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B A L T Ų I R S L A V Ų K A L B Ų R Y Š I A I L I E T U V O S T S R M O K S L Ų A K A D E M I J A

SIMAS KARALIŪNAS

EINIGE FRAGEN ZU DEN ÄLTESTEN BEZIEHUNGEN DER BALTISCHEN UND SLAVISCHEN SPRACHEN

Das Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slavischen Sprachen ist in der Sprachwissenschaft schon vor langer Zeit aufgekommen. Viele Jahre lang haben Forscher es untersucht und erörtert, doch gelangten sie zu keiner einheitlichen Auffassung; die Lösung des Problems hat sich, könnte man sagen, sogar noch weiter verkompliziert. Diskussionen und Streitigkeiten zu dieser Frage werden heute mit derselben Leidenschaft geführt wie vor vielen Jahren. Die Aktualität des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen zeigt sich nicht nur daran, dass es als eines der wichtigsten Probleme der Slavistik auf dem IV. Internationalen Slavistenkongress in Moskau ausführlich erörtert wurde (zu diesem Thema wurden vier Vorträge gehalten), sondern auch daran, dass 1962 auf Beschluss des Internationalen Slavistenkomitees eine Internationale Kommission zur Erforschung der baltisch-slavischen Beziehungen gegründet wurde, der mehrere Dutzend namhafte Fachleute für Slavistik und Baltistik aus elf europäischen Ländern angehörten¹. Das Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen bildet einen der Arbeitsbereiche dieser Kommission. Aktuell ist dieses Problem auch deshalb, weil es zugleich zum größeren Fragenkreis der Indogermanistik gehört. Von der Lösung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen hängt zum Teil auch die Lösung zahlreicher Fragen zur Geschichte der baltischen und slavischen Sprachen ab. Selbstverständlich hängt dieses Problem auch mit einzelnen Fragen zur Geschichte der litauischen Sprache zusammen.

Die Tatsache, dass es „in der Wissenschaft heute heftige Diskussionen über das Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen gibt, die in einzelnen Fällen sogar aktuelle ideologisch-politische Bedeutung erlangen“², stellt auch die litauischen Linguisten vor die Aufgabe, unverzüglich ihre Meinung zu dieser Frage zu äußern.

Die baltischen und slavischen Sprachen gehören zur indogermanischen Sprachfamilie und gehen auf einen vor einigen Jahrtausenden bestehenden Sprachverband zurück, der unterschiedlich bezeichnet wurde – als indogermanische Ur-

1 Auf dem V. Internationalen Slavistenkongress in Sofia wurde folgende Zusammensetzung dieser Kommission bestätigt: K. Korsakas (Kommissionsvorsitzender, UdSSR), J. Safarewicz (stellvertretender Vorsitzender, Polen), S. Bernstein (UdSSR), I. Duridanov (Bulgarien), V. Falkenhan (DDR), K. O. Falk (Schweden), V. Georgiev (Bulgarien), V. Holtum (England), Č. Kudz inovskis (Polen), V. Kiparsky (Finnland), B. Larin (UdSSR), Chr. Stang (Norwegen), R. Šmitelinas (Frankreich), V. Toporov (UdSSR), P. Trost (Tschechoslowakei), A. Vračius (Rumänien).

2 K. Korsakas, Lyginamoji kalbotyra ir tarybinės lietuvių filologijos uždaviniai, LKK, 6, 1963, p. 13.

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sprache, Sprache, Sprachverband, Sprachgemeinschaft oder gemeinsame Epoche3. Da die baltischen und slavischen Sprachen aus einer indogermanischen Sprachgemeinschaft hervorgegangen sind, weisen sie zahlreiche gemeinsame, seit Urzeiten überlieferte Merkmale auf, die auch in anderen indogermanischen Sprachen anzutreffen sind. Daneben besitzen die baltischen und slavischen Sprachen jedoch auch Gemeinsamkeiten, die sich nicht durch ihre Entstehung aus einer indogermanischen Sprachgemeinschaft erklären lassen. Das Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen besteht gerade darin, zu klären, wie die Innovationen der baltischen und slavischen Sprachen entstanden sind, d. h. solche gemeinsamen Merkmale der Phonetik, Morphologie und Lexik, die für die baltischen und slavischen Sprachen charakteristisch sind und außerhalb ihres Sprachareals nicht vorkommen.

Zur Beantwortung der Frage, wie die Innovationen der baltischen und slavischen Sprachen entstanden sind und welcher Art die Beziehungen zwischen ihnen in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Trennung aus der indogermanischen Sprachgemeinschaft waren, wurden mehrere unterschiedliche Theorien entwickelt. Der erste Abschnitt dieser Arbeit ist der Geschichte der Erforschung des Problems der ältesten baltisch-slavischen Beziehungen und der Darstellung der entwickelten Theorien gewidmet.

Im zweiten Abschnitt wird aus Platzgründen die Analyse auf phonetische Erscheinungen beschränkt; ihre Forschungsgeschichte wird dargestellt und die Konzepte zu ihrer Entstehung und Entwicklung werden erörtert.

Im dritten Abschnitt werden einige Fragen zur Chronologie der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen (sowie auch anderen indogermanischen) Sprachen zu klären versucht.

Um die Herkunft der Gemeinsamkeiten der baltischen und slavischen Sprachen und den Zeitpunkt ihres Entstehens so deutlich wie möglich herauszuarbeiten, stützt sich der Verfasser auf Sprachmaterial aus dem Baltischen, Slavischen und anderen indogermanischen Sprachen. Von den baltischen Sprachen werden vor allem Daten des Litauischen herangezogen, die häufig archaisch sind und bei der Behandlung dieses Problems nicht immer hinreichend berücksichtigt wurden.

Bei der Darstellung des Materials, insbesondere im ersten Teil dieser Arbeit, wurde chronologisch vorgegangen: Die Arbeiten der Forscher werden nacheinander in der Reihenfolge ihres Erscheinens besprochen. Die Tätigkeit eines Forschers wird einem bestimmten Zeitraum zugeordnet – meist dem Zeitraum, in dem seine wichtigste Arbeit zum Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen erschien, obwohl einzelne seiner Artikel zu dieser Frage auch in anderen Zeiträumen veröffentlicht worden sein können. So werden die Ansichten von Chr. Stang im Abschnitt über die Arbeiten der 1920er und 1930er Jahre behandelt, obwohl ein Artikel von ihm auch 1963 erschien; die Ansichten von J. Kurylowicz hingegen im Abschnitt über die Nachkriegsarbeiten, obwohl sein erster Artikel zu der genannten Frage bereits 1934 erschien.

Der Verfasser dieser Arbeit beansprucht keineswegs, das Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen insgesamt zu lösen – vorerst ist es noch zu komplex. Die Arbeit soll vor allem den gegenwärtigen Stand der Erforschung dieses Problems beleuchten, die Stärken und Schwächen der dazu bestehenden Theorien aufzeigen und Argumente für jene Theorie vorbringen, die dem Verfasser am zuverlässigsten erscheint.

3 In der Arbeit werden abwechselnd die Begriffe „Ursprache“ (праязык, Ursprache), „Spracheinheit“ (языковое единство, Spracheinheit) und „Sprachgemeinschaft“ (языковая общность, Sprachgemeinschaft) verwendet, doch erhält jeder von ihnen eine andere Bedeutung. Für eine sprachliche Einheit mit geringer dialektaler Aufgliederung, die in vorgeschichtlicher Zeit bestand, eignet sich der Begriff „Ursprache“. Auf eine vorgeschichtliche sprachliche Einheit mit stärkerer dialektaler Differenzierung wird der Begriff „Sprachgemeinschaft“ angewandt. Bei der Erörterung der Konzeption jener Forscher, die eine baltisch-slavische Sprache anerkennen, welche nach dem Zerfall der indogermanischen Sprachgemeinschaft bestanden habe, wird deren eigener Begriff „baltisch-slavische Spracheinheit“ verwendet.

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GESCHICHTE DER ERFORSCHUNG DER ÄLTESTEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN BALTISCHEN UND SLAVISCHEN SPRACHEN

Die Geschichte der Erforschung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slavischen Sprachen ist bereits recht umfassend dargestellt worden. Der Entwicklung allgemeiner theoretischer Aussagen zu den ältesten Beziehungen dieser Sprachen ist ein umfangreicher Aufsatz von N. Bogoliubova und T. Jakubaitė¹ gewidmet. Die Geschichte der Erforschung dieser Beziehungen beschreibt V. Toporov ausführlich in drei großen Aufsätzen². Hier werden vor allem die wichtigeren, insbesondere theoretischen Aspekte der Erforschung dieser Beziehungen behandelt. Dennoch ließen sich Wiederholungen in dieser Arbeit und in der oben erwähnten Untersuchung nicht vermeiden.

Die Frage der Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen in den Arbeiten der Begründer der historisch-vergleichenden Methode

Die wissenschaftliche Untersuchung der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen einzelnen Sprachen begann zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Arbeiten von F. Bopp, R. Rask und J. Grimm¹ die Grundlagen der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft der indogermanischen Sprachen legten.

Die ersten Komparatisten betrachteten die Sprachverwandtschaft aus einer neuen Perspektive und stützten sich dabei auf vergleichende Sprachstudien.

Rasmus Rask (1787—1832) widmete in seinen Arbeiten der Analyse der baltischen und slavischen Sprachen beträchtlichen Raum. Er hob erstmals die wissenschaftliche Bedeutung der baltischen Sprachen hervor; seitdem nehmen diese Sprachen in der vergleichenden Sprachwissenschaft einen wichtigen Platz ein. R. Rask wies darauf hin, dass die baltischen Sprachen einen selbständigen Zweig der indogermanischen Sprachen bilden und mit den slavischen und germanischen Sprachen verwandt sind.

Ähnlicher Auffassung war auch Franz Bopp (1791—1867). Seiner Ansicht nach² bildeten die preußische, die litauische und die lettische Sprache eine eng verwandte Sprachgruppe, die sich an die slavischen Sprachen anschließt. F. Bopp stellte fest, dass die baltischen Sprachen nicht als Bestandteil der slavischen Sprachen anzusehen sind. Er versuchte, eine relative Chronologie der Sprachentstehung zu bestimmen; ihr Prinzip lautet: Der engere oder entferntere Verwandtschaftsgrad von Sprachen hängt davon ab, ob sie sich früher oder später voneinander getrennt haben. Ausgehend davon, dass die baltischen Sprachen mit den slavischen stärker verwandt sind als mit anderen Sprachen, nahm F. Bopp an, dass sich diese Sprachen offenbar erheblich später voneinander getrennt haben. Die baltisch-slavische Sprache habe sich später von ihrer asiatischen Schwester, die man Sanskrit nennen könne oder auch unbenannt lassen könne, getrennt als die klassischen, germanischen und

1 Н. Д. Боголюбова, Т. А. Якубайтис, История разработки вопроса о балто-славянских языковых отношениях, „Rakstu krājums (Veltījums akadēmikim profesoram Dr. Jānim Endzelīnam viņa 85 dzīves un 65 darba gadu atcerei)“, Rīga, 1959, p. 331—375.

2 В. Н. Топоров, Новейшие работы в области изучения балто-славянских языковых отношений, ВСЯ, 3, 1958, p. 134—161; Очерк истории изучения древнейших балто-славянских языковых отношений, УЗИСл, 17, 1959, p. 248—274; Из истории изучения древнейших балто-славянских языковых отношений, УЗИСл, 23, 1962, p. 3—43; ferner vgl. O. Szemerényi, The Problem of Balto-Slav Unity—A Critical Survey, „Kratylos“, 2, 1957, p. 97—123; A. Vraciu, Slava si baltica. Problema vechilor raporturi dintre ele în lumina noilor cercetari, „Romanoslavica“, 12, 1965, p. 283—297, worin die neuesten Untersuchungen auf diesem Gebiet überblickt werden.

1 F. Bopp, Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache, Frankfurt am Main, 1816; R. Rask, Undersögelse om det gamle Nordiske eller Islandske Sprogs Oprindelse, Kjöbenhavn, 1818; J. Grimm, Deutsche Grammatik, Göttingen, 1819 (II leid. 1822).

2 F. Bopp, Über die Sprache der alten Preussen, Berlin, 1853, p. 80.

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… der keltischen Sprachen, jedoch vor der Aufspaltung des asiatischen Zweigs in die iranischen und indischen Sprachzweige. Somit formulierte F. Bopp als Erster den Gedanken einer baltisch-slawischen Ursprache und enger Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen zu den Sprachen der indo-iranischen Gruppe.

Auch Jacob Grimm (1785–1863) erkannte den baltischen Sprachen eine gleichberechtigte Stellung unter den übrigen indogermanischen Sprachen zu. Seiner Ansicht nach belegen häufige lexikalische Entsprechungen eine alte Verwandtschaft der slawischen und germanischen Sprachen. Die baltischen und slawischen Sprachen sind untereinander viel enger verwandt, als jede von ihnen für sich mit den germanischen Sprachen. Die baltischen Sprachen seien in gewissem Maße Vermittler zwischen den slawischen und germanischen Sprachen. Das bedeute jedoch nicht, dass die baltischen Sprachen eine Mischform der letztgenannten Sprachen seien. Ebenso könne man nach J. Grimm nicht annehmen, dass die slawischen und germanischen Sprachen die ältesten Elemente ihres Systems aus den baltischen Sprachen entlehnt hätten. Nach J. Grimm seien die Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten der germanischen, slawischen und baltischen Sprachen dadurch entstanden, dass zwischen ihnen seit Langem eine Gemeinschaft (Gemeinschaft)4 bestanden habe.

Die Ansichten der ersten Komparativisten fasste August Schleicher (1821–1868) zusammen und entwickelte sie weiter. In seinen Forschungen widmete er den Fragen der Verwandtschaft der baltischen Sprachen breiten Raum. A. Schleichers Verständnis der Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Sprachen hängt mit seinem allgemeinen Konzept zur Herkunft der indogermanischen Sprachen zusammen.

A. Schleicher entwickelte eine schlüssige Hypothese zur genealogischen Klassifikation der Sprachen, die als Theorie des „genealogischen Stammbaums“ (Stammbaumtheorie) bezeichnet wird. Nach dieser Theorie spaltete sich die einheitliche indogermanische Ursprache (indogermanische Ursprache) zunächst in zwei Zweige auf: in den Zweig der baltischen, slawischen und germanischen Sprachen (Slawodeutsch) sowie in den Zweig der indischen, iranischen, griechischen, italischen und keltischen Sprachen. Der große Zweig der baltischen, slawischen und germanischen Sprachen spaltete sich später in zwei kleinere auf — den germanischen (Deutsch) und den baltisch-slawischen (Slawolitauisch). Gleichzeitig spaltete sich auch der zweite Zweig der indogermanischen Ursprache auf — zunächst in den indisch-iranischen und den griechisch-italisch-keltischen. Nachdem sich später die Griechen abgesondert hatten, blieb die italisch-keltische Ursprache zurück. Der Zweig der baltischen und slawischen Sprachen, den A. Schleicher als baltisch-slawische Ursprache (Slawolitauische Ursprache) bezeichnete, spaltete sich später in die slawische und die baltische Grundsprache (Grundsprache) auf, die ihrerseits wiederum in einzelne Sprachen zerfallen sollten5.

Somit entwickelte A. Schleicher den von F. Bopp aufgestellten Gedanken einer baltisch-slawischen Ursprache weiter und gliederte ihn in eine schlüssige Theorie der Aufspaltung der indogermanischen Ursprache ein. Er bezeichnete eindeutig den Platz der baltisch-slawischen Ursprache unter den indogermanischen Sprachen und erkannte ihre genetische Verwandtschaft mit der germanischen Ursprache an. A. Schleichers Autorität war so groß, dass die meisten Sprachwissenschaftler in der zweiten Hälfte des 19. und sogar noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache festhielten.

In der Entstehungszeit der historisch-vergleichenden Indogermanistik wurde nicht darüber gestritten, ob es eine baltisch-slawische Ursprache gegeben habe — sie wurde ausnahmslos von allen anerkannt —, sondern über ihren Platz unter den übrigen indogermanischen Sprachen. R. Rask hielt die baltischen und slawischen Sprachen für enger mit den Sprachen der indisch-iranischen (arischen) Gruppe verwandt, während F. Bopp, J. Grimm und A. Schleicher behaupteten, dass die baltischen und slawischen Sprachen genetisch mit den germanischen Sprachen verwandt seien. Die Frage nach der Stellung der baltischen und slawischen Sprachen blieb auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gegenstand der Erörterung.

3 J. Grimm, Geschichte der deutschen Sprache, Aufl. III, Leipzig, 1868, I, p. 9–10, 119; II, p. 711–712, 715.

4 J. Grimm, op. cit., I, p. 119.

5 A. Schleicher, Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen, Aufl. III, Weimar, 1871, p. 6–7.

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Baltų ir slavų kalbų seniausiųjų santykių tyrinėjimas XIX a. antrojoje pusėje

A. Schleicher starb in der Überzeugung, es sei ihm gelungen, ein vollkommenes und abgeschlossenes Gebäude der indogermanischen Sprachwissenschaft zu errichten. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann man, dieses Gebäude abzutragen. Und mit dem Abtragen begannen A. Schleichers eigene Schüler. So unterzog Johann Schmidt (1843–1901) die Theorie des „genealogischen Stammbaums“ einer kritischen Bewertung. Seiner Ansicht nach zeigten die Tatsachen, dass die baltisch-slawischen (Lituslawische) Sprachen sowohl mit den germanischen als auch mit den indisch-iranischen Sprachen eng verwandt seien. Deshalb könne, so J. Schmidt, gleichermaßen eine baltisch-slawisch-germanische Ursprache wie auch eine baltisch-slawisch-arische Ursprache angenommen werden. Somit bleibe die Stellung der baltischen und slawischen Sprachen unklar. Sie werde sich dann erschließen, wenn man nach J. Schmidt nicht nur anerkenne, dass sich die baltischen und slawischen Sprachen weder von den germanischen noch von den indisch-iranischen Sprachen getrennt hätten, sondern auch, dass sie beide letztgenannten Sprachgruppen organisch miteinander verbänden. So wie es geografisch keine Grenzen zwischen Europa und Asien gebe, sollten auch zwischen den Sprachen Europas und Asiens keine streng gezogenen Demarkationslinien verlaufen. J. Schmidt fügt hinzu, überall lasse sich ein ununterbrochener Übergang (continuierlicher Übergang) von einer Sprache zur anderen beobachten, und im indogermanischen Sprachgebiet habe es niemals strenge Grenzen gegeben: Zwei voneinander entfernte Dialekte, beispielsweise A und X, seien durch die dazwischenliegenden Dialekte B, C, D usw. ununterbrochen miteinander verbunden gewesen.

Vor diesem Hintergrund schlug J. Schmidt anstelle der Theorie des „genealogischen Stammbaums“ die „Wellentheorie“ (Wellentheorie) vor: „An ihre Stelle möchte ich das Bild einer Welle setzen, die sich, von ihrem Zentrum entfernend, in konzentrischen, stetig schwächer werdenden Kreisen ausbreitet“2. Demnach verbreiteten sich sprachliche Veränderungen wie Wellen von einer Sprache in eine andere.

J. Schmidts neue Ideen stellten einen beträchtlichen Fortschritt dar. Einige von ihnen (indogermanische Dialekte, die Idee der geografischen Kontinuität u. a.) wurden im 20. Jahrhundert weiterentwickelt.

Wichtig ist hervorzuheben, dass die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache für J. Schmidt keinerlei Zweifel aufwarf. Gegenstand seiner Forschungen war die Stellung der baltischen und slawischen Sprachen innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie.

Kitas A. Šleicherio mokinys Augustas Leskynas (1840–1916) bandė suderinti „genealoginio kalbų medžio“ ir „bangų“ teorijas. Jis manė3, kad baltų, slavų ir germanų kalbos galėjusios pergyventi bendrą istorinį etapą nepriklausomai nuo kitų ide. kalbų, taigi ir skilimą, kaip jis suprantamas A. Šleicherio teorijoje. Be to, visai tikėtina, kad baltų ir slavų kalbos buvusios ta grandimi, kuri jungusi germanų ir indų-iranėnų kalbas. A. Leskyno nuomone, nesą būtino reikalo pripažinti baltų-slavų-germanų prokalbę, nes tų kalbų linksniavimo sistemos, išskyrus kai kuriuos linksnius su bendru formantu -m-, nesančios jau tokios panašios4. Taigi „Vadinamoji „genealoginio kalbų medžio“ teorija visai neprieštarauja „perėjimo“ teorijai, jei taip trumpai pavadintume J. Šmito hipotezę“5.

1 L Schmidt, Die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen, Weimar, 1872, p. 16–27.

2 J. Schmidt, op. cit., p. 27.

3 A. Leskien, Die Declination im Slawisch-litauischen und Germanischen, Leipzig, 1876, p. XII.

4 A. Leskien, op. cit., p. 157–158.

5 A. Leskien, op. cit., p. XII.

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Weder J. Schmidt noch A. Leskien interessierten sich für die Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen. J. Hanuš lenkte die Aufmerksamkeit auf sie. Der 1886 erschienene Artikel von Jan Hanuš (1858—1887)6 war der erste, der speziell dem Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen gewidmet war.

J. Hanuš stellte zwei Fragen: 1) Was erlaubt es, eine gemeinsame baltisch-slawische Sprachperiode anzunehmen? 2) Wie lässt sich die Zeit, in der Balten und Slawen eine Sprache sprachen, möglichst genau bestimmen? Zur Beantwortung der ersten Frage führte J. Hanuš ein Dutzend Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen in Phonetik und Morphologie an: das Schicksal der ide. Sonanten, die Deklination der bestimmten Adjektive und anderes. Sein zweites Argument für eine gemeinsame baltisch-slawische Sprachperiode waren die baltischen Lehnwörter in den ostseefinnischen Sprachen, die er für baltoslawisch hielt (damals war den Wissenschaftlern ihr ausschließlich baltischer Ursprung noch nicht klar). Zur Beantwortung der zweiten Frage vermutete J. Hanuš, der baltisch-slawische Stamm müsse sich ungefähr zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. in Balten und Slawen gespalten haben, da die Neuren des Herodot seiner Ansicht nach Baltoslawen gewesen seien. Eine solche Datierung wurde von späteren Forschern nicht bestätigt.

Der Artikel von J. Hanuš war insofern bedeutend, als darin die Frage nach den Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen konkret gestellt wurde und erstmals an einer Stelle alle damals bekannten Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen zusammengestellt wurden.

Schon bald traten nicht nur die Verwandtschaftsfragen der baltischen und slawischen, sondern aller ide. Sprachen in den Hintergrund. Ganz neue Fragen (Lautgesetze, Analogie, Lehnwörter) rückten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Forscher und blieben dort viele Jahre7. Es erschien ein Artikel von Karl Brugmann (1849—1919), einem der bedeutendsten Vertreter der junggrammatischen Schule (Junggrammatiker)8, in dem er der Theorie der Ursprache skeptisch gegenüberstand: Gemeinsame Neuerungen einzelner Sprachen könnten kein Argument für eine enge Sprachverwandtschaft sein, da diese Neuerungen in jeder Sprache unabhängig voneinander entstanden sein könnten. Als einziges beweiskräftiges Argument für Sprachverwandtschaft betrachtete K. Brugmann die Gesamtheit der Neuerungen in Phonetik, Flexion, Syntax und Lexik9.

Obwohl K. Brugmann den Theorien der Sprachverwandtschaft skeptisch gegenüberstand, war er dennoch der Ansicht, dass die baltischen und die slawischen Sprachen früher eine Epoche der Gemeinsamkeit durchlebt hatten (Zeit der baltisch-slawischen Urgemeinschaft)10. In seinem „Abriss der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen“ führte K. Brugmann sieben Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen an, die seiner Ansicht nach enge Beziehungen zwischen diesen Sprachen belegten11:

1) der Wandel der ide. Sonanten n, r̥ zu in, ir (vgl. lit. at-mintis und aksl. mьnǫ, pa-mętь);

2) Vereinfachung intervokalischer Geminaten;

3) Bildung der Formen bestimmter Adjektive mit dem Pronomen *jo- (vgl. lit. gerasis und aksl. dobrъjь);

6 J. Hanusz, O dobie litewsko-słowiańskiej w stosunku do pra języka indoeuropejskiego, „Rozprawy i sprawozdania z posiedzeń wydziału filologicznego Akademii Umiejętności“, 11, Kraków, 1886, p. 249—272.

7 Plačiau žr. F. Specht, Die „indogermanische“ Sprachwissenschaft von den Junggrammatikern bis zum ersten Weltkriege, „Lexis“, 1, 1948, p. 229—263.

8 K. Brugmann, Zur Frage nach den Verwandtschaftsverhältnissen der indogermanischen Sprachen, „Internationale Zeitschrift für allgemeine Sprachwissenschaft“, 1, 1884, p. 226—256.

9 K. Brugmann, op. cit., p. 253.

10 K. Brugmann Grundriss der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen, I, Strassburg, 1897, p. 146.

11 K. Brugmann, op. cit., p. 20—21.

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4) Übergang von Partizipien mit nt-Stamm und Substantiven mit konsonantischem Stamm in bestimmten Kasus in den i-Stamm (vgl. lit. vėžančio, a. sl. vezǫšta aus *vezontio und lit. vežàs, a. sl. vezi aus *vezonts; lit. akmenìmis, a. sl. kamenьmi und lit. akmuõ, a. sl. kamy aus *akmōn¹²;

5) Ersetzung der ide. Pronomina *so, *sā durch die Pronomina lit. tas, tā, a. sl. to, ta;

6) Bildung des lit. mānie, preuß. mennei, a. sl. mьnē als Dativ Singular der Pronomina nach dem Genitiv Singular;

7) Ersetzung des Genitiv Singular der o-Stämme durch den Ablativ (vgl. lit. vilko, a. sl. vlьka und ai. vṛkāt).

Diese von K. Brugmann angeführten Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen reichten aus, um die meisten Linguisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts davon zu überzeugen, dass eine baltisch-slawische Ursprache existierte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, wie auch zuvor, eine der wichtigsten Fragen zu den baltischen und slawischen Sprachen die nach ihrem Platz innerhalb der ide. Sprachfamilie. Gerade zu dieser Zeit richtete sich jedoch die Aufmerksamkeit auf die gegenseitigen Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen: Es erschien der erste, wie wir gesehen haben, dieser Problematik gewidmete Sonderaufsatz von J. Hanuš, und K. Brugmann führte Gemeinsamkeiten an, die die Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen charakterisieren.

Obwohl die meisten Wissenschaftler dieser Zeit an der baltisch-slawischen Ursprache nicht zweifelten, wurden gerade zu dieser Zeit, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, skeptische Stimmen gegen sie laut. Diese Stimmen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch deutlicher.

Die Diskussion von 1908—1912 über die ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache zunehmend in Zweifel gezogen. Alle Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen, die gewöhnlich als Argumente für die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache galten, wurden kritisch untersucht.

Seit der Zeit der Junggrammatiker begann man, alle Ursprachen skeptisch zu betrachten. B. Delbrück hielt alle Gliederungen der ide. Sprachen in Dialekte für fragwürdig, mit Ausnahme der indo-iranischen Ursprache. Über die baltisch-slawische Ursprache äußerte sich P. von Bradke² zweifelnd. Jan Baudouin de Courtenay (1845—1929) schrieb 1903, dass es für die „litauisch-slawische Epoche“ angeblich kein einziges Argument mehr gebe und wahrscheinlich sogar weniger als dagegen, und dass wir sie daher als wissenschaftliche Fiktion betrachten könnten³. Kazimieras Jaunius (1848—1908) behauptete, es sei „nicht wahr, dass die slawische und die aistische Sprache Zwillingsschwestern seien: Die aistische Sprache ist eine Schwester der slawischen, genau wie auch der übrigen indoeuropäischen Sprachen“⁴.

Die genannten Forscher beschränkten sich, ohne Argumente anzuführen, auf allgemeine Überlegungen gegen die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache.

12In K. Brugmanns Buch „Kurze vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen“ (Berlin—Leipzig, 1922, p. 18) sind Partizipien und konsonantische Stämme getrennt, weshalb dort acht Merkmale angeführt werden.

1 B. Delbrück, Einleitung in das Sprachstudium, 3. Aufl., Leipzig, 1893 (I leidimas 1880 m.).

2 P. von Bradke, Beiträge zur Kenntnis der vorhistorischen Entwicklung unseres Sprachstamms, Giessen, 1880.

3 И. Бодуэн-де-Куртенэ, Лингвистические заметки и афоризмы, ЖМНП, 346, 1903, p. 330.

4 К. Явнис, Грамматика литовского языка, Петроград, 1908—1916, p. 27.

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Der erste, der sich argumentativ gegen die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache aussprach, war Antoine Meillet (1866—1936).

Bereits 1905 schrieb A. Meillet, die baltischen und slawischen Sprachen wiesen nicht so viele Innovationen auf, wie ihnen zugeschrieben würden, und es gebe keinen Grund, von einer Epoche baltisch-slawischer Einheit (d’une époque d’unité balto-slave)5 zu sprechen. In dem 1908 erschienenen Buch „Die indoeuropäischen Dialekte“6 widmete A. Meillet ein großes Kapitel der Charakterisierung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen.

Bevor A. Meillet die von K. Brugmann angeführten Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen untersuchte, bemerkte er, dass die Ähnlichkeit zwischen den baltischen und slawischen Sprachen offenkundig sei. Seiner Ansicht nach war der ähnliche Charakter der Systeme der baltischen und slawischen Sprachen auf folgende Faktoren zurückzuführen: 1) Die baltischen und slawischen Sprachen gingen aus identischen Dialekten der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft (l’unité indo-européenne) (de parlers indo-européens sensiblement identiques) hervor, die keine einzige bedeutendere Isoglosse voneinander trennte; 2) die baltischen und slawischen Sprachen erlebten im Laufe ihrer Entwicklung keine radikalen Systembrüche (aucune fracture brusque du système), sie sind also konservativ und archaisch und bewahrten daher viele alte Merkmale; 3) Balten und Slawen lebten stets in benachbarten geografischen Gebieten unter ähnlichen Zivilisationsbedingungen. Außerdem wies A. Meillet darauf hin, dass Entlehnungen die Ähnlichkeit der baltischen und slawischen Sprachen verstärkt hätten — insbesondere Entlehnungen der baltischen Sprachen aus den slawischen7.

Anschließend untersuchte A. Meillet ausführlich die von K. Brugmann aufgezählten Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen.

1. Eine ähnliche Entwicklung der indoeuropäischen Sonanten l, m, n, r gab es neben den baltischen und slawischen Sprachen auch in den germanischen und keltischen Sprachen. In bestimmten Positionen trat u neben dem Sonanten im Griechischen, Lateinischen und Armenischen auf. Das Auftreten eines Sprossvokals i, u neben Sonanten ist daher ein dialektales Phänomen der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft, nicht aber eine Innovation der baltischen und slawischen Sprachen.

2. Die Vereinfachung der Geminaten ist das Ergebnis der allgemeinen indoeuropäischen Tendenz zur s und setzte bereits in der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft ein. In den baltischen und slawischen Sprachen vereinfachten sich die Geminaten ebenso wie im Armenischen, während dies in den anderen Sprachen nicht geschah. Zweifelhaft ist, ob es in der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft selbst überhaupt Geminaten gab; dort traten sie vor allem in der hypokoristischen und kindlichen Lexik auf.

3. Die Typen der pronominalen Adjektive unterscheiden sich in beiden Sprachgruppen im Einzelnen, und ihre Bedeutung stimmt nicht überein. Das Pronomen *jo- verwendet das Avestische in sehr ähnlicher Weise neben Substantiven und Adjektiven (A. Meillet hebt besonders hervor, dass sowohl im Avestischen als auch in den baltischen und slawischen Sprachen das Pronomen *jo- mit den Wörtern kongruiert, bei denen es steht).

4. Die aktiven Partizipien des Präsens Maskulinum gingen nach dem Muster der Partizipien Femininum in den jo-Stamm über (jā-Stamm), ein Prozess, der bereits in der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft vollständig vorhanden war. A. Meillet wies darauf hin, dass Adjektive dazu neigen, viel schneller in einen vokalischen Stamm überzugehen als Substantive (das Litauische hat nur Adjektive mit o und u-Stamm, die slawischen Sprachen nur solche mit o-Stamm). Dieser Übergang ist Ausdruck einer allgemeinen Innovation der indoeuropäischen Sprachen, denn ein genaues Äquivalent findet sich zu der baltischen und slawischen Erscheinung in den westgermanischen Sprachen (Altenglisch, Altsächsisch und Althochdeutsch).

5. Die Einfügung von -i- in Formen wie lit. akmen-i-mis, aksl. kamen-b-mi ist nicht allein für die baltischen und slawischen Sprachen charakteristisch, denn genau dasselbe Phänomen kennt auch das Lateinische (vgl. ped-i-

5 A. Meillet, Etudes sur l’étymologie et le vocabulaire du vieux slave, II, Paris, 1905, p. 201.

6 A. Meillet, Les dialectes indo-européens, Paris, 1908.

7 A. Meillet, Les dialectes indo-européens, Nouveau tirage, Paris, 1922, p. 40—41.

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bus), die armenische Sprache (vgl. ot-i-wkh) und andere Sprachen. Außerdem wurde die Annäherung dieser beiden Typen dadurch erleichtert, dass sich phonetisch sowohl die Akkusative Singular der i- und konsonantischen Stämme als auch deren Akkusative Plural entsprachen.

6. Den alten Nominativ des Demonstrativpronomens *so-, *sā- (vgl. skr. sá, sā, gr. ὁ, ἡ, got. sa, so) ersetzten außer den baltischen und slawischen auch die westgermanischen Sprachen durch den Stamm *to-, *tā- (vgl. altsächs. thē, thia, ahd. dēr, diu). A. Meillet betonte, dass es sich um eine sehr einfache Innovation handle, da alle Paradigmenformen außer dem Nominativ Singular mit dem Konsonanten t- begannen, der analogisch leicht auf den einzigen Kasus mit anlautendem s- übertragen werden konnte.

7. Der Dativ des Pronomens lit. manie, man, altpr. mennei entspricht dem aksl. mъně weder hinsichtlich der Vokalform der Wurzel noch der Wortendung. A. Meillet fügte hinzu, dass diese baltischen und slawischen Formen ein ausgezeichnetes Beispiel für parallele, aber voneinander unabhängige Innovationen seien, die beide Sprachgruppen kennzeichnen.

8. Der Genitiv-Ablativ Singular lit. vilko, aksl. vlъka entspricht dem Sanskrit-Ablativ vṛkāt. Genitiv und Ablativ fielen zusammen, weil in allen Stämmen außer den o-Stämmen Genitiv und Ablativ Singular ein und dieselbe Form hatten. Das Griechische verwendete die Genitivform zum Ausdruck des Ablativs, während umgekehrt in den baltischen und slawischen Sprachen der Ablativ die Funktion des Genitivs übernahm. Wie A. Meillet betont, scheint dieses Phänomen nicht während der baltisch-slawischen Einheit entstanden zu sein (à une période de communauté), denn das Altpreußische hat den Genitiv deiw as „Gottes“. Folglich, fügte er hinzu, lasse sich die Verallgemeinerung des Ablativs leicht durch eine unabhängige Sprachentwicklung erklären.

Nach der Untersuchung dieser baltisch-slawischen Gemeinsamkeiten kam A. Meillet zu dem Schluss, dass „die Entwicklung der baltischen und slawischen Sprachen parallel verlief; aufgrund dieses Parallelismus entstanden verständlicherweise einige identische Formen, doch erlauben diese Innovationen nicht, eine gemeinsame Entwicklungsperiode dieser Sprachen anzunehmen“8. Als markantes Beispiel für eine parallele Innovation nannte A. Meillet das de-Saussure-Fortunatov-Gesetz und behauptete ganz zu Recht, dass dieses Gesetz unabhängig in den litauischen und slawischen Sprachen wirkte.

Indem A. Meillet entsprechende Fakten aus anderen indogermanischen Sprachen anführte und weitere ähnliche Phänomene hervorhob, zeigte er, dass die genannten baltisch-slawischen Gemeinsamkeiten entweder Archaismen sind, die aus der urindogermanischen Zeit ererbt wurden, oder Neubildungen. Ist ein Phänomen oder Faktum archaisch, so haben es die baltischen und slawischen Sprachen ebenso wie die übrigen indogermanischen Sprachen bewahrt. Auch Neubildungen können kein zwingender Beweis für eine baltisch-slawische Ursprache oder gemeinsame Epoche sein, da sie entweder unabhängig in den baltischen, slawischen und anderen indogermanischen Sprachen oder während der Kontaktzeit dieser Sprachen entstanden sein können. Außerdem seien die baltoslawischen Innovationen nach A. Meillets Ansicht nur ähnlich, aber nicht identisch (vgl. etwa den Dativ des Personalpronomens).

A. Meillets neue, kühne Ideen erschütterten die Grundlagen der Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache. Seine Kritik zeigte, dass die vorhandenen Argumente nicht ausreichten, um eine baltisch-slawische Ursprache zu beweisen. Daher waren die Befürworter der Ursprachetheorie gezwungen, nach neuen Fakten zur Verteidigung ihrer Behauptungen zu suchen.

Als Erster reagierte Viktor Poržežinskis (1870—1929). Die Schlussfolgerung seiner Arbeit zur baltisch-slawischen Frage lautete: „Die baltischen und slawischen Sprachen durchliefen eine gemeinsame Periode, in der zahlreiche Neubildungen entstanden“9.

8 A. Meillet, op. cit., p. 45.

9 W. Porzeziński, Die baltisch-slavische Sprachgemeinschaft, RSI, 4, 1911, p. 2—3.

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Im Folgenden bemüht sich V. Poržežinskis in seiner Arbeit, möglichst viele Innovationen herauszuarbeiten, die seiner Ansicht nach in der baltisch-slawischen Ursprache entstanden sind, die er „baltisch-slawische Periode“ nennt. Um die Gemeinsamkeiten der baltischen und der slawischen Sprachen gegen die Kritik A. Meillets zu verteidigen, analysierte V. Poržežinskis die erste und die letzte der von K. Brugmann angeführten Gemeinsamkeiten eingehend. Diese Gemeinsamkeiten hält er für die Klärung der Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen für sehr wichtig. V. Poržežinskis führte auch neue Fakten an und betrachtete sie als baltisch-slawische Innovationen. Als solche Innovationen betrachtete er das Präteritum der Verben, vgl. lit. nešė, vedė und altkirchenslaw. nešė-acho, vedė-acho. Der Unterschied zwischen dem baltischen Präteritum und dem slawischen Imperfekt bestehe seiner Ansicht nach darin, dass das Präteritum der baltischen Sprachen auf der Grundlage des asigmatischen Aorists entstanden sei10.

V. Poržežinskis verteidigte eine gemeinsame Periode der baltischen und der slawischen Sprachen (eine baltisch-slavische Periode), während Jan Rozwadowski (1867–1935) zur Erhellung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen ein recht kompliziertes Schema entwickelte11. Er unterschied drei Entwicklungsperioden der wechselseitigen Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen:

1) eine Periode der Gemeinsamkeit (doba prawspólności), die wahrscheinlich das 3. Jahrtausend v. Chr. umfasste;

2) eine Periode, in der die Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen abgebrochen waren und sich ihre Entwicklung unabhängig voneinander vollzog (2. und 1. Jahrtausend v. Chr.);

3) eine Periode neuer Annäherung und nachbarschaftlicher Beziehungen, die um den Beginn unserer Zeitrechnung einsetzte und bis heute andauert12.

Die meisten Forscher standen J. Rozwadowskis Theorie gleichgültig gegenüber. Nur der tschechische Linguist O. Hujer hielt sie für „völlig zuverlässig“13. Auch B. Gornung ist zudem der Ansicht, dass die Kontakte zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen lange Zeit unterbrochen waren und um den Beginn unserer Zeitrechnung erneut einsetzten14.

J. Rozwadowskis Theorie gibt Anlass zu ernsthaften Zweifeln. Es ist fraglich, ob die baltischen und die slawischen Sprachen über zwei- oder anderthalbtausend Jahre hinweg keinerlei Kontakte gehabt haben sollten, die erst um den Beginn unserer Zeitrechnung wieder einsetzten. Sowohl die Toponymie als auch die materielle Kultur und Fragmente historischer Quellen lassen vermuten, dass die Balten und die Slawen wahrscheinlich seit alters her Nachbarn waren und daher selbstverständlich gewisse Beziehungen unterhalten konnten, die auch in ihren Sprachen ihren Niederschlag fanden.

Außerdem ist es kaum wahrscheinlich, dass die Beziehungen zwischen den Balten und den Slawen im 3. Jahrtausend v. Chr. sehr eng waren, denn es gibt Gründe für die Annahme, dass die baltischen Dialekte damals den germanischen Dialekten näher gestanden haben könnten.

J. Rozwadowski verteidigte tatsächlich die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache, war jedoch gezwungen, sie zu modifizieren und in eine sehr ferne Vergangenheit zu verlegen, da die alte, unveränderte Variante dieser Theorie bereits schwer zu verteidigen war. J. Rozwadowskis Beispiel zeigt, welchen Einfluss A. Meillets Ideen damals hatten.

Nach den Artikeln von V. Poržežinskis und J. Rozwadowski begann sich die Klärung der Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen zu verkomplizieren.

10 W. Porzeziński, op. cit., p. 24–25.

11 J. Rozwadowski, O pierwotnym stosunku wzajemnym języków bałtyckich i słowiańskich, RSI, 5, 1912, p. 1–36.

12 J. Rozwadowski, op. cit., p. 24.

13 O. Гуйер, Введение в историю чешского языка, Москва, 1953, р. 42.

14 Б. В. Горнунг, Из предыстории образования общеславянского языкового единства, Москва, 1963, р. 95.

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Janis Endzelīns (1873–1961) nahm sich vor, die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen umfassend zu untersuchen; dieser Frage widmete er eine ganze Monographie15.

Zunächst stellte J. Endzelīns die grundlegende Frage: Welche sprachlichen Tatsachen und Erscheinungen weisen auf enge Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen hin? Es versteht sich, dass solche sprachlichen Tatsachen und Erscheinungen Innovationen dieser Sprachen sein müssen. Damit Innovationen jedoch Beweiskraft besitzen, muss es ihrer nach J. Endzelīns Ansicht viele geben16.

Von diesen Prinzipien geleitet untersuchte J. Endzelīns Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Phonetik, Grammatik, Syntax und Lexik der baltischen und slawischen Sprachen. Besonders eingehend analysierte er die phonologischen Erscheinungen. J. Endzelīns zeigte klar, dass gemeinsame phonologische Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen wie die Vereinfachung von Geminaten, der Zusammenfall stimmhafter und stimmhaft aspirierter Konsonanten sowie der Übergang von auslautendem -m zu -n und der Schwund der Konsonanten -d, -t im Wortauslaut entweder dialektale Erscheinungen einer indogermanischen Sprachgemeinschaft sind oder unabhängig voneinander bereits in den einzelnen indogermanischen Sprachen entstanden sind und daher keine Beweiskraft haben.

Mehr als eine neue Gemeinsamkeit der baltischen und slawischen Sprachen sowie mehr als einen alten Unterschied zwischen ihnen bemerkte J. Endzelīns auch in Morphologie und Syntax. Außerdem legte er eine umfangreiche Liste des gemeinsamen Wortschatzes der baltischen und slawischen Sprachen vor (etwa 200 Wörter).

Nachdem J. Endzelīns die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der baltischen und slawischen Sprachen mit außerordentlicher Sorgfalt durchgesehen hatte, charakterisierte er deren älteste Beziehungen folgendermaßen: „Bereits in der gemeinsamen indogermanischen Ursprache unterschied sich der ‚slawische‘ Dialekt in mancher Hinsicht vom ‚baltischen‘ Dialekt und nahm ungefähr die Mitte zwischen den ‚arischen‘ und den ‚baltischen‘ Dialekten ein. Als sich die Indoiraner bei der Aufspaltung der indogermanischen Ursprache territorial von den Slawen trennten, erlebten Letztere als nächste Nachbarn der baltischen Stämme mit ihnen eine gemeinsame Epoche, in der ihre Sprachen noch so eng verwandt waren, dass die Slawen die baltische Sprache und die Balten die slawische verstanden. In dieser Zeit bereicherten sich ihre Sprachen um zahlreiche neue gemeinsame Wörter, und in ihnen traten einige (wenige!) gemeinsame Veränderungen der Phonetik, Morphologie und Syntax auf. Somit kann man von einer ‚slawisch-baltischen Epoche‘ sprechen16; den Ausdruck ‚slawisch-baltische Ursprache‘ sollte man besser nicht verwenden, da er leicht den Gedanken an eine vollständige sprachliche Einheit hervorruft. Dass sich die slawische Sprache bereits in der indogermanischen Ursprache von der baltischen Sprache unterschied, zeigt auch der Umstand, dass die einzelnen slawischen Sprachen offenbar in gleichem Maße den baltischen Sprachen nahestehen (freilich sind einige baltische Dialekte ausgestorben, ohne schriftliche Denkmäler zu hinterlassen). Kaum kann man daran zweifeln, dass alle slawischen Sprachen den baltischen Sprachen gleichermaßen fernstehen. Das Preußische unterscheidet sich in mancher Hinsicht vom Litauischen und Lettischen und nähert sich den slawischen Sprachen an. Abgesehen von pr. twais, swais (altkirchenslawisch tvoi, svoi), wo die Übereinstimmung vermutlich zufällig ist, begegnen wir bei speziellen Ähnlichkeiten im Bereich der Grammatik nicht gemeinsamen Neubildungen, sondern der Bewahrung des Alten (vgl. zum Beispiel pr. noūson, tebbei, wans: altkirchenslawisch nasъ, tebě, vy und das Neutrum), weshalb diese Übereinstimmungen keine engere Verwandtschaft des Preußischen mit den slawischen Sprachen (im Vergleich zum Litauischen und Lettischen) belegen“17.

Gestützt auf die seiner Ansicht nach sehr alten Unterschiede zwischen diesen Sprachen (zum Beispiel die Entwicklung von indogermanischem s zu š nach r, k zu baltischem und ch zu slawischem nach k, r, i, u; die Entwicklung von indogermanischem kh zu k im Baltischen und zu ch im Slawischen usw.) vertrat J. Endzelīns entgegen den Anhängern der Theorie einer baltisch-slawischen sprachlichen Einheit die Auffassung, dass die baltischen und slawischen Sprachen aus verschiedenen Dialekten einer indogermanischen Sprachgemeinschaft hervorgegangen seien. Im Gegensatz zu A. Meillets Parallelismustheorie vertrat J. Endzelīns die Ansicht,

15 И. Эндзелин, Славяно-балтийские этюды, Харьков, 1911.

16 И. Эндзелин, op. cit., p. 3.

17 И. Эндзелин, op. cit., p. 200—201.

2. Baltų ir slavų kalbų ryšiai

17

dass sich nach dem Zerfall der ide. Sprachgemeinschaft die baltischen und slawischen Sprachen einander annäherten und eine gemeinsame Epoche durchlebten. Zu dieser Schlussfolgerung veranlassten J. Endzelīns folgende Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen: der Wandel von ide. r̥, l̥, m̥, n̥ zu ir, il, im, in sowie zu ur, ul, um, un; die Dativ-Plural-Endung *-mus; der Wandel von ide. eu und ēu in den baltischen und slawischen Sprachen zu jau, woraus später das slawische ju entstand; die Herausbildung pronominaler Adjektive; die Ersetzung des alten Genitivs Singular der o-Stämme durch den Ablativ; das Auftreten des Pronomens *mun-; der prädikative Gebrauch des Instrumentals; der Genitiv der Verneinung; schließlich die Ähnlichkeit eines großen Teils des Wortschatzes18.

Zur Erklärung der gemeinsamen baltischen und slawischen Innovationen entwickelte J. Endzelīns somit eine Konvergenztheorie. J. Endzelīns war der Ansicht, dass sprachliche Gemeinsamkeiten nicht notwendigerweise eine gemeinsame Grundsprache voraussetzen, die nach dem Zerfall der ide. Sprachgemeinschaft bestanden hätte: Ein Teil dieser Gemeinsamkeiten kann durch die gemeinsame Herkunft der Sprachen aus der ide. Sprachgemeinschaft bedingt sein; ein anderer Teil kann entstehen, wenn sich Sprachen geografisch annähern und miteinander in Kontakt treten.

J. Endzelīns’ Idee, dass geografische Berührung, Nachbarschaft und Kontakte verschiedener Art in Sprachen gemeinsame neue Erscheinungen hervorrufen oder dazu beitragen können, dass Neubildungen der einen Sprache in eine andere übergehen, war in der Sprachwissenschaft vergleichsweise neu. Genau genommen erinnerte der geografische Aspekt von J. Endzelīns’ Konzeption an J. Schmidts Idee der geografischen Kontinuität. Diese Idee J. Endzelīns’ stand im Einklang mit den Tatsachen des natürlichen Sprachlebens: Durch geografische Berührung entstehen in verschiedenen Sprachen gemeinsame Veränderungen, und die Sprachen nähern sich einander an (vgl. die Sprachen der Balkanhalbinsel).

Die neue Theorie J. Endzelīns’ wurde kontrovers beurteilt. Die Anhänger der Theorie einer baltisch-slawischen sprachlichen Einheit (Grundsprache) betrachteten J. Endzelīns als einen der Ihren. J. Rozwadowski schrieb, er sei überzeugt, dass die bis dahin von allen anerkannte Theorie einer baltisch-slawischen Grundsprache bewiesen sei und J. Endzelīns sie durch neue Argumente gestützt habe19. A. Meillet erklärte in seiner Rezension des Buches von J. Endzelīns, dass sich die von J. Endzelīns gezogenen Schlussfolgerungen, abgesehen von feinen Nuancen, nicht von seinen eigenen unterschieden20.

Diese kontroverse Beurteilung wurde durch das unzureichende Verständnis der neuen Theorie seitens der Rezensenten und außerdem durch eine gewisse Unbestimmtheit der Aussagen J. Endzelīns’ hervorgerufen. Bei seinen Schlussfolgerungen allgemeiner Art war J. Endzelīns sehr vorsichtig. Als wollte er seine Position präzisieren und erläutern, die andere nicht recht verstanden hatten, kam J. Endzelīns 1931 auf die Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen zurück.

In einem dem Verb der baltischen und slawischen Sprachen gewidmeten Artikel21 betonte J. Endzelīns besonders die große Ähnlichkeit der ide. Dialekte, aus denen die baltischen und slawischen Sprachen hervorgingen. Auch nach der Spaltung der ide. Grundsprache seien die Vorfahren der Balten und Slawen wahrscheinlich noch eine Zeit lang Nachbarn geblieben und hätten sprachliche Kontakte gepflegt. In dieser Periode der Sprachgemeinschaft (in dieser Periode der Sprachgemeinschaft) seien einige sprachliche Innovationen entstanden. Sie seien jedoch sehr spärlich gewesen, da die baltischen und slawischen Sprachen damals sehr

18 И. Эндзелин, op. cit., p. 200. Neben diesen gemeinsamen Merkmalen der baltischen und slawischen Sprachen führt J. Endzelīns 1938 noch drei weitere an: häufige Fälle der Akzentverschiebung; den Genitiv Plural des Pronomens der 1. Person *nōs(s)ēm; den Infinitiv mit *-et(e)i neben Präsensformen mit thematischem Vokal der 1. Klasse, siehe J. Endzelīns, Latviešu valodas skaņas un formas, Rīgā, 1938, p. 9–10; vgl. J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, Vilnius, 1957, p. 7.

19 J. Rozwadowski, op. cit., p. 6–7. Vgl. auch die Rezensionen von A. Šachmatov und N. Jokl, siehe A. Шахматов, ЮРЯС, 17, 1912, p. 281–290; N. Jokl, AfslPh, 35, 1913, p. 307–317.

20 A. Meillet, RSl, 5, 1912, p. 153.

21 J. Endzelin, Zur slavisch-baltischen Konjugation, APh, 2, 1931, S. 38–46.

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konservativ. J. Endzelin ist der Ansicht, dass man in diesem Sinne von einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft (slavisch-baltische Sprachgemeinschaft) sprechen kann und, wenn man möchte, auch von einer Ursprache (Ursprache)22.

Aus diesem Artikel gehen J. Endzelins Auffassungen zu den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen deutlich hervor: Nach dem Zerfall der indogermanischen Sprachgemeinschaft bildeten die baltischen und slawischen Sprachen getrennte sprachliche Einheiten, deren Beziehungen durch Kontakte geprägt waren.

In diesem Artikel stützte sich J. Endzelin bei seiner Schlussfolgerung zur Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen auf Gemeinsamkeiten im Verb dieser Sprachen, da das Verb in der Monographie „Studien zu den baltischen und slawischen Sprachen“ nahezu unberücksichtigt geblieben war. Im Gegensatz zu A. Meillets Auffassung, dass die Verbstrukturen der baltischen und slawischen Sprachen sehr unterschiedlich seien, versuchte J. Endzelin zu zeigen, dass es auch auf diesem Gebiet zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den baltischen und slawischen Sprachen gibt. So sei beispielsweise der indogermanische Optativ nach J. Endzelins Auffassung in den slawischen Sprachen in der Bedeutung eines Imperativs verwendet worden. Dasselbe Schicksal habe er auch in den baltischen Sprachen erfahren: Im Altpreußischen drückt er einen Imperativ aus, und der Permissiv des Litauischen (zum Beispiel tenesė) gehe auf einen früheren Optativ zurück.

Die baltischen Sprachen haben ein sigmatisches Futur. Dass auch die slawischen Sprachen ein solches besessen hätten, zeigen nach J. Endzelins Auffassung die Partizipien byšęšt- oder byšąst- (vgl. lit. būsiančio) u. a.

Diese Auffassung zu den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen vertrat J. Endzelin bis an sein Lebensende. Das zeigt sein Aufsatz „Alte baltisch-slawische Sprachbeziehungen“23, in dem er seine früheren Behauptungen erneut wiederholte.

Die Diskussion von 1908–191224 spielte in der Forschungsgeschichte zum Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen eine wichtige Rolle. Sie zeigte, dass dieses Problem nicht so einfach und leicht zu lösen ist, wie man im 19. Jahrhundert angenommen hatte. Die von den Forschern des vorigen Jahrhunderts allgemein anerkannte Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache erwies sich lediglich als eine von mehreren Hypothesen, die wie die anderen begründet und verteidigt werden muss.

Die Diskussion von 1908–1912 zeigte auch die Schwächen der damaligen Sprachwissenschaft und die Mängel ihrer Methode. Auf der Grundlage von Analysen nahezu derselben sprachlichen Fakten wurden vier Theorien entwickelt, die den Ursprung und den Charakter der Gemeinsamkeiten (Innovationen) zwischen den baltischen und slawischen Sprachen unterschiedlich deuteten. Nach dieser Diskussion wurde die Lösung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen noch komplizierter, und offenbar ließ deshalb das Interesse an theoretischen Untersuchungen nach. Damit wird die skeptische Haltung mancher Forscher gegenüber der Diskussion von 1908–1912 verständlich. Aleksander Brückner (1856–1939) nannte sie eine „fruchtlose Sache“25, denn A. Meillet habe ja die Ähnlichkeit der Strukturen der baltischen und slawischen Sprachen nicht bestritten, während ein Vertreter der Theorie einer baltisch-slawischen Einheit (Ursprache) gewissenhaft die Merkmale angeführt habe, die die baltischen und slawischen Sprachen voneinander unterscheiden. A. Brückner selbst argumentierte auf lexikalischer Grundlage für die Einheit der baltischen und slawischen Sprachen. Die baltischen und slawischen Sprachen

22 J. Endzelin, op. cit., S. 45.

23 J. M. Endzelin, Die ältesten slawisch-baltischen Sprachbeziehungen, „Mitteilungen der Akademie der Wissenschaften der Lettischen SSR“, 3 (56), 1952, S. 33—46; „Arbeiten des Instituts für Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Lettischen SSR“, 2, 1953, S. 67—82.

24 B. Gornung hat sie ausführlich beschrieben, siehe Б. В. Горнунг, Из истории изучения балтийско-славянских языковых отношений (научная полемика 1911—1912 г.г.), „Rakstu krājums“, S. 109—132.

25 A. Brückner, Die lituslavische Spracheinheit, KZ, 46, 1914, S. 217—239.

2*

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Die Entsprechungen in der Stammbildung seien seiner Ansicht nach wichtiger als alle von K. Brugman angeführten Punkte26.

Dass auf der Grundlage ein und derselben sprachlichen Fakten vier unterschiedliche Hypothesen entwickelt wurden, lag wahrscheinlich daran, dass die slawischen und insbesondere die baltischen Sprachen damals noch unzureichend erforscht waren, die Chronologie der vergleichbaren Phänomene unbekannt war und es an empirischem Material für mehr oder weniger überzeugende theoretische Verallgemeinerungen fehlte. Daher hatte K. Būga völlig recht, als er schrieb, „diese Frage (d. h. die Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen — S.K.) wird sich erst lösen lassen, wenn die baltischen und slawischen Sprachen umfassend erforscht worden sind“27.

Obwohl die Erforschung der baltischen Sprachen heute stark intensiviert worden ist, müssen viele Fragen der Geschichte der baltischen Sprachen noch mit der historisch-vergleichenden Methode gelöst oder im Lichte der jüngsten Errungenschaften der Linguistik neu geprüft werden (von der strukturellen Erforschung der baltischen Sprachen, die noch der Zukunft vorbehalten bleiben muss, ist hier vorerst nicht die Rede). Die hier genannten Umstände sowie das späte Auftreten schriftlicher Denkmäler der baltischen Sprachen, die fragmentarischen Texte des Altpreußischen und das Fehlen schriftlicher Denkmäler anderer baltischer Sprachen — des Kurischen, Selischen usw. — erschweren ebenfalls eine erfolgreiche Klärung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen.

Die Erforschung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts

Kazimieras Būga (1879—1924) beteiligte sich nicht an der Diskussion von 1908—1912, äußerte sich jedoch wiederholt zu seiner Auffassung von den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen.

Schon in den „Aistiški studijai“ hielt K. Būga, beeinflusst von den wissenschaftlichen Ansichten K. Jaunius’, die ursprachliche Sprache der Aisten für eine der Tochtersprachen der ide. Ursprache, „die wie ein echtes Kind sehr viele Vorzüge und Eigenschaften ihrer Mutter bewahrt hat“2. An eine gemeinsame Ursprache oder Epoche der baltischen und slawischen Sprachen dachte K. Būga überhaupt nicht.

In einem 1910 für eine polnische Enzyklopädie verfassten Artikel über die litauische Sprache3 bezeichnete K. Būga die Theorie der baltisch-slawischen Einheit als Dogma, das aus zwei Gründen entstanden sei: 1) wegen der engen Nachbarschaft der baltischen und slawischen Völker, 2) wegen der recht zahlreichen slawischen Lehnwörter und sonstigen Fremdwörter in der litauischen Sprache, da die Linguisten des vergangenen Jahrhunderts nicht hätten unterscheiden können, was litauisch und was fremd sei. Hier stellt K. Būga eine sehr interessante Vermutung an: Wenn die Aisten nicht an der Ostsee, sondern irgendwo weiter von den Slawen entfernt lebten, zum Beispiel im Iran oder auf der Iberischen Halbinsel, wäre niemandem auch nur in den Sinn gekommen, eine enge Verwandtschaft der Balten mit den Slawen zu suchen4.

Weiter schrieb K. Būga, die heutigen Anhänger der Theorie der baltisch-slawischen Einheit hätten kein einziges überzeugendes Argument zu ihrer Stützung vorgebracht. Die sieben Punkte K. Brugmans,

26 A. Brückner, op. cit., p. 236.

27 K. Būga, RR, I, p. 433.

1 Es werden die von K. Būga verwendeten Termini gebraucht.

2 K. Būga, Aistiški studijai, I, Peterburgas, 1908, p. 10.

3 Kaž. Būga, Litewsk i język, „Wielka encyklopedja powszechna ilustrowana“, serja I, 43—44, Warszawa, 1910, p. 624.

4 Loc. cit.

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Nach K. Būgas Auffassung weisen sie keineswegs auf eine engere Verwandtschaft (powinnowactwa) der baltischen und slawischen Sprachen hin. Daher, betont K. Būga, müsse die Gruppe der aistischen Sprachen von der Gruppe der slawischen Sprachen getrennt und als eigenständiges Mitglied der idg. Sprachfamilie betrachtet werden 5.

Straipsnyje „Kalbų mokslas bei mūsų senovė“ (1913) seniausiesiems baltų ir slavų kalbų santykiams charakterizuoti K. Būga pacituoja J. Endzelyno išvadą6, padarytą monografijoje „Baltų ir slavų kalbų etudai“. Iš to matyti, kad K. Būga buvo J. Endzelyno konvergencijos teorijos šalininkas.

Straipsnyje „Šis-tas iš lietuvių ir indoeuropiečių senovės“ (1924) K. Būga rašė: „Kiti kalbininkai tiki, kad kalbos bendrybės, kurių turi gana daug aisčių ir slavėnų kalba, rodančios aisčius ir slavėnus turėjus dar ir atskirą prokalbę po indoeuropiškosios. Tuo aš netikiu, nes nerandu nė vieno kalbos fakto, kuris būtinai verstų mus pripažinti tariamąją aisčių-slavėnų prokalbę.

Alle Gemeinsamkeiten der aistischen und slawischen Sprachen zeigen lediglich, dass die Aisten seit undenklichen Zeiten, d. h. seit der indoeuropäischen Epoche, Nachbarn der Slawen waren (beim Zitieren hervorgehoben – S.K.).

Nachbarsprachen weisen oft gemeinsame phonetische Merkmale auf, auch wenn sie untereinander nicht verwandt sind: Denn sie können, von einem gemeinsamen Zentrum ausgehend, wie Wellen das gesamte Gebiet oder einen Teil des Gebiets der Nachbarsprache überfluten7.

Besonders wichtig sind K. Būgas Aussagen zur gemeinsamen Lexik der baltischen und slawischen Sprachen.

Allein daraus, dass sich in der gemeinsamen Lexik der baltischen und slawischen Sprachen keine Entsprechungen in anderen idg. Sprachen finden, kann man nach K. Būgas Auffassung nicht schließen, dass die baltischen und slawischen Sprachen auch eine eigene Ursprache gehabt hätten. Da Balten und Slawen seit alters her Nachbarn waren, sei es daher keineswegs erstaunlich, dass ihre Sprachen zahlreiche gemeinsame Wörter aufweisen. Dies ist eine Ursache für das Entstehen der gemeinsamen Lexik der baltischen und slawischen Sprachen. Als zweite Ursache betrachtet K. Būga die Herkunft der baltischen und slawischen Sprachen aus der idg. Sprachgemeinschaft: Die gemeinsamen Wörter der baltischen und slawischen Sprachen könnten „Wörter der slawischen und aistischen Dialektgruppen der indoeuropäischen Ursprache“ gewesen sein. All diese gemeinsamen Wörter der baltischen und slawischen Sprachen zeigten nach K. Būgas Auffassung lediglich, „dass in uralter Zeit die beiden nordöstlichen indoeuropäischen Dialekte (d. h. die baltischen und slawischen Dialekte – S.K.) für diese Dinge andere Bezeichnungen hatten, die nicht mit den Bezeichnungen in den Dialekten der westlichen und südlichen indoeuropäischen Ursprache übereinstimmten“8.

So verwenden beispielsweise Balten und Slawen ein und dasselbe Wort für die Krähe bzw. den Raben, während Italiker und Griechen dafür ein ganz anderes Wort gehabt hätten; vgl. lit. várna, lett. vārna, pr. warne, sl. *varnā (russ. воро́на, poln. wrona, tschech. vrána, serb.-kroat. vrȁna); lit. varnas, pr. warnis, sl. *varnъ (russ. во́рон, poln. wron, tschech. vran, serb.-kroat.vrȁn) sowie lat. cornix „Krähe“, gr. κορώνη „Krähe“; lat. corvus „Rabe“, gr. κόραξ „Rabe“9. K. Būga hebt besonders den Gedanken hervor, dass „gemeinsame Wörter noch nicht zeigen, dass die Slawen mit den Balten nicht unmittelbar aus benachbarten Dialekten der indoeuropäischen Ursprache hervorgegangen seien, sondern über eine Übergangsstufe, die sogenannte gemeinsame ‚slawisch-aistische Ursprache‘“10.

5 K. Būga, loc. cit.

6 K. Būga, RR, I, p. 407–408.

7 K. Būga, RR, III, p. 595.

8 K. Būga, RR, II, p. 169.

9Die Bezeichnungen für Krähe und Rabe sind keine spezifische Gemeinsamkeit der baltischen und slawischen Sprachen, denn auch das Tocharische verfügt dafür über dasselbe Wort; vgl. toch. B wrauna (siehe E. Schwentner, IF, 63, 1958, S. 167).

10 K. Būga, loc. cit.

21

Demnach entstand nach K. Būgas Auffassung der gemeinsame Wortschatz der baltischen und slawischen Sprachen dadurch, dass:

a) die baltischen und slawischen Sprachen aus der indogermanischen Sprachgemeinschaft hervorgingen, in der die baltischen und slawischen Dialekte bereits Wörter besaßen, die nur ihnen gemeinsam waren;

b) die baltischen und slawischen Sprachen im Laufe ihrer Geschichte unmittelbar aneinandergrenzten und Nachbarn waren.

Diese Deutung des Ursprungs des gemeinsamen Wortschatzes der baltischen und slawischen Sprachen hat auch heute nichts von ihrem Wert eingebüßt. Der lang andauernde Kontakt verwandter Sprachen kann tatsächlich nicht nur analoge Erscheinungen in Phonetik und Morphologie hervorrufen, sondern auch zur Entstehung eines gemeinsamen Wortschatzes führen.

Įga fand keine einzige Tatsache, die auf eine Einheit der baltischen und slawischen Sprachen (in seiner Terminologie: eine Ursprache) hindeutete, und wandte sich daher entschieden dagegen; die russischen Linguisten A. Šachmatovas und A. Sobolevskis hingegen, die zur selben Zeit tätig waren, zweifelten nicht an der Einheit der baltisch-slawischen Sprachen.

Aleksejus Šachmatovas (1864–1920), pažymėjęs, kad baltų ir slavų kalbų ypatingu artumu vargu ar galima abejoti, rašo: „Šis artumas negali būti atsitiktinis ir priklausyti tiktai nuo bendros jų kilmės iš indoeuropiečių prokalbės; ir baltų, ir slavų kalbos turi daug bendrų nukrypimų nuo senųjų santykių, ir šitie bendrieji nukrypimai liudija jų bendrą gyvenimą tuo metu, kada jos jau atsiskyrė nuo kitų indoeuropiečių kalbų. Vadinasi, reikia pripažinti baltus ir slavus kilus iš bendrų protėvių (от одного общего родоначальника), kurie jau buvo atsiskyrę nuo giminės, kalbėjusios indoeuropiečių prokalbe. Baltų ir slavų kalbų protėviu, kurį galima vadinti baltų-slavų prokalbe, buvo kalba tos indoeuropiečių giminės, kuri, išsiskyrusi iš indoeuropiečių šeimos, tik paskui suskilo į dvi — baltų ir slavų šakas“11.

Aus dem Zitat wird A. Šachmatovas Auffassung von den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen deutlich: Er behauptet ohne jeden Zweifel, dass eine baltisch-slawische Einheit bestanden habe, sowohl eine linguistische als auch eine ethnische, die nach dem Zerfall der indogermanischen Sprachgemeinschaft existierte.

Eine originelle und interessante Hypothese zur Entstehung der slawischen Völker und Sprachen entwickelte Aleksejus Sobolevskis (1856–1929). Bei der Lösung des Problems der Entstehung der slawischen Ursprache widmete er den Reflexen des indogermanischen s in den slawischen Sprachen besondere Aufmerksamkeit. Nach i, u, r und k wurde das indogermanische s in den slawischen Sprachen zu ch, in allen anderen Positionen blieb es unverändert. A. Sobolevskis verabsolutierte dieses Lautgesetz und schloss daraus, dass die slawische Ursprache eine Verbindung zweier Sprachen sei: einer s-Sprache und einer ch-Sprache12.

Die ch-Sprache gehöre zum iranischen Sprachzweig und sei wahrscheinlich eine der anderen Sprachvarianten. Wörter aus dieser Sprache weisen ch anstelle von s auf. Die s-Sprache dagegen sei nach A. Sobolevskis Auffassung „den baltischen Sprachen nahe und habe früher mit ihnen eine einheitliche baltisch-slawische oder slawisch-litauische Sprache gebildet“13. Zu ihr gehörten Wörter und Formen mit s anstelle des alten s; diesen Wandel zu ch habe es in der baltisch-slawischen Sprache nie gegeben.

A. Sobolevskis war also überzeugt, dass die baltischen und slawischen Völker einst dieselbe Sprache gesprochen hätten. Diese einheitliche baltisch-slawische Sprache habe seiner Meinung nach bis zum Beginn unserer Zeitrechnung bestanden, das heißt bis zu der Zeit, als Skythen an der Ostsee mit den baltisch-slawischen Völkern zusammentrafen.

Über die hypothetischen Balten-Slawen und ihre Sprache konnte A. Sobolevskis nichts Weiteres sagen: „Woher an die Ostseeküste die Völker mit s-sprachigen Vorfahren gelangten, die Balten-Slawen

11 А. Шахматов, Очерк древнейшего периода истории русского языка, „Энциклопедия славянской филологии“, вып. II, Петроград, 1915, p. IX.

12 А. Н. Соболевский, Русско-скифские этюды, ИОРЯС, 27, 1924, p. 334.

13 А. Н. Соболевский, op. cit., p. 334.

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Volk, wissen wir nicht; kaum aus dem Westen, Südwesten oder Osten. Wir haben keinen Grund, es auch unter den von Herodot erwähnten Völkern zu suchen.“ Das Volk mit der ch-Sprache ist seiner Ansicht nach ein alter Bewohner der Ostseeküste, der auch dem Fluss Nemunas seinen Namen gab14.

Die Hypothese von A. Sobolevskis stieß auf scharfe Kritik und wurde verworfen15. Sowohl den Hypothesen von A. Schachmatow als auch von A. Sobolevskis fehlte eine Argumentation, die auf der Analyse des tatsächlichen Materials der baltischen und slawischen Sprachen beruhte. Das Beispiel von A. Schachmatow und A. Sobolevskis schien K. Būgas Worte zu bestätigen, dass es bei der Beantwortung von Fragen zur Sprachentstehung zunächst notwendig sei, die Sprachen selbst gründlich zu untersuchen.

Das Problem der ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen im dritten und vierten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts

Im dritten und vierten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts untersuchten die Wissenschaftler vor allem die baltischen und slawischen Sprachen selbst. Bei der Behandlung einzelner Fragen ihrer Phonetik, Akzentologie, Morphologie und Lexikologie zogen die Forscher auch allgemeinere Schlussfolgerungen, die die ältesten Beziehungen dieser Sprachen betrafen. Diese induktive Lösung der Frage nach den ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen, gestützt auf die Analyse umfangreichen Tatsachenmaterials, war methodologisch von außerordentlicher Bedeutung.

Von großer Bedeutung für die Erforschung der ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen waren die Studie von N. van Wijk über den Ursprung der Akzent- und Intonationssysteme dieser Sprachen1 sowie R. Trautmanns Wörterbuch der baltischen und slawischen Sprachen2.

In der Einleitung zu seinem Buch erklärte Nikolai van Wijk (1880—1941), dass zwischen den Theorien von A. Schleicher und J. Rozwadowski kein prinzipieller Unterschied bestehe: Beide Forscher erkennen eine „baltoslawische Periode“ an. Weiter fügte N. van Wijk ausdrücklich hinzu, dass sich auch A. Meillets Theorie nicht wesentlich von der Theorie A. Schleichers unterscheide, obwohl der Unterschied zwischen ihnen auf den ersten Blick sehr groß erscheinen könne. Denn die baltisch-slawischen Dialekte (man könne auch von einer „Grundsprache“ sprechen) hätten nach A. Meillets Ansicht innerhalb der indogermanischen Sprachgemeinschaft bis zu deren Zerfall bestanden, während A. Schleicher, wie sein Schema des „genealogischen Sprachbaums“ zeige, ihre Existenz auch noch nach dem Zerfall der indogermanischen Sprachgemeinschaft (mit A. Schleichers Terminologie: der Grundsprache) anerkenne. N. van Wijk selbst vertrat die Ansicht, dass die Dialekte der indogermanischen Sprachgemeinschaft, aus denen sich später die baltischen und slawischen Sprachen entwickelten, noch zu einer Zeit, als sich andere Gruppen indogermanischer Sprachen, etwa die indo-iranischen, bereits abgespalten hatten, eine ziemlich enge (zusammenhängende), wenn auch dialektal differenzierte Einheit (Ganzes) bildeten. Dieses Kontinuum bestand offenbar nicht lange, da es in den bekannten Sprachen keine deutlicheren Spuren hinterließ. Daher können wir, so N. van Wijk, die theoretisch mögliche baltisch-slawische sprachliche Einheit praktisch außer Acht lassen3.

Nachdem N. van Wijk für die vorbaltischen und vorslawischen Dialekte zwei Intonationen rekonstruiert hatte – den Zirkumflex und den Akut –, merkte er an, dass „dies keineswegs zeigt

14 A. H. Соболевский, op. cit., p. 332.

15 Eine kritische Bewertung der Hypothese von A. Sobolevskis gab A. Pogodin, siehe А. Л. Погодин, Теория акад. А. Н. Соболевского о двояком происхождении славянского племени, „Slavia“, 9, 1930—1931.

1 N. van Wijk, Die baltischen und slavischen Akzent- und Intonationssysteme (Ein Beitrag zur Erforschung der baltisch-slavischen Verwandtschaftsverhältnisse), Amsterdam, 1923.

2 R. Trautmann, Baltisch-slavisches Wörterbuch, Göttingen, 1923.

3 N. van Wijk, Die baltischen und slavischen Akzent- und Intonationssysteme, 2. Aufl., ’s—Gravenhage, 1958, p. 13.

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einer engeren Verwandtschaft beider Sprachgruppen, denn: 1) die Qualität der ur- baltischen und urslawischen Intonationen lässt sich nur sehr unbestimmt feststellen; 2) ähnliche Intonationsverhältnisse weist auch das Griechische auf“4.

Reinhold Trautmanns (1883—1951) „Wörterbuch der baltischen und slawischen Sprachen“ ist die umfangreichste und vollständigste Sammlung des baltischen und slawischen Wortschatzes. Es enthält vor allem gemeinsame Wörter der baltischen und slawischen Sprachen, doch sind darin auch solche aufgeführt, die nur in einer der Sprachgruppen oder sogar nur in einer Sprache vorkommen. Dies geschah offenbar, weil R. Trautmann vom Bestehen einer Einheit der baltisch-slawischen Sprachen (baltisch-slavische Sprachgemeinschaft) überzeugt war5: Wörter der baltischen Sprachen, die heute keine Entsprechungen in den slawischen Sprachen haben, könnten seiner Ansicht nach früher auch in den slawischen Sprachen vorgekommen sein.

Ein großer Teil des von R. Trautmann angeführten Wortschatzes kann nicht als baltoslawisch gelten: Ein Teil der den beiden Sprachgruppen gemeinsamen Wörter hat Entsprechungen in anderen indogermanischen Sprachen und ist daher höchstwahrscheinlich aus der indogermanischen Sprachgemeinschaft ererbt; ein Teil kommt nur in einer Sprachgruppe oder sogar nur in einer Sprache vor.

R. Trautmanns Wörterbuch war für die Erforschung des Wortschatzes der baltischen und slawischen Sprachen sowie der ältesten Beziehungen dieser Sprachen von Bedeutung. Darüber hinaus übte es jedoch bei der Untersuchung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen auch einen gewissen negativen Einfluss aus. Die Forscher wurden schon durch die Tatsache, dass ein solches Wörterbuch zusammengestellt worden war, beeinflusst: Wenn sich aus dem Wortschatz der baltischen und slawischen Sprachen ein so umfangreiches Wörterbuch erstellen lässt, kann es doch keinen Zweifel daran geben, dass zwischen diesen Sprachen eine Einheit bestanden hat! Ein augenfälliges Beispiel dafür sind die folgenden Worte von F. Specht: „Dass die baltischen und slawischen Sprachen früher eine gemeinsame Entwicklung durchliefen, die sich nur durch die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache erklären lässt, sollte nach dem Erscheinen von R. Trautmanns ‚Wörterbuch der baltischen und slawischen Sprachen‘ keinen Zweifel mehr erregen“6.

Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung der Wortschatz bei der Erforschung der Verwandtschaftsverhältnisse von Sprachen tatsächlich hat. In diesem Zusammenhang sind A. Meillets Aussagen zur Entwicklung des Wortschatzes der baltischen und slawischen Sprachen in Erinnerung zu rufen. In seinem Aufsatz „Der Ursprung des slawischen Wortschatzes: I. — Das Problem der baltisch-slawischen Einheit“7 behandelte er Fragen zu den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen und zur Bedeutung des Wortschatzes und verwies dabei wiederholt auf R. Trautmanns Wörterbuch:

1. Verlorene Elemente charakterisieren den Wortschatz ebenso wie die erhaltenen. Die baltischen und slawischen Sprachen haben viele alte indogermanische Wörter verloren und durch neue ersetzt. So verloren die baltischen und slawischen Sprachen etwa die alte Bezeichnung für „Vater“ (altind. pitá, gr. πατήρ, lat. pater). An ihre Stelle setzten die Balten Neubildungen: lit. tėvas, lett. tēvs und pruß. tāws, die Slawen dagegen das ausdrucksbedingte urslawische s.sl. ot-bьcь (zum Suffix vgl. das Adjektiv s.sl. ot-bьjь „väterlich“). Der Umstand, dass die baltischen und slawischen Sprachen die alten Wörter verloren und an ihrer Stelle unterschiedliche Ersatzformen geschaffen haben, zeigt, dass Balten und Slawen ähnliche Lebensbedingungen hatten und sich ihre Sprachen parallel entwickelten.

2. Die lexikalischen Entsprechungen der baltischen und slawischen Sprachen zeigen nicht, dass es nach der indogermanischen Epoche eine Periode gemeinsamen Lebens der baltischen und slawischen Sprachen gegeben hat, denn der gemeinsame baltische und slawische Wortschatz ist aus den Dialekten der indogermanischen Sprachgemeinschaft ererbt; vgl. beispielsweise lit. miglà, s.sl. mbgla und gr. ο-μίχλη8.

4 N. van Wijk, op. cit., p. 46.

5 R. Trautmann, op. cit., p. V.

6 F. Specht, Zur baltisch-slavischen Spracheinheit, KZ, 62, 1934, p. 248.

7 A. Meillet, Les origines du vocabulaire slave: I. — Le problème de l’unité balto-slave, RÉSI, 5, 1925, p. 5—13.

8 A. Meillet, loc. cit.

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3. Die parallele Entwicklung der baltischen und slawischen Sprachen zeigen Wortbildungssuffixe. So haben die baltischen Sprachen bei den Ableitungen der nomina instrumenti das Suffix *-tlo- (lit. -kla-), die slawischen dagegen das Suffix *-dhlo; vgl. lit. árklas und kirchenslaw. ralo, tschech. rádlo. Diese Suffixe sind ähnlich, aber nicht identisch, und beide sind alt: Das erste entspricht lat. -culum (vgl. lat. pōculum „Becher“), das zweite lat. -bulum (vgl. lat. pābulum „Futter“) und gr. -θλον (vgl. gr. γένεθλον).

4. Ein deutlicher Unterschied zwischen den baltischen und slawischen Sprachen besteht darin, dass die baltischen Sprachen den indogermanischen Wortschatz besser bewahrt haben als die slawischen. So haben die baltischen Sprachen die Bezeichnungen für Mensch und Mann gut bewahrt (vgl. altlit. žmuo, pruß. smoy und lat. hemō oder homō, got. guma; lit. vyras, lett. vīrs, pruß. wijrs und ved. vīráḥ, lat. vir, avest. fer, got. wair), während die slawischen Sprachen sie verloren haben.

Am Schluss seines Aufsatzes schreibt A. Meillet: „Der indogermanische Teil des Wortschatzes der baltischen und slawischen Sprachen stammt aus ein und derselben Gruppe indogermanischer Dialekte. Es genügt jedoch, Trautmanns Baltisch-slavisches Wörterbuch durchzublättern, um sich davon zu überzeugen, dass zwischen der indogermanischen Sprachgemeinschaft und der historischen Epoche der baltischen und slawischen Sprachen keine Periode lag, in der sich ein den beiden Sprachgruppen gemeinsamer Wortschatzbestand herausgebildet hätte. Es gibt Parallelität, aber keine Einheit“⁹.

Interessanterweise kommt A. Meillets Auffassung vom Wortschatz der baltischen und slawischen Sprachen derjenigen K. Būgas sehr nahe — beide Forscher betrachten den gemeinsamen Wortschatz dieser Sprachen als: 1) aus Dialekten der indogermanischen Sprachgemeinschaft hervorgegangen und 2) unabhängig und parallel entstanden, während beide Sprachgruppen seit alters her in Nachbarschaft lebten.

Tatsächlich ist es zur Erklärung des gemeinsamen Wortschatzes der baltischen und slawischen Sprachen keineswegs nötig, eine baltisch-slawische Sprachgemeinschaft anzunehmen: Für seine Entstehung genügten die verschiedenen Kontakte, die Balten und Slawen im Laufe ihrer Geschichte hatten. Außerdem darf man bei der Behandlung der Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen die Bedeutung des Wortschatzes nicht überschätzen, denn der Wortschatz ist bekanntlich der wandelbarste Teil des Sprachsystems.

Um die Theorie von der Einheit der baltischen und slawischen Sprachen zu begründen, zog Franz Specht (1888—1949) neben dem lexikalischen Argument einige von ihm beobachtete grammatische Gemeinsamkeiten heran¹⁰, etwa: den Ersatz des Lokativs Singular der Demonstrativpronomen durch den Akkusativ mit Postposition (lit. tamē=kirchenslaw. tomb aus *tamen), die strikte Trennung der Stämme auf men und n, den Verlust der maskulinen nomina agentis mit dem Formans *-tēr- (vgl. idg. *patēr und lit. tėvas, kirchenslaw. отbь) usw.

N. van Wijk, R. Trautmann und F. Specht behandelten die Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen auf der Grundlage der Ergebnisse ihrer konkreten Untersuchungen. Einen ganz anderen Weg beschritten die italienischen Neolinguisten. Entsprechend den theoretischen Prinzipien ihrer allgemeinen Linguistik versuchten sie vor allem, den Charakter der baltischen und slawischen Sprachen zu bestimmen.

Zunächst räumte Vittore Pisani ein¹¹, dass die baltischen und slawischen Sprachen nach der Auflösung der indogermanischen Sprachgemeinschaft eine gemeinsame Entwicklungsperiode durchliefen. Die baltisch-slawischen Isoglossen, die das Gebiet dieser Sprachen durchqueren, ließen Pisani zufolge vermuten, dass die Gebiete der baltischen und slawischen Sprachen noch lange nach der Auflösung der indogermanischen Sprachgemeinschaft vereint blieben. Die gemeinsame Entwicklungsperiode dieser Sprachen nannte Pisani Sprachgemeinschaft

⁹ A. Meillet, op. cit., S. 13.

¹⁰ F. Specht, op. cit., S. 248—259.

¹¹ V. Pisani, Balto e slavo, StB, 2, 1932, S. 1—22 (= Linguistica generale e indoeuropea, Milano, 1947, S. 65—82).

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eine Epoche (aber keine Ursprache), die er ungefähr ins 5. Jahrhundert v. Chr. und ins 4. Jahrhundert n. Chr. datierte. Später änderten sich jedoch V. Pis anis Ansichten: Er meinte, dass man auf Grundlage des Isoglossensystems kaum von einer baltisch-slawischen Gemeinschaft sprechen könne; ebenso wenig könne man von einer baltisch-slawischen Ursprache sprechen, da sie offenbar niemals existiert habe12.

Ein anderer italienischer Neolinguist, Matteo Bartoli (1874—1946), gelangte nach der Analyse einiger Entsprechungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen zu dem Schluss, dass die chronologische Stellung der baltischen Sprachen dadurch bestimmt werde, dass es in ihnen mehr prähistorische Neubildungen gebe als in den germanischen Sprachen, aber deutlich weniger als im Altindischen13. Giuliano Bonfante widersprach M. Bartolis Schlussfolgerung und äußerte die Ansicht14, die baltischen Sprachen, insbesondere das Litauische, seien sowohl archaisch als auch konservativ, während die slawischen Sprachen konservativ, aber nicht archaisch seien. G. Bonfante führte einige Archaismen an und fügte hinzu, dass auch die baltischen Sprachen den aus dem Zentrum (dem Griechischen, Armenischen u. a. Sprachen) kommenden Innovationswellen nicht entgangen seien15.

Der norwegische Linguist Christian Stang analysierte nicht nur die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen, sondern verfasste auch umfangreiche Werke, in denen er die Geschichte des Verbs und der Akzentologie in den baltischen und slawischen Sprachen darlegte.

In einem seiner Aufsätze16 stellte Chr. Stang die Frage: Was bedeutet schließlich der Begriff „sprachliche Einheit“? Seiner Ansicht nach lässt sich sprachliche Einheit auf zweierlei Weise verstehen:

1) eine Einheit, die durch individuelle (weder dialektale noch soziale) Abweichungen gekennzeichnet ist;

2) eine Einheit, bei der die Sprecher das Gefühl haben, ihre Sprache sei ein und dieselbe, obwohl sie in Dialekte aufgegliedert ist (nach dieser Definition ist zum Beispiel das Deutsche eine Sprache, während Schwedisch und Norwegisch zwei Sprachen sind, obwohl der Unterschied zwischen Letzteren geringer ist als der zwischen den nord- und süddeutschen Dialekten; eine solche sprachliche Einheit beruht Chr. Stang zufolge auf politischen und kulturellen Beziehungen).

Eine Einheit des ersten Typs zwischen den baltischen und slawischen Sprachen kann es nach dem Zerfall der ide. Sprachgemeinschaft nicht gegeben haben, denn beispielsweise rückt das Schicksal von ide. s nach k, r, i, u die slawischen Sprachen näher an die indo-iranischen Sprachen heran. Das Bestehen einer Einheit des zweiten Typs zwischen diesen Sprachen nach dem genannten Zerfall lässt sich anhand der sprachwissenschaftlichen Befunde nicht nachweisen.

Die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen stellt Chr. Stang folgendermaßen dar: Die baltischen und slawischen Sprachen sind, kann man sagen, aus demselben ide. Dialekt hervorgegangen. Zwischen ihnen gebe es jedoch sehr alte Unterschiede: das unterschiedliche Schicksal von ide. s nach k, r, i, u (siehe S. 81 ff. dieser Arbeit), unterschiedliche Einzelheiten des Satem-Phänomens (vgl. lit. klausyti und sl. slyšati, siehe S. 186 ff. dieser Arbeit) u. a. Später, nach dem Zerfall der ide. Sprachgemeinschaft, hätten die baltischen und slawischen Sprachen eine bestimmte Periode durchlebt, in der ihre Gebiete von mehreren neuen Isoglossen umgeben gewesen seien. Einige davon hätten das gesamte Gebiet dieser Sprachen erfasst, andere nur einen Teil davon. Zu solchen Isoglossen gehörten die Wandlung von r, l, m, n zu ir, il, im, in sowie zu ur, ul, um, un (siehe S. 76 dieser Arbeit), der Verbtyp mit -auju: -ųja, die nomina agentis lit. artōjas, pr. artoys, aksl. ratajь u. a. Solange, Chr. Stang zufolge, die Möglichkeit besteht, neue

12 V. Pisani, Glottologia indoeuropea, Torino, 1949, p. 26.

13 M. Bartoli, Il carattere conservativo dei linguaggi baltici, StB, 3, 1933, p. 1—26.

14 G. Bonfante, „Arcaico“ e „conservativo“ nel gruppo baltico, StB, 5, 1935—1936, p. 30—37, plg. „Indogermanisches Jahrbuch“, 21, 1937, p. 326.

15 Näheres dazu siehe B. H. Топоров, Из истории изучения древнейших балто-славянских языковых отношений, S. 22—25.

16 Chr. Stang, Einige Bemerkungen über das Verhältnis zwischen den slavischen und baltischen Sprachen, NTS, 11, 1939, p. 85—98.

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Solange es solche Isoglossen gibt, kann man von einem lebendigen Isoglossenareal (lebendiges Isoglossengebiet) sprechen.

1963 präzisierte und konkretisierte Chr. Stang seine Ansichten zu den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen17. Er vertrat die Auffassung, dass das unterschiedliche Schicksal von idg. s nach k, r, i, u und einige unterschiedliche Reflexe des satam-Phänomens (klaušyti: sly-šāti) in den baltischen und slawischen Sprachen ihrem Alter nach nicht bis in die Zeit der idg. Sprachgemeinschaft zurückreichen.

Nachdem Chr. Stang einige Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen erörtert hat, gelangt er zu dem Schluss, dass diese Sprachen nach dem Zerfall der idg. Sprachgemeinschaft ein einheitliches Dialektgebiet (Dialektgebiet) gebildet hätten, in dem die Neuerungen dieser Sprachen entstanden seien und das die Verwendung des Ausdrucks „baltisch-slawische Sprachen“ („Baltisch-slavisch“) rechtfertige. Andererseits müsse seiner Ansicht nach auch anerkannt werden, dass sich in diesem Dialektgebiet bestimmte alte Isoglossen kreuzten, die die baltischen Dialekte von den slawischen trennten. Die Aufspaltung des baltisch-slawischen Dialektgebiets habe sich in Etappen vollzogen, denn es gebe Isoglossen, von denen einige das slawisch-ostbaltische, andere das slawisch-preußische Areal umfassten.

In seinen Arbeiten verwendet Chr. Stang häufig den Ausdruck „baltisch-slawische Sprachen“. Im Buch „Die Akzentuation der slawischen Sprachen“18 wird darauf hingewiesen, dass er den Terminus „baltisch-slawische Sprachen“ („Balto-Slavonic“) nicht im Sinne einer absolut einheitlichen Sprache verwendet habe. Mit diesem Terminus habe er „ein Dialektgebiet bezeichnet, das so einheitlich ist, dass die darin entstehenden sprachlichen Veränderungen das gesamte Gebiet oder einen Teil davon erfassen können“19. Chr. Stangs Auffassung zu den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen wurde durch die wichtigsten Schlussfolgerungen seines Buches „Das slawische und baltische Verb“ bestätigt20. Früher müssen die Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Verbalsysteme wesentlich größer gewesen sein, und ihre Präsenssysteme müssen nach dem Zerfall der idg. Sprachgemeinschaft große Ähnlichkeit aufgewiesen haben21. Später entfernten sich die Verbalsysteme dieser Sprachen infolge unterschiedlicher Entwicklungstendenzen voneinander.

Chr. Stang hebt auch große strukturelle Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen Verbalsystemen hervor. Die baltischen Sprachen haben ebenso wie die germanischen keinen sigmatischen Aorist und haben ihn offenbar auch nie besessen. Der slawische sigmatische Aorist stimmt weitgehend mit dem indo-iranischen überein: Beide weisen eine Dehnstufe des Wurzelvokalismus auf. In diesem Zusammenhang stellt Chr. Stang fest, dass die baltischen und slawischen Sprachen hinsichtlich des Aorists möglicherweise unterschiedlichen geographischen Sphären angehörten. In den slawischen Sprachen gibt es kein Präteritum mit langem Stammvokal, wie es die baltischen, germanischen, keltischen, italischen und albanischen Sprachen besitzen. In den baltischen Sprachen ist das sigmatische Futur verbreitet, das den slawischen Sprachen fehlt. Dort übernahm das perfektive Präsens die Funktion des Futurs, sodass das sigmatische Futur nicht mehr benötigt wurde.

Chr. Stangs Analyse zeigt, dass einige strukturelle Typen und Kategorien (zum Beispiel Nasal- und i-Stammverben, der Optativ) eher das Ergebnis konvergenter oder sogar paralleler Entwicklungen sind.

Aus dem Überblick über die Erforschung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts geht hervor, dass die Forscher dieser Zeit – mit Ausnahme von R. Trautmann und F. Specht – keine Belege finden, die es erlaubten, eine kontinuierliche … anzunehmen-

17 Chr. Stang, Über das Verhältnis zwischen slavischen und baltischen Sprachen, „Prace językoznawcze“, 5, 1963, p. 393–394.

18 Chr. S. Stang, Slavonic accentuation, Oslo, 1957.

19 Chr. S. Stang, op. cit., p. 174.

20 Chr. S. Stang, Das slavische und baltische Verbum, Oslo, 1942.

21 Chr. S. Stang, loc. cit., p. 268, 271.

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eine baltisch-slawische Sprachgemeinschaft. Im Gegenteil: Die Untersuchung konkreter akzentologischer und morphologischer Phänomene ermöglichte Schlussfolgerungen, die darauf hindeuteten, dass die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen kontaktbedingt waren.

Die Erforschung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen in den Nachkriegsjahren

Die Erforschung der Probleme der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen gewann nach dem Zweiten Weltkrieg an Dynamik. Es wurden mehrere speziell diesem Problem gewidmete Aufsätze veröffentlicht. Die ältesten Beziehungen dieser Sprachen werden auch in zahlreichen umfangreichen Werken zur Geschichte der baltischen oder slawischen Sprachen behandelt. Das 1950 erschienene Buch „Die baltischen Sprachen“ von E. Fraenkel1 gab den Anstoß zu einem Aufsatz von J. Endzelin, auf den seinerseits J. Otrębski, A. Zenas u. a. reagierten (siehe unten). Es kam, so kann man sagen, zu einer gewissen Diskussion. Besonders intensiv wurden die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen im Vorfeld des IV. Internationalen Slawistenkongresses in Moskau diskutiert.

Für die Erforschung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen in den Nachkriegsjahren ist charakteristisch, dass bekannte Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Sprachen detailliert analysiert und neue festgestellt werden und die Frage ihrer Chronologie aufgeworfen wird. Außerdem vermeidet man es derzeit, Hypothesen zu entwickeln, die die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen neu interpretieren; man begnügt sich mit einer Modifikation der zwischen 1908 und 1912 aufgestellten Theorien, einer detaillierteren Argumentation oder deren Kritik.

1946 erschienen die Arbeiten zweier polnischer Linguisten, die dem Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen gewidmet waren2 — der Aufsatz von J. Safarewicz „Zur Frage der baltisch-slawischen Gemeinschaft“3 und das Buch von T. Lehr-Splawiński „Über die Herkunft und Urheimat der Slawen“4.

In seinem Aufsatz stellte Jan Safarewicz fest, dass einerseits solche Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen wie die Bildung des Präsens aus Aoriststämmen (vgl. lit. duomi, aksl. damъ und altind. dādam, gr. ἔδομεν), die Ableitung des Typs minėti aus der Perfektwurzel *men-, seien sehr alt und könnten daher nicht entstanden sein, als die baltischen und slawischen Sprachen ein zweites Mal einander näherkamen. Mit dieser Aussage hatte J. Safarewicz zweifellos J. Endzelins Konvergenztheorie im Blick. Solche und ähnliche Innovationen zeigten seiner Auffassung nach, dass es wahrscheinlich eine Epoche der Gemeinschaft gegeben hatte und dass diese unmittelbar auf die indogermanische Sprachgemeinschaft folgte und sie fortsetzte5. Andererseits zeigten so alte Unterschiede zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen wie die Verwendung des Präsenssuffixes *-do (vgl. aksl. idǫ und lit. eimi, lit. vėrda, das in den slawischen Sprachen fehlt), dass die Epoche der Gemeinschaft dieser Sprachen (okres wspólnoty) nach J. Safarewicz nicht lange gedauert habe. Er meint, die baltisch-slawische Gemeinschaft sei nicht aufgrund geografischer Kontakte, sondern infolge des Zustroms iranischer Stämme zerfallen.

Später wurden J. Safarewicz’ Bemerkungen zur sprachlichen Einheit der baltischen und slawischen Sprachen noch kritischer6. 1961 schreibt er, dass „das Bestehen einer Epoche baltisch-slawischer Gemeinschaft keineswegs sicher ist“7. Im Weiteren weist J. Safarewicz darauf hin, dass die Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen

1 E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen, Heidelberg, 1950.

2 Während des Krieges erschien der Aufsatz „Et baltoslavisk problem“ von H. Pedersen (In memoriam Kr. Sandfeld, København, 1943), den der Verfasser dieser Arbeit leider nicht einsehen konnte.

3 J. Safarewicz, Przyczynki do zagadnienia wspólnoty bałto-słowiańskiej, „Sprawozdania z czynności i posiedzeń Polskiej Akademii Umiejętności“, 46, 1946, p. 199–202.

4 T. Lehr-Splawiński, O pochodzeniu i praojczyźnie słowian, Poznań, 1946.

5 J. Safarewicz, op. cit., p. 200.

6 J. Safarewicz, Bałto-słowiańskie stosunki językowie, „Słownik starożytności słowiańskich“, I, 1 (A–B), Wrocław–Warszawa–Kraków, 1961, p. 79–80.

7 J. Safarewicz, op. cit., p. 79.

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Vielmehr handelt es sich um parallele, unabhängig entstandene Neuerungen (vgl. die Endung des Genitiv Singular der o-Stämme: litauisch -o, altkirchenslawisch -a und altpreußisch -as). Selbst eine so auffällige Gemeinsamkeit der baltischen und slawischen Sprachen wie die pronominalen Adjektive betrachtet er als unabhängig in der einen und der anderen Sprachgruppe entstanden. Nach J. Safarewicz’ Ansicht reichen in die Epoche der baltisch-slawischen Gemeinsamkeit lediglich die Anfänge dieser Erscheinung zurück. Er ist der Meinung, dass die baltischen und slawischen Sprachen aus einem Dialekt der indogermanischen Sprachgemeinschaft hervorgegangen seien und dass die Epoche der baltisch-slawischen Gemeinsamkeit, falls es sie überhaupt gegeben habe, in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. bestanden haben könnte.

Einen etwas anderen Ansatz zur Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen verfolgte ein weiterer polnischer Linguist, Tadeusz Lehr-Splawiński (1891–1965). In seinem Buch „Über die Herkunft und Urheimat der Slawen“ legte er seine Auffassung knapp dar: „Die Vorfahren der Slawen und Balten durchliefen einst eine Epoche gemeinsamer Sprachentwicklung, die noch andauerte, nachdem die Beziehungen zu anderen Gruppen indogermanischer Dialekte bereits abgebrochen waren9. T. Lehr-Splawiński folgt dem methodologischen Grundsatz, dass Neuerungen eine gemeinsame Sprachentwicklung zuverlässiger erkennen lassen als urindogermanische Archaismen, die seiner Ansicht nach auch in der selbständigen Entwicklung dieser Sprachen leicht bewahrt bleiben konnten. Zur Begründung seiner These führt T. Lehr-Splawiński mehrere gemeinsame innovative Veränderungen in Phonetik, Morphologie und Lexik der baltischen und slawischen Sprachen an. Als wichtigstes Argument betrachtet er jedoch die Gemeinsamkeiten im Wortschatz, die seiner Meinung nach so zahlreich sind, dass sie ein umfangreiches etymologisches Wörterbuch der baltischen und slawischen Sprachen (mit sogar 1600 Einträgen) ergeben (gemeint ist das Wörterbuch von R. Trautmann).

Nach T. Lehr-Splawiński sprechen die alten Unterschiede in der Morphologie und insbesondere im Wortschatz nicht gegen die These von der ursprünglichen Einheit der baltischen und slawischen Sprachen. Erstens zeigen diese Unterschiede, dass die indogermanischen Dialekte, die von den Vorfahren der Balten und Slawen zur Zeit der indogermanischen Sprachgemeinschaft gesprochen wurden, zwar nahe verwandt waren, sich aber sowohl in ihrer Grammatik als auch in ihrem Wortschatz erheblich unterschieden. Dies hinderte keineswegs die Herausbildung gemeinsamer Entwicklungstendenzen, die auch nach der Aufspaltung der indogermanischen Sprachgemeinschaft wirksam waren und später, in der Epoche ihrer gemeinsamen Entwicklung, beide Dialektgruppen einander näherbrachten. Zweitens zeigen die alten Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen Sprachen, dass die gemeinsame baltisch-slawische Epoche (doba wspólności językowej bałto-słowiańskiej) in sehr ferner Vergangenheit lag. Auf diese Epoche folgte eine ziemlich lange Phase selbständiger und unabhängiger Entwicklung der protobaltischen und protoslawischen Dialekte, in der unterschiedliche Tendenzen zur Ausbildung grammatischer Strukturen entstanden und die Unterschiede im Wortschatz zunahmen; zum Teil waren sie noch aus der indogermanischen Sprachgemeinschaft ererbt. In dieser Zeit schwächten sich die Kontakte zwischen den beiden Dialektgruppen stark ab, brachen jedoch nicht endgültig ab. Nach einiger Zeit lebten diese Kontakte wieder auf; ihren Niederschlag bildeten Entlehnungen aus dem Slawischen in die baltischen Sprachen und aus dem Baltischen in die slawischen Sprachen.

Diese in dem 1946 erschienenen Buch „Über die Herkunft und Urheimat der Slawen“ dargelegte Auffassung T. Lehr-Splawińskis10 wurde in den folgenden Jahren in zahlreichen Aufsätzen weiterentwickelt11, doch ihr Kern blieb unverändert.

8 J. Safarewicz, op. cit., p. 80.

9 T. Lehr-Splawiński, op. cit., p. 23.

10 Jos kvintesencija žr. ВЯ, I, 1958, p. 37–41 ir „Сборник ответов на вопросы по языкознанию (К IV Международному съезду славистов)“, М., 1958, p. 152–157.

11 Zur Bibliographie der zwischen 1946 und 1955 veröffentlichten Arbeiten von T. Ler-Splavinskis siehe V. Falkenhahn, ZfSl, 2, 1956, p. 49–88; zur Bibliographie der Sonderdrucke seiner Arbeiten aus den Jahren 1951–1961 (darunter auch solche zur Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen) siehe „Studia linguistica in honorem Thaddaei Lehr-Splawiński“, Warszawa, 1963, p. 7–8.

29

Erwähnenswert ist der Aufsatz von T. Lehr-Splawiński, in dem er versucht, jene indogermanischen Dialekte zu charakterisieren, aus denen die baltischen und slawischen Sprachen hervorgegangen sind12.

Nach T. Lehr-Splawiński bildeten die indogermanischen Dialekte, aus denen sich später die baltischen und slawischen Sprachen entwickelten, zur Zeit der indogermanischen Sprachgemeinschaft keine kompakte Einheit, sondern bestanden aus mehreren eng verwandten Mundarten, die beträchtliche Unterschiede aufwiesen. Zur Charakterisierung der indogermanischen dialektalen Grundlage der baltischen und slawischen Sprachen führt T. Lehr-Splawiński folgende Merkmale an, die deren Heterogenität belegen:

I. Erscheinungen, die für die baltischen Sprachen charakteristisch und den slawischen Sprachen unbekannt sind:

a) Die baltischen Sprachen unterscheiden wie alle indogermanischen westlichen Sprachen (mit Ausnahme der germanischen) indogermanisches ō und ā, während in den slawischen Sprachen, wie auch in den indo-iranischen und germanischen Sprachen, die langen indogermanischen Vokale zusammengefallen sind (siehe S. 61 ff. dieser Arbeit);

b) Die indogermanische Verbindung sr- blieb im Litauischen erhalten (vgl. litauisch sraujà und altindisch srá-vati), während sie im Lettischen, Altpreußischen, Slawischen und allen indogermanischen westlichen Sprachen zu str- wurde (vgl. altkirchenslawisch struja13);

c) unterschiedliche Bildung des Zahlworts „erster“, vgl. litauisch pìrmas, altpreußisch pirmas, altenglisch forma, altsächsisch formo (Suffix *-mo-) und altkirchenslawisch prъvъ (Suffix *-uo-, wie im Indo-Iranischen, Tocharischen und wahrscheinlich Illyrischen);

d) unterschiedliche Bildung der Zahlwörter „elf“ und „zwölf“, vgl. das zweite Glied *-leig- (litauisch vienúolika, dvýlika, gotisch ainlif, twalif, althochdeutsch einlif, zwalif) und die syntaktische Fügung im Altkirchenslawischen (jedinъ na desęte, dъva na desęte);

e) Das Altpreußische bewahrte die indogermanische mediale Personalendung der 1. Person -mai (altpreußisch asmai „ich bin“, vgl. griechisch -μαι).

II. Erscheinungen, die für die slawischen Sprachen charakteristisch und den baltischen Sprachen unbekannt sind:

a) Im Slawischen wurde, wie auch im Indo-Iranischen, idg. s nach k, r, i, u zu (š>) ch, im Litauischen dagegen nur nach r, k (vgl. aksl. mъchъ, ucho und lit. músos, ausis; Näheres dazu siehe S. 81 ff.);

b) nomina agentis mit dem Suffix -telb (vgl. heth. -talla-);

c) das Suffix *-es- in Bezeichnungen von Körperteilen, wie auch im Hethitischen (vgl. aksl. ucho ušese, oko očese);

d) das Suffix für adjektivische Abstrakta -ostb (vgl. heth. -ašti)14;

e) die Bildung deverbalischer Adjektive mit partizipialer Funktion durch das Suffix *-lo- (vgl. aksl. bylъ und heth. dalugmūla aus dalugnu- „verlängern“)14;

f) die Verwendung der Suffixe *-no- || *-io zur Bildung intransitiver und transitiver Verben derselben Wurzel, gemeinsam mit den germanischen Sprachen (vgl. aksl. užasnąti: užasiti und got. usgeisnan: usgaisjan);

g) die Flexion der 1. Person des Perfekts -é (aksl. vedě=lett. vidē) und die Bewahrung der medialen Endung der 3. Person -tъ < *-tor.

Diese alten Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen Sprachen zeigen, dass sich die baltischen und slawischen Dialekte zum Zeitpunkt der Aufspaltung der idg. Sprachgemeinschaft in zahlreichen grammatischen Merkmalen unterschieden. Da die Gebiete der baltischen und slawischen Sprachen viele Jahrhunderte lang unmittelbar aneinandergrenzten – ein Umstand, der zweifellos den Prozess der Nivellierung der Unterschiede und der Entstehung von Gemeinsamkeiten beschleunigte –, könnten die Unterschiede zum Zeitpunkt der Aufspaltung der idg. Sprachgemeinschaft nach T. Ler-Slavinskis Auffassung noch zahlreicher und größer gewesen sein.

12 T. Lehr-Splawiński, Podstawy indoeuropejskie wspólnoty językowej bałto-słowiańskiej, „Z polskich studiów slawistycznych“, Warszawa, 1958, p. 125—136.

13 Im Litauischen gibt es auch Beispiele mit str-, vgl. lit. strañjas „schnell (vom Wasser)“, strėbti, stragùs.

14 Diese beiden Suffixe scheinen auch in den baltischen Sprachen vorzukommen, vgl. lit. bjaur-astis (: bjaurùs) und dęg-las (: dègti).

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Aus der Theorie von T. Ler-Splavinskij geht hervor, dass er 1) die baltischen und slawischen Sprachen von solchen Dialekten der idg. Sprachgemeinschaft ableitet, die nicht identisch waren, und dass 2) sich die baltischen und slawischen Dialekte erst später einander angenähert haben. Obwohl die Theorie von T. Ler-Splavinskij auf den ersten Blick an J. Endzelins Konvergenzkonzeption erinnert, unterscheiden sie sich doch grundlegend: Der polnische Linguist erkannte nicht nur eine sprachliche, sondern auch eine ethnische Verwandtschaft der Balten und Slawen an.

Ähnlich beantwortet André Vaillant die Frage nach den ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen; er erkennt ohne Zögern eine Periode der balto-slawischen Einheit (une période d’unité balto-slave)15 an. Seiner Ansicht nach zeigt die Fülle gemeinsamer Merkmale der baltischen und slawischen Sprachen, insbesondere so auffälliger wie der bestimmten Adjektive, deutlich, dass nach dem Zerfall der idg. Sprachgemeinschaft über längere Zeit eine Periode balto-slawischer sprachlicher Einheit bestanden hat. Einerseits erkennt der französische Slawist an, dass sich die baltischen Sprachen von den slawischen nicht stärker unterscheiden als das Schwedische vom Deutschen; andererseits muss er feststellen, dass die Slawen die Verwandtschaft ihrer Sprachen ohne Mühe erkennen, während ihnen die litauische Sprache völlig fremd ist.

Die baltischen Veneter (Vénèdes de la Baltique) neigt A. Vaillant als Balto-Slawen zu betrachten, deren Sprache sich um den Beginn unserer Zeitrechnung noch wenig unterschied. Seiner Ansicht nach ist die gemeinsame balto-slawische Sprache als ein Bündel von Mundarten (un faisceau de parlers) vorzustellen, dessen zentral gelegene und randständige Mundarten sich untereinander mehr oder weniger unterschieden. Die balto-slawischen Stämme, so fährt der französische Slawist fort, seien um den Beginn unserer Zeitrechnung durch einfallende germanische Stämme, insbesondere die Goten aus Skandinavien, in zwei Gruppen geteilt worden; diese hätten dadurch die bereits dialektal zersplitterte Einheit der balto-slawischen Sprachen endgültig aufgelöst.

A. Vaillant stellt die Aufgabe, die balto-slawische Sprache zu rekonstruieren. In diesem Fall müssten die Forscher der baltischen und slawischen Sprachen mit drei rekonstruierten Sprachmodellen arbeiten – dem indoeuropäischen, dem balto-slawischen und dem protobaltischen beziehungsweise protoslawischen.

In dem Aufsatz „Die sprachliche Einheit der Balten und Slawen“16 analysierte A. Vaillant die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der baltischen und slawischen Sprachen recht ausführlich und hob besonders die Identität jener Fakten hervor, in denen A. Meillet Unterschiede zwischen diesen Sprachen gesehen hatte (zum Beispiel beim Verb). Am Ende des Aufsatzes stellt A. Vaillant die Aufgabe, für unterschiedliche Erscheinungen und Fakten der baltischen und slawischen Sprachen eine gemeinsame Grundlage zu finden17. Aus dem Aufsatz geht hervor, dass A. Vaillant tatsächlich versucht, gerade eine solche gemeinsame ursprüngliche Grundlage für nicht wenige Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen zu finden. Einige später entstandene Erscheinungen der slawischen Sprachen lassen sich offenbar tatsächlich anhand baltischer Sprachdaten deuten. So weist A. Vaillant völlig zu Recht darauf hin, dass man in der Imperfektflexion der slawischen Sprachen mit den Suffixen *-ėjā- und *-ājā- erweiterte Stämme erkennen kann (vgl. akslaw. vidēa- und iškaa-), die nur in den baltischen Sprachen vorkommen (vgl. lit. mylėjo „liebte“ und ieškojo „suchte“). Die von A. Vaillant für andere Erscheinungen angegebene gemeinsame ursprüngliche Grundlage ist jedoch höchst zweifelhaft. So meint A. Vaillant beispielsweise, lit. neša sei das Ergebnis der Verschmelzung der Formen *nešeti, 3. Person Singular, und *nešanti, 3. Person Plural. Es ist kaum wahrscheinlich, dass die baltischen Sprachen einst thematische Verben mit Singular- und Pluralformen der 3. Person hatten

15 A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, Lyon—Paris, 1950, p. 13—15; Le problème de l’unité balto-slave, BSL, 51, 1955, p. XIII—XV.

16 A. Vaillant, L’unité linguistique balto-slave, „Filologija“, I, Zagreb, 1957, p. 23—35.

17 „Man muss die ursprüngliche Einheit dort wiederfinden, wo sie nicht mehr offensichtlich ist“, – A. Vaillant, op. cit., S. 34.

31

Endungen der 3. Person *-ti und *-nti. Dafür fehlen die Belege. Selbstverständlich rekonstruierte A. V. Vaillant die genannten Formen der 3. Person Singular und Plural allein anhand entsprechender slawischer Sprachdaten, vgl. altruss. nesetb und nesoutb.

1950, als A. V. Vaillants „Vergleichende Grammatik der slawischen Sprachen“ erschien, kam auch ein Werk zur Geschichte der baltischen Sprachen heraus – E. Fraenkels Buch „Die baltischen Sprachen“18. Die Autoren beider Bücher widmeten der Frage nach den ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen beträchtliche Aufmerksamkeit, beantworteten sie jedoch völlig gegensätzlich. A. V. Vaillant ist ein glühender Anhänger der Theorie einer balto-slawischen sprachlichen Einheit, während E. Fraenkel der Ansicht ist, dass die Gemeinsamkeiten und Neuerungen der baltischen und slawischen Sprachen durch eine jahrhundertelange Nachbarschaft entstanden sind.

Der bedeutende deutsche Baltist und Verfasser eines etymologischen Wörterbuchs der litauischen Sprache19 Ernst Fraenkel (1881—1957) analysierte in seinem Buch „Die baltischen Sprachen“ ausführlich gemeinsame und unterschiedliche Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen in Phonetik, Akzentologie, Morphologie, Syntax und Lexik. Bei vielen der behandelten Erscheinungen führte er Parallelen aus anderen idg. Sprachen an und zeigte damit, dass diese Erscheinungen nicht ausschließlich für die baltischen und slawischen Sprachen charakteristisch sind. Ebenso verwies er auf die erheblichen strukturellen Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen Sprachen.

E. Fraenkel erkennt an, dass die baltischen und slawischen Sprachen durch zahlreiche Isoglossen verbunden sind, die seiner Ansicht nach dadurch entstanden sind, dass 1) die baltischen und slawischen Sprachen, da sie vom Zentrum aktiver Beziehungen und Austauschs der idg. Sprachen entfernt lagen, ihre alte Gestalt bewahrten, und 2) sie jahrhundertelang Nachbarn waren20. Außerdem sind in den Sprachen dieser Gruppen häufig parallel entstandene Veränderungen zu beobachten, die jedoch für sich genommen keine engeren Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen belegen. Es gibt auch erhebliche Unterschiede, insbesondere im Wortschatz und in der Syntax. Mitunter weisen die slawischen Sprachen weniger archaische Merkmale auf als die baltischen. Die baltischen, slawischen und germanischen Sprachen bilden im Sinne der Prager Schule eine Sprachgemeinschaft21.

Auf E. Fraenkels Buch antwortete J. Endzelin22 (siehe S. 19 dieser Arbeit), der in einzelnen Fragen mit E. Fraenkel polemisierte; etwas später erschienen umfangreiche Aufsätze von J. Otrębski und A. Zenas. Was die Beantwortung der Frage nach den ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen betrifft, erinnerten diese Aufsätze an die 1950 erschienenen Arbeiten: Wie damals wurde in einem von ihnen die sprachliche Einheit der Balten und Slawen vertreten, im anderen dagegen bestritten.

In seinem Aufsatz „Die slawisch-baltische sprachliche Einheit“ revidierte Jan Otrębski23 seine frühere Position zur Frage nach den ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen. 1947 schrieb er, dass es „niemals eine balto-slawische Ursprache gegeben hat“24, da ihrer Anerkennung der unterschiedliche Entwicklungsgang des idg. *s nach k, r, i, u in den baltischen und slawischen Sprachen entgegenstehe. 1954 vertritt J. Otrębski bereits die Auffassung, dass die baltischen und slawischen Sprachen aus Dialekten einer gemeinsamen balto-slawischen Sprachgruppe hervorgegangen sind. Diese Gruppe sei als eine aus einer einzigen Sprache hervorgegangene Einheit anzusehen, die ihrerseits aus der idg. Sprachgruppe ausgeschieden sei25. Der Wortschatz der baltischen und slawischen Sprachen, so J. Otrębski

18 E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen (Ihre Beziehungen zueinander und zu den indogermanischen Schwesteridiomen als Einführung in die baltische Sprachwissenschaft), Heidelberg, 1950.

19 E. Fraenkel, Litauisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg—Göttingen, 1955 tt.

20 E. Fraenkel, op. cit., S. 75.

21 E. Fraenkel, op. cit., S. 75.

22 Я. М. Эндзелин, Древнейшие славяно-балтийские языковые связи, 1953, p. 67—82.

23 Я. С. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство, ВЯ, 1954, 5, p. 27—42, 6, p. 28—46.

24 J. Otrębski, „Slavia Occidentalis“, 18, 1947, S. 448.

25 Я. С. Отрембский, ВЯ, 6, p. 43.

32

seiner Ansicht nach so ähnlich sei, dass Balten und Slawen einander beim Sprechen ihrer Sprachen nicht nur in der Epoche der Einheit, sondern auch noch lange nach deren Auflösung verstanden hätten. In den baltischen und slawischen Sprachen sieht J. Otremskis überall identische Erscheinungen und ähnliche Prozesse: Die slawischen Sprachen besitzen den sigmatischen Aorist – auch die baltischen Sprachen hätten ihn besessen, wo er später mit dem Futur zusammengefallen sei; in den slawischen Sprachen seien die Diphthonge oi und ei zu ē und ī geworden – ein ähnlicher Prozess habe auch in den baltischen Sprachen stattgefunden, wo die Diphthonge oi und ei zu ie geworden seien usw. Die Schwäche von J. Otremskis Argumentation liegt darin, dass er Erscheinungen verschiedener chronologischer Epochen als gleichzeitig abgelaufen betrachtet – den Zusammenfall der Langvokale ō und ā, die Reflexe der ide. silbischen Sonanten, die Monophthongierung der Diphthonge oi und ei, die Assibilierung der ide. palatalen Velarkonsonanten und die Verlagerung des Akzents nach dem de-Saussure-Fortunatov-Gesetz (zu einigen davon ausführlicher siehe im zweiten Teil dieser Arbeit). Außerdem analysiert er die Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen, ohne sie mit ähnlichen Erscheinungen in anderen ide. Sprachen in Beziehung zu setzen. So kann etwa der Wandel der Verbindung tt zu st nicht als eine für die baltischen und slawischen Sprachen charakteristische Erscheinung und folglich als Argument für eine baltisch-slawische Sprachgemeinschaft gelten, da auch andere ide. Sprachen (iranische und griechische) diese Erscheinung kennen. Da die Verbindung tt recht spät zu st wurde (nach der Herausbildung der einzelnen ide. Sprachgruppen) und dies daher unabhängig voneinander in den iranischen und griechischen Sprachen geschah, konnte sie sich ebenso unabhängig auch in den baltischen und slawischen Sprachen verändern.

Um die vollständige Identität der nominalen Flexion in den baltischen und slawischen Sprachen zu zeigen, rekonstruiert J. Otremskis die Paradigmen des Zahlworts „drei“ in den baltischen und slawischen Sprachen, beachtet jedoch nicht, dass fast genau dieselben Kasusendungen auch andere ide. Sprachen aufweisen – die germanischen, das Altindische usw.

A. Vaillants, ein leidenschaftlicher Verfechter der Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass man sich die baltisch-slawische Sprache als aus Dialekten bestehend vorstellen müsse. J. Otremskis Ansicht nach seien die baltischen und slawischen Sprachen hingegen aus einer einzigen Sprache hervorgegangen, die sich aus der ide. Sprachgruppe abgespalten und erst später in Dialekte aufgelöst habe.

Gegen die von A. Vaillant, J. Otremskis u. a. vertretene Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft hat sich Alfred Zenas entschieden ausgesprochen28. Er meint29, dass die alten Balten (Urb alten) nördlich der Pripet-Sümpfe (Pripet- oder Rokitno-Sümpfe) gelebt hätten. Im Westen, Norden und Osten seien die alten baltischen Stämme von Finno-Ugriern umgeben gewesen, im Südwesten seien ihre unmittelbaren Nachbarn die alten Germanen (Urgermanen) gewesen. Die unpassierbaren Pripet-Sümpfe hätten die Balten von den Slawen getrennt, ihre Kontakte behindert und die Balten und ihre Sprache endgültig isoliert. A. Zenas schreibt, dass wegen der Unwegsamkeit der Pripet-Sümpfe keinerlei unmittelbare Kontakte zwischen Balten und Slawen möglich gewesen seien30.

Die baltischen Siedlungen nördlich der Pripet, so fährt A. Zenas fort, seien nicht ursprünglich gewesen. Die Urbalten (Vorb alten) hätten westlich oder südwestlich der Pripet-Sümpfe gelebt, wo Slawen, Germanen und möglicherweise auch Illyrer ihre Nachbarn gewesen seien. Dort hätten sie eine staatliche Einheit (staatliche Einheit) gebildet, nicht aber eine illyrisch-germanisch-slawisch-baltische Ursprache (Ursprache). Damit sich die baltische Sprache eigenständig herausbilden, anders gesagt, ihre Sprachgemeinschaft (Urbaltisch) formen konnte, sei eine Veränderung der Nachbarn der Balten – der Praslawen – erforderlich gewesen

26 W. Porzig, Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets, Heidelberg, 1954, p. 76–78.

27 Я. С. О тр ембский, ВЯ, 6, р. 28–29.

28 A. Senn, On the Degree of Kinship between Slavic and Baltic, „The Slavonic and East European Review“, 20, 1941, p. 251–265; Die Beziehungen des Baltischen zum Slavischen und Germanischen, KZ, 71, 1954, p. 162–188.

29 A. Senn, Die Beziehungen des Baltischen zum Slavischen und Germanischen, p. 162–188.

30 A. Senn, op. cit., p. 164.

3. Baltų ir slavų kalbų ryšiai

33

und urgermanisch (Vorslaven und Vorgermanen) – Sprachstadien, während die Sprache der Urbalten selbst noch „urindogermanisch“ gewesen sein könnte.

A. Zenas meint, dass die Balten und Slawen erst nach der Expansion der Slawen nach Norden in Kontakt kamen: die Ostbalten mit den Ostslawen, die Prußen mit den Westslawen.

A. Zenas nennt folgende gemeinsame Merkmale der baltischen und slawischen Sprachen: a) Schwund des postkonsonantischen į vor Vorderzungenvokalen, b) Übergang der nt-Partizipien in den io-Stamm, c) die Endung -mus des Pluraldativs, d) Formen des Personalpronomens der 1. Person Singular mit *mur, e) Genitiv Plural der Personalpronomen der 1. Person *nō(s)sōm31.

Alle Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen sind A. Zenas zufolge entweder aus der indoeuropäischen Zeit ererbte Archaismen oder Neuerungen, die in jeder Sprachgruppe unabhängig voneinander entstanden sind.

Aus dem Aufsatz „Die Beziehungen der baltischen Sprachen zu den slawischen und germanischen Sprachen“ scheint hervorzugehen, dass A. Zenas der Parallelismustheorie anhängt. In einem späteren Aufsatz „Die Beziehungen zwischen Balten und Slawen32“ erklärt A. Zenas jedoch, kein Anhänger von A. Meillets Parallelismustheorie zu sein, und fügt hinzu, dass er nicht an eine parallele Entwicklung zweier benachbarter Sprachen glaube, deren Sprecher mehr als tausend Jahre lang in enger Symbiose gelebt hätten. Die zahlreichen Entsprechungen und Ähnlichkeiten zwischen den baltischen und slawischen Sprachen spiegeln nach A. Zenas’ Ansicht wider, dass Russen und Polen in der Vergangenheit politischen und kulturellen Einfluss auf Litauer und Letten ausübten.

Anders als J. Otrembski und A. Zenas betrachtete Walter Porzig die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen aus einem ganz anderen methodologischen Blickwinkel. Die Schlussfolgerungen des Autors in dem Buch „Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets“33 zur Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen sind nicht nur deshalb besonders wichtig, weil der Vergleich ihrer gegenseitigen Beziehungen mit den Beziehungen zwischen anderen indoeuropäischen Sprachgruppen (zum Beispiel den indo-iranischen oder den keltisch-italischen) besser erkennen lässt, worin die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen bestehen und welche Theorie ihren Ursprung am besten erklärt. Diese Schlussfolgerungen sind auch deshalb besonders wichtig, weil V. Porzig eine ganz andere Methode anwendet, um die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen zu beschreiben. Er schreibt: „Unsere Kenntnisse lassen den Schluss zu, dass beide Sprachgruppen die ganze Zeit hindurch Nachbarn waren. Daher entstanden zahlreiche nur für sie typische Neuerungen, die fast alle dem Wortschatz und der Wortbildung angehören. Neuerungen der Phonetik und Flexion scheinen die baltischen und slawischen Sprachen nicht aufzuweisen. Möglicherweise waren auch die dialektalen Areale bereits benachbart, aus denen die baltischen und slawischen Sprachen einen großen Teil ihrer Systeme erbten. Dafür gibt es nur wenige unmittelbare Belege. Die Reflexe der silbischen Sonanten in den baltischen und slawischen Sprachen, die sich bereits in den Einzelsprachen herausbildeten, sind gleich, doch haben sie an sich keinerlei Beweiskraft. Unsere Vermutung über die Nachbarschaft der ursprünglichen Areale wäre bestätigt oder widerlegt, wenn beide Sprachgruppen im Verhältnis zu anderen Sprachen Übereinstimmungen oder häufig Unterschiede aufwiesen“34.

Aus dem Zitat geht hervor, dass V. Porzig zur Beschreibung der Beziehungen zwischen den ursprünglichen baltischen und slawischen Dialektarealen, anders gesagt, der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen, auf das traditionelle Argument der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen Sprachen verzichtet: Diese Sprachen

31 A. Senn, op. cit., p. 185.

32 A. Senn, The Relationships of Baltic and Slavic, „Ancient Indo-European Dialects“, Berkeley and Los Angeles, 1966, p. 139–151.

33 W. Porzig, Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets, Heidelberg, 1954.

34 W. Porzig, op. cit., p. 140.

34

Innovationen, die seiner Meinung nach infolge der langfristigen Nachbarschaft der baltischen und slawischen Sprachen entstanden sind. Deshalb vergleicht W. Porzig, um die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen besser zu charakterisieren, diese mit den Beziehungen anderer ide. Sprachgruppen. Nachdem er die Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen einerseits und den indo-iranischen Sprachen andererseits untersucht und festgestellt hatte, dass das Areal dieser Sprachen von einundzwanzig Isoglossen umgeben ist, zog W. Porzig folgenden Schluss: Das Verhältnis der indo-iranischen zu den baltischen Sprachen entspricht nahezu dem Verhältnis der indo-iranischen zu den slawischen Sprachen; das heißt, in der ersten Hälfte des II. Jahrtausends v. Chr. müssen die Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen eng gewesen sein35.

Der Auffassung V. Porzigs steht auch die von Antanas Salys nahe. A. Salys schreibt: „Die offensichtliche und allgemein anerkannte Ähnlichkeit der beiden Sprachgruppen lässt sich leicht dadurch erklären, dass sie aus zwei benachbarten ide. Dialekten hervorgegangen sind, die noch während der letzten Phase der Auflösung der ide. Sprachgemeinschaft miteinander in Kontakt standen. Die Migration der Urbalten (pre-Balts) nach Norden um etwa 2000 v. Chr. beendete die Kontakte mit den Urslawen (pre-Slavs), und aus diesem Grund begannen sich beide Sprachgruppen unabhängig voneinander zu entwickeln. Infolge der slawischen Expansion kamen um das VI. Jahrhundert n. Chr. im Norden und etwas früher im Süden neue Kontakte zustande“36.

Über die sehr engen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen schreibt Manus Loimanas. In seinem Artikel „Die baltischen und slawischen Sprachen“37 stellte er zunächst fest, dass die Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft (die baltoslavische Theorie) zum Gegenstand eines prinzipiellen Streits geworden ist: Umstritten sind die Prinzipien, nach denen die Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen zu interpretieren sind. Anschließend führte der Autor mehrere Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen an und widmete den größten Teil des Artikels der Untersuchung des Verhältnisses ihrer Verbalsysteme. M. Loimanas zufolge ähnelt das baltische Präteritum auf -ā, -ē im Wesentlichen dem slawischen thematischen und sigmatischen Aorist. Die angeführten verbalen Gemeinsamkeiten sind seiner Meinung nach ausnahmslos alte Neuerungen, die auf eine enge Verbindung zwischen den baltischen und slawischen Sprachen hindeuten.

Auf der Grundlage dieser Neuerungen nimmt M. Loimanas an, dass die baltischen und slawischen Sprachen nach dem Zerfall der ide. Sprachgemeinschaft durch ein umfangreiches Isoglossenbündel verbunden waren, das diese beiden Sprachgruppen von den übrigen Sprachen trennte. Deshalb ist seiner Meinung nach eine baltisch-slawische gemeinsame Vorstufe, die vom selben Typ wie die indo-iranische war, die einzig angemessene Deutung dieses Isoglossenbündels38.

M. Loimanas stützte seine These von einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft auf Gemeinsamkeiten der Verbalsysteme, J. Kuryłowicz dagegen hauptsächlich auf prosodische Beziehungen.

Ježas Kurilovičius betrachtet folgende Phänomene als Hauptargumente für die Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft39: a) die Ersetzung des Ablautgegensatzes „Vollstufe: Nullstufe“; b) zwei Arten von Oppositionen: eR: iR, eR: uR (wobei R einen Sonanten bezeichnet

35 W. Porzig, op. cit., p. 169.

36 A. Salys, Baltic Languages, „Encyclopaedia Britannica“, 3, 1964, p. 53.

37 M. Leumann, Baltisch und Slavisch, „Corolla linguistica, Festschrift F. Sommer“, Wiesbaden, 1955, p. 154–162.

38 M. Leumann, op. cit., p. 162.

39 J. Kuryłowicz, Balto-slawische sprachliche Einheit, „Słownik starożytności słowiańskich (Zeszyt próbny)“, Warszawa, 1934, S. 4–7; L’apophonie en indo-européen, Wrocław, 1956, S. 209–243, 286–308; L’accentuation des langues indo-européennes, Wrocław–Kraków, 2. Aufl., 1958, S. 162–356; Über die balto-slawische sprachliche Einheit, BPTJ, 16, 1957, S. 71–113; О балто-славянском языковом единстве, ВСЯ, 3, 1958, S. 15–49.

3*

35

das Auftreten von l, r, m, n); c) quantitative Veränderungen (das Auftreten neuer Längen); d) Veränderungen des Akzents und der Intonationen.

Als besonders wichtige Innovation betrachtet J. Kurilowicz die Intonationen der baltischen und slawischen Sprachen, die er als wesentliches und charakteristischstes Merkmal dieser Sprachen bezeichnet40. Seiner Ansicht nach haben sich das Intonationssystem des Griechischen und das Intonationssystem der baltischen und slawischen Sprachen unabhängig voneinander herausgebildet; deshalb können sie nicht als aus der ide. Sprachgemeinschaft ererbt gelten. Kurilowicz meint, dass die Intonationen der griechischen Endsilben erst in historischer Zeit entstanden seien, während der Akut der baltischen und slawischen Sprachen das Ergebnis einer Akzentzurückziehung auf eine lange Silbe sei.

J. Kurilowicz periodisiert die Geschichte der baltischen und slawischen Sprachen nach prosodischen Prinzipien folgendermaßen:

1) baltisch-slawische Epoche (seit dem Entstehen der Intonationen);

2) Epoche der litauischen Sprache (seit dem Wirken des de-Saussureschen Gesetzes);

3) gemein-slawische Epoche (seit der Schwächung der Jer-Laute und dem Entstehen des Neoakuts)41.

Wie M. Loimann oder J. Kurilowicz hält auch P e t e r i s A r u m a, ohne die Theorie der baltisch-slawischen sprachlichen Einheit anzuführen, an ihr fest. Zur Begründung dieser Theorie bemüht er sich, neue Fakten vorzulegen. In einem der Analyse von Derivaten mit dem Element b(h) gewidmeten Aufsatz42 stellte P. Arumaa bedauernd fest, dass die Wortbildungsbeziehungen der baltischen und slawischen Sprachen nur sehr wenig erforscht seien und Suffixe gewöhnlich zur Verhärtung neigten und dadurch einen guten Nährboden für das Entstehen sprachlicher Unterschiede böten. Dennoch seien seiner Ansicht nach in der Derivation der baltischen und slawischen Sprachen „auf Schritt und Tritt erstaunliche Übereinstimmungen anzutreffen“43. Die Dehnung kurzer Vokale, insbesondere i und u, sowie der häufige Gebrauch der langen Vokale ū und ī gelten P. Arumaa ebenso wie das Intonationssystem als sehr wichtige Fakten für die Klärung der Frage nach der baltisch-slawischen sprachlichen Einheit44.

Im ersten Band der 1964 erschienenen „Urslawischen Grammatik“45 vertritt P. Arumaa die Auffassung, dass die baltischen und slawischen Sprachen aus einem recht einheitlichen Gebiet der ide. Sprachgemeinschaft hervorgegangen seien, da diese Sprachen im Vergleich zu anderen indoeuropäischen Sprachen sehr viele gemeinsame Isoglossen aufwiesen. Nach dem Zerfall der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft hätten die baltischen und slawischen Sprachen eine Einheit (sprachliche Einheit) gebildet, die möglicherweise in zwei Hauptdialekte zerfallen sei. Die baltischen und slawischen Sprachen könnten, so P. Arumaa, früher so eng verwandt gewesen sein wie die indoiranischen Sprachen. Diese These lasse sich angeblich nur schwer begründen, weil die Schriftdenkmäler der baltischen und slawischen Sprachen sehr spät aufgetaucht seien, eineinhalb bis zwei Jahrtausende nach dem Auftreten der Denkmäler der indo- und iranischen Sprachen. Umfangreiche spätere Forschungen (P. Arumaa meint Arbeiten, die nach der Diskussion von 1908–1912 erschienen sind) wiesen die Theorie der baltisch-slawischen Einheit als erwiesene Tatsache aus46. Weiter führt P. Arumaa aus, dass keinerlei Angaben vorlägen, anhand deren sich der Zeitpunkt der baltisch-slawischen Einheit bestimmen ließe. Dennoch neige er zu der Annahme, dass die baltisch-slawische Einheit (nach P. Arumaa: Sprache) im 4. Jh. v. u. Z. bereits zerfallen war.

40 J. Kuryłowicz, L’accentuation des langues indo-européennes, p. 163.

41 J. Kuryłowicz, op. cit., p. 163.

42 P. Arumaa, Die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Baltisch und Slavisch, ZfsIPh, 24, 1955, p. 9–28.

43 P. Arumaa, op. cit., p. 28.

44 P. Arumaa, De l’unité balto-slave, „Scando-Slavica“, 9, 1963, p. 86.

45 P. Arumaa, Urslavische Grammatik (Einführung in das vergleichende Studium der slavischen Sprachen), I. Band (Einleitung·Lautlehre), Heidelberg, 1964.

46 P. Arumaa, op. cit., p. 19–20.

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Auch Osvaldas Semerenjis ist der Ansicht, dass es in der Antike eine Periode einer gemeinsamen baltisch-slawischen Sprache gegeben habe (a period of common language). In seinem umfangreichen Aufsatz „Das Problem der baltisch-slawischen Einheit – ein kritischer Überblick“⁴⁷ prüfte er zahlreiche Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen und stellte fest, dass einige von ihnen archaisch sind (zum Beispiel das Suffix *-mo- der Präsenspassivpartizipien, vgl. lit. neša-mas, altkirchenslaw. neso-mъ und heth. ašima- „geliebt“). Daraufhin kam er zu dem Schluss, dass folgende Gemeinsamkeiten als Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen anzusehen sind: 1) Palatalisierung; 2) das Auftreten des Vokals i und (nach Velaren) u vor idg. l, m, n, r; 3) der Wandel des idg. Konsonanten s nach k, r, i und u zu š; 4) Akzentinnovationen; 5) pronominale Adjektive; 6) die jo-Deklination der Partizipien; 7) die Endung *-ā(t) des Genitivs Singular der o-Stämme; 8) neue Suffixe der Komparationsstufen von Adjektiven; 9) der Stamm *men- (*mun-) des Pronomens der ersten Person Singular und der Genitiv Plural *nōsōm; 10) die Pronomina *tos/*tā anstelle von idg. *so/*sā; 11) das Präsensparadigma *dōmi, *dōsi, *dōst-, *dōdṇ-; 12) Präteritalstämme auf -ē und -ā; 13) Verben mit lit. -āuju = und altkirchenslaw. -uja; 14) gemeinsamer Wortschatz⁴⁸.

Diese wichtigsten Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen können O. Semerenjis zufolge weder durch Zufall noch durch parallele Entwicklung erklärt werden. Folglich zeigen sie, dass es zwischen den Balten und Slawen eine gemeinsame Sprach- und Lebensperiode gegeben hat⁴⁹.

Allerdings ist hinzuzufügen, dass sich einige der von O. Semerenjis angeführten Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen offenbar nicht als Innovationen betrachten lassen. So weist das Gotische die jo-Deklination der Partizipien auf; idg. s nach k, r, i, u wurde auch in den indo-iranischen Sprachen zu š, und zudem gibt es Anhaltspunkte für die Annahme, dass dieser Prozess in jeder Sprachgruppe unabhängig verlief (siehe S. 81 ff. dieser Arbeit); auch die westgermanischen Sprachen ersetzten das idg. Pronomen *so/*sā (vgl. alt-sächs. thē, thia und ahd. der, diu); Präteritalstämme auf -ē und -ā gibt es auch in den italischen Sprachen (vgl. lat. dice-bam, amā-bam)⁵⁰.

Die Palatalisierung der Konsonanten scheint keine sehr alte, bis in die urbaltische Zeit zurückreichende Erscheinung zu sein. Die Opposition beispielsweise p – pʹ (vgl. taupau – taupʹau) entstand höchstwahrscheinlich, als j auf litauischem Sprachboden bereits schwand, denn im Lettischen war ihre phonetische Realisierung eine andere – lett. p – pl und p – pj. Für die Annahme, dass die Palatalisierung der Konsonanten eine jüngere Erscheinung ist, spricht auch die unterschiedliche Entwicklung der baltischen Verbindung sj, vgl. lit. siūti, lett. šūt und pruß. schuwikis (= lit. siuvikis). Somit lässt sich annehmen, dass die baltische Sprachgemeinschaft noch intakte Konsonantenverbindungen mit j besaß.

Auch die übrigen von O. Semerenjis angeführten Gemeinsamkeiten dieser Sprachen belegen keine baltisch-slawische sprachliche Einheit. Das Auftreten der Pronominalwurzel *mun- ist zu unklar⁵¹, als dass man sie als eine Innovation der baltischen und slawischen Sprachen ansehen könnte, die in der baltisch-slawischen Sprachge-

⁴⁷ O. Szemerényi, The Problem of Balto-Slav Unity—A Critical Survey, „Kratylos“, 2, 1957, p. 97—123. Jo 1948 m. išspausdintas straipsnis „Sur l’unité linguistique balto-slave“ (Études slaves et roumaines, I, 1948) šio darbo autoriui liko neprieinamas.

⁴⁸ Eine ausführlichere Charakterisierung einiger dieser Gemeinsamkeiten findet sich im zweiten Teil der Arbeit.

⁴⁹ O. Szemerényi, op. cit., p. 120.

⁵⁰ Präteritalstämme auf -ē und -ā können Archaismen sein, siehe A. Vaillant, L’origine des présents thématiques en -e/o-, BSL, 38, 1937, p. 96.

⁵¹ Das Pronomen munie könnte im žemaitischen Dialekt durch Lautentwicklung entstanden sein, da hier a (balt. o) zwischen m und n zu u wird; vgl. žem. nūmas, kāmunos, kamunė statt lk. namas, kamanos, kamanė, — K. Būga, RR, II, p. 282; P. Jonikas, Pagramančio tarmė, Kaunas, 1939, p. 59; J. Aleksandravičius, Kretingos tarmės įvardis, „Kalbotyra“, 10, 1964, p. 121; Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, Vilnius, 1966, p. 299.

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… während der Zeit. o-stämmige Nomina zeigen im Genitiv Singular die Flexion -ā; dies weist auf enge Beziehungen nur zwischen den ostbaltischen und den slawischen Sprachen hin, denn das Altpreußische hat hier offenbar die alte Endung -as bewahrt (vgl. heth. antuhšāš „des Menschen“). Die Auffassung A. Vaillants52, der O. Semerenji zustimmt, wonach die altpreußische Endung -as aus dem alten *-ā (lit. -o, lett. -a) hervorgegangen sei, an das -s nach dem Nominativ angefügt worden sei, ist überaus hypothetisch und lässt sich daher kaum als Grundlage heranziehen.

Für die Argumentation O. Semerenjis, wie auch anderer Vertreter der Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft, ist die Neigung kennzeichnend, in jeder Tatsache oder Erscheinung dieser Sprachen, mag sie auch verschieden sein, nach Identität zu suchen. So leitet O. Semerenji das slawische Suffix *-dlo-, das die nomina instrumenti aufweisen, von *-tlo ab (nicht aber von idg. *-dhlo-, wie alle Forscher annehmen), wahrscheinlich vor allem deshalb, weil es auch in den baltischen Sprachen vorkommt (lit. -kla-s). Im Slawischen ist der Konsonant t jedoch nicht zu d. geworden.

Ein Vertreter der Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft ist auch der bulgarische Sprachwissenschaftler Vladimir Georgiev.

V. Georgiev53 warf die Frage nach einem Kriterium auf, anhand dessen sich der Grad der Nähe zwischen Sprachgruppen bestimmen ließe. Er weist darauf hin, dass die indoiranische Sprachgemeinschaft ein solches Kriterium liefern könnte; ihr Bestehen steht außer Zweifel, und die ältesten schriftlichen Denkmäler dieser Sprachen erlauben Rückschlüsse auf sie. Ohne die Denkmäler der alten indoiranischen Sprachen (die ältesten Teile des Rigveda werden ans Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. datiert, die Avesta nicht später als ins 8. Jahrhundert v. Chr.) wäre es nach V. Georgiev kaum möglich, die enge Verwandtschaft dieser beiden Sprachgruppen festzustellen und daraus auf eine einst bestehende indoiranische Sprachgemeinschaft zu schließen, denn die heutigen indoarischen und iranischen Sprachen haben sich stark verändert. Schriftliche Denkmäler der slawischen Sprachen, fährt er fort, erschienen erst seit dem 9.–10. Jahrhundert, die litauischen erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts; die slawischen Sprachdaten sind somit fast 2000 Jahre, die litauischen 2500 Jahre später belegt als die indoiranischen. Dennoch sei die Nähe zwischen den baltischen und slawischen Sprachen offensichtlich, während eine solche Nähe zwischen den indoarischen und iranischen Sprachen des 10.–15. Jahrhunderts sehr viel schwerer zu erkennen sei. Deshalb ist V. Georgiev überzeugt, dass „die baltischen und slawischen Sprachen einst eine Einheit bildeten, die lange Zeit bestand und sich wahrscheinlich später aufspaltete als die indoiranische Einheit“54.

Da V. Georgiev die Nähe der Morphologie der baltischen und slawischen Sprachen für so ausgeprägt hält, dass die ur-slawische Morphologie beinahe mit der litauischen Morphologie identisch sei, betrachtet er diese morphologische Nähe als wichtigstes Argument für eine baltisch-slawische Sprachgemeinschaft: Gleiche Flexionsmorpheme (die Flexion von Nomina und Verben) könnten nicht entlehnt werden (und zwar: entlehnt werden!) oder durch die Annäherung von Sprachen entstehen — sie müssten aus einer einst bestehenden Sprachgemeinschaft ererbt worden sein55.

V. Georgiev gibt folgende Entwicklungsphasen der Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen an: die Periode der baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft — das 3. Jahrtausend v. Chr.; die Übergangsperiode — das Ende des 3. und der Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr.;

52 A. Vaillant, BSL, 44, 1948, p. 129.

53 В. Георгиев, Към въпроса за балто-славянската езикова общност, „Български език“, 8, 1958, р. 105—110; Балто-славянский, германский и индо-иранский, СФ, 1, 1958, р. 7—26; Исследования по сравнительно-историческому языкознанию, М., 1958, р. 218—238.

54 В. Георгиев, Балто-славянский, германский и индо-иранский, р. 10.

55 В. Георгиев, ор. cit. р. 11.

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die urslawische Periode — das II. und I. Jahrtausend v. Chr.56

Wie zu sehen ist, verlegt V. Georgiev die baltisch-slawische Sprachgemeinschaft in sehr ferne Zeiten, ins III. Jahrtausend v. Chr. (die indoeuropäische Sprachgemeinschaft habe seiner Meinung nach bis ins IV. Jahrtausend v. Chr. bestanden). Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, wie andere Vertreter der Einheitstheorie die baltisch-slawische Sprachgemeinschaft datieren.

A. Vaillant meint57, dass die baltisch-slawische Sprachgemeinschaft um den Beginn unserer Zeitrechnung zerfallen sei, als germanische Stämme einströmten und die Balten von den Slawen trennten. Eine ähnliche Auffassung vertritt auch J. Otrębski58. P. Arumaa vermutet59, dass die baltisch-slawische Gemeinschaft bereits im IV. Jahrhundert v. Chr. zerfallen sei. T. Lehr-Splawinski60 datiert den Zerfall der baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft, die er baltisch-slawische Sprachgemeinschaft nennt, auf 1500–1300 v. Chr.

Die Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft ist in der Nachkriegszeit auf nicht wenige kritische Einwände gestoßen.

Anglų slavistas Viljamas Metjusas (? — 1958), straipsnyje „Baltų ir slavų kalbų tarpusavio santykiai“61 trumpai apžvelgęs ir kritiškai įvertinęs baltų ir slavų kalbų seniausiųjų santykių tyrinėjimo istoriją, konstatavo, kad šių kalbų bendrybių pilniausio inventoriaus sudarymas dar nepadeda spręsti jų seniausiųjų santykių problemos: bendrybės, kaip kalbos faktai, yra izoliuotos ir todėl argumentais negali būti laikomos, nes kalba yra ne izoliuotų duomenų inventorius, bet sistema, kurioje tie duomenys yra susiję ir vienas nuo kito priklauso. V. Metjusas mano, kad baltų ir slavų kalbų seniausiųjų santykių klausimas turi būti tyrinėjamas kita kryptimi: abi kalbų grupes reikėtų ištirti kaip sistemas. Detalūs sinchroniniai, pavyzdžiui, lietuvių ir rusų kalbų struktūrų aprašai esą būtini teisingam tyrinėjimui ir, galimas daiktas, seniausiųjų santykių problemos sprendimui. Jie leistų tyrinėtojui sulyginti visas abiejų sistemų detales, ir tuo būdu būtų galima prieiti labiau pagrįstų išvadų.

Die Forscher, die sich mit den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen befassen, stützen ihre Theorien gewöhnlich auf rekonstruierte Fakten; doch ist allgemein bekannt, dass diese Rekonstruktionen in allen Fällen auf dem Vergleich von Sprachdaten beruhen, die nicht zur selben Zeit aufgezeichnet wurden. So sollen die Schriftdenkmäler der altindischen Sprache viele Jahrhunderte älter sein als die Denkmäler der slawischen Sprachen, und letztere wiederum etwa ein halbes Jahrtausend älter als die Denkmäler der litauischen Sprache. Außerdem werden im Vergleich mit den alten Sprachen gewöhnlich nicht die Formen der alten Schriftdenkmäler, sondern die Formen des heutigen Litauischen angeführt. Vergleicht man das Altindische mit dem Hindi, so wird deutlich, wie stark sich die indischen Sprachen verändert haben. Ähnlich könnten sich auch die baltischen und slawischen Sprachen verändert haben, doch wissen wir über diese Veränderungen nichts. Die rekonstruierten prähistorischen Formen seien unrealistisch, da es keinerlei Beweise dafür gebe, dass sie jemals existiert hätten.

V. Matthews merkt an, dass der Subjektivismus in der Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft eine wichtige Rolle spiele. Diese Theorie lehnt er als ahistorisch entschieden ab: Da die baltischen

56 B. Георгиев, op. cit., p. 14.

57 A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, p. 13—14.

58 J. Otrębski, Rozwój wzajemnych stosunków między grupą językową bałtycką a słowiańską, „Z polskich studiów slawistycznych“, Warszawa, 1958, p. 146.

59 P. Arumaa, Urslavische Grammatik, I, p. 19.

60 T. Lehr-Spławiński, Wspólnota językowa bałto-słowiańska a problem etnogenezy słowian, „Slavia Antiqua“, 4, 1954, p. 21.

61 W. K. Matthews, The Interrelations of Baltic and Slavonic, „The Slavonic and East European Review“, 35, 1957, p. 409—427; В. К. Мэтьюс, О взаимоотношении славянских и балтийских языков, СФ, I, 1958, p. 27—44.

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Da das Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen diachronisch ist, können wir es als ein Problem der historischen Dialektologie formulieren und damit zugleich seine Synchronizität „neutralisieren“.

Die Theorie einer baltisch-slawischen Spracheinheit lehnt auch der tschechische Linguist Adolf Erhart ab.

Er meint62, dass die Ähnlichkeit der morphologischen Systeme der baltischen und slawischen Sprachen durch den konservativen Charakter beider Sprachgruppen bedingt sei. A. Erhart stellte fest, dass die Gemeinsamkeiten (Übereinstimmungen) dieser Sprachen lediglich ausreichten, um die Nachbarschaft jener idg. Dialekte zu belegen, aus denen später die baltischen und slawischen Sprachen hervorgingen. Nach der Aufspaltung der idg. Sprachgemeinschaft hätten sich die baltischen und slawischen Sprachen seiner Ansicht nach unabhängig voneinander entwickeln können.

A. Erhart weist jedoch darauf hin, dass wir keine einzige Tatsache haben, mit der wir die Theorie einer baltisch-slawischen Spracheinheit endgültig widerlegen könnten.

Anschließend charakterisierte A. Erhart kurz die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen. Er führte vierzehn Unterschiede und fünfundzwanzig Gemeinsamkeiten an.

A. Erhart führte folgende Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen an: den Wandel von idg. ḱ, gʰ zu š, ž (slawisch s, z), wie in den indo-iranischen, armenischen und anderen idg. Dialekten; den Verlust stimmhafter aspirierter Konsonanten, wie auch in anderen idg. Dialekten; den Zusammenfall von idg. a und o, wie auch in anderen idg. Sprachen; den Wandel von idg. eu zu jau; die Veränderung von idg. s zu š in bestimmten Positionen, wie in den indo-iranischen Sprachen; den Wandel von idg. R zu iR und uR (diese Gemeinsamkeit besitzt keine Beweiskraft, da es sich nicht um ein typisches phonetisches Phänomen handelt); die Endung des Genitivs Singular bei o-Stämmen (A. Erhart neigt hier dazu, einen slawischen Einfluss auf die baltischen Sprachen anzuerkennen); die Endung des Instrumentals Singular bei ā-Stämmen (lit. -a < *-ān, altkirchenslaw. -ą, -oją; altind. -ā, -ayā ohne m); den Übergang der konsonantischen Stämme zu den i-Stämmen, wie auch im Lateinischen; die pronominalen Adjektive (die idg. Pronominalwurzel; vgl. die iranischen und germanischen Sprachdaten); das Suffix der Partizipien des Präsens *-jo-, wie auch in den westgermanischen Sprachen; das Pronomen *mun- (vgl. heth. ammu); die Bildung des Dativs Singular der Personalpronomen der ersten Person nach dem Muster der Genitivform Singular (A. Erhart merkt an, dies sei eine Parallelerscheinung); die Genitive Plural der Pronomen *nōssom, *vōssom; die Verwendung der Pronomenwurzel *i/j-o- als Personalpronomen, wie im Lateinischen und in den germanischen Sprachen; die Nominative der Demonstrativpronomen *tos, *tā (anstelle von idg. *sos, *sā); die Dative (und Lokative) der Pronomen mit der Endung m (vgl. lit. tāmui, tamē), wie in den westgermanischen Sprachen; das Zahlwort „neun“ (das d- im Ostbaltischen könnte unter dem Einfluss der slawischen Sprachen entstanden sein); die Zahlwörter lit. ašmas, altkirchenslaw. osmь; die Bildung distributiver Zahlwörter (vgl. lit. penkeri, altkirchenslaw. petorъ); Wortbildung, vgl. die baltisch-slawischen Suffixe -ējas: -ējė; -ovas: -avъ; -lis, -lys: -lb; -uolis: alb; -ininkas: -bnikъ; -ytis: -ištъ; -tukas: -tъkъ; -tojas: -tajь; -yba: -ьba; die Bildung des Präteritums mit den Suffixen *-ē, *-ā, wie im Lateinischen; das Infinitivsuffix *-ti (A. Erhart vergleicht es mit vedisch -tāye) sowie das Suffix der passiven Partizipien des Präsens *-mo-, wie in den armenischen, luvischen (und, wie hinzuzufügen ist, hethitischen) Sprachen.

Wie zu sehen ist, rechnete A. Erhart zu den Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen nicht nur Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen (den Wandel von idg. eu zu jau; den Übergang von idg. R zu iR und uR; die Genitiv-Singular-Endung bei o-Stämmen; die Endung der ā-Stämme bei den Nomina

62 A. Erhart, Zum Problem der baltisch-slavischen Spracheinheit, „Sborník prací filosofické fakulty Brněnské University“, Ročník VII, Rady jazykovědné (A), Č. 6, 1958, p. 123–130.

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die Instrumentalendung des Singulars; das Pronomen *mun-; Wortbildungsmorpheme usw.), sondern auch jene gemeinsamen Erscheinungen, die sich ebenfalls in anderen idg. Sprachen finden.

A. Erhart führte folgende Unterschiede zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen an:

1. Die erste Palatalisierung der slawischen Sprachen ist ziemlich alt, und es ist durchaus möglich, dass sie mit der indo-iranischen Palatalisierung zusammenhängt. Dies wäre ein wichtiges Argument gegen die Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft.

2. Unterschiedliches Schicksal von idg. ō und ā (ausführlicher dazu siehe S. 61 ff. dieser Arbeit).

3. Die Deklination der baltischen Adjektive unterscheidet sich, wie auch die der germanischen, von derjenigen der Substantive (pronominale Dativendung des Singulars usw.).

4. Das Suffix des Komparativs der Adjektive -esnis erinnert an das entsprechende germanische Suffix (vgl. got. -izan).

5. Wortbildung. Die Nomina agentis der slawischen Sprachen werden mit dem Suffix -telb gebildet, über das das Litauische nicht verfügt. Entsprechungen der litauischen Suffixe -ėjas, -tojas sind in den slawischen Sprachen recht selten. Bei den Diminutivsuffixen des Litauischen überwiegt das den slawischen Sprachen fremde Element -l-, während das in den slawischen Sprachen sehr häufige Diminutivelement -k- im Litauischen selten verwendet wird. Das Suffix der baltischen Nomina instrumenti war *-tlo-, das der slawischen *-dhlo. Das Litauische hat ein sehr produktives Adjektivsuffix -ingas, das in den slawischen Sprachen fehlt.

6. Ersatz der ursprünglichen unveränderlichen Zahlwörter „fünf“ bis „neun“: In den baltischen Sprachen wurde ihnen das adjektivbildende Element jo hinzugefügt, in der slawischen Sprache dagegen werden Zahlwortabstrakta mit dem Suffix *-ti- gebildet.

7. Die Bildungsweise der litauischen Zahlwörter für „elf“ bis „neunzehn“ hat Parallelen nur in den germanischen Sprachen.

8. Einige Bildungstypen des Präsens (Nasalinfix, sta-Stamm) haben überhaupt keine Entsprechungen in den slawischen Sprachen. Die in den slawischen Sprachen weit verbreiteten Verben auf *ne/no sind in den baltischen Sprachen fast nicht anzutreffen. Die intransitiven Verben der baltischen Sprachen haben das Suffix -i-, die der slawischen Sprachen dagegen -i- (<ei?).

9. In den baltischen Sprachen gibt es keinerlei Spuren eines sigmatischen Aorists.

10. Die erste Person Singular der baltischen Sprachen hat die idg. Flexion *-ō bewahrt. Der Ursprung der slawischen Endung -ą ist unklar.

11. Die dritte Person Plural der baltischen Sprachen hat keine Endung.

12. Die baltischen Sprachen haben keine Partizipien mit den Suffixen -l- und -n-.

13. Die Kategorie des verbalen Aspekts ist in den baltischen Sprachen schlechter bewahrt.

14. Wortschatz.

Einige der von A. Erhart angeführten Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen Sprachen können sehr alt sein, beispielsweise die Abweichung bei den Zahlwörtern, der sigmatische Aorist und die dritte Person Plural. Diese Unterschiede betreffen zentrale Bestandteile des baltischen und slawischen Sprachsystems und zeigen, dass die baltischen und slawischen Sprachen in der Vergangenheit nicht identisch waren. Andere Unterschiede (die erste Palatalisierung der slawischen Sprachen, das unterschiedliche Schicksal der ide. Vokale ō und ā, sta-stämmige Verben, die Flexion der ersten Person Singular usw.) sind wahrscheinlich später entstanden. Sie spiegeln demnach nicht die Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen nach dem Zerfall der ide. Sprachgemeinschaft wider. Auf diese Weise wies A. Erhart auf die großen und alten Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen Sprachen hin.

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Einer der konsequentesten Verfechter der Konvergenztheorie, Samuel Bernstein, stellte ebenfalls die Frage, warum die Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft nicht anerkannt werden könne64. Seiner Ansicht nach:

1. Viele der ältesten Prozesse verliefen in den baltischen und slawischen Sprachen unterschiedlich (zum Beispiel wurde ide. o und a in den baltischen Sprachen zu a, in den slawischen dagegen zu o; den Unterschied zwischen ide. ē und ā haben die baltischen Sprachen bewahrt, die slawischen dagegen verloren; ausführlicher dazu siehe S. 52 ff. dieser Arbeit).

2. Viele der wichtigsten Prozesse der urslawischen Sprache, die in ihrer frühen Periode abliefen, waren den baltischen Sprachen gänzlich oder teilweise unbekannt (zum Beispiel wurde ide. s in den slawischen Sprachen nach k, r, i, u zu ch, im Litauischen dagegen nach k, r zu š; ausführlicher dazu siehe S. 81 ff. dieser Arbeit).

3. Die Theorie einer baltisch-slawischen Einheit leugnet die alte Dichotomie der baltischen Ursprache.

4. Die Anhänger der Theorie einer baltisch-slawischen Einheit können die baltisch-slawische Ursprache nicht rekonstruieren; dies sei ein offensichtlicher Beweis für die Unbegründetheit dieser Theorie.

5. Die archäologischen Befunde stützen die Theorie einer baltisch-slawischen Einheit nicht. Archäologen wie beispielsweise J. Kostrzewski finden keine Kultur, die als Äquivalent einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft gelten könnte.

Auf dieser Grundlage ist S. Bernstein der Ansicht, dass es weder eine baltisch-slawische Sprachgemeinschaft (Ursprache) noch eine baltisch-slawische Urgemeinschaft jemals gegeben habe.

Weiter stellte S. Bernstein fest, dass die Verwandtschaft der baltischen und slawischen Sprachen und die zahlreichen Gemeinsamkeiten zwischen ihnen eine allgemein anerkannte Tatsache seien. Darüber stritten die Forscher nicht. Gestritten werde gewöhnlich über Art und Ursprung der Gemeinsamkeiten zwischen den baltischen und slawischen Sprachen. S. Bernstein ist der Ansicht, dass die baltischen und slawischen Sprachen nicht deshalb so eng verwandt seien, weil sie aus der ide. Sprachgemeinschaft hervorgegangen seien, sondern aufgrund lang anhaltender Kontakte zwischen ihnen, die nicht unmittelbar nach dem Zerfall der ide. Sprachgemeinschaft begonnen und deutlich vor unserer Zeitrechnung geendet hätten. Anders gesagt: Die Verwandtschaft der baltischen und slawischen Sprachen und ihre Gemeinsamkeiten seien durch die baltisch-slawische Sprachgemeinschaft (сообщность, Verkehrsgemeinschaft) entstanden65. Die Annahme lang anhaltender Kontakte reicht aus, um den Ursprung der Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen zu erklären.

Auch Boris Gornung erkennt weder eine baltisch-slawische Sprachgemeinschaft noch deren dichotome Aufspaltung an. Seiner Ansicht nach habe bei der Auflösung der ide. Sprachgemeinschaft die Integration unterschiedlicher Dialekttypen (zunehmende Kontakte, Wechselwirkung und Verschmelzung der Dialekte) die Differenzierungsprozesse (Aufspaltung der Sprachgemeinschaft) nicht nur ständig begleitet, sondern oft auch überwogen, sodass die Differenzierung selbst bisweilen eine Folge von Integrationsprozessen gewesen sei66.

Nach B. Gornung spaltete sich die „nordwestliche“ Zone der ide. Sprachgemeinschaft gegen Ende des 3. und zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. in eine „westliche“ (proto-keltisch-illyrisch-italisch-germanische) und eine „nordöstliche“ (proto-baltisch-slawisch-tocharische) Zone auf. Als die Proto-Tocharer über die Wolga hinauszogen, sei die verbliebene „nordöstliche“ Zone der ide. Sprachgemeinschaft die gemeinsame Quelle gewesen, aus deren dialektaler Vielfalt sich die protobaltische und die protoslawische Sprachgemeinschaft herausgebildet hätten.

64 S. B. Bernstein. Abriss einer vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen (Prospekt), КСИСл, 18, 1956, S. 3—26; Balto-slawische Sprachgemeinschaft, СФ, I, 1958, S. 45—68; Abriss einer vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen, M., 1961, S. 27—37; siehe auch ВЯ, I, 1958, S. 48—49; „Сборник ответов на вопросы по языкознанию (К IV Международному съезду славистов)“, M., 1958, S. 167—169.

65 С. Б. Бернштейн, Балто-славянская языковая сообщность, р. 45.

66 Б. В. Горнунг, К дискуссии о балто-славянском языковом и этническом единстве, ВЯ, 4, 1958, р. 55—62; Из предыстории образования общеславянского языкового единства, М., 1963.

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Der am meisten Zweifel hervorrufende Punkt in B. Gornungs Theorie ist die Annahme, dass die protpreußischen Dialekte seit jeher nicht zur protobal tischen, sondern zur protoslawischen Sprachgemeinschaft gehört hätten. Der baltische Charakter des Preußischen ist unzweifelhaft. Es scheint nicht, dass dieser baltische Charakter vor einigen Jahrtausenden geringer gewesen wäre als heute. Die preußisch-slawischen Isoglossen67 reichen eindeutig nicht aus, um eine solche Schlussfolgerung zu ziehen.

Um das zweite Viertel des 2. Jahrtausends v. Chr. begannen sich die protoslawischen Dialekte, zu denen, wie bereits erwähnt, auch die protpreußischen Dialekte gehörten, und die protobaltischen Dialekte einander anzunähern — die „baltisch-slawische Epoche“68 begann (B. Gornung verwendet den Begriff von J. Endzelynas). Nach B. Gornungs Auffassung war sie jedoch nicht von langer Dauer, denn um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. schlossen sich die protpreußischen Dialekte den protobaltischen (d. h. nach B. Gornung den protolitauisch-lettischen) an, wodurch sich die baltische Sprachgemeinschaft herausbildete69. B. Gornung nimmt an, dass die Kontakte zwischen Balten und Slawen danach für lange Zeit abbrachen.

B. Gornungs grundsätzliche Auffassung zu den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen erinnert an die Konzepte von J. Endzelynas, Chr. Stang, E. Fraenkel und S. Bernstein.

Besondere Beachtung verdient B. Gornungs Gedanke, dass die genetischen Beziehungen (bzw. Gemeinsamkeiten) zwischen den baltischen und slawischen Sprachen chronologisch verschiedenen Epochen angehören könnten. B. Gornung leitet sie aus fünf Epochen her70: 1) aus der Epoche der Kugelamphorenkultur; 2) aus der Epoche der Expansion der Streitaxt- und Schnurkeramikkulturen; 3) aus der Epoche der Kontakte zwischen den protobaltischen und protoslawischen Gruppen und den Trägern der Bootaxtkultur; 4) aus der Epoche der Kontakte mit den Proto-Indo-Iranern, in deren Verlauf sich die Satem-Isoglosse herausbildete, und 5) schließlich erst aus der „baltisch-slawischen Epoche“.

Die Projektion der Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen auf unterschiedliche chronologische Ebenen ist methodologisch außerordentlich wichtig, denn die Anhänger der Theorie einer baltisch-slawischen Spracheinheit lassen den chronologischen Aspekt gewöhnlich außer Acht: Sie neigen dazu, sämtliche Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen auf eine einzige chronologische Ebene zu projizieren. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es tatsächlich sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen den baltischen und slawischen Sprachen gibt und dass sie — was am wichtigsten ist — aus einer einzigen Epoche stammen. In diesem Fall liegt der Gedanke an eine baltisch-slawische Spracheinheit nahe. Die Analyse der Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen zeigt jedoch, dass sie wahrscheinlich aus unterschiedlichen chronologischen Epochen stammen.

Aus der vorgelegten Übersicht geht hervor, dass die Sprachwissenschaftler verschiedener Länder, die sich in der Nachkriegszeit mit den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen befassten, ebenso wenig wie zuvor zu einer einheitlichen Auffassung gelangten. Ein Teil der Forschenden — T. Ler-Splavinskis, A. Vaillant, J. Otrębski, M. Loiman, J. Kurylowicz, P. Arumaa, O. Semerenyi, V. Georgiev — hält an der Theorie einer baltisch-slawischen Spracheinheit fest. Ein anderer Teil der Forschenden — J. Safarewicz, E. Fraenkel, A. Zenas, A. Salys, V. Porzig, V. Matthews, A. Erhart, S. Bernstein, B. Gornung — lehnt diese Theorie ab und erklärt die Verwandtschaft der baltischen und slawischen Sprachen und ihre Gemeinsamkeiten eher durch die Gemeinschaft dieser Sprachen (J. Safarewicz), eine langjährige Nachbarschaft (E. Fraenkel), enge Beziehungen (V. Porzig), lang andauernde Kontakte (S. Bernstein) oder die Nachbarschaft der ide. Dialekte, aus denen sie hervorgingen (A. Erhart).

67 J. Endzelīns, Par prūšu valodas radniecības sakariem, FBR, 11, 1931, p. 189—193; S. Stang, Einige Bemerkungen über das Verhältnis zwischen den slavischen und baltischen Sprachen, NTS, 11, 1939, p. 85—103.

68 Б. В. Горнунг, Из предыстории образования общеславянского языкового единства, р. 96.

69 Б. В. Горнунг, op. cit., p. 106, išnaša 9.

70 Б. В. Горнунг, op. cit., p. 97.

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Die Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen und der IV. und V. Internationale Slawistenkongress

Die Erforschung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen wurde durch den IV. und V. Internationalen Slawistenkongress erheblich belebt. Besondere Aufmerksamkeit widmete der Frage der genetischen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen der IV. Slawistenkongress, der vom 1. bis 10. September 1958 in Moskau stattfand.

Zur Vorbereitung des Kongresses veröffentlichte das Sowjetische Slawistenkomitee dreißig zur Erörterung auf dem Kongress vorgesehene Fragen, die die Hauptprobleme der slawischen Sprachwissenschaft umfassten. Die zwanzigste Frage lautete: „Gab es eine sprachliche und ethnische Einheit der baltischen und slawischen Völker, und wie ist sie zu verstehen?“1 Die Antworten auf diese Fragen wurden in einer gesonderten Publikation veröffentlicht2.

Auf dem Kongress wurden zur Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen vier Vorträge gehalten3. Diese Vorträge und überhaupt die Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen wurden während des Kongresses lebhaft diskutiert4.

Auf die Frage „Gab es eine sprachliche und ethnische Einheit der baltischen und slawischen Völker, und wie ist sie zu verstehen?“ antworteten K. Janaček, V. Kiparsky, V. Ernits, E. Dikenman, L. Bulachovsky, I. Lekov u. a.

K. Janaček wies5 darauf hin, dass zwei wesentliche Hindernisse eine bejahende Antwort auf diese Frage nicht zuließen: 1) Die Denkmäler der baltischen und slawischen Sprachen traten sehr spät in Erscheinung; 2) wir wissen nicht, welche der einzelnen indogermanischen Sprachen als indogermanische Ursprache gelten kann und wie die baltisch-slawische Periode von der Periode der indogermanischen Ursprache abzugrenzen ist.

V. Kiparsky äußerte die Überzeugung, dass es eine sprachliche Einheit der baltischen und slawischen Völker gegeben habe6. Seiner Meinung nach ließen sich andernfalls die zahlreichen lexikalischen Neubildungen des sogenannten grundlegenden Wortschatzes nicht erklären. V. Kiparsky neigt dazu, den baltisch-slawischen ethnischen Komplex mit den Neuren des Herodot in Verbindung zu bringen.

V. Ernits erkennt ebenso wie V. Kiparsky eine Einheit der baltischen und slawischen Völker an. Er wies darauf hin7, dass die Balto-Slawen, nachdem sie sich von den übrigen Vertretern der Satemgruppe getrennt hatten, ihre Einheit noch eine gewisse Zeit bewahrten. Später, mit dem Anwachsen der Bevölkerung, der Ausdehnung des Territoriums und dem Auftreten dialektaler Merkmale, begannen sprachliche und territoriale Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen … hervorzutreten.

1 ВЯ, 1, 1958, p. 36.

2 Сборник ответов на вопросы по языкознанию (К IV Международному съезду славистов), М., 1958.

3 R. Trosts „Der gegenwärtige Stand der Frage der sprachlichen und ethnischen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Völkern“, V. Ivanovs und V. Toporovs „Wie die Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen zu stellen ist“, J. Otrembskis „Die Entwicklung der Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachgruppen“ und V. Mažiulis’ „Zu den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen“, siehe IV Международный съезд славистов (Материалы дискуссий), II, М., 1962, p. 422—426.

4 Über die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen sprachen außer den Referenten T. Ler-Splavinski (Polen), M. Altbauer (Israel), K. O. Falk (Schweden), V. Georgiev (Bulgarien), J. Czekanowski (Polen), V. Iličiuss-Svitičius (UdSSR), M. Guchman (UdSSR), M. Vasmer (Bundesrepublik Deutschland), V. Machek (Tschechoslowakei), E. Seidel (Deutsche Demokratische Republik), A. Vrăciu (Rumänien), B. Gornung (UdSSR), B. Larin (UdSSR), P. Ariste (UdSSR); siehe IV Международный съезд славистов (Материалы дискуссий), II, p. 429—450.

5 Сборник ответов на вопросы по языкознанию (К IV Международному съезду славистов), p. 162—166.

6 Op. cit., p. 170—171.

7 Op. cit., p. 173—174.

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Unterschiede. Kontakte wurden jedoch weiterhin aufrechterhalten. Daher konnten sprachliche Veränderungen, die in einer Gruppe entstanden, leicht auch auf die zweite übergreifen. All dies muss sich nach Ansicht von V. Ernits vor den Kontakten zwischen den Balten und den baltischen ugrisch-finnischen Völkern (um 2000 v. Chr.) ereignet haben, da sich diese Kontakte in den slawischen Sprachen nicht mehr widerspiegeln.

E. Dikenmanas merkte8 an, dass es an Daten fehle, um die Frage nach einer ethnischen Einheit der Balten und Slawen bejahend zu beantworten, während ihre sprachliche Einheit keinerlei Zweifel aufwerfe.

L. Bulachovskis (1888–1961), vienas stambiausių slavų akcentologijos specialistų, pabrėžė9, kad baltų kalbų kirtis iki šiol nepraradęs savo senosios morfologinės funkcijos (šokinėjimo paradigmoje). Tačiau to negalima esą pasakyti apie slavų kalbas. Svarbiausias baltų ir slavų kalbų ypatingo artimumo įrodymas — de Sosiūro-Fortunatovo dėsnis — gali būti paralelinės abiejų kalbų grupių raidos padarinys. Hirto dėsnio veikimas baltų ir slavų kalbose apskritai kelias abejonių. Ne įtikinamesni yra ir kiti šių kalbų bendri akcentologiniai reiškiniai (pavyzdžiui, metatonija supyno formose ir pan.).

Der Unterschied zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen sei so offensichtlich, dass er keinerlei Beweise erfordere. Es handle sich um „geschlossene“ Sprachgruppen ohne Übergangsglieder. Es scheint auch, dass das Verhältnisbild zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen vor tausend Jahren im Wesentlichen nicht anders gewesen ist. Man kann annehmen, dass die einst bestehenden Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen in der Antike endgültig abgebrochen wurden. Dies hinderte die baltischen und slawischen Sprachen jedoch nicht daran, nicht nur einige Spuren ihrer früheren Nähe zu bewahren, sondern auch unabhängig voneinander neue Gemeinsamkeiten auszubilden.

L. Bulachovskis meint, dass die meisten Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen in der Zeit entstanden, als diese Sprachen noch dem satemsprachlichen Dialekt der ide. Sprachgemeinschaft angehörten, in dessen Rahmen eine baltisch-slawische sprachliche Einheit bestanden haben könnte.

Auch J. Lekovas10 stimmte der Theorie einer baltisch-slawischen sprachlichen Einheit nicht zu. Die Gemeinsamkeiten dieser Sprachen bestehen seiner Ansicht nach aus: 1) dem Erbe der ide. Sprachgemeinschaft; 2) späteren Erscheinungen, die durch parallele Entwicklung entstanden sind; 3) Entlehnungen aus verschiedenen chronologischen Epochen. I. Lekovas wies darauf hin, dass die begriffliche Verwirrung die Klärung der Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen erschwert, da die Forscher sehr unterschiedliche Termini verwenden — Sprachgemeinschaft, Einheit, gemeinsame Epoche oder Periode, Ursprache, parallele Entwicklung usw.

Wie in den erwähnten Antworten wurde auch in den Vorträgen des Kongresses keine einheitliche Auffassung über die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen erzielt.

P. Trost11 betonte in seinem Vortrag, dass das wichtigste Argument für den Nachweis einer baltisch-slawischen sprachlichen Einheit die spezifischen morphologischen Entsprechungen seien, nämlich kleinere morphologische Merkmale, die in beiden Sprachgruppen ähnlich sind. Die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen den beiden Sprachen lassen sich seiner Ansicht nach auf zweierlei Weise erklären: durch genetische Beziehungen oder durch einen Sprachbund. Die Ähnlichkeit kleiner morphologischer Merkmale in den baltischen und slawischen Sprachen spreche jedoch eher für genetische Beziehungen als für einen Sprachbund.

Schon früher wurde die Forderung einiger Forscher (zum Beispiel V. Metjuso) erwähnt, bei der Lösung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen nach neuen

8 A. a. O., S. 175.

9 A. a. O., S. 157–162.

10 A. a. O., S. 172–173.

11 P. Trost, K otázce baltoslovanských jazykových vztahů, „Československé přednášky pro IV. Mezinárodní sjezd slavistů v Moskvě“, Praha, 1958, p. 221–227.

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auf diese Weise, mit neuen Methoden, denn die Erstellung eines Inventars der Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Sprachen dürfte kaum zur Lösung des Problems beitragen.

Unter methodologischem Gesichtspunkt war der Vortrag von V. Ivanov und V. Toporov12 von Bedeutung, der die Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen auf ganz neue Weise aufwarf. Die Autoren wiesen darauf hin, dass sich die Frage, ob es eine baltisch-slawische Ursprache gegeben habe oder nicht, angeblich nicht stellen lasse. Denn die Forschungen der letzten Jahrzehnte zeigten, dass der älteste Zustand der Sprachgruppen der baltischen und slawischen, der indo-iranischen sowie der italischen und keltischen Sprachen nicht als traditionelle Ursprache, sondern als ein raum-zeitliches Dialektkontinuum zu verstehen sei. Aus diesem Grund formulierten V. Ivanov und V. Toporov die Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen folgendermaßen: Wie verhalten sich die ältesten strukturellen Modelle der baltischen und slawischen Sprachen zueinander?

Nachdem V. Ivanov und V. Toporov auf dem Weg der inneren Rekonstruktion die ältesten phonologischen und morphologischen Modelle für die baltischen und die slawischen Sprachen jeweils gesondert bestimmt und miteinander verglichen hatten, gelangten sie zu dem Schluss, dass die ältesten strukturellen Modelle der baltischen und slawischen Sprachen übereinstimmen und sich grundsätzlich vom indogermanischen Modell unterscheiden. Außerdem könne man die Modelle der baltischen und slawischen Sprachen angeblich nicht in eine einzige chronologische Ebene einordnen: Das Modell der slawischen Sprachen sei später entstanden und das Ergebnis einer Veränderung des strukturellen Modells der baltischen Sprachen13. Den Kern dieser Lösung des Problems der genetischen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen beschrieb V. Toporov wie folgt: Die slawische Ursprache entstand aus peripheren Dialekten baltischen Typs14.

Die Hypothese von V. Ivanov und V. Toporov stimmt gut mit jener raum-zeitlichen Regelmäßigkeit sprachlicher Tatsachen überein, die sich im tatsächlichen Sprachleben beobachten lässt: Sprachen mit geringer dialektaler Differenzierung, die ein großes Gebiet einnehmen, sind später entstanden und haben sich später über dieses Gebiet ausgebreitet. So verhält es sich gerade mit den slawischen Sprachen. Die baltischen Sprachen hingegen sind auf einem kleinen Gebiet stark dialektal zersplittert. Eine gute Analogie zu den Beziehungen zwischen den slawischen und den baltischen Sprachen bieten das über verschiedene Kontinente verbreitete Englische und die in Europa stark dialektal differenzierten westgermanischen Sprachen.

J. Otrebski betonte in seinem Vortrag15, dass Balten und Slawen einst eine Sprache gesprochen hätten. Die baltisch-slawische sprachliche Einheit (łączność bałtycko-słowiańska), die Erben der indogermanischen Sprachgemeinschaft, sei nach J. Otrebskis Ansicht sehr spät, etwa um den Beginn unserer Zeitrechnung, zerfallen. Ursache des Zerfalls sei gewesen, dass ein Teil der Balten oder Baltisch-Slawen begonnen habe, finno-ugrische Sprachen zu sprechen und zu Finno-Ugriern geworden sei.

V. Mažiulis16 befasste sich vor allem mit der Herkunft der präsentischen Stämme lit. duomi, demi, s. sl. damь. Der Autor leitet diese athematischen Formen anhand hethitischer Sprachdaten von nicht reduplizierten urindogermanischen Formen ab. Das Element -d- der dritten Person Plural-

12 В. В. Иванов и В. Н. Топоров, К постановке вопроса о древнейших отношениях балтийских и славянских языков, М., 1958.

13 В. В. Иванов и В. Н. Топоров, a. a. O., S. 39.

14 В. Н. Топоров, К проблеме балто-славянских языковых отношений, КСИСл., 33—34, 1961, p. 213.

15 J. Otrębski, Rozwój wzajemnych stosunków między grupą językową bałtycką a słowiańską, p. 146—148.

16 В. Мажюлис, Заметки к вопросу о древнейших отношениях балтийских и славянских языков, Вильнюс, 1958. Die litauische Fassung des Vortrags siehe Pastabos baltų ir slavų kalbų seniausių santykių klausimu, LKK, 2, 1959, S. 5—16.

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in dieser Person entstanden sein könnte, nach V. Mažiulis bereits infolge der herausgebildeten baltischen und slawischen Konjugationssysteme.

Im Sprachwandel sind Zahlwörter häufig besonders beständig. Daher kommt ihnen bei der Erforschung der Verwandtschaftsverhältnisse von Sprachen große Bedeutung zu. In dieser Hinsicht sind die Schlussfolgerungen interessant, zu denen V. Mažiulis bei der Untersuchung des baltischen Zahlwortsystems gelangte17: „Im Allgemeinen ähnelt das derivationelle und morphologische System der baltischen Zahlwörter in vielen Fällen dem slawischen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die ältesten, d. h. gemeinindoeuropäischen, baltischen Zahlwörter unmittelbare Relikte der indoeuropäischen Ursprache sind, während die späteren, d. h. nicht gemeinindoeuropäischen, Zahlwörter den Zahlwörtern der slawischen sowie auch der germanischen und einiger anderer indoeuropäischer Sprachen entsprechen“18. Die Untersuchungen von V. Mažiulis zeigen, dass die meisten Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Zahlwörter aus der ide. Sprachgemeinschaft ererbt sind.

In den Beiträgen zum IV. Internationalen Slavistenkongress, die dem Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen gewidmet waren, sowie in den Diskussionen zu dieser Frage wurden zwei Theorien vertreten — die Theorie der baltisch-slawischen sprachlichen Einheit und die Theorie der konvergenten Entwicklung der baltischen und slawischen Sprachen. Wie schon zuvor betonten die Anhänger der Theorie der baltisch-slawischen sprachlichen Einheit die Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen, während die Vertreter der Theorie einer konvergenten Entwicklung der baltischen und slawischen Sprachen, ohne diese Innovationen zu leugnen, auch deren ebenso zahlreiche archaische Unterschiede hervorhoben. Es versteht sich von selbst, dass sich das Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen auf der Grundlage von Gemeinsamkeiten (Innovationen) und Unterschieden, deren Chronologie unbekannt ist, kaum lösen lässt. Die Kongressdiskussion zeigte, dass zur Lösung dieses Problems ein Komplex verschiedener linguistischer Methoden herangezogen werden muss, in dem den Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen zu anderen Sprachen und Sprachgruppen, den Entlehnungen der baltischen und slawischen Sprachen aus anderen Sprachen und in andere Sprachen, der Ethnonymie und Toponymie, den Landschaftsbezeichnungen (biologischen und geografischen) usw. ein wichtiger Platz zukommen sollte. Die Lösung dieser extralinguistischen Probleme wird zusammen mit einer vertieften strukturellen Analyse der Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen gewisse Schlussfolgerungen geografischer und chronologischer Art ermöglichen und erkennen lassen, ob die baltischen und slawischen Dialekte gemeinsam oder getrennt voneinander existierten19.

Es ist natürlich, dass in der Entwicklung der Wissenschaft auf fieberhafte und intensive Forschungsphasen eine Zeit des Nachlassens folgt. Ein solcher Rückgang setzte tatsächlich nach dem IV. Internationalen Slavistenkongress ein.

So wurde außer dem Abriss von T. Ler-Splavinskis Skizze zur Ethnogenese der Slawen, in der auch die genetischen Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen beiläufig berührt wurden, auf dem V. Internationalen Slavistenkongress, der vom 17. bis 23. September 1963 in Sofia stattfand, kein einziger Vortrag dem Problem der ältesten Beziehungen dieser Sprachen gewidmet20. Allerdings wurde auch hier

17 В. Мажюлис, Литовские числительные и соотношение балтийских числительных с числительными других индоевропейских языков (рукопись), М., 1955; Индоевропейская децимальная система числительных, ВЯ, 4, 1956, р. 53—59.

18 V. Mažiulis, Pastabos baltų ir slavų kalbų seniausių santykių klausimu, p. 14.

19 В. М. Иллич-Свитыч, Балто-славянская проблематика на IV Международном съезде славистов, ВЯ, 1, 1959, р. 139—141.

20 Славянска филология, VI (отчетни материали), София, 1965.

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Es war von den Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen die Rede, allerdings von den späteren, aus der historischen Zeit. Den Fragen dieser Beziehungen waren die Vorträge von V. Falkenhan, J. Otrębski, T. Zdancewicz und E. Smulkowa gewidmet21.

Das Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen in den letzten Jahren

Es wurde bereits erwähnt, dass das Interesse am Problem der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen nach dem IV. Internationalen Slawistenkongress nachließ. Als Ursache dafür ist möglicherweise die Kompliziertheit dieses Problems anzusehen, der Mangel an chronologisch differenzierten Vergleichserscheinungen sowie das Fehlen objektiver Kriterien zur Bestimmung des Verwandtschaftsgrades von Sprachen.

Dennoch erscheinen weiterhin einzelne Artikel oder Buchkapitel, in denen die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen in groben Zügen charakterisiert werden.

A r i t o n a s V r a č i u s ist der Ansicht¹, dass die baltischen und slawischen Sprachen aus einem ide. einheitlichen Dialektgebiet hervorgegangen sind. J a n i s L o j a meint, dass „die baltischen und slawischen Sprachen sich selbständig innerhalb der ide. Sprachgemeinschaft herausgebildet haben, dass aber infolge langandauernder und recht lebhafter baltisch-slawischer Beziehungen später hier und da gemeinsame Erscheinungen in ihren Sprachen auftraten“². Seiner Meinung nach kann von einer baltisch-slawischen sprachlichen Einheit keine Rede sein, zumal die erheblichen Unterschiede zwischen den baltischen Sprachen selbst (einerseits dem Preußischen und andererseits dem Litauisch-Lettischen) J. Endzelin daran hindern, eine baltische Grundsprache zweifelsfrei anzuerkennen. Gemeinsame Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen wie der Einfluss des io-Stammes auf die Partizipien der nt-Stämme, die Endungen des Dativs und Instrumentals Plural mit -m- (vgl. entsprechende germanische Sprachfakten), der Übergang konsonantischer Stämme in i-Stämme (vgl. entsprechende lateinische Sprachfakten) und die pronominalen Adjektive betrachtet J. Loja als unabhängig und selbständig entstandene Neubildungen der baltischen und slawischen Sprachen. Auch Fedot Filin³ ist entschieden gegen die Theorie einer baltisch-slawischen sprachlichen Einheit eingestellt. Seiner Meinung nach besitzt diese Theorie keine solide wissenschaftliche Grundlage: Die Argumentation der Befürworter der Theorie einer baltisch-slawischen sprachlichen Einheit sei von Apriorismus, Antihistorismus und Parteilichkeit bei der Auswahl und Deutung der Fakten geprägt. Als Beispiel eines solchen Antihistorismus und einer Missachtung der Chronologie der Erscheinungen führt F. Filin die Behauptung von V. Georgiev an, dass die litauische Sprache, die sich durch konservative Phonetik und Morphologie auszeichne, die nicht schriftlich überlieferte slawische Grundsprache nahezu ersetzen könne. F. Filin widerspricht auch der entgegengesetzten Auffassung, wonach sich die baltischen und slawischen Sprachen unabhängig voneinander aus der ide. Sprachgemeinschaft abgespalten hätten und es zwischen ihnen niemals engere Kontakte gegeben habe. Er meint, dass sich noch innerhalb der ide. Sprachgemeinschaft eine Gruppe von Dialekten herausgebildet habe, deren Sprecher recht enge und langandauernde Kontakte pflegten. Die verwandten Dialekte, die nicht von anderen ide.

21 V. Falkenhan, „Litauisch-polnische Sprachgemeinschaft“, J. Otrębski, „Die Slawisierung litauischer Gewässer- und Ortsnamen“, T. Zdancewicz, „Der Einfluss des litauisch-russischen Wörterbuchs in der Umgebung von Belostok“ und E. Smulkowa, „Über das weißrussische g ega „tитnagас“, siehe J. Marvan, Vzajemné vlivy mezi slovanskými a baltskými jazyky (V. Mezinárodní sjezd slavistů v Sofii), „Slavia“ 33, 1964, S. 252–256.

1 A. V r a c i u, Problema comunității lingvistice balto-slave, „Romanoslavica“, 4, 1960, S. 87–106; siehe die Rezension LKK, 6, 1963, S. 325–330.

2 J. Loja, Valodniecības vēsture, Rīga, 1961, p. 151–154.

3 Ф. М. Филин, Образование языка восточных славян, М.–Л., 1962, p. 123–130; žr. recenziją LKK, 7, 1964, p. 240–243.

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Dialekte, bereicherten sich durch besondere Neubildungen und wiesen zahlreiche gemeinsame Veränderungen auf. In dieser Gruppe ide. Dialekte hätten sich die Vorfahren der protobaltischen und protoslawischen Sprachen befunden. Mit dem Zerfall der ide. Sprachgemeinschaft hätten sich die protobaltischen und protoslawischen Sprachen abgespalten; ihre Systeme seien zwar nicht identisch gewesen, aber bis in unsere Tage ähnlich geblieben. Daraus schließt F. Filin, dass zwischen den baltischen und slawischen Sprachen während ihrer gesamten Geschichte mit nur kurzen Unterbrechungen Kontakte bestanden hätten.

Ein wertvoller Beitrag zur Erforschung der akzentologischen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen ist das Buch von Vladislav Illich-Svitych über die Geschichte der nominalen Paradigmen.4 Die Systeme der nominalen Paradigmen dieser Sprachen sind ähnlich. Die Forschungsergebnisse von V. Illich-Svitych lassen den Schluss zu, dass die Systeme der nominalen Akzentuierung der baltischen und slawischen Sprachen eine Fortsetzung des ide. Akzentuierungssystems darstellen. Die Nomina der barytonischen Paradigmen des Litauischen (mit Ausnahme der Gruppe mit langem nichtapophonischem Vokal in der Wurzel) entsprechen den Nomina derselben Paradigmen im Griechischen, Altindischen und Germanischen. Ebenso entsprechen die Nomina der beweglichen Akzentparadigmen des Litauischen den Nomina der Oxytona-Paradigmen der genannten Sprachen. Die ide. Opposition „barytonisches Akzentparadigma: Paradigma mit beweglichem Akzent oder oxytonisches Paradigma“ ist im Wesentlichen auch in den slawischen Sprachen erhalten geblieben.5

Demnach ist die nominale Akzentuierung der baltischen und slawischen Sprachen sehr ähnlich und war früher noch ähnlicher. Die Ähnlichkeit der nominalen Akzentuierung der baltischen und slawischen Sprachen ist, wie die Untersuchung von V. Illich-Svitych gezeigt hat, ein aus der Zeit der ide. Sprachgemeinschaft ererbter Archaismus und belegt daher nicht, dass es nach der Aufspaltung der ide. Sprachgemeinschaft eine baltisch-slawische sprachliche Einheit gegeben hätte.

In einer neuen, Fragen der baltischen Ethnogenese gewidmeten Arbeit6 bezeichnet Vytautas Mažiulis mit dem Begriff „älteste Kontakte“ Kontakte verwandter Dialekte (Idiome), die sich dadurch auszeichnen, dass: 1) die Stämme, die diese Kontakte aufrechterhielten, einander recht gut verstanden; 2) das Gebiet, in dem die ältesten Kontakte bestanden, je nach Bevölkerungsdichte mehr oder weniger begrenzt gewesen sein musste, denn in einem großen Gebiet mussten kompakte sprachliche Kontakte früher oder später abbrechen. Ausgehend von der den baltischen Stämmen zugeschriebenen Streitaxtkultur, die sich zu Beginn des II. Jahrtausends v. Chr. über weite Gebiete Nordosteuropas ausbreitete, neigt V. Mažiulis zu der Annahme, dass der Zerfall der ältesten baltischen Kontakte (mit anderen Worten: der baltischen Sprachgemeinschaft) gerade zu dieser Zeit begonnen habe. Da seiner Ansicht nach der Zerfall der ältesten baltischen Kontakte und der ältesten baltisch-slawischen Kontakte gleichzeitig eingesetzt habe, datiert er den Beginn des Zerfalls der ältesten baltisch-slawischen Kontakte in die ersten Jahrhunderte des II. Jahrtausends v. Chr. Nach V. Mažiulis müssen die Kontakte zwischen den baltischen und slawischen Sprachen umso enger gewesen sein, je weiter man vom Beginn des II. Jahrtausends v. Chr. in die fernere Vergangenheit zurückgeht. Er schließt daraus, dass eine slawische Grundsprache existiert habe, eine baltische hingegen nicht; die baltische Grundsprache (Ursprache) habe im Rahmen der baltisch-slawischen sprachlichen Einheit existiert (within the framework of the Balto-Slavonic „Ursprache“).7

Den heutigen arealen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen ist vor allem das Buch von Anatolij Nepokupno „Arealiniai baltų-slavų kalbinių santykių“ gewidmet

4 В. М. Иллич-Свитыч, Именная акцентуация в балтийском и славянском (Судьба акцентуационных парадигм), М., 1963; siehe die Rezension LKK, 7, 1964, S. 231–236.

5 В. М. Иллич-Свитыч, op. cit., S. 83.

6 V. Mažiulis, Linguistic Notes on Baltic Ethnogenesis, Moscow, 1964.

7 V. Mažiulis, op. cit., S. 3.

4. Baltų ir slavų kalbų ryšiai

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Aspekte“8. Doch sowohl hinsichtlich der Methodologie selbst als auch der Geographie der untersuchten semantischen und syntaktischen Erscheinungen kann dieses Buch ebenfalls für die Erforschung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen von Nutzen sein.

Georg Ševeljov, der die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen behandelt hat, weist darauf hin9, dass diese Sprachen viele auffällige Gemeinsamkeiten, aber ebenso viele auffällige Unterschiede aufweisen. Gerade diese Unterschiede erschwerten es am meisten, den Zeitpunkt der baltisch-slawischen Einheit (Balto-Slavic unity) zu bestimmen, sofern eine solche Einheit überhaupt jemals bestanden hat.

Viele wichtige Erkenntnisse liefert nach Ansicht von G. Ševeljov der Vergleich von Lautwandel, insbesondere wenn dessen Chronologie berücksichtigt wird. Als einfache Tatsache betrachtet G. Ševeljov, dass „die phonologischen und phonetischen Veränderungen der slawischen Sprachen in der ersten Periode (ungefähr 2000—1500 v. Chr.) der fünf Perioden der Geschichte der slawischen Ursprache auch den baltischen Sprachen gemeinsam waren, die Veränderungen späterer Perioden dagegen nicht“10. In dieser Periode hätten die baltischen Sprachen ebenso wie die slawischen folgende Veränderungen erfahren: Sie hätten die aspirierten Plosive und die labiovelaren Konsonanten verloren, Konsonanten- und Spirantenverbindungen vereinfacht, die silbischen Sonanten R in iR und uR verwandelt, zwei Intonationen langer Silben erworben — den Akut und den Zirkumflex — und das auslautende r verloren. Einige der hier genannten Veränderungen seien auch in anderen Sprachen eingetreten, doch die doppelte Vokalisierung silbischer Sonanten und das Entstehen phonematischer Intonationen seien ausschließlich baltische und slawische Erscheinungen. Daher könne man nicht daran zweifeln, dass die Entwicklung der baltischen und slawischen Sprachen in der ersten Periode der slawischen Ursprache gemeinsam verlaufen sei.

In den späteren Entwicklungsperioden der slawischen Ursprache seien die baltischen Sprachen zwar nicht vollständig von den slawischen isoliert gewesen, doch der Kontakt sei sehr lose gewesen. Dass sich die Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen stark abgeschwächt hätten, zeigten zwei wichtige Lautveränderungen der slawischen Sprachen, die sich in den baltischen nur teilweise widerspiegelten: In den baltischen Sprachen veränderte sich s nach k, r, i, u nicht zu ch, wie es in den slawischen Sprachen geschah; in den baltischen Sprachen veränderte sich s nur nach k, r (siehe S. 81 ff. dieser Arbeit). Die zweite charakteristische Veränderung der slawischen Sprachen — der Zusammenfall von ide. o und a — betraf in den baltischen Sprachen nur die Kurzvokale.

Auf der Grundlage der Lautveränderungen können wir somit nach Ansicht von G. Ševeljov vier Entwicklungsperioden der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen bestimmen: 1) eine Periode gemeinsamer Entwicklung, etwa 2000—1500 v. Chr.; 2) eine Periode abgeschwächter Kontakte; die letzten Jahrhunderte dieser Periode waren das 6. und 5. Jh. v. Chr.; 3) eine Periode unabhängiger Entwicklung (period of no established contacts), ungefähr vom 5. Jh. v. Chr. bis zum 6.—7. Jh. n. Chr.; 4) eine Periode der Kontakte zwischen Ostslawen und Letten (im Gebiet von Pskow).

Es ist zu sagen, dass das von G. Ševeljov gezeichnete Bild der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen vergleichsweise objektiv ist. Es besteht kein Zweifel, dass die Vokalisierung silbischer Sonanten und die Herausbildung von Intonationsoppositionen Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen sind. Sie lassen vermuten, dass sich die baltischen und slawischen Sprachen in den ersten Jahrhunderten nach der Aufspaltung der ide. Sprachgemeinschaft gemeinsam entwickelten, und zwar in dem Sinne, dass eine im slawischen Sprachareal entstandene Innovationswelle ungehindert das gesamte baltische Sprachareal oder einen Teil davon überfluten konnte,

8 А. П. Непокупный, Ареальные аспекты балто-славянских языковых отношений, Киев, 1964.

9 G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, Heidelberg, 1964, p. 613—614.

10 G. Y. Shevelov, op. cit., p. 613.

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und umgekehrt. Mit anderen Worten: Sie lassen vermuten, dass die baltischen und slawischen Sprachen ein „lebendiges Isoglossengebiet“ bildeten (ein Begriff von Chr. Stang).

Nachdem Oleg Trubačov11 die Terminologie der slawischen Handwerke (Weberei, Holzbearbeitung, Töpferei und Schmiedekunst) analysiert und mit der entsprechenden Terminologie der baltischen Sprachen verglichen hatte, stellte er fest, dass: 1) sich die baltischen und slawischen Sprachen im Wortschatz dieses Bereichs stark unterscheiden12; 2) Entsprechungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen in jüngeren, neu entstandenen Wortschichten auftreten, was zu dem Schluss führt, dass die Nähe der baltischen und slawischen Sprachen in diesem Bereich sekundär ist13. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen zusammenfassend, schreibt O. Trubačov: „…das Material selbst weist auf eine Orientierung der alten Slawen nicht auf Kontakte mit den Balten, sondern auf Kontakte mit weiter westlich lebenden Indoeuropäern hin, deren Austausch mit den Slawen bei der Herausbildung der Terminologie so umfangreich und so intensiv war, dass wir uns gezwungen sehen, die einstige Existenz eines mitteleuropäischen Kulturraums anzuerkennen, der die Dialekte der alten Germanen, Italiker und Slawen (oder einen Teil davon) umfasste und die baltischen Dialekte nicht berührte; mit diesen könnte der Kontakt später aufgenommen worden sein“14.

* * *

Alle bisher entwickelten Theorien über die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen lassen sich mithilfe der Schemata von M. Weingart und N. van Wijk15 grafisch wie folgt darstellen:

Um festzustellen, welcher der bestehenden Theorien der Vorzug zu geben ist und welche als die zuverlässigste gelten kann, die die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen am objektivsten widerspiegelt, müssen die wichtigsten Gemeinsamkeiten dieser Sprachen erneut betrachtet werden, wobei insbesondere jene hervorzuheben sind, die als Hauptargumente für die Theorie einer baltisch-slawischen Spracheinheit gelten.

11 О. Н. Трубачев, Ремесленная терминология в славянских языках, М., 1966.

12 О. Н. Трубачев,, op. cit., p. 209.

13 О. Н. Трубачев, op. cit., p. 275.

14 О. Н. Трубачев, op. cit., p. 393.

15 Žr. N. van Wijk, Die baltischen und slavischen Akzent- und Intonationssysteme, p. 12.

4*

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CHARAKTERISTIK DER WICHTIGSTEN GEMEINSAMKEITEN DER BALTISCHEN UND SLAVISCHEN SPRACHEN

Bei der Untersuchung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slavischen Sprachen wird vor allem mit Gemeinsamkeiten in der Phonetik, Morphologie und Lexik dieser Sprachen operiert, die, wie man sagen kann, die Argumentation jeder Theorie bilden. Die Anhänger der Theorie einer baltisch-slavischen Sprachgemeinschaft betonen besonders die Innovationen der baltischen und slavischen Sprachen.

In der linguistischen Literatur werden besonders häufig folgende Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen angeführt: das gleiche Schicksal der kurzen ide. Vokale o und a sowie des Diphthongs eu, der gleiche Reflex der ide. silbischen Sonanten R, die Veränderung des ide. Konsonanten s nach k, r, i, u, die Affrizierung der palatalen Velare k’ und g’, die Entstehung der Intonationen, die Gesetze von Hirt und de Saussure-Fortunatov, die Herausbildung der Suffixe *-ėjo-, *-tėjo- u. a., die Entstehung der Pronominalwurzel *mun-, die Herausbildung der pronominalen Adjektive, die gleiche Genitiv-Singular-Endung der o-Stämme, der Ursprung der Endung der 2. Person Singular der Verben *-sēi u. a.

Die Anhänger der Theorie einer baltisch-slavischen Sprachgemeinschaft projizieren all diese sowie weitere Gemeinsamkeiten, insbesondere Innovationen, auf eine einzige chronologische Ebene. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen den baltischen und slavischen Sprachen, insbesondere Innovationen, gebe und dass diese – was am wichtigsten ist – aus einer einzigen Epoche stammten. Daraus wird geschlossen, dass eine baltisch-slavische Sprachgemeinschaft zweifellos bestanden habe. Eine Klärung der Entstehungsbedingungen und Einzelheiten gemeinsamer Erscheinungen und Prozesse der baltischen und slavischen Sprachen sowie eine Beleuchtung ihrer Chronologie können jedoch das Bild der Herausbildung und Entwicklung der Gemeinsamkeiten dieser Sprachen, insbesondere der Innovationen, erheblich verändern.

Daher ergibt sich die Aufgabe, die wichtigsten Gemeinsamkeiten der baltischen und slavischen Sprachen eingehend zu überprüfen, insbesondere diejenigen, die als Hauptargumente für die Theorie einer baltisch-slavischen Sprachgemeinschaft gelten. In dieser Arbeit beschränken wir uns aus den in der Vorrede genannten Gründen auf die Analyse phonetischer Erscheinungen1.

Ide. Kurzvokale o und a

Der Reflex der ide. Kurzvokale o und a ist in den baltischen Sprachen a, in den slavischen Sprachen dagegen o. Vgl.: a) ide. o: lit. naktis, lat. nakts, pr. naktin (acc. sing.), s. sl. noštь (aus *nakti-): lat. nox noctis; lit. akis, lat. acs, pr. ackis, s. sl. oko: lat. oc-ulus, gr. ὄσσε (nom. du.); b) ide. a: lit. ašis, lat. ass, pr. assis, s. sl. osь: lat. axis, gr. ἄξων, avest. ahsa, altind. ákṣaḥ; lit. marios, lat. mare, pr. mary, s. sl. morje: lat. mare, got. marei. Die ide. Kurzvokale o und a haben Latein und Griechisch am besten bewahrt. Daher zeigen ihre Beispiele eindeutig, wo früher der Vokal o und wo der Vokal a gestanden hatte. Bei der Untersuchung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slavischen Sprachen ist es wichtig festzustellen, welcher Vokal in der baltischen Sprachgemeinschaft und in der slavischen Ursprache anstelle des heutigen balt. a und sl. o vorhanden war. Die Meinungen der Forscher zu dieser Frage gehen auseinander.

1 Eine kurze Charakteristik der gemeinsamen akzentologischen und morphologischen Erscheinungen der baltischen und slavischen Sprachen findet sich bei S. Karaliūnas, Baltų ir slavų kalbų seniausiųjų santykių klausimu, „Lietuvos TSR Mokslų akademijos darbai“, Serija A, 1(20), 1966, p. 167—177; С. Каралюнас, Древнейшие отношения балтийских и славянских языков (автореферат), Вильнюс, 1967.

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M. Muchas¹, P. Kretschmer², J. Endzelīns³, J. Mikola⁴, V. Vondrák⁵, E. Schwarz⁶, T. Lehr-Splawiński⁷, A. Vaillant⁸, J. Otrębski⁹, K. Horálek¹⁰, P. Arumaa¹¹, V. Georgiev¹² u. a. waren oder sind der Meinung, dass sowohl in der baltischen Sprachgemeinschaft als auch in der urslawischen Sprache die ide. Kurzvokale o und a zu a geworden seien. M. Bartoli¹³, V. Poržežinskij¹⁴, H. Jakobson¹⁵, F. Fortunatov¹⁶ u. a. waren der Ansicht, dass zur Zeit der baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft der Vokal ă (a mit geringem Labialisierungsgrad) existiert habe, aus dem später das baltische a und das slawische o hervorgegangen seien.

Alle diese Forscher vertraten Theorien von einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft oder einer gemeinsamen baltisch-slawischen Epoche (J. Endzelīns); dies dürfte auch ihre Auffassung von der Entwicklung des Vokalismus in den baltischen und slawischen Sprachen bedingt haben: In den baltischen Sprachen müssten dieselben Erscheinungen eingetreten sein wie in den slawischen.

Da in allen baltischen Sprachen anstelle von ide. o und a ein a stand, müsse nach Ansicht dieser Forscher auch in der baltischen Sprachgemeinschaft ein a vorhanden gewesen sein. Die Schlussfolgerung, dass es in den baltischen Sprachen früher einen Vokal a gegeben habe, stützte sich nicht ausreichend auf die Fakten der baltischen Sprachen selbst. So neigte J. Endzelīns¹⁷ zu der Annahme, dass in der baltisch-slawischen Epoche ein Vokal a existiert habe, und zwar aus zwei Gründen: 1) Die Welle der Entwicklung von ide. o zu a, die den indoiranischen, albanischen und germanischen Sprachraum erfasst habe, müsse auch die angrenzenden baltischen und slawischen Sprachen erreicht haben; 2) in den griechischen und finnisch-ugrischen Lehnwörtern slawischer Herkunft stehe anstelle des heutigen slawischen Vokals o ein a. Diese Lehnwörter galten auch den anderen oben genannten Forschern als Hauptargument dafür, dass in der urslawischen Sprache der Kurzvokal a existiert habe.

Schon vor geraumer Zeit wurde auch eine andere Auffassung geäußert. K. Brugmann¹⁸ meinte, dass ide. o und a zur Zeit der baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft zu einem Vokal a geworden seien, der in den slawischen Sprachen erhalten geblieben, in den baltischen Sprachen dagegen zu a verändert worden sei. Seine Auffassung jedoch, dass es in den baltischen Sprachen früher

¹ M. Much, Abhandlungen zur germanischen Philologie, „Festgabe für R. Heinzel“, Halle, 1898, p. 213.

² P. Kretschmer, Die slavische Vertretung von indogermanischen o, AfslPh, 27, 1905, p. 228–240.

³ Я. Эндзелин, Славяно-балтийские этюды, p. 106–107.

⁴ J. J. Mikkola, Urslavische Grammatik, I, Heidelberg, 1913, p. 48.

⁵ W. Vondrák, Vergleichende slavische Grammatik, I, 2. Aufl., Göttingen, 1924, p. 106.

⁶ E. Schwarz, Zur Chronologie von asl. a > o, AfslPh, 41, 1927, p. 124–136.

⁷ T. Lehr-Splawiński, O pochodzeniu i praojczyźnie słowian, p. 24.

⁸ A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, p. 107.

⁹ Я. С. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство, ВЯ, 5, 1954, p. 28.

¹⁰ K. Horálek, Úvod do studia slovanských jazyků, Praha, 1962, p. 99.

¹¹ P. Arumaa, Urslavische Grammatik, I, p. 74–77.

¹² В. Георгиев, Вокалната система в развоя на славянските езици, София, 1964; Нови теории и традиционални заблуди, „Български език“, 15, 1965, p. 297–307.

¹³ M. G. Bartoli, Riflessi slavi di vocali labiali romane e romanze, greche e germaniche, „Zbornik u slavu V. Jagića“, Berlin, 1908, p. 30–60.

¹⁴ W. Porzeziński, Die baltisch-slavische Sprachgemeinschaft, p. 16.

¹⁵ H. Jacobsohn, Arrier und Ugrofinnen, Göttingen, 1922, p. 75.

¹⁶ Ф. Ф. Фортунатов, Лекции по фонетике старославянского (церковно-славянского) языка, Петроград, 1919, p. 26.

¹⁷ Я. Эндзелин, op. cit., p. 106–107.

¹⁸ K. Brugmann, Grundriss der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen, I, 1, p. 146.

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o, gut begründet war es nicht. V. Thomsen19 und H. Jacobsohn20 stützten ihre Behauptung, dass es in den baltischen Sprachen früher den Vokal o gegeben habe, auf uralisch-finnische Lehnwörter baltischer Herkunft, in denen anstelle des heutigen baltischen a der Kurzvokal o vorkommt.

Auf der Grundlage von Lehnwörtern baltischer Herkunft in den ostseefinnischen Sprachen meinte K. Būga21, dass die Balten im ältesten Zeitraum der baltisch-finnischen Sprachkontakte ide. o nur in unbetonter Stellung unverändert bewahrt, in betonter Stellung dagegen zu a umgefärbt hätten.

Die Behauptung, dass es in der baltischen Sprachgemeinschaft den Kurzvokal o gegeben habe, wird in jüngster Zeit mit neuen Fakten zu begründen versucht. J. Kazlauskas22 meint, dass die in, un der ostlitauischen Hochdialekte und ẹn, ọn der žemaitischen Dialekte aus ẹn, ọn entstanden sein könnten. Weiterhin behauptet J. Kazlauskas, die Wandlung der Verbindungen ẹn, ọn im Lettischen zu ē, ō und anschließend (nach Entstehung der Korrelation ē: ō) zu ie, uo sei einfacher und verständlicher. Die Verbindungen en, an hätten nicht unbedingt ē, ō ergeben müssen, da auch nasale ẹ, ą möglich seien.

V. Mažiulis23 meint, dass in Wörtern des prußischen Typs doalgis „Sense“ die Graphie oa einen langen Vokal ō bezeichnet, der durch zirkumflexbedingte Dehnung aus kurzem o entstanden sei; dieses sei seiner Ansicht nach als gemeinbaltisch anzusehen. Die Behauptung, dass die baltische Sprachgemeinschaft den Kurzvokal o besaß, wird vielleicht auch durch zwei weitere Daten gestützt.

1. Bei der Untersuchung der Entwicklung des Vokalismus der baltischen Sprachen wurde in der wissenschaftlichen Literatur bereits das Prinzip der Polarisierung bei der Entwicklung der Vokalsysteme angeführt24. Es zeigt sich deutlich an der Entwicklung der Vokalsysteme der žemaitischen Dialekte. Hier sind nicht nur die Vokale a, e weit und offen, sondern auch die Vokale ɔ, ẹ. Dass die Vokale ɔ, ẹ aus den engen Vokalen u, i hervorgegangen sind, zeigen die Verbindungen um, un, im, in, in denen die Vokale u, i größtenteils unverändert geblieben sind. Die Tatsache, dass die Vokale u, i in allen anderen litauischen Dialekten ihre Enge bewahrt haben, im žemaitischen Dialekt aber weiter geworden sind, ist wahrscheinlich durch die starke Labialisierung der langen Vokale und ihre starke Verengung zu erklären; vgl. lit. uo, ie → žem. ū, ī, ọu, ẹi, lit. o, ė → žem. uo, ie.

Folglich veränderte sich das System der langen Vokale in den žemaitischen Dialekten in Richtung Verengung und Labialisierung, während sich das System der kurzen Vokale umgekehrt in Richtung Öffnung und Delabialisierung entwickelte. In diesem Fall bleibt nur die Schlussfolgerung, dass nicht nur die Vokale ɔ, ẹ, sondern auch die Vokale a, e aus engen und labialisierten Kurzvokalen (u, i beziehungsweise o, ẹ) entstanden sind. Angesichts dieser Tendenz zur Öffnung der Kurzvokale kann ihre in manchen Positionen auftretende Enge als alt gelten. So sind beispielsweise in den Verbindungen der žemaitischen Dialekte, wie bereits erwähnt, um, un, im, in die Vokale u, i stets eng; mit anderen Worten: Hier haben sie unter dem Einfluss der Nasale ihren ursprünglichen Charakter bewahrt. Ebenso sind auch in den Verbindungen ɔm, ɔn, ẹm, ẹn der žemaitischen Dialekte die Vokale ɔ, ẹ als älter anzusehen als die des offenen Silbenlauts a, e. Darüber ist in der wissenschaftlichen Literatur bereits geschrieben worden25.

In der Position des historischen Akzents weisen die norddounininkischen Dialekte enge, stellenweise infolge starker Verengung diphthongierte Vokale ẹ/ie auf, wenn in der folgenden Silbe ein enger …

19 V. Thomsen, Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauisk-lettiske)Sprog, Köbenhavn, 1890, p. 89.

20 H. Jacobsohn, op. cit., p. 75.

21 K. Būga, RR, I, p. 457.

22 И. Казлаускас, К развитию общебалтийской системы гласных, ВЯ, 4, 1962, p. 20–24.

23 В. Мажюлис, Заметки по прусскому вокализму, „Вопросы теории и истории языка (Сборник в честь профессора Б. А. Ларина)“, Ленинград, 1963, p. 192–193; V. Mažiulis, Remarques sur le vocalisme du vieux prussien, „Acta baltico-slavica“, 2, 1965, p. 55.

24 И. Казлаускас, op. cit., p. 21–22.

25 И. Казлаускас, op. cit., p. 23.

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Die vorderen Vokale u, i (kurz oder lang). Vor den anderen Vokalen der folgenden Silbe steht hier ein breites e. In welcher Position der ältere Charakter des Vokals e bewahrt ist, zeigt das Verhalten der Vokale u, i. Die vorderen Vokale u, i sind im größten Teil des Gebiets der dounininkischen Mundarten vor den vorderen Vokalen der Mundart u, ū, uo, i, ī, ie unverändert geblieben. Vor den anderen Vokalen der Mundart sind sie erweitert worden und zu ọ, ẹ26 geworden. Wenn die Vokale u, i vor den vorderen Vokalen ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben, dann konnte also auch der Vokal e in dieser Position seinen ursprünglichen Charakter (seine Enge) bewahrt haben.

Die hier beschriebenen Tatsachen zeigen also, dass die ursprünglichen kurzen Vokale der žemaitischen Dialekte wahrscheinlich enge o, ẹ waren.

In den ostlitauischen Mundarten (den sogenannten Rotininkas-Mundarten) wird anstelle des betonten, nicht wortauslautenden literatursprachlichen Vokals a ein o ausgesprochen (in der dialektologischen Transkription mit ə und ă bezeichnet); vgl. bei den Anykščiai- und Kupiškis-Sprechern rotai, gražū (acc. sing.), vokaras, dorbas. In unbetonter Position und am betonten Wortende, das phonologisch einer unbetonten Position gleichkommt, steht hier a; vgl. vakarai, gražūs, giria27.

Es stellt sich die Frage, ob die Rotininkas-Aussprache eine neu entstandene Erscheinung ist oder aus alter Zeit ererbt wurde (mit anderen Worten: ob der Vokalismus der betonten oder der unbetonten Position älter ist).

Die Rotininkas-Aussprache ist auf einem relativ kleinen Gebiet zwischen Papilys und Ukmergė verbreitet28. Da im südlichen Teil dieses Gebiets keine Vokalassimilation wirkt und die Lautverhältnisse daher deutlicher sind, beschränken wir uns zunächst auf die Untersuchung der Vokalsysteme der Mundarten dieses Teils. Nach den Angaben von Z. Zinkevičius29 sind beispielsweise die Vokalsysteme der Mundart von Anykščiai folgende:

kurze Vokale lange Vokale in betonter Position u. i. ū ī ə. ẹ. uo ie in unbetonter Position u i u. i. a e a. e.

Vor dem Entstehen der Diphthonge uo und ie (die synchronisch vielleicht als gespannte Phoneme zu behandeln sind) konnte das System der langen Vokale in betonter Position folgendermaßen aussehen:

ū ī ō ē ā ē

Die Stellung jedes Phonems im System konnte durch folgende distinktive Merkmale gekennzeichnet sein:

die Phoneme /ū/ und /ī/ — diffus (den Phonemen /ō/ und /ē/ gegenübergestellt) und nichtkompakt (den Phonemen /ā/ und /ē/ gegenübergestellt);

26 Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, Vilnius, 1966, p. 61–62.

27 Näheres siehe Z. Zinkevičius, op. cit., S. 50.

28 Z. Zinkevičius, op. cit., S. 50–51 und Karte Nr. 6.

29 Z. Zinkevičius, op. cit., S. 50 ff.

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Die Phoneme /ō/ und /ē/ sind nicht-diffus (den Phonemen /ū/ und /ī/ entgegengesetzt) und nicht-kompakt (den Phonemen /ā/ und /ē/ entgegengesetzt); die Phoneme /ā/ und /ē/ sind kompakt (den Phonemen /ō/ und /ǭ/ entgegengesetzt) und nicht-diffus (den Phonemen /ū/ und /ī/ entgegengesetzt). Außerdem scheinen die Phoneme /ū/, /ō/, /ā/ und /ī/, /ē/, /ė/ die distinktiven Merkmale „Bemolligkeit – Diesigkeit“ besessen zu haben. Die Phoneme /ū/, /ō/, /ā/ werden als bemollisch charakterisiert, weil auf der phonetischen Ebene nicht nur die Vokale ū und ō stark labialisiert waren, sondern anscheinend auch ā einen gewissen Grad an Labialisierung aufwies (eine angemessenere Bezeichnung wäre ā oder sogar ā). Dass der Vokal ā labialisiert war, zeigt seine Labialisierung bis zum Diphthong uo in den žemaitischen und einigen aukštaitischen Mundarten (in der Gegend von Zietela, Lazūnai, Ramaškonys sowie bei Adutiškis und Gerdasiai nahe Druskininkai 30). Diese Diphthongierung setzt für sich genommen einen gewissen ersten Labialisierungsgrad des Vokals ā voraus. Dass der Vokal ā der Manifestant eines kompakten, nicht-diffusen und außerdem bemollischen Phonems war, wird anscheinend auch durch die Wiedergabe des slawischen Vokals a mit dem litauischen Langvokal o bestätigt (vgl. lit. striōkas und alt-russ. strachъ, poln. strach). Für die Sprachgemeinschaft der Ostbalten ist wahrscheinlich ein Vokal zu rekonstruieren, wie ihn heute die Ostaukštaiten (in der Gegend von Dusetos, Svėdasai, Alanta, Utena) und die Westžemaiten (in der Gegend von Karklė, Žardė) haben. Auch der geographische Aspekt weist auf den archaischen Charakter dieses Vokals (d. h. ā) hin: Nach den Prinzipien der Areallinguistik ist ein sprachliches Phänomen oder ein Faktum, das in marginalen oder voneinander entfernten Arealen existiert, älter als das sprachliche Phänomen oder Faktum, das in einem zentralen oder zusammenhängenden Areal verbreitet ist<sup>31</sup>. Mit anderen Worten: Es gibt Grund zu der Annahme, dass in den genannten ostaukštaitischen und küstenžemaitischen Mundarten das alte ā der Sprachgemeinschaft der Ostbalten erhalten geblieben ist.

Vergleichen wir das System der Langvokale der Sprachgemeinschaft der Ostbalten mit dem Langvokalsystem der Anykščiai-Mundart, so sehen wir, dass: 1) auf der phonematischen Ebene die gegenseitige Stellung und Abhängigkeit ihrer Elemente gleich geblieben ist: Die Phoneme werden durch dieselben distinktiven Merkmale charakterisiert wie zuvor; 2) auf der phonetischen Ebene haben sich ihre Elemente in Richtung einer geringfügigen Labialisierung und Hebung verändert: ō, ē→uo, ie und ā, ē→ɔ, ė.

Es stellt sich die Frage, in welche Richtung – der Hebung oder Senkung – sich das System der Kurzvokale der Anykščiai-Mundart verändert hat und wie seine Entwicklung zur Entwicklung des Langvokalsystems stand. Für die Beantwortung dieser Frage ist der Umstand wichtig, dass sich in den ostaukštaitischen Mundarten (zumindest in jenen, die zum Rotininkai-Gebiet gehören) eine Korrelation zwischen den Kurzvokalen, die hier bis zu halblangen Vokalen verlängert wurden, und den Langvokalen herausgebildet hat. Das Vorhandensein dieser Korrelation wird durch zahlreiche Fakten bestätigt. In der Gegend von Ukmergė wurden nicht nur die Quantitätsoppositionen, sondern auch die lokalen (Timbre-)Oppositionen neutralisiert, vgl. rōtas „Rad“: prōtas „Verstand“. Im nördlichen Teil des Rotininkai-Areals, wo Vokalassimilation wirkt, erging es sowohl dem kurzen e als auch dem langen ē gleich. Vor bemollischen Vokalen und am absoluten Wortende steht in der kupiškėnai-Mundart anstelle des standardsprachlichen e und ē a bzw. ā, vor diesischen Vokalen und etymologischem j dagegen e bzw. ē. In der Stellung nach k, g, š, ž, č, j haben die meisten Kupiškėnai unabhängig von der Qualität der folgenden Silbe e bzw. ē; in der Gegend von Papilys steht jedoch vor bemollischen Vokalen und am absoluten Wortende in der genannten Stellung æ bzw. ǣ<sup>32</sup>.

30 Z. Zinkevičius, op. cit., p. 71.

31 В. Пизани, Общее и индоевропейское языкознание, „Общее и индоевропейское языкознание (Обзор литературы)“, Москва, 1956, p. 112–114.

32 Z. Zinkevičius, op. cit., p. 54, 74.

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Nachdem sich (hauptsächlich infolge der Verlängerung der Kurzvokale) eine Korrelation zwischen Kurz- und Langvokalen herausgebildet hatte, mussten sich beide Vokalsysteme in ein und dieselbe Richtung verändern. Da sich, wie wir gesehen haben, das Langvokalsystem labialisierte und hob, musste sich auch das Kurzvokalsystem in Richtung Labialisierung und Hebung verändern. Somit sind die engen Vokale o, ẹ der Ostaukštaiten wahrscheinlich neu aus älteren offenen Vokalen a, e entstanden.

In unbetonter Stellung entwickelte sich das Langvokalsystem in den Rotininkai-Mundarten in die entgegengesetzte Richtung – es wurde kürzer und offener. So wurden in der Anykščiai-Mundart ō, ē delabialisiert und gesenkt und fielen dadurch mit ā, ē zusammen; letztere wurden durch Delabialisierung und Senkung zu a., æ... In unbetonter Stellung haben die Rotininkai-Mundarten überall offene Kurzvokale. Die einheitliche Entwicklung der Vokalsysteme der Rotininkai-Mundarten in unbetonter Stellung stützt somit ebenfalls die These ihrer einheitlichen Entwicklung auch in betonter Stellung.

Auch das Vorhandensein einer Korrelation zwischen Kurz- und Langvokalen in den ostaukštaitischen Mundarten (bzw. die Verlängerung, Hebung und Labialisierung der Kurzvokale in betonter Stellung) wird dadurch angezeigt, dass wir in einem größeren Teil des Rotininkai-Gebiets neben den Langvokalen ō, ō den kurzen (hier verlängerten) Vokal ɔ finden und im östlichen Teil dieses Gebiets neben ā den kurzen Vokal ā. In den Randmundarten können diese Verhältnisse durcheinandergeraten sein – neben ɔ kann ā stehen (im Dorf Trakiniai zwischen Kavarskas und Alanta), neben ā hingegen ɔ (in der Sprechweise von Švedasai)³³. Das Vorhandensein der Korrelation selbst ist jedoch auch hier unbestreitbar.

Der positionsabhängige Wechsel der Vokale in der kupiškėnai-Mundart (Assimilation) lässt sich verstehen, wenn wir annehmen, dass hier früher offene, weite Vokale e bzw. ē existierten, die sich vor bemollischen Vokalen und am absoluten Wortende noch weiter öffneten und zu a bzw. ā wurden, vor diesischen Vokalen und etymologischem j hingegen gehoben wurden und zu ẹ bzw. ē wurden, d. h.:

e bzw. ē → a bzw. ā; e bzw. ē → ẹ bzw. ē

Auch die Hebung des offenen Vokals a in den Rotininkai-Mundarten wird dadurch angezeigt, dass der akutierte Diphthong au den Vokal a (nicht aber o) enthält. Er wurde offenbar aufgrund der Akzentart und wegen des u, vor dem anscheinend kein enger Vokal (e oder o) stehen kann, nicht gehoben.

Ein labialisierter Vokal a kommt auch in einigen žemaitischen Mundarten vor (in der Gegend von Laukuva, Seda u. a.)³⁴. Doch ist er auch hier wahrscheinlich neu, denn in den žemaitischen Mundarten mussten die Kurzvokale aufgrund der stark labialisierten und gehobenen Langvokale regelhaft offen und weit werden.

Die genannten Veränderungen des Vokalismus in den litauischen Mundarten (die polarisierende Entwicklung der Kurz- und Langvokale in der žemaitischen Mundart, die Herausbildung einer Korrelation und die Assimilationserscheinungen in den ostaukštaitischen Mundarten) weisen möglicherweise darauf hin, dass die Kurzvokale o, e bereits vor verhältnismäßig langer Zeit zu offenen a, e wurden.

2. In der lettischen Sprache haben die östlichen Mundarten der Augšzemnieki den Kurzvokal o anstelle des a der Standardsprache. Der Vokal o kann hier sowohl in betonter als auch in unbetonter Stellung stehen (vgl. lett. vosara und vosora „Sommer“), sowohl vor einem hinteren als auch vor

33 Z. Zinkevičius, op. cit., p. 50.

34 Z. Zinkevičius, op. cit., S. 51.

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vor den vorderen Vokalen (vgl. lett. lobs „gut“ und obi „beide“)³⁵. Ohne die Entwicklung der Vokalsysteme in den lettischen Dialekten zu untersuchen, lässt sich über das Alter dieses Vokals nur schwer etwas sagen.

Der Kurzvokal o kommt auch im Altpreußischen vor. Im Elbinger Vokabular des Altpreußischen findet sich anstelle von a recht häufig o³⁶, vgl. altpreuß. wobse „Wespe“, sompisinis „grobes Brot, Grobbrot“ (altpreuß. som- entspricht lit. sam-). Dieses o könnte ein Überrest des früher weiter verbreiteten Kurzvokals o sein³⁷.

3. Dass es in der baltischen Sprachgemeinschaft möglicherweise einen Kurzvokal o gegeben hat, darauf weisen vielleicht auch die vermutlich baltischen Ursprungs entlehnten Wörter in den ostseefinnischen Sprachen hin, in denen in bestimmten Fällen o auftritt; vgl. finn. morsian und lit. marti, finn. oinas und lit. avinas, finn. lohi und lit. lašiš usw.³⁸ In jüngster Zeit hat V. Steinitz die überzeugende Auffassung vertreten, dass Wörter mit o zur ältesten Schicht baltischer Lehnwörter in den finnisch-ugrischen Sprachen gehören³⁹.

Einige Forscher, angefangen mit K. Brugmann⁴⁰, neigen zu der Annahme, dass es auch in der urslawischen Sprache einen Kurzvokal o gegeben habe. Diese Auffassung vertraten oder vertreten M. Vasmer⁴¹, A. Meillet⁴², S. Bernstein⁴³, F. Filin⁴⁴ u. a.

Die Tatsache, dass der slawische Vokal o in griechischen Lehnwörtern und Toponymen slawischen Ursprungs durch den Vokal a wiedergegeben wird, erklärte M. Vasmer⁴⁵ folgendermaßen: Der geschlossene griechische Vokal o sei ungeeignet gewesen, den slawischen Vokal o wiederzugeben, da dieser offen gewesen sei. In der urslawischen Sprache habe es nach A. Meillet⁴⁶ keinen großen Unterschied in der Klangfarbe zwischen dem kurzen o und dem langen a gegeben. Der Unterschied sei hauptsächlich quantitativer Art gewesen. S. Bernstein zufolge⁴⁷ hatte der slawische Vokal o früher einen geringen Labialisierungsgrad.

Folglich behaupten einige Forscher, dass es im Urslawischen den Kurzvokal a oder ă gegeben habe, während andere annehmen, dass das Urslawische einen Vokal o besaß. Tatsächlich ist der Unterschied zwischen diesen beiden Auffassungen nicht so groß, wie er auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn diejenigen, die annehmen, dass es im Urslawischen einen Vokal a gab, glauben ebenfalls, dieser Kurzvokal sei leicht labialisiert und geschlossener gewesen als der Vokal a. Diejenigen aber,

³⁵ J. Endzelins, Latviešu valodas gramatika, Rīgā, 1951, p. 110–123; M. Rudzīte, Latviešu dialektoloģija, Rīgā, 1964, p. 267–271.

³⁶ E. Berneker, Die preussische Sprache, I. Lautlehre, Strassburg, 1895, p. 27; J. Endzelin, Zum o für a im Elbinger Vokabular, StB, 5, 1935–1936, p. 94–98; Senprūšu valoda, Rīgā, 1943, p. 24.

³⁷ Vgl. И. Казлаускас, op. cit., S. 21.

³⁸ Zur Literatur der letzten Jahre siehe E. Nieminen, Über einige Eigenschaften der baltischen Sprache, die sich in den ältesten baltischen Lehnwörtern der ostseefinnischen Sprachen abspiegelt, „Sonderabdruck aus den Sitzungsberichten der Finnischen Akademie der Wissenschaften 1956“, Helsinki, 1957, S. 199–200; A. Sabaliauskas, Baltų ir Pabaltijo suomių kalbų santykiai, LKK, 6, 1963, S. 109–136.

⁳⁹ W. Steinitz, Zur Periodisierung der alten baltischen Lehnwörter im Ostsee-Finnischen, „Symbolae linguisticae in honorem Georgii Kurylowicz“, Wrocław–Warszawa–Kraków, 1965, S. 297–303.

⁴⁰ K. Brugmann, op. cit., S. 146.

⁴¹ M. Vasmer, Zwei kleine Abhandlungen. II. Zur slavischen Vertretung von arioeurop. o, KZ, 41, 1907, S. 157–164.

⁴² А. Мейе, Общеславянский язык, Москва, 1951, p. 42–44.

⁴³ С. Б. Бернштейн, Очерк сравнительной грамматики славянских языков, S. 144–146.

⁴⁴ Ф. П. Филин, Образование языка восточных славян, S. 101.

⁴⁵ M. Vasmer, op. cit., S. 157–164.

⁴⁶ A. Meillet, op. cit., S. 44.

⁴⁷ С. Б. Бернштейн, op. cit., p. 143.

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die in der urslawischen Grundsprache einen kurzen Vokal o annehmen, betonen zugleich dessen schwache Labialisierung und Offenheit.

Die Qualität des kurzen Vokals der urslawischen Grundsprache lässt sich offenbar anhand folgender Fakten genauer bestimmen:

1. Dass der urslawische Vokal, der aus idg. o und a hervorgegangen ist, phonetisch dem Vokal a näher gewesen sein könnte als o, zeigen Lehnwörter und Toponyme ugrisch-finnischer, baltischer, germanischer und griechischer Sprachen slawischer Herkunft, die überall a anstelle des heutigen slawischen Vokals o aufweisen; vgl. finn. papu „Bohne“ aus russ. боб, pruß. maddla „Gebet, Bitte, Gebet“ aus poln. modła, altbair. Rasa aus slaw. ražb, gr. βάβεω „Greisin“ aus slaw. *baba usw. Das a anderer Sprachen wird im Slawischen überall durch den Vokal o wiedergegeben; vgl. aksl. kotblъ „Kessel“ aus got. *katils (vgl. katile Gen. Pl.). Dies zeigt, dass die slawischen Sprachen zur Zeit der Entlehnung den Vokal a hatten.

2. In belarussischen und einigen südrussischen Dialekten sowie in einigen sehr archaischen bulgarischen Dialekten48 steht in unbetonter Position der Vokal a (das sogenannte „Akanje“); vgl. belaruss. каза́, russ. каза́ (geschrieben коза) und bulg. kazý-te (Nom. Pl.).

In unbetonter Position haben diese Dialekte den urslawischen kurzen Vokal a49 wohl bewahrt. In der jüngst geführten Diskussion über die Herkunft des „Akanje“50 überwog die Auffassung, dass diese Besonderheit der belarussischen und südrussischen Mundarten ziemlich spät (etwa im 13.–14. Jh.)51 spontan oder unter Substrateinfluss entstanden sei. Dennoch erscheint die erste Deutung der Entstehung des „Akanje“ als zuverlässiger: Das a in unbetonter Position dieser Mundarten ist als Relikt des urslawischen a anzusehen, denn: a) dazu zwingt der geographische Umstand (vgl. die analoge Erscheinung in archaischen bulgarischen Dialekten); b) phonologische Untersuchungen bestätigen, dass es in der urslawischen Grundsprache ein kurzes a gab.

3. Alle bisherigen Forscher haben für die urslawische Grundsprache die Opposition a: ā (bzw. ă: ǟ)52 rekonstruiert. Der Wandel des idg. kurzen Vokals o zu a und sein Zusammenfall mit dem Reflex des idg. a standen im Zusammenhang mit der Delabialisierung der übrigen urslawischen Vokale. In der urslawischen Grundsprache gingen neben der Palatalisierung vor Vokalen auch Labialisierungsprozesse vor Vokalen (bzw. Delabialisierungsprozesse bei Vokalen) vor sich.

48 Ст. Стойков, Акане в говора на с. Триград (Девинско), „Български език“, 13, 1963, p. 8–21.

A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, p. 107; G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, p. 386–387; В. И. Георгиев, Русское аканье и его отношение к системе фонем праславянского языка, ВЯ, 2, 1963, p. 20–29; Общеславянское значение проблемы аканья, ВЯ, 4, 1964, p. 151–152.49

50 В. Г. Руделев, К фонологической интерпретации русского аканья, ВЯ, 2, 1963, p. 30–38; П. С. Кузнецов, К вопросу о происхождении аканья, ВЯ, 1, 1964, p. 30–41; В. В. Колесов, О некоторых особенностях фонологической модели, развивающей аканье, ВЯ, 4, 1964, p. 66–79; Я. Риглер, К проблеме аканья, ВЯ, 5, 1964, p. 36–45; В. И. Лыткин, Ещё к вопросу о происхождении русского аканья, ВЯ, 4, 1965, p. 44–52; Г. А. Хабургаев, О фонологических условиях развития русского аканья, ВЯ, 6, 1965, p. 55–63. Vgl. außerdem M. Halle, Akan’e (The Treatment of Unstressed Nondiffuse Vowels in Southern Great Russian Dialects), „Symbolae linguisticae in honorem Georgii Kuryłowicz“, p. 103–109.

51 Vgl. В. И. Борковский, П. С. Кузнецов, Историческая грамматика русского языка, М., 1963, p. 142.

R. Jakobson, Remarques sur l’évolution phonologique du russe comparée à celles des autres langues slaves, TCLP, 2, 1929, p. 20–23; F. V. Mareš, Vznik slovanského fonologického systému a jeho vývoj do konce období slovanské jazykové jednoty, „Slavia“, 25, 1956, p. 445; G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, p. 150–162; H. ван Вейк, К истории фонологической системы в общеславянском языке позднего периода, „Slavia“, 19, 1950, p. 293.52

59

Prozess. Aus den phonologischen Untersuchungen der letzten Jahre geht hervor53, dass die kurzen Vokale o und a (ebenso wie ō und ā) zunächst in der Position nach Labialen zusammenfielen. Hier wurde das distinktive Merkmal des Vokals o (ebenso wie ō), die „Bémollierung“, irrelevant, weil dieses Merkmal ein konstitutives Element der Labialen war (ausführlicher siehe S. 67 ff. dieser Arbeit).

Der Behauptung, dass es im Urslawischen den kurzen Vokal a (nicht aber o) gab,1 widerspricht die Endung -ō des Nominativs und Akkusativs Singular der maskulinen o-Stämme – phonetisch konnte sie nur aus *-os und *-om über die Zwischenstufen *-u(s) und *-u(m) entstehen.

Die Entstehung der Nominativ-Singular-Endung -ō anstelle von *-as (vgl. aksl. vьlkъ) erklärt G. Shevelov mit guten Gründen durch morphologische Ursachen54. Die Endung *-am konnte sich sehr leicht zu -ō entwickeln, da die Verengung von Vokalen vor Nasalkonsonanten angeblich ein häufiges, in vielen Sprachen anzutreffendes Phänomen ist. Nach den Lautveränderungen am Wortende im Urslawischen entstand aufgrund der Analogie zwischen den o- und u-Stämmen folgende Proportion: *-u (acc. sing., u-Stamm): *-u (nom. sing., u-Stamm)= *-u (acc. sing., o-Stamm): x (nom. sing., o-Stamm), wobei x gleich *-u sein musste.

Es steht also nichts der Annahme entgegen, dass es im Urslawischen ein kurzes a gab, möglicherweise etwas labialisiert, denn in rumänischen Lehnwörtern slawischer Herkunft steht anstelle des urslawischen a oa, vgl. rum. groază „Schrecken“ aus sl. *graza55.

Der kurze slawische Vokal a entwickelte sich nach Ansicht der Forscher ziemlich spät zu o (um das 8.–9. Jh.), unmittelbar vor dem Erscheinen der ersten Schriftdenkmäler der slawischen Sprachen56. Nach dem 9. Jh. weisen Lehnwörter slawischer Herkunft in anderen Sprachen bereits recht häufig o auf, vgl. gr. Σϑλοβενοί aus sl. *slověne.

Fast alle Forscher stimmen darin überein, dass das ursprüngliche Kurzvokalsystem sowohl der baltischen als auch der slawischen Sprachen dreieckig war:

Ebenso möglich ist jedoch die zweite Alternative, dass das ursprüngliche Kurzvokalsystem dieser Sprachen viereckig war:

in dem es keine Opposition a: o gab.

Außer in den baltischen und slawischen Sprachen fielen die indogermanischen Kurzvokale o und a auch im Germanischen, Albanischen, Altindischen und Hethitischen zusammen. In diesen Sprachen entspricht ihnen a.

53 B. K. Журавлев, Формирование группового сингармонизма в праславянском языке, ВЯ, 4, 1961, S. 35–36.

54 G. Y. Shevelov, op. cit., p. 156–157.

55 G. Y. Shevelov, op. cit., p. 162.

56 E. Schwarz, op. cit., p. 136; H. ван Вейк, op. cit., p. 293; F. V. Mareš, op. cit., p. 445; G. Y. Shevelov, op. cit., p. 151; B. K. Журавлев, Из истории вокализма в праславянском языке позднего периода, ВЯ, 2, 1963, p. 13, 19; В. И. Георгиев, ВЯ, 2, 1963, p. 29; Нови теории и традиционални заблудки, „Български език“, 15, 1965, p. 297–307.

60

Der Kurzvokal a war in der idg. Sprachgemeinschaft offenbar selten. Er kam vor allem in der expressiven, technischen und alltäglichen Lexik vor und nahm am Ablaut nahezu nicht teil57.

Der Wortschatz der europäischen Sprachen, die die Phoneme o und a unterscheiden und einen Kurzvokal a aufweisen, beschränkt sich hauptsächlich auf den Bereich der Landwirtschaft; aus diesem Grund könnte dieser Wortschatz und damit auch das Phonem a jüngeren Ursprungs sein58. Einige Forscher neigen zu der Annahme, dass die Opposition o: a in den südlichen idg. Sprachen (Armenisch, Griechisch, Italisch und Keltisch) später infolge des Schwunds der Laryngale entstanden sein könnte59.

Daher ist es durchaus möglich, dass jene idg. Sprachen, die keine Opposition o: a aufweisen, sie auch nie besessen haben. Der vorbaltische Kurzvokal o und der urslawische a können den o und a der südlichen idg. Sprachen entsprechen.

Bei der Untersuchung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen ist es wichtig festzustellen, welche Realisierungen ungespannter kompakter Phoneme bzw. hinterer Kurzvokale tiefer Zungenhöhe die baltischen und slawischen Sprachen in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Trennung aus der idg. Sprachgemeinschaft hatten. Dies lässt sich aus mehreren Gründen nicht sagen; die wichtigsten sind:

a) Es liegen keine Daten vor, anhand derer wir die Vokalismusverhältnisse so entfernter Epochen rekonstruieren könnten, d. h. wir wissen nicht, ob die baltischen Dialekte damals tatsächlich den Kurzvokal o und die slawischen Dialekte den Kurzvokal a hatten;

b) Es ist unklar, welches Kurzvokalsystem (ein dreieckiges oder viereckiges) in den baltischen und slawischen Sprachen ursprünglich war;

c) Wir kennen die genaue absolute Chronologie nicht, wann die Reflexe der idg. Kurzvokale o und a (wenn man ein dreieckiges Kurzvokalsystem als ursprünglich anerkennt) in den baltischen und slawischen Sprachen zusammenfielen.

Wie dem auch sei, welches Kurzvokalsystem wir auch für ursprünglich halten mögen, eines ist klar: Auch andere idg. Dialekte (z. B. die germanischen) hatten ursprünglich dasselbe Kurzvokalsystem wie die baltischen und slawischen Sprachen. Die Rekonstruktion eines identischen ursprünglichen Kurzvokalsystems der baltischen und slawischen Sprachen weist daher keineswegs auf eine gemeinsame, von den übrigen idg. Dialekten abweichende Entwicklungsstufe des Baltisch-Slawischen bzw. eine baltisch-slawische Sprachgemeinschaft hin.

Ide. Langvokale ō und ā

Ide. Langvokale ō und ā fielen in den slawischen Sprachen zusammen. Die baltischen Sprachen bewahrten ihren Unterschied. Somit unterscheiden sich die baltischen und slawischen Sprachen erheblich hinsichtlich der Entwicklung der ide. Langvokale. Bei der Untersuchung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen ist es wichtig festzustellen, wann die slawischen Sprachen begannen, die ide. Langvokale nicht mehr zu unterscheiden.

Das ide. ā ist im Lettischen unverändert erhalten geblieben (ā), im Litauischen wurde es zu o, während die slawischen Sprachen hier a aufweisen, vgl.:

Lit. brólis, broter-ėlis, lett. brãlis, brāter-ītis, akslaw. bratrъ: ai. bhrātā, gr. φράτηρ „Mitglied einer Bruderschaft“, lat. frāter, got. broþar (o aus ide. ā), toch. A pracar;

57 A. Meillet, Introduction à l’étude comparative des langues indo-européennes, 7 éd., Paris, 1934, p. 99, 166–168. Vgl. „La voyelle a se trouve notamment dans des mots de caractère populaire, technique ou affectif“ (p. 99).

58 H. Kuhn, Ablaut, in: Altertumskunde, KZ, 71, 1954, p. 129–161.

59 J. Kuryłowicz, L’apophonie en indo-européen, Wrocław, 1956, p. 167–168.

61

Lit. moté, móteris, lett. māte, akslaw. mati: ai. matā, gr. (dorisch) μάτρη, lat. māter, toch. A mācer.

Ide. ō wurde in den slawischen Sprachen zu a. In den ostbaltischen Sprachen hatte es zwei unterschiedliche Reflexe. An einigen Orten wurde ide. ō zu uo, vgl.:

Lit. juos-ta, lett. juos-ta, akslaw. po-jasъ „Gürtel“: gr. ζωστός „umgürtet“ (= lit. juostas), avest. vāh „Gürtel“ (ā aus ide. ō);

Lit. puo-tà: gr. πώ-νω „ich trinke“, lat. pō-tus „getrunken“, ai. pā-ti „(er) trinkt“ (ā aus ide. ō);

Lit. uoga, lett. uōga: akslaw. jag-oda;

Lit. uolektis (auch uolektis), lett. uōlekts: gr. ὠλένη „Ellbogen“: *ōl- ist die Dehnstufe der Wurzel *el-/*ol- (vgl. lit. elcūnė, alkūnė und lett. elkuons);

Lit. ūosis, lett. uōsis: russ. яс-ень, serb.-chorv. jas-ēn;

Lit. dūo-ti, duo-snùs, duo-slùs, dūo-klė, lett. duō-t, akslaw. da-ti, da-nъ „Abgabe“ (= lit. duo-nis „Geschenk“¹), da-rъ „Geschenk“: gr. δῶ-μι „ich gebe“, δῶ-ρον „Geschenk“, lat. dō-num „Geschenk“, ai. dānám „Geschenk“ (ā aus ide. ō); daneben mit o lit. do-snùs (lett. dā-sns), do-slùs, do-vanà (lett. dō-vana), dō-vamas „als Geschenk gegeben“, dō-vis „Geben“, dō-sai „Brautgeschenke“, dō-tas „Geben, Geschenk“, dō-talas (lett. dā-tali „Geschenke“) „Geben, Abgabe“, do-tilas „ebd.“: vgl. pr. dā-t, dā-twei „geben“.

Ide. ō, das mit ide. ē alternierte, ist ebenfalls in bestimmten Fällen zu uo geworden, vgl. brėžti: bruožas; plėšti, lett. plēst: plūostas, lett. plūōsti „zerfetzen“, pluosa „Raserei“; rėžti, akslaw. rěz-ati „schlagen“: ruožas, akslaw. razъ „Schlag; Schnitt“; sėsti: sūodžiai, lett. suōd-rēji „Ruß“, akslaw. sazъda; ėsti: ūodas, lett. uōds.

Andernorts wurde ide. ō im Litauischen zu o, im Lettischen zu ā, vgl.:

lit. nor-ėti: gr. νωρ-εῖν „wirken, tun“, νώρ-εμενος „groß, breit“;

lit. krōk-ti (ir kriōk-ti), kriog-uoti „mit heiserer Stimme sprechen oder schreien“, lett. krākt, krākt, alt. russ. krak-ati „sich räuspern“: lat. crōc-āre, crōc-īre „krächzen (von Krähen)“, gr. κρώζω „ich räuspere mich“ (-ζ- aus *-gj-), ahd. hruoh „Krähe“ (uo aus germ. ō);

lit. žmōnės, žmona: lat. Akk. Sg. homōnem (Nom. Sg. homō) und hemōnem; die Wurzel ist *gʰm-/*gʰem-/*gʰom-; in den Wörtern žmōnės, žmona liegt die Wurzel im Schwundstufengrad vor, während der Vollstufengrad der Wurzel lit. žem-ė ist; aber altlit. žmuo (aus *gʰm-ōn);

lit. prō, pró- (vgl. pró-plaiša): lat. prō, prō(d)-, gr. πρω-; aber lett. pruō-jām, pruō-m „weg, fort“;

Der Genitiv Singular der o-Stämme lautet lit. vilk-o, lett. vilk-a, altkirchenslaw. vlъk-a: altlat. (Personenname) Gnaiv-ōd, lat. lup-ō „vom Wolf“, altind. vṛk-āt, vṛk-ād (-āt -ād aus *-ōd), gr. τω (aus *pōd) „woher“.

Anstelle des regelmäßigen Vokalwechsels (lit. ē: uo, lett. ē: uo aus uridg. ē: ō) tritt im Litauischen der Wechsel ē: o auf, im Lettischen dagegen ē: ā, vgl.:

lit. bėgti, lett. bēgt: lit. bog-inti „etwas schnell oder schwer tragen, fahren, transportieren, befördern“, aber lett. buōk-stīt „verstecken“, buōk-stīties „umherstreifen, sich herumtreiben“;

lit. glėbti, lett. glēbt: lit. glōbti „umarmen, umhüllen, in den Arm nehmen“, lett. glābt „behüten, schützen“, lit. globà (acc. sing. glōbą) und glōba; der Vollstufengrad des Ablauts ist lit. glab-ōti „in den Arm nehmen, nehmen, packen“, lett. glab-āt „schützen, behüten; begraben“ (aus balt. *glo-b-);

1 Lit. donis ist als Slavismus anzusehen.

62

lit. korýs (Akk. Sg. kõrį), lett. kãris: gr. χηρός „Wachs“, lat. cēra; vgl. kor-ýti, kor-ýtas;

lit. mólis, mõlė „Land bei der Lehmerde“, mol-iūgas „lehmfarben, lehmig“, lett. mãls (gewöhnlich im Pl. mãli): akslaw. mẽlъ „Kalk“; E. Fraenkel ordnet hier auch mėlas, mėlynas² zu;

lit. nókti, lett. nãkti „kommen“: got. nehv(a) „sich nähern“, nehv-jan „sich nähern“, ahd. nãh „nahe“ (ā aus ē < idg. ē);

lit. plėšti: plótas, daneben ihre Wurzeln im Normalgrad *plet- (vgl. plėčia, plet-óti) und *plot- (vgl. platus);

lit. slėgti (und slėgti), lett. slėgt: lit. slog-inti „belasten, drücken“, sloga „eine solche Krankheit; Last, Not“, slõgas „Gewicht, das Flachs oder Hanf niederdrückt“, lett. slāga, slāgs „Last, Schwere, Leiden, Krankheit“; aber lit. šliuogas (und šliuogas) „Gewicht, das etwas niederdrückt“, lett. šluõga, šluõgs „ebenso“, šluõdz-it, šluõdz-et „belasten, drücken“;

lit. sėsti, sėd-ėti: sod-inti, sõdas (und sõdnas), akslaw. sadъ, lit. sodà (Akk. Sg. sõdą), sõdžius (lett. sādzā, sādzius sind vermutlich Litauismen); niederlit. svad-inti „pflanzen“ kann aus *suod-inti stammen;

lit. tvėrė, lett. tvēru „ich tastete, packte“: lit. tvorà; den Normalgrad finden wir in tvēr-ia, vgl. altruss. tvor-iti „machen, schaffen“;

lit. vókas (und vokà) „Deckel, Verschluss; bewegliche Augenbedeckung“, lett. vāks „Deckel“: akslaw. vėko „Augenlid, Deckel“;

lit. vóras „Spinne“, lett. vāris: lit. vėrė, lett. vēru „ich spann“: der Normalgrad lautet vēr-ia, var-tai;

lit. žolė, lett. zāle: lit. žėlė; die Wurzel im Normalgrad *g’hel-/*g’hol- findet sich in den Wörtern žėl-ia, žãl-ias.

Die Reflexe von idg. ō und ā im Altpreußischen sind sehr unklar.

Im Elbinger Vokabular (einem Denkmal des Pomesanischen Dialekts) wird idg. ā mit den Graphemen o und oa wiedergegeben (vgl. preuß. mothe und lit. mótė, lett. māte; preuß. moazo „Tante“ und lit. mõša, lett. māsa „Schwester“). Ebenso wird hier idg. ō wiedergegeben (vgl. preuß. podalis und lit. niederlit. puo-dãlis; preuß. woasis und lit. úosis, lett. uosis). Die einheitliche graphische Wiedergabe der Reflexe von idg. ō und ā scheint darauf hinzudeuten, dass idg. ō und ā im Dialekt des Elbinger Vokabulars des Altpreußischen zusammengefallen sind³. J. Kazlauskas ist jedoch der Ansicht⁴, dass die einheitliche graphische Wiedergabe keine Neutralisierung des Gegensatzes zwischen den Reflexen von idg. ō und ā anzeigt. Denn in den ältesten litauischen Schriftdenkmälern wurde mit dem Buchstaben o sowohl o als auch uo wiedergegeben. Preuß. o (aus idg. ō) könnte nach J. Kazlauskas enger und stärker labialisiert gewesen sein als o (aus idg. ā). Letzteres könnte ein tieferer Vokal mit schwacher Labialisierung gewesen sein.

In den Katechismen des Altpreußischen (Schriftdenkmäler des Samländischen Dialekts) wird der Reflex von idg. ā mit ā oder a wiedergegeben (vgl. preuß. brāti und lit. brólis, lett. brālis). Der Reflex von idg. ō wird hier vorwiegend mit ō oder o wiedergegeben (vgl. preuß. per-ōn-i „Gemeinschaft“ und lit., lett. -uon- in Wörtern wie gel-uon-is ir dzel-uon-s). In bestimmten Fällen wird der Reflex von idg. ō hier mit ā oder a wiedergegeben (vgl. preuß. dāt, dātwei sowie daton und lit. duóti, lett. duôt; preuß. sālin und lit. žolė, lett. zāle).

Demnach ist im Dialekt der Katechismen der Unterschied zwischen den Reflexen von idg. ā und ō erhalten geblieben, außer in bestimmten Fällen, in denen idg. ā und ō wie auch in den ostbaltischen Sprachen zusammengefallen sind.

² E. Fraenkel, LEW, p. 430.

³ Plg. K. Būga, RR, III, p. 104.

⁴ I. Kazlauskas, Zur Entwicklung des gesamtbaltischen Vokalsystems, S. 21.

63

Der doppelte Reflex des ide. Langvokals ō in den baltischen Sprachen hat die Forscher lange Zeit verwirrt. Einige von ihnen (J. Hanuš⁵, O. Wiedemann⁶, J. Mikkola⁷ u. a.) betrachteten lit. o, lett. ā als den einzigen Reflex von ide. ō in den baltischen Sprachen und leiteten das uo im Litauischen und Lettischen aus ide. *ōu (oder *ōn und *ōns) her. Dieser Auffassung widerspricht die Tatsache, dass die regelmäßige Entwicklung des ide. Diphthongs *ōu im Litauischen nicht uo, sondern áu war, vgl. lit. gáuti, káuti u. a. Dass ihre Wurzeln auf *gōu-, *kōu- zurückgehen, zeigen die Formen gōvė, kōvė. Die Herleitung von káuti aus *kōu- wird auch durch die Belege anderer ide. Sprachen bestätigt (vgl. ahd. houwan „hauen“ und lat. cūd ere „schmieden, schlagen“ < *kou-/*kōu-).

Andere Forscher (G. Malovas⁸, H. Pedersen⁹, V. Poržežinskis¹⁰, A. Vaillant¹¹ u. a.) waren der Ansicht, dass ide. ō im Litauischen und Lettischen nur zu uo geworden sei. Diese Meinung vertraten auch die bedeutendsten Spezialisten für baltische Sprachen, K. Būga¹², J. Endzelīns¹³, P. Skardžius¹⁴, E. Fraenkel¹⁵ und J. Otrębski¹⁶. Alle diese Forscher erklärten die Vokale ō und ā im Litauischen und Lettischen anstelle des erwarteten uo durch den Vokalwechsel: Nach dem litauischen Ablaut a: o (aus ide. a: ā) sei neben dem regelmäßigen Wechsel a: uo (aus ide. o: ō) auch der Vokalwechsel a: o (anstelle von ide. o: ō) entstanden. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Umstand, dass die kurzen ide. Vokale a und o in den baltischen Sprachen zum Vokal a zusammengefallen waren.

Der Mangel dieser Hypothese besteht darin, dass sie den Vokalwechsel in Wörtern wie bog-inti nicht erklärt, die keine Nebenformen mit kurzem a haben (zum Beispiel *bag- aus ide. *bog-).

Außerdem gibt es Fälle, zu deren Erklärung die Forscher recht komplizierte Modelle ersinnen müssen. So entwickelte J. Endzelīns eine komplizierte Analogietheorie¹⁷, um den Vokal ā im prußischen Wort dāt (vgl. lit. dúoti und lett. duôt) zu erklären. Nach den Belegen lett. dakstīt „geben“, gr. δόσις „Gabe“ und lat. datio „Geben“ muss es in den baltischen Sprachen einen Infinitiv *dat(e)i gegeben haben. Das lange ā (vgl. pr. dāt) sei hier dadurch entstanden, dass der Vokal in Infinitiven unmittelbar vor *-t(e)i stets lang sei. Die litauischen und lettischen Wörter dúoti und duôt hätten den Diphthong uo hingegen aus der Futurform erhalten (vgl. lit. dúosiu und ai. dāsyā-mi).

Für Wörter mit einem Stammvokal o (lett. ā), der mit ē wechselt, versuchte J. Endzelīns anstelle des erwarteten uo eine indoeuropäische Grundlage zu finden, indem er an-

5 J. Hanusz, O dobie litewsko-słowiańskiej w stosunku do prajęzyka indoeuropejskiego, S. 254.

6 O. Wiedemann, Das litauische Präteritum, Strassburg, 1891, p. 45–51.

7 J. Mikkola, RSI, 1, 1908, S. 8; Urslavische Grammatik, S. 50–51.

8 G. Mahlow, Die langen Vocal e A, E, O in den europäischen Sprachen, Berlin, 1879, p. 82.

9 H. Pedersen, Wieviel Laute gab es im Indogermanischen?, KZ, 36, 1900, p. 101–103.

10 B. K. Поржезинский, К истории форм спряжения в балтийских языках, Москва, 1901, p. 7.

11 A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, S. 112.

12 K. Būga, Priesagos -ūnas ir dvibalsio uo kilmė, RR, II, S. 340–366.

13 J. Endzelin, Le. nākt: li. nók̇ti: got. nēhʷ und der Wechsel von ē und ā, KZ, 62, 1934, S. 23–28; Le. buokstīt und Verwandtes, APh, 5, 1935, S. 10–13; Was ist im Altpreussischen aus ide. ō (und ā) geworden, StB, 4, 1935, S. 133–143; Lettische Grammatik, Riga, 1922, S. 39; Latviešu valodas gramatika, S. 58–59.

14 P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, Vilnius, 1941, p. 47–48, 544.

15 E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen, S. 76.

16 Я. С. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство, ВЯ, 5, 1964, S. 29; allerdings erkannte J. Otrębski in seiner „Gramatyka języka litewskiego“ (I, Warszawa, 1958, S. 180–181) auch ide. ō > lit. o an.

17 J. Endzelin, Was ist im Altpreussischen aus ide. ō (und ā) geworden? p. 136.

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den Ablaut der ide. Vokale ā: ē zu erkennen18. Eine solche Apophonie ist jedoch mit wenigen Ausnahmen für die ide. Sprachen untypisch19, weshalb J. Endzelynas’ Gedanke kritisch beurteilt wurde20.

Andere Forscher (J. Zubatas21, K. Brugmanas22, H. Hirtas23, A. Meje24, N. van Veikas25, Chr. Stangas26, J. Safarevičius27, H. Krahe28, G. Ševeliovas29 u. a.) erkannten in den baltischen Sprachen einen doppelten Reflex des ide. ō an: An einer Stelle wurde es zu uo, an einer anderen zu ā (lit. o, lett. ā).

Auf Grundlage der doppelten Entwicklung des ide. ō in den baltischen Sprachen und indem er dabei das Archaische des Litauischen übertrieb, formulierte J. Zubatas30 den Gedanken, dass die ide. Sprachgemeinschaft zwei ō gehabt habe: eines, das im Litauischen zu uo wurde, und ein zweites, das im Litauischen o ergab. Später, nachdem festgestellt worden war, dass die doppelte Entwicklung des ide. ō von spezifischen Bedingungen des Litauischen abhing, wurde diese Theorie aufgegeben.

Mit der Anerkennung der doppelten Entwicklung des ide. ō in den baltischen Sprachen stellte sich zwangsläufig die Frage, in welchen Fällen ide. ō hier zu uo und in welchen zu ā wurde (lit. o, lett. ā, altpreuß. ā oder a). H. Hirt und A. Meje neigten zu der Annahme31, dass ide. ō, wenn es mit ide. ē wechselte, in den baltischen Sprachen zu ā wurde, während ide. ō, das am Ablaut nicht beteiligt war, zu uo wurde. Die Unhaltbarkeit dieser Auffassung zeigt der Ablaut des Typs brėžti: bruožas (siehe S. 62 dieser Arbeit) sowie die Tatsache, dass der ide. Nichtablautvokal ō in den baltischen Sprachen recht häufig durch den Vokal ā vertreten ist (siehe S. 62 dieser Arbeit).

In den letzten Jahren geht die Tendenz dahin, die Entwicklung des ide. ō (wie überhaupt des Vokalismus der baltischen Sprachen) mit dem Akzentsystem in Verbindung zu bringen (J. Kazlauskas, V. Mažiulis32): In betonter Position wurde ide. ō in den ostbaltischen Sprachen zu uo, während es in den prußischen Dialekten wahrscheinlich unverändert erhalten blieb; in unbetonter Position fiel ide. ō in den baltischen Sprachen mit ide. ā zusammen. Die Behauptung, dass die Entwicklung des ide. ō (und des Vokalismus überhaupt) vom Akzentsystem abhängt, stützt sich auf Fakten aus dem lebendigen Litauischen. So ist in vielen ostaukštaitischen Dialekten der Gegensatz zwischen den Reflexen von ide. ō und ā in unbetonter Position aufgehoben: Anstelle von ide. ō und ā haben einige ostaukštaitische Dialekte hier a (halblang oder kurz), andere (z. B. in der Gegend um Kupiškis u. a.) o (halblang oder kurz), wieder andere (z. B. in der Gegend um Raguva u. a.) u (gewöhnlich reduziert und kurz). Auch der Gegensatz zwischen den Reflexen von ide. ō und ā

18 J. Endzelin, Le. nākt: li. nókti: got. nēh und der Wechsel von ē und ā, p. 27.

19 A. Meillet, Introduction à l’étude comparative des langues indo-européennes, p. 153–168.

20 E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen, p. 78.

21 J. Zubatý, Zum baltischen ū, BB, 18, 1892, p. 241–266.

22 K. Brugmann, Grundriss der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen, I, 1, p. 151–152, 158.

23 H. Hirt, Indogermanische Grammatik, II, Heidelberg, 1921, p. 33, 180.

24 A. Meillet, op. cit., p. 100–104.

25 N. van Wijk, Les voyelles uo, ie en letto-lituanien et en russe, StB, 4, 1935, p. 144.

26 Chr. S. Stang, Das slavische und baltische Verbum, p. 196 (išnaša).

27 J. Safarewicz, Przyczynki do zagadnienia wspólnoty bałto-słowiańskiej, p. 199–202.

28 H. Krahe, Indogermanische Sprachwissenschaft, I, Berlin, 1958, p. 57.

29 G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, p. 150.

30 J. Zubatý, op. cit., S. 241. Vgl. J. Otrebski, Przyczynki słowiańsko-litewskie, I, Wilno, 1930, S. 53–54. K. Brugman und H. Hirt nahmen J. Zubatýs Theorie in ihre vergleichenden Grammatiken der ide. Sprachen auf; siehe K. Brugmann, op. cit., S. 151–152, 158 und H. Hirt, op. cit., S. 33, 180.

31 H. Hirt, op. cit., S. 33; A. Meillet, op. cit., S. 100–104; kritische Anmerkungen zu H. Hirts Auffassung siehe K. Būga, RR, II, S. 242.

32 И. Казлаускас, К развитию общебалтийской системы гласных, p. 24; В. Мажюлис, Заметки по прусскому вокализму, p. 195–196; V. Mažiulis, Remarques sur le vocalisme du vieux prussien, p. 53–59.

5. Baltų ir slavų kalbų ryšiai

65

Die westlichen Hochlitauer um Smalininkai (hier gibt es ein langes o mit sehr schwacher Diphthongierung, bisweilen auch einen klaren Diphthong ou) und die westlichen Niederlitauer um Priekulė (hier gibt es ein langes o33) haben es nicht. In unbetonter Stellung existierte in diesen Mundarten also anstelle von idg. ō und ā ein labialisierter Laut ā (eine angemessenere graphische Bezeichnung wäre ā); in einigen Mundarten wurde er zu a, in anderen zu o, u oder sogar zum Diphthong ou.

In betonter Stellung bleibt der Unterschied zwischen den Reflexen von idg. ō und ā in diesen Mundarten erhalten. Auch das baltische Sprachmaterial, das das Schicksal von idg. ō in den baltischen Sprachen betrifft, scheint der oben genannten Auffassung (dass die Entwicklung von idg. ō vom Akzentsystem abhing) nicht zu widersprechen: Im Litauischen findet sich uo in vielen Fällen in Wörtern mit barytonischer Akzentparadigme (vgl. brúožas, júosta, plúoštas, rúožas34, súodžiai, úodas, úoga, úolektis, úosis u. a.). In Wörtern mit beweglicher Akzentparadigme (z. B. puõta) könnte sich der Vokalismus barytonischer Kasusformen verallgemeinert haben (vgl. Akk. Sg. puõtą).

Das litauische o, das dem ō anderer idg. Sprachen entspricht, ist ziemlich häufig unbetont (vgl. nor-ėti, bog-inti, kriog-úoti, kor-ỹs, kor-ýtas, slog-à, slog-inti, sod-inti, tvorà, vilk-o, vorai, žmonių, žolė u. a.). Dabei muss man außerdem Faktoren wie Analogie und Ausgleich berücksichtigen: Der Vokalismus von Formen mit unbetontem ō könnte auch auf Formen mit betontem ō übertragen worden sein. So könnte betontes o entstanden sein. Möglich war auch der umgekehrte Vorgang: Der Vokalismus von Formen mit betontem ō, das regelgerecht zu uo geworden war, könnte auf die unbetonte Stellung in Formen derselben Wurzel übertragen worden sein. So könnte unbetontes uo entstanden sein. Dadurch wird das Vorhandensein von Wurzeldubletten verständlich, vgl. lit. šúo-lis und šõ-k-ti, ferner lit. dúo-ti, lett. duõ-t und altpr. dā-t.

Der gebrochene Akzent der lettischen Wörter juõsta, úoga, úoleks, uõsis u. a. zeigt, dass diese Wörter im Lettischen früher zur beweglichen Akzentparadigme gehörten. Auch hier könnte sich der Vokalismus barytonischer Kasusformen verallgemeinert haben.

Die Analyse des baltischen Sprachmaterials zeigt, dass idg. ō und ā, wie bereits erwähnt, in unbetonter Stellung in den baltischen Sprachen zusammenfielen. Das Ergebnis dieses Zusammenfalls war in den baltischen Sprachen offenbar wie im Slawischen ā; vgl. lett. ā und altpr. (im Dialekt der Katechismen) ā oder a. Dass lit. o aus einem älteren ā hervorgegangen ist (wahrscheinlich mit geringem Grad an Labialisierung), zeigen die litauischen Mundarten und die alten Schriften (vgl. das a[ō] im Katechismus von M. Mažvydas); Näheres dazu siehe S. 56 dieser Arbeit.

Der Zusammenfall der idg. Langvokale hatte also auch in den baltischen Sprachen eingesetzt. Der Grund, der den weiteren Zusammenfall der idg. Langvokale ō und ā in den baltischen Sprachen offenbar aufhielt, war, dass balt. ō (idg. ō) in eine Korrelation mit balt. ē₂ trat, das in betonter Stellung aus ē und offenbar aus ā35 entstanden war (vgl. zum Beispiel lit. piẽmõ und finn. paimen aus balt. *pai-men, vgl. gr. ποιμήν). Die korrelative Entwicklung von balt. ō und ē₂ zeigt sich in ihrer Diphthongierung (vgl. hochlit. uo und ie, niederlit. ộu und ẹi) und der weiteren Hebung (vgl. niederlit. ū und ī) in den litauischen Mundarten. Nachdem diese Korrelation entstanden war, wurde der baltische Langvokal vo- in den ostbaltischen Sprachen

33 Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, p. 69, 86—87 ir žemėlapiai Nr. 29, Nr. 59.

34 DLKŽ (S. 687) gibt für das Wort rúožas die dritte Akzentparadigme an.

35 H. Hirt, Vom schleifenden und gestossenen Ton in den indogermanischen Sprachen, IF, 1, 1892, S. 32—41; J. Endzelin, Litauisch-lettische Miszellen. I. Zum lit.-lett. ie, „Lietuvių tauta“, II, Vilnius, 1911, S. 284—291; FBR, 12, 1932, S. 180—181; K. Būga, RR, II, S. 90, 277; Chr. S. Stang, Ein Beitrag zum Problem von Diphthong ie im Litauischen, „Die Welt der Slaven“, I, 2. Heft, 1956, S. 137—139; J. Kuryłowicz, Łotewsko-litewska monoftongizacja ai, ei>ie, BPTJ, 15, 1965; P. Skardžius, Zum Wandel ai, ei>ie im Litauischen, ZfslPh, 26, 1958, S. 375—382; И. ЭнДзелин, О происхождении литовско-латышского ie, ИОРЯС, 12, I, 1907, S. 40—66.

56

Das System des Vokalismus wurde symmetrisch, es blieben keine leeren Stellen, und das Vorrücken des langen Vokals ō in Richtung ā wurde gestoppt.

Die Korrelation ō: ē₂ entstand jedoch erst in der sprachlichen Gemeinschaft der Ostbalten (nach dem 4.–3. Jh. v. Chr.). In der prußischen Sprache scheinen die Voraussetzungen für ihr Entstehen gefehlt zu haben, da der Diphthong ei (und ai) hier nicht monophthongiert wurde (vgl. pruß. deiws, eit u. a.)36.

Aus diesem Grund konnte der Zusammenfall der indogermanischen Langvokale ō und ā im Prußischen auch weiter voranschreiten, d. h. von der unbetonten Position auch in die betonte übergreifen. Allerdings lässt die Fragmentarität der prußischen Schriftdenkmäler nicht erkennen, wie das tatsächliche Schicksal von idg. ō und ā im Prußischen war. Dass der Gegensatz zwischen ō und ā hier möglicherweise ebenfalls aufgehoben wurde, darauf deuten folgende Umstände hin:

1) die einheitliche graphische Wiedergabe der Reflexe von idg. ō und ā im Elbinger Vokabular (durch die Grapheme o und oa);

2) der Wandel der Reflexe von idg. ō und ā zu ū oder u nach Labialen und, wie es scheint, auch nach Velaren im Katechismusdialekt.

Alle hier untersuchten Veränderungen von idg. ō und ā vollzogen sich in späteren Entwicklungsphasen der baltischen Sprachen.

Für die Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slavischen Sprachen ist wichtig, dass die baltischen Sprachen (die ostbaltischen zweifellos) idg. ō und ā weiterhin unterschieden. Ebenso kann kein Zweifel daran bestehen, dass die baltischen Sprachen diese Vokale auch in den ältesten Perioden ihrer Geschichte unterschieden.

Dass die baltischen Sprachen in den ältesten Entwicklungsperioden zwei Langvokale unterschieden, geht aus den Lehnwörtern baltischer Herkunft in den Ostseeraum-Finnisch-ugrischen Sprachen hervor, in denen baltisches ō in vielen Fällen durch finnisches uu wiedergegeben wird (vgl. finn. huuta und lit. šluota; finn. kuuro und lett. kuorns ‚taub‘), während baltisches ā durch finnisches uo wiedergegeben wird (vgl. finn. vuota und lit. óda, finn. tuohi und lit. tošis, finn. luoma und lit. lomà). Außerdem zeigen die Lehnwörter, dass baltisches ā einen gewissen Grad an Labialisierung aufwies (finn. uo < *oo).

Wie bereits erwähnt, verschwand in den slavischen Sprachen der Gegensatz zwischen den Reflexen der indogermanischen Langvokale ō und ā.

Phonologische Untersuchungen der letzten Jahre (A. Martinė, V. Žuravliovas u. a.) haben gezeigt, dass der Zusammenfall der indogermanischen Langvokale ō und ā neben den indogermanischen Kurzvokalen o und a zu den ersten Veränderungen im Vokalsystem der slavischen Sprachen gehörte. Durch phonologische Untersuchungen wurde außerdem festgestellt, dass gleichzeitig mit dem Palatalisierungsprozess der Konsonanten in den slavischen Sprachen ein weiterer Prozess ablief – die Labialisierung der Konsonanten vor gerundeten Vokalen. Das phonologische Wesen dieser Prozesse bestand darin, dass die Vokale ihre distinktiven Merkmale „Diezität – Bémolität“ an die vorangehenden Konsonanten abgaben37. Der Zusammenfall der indogermanischen Langvokale ō und ā in den slavischen Sprachen hängt mit einem dieser Prozesse zusammen – mit der Delabialisierung der Vokale und der Labialisierung der Konsonanten. Als Beginn des Delabialisierungsprozesses der Vokale gilt die Neutralisierung von o und a nach Labialen, d. h. die Gruppen po: pa, bo: ba, me: ma, uo: ua, pō: pā, bō: bā... konnten zusammenfallen und ununterscheidbar werden. Bémolität ist ein konstitutives Merkmal der Labialkonsonanten; deshalb wurde sie für Vokale, die unmittelbar auf Labialkonsonanten folgten, irrelevant. Das Ergebnis des Zusammenfalls der Vokale o und a

36 E. Berneker, Die preussische Sprache, I, Lautlehre, p. 16—18; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, Göttingen, 1910, p. 137—141; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 29.

37 В. К. Журавлев, Формирование группового сингармонизма в праславянском языке, ВЯ, 4, 1961, р. 35.

5*

67

Aufgrund der dissimilatorischen Neutralisierung musste es a sein. Später, als das differenzielle Merkmal „Bimolligkeit“ der Vokale o und ō auf die ihnen vorausgehenden Konsonanten überging, fielen die Vokale o und a auch in anderen Positionen zusammen (nach dentalen Konsonanten usw.)38.

Die genaue Chronologie des Zusammenfalls von ō und ā ist unbekannt. Sicher ist lediglich, dass das Slavische während der slawisch-germanischen und slawisch-griechischen Sprachkontakte (etwa ab den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung) ō bereits nicht mehr besaß: Das lange geschlossene ō der germanischen und griechischen Sprachen wird im Slavischen durch den Vokal ū wiedergegeben, vgl. aksl. bukъvi „Buchstaben“ aus got. bōkōs „Bücher“, aksl. Solomunъ aus gr. Σολομών.

Man kann annehmen, dass die slavischen Sprachen vor der Neutralisierung des Gegensatzes zwischen den Reflexen von ie. ō und ā diese Vokale unverändert bewahrt hatten. Darauf weisen vielleicht auch einige unterschiedliche Reflexe in den Endungen hin. So hatte etwa der Dativ Singular des o-Stamms der ie. Sprachgemeinschaft die Endung *-ōi, der ā-Stamm die Endung *-āi. Wären diese Endungen aufgrund der Neutralisierung des Gegensatzes zwischen ō und ā phonetisch zusammengefallen, hätten beide Stämme dieselbe Endung. Das ist jedoch nicht der Fall, denn der o-Stamm hat hier im Altkirchenslavischen -u (vgl. rab-u), der ā-Stamm dagegen -ē (vgl. žen-ē).

Das ursprüngliche System der langen Vokale im Slavischen war, ebenso wie im Baltischen, wahrscheinlich folgendes:

ī ū ē ō ā

Sowohl die baltischen als auch die slavischen Sprachen erbten dieses dreieckige System aus den Dialekten des nördlichen Areals der ie. Sprachgemeinschaft (vgl. etwa das völlig gleiche ursprüngliche System langer Vokale in den germanischen Sprachen) und besaßen es während der ersten Jahrhunderte ihrer unabhängigen Existenz wahrscheinlich noch unverändert.

Da die Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen eine Frage nach den Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Dialekten ist, die in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Trennung von der ie. Sprachgemeinschaft bestanden, ist es selbstverständlich, dass die Bewahrung des Gegensatzes zwischen ie. ō und ā in den baltischen Sprachen und seine Beseitigung in den slavischen Sprachen weder als Argument für noch als Gegenargument zur Theorie einer baltisch-slavischen Sprachgemeinschaft gelten kann. Das Schicksal der Vokale ō und ā kennzeichnet spätere Entwicklungsphasen und Entwicklungstendenzen der baltischen und slavischen Sprachen.

Für die weitere Entwicklung von ie. ō und ā war in den baltischen und slavischen Sprachen gemeinsam, dass die langen Vokale zum Zusammenfall neigten. Aufgrund dieser Eigenschaft gehören die baltischen und slavischen Sprachen demselben Areal an wie die germanischen und indo-iranischen Sprachen.

Doch im Hinblick auf das Schicksal von ie. ō und ā unterscheiden sich die baltischen und slavischen Sprachen ebenfalls stark. In den slavischen Sprachen fielen die ie. langen Vokale überall zusammen, in den baltischen Sprachen dagegen nur in unbetonter Position. Den aus der ie. Sprachgemeinschaft ererbten Unterschied der langen Vokale bewahrten die baltischen Sprachen (die ostbaltischen zweifellos) bis in die Gegenwart (lit. uo: o, lett. uo: ā).

Die baltischen und slavischen Sprachen unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der Ergebnisse der Entwicklung der ie. langen Vokale, sondern auch hinsichtlich der Entwicklungstendenzen der Systeme der langen Vokale selbst. Das System der langen Vokale in den baltischen Sprachen neigte dazu, sich zu verengen und zu labialisieren; deshalb wurden baltisches ō und ē₂ im Litauischen zu uo und ie, während baltisches ā und ē sich zu o und ė wandelten. In den slavischen Sprachen hingegen war eine deutliche Tendenz zur Erweiterung und Delabialisierung des Systems der langen Vokale zu beobachten. Daher wurden slavisches ō und ū zu den Vokalen a und y.

38 Б. К. Журавлев, op. cit., p. 35–36.

68

Die Entwicklung des idg. Diphthongs eu

Wie der Reflex des idg. Diphthongs eu in den baltischen und slawischen Sprachen lautete, ist noch nicht endgültig geklärt.

In einigen Fällen wird der idg. Diphthong eu (ēu) im Baltischen (Ostbaltischen) durch jau und im Slawischen durch ju (aus slav. *jau) wiedergegeben, vgl.:

lit. liaukà und liauka (Karsakiškis, Panevėžys), pl. liaukos „eine solche Schweinekrankheit“, liaūkti „laufen, reichlich fließen“, lett. ļauka und laukas¹ „Schweinekrankheit“: gr. λεύκη „Ausschlag“ (dieses Wort haben, so wird angenommen, die Finnen aus dem Baltischen entlehnt, vgl. finn. leuka „Kinn“²; dies würde darauf hindeuten, dass die Balten zur Zeit der Entlehnung nur eu hatten);

lit. liaupsė, Akk. Sg. liaūpse (aus *leub-s-), aksl. ljubъ „lieb“: got. liufs, ahd. liob „lieb“ (got. iu, ahd. io aus idg. eu);

lit. liaudis und liaudžia, Akk. Sg. liaudžią (Valkininkai, Rodūnia), lett. Pl. ļaudis und dial. ļauži, aksl. ljudьje „Menschen“, altruss. ljudi „Volk“: ahd. liut „Menschen“ (iu aus idg. eu);

lit. siāuras, lett. sāurs: gr. εὔριπος „Meerenge“ (gr. εὐ- kann aus *seu- stammen);

lit. šiāurė (aus *ḱeu-r-): altruss. séverъ (aus *k’ēu-er-).

Es gibt zahlreiche Fälle, in denen dem Diphthong eu anderer idg. Sprachen im Baltischen au und im Slawischen u (aus slav. *au) entspricht, vgl.:

lit. baūsti: aksl. bljusti „beobachten, wahrnehmen“, gr. πεύθομαι „ich nehme wahr, erfahre“, got. ana-biudan „befehlen, verpflichten“ (got. iu aus idg. eu);

lit. naūjas, pr. nauns, lit. *navas (von Sprachwissenschaftlern rekonstruierte Form aus dem Dorfnamen Nav-ikai und dem Familiennamen Nav-ikas): got. niujis, gr. νέος „neu, jung“ (aus *νέFος), heth. neua-; doch aksl. novo, lat. novus, gall. (Ortsname) Novio-dūnum (vgl. lit. Naujamiestis) zeigen, dass es idg. *nou- gegeben hat;

lit. laūkas und láukas „ein Tier mit weißer Schnauze oder weißer Stirn“, lett. lauks: gr. λευκός „weiß“ (dieses Wort haben die Finnen aus dem Baltischen entlehnt, vgl. finn. laukki „weißer Fleck bei einem Tier“, das in der Wurzel den Diphthong au hat);

lit. raūdas, lett. raūds, aksl. ruda „Metall“, russ. румяный (russ. rum- aus *raud-m-): ae. réod „rötlich“, gr. ἐρεύθω „ich werde rot“.

Schon das hier angeführte Material zeigt, dass sich nicht ohne Weiteres sagen lässt, welcher Reflex des idg. eu in den baltischen und slawischen Sprachen vorlag — lit. jau und slav. ju oder lit. au und slav. u.

Einige Forscher (J. Schmidt³, G. Uljanow⁴, E. Berneker⁵, V. Porze-

¹ Die Form laukos bei K. Širvydas (C. Szyrwid, Dictionarium trium linguarum, Quinta editio, Vilnae, 1713, p. 136), die in die Wörterbücher von K. Mühlenbach–J. Endzelin und E. Fraenkel aufgenommen wurde (K. Mü len b a c h a Latviešu valodas vārdnīca. Redigējis, papildinājis, turpinājis J. Endzelīns, II, Rīgā, 1925–1927, p. 426; E. Fraenkel, LEW, p. 361), ist wahrscheinlich zu liaukos zu berichtigen, denn: 1) andernorts ist die Form laukos (mit hartem l-) unbekannt, 2) in der dritten Ausgabe des Wörterbuchs von K. Širvydas (C. Szyrwid, Dictionarium trium linguarum, Tertia editio, Vilnae, 1642, p. 157, 528) steht Laukos (= liaukos). Siehe K. Pakalka, Konstantino Širvydo žodyno „Dictionarium trium linguarum“ lietuviškų žodžių registras (LTSR MA Lietuvių kalbos ir literatūros institutas, 1964, maschinenschriftlich).

² Einige Forscher (E. Nieminen, Y. Toivonen) bestreiten den baltischen Charakter des finnischen leuka; siehe A. Sabaliauskas, Baltų ir Pabaltijo suomių kalbų santykiai, LKK, 6, 1963, S. 121.

³ J. Schmidt, Was beweist das e der europäischen Sprachen für die Annahme einer einheitlichen europäischen Grundsprache?, KZ, 23, 1877, p. 352–353.

⁴ Г. Ульянов, Основы настоящего времени в старославянском и литовском языках, Варшава, 1888, S. 36, 64, 100.

⁵ E. Berneker, Von der Vertretung des eu im baltisch-slavischen Sprachzweig, IF, 10, 1899, S. 145–167; vgl. AfslPh, 25, 1903, S. 487.

69

skis6, E. Cupica7, J. Endzelynas8, H. Pedersen9 und andere) waren der Ansicht, dass idg. eu in den baltischen Sprachen regelmäßig zu jau, in den slawischen hingegen zu ju geworden sei. H. Pedersen fügte hinzu, dass bereits das einzige Wort liaukà (vgl. gr. λεύκη) ausreiche, um zu beweisen, dass idg. eu im Litauischen zu jau geworden sei10.

Da die genannten Forscher den Wandel von idg. eu zu lit. jau als regelmäßig ansahen, mussten ihrer Auffassung nach alle Fälle, in denen litauisches (und anderes baltisches) au dem eu anderer idg. Sprachen entspricht, Ausnahmen sein. Daher musste man Wege finden, sie zu erklären.

Nachdem V. Poržežinskis diese Frage untersucht hatte, gelangte er zu dem Schluss11, dass in der baltischen Sprachgemeinschaft die weichen Konsonanten vor eu unter dem Einfluss der Konsonanten, die vor u standen (und dort hart waren), in einem Teil der Wörter durch harte ersetzt worden seien. Auf diese Weise entwickelte sich die Gruppe „weicher Konsonant + Diphthong eu“ im Litauischen und Lettischen zu „weicher Konsonant + Diphthong au“, im Altpreußischen dagegen zu „weicher Konsonant + Diphthong eu“. Die Gruppe „harter Konsonant + Diphthong eu“ entwickelte sich zu „harter Konsonant + Diphthong au“. E. Berneker12 stimmte V. Poržežinskis’ Auffassung zu und wies darauf hin, dass sich damit viele Ausnahmen erklären ließen, bei denen au statt des erwarteten jau steht.

H. Pedersen13 versuchte, die Herkunft von au ganz anders zu erklären. Seiner Ansicht nach könnte sich in tautà t…t aufgrund der assimilierenden Wirkung des zweiten t zu t…t verändert haben. Das Wort laũkas könnte den Vokal o aus einem anderen Wort derselben Wurzel übernommen haben. Und naũjas könnte anstelle von *niaujas durch Dissimilation oder auf andere Weise entstanden sein.

Ebenso erklärte E. Cupica14 bereits 1907 die Entstehung des Diphthongs au im Wort tautà. Diese Erklärungen dafür, dass au anstelle des erwarteten jau entstand, sind nicht ganz überzeugend. So hat V. Poržežinskis nicht nachgewiesen, warum die weichen Konsonanten an manchen Stellen durch harte ersetzt wurden, an anderen aber nicht. Seine Auffassung erklärt nicht, warum beispielsweise altpreußisch peuse nicht zu *pause wurde, obwohl es in der baltischen Sprachgemeinschaft daneben ein Wort gab, in dem p vor u hart war (vgl. lit. pušis). Nach V. Poržežinskis’ Auffassung wäre eine solche Ersetzung gerade zu erwarten. Dass es im Wort tautà eine Assimilation gegeben habe, wie E. Cupica und H. Pedersen behaupten, kann man natürlich annehmen, doch lässt sich dies nur schwer anhand von Tatsachen begründen.

O. Wiedemann15, K. Johansson16, J. Mikkola17, A. Meillet18 und andere waren der Ansicht, dass jau in den baltischen Sprachen bereits aus idg. ēu entstanden sei, während au ein Reflex von idg. eu sei. In den slawischen Sprachen könne ju ihrer Auffassung nach sowohl aus idg. ēu als auch aus idg. eu entstanden sein. Der Auffassung dieser Forscher widersprechen zahlreiche litauische Beispiele nicht, in denen jau aus dem kurzen idg. Diphthong eu hervorgegangen ist.

J. Zubat19 versuchte, ein Kriterium zu bestimmen, anhand dessen sich erkennen ließe, wo idg. eu zu jau und wo zu au wurde. Seiner Ansicht nach wurde idg. eu in den baltischen und slawischen Sprachen vor vorderen Vokalen zu jau beziehungsweise ju, vor hinteren Vokalen hingegen zu au beziehungsweise u.

6 В. Поржезинский, К истории форм спряжения в балтийских языках, Москва, 1901, p. 79–80.

7 E. Zupitza, Lit. naũjas, KZ, 40, 1907, p. 250–251.

8 И. Эндзелин, Славяно-балтийские этюды, p. 79.

9 H. Pedersen, Lit. IAU, StB, 4, 1934–1935, p. 150–154.

10 H. Pedersen, op. cit., p. 152.

11 В. Поржезинский, op. cit., p. 80.

12 E. Berneker, AfslPh, 25, 1903, p. 489.

13 H. Pedersen, op. cit., p. 150–154.

14 E. Zupitza, op. cit., p. 254–255.

15 O. Wiedemann, Das litauische Präteritum, p. 17–18, 32, 184.

16 K. Johansson, Indische Etymologien, IF, 8, 1897, p. 172 (išnaša).

17 J. Mikkola, Urslavische Grammatik, I, p. 57–61.

18 A. Meillet, Le traitement de *-eu- en letto-lituanien, BSL, 25, 1924, p. 174–175.

19 J. Zubatý, AfslPh, 20, 1898, p. 396–397.

70

J. Endzelin stimmte der Erklärung J. Zubatýs zu, wobei er sie etwas modifizierte20. Seiner Ansicht nach entstand das baltische au aus idg. eu wahrscheinlich nicht vor allen hinteren Vokalen, sondern nur vor betonten; vgl. die von J. Endzelin angeführten Beispiele lit. tautā und got. þiuda (-d- aus -t- zeigt, dass diese Wörter seit alters auf der Endung betont waren), lit. laũkas und gr. λευκός.

Die Konzeption J. Zubatýs und J. Endzelins21 erklärt solche litauischen Belege nicht, in denen au bereits vor hinteren Vokalen steht; vgl. etwa liaukà, siaũras, kiáuras, kiáutas u. a. Außerdem kommt der Diphthong au auch häufig in Wörtern mit festem Wurzelakzent vor; vgl. kiaũlė, kiaũšis, liáudis, šiáurė u. a.

E. Berneker22, E. Czipa23, K. Būga24, G. Ševelov25 u. a. neigten zu der Annahme, der baltische Diphthong au sei aus einem idg. Diphthong mit einer anderen Ablautstufe als der Diphthong eu hervorgegangen. Auch J. Endzelin26 schloss einen Ablaut nicht aus. Demnach wäre beispielsweise lit. tautā nicht aus idg. *teutā, sondern aus idg. *toutā oder *tautā abzuleiten.

Besonders zu erwähnen ist die Auffassung J. Otrembskis27, der zufolge der reguläre Fortsetzer des idg. Diphthongs eu in den (ost)baltischen Sprachen au mit einem vorausgehenden harten Konsonanten gewesen sein soll. In den slawischen Sprachen wurde idg. eu infolge der frühen Palatalisierung der Konsonanten vor vorderen Vokalen zu *jau (woraus später ju entstand). Da sich der idg. Diphthong eu in den baltischen Sprachen vor der Palatalisierung der Konsonanten verändert habe (d. h. die Konsonanten vor vorderen Vokalen und vor j seien noch hart gewesen), müsse der Diphthong, zu dem eu wurde, au mit einem vorausgehenden harten Konsonanten gewesen sein. J. Otrembski begründet hier eine hypothetische Annahme (den Wandel von eu zu au) mit einer anderen, ebenfalls hypothetischen Annahme (der Härte der Konsonanten und ihrer Palatalisierung). Seiner Konzeption widersprechen zahlreiche litauische und lettische Wörter, deren Diphthong au eindeutig aus idg. eu hervorgegangen ist.

In den baltischen und slawischen Sprachen kommen recht häufig Fälle vor, in denen dieselbe Wurzel zwei Varianten aufweist – eine mit jau, die andere mit au (slawisch ju und u). Lit. kiáunė und lett. caune (c- aus *kj-) haben in der Wurzel jau, während pruß. caune und russ. куна́ au aufweisen. Einige slawische Sprachen haben ju (vgl. altruss. плюща „Lunge“ und alttschech. plučé), andere u (vgl. altkirchenslaw. plušta und poln. płuca). Die baltischen Beispiele zeigen, dass hier ein Wurzelvokalismus der o-Stufe vorliegt; vgl. lit. plaučiai, lett. plāušas und pruß. plauti. Wenn man anerkennt, dass idg. eu in bestimmten Fällen in den baltischen und slawischen Sprachen regelmäßig zu au bzw. u wurde, zwingen diese Belege zu der Annahme, dass dieser Wandel sehr spät, erst in den einzelnen Sprachen, erfolgte. Selbstverständlich kann es sich nicht so verhalten haben. Das finnische Lehnwort laukk(i) zeigt, dass die baltischen Sprachen zur Zeit der baltisch-finnougrischen Kontakte bereits au anstelle des eu der anderen idg. Sprachen hatten.

20 I. Endzelin, Slawisch-baltische Studien, S. 83; J. Endzelin, Lettische Grammatik, S. 40—41.

21 Šią koncepciją pripažino V. Vondrakas ir A. Vajanas, W. Vondrák, Vergleichende slavische Grammatik, I, p. 41; A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, p. 122—124.

22 „Die wenigen Fälle, wo au, u zu entsprechen scheinen, lassen sich durch die Annahme anderen Ablauts bei Seite schaffen“, — E. Berneker, IF, 10, 1899, p. 167.

23 E. Zupitza, op. cit., p. 250—251.

24 K. Būga, RR, II, p. 348.

25 G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, S. 272—275.

26 И. Эндзелин, Славяно-балтийские этюды, S. 82; J. Endzelin, Lettische Grammatik, S. 41.

27 J. Otrębski, LP, 4, 1953, S. 308—312; Я. С. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство, ВЯ, 5, 1954, S. 31—32.

71

Wenn man annähme, dass der Wandel von ide. eu in den baltischen und slawischen Sprachen ein regelmäßiger Prozess war und innerhalb baltischer und slawischer Sprachgemeinschaften stattfand, hätten unmöglich in einigen Sprachen schon resp. ju, in anderen aber au entstehen können.

Eine solche Variation zeigt, dass entweder der o-Vokalismus aus der ide. Sprachgemeinschaft ererbt wurde oder in den einzelnen Sprachen durch strukturelle Analogie entstand. Da es beispielsweise neben pruß. caune keine Form mit einer anderen Ablautstufe gab und strukturelle Analogie daher nicht möglich war, konnte das prußische Wort nur aus der Wurzel *kou- hervorgegangen sein.

In den baltischen (und slawischen) Sprachen wurde ide. eu zu jau; es entstand der Ablaut jau: au: u (ide. eu: ou: u). In vielen Fällen verdrängte der palatale Konsonant den Velar, der vor der u-Stufe gestanden hatte. So entstand beispielsweise lit. griūti anstelle des erwarteten *grūti nach dem Muster von griáuti < *grēu-. Der palatale Konsonant wurde auch in den Formen verallgemeinert, in denen durch Ablaut o entstanden war; vgl. griovė anstelle des erwarteten *grovė < *grōu-.²⁸

Man kann sich auch den umgekehrten Prozess vorstellen: Der Velar, der vor der u-Stufe stand, könnte den palatalen Konsonanten verdrängt haben. So lässt sich etwa annehmen, dass lett. lauks (mit velarem l-) anstelle von *liaukas nach einem solchen baltischen Wort entstand (vgl. pruß. luckis „Span“), in dem l- regelrecht velar war. Dagegen sprechen jedoch Wörter wie pruß. peuse und lit. pušis, pruß. caune und lit. kiáunė. Obwohl in der baltischen Sprachgemeinschaft neben peuse auch pušis existierte, wurde peuse deshalb nicht zu *pause. Ebenso konnte pruß. caune durch Analogie nicht aus *kiaune entstanden sein, denn es gibt kein Wort, in dem der Konsonant vor der u-Stufe gestanden hätte.

All dies zeigt, dass bereits die Wechsel mit au in Wörtern dieses Typs, wie lit. kiáunė: pruß. caune, durch phonomorphologische Gründe erklärt werden müssen.

Diese Schlussfolgerung wird vielleicht auch durch finnische Lehnwörter baltischen Ursprungs gestützt. Man kann annehmen, dass die Finnen die Wörter leuka und laukki gleichzeitig entlehnten, da beide mit Bezeichnungen für Eigenschaften von Lebewesen verbunden sind. Diese Lehnwörter zeigen, dass zum Zeitpunkt der Entlehnung 1) in den baltischen Sprachen bereits au anstelle des eu anderer idg. Sprachen existierte und 2) der Diphthong eu noch nicht zu jau geworden war. Der Diphthong eu wurde erst viel später zu jau, als eu zu au wurde. Die Prozesse eu > au und eu > jau waren demnach wahrscheinlich weder chronologisch noch strukturell miteinander verbunden.

Die angeführten Tatsachen scheinen es zu erlauben, einen Teil der baltischen und slawischen Wörter, die au bzw. u anstelle des eu anderer idg. Sprachen aufweisen, von einer Wurzel mit o-Stufe herzuleiten; vgl.:

*kēu-g-: lit. kiáugė und *kōu-g-: lit. káugė, lett. kaudze, altisl. haugr „Hügel“; *kēu-n-: lit. kiáunė, lett. caūne und *kōu-n-: pruß. caune, russ. куча; *leu-k-: gr. λευκός, got. liuha „Licht“ und *lou-k-: lit. laukas, lett. lāuks, lat. lūc-idus „hell“, gr. λούσσον (-σσ aus *-kj-) „weißer Kern einer Fichte“; *leu-k-: lit. liaukà, liaūkti, lett. lauku, gr. λεύκη und *lou-k-: lett. laukas; *leu-|*lēu-: lit. liáutis, liav-ōnas, lett. laut „lassen“, tschech. leviti „entlassen“, got. lēwjan „dem Schicksal überlassen“ und *lou-|*lōu-: lit. lavōnas, pruß. au-lāut „sterben“; *pleu-: altostsl. pljuća „Lunge“, alttschech. pljuće, gr. πλεύμων und *plou-: lit. plaučiai, lett. plaušas, pruß. plauti, altkirchenslaw. plušta, poln. płuca; *reu-d-: altengl. réod „rötlich“, gr. ἐρεύθω „ich erröte“ und *rou-d-: lit. raūdas, raud-ōnas, lett. rauds, altkirchenslaw. ruda „Erz“, russ. румяный (rum- aus *raud-m-); *sreu-: lit. sriaumuō, gr. ῥεῦμα „Strömung“ (ῥ- aus *sr-) und *srou-: lit. srav-ėti, sraumuo, lett. strāume, altruss. strumenь „Bach“ (stru- aus *srau-);

²⁸ Vielleicht haben aus ähnlichen oder anderen, nicht ganz klaren Gründen die r-Laute in manchen litauischen Dialekten (in einigen Formen) eine palatale, in anderen eine velare Aussprache; siehe Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 153–156.

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*teut-: got. piuda „Volk“, illyr. (Personenname) Teuta und *tou-t-: lit. tautà, lett. tāuta, pruß. tauto, osk. touto „Staat“, kymr. tūd „Land“ (tū- aus *tou-), altir. tuath „Volk“ (tua- aus *tou-).

Es ist hinzuzufügen, dass nur ein Teil der baltischen und slawischen Wörter mit o-Vokalismus der Wurzel auf die Zeit der idg. Sprachgemeinschaft zurückgehen kann. Das gilt zum Beispiel für das litauische Wort tautà und seine Verwandten: Einige idg. Dialekte könnten die Stufe *teu- gehabt haben, andere dagegen die Stufe *tou-. Die Varianten der meisten Wörter mit den Ablautstufen e und o könnten jedoch bereits in den baltischen und slawischen Sprachen entstanden sein, da der Ablaut in den baltischen Sprachen (zum Beispiel im Litauischen) auch heute noch lebendig ist. So hatten einige baltische Dialekte das Wort kiáunę mit der e-Ablautstufe, andere dagegen eines mit der o-Ablautstufe (vgl. pruß. caune).

In einigen litauischen Wörtern kann der Diphthong au tatsächlich an die Stelle von idg. eu getreten sein. Präsensformen wie keičia, sėka (pasaka) u. a., deren Wurzel e-Vokalismus aufweist, zeigen, dass auch die Formen baudžia, plaukia, smaukia e-Vokalismus haben müssen, da iterativ-kausative Verben gewöhnlich o-Vokalismus aufweisen, vgl. kaityti, sakyti und baũdinti, plaũkyti, smaũkyti. Dass der alte Wurzeldiphthong in diesen Präsensformen eu war, zeigen auch die entsprechenden Wörter anderer idg. Sprachen, vgl. lit. baudžia und aksl. bljūsti, lit. plaukia und ahd. fliogen „fliegen“ (io aus eu), lit. smaukia und altnord. smjūga „sich hineindrängen, hineinschlüpfen“ (ju aus eu). Der Wurzeldiphthong eu der älteren Formen *beudja, *pleukja und *smeukja wurde durch au ersetzt, nicht weil idg. eu in den baltischen Sprachen regelmäßig zu au geworden wäre, sondern offenbar, weil sich der Vokalismus dieser Präsensformen den anderen Formen derselben Wurzel mit o-Vokalismus angeglichen hat.

Daraus lässt sich schließen, dass der idg. Diphthong eu in den baltischen (und slawischen) Sprachen nicht zu au wurde, abgesehen von einigen Verben, in denen ou anstelle des älteren eu wahrscheinlich analogisch entstanden ist. Alle baltischen und slawischen Wörter, die in der Wurzel au bzw. u anstelle des eu anderer idg. Sprachen aufweisen, stammen wahrscheinlich aus Formen mit o-Vokalismus.

Der idg. Diphthong eu wurde in den baltischen und slawischen Sprachen regelmäßig zu jau bzw. ju. Diese lautliche Erscheinung gilt als baltisch-slawische Neuerung, die auf die engen Beziehungen dieser Sprachen hinweist und die Theorie einer baltisch-slawischen Sprachgemeinschaft stützt.

Die Entwicklung von idg. eu zu jau bzw. ju kann nur dann als Argument für eine baltisch-slawische Sprachgemeinschaft gelten, wenn idg. eu während der Zeit der baltisch-slawischen Einheit zu jau bzw. ju geworden wäre. Doch scheint es keine Grundlage dafür zu geben, diese lautliche Erscheinung für derart alt zu halten.

Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, dass die Entwicklung von idg. eu zu jau gemeinbaltisch wäre. Anhand der prußischen Sprachdenkmäler lässt sich schwer beurteilen, welcher Reflex des idg. Diphthongs eu im Prußischen vorlag. Schreibungen wie bleusky im Elbinger Vokabular sind mehrdeutig. Einige Forscher sind der Ansicht29, dass die Schreibung eu den Diphthong au nach einem palatalisierten Konsonanten bezeichnet. Somit wäre auch im Prußischen idg. eu zu jau geworden. R. Trautmann weist auch auf eine ähnliche Schreibung jau in alten litauischen Sprachdenkmälern hin, z. B. gereus anstelle von geriaus in den Schriften von M. Daukša30. Andere vertreten die Auffassung31, dass pruß. eu tatsächlich den Diphthong eu bezeichnet und nicht jau. Ihrer Ansicht nach ist idg. eu im Prußischen unverändert erhalten geblieben.

29 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 148—149; J. Endzelīns, Prūsų tekstu grafika, FBR, 15, 1935, p. 97—98; Senprūšu valoda, p. 30; V. Mažiulis, Prūsų kalbos paminklai, Vilnius, 1966, p. 54—55.

30 R. Trautmann, op. cit., p. 148.

31 J. Otrębski, LP, 4, 1953, p. 308—312.

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Als Argument führen alle Forscher das prußische iaukint an (= litauisch jaukinti), das angeblich zeigt, dass indogermanisches eu im Prußischen ebenfalls zu iau geworden sei. Dieses Argument ist jedoch nicht überzeugend, denn das Wort könnte auch die Wurzel *ouk- (не *euk-) gehabt haben. Der o-Vokalismus der Wurzel passt gerade zur kausativen Bedeutung des prußischen Verbs iaukint und des litauischen jaukinti. Dass j- hier prothetisch sein kann, zeigen altslawisch učiti (u- aus *au-) und altindisch ókah „Haus“.

Die Wörter, die im Elbinger Vokabular mit dem Digraphen eu (ew) geschrieben sind, lauten: bleusky 286, geauris 757 (vgl. litauisch giaurÿs LKŽ, III, 282), gleuptene 247, keutaris 762, keuto 156, 497 (vgl. litauisch kiáutas), peuse 597, skewre 685 (vgl. litauisch kiáglė). Auffällig ist, dass vor diesem Digraphen hier niemals die Grapheme i, y oder g stehen, die als Zeichen für die Weichheit der Konsonanten gedeutet werden könnten. Eine solche graphische Bezeichnung wäre gerade zu erwarten, wenn das Prußische in diesen Wörtern die Verbindung iau gehabt hätte. Zwar kommen die genannten Grapheme im Elbinger Vokabular gelegentlich auch vor Vorderzungenvokalen vor, vgl. plieynis 38 neben pleynis 75. Daher ist auf die Schreibung des Wortes keuto hinzuweisen: Beide Male ist es gleich geschrieben, nämlich mit dem Digraphen eu. All dies scheint darauf hinzudeuten, dass die genannten Wörter des Elbinger Vokabulars den Diphthong eu enthielten.

Ausgehend davon, dass die Verbindung *sj im Prußischen zu š wurde (vgl. schuwikis 496, schu-meno 507, schuwan 471), nimmt man gewöhnlich an, dass j im Prußischen auch nach anderen Konsonanten (Dentalen, Velaren) ausfiel und diese dabei palatalisierte³². Einige Schreibungen, insbesondere die Verwendung des Graphems g, scheinen jedoch darauf hinzudeuten, dass hier gleichwohl der Laut j bezeichnet wird; vgl. etwa angurgis 565, ansalgis 506, kargis 410, saligan 468, wargien 525 (vgl. cugis 518 = litauisch kūjis, wo das Graphem g den Laut j bezeichnet). Es ist höchst zweifelhaft, dass das Graphem g hier die Weichheit der Konsonanten anzeigen sollte³³. Wie die litauische und die lettische Sprache zeigen, muss j nicht in allen Positionen zugleich geschwunden sein: An manchen Stellen (z. B. nach t, d) fiel es früher aus, an anderen (z. B. nach Lippenkonsonanten) später; und das Ergebnis dieses Schwundes war in einem Fall anders als im anderen. Die Veränderung der Verbindung *sj zeigt daher keineswegs, dass auch die Verbindungen anderer Konsonanten mit j verändert worden wären. Zwar schließen auch die Vertreter der Palatalisierungshypothese für „jotierte“ Konsonanten keineswegs aus, dass j nach Lippenkonsonanten im Prußischen noch fortbestand³⁴. In diesem Fall lauten die Schreibungen im Elbinger Vokabular: piuclan 547 (im Wortanlaut), kalabian 424, tarbio 325, knapios 268, wupyan 9, wormyan 465, samyen 235, clawio 375, perwios 281. Bei der Frage, ob im Prußischen noch der Diphthong eu bestand oder ob ihn die prußischen Dialekte bereits durch jau ersetzt hatten, ist weniger entscheidend, was die Schreibungen bia, bio, piu, pio, pya, mya, mye und wio bezeichnen: eine Verbindung aus Lippenkonsonant und j oder einen palatalisierten Lippenkonsonanten vor Hinterzungenvokalen. Entscheidend ist vielmehr, dass die graphische Wiedergabe dieser Position von der entsprechenden Wiedergabe im Wort peuse abweicht: Wäre der Diphthong eu im Prußischen zu jau geworden, so wäre auch hier (d. h. im Wort peuse) dieselbe graphische Wiedergabe eines Lippenkonsonanten (mit j oder palatalisiert) vor einem Hinterzungenvokal zu erwarten (*pjau, *pyau oder *pyeu). Spiegelt die unterschiedliche graphische Wiedergabe nicht lediglich einen unterschiedlichen phonetischen Komplex wider (in den oben angeführten Beispielen pja oder p’a..., im Wort peuse dagegen pe)? Bei der phonetischen Interpretation der Graphie der prußischen Sprachdenkmäler lohnt es sich auch, daran zu erinnern, wie J. Endzelynas die Schreibung pvienkts im Katechismus II erklärt. Er vermutet, dass

32 J. Endzelins, Prūšu tekstu grafika, p. 96–98; T. Milewski, Przyczynki do gramatyki pruskiej, „Slavia Occidentalis“, 15, 1936, p. 102–108; V. Mažiulis, op. cit., p. 54–55.

33 Vgl. J. Endzelynas’ zögernde Deutung des Wortes wargien: „je te vēl iesprausts aiz g varbūt tāpēc, lai g-burtu te kas nelasītu ka vēlāro balsīgo šļēdeni“, — J. Endzelins, op. cit., p. 97.

34 J. Endzelins, op. cit., p. 98; V. Mažiulis, op. cit., p. 55.

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dort, nach einem Lippenkonsonanten, entstanden sein könntej35. Somit konnte j sogar vor Vorderzungenvokalen bezeichnet werden.

Ganz analog werden im Elbinger Vokabular vor Hinterzungenvokalen auch andere Konsonanten (mit j oder palatalisiert) bezeichnet, vgl. maldian 438, median 586, medione 699, brunyos 419, dragios 386 u. a. Ebenso wären sie in den Wörtern keutaris, keuto, skевre, geauris zu bezeichnen, wenn diese Konsonanten hier vor Hinterzungenvokalen stünden. Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass im Elbinger Vokabular die Grapheme i, y nach Konsonanten vor Vorderzungenvokalen gewöhnlich nicht geschrieben werden (vgl. deywis 1, deynayno 5, metis 166 usw.), außer natürlich in vereinzelten Fällen (wie plienis 38 neben pleynis 75, geyте 339 usw.). Somit enthielten auch die genannten Wörter mit dem Digraphen eu (ew) höchstwahrscheinlich einen Vorderzungenvokal und folglich auch den Diphthong eu.

Zugleich wird deutlich, dass es auch keine echten Belege dafür gibt, dass der Übergang des indogermanischen eu zu einem Diphthong jau bereits ein gemeinbaltisches Phänomen gewesen wäre.

Zum Zeitpunkt der Veränderung des indogermanischen Diphthongs eu hatten sich in den baltischen (östlichen) und den slawischen Sprachen völlig unterschiedliche phonologische Situationen herausgebildet: In den baltischen Sprachen stand diese Veränderung mit bestimmten phonologischen Prozessen in Zusammenhang, in den slawischen mit ganz anderen.

Der phonetische Übergang von eu zu jau setzt voraus, dass sich der Vokal e in der Position vor u öffnete und zurückverlagerte (zunächst offenbar dort, wo dieser Vokal den Akut hatte), d. h. e→ā. Dass ein solcher phonetischer Vorgang möglich ist, zeigt das Litauische, in dem Fälle zu beobachten sind, in denen sich der Vokal e vor u oder v öffnet und zurückverlagert, vgl. kliāvas ir klēvas in vielen Dialekten. Vor v (u) sprechen die Žemaiten vielerorts a mit einem folgenden weichen Konsonanten. Hier wird sogar anstelle von ē, das aus ei entstanden ist, a gesprochen, vgl. kr’āus „krumm“³⁶, š’āvā „schief“. Das aus e vor u entstandene a konnte phonetisch dem Vokal a sehr nahekommen, der ebenfalls vor u stand (aus den alten Diphthongen āu ir ōu); nach j konnte der Vokal a sogar völlig mit ā zusammenfallen. Als der Vokal o zu a wurde, wurden die Vokale a und ā zu Allophonen des Phonems /a/. Auf diese Weise konnte die Variante ā phonemisiert werden; anders gesagt, anstelle des Manifestanten des Phonems /e/ im Segment CāuC (C steht für Konsonanten) trat der Manifestant des Phonems /a/, d. h. CāuC → C’auC.

Die Konsonanten vor den vorderen Vokalen mussten sich schon damals von den Konsonanten vor den hinteren Vokalen unterscheiden. Erstere waren palatal, letztere velar. Die Position vor j war höchstwahrscheinlich neutral. Infolge der oben erwähnten Veränderungen befanden sich die palatalen Konsonanten vor dem hinteren Vokal a. Dieser Zustand konnte nicht lange bestehen, da er dem gesamten System widersprach, in dem palatale Konsonanten nur vor vorderen Vokalen und hintere Vokale nur nach velaren Konsonanten vorkamen. Diese Anomalie konnte auf zweierlei Weise beseitigt werden: 1) C’auC musste zu CauC werden (vor einem hinteren Vokal ist nur ein velarer Konsonant möglich); 2) C’auC musste zu CjauC werden (vor einem hinteren Vokal ist ein palataler Konsonant nur vor j möglich). Die Umsetzung der ersten Möglichkeit war mit größeren Schwierigkeiten verbunden als die der zweiten: Die Konsonanten mussten in dieser Position aus der Klasse der palatalen Konsonanten in die Klasse der velaren Konsonanten übergehen. Obwohl zwischen den Klassen der palatalen und der velaren Konsonanten ein Verhältnis komplementärer Distribution bestand, hätte die Umsetzung der ersten Möglichkeit dennoch einen grundlegenden Wandel im System bedeutet. Daher wurde offenbar die zweite Möglichkeit verwirklicht, denn ihre Umsetzung stellte zudem einen Kompromiss dar: Die Position vor j war neutral, also

35 J. Endzelīns, op. cit., p. 96.

36 Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, p. 51.

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Hier waren die Konsonanten weder palatal noch velar (bzw. sowohl palatal als auch velar). Die Einschiebung von j beseitigte den entstandenen Widerspruch im System.

Übrigens konnte mancherorts, besonders in den Fällen, in denen daneben eine Wurzelvariante mit dem Diphthong au (und ou) existierte, die Wurzel des Typs C’auC- mühelos durch eine Wurzel des Typs CauC- ersetzt werden. So geschah es offenbar auch bei den Verben, vgl. daužia anstelle des lautgesetzlichen *djaūžia nach dem Muster von daužyti.

In der urslawischen Sprache war die Monophthongierung des Diphthongs eu mit einem vorangehenden palatalen Konsonanten mit der Herausbildung komplexer gruppenbildender Phoneme verbunden. Bei ihrer Entstehung verbanden sich Sonanten (darunter auch u) mit den vorausgehenden Phonemen dieses Typs und wurden silbisch, da das silbenbildende Element gewöhnlich das letzte Element des gruppenbildenden Phonems war. Nachdem die Differenzialmerkmale „Offenheit: Geschlossenheit“ in die Differenzialmerkmale „Länge: Kürze“ transphonologisiert worden waren, wurden die bereits unsilbischen Vokale zu entbehrlichen Markern der Diezität und verschwanden daher leicht.

Als sich das gruppenbildende Phonem C’eu zu C’+u entwickelt hatte, entstand im phonologischen System des Urslawischen ein einzigartiger Fall: Ein diezier Konsonant stand vor einem bemolischen Vokal. Der Widerspruch zwischen dem diezischen Konsonanten und dem darauf folgenden bemolischen Vokal konnte durch die Herausbildung neutraler gruppenbildender Phoneme aufgehoben werden. Die so entstandenen neutralen (weder diezischen noch bemolischen) Konsonanten (z. B. b) mussten mit den bereits im System vorhandenen neutralen Konsonanten (z. B. b aus bjV) zusammenfallen und dieselben Reflexe ergeben. Offenbar sind deshalb die Reflexe der Konsonanten, die sowohl vor j als auch vor dem Diphthong eu standen, in allen slawischen Sprachen gleich37.

Die phonologische Interpretation der Entwicklung des ide. eu zu jaū in den baltischen Sprachen und zu ’u in den slawischen Sprachen bestätigt somit endgültig die intuitive Vermutung, dass diese Veränderung ein völlig eigenständiges Phänomen der baltischen und slawischen Sprachen war. Der ide. Diphthong eu entwickelte sich in den baltischen und slawischen Sprachen nicht nur unter unterschiedlichen systemischen Bedingungen und unter dem Einfluss unterschiedlicher systemischer Faktoren; auch das phonetische Wesen dieser Veränderung war verschieden: In den (ost)baltischen Sprachen wurde eu zu jaū, in den slawischen Sprachen dagegen schlicht zu ’u. Das Schicksal des ide. Diphthongs eu ist ein anschauliches Beispiel für die parallele Entwicklung der baltischen und slawischen Sprachen. Dieses Beispiel zeigt, dass gemeinsame Entwicklungstendenzen der baltischen und slawischen Sprachen, begünstigt durch den geographischen Kontakt, auch in späteren Phasen der Sprachgeschichte fortbestanden.

Das Schicksal der ide. silbischen Sonanten

Die ide. silbischen Sonanten l, r, m, n (im Folgenden mit R bezeichnet) entwickelten sich in den baltischen und slawischen Sprachen zu il, ir, im, in oder, seltener, zu ul, ur, um, un (im Folgenden mit iR und uR bezeichnet). Ihr gleicher Entwicklungsgang bringt die baltischen und slawischen Sprachen besonders nahe zusammen.

Die kurzen ide. Sonanten R entwickelten sich zu iR oder uR (mit Zirkumflex), vgl.:

a) lit. vilkas, lett. vilks, pr. wilkis, aksl. vlъkъ, russ. волк, serb.-kroat. vuk (aus sl. *vьlkъ): ved. vṛ́kaḥ, got. wulfs, gr. λύκος, lat. lupus;

pr. kirsnan „schwarz“ (vgl. lit. Kirsna, ein Nebenfluss der Šešupė), aksl. čьrnъ, russ. чёрный (aus sl. *čьrnъ): ved. kṛṣṇáḥ „schwarz“;

lit. šimtas, lett. simts, aksl. sъto (wahrscheinlich ein Lehnwort aus den iranischen Sprachen): ved. śatám (śa- aus idg. *k’ṃ-), gr. ἑκατόν (-κα- aus idg. *k’ṃ-), toch. kānt(e), lat. centum, got. hund;

37 В. К. Журавлев, Развитие группового сингармонизма в праславянском языке, Минск, 1963, р. 29–41.

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lit. mintis (Akk. Sg. minti), at-mintis, lat. mit „denken, erraten“, pr. po-minisnan „Gedächtnis“, aksl. pa-mętъ (ę aus bn): ai. matíh (-a- aus n) „Absicht, Wunsch; Gebet“, lat. mens mentis „Geist, Verstand“, got. munš „Gedanke“;

b) lit. kulnas (und kulnis, Akk. Sg. kūlni), lat. kulna „Ferse“, pr. kulnis „Knöchel“, aksl. klъka „Vertiefung des Knies“, bulg. kъlka „Schenkel“, serb.-kroat. kūk (aus sl. *kъlk-): lat. calx „Ferse“, toch. A kolye „Schenkel“; pr. curwis „Stier“: lit. kárvė, aksl. krava, russ. корова, gr. κέρας „Horn“: die litauischen, slawischen und griechischen Wörter haben eine wurzel in der Vollstufe *kerH-/*korH-; lat. cornu „Horn“, got. haúrn „Horn“ aus *kṛH-; lit. ungurys (Gen. Sg. ūngario): pr. angurgis, russ. угорь (у- aus *ang-), Wurzel *ng-/*ong-.

Idg. lange Sonanten R̄ (aus idg. *RH) entwickelten sich zu iR oder uR (mit Akut), vgl.:

a) lit. vilna, lett. vīna, pr. wilnis und wilna „Rock; Jacke“, aksl. vъlna, serb.-kroat. vūna (aus sl. *vъlna): ai. ūrṇā, av. varəna, gr. λῆνος, lat. lāna, got. wulla (aus germ. *wulna); lit. žirnis, lett. zirnis, pr. syrne „Korn“, aksl. zrъno, russ. зерно (aus sl. *zьrno): lat. grānum (rā aus idg. *ṛH), got. kaúrn „Getreide“; lit. pintì, lett. pīt, aksl. peti (ę aus bn, aber auch aus en möglich, vgl. aksl. mrěti, Präs. mьrǫ), Präs. pьnǫ: arm. henum „ich spinne, flechte“, lat. pendere „wiegen, bewerten“; vgl. ferner lit. pántis; b) lit. gurklỹs (Gen. Sg. gūrkliō), pr. gurcle „Kehle“ (aus balt. *gur-tl-), altruss. gъrlo (russ. горло), poln. gardło (aus sl. *gъr-dl-): ai. gūrtáh „erwartet, angenehm“, lat. gurges „Strudel“, gurgulio „Luftröhre“; vgl. ferner lit. gūrkšnis, gerklė, gargaliuoti; lit. mùlkis, lett. muļķis: ai. mūrkháh „dumm“.

Idg. Sonanten R entwickelten sich in den baltischen und slawischen Sprachen zu iR und uR nicht nur in vorkonsonantischer, sondern auch in vokalischer Position, vgl.:

lit. pilìs, lett. pils, pr. (Ortsnamen) Pill-aw, Pille-kaym: ai. pūḥ (Akk. Sg. pūr-am) „Befestigungsmauer“, gr. πόλις „Stadt“; lit. girìà, lett. dzira (und dzire) „Wald“: ai. giríh „Berg“; pr. garian, garrin „Baum“ und aksl. gora „Berg“ haben eine andere Ablautstufe (*gor-); lit. gun-ioti, gūn-yti „jagen, vertreiben“, pr. gun-twei, aksl. gъn-ati „treiben“, lit. giñti, lett. dzīt (i aus in), aksl. žęti (ę aus ьn oder en), Präs. žьnǫ „ich schneide (Getreide)“: lit. gan-ýti, lett. gan-īt, aksl. gon-iti.

Aus dem angeführten Material geht hervor, dass sich die idg. silbischen Sonanten R in den baltischen und slawischen Sprachen teils zu iR, teils zu uR entwickelten. Es stellt sich die Frage, wovon die Verteilung der eingeschobenen Vokale i und u abhing. Eine einheitliche Antwort auf diese Frage gibt es nicht. J. Endzelynas¹, J. Mikola², K. Būga³, R. Trautman⁴ u. a. neigten dazu, das Auftreten von i oder u durch den Ablaut zu erklären. Nach dieser Auffassung entstand iR aus eR,

¹ I. Эндзелин, Славяно-балтийские этюды, S. 3—24.

² J. J. Mikkola, Urslavische Grammatik, I, S. 68—71; vgl. Woher lit. jau und slav. ju?, IF, 16, 1904, S. 99.

³ K. Būga, RR, II, S. 128—129, 260—264.

⁴ R. Trautmann, Viennes baltų slavėnų gramatikos bruožas, „Švietimo darbas“, 1922, 3—6, Kaunas, p. 271—272; Ein Kapitel aus der Lautlehre der baltisch-slavischen Sprachen, „Slavia“, 2, 1923.

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aus dem Schwundgrad des Diphthongs eR, und uR—aus oR, dem Schwundgrad des Diphthongs oR. Somit wurden in den baltischen und slawischen Sprachen die reduzierten e und o zu den Vollvokalen i und u.

In den baltischen Sprachen wechseln in vielen Fällen iR und eR miteinander, uR dagegen mit aR; vgl. girtas: gérti (aber vgl. gurklys), gilti: gėlti, kilti: kėlti; kūlti: kūlti, kūmpas: kampas, pr. curwis: lit. karvė. Es gibt jedoch Fälle, in denen iR neben aR und uR neben eR stehen kann; vgl. miltai: málti, lit. minia: got. manags „viel“, lit. giria: pr. garian, aksl. gora, pr. gulsennin „Schmerz“: lit. gėlti. In Formen derselben Wurzel können iR und uR nebeneinander vorkommen; vgl. tilpti: telpa: talpinti: tūlpinti.

Die Fälle, in denen iR neben aR und uR neben eR steht, widersprechen der Konzeption der genannten Autoren nicht, denn beispielsweise könnte neben *m̥n- und *mon- (vgl. lit. minia und got. manags) früher auch *men- existiert haben, dessen Schwundstufe lit. minia gewesen sein könnte.

Daher lässt sich die Ablauttheorie wohl weder widerlegen noch durch Fakten begründen.

Es ist sinnvoll, die Frage aufzuwerfen, warum in den baltischen und slawischen Sprachen vor silbischen Sonanten gerade die Vokale i und u auftraten, nicht aber etwa die Vokale e oder a, wie in anderen idg. Sprachen. In der baltischen Sprachgemeinschaft gab es die Diphthonge eR und oR, die aus der idg. Zeit ererbt waren. Daher konnten sich vor silbischen Sonanten offenbar auch e und o (lit. a) nicht entwickeln.

Im viergliedrigen System der kurzen baltischen Vokale

i u e o,

verglichen mit dem System der ersten Bestandteile der Diphthonge

e(R) o(R),

waren die freien Glieder die Vokale i und u, denn als erste Bestandteile von Diphthongen kamen nur die Vokale e und o vor. Daher konnten erste Bestandteile von Diphthongen, die aus silbischen Sonanten entstanden, nur die freien Vokale i und u sein.

Aus dem Gesagten geht hervor, dass die Distribution von iR und uR vom Vollstufenablaut abhängen konnte, anders gesagt, von den Diphthongen eR und oR: iR (aus R) konnte in den Formen auftreten, neben denen Formen derselben Wurzel mit dem Diphthong eR existierten (vgl. kil-ti: kel-ti), während uR (aus R) in den Formen auftreten konnte, neben denen Formen mit dem Diphthong oR standen (vgl. kūl-ti: kūl-ti). Wenn eine Wurzel den Ablaut eR/oR aufwies, konnten in ihren Formen sowohl iR als auch uR auftreten (vgl. lit. tém-ti: lett. tim-sa: lit. tamša: lett. tūm-sa).

K. Brugman, A. V ajanas, J. Kurilowicz, G. Ševeliov as u. a. waren der Ansicht, dass das Auftreten des anlautenden Vokals i oder u von der lautlichen Umgebung abhing. K. Brugman⁵ stellte fest, dass der Vokal u nach Labialen und Velaren auftrat. Diese Behauptung wurde durch das Material der baltischen und slawischen Sprachen nicht hinreichend belegt. Brugmans Erklärung stützte sich auf Daten des Altindischen und Griechischen, denn dort stehen nach Labialen und Velaren ul und ur.

A. V ajanas⁶ meint, dass in den baltischen und slawischen Sprachen der anlautende Vokal u aus dem vokalischen Element der idg. Labiovelare kʷ, gʷ, gʷʰ hervorgegangen sei. So seien baltisch-slaw. *gen-: *gun- (vgl. lit. gėna: gunióti, gūnyti und aksl. ženą: gʷona-ti) aus idg. *gʷʰen-: *gʷʰn- (das heißt, *gʷʰn- > *gʷʰn- > *gun-) entstanden. Somit, so A. V ajanas, in den baltischen und

5 K. Brugmann, Kurze vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen, Berlin und Leipzig, 1922, p. 123.

6 A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, p. 171.

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In den slawischen Sprachen entstand der anlautende Vokal u nach labiovelaren Konsonanten, der Vokal i dagegen nach allen übrigen.

Ähnlich denkt auch J. Kurilovičius⁷. Seiner Ansicht nach wurden die silbischen Sonanten R in den baltischen und slawischen Sprachen nicht nur nach labiovelaren, sondern auch nach reinen velaren Konsonanten (idg. k, g, gh) zu uR vokalisiert, nach allen anderen Konsonanten dagegen zu iR. J. Kurilovičius stützt diese Konzeption auf die Annahme, dass die Palatalisierung der Konsonanten in den baltischen und slawischen Sprachen älter sei als die Vokalisierung der silbischen Sonanten. J. Kurilovičius nimmt an, dass der Übergang von R zu iR in den Gruppen kR und gR k und g zu k’ und g’ verändert habe. Da sich jedoch die velaren Konsonanten vor R nicht palatalisieren konnten und daher hart waren, konnte die vokalische Färbung des silbischen Sonanten nur hinterer Reihe sein (d. h. u).

Die von J. Kurilovičius angeführten statistischen Daten⁸ entsprechen seinen Behauptungen nicht vollständig, denn für uR nach anderen Konsonanten gibt es nicht weniger Belege als nach velaren Konsonanten. So finden sich für uR nach k und g 35,6%, nach m 34,8% und nach n 33,3% der Belege. Derselbe Anteil wie nach n findet sich auch nach j. Der größte Teil der Belege (44,4%) weist die Diphthonge uR nach dem Konsonanten s auf. In allen übrigen Belegen findet sich iR.

Die ursprünglichen Verteilungsverhältnisse von iR und uR konnten sich im Verlauf der Sprachentwicklung vermischen. So wurde der Vokalwechsel eR: R nach harten velaren Konsonanten regelmäßig zu eR: uR (vgl. lit. gerklė: gurklys aus balt. *ger-tl-: *gur-tl-). Da nach allen anderen Konsonanten der Wechsel eR: iR bestand und sich dieser häufigere Wechsel verallgemeinern konnte, konnten neben Formen mit uR nach harten velaren Konsonanten leicht Formen mit iR entstehen (vgl. lit. girtas).

Nachdem G. Ševeljovas die Frage der Verteilung von iR und uR untersucht hatte, gelangte er zu folgenden Schlussfolgerungen⁹:

a) Nach palatalen velaren Konsonanten wurde R zu iR;

b) Zwischen velaren velaren Konsonanten (einschließlich labiovelarer) wurde R zu uR;

c) Nach velaren velaren Konsonanten vor nichtvelaren war der phonetische Reflex von R uR;

d) Nach labialen Konsonanten vor velaren Konsonanten war der phonetische Reflex von R uR;

e) Nach labialen Konsonanten vor nichtvelaren velaren Konsonanten sowie nach dentalen Konsonanten (darunter auch s) vor einem beliebigen Konsonanten wurde R zu iR.

Ein gewichtiges Argument für die Theorie des phonetischen Umfelds ist die Tatsache, dass uR in den baltischen und slawischen Sprachen nach den Konsonanten š und ž (aus idg. k’ und g’) nahezu nicht vorkommt. Die wenigen Belege (vgl. lit. šultis, žulsnūs) sind vermutlich jüngeren Ursprungs. Diese Tatsache legt nahe, dass die baltischen und slawischen Sprachen zum Zeitpunkt des Übergangs der silbischen Sonanten von R zu iR und uR noch k’ und g’ besaßen oder diese bereits zu š und ž verschoben hatten (möglicherweise š und ž). Auch k’, g’, rš, ž müssen sehr weich gewesen sein.

Folglich muss man auf der Grundlage der Theorie des phonetischen Umfelds anerkennen, dass die regelmäßige Entwicklung der idg. silbischen Sonanten in den baltischen und slawischen Sprachen R > iR lautete. Die Entwicklung R > uR, die vom phonetischen Umfeld abhing (nach k und g), war dagegen eine Anomalie.

⁷ J. Kuryłowicz, L’apophonie en indo-européen, Wrocław, 1956, p. 227—243; O jedności językowej bałto-słowiańskiej, BPTJ, 16, 1957, p. 81—94; O балто-славянском языковом единстве, ВСЯ, 3, 1958, p. 23—24.

⁸ J. Kuryłowicz, L’apophonie en indo-européen, p. 229 (išnaša).

⁹ G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, p. 90.

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Der Vokal u ist nach bestimmten Konsonanten vor silbischen Sonanten auch in anderen idg. Sprachen entstanden. Nach Ansicht von V. Georgiev10 sind die idg. silbischen Sonanten nach Velarkonsonanten im Tocharischen zu uR geworden (nach allen übrigen zu āR). Im Altindischen wurde r nach Labialen und offenbar alten Labiovelaren vor Vokalen zu ur11. In derselben lautlichen Umgebung wurden auch l und r im Griechischen zu ul und ur.

Zwischen den baltischen und den slawischen, tocharischen, indo-iranischen und griechischen Sprachen besteht hier jedoch keinerlei genetische Verwandtschaft, denn es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Vokal u vor l und r nach bestimmten Konsonanten in jeder Sprache unabhängig entstanden ist.

Auch in anderen idg. Sprachen ist vor Sonanten der Vokal i entstanden. So wurde im Albanischen vor Vokalen idg. R nicht nur zu iR, sondern auch zu Ri12. In den keltischen Sprachen entstand vor Konsonanten der Vokal i nach den Sonanten l und r13. Von einer genetischen Verwandtschaft zwischen den baltischen, slawischen, albanischen und keltischen Sprachen kann ebenfalls keine Rede sein, denn die Umstände, unter denen neben dem Sonanten ein Vokal i entstand, waren in jeder Sprache verschieden: In den baltischen und slawischen Sprachen entstand iR sowohl vor Vokalen als auch vor Konsonanten, im Albanischen dagegen nur vor Vokalen; in den baltischen und slawischen Sprachen entstand der Vokal i vor den Sonanten, in den keltischen Sprachen dagegen nach den Sonanten.

Die pelasgische Sprache weist die ähnlichste Reflexion der idg. silbischen Sonanten auf: Hier wurden die silbischen Sonanten wie in den baltischen und slawischen Sprachen zu iR oder uR14. Eine genetische Verwandtschaft zwischen dieser Erscheinung in den baltischen und slawischen Sprachen einerseits und im Pelasgischen andererseits ist jedoch nicht nachweisbar, da die Verteilung von iR und uR im Pelasgischen unbekannt ist. Der Umstand, dass im Pelasgischen in bestimmten Fällen auch lu, ru sowie om, on entstanden, deutet wahrscheinlich darauf hin, dass die Reflexion der idg. silbischen Sonanten in den baltischen und slawischen Sprachen einerseits und im Pelasgischen andererseits unabhängig voneinander verlief.

Alles Gesagte lässt vermuten, dass die Entwicklung der idg. silbischen Sonanten R zu iR oder uR eine Innovation der baltischen und slawischen Sprachen ist.

Keine andere idg. Sprache weist dieselbe Reflexion der silbischen Sonanten auf wie die baltischen und slawischen Sprachen. In dieser Reflexion stimmen die baltischen und slawischen Sprachen völlig überein: Die slawischen Sprachen haben iR oder uR dort, wo auch die baltischen Sprachen sie haben (von einigen wenigen Fällen abgesehen15); sowohl in den baltischen als auch in den slawischen Sprachen wurden die idg. silbischen Sonanten R nicht nur in vorkonsonantischer, sondern auch in vokalischer Stellung zu iR oder uR. All dies zeigt, dass die baltischen und slawischen Sprachen während der Entwicklung der idg. silbischen Sonanten R zu iR oder uR in engem Kontakt standen: Eine in einem Gebiet einer Sprachgruppe entstandene Innovationswelle konnte auch das Gebiet der anderen erfassen.

Das Fehlen derselben Reflexion der silbischen Sonanten in jeder anderen idg. Sprache wie in den baltischen und slawischen Sprachen legt ebenfalls die Annahme nahe, dass die idg. silbischen Sonanten vokalisiert wurden (d. h. zu iR oder uR wurden), nachdem sich die baltischen und slawischen Sprachen bereits aus den Dialekten des nördlichen Areals der idg. Sprachgemeinschaft herausgebildet hatten.

Die idg. silbischen Sonanten R wurden in den baltischen und slawischen Sprachen wahrscheinlich zu iR oder uR, bevor sich die Intonationsopposition „Zirkumflex: Akut“ herausbildete, denn iR

10 В. Георгиев, Балто-славянский и тохарский языки, ВЯ, 6, 1958, p. 8—15.

11 T. Burrow, The Sanskrit Language, II impression, London, 1959, p. 86.

12 N. Jokl, Die Verwandtschaftsverhältnisse des Albanischen zu den übrigen idg. Sprachen, „Die Sprache“, 9, 1963, p. 120—122.

13 Г. Льюис и Х. Педерсен, Краткая сравнительная грамматика кельтских языков, Москва, 1954, p. 29.

14 В. И. Георгиев, Исследования по сравнительно-историческому языкознанию, p. 92.

15 Vgl. lit. sùrbti und russ. срáбáto, poln. sarbáć (aber kirchenslaw. srobati), lit. būrlas und russ. берлога. Solche Abweichungen sind keine besonders bedeutsamen Unterschiede zwischen den baltischen und slawischen Sprachen, da sie auch innerhalb der baltischen Sprachen selbst vorkommen (vgl. lett. tamnieku tūmsa und augšzemnieku tīmsa).

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und uR wurden als Diphthonge aufgefasst: iR bzw. uR erhielten den Zirkumflex, iR bzw. ūR (aus idg. *RH) hingegen den Akut. Da Lehnwörter finno-ugrischen Ursprungs aus dem Baltischen iR und uR aufweisen (vgl. finn. villa und lit. vilna, finn. kurpponen und lit. kūrpė), erfolgte der Wandel der idg. silbischen Sonanten in den baltischen Sprachen vor den Kontakten zwischen den baltischen und finno-ugrischen Sprachen.

Das Schicksal des idg. s

In den slavischen und indo-iranischen Sprachen veränderte sich der idg. Konsonant s nach k, r, i und u: In den slavischen Sprachen wurde er zu ch, in den indo-iranischen zu š (altind. ṣ, av. š). Im Litauischen ist idg. s nach k und r zu š geworden. Ob idg. s im Litauischen auch nach i und u verändert wurde, ist noch nicht endgültig geklärt. Vgl.:

lit. aukštas, lett. augsts: lat. augustus „erhaben“ (: lit. augti);

lit. makštis, lett. maksts: aksl. mošьna „Kästchen“ (aus *maks-ina) (: lit. makas „lederner Beutel (für Tabak, Geld)“, lett. maks „Beutel“, pr. danti-maks „Zahnfleisch, Zahnfleisch“, ahd. mago „Bauch“);

lit. veršis, lett. vērsis „Stier“, pr. werstian „Kalb“: altind. vṛṣaḥ, av. varšni- „Widder“, lat. verrēs „Eber, Zuchteber“ (lat. -rr- aus *rs);

lit. viršus, lett. virsus: aksl. vrъchъ, altostslaw. vrъchъ; altind. vārṣmā „Gipfel“, lat. verrūca „Erhebung; Warze“, ir. ferr „besser“ (lat. -rr- und ir. -rr aus *rs);

lit. maišas, lett. maiss, pr. moasis „Blasebalg“: aksl. měchъ „Sack“, altind. meṣáḥ „Widder“, av. maeša- „Schaf“;

lit. paišyti, lett. pāisīt „Flachs brechen“: altruss. pъchati „stoßen“, altind. piṣṭáḥ „gemahlen“, av. pišant- „zerstoßen“;

lit. jūšė (und jušė) „Fischsuppe“, pr. iuse „Juche, eine solche Suppe“: aksl. jucha „Suppe“, altind. yúḥ (yūṣám), lat. iūs;

lit. ausis, lett. auss, pr. ausins (Akk. Pl.): aksl. ucho, av. uši, got. ausō, gr. οὖς, lat. auris (lat. -r- aus -s-).

Wie die letzten Beispiele zeigen, steht im Litauischen in einigen Fällen nach i und u š (vgl. maišas und jūšė), in anderen dagegen s (vgl. paišyti und ausis). Daher stellt sich zwangsläufig die Frage: Hat sich idg. s im Litauischen nach i und u verändert oder nicht? Die Ansichten der Forscher zu dieser Frage gehen auseinander.

J. Endzelynas¹, K. Būga², J. Šeftelovičius³, E. Frenkelis⁴, J. Kurilovičius⁵, S. Bernšteinas⁶, G. Ševel iovas⁷ u. a. sind der Ansicht, dass sich idg. s nach i und u im Litauischen nicht verändert hat. Den Konsonanten š in vielen Beispielen des Typs maišas leiten sie von sk’ oder k’ her. Bei der Erklärung des Ursprungs dieses š stoßen die Vertreter dieser Konzeption jedoch auf große Schwierigkeiten-

¹ И. Эндзелин, Славяно-балтийские этюды, S. 51—60; J. Endzelin, Lettische Grammatik, S. 110; Über den slavisch-baltischen Reflex von idg. sk’, ZfslPh, 16, 1939, S. 107—115.

² K. Būga, RR, III, S. 589—590, 823; vgl. K. Буга, Судьба индоевропейского s в литовском языке (Handschriftenarchiv der Staatlichen Universität Vilnius, E 180).

³ J. Scheftelowitz, Die verbalen und nominalen sk’- und sk-Stämme im Baltisch-Slavischen und Albanischen, KZ, 56, 1929, p. 156—170.

⁴ E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen, S. 113; LEW, S. 397 (s. v. maišas).

⁵ J. Kuryłowicz, L’apophonie en indo-européen, p. 374.

⁶ С. Б. Бернштейн, Очерк сравнительной грамматики славянских языков, p. 161.

⁷ G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, p. 129.

6. Baltų ir slavų kalbų ryšiai

81

Darüber. So unterschiedlich und unzuverlässig wird der Ursprung des Lautes -š- erklärt, zum Beispiel im Wort laiškas.

H. Peterson8 leitete das litauische Wort laiškas von *loik’sko- ab. Um den Ursprung der Lautverbindung -šk- in Wörtern des Typs laiškas zu erklären, äußerte K. Būga9 die Ansicht, dass idg. sk’ im Litauischen zu šk’ geworden sei10. Daher stamme lit. laiškas seiner Meinung nach von *loisk’-. J. Šeftelovičius11 stellte lit. laiškas und s. sl. listъ zu s. ind. līs- „zerreißen“ und leitete sie von *lik’-ko- beziehungsweise *lik’-to- ab.

Wenn man einen Wandel von idg. s nach i und u zu š nicht anerkennt, lässt sich der Konsonant š im Suffix -iškas kaum erklären. Da er nicht wusste, wie dieses š zu erklären sei, betrachtete J. Šeftelovičius12 das Suffix -iškas als Entlehnung aus den slawischen Sprachen. J. Endzelin nahm13 an, dass es neben *-isko- früher auch das Suffix *-isk’o gegeben habe (aus dem lit. *-iša- hervorgegangen sei). J. Endzelins Behauptung, das Suffix -iškas sei durch Kontamination dieser Suffixe entstanden, ist nicht überzeugend.

H. Pedersen14, K. Brugmann15, H. Arncas16, A. Vaillant17, J. Otrębski18 und O. Semerenji19 waren der Ansicht, dass idg. s im baltischen Sprachverband nicht nur nach k und r, sondern auch nach i, u verändert worden sei. Diese Schlussfolgerung wurde nicht durch das Material der baltischen Sprachen gestützt. Sie beruhte auf der Annahme, dass die baltischen und slawischen Sprachen einst eine sprachliche Einheit gebildet hätten: Da idg. s nach i und u in den slawischen Sprachen verändert worden sei, müsse es sich auch in den baltischen Sprachen verändert haben, die früher mit den slawischen eine Einheit gebildet hätten.

Um zu erklären, warum im Litauischen nach i und u in manchen Fällen š, in anderen aber s steht, formulierte H. Pedersen folgendes Gesetz20: Nach einem akutierten Vokal blieb š erhalten (vgl. jūšė), nach einem zirkumflektierten Vokal wurde š dagegen wieder zu s (vgl. saũšas). Dem Gesetz widersprechen jedoch die litauischen Sprachdaten: In vielen Fällen steht s nach einem akutierten Vokal (vgl. ãusas „Gold“, lýsė, viẽšulas, kláusė u. a.), während š nach einem zirkumflektierten Vokal auftritt (vgl. maišas, kiũši u. a.).

A. Mejẹ21, R. Trautmann22, V. Pisani23 und V. Porzig24 behaupteten, dass idg. s nach i und u im Litauischen an manchen Stellen durch den Konsonanten š, an anderen durch den Konsonanten s vertreten werde.

8 H. Petersson, Arische und armenische Studien, Lund—Leipzig, 1920, p. 91.

9 K. Būga, RR, II, p. 285—286.

10 Das idg. sk’ wurde im Litauischen wahrscheinlich zu š, vgl. J. Scheftelowitz, op. cit., p. 165—170; J. Endzelin, Über den slavisch-baltischen Reflex von idg. sk’, p. 107—115; M. Leumann, Idg. sk’ im Altindischen und im Litauischen, IF, 58, 1941, p. 1—26, 113—130.

11 J. Scheftelowitz, op. cit., p. 196.

12 J. Scheftelowitz, op. cit., p. 197.

13 J. Endzelin, Über den slavisch-baltischen Reflex von idg. sk’, p. 112—113.

14 H. Pedersen, Das indogermanische s im Slavischen, IF, 5, 1895, p. 33—87.

15 K. Brugmann, Grundriss der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen, I, 2, p. 781.

16 H. Arntz, Sprachliche Beziehungen zwischen Arisch und Balto-Slawisch, Heidelberg, 1933 p. 9—10.

17 A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, p. 32.

18 Я. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство, ВЯ, 5, 1954, p. 32—34.

19 O. Szemerényi, The Problem of Balto-Slav Unity — A Critical Survey, p. 105—107.

20 H. Pedersen, op. cit., p. 77—78.

21 A. Meillet, Les dialectes indo-européens, p. 85.

22 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 169; Baltisch-Slavisches Wörterbuch, p. 165 ir 250 (s. v. maiša- ir sausa-).

23 V. Pisani, Balto e slavo, StB, 2, 1932, p. 16.

24 W. Porzig, Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets, p. 165.

82

Bei der Beantwortung der Frage, ob ide. s im Litauischen nach i und u zu š wurde oder nicht, hilft die Analyse des litauischen Sprachmaterials.

Hier sind Beispiele, in denen im Litauischen anstelle des s anderer ide. Sprachen š steht: maišas, riešas (riešutas), višta, glušas, jušė (jušė), kriaušė, kruša, kūšys, rūšė, pušė (puškas), aiškus (eiškus), ieškoti, kišką, laiškas (laiskas), miškas, reiškia; -uš- (ėpušė, kermušė, vėtušas), *-ištja- (eriščias) und -išk- (moteriškas). Die Verben rišti, aušti und traušti sind zweifelhaft, da ihr -š- auch aus -s-sk’ oder -sk’ stammen kann.

Hier sind hingegen Beispiele, in denen ide. s nach i und u nicht zu š wurde: ausis, mušė, mušas, pusė; ausas (auksas), blusà, lỹsė, usnis, iesmė, viesulas, visas, pliauskà (plauska); paisyti, tiešti (teisti), veisti, daūsos, klausyti, kniaustis, niausti, praušti, saūsas, tausytis, triušti, das Suffix -us- der Partizipien der Vergangenheit (vgl. mirusį25). Der Vergleich mit den entsprechenden Belegen anderer ide. Sprachen zeigt, dass das Element -s- in diesen Wörtern alt ist und zweifellos bereits vor dem Wandel von ide. s zu š vorhanden war. Deshalb wäre hier nach i und u š statt s zu erwarten.

Bei der Frage, warum ide. s in diesen Wörtern nicht zu š wurde, muss man die Tatsache berücksichtigen, dass der Konsonant unversehrt blieb, wenn zwischen ihm und den Vokalen i und u eine Morphemgrenze lag26. Bei einigen der hier angeführten Wörter gehörte das Element s ebenfalls zu einem Morphem, die Vokale i und u dagegen zu einem anderen; vgl.:

plau-sk-à, pliau-sk-à (: plaũ-t-as, pliaũ-t-as, lett. plàu-kt-s, plàu-t-s),

viė-s-ulas, vė-s-ulas (: vė-jas, vė-tra),

pai-s-yti (: pai-l-yti, pai-v-yti, peĩ-k-ė, peĩ-k-enà),

kniaũ-s-tis, kniaũ-s-ėsi (: kniaũ-t-esi)27.

Dasselbe gilt für lit. niaũ-s-ti „herablassen, den Kopf neigen“, apsi-niaũ-s-ti „missmutig sein“, niau-s-óti „traurig, missmutig sein“. Weder die Laute noch die Bedeutung sprechen gegen eine Verbindung mit lit. niaũ-k-tis (niáu-k-tis) „sich mit Wolken bedecken“, niau-k-ùs „bewölkt, dunkel“ und niau-r-ùs „missmutig, böse“.

Zum Zeitpunkt des Wandels von ide. s zu š konnte s aufgrund des Nebeneinanders bedeutungsähnlicher Formen mit anderen wurzelauslautenden Konsonanten als Suffix, d. h. als zu einem anderen Morphem gehörig als i und u, aufgefasst werden.

Die Erklärung, dass das Element -s- nicht zu -š- wurde, weil es zu einem anderen Morphem gehörte als i und u, trifft nicht auf alle Wörter zu, die ein unverändertes s bewahrt haben. Sie trifft nicht auf jene Wörter zu, die offenbar nie eine asigmatische Form hatten und in denen s wahrscheinlich kein Formans war, vgl. lit. tausytis „sich legen (vom Wind)“, lett. tusēt „schwer atmen, ersticken“, pruß. tusnan „ruhig, still“, akslaw. po-tuchnǫti „verderben“, ai. tuṣyati „(er) beruhigt sich“. Daher müssen diese Wörter anders erklärt werden.

Es ist durchaus möglich, dass ide. s nach i und u im Litauischen vor einigen Konsonanten (zum Beispiel vor j) nicht zu š wurde28.

Das unter diesem Gesichtspunkt überprüfte Material zeigt, dass die meisten Wörter ihr -s- vor j(i) haben, vgl. das Element *-sja, das in den Wörtern *peisja (von paisyti), tiešia, teisčia, veisia, kláusia (klausyti, wo s vor i steht), kniausiasi, praušia, *teusjasi (von tausytis, wo s vor i steht), triūšia, ausgesondert wird. Das Suffix -us- der Partizipien der Vergangenheit stand ebenfalls stets vor j, vgl.

25 Alle Wörter und Fälle, in denen š und s anstelle des s anderer ide. Sprachen stehen, sind im Aufsatz „К вопросу об н.-е. *s после i, u в литовском языке“, „Baltistica“, I(2), 1966, S. 113–126, zusammengestellt.

26 Op. cit., S. 122.

27 Zu Bedeutungen und Etymologien siehe E. Fraenkel, LEW; K. Būga, RR, I–III (Register).

28 „Baltistica“, I(2), 1966, S. 125.

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vor j, vgl. mirusio ir mirusios aus *mirusiō ir *mirusjās. Solche i-stämmigen Substantive wie ausis, musis (vgl. auch den jā-Stamm musià, wo s vor j stand) und pùšis, die aus alten konsonantischen Stämmen hervorgegangen sind, scheinen wesentlich älter zu sein als ihre ē-stämmigen Formen, vgl. mùsė, pùsė.

Bei anderen Wörtern stand s vor v(u) (vgl. lýsvė, viesulas), m und n (vgl. iesmė ir usnis).

Die meisten Wörter, in denen s nach i und u unverändert blieb, haben dieses s also vor den Sonanten j(i), v(u), m und n. Offenbar muss eine solche Stellung von s auch in den Wörtern gesucht werden, auf die jetzt kein Sonant auf s folgt. So standen etwa in den Wörtern aũsas, blusà, aũsos, dùsas, mùsas oder mùsos, saũsas, visàs die Morpheme aus-, blus-, daus-|dus-, mūs-|mus-, saus-, vis- viel häufiger vor sonantischen Konsonanten und Vokalen als vor dem Morphem -a- (-o-), vgl. auksinis, auksinti, auksýti, auksius (Akzent unbekannt), auksnas, áuksinas, auksioti (-k- ist hier sekundär, vgl. pruß. ausis und lat. aurum); blusia (Akzent unbekannt), blùsinas, blusýnas, blusinėti, blusingas, blusinis, blusinti, blùsius; dūsúoti, dūsinti (lett. dusinat), dūsýti, dùsnà, dusulýs (lett. dusulis), duslùs; mūsýti, musýti; saũsis, sausmė, sausra, sausumà, susnà; vismet, visur, lett. visur (vgl. auch akslaw. vьsь und ai. viṣú-, die möglicherweise darauf hindeuten, dass das baltische Wort früher ebenfalls i oder u haben konnte).

Das hier dargelegte Material scheint die Schlussfolgerung zu erlauben, dass ide. s nach i und u in den baltischen Sprachen unverändert blieb, möglicherweise dann, wenn es unmittelbar vor Sonanten stand.

Nichts spricht also gegen die Annahme, dass ide. s nach i und u auch in den baltischen Sprachen zu š wurde, natürlich mit Ausnahme jener Fälle, in denen dieses s zu einem anderen Morphem gehörte als i und u und unmittelbar vor Sonanten stand.

In den baltischen Sprachen veränderte sich ide. s in der Stellung nach k, r, i, u also ebenso wie in den slawischen und indo-iranischen Sprachen. Dass diese Erscheinung gemeinbaltisch war, zeigen Lehnwörter baltischen Ursprungs in den ostseefinnischen Sprachen des Ostseeraums, in denen dem baltischen š (und ž) der Laut h entspricht, der nur aus š entstanden sein kann (vgl. finn. halla, estn. hall und lit. šalnà, lett. salna; finn. hihna, estn. ihn und lit. šìkšnà, lett. siksna). Das urbaltische š, entstanden aus ide. s nach k, r, i, u und aus ide. ḱ, sowie sein Korrelat ž, entstanden aus ide. gʰ und gʰh, wurden im Lettischen und Prußischen aufgrund der Besonderheiten ihrer phonologischen Systeme zu s und z. Unverändert blieben sie nur im Litauischen.

Einige Forscher (A. Meje⁽²⁹⁾, S. Bernstein⁽³⁰⁾ u. a.) meinen, Spuren des Wandels von ide. s zu š in der prußischen Sprache erkennen zu können, wo (im dritten Katechismus) tatsächlich neben -rs- auch -rsch- vorkommt (vgl. pruß. kirscha, kerscha neben kirsa, pirschau neben pirsdai). Diese Erscheinung im Prußischen ist wahrscheinlich nicht als Relikt des urbaltischen Zustands, sondern als neu entstandene prußische Neuerung (möglicherweise unter deutschem Einfluss⁽³¹⁾) anzusehen, die mit dem Wandel von *sj zu š und dem Auftreten des Lautes š in den Verbindungen šp-, šk-, šl- zusammenhängt.

Der Wandel von ide. s nach k, r, i, u zu š ist eine den baltischen, slawischen und indo-iranischen Sprachen gemeinsame Erscheinung. Daher kann er keine Innovation der baltischen und slawischen Sprachen sein. Für die Charakterisierung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen ist wichtig, dass die Bedingungen, unter denen ide. s zu š wurde, in jeder Sprachgruppe unterschiedlich waren.

29 A. Meillet, Les dialectes indo-européens, S. 85.

30 С. Б. Бернштейн, Очерк сравнительной грамматики славянских языков, р. 161.

31 И. Эндзелин, Славяно-балтийские этюды, р. 60—68; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 37.

84

In den slawischen Sprachen wurde ide. s nur vor Vokalen zu ch, während es unverändert blieb, wenn ihm ein Sonant oder ein Konsonant folgte32 (vgl. s. sl. pracho aus *parsas und s. sl. prъstъ aus *pṛstis). In den baltischen und indo-iranischen Sprachen dagegen wurde ide. s im Gegensatz zu den slawischen Sprachen nicht nur vor Vokalen, sondern auch vor Konsonanten zu š. In den baltischen Sprachen blieb ide. s wie in den slawischen Sprachen nach i und u vor Sonanten unverändert.

Im Altindischen wurde ide. s im Gegensatz zu den baltischen und slawischen Sprachen nicht nur nach k, r, i, u, sondern auch nach k’ l und i, das aus ide. H hervorgegangen war, zu š. In den indo-iranischen Sprachen war diese Erscheinung so stark ausgeprägt, dass hier sogar z nach den genannten Lauten zu ž wurde (vgl. av. mūždam und s. sl. mbzda). Im Altindischen verhinderte ein nachfolgendes r den Wandel von ide. s zu š (vgl. s. ind. tisrāḥ, Fem. „drei“), und häufig auch der Anusvara33.

All dies lässt vermuten, dass ide. s nach k, r, i, u wahrscheinlich in den baltischen, slawischen und indo-iranischen Sprachen jeweils unabhängig voneinander wandelte34. Auch der Umstand, dass in den modernen indoarischen Sprachen (Sindhi, Hindi usw.) altindisches š zu kh und h geworden ist, weist möglicherweise auf eine parallele Entwicklung von ide. s in den genannten drei Sprachgruppen hin35. Zweifellos ist diese Erscheinung der indoarischen Sprachen genetisch nicht mit der ähnlichen Erscheinung in den slawischen Sprachen verwandt (sl. ch stammt wahrscheinlich aus einem älteren š). Der Umstand, dass ide. s nach u in den Kafirsprachen unverändert blieb36, lässt vermuten, dass ide. s sich recht spät wandelte, und zwar erst in den bereits herausgebildeten Dialekten der indo-iranischen Gruppe.

Die Schlussfolgerung, dass ide. s nach k, r, i, u sich in den baltischen und den slawischen Sprachen jeweils unabhängig wandelte, wird schließlich auch durch das Material der baltischen Sprachen selbst gestützt. Dass die baltischen und slawischen Sprachen zum Zeitpunkt des Wandels von ide. s nach k, r, i, u zu š bereits zwei eigenständige sprachliche Einheiten waren, zeigt der Umstand, dass in den baltischen Sprachen ein s, das zu einem anderen Morphem als i und u gehörte, unverändert blieb, während es in den slawischen Sprachen auch hier zu ch wurde (vgl. die Lokative Pluralis lit. avi-sù und s. sl. gostb-chъ, lit. tri-sù und s. sl. trb-chъ). Hätten die baltischen und slawischen Sprachen damals eine Einheit gebildet, wäre ein solcher Unterschied vermutlich nicht aufgetreten. Zum Zeitpunkt des Wandels von ide. s zu š oder unmittelbar danach wirkten in den baltischen und slawischen Sprachen deutlich entgegengesetzte Tendenzen: In der baltischen Flexion wurde überall s verallgemeinert, während in den slawischen Sprachen umgekehrt das Flexions-ch auch in Positionen gelangte, in denen es phonetisch nicht motiviert war (vgl. s. sl. synъ-chъ und žena-chъ statt der erwarteten Form *žena-sъ). In den baltischen Sprachen wurde ide. s nach i und u vor Sonanten nicht zu š, während in den slawischen Sprachen ch analogisch auf Suffixe und Wortstämme übertragen wurde, in denen es phonetisch nicht entstehen konnte (vgl. s. sl. spě-chъ neben spě-ti und russ. ma-x-ámъ neben má-ámъ, d. h. má-j-atъ).

Obwohl, wie erwähnt, ide. s recht spät zu š wurde, etwa erst in bereits herausgebildeten indo-iranischen Dialekten, wandelte es sich andererseits erheblich früher als viele Lautveränderungen in den baltischen und slawischen Sprachen eintraten. So wurde ide. s in den baltischen Sprachen offenbar früher zu š, als t und d vor s schwanden (vgl. lit. garšas aus *gord-s-os). Dieser Gedanke liegt nahe, weil der Wandel von ide. s zu š nach k, r auch die Suffixe erfasste (vgl. garšas, garšvà).

32 J. Kurilovičius meint (L’apophonie en indo-européen, S. 374), dass ide. s in den slawischen Sprachen auch vor Konsonanten zu š geworden sei (> sl. ch), das sich erst später zu s verändert habe.

33 A. Thumb, R. Hauschild, Handbuch des Sanskrit, I, Heidelberg, 1958, p. 306; T. Burrow, The Sanskrit Language, p. 79–80.

34 C. C. Uhlenbeck, Miscellen. 1. Zur Geschichte des s im Slavischen, KZ, 39, p. 599–600; A. Meillet, Les dialectes indo-européens, p. 84–85; И. Эндзелин, Славяно-балтийские этюды, p. 74.

35 J. V. Lazicius, Zur Wandlung idg. s>sl. ch, IF, 51, 1933, p. 196–199.

36 G. Morgenstierne, Indo-European k’ in Kafiri, NTS, 13, 1945, p. 225–238.

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Der Wandel von s zu ch in den slawischen Sprachen erfolgte früher als die Monophthongierung des Diphthongs ai und die Metathese von er sowie or im Südslawischen beziehungsweise die Pleophonie im Ostslawischen, denn nach den Diphthongen ai und er sowie or hat sich ide. s verändert.

Die Tatsache, dass in den baltischen Lehnwörtern der finno-ugrischen Sprachen des Ostseeraums dem baltischen š (und ž) der Laut h entspricht, der aus š entstanden sein könnte, zeigt, dass die Kontakte zwischen den Balten und den finno-ugrischen Völkern des Ostseeraums zu einer Zeit einsetzten, als ide. s nach k, r, i, u und ide. k’ in den baltischen Sprachen bereits zu š geworden waren.

Der Wandel von ide. s nach k, r, i, u zu š in den baltischen Sprachen war strukturell mit der Assibilierung von ide. k’ verbunden. Bereits 1908 bemerkte A. Meje, dass die palatalen Velare in jenen ide. Dialekten assibiliert worden waren, in denen ide. s nach k, r, i, u zu š geworden war³⁷. Dass die Veränderung von ide. s nach k, r, i, u und die Assibilierung von ide. k’ synchronisch miteinander verbundene strukturelle Prozesse waren, zeigt deutlich das gleiche Ergebnis dieser Prozesse: s nach k, r, i, u und ide. k’ wurden im Litauischen zu š. Damit wird auch der phonologische Prozess des Wandels von ide. s nach k, r, i, u zu š verständlich.

Nach dem Plosiv k, dem mit der Zungenspitze gebildeten r und nach den hohen Vokalen i und u war die Artikulation des Konsonanten s wahrscheinlich höher, und der Laut wurde vermutlich leiser und weniger deutlich ausgesprochen. Akustisch könnte diese Variante des Konsonanten s ein Zwischenlaut zwischen dem heutigen litauischen s und š gewesen sein, d. h. sie könnte š gewesen sein. Der Wandel der „hohen Variante“ des Konsonanten s zu einem selbständigen Phonem hing damit zusammen, dass im Laufe der Sprachentwicklung die Verbindungen *-rś- und *-rḱ-, *-iś- und *-iḱ- usw. zusammenfielen. Das Ergebnis ihres Zusammenfalls waren -rš- und -iš-. Doch auch die Verbindung *-oḱ- wurde zu -aš-. Da die Verbindung *-os- jedoch gerade das Phonem /s/ (und nicht dessen „hohe Variante“ š) enthielt, waren š und s phonologisch unterschiedliche Laute. Auf diese Weise spaltete sich das Phonem /s/ in zwei verschiedene Einheiten — i s und š³⁸.

Auf Grundlage der in diesem Kapitel angeführten Daten lassen sich folgende Schlussfolgerungen zu den Beziehungen zwischen den Dialekten der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft ziehen:

1) Zum Zeitpunkt des Wandels von ide. s nach k, r, i, u zu š waren die baltischen, slawischen und indo-iranischen Dialekte bereits selbständige sprachliche Einheiten (vgl. die oben angeführten unterschiedlichen Einzelheiten dieses Wandels);

2) Während dieses Wandels standen die baltischen, slawischen und indo-iranischen Dialekte in gewissem Kontakt: In allen drei Sprachgruppen veränderte sich ide. s in derselben Position, und auch das Ergebnis dieser Veränderung war dasselbe.

Die Entwicklung der ide. palatalen Velare

Die (dialektalen) k’, g’, g’h der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft wurden in den baltischen und slawischen Sprachen assibiliert. Im Litauischen wurden sie zu š, ž, im Lettischen, Altpreußischen und Slawischen zu s, z; vgl.:

lit. šimtas, lett. simts, aksl. sъto, altind. śatám, avest. satəm: gr. ἑκατόν, lat. centum, ahd. hund, toch. kante;

lit. širdis, lett. sirds, apr. seyr (aus *šer(d)), aksl. srъdъ-ce, altruss. sьrd-ce: gr. καρδία, lat. cor cordis, heth. kard-;

lit. paršas, apr. parstian (belegt als prastian Voc. 686), altruss. porosja, serb.-kroat. prâse: ahd. farah, lat. porcus „Schwein, Eber“, gr. πόρκος;

lit. žiemà, lett. ziema, apr. semo (s- ist als z- zu lesen), aksl. zima, altind. hēman „im Winter“ (h- aus ide. g’h-): gr. χεῖμα, lat. hiems, heth. gimmant-;

37 „Die Linie des š/s-Wandels stimmt also im Großen und Ganzen mit der Linie des Wandels der Gutturale überein“, A. Meillet, Les dialectes indo-européens, S. 86.

38 A. Martinet, Concerning some Slavic and Aryan Reflexes of IE s, „Word“, 7, 1951, S. 91–95.

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lit. žvėris, lett. zvērs, altpr. swīrins (Akk. Pl.), aksl. zvěrъ: gr. θήρ, lat. ferus (f- aus g’h);

lit. bėržas, lett. bērzs, altpr. berse, aksl. brěza, serb.-kroat. breza, altind. bhūrjāh: ahd. birihha (hh aus germ. k < ide. g’).

Aus den angeführten Beispielen geht hervor, dass einige idg. Sprachen Spiranten, andere in denselben Wörtern dagegen Verschlusslaute aufweisen. Früher wurde diesem phonetischen Merkmal der idg. Sprachen große Bedeutung beigemessen: Danach wurden die idg. Sprachen in zwei Dialekte eingeteilt – einen Kentum- und einen Satemdialekt (nach den lateinischen und avestischen Bezeichnungen für Hundert, centum und satam). Als Erster schlug P. von Bradke 1888 eine solche dialektale Gliederung des idg. Sprachgebiets vor1. Dank der Zustimmung K. Brugmanns2 wurde die Einteilung der idg. Sprachen in Kentum- und Satemdialekte allgemein anerkannt. Nach dieser Einteilung wurden zur Gruppe der Satemsprachen neben den erwähnten baltischen und slawischen Sprachen auch die indo-iranischen, armenischen und albanischen Sprachen gezählt, zur Gruppe der Kentumsprachen dagegen die griechischen, italischen, keltischen, germanischen und illyrischen. Der sprachlichen Klassifikation entsprach die geographische Lage der idg. Sprachen: Alle Satemsprachen lagen im Osten des idg. Sprachgebiets, die Kentumsprachen dagegen im Westen.

Im Laufe der Zeit begann man jedoch zu bezweifeln, ob die Isoglosse der Affrizierung palataler Konsonanten als Grundlage für die dialektale Einteilung der idg. Sprachen dienen könne. Nach der Untersuchung der erst kürzlich entdeckten tocharischen und hethitischen Sprachen zeigte sich, dass sie trotz ihrer geographischen Lage zwischen den Satemsprachen dennoch Kentumsprachen sind. Damit verlor die Centum-Satam-Theorie ihr geographisches Argument. Außerdem finden sich Elemente der Kentumsprachen auch in den Satemsprachen selbst, besonders in denen, die weiter westlich liegen (zum Beispiel im Baltischen und Slawischen); umgekehrt gibt es Elemente der Affrizierung palataler Velare auch in Kentumsprachen (vgl. einige Affrizierungserscheinungen im Hethitischen). In den baltischen und slawischen Sprachen wechseln ein velarer Konsonant und ein Spirant häufig innerhalb derselben Wurzel, sodass Wechsel lit. š: k, ž: g und slaw. s: k, z: g entstehen, vgl. lit. šaukti, lett. saukt: lit. kaukti; lit. šeima: kiemas, kaimas; lit. šleivas: klevas, lett. klēvs; lit. šliubas: kliubas, lett. kluhurs; lit. šliaukti: kliaukti; lit. ašmuõ, altind. aśmā „Stein, Fels, Himmel“: lit. akmuõ, lett. akmens, gr. ἄκμων „Amboss“; lit. aštrùs: akūotas; lit. krėšti, krešėti: krėkti, krekėti, lett. krecēt; lit. šùnpis: kùmpis; lit. šuõ, lett. suns, altpr. sunis: lett. kuņa „Hündin“; lit. švañkšti: kvañkšti; lit. šviẽti, aksl. světěti: lett. kvitēt; lit. ker̃džius, altpr. kerdan (Akk. Sg.) „Zeit“, aksl. črěda „Herde; Vieh“: altind. śárdhah „Herde“; altind. rúsant-: lit. laũkas; lit. smãkras (auch smakrà), alb. mjekër „Kinn; Bart“ (aus *smekrā-): altind. śmáśru „Bart“ (ś- aus s-); lit. pėkus „Vieh“, altpr. pecku, lat. pecu: altind. paśúh, av. pasu-; lit. žárdis „eingezäunter Platz für Vieh“: gárdas, aksl. gradъ „Stadt“; lit. žėltas „gelblich“: geltãs; lit. žentas, aksl. zetъ: lit. gentis „Verwandte“; lit. žnybti, žnaibyti: gnybti, gnaibyti; lit. aržóti „schreien, rufen; sich streiten, sich schlagen“: argóti „schlagen“; altpr. gunsix „Beule“: lit. gūnglė „Beule“; lit. įstrižas: įstrigas; aksl. brěgъ „Ufer“: av. barǝzah- „Berg“ (vgl. ahd. berg); aksl. kotora „Streit“: altind. śátruh „Feind“; aksl. kloniti: altruss.-ksl. sloniti se, altind. śrāyate „(er) lehnt sich an“; altruss. světo: květo.

1 P. von Bradke, Beiträge zur Kenntnis der vorhistorischen Entwicklung unsres Sprachstamms, Giessen, 1888.

2 K. Brugmann, Grundriss der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen, I, 1, p. 542—544.

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Es gibt Fälle, in denen die baltischen Sprachen einen Spiranten, die slawischen dagegen einen Velar aufweisen, oder umgekehrt die baltischen Sprachen einen Velar und die slawischen einen Spiranten, vgl. lit. klausyti, lett. klāusīt, altpr. klausīton „erhören, anhören“: aksl. slušati (doch weisen auch die baltischen Sprachen einen Spiranten auf, vgl. lit. šlovė, šlovinti, lett. slava, slavēt); lit. šešūras, altind. śváśuraḥ: aksl. svekrъ; lit. šokti: aksl. skokъ; lit. žąsis, lett. žūose, altpr. sansy: slaw. *gǫsь (russ. гусь, poln. gęś); lit. žvaigždė, lett. zvaigzne, altpr. swāigstan (Akk. Sg.) „Schein, Licht“: aksl. zvězda (zv- aus gv-), poln. gwiazda; altpr. massī „ich kann, ich vermag“: aksl. moga usw.

Diesen unterschiedlichen Reflexen der idg. palatalen Konsonanten in den baltischen und slawischen Sprachen sollte man keine große Bedeutung beimessen, da solche unterschiedlichen Reflexe auch innerhalb der baltischen Sprachen vorkommen.

Aus den angeführten Beispielen geht hervor, dass es in den baltischen und slawischen Sprachen Kentumelemente gibt. Sie sind also keine reinen Satemsprachen.

Die baltischen und slawischen Sprachen sind nicht die einzigen unter den Satemsprachen, in denen Kentumelemente vorkommen. Auch in den albanischen, thrakischen und phrygischen Sprachen ist ein Wechsel zwischen Spiranten und Velaren zu beobachten. Im Hethitischen und einigen anderen anatolischen Sprachen ist idg. k’ vor u zu s geworden (vgl. ašuwa „Pferd“), während in allen anderen Positionen die velaren und palatalen Konsonanten zusammenfielen³.

Alle jene Sprachen, in denen Spiranten und Velare innerhalb derselben Wurzel wechseln, bilden eine Gruppe von Übergangsdialekten zwischen den im Osten und Westen gelegenen idg. Sprachen. Daher unterschied V. Porzig im Gebiet der Affrizierung palataler Konsonanten mit gutem Grund zwei Areale: das erste, zu dem die indo-iranischen und armenischen Sprachen gehören und in dem die palatalen Konsonanten mit wenigen Ausnahmen durchweg zu Spiranten geworden sind, und das zweite, das die bereits erwähnten Übergangsdialekte umfasst⁴. Die für die sogenannten Satemsprachen charakteristische Erscheinung, dass Spiranten mit Velaren wechseln, bemerkte bereits 1904 E. Zupitza; er wies darauf hin, dass im Westen des Satemareals der Anteil der Formen mit Velaren größer sei als im Osten⁵. Da die slawischen Sprachen weiter östlich im idg. Sprachgebiet liegen, gibt es entsprechend auch weniger Formen, in denen Velare anstelle von Spiranten stehen⁶.

Worauf es zurückzuführen ist, dass im Baltischen und Slawischen, aber auch in anderen idg. Sprachen k, g anstelle der erwarteten š, ž beziehungsweise s, z auftraten, darüber besteht keine einheitliche Auffassung.

Die meisten Beispiele des Typs lit. pėkus, slaw. *gąsь wurden für germanische Lehnwörter gehalten⁷ oder als unter dem Einfluss der Kentumsprachen in ihrer Lautgestalt verändert angesehen⁸.

Da es recht viele Formen mit k, g anstelle der erwarteten š, ž (slaw. s, z) gibt, erscheint es nicht zweckmäßig, sie als Lehnwörter anzusehen. Wenn pėkus als Lehnwort betrachtet wird, müsste man der Konsequenz halber

3 Вяч. В. Иванов, Проблема языков centum и satem, ВЯ, 4, 1958, p. 19; Хеттский язык, Москва, 1963, p. 90. Einige Forscher (z. B. H. Kronasser, siehe sein Vergleichende Laut- und Formenlehre des Hethitischen, Heidelberg, 1956, p. 229) neigen jedoch dazu, Wörter mit Spiranten wie heth. ašuwa „Pferd“, šuwana (Akk. Sg.) „Hund“ usw. als Lehnwörter aus den indo-iranischen Sprachen anzusehen.

4 W. Porzig, Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets, p. 74.

5 E. Zupitza, Zur Gutturalfrage, K.Z. 37, 1904, p. 400.

6 Anders meint G. Ševelióvas; siehe G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, p. 141–145.

7 Zu lit. pėkus siehe K. Būga, RR, II, p. 85–86; zu slaw. *gąsь siehe K. Brugmann, Kurze vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen, Berlin und Leipzig, 1922, p. 158.

8 So meint M. Fasmer (REW, I, S. 324), der Laut z- in sl. *zǫsь (vgl. lit. žąsis) sei unter dem Einfluss der germanischen Sprachen durch g- ersetzt worden; vgl. ahd. gans. E. Frenkel (Die baltischen Sprachen, S. 15) vertritt dagegen die Auffassung, der Konsonant k in lit. pėkus, apr. pecku sei entstanden, als die alte baltische Bezeichnung für Rindvieh mit š (vgl. lit. pešti) mit got. faihu „Geld“ (aus *peku) gekreuzt wurde.

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als Lehnwort zu betrachten und kleivas. Es wäre wenig plausibel, dass die Balten, obwohl sie ein eigenes Wort šleivas besaßen, noch zusätzlich kleivas mit genau derselben Bedeutung entlehnt hätten.

Das Auftreten der velaren Konsonanten k und g anstelle der erwarteten š und ž (lett., apr. und sl. s und z) erklärten andere Forscher gern durch die dissimilierende Wirkung benachbarter Konsonanten. A. Meillet behauptete, k’ und g’ seien in den slavischen Sprachen unter dem Einfluss von s zu k und g geworden⁹. E. Frenkel teilte Meillets Auffassung¹⁰. Ähnlich dachte auch A. Vaillant¹¹: k’, g’, g’h seien in den baltischen und slavischen Sprachen zu k, g geworden, wenn sie nach s oder š standen. Das k in lit. klausyti habe nach Vaillant seine Form aus der Konstruktion iš-klausyti erhalten. Die Deutung Meillets und Vaillants¹² lässt den ziemlich häufigen Wechsel zwischen k, g und š, ž unerklärt.

Nach S. Agrell und K. Būga¹³ seien idg. k’ und g’ vor r in den baltischen und slavischen Sprachen nicht zu š und ž bzw. s und z geworden; vgl. lit. smákras und ai. śmáśru. Wörter des Typs šleivas: kleivas, in denen die velaren Konsonanten nicht vor r stehen, hielt K. Būga nicht für Ableitungen aus einer gemeinsamen Wurzel¹⁴. Es lassen sich jedoch litauische Formen finden, in denen die Konsonanten k und g, obwohl sie nicht vor r stehen, anstelle der erwarteten š und ž auftreten; vgl. lit. akmuo und ai. aśmá.

V. Machek neigt zu der Auffassung¹⁵, dass palatale Velarkonsonanten vor den Sonanten r und l sowie vor hinteren Vokalen (vor dunklen Vokalen) depalatalisiert worden sein könnten.

Den Wechsel k, g: š, ž bzw. s, z in den baltischen und slavischen Sprachen versuchten weitere Forscher (A. Brückner¹⁶, G. Shevelov¹⁷, W. Lehmann¹⁸ u. a.) durch den Wechsel idg. velarer und palataler Konsonanten (k, g, gh: k’, g’, g’h) zu erklären. Bei der Untersuchung der Entstehung dieses Konsonantenwechsels stellte W. Lehmann folgende Sachverhalte fest: 1) In den idg. Sprachen hängt die Artikulation palataler und velarer Velarkonsonanten von der Artikulation der auf sie folgenden Vokale ab: vor e hat der Velarkonsonant eine Vorderzungenartikulation, vor o eine Hinterzungenartikulation, vor a ist sie neutral, also nicht palatal; 2) das sატəm-Phänomen trat in jenen idg. Dialekten auf, die das Vokalsystem vereinfacht hatten; 3) vor a und r gibt es niemals k’, g’, g’h¹⁹. Auf der Grundlage dieser Fakten folgert W. Lehmann, die ursprüngliche Opposition der Velarkonsonanten in den idg. Sprachen sei k: kʷ (bzw. g: gʷ und gh: gʷh) gewesen; der palatale Konsonant k, der in den Satemsprachen vor e auftrat, sei ein positionsbedingtes Allophon des Phonems k gewesen. Weiter meint W. Lehmann, dass infolge grundlegender Veränderungen im Vokalsystem (vgl. ai. a aus idg. e, o, a; lit. a aus idg. o und a; aksl. o aus idg. o und a) zwischen den velaren und palatalen velaren Allophonen ein phonematischer Kontrast entstanden sei, d. h.

9 „Das Slavische verwendet den Velar, wenn das Wort einen Zischlaut enthält: gostь: hostis, gažb: ža-šis“, — A. Meillet, Indo-iranica. II. — Trois notes sur la phonétique des gutturales, MSL, 9, 1896, S. 347. Siehe auch A. Meillet, Varia, II. — A propos de v. sl. gažb, MSL, 13, 1905–1906, S. 243–245.

10 E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen, S. 15.

11 A. Vaillant, Grammaire comparée des langues slaves, I, S. 37–38.

12 Kritische Bemerkungen zu A. Meillets Konzept siehe M. Vasmer, Beiträge zur slavischen Grammatik, I. Meillet’s urslavisches Sibilantendissimilationgesetz, ZfslPh, 2, 1925, S. 54–58.

13 S. Agrell, Baltoslavische Lautstudien, Lund, 1919, p. 27; K. Būga, RR, II, p. 217, 223.

14 „Solche Wortpaare lassen sich nicht aus einer einzigen Prothese ableiten. Folglich stammen sowohl šleivas als auch kleivas aus getrennten Wurzeln š(e)l-ei- und k(e)l-ei-“, — K. Būga, RR, II, S. 221.

15 V. Machek, Zur Vertretung der indogermanischen Palatale, IF, 53, 1935, p. 89.

16 A. Brückner, Die lituslavische Spracheinheit, KZ, 46, 1914, S. 233.

17 G. Y. Shevelov, A Prehistory of Slavic, S. 141–142.

18 W. P. Lehmann, Proto-Indo-European Phonology, Austin, 1964, p. 100–101.

19 W. Lehmann, op. cit., S. 101.

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k und k’ zu Phonemen geworden. Auf diese Weise versucht V. Lehmann, eine grundsätzliche Frage zu beantworten: Aus welchen Gründen erhielten die Allophone k und k’ phonematischen Status20? Man kann jedoch nicht sagen, dass V. Lehmanns Antwort auf diese Frage völlig einwandfrei wäre: Die dargelegte Erklärung passt eher auf die indo-iranischen als auf die baltischen und slawischen Sprachen, in denen der Gegensatz zwischen Vorder- und Hintervokalen (zwischen e i a bzw. o) strikt gewahrt blieb.

Da e und o in Formen derselben Wurzel wechseln (vgl. den Wechsel e/o im Verbstamm gal-), sei nach V. Lehmanns Auffassung in ein und demselben Morphem auch der Wechsel palataler und velarer Verschlusslaute entstanden. Da im indogermanischen Sprachverband kein Konsonantenwechsel möglich gewesen sei, musste nach dem Wandel von k’ und k zu Phonemen entweder der palatale oder der velare Konsonant verallgemeinert werden. Es konnte jedoch auch so sein, dass in einigen Formen der palatale, in anderen der velare Konsonant verallgemeinert wurde.

Diese Erklärung V. Lehmanns zur Entstehung des Wechsels palataler und velarer Konsonanten scheint nur auf den Wechsel von Konsonanten am Wortende zuzutreffen (Typ kre-š-ėti: kre-k-ėti). Der Wechsel von Konsonanten am Wortanfang (Typ šleivas: kleivas) müsste anders erklärt werden.

Beispiele, in denen velare und spirantische Konsonanten wechseln, lassen sich in drei Gruppen einteilen:

1. Die wechselnden velaren und spirantischen Konsonanten der Wörter der ersten Gruppe lassen sich als Formanten auffassen: s. ind. rūśant-: lit. laũkas, lit. krešėti: krekėti, aržóti: argóti, av. barəzah-: s. sl. bregъ; įstrižas: įstrigas, pr. massi: s. sl. moga, šliaužti: sliaugti.

2. Die zweite Gruppe bilden Wörter, deren velare Konsonanten vor Sonanten stehen, von ihnen jedoch durch einen anderen Laut getrennt sind: kaũkti: šaukti, kiẽmas: šeima, kermušė: šermūkšnis, lit. ker̃džius: s. ind. śárdhah, lit. katãryti, s. sl. kotora: s. ind. śátruḥ, lit. gãrdas: žãrdis, lit. žąsis: sl. *gaśb, lit. geltas: želtas, gentis: žentas.

3. Zur dritten Gruppe gehören Wörter, deren velare Konsonanten unmittelbar vor Sonanten stehen:

kl, gl: klausýti: šlovė, kleivas: šleivas, kliaũkti: šliaũkti, kliùrti: šliùrti, s. sl. kloniti: s. russ. sloniti, klúbas: šlúbas, lit. gùnglė: pr. gunsix;

kr: lit. smãkras: s. ind. śmáśru, s. sl. svekrъ: lit. šešuras;

km: akmuõ: ašmuõ;

kn, gn: gnýbti: žnýbti; agnùs: ažnas;

kj (kj) —;

kv (ku), gv: kvaĩkšti: švañkšti, s. russ. květъ: svěť, lat. kvitēt: lit. švitėti, poln. gwiazda: lit. žvaigždė, kùmpis: šùmpis, lit. šuo: lett. kuņa, lit. pėkus: s. ind. páśuh.

Auf Grundlage der Wörter, die der letztgenannten Gruppe zugeordnet wurden, könnte man annehmen, dass sich in den baltischen (und vielleicht auch slawischen) Sprachen die palatalen Konsonanten k’, g’ vor Sonanten depalatalisierten, d. h. dass k’l(g’l), k’r, k’m, k’n und k’v(k’u) zu kl(gl), kr, km, kn und kv(ku)21 wurden. Vor r werden sie sich sicherlich depalatalisiert haben, denn das Litauische kennt keine Verbindungen *šr-, *žr- (nicht-

20 J. Kurylowicz, On the Methods of Internal Reconstruction, „Proceedings of the Ninth International Congress of Linguists“, London, 1964, p. 9—36.

21 Vgl. С. Каралюнас, Древнейшие отношения балтийских и славянских языков, S. 8.

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einschließlich natürlich der Entlehnungen). Es wäre logisch anzunehmen, dass die palatalen Velarkonsonanten auch vor anderen Sonanten verhärteten – vor l, m, n sowie vor j, v. Eine strukturelle Analogie für diese Schlussfolgerung wäre das Schicksal von s nach k, r, i, u: Der Konsonant s wurde offenbar auch vor Sonanten nicht zu š (siehe S. 84 dieser Arbeit). Der Annahme jedoch, dass die palatalen Velarkonsonanten vor Sonanten depalatalisiert wurden, widersprechen viele litauische Wörter, die im Anlaut šl-, žl-, šm-, žm-, šn-, žn-, šv-, žv- aufweisen. Allerdings darf auch nicht außer Acht gelassen werden, dass man bei den meisten dieser Wörter einen onomatopoetischen Ursprung vermuten kann; vgl. etwa die mit den Verbindungen šn-, žn- beginnenden Wörter: šnabždėti/šnibždėti, šnairas, šnarėti/šnėrėti, šnarkšti/šnėrkšti, šnar̃pšti/šnėr̃pšti, šnekėti, šnervės, šniaukšti, šniaukti, šniokšti, šnioti, šnypšti, šnir̃kšti/šnir̃kšti, šniukštinėti, šniurti, šnopsėti; žnaibyti, žnairùs, žneksėti, žniaugti, žniaukti, žnybti, žniugti. Folglich könnte auch der Wechsel selbst (šl-: kl-, šm-: km- usw.) durch den onomatopoetischen Ursprung vieler Wörter mit diesem Wechsel entstanden sein. Außerdem könnte auch K. Būgas Ansicht zutreffen, dass nicht alle Varianten mit einem Velar- und einem Spirantenkonsonanten auf eine einzige Wurzel zurückgeführt werden können: Die Variante mit Velarkonsonant kann von einer Wurzel stammen, die Variante mit Zischlaut dagegen von einer anderen.

Aus der Annahme, dass die palatalen Konsonanten vor Sonanten depalatalisiert wurden (falls sie sich künftig als zutreffend erweisen sollte), ließen sich einige Schlussfolgerungen ziehen. In der baltischen Sprachgemeinschaft existierten schon vor der Assibilierung der palatalen Konsonanten neben Formen mit regulärer Ablautstufe (z. B. *k’eu-/*k’ou- und *g’er-/g’or-), bei denen die Entwicklung der unmittelbar vor e und o stehenden palatalen Konsonanten regelmäßig verlaufen musste (d. h., sie mussten zu š und ž werden; vgl. šau-kti und žar-dis), auch Formen mit Nullstufe des Ablauts (z. B. *k’u- und *g’r-). In diesen Formen konnten die unmittelbar vor u und r stehenden palatalen Konsonanten depalatalisiert werden, d. h. *ku- und *gr-→ku- und *gr- (vgl. kù-kti, kù-kti; Beispiele mit *gr- gibt es nicht). So könnte in Formen derselben Wurzel ein Wechsel zwischen palatalen (> auch st-bilianten) und velaren Konsonanten entstanden sein. Durch spätere Verallgemeinerung konnten k und g vor e und o stehen, š und ž dagegen vor i und u. Auf diese Weise konnten Dubletten mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung entstehen (vgl. šaikti: kaukti, šukti: kūkti), bisweilen auch mit einer gewissen semantischen Differenzierung (vgl. žardis: gardas). Folglich könnten die Velarkonsonanten in den Wörtern akmuõ und agnùs durch die Depalatalisierung palataler Konsonanten vor m, n entstanden sein; die Wörter ašmuõ und ãžnas hingegen dürften ihre Zischlaute aus der Position vor einem Vokal erhalten haben, in der sich palatale Konsonanten regelmäßig assibilieren konnten.

Da der Ursprung des Wechsels zwischen den Konsonanten š und k (bzw. ž und g) sehr unklar ist, lassen sich keine Schlussfolgerungen ziehen, die die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen charakterisieren. Die Assibilierung der palatalen Velarkonsonanten selbst trat in den baltischen, slawischen und indo-iranischen Sprachen auf. Dieser Umstand nimmt dem Phänomen seine Relevanz für die Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen. Die Assibilierung der palatalen Konsonanten jedoch, die strukturell mit der Veränderung des Konsonanten s nach k, r, i, u verbunden war (siehe S. 86 dieser Arbeit), lässt vermuten, dass die baltischen, slawischen und indo-iranischen Dialekte während dieser Veränderungen sprachliche und territoriale Kontakte unterhielten. Andererseits zeigen die unterschiedlichen Einzelheiten dieser Veränderungen, dass die genannten Dialektgruppen zu jener Zeit bereits autonome sprachliche Einheiten waren. Die Assibilierung der palatalen Konsonanten in den baltischen Sprachen erfolgte vor den Kontakten zwischen baltischen und finnougrischen Sprachen (in ihren baltischen Lehnwörtern entstand h aus š und ž).

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FRAGEN ZUR CHRONOLOGIE DER ÄLTESTEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN BALTISCHEN UND SLawISCHEN SPRACHEN

Einige Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen sind Archaismen, andere Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen, wieder andere sind Neubildungen, die auch anderen indogermanischen Sprachen bekannt sind. Gemeinsame morphologische Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen wie die nominale Flexion sowie die Suffixe *-esti-/*-osti-, *-lo-, *-er-/*-or-, die Flexion athematischer und thematischer Verben (*-mi, *-si, *-ti, *-ō, *-ēi,-) usw. sind aus der indogermanischen Sprachgemeinschaft ererbt und daher als Archaismen anzusehen. Teilweise könnte auch die pronominale Adjektivflexion ein Archaismus sein. Die Veränderung des indogermanischen Konsonanten s nach k, r, i, u (baltisch š, slawisch ch) und der Wandel der indogermanischen palatalen Konsonanten k’, g’, g’h zu baltisch š, ž und slawisch s, z sind Neubildungen, die auch anderen indogermanischen Sprachgruppen (den indo-iranischen) bekannt sind. Zudem gibt es Anhaltspunkte dafür, dass diese Erscheinungen in jeder Sprachgruppe unabhängig auftraten. Zu den auch in anderen indogermanischen Sprachen anzutreffenden Erscheinungen gehört ferner die Baritonie der Nomina mit langer Wurzelsilbe (Hirtsches Gesetz) sowie die Endung *-ō im Genitiv Singular der o-Stämme.

Schließlich sind auch die Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen selbst nicht gleichwertig. Die Veränderung des indogermanischen Diphthongs eu und das de-Saussure-Fortunatov-Gesetz sind unzweifelhafte Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen. Sie entstanden jedoch parallel in den baltischen und slawischen Sprachen, zudem relativ spät und unter unterschiedlichen Bedingungen.

Die Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen, deren Entstehungsbedingungen und Endergebnis völlig identisch waren, sind folgende:

1) der Wandel des indogermanischen silbischen Sonanten R zu iR und uR;

2) die Herausbildung der Intonationsopposition „Akut: Zirkumflex“;

3) die Entstehung einiger deverbalischer Formanten (zum Beispiel *-ējo-, *-tājo-).

Diese Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen lassen auf eine bestimmte Epoche intensiver Kontakte und des Austauschs zwischen den baltischen und slawischen Sprachen schließen, mit anderen Worten: auf eine Epoche ihrer Gemeinschaft. Es stellt sich die Frage, wann diese Gemeinschaft der baltischen und slawischen Sprachen (bzw. die Epoche ihrer Kontakte) bestanden haben könnte.

Unter Archäologen herrscht die Auffassung vor, dass die Vertreter der Streitaxt- und Schnurkeramikkulturen baltische, slawische und germanische Stämme gewesen sein könnten1. Dafür sprechen offenbar auch linguistische Daten. Gemeinsame Innovationen der baltischen, slawischen und germanischen Sprachen wie die gemeinsame Endung -m- in einigen Pluralformen (vgl. litauisch rankoms, kirchenslawisch rąkamъ, gotisch gibom), die Bezeichnung für „tausend“ (vgl. litauisch tūkstantis, altpreußisch tū-simtons (Akk. Pl.), kirchenslawisch tysęšti, tysąšti, gotisch þūsundi), die gemeinsame Bezeichnung für Gold (vgl. lettisch zèlts, kirchenslawisch zloto, gotisch gulþ), ein gemeinsames Verb für „herrschen“ (vgl. litauisch valdyti, kirchenslawisch vladъ, gotisch waldan) und zahlreiche weitere gemeinsame lexikalische Parallelen2 lassen darauf schließen, dass die historischen Beziehungen zwischen den baltischen, slawischen und germanischen Sprachen besonders eng waren und dass diese Sprachen eine Epoche der Gemeinschaft (bzw. des Kontakts) durchlaufen haben. Kontakte zwischen den baltischen, slawischen und germanischen Sprachen müssen zu einer Zeit bestanden haben, als sich das Flexionssystem dieser Sprachen herausbildete, der Begriff „tausend“ entstand, die ersten Zeichen der Herrschaft aufkamen und

1 M. Gimbutas, The Balts, London, 1963, p. 43; А. Я. Брюсов, Об экспансии „культур с боевыми топорами“ в конце III тысячелетия до н. э., СА, 3, 1961, p. 14–33, Восточная Европа в III тысячелетии до н. э. (Этногенетический очерк), СА, 2, 1965, p. 47–56; П. Н. Третьяков, Финно-угры, балты и славяне на Днепре и Волге, М.—Л., 1966, p. 69–73.

2 W. Porzig, Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets, p. 140–143.

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mit Metallen (vgl. auch die aus einer gemeinsamen Quelle, jedoch von jeder Sprachgruppe getrennt entlehnte Bezeichnung für Silber: lit. sidãbras, russ. серебро, got. silubr). All dies zeigt das hohe Alter der Kontakte zwischen den baltischen, slawischen und germanischen Sprachen und widerspricht nicht ihrer Datierung ins 3. Jahrtausend v. Chr.

Die indogermanischen Dialekte des nördlichen Areals jener Zeit, aus denen später die baltischen, slawischen, germanischen und anderen Sprachen hervorgingen, könnten ein Vokalsystem besessen haben, das aus fünf kurzen (i, u, e, o, a) und langen (ī, ū, ē, ō, ā) Vokalen bestand, intakte silbische Sonanten R, ein dreireihiges Konsonantensystem (bh – b – p, dh – d – t usw.), Oppositionen der velaren Konsonanten kʷ – k, gʷ – g sowie in bestimmten Positionen noch nicht geschwundene Laryngalkonsonanten. Es muss festgestellt werden, dass nach wie vor unklar ist, ob eine Opposition zwischen den Kurzvokalen o und a bestand, da die baltischen, slawischen und germanischen Sprachen diese beiden Vokale nie unterschieden. Die dialektale Gemeinschaft des Baltischen, Slawischen und Germanischen dürfte auch einen freien phonologischen Akzent besessen haben.

Obwohl die Dialekte des indogermanischen Nordareals durch ein einheitliches phonologisches Modell gekennzeichnet waren, bestanden zwischen den baltischen, slawischen und germanischen Dialekten bereits alte strukturelle Unterschiede, und neue bildeten sich heraus (besonders in der Morphologie). Diese Aussage wird möglicherweise auch durch den Umstand gestützt, dass die Nähe der baltischen und slawischen Sprachen zu den germanischen unterschiedlich stark ausgeprägt ist: Die baltischen und germanischen Sprachen verbindet eine größere Zahl von Isoglossen als die slawischen und germanischen Sprachen.

Solche baltischen und germanischen Neuerungen wie die Bildung der Zahlwörter „erster“ (vgl. lit. pirmas, got. fruma, eine altenglische Form mit dem Suffix *-mo-; die slawischen Sprachen haben hier das Suffix *-uo-, vgl. aksl. prъvъ, ai. pūrvah), „elf“, „zwölf“ (vgl. lit. vienúo-lika, dvy-lika, got. ain-lif, twa-lif, ahd. ein-lif, zwei-lif, wobei das zweite Glied mit der idg. Wurzel *leigʷ- „(übrig)bleiben“ in Verbindung zu bringen ist), der gleiche erste und zweite Dual bei den Personalpronomen (vgl. lit. žem. vēdu, got. wit < *we-duo; lit. jü-du, got. jut < *ju-duo), gemeinsame Konstruktionen zur Bezeichnung von Naturerscheinungen (vgl. lit. sniegas drimba, lett. sniegs drēb, isl. drífr snær) und zahlreiche gemeinsame Wörter (vgl. etwa das Gehverb lit. žengia und altengl. gengān) zeigen, dass die baltischen und germanischen Dialekte unmittelbar aneinandergrenzten und dass ihre Kontakte aktiv und lang andauernd waren. Diese markanten baltischen und germanischen Neuerungen lassen auf eine baltisch-germanische Sprachgemeinschaft sogar innerhalb des Rahmens der Dialekte des indogermanischen Nordareals schließen.

In den baltischen und germanischen Sprachen bildeten sich die Zahlwörter „erster“, „elf“ und „zwölf“ heraus; der gemeinsame baltische und germanische Wortschatz bezeichnet primitive Lebensverhältnisse, und in diesen Sprachen fehlt eine soziale Terminologie⁴ — all dies zeigt, dass die Gemeinsamkeiten der baltischen und germanischen Sprachen sehr archaisch sind und dass ihre Kontakte möglicherweise älter sind als die Kontakte zwischen den baltischen, slawischen und germanischen Sprachen. Diese Annahme wird durch die Tatsache gestützt, dass die baltischen und germanischen Neuerungen vor der Palatalisierung und Assibilierung der velaren Konsonanten entstanden (vgl. schon die erwähnten lit. žengia und altengl. gengān).

Die Beziehungen zwischen den slawischen und germanischen Sprachen zeichnen sich nicht durch einen solchen Reichtum an Neuerungen aus: Gemeinsam sind diesen Sprachen vor allem lexikalische Neubildungen⁵.

³ Iš pastarųjų darbų žr. W. Porzig, Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets, p. 145–147; H. C. Чемоданов, К вопросу о германо-балтийских языковых связях, „Вопросы германского языкознания“, 1961, p. 68–87; Сравнительная грамматика германских языков, I, p. 70–79.

⁴ Сравнительная грамматика германских языков, I, p. 78–79.

⁵ W. Porzig, Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets, p. 143–145; Сравнительная грамматика германских языков, I, p. 79–81; О. Н. Трубачев, Ремесленная терминология в славянских языках, М., 1966.

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Die Analyse der baltisch-germanischen, slawisch-germanischen und baltisch-slawisch-germanischen Isoglossen erlaubt offenbar folgende Schlussfolgerung: Die baltischen und slawischen Sprachen gingen wahrscheinlich aus Dialekten des nördlichen Areals der verschiedenen indoeuropäischen Sprachgemeinschaften hervor. Anfangs könnten die „baltischen“ Dialekte engere Kontakte mit den „germanischen“ Dialekten gepflegt haben. Wären die baltischen und slawischen Sprachen aus einem einzigen Dialekt des nördlichen Areals der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft hervorgegangen, so wären die baltisch-germanischen Isoglossen wahrscheinlich nicht entstanden: Sie würden auch das Gebiet der slawischen Sprachen umfassen.

Die Annäherung der „baltischen“ und „slawischen“ Dialekte könnte während der baltisch-slawisch-germanischen Sprachgemeinschaft (bzw. der Kontakte) begonnen haben. Neben Isoglossen, die das Gebiet aller drei Dialektgruppen umfassten, könnten aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft und der Kontakte auch ausschließlich baltisch-slawische Isoglossen entstanden sein. Gut möglich ist, dass während der baltisch-slawisch-germanischen Sprachgemeinschaft (bzw. der Kontakte) in den baltischen und slawischen Dialekten das anaphorisch-demonstrative Pronomen neben Adjektiven häufiger verwendet wurde, die Transformation einiger Elemente des indoeuropäischen morphologischen Systems („Baltisierung“ und „Slavisierung“) einsetzte und die ersten baltisch-slawischen lexikalischen Gemeinsamkeiten auftraten. Damals könnten sich einige unterschiedliche Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen herausgebildet haben, zum Beispiel das sigmatische Futur der baltischen Sprachen und der sigmatische Aorist der slawischen.

Im Zusammenhang mit der Migration der Vertreter der Streitaxt- und Schnurkeramikkulturen am Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. und zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. löste sich die baltische, slawische und germanische Sprachgemeinschaft auf, die im nördlichen Areal der indoeuropäischen Sprachgemeinschaft bestanden hatte.

Eine neue Epoche der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen beginnt.

In der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. haben die baltischen und slawischen Dialekte offenbar eine Epoche besonders enger Kontakte erlebt. Obwohl Balten und Slawen nach den archäologischen Befunden damals große Gebiete Nordosteuropas besiedelten, muss man anerkennen, dass sich die baltischen und slawischen Dialekte zu jener Zeit stark angenähert hatten. Dass die Kontakte zwischen den baltischen und slawischen Dialekten in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. besonders eng gewesen sein könnten, zeigen nicht nur die erwähnten Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen, die wahrscheinlich gerade damals entstanden sind, sondern auch die Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen zu den indo-iranischen Sprachen. Isoglossen wie der Genitiv Singular der Personalpronomen (vgl. litauische Mundart mane, altkirchenslawisch mene, avestisch mana), der Gebrauch des Pronomens *jos mit Substantiven, der Wandel des indoeuropäischen Konsonanten s nach k, r, i, u, die Affrizierung palataler Konsonanten und zahlreiche gemeinsame Lexeme8 lassen vermuten, dass in der Vergangenheit die Gebiete der baltischen, slawischen und indo-iranischen Dialekte aneinandergrenzten und diese Dialekte bestimmte Kontakte pflegten. Diese Kontakte werden in die erste Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. datiert7. Es besteht kein Zweifel, dass die Kontakte zwischen den baltischen, slawischen und indo-iranischen Sprachen mehrere Jahrhunderte später anzusetzen sind als die zwischen den baltischen, slawischen und germanischen Sprachen.

Bei der Erörterung der Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen ist die Tatsache wichtig, dass die Verwandtschaft der baltischen mit den indo-iranischen Sprachen fast ebenso eng ist wie die der slawischen mit den indo-iranischen Sprachen; anders gesagt, die baltischen und slawischen Sprachen sind von den indo-iranischen Sprachen gleich weit entfernt8. Diese Tatsache scheint darauf hinzuweisen, dass in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. (d. h. ungefähr zwischen 2000 und 1500 v. Chr.) die bal-

6 H. Arntz, Sprachliche Beziehungen zwischen Arisch und Balto-Slawisch; W. Porzig, Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets, p. 164—169.

7 W. Porzig, op. cit., p. 169.

8 W. Porzig, op. cit., p. 169.

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Diese Dialekte näherten sich den slawischen Dialekten an. In den damaligen baltischen und slawischen Dialektsystemen konnten folgende Veränderungen eintreten:

Die Laryngale fallen weg;

Die Opposition zwischen stimmhaften und stimmhaft aspirierten Konsonanten wird aufgehoben (b: bh>b usw.);

Silbische Sonanten R werden zu iR und uR;

Es bildet sich eine Intonationsopposition heraus („Akut: Zirkumflex“);

Es entstehen einige neue Suffixe (zum Beispiel *-ėjo- und *-tājo-);

Palatale Konsonanten werden assibiliert k’, g’ (lit. š, ž; slaw. s, z);

ide. s nach k, r, i, u verändert sich (lit. š, slaw. ch).

Einige dieser Phänomene (die Assibilierung palataler Konsonanten, die Veränderung von ide. s und der Wegfall der Laryngale) waren den baltischen, slawischen und indo-iranischen Sprachen gemeinsam und müssen daher zu einer Zeit eingetreten sein, als die drei genannten Dialektgruppen miteinander in Kontakt standen, d. h. in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. Die Veränderung von ide. s nach k, r, i, u und die Veränderung palataler Konsonanten, die wahrscheinlich jeweils unabhängig in den baltischen, slawischen und indo-iranischen Dialekten erfolgten, bestätigen den hier implizit vertretenen Gedanken, dass es zu dieser Zeit bereits indogermanische Dialekte mit einer gewissen Autonomie gab.

Neben den gemeinsamen baltisch-slawisch-indo-iranischen Isoglossen müssen sich selbstverständlich zu jener Zeit (in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr.) auch getrennte baltische und slawische Isoglossen herausgebildet haben. Zu diesen zählen die bereits erwähnten Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen – die Veränderung silbischer Sonanten, das Entstehen neuer Wortbildungsmorpheme und Lexeme sowie, offenbar infolge des Schwunds der Laryngale, die entstandene Intonationsopposition.

Der Zeitpunkt, zu dem diese baltischen und slawischen Innovationen auftraten, ist unbekannt. Es liegen keinerlei Daten vor, anhand deren sich genau bestimmen ließe, wann beispielsweise solche baltischen und slawischen Suffixe wie *-ėjo-, *-tājo- entstanden. Daher stellt sich die Frage, warum das Auftreten dieser baltischen und slawischen Innovationen dennoch auf die erste Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. datiert wird.

Wenn man beispielsweise annimmt, dass die Opposition zwischen stimmhaften und stimmhaft aspirierten Konsonanten aufgehoben wurde und die Intonationen infolge des Schwunds der Laryngale entstanden, wird die Gleichzeitigkeit der Aufhebung der genannten Konsonantenopposition, des Entstehens der Intonationen und des Schwunds der Laryngale besonders deutlich.

Die aus silbischen Sonanten R entstandenen iR und uR wurden zur Zeit der Herausbildung der Intonationen bereits als Diphthonge aufgefasst; deshalb ist anzunehmen, dass sich die silbischen Sonanten vor dem Entstehen der Intonationen verändert hatten. Mithin dürften all diese Phänomene ungefähr gleichzeitig oder unmittelbar nacheinander eingetreten sein.

Da sowohl die Veränderung silbischer Sonanten als auch der Ursprung der Intonationen und die Herausbildung der Wortbildungsmorpheme *-ėjo-, *-tājo- baltisch-slawische Neuerungen waren, lässt sich vermuten, dass sie ungefähr zur selben Zeit entstanden. Da die Ursachen und Bedingungen für das Auftreten der genannten baltischen und slawischen Innovationen sowie deren Endergebnisse in den baltischen und slawischen Sprachen identisch waren, ist anzunehmen, dass diese Innovationen auftraten, als die Kontakte und der Austausch zwischen den baltischen und slawischen Sprachen am aktivsten waren. Die Tatsache, dass die baltischen, slawischen und indo-iranischen Dialekte während des Wandels von ide. s nach k, r, i, u und der Assibilierung palataler Konsonanten gewisse Kontakte unterhielten, sowie der nahezu gleiche Grad der Verwandtschaft der baltischen und slawischen Sprachen mit den indo-iranischen Sprachen zeigen, dass die aktivsten und engsten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Dialekten in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. bestanden. Mithin kann die Entstehung baltischer und slawischer Innovationen

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in die erste Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. datiert werden (d. h. ungefähr 2000–1500 v. Chr.).

Die Kontakte zwischen den baltischen und den finnisch-ugrischen Sprachen, an denen slawische Dialekte nicht beteiligt waren, scheinen es auszuschließen, diese Innovationen als später entstanden zu betrachten. Demnach müssen die Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen während der Kontakte zwischen den baltischen und finnisch-ugrischen Sprachen möglicherweise aufgrund der großen Entfernungen erheblich geschwächt gewesen sein. Die Kontakte zwischen den baltischen und finnisch-ugrischen Sprachen müssen begonnen haben, nachdem die silbischen Sonanten R bereits zu iR und uR geworden waren und die palatalen Konsonanten k’, g’ sich bereits zu š, ž verändert hatten; vgl. finnisch villa und litauisch vilna; finn. kurpponen und lit. kùrpė; finn. halla, estnisch hall und lit. šalnà; finn. hihna, estnisch ihn und lit. šikšnà (das finnische und estnische h stammt aus baltischem š und ž). Wenn wir die genannten Veränderungen in den baltischen Sprachen in die erste Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. datieren (d. h. ungefähr 2000–1500 v. Chr.), dann müssen die Kontakte zwischen den baltischen und finnisch-ugrischen Sprachen etwa im dritten Viertel des 2. Jahrtausends v. Chr. oder später begonnen haben (auf keinen Fall früher). Da die Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen während der Kontakte zwischen den baltischen und finnisch-ugrischen Sprachen offenbar recht schwach waren, muss diese Abschwächung ebenfalls im dritten Viertel des 2. Jahrtausends v. Chr. oder später eingesetzt haben. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Beziehungen, Nachbarschaft und der Austausch zwischen baltischen und slawischen Dialekten seit dieser Zeit vollständig abgebrochen wären. Seitdem könnte eine parallele Entwicklung der baltischen und slawischen Sprachen eingesetzt haben. Die unabhängige Entstehung paralleler, völlig analoger einzelner Erscheinungen in den baltischen und slawischen Sprachen (die Veränderung des ide. Diphthongs eu, das de-Saussure-Fortunatov-Gesetz und vielleicht die Endung *-sēi der 2. Person Singular des Verbs) könnte auf die gemeinsame Herkunft dieser Sprachen aus der ide. Sprachgemeinschaft, auf ererbte gemeinsame Entwicklungstendenzen, denselben Strukturtyp und den geographischen Kontakt zurückzuführen sein.

Einem Ansatz der Entstehung baltischer und slawischer Sprachinnovationen sowie der Datierung aktiver Kontakte zwischen diesen Sprachen in die erste Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. könnte ein Umstand zu widersprechen scheinen. Archäologen gehen davon aus, dass die alten Balten oder Urbaltischen Ende des 3. und Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Streitaxt- und Schnurkeramikkulturen ein Gebiet von der Ostsee bis zu den Oberläufen von Wolga und Oka besiedelt hatten9, während die Slawen ungefähr zwischen dem Oberlauf der Weichsel und dem Mittellauf des Dnepr siedelten. Es stellt sich die durchaus berechtigte Frage: Konnten auf einem so großen Gebiet aktive und enge Kontakte zwischen baltischen und slawischen Sprachen bestehen und identische Innovationen entstehen, die sämtliche baltischen und slawischen Dialekte umfassten? Zahlreiche innovative Isoglossen entstehen gewöhnlich infolge aktiver und enger Kontakte in einem begrenzten Gebiet. Zunächst ist festzuhalten, dass eine solche Datierung wie „Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. oder in den ersten Jahrhunderten“ den Beginn oder sogar die Mitte des zweiten Viertels des 2. Jahrtausends v. Chr. einschließen kann (und wahrscheinlich einschließt). Selbstverständlich konnten die Stämme der Antike ein so großes Gebiet nicht auf einmal und gleichzeitig besiedeln – dieser Prozess muss komplex und langwierig gewesen sein. Die Erforscherin der baltischen Vergangenheit M. Gimbutienė meint10, dass die Balten das genannte große Gebiet von der Halbinsel Samland und den Küstengebieten der Ostsee aus besiedelten, indem sie sich allmählich nach Osten ausbreiteten. Die endgültige Besiedlung des genannten Gebiets und die Aufnahme von Kontakten der Balten mit den Finnen könnten Prozesse gewesen sein, die sich erheblich später als zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. vollzogen.

9 X. A. Moopa, O древней территории расселения балтийских племен, СА, 2, 1958, p. 9–33; А. Я. Брюсов, op. cit.; П. Н. Третьяков, op. cit.; Gimbutas, op. cit.

10 M. Gimbutienė, Rytprūsiai ir Vakarų Lietuvos priešistorinės kultūros apžvalga (Atspaudas iš „Mažosios Lietuvos“), New York, 1958.

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Demnach lässt sich annehmen, dass sich die zuvor deutlich stärker voneinander abweichenden baltischen und slawischen Dialekte in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. (ungefähr 2000–1500 v. Chr.) einander angenähert und eine Epoche aktiver und enger Kontakte, der Nachbarschaft und des Austauschs durchlebt haben, mit anderen Worten eine Epoche der Gemeinschaft (bzw. der Kontakte), in deren Verlauf ein Bündel innovativer Isoglossen die baltischen und slawischen Dialekte umschloss. Daher kann die Epoche der Gemeinschaft (bzw. der Kontakte) zwischen den baltischen und slawischen Sprachen auch als Epoche der Isoglossengemeinschaft bezeichnet werden.

In der Entwicklungsdynamik der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen lassen sich Momente unabhängiger, divergierender und paralleler Entwicklung erkennen. Die Epoche der Isoglossengemeinschaft umfasst nur eine der Entwicklungsperioden der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen.

Das hier dargelegte Verständnis der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen nähert sich der Konzeption von J. Endzelynas (славяно-балтийская эпоха) sowie den Auffassungen von Chr. Stangas (Isoglossengebiet), E. Frenkelis (Nachbarschaft), S. Bernšteinas (сообщность), B. Gornungas („балто-славянская эпоха“), G. Ševelovas (a period of common development), J. Safarevičius, V. Porcigas, A. Salys, A. Erhartas und anderen Forschern.

Demnach lassen sich die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen und somit auch der Ursprung ihrer gemeinsamen Innovationen durch die Existenz einer baltisch-slawischen Isoglossengemeinschaft (Isoglossengemeinschaft) deuten, d. h. durch die Existenz eines raumzeitlichen Kontinuums baltischer und slawischer Dialekte, das wahrscheinlich infolge der Annäherung von ursprünglich unterschiedlichen Dialekten entstand.

Schlussfolgerungen

1. Im 3. Jahrtausend v. Chr. dürften sich die „baltischen“ Dialekte innerhalb des nördlichen Areals sprachlicher Gemeinschaft von den „slawischen“ Dialekten unterschieden haben. Zu jener Zeit dürften die „baltischen“ Dialekte engere Kontakte zu den „germanischen“ Dialekten unterhalten haben.

2. In der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. (etwa 2000–1500 v. Chr.) dürften sich die baltischen Dialekte den slawischen angenähert und mit ihnen eine Epoche intensiver Kontakte bzw. gemeinsamer Isoglossen durchlebt haben. Die baltischen und slawischen Dialekte jener Zeit dürften von einem solchen Bündel von Isoglossen umgeben gewesen sein:

Die Laryngale verschwanden;

die Opposition zwischen stimmhaften und stimmhaft aspirierten Konsonanten wurde aufgehoben (b: bh > b usw.);

silbische Sonanten Ṛ wurden zu iR und uR;

es bildete sich eine Opposition der Intonationen („Akut: Zirkumflex“);

einige neue Suffixe entstanden (zum Beispiel *-ėjo- und *-tājo-);

die palatalen Konsonanten k’, g’ wurden assibiliert (lit. š, ž; sl. s, z);

ide. s nach k, r, i, u veränderte sich (lit. š, sl. ch).

Die Veränderung der silbischen Sonanten, die Herausbildung einer Opposition der Intonationen und das Entstehen spezifischer baltischer und slawischer Morpheme und Lexeme waren gemeinsame baltische und slawische Innovationen.

3. Etwa in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. oder später dürfte die konvergente Entwicklung der baltischen und slawischen Dialekte aufgehört und ihre parallele Entwicklung begonnen haben. Von da an könnte die Epoche der Kontakte zwischen den baltischen und den ugrisch-finnischen Sprachen begonnen haben, an denen die slawischen Sprachen nicht beteiligt waren. Gemeinsame Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen wie die Entwicklung des ide. Diphthongs eu zu

7. Baltų ir slavų kalbų ryšiai

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Die baltischen jau, slawischen ju, das de Saussure-Fortunatovsche Gesetz und möglicherweise die (in einer späteren Entwicklungsphase erfolgte) Herausbildung der Endungen *-sēi der zweiten Person Singular der pronominalen Adjektive und Verben waren wahrscheinlich Ergebnisse der parallelen Entwicklung der baltischen und slawischen Sprachen.

4. Die ältesten Beziehungen der baltischen und slawischen Sprachen und somit auch der Ursprung der gemeinsamen Innovationen dieser Sprachen lassen sich durch die Existenz einer baltisch-slawischen Isoglossengemeinschaft (Isoglossengemeinschaft) interpretieren, d. h. durch die Existenz eines räumlichen und zeitlichen Kontinuums baltischer und slawischer Dialekte, das wahrscheinlich infolge einer sekundären Annäherung ursprünglich unterschiedlicher Dialekte entstand.

In der langen Geschichte der baltischen und slawischen Sprachen lassen sich sowohl unabhängige als auch konvergente und parallele Beziehungen zwischen ihnen feststellen. Die Epoche der baltisch-slawischen Isoglossengemeinschaft war nur eine der Perioden in der Entwicklung der ältesten Beziehungen dieser Sprachen.

EINIGE FRAGEN DER ÄLTESTEN BEZIEHUNGEN DER BALTISCHEN UND SLAVISCHEN SPRACHEN

С. КАРАЛЮНАС

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit behandelt einzelne Fragen des Problems der ältesten baltoslawischen Sprachbeziehungen. Das erste Kapitel bietet einen Überblick über die Geschichte der Erforschung dieses Problems. Die Darstellung beginnt mit einem kurzen Überblick über die Auffassungen zu den Beziehungen zwischen den baltischen, slawischen und anderen indogermanischen Sprachen in den Arbeiten der Begründer der vergleichend-historischen Sprachwissenschaft und schließt mit einer Darstellung der jüngsten Forschungsergebnisse zu diesem Problem.

Das zweite Kapitel ist der Betrachtung einiger gemeinsamer phonetischer Erscheinungen der baltischen und slawischen Sprachen gewidmet. Für die proto-baltische Sprachgemeinschaft wird ein kurzes, klassenbildendes a rekonstruiert. Auf seine Existenz in dieser Gemeinschaft deuten die Entwicklung der Systeme kurzer und langer Vokale nach dem Polarisierungsprinzip im samogitischen Dialekt, die Bewahrung des archaischeren Charakters des kurzen Vokals vor m, n im selben samogitischen Dialekt, möglicherweise Fälle des Typs altpreußisch wobse (mit o anstelle des erwarteten kurzen Vokals) im Elbinger Vokabular sowie baltische Entlehnungen in den finno-ugrischen Sprachen (vgl. finn. morsian und lit. marti) hin. In den ostaukschtaitischen Dialekten entstand infolge der Dehnung kurzer Vokale in betonter Position eine Korrelation zwischen kurzen und langen Vokalen; daher müssen beide Systeme labialisiert und verengt worden sein. Somit ist das Vorhandensein eines kurzen o in diesen Dialekten höchstwahrscheinlich eine Neuerung. Phonologische Untersuchungen der letzten Jahre (insbesondere von V. Žuravlev) haben gezeigt, dass im Urslawischen infolge der Labialisierung der Konsonanten bzw. der Delabialisierung der Vokale der Gegensatz o: a bzw. ō: ā zunächst nach Labialkonsonanten neutralisiert wurde (da das Merkmal der Bemollierung ein konstitutives Element dieser Konsonanten war) und später auch nach den übrigen Konsonanten. Das Ergebnis des infolge von Dissimilation erfolgten Zusammenfalls war o bzw. ā. Daher kann die Akanye-Erscheinung im Belarussischen und in den südlichen russischen Dialekten sowie in einigen bulgarischen Dialekten als Relikt des urslawischen Zustands gelten. Indogermanisches ō fiel in den (ost-)baltischen Sprachen in unbetonter Position mit indogermanischem ā zusammen (daher lit. o, lett. ā), während es in betonter Position zu uo wurde; der Gegensatz ō: ā blieb in dieser Position offenbar erhalten, weil baltisches ō eine Korrelation mit ē (aus ei und ai) einging.

Die regelmäßige Entwicklung des indogermanischen Diphthongs eu in den baltischen und slawischen Sprachen bestand in seiner Veränderung zu litauisch-lettisch jau und slawisch *u. Es gibt einige Gründe für die Annahme, dass dieser Diphthong im Altpreußischen erhalten blieb. Den Diphthong au (slawisch u) in den Wörtern, in denen er anstelle von eu in anderen indogermanischen Sprachen steht, hält man am plausibelsten für eine Fortsetzung des indogermanischen Diphthongs oi (oder *Hu).

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Die Entwicklung der indogermanischen silbischen Sonanten R zu iR und uR ist eine gemeinsame baltisch-slawische Innovation. Die Verteilung von i und u erklären zwei Theorien – die Ablauttheorie und die Theorie des lautlichen Umfelds –, die gleichwertig sind, da sie sich auf der Grundlage des entsprechenden Materials der baltischen und slawischen Sprachen weder beweisen noch widerlegen lassen.

Indogermanisches s entwickelte sich nach i zu š, und zwar auch in den baltischen Sprachen (im Lettischen und Altpreußischen ging gemeinbaltisches š entsprechend der spezifischen Entwicklung der phonologischen Systeme dieser Sprachen wieder in s über). Diese Entwicklung des indogermanischen s trat in zwei Fällen nicht ein: 1) wenn i, u zu einem (Wurzel-)Morphem gehörten, der Konsonant s dagegen zu einem anderen (Suffix-)Morphem, d. h. wenn zwischen i, u und s eine Morphemgrenze verlief; 2) wenn auf s ein Sonant folgte (r, l, m, n, j, v). Die Veränderung des indogermanischen s nach k, r, i, u stand in strukturellem Zusammenhang mit der Assimilation des indogermanischen palatalen k’ in den baltischen Sprachen (vgl. den gleichen Reflex š dieser Veränderungen). In denselben Sprachen finden sich zahlreiche Fälle, in denen statt des erwarteten š (bzw. ž) der Konsonant k (bzw. g) erscheint. Da dieses k (bzw. g) in den meisten Fällen vor den Sonanten r, l, m, n, j, v steht, könnte man annehmen, dass die Depalatalisierung des palatalen k’ (bzw. ǵ) gerade in dieser Position erfolgte. Diese Annahme trifft im Falle von r zu, da es im Litauischen keine Verbindungen *šr-, *žr- gibt. Der Annahme jedoch, dass k’ (bzw. ǵ) auch vor anderen Sonanten depalatalisiert wurde, stehen zahlreiche Beispiele mit šl-, žl-, šm-, žm- usw. entgegen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass bei den meisten dieser Beispiele ein onomatopoetischer Ursprung vermutet werden kann. Folglich kann auch der im Litauischen recht häufige Wechsel š/k, ž/g in den meisten Fällen denselben Ursprung haben. Außerdem könnten einige Dubletten mit š/k und ž/g auf verschiedene Wurzeln zurückgehen (die Variante mit š oder ž auf eine Wurzel, die Variante mit k oder g auf eine andere).

Einige Einzelheiten der Veränderung des indogermanischen s nach k, r, i, u und der Assimilation des indogermanischen k’ (vgl. etwa die Veränderung dieses s nach k, l, i < H und die Depalatalisierung des indogermanischen k’ vor s> altind. ś in den indo-iranischen Dialekten usw.) weisen einerseits darauf hin, dass diese Veränderungen unabhängig voneinander in den baltischen, slawischen und indo-iranischen Sprachgruppen eingetreten sind. Mit anderen Worten: Zum Zeitpunkt dieser Veränderungen besaßen die baltischen, slawischen und indo-iranischen Dialekte bereits eine gewisse Autonomie. Andererseits bestanden während dieser Veränderungen offenbar bestimmte territoriale und sprachliche Kontakte zwischen diesen Dialekten.

Im dritten Kapitel wird versucht, einige Fragen der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen, slawischen und anderen indogermanischen (und nichtindogermanischen) Sprachen chronologisch zu behandeln. Der auf archäologischen Daten beruhenden Schlussfolgerung, dass die Träger der Kulturen mit Streitäxten und Schnurkeramik wahrscheinlich baltische, slawische und germanische Stämme waren, widersprechen die sprachlichen Fakten offenbar nicht: Die bekannten baltisch-slawisch-germanischen Isoglossen setzen baltisch-slawisch-germanische Sprachkontakte voraus und erlauben offenbar, sie ins 3. Jahrtausend v. Chr. zu datieren. Es gibt jedoch auch gesonderte baltisch-germanische Isoglossen, deren archaischer Charakter sowie das Fehlen einer gemeinsamen baltisch-germanischen Sozialterminologie unwillkürlich zu dem Gedanken führen, dass die baltisch-germanischen Sprachkontakte äußerst alt sind und offenbar früher bestanden als die slawisch-germanischen Kontakte. Folglich gingen die baltischen und slawischen Sprachen wahrscheinlich auf verschiedene Dialekte des nördlichen Areals der indogermanischen Sprachgemeinschaft zurück. Zunächst konnten die baltischen Dialekte engere Kontakte zu den germanischen Dialekten unterhalten. Die Annäherung der baltischen und slawischen Dialekte begann offenbar zur Zeit der baltisch-slawisch-germanischen Kontakte. Besonders enge Kontakte zwischen diesen Dialekten bestanden offenbar in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr., also zur Zeit der baltisch-slawisch-indo-iranischen Sprachkontakte. Damals konnten in den Systemen der baltischen und slawischen Dialekte folgende Veränderungen eintreten: der Schwund der Laryngale in bestimmten Positionen und infolge dieses Schwunds die Beseitigung der Opposition zwischen stimmhaften und stimmhaft-aspirierten Konsonanten sowie die Entstehung einer Intonationsopposition, die Reflexbildung der indogermanischen silbischen Sonanten, die Bildung neuer Morpheme, die Veränderung des indogermanischen s nach k, r, i, u und die Assimilation der indogermanischen palatalen Konsonanten. Alle diese Erscheinungen (mit Ausnahme der letzten beiden) waren gemeinsame baltisch-slawische

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Innovationen. Enge baltisch-slawische Sprachkontakte bestanden offenbar vor den baltisch-finnisch-ugrischen Sprachkontakten, die ungefähr in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. oder später einsetzten, da an letzteren keine slawischen Dialekte beteiligt waren.

Somit werden die ältesten baltisch-slawischen Sprachbeziehungen durch die Existenz einer baltisch-slawischen Isoglossengemeinschaft (Isoglossengemeinschaft) interpretiert, d. h. eines räumlich-zeitlichen Kontinuums baltischer und slawischer Dialekte, das sich jedoch offenbar infolge einer sekundären Annäherung ursprünglich verschiedener Dialekte herausgebildet hat.

ZU DEN ÄLTESTEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN BALTISCHEN UND SLAVISCHEN SPRACHEN

S. KARALIŪNAS

Zusammenfassung

Im 3. Jahrtausend vor u. Z. unterschieden sich wahrscheinlich „baltische“ und „slavische“ Dialekte im Rahmen des nordischen Areals der ide. Sprachgemeinschaft. Die „baltischen“ Dialekte scheinen damals ziemlich nahe Beziehungen zu den „germanischen“ Dialekten zu unterhalten. Wohl darauf weisen bekannte baltisch-germanische Gemeinsamkeiten hin.

In der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends vor u. Z. (etwa in den Jahren 2000–1500 vor u. Z.) konnten sich baltische und slavische Dialekte gegenseitig nähern und in der Epoche von aktiven Kontakten leben. In den damaligen baltischen und slavischen Dialekten entstand wahrscheinlich die folgende Isoglossenbündelung: Ausfall der Laryngale, Beseitigung der Opposition von Mediae und Mediae aspiratae (b: bh>b usw.), Wandel der silbischen Sonanten R zu iR und uR, Entstehung der phonologischen Intonationen (Akut: Zirkumflex), Bildung einiger gemeinsamer Suffixe (z. B. *-ēio-, *-tāio-), Assimilierung der ide. k’, g’ (lit. š, ž, slav. s, z) und Veränderung des ide. s nach k, r, i, u (lit. š, slav. ch).

Wandel der silbischen Sonanten, Entstehung der phonologischen Intonationen und Bildung der spezifisch baltisch-slavischen Morpheme waren gemeinsame Neuerungen der baltischen und slavischen Sprachen.

Man kann annehmen, dass etwa in der Mitte des 2. Jahrtausends vor u. Z. oder später die konvergente Entwicklung der baltischen und slavischen Dialekte abgeschlossen wurde und ihre parallele Entwicklung begann. Seither begann möglicherweise die Periode der baltisch-ugrofinnischen Kontakte, an denen die slavischen Sprachen nicht teilnahmen. Solche gemeinsame Erscheinungen der baltischen und slavischen Sprachen, wie die Veränderung des ide. eu zu lit.-lett. jau, slav. ju, das Gesetz von de Saussure-Fortunatov, die Bildung der bestimmten Adjektiva und der Verbalsendung *-sei der 2. Person sing. Praesentis und andere, entstanden wohl auf Grund der parallelen Entwicklung der beiden Sprachzweige.

Man konnte sich die ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen und somit die Entstehung von den gemeinsamen baltisch-slavischen Neuerungen so vorstellen, dass es zwischen den baltischen und slavischen Dialekten Gemeinschaft existierte, d. h. das räumlich-zeitliche Kontinuum dieser Dialekte, das aber allem Anschein nach wegen der sekundären Annäherung von ursprünglich verschiedenen baltischen und slavischen Dialekten entstand. Die Epoche der baltisch-slavischen Sprachgemeinschaft war also nur eine Periode in den Entwicklung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slavischen Sprachen.

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