘, knutele, knutiņa (EM, II, 250), knuta, kņute, knutele (EM, II, 253; EH, I, 637).

Lett. knuta ‚ein Knüttel‘ könnte, wie J. Endzelīns31 vermutet, durch Rückbildung aus dem vermeintlichen Diminutiv knutele entstanden sein, das seinerseits aus dem Deutschen entlehnt worden wäre.

Wir meinen, dass sich in den erwähnten lettischen Beispielen (knute, kņute, knutele, knutele usw.) zwei Wörter vermischt haben: Das eine geht auf dt. Knüttel ‚Stock‘ zurück, das andere auf russ. кнут ‚Peitsche‘ oder dt. Knute ‚Peitsche‘. Im Übrigen sind sowohl dt. Knüttel ‚Stock‘ als auch die erwähnten Peitschenbezeichnungen Wörter derselben Wurzel; das eine bedeutete ‚knorriger Stock‘ (= Knotenstock), das andere, wie erwähnt, ‚Peitsche mit Knoten‘ (vgl. dt. Knottpeitsche32).

Lit. matāras, lett. mātara

Lit. matāras ‚Schlaginstrument (Peitsche, Seil, Rute, Stock)‘, mātaras, mātaras, matar inis, mataryš (LKŽd., VII, 907): Die Frage nach der Herkunft ist sehr kompliziert.

Zunächst wird das Wort matāras im Litauischen in mehreren Bedeutungen verwendet: ‚Vorrichtung zum Drehen von Seilen und zum Winden von Fesseln, Haspe, Haspel‘, ‚Vorrichtung zum Aufwickeln von Garn, Spulrad, Spindel‘, ‚langes Garnende, Klafter‘, ‚Stange am Netz‘, ‚Schwätzer, Plauderer‘, ‚Schnellsprecher‘, ‚jemand, der sich ständig bewegt; Unruhiger‘; vgl. auch matarāklas ‚Vorrichtung, um Garn zu Strängen zu wickeln; Haspel; jemand, der schnell und scherzhaft spricht; ein leichtsinniger, gern schwatzender Mensch‘, matarėlis ‚Leiste zum Beschweren des Strohs beim Decken des Daches‘, mataraila ‚sehr lebhafter Mensch, Wirbelwind; Schwätzer, Plauderer‘, mat ar uoti, māt ar uoti. Die ursprüngliche Bedeutung von lit. matāras war wahrscheinlich ‚Vorrichtung zum Drehen oder Winden von etwas‘; es ist mit lit. mėšti33 zu verbinden. Aus dem Wort matāras entstand das Verb mataruoti; aus diesem Verb (vgl. auch die lautmalerischen Wörter matarai, matar, matary) entstand außerdem matāras ‚Schlaginstrument‘.

30 F. Slawski, Sl. et., II, p. 290–291; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 580–581; A. Brückner, Sl. et., p. 240; F. Kluge, Et. Wb., p. 385; E. Klein, Et. Dic., I, p. 850.

31 EM, II, p. 250.

32 F. Kluge, Et. Wb., p. 385.

33 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 465; P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 302, 489; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 414.

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Ein ähnliches Wort wird auch im Lettischen verwendet, allerdings in deutlich engerem Gebrauch.

Lett. matara ‚eine (schlanke) Rute, Gerte; eine dünne Stange‘ (EM, II, 566; EH, I, 784), matars ‚ein Knüttel‘ (EM, II, 566), matars ‚krietns tēviņš‘ (EH, I, 784).

Wie wir sehen, wird dieses Wort im Lettischen nicht in der Bedeutung ‚Gerät, mit dem man etwas dreht oder antreibt‘ verwendet, die unserer Ansicht nach die älteste ist und die es ermöglicht, dieses Wort mit dem Verb mėsti in Verbindung zu bringen.

Das Wort matar ‚dicker Stock, Knüttel‘ kommt auch im Estnischen vor. Daher gab wohl hauptsächlich dieser Umstand A. Zument den Anlass zu der Behauptung, die Letten könnten ein solches Wort wie die Esten aus dem Russischen entlehnt haben; vgl. russ. мотор „дубинка“ (В. Даль, Сл., II, 351). Uns erscheint die Auffassung A. Zuments durchaus überzeugend. Selbst die Bedeutung ‚Pfahl, Knüppel‘ von lit. matāras könnte gelegentlich aus dem Russischen übernommen worden sein.34

Russ. мотор wird auch in anderen Bedeutungen verwendet, die bisweilen an die Bedeutungen von lit. matāras erinnern; vgl. russ. мотор ‚gewandter Mensch‘, мотopa ‚Verschwender‘, моторный ‚flink, gewandt‘. M. Vasmer stellt diese russischen Wörter zu russ. мотать ‚wickeln, (Fäden) drehen, schwingen, schütteln‘ und метать ‚werfen‘ und weist als semantische Parallele auf lit. matāras: lit. mėsti35.

Lit. nagáika, lett. náika

Lit. nagáika ‚ein mit kurzem Stiel geflochtenes Schlaggerät; eine Knute, Peitsche‘, náika (Laižuva, Mažeikiai, Palanga, Vieksniai, Veiviržėnai; G. H. F. Nesselmann, Wb., 416, F. Kurschat, Wb., 266), naikas (G. H. F. Nesselmann, Wb., 416), niaika (F. Kurschat, Wb., 266) sind Wörter slawischer Herkunft.

Die Form nagáika stammt aus der russischen Form нагайка, während die Form náika, die vermutlich älter ist, aus weißruss. нагайка stammt; vgl. lit. paūbelis < weißruss. погц-бель, lit. blovieščius < weißruss. благовещие37.

Neben dem Russischen und Weißrussischen kennen auch einige andere slawische Sprachen eine solche Bezeichnung für ein Schlaggerät; vgl. ukrain. нагай, нагайка, poln. nahajka, nahaj, tschech. nahajka. In die slawischen Sprachen gelangte das Wort aus dem Tatarischen; vgl. krimtatar. ногой ‚Bezeichnung eines solchen tatarischen Stammes‘, kirgisisch-tatar. ногой, das seinerseits auf den Namen eines tatarischen Anführers zurückgeht38.

Lett. náika ‚ein Riemen, eine Rute, eine geschmeidige Rute‘ (EH, II, 112), lett. naikas ‚Prügel‘ (EM, II, 689) stammen vermutlich aus dem Litauischen; dafür spricht die geographische Verbreitung von lett. náika (Dunika, Nyca). J. Endzelīns neigte dazu, lett. naikas (die geographische Verbreitung des Wortes ist nicht angegeben) aus weißruss. нагайка herzuleiten. Doch auch diese Form könnte aus dem Litauischen entlehnt worden sein; da die geographische Verbreitung des Wortes nicht genau bekannt ist, lässt sich dies selbstverständlich nicht mit Bestimmtheit behaupten. Dass lit. náika, náikas nicht nur in der Bedeutung ‚Schlaggerät mit kurzem Stiel‘ verwendet wurde, belegt F. Nesselmanns Bedeutungsangabe zu lit. naikas: „eine Zigeunerpeitsche, eine kurze Peitsche zum Züchtigen, auch die Reitpeitsche, im Scherze auch von einer tüchtigen Weidenruthe gebraucht, mit der man Jemanden zu schlagen droht“ (G. H. F. Nesselmann, Wb., 416).

34 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 414.

35 M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 165.

36 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 478.

37 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 348–349; P. Skardžius, Die slavische Lehnwörter im altlitauischen, p. 137; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 478.

38 M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 192; A. Brückner, Sl. et., p. 353–354; V. Machek, Et-sl., p. 317.

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Mit lett. naikas ist vielleicht auch lett. naicēklis ‘das männliche Geschlechtsglied’ (EH, I, 2) in Verbindung zu bringen; zur Semantik vgl. lett. stute ‘eine Rute zum Prügeln’: lett. stute ‘das männliche Glied’ (EH, I, 596), poln. pyta ‘kurze Peitsche’: poln. pyta ‘Penis’ (J. Karłowicz, Sł., IV, 460).

Lit. pastarānka, lett. pastrunkis

Lit. pastarānka ‘eine dicke Peitsche aus mehreren Strängen’ (Gudелiai) ist slawischen Ursprungs. Im Litauischen wird dieses Wort recht häufig mit anderen Bedeutungen verwendet: ‘Seil, das die Zugstränge mit dem Deichseljoch verbindet, Zugstrang’ (Bagotoji, Krekenava, Kruonis, Pabaiskas, Pušalotas, Skaudvilė, Ukmergė, Upninkai), ‘Schnur, mit der die Peitsche am Peitschenstiel befestigt wird’ (Užventis). Es kommen auch die Formen pastrāngas (G. H. F. Nesselmann, Wb., 506 (Ragnit) ‘eine Peitschenschnur’. F. Kurschat, Wb., 297), pastrānka (Švenčionys) vor. Die lit. Form strāngas sowie das dt. < Strang ‘der Strick, ein Strang’³⁹ könnten die Entstehung der Form mit -g- beeinflusst haben.

Dieses Slawismus könnte auf zwei Wegen ins Litauische gelangt sein: Die Quelle der Formen pastrāngas, pastrānka ist wahrscheinlich poln. postronek, die der Form pastarānka dagegen russ. посторонка ‘ein lederner oder geflochtener Zugstrang im Pferdegeschirr: Er verläuft vom Waagebalken oder von der Deichsel zum Zugring; beim Deichselgeschirr nur bei den Beipferden, beim Deichselbaumgeschirr bei allen Pferden’ (В. Даль, Сл., III, 346). Im Übrigen ist dieses Wort in den slawischen Sprachen recht weit verbreitet, vgl. russ. постромка, постронка, ukr. посторонок, посторомок, weißruss. постронка, посторонок, tschech. postranek, postraněk, poln. postronek, obersorb. postronk, niedersorb. postronk, kaschub. poestronk.

Über die Herkunft des slawischen Wortes gibt es zahlreiche unterschiedliche Auffassungen. Am überzeugendsten ist jedoch die Erklärung, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ‘an der Seite’ (=*po stornē)⁴⁰ gewesen sei.

Lat. pastrunkis ‘eine Peitsche, mit der an einigen Orten die Bauern gestraft werden; eine Strafe auf den Hintern mit der Peitsche; ein halberwachsener Knabe’ randamas G. F. Stenderio (1789 m.) ir K. Ulmanio (1872 m.) žodynuose (EM, III, 109).

J. Endzelīns äußerte sich nicht zur Herkunft von lett. pastrunkis, sondern begnügte sich damit, A. Brückners Auffassung anzuführen (Nach Brückner… aus wruss. посторонок ‘Strang’, EM, III, 109). Zwar führt A. Brückner nach der weißrussischen Form auch russische und polnische Wortformen an⁴¹; daraus lässt sich also schließen, dass seiner Ansicht nach ein solches Wort sowohl aus dem Weißrussischen als auch aus dem Russischen und Polnischen ins Lettische gelangt sein könnte. Uns scheint jedoch, dass sich aufgrund von -un- im lettischen Wort vermuten lässt, die Letten hätten dieses Wort von den ostlitauischen Litauern entlehnt, wo an > un.

Lit. pitkā, lett. pitka

Lit. pitkā ‘kurze Peitsche, Knute’ (Kalvarija, Kapsukas, Karklėnai, Kupiškis, Punskas) ist eine Entlehnung aus dem Polnischen, vgl. poln. pytka, pyta ‘Seil, Lederriemen, zu einer Schnur gedrehtes Tuch als Schlaginstrument; allgemeiner: Peitsche, Lederriemen, Seil’.

39 K. Alminauskis, Die Germanismen des Litauischen, p. 120.

40 M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 416—417; A. Brückner, Sł. et., p. 432.

41 A. Brückner, Die slavischen Fremdwörter im Litauischen, p. 179.

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Das polnische pyta, pytka ist mit poln. pytać ‘sich an jemanden wenden, und zwar in einer Form, die eine Antwort verlangt, um eine Auskunft, Nachricht oder Erlaubnis zu erlangen’, russ. nůmamь ‘quälen, fragen’ zu verbinden.

Auch die Quelle des lett. pitka ‘eine Peitsche, Hundepeitsche, Zigeunerpeitsche’ (EM, III, 229; EH, II, 239) ist wahrscheinlich das Polnische; vgl. ferner lett. pitkainis ‘ein Randalist, der mit einer pitka bewaffnet ist; ein grausamer Mensch, der das Vieh schlägt’, pitkat ‘mit einer pitka schlagen’ (EM, III, 229).

In lettischen Quellen ist diese Bezeichnung für die Peitsche auch mit einem zusätzlichen s- belegt: spitka (župam pa juokam ar spitku (Peitsche?) iecirta pa biksēm, EM, III, 1000); vgl. ferner lett. spitka ‘eine kleine Rute’ (EH, II, 552). In den Ergänzungen zu K. Mühlenbachs Wörterbuch (EH, II, 552) wird ein Satz von R. Blaumanis zitiert: „...barouns... gaisā spitku šmikstināj(a)“; vielleicht deutet er darauf hin, dass spitka hier in der Bedeutung ‘Peitsche’ und nicht ‘kleine Rute’ verwendet ist. Zum zusätzlichen s- vgl. lett. spikis: lat. piķis, lat. skaste: lat. kaste u. a.42

Lit. pletnià, lett. pletne, plītne, plete

Lit. pletnià ‘Peitsche, Gürtel’ (Merkinė, Veisiejai), plētnē ‘Rute’ (Eržvilkas), plētnē ‘Gerät zum Fliegenfangen’ (Kapsukas) sind aus poln. pletnia ‘Schlagwerkzeug aus Riemen, Stäben u. Ä., deren Teile teilweise verflochten sind; Disziplin; mit der Disziplin verabreichte Schläge’ herzuleiten.

Poln. pletnia ist mit russ. плеть ‘Peitsche, Knute, Geißel’, poln. pleść ‘flechten’, russ. плести u. a. zu verbinden.43

Lett. pletne ‘eine Plette, Kosakenpeitsche’ (EM, III, 338; EH, II, 292), plētne (EM, III, 342) erklärt J. Endzelīns ohne Bedenken als durch Kontamination aus plete (= pletne) und plene ‘die Flechte’ entstanden. Dennoch ist es wahrscheinlicher, dass lett. pletne wie lit. pletnià aus poln. pletnia hervorgegangen ist. Aus lett. pletne entstand auch das Verb plet nēt ‘mit einer pletne schlagen’ (EM, III, 338).

Lett. plekne ‘die Kosakenpeitsche’ (EM, III, 334) ist nach J. Endzelīns aus der Form pletne entstanden (wohl mit kn aus tn); vgl. ferner lett. saplek nēt ‘mit einer plekne verprügeln’, saplek nīt (EM, III, 702).

Von diesen lettischen Bezeichnungen für die Peitsche ist auch lett. blētne ‘breites Stück (Leder)’ (EH, I, 228) nicht zu trennen.

Lett. plītne ‘die Peitsche’ (EM, III, 350) ist wahrscheinlich ebenfalls mit lett. pletne zu verbinden; der Vokalismus der Wurzel änderte sich unter dem Einfluss von lett. plītēt ‘schlagen; klatschen’.

Lett. plete ‘eine Plette, Kosakenpeitsche’ (EM, III, 337), plete (EM, III, 370), hat, wie J. Endzelīns angibt, russ. плеть zur Quelle; vgl. ferner lett. pletēt ‘prügeln, mit einer Plette schlagen’ (EM, III, 337), pletēt ‘mit einer plete schlagen’ (EM, III, 370).

Lett. pletka ‘die Plette, Kosakenpeitsche’, pletka (EM, III, 337) ist aus russ. плётка ‘kleine Peitsche, Knute’ entstanden.

42 J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 239; M. Rudzīte, Latviešu dialektoloģija, p. 99, 193, 313.

43 M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 371.

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Lit. vytinis, lett. vītine

Lit. vytinis „Werkzeug zum Schlagen, aus dünnen Ruten geflochten; geflochtene Peitsche, Peitschenstiel“ (Biržai, Dusetos, Kuliai, Liškiava, Plungė, Vaškai, Viduklė) ist ein einheimisches Wort, vgl. lit. vyti „ein Seil drehen, winden, drehen“, vytelė „Weidenrute zum Flechten“, vytis „Rute, Peitschenstock“, vytinė „Rute, Reisig“.

Lett. vītine „aus drei Strängen gedrehte Peitsche“ (EH, II, 794), vitene „eine (gewundene) Peitsche; ein aus gespaltenem Holz geflochtener Peitschenstiel“ (EM, IV, 646), vītinis „ein aus Holz geflochtener Peitschenstiel“ (EM, IV, 647) ist gleichen Ursprungs wie lit. vytinis, vgl. lett. vīt „winden, flechten“, vītene „das Gewinde, die Girlande; das Flechtwerk“. Die Form vītinis könnte gelegentlich auch aus dem Litauischen ins Lettische gelangt sein. Die Verbreitung des lettischen Wortes (Liepāja, Rucava) widerspricht dieser Annahme nicht.

Wir finden zahlreiche Bezeichnungen für Geräte zum Treiben oder Schlagen von Vieh, die jeweils nur für eine der baltischen Sprachen charakteristisch sind:

Lit. ákštinas „spitzes Stöckchen zum Treiben ruhiger Tiere“, akstinyčia (LKŽd., I (2), 86), ákštinas (LKŽd., I (2), 87): lit. ákštinas „Stachel, Dorn“, akstis „spitzes Stöckchen, Stab; Dorn“, ákštis. Dieses litauische Wort erinnert in seiner semantischen Entwicklung sehr an die Entwicklung von lat. stimulus, vgl. lat. stimulus „spitzer Stock zum Treiben von Tieren“: lat. stimulus „Anreizung; Ansporn, Aufforderung“, lit. ákštinas „Gerät zum Treiben von Tieren“: lit. ákštinas „Ansporn, Stimulus“.

Lit. arimnykas „Pflugpeitsche“ (LKŽd., I(2), 300): lit. ariminis „beim Pflügen verwendet“, vgl. ariminis botagas „Pflugpeitsche“.

Lit. barbarō „Dreschflegel; eine solche Stange; Riemenpeitsche; Seil (aus Weidenruten) zum Festbinden von Flößen“, barbaras „Riemenpeitsche“ (Aš turėjau barbarėlį, plonai režtą, tankiai pintą) (LKŽd., I (2), 655) ist eine Entlehnung aus dem Slawischen, vgl. poln. barbara „Peitsche, Leine“ (A. Brückner, Sł. et., 15), barbara „dickes, langes Seil, das beim Transport auf Flüssen verwendet wird“ (J. Karłowicz, A. Kryński i W. Niedźwiedzki, Sł., I, 97). Die Bezeichnung stammt von einem weiblichen Vornamen, vgl. poln. Barbara, lit. Barbora.

Lit. bim̃bilas „Peitsche“, bimbieras „Riemen, Schläger“ (LKŽd., I(2), 824), bimbiras „Riemen, Schläger“, vgl. lit. bimbti, bimbti „einen bestimmten Laut von sich geben“, bimbilas „Bremse“, bimbalas, bimbyti „schlagen“, bimblỹs „Schreihals“, bambalas „Bremse; dickes Kind; kleiner, stämmiger Mensch“. Lit. bimbilas und bimbiras werden auch in der Bedeutung „membrum virile“ verwendet.

Lit. bindza „aus 4, 8 oder 12 Ruten geflochtener Peitschenstiel mit Schlaufe zum Einhängen der Peitsche; eine Art Flechtwerk, Rutenstock“ (LKŽd., I(2), 829–30), binza (LKŽd., I(2), 834), bėndžė „Peitsche; dicke Peitsche“ (LKŽd., I(2), 752), bindžikas „zusammengedrehtes Tuch mit einem Knoten zum Schlagen (bei einem bestimmten Spiel); allgemein ein Schlagwerkzeug“, bindžikas, bindžiukas (LKŽd., I(2), 831) sind ebenfalls wahrscheinlich lautmalerischen Ursprungs, vgl. lit. bindz „Interj. stinkt, bidz (zur Bezeichnung eines langsamen, gemächlichen Gangs)“, bindzi, bindzi, bindži. Gleichen Ursprungs sind auch lit. bindzinėti „ziellos umhergehen, müßig sein, trödeln“, bindžinėti, bindžikuoti, bindza „Nichtstuer, Faulpelz, Landstreicher, Nackter“, bindzakas, bindzolas u. a.

Zum semantischen Zusammenhang dieser Wörter vgl. die Bedeutungen von lit. bizūnas („Taugenichts, Landstreicher“; Kaip bizūnas liko (nusigyveno)), poln. bizun „Schurke, Müßiggänger, Faulpelz, Nichtsnutz“ (Goły jak bizun), lit. vėjo botagas „Windfang“, lett. nabaga pātag a „der Lump, Bettler – ein Schimpfwort (eig. die Peitsche des Bettlers)“ (EM, III, 190).

5. Iš lietuvių leksikologijos ir leksikografijos

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Lit. biržūklė ‚Peitsche zum Schlagen‘ (LKŽd., I(2), 852), biržūklis (LKŽd., I(2), 853): lit. bėržas, biržlis ‚Birkenzweig‘.

Lit. blakštas ‚Gerät zum Zuschlagen‘ (LKŽd., I(2), 880): lit. blakštas ‚Leiste, mit der beim Decken des Daches Stroh festgedrückt wird; ein Brett oder Zweig, um Flachs in der Röste niederzudrücken oder unter dem in der Scheune aufgeschichteten Getreide zu liegen‘, lit. blókšti ‚Roggen- oder Weizengarben auf etwas schlagen, um die Körner auszudreschen‘.

Lit. bričius ‚Peitsche, Knute‘ (LKŽd., I(2), 1039) ist lautmalerischen Ursprungs, vgl. lit. bric ‚Interj. mit einem Knall umfallen‘, brýc, brinks, brinkt, brinkšt ‚Interj. klatsch‘, bričinti ‚etwas mit einem bestimmten Laut tun‘, bričyti, bricas ‚Faulpelz, Taugenichts‘, bričė ‚scherzhaft: Schwanz‘.

Lit. bruikštas ‚Zweig, Stock, um jemanden damit anzutreiben‘ (LKŽd., I(2), 1078), bruīžtas (LKŽd., I(2), 1079): lit. bruikšti ‚antreiben, vor sich hertreiben‘, brūžti44. Die letztgenannten Wörter sind wohl eher mit dem Verb braūkti45 zu verbinden.

Lit. brūklis ‚kräftiger Stock, Reisig, Rute; irgendein Schlagwerkzeug‘, brūklis, brūklis, brūklinis ‚Schlagwerkzeug; Rute‘ (LKŽd., I(2), 1082), brunkletas ‚Stock, Knüppel‘ (LKŽd., I(2), 1093): lit. braūkti, brūkti46.

Lit. dratinis ‚eine solche Peitsche‘47: lit. dratas ‚Draht; dicker, fest gedrehter Faden‘ < aus dem mittelniederdeutschen drāt, vgl. dratinis ‚dick, fest gesponnen (vom Gewebe); fest gedreht‘ (Ich habe ein kleines Peitschenband, ich habe ein Drähtchen; wenn ich das graue Pferd antreibe, springt sogar das Pferdchen, LKŽd., II, 446).

Lit. džala ‚Schlagwerkzeug, Peitsche‘ (LKŽd., II, 723) ist lautmalerischen Ursprungs, vgl. lit. džā ‚Interj. he!‘, džālyti ‚schlagen‘, džābyti, džābā ‚Prügel‘, džābas usw., oder es stammt unmittelbar aus lett. dzala.

Lit. džendžiūras ‚Schlagwerkzeug, Knute‘, džendžiūras (LKŽd., II, 724), džindžiras ‚kleine Peitsche mit kurzem, dickem Griff‘ sind lautmalerischen Ursprungs, vgl. džin ‚Interj. dzin‘, džēn ‚Interj. dan, knack‘, džēn, džēmsterėti ‚einen Hieb versetzen, schlagen‘, džengsėti ‚klirren‘.

Lit. džiolas ‚ein Schlagwerkzeug dieser Art, Peitsche, Knute‘ ist ebenfalls wohl lautmalerischen Ursprungs, vgl. džiolė ‚Interj., beim Antreiben von Schweinen gesagt‘, džiolio, džiōbinti ‚hauen, hacken, schlagen‘, džiōboti ‚mit großen Hieben hacken‘, džioryti ‚zerhacken, auspeitschen‘. Die Entstehung lautmalerischer Wörter dieser Wurzel könnte auch durch poln. dziób ‚Schnabel‘, dziobać ‚picken‘ beeinflusst worden sein.

Lit. džiungāras ‚Schlagwerkzeug, Rute‘, džiungara, džiumbaras (Es gibt niemanden, der den Kindern eine ordentliche džiumbāras auflegt, LKŽd., II, 742) sind lautmalerischen Ursprungs, vgl. lit. džiūmt, džiung ‚Interj. mit einem Knall‘, džiumbāryti ‚schlagen‘, džiungāryti ‚schlagen, mit einem Strickgürtel prügeln‘.

Lit. gairinė ‚langer Stock zum Antreiben des Viehs‘ (LKŽd., III, 33), vgl. lit. gairė ‚Leiste, Pflock, Spitze‘, vgl. auch gairėti ‚blasen‘, pagairė ‚windzugewandter Ort‘. Demnach war die ursprüngliche Bedeutung von lit. gairė wohl ‚Windfahne, Wetterfahne‘.

Lit. gylýs ‚eine solche Rute zum Antreiben von Ochsen oder trägen Pferden‘ (LKŽd., III, 301), vgl. lit. gylýs ‚Stachel‘, gilti ‚einen Stachel setzen, stechen, graben‘.

44 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 392.

45 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 60.

46 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 54–55.

47 Merkmale der litauischen Ethnographie, S. 96.

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Lit. gìngiras ‚Peitsche‘ (LKŽd., III, 318) ist wahrscheinlich lautmalerischen Ursprungs; vgl. lit. gingla ‚großer, langbeiniger Mensch; jemand, der barfuß geht‘, ginglinėti ‚wie ein gingla gehen‘, gingāras ‚großer, stattlicher Mensch oder großes, stattliches Tier‘, gingaras.

Lit. gyslinis ‚Riemen, Peitsche‘ (LKŽd., III, 355); vgl. lit. gysla.

Lit. įnagis ‚Peitsche, Riemen, Keule, Seil‘, įnagė, įnaginis (LKŽd., IV, 103) hat ursprünglich die Bedeutung ‚Werkzeug, Gegenstand, mit dem etwas getan wird‘. In dieser Bedeutung ist das Wort įnagis auch im Litauischen am weitesten verbreitet. Es ist mit lit. nãgas verwandt; vgl. nagingas ‚geschickt bei Handarbeiten, gewandt‘ (< ‚der Nägel hat, mit Nägeln versehen, benagelt‘), panagingas, nagnūs48. Zur Wortbildung vgl. auch lit. įrankis (: rankà), lett. ieruocis (: ruoka).

Aus dem Litauischen entlehnt ist auch lett. inagis ‚Schmarotzer, Laus, Mensch‘ (Gramzda, EH, I, 501). Diese Bedeutung des lettischen Wortes ist wahrscheinlich aus der Bedeutung ‚Peitsche, Riemen‘ entstanden. Zur Semantik vgl. die Bedeutungen von lit. bizūnas, botāgas, bindza.

Lit. Riemen ‚geflochtene Peitsche, Geißel‘ (LKŽd., IV, 129), Riemen (LKŽd., IV, 133), vgl. lit. Hieb ‚Schlag, Hieb; Narbe, Fleck (auf der Haut von einem Schlag)‘ <ostpreußisch dt. Hieb ‚Schlag, Hieb‘49.

Lit. Ochsensehnenpeitsche ‚Peitsche (aus Ochsensehnen gefertigt)‘ (LKŽd., IV, 322) < aus lit. Ochse + Sehne.

Lit. kanapinis ‚Peitsche‘, kanāpinis (LKŽd., V, 197): lit. kanãpė.

Lit. kiettenius ‚lederne Peitsche mit einem am Ende befestigten Stück Blei oder Eisen‘ (LKŽd., V, 755) ist in der Ausgabe von K. Širvydas’ Wörterbuch aus dem Jahr 1642 belegt:

„Bafayk. Plumbata. ac. flagellum plumbum annexū in extremo habes. Peitsche aus Leder, am Ende mit Blei beschwert“ (Dic., 8, 102).

Die Quelle dieser Bezeichnung ist poln. kiescien, das seinerseits aus den türkisch-tatarischen Sprachen stammt; vgl. kasan-tatar. kistān ‚Keule, Prügel, Stock zum Butterschlagen‘50.

Lit. Hasenbein ‚eine an einem Hasenbein befestigte Peitsche, ein Gerät‘ (LKŽd., V, 887) < aus lit. Hase + Bein, vgl. lit. Rehbein.

Lit. kliūbinis ‚Weidenrute oder Gerte zum Schlagen‘ (LKŽd., VI, 113), kliūbinis, kliūbinis (LKŽd., VI, 161): lit. kliūbas ‚Rute zum Flechten; gedrehter Ast oder Zweig zum Flechtzaunbau oder zum Zusammenbinden‘. Die Quelle von lit. kliūbas ist das Polnische51; vgl. poln. dial. kluby ‚Weidenruten zum Verbinden von Baumstämmen zu Flößen‘. Das polnische Wort seinerseits ist aus dem Deutschen entlehnt52.

Lit. kurklyš ‚Riemen, Hirschfußpeitsche, Peitsche‘ ist im akademischen „Wörterbuch der litauischen Sprache“ nur aus einer einzigen Quelle belegt, nämlich aus der Bibel von S. B. Chilinskis (1660): „Tėvas mano plakė jus botagais, bet ašen plaksiu jus kurkliais“ (Ch 2 Chr 10, 14, LKŽd., VI, 955). Diese Bibelstelle wird auch in anderen späteren litauischen Bibelübersetzungen ähnlich übersetzt, dort jedoch steht für das Wort kurkliais ein anderes litauisches Synonym für botagas: dygeis karbočiais (Königsberg, 1816), dygliuotais rimbais (Kaunas, 1921).

Das Wort kurklys wird in älteren litauischen Sprachdenkmälern mit anderen Bedeutungen verwendet – ‚Täubchen, Turteltaube; Skorpion‘ (LKŽd., VI, 955). In der neueren

48 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 478; P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 112, 224.

49 K. Alminauskis, Die Germanismen des Litauischen, p. 57; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 186

50 F. Slawski, Sl. et., II, p. 175–176; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 562.

51 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 273.

52 F. Slawski, Sl. et., II, p. 233–234.

5*

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Die Bedeutung „Peitsche, Rute“ von lit. kurklys ist auf den Einfluss des lateinischen Bibeltextes zurückzuführen. Die lateinische Fassung dieser Bibelstelle lautet: „…pater meus cecidit vos flagellis, ego vero caedam vos scorpionibus“. Im Kirchenlatein wird das Wort scorpio in mehreren Bedeutungen verwendet: „1. Skorpion, giftiges Insekt (auch als Sternbild). 2. Kriegsmaschine zum Schleudern von Pfeilen. 3. stacheliger Meerfisch (Apoc. 9, 5). 4. ein Marterwerkzeug: Geissel mit Widerhaken (Quat. Coronat. 8. Nov.)“⁵³. Somit gelangte anstelle der vierten Bedeutung des lateinischen scorpio tatsächlich die erste Bedeutung in die litauische Bibelübersetzung, und lit. kurklys erhielt die neue Bedeutung „Rute, Peitsche“.

Lit. linkstinis „biegsamer Stock; Peitsche“ (LKŽd., VII, 546): lit. linkti, lankstus, linkstis „biegsame Stange zum Aufhängen der Wiege; Feder“.

Lit. makãras „Peitsche, Knute, Schlagstock“, mãkaras, mãkaras (LKŽd., VII, 771), makãiras (LKŽd., VII, 767), makõras (LKŽd., VII, 781) — lässt sich auf zweierlei Weise erklären. E. Frenkel verbindet es mit lit. mãkaluoti „mischen, schwingen, fuchteln“, mãkaruoti und anderen litauischen Verwandten von mõti. Auf der Grundlage allein des litauischen Sprachmaterials wäre eine solche Erklärung unzweifelhaft. Leider findet sich eine ähnliche Peitschenbezeichnung auch im Polnischen: makarami kilka wycięli, makarem kolejno weźmiecie (um 1700), gdy go z kolka makarym wychłostał (F. Bohomolecas, 1720–1784)⁵⁴.

A. Briukner erklärt, dass poln. makar in dieser Bedeutung aus dem Personennamen Makar hervorgegangen sei. Neben der bereits erwähnten polnischen Peitschenbezeichnung barbara, die ebenfalls auf einen Personennamen zurückgeht, weist A. Briukner darauf hin, dass auch der russische Personenname Сергей (przydatku dam sergiejem po plecach, apie 1730 m.) mit der Bedeutung „Peitsche“ verwendet wird.

Somit könnte auch lit. makãras aus dem Polnischen entlehnt worden sein. Später könnte diese Peitschenbezeichnung durch Volksetymologie auch mit den Verben mãkaruoti, mãkaruoti, makaruoti und anderen in Verbindung gebracht worden sein. Sowohl mit diesen Verben als auch mit der Peitschenbezeichnung könnte lit. mãkaras „leichtfertiger Mensch, Schwätzer, Tölpel; jemand, der ständig in Bewegung ist, sich windet und sich überall einmischt“, mãkaris, zusammenhängen.

Dass die polnische Herkunft von lit. makãras Zweifel weckt, liegt daran, dass poln. makar in der Bedeutung „Peitsche“ nur sehr selten verwendet wird: In den großen polnischen Wörterbüchern (von S. B. Linde, J. Karłowicz, J. Karłowicz — A. Krymski — W. Niedźwiedzki, W. Doroszewski) findet sich ein solches Wort überhaupt nicht. Somit ist auch eine umgekehrte Entlehnungsrichtung denkbar (in diesem Fall dürfte poln. makar nicht mit einem Personennamen in Verbindung gebracht werden). Da die Verbreitung des poln. makar „Peitsche“ nicht genau bekannt ist, lässt sich dies natürlich schwer behaupten. F. Bohomolecas, den A. Briukner erwähnt, studierte und arbeitete längere Zeit in Vilnius; daher könnte ein solches Wort in seine Schriften über das örtliche Polnisch auch aus dem Litauischen gelangt sein.

Dass lit. makãras ein einheimisches Wort sein könnte, dafür könnte vielleicht auch lit. matãras sprechen, dessen Bedeutung und Gebrauch wunderbar mit denen von lit. makãras übereinstimmen.

Lit. mėtena „Kantschu, Peitsche“ (Joniškis), mėtenas (Mažeikiai, Šatės), mėtamasis „Gürtel, Rute oder allgemein etwas, womit geschlagen wird“ (Šakyna, Vegeriai) sind Entlehnungen aus dem Lettischen, vgl. lett. mėtamais „Schlagstock“, lett. mest „werfen, schlagen“⁵⁵.

Lit. myžinis „Peitsche, Kantschu“, myžinis (Kairiai, Pociūnėliai), myžeklės „Schlaginstrument, Rute, Peitsche, Kantschu“ (Grūžiai), myžeklinis (Skaudvilė), myžõklis (Gargždai): lit. myžėklis „Penis“, myžti „urinieren“; zum Semantischen vgl. lit. biž-

⁵³ A. Sleumer, Kirchenlateinisches Wörterbuch, Limburg a. d. Lahn, 1926, p. 703.

⁵⁴ A. Brückner, Sl. et., p. 15.

⁵⁵ A. Sabaliauskas, LKK, VIII, p. 104.

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balas, lett. metamais ‚ein Stock zum Schlagen‘; lett. metamais ‚das männliche Glied‘, poln. pyta ‚Penis‘: poln. pyta ‚kurze Peitsche‘ usw.

Lit. pavarõklis ‚Peitsche‘ (Rumšiškės): lit. pavarýti.

Lit. rãpnykas ‚lange Peitsche mit kurzem Griff, Knute‘ (Gizai, Kapsukas, Liudvinavas, Pandėlys, Raseiniai, Veiveriai), rãpningas (Višakio Rūda) ist eine Entlehnung aus dem Polnischen, vgl. poln. harapnik ‚Peitsche mit langer Schnur‘. Die Form rãpnikas entstand im Litauischen durch den nebeneinanderliegenden Gebrauch der Suffixe -inyka- und -ininka-.

Aus dem Polnischen gelangte diese Bezeichnung für ein Schlaginstrument auch in einige andere slawische Sprachen, vgl. russ. арапник, ukrain. гарапник, weißruss. арапнік, tschech. harapnik.

Im Polnischen wird neben der Form harapnik auch die Form harap, herap verwendet, deren ursprüngliche Bedeutung ein Zuruf der Jäger an die Hunde gewesen sein soll, wenn sie diese losschickten, um die Beute zu holen. Das polnische herap (belegt ist auch die Form herab) stammt nach Ansicht vieler Forscher aus dem hochdeutschen herab ‚nach unten‘⁵⁶. Einige Bedeutungen des polnischen Wortes (‚Beute, Plünderung‘, vgl. poln. już po harapie ‚nun ist alles vorbei, zu spät‘) lassen jedoch an dieser Erklärung zweifeln. Daher hat F. Slawski vielleicht recht mit der Annahme, dass sich ein Teil der Bedeutungen des polnischen Wortes leicht erklären ließe, wenn man türk. harap ‚Vernichtung, Verwüstung, Verheerung‘ als dessen Quelle ansieht⁵⁷.

Lit. rìm̃bas ‚Peitsche, dicke Peitsche, Seilende, Peitschenschnur, Rute‘ (Griškabūdis, Kapsukas, Merkinė, Naumiestis) ist ein Wort litauischer Herkunft, das mit lit. rem̃bti ‚träge werden‘, rémbėti ‚träge werden; hart werden, zusammenwachsen‘, rùmbas ‚Narbe (nach dem Verheilen einer Wunde oder einem Schlag mit etwas)‘, rambùs ‚ungeschickt, unbeholfen‘ in Verbindung zu bringen ist⁵⁸.

Lit. stirmakojis ‚Peitsche mit einem Griff in Form eines Hirschbeins‘, stirnakojis (Mažeikiai, Raseiniai, Rokiškis, Šiluva), stirninis (Dusetos, Kupiškis), stirninė (Baisogala), stirninas (Skrebotiškis), stirnõkas (G. H. F. Nesselmann, Wb., 502; F. Kuršaitis schreibt stirnõkas und fügt hinzu, dass er ein solches Wort in der lebendigen Sprache nicht gehört habe, Wb., 406) < lit. stirna + koja. Die nicht zusammengesetzten Formen sind vermutlich jüngeren Datums und aus der zusammengesetzten Form stirnakojis entstanden.

Lit. šmikis ‚Peitsche‘ (Klaipėda, Upyna), vgl. lit. šmikis ‚die Vorschnur an der Peitsche‘ (Chr. Mielcke, Wb., I, 279; F. Kurschat, Wb., 391; G. H. F. Nesselmann, Wb., 528); ‚Ende der Schnur an der Peitsche, aus Flachs gedreht‘ (Dovilai, Gaurė) ist eine Entlehnung aus dem Deutschen, vgl. dt. Schmicke ‚Ende der Peitschenschnur‘⁵⁹.

Die Bedeutung ‚Peitsche‘ von lit. šmikis entstand bereits im Litauischen selbst.

In den litauischen Mundarten ist das Wort šmikis in der Bedeutung ‚Taugenichts, Dummkopf, unseriöser Mensch‘ sehr weit verbreitet. Im Wörterbuch von E. Frenkel wird vermutet, dass die polnische Bezeichnung smyk ‚Bengel, Taugenichts‘ die Entstehung dieser Bedeutung beeinflusst haben könnte. Bedenkt man jedoch die semantische Entwicklung der Bezeichnungen für Peitschen und verwandte Begriffe, könnte die Bedeutung ‚Taugenichts‘ im Litauischen auch ohne jeglichen äußeren Einfluss entstanden sein.

Viele Bezeichnungen für Treib- und Schlaginstrumente unterschiedlicher Herkunft sind nur für das Lettische charakteristisch:

Lett. ādainica ‚lederne Peitsche‘, ādenica, ādunica (EM, I, 236; EH, I, 192), vgl. lett. āda ‚der Balg, das Leder‘, lit. óda.

⁵⁶ A. Brückner, Sl. et., p. 168; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 22.

⁵⁷ F. Slawski, Sl. et., I, p. 402–403.

⁵⁸ K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 111; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 696.

⁵⁹ K. Alminauskis, Die Germanismen des Litauischen, p. 130; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1013.

69

Lett. atvītene ‚eine zurückgeflochtene Peitschenschnur; eine Kosakenpeitsche‘ (EH, I, 181), vgl. lett. atvīt ‚entflechten, trennen‘.

Lett. baīce ‚eine kurze, dicke Peitsche‘, baīcene (EM, I, 249) ist nach J. Endzelīns’ Ansicht wahrscheinlich eine Umbildung des deutschen Peitsche (wohl eine Umbildung von d. Peitsche). Zum Verhältnis von anlautendem b- und p- vgl. lett. brusaks ‚der Prussak‘, lett. bakškis: lett. pakš(k)is, lett. bęka: lett. pęka, lett. bires: lett. pires, lett. blakts, lit. blākė: lett. plakts u. a.60

Das deutsche Peitsche seinerseits ist ein Lehnwort aus dem Slawischen (bereits in Sprachdenkmälern des Deutschen aus dem 14. Jahrhundert belegt)61.

Lat. bembele ‘eine Peitsche, namentlich die Peitsche der Zigeuner’ (EM, I, 278), bèmbele ‘ein Knüttel (zum Schlagen)’ (EH, I, 212), plg. lat. bèmbelis ‘ein Schimpfwort (in Bezug auf Menschen (vom kleinen, hässlichen, dickbäuchigen Kindern), Tiere (von dickbäuchigen Kälbern und Pferden) und verkrüppelte Bäume’, bემბere ‘ein Mädchen von kleinem Wuchs’, bemberis ‘ein knotiger Baum; eine krumme, schlecht gewachsene Birke’, plg. t. p. liet. bimbìlas.

Lett. biktala ‚die Zigeunerpeitsche‘ (EM, I, 295), biktiņš ‚Prügel‘, nùobiktalât ‚durchprügeln‘ könnten lautmalerischen Ursprungs sein, vgl. lett. bika, biku ‚Interj., bezeichnet ein Stoßen, Schlagen‘, bikât kājas ‚mit den Füßen auf den Boden schlagen‘ (EH, I, 218).

Lett. cùcine ‚eine Peitsche zum Schweinehüten‘ (EH, I, 280), vgl. lett. cūka ‚das Schwein‘.

Lat. čūnčurs ‘eine zu kurze Peitsche’ (EM, I, 421), plg. lat. čūnčurs ‘etwas Verwickeltes, Zotteliges der Knäuel, der Klumpen; einer der sich sehr warm anzukleiden pflegt’, čūnčuris ‘jem. dem die Arbeit nicht von statten geht’, čūnčuriski ‘gekrümmt’.

Lett. derža ‚eine kurze Peitsche, deren Stiel aus einem Ziegen- oder Hasenfuß besteht Setzen; eine große Peitsche, eine Zigeunerpeitsche‘ (EM, I, 458) bedeutete nach J. Endzelīns’ Ansicht (mit?) ursprünglich eine Lederpeitsche, vgl. lit. diržas.

Lett. dimbā ‚Ochsenziemer‘ (EM, I, 467) ist wahrscheinlich mit lett. timbā ‚etwas langsam machen‘ (nu timbā, timbā! sagt man, um ein faules und schwaches Pferd anzutreiben); ‚mit Mühe tragen‘, timbā ‚ein Stoff, der dicker ist als gewöhnlich‘ zu verbinden.

Lett. diņķene ‚eine Reitpeitsche aus einem Ochsenziemer‘, diņķavniea, diņķenice ‚ein Ochsenziemer; eine Reitpeitsche aus einem Ochsenziemer‘ (EH, I, 321), vgl. lett. diņķis ‚das männliche Zeugungsglied (besonders eines Ochsen)‘ < mittelniederdeutsch dink ‚Penis‘.

Lat. dratka ‘eine Peitsche; die Rüge’ (EM, I, 491) veikiausiai reikėtų sieti su lat. drāte ‘der Draht’ < vid. vok. žem. drāt, plg. lat. drātēt ‘schelten’, drātīt ‘schlagen, prügeln’, drātējens ‘die Rüge=bäriens’ (EH, I, 331), plg. t. p. liet. dratinis.

Lett. dūrtēne ‚eine dicke, scharfe Reitpeitsche; ein Prügeln‘ (EM, I, 520): lett. dūrt ‚stechen, stoßen‘, lit. dūrti.

Lett. dzenamais ‚etwas, womit man antreibt, ein Stock, eine Peitsche u. a.‘ (EM, I, 544): lett. dzīt ‚antreiben, jagen‘.

60 J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 251–252; V. Kiparsky, Scando-slavica, 14, p. 73–97.

61 F. Kluge, Et. Wb., p. 537.

70

Lett. džala ‘?’ (čigānam brenga džala BW. 33554, 6, EH, I, 365) ist wahrscheinlich < lett. džāndžala.

Lett. džāndžala ‘die Zigeunerpeitsche’, džandala (EM, I, 563), džandželīte (EH, I, 365), džendžala (EM, I, 563), džendžele (EH, I, 365), džīndžala (EM, I, 564; EH, I, 365), džindžauska (EM, I, 564), džīndža ‘eine Weiden- oder Birkenrute oder eine Peitsche’ (EH, I, 365), vgl. außerdem lett. džandžalāt ‘schlagen’, džāndžalēt, džendžalāt, džindželēt, džindžuot, džindžalāt, džindžalēt, džindžināt ‘die Peitsche schwingen’, džindžalnieks ‘ein Zigeuner’. Wahrscheinlich handelt es sich um lautmalerische Wörter; vgl. lett. džindž ‘Interj. zur Bezeichnung eines klirrenden Lautes’, džindžēt ‘klingen’, džindžulis ‘eine schlechte Glocke; eine Taschenuhr’, vgl. auch lit. džendžioras.

Lett. elvete ‘eine Hirtengerte, Rute zum Prügeln’ (EM, I, 569), vgl. lit. elvytōs ‘eine Birkenstange für eine Schaukel’, alvytà ‘ein gedrehter Weidenzweig (Weide)’, lett. elvede ‘ein junger, armdicker Tannenbaum, dessen dünnes Ende, in eine klūga verwandelt, zum Befestigen der Flösser am Ufer dient’, vielleicht auch pruß. alodde ‘Haspe=Türband, mittels dessen die Tür in die Angeln gehängt wird’ (Wort 541 im Elbinger Vokabular)62.

Lett. ganeklis ‘die Hirtenrute’ (EM, I, 599), ganenīca (EM, I, 600): lett. gans ‘der Hirt’, ganīt ‘hüten, weiden’.

Lett. grīndža ‘eine Zigeunerpeitsche’ (EH, I, 406) könnte gelegentlich durch Dissimilation aus lett. džindža. entstanden sein.

Lett. kaltine ‘die dicke, lederne Kosakenpeitsche’ (EM, II, 145): lett. kalt ‘schmieden; schlagen; beschlagen’.

Lett. kaūka ‘eine Zigeunerpeitsche’ (EM, II, 173): lett. kāukt ‘heulen’, vgl. auch lett. kaūka ‘das Geheul, der Sturmwind; der Schreihals, der Heulende, ein weinerlicher Mensch’.

Lett. kazāčene ‘die Kosakenpeitsche’ (EM, II, 183): lett. kazāks ‘der Kosak’.

Lett. līcene ‘die Peitsche’ (EM, II, 476) – J. Endzelīns verbindet es mit lett. līkt ‘sich biegen, krumm werden, sinken, knicken’.

Lett. liētēne ‘eine kurze Peitsche’ (EM, II, 507) – J. Endzelīns verband es zweifelnd mit lett. liēt ‘gießen; hauen, schlagen’. Die Verbindung ist sehr plausibel; vgl. lit. liēt kam par galvu; liēt kam ar riksti pa pakauļ (EH, I, 757).

Lett. lūnte ‘die Peitsche’, lūntaga (EM, II, 514) – ein Lehnwort aus dem Deutschen63; vgl. dt. die Lunte ‘Docht, Zündschnur; Schwanz (in der Jägersprache)’. Die Form lūntaga ist wahrscheinlich nach dem Muster der Form pātaga.

Lett. luot̄ega ‘eine Peitsche; eine Rute, ein Stock, eine große Rute’ (EH, I, 768), luōtaga ‘die Rute, etwas zum Schlagen (ein Strick, eine Peitsche)’ (EM, II, 528–9, EH, I, 768), lūtaga (?) ‘eine biegsame, geschmeidige Rute’ (EM, II, 520): lett. luotāt ‘schlagen’. Möglicherweise sind dies auch eigentümlich „lettisierte“ Formen von lett. lūntaga.

Lett. miseklis ‘eine Zigeunerpeitsche’ (EH, I, 818) wäre vielleicht mit lett. mizeklis ‘die Harnröhre’, mizeknis ‘das männliche Geschlechtsglied (von Hengsten, Stieren, Schafböcken)’, mislis ‘das männliche Glied, namentlich der Pferde’, vgl. lit. myžėklis. Andererseits ist es möglich, lett. miseklis mit lett. mizuot ‘hauen, schlagen, prügeln’ zu verbinden, dessen Grundbedeutung ‘entrinden, abschälen’ ist (vgl. lett. misuot (?) = mizuot). Zur Bedeutungsentwicklung von lett. mizuot vgl. lit.

62 K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 429; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 120–121; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 140.

63 J. Sehwers, Sprachlich - kulturhistorische Untersuchungen, p. 74.

71

lūpti „Rinde, Bast oder Schale abnehmen“ → „schlagen, jemandem Prügel verabreichen“. Die erste Erklärung erscheint jedoch plausibler.

Lett. peizere „die Peitsche“ (EM, III, 193; EH, I, 219), vgl. lett. pēizēt „verschwenden“, peizāt „verspotten, materiell schädigen“, peiza „dünnes Bier“, peizeris „ein leichtsinniger, dummer Mensch“, peizums „einer, der lärmt, Radau macht“.

Lett. pempe „eine kurze Peitsche“ (EM, III, 199), vgl. lett. pempe „der kurze Schwanz des Schweins, Stummelschwanz des Pferdes“, pempele „ein kleines, dickes Mädchen; ein Mensch von untersetztem Körperbau“ (EH, II, 222), pempis „der Bauch, ein dicker Mensch“, pimpis „männliches Glied“. Weiterhin sind diese Wörter mit lett. pempt, pampt und lit. pañpti zu verbinden.

Lett. pička „eine Peitsche; eine geschmeidige Rute“, pička (EM, III, 230) ist ein Wort, das in den älteren lettischen Sprachdenkmälern (in den Schriften von G. Mancelis, G. Elger und J. Langius), aber auch recht häufig in den Dialekten vorkommt. Seine Quelle ist niederdeutsch pietske „Peitsche“⁶⁴. Aus niederdeutsch pietske stammt auch estn. piitsk.

Lett. pikene „ein Instrument zum Schlagen; eine kurze (geteerte) Peitsche“ (EM, III, 214); die letztgenannte Bedeutung legt nahe, dass pikene ursprünglich eine mit Teer bestrichene („geteerte“, lett. pikis, lit. pikis, estn. pikk, < mittelniederdeutsch pik) Peitsche bezeichnete; vgl. auch lett. pjikenēt „mit der Peitsche schlagen“.

Lett. pipa „die Peitsche“ (EM, III, 221), pipka „die Peitsche; ein zusammengedrehtes Tuch, mit dem man schlagen kann“ (EM, III, 222) sind wahrscheinlich mit lett. pipis „die Ecke, der Zipfel eines Getreidesacks; das männliche Glied“, pipiņš „eine Verkleinerungsform für das männliche Glied“, pipaste „eine Kuh mit kurzem Schwanz“ zu verbinden; vgl. auch lett. pipāt „peitschen“ und lett. pipka „ein Säufer, Trunkenbold“.

Lett. pleņica „eine flache Lederpeitsche“, pleņica, pleņice (EM, III, 336), plemiča „ein Schlagwerkzeug aus der Zeit der Leibeigenschaft“ (EH, II, 291) < russ. плетеница „Geflecht“: russ. плести (В. Даль, Сл., III, 123).

Lett. riņguotne „eine Art Peitsche mit kurzem Stiel“ (EM, III, 528), vgl. lett. riņgalts „Sattel-, Ringgurt“, ringuts < niederdeutsch Ringgurt⁶⁵.

Lett. sipsna „eine starke Rute, auch ein Riemen zum Prügeln (= siksna)“ (EM, III, 842) wurde von K. Būga mit lit. šipulys, šipti⁶⁶ verbunden; J. Endzelīns neigte dazu, es mit Sanskrit śiphā „dünne Wurzel, Rute“ oder śepáḥ „Penis“ zu verbinden. Uns scheint, dass sich das Wort sipsna bei der Bedeutung „ein Riemen zum Prügeln“ als aus siksna entstanden erklären ließe (= lit. šìkšna).

Lat. sislis ‘ein Stock, überhaupt ein Instrument zum Schlagen’ (EM, III, 849): lat. sist ‘schlagen’.

Lat. sitamais ‘etwas, damit man schlägt, ein Knüppel’ (EM, III, 849, 850): lat. sist ‘schlagen’.

Lett. skabene „etwas zum Schlagen = Sitzendes“ (EM, III, 863); J. Endzelīns neigt dazu, es mit lett. skabīt „Äste abhauen, (be)kappen“ zu verbinden; vgl. lett. atskabene „ein abgebrauchter Badequast“ (EM, I, 191).

Lett. strūpene „eine Hirtenrute“, strūpene (EM, III, 1098); J. Endzelīns neigt dazu, es mit lett. strupjs „kurz gestutzt, kurz angebunden“ zu verbinden.

⁶⁴ J. Sehwers, Sprachlich-kulturhistorische Untersuchungen, p. 89.

⁶⁵ Ebenda, S. 101.

⁶⁶ K. Būga, Rinktiniai raštai, I, S. 600, II, S. 316, 618.

72

Lat. škęste ‘eine (lange) Rute; eine Hirtenrute (mit schlanken Zweigen); eine Strohdachrute’ (EM, IV, 29) versucht man mit lit. sketerà ‘Rücken und Buckel eines Tieres; die Borsten des Buckels’, russ. щетина ‘Borsten’⁶⁷ in Verbindung zu bringen.

Lat. škina ‘eine Rute, eine Hirtenrute, eine dünne und lange Stange, eine Angelrute, eine Strohdachrute’, škinaga ‘eine Hirtenrute, eine lange Rute zu Wispeln oder Körbeflechten, eine Angelrute’ (EM, IV, 41; EH, II, 636) J. Endzelynas linkęs sieti su lat. škīt ‘abblatten, abstreifen, abpflücken’.

Lat. šmīkšenica ‘eine Rute oder Peitsche’ (EH, II, 649): lat. šmīkstēt ‘knallen, klatschen, schnalzen, pfeifen’ (vgl. braucuot pātaga pa gaisu (gar ausīm) vien šmīks-tēja), šmīkšēt.

Lat. švaka ‘eine Rute, ein biegsamer Stock zum Schlagen’ (EM, IV, 113) – ist wahrscheinlich lautmalerischen Ursprungs; vgl. lat. ledus saka: brika braka; zuobeniņi švika švaka (BW. 31971 var., EM, IV, 113).

Lat. vebikis ‘mit einem Zopf’ (EM, IV, 514), vgl. lat. vebe ‘ein fingerbreites, aus Schnüren gewebtes Band’.

Lat. vembele ‘eine Rute; eine dicke Rute; eine kurze, dicke Rute zum Schlagen; eine Hirtenrute’, vembelis (EM, IV, 536), vembele ‘ein kürzerer Knüppel’ (EH, II, 770) – ist eine Entlehnung aus dem ostseefinnischen Bereich; vgl. est. vemmal (Gen. vemble) ‘Prügel, Knüppel’, finn. vempele⁶⁸.

Lat. zeliga ‘ein Streitkolben; Peitsche mit einem eisernen Kolben’ (EM, IV, 704) sollte wahrscheinlich mit lat. zelēt ‘kauen, prügeln’ in Verbindung gebracht werden.

Lat. zipsna (auch mit -b- geschrieben) ‘eine starke Rute; der Riemen, ein lederner Gürtel=siksna’ (EM, IV, 725), vgl. auch lat. zipât ‘schlagen’, zipene ‘eine Rute’, zipsnât ‘schlagen’. Vielleicht sollte lat. zipsna von lat. sipsna hergeleitet und letzteres mit lat. siksna in Verbindung gebracht werden.

Lat. žebenica ‘eine lange Hirtenrute’ (EM, IV, 799), plg. lat. žebeklis ‘ein ästiges Holz, ein ästiger Stock’, žābeklis ‘das Stöckchen od. die Dornen, womit man einem jungen Tier das Maul so umzäunt, dass es nicht saugen kann’, kurie toliau sietini su liet. žābas, žābōti⁶⁹.

Eine Bezeichnung für ein Schlaggerät findet sich auch in den altpreußischen Sprachdenkmälern – es ist das Wort 315 des Elbinger Vokabulars – Brusgis Geysel. Dieses Wort steht nach den Bezeichnungen für Seile und bedeutet wahrscheinlich ‘Peitsche’. Die Herkunft von pr. brusgis ist ziemlich unklar; wahrscheinlich sollte man es, wie R. Trautmann⁷⁰ und J. Endzelīns⁷¹ es tun, mit lit. brūzgai ‘dichtes, niedriges Gestrüpp’, brūžgas ‘Reisig, Rute, Ast’, bruzgōtas ‘Stock, Ast’, brūzgulys ‘Stock; Schlinge mit einem Knebel zum Zuziehen der Schweineschnauze; Stock zum Binden von Strohbündeln’ u. a. in Verbindung bringen. Die ursprüngliche Bedeutung von pr. brusgis wäre demnach ‘Stock’; hinsichtlich der Semantik vgl. dt. die Geissel ‘Peitsche’: anord. geisli ‘Stock’⁷².

⁶⁷ K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 599, II, 315, 617; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 803–804; M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 450–451.

⁶⁸ V. Thomsen, Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauisk-lettiske) Sprog, p. 286.

⁶⁹ E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1282–1283.

⁷⁰ R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 314.

⁷¹ J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 154.

⁷² F. Kluge, Et. Wb., p. 242.

73

Wie wir sehen, gibt es in den baltischen (litauischen und lettischen) Sprachen sehr viele Bezeichnungen für Geräte zum Treiben oder Schlagen von Tieren, die in engerem oder weiterem Gebrauch sind. Ein großer Teil dieser Bezeichnungen gelangte aus den slawischen Sprachen in die baltischen Sprachen (lit. botagas, lett. pātaga, lit. bižūnas, lett. bižūne, lit. kančiūkas, lett. kančūka, lit. knūtas, lett. knute, lit. nagaika, lett. naika, lit. pastarānka, lett. pastrunkis, lit. pitka, lett. pitka, lit. pletnìa, lett. pletne, lit. barborā, lit. kiestenius, lit. rāpn ykas, lett. plenica). Einzelne Slawismen dieser Art könnten auch über das Litauische ins Lettische gelangt sein. Unter den lettischen Bezeichnungen für Schlagwerkzeuge finden sich auch Entlehnungen aus dem Deutschen (lett. baice, lunte, pīcka, ringuotne). Im Litauischen kommen sie kaum vor (lit. šmikis).

In den baltischen Sprachen gibt es zahlreiche Bezeichnungen für Schlagwerkzeuge, die lautmalerischen Ursprungs sind (lit. bimbilas, lit. bindza, lit. bričius, lit. džendžioras, lit. džiungāras, lett. biktala, lett. dañdala, lett. džandžala, lett. šmikšenica, lett. švaka). Zwischen den Bezeichnungen für Schlagwerkzeuge und denen für das membrum virile besteht eine enge semantische Beziehung. Einige Bezeichnungen für Schlagwerkzeuge werden in der Bedeutung ‚untauglicher, unseriöser Mensch, Landstreicher‘ verwendet.

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II

air. – irisch

av. – avestisch

afgan. – afghanisch

baltr. – weißrussisch

alb. – albanisch

bulg. – bulgarisch

angl. – englisch

chorv. – kroatisch

arm. – armenisch

ček. – tschechisch

aukšt. – oberlitauisch

dial. – dialektisch

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est. — estnisch germ. — germanisch got. — gotisch gr. — griechisch het. — hethitisch ide. — indoeuropäisch isl. — isländisch isp. — spanisch karel. — karelisch kaš. — kaschubisch lat. — lettisch lenk. — polnisch liet. — litauisch lyv. — livisch lot. — lateinisch lūž. — altpreußisch n. — neu- pers. — persisch pr. — altpreußisch

franz. — französisch rus. — russisch sen. — alt serb. — serbisch serb.-chorv. — serbisch-kroatisch skand. — skandinavisch skr. — Sanskrit slav. — slawisch slov. — slowenisch slovk. — slowakisch suom. — finnisch tarm. — dialektal tot. — tatarisch ukr. — ukrainisch veps. — wotisch vid. — mittel- deutsch — deutsch žem. — niederlitauisch

AUS DER GESCHICHTE DER VIEHZUCHTTERMINOLOGIE IN DEN BALTISCHEN SPRACHEN

А. САБАЛЯУСКАС

Zusammenfassung

Bezeichnungen für Herden. In den baltischen Sprachen, besonders im Litauischen, gibt es sehr viele Bezeichnungen für eine Herde: litauische — bandā, kaimenė, guotas, kėltuva, pėkus, gyvuliai, gyvis, goniava, gonā, gardas, stōdas, armuo, gaibjė, pūlkas, tabūnas, lettische — luopi, bars, ganeklis, pulis und andere. Meistens handelt es sich um alte Wörter baltischen Ursprungs.

Besonderes Interesse verdient litauisch bandā, das in den Mundarten der litauischen Sprache und in schriftlichen Denkmälern mit folgenden Bedeutungen verwendet wird: ‚Herde‘, ‚Getreide (auch Flachs), das ein Knecht, der Sohn oder der jüngere Bruder eines Bauern für sich selbst ausgesät hat‘, ‚Land, auf dem bandā gesät ist‘, ‚Naturalzulage zum Lohn eines Knechts‘, ‚Naturallohn eines Knechts‘, ‚Nutzen, Vermögen, Besitz, Eigentum, Geld‘, ‚Laib Brot‘. Ursprünglich bedeutete litauisch bandā wahrscheinlich ‚Tier‘; aus dieser Bedeutung entwickelten sich allmählich weitere, jüngere Bedeutungen. Litauisch bandā ist in nichtlitauischsprachigen Urkunden bereits vor dem Auftreten litauischer Schriftdenkmäler belegt. In verschiedenen Bedeutungen gelangte das Wort ins Lettische und auch in die slawischen Sprachen. In den slawischen Sprachen kommt das Wort auch in Bedeutungen vor, die dem Litauischen unbekannt sind; so wird beispielsweise in den Mundarten des Belarussischen und Ukrainischen das Wort бонда im Sinne von ‚Kuh, die der Braut als Mitgift bestimmt ist‘ verwendet. Einige altpreußische Orts- und Personennamen scheinen darauf hinzuweisen, dass es auch im Altpreußischen einst ein Wort gegeben hat, das dem litauischen bandā entsprach. Viele Forscher verbinden litauisch bandā mit indoeuropäisch *bhendh- ‚binden‘. Die semantische Seite dieser Etymologie ist jedoch mit gewissen Zweifeln behaftet.

Litauisch kaimenė ‚Herde‘ ist mit litauisch káimas ‚Dorf, Siedlung‘ zu verbinden. Interessanterweise stimmt sogar die Verbreitung dieser Wörter in groben Zügen überein.

Sehr unklarer Herkunft ist litauisch guotas ‚Herde‘. Sowohl seine Verbindung mit litauisch gan- jā ‚Bande, Rotte, Meute‘ und góvėda ‚Gesindel, Menge‘ als auch die mit indoeuropäisch *guou- ‚Vieh; Rind‘ ist sehr hypothetisch.

Litauisch kėltuva ‚Vieh; Rind‘ wird in den östlichen Mundarten des Litauischen auch in der Bedeutung ‚Herde‘ verwendet. So wurde es auch in der alten Schriftsprache gebraucht. Litauisch kėltuva: litauisch kėlti ‚heben‘.

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Litauisch rėkus bedeutete ursprünglich ebenfalls „Vieh; Rindvieh“, doch in der älteren Schriftsprache und mitunter auch in den Mundarten wird dieses Wort im Sinne von „Herde“ gebraucht.

Von besonderem Interesse ist die Tatsache, dass litauisch gyvuliai „Vieh, Herde“ ein ziemlich geschlossenes Verbreitungsgebiet mit belarussisch жывіла und polnisch zwierzęta bildet. Es ist nicht auszuschließen, dass belarussisch жывіла in dieser Bedeutung unter dem Einfluss von litauisch gyvuliai entstanden ist. In der älteren Schriftsprache sowie in litauischen Sprachinseln auf belarussischem Gebiet wird das Wort gyvis im Sinne von „Herde“ gebraucht. Beide Herdenbezeichnungen sind untrennbar mit idg. *gʷi- (litauisch gy-, slawisch ži-) verbunden.

Litauisch gōniava „Herde“, gonà: litauisch ginti „treiben“.

Litauisch gardas wird in der Bedeutung „Herde“ nur in der älteren Schriftsprache verwendet. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes ist „Umzäunung, umzäunter Platz; Stall“. Aus dieser Bedeutung entwickelte sich auch die Bedeutung „Herde“.

Litauisch stodas, tabūnas, pulkas (lettisch pulks) sind Entlehnungen aus den slawischen Sprachen.

Litauisch artimo „Herde“ ist nur in der von A. Baranauskas angefertigten Bibelübersetzung belegt, wo es unter dem Einfluss von lateinisch armentum „Großvieh; Herde, Pferdeherde“ entstanden ist.

Litauisch gaibje ist erstmals in einem handschriftlichen Wörterbuch des 17. Jahrhunderts belegt. Von dort gelangte es in das handschriftliche Wörterbuch von J. Brodowski und von dort weiter in das Wörterbuch von F. Nesselmann. Die Struktur dieses Wortes weist jedoch darauf hin, dass es kein verlässlicher Beleg des Litauischen ist.

Lettisch lūpri „Herde“: lettisch lūprs „Vieh, Tier“ (vgl. albanisch lopē „Kuh“).

Lettisch bars „Herde, Pferdeherde, Rudel“: lettisch bērt „schütten“, litauisch berti, litauisch bāras „Grundstück, Streifen“.

Lettisch ganeklis „Herde“: lettisch ganīt „weiden“, litauisch ganyti.

Lettisch pulis entstand in der Bedeutung „Herde“ aus der Bedeutung „Haufen, Menge, Menschenmenge“. Generell ist bei den baltischen Herdenbezeichnungen eine Bedeutungsentwicklung „Menge, Menschenmenge“→„Herde“, „Tier; Vieh“→„Herde“ recht häufig.

Hirtenbezeichnungen. Im Litauischen hat sich eine alte idg. Hirtenbezeichnung erhalten — piėtuō (: altgriech. ποιμήν u. a.). Diese Hirtenbezeichnung wurde aller Wahrscheinlichkeit nach auch im Altpreußischen und im Lettischen verwendet. Die baltische Hirtenbezeichnung drang in die ostseefinnischen Sprachen ein, vgl. finnisch paimen „Hirte“ u. a.

Im Litauischen und Lettischen werden Hirtenbezeichnungen verwendet, die auf litauisch ganyti „weiden“, lettisch ganīt zurückgehen. Diese Wörter sind ferner mit litauisch ginti „treiben“, lettisch dzīt, russisch гнать u. a. zu verbinden.

Im Litauischen finden wir eine ganze Reihe von Bezeichnungen, die von den entsprechenden Bezeichnungen für Haustiere abgeleitet sind, vgl. arklininkas „Pferdehirte“: litauisch arklys „Pferd“, avinininkas „Schafhirte“: litauisch avis „Schaf“, jautininkas „Hirte für Stiere“: litauisch jautis „Stier, Ochse“, karvišius „Kuhhirte“, kārvinininkas: litauisch kārvė „Kuh“ u. a.

Litauisch avčiorius „Schafhirte“ < aus dem Polnischen owczarz.

Lettisch šēperis „Schafhirte“ < aus dem Deutschen Schäfer.

Im Litauischen finden sich mehrere Bezeichnungen für den ältesten Hirten. Am häufigsten werden die Bezeichnungen kerėdžius und skerdžius gebraucht (mit einem zusätzlichen s, vgl. litauisch kregždė ‚Schwalbe‘; skregždė, keterà ‚Nackenkamm‘: sketerà usw.). Diese Bezeichnung des ältesten Hirten hat eine zuverlässige Etymologie: Sie wird mit idg. *kerdh- ‚Reihe, Stand; Herde‘ in Verbindung gebracht. Im Altpreußischen ist ein Wort mit diesem Stamm erhalten, kērdan (Akkusativ Singular) ‚Zeit‘. In der Antike wurde dieses Wort offenbar in der Bedeutung ‚Reihe, Schicht‘ in allen baltischen Sprachen gebraucht. Dafür zeugt finnisch kerta ‚Schicht, Lage; Mal, einmal‘, das aus den baltischen Sprachen entlehnt wurde. Litauisch kerėdžius, skerdžius kommt recht häufig in russischen, belarussischen und polnischen Dokumenten vor, die Litauen betreffen.

Semantisch steht dem Litauischen kerėdžius, skerdžius auch litauisch dienìnis ‚ältester Hirte‘ sehr nahe (: litauisch dienà ‚Tag‘). Diese Bezeichnung wird nur in einem kleinen Gebiet der ostlitauischen Dialekte verwendet.

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Litauisch viršininkas ‚ältester Hirte‘: litauisch viršus ‚oben‘. Ende des 19. Jahrhunderts führte der litauische Sprachwissenschaftler J. Jablonskis (1860–1930) dieses Wort in die Schriftsprache ein und verlieh ihm eine neue Bedeutung – ‚Vorgesetzter‘.

Litauisch bandìlis ‚ältester Hirte‘, bandìžius, bandìnis: litauisch banda ‚Herde‘.

In der linguistischen Literatur begegnet seit den Zeiten A. Bezzenbergers litauisch tvarklas mit der Bedeutung ‚Hirte‘. Dieses Wort mit dieser Bedeutung findet sich auch in E. Fraenkels etymologischem Wörterbuch der litauischen Sprache. A. Bezzenberger entnahm das Wort tvarklas dem Manuskript der Bretke-Bibelübersetzung. Wie wir jedoch feststellen konnten, gelangte tvarklas in der Bedeutung ‚Hirte‘ aufgrund eines Missverständnisses in die linguistische Literatur. Wie aus der deutschen Bibelausgabe von 1549 hervorgeht, wurde der Satz „und wie ein Herd on hirten“ falsch gedeutet. In diesem Satz entspricht das Wort hirten dem deutschen Hürde. Folglich wird auch das Bretke-litauische tvarklas in diesem Satz nicht in der Bedeutung ‚Hirte‘, sondern in der Bedeutung ‚Pferch‘ gebraucht.

Litauisch pastýrius ‚ältester Hirte‘, pulkavnykas und höchstwahrscheinlich auch ustòvas sind Entlehnungen aus den slawischen Sprachen.

Im Litauischen finden sich auch mehrere Bezeichnungen für besondere Helfer des ältesten Hirten – paganìkas, pàganas: litauisch ganýti ‚weiden‘, pavarininkas, pavarinis: litauisch varyti ‚treiben‘, pirmininkas: litauisch pìrmas ‚erster‘, šalininkas: litauisch šalis ‚Land‘.

Bezeichnungen für Scheunen. In den baltischen Sprachen finden sich ziemlich viele Bezeichnungen für Scheunen unterschiedlicher Herkunft.

Im Litauischen ist tvártas die am weitesten verbreitete Bezeichnung. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes lautet ‚eingezäunter Ort‘. In dieser Bedeutung kommt das Wort in der altlitauischen Schriftlichkeit sowie in Wörterbüchern der litauischen Sprache des ehemaligen Ostpreußens vor. Litauisch tvártas ‚Stall‘: litauisch tvérti ‚einzäunen‘. Mit litauisch tvártas ist offenbar auch altpreußisch coaris (toaris) zu verbinden.

Litauisch gùrbas wird in der Bedeutung ‚Scheune‘ in einem Teil der ostlitauischen Dialekte gebraucht. In dieser Bedeutung ist litauisch gùrbas bereits im Wörterbuch von K. Szyrwid (Ausgabe von 1629) belegt. Insgesamt ist dieses Wort in den litauischen Dialekten sehr vieldeutig: ‚Korb, Flechtwerk‘, ‚aus Weidenruten geflochtenes Oberteil eines Wagens‘, ‚Futterkrippe‘, ‚Vogelkäfig‘, ‚Nest‘, ‚Hundehütte‘, ‚abgetrennter Teil des Stalls (für Schafe, Ferkel)‘, ‚Viehhof; Pferch‘, ‚Tierkäfig‘, ‚besondere Art eines mit Stroh bedeckten Bienenstocks‘ und anderes. Die Herkunft des litauischen gùrbas ist nicht endgültig geklärt. Uns scheint, dass man zur Klärung der Herkunft dieses Wortes seine Bedeutungen voneinander trennen muss. Litauisch gùrbas ‚Scheune‘, das in Ostlitauen gebraucht wird, ist ein einheimisches baltisches Wort; gùrbas ‚Korb, Flechtwerk‘ hingegen, das vor allem in Westlitauen gebräuchlich ist, sowie weitere eng damit verbundene Bedeutungen von gùrbas sind aus dem Deutschen ins Litauische gelangt. Lettisch gùrba, gùrbs wird nicht in der Bedeutung ‚Scheune‘ gebraucht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieses Wort ins Lettische aus dem Litauischen gelangte.

Litauisch kùtė ‚Stall‘ wird im nördlichen Teil Litauens gebraucht. Die Form kùts ist im Lettischen weit verbreitet. Die Herkunft dieses Wortes ist eine sehr komplexe Frage. Wahrscheinlich hat J. Endzelīns recht, der annahm, dass litauisch kùtė eine Entlehnung aus dem Lettischen sein könnte. Auf diese Möglichkeit weist auch die Verbreitung des litauischen Wortes hin. Die ältere Form des lettischen kùts könnte *kunt gewesen sein; dann ließe sich diese Stallbezeichnung höchstwahrscheinlich mit russisch кут ‚Winkel, abgelegener Winkel; Ende oder Spitze eines blinden Ganges; Ecke eines Bauernhauses, Winkel neben der Tür‘, ukrainisch кут ‚Winkel, Schweinestall‘ und anderem verbinden.

Litauisch stalùdas, lettisch stallis und altpreußisch staldìs sind Entlehnungen aus dem Deutschen (vgl. niederdeutsch stall). Mit diesen Stallbezeichnungen brachte E. Fraenkel auch das litauische žemaitische stalnė, stalnėlė in Verbindung. Uns scheint jedoch, dass litauisch stalnė, stalnėlė nicht mit litauisch staldas, sondern mit litauisch stainė ‚Pferdestall‘ und stainėlė zu verbinden ist (zur Phonetik vgl. litauisch kùinas ‚Mähre‘: litauisch kùlnas ‚Mähre‘). Unsere Annahme wird besonders durch Texte litauischer Volkslieder gestützt, in denen die Formen stalnė und stainė nahezu völlig übereinstimmend gebraucht werden.

Litauisch pìlė ‚Stall‘ wird in einem kleinen Teil Ostlitauens gebraucht. In dieser Bedeutung findet sich das Wort bereits im Wörterbuch von K. Szyrwid (Ausgabe von 1642). Litauisch pìlė wird auch in den Bedeutungen ‚Höhle, Grotte; Zelt, Hütte, Verschlag‘ gebraucht. In den litauischen

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In Inventaren, die auf Russisch, Polnisch und Belarussisch verfasst sind, wird litauisch pūnia am häufigsten in der Bedeutung „Gebäude zur Lagerung von geerntetem Getreide, Heu und Stroh“ verwendet. In ähnlichen Bedeutungen wird auch lettisch pūne, pūnis gebraucht. Lettisch pūnis finden wir bereits im Wörterbuch von G. Manzel (1638). Die Herkunft dieses Wortes ist sehr unklar. Ein Teil der Forscher meint, das Wort sei von den Balten aus den slawischen Sprachen entlehnt worden; ein anderer Teil vertritt dagegen die Ansicht, es sei aus den baltischen Sprachen in die slawischen gelangt. Die letztere Auffassung scheint uns plausibler zu sein.

Litauisch pãtas wird in der Bedeutung „Stall“ in einem kleinen Gebiet im mittleren Teil Litauens verwendet. In dieser Bedeutung finden wir das Wort pãmas auch im Wörterbuch von K. Širvydas (Ausgabe von 1642). In ähnlicher Bedeutung wird es auch in litauischen Inventaren verwendet, die auf Polnisch, Belarussisch und Latein verfasst sind. Lettisch pams wird nicht in der Bedeutung „Stall“ gebraucht, obwohl einige Bedeutungen dieses Wortes der Bedeutung „Stall“ sehr nahekommen. Die ursprüngliche Bedeutung des lettischen Wortes pams war „Gebäude, in dem sich eine Heiz- und Kochvorrichtung befand“. Gegenwärtig werden sowohl litauisch pãmas als auch lettisch pams hauptsächlich in der Bedeutung „Haus“ verwendet.

Lettisch laidars wird in der Bedeutung „Stall“ im westlichen Teil Lettlands gebraucht. Die ursprüngliche Bedeutung von lettisch laidars und litauisch laidaras war „Gehege“. Aus dieser Bedeutung entwickelte sich die Bedeutung „Stall“. Litauisch laidaras, lettisch laidars: litauisch leisti „lassen, freilassen“, lettisch laist.

Litauisch dāngtis wird in der Bedeutung „Stall“ nur in einem kleinen Teil Mittellitauens verwendet. In dieser Bedeutung finden wir das Wort auch in einigen Denkmälern der alten Schriftlichkeit. Die Hauptbedeutung des litauischen dāngtis ist „Deckel, Abdeckung; Dach“. Aus der letzteren Bedeutung entwickelte sich die Bedeutung „Stall“. Litauisch dāngtis: litauisch dengti „decken, bedecken, abdecken“.

Litauisch kūginys wird in der Bedeutung „Stall“ nur in einer kleinen Gruppe östlicher Mundarten gebraucht. In der Bedeutung „Stall“ finden wir dieses Wort bereits in den Schriften von M. Daukša. Litauisch kūginys „Stall“: litauisch kūgis „Heuschober; Heuhaufen“, zur Semantik vgl. lettisch gubenis „Heuschuppen, Heuschober“: lettisch guba „Heuhaufen; Haufen“, litauisch gubà „Heuhaufen“.

Litauisch abarės wird in der Bedeutung „Stall“ auf einem sehr kleinen Gebiet Mittellitauens gebraucht. Dieses Wort ist aus dem Polnischen entlehnt, vgl. polnisch obora.

Lettisch klēvs „Stall“ wird im östlichen Teil Lettlands gebraucht. Das Wort ist bereits in der alten lettischen Schriftlichkeit belegt. Ins Lettische gelangte es aus den slawischen Sprachen, vgl. russisch хлев, belarussisch хлеў, polnisch chlew.

In den baltischen Sprachen finden wir recht viele Bezeichnungen für Ställe, die für bestimmte Tierarten vorgesehen sind.

Litauisch arklidė „Pferdestall“, arklinis, arkline, arklininkas, arkliņykas, arkliņykė: litauisch arklys „Pferd“.

Litauisch stainia „Pferdestall“, stajnė, stainis, staininė < polnisch stajnia; litauisch stonià < polnisch stania.

Litauisch strājė „Pferdestall“ < deutsch Streu „Einstreu, Stroh“.

Litauisch kaniūšnia, kaniūškė, kaniūškė ist aus den slawischen Sprachen entlehnt, vgl. belarussisch канюшня u. a.

Litauisch kiaulidė „Schweinestall“, kiaulininkas, kiaulinykas, kiaulinis, kiaulinys, kiaulinė, kiaulinčius, kiaulinyčia: litauisch kiaulė „Schwein“.

Litauisch migìs „Schweinestall“, migėlis, vgl. litauisch migìs „Lagerstätte“: litauisch miegoti „schlafen“.

Litauisch svinárnykas < belarussisch сві́нарнік.

Altpreußisch seweynis „Schweinestall“; altpreußisch swintian „Schwein“, lettisch sivens.

Litauisch avidė ‘Schafstall’, avininkas, avinynkas, avinykė, avinė, avikinė, avikinis, avikė, avinyčia: litauisch avis ‘Schaf’.

Litauisch Kuhstall „Stall für Kühe“, Kuhhirt, Kuhhirt, Kuhhirtin, kuhisch, Kuhhirt: litauisch Kuh „Kuh“.

Bezeichnungen für ein zum Antreiben von Tieren dienendes Gerät. In den baltischen Sprachen finden wir sehr viele Bezeichnungen für Peitsche, Rute und Nagaika. Viele Namen dieser Werk-

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zeuge gelangten aus den benachbarten slawischen Sprachen in die baltischen Sprachen. Wir führen die charakteristischsten Bezeichnungen an.

Litauisch botāgas ‘Peitsche’, lettisch pātaga, pārtaga < weißrussisch батог, vgl. auch altrussisch batogъ.

Litauisch bizi̇̀nas ‘Rute, Nagaika’, lettisch bizūne < polnisch bizun oder weißrussisch бізун.

Lettisch dāidala ‘Zigeunerpeitsche’, dandara ist aller Wahrscheinlichkeit nach lautmalerischen Ursprungs. Aus dem Lettischen gelangte dieses Wort ins Litauische, vgl. litauisch daīd aras ‘Peitsche mit Knoten’.

Litauisch kančiukas ‘Rute, Nagaika’, lettisch kančuka < weißrussisch канчук oder polnisch kańczuk.

Litauisch karbāčius, lettisch karbāča könnte sowohl aus dem Deutschen als auch aus den slawischen Sprachen entlehnt sein, vgl. deutsch Karbatsch, polnisch korbacz.

Litauisch knūtas, lettisch knute < russisch кнут oder polnisch knut.

Litauisch matāras ‘Peitsche, Seil, Stock, Rute’; litauisch mėsti ‘werfen, schleudern, weben’. Lettisch matars ist höchstwahrscheinlich aus dem Russischen entlehnt.

Litauisch nagāika, nāika ist aus den slawischen Sprachen entlehnt, vgl. russisch нагайка, weißrussisch нагаіка. Lettisch paika, paikas könnte sowohl aus dem Litauischen als auch aus den slawischen Sprachen entlehnt sein.

Litauisch pastarānka ‘dicke Peitsche, aus mehreren Seilen gedreht’, pastrānka < russisch посторонка, polnisch postronek. Lettisch pastrunkis ist aller Wahrscheinlichkeit nach aus den ostlitauischen Mundarten entlehnt.

Litauisch pitkā ‘kurze Peitsche, Nagaika’, lettisch pitka < polnisch pytka.

Litauisch pletniā ‘Rute’, lettisch pletne < polnisch plełnia.

Litauisch vytinis ‘geflochtene Peitsche’, lettisch vitine: litauisch vyti ‘drehen, winden’, lettisch vit. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieses Wort ins Lettische aus dem Litauischen gelangt ist.

Litauisch ákstinas ‘spitz zulaufender Stock, der zum Antreiben der Tiere dient’: litauisch ákstinas ‘Stachel’, akstis. Dieses litauische Wort erinnert in seiner semantischen Entwicklung sehr an das lateinische stimulus, vgl. lateinisch stimulus ‘spitz zulaufender Stock, mit dem man Tiere antrieb’: lateinisch stimulus ‘Anreiz, Antrieb, Ermutigung’, litauisch ákstinas ‘spitz zulaufender Stock’: litauisch ákstinas ‘Anreiz, Stimulus, Anstoß’.

Litauisch barbora ‘ein solcher Stock, eine Riemenpeitsche, ein Seil zum Zusammenbinden von Flößen’ ≤ polnisch barbara.

Litauisch bimbilas ‘Peitsche’, bimbiras: litauisch bimti ‘summen’.

Litauisch bindza, bendže ‘Peitsche’ ist lautmalerischen Ursprungs.

Litauisch bričius ‘Peitsche, Riemenpeitsche’ ist lautmalerischen Ursprungs.

Litauisch džāla ‘Riemenpeitsche, Nagaika’ ist lautmalerischen Ursprungs oder aus dem Lettischen entlehnt.

Litauisch džīolas ‘Riemenpeitsche, Peitsche’ ist lautmalerischen Ursprungs.

Litauisch glỹs ‘spitz zulaufender Stock, der zum Antreiben der Tiere dient’: litauisch gylys ‘Stachel’, gilt ‘stechen’.

Litauisch gīngīras ‘Riemenpeitsche’ ist höchstwahrscheinlich lautmalerischen Ursprungs.

Litauisch įnagis ‘Peitsche, Riemenpeitsche’: litauisch įnagis ‘Werkzeug, Gerät’, nāgas ‘Nagel; Klaue’, nagingas ‘geschickt, gewandt’.

Litauisch ūpas ‘geflochtene Peitsche, Riemenpeitsche’: litauisch ūpas ‘Schlag’ < deutsch Hieb.

Litauisch kiestienius ‘Riemenpeitsche mit einem Blei- oder Eisenstück am Ende’ < polnisch kiescień.

Litauisch kurklys ‘Riemenpeitsche’ ist nur in der Bibelübersetzung von S. B. Chylinski (1660) belegt. Litauisch kurklys bezeichnet in der älteren Schriftlichkeit ‘Skorpion’. Wie der lateinische Bibeltext zeigt, übersetzte Chylinski lateinisch scorpio mit kurklys; das lateinische scorpio bedeutet jedoch nicht nur ‘Skorpion’, sondern auch ‘spezielle Peitsche’, sodass litauisch kurklys infolge von Chylinskis Irrtum eine neue Bedeutung erhielt.

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Litauisch makāras ‚Peitsche, Stock‘ – entweder ein ursprünglich litauisches Wort (: makaruoti ‚schwingen, schwenken‘) oder aus dem Polnischen entlehnt.

Litauisch mētena ‚Peitsche, Riemenpeitsche‘ – aus dem Lettischen entlehnt.

Litauisch myžinis ‚Peitsche‘, myžeklis: litauisch myžeklis ‚Penis‘, myžti ‚urinieren‘.

Litauisch rāpnykas ‚Peitsche, Reiterpeitsche‘ < polnisch harapnik.

Litauisch rīm̄bas ‚Peitsche‘: litauisch rēmbėti ‚hart werden; vernarben; faul werden‘, rambus ‚faul‘.

Litauisch stīrnakojis ‚Reitpeitsche, Peitsche‘ < stirna ‚Reh‘ + kōja ‚Bein‘.

Lettisch dadainīca ‚Riemenpeitsche‘: lettisch dada ‚Haut, Fell‘.

Lettisch baice ‚kurze Peitsche‘ > deutsch Peitsche.

Lettisch bembele ‚Peitsche‘: lettisch bēmbelis ‚Schimpfwort (für dickbäuchige Menschen oder Tiere)‘.

Lettisch biktala ‚Zigeunerpeitsche‘ – lautmalerischen Ursprungs.

Lettisch diņķene ‚Peitsche‘: lettisch diņķis ‚Penis (meist der eines Stiers)‘ < deutsch dink ‚Penis‘.

Lettisch dūrtēne ‚Peitsche, Knute‘: lettisch durt ‚stechen‘.

Lettisch dzārdžala ‚Zigeunerpeitsche‘ – aller Wahrscheinlichkeit nach lautmalerischen Ursprungs.

Lettisch kaltine ‚Peitsche‘: lettisch kalt ‚schmieden; behauen‘.

Lettisch kazācene ‚Kosakenpeitsche‘: lettisch kazāks ‚Kosake‘.

Lettisch liētene ‚kurze Peitsche‘: lettisch liēt ‚gießen; schlagen‘.

Lettisch lunte ‚Peitsche‘ < deutsch Lunte.

Lettisch pempe ‚kurze Peitsche‘: lettisch pempe ‚kurzer Schwanz‘.

Lettisch piska ‚Peitsche‘ < deutsch pietsке ‚Peitsche‘.

Lettisch piķene ‚Peitsche‘: lettisch piķis ‚Teer, Pech‘ < deutsch pik.

Lettisch plenīca ‚Riemenpeitsche‘ < russisch пленица.

Altpreußisch brūzgās ‚Peitsche‘ ist höchstwahrscheinlich mit litauisch brūzgas ‚Reisig, Rute‘ in Verbindung zu bringen.

Wie wir sehen, gibt es in den baltischen Sprachen recht viele Bezeichnungen für die Peitsche, die lautmalerischen Ursprungs sind. Zwischen den Bezeichnungen für die Peitsche (Geißel) und den Bezeichnungen für membrum virile besteht ein recht enger semantischer Zusammenhang. Ein beträchtlicher Teil der Bezeichnungen für die Peitsche (Geißel) wird auch in der Bedeutung ‚Schurke, Nichtstuer, Landstreicher‘ verwendet.

Dieser Teil der viehwirtschaftlichen Terminologie weist auf recht enge Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen hin.

6. Iš lietuvių leksikologijos ir leksikografijos

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