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JONAS KLIMAVIČIUS
JONAS JABLONSKIS UND DIE SPRACHE DES VOLKES
SCHLÜSSELWÖRTER: Jablonskis, Jablonskiana, Sprache, Volk, Sprache des Volkes, nationale Sprachfunktion.
1. DIE WEGE, SEITENWEGE UND IRRWEGE DER JABLONSKIANA
Jonas Jablonskis (1860 12 30–1930 02 23) war Sprachwissenschaftler, Pädagoge, Gymnasiallehrer und Universitätsprofessor, Volksbildner, Kämpfer für das Litauertum und die Unabhängigkeit, Übersetzer und Redakteur. Er war Wegbereiter vieler Bereiche und Begründer sowie Autorität auf mehr als einem Gebiet. Ein unbeugsamer Sucher und Kämpfer für die Wahrheit – in Wissenschaft und Leben. Noch zu Lebzeiten wurde er (auch) Vater der (Schrift-)Sprache genannt, tatsächlich aber legte er die Grundlagen der modernen standardisierten litauischen Sprache und errichtete ihr Mauerwerk. Die Jablonskiana beginnt noch zu seinen Lebzeiten. Arnoldas Piročkinas (2010: 1) nennt rund 500 Einträge. Sein 60. Geburtstag wurde mit einem Artikel von Juozas BalčikonisJablonskis und unsere heutige Sprache begangen. J. Jablonskis wird darin als „großer Sprachforscher“ und „Sprachlehrer“ (Balčikonis 1919–1920*: 155) gewürdigt, zugleich aber das unzureichende Ergebnis festgestellt: „In den Schulen wie auch in den übrigen öffentlichen Einrichtungen und in der Presse herrscht unterdessen dieselbe entstellte Sprache, irgendein Jargon, der sich sehr weit von der lebendigen Sprache entfernt hat“ (Balčikonis 1919–1920: 156). In einem unmittelbar nach seinem Tod veröffentlichten Artikel wird die Bedeutung von J. Jablonskis’ ständiger Sorge um die Sprache der Zeitungen erläutert: „Ihre Fehler können das ganze Volk anstecken und seine Sprache verderben“ (Balčikonis 1930: 167). Hier wird erneut das allgemeine Urteil wiederholt: „Jablonskis war nicht nur ein großer Lehrer, sondern auch ein großer
* Zur Chronologie des Gegenstands werden in den Literaturhinweisen das Jahr der Erstveröffentlichung und die Seitenzahlen des Nachdrucks angegeben.
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Page 2mokslininkas“ (Balčikonis 1930: 168). Po metų apibūdinamas: „brangus ir kaip visuomenės žmogus ir kaip mokslininkas“ (Balčikonis 1931: 170).
Sein Tod – er war körperlich gebrechlich, aber noch ein tatkräftiger Arbeiter – kam unerwartet und wurde als wahrer Verlust für die Wissenschaft empfunden. Seine vielseitige – wissenschaftliche, pädagogische, kulturelle und gesellschaftliche – Tätigkeit wurde jedoch schon damals eindeutig als Vermächtnis von höchstem Wert verstanden.
J. Jablonskis „seit Langem erdachtes und erträumtes“ Sprachorgan – die Zeitschrift für die Standardsprache Kalba – veröffentlichte in Heft 1 des ersten Jahrgangs den Artikel von Rygiškių Jonas Laikraštinės kalbos dalykai (31–36) und meldete dort zugleich im Namen des Herausgebers Pranas Skardžius den Tod „dieses großen Mannes der Sprache“. Im selben Jahr erschien Heft 2: „A. A. Jonui Jablonskiui, bendrinės kalbos kūrėjui ir ilgamečiui (= ~iam) jos tobulintojui“. Mehr als die Hälfte davon war J. Jablonskis selbst gewidmet: dem Überblicksartikel von Aleksandras Merkelis, den Atsiminimų bruožai des Präsidenten der Republik Antanas Smetona, den Erinnerungen von Pranas Mašiotas, Petras Avižonis, Motiejus Pečiulionis und Viktoras Vaičiūnas, den Anmerkungen von Juozas Bagdonas und Zigmas Kuzmickis und schließlich dem kurzen, aber sachlichen Beitrag von Petras Jonikas Jablonskio kalbos tyrimo charakteristikos bruožas – „einen Fehler aus den Tatsachen unserer Sprache (ihren Gesetzen) herauszuerklären“ (Jonikas 1930: 63). Dem jungen Sprachwissenschaftler gereicht diese Präzisierung in Klammern zur Ehre – immerhin hatte er nicht irgendeine primitive Analogiemethode erkannt, sondern das wesentliche Prinzip des Systems (der Gesetze). Doch diese Klammern verraten auch Unsicherheit, und das Verständnis der Sprachforschung als Erklärung von Fehlern (nur?!) ist unbegründet und fatal eng. Dennoch ist der knappe, wohl mit seinen eigenen Initialen P. J. unterzeichnete Beitrag Darbu pagerbkime didįjį kalbininką! in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Zunächst wird hier hervorgehoben, dass J. Jablonskis „die Kulturarbeit des ganzen Volkes leistete, einen bestimmten Bereich dieser Kultur organisierte und ihn förderte. Er weckte und entfachte jene Kräfte, durch die das Volk wächst“ (J. P. 1930: 64). Und dem Volk werden J. Jablonskis’ letzte Worte in Erinnerung gerufen, der den Arbeitsgeist „verkörperte“: „Ein Volk, das nicht arbeiten kann, hat keine Zukunft“ (J. P. 1930: 65). Sodann wird die lebenswichtige Bedeutung der Verbesserung und Pflege der Sprache (oder modern ausgedrückt: der Sprachkultur) aufgezeigt: „Die Sprache ist ein bedeutender Faktor des kulturellen Lebens, ohne den der Aufstieg und Fortschritt eines Volkes unmöglich sind“ (J. P. 1930: 65). Und wie J. Jablonskis meinte, steht an der Frontlinie dieser Arbeit und dieses Kampfes die Zeitung: „Schließlich ist der Einfluss der Zeitung auf ihre Leser am größten. Die Jugend lernt von ihr Phraseologie, Stil und Sprache. All das hämmert die Zeitung, die ständig gelesen wird, dem Menschen fest ins Gedächtnis“ (J. P. 1930: 65). Und dies endet mit den Worten einer schmerzlichen Fußnote: „Diesen Artikel hatte ich der Redaktion einer Tageszeitung zum Druck übergeben. <...> antwortete, dass der Artikel n i c h t a k t u e l l sei; <...>“ (J. P. 1930: 65). Zwar spricht P. Jonikas zehn Jahre später in Gimtojoje kalboje (!) über J. Jablonskis’ Analogiemethode,
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Page 3Doch das gilt ja – ebenfalls nicht allgemein! – nur für Korrekturen und die Bildung von Neologismen, nicht aber für die Grammatik; und hier merkt er zu Recht an: „Sein größtes Verdienst ist die Entwicklung der Syntax der litauischen Sprache (Hervorhebung von mir – J. K.) <...>“ (Jonikas 1940: 19). Wenn auch nicht ganz eindeutig, so ist doch die Wissenschaftlichkeit bedeutsam – ebenso wie die konkretisierte Rechtschreibtheorie (Jonikas 1940: 18).
Unbestreitbar ist, dass der Vertreter der jüngeren Generation P. Jonikas sich bemühte, konkretere und detailliertere Bewertungen vorzulegen (auch wenn es ihnen an Konsequenz mangelte) als J. Balčikonis.
P. Skardžius, der den Todestag in der Zeitschrift Archivum Philologiam ausführlicher gewürdigt hatte, beginnt seine Bewertung mit Etiketten: „Jaunius und Būga waren Universalisten, J-skis hingegen ein Eklektiker“ (Skardžius 1931: 325). Das ist in der Sprachwissenschaftsgeschichte unerhört. Das zeitnahe TŽŽ von 1936 definiert eklektikas – 1. „Philosoph, der sich nicht an ein einziges System hält, <...>“ (eklektizmas – ebenfalls nur philosophisch), 2. „ein unorigineller Künstler, Dichter oder Publizist ohne eigene schöpferische Grundlagen“; eklektiškas bedeutet „zusammengestellt, ausgewählt, aus verschiedenen Systemen“. Geradezu erschütternd ist, was P. Skardžius konkret als eklektisch bezeichnet: „Seine eklektische Auffassung legte J. J-skis bereits 1901 folgendermaßen dar: ‚Er (d. h. der Verfasser eines Lehrbuchs der litauischen Sprache) muss seine gesamte Wissenschaft auf die Gesetze der Volkssprache gründen, – – – (...)‘“ (Skardžius 1931: 325). Was und von wem wurde in J. Jablonskis’ Theorie der Gemeinsprache zusammengetragen, zusammengestückelt, was stammt nicht von ihm selbst? P. Skardžius selbst nennt dies an anderer Stelle ein „klares Programm für die Gemeinsprache“; nachdem er die Arbeiten zu J. Jablonskis’ Grammatik (und einige weitere) aufgezählt hat, sagt er, sie hätten „die Grundlage der Gemeinsprache gebildet“ (Skardžius 1931: 329). Nachdem er erklärt hat, „mit der historisch-vergleichenden Methode hat er nichts erforscht“ (Skardžius 1931: 329–330), sagt er nicht, wozu diese Methode für eine Grammatik der Gemeinsprache, geschweige denn für eine Theorie der Gemeinsprache, nötig gewesen wäre. Doch wieder ein Purzelbaum: „Die Arbeit von J. Jablonskis <...> hat dennoch für die allgemeine Sprachwissenschaft beträchtliche Bedeutung“ (Skardžius 1931: 331). Widersprüchlicher geht es wohl kaum...
J. Balčikonis, der treueste Schüler und Weggefährte J. Jablonskis, besonders während der letzten fünf Jahre, und der konsequenteste Umsetzer seiner Auffassung (wenn er etwas anders tat oder dachte, dann ohne öffentliche Erklärungen, geschweige denn Kritik), stellte recht bald einen fünfbändigen Jablonskio raštų zusammen, redigierte ihn und gab ihn heraus: 1 – Visuomenės straipsniai (1932), 2 – Švietimo reikalai (1933), 3 – Rašybos dalykai (1934), 4 und 5 – Kalbos dalykai (1935 und 1936). Es handelt sich um in 47 Jahren unter dem Familiennamen, unter verschiedenen Pseudonymen und Kürzeln, ja sogar ganz ohne Namen veröffentlichte Artikel, die aus verschiedenen Zeitungen zusammengetragen wurden, ebenso wie Vorworte zu Grammatiken und Lesebüchern sowie unveröffentlichte Rezensionen von Lehrbüchern. Das Prakalba des Herausgebers schließt mit einer zuversichtlichen Hoffnung: „Deshalb wird Jablonskis Bedeutung für unser Volk nicht abnehmen, sondern durch seine Schriften stetig wachsen“ (Balčikonis 1932a: X).
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Page 4Die von J. B. unterzeichnete Trumpas gyvenimo aprašymas (XI–XXVIII) schließt mit der knappsten Charakterisierung des Menschen: „Alle Kinder haben sich im Leben behauptet. Vermögen hinterließ er keines“ (Balčikonis 1932b: XXVIII). Am Ende des fünften Bandes finden sich ein Verzeichnis der erwähnten Beispiele (249–258) und eine Liste der von J. Jablonskis korrigierten Sprachfehler (259–280).
Es gab auch den Versuch eines gewissen Aufbaus darauf. Auf der Grundlage eben dieses fünfbändigen Werks entstand 1937, wie der Autor P. Skardžius selbst erklärt, in der von ihm redigierten Zeitschrift Archivum Philologicum ein zwar überblicksartiger, aber forschender und wertender Aufsatz J. Jablonskis ir dabartinė lietuvių bendrinė kalba. Wie schon der Titel zeigt, geht es hier nicht nur um J. Jablonskis’ sprachliches Erbe, sondern auch um dessen aktuellen, lebendigen Teil – das Vermächtnis, also um eine Gesamtbilanz; in ihr ist das Passiv jedoch mit Kritik etwas überwürzt, und die Akzente werden mitunter unlogisch vertauscht: „Der von ihm eingeschlagene Weg ist nicht nur zu korrigieren, sondern auch weiterzuführen“ (Skardžius 1937: 246). Die Doppelbödigkeit oder der Widerspruch von Voraussetzungen und natürlich auch Schlussfolgerungen zeigt sich bereits in der allgemeinen Auffassung: Der Aufsatz beginnt mit Eduard Hermanns Erörterung der Bedeutung der litauischen Gemeinsprache für die allgemeine Sprachwissenschaft – gemeint ist seine Studie von 1929 Die litauische Gemeinschaftssprache als Problem der allgemeinen Sprachwissenschaft (Skardžius 1937: 245); man erwartet folgerichtig eine ausgeführte deduktive These, doch... die Prinzipien des Theoretikers, der das lebendige Fundament der litauischen Gemeinsprache vertritt (vor allem!), ganz zu schweigen von seinen Grammatiken, insbesondere der Syntax, und auch von der Lebendigkeit und Geschlossenheit des gesamten Werks („ein gesunder, nicht geflickter Organismus, gleichsam ein einziger Sprachdialekt (...)“ III 109), vermag er nicht als Notwendigkeit zu begreifen (Skardžius 1937: 248) – und zwar als Theorie von Gemeinsprachen (Plural!), nicht als Theorie eines einzigen Modells, und ihrer konsequenten Umsetzung. Ein weiterer seltsamer Widerspruch: „J. Jablonskis trat zur rechten Zeit auf, als erster gebildeter Sprachwissenschaftler“ und zudem „mit dem Sprachgefüge der Schriftsprache anderer Nachbarvölker und deren Weiterentwicklung gründlich vertraut“; er verwirft „die deduktiv-apriorische Auffassung von der Schriftsprache“ und lässt sich „von der induktiv-aposteriorischen Auffassung leiten“ (Skardžius 1937: 250). Aus dem lockeren Sumpf der von den Aušrininkai am meisten verehrten Muttersprache (mitsamt allen Barbarismen und zahlreichen misslungenen Neologismen!) macht er sich auf wissenschaftlicher Grundlage – nach einer Theorie – daran, eine lebendige, geschlossene, reine Gemeinsprache zu schaffen (die Zunge sträubt sich zu sagen: fortzuführen), und plötzlich heißt es: „J. Jablonskis hat als klassischer Philologe im übrigen Leben (?! – J. K.) keine einzige linguistische Frage untersucht“ (Skardžius 1937: 266). Ist es da nicht offensichtlich, dass Sprachwissenschaft für P. Skardžius nur die Beschreibung der inneren Struktur ist? Doch Grammatiken sind ja Beschreibungen der Struktur! Ein geradezu erstaunlicher Begrenztheit und beklagenswerten Widersprüchen begegnet man in der Behauptung: „Er hat das gesamte weitere Schicksal der litauischen Gemeinsprache bestimmt“ (Skardžius 1937: 267) – kein Wissenschaftler...
In einem zum zehnjährigen Jubiläum verfassten Aufsatz jongliert P. Skardžius erneut mit Etiketten, als könnten sie von selbst alles entscheiden: „klassischer Philologe, kein reiner Sprachwissenschaftler (Linguist)“, „er schlug nicht den Weg eines abstrakten Wissenschaftlers, sondern den eines praktischen Mannes ein“ (Skardžius 1940: 303), aber...
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Page 5„reiner Sprachwissenschaftler (Linguist)“, „schlug nicht den Weg eines abstrakten Wissenschaftlers, sondern den eines praktischen Mannes ein“ (Skardžius 1940: 303), aber... bei Fragen des Sprachgebrauchs begann er, „sich <...> auf konkrete Sprachdaten und aus diesen Daten abgeleitete Sprachgesetze zu stützen“; er habe sich „<...> auch um die reine Sprachwissenschaft verdient gemacht“ (Skardžius 1940: 305).
Das war das Fundament der Jablonskis-Forschung in der Zeit der I. Republik Litauen (des Großfürstentums Litauen – nicht nur Litauens).
Die erste Sowjetzeit, die Kriegszeit unter deutscher Besatzung und das erste stalinistische Jahrzehnt der zweiten Sowjetzeit – eine Leerstelle; immerhin wurde er nicht als irgendein Reaktionär oder bürgerlicher Nationalist gebrandmarkt. In einem Jubiläumsartikel in Amerika, während er seine etikettenhaften Bewertungen wiederholte, äußerte P. Skardžius auch eine neuere Einschätzung: „Um Korrektheit und Klarheit zu erreichen, suchte er für die Gemeinsprache vor allem nach allgemein gebräuchlichen (Hervorhebung von mir – J. K.), das heißt von der Mehrheit verwendeten und verstandenen Wörtern oder Wendungen“ (Skardžius 1950: 375).
Die 1956 vom Institut für Litauische Sprache und Literatur ins Leben gerufene fortlaufende wissenschaftliche Publikationsreihe Literatūra ir kalba (eine andere Reihenfolge der Fachgebiete als im Institutsnamen!...) beginnt mit einem Aufsatz des Direktors Kostas Korsakas, Du įžymieji lietuvių kalbininkai. Keletas atsiminimų apie J. Jablonskį – J. Balčikonis’ Tribut an den Lehrer. Ihr erster Abschnitt lautet Jablonskis visuomenės žmogus!, der letzte Jablonskio paleistų žodžių gausumas, doch zeigt er von diesem Reichtum nur einen kleinen Ausschnitt. Von ernsthaftem Anspruch und im erforderlichen akademischen Umfang ist hier der umfangreiche Aufsatz von Bronė Vosylýtė J. Jablonskio vaidmuo lietuvių literatūrinės kalbos istorijoje, auch wenn nicht alles erfasst ist und es an Verallgemeinerungen mangelt. Inhaltreich und sachlich sind die Erinnerungen von Zigmas Žemaitis.
Dies ist gleichsam die Einleitung zu einer bedeutenden Phase der Jablonskis-Forschung – den von Jonas Palionis zusammengestellten Rinktinius raštus von J. Jablonskis (Bd. 1, 1957; Bd. 2, 1959). Im von der Abteilung für Litauische Sprache der Universität Vilnius unterzeichneten Pratarmėje wird festgestellt, dass „J. Jablonskis’ sprachliches Erbe für die Geschichte der litauischen Sprache, Literatur und überhaupt der Kultur des litauischen Volkes große Bedeutung hat“ (JablRR I 1957: 5). Band I enthält „die unter wissenschaftlichem und praktischem Gesichtspunkt bedeutenderen Lehrbücher der litauischen Sprache von J. Jablonskis“ (5), wenngleich Rygiškių Jonas’ Lietuvių kalbos gramatika. Etimologija von 1922 im streng didaktischen Sinne nicht einmal als Lehrbuch gilt. Zwar war es für „mittlere Bildungseinrichtungen“ gedacht (vom Autor oder vom Verleger?), doch, wie der Autor hofft, werden es „vor allem die Sprachlehrer selbst“ verwenden; er fügt noch hinzu: „Eine Sprachmethodik darf man von mir nicht verlangen“ (JablRR I 1957: 183). Band I beginnt mit J. Palionis’ Studie J. Jablonskis ir jo lietuvių kalbos vadovėliai (Palionis 1957: 7–56). Die Wissenschaftlichkeit und wissenschaftliche Bedeutung dieser „Lehrbücher“ wird ausdrücklich hervorgehoben: „Die ‚Grammatik der litauischen Sprache‘ von 1901 ist von großer Bedeutung
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Page 6weil darin zum ersten Mal in der litauischen Sprachwissenschaft (hier und im Folgenden: Hervorhebung von mir – J. K.) das Verhältnis zwischen Literatursprache und Dialekten korrekt beleuchtet wurde, <...>“, „...ein Programm für Literatursprache und Sprachnormierung, das selbst heute keiner wesentlichen Präzisierungen bedarf“ (Palionis 1957: 23). Besonders hervorgehoben werden J. Jablonskis Syntaxwissenschaft und ihre Neuartigkeit: „Durch geschickt ausgewählte Beispiele aus der lebendigen Volkssprache, der Folklore und den Werken bedeutender Schriftsteller, durch die Systematisierung dieser Beispiele, die Ableitung der Gesetzmäßigkeiten der litauischen Syntax sowie die Festlegung vieler neuer und guter Fachbegriffe legte Jablonskis den Grundstein für die bis dahin nahezu völlig vernachlässigte Erforschung der litauischen Syntax. Darüber hinaus trug er wesentlich dazu bei, die Normen der Syntax der litauischen Literatursprache festzulegen und zu etablieren sowie sie von unnötigen entlehnten Konstruktionen zu befreien“ (Palionis 1957: 49). Band II wird durch J. Palionis’ Überblicksartikel eingeleitet, der zugleich eine Wertung darstellt: J. Jablonskio kalbiniai taisymai (Palionis 1959: 5–54). J. Jablonskis „unterschied sich anfangs in der Sprache seiner Schriften kaum in irgendeiner Hinsicht“, doch später „tritt er bereits als großer Spezialist für die litauische Sprache, als große Autorität hervor“ (Palionis 1959: 47, 49), mit einer „Methode und theoretischen Grundlagen“ für seine Korrekturen – „sich auf die aus zahlreichen Beispielen hervorgehenden ‚allgemeinen Gesetze der menschlichen Sprache‘ zu stützen“ (Palionis 1959: 52, 50). Am Ende des Bandes stehen J. Palionis’ 83 Pastabos (519–532) und ein Register der korrigierten sprachlichen Erscheinungen (533–553).
Der Vortrag, den Kazys Ulvydas auf einer wissenschaftlichen Konferenz hielt, die das Institut für Litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften am 24. Dezember 1960 veranstaltet hatte, wurde gekürzt in Lietuvių kalbotyros klausimų, Band IV (1961), unter dem Titel J. Jablonskis – lietuvių literatūrinės kalbos ugdytojas veröffentlicht (S. 5–15, mit einer ausführlichen russischen Zusammenfassung auf S. 15–18). Zu Beginn heißt es, er sei „oft als Vater der litauischen Literatursprache, als ihr größter Förderer bezeichnet worden“ (Ulvydo 1961: 5), später jedoch: „als Förderer und sogar als ihr Vater, wie man mitunter sagte“ (Ulvydo 1961: 10). Den recht zahlreichen positiven und höchst positiven Wertungen fehlt es etwas an begrifflicher Klarheit: Mal ist die Rede von „Verdiensten um die litauische Sprachkultur und die litauische Sprachwissenschaft“ (5), von Artikeln „zu verschiedenen Fragen der Sprachkultur, der Sprachwissenschaft und des gesellschaftlichen Lebens“ (8), von J. Jablonskis „Arbeit zur Förderung der litauischen Literatursprache und der litauischen Sprachwissenschaft“ (9), von seiner „schöpferischen Tätigkeit <...>“, die der „Belebung und Förderung der litauischen Literatursprache sowie der Weiterentwicklung der litauischen Sprachwissenschaft“ (5) gewidmet war; mal von einem „hervorragend theoretisch ausgebildeten Sprachwissenschaftler“ (10), dessen Grammatiken „bis in unsere Tage ihren Wert bewahrt haben, wenn nicht stets ihren praktischen, so doch zumindest ihren theoretischen und historischen Wert“ (11). Am wichtigsten aber sei die Lietuvių kalbos sintaksė, die als „außerordentlich bedeutsame Grammatikarbeit“ beschrieben wird—
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Page 7— (7), während ihr Verfasser als „unübertroffener Syntaxforscher“ und „theoretischer Syntaxforscher“ (11) gilt. Der Gedanke, dass „umfassende monographische Untersuchungen erforderlich wären“ (5), wurde mit 16 Jahren Verspätung geäußert und musste weitere 16 Jahre auf seine Umsetzung warten.
J. Jablonskis 100. Geburtstag wurde, wenn auch verspätet, doch auf bedeutsame Weise mit dem fünften Band (1962) der wissenschaftlichen Schriftenreihe der Hochschulen Kalbotyra gewürdigt. Im Pratarmėje des Lehrstuhls für Litauische Sprache der Universität Vilnius heißt es, J. Jablonskis habe „Methoden zur Sprachförderung veröffentlicht und ihre Quellen erschlossen“ (5); zugleich wird in konjunktureller Weise relativiert, dass sein Kriterium für Sprachförderung und Sprachbereicherung – „die von schädlichen fremden Einflüssen unversehrte Volkssprache“ – zu seiner Zeit zwar das einzig richtige, inzwischen aber möglicherweise zu eng gewesen sei (5). Neben J. Palionis’ Leitartikel J. Jablonskis ir dabartinė mūsų literatūrinė kalba (7–12) wird J. Jablonskis umfassend als Übersetzer und Übersetzungsspezialist (Dominykas Urbas), als Förderer und Beurteiler der Kinderliteratur (Vincas Auryla) sowie als bedeutender Pädagoge (Magdalena Karčiauskienė) dargestellt. Aldonas Pupkis erörtert den handschriftlichen Nachlass. Erinnerungen steuern Juozas Balčikonis (neue), Merkelis Račkauskas, Bronius Pranskus-Žalionis, Zigmas Kuzmickis, Marcelinas Šikšnys, Napalys Grigas, Juozas Lazauskas und Juozas Senkus bei. Jonas Palionis veröffentlicht ein gutes Dutzend Briefe. Die von M. Lukauskaitė zusammengestellte sowjetzeitliche Jablonskis-Bibliographie umfasst 48 Einträge (darunter auch Beiträge aus VPI Tarybinio studento oder dem Telšiai’er Komunizmo aušros); 7 davon stammen von J. Palionis, 3 sind Diplomarbeiten.
In der ersten 1961 erschienenen Ausgabe von Kalbos kultūros wurde J. Jablonskis keine Aufmerksamkeit gewidmet; dafür wird in K. Ulvydo Leitartikel Kalbos kultūros ugdymo uždaviniai Lenin nicht weniger als viermal erwähnt – und das ist der einzige Nachname.
Damit endet nach einer längeren Phase erster Einsichten und anschließend vielfältiger Überblicksdarstellungen – darunter Studien, akademische Arbeiten sowie seriöse, anlässlich von Jubiläen erschienene Würdigungen – der Abschnitt, nunmehr mit recht klaren Leitlinien.
1970 begann Arnoldas Piročkinas mit weitreichenden Ambitionen seine Jablonskis-Forschungen. Beim theoretischen Seminar, das der Rat der litauischen Sprachsektion der Abteilung Vilnius der Gesellschaft für Denkmalpflege und Heimatkunde am 22.–23. September 1969 veranstaltete, hielt er den Hauptvortrag zum Thema J. Jablonskio kalbos norminimo pagrindai ir principai; darin gelangt er zu dem Schluss: „Bei der Schaffung und Formung der litauischen Nationalsprache und Literatursprache lenkte er deren Entwicklung in Richtung eines theoretisch und praktisch begründeten Systems“ (Piročkinas 1970: 11). Danach nahm er eine systematische Forschungsarbeit auf. Zunächst erschien 1970 ein Lehrmittel für Studierende der Litauistik, J. Jablonskio seminaras (eingeleitet von einer ausführlichen Chronologie der biographischen Fakten zu J. Jablonskis, S. 6–40), sowie vor allem für Lehrkräfte die Darstellungen Jono Jablonskio leksiniai taisymai (1970) und Jono Jablonskio gramatiniai taisymai
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Page 8(1976). Danach folgt der Schritt auf die Ebene einer zweibändigen Monographie: Prie bendrinės kalbos ištakų. J. Jablonskio gyvenimas ir darbai. 1860–1904 m. (1977) und J. Jablonskis – bendrinės kalbos puoselėtojas. 1904–1930 (1978). Beachtenswert ist J. Palionis’ ausführliche Rezension (Baltistica XV (2), 1979, 159–163), in der häufig wertende Wörter wie pirmasis, novatoriškas, visapusiškas, apibendrinti ir susintetinti vorkommen, aber natürlich auch problemiškas, prieštaringas ir ginčijamas. Von beiden Seiten fügte Stasys Keinys in seiner Rezension J. Jablonskio palikimo tyrinėjimai (Kalbos kultūra 39, 1980, 61–67) weitere Aspekte hinzu und hob sie stärker hervor. A. Piročkinas stellte eine umfangreiche Sammlung dokumentarischer Materialien zu Jablonskis zusammen und gab sie heraus: Jono Jablonskio laiškai (1985). Auf der Grundlage seiner Darstellungen für Lehrkräfte bereitete er ein ausführlicheres Buch vor, Jablonskio kalbos taisymai (1986). Den Abschluss bildete 1987 seine Doktorarbeit (damals der zweite Doktorgrad). In den Jahren der Liberalisierung veröffentlichte er eilig eine Sammlung von Artikeln, Studien und unveröffentlichten Briefen, die nicht in Jablonskio raštus aufgenommen worden waren: J. Jablonskis. Straipsniai ir laiškai (1991).
Mit Aleksas Girdenis’ Unterstützung wurde das ohnehin vielfältige wissenschaftliche Bild J. Jablonskis’ erweitert: „Als erster unter den litauischen Sprachwissenschaftlern hat er das System einer einzigen, klar abgegrenzten und lokalisierten Mundart umfassend untersucht. Dies lässt sich <...> sowie einem gewissen ‚angeborenen‘ Sinn für die Systemhaftigkeit der Sprache erklären, der auch in seiner praktischen Kodifizierungstätigkeit deutlich erkennbar ist. Die Systemhaftigkeit der Sprache war für ihn wohl das wichtigste, wenn auch nicht explizit formulierte Kriterium für die Auswahl von Normen“ (Girdenis, Piročkinas 1978: 28). Die Hervorhebung des Systematisierungskriteriums ist besonders bedeutsam.
1982 erweiterte Kalbos kultūra (Heft 42) das Themenspektrum der Jablonskis-Forschung: mit Kazio Ulvydo Leitartikel Dėl J. Jablonskio pažiūrų į kalbą (S. 3–16) (zu ihm siehe Kap. II), Antanas Lyberis’ J. Jablonskis leksikografas (S. 16–20) und Kazimieras Gaivenis’ J. Jablonskio veikla Terminologijos komisijoje (S. 20–24).
Auch der Verfasser dieser Überblicksdarstellung schaltete sich am Rande mit seiner Auffassung von J. Jablonskis (und seinen frühen Vorläufern) sowie mit einer Erinnerung an dessen Programm für die Öffentlichkeit ein (J. Klimavičius, Amžinas bendrinės kalbos pamatas, – Bibliotekų darbas, 1984 10, 33–35).
Auch in den Jahren der Zweiten Republik blieb A. Piročkinas der produktivste Autor auf dem Gebiet der Jablonskis-Forschung.
Zweifellos die bedeutendste ist seine Studie Jonas Jablonskis – naujų žodžių kūrėjas. Das Ergebnis von J. Jablonskis’ Wortneuschöpfungen ist außerordentlich beeindruckend: „In der heutigen litauischen Standardsprache (...) werden 610 Wörter von J. Jablonskis verwendet. Daneben gibt es 470 Wörter, die er gebildet hat, die sich jedoch in der Sprache nicht durchgesetzt haben: Sie waren teils wenig gelungen, teils entstanden sie als Hilfsneubildungen“ (Piročkinas 2000, 10: 6). A. Piročkinas würdigte den 140. Jahrestag des großen Sprachwissenschaftlers auf angemessene – wissenschaftliche! – Weise. Auch S. Keinys blieb nicht zurück: In der Zeitschrift Terminologija (Nr. 8, 2001, 50–64) veröffentlichte er einen Artikel-
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Page 9und Sprachwissenschaftliche Termini aus Petro Kriaušaitis „Lietuviškos kalbos gramatika“ von 1901. Robertas Gedrimas widmete sich einem neuen Thema – Jonas Jablonskis und die litauische Terminologie der Naturwissenschaften (Muttersprache 2000, 12, 4–8). Auch der Verfasser dieses Textes war mit einem Beitrag vertreten (J. Klimavičius, Was Jablonskis für die Geografie getan hat und was damit geschieht – Terminologija 8, 2001, 7–27). Sprachkultur (Heft 74, 2001, 3–8) brachte lediglich den Artikel von J. Palionis J. Jablonskis und die heutige Standardsprache, in dem er den Gedanken wiederholt, den er bereits 1979 geäußert hatte: „auch über eine akademische Ausgabe sämtlicher Schriften Jablonskis’ nachzudenken“ (Palionis 2001: 8).
Auf den 150. Jahrestag wurde vielfach und aus unterschiedlichen Blickwinkeln eingegangen. In Band 83 (2010) von Kalbos kultūros schreiben gleich vier Autoren über das Leben und die gesellschaftliche Tätigkeit von J. Jablonskis (Eglė Lukėnaitė-Griciuvienė, Vytautas Landsbergis, Vitas Labutis, Giedrė Čepaitienė). Zwei linguistische Aufsätze sind recht ausführlich: Vilija Sakalauskienės Die lexikografische Tätigkeit von Jonas Jablonskis (30–43) und Reginos Koženiauskienės Jonas Jablonskis’ Aufmerksamkeit für den Stil (66–83). Daneben gibt es auch kleinere Themen. R. Koženiauskienės Aufsatz Jonas Jablonskis’ Sprachliebe, Ethik und Gegenwart (Gimtoji kalba 2010, 12, 3–12) schlägt ein weiteres wichtiges Kapitel der Jablonskis-Forschung auf.
Unter dem Aspekt der Terminologie wird J. Jablonskis am ausführlichsten in S. Keinis Aufsatz Gedanken über den großen Sprachwissenschaftler und Terminologen Jonas Jablonskis. Zum 150. Geburtstag (Terminologija 17, 2010, 80–92) dargestellt.
Eine sehr bedeutende, nicht anlässlich eines Jubiläums erschienene Publikation ist das Dissertationsbuch des Sprachwissenschaftlers der jüngeren Generation und Zanavyker Arvydas Vidžiūnas, Die Akzentologie von Jonas Jablonskis (1997) – eine ausführliche Untersuchung eines für J. Jablonskis nicht zentralen Bereichs der Schriftsprache.
Der produktivste Autor ist derzeit wieder A. Piročkinas.
Sein umfangreicher Aufsatz Auf dornigem Weg begleitete er die Sprache in die litauische Schule überschreitet den Rahmen des Pädagogen und Volksbildners J. Jablonskis deutlich. Im Mittelpunkt stehen der Kampf um die Rechte der litauischen Sprache und deren Durchsetzung durch die Schule, die Wiederlitauisierung der verteidigten litauischen Sprache – ihre Läuterung –, J. Jablonskis’ schwieriger Weg in die litauische Schule, die Einführung einer standardsprachlichen Variante sowie die Erstellung seiner Lehrbücher, seines Wörterverzeichnisses und seiner Lesebücher. J. Jablonskis „verstand sehr gut, dass die Schule die wichtigste Institution ist, die den kommenden Generationen die Muttersprache vermittelt. Die Sprachbildung ist Teil der großen Aufgabe, die Sprache für das Volk zu erfüllen“ (Piročkinas 2010–2011, 2: 11).
In A. Piročkinas’ Aufsatz Zu mancherlei Überlegungen über die sprachliche Tätigkeit von Jonas Jablonskis wird vielleicht unnötigerweise, wenn auch tatsächlich nicht mit Nachdruck, behauptet, „Jablonskis sei nicht der Vater, sondern der Adoptivvater oder Erzieher der litauischen Standardsprache“ (Piročkinas 2010: 10). Auch scheint „eine wesentlich schwierigere und wichtigere Frage bei der Beurteilung der sprachlichen Tätigkeit von J. Jablonskis“ nicht zu sein, „ob sie wissenschaftlich oder nur praktisch war“.
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Page 10Dies ist im Grunde eine um 90 Jahre verspätet aufgeworfene Frage. Die Sache ist wichtig, doch die Frage stellt sich nicht mehr – weiterhin gelten die 1922 formulierten Wahrheiten von Kazimieras Būga, demjenigen, den P. Skardžius und andere als Gegenpol zu J. Jablonskis dargestellt haben: 1) Die Schriften von J. Jablonskis zur Morphologie und Syntax „haben nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch großen praktischen Wert“; 2) J. Jablonskis ist „der einzige Kenner der litauischen Syntax“; 3) die Erörterung des Wörterbuchs von Antanas Juška durch dessen Herausgeber J. Jablonskis
Posleslovie (litauische Übersetzung: Schlusswort, – Jablonskis J., Aufsätze und Briefe, 1991, 95–145) „ist eine Art Wörterbuchstudie“, die auch für die Dialektologie bedeutsam ist (zitiert nach Piročkinas 2010: 10); diese letzte Behauptung wurde zudem von A. Girdenis und A. Piročkinas bekräftigt. Aus P. Skardžius’ Worten, J. Jablonskis „habe die Grundlagen unserer Standardsprache gelegt, der selige K. Būga dagegen diejenigen der Sprachwissenschaft“, wollen wir folgern: „und wir, ihre Schüler, können die von ihnen begonnene Arbeit nur weiterführen – <...>“ (Skardžius 1928: 578). Eines ist klar: Die beiden waren verschieden. Dass K. Būga die Grundlagen der Sprachwissenschaft gelegt hat, bedeutet wiederum nur eines: J. Jablonskis war es nicht. Doch folgt daraus, dass der Honorarprofessor J. Jablonskis kein Wissenschaftler gewesen wäre, wenn er auch keine Grundlagen der Sprachwissenschaft gelegt hat? Keineswegs – schließlich ist klar, dass er die wissenschaftlichen Grundlagen der Standardsprache geschaffen hat und dass seine Beschreibungen der litauischen Grammatik dem damaligen Stand der Grammatikforschung entsprachen. Die Aufgabe, der sich J. Jablonskis widmete, konnte K. Būga gar nicht übernehmen – schon deshalb, weil J. Jablonskis, der ganze 17 Jahre früher begonnen hatte, die Fundamente der Standardsprache bereits gelegt hatte. Da für K. Būga das Prinzip der sprachlichen Authentizität heilig war, bestand kein Widerspruch; vielmehr unterstützte es J. Jablonskis’ Wirken. Dieser kleine Aufsatz von P. Skardžius – Über die „Unfehlbarkeit“ von Prof. J. Jablonskis – ist eine Erwiderung auf zwei Ausfälle Stasys Dabušis’ gegen J. Jablonskis. Darin stellt er P. Skardžius wegen seiner „abweichenden Ansichten“ auf heimtückische Weise gegen seinen Lehrer, indem er ihn „ungewöhnlich hoch erhebt“, sodass „bald das gesamte von J. J-skis errichtete Sprachgebäude krachend einstürzen müsse“ (Skardžius 1928: 578). P. Skardžius machte also der Provokation S. Dabušis’ ein Ende. Er erinnert außerdem an seine früheren Worte aus dem Jahr 1927: „Ebenso wenig lobenswert ist es, nach dem Entdecken des Fehlers eines mehr oder weniger angesehenen Menschen diesen sofort zu nichts zu erklären und sich selbst für größer zu halten als ihn“ (Skardžius 1928: 579). P. Skardžius’ Aufrichtigkeit gegenüber den Personen – J. Jablonskis und S. Dabušis – ist unzweifelhaft. Auf ähnliche Weise brachte er viel später, 1973, Leonardas Dambriūnas zum Schweigen (Piročkinas 2011–2012, 3: 4; allerdings sind nur das Zitat und sein Beleg unzutreffend). Er empfand sich zweifellos zu Recht als von größerem Format als diese beiden. Aber auch größer als J. Jablonskis? Was wäre daran schlecht, sich von den Schultern eines Giganten – des Lehrers! – aus zu messen und nicht vom Boden aus.
Ob man will oder nicht, muss man auch bei den Abwegen der Jablonskis-Forschung ausführlicher verweilen.
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Page 11Savo Lietuvių kalbos žodžių daryba (1943) P. Skardžius tikrai pranoko mokytoją. Bet paradoksas – žodžių darybos teorijos nesukūręs J. Jablonskis sukūrė per 600 ir dabar vartojamų naujadarų. Ir jau ne paradoksas, o P. Skardžius kalbinės mąstysenos ir būdo yda, kad net gyvenimo saulėlydyje neįstengia suprasti, jog jo keliauninko gynimas veda į šalikėlę, ką iškart suprato J. Jablonskis subtiliai ironiškai paerzines nesamais riešutauninku ar mergauninku, t. y. nurodė keliauninko nebūdingumą – juk, susiprask, būdingas keliautojas. P. Skardžiaus 1926–1927 m. Kalbos mažmenų serija pradedama nuo Bendrų pastebėjimų – tam tikrų principų, bet padrikai padaugžodžiaujant ir be reikiamo loginio ir terminologinio aiškumo (todėl mano čia nesiryžtama persakyti, o cituojama): „Mūsų literatūrinė kalba yra t i e – s i o g i n ė b e t a r p i š k a š n e k a m o s i o s k a l b o s i š v a d a, imama plačiausia prasme, kitaip sakant – tai yra v i s ų t a r m i ų (visur ret. – P. S.) summa summarum, tik, žinoma, su tam tikru pagrindu. Todėl nieku būdu negalima paniekinti tų tarminių kalbos duomenų, kurie rašomąją kalbą gali tik gaivinti, turtinti, ne susinti“ (Skardžius 1926: 26). Pabaiga – būgiškos gaidos! Serijos dalis – 5. Priesaga –auninkas – to principo dedukcija, bet prireikia ir reiškinio istorijos. Ji sunki: „vieni iš jų yra visai slaviškos kilmės, o kiti yra slaviškais pavyzdžiais sudaryti a r b a (ret. mano – J. K.) tiesiog lietuviško kilimo“ (Skardžius 1927: 46). Duoti atsakymą su arba – tai nėra uždavinio sprendinys. Ir toliau – nieko aiškiau: „Bet a š m a n a u, kad tokiems daiktavardžiams susidaryti, kaip drąsauninkas, kariauninkas, keliauninkas, smarkauninkas, užžauninkas... n e v i s u o m e t yra reikalinga slaviška įtaka; jie, r o d o s (ret. mano – J. K.), gali ir savarankiškai būti sudaryti iš bendratinio veiksmažodžių <...> liemens ir priesagos –ininkas; <...>. Bet a n t r a v e r t u s, kad ir būtų kiek veikusi slaviška įtaka panašių žodžių sudarymą, tai vis dėlto jie varyti lauk iš rašomosios kalbos būtų k i e k p e r drąsu, nes, viena, tos rūšies žodžių jau yra senuose mūsų raštuose; antra, jų nemaža yra ir gyvoje kalboje; trečia, k a i k u r i ų tokių žodžių sudarymas gali būti pateisinamas ir savo pavyzdžiais“ (Skardžius 1927: 49). P. Skardžiui visai neatėjo į galvą, kad tam yra taip pat keliautojas ir keleivis, tarmėse – ir keleivinis, raštuose – ir kelion(in)inkas. Pirmiausia, kodėl P. Skardžius nemini K. Būgos – ar ne todėl, kad K. Būgos tiesmukai neigiama keliauninko esant lietuviško: „Kas do klaida tūno žodyje keliauninkas, mūsų kritikas (S. Dabušis, pasirašęs slapyvardžiu Du dobilai, penki lapai) nesiteikia skaitytojams paaiškinti“ ir reiškia nusistebėjimą dėl S. Dabušio tikrai nevykusio taisymo: „Žmonių žodis keliauninkas reikias pakeisti kaltiniu kelion(i)ninku“, nors pabaigoje primena: „Be keliauninko ir keleivio Lietuvo-
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Page 12je pažįstamas yra dar ir keliautojas: <...>“ (Būga 1922: 66). Tik 1973 m. P. Skardžius prisimena, bet... apverčia: „Visai nenagrinėdamas šios priesagos darinių darybos, K. Būga pirmas nurodė, kad šalia keliautojo ir keleivio lietuvių kalboje jau nuo seniau plačiai vartojamas ir keliauninkas (...)“ (Skardžius 1973: 555). Tiesa, dar ne taip seniai tas keliauninkas buvęs oficialus susisiekimo žodis – terminas, pvz.: Tarifas keliauninkams įvestas liepos 1 (14) d. 1910 m.; keliauninkų pervežimas (Šviturys. Kalendorius – [literatūros] almanachas, 1911, 269 (ten jau ir p r a važ iavimas 270), nors yra ir važiuotojas 279 (iš gyvosios kalbos!). Ir visai neseniai rimtos kelionių knygos vertime vėl dar keliauninkas pirmas ir dažniausias (H. Melvilis, Enkantados. Kelionė po Europą ir Levantą, vert. O. Armalytė, Vilnius: Mintis, 1987, 4, 16, 22, 30, 41, 46, 84, 93), o keliautojas retesnis (6, 23, 77). Štai toks „turtinimas“... Gyventojo miške knygos vertime – tikra maišalynė: koks vaikščioj-tojas po mišką – retai vienišas klajoklis (H. D. Toro, Voldenas, arba gyvenimas miške, vert. R. Pavilionis, Vilnius: Vaga, 1985, 188), čia pat jis saujingas keliauninkas (p. 188), dažniausiai – reikšmingas keliautojas (15, 162, 163, 206, 215, 234); tikras keleivis – čia retai keleivis (174) arba bent keliautojas, o dažniausiai – keliauninkas (251) (= keleivis), ankstyvieji paukščiai keliauninkai (219) (= keleiviai), žąsys – pavargėlės keliautojos (221) (= keleivės). P. Skardžiui dedant gyvinimo ir turtinimo pastangas, o nepaisant autentiškumo ir duomenų būdingumo, mums randasi kitas rūpestis – gryninimo, diferencijavimo ir norminimo.
P. Skardžiaus Lietuvių kalbos žodžių daryboje (1943) veltui ieškotume senųjų raštų žodžių kariautojas (ir J. Jablonskio), keliautojas, kekšautojas, taip pat kekšininkas, kerštininkas, burtininkas, drąsininkas; yra tik smarkininkas. O -auninkų – dar daugiau negu 1927 m. Darybos būdų, sinoniminių darinių ryšių – lyg nebūta... Dabar, žinoma, pradedama be istorijos, be nuoseklumo – nuo tų „lietuviškų“, tik paskui imamasi „ištisų slaviškų“ (Skardžius 1943: 148), o anie gali atrodyti „būti sudaryti slavybių pavyzdžiais“, bet „tai nebūtinas dalykas: šie žodžiai lengvai gali būti mūsų pačių sudaryti <...>, kaip ir keikininkas, mušinininkas, plėšininkas (Skardžius 1943: 149). Fonetiškai galima forma paaiškinti kaip lietuvišką, bet fonetika čia nėra joks darybos veiksnys, todėl išvada – „dvi darybinės galimybės, savoji ir svetimoji, tarp savęs yra labai susipynusios“ (Skardžius 1943: 150) – konstatuoja tik ryšio faktą, bet ne kilmę ir priežastį. Taip ir po pusšimčio metų: „galėjo skatinti ir atitinkami lenkų kalbos vediniai su -ownik (Ambrazas 1993: 145). Jei dalyko istorija tvirtai nepaaiškinama, dalykas viena koja šlubuoja... Panašia fonetika P. Skardžiaus aiškinamas ir baudžiauninkas (ir baudžiaunininkas; bet nei LKŽ I1 1941,
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Page 13weder LKŽ I2 1968 bezeugt eine solche Akzentuierungsvariante) <*baudžiav-(i)ninkas (: baudžiava), erwägt aber keineswegs, dass es von baudžiauti „Fronarbeit leisten“ stammen könnte: Vaškai, Gruzdžiai (LKŽ I2 1968). P. Skardžius sagt, er habe „beiseite <...> gelassen <...> die akzentologische Untersuchung“ (Skardžius 1943: 11), obwohl seine Erklärungen hier vielleicht geholfen hätten – die häufige Variante -auniñkas (neben -áuninko) scheint die litauische Herkunft von darbos zumindest ein wenig zu stützen, wenn auch nur unter diesem Gesichtspunkt. Die Akzentuierung wurde auch nach 50 Jahren nicht überprüft – sowohl keliaunỹkas (Ambrazas 1993: 145 – mit Verweis auf P. Skardžius, obwohl dieser auch keliauniñkas hat) als auch keliáunỹkas (Ambrazas 1993: 228), während im Wortregister nur keliaunỹkas steht (Ambrazas 2000: 271). Vielleicht könnte auch eine areale Analyse der Varianten -auninkas / -aunỹkas etwas Klarheit schaffen. Die Parallelen zwischen fremden und litauischen (?) Bildungen sind recht aussagekräftig: vaj auninkas – kariauninkas, vand-rauninkas / vendrauninkas – keliauninkas (sogar keliaunýkai, kelelio vandrau-nykai LKŽ V 1959, Lied), čerauninkas – burtauninkas, lėbauninkas und latrau-ninkas – užauninkas, štukauninkas – juokauninkas; bei Substantiven – pulkáu-niñkas / pulkaunýkas – pulkeninkas (schon bei Konstantinas Sirvydas!), pirmaũnykas – pirmiñinkas. P. Skardžius sagt kurz – sogar ohne Parallelismus oder Zusammenhang –, dass das Suffix -auna- – didžiaunas, kariaunas, kekšaunas, linkaunas, žiūraunas, kaštaunas, talkaunas, vaj aunas und dergleichen slawisch sei (Skardžius 1943: 293) – hier findet er also keine litauische Lautgestalt. Und dergleichen – das sind zunächst vandraunas / vend-raunas – keliaunas, danach štukaunas – juokaunas, buvaunas, kerštaunas. Für diese ganze Frage ist also eine Studie erforderlich.
Die Analogie von J. Jablonskis – systemgemäß, seine Induktion (von P. Skardžius ihm zugeschrieben). Die Analogie von P. Skardžius – nach dem Sprachgebrauch (sogar nach einem fremden Modell!), seine hingegen – Deduktion (von ihm selbst – im Hinblick auf J. Jablonskis – getadelt).
Die Normierung wartet jedoch nicht. Erst 1973 erinnert sich P. Skardžius an K. Būgas Gedanken aus dem Jahr 1922 und an die darauf beruhende Auffassung von J. Palionis, dass „für die Belange der Literatursprache Wörter vorzuziehen und zu empfehlen sind, die in der lebendigen Sprache weiter verbreitet sind: keliáutojas und keleĩvis (Palionis 1959: 531), sowie an die Bewertung der Ableitungen mit dem Suffix -(i)au-ninkas durch Vincas Urbutis – „in der Literatursprache <...> werden sie gewöhnlich als Dialektismen aufgefasst“ (LKG I 1965: 333). Nun meint P. Skardžius („mir scheint es dennoch“), dass kariauniñkas und keliauniñkas „ohne jede Schwierigkeit in der S c h r i f t s p r a c h e (Hervorh. von mir – J. K.) verwendet werden können, wenn nicht als normgerechte Formen, so doch zumindest als bestimmte charakteristische semantische Varianten“ (Skardžius 1973: 555) – kariauniñkas „jemand, der gern mit jemandem kämpft, ein kriegerischer Mensch, ein Kämpfer“, während keliauniñkas „als Synonym für keleivio und keliautojo nützlich sein kann“ (Skardžius 1973: 556). Im DŽ sollten tatsächlich nur diese beiden -auniñkai verbleiben, doch dem kann man nur zustimmen, wenn zuvor noch deutlicher festgestellt wird, dass sich die Synonyme (semantischen Varianten) im Wesentlichen bereits im Sprachgebrauch differenziert haben. Zunächst die Ableitungen mit den Suffixen -tojas und
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Page 14-ėjas abgeleitete Wörter, die nicht nur eine einfache – transpositionelle – Bedeutung haben können (aus polysemen Verben entstehen Bedeutungen), müssen aus den Wortnestern ihrer Verben herausgelöst und erläutert werden (nicht nur kariautojas, sondern auch nukariautojas, užkariautojas). P. Skardžius erwähnt die Erklärung im DŽ – „jemand, der gern kämpft, ein Kämpfer“ – und vergisst (?) dabei die dort angegebene zutreffende stilistische Kennzeichnung menk., erweitert sie aber treffend: „jemand, der gern mit jemandem kämpft, ein k r i e g e r i s c h e r M e n s c h, ein Kämpfer“ (Skardžius 1973: 556, 555). Doch das Synonym kariautojas vermengt er gerade in dieser Erklärung mit dem anderen. Kariauninkas im Sinne von „Kämpfer“ ist zudem arch. und dial., also für die Standardsprache g ä n z l i c h entbehrlich. DŽ₂ 1972, ₃ 1993, ₄ 2000 führen kariauna ebenfalls mit der Bedeutung 1. abwert. „Kämpfer, Kriegerclique“ (DŽ₁ 1954 hatte 1. „Militärclique“, 2. psn. „Heer“). Doch in der bekannten Antike (bei Litauern, Aisten, Wikingern und Kosaken) war kariauna kein reguläres Heer (karias, karia), sondern eine für Feldzüge und Überfälle zusammengestellte Schar oder Truppe, deren Kern die Krieger bildeten, obwohl sie selbst Bauern waren; diese nahmen ihre Hausangehörigen und Sklaven mit. Deshalb versucht man auch, diese halb Krieger kariauninkais zu nennen: „wurde zum kariauninkas des Konungs“ (Egils saga, Übers. S. Steponavičienė, Vilnius: Vaga, 1975, 12). Für Lexikografen noch eine harte Nuss.
Nach einem Platz für Keliaunininkas in der Synonymengruppe suchte P. Skardžius gar nicht – so erklärte DŽ₁ 1954 äußerst fehlerhaft mit den Synonymen „Reisender, Fahrgast“; keleivis hingegen mit „Reisender, keliauninkas“. Keleivis wird in DŽ₂ 1972 erklärt als „jemand, der sich mit einem Verkehrsmittel oder zu Fuß fortbewegt; Reisender, keliauninkas“; DŽ₃ 1993 kürzer und ohne die hier unnötigen Synonyme als „jemand, der sich mit einem Verkehrsmittel oder zu Fuß fortbewegt“. Das Wort vyksta in der Definition unterscheidet keleivis von einem gewöhnlichen ėjėjas oder vaikščiotojas – vykti bedeutet 1. „gehen, reisen, sich auf eine Reise begeben“ in DŽ₁ 1954, in DŽ₂ 1972 dagegen ohne eiti: „sich auf eine Reise begeben, reisen“. Somit sollte auch keleivis mit keliu und kelione in Verbindung gebracht werden. Obwohl man sich seit vielen Jahren epidemisch dazu hinreißen lässt, keliauti zu sagen, sobald man irgendwo einen Fuß hingesetzt hat (siehe Klimavičius 1983: 9–50), braucht es in Wirklichkeit ein größeres Ziel, eine Vorbereitung und – gemäß den Gepflogenheiten des Volkes – den Abschied von den Angehörigen; es geht nicht um alltägliche Wege von zu Hause, um das gewöhnliche ständige Erreichen eines nahegelegenen Ortes – des Feldes, der Weide, des Nachbarn, einer Feier, des Marktes oder der Kirche im eigenen Städtchen. Die synonymische Erklärung von keliones in DŽ₁ 1954, ₂ 1972, ₃ 1993 – „das Reisen“ – ist völlig unzureichend, im Grunde tautologisch; die Belege bessern sie jedoch aus, insbesondere solche wie sich auf eine Reise vorbereiten, jemanden auf einer Reise begleiten in DŽ₂ 1972, sich für eine Reise fertig machen, eine Reise antreten in DŽ₃ 1993 sowie übertragen die irdische Reise, die letzte Reise in DŽ₂ 1972, ₃ 1993; ebenso kelioninis (Reisetasche, d. h. kelionmaišis), kelionlapis (siehe kelialapis), kelionpinigiai. Hierher gehört auch kelias, Bedeutung 3: „Reise“: unterwegs geschah ein Unglück, nimm Proviant für die Reise mit DŽ₁ 1954. Keliautojas unterscheidet sich von keleivis zunächst durch das Ziel – etwas weiter entfernt zu erreichen – die weite Welt, Unbekanntes zu sehen, etwas zu erleben,
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Page 15zu erforschen, Unbekanntes zu entdecken. Doch es ist keine Wanderung von Völkern samt ihrem ganzen Hab und Gut, obwohl man am Ziel der Reise auch bleiben, sich niederlassen kann, statt zurückzukehren. Die Reise des Reisenden ist konkret und eindeutig – nach dort und dorthin, die des Reiseabenteurers dagegen – ins Ungewisse und hindurch.
Dem Reisenden ist übrigens, wie den meisten Wanderern, schlicht die Vorliebe, die Begeisterung fürs Reisen ohne größere, ernsthaftere, klarere Ziele eigen; die Erklärung im DŽ₃ 1993 – „wer viel oder weit reist“ – ist durchaus plausibel. In Märchen ist das Glückskind, in Liedern sogar sein Pferd, ein Reisender. Hier drängt sich keineswegs unerwartet die Frage nach der Differenzierung der Synonymie von Reisendem und Tourist (ebenso Wanderer, Wandersmann, Wanderer …), reisen und touristisch reisen (vielleicht bisher nirgends belegten) auf, obgleich man schon vor geraumer Zeit versucht hat, sie in Angriff zu nehmen (SinŽ 1980).
Völlig zu Recht gibt es den Reiseunternehmer bereits im DŽ₃ 1993 nicht mehr.
J. Jablonskis hatte unter seinen Studenten erfolgreich zwei künftige Linguisten ausgewählt – Pranas Skardžius und Antanas Salys. Dem Gymnasiasten A. Salys aus Telšiai, der an die Güte der Schriftsprache glaubte, erklärte sein neuer Lehrer Matas Untulis, ein ehemaliger Hörer von Jonas Jablonskis: „Er erklärte, dass ‚nicht alles, was in Büchern geschrieben steht, richtig und gut ist; dass man auf die lebendige Sprache der Menschen achten muss – darauf, wie die Menschen sprechen; dass etwa Jonas Jablonskis die Richtigkeit und den Gebrauch der litauischen Sprache gerade auf den Regeln der Sprache der Menschen gründet‘“ (aus einem Gespräch mit Salys). „Damals entschied er sich auch, Sprachwissenschaft zu studieren.“ (Jonikas 1979: XVIII). A. Salys ehrte Antanas Baranauskas, Kazimieras Jaunius, Adomas Dambrauskas-Jakštas (2) und K. Būga (3) mit eigenen Aufsätzen. Über J. Jablonskis gibt es keinen solchen (P. Skardžius’ Beiträge: 7 und außerdem 1 Rezension). Doch in seinem Band Gemeinsprache wird J. Jablonskis am häufigsten erwähnt (ebenso Rygiškių Jonas und P. Kriaušaitis), stets respektvoll, wenn auch sachlich (Kap. III wird auch A. Salys’ Aufmerksamkeit für J. Jablonskis’ Credo zeigen).
Auch ein Jahr nach dem 150. Geburtstag war es für A. Piročkinas nie zu spät, über Jablonskis zu sprechen (Piročkinas 2011–2012). Hier wird vieles behandelt, manches nur oberflächlich gestreift, zum Beispiel das Verständnis der Junggrammatiker von Wurzelablaut und Analogie. Bei der Bewertung einiger Korrekturen J. Jablonskis’ treten auch leichtfertig formulierte Absätze deutlich hervor. Wo J. Jablonskis, durch zwingende Notwendigkeit dazu veranlasst und manchmal ganz ohne Not, in Eile nicht den Weg bahnte, sondern querfeldein lief, wiederholt man nun aus Trägheit hastig und stichwortartig Gedanken, ohne die Gesamtheit der Daten und sie eingehend zu untersuchen. 1904 tadelte J. Jablonskis die Ableitung, die es angeblich in der Sprache der Menschen nicht gebe – es sei nur sykis, „einmal“ von siekti – wie liežti – lyžis, laužti – lūžis, augti – ūgis (Piročkinas 2011–2012, 22: 4). Doch den Vokalwechsel als eisernes Gesetz zu betrachten, ist höchst ungenau – er tritt einmal auf, einmal nicht. Neben Formen mit Vokalwechsel in der Sprache der Menschen gibt es zum Beispiel išlyžis 1. „Schwimmhaut, Haut zwischen den Krallen der Schwimmvögel“ in Upyna, Užventis, Surviliškis, Salam(i)estis, Subačius, Pandėlis, ebenso bei K. Sirvydas und P. Ruigys; išlyžė in Saugos, išlyža in Žemaičių Kalvarija,
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Page 16Šiauliai – ebenfalls Formen aus der Sprache der Menschen sind išliežis in Skuodas, Mosėdis, Salantai, Kalnalis, Tverai und Gegrėnai (also bei den Žemaiten), ebenso bei F. Kuršaitis (LKŽ IV 1957). Auch siekis findet sich bei K. Jaunius und A. Juška; 2. „Klafter“ bei M. Miežinis; 3. „Reichweite des Arms“ bei A. Juška; ebenso krano siekis, patrankos siekis (LKŽ XII 1981) – diese Formen lassen sich durch keine andere ersetzen! Es gibt driekis (: driekti) in Gegrėnai (LKŽ II₂ 1969), pliekis (: pliek-ti) in Grūžiai und Skaisgirys (LKŽ X 1976). Von sriegti haben wir sowohl srygis als auch siegis (Norm), aber nur sriegas (Sprache der Menschen), ferner sraigė / sraigis / sraigtis und das von K. Jaunius gebildete sraigtas (LKŽ XIII 1984). Von sieti stammen sowohl sija als auch siena, sielis, sietas und saitas (LKŽ XII 1981). Ganz kurz sind noch folgende Beispiele zu erwähnen: augti – ūgis, augis, ūglis und auglys (die letzten beiden unterscheiden sich in ihrer Bedeutung); auti – autai, auklė, auklas, aulas und ūlė „waagerechter Schornstein“ (Syn. batas 3.); kliūti und kliautis (auch kliautis / kliaudis / kliauda) sowie kliūtis; lūžti – laužas, lūža, lūžtve (auch lūžis wird durch das u von lūžti beeinflusst, nicht durch laužti); pjauti – pjūvis, pjūtis, šienapjūtė, pjaunis / pjaunys, pjovis / pjova / pjovė und šienpjovys; skliausti – skliaustas, skliautas und skliutas; spausti – spūdis, spūda und spauda; šaukti – šūkis, šūksnis, šūksmas, šauksmas, šūkolas, šaukola(s), Šuklys, Šukliai und Šauklys; šliaužti – šliužas und šliaužlys; traukti – trūkis „Zug“ sowie traukinys, trauka, traukis und trauksmas. In der lebendigen Sprache überschreitet der Vokalwechsel, wenn er sich verselbständigt, bisweilen die semantischen – die Grenzen des Verständlichen (ulė, trūkis); es entstehen Gefahren merkwürdiger Homonymie: maigūnas (: miegoti), šautas (: šusti), sodyba (: sėdėti), und der Unverständlichkeit: paūdėti (: paausti), ūde (: aust i), ūdis (: austi). In der Standardsprache ist dies unzulässig und mittlerweile unerträglich: Flachs hecheln – bruktuvė, brukt uvas, priebrukas, den gehechelten Flachsfaser- oder Samenkapselbüschel schlagen – braukčiai, brauklys, brauktuvai, brauktuvas, obwohl die geläufigere Form brūkl ys (: braukti) erhalten bleibt, nicht brauklys; erhalten bleibt auch bruknė (: braukti) (selbst wenn eine Etymologisierung nötig ist) – ebenso wie sodyba, da auch die Variante sėdyba (arch. schlicht „das Sitzen“) sėdėjimas kaum verständlicher ist – die Bedeutung von sėdėti „ständig leben, sich aufhalten (wo)“ ist in der Standardsprache nur noch in Resten erhalten: (im Gefängnis, zu Hause, im zweiten Jahr in derselben Klasse, ohne Arbeit, umsonst) sėdėti. J. Jablonskis’ eigene lebendige Variante mit Vokalwechsel aus dem Jahr 1915, dėmėdavosi kalba (JablR I 1932: 188), ist in der Standardsprache längst anachronistisch.
Schon lange wurde Unzufriedenheit mit Ableitungen ohne Ablaut geäußert: „Wie es neben jausti das Wort pojūtis gibt, so müsste es neben augti prieūgis geben“ (Piročkinas 1970: 10). Prieū-gis ist inzwischen gerechtfertigt, denn es gibt auch augis; zudem muss man auf die Bedeutung achten: prieūgis wäre „Zuwachs an priesvoris, also Gewichtszuschlag“, während prieaugis „Größe des Zuwachses“ bedeutet. Pojūtis kommt von pajusti (mit den Sinnen!). Allerdings bedeutet K. Sirvydas’ pajau-ta – 2. „Empfindung, Wahrnehmung“: penki pajautimai, penkios pajautos (Clavis Germa-
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Page 17nico-Lithuana (~1673–1701) I 729), klausos pajautos LRKŽ (LKŽ IX 1973) niekada nebuvo bendrinės kalbos faktas. Teisingai pasuko A. Baranauskas – pajautą susiejo su (pa)jausti, plg. jausmas ir nuojauta, prieja uta, atjauta, užuojauta. Ilgai vartoti jutimai užleido vietą pojūčiams, taip ir pajautos patogesnės už pajautimus. Negi neskiriam fizinių šalčio, alkio pojūčių nuo dvasios pajautų – grožio, laisvės, visų žmonių broliškumo, tapatumo, švenčių, galių?!. Skiriam seniai – pajauta „pajautimas, jausmas“ LKV 1950, knyg. „kas pajaučiama, jausmas“ DŽ1 1954, knyg. „jausmas“: Širdis apsąla, tūkstančiai pajautų pabunda DŽ2 1972 (ir vėlesni leidiniai). Skiriasi potyris ir patirtis, požiūris ir pažiūra, pokrypis ir pakraipa, poreiškis ir paraiška, postūmis ir pastūma. Ir nėra per daug. Tik nereikia pajautos tapatinti su jausmu – plg. veiksmas ir poveikis, įveika, sąveika, juoksmas ir pajuoka, išjuoka, plūsmas ir poplūdis, išplūdis, perversmas ir pervarta...
Manche träumten styprį, aber vielleicht kann sich damals auch jemand im Wachzustand styprus finden (besonders styprų).
A. Piročkinas stimmt J. Jablonskis vorbehaltlos zu: Der Verzicht auf den Vokalwechsel (oder dessen Fehlen) zerstöre zwar jenes System, doch den „absoluten Regelmäßigkeiten der Junggrammatiker“ (Piročkinas 2011–2012 22: 4) hält er, gestützt auf J. Palionis (und eine lettische Enzyklopädie), für einen Irrtum. Anschließend zeigt er anhand von Beispielen – mokytojauti usw. –, dass die „Verabsolutierung der Gesetze“ (Piročkinas 2011–2012 1: 4) auch J. Jablonskis geschadet hat. Solche Widersprüche wären ihm vielleicht erspart geblieben, hätte er sich daran erinnert, dass die nötige Korrektur hier J. Balčikonis vorgenommen hatte, ansonsten ein treuer Schüler J. Jablonskis, der stets die unerlässliche Treue zu den tatsächlichen Fakten der lebendigen Sprache betonte (am entschiedensten sagte er einmal in einer lebhaften Diskussion: „Vor den Tatsachen müssen auch die Metatoniegesetze verstummen!“). Das wusste bereits K. Būga. Übrigens schmerzt es Ohr und Herz, wenn solche lebendigen und häufigen sprachlichen Ausnahmeerscheinungen – ohne sich mit ihnen vertraut gemacht zu haben! – blind verworfen werden (oder man sich auch nur anschickt, sie zu verwerfen). Mit Studierenden ist das nicht schwierig, doch treue Nutzer der Standardsprache werden dadurch vor den Kopf gestoßen.
J. Jablonskis Aussage von 1922, das Suffix -ingas bezeichne eine Eigenschaft, die „gewöhnlich im Innern des Gegenstandes liegt und häufig oder manchmal zutage tritt“ (Piročkinas 2011–2012 22: 4), reicht nicht aus. Die Bestimmungen „gewöhnlich, häufig, manchmal“ sind zu ungenau, um -ingas streng von -ėtas, -otas, -uotas abzugrenzen. Woher kommen kūningas (≠ kūniškas!), stuomeningas, liemeningas, krūtingas, krūtinga, petingas, šlauningas, blauzdingas? Aber piluotas! Warum audringas, lietingas, aber sauletas, vėjuotas? LKG I 1965: § 966, S. 556–558 erläutert dies ausführlicher und deutlich anders. Taktingas haut einen um – vgl. etiškas, diskretiškas, ironiškas, melancholiškas, logiškas...
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Page 18Nachdem viel, aber keineswegs grundlos, Zeit auf Umwege (samt Irrwegen) verwendet wurde, gilt es, auf den Weg der Jablonskiana zurückzukehren. Auch dessen Ende liegt nahe.
Seit Langem war bekannt, dass zahlreiche bedeutende europäische Linguisten „die bedeutenderen Arbeiten von J. Jablonskis vielfach benutzt haben und noch immer benutzen“ (Skardžius 1950: 379). Nun hat A. Piročkinas dies in dem Artikel Jonas Jablonskis žymių užsienio kalbininkų akiratyje (Mokslo Lietuva, 2010: 19, 1, 12; 20 12, 15) ausführlich dargelegt und ergänzt. Ebendort wurde in dem Artikel der Zanavykė Giedrė Čepaitienė und Algirdas Malakauskas’ Mokslo Lietuva, 2011: 3, 12) Kur iš tiesų gimė Jonas Jablonskis der genaue Name seines Geburtsortes ermittelt.
1992 erschien ein Teil der Prisiminimų von J. Jablonskis Schwager, dem Ehemann seiner Schwester Marytė, dem Juristen Motiejus Čepas – Apie žymųjį kalbininką Joną Jablonskį ir jo artimuosius bei gimines (80 S.). 2009 gab das Litauische Nationalmuseum das von Eglė Lukėnaitė-Griciuvienė zusammengestellte illustrierte Buch mit Erinnerungen und Briefen Konstancijos ir Jono Jablonskių šeima heraus (248 S.). Aus der Perspektive einer litauischen Intellektuellenfamilie verfasste Juozas Vytautas Uzdila die Rezension Iš lentynų ir dėžučių – naujam gyvenimui (Mokslo Lietuva, 2010 11 12). Gimtasis žodis veröffentlichte 2010 die Sammlung Atsiminimai apie Joną Jablonskį (herausgegeben von Giedrė Čepaitienė und Lionė Lapinskienė, 472 S.); G. Čepaitienė charakterisierte sie als markante, bleibende oder leider blassere, schattierte Züge im Bild J. Jablonskis; mit Abbildungen, außerdem Glossar, Biogrammen der Autoren, Quellenbibliografie, Bildbeschreibungen und Ortsnamenregister.
In verschiedenen Geschichtswerken und Enzyklopädien wird Jonas Jablonskis als „Normierer und Wissenschaftler der litauischen Sprache“ (Sabaliauskas 1979: 193) beschrieben, der „als Erster <...> forderte, dass die Volkssprache den Kern der Standardsprache und die Grundlage ihrer weiteren Entwicklung bilde“, „die Standardsprache theoretisch verankerte <...>“ und „die Grundsätze der Normierung der Standardsprache formulierte“ (Zinkevičius 1992: 146, 152, 153); er habe „der litauischen Sprachwissenschaft einen großen Dienst erwiesen, insbesondere der Syntax“ (LKEnc 1999: 272; 2008: 234). Mit der Zeit wird seine Syntaxforschung immer stärker hervorgehoben: „Die phonologische und grammatische Struktur der litauischen Sprache wurde recht genau wissenschaftlich beschrieben, die Grundlagen der Syntaxwissenschaft wurden gelegt“ (LTE IV 1978); „auch seine syntaktischen Arbeiten sind für die litauische Sprachwissenschaft und Sprachpraxis von großer Bedeutung“ (TLE II 1986); er „hatte großen Einfluss auf die Praxis und Wissenschaft der litauischen Sprache, besonders auf die Syntax“ (VLE VIII 2005). Bis schließlich fast nur noch eine Kleinigkeit bleibt: „die Sprache der Kleinlitauer und den suvalkische Dialekt auf besondere Weise miteinander zu verschmelzen und beide aufeinander abzustimmen“ (Zinkevičius 2013: 379).
1930 zählte J. Balčikonis J. Jablonskis zu den „Helden des Volkes“ – seine Verdienste verglich er prophetisch mit denen „von Menschen wie Vytautas dem Großen“ (Balčikonis 1930: 169). 1999 der litauische Rundfunk und das Fernsehen…
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Page 19Bei den Wahlen zu den 100 einflussreichsten Menschen Litauens im 20. Jahrhundert belegte J. Jablonskis den 12. Platz. Das zeugt von einem gewissen Verständnis in der Gesellschaft; daher wäre es unangebracht, ihn im Vergleich zu K. Būga allzu sehr hervorzuheben, der den 61. Platz belegte (Piročkinas 2000 10: 2) – er ist für die Wissenschaftler selbst leichter zu verstehen. Übrigens erkannte J. Jablonskis den Wert von K. Būga sehr wohl an: „K. Būga war der einzige Fachmann unserer Sprachwissenschaft. <...>. Mit K. Būga verliert unsere Sprachwissenschaft ihre wichtigste Stütze, ihren großen Forscher (Hervorhebung von J. Jablonskis – J. K.). Diese Stütze, <...>, verliert auch die gesamte vergleichende indogermanische Sprachwissenschaft, die viel aus unserer Sprache schöpft“ (JablR I 1932: 263). In der zum 1000-jährigen Jubiläum der Erwähnung des Namens Litauen zusammengestellten Liste der hundert herausragendsten Menschen Litauens (der Wissenschaftliche Redaktionsrat und die Berater der Allgemeinen Litauischen Enzyklopädie legten der Akademie der Wissenschaften eine Liste mit 300 Namen vor, aus der diese Ergänzungen vornahm und 100 auswählte) stehen chronologisch sowohl Jonas Jablonskis – „Sprachwissenschaftler, Normierer der litauischen Standardsprache“ – als auch Kazimieras Būga – „Begründer der litauischen Sprachwissenschaft und Sprachforscher, einer der bedeutendsten Baltisten“ – und Juozas Balčikonis – „Sprachwissenschaftler, treuester Fortführer der Traditionen von Jonas Jablonskis, Redakteur des Wörterbuchs der litauischen Sprache“ (100 iškiliausių Lietuvos žmonių, 2009).
Schlussfolgerungen
Die Forschungsgeschichte zu Jablonskis gliedert sich in drei unterschiedlich lange Phasen, die sich durch große thematische Vielfalt sowie eine unterschiedliche Breite, Quantität und Qualität der Erforschung und Vermittlung seines Vermächtnisses auszeichnen: I – eine fünfbändige Werkausgabe, erste Würdigungen und Zusammenfassungen; nach einer fast ganz leeren Unterbrechung eine zweibändige Werkausgabe (mit ausführlichen Erläuterungen und Bewertungen konkreter Korrekturen), eine Studie zu Leben und Werk sowie mehrere Überblicks- und Bewertungsartikel (die wichtigsten Beiträger: J. Balčikonis und J. Palionis) – die vormonografische Phase; II – die monografische Phase von A. Piročkinas – gerechnet ab den Vorarbeiten 1970–1977–1978–1987 –, nicht ohne bedeutsame, aber seltene Beiträge anderer Autoren (darunter auch J. Palionis), die das Themenspektrum erweiterten und sich mitunter an Deutungen und Bewertungen wagten; III – die postmonografische Phase, die in die Breite und Vielfalt geht und auch Ergänzungen bietet – nicht ohne Wiederholungen, kleinteilige Zergliederung und Bedeutungszuschreibungen, ja sogar Widerspruch, aber ohne grundlegend neue Bewertungen oder ernsthafte Bestrebungen zu einer grundlegenden Neubewertung (auch nicht in positiverer Richtung). J. Palionis hat sich fast vollständig zurückgezogen, A. Piročkinas ist aktiv und produktiv, die Zahl der auf Einzelaspekte spezialisierten Autoren nimmt zu; eine neue (oder überarbeitete) Monografie erscheint nicht und scheint vielleicht nicht einmal heranzureifen. Eine politische Periodisierung wäre nicht zweckmäßig, doch ein Blick darauf würde das Verhältnis der Ergebnisse zu den Bedingungen und Möglichkeiten politischer und akademischer Freiheit und Unfreiheit zeigen. Die Bedeutung der eher zahlreichen Ergebnisse der Jablonskis-Forschung in der letzten Phase, die sich nahezu mit den Jahren der allmählichen Befreiung und den zwei Jahrzehnten der Freiheit deckt, wird bislang durch das Verhältnis zwischen akademischer Freiheit und projektgebundener Finanzierung gemindert.
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Page 20Nicht jede Publikation (auch nicht die des Verfassers dieses Artikels) wurde hier erwähnt – der Fülle und dem Ziel zuliebe –, damit besser sichtbar wird, was ohnehin schon sichtbar ist, und was inzwischen auf fatale Weise fehlt und das Bild von J. Jablonskis zu verzerren beginnt: nicht nur Lücken, sondern auch Mängel.
Eine weitere notwendige, hier nicht näher ausgeführte Einteilung wäre eine thematische. Die Erforschung von J. Jablonskis’ sprachwissenschaftlicher Arbeit und seiner wissenschaftlich-praktischen Tätigkeitsfelder sowie insbesondere deren proportionale Bewertung – genauer gesagt: die noch unzureichende Erforschung selbst der wichtigsten Bereiche und ihre mitunter äußerst widersprüchliche Bewertung, nicht ohne Dilettantismus und sogar Nihilismus – hat die Grenzen des gesunden Menschenverstands und des Anstands überschritten: J. Jablonskis sei kein Wissenschaftler … Der Öffentlichkeit hingegen wurde eingeprägt: Er sei nur Sprachwissenschaftler (das ist er auch dort, wo er als einer der hundert aufgeführt wird). Halbwissenschaftler stellen ihn sich lediglich als Sprachkorrektor vor …
Ein Grund für diese Vielfalt der Bewertungen ist, dass die sprachwissenschaftlichen Arbeiten von J. Jablonskis meist nur klassifiziert und selten hierarchisiert werden; und wenn die Syntax an die Spitze gestellt wird, dann wird die Theorie der Standardsprache so gut wie nie berücksichtigt. Eine verlässliche Hierarchie ließe sich nur erstellen, wenn man J. Jablonskis als ganzheitliche Persönlichkeit und als Mann seiner Zeit und seines Volkes in seiner Gesamtheit erfasste. Ihm selbst war diese Hierarchie zweifellos sonnenklar – und zwar jeden Tag. In der Jablonskis-Forschung beginnt sie sich zwar abzuzeichnen, ist aber nicht deutlich herausgearbeitet und nicht zum Schlüssel gemacht worden. In diese Richtung weist die Einschätzung eines Staatsmannes, der aus einem Sprachwissenschaftler hervorgeht: „Er war auch einer der Führer unserer nationalen Wiedergeburt und einer der Begründer des Staates.“ „Jablonskis betrachtete die sprachliche Normierungsarbeit als eine der wichtigsten Formen, das Litauertum und den litauischen Staat aufzubauen“ (Vidžiūnas 2000: 1, 2).
Dieser Wegabschnitt ist nicht kurz, aber angenehm, und man kommt gut voran.
2. JABLONSKIS’ WEGWEISER AN DEN KREUZUNGEN DER NATION
J. Jablonskis begann nicht mit Sprachwissenschaft, sondern mit der Verteidigung und Bewahrung ihrer Lebenskraft und mit der Erweckung der Vaterlandsliebe. 1883 schrieb er in Aušra: „Junge Litauer kehren von mittleren und höheren Lehranstalten mit echter Liebe zu ihrem Volk und ihrer Sprache zurück, obwohl sie ihre gesamte Bildung in einer fremden Sprache und in fremdem Geist erhalten haben. Lobenswert ist ihre Standhaftigkeit: Sie haben sich nicht einmal den geringsten Teil ihrer Liebe zum Vaterland nehmen lassen“ (JablR I 1932: 3). Wie ein Kind jubelte er, als die Buchstaben wiedergewonnen waren, und machte sich unter freieren Bedingungen wie eine Biene an die Arbeit für Volk und Sprache, in Vilniaus žinios: „Wir werden ein ganzes Jahr damit verbringen müssen, die löchrigen Dächer unseres Volkes zu flicken und seine noch nicht verdorrten Zweige zu beleben“ (JablR I 1932: 74). Breit
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Page 21Den Artikel Apšvietimo reikalai schließt er 1906 im Lietuvos ūkininke mit einem klaren Leitgedanken für die Nation ab: „damit die Menschen schließlich nicht nur mit Händen und Füßen, sondern auch mit dem Kopf arbeiten könnten. Arbeit ist die Quelle des Reichtums der Menschen. Bildung und Wissenschaft aber schenken dem Volk nicht nur Reichtum, sondern auch Leben und Glück: Ein Volk, das Bildung fürchtet, verarmt, schwindet und stirbt immer“ (JablR I 1932: 122). An den zehnten Jahrestag der Großen Wilnaer Versammlung erinnert er sich in den Jahren des Großen Krieges, als „wir nicht wissen, was uns weiterhin beschieden sein wird“ (JablR I 1932: 193), zunächst, indem er die Opfer der Menschen bei dieser Versammlung und das schmerzliche Problem der Sprache des Volkes beklagt: „Ich erinnere mich, dass es mir geradezu das Herz brach, zu sehen, wie meine Landsleute, auf der Suche nach ihrem Glück und im Gespräch über allerlei Gleichheiten, ihre Brüder gleichsam von sich wegstoßen – Brüder, die mit uns gemeinsam arbeiten möchten, sich aber nicht mehr auf Litauisch mit uns verständigen können“ (JablR I 1932:194).
Dass J. Jablonskis dem neuen Jahrhundert mit einem Lehrbuch für Schriftsteller und Leser begegnete (litauische Schulen gab es noch nicht!...) – einer Grammatik der Schriftsprache mit einer besonderen, originellen Grundlage für deren Gestaltung: der Sprache des Volkes –, war das glückliche Zusammentreffen zweier Dinge: einer Initiative der litauischen Amerikaner und ihrer Verwirklichung durch J. Jablonskis. Ohne Zweifel war J. Jablonskis’ Arbeit hier die wichtigste und entscheidende. Meist wirkte er jedoch ganz allein – er schuf und wies die Richtung, für sich selbst und für die Sprache.
1892 veröffentlichte der künftige Vater der Schriftsprache in der Varpas unter dem Pseudonym K. Obelaitis seinen ersten Artikel zur Sprachpflege und Sprachentwicklung mit dem Titel Kalbos dalykai. Danach erschienen Dutzende unter demselben Titel, bis hin zu den Laikraštinės kalbos dalykai von 1930, die Kalba erst nach dem Tod des Verfassers veröffentlichte. Doch 1915, als die bösen Kriegsgötter donnerten und niemand wusste, was sie Litauen bescheren würden, verfasste er im abgelegenen Vėližė sein bereits seit vielen Jahren verwirklichtes sprachliches credo. Er betitelte es Kalbos dalykų vietoje und zeichnete mit R. J. (das heißt Rygiškių Jonas). Zuerst wurde es in der Vairas gedruckt – mit dem Untertitel in Klammern Iš vieno kalbos vadovėlio –, danach 1916 in dem von ihm selbst zusammengestellten Lesebuch zum Sprachunterricht Vargo mokyklai, wo es nun den Titel Kalba (Kelios palaidos mintys) trug. Es wurde vielfach neu aufgelegt. Sechzig Jahre später zitierte der Verfasser dieses Artikels drei Abschnitte in der Kinderzeitschrift Žvaigždutė; sie wurden mit folgenden Worten eingeleitet: „Mitten im Sturm des Ersten Weltkriegs, fern von Litauen lebend, schon beinahe völlig krank und von Heimweh niedergedrückt, stimmte J. Jablonskis eine beseelte Hymne auf die Muttersprache an“ (Klimavičius 1975: 8). Auf den ersten Untertitel gestützt, erklärte A. Piročkinas ohne nähere Prüfung: „Diese Gedanken sind offenbar nicht originell, sondern übersetzt, wie der Untertitel zeigt“ (Piročkinas 1978: 74). Doch J. Jablonskis gab gewissenhaft das Original oder die Quelle an, wenn er etwas übersetzte oder sich auf etwas stützte und daraus schöpfte. Lesen wir J. Jablonskis aufmerksam: „Wenn unser
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Page 22Volk keine Lieder, Märchen, Rätsel, Sprichwörter und Redensarten gesammelt hätte, gäbe es für den heutigen Studenten, Lehrer, Priester und Schriftsteller kein Sprachlehrbuch“ (JablR IV 1935: 191). Hier ist eindeutig von jenem bald erscheinenden unserem Sprachlehrbuch – einem Lesebuch für den Sprachunterricht die Rede, in dem die Sprache lebendig gelernt wird – anhand von Mustertexten und nicht aus einer Grammatik (obwohl J. Jablonskis’ Grammatik von 1901 ebenfalls als Lehrbuch bezeichnet wurde, ist sie didaktisch gesehen ganz gewiss kein Lehrbuch). In einem Brief an seinen Sohn Konstantinas aus Woronesch vom 16. Oktober 1915 (alten Stils) erkundigt sich J. Jablonskis: „Gibt es in Petrograd irgendwelche Lehrbücher für die litauische Sprache („Liet. pasakų“, „Vis. įnamių“, „Žiupsnelio“ etc.)?“ (JablL 1985: 144). Piročkinas merkt an, dass in J. Jablonskis’ Sprachartikeln jener Zeit „mehr publizistische Elemente auftraten“ – ein Beispiel dafür sei gerade der „Artikel „Kalbos dalykų vietoje“, der aus einer Handvoll Aphorismen besteht“ (Piročkinas 1978: 74). Noch viel später war es für ihn lediglich eine „Sammlung von Sentenzen, überschrieben mit Kalba“ (Piročkinas 2010–2011 1: 11). Er meinte, Jablonskis habe mit dieser Kalba „in der Gesellschaft den Wunsch wecken wollen, eine korrekte Gemeinsprache zu lernen, die auf den Gesetzmäßigkeiten der Volkssprache beruht“ (Piročkinas 1978: 75); doch weder den Zusammenhang mit dem erwähnten schulischen Lesebuch noch die Absicht des Verfassers, die Besonderheit der Gattung oder den Zeitgeist erkennt er leider.
Auch Kazys Ulvydas wagte es nicht, diese „Publikation“ J. Jablonskis’ als sein eigenes Werk – ein Original und keine Übersetzung – zu betrachten, obwohl er mit seiner Unterschrift „die Verantwortung für die darin dargelegten Gedanken übernimmt, <...>, als betrachte er sie als seine eigenen“ (Ulvydas 1982: 4, ferner 15). Ohne zu verstehen oder zu beachten, was J. Jablonskis an einem Scheideweg des Volkes empfand – die Stimme seines Herzens und seine Sorge – und ohne auch die Gattung zu berücksichtigen, betrachtet er dieses Manifest der Volkssprache ganz gegensätzlich: kühl, als gehe es um die „Ansichten jedes Forschers“ zu „dem ausgewählten Forschungsgegenstand, die Beurteilung von Problemen und einzelnen Aspekten“; dies werde durch die Studienjahre geprägt – durch Lehrer und Literatur (Ulvydas 1982: 3). K. Ulvydas unterscheidet zwar „allgemeine Ansichten über Sprache“, „die besonderen Ziele und Aufgaben seines Lebens und Wirkens“ sowie „die grundlegende Richtung seiner Arbeiten“, doch verwirft er diesen Versuch, eine Hierarchie von Ansichten und Zielen aufzustellen und die Richtung hervorzuheben – obwohl sie nicht ausgesprochen wird (auf die Sprache des Volkes!) –; unmittelbar darauf lässt er sie ihrer nationalen Prägung beraubt und abstrakt zurück: „Somit interessieren uns hier vor allem J. Jablonskis’ Ansichten über Sprache als den größten Errungenschaft der Menschheitsgeschichte“ (Ulvydas 1982: 3). Doch es ist unangemessen, J. Jablonskis als „jeden Forscher“ zu beschreiben – er war der Erste, ein Wegbereiter; sein Streben, seine Entschlossenheit und sein Ziel gingen nicht aus dem Studium hervor, sondern aus Jonas Basanavičius’ Aušra und aus Vincas Kudirkas Varpas, die er selbst mit geweckt hatte. Vor allem war er nicht Pfleger der Gemeinsprache, sondern der Lebenskraft und Eigenart – des Litauertums und der Reinheit – der Muttersprache, der Sprache des Volkes. Daraus entstanden die wissenschaftlichen Grundlagen, die Eckpfeiler und das Mauerwerk. Er war zugleich Forscher und Schöpfer. Auf seinem We-
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Page 23ge hatte er auch viele Behinderer – manche waren lediglich verständnislose oder dreiste Unwissende, andere geradezu rückwärtsgewandte Leugner und böswillige Verächter. Fähige Helfer gab es weniger – mit gewichtigen Argumenten unterstützte ihn, übrigens manchmal sogar auf seine Bitte hin, der gelehrte K. Būga; doch die meisten kamen ihm in Wissen und Beharrlichkeit nicht annähernd gleich, mit einer Ausnahme: J. Balčikonis – beinahe.
1915 wandte J. Jablonskis sich an die Gebildeten und 1916 an die Schule und formulierte schön, eindringlich und einfach die Leitlinien neu, die er bereits 1901 in seiner Grammatik veröffentlicht hatte. In der Vorrede erklärt er, kaum gesagt habend, was eine Grammatik ist, sogleich die besondere Grundlage der litauischen Sprache:
Die Wissenschaft leitet die Sprachgesetze und -eigentümlichkeiten aus der Sprache des Volkes ab: <...>. Wo <...> es viele Schriftsteller gibt, die den Geist der Volkssprache verstanden haben <...>, kann man für grammatische Zwecke auch diese Schriften verwenden. <...>. Anders muss hingegen der Verfasser eines litauischen Sprachlehrbuchs vorgehen. Er muss seine ganze Lehre auf die Sprachgesetze des Volkes stützen, denn unsere Schriftsteller haben die Sprache ihrer Schriften häufig selbst <...> auf die Gesetze fremder Sprachen gegründet. <...>. <...>. Auch beim Heranziehen der Volkssprache für grammatische Zwecke muss man vorsichtig sein: <...>. <...>: Aus fremden Sprachen sind nicht nur zahlreiche fremde Wörter in unsere Sprache eingedrungen, sondern auch viele Erscheinungen, die unsere Volkssprache verunreinigt haben und verunreinigen. <...>. Man muss diese Verunreinigungen von den Körnern zu unterscheiden wissen, <...> (JablR I 1957: 59–60).
Diesen grundlegenden Gedanken, der sein ganzes Lebenswerk und Schaffen bestimmte – den wichtigsten Leitgedanken –, hatte J. Jablonskis bereits früher, 1890, in einer unter den Initialen K. Ob. in der Varp veröffentlichten Rezension von Mykolas Miežinis’ Grammatik knapp dargelegt:
Um eine Sprachlehre zu verfassen und dadurch andere sprechen und schreiben zu lehren, muss man natürlich selbst die Regeln gut verstehen, die man anderen darlegt – Regeln, die unmittelbar aus der Sprache des Volkes und aus jenen Schriften gewonnen werden, in denen fleißige Männer zahlreiche unserer Lieder, Rätsel, Sprichwörter, Redensarten und Märchen gesammelt haben. Stoff für eine Grammatik kann man anderen Werken nur dann entnehmen, wenn ihre Verfasser ihre Arbeit selbst auf die Sprache des Volkes gestützt haben (JablR IV 1935: 3).
1915 beginnt J. Jablonskis nicht mit der Sprache des Volkes, sondern mit dem Menschen und dem Volk:
Sprache ist ein Spiegelbild des menschlichen Lebens.
In der Sprache bekundet ein Volk, wer es ist und was es wert ist. In der Sprache eines Volkes ist sein ganzes Wesen dargelegt – seine Geschichte, seine charakteristischen Eigenschaften, seine Seele und sein Geist (JablR IV 1935: 190).
Überspringen wir zwölf kurze Absätze, gelangen wir zu zwei Hinweisen zur Sprachnormierung:
Ein Durcheinander, weder das eine noch das andere und zugleich beides in der Sprache, ist Unordnung, Schwäche und geistige Finsternis. Unordnung, Schwäche und geistige Finsternis sind ein Durcheinander, weder das eine noch das andere und zugleich beides in der Sprache (JablR IV 1935: 191).
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Page 24Wie 1890 und 1901 wiederholt er auch 1915 am Ende seines credo:
Wer die eigene Sprache erlernen und mit eigener Feder unter die Leute gehen will, muss zuerst die Lieder, Märchen und Sprichwörter der Menschen verstehen lernen und die Schätze und Kostbarkeiten ihrer Sprache bewundern. Zu diesem Zweck muss man häufig die Werke großer Schriftsteller und großer Sprachkünstler lesen, jene Werke, in denen die wahren, großen Eigenheiten der Sprache des Volkes hervorgetreten sind (JablR IV 1935: 191).
Dass J. Jablonskis der Verfasser des gesamten Textes Kalbos dalykų vietoje ist, bezeugen deutlich die dreifache Identität der Gedanken und die teilweise Identität des Textes, ebenso der eigentümliche Geist (unser Volk, der Geist des Volkes, die Sprache des Volkes, die Lieder des Volkes, die Kinder des Volkes und die Mutter des Volkes) sowie der eigentümliche Wortschatz (in der Sprache niedergelegte Natur und Weisheit, die ihre Seele in die Sprache gelegt hat, hervorgetretene Eigenheiten), die Phraseologie (es zerreißt einem das Herz, unter die Leute gehen), die für seinen Stil charakteristischen volkstümlichen lexikalischen Doppelformen (Reichtümer und Kostbarkeiten, Gerät und Werkzeug, Lieder und Liedchen) und schließlich die stimmungsvollen, eindringlichen Wiederholungen eines erfahrenen Didaktikers: Ein Gemisch, weder das eine noch das andere, und sowohl das eine als auch das andere in der Sprache – Unordnung <...> im Kopf. Unordnung <...> im Kopf – ein Gemisch <...> in der Sprache.
Wie gerieten hier zwei berühmte Sprachwissenschaftler (mit ihnen ein ganzes Heer von Geisteswissenschaftlern) in die Falle des Klischees? Sein Name ist abgenutzt bis zur Unkenntlichkeit – Jablonskis – Sprachverbesserer / Sprachpfleger / Vater der Sprache. Doch die Leitlinien seiner Arbeit erkannten sie nicht. A. Piročkinas veröffentlichte 1990 die bedeutende Prakalbą von Mikalojus Daukša, die längst berühmt gewordene Varpas, zuletzt von Jurgis Lebedys herausgegeben, als eigenständige Publikation (Mikalojus Daukša, Postilės prakalbos, Vilnius: Mintis) mit einem eigenen begleitenden Aufsatz (38–46). J. Jablonskis’ credo herauszustellen, war beispiellos... K. Ulvydas nahm den in einem Lesebuch abgedruckten und in 12 Punkte gegliederten Text und fügte die längsten – stellenweise banalen, farblosen, mitunter unbeholfenen – Kommentare hinzu, „seine eigenen Bemerkungen und allerlei Erläuterungen“ (Ulvydas 1982: 4): „in Wirklichkeit“, „mit diesen Worten ausgedrückt“ (4), „hier wird hervorgehoben“ (10), „so wird ausgedrückt“, „in Wirklichkeit“, „dieser Gedanke wird bestätigt“ (11), „das bestätigt“, „daran zweifelt heute selbstverständlich niemand“ (13), „hier wird noch einmal (nur mit anderen Worten) betont“, „hier wird die Bedeutung hervorgehoben“ (14), „der Gedanke betont die Bedeutung“ (15). Im II. Punkt führt das „treffend und schön ausgedrückte Verhältnis von Sprache und Volk“ (4) den Kommentator zum Ausdruck der litauischen Achtung vor der Wohnstätte – dem Zuhause, sogar mit dessen Adverb (Gegenstand von K. Ulvydas’ Studie!...) und den „Möglichkeiten der Wortbildung“ (9), aber nicht zum Haus der Sprache – dem Volk – und nicht zum Haus des Volkes – dem Staat...
Dieses mit Punkten nummerierte und unter verändertem Titel – Gedanken von Jonas Jablonskis über die Sprache – versehene credo von J. Jablonskis wurde im Buch Konstancija und Jonas veröffentlicht
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Page 25Die Familie Jablonskis (229). Seine möglichst umfassende und zugängliche Verbreitung ist notwendig, indem seine historische Bedeutung aufgezeigt und seine Aktualität verdeutlicht wird.
Es ist höchste Zeit, klar auszusprechen, dass J. Jablonskis nicht einfach ein Mann seiner Zeit war – angeblich beschränkt und durch seine Zeit eingeengt –, sondern im Gegenteil ein moderner Mann des Volkes, der die Sache der Befreiung sehr gut verstand und den Schritt seiner Epoche, des damaligen Mitteleuropas – eher Osteuropas –, der Heimat der kleinen Völker, wie Milan Kundera es nannte, genau traf. Dieser Zug der Völker war breit angelegt und allumfassend. Nationale Befreiung bedeutet nicht nur, die verlorene Freiheit zurückzugewinnen, sondern auch neue schöpferische Horizonte des Nationalen und Programme für die schöpferische Entfaltung des Volkes – Modernisierung.
Genau wie J. Jablonskis (und zwar früher!) schrieb auch Mikalojus Konstantinas Čiurlionis programmatisch 1908 in den Vilniaus žinios: „Die Volkskunst der Litauer <...> muss das Fundament unserer Kunst sein; aus ihr muss sich ein eigener litauischer Stil entwickeln, sie ist unser Stolz, denn die Schönheit, die sie in sich trägt, ist rein, eigenständig und ausschließlich litauisch“ (Čiurlionis 1960: 279–280). Ein Jahr später schrieb er in Vilnis über die Musik, die die „wichtigste und erste Sprache des Menschen“ ist (Čiurlionis 1960: 295), noch voller Kummer, aber bereits auch voller Hoffnung: „Es gibt sie noch nicht, und was es gibt, ist gleichsam ein verzauberter Schatz; um ihn zu nutzen, muss man das Zauberwort kennen, man muss dazu berufen sein. Dieser Schatz liegt in unseren Liedern, <...>“ (Čiurlionis 1960: 286). Doch das Zauberwort fand sich erst in Česlovas Sasnauskas’ Kur bėga Šešupė ir Jau slaviai sukilo: „Da tritt die wahrhaft litauische Saite deutlich hervor – eine so seltsame, uralte, ungreifbare Weise, die in unseren Liedern herrscht, geschaffen vor Jahrhunderten“ (Čiurlionis 1960: 287). Doch wie der Weg J. Jablonskis’ für die Sprache war auch der musikalische Weg von M. K. Čiurlionis und Č. Sasnauskas mit den dümmsten Hindernissen übersät: „Unsere Musikabende haben nicht nur mit litauischer Musik, sondern überhaupt mit Musik nichts gemein. Noch schlimmer aber ist, dass sich in den Dörfern Litauens die sogenannten neuen Lieder zu verbreiten beginnen, deren Texte sehr ‚poetisch‘ sind, deren Melodie aber so erbärmlich und international ist, dass es ekelhaft ist, sie anzuhören. <...>, Hauptsache neu, während die alten Lieder in eine Ecke geraten und vergessen verkümmern, <...>. Und all dies geschieht in den Tagen der Wiedergeburt unseres Volkes!“ (Čiurlionis 1960: 288). Im Buch Lietuvoje von Sofija Čiurlionienė-Kymantaitė aus dem Jahr 1910, in dem „das gesamteuropäische Modell der Moderne <...> der litauischen Folklore zugewandt ist“ (Vytautas Kubilius – LLEnc 2001: 340), wird im aufgenommenen musikologischen Aufsatz von M. K. Čiurlionis Über die Musik bereits auch vom Fundament gesprochen: „Die Musik eines jeden Volkes verliert im Verlauf ihrer Entwicklung und ihres Wachstums nicht ihre besonderen Eigenheiten, denn Komponisten bereichern sie weiter. Als Söhne ihrer Heimat empfangen sie von ihren Eltern zusammen mit dem Blut auch die Liebe zu ihren Liedern und lieben oft, ohne es selbst zu merken, deren
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Page 26būdą ir ypatybes“ (Čiurlionis 1960: 295), bet „lietuvių muzika dar tebilsis liaudies dainose ar užrašuose, kurie tuo tarpu teturi muziejaus vertę“ (Čiurlionis 1960: 297). Į profesionaliosios muzikos pamatą liaudies melosą jie dėjo lygiai kaip didysis norvegas Edvardas Hagerupas Griegas (1843–1907), „nac. kompozitorių m-los pradininkas“, ir įvairiapusiškas vengrų kompozitorius ir etnomuzikologijos profesorius Béla Bartókas (1881–1945), ir kūrybiškai gausiai naudojęs liaudies meliką, ir kūręs „liaudies muzikos (vengrų, rumunų, slavų, arabų ir kt.) transkripcijas“ (MuzEnc I 2000).
Der Dichter der nationalen Wiedergeburt Maironis blickt ähnlich darauf – 1898 verkündet er programmatisch: „Ich möchte wenigstens einen Greis erwecken / Aus den Gräbern der Riesen / Und wenigstens ein einziges, doch lebendiges Wörtchen hören / Aus alten Zeiten! // Vielleicht schöpfte ich eine neue Quelle der Poesie, / Nur nicht die heutige, / Die sowohl ihr Gewand als auch ihren Geist geliehen bekam, / Ach nein, nicht ihre eigenen, nicht ihre eigenen!“ (Maironis 1987: 53). Woher wurde es geliehen und warum? Einen Teil der Antwort gab Maironis selbst – 1906 wies er in einem kurzen Überblick über das litauische Schrifttum nicht zufällig als „Beispiel für die Verstümmelung der litauischen Sprache“ auf Mykolas Olševskis Bromą atvertą įng viečnastį hin, die fast ein Jahrhundert lang – von 1753 bis 1851 – unumschränkt geherrscht und „unermesslich zur Verstümmelung der lebendigen Sprache unter den Menschen beigetragen“ hatte (Maironis 1992: 707). Den anderen Teil der Antwort gab bereits 1883 J. Basanavičius im Vorwort der Aušra – wir stehen am Grab der Nation: „Litauen schwindet allmählich, denn seine Sprache schwindet!“ (Basanavičius 1970: 695). Noch lange vor der Wiedererlangung der Pressefreiheit und litauischen Schulen: „Heute <...> verwandeln Schulen mit fremden Unterrichtssprachen die Litauer größtenteils in Fremde und entfremden die Kinder ihren Eltern“ (Basanavičius 1970: 696). Das gewohnte Sprachstereotyp – ein Geschehen als selbsttätig darzustellen, statt als tatsächlich von Menschen (in diesem Fall von zwei Imperien) bewirkt – verschleiert die Gefahr des nahen Untergangs. Tatsächlich schwindet die Sprache nicht, sondern sie wird vernichtet – das ist kein Tod des Alters, sondern Mord. In Teilen Litauens ist die litauische Sprache vernichtet worden. 1885 schrieb J. Jablonskis in der Aušra: „Reise durch Seinius, Rumbonė [–Rùmbonis] und andere Orte – du wirst Litauer sehen, die äußerlich bereits polonisiert sind <...>: die schlimmsten Feinde hier haben uns die Presse verboten und auf diese Weise die polnische Literatur in unserem Land eingeführt, <...>“ (JablR I 1932: 5). Zwanzig Jahre später schließt er den umfangreichen Artikel Unter den Sterbenden mit den Worten: „Die Lazūner... sterben“ (JablR I 1932: 132). Noch 1914 hielt er es für nötig, dies zu erklären – nicht irgendwem, sondern K. Būga: „Unsere Schriftsteller haben von klein auf nur fremde Schriften gelesen; beim Lernen hörten sie nichts, was schön auf Litauisch geschrieben war; viele von ihnen haben sich völlig von den Eigenheiten ihrer eigenen Sprache, von ihrem Geist entwöhnt; sie leben fast alle auch heute in Städten, wo man selten die lebendige eigene Sprache hört
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Page 27der menschlichen Sprache; sie alle sind auch heute noch daran gewöhnt, nur auf Russisch, Polnisch oder Deutsch zu denken... <...>; nötig ist nur, dass die Schriftsteller beginnen, ihre Arbeit ernst zu nehmen – dass sie wirklich Gebrauch machen, unter anderem, auch von den Erfahrungen der Sprachwissenschaftler, die größtenteils bei denselben Menschen gewonnen wurden, für die fast alle unsere Schriften bestimmt sind“ (JablR III 1934: 66).
Warum lag Maironis daran, einen alten Mann zu erwecken, sein Wörtchen zu hören – eine neue Quelle der Poesie für sich selbst? Das sind keine romantischen Poetisierungen – nachdem er die Lage von beiden Seiten betrachtet hatte, stellte er knapp zehn Jahre später im Poem Jaunoji Lietuva auf denkbar realistische und traurige Weise fest: „Wenn du heute einen Litauer finden willst, / such dort, wo die Strohdächer verrußt sind! / <...>; Doch auch dort versteht, wer zu Besitz gekommen ist [– reich geworden], / die Sprache der Großeltern und Eltern schon nicht mehr“ (Maironis 1988: 55). Doch – ich wiederhole es noch einmal! – Maironis betrachtet die Dinge von beiden Seiten; darauf haben bereits die Forscher der Modernisierung der modernen litauischen Kultur hingewiesen: „Für Maironis ist die Geschichte Litauens keineswegs eine Geschichte der Demoralisierung, die durch die Verderbtheit der Litauer und fremde Einflüsse bedingt wäre, ebenso wenig ist sie für ihn eine Reminiszenz an ein verlorenes Goldenes Zeitalter. Die Vergangenheit ist für Maironis eindeutig der Dimension des hic et nunc untergeordnet. Sie ist für Gegenwart und Zukunft schlichtweg notwendig“ (Donskis 1993: 71). Leonidas Donskis, der sich auch auf Tomas Venclova stützt und zugleich feststellt, „Maironis habe Litauen damals tatsächlich nicht archaisiert, sondern im Gegenteil modernisiert“, sieht in Maironis’ Modernität etwas, dessen Bedeutung selbst heute noch nicht erkannt ist: „Maironis zu einem echten Klassiker zu machen, ihn in den Kontext einer dynamischen Kultur einzufügen, die dieselben Bewegungen und apokalyptischen Theorien nicht zyklisch wiederholt – das wäre zweifellos ein lang ersehntes Zeugnis der Emanzipation und Reife unseres Bewusstseins und unserer Kultur“ (Donskis 1993: 71).
Den Weg, den Maironis in der Poesie einschlagen wollte, bahnte Liudas Gira mit seiner „Konzeption der Einheit von volkstümlichem und professionellem Schaffen“ (R. Karmalavičius – LLEnc 2001), ebenso die ersten begabten Modernisten – Balys Sruoga, der Symbolist, der in den Gemälden von M. K. Čiurlionis „eine aus der Tiefe kommende nationale Kunst“ sah und in Volksliedern vor allem nach „Widerspiegelungen des Innenlebens, moralischer und poetischer Schönheit sowie Zügen des nationalen Weltgefühls“ suchte (Samulionis 1986: 153), allerdings nicht ohne reichlich Diminutive (wir – wie Birken, Jugend, Jugendlein, ein kleines Ruhen,...). Er verfasste die bis heute bedeutende umfangreiche Studie Dainų poetikos etiudai, den Artikel Jausmažodžiai ir vaizdažodžiai poezijoje, sogar Rašytojas ir gramatika, und schuf zahlreiche poetische Neuschöpfungen; Putinas, der sich modernisierte, ohne den Lyrismus der Volkslieder zu vergessen, durchdringt sie bereits beim Aufstieg zu den erhabenen Gipfeln des Symbolismus mit den Zeilen des Rūpintojėlis, die ein reines Herz offenbaren: „Ich werde hinausgehen“, sagte ich mir, „auf den ebenen Weg: / Auf den ebenen Weg bei Tageslicht, / Auf den ebenen Weg in der hellen Nacht / Kann nur ein junger Mensch weit hinausträumen
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Page 28dūmas dūmoti; der litauische russische Symbolist Jurgis Baltrušaitis beginnt seinen litauischen Gedichtband Ašarų vainiką mit Lūšnos daina – einem solchen Sinnbild des irdischen Lebens des Menschen, einer solchen Bedeutung!.. Schließlich staunte der reine Neoromantiker Jonas Aistis, für den das Schicksal des litauischen Volkes das einzige Rätsel des Lebens war, der richtig voraussah, dass unsere Knochen in Gefangenschaft stöhnen würden, und später klagend vorwarf – ein einziger Blutstropfen hätte dich schützen können –, schon in jungen Jahren über die treffende Bildhaftigkeit der bäuerlichen Redensarten. Gemeinsam mit Antanas Miškinis, sich von Fischlein aus dem Haff nährend und in der Dämmerung Volkslieder summend, suchte er darin nach den Geheimnissen der nationalen Eigenart der Poesie – nach einem eigenen, nicht geliehenen Geist. In seinem Essay Lietuvės būdas sagte J. Aistis 1935, als stimme er V. Kudirka zu: „Die Nation liegt in den Händen der Mutter“; gestützt auf Salomos Weisheit – „Drei Dinge lassen die Erde erzittern, ein viertes kann sie nicht ertragen“ – fügte er hinzu: „wenn eine Magd zur Herrin wird“: Ihre „Kultur reicht natürlich nicht weiter als bis zum Hemd“ (Aistis 1991: 160, 161)... Und gegen Ende seines Lebens, fern der Heimat, sprach er in dem schmerzlich weisen Epilog der Elegien der Straßen von Milford scharf aus: „Der Litauer zerbricht sich über zwei Dinge nicht den Kopf: die Muttersprache und die Geschichte seines Volkes“, und erklärte sachlich: „Sprachwissenschaftler und Historiker eingeschlossen. Ich bin Sprachwissenschaftler, wozu brauche ich Geschichte! Ich bin Historiker, wozu brauche ich Sprache!“ (Aistis 1991: 457).
Ein kleines Fazit ergibt sich von selbst: J. Jablonskis gehört mit seinem Arbeitsfeld und darüber hinaus zu ihnen, doch sein Arbeitsfeld ist das bedeutendste, und chronologisch steht er an erster Stelle. Dass die Gesellschaft dies nicht erkannt hat, dafür sind nur die Sprachwissenschaftler verantwortlich, weil sie es nicht verstanden haben (oder, falls es manche verstanden haben, es nicht gesagt und nicht erklärt haben). Selbst Vytautas Kavolis, der Doyen der vergleichenden und interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Forschung mit breitestem Profil, hielt in seiner Studie Epochų signatūros (1991), in der er die litauische Kultur unter dem Aspekt der Modernisierung seit 1387 überblickt, lediglich fest: Im „verlorenen Jahrhundert“ (1640–1750) „verroht die Sprache litauischer Bücher“ (Kavolis 1994: 383); danach setzt der Niedergang ein – „nicht mehr Sirvydas’ Predigten, sondern Olševskis’ Erbauungsschriften“ (Kavolis 1994: 400); die zunehmende Aktivität der Nation im 19. Jahrhundert zeigt sich sowohl rational – in der Nüchternheitsbewegung – als auch theatralisch – in Aufführungen auf dem Dreschboden; V. Kudirka vollbringt eine „Synthese von Volkstümlichkeit und Nationalität“, aus der eine demokratische Kultur entsteht (Kavolis 1994: 455). Doch eine Gemeinsprache, ja überhaupt die Sprache, sieht V. Kavolis darin nicht (zumindest erwähnt er sie nicht); J. Jablonskis erscheint bei ihm nur im Zusammenhang mit V. Kudirka (Kavolis 1994: 463–464). Im Wesentlichen ist es auch in der Studie Sąmoningumo trajektorijos. Lietuvių kultūros modernėjimo aspektai (1986) nicht anders. Für die Ideologie des Liberalismus ist die individuelle Freiheit wichtig – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im poetischen Schaffen, das überwiegend rebellisch ist!.. Und die nationale Zugehörigkeit in der Kultur?
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Page 293. DER WEG DER SPRACHE – WIE DER NATION
Springen wir von J. Jablonskis’ credo, von den Erwartungen und dem Entschluss der seit 1916 über Litauen, Russland, Amerika und Europa verstreuten litauischen Intelligenz, Litauen wiederherzustellen, nach Westeuropa und zu seiner Sprachwissenschaft. Genau im selben Jahr 1916 erschien postum der Cours de linguistique générale (Bendrosios kalbotyros kursas) des großen französischsprachigen Schweizers Ferdinand de Saussure (1857–1913). 1876 begann er am damaligen Zentrum der indogermanischen vergleichenden Sprachwissenschaft in Leipzig zu studieren; dort veröffentlichte er schon 1878 die später als genial bezeichnete Mémoire – Senosios indoeuropiečių kalbų balsių sistemos tyrinėjimą. Er wunderte sich, dass die großen deutschen Indogermanisten sich überhaupt nicht für die Hauptsache interessierten – was Sprache ist. In den Vorlesungsentwürfen von 1891 schreibt er, indem er als typisch einen Familiennamen und die Universität Wien nennt, dass solche Linguisten zwar alle Sprachen der Welt durchforschten, aber keinen Schritt unternähmen, um zu klären, was Sprache ist (Холодович 1977: 664). Positiv erwähnt er hier übrigens drei Romanisten (darunter Hugo Schuchardt), den Germanisten Hermann Paul sowie die Russisten Jan Baudouin de Courtenay und Nikolai Kruszewski. Zwischen 1906 und 1911 hielt F. de Saussure an der Universität Genf einen solchen Kurs dreimal; nach seinem Tod stellten seine Schüler anhand ihrer Mitschriften eine Ausgabe zusammen. Dies ist ein epochales Werk. Für F. de Saussure ist Sprache ein Zeichensystem; sie hat ihre eigene Geschichte, ist ein physisches, physiologisches und psychologisches Phänomen, individuell und sozial – sie bildet eine Einheit von Bedeutung und Lautgestalt, eine Ganzheit; Sprache ist konventionell – das Sprachzeichen ist nicht organisch motiviert (andernfalls gäbe es auf der Welt eine einzige, unveränderliche Sprache). Sprache ist also eine Übereinkunft zwischen den Mitgliedern eines Kollektivs (den Sprechenden). Doch was ist dieses Kollektiv? Gerade dies, dass es eine Nation ist, findet sich im Cours de linguistique générale nicht. In J. Jablonskis Leitlinien ist Sprache in erster Linie die Sprache eines Menschen, einer Nation, dann die Sprache der Lieder einer Nation und so weiter, erst danach
Sprache ist ein Erzeugnis des menschlichen Denkens, aber sie ist auch ein Gerät, ein Werkzeug, um menschliche Gedanken auszudrücken (JablR IV 1935: 190).
Zwar behauptet F. de Saussure, dass die Vielfalt der Sprachen durch die Zeit geschaffen werde und die Unterschiede zwischen den Sprachen sich im Raum zeigten; dass jedes Volk das Gefühl habe, seine eigene Sprache zu besitzen, und jede für überlegen halte (де Соссюр 1977: 233–235); es gibt den Abschnitt Sprache und Rasse, es gibt sogar Ethnizismus, wo gesagt wird, dass die Gemeinsamkeit der Sprache eine ethnische soziale (zum Beispiel romanische) Gemeinschaft schaffen kann (де Соссюр 1977: 260). Doch von einer Vorstellung der Nationalsprache keine Spur. Obwohl es keine andere Sprache gibt, selbst wenn eine später international oder global wird, ist Sprache ansonsten nur eine Abstraktion. Es geht um die freiwillige oder erzwungene Aneignung durch Eroberer (Beisp-
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Page 30Beispielsweise wird in Gallien die Sprache der Römer angenommen – freiwillig oder erzwungenermaßen –, und die Sprache der Fremden überlagert die der Einheimischen. Er erinnert daran, dass zwei oder drei Sprachen in einem Gebiet auch ohne Vermischung (aber etwa ohne Interferenz?! – J. K.) koexistieren können (zum Beispiel neben dem Baskischen Spanisch und Französisch). Er erwähnt die in Litauen neben dem Litauischen infolge der Union etablierte polnische Sprache und die infolge des Anschlusses an das Russische Reich etablierte russische Sprache (1880 hielt er sich ein halbes Jahr in Kleinlitauen auf) (де Соссюр 1977: 229–230). Gelegenheiten, über Nationalsprachen und die Prozesse ihrer Beziehungen (nicht nur deren Ergebnisse) zu sprechen, gibt es eigentlich genug – auch ohne theoretische Geschlossenheit und Ausführlichkeit. Aber... für die großen (bevölkerungsreichen, starken) Nationen – im großen Maßstab der Zivilisation – und für die Sprachwissenschaftler (und Dichter) seit jeher freier Nationen ist das längst nicht mehr aktuell. Der freie Schweizer geht am kühnsten und ohne Umschweife bis zur letzten Grenze: „In den praktischen Beziehungen der Menschen verliert die Vernunft ihre Positionen“, daher verliere auch die Sprache ihre Freiheit und Identität – die Zeit lasse den auf sie einwirkenden Kräften ihre Macht zeigen (де Соссюр 1977: 110–111) – der Sprachstrom fließt unaufhörlich durch die Zeit (де Соссюр 1977: 173): „Unveränderliche Merkmale gibt es im Grunde nicht“ und „die Evolution ist blind“ (де Соссюр 1977: 266 und 268). Das ähnelt einer unüberwindlichen Entropie. In der Sprache homo – insipiens?.. F. de Saussure ist hier nicht der Einzige: „Der Mensch ist ein launisches und rätselhaftes Wesen, und hier ist er der Hauptakteur“ (Hjelmslev 1995: 153). Die abschließende These von F. de Saussures Werk (der letzte Satz): „der einzige wirkliche Gegenstand der Sprachwissenschaft ist die Sprache, wie sie an sich und für sich ist“ (де Соссюр 1977: 269).
Dieser Gedanke tritt in seiner ganzen Konkretheit im Abschnitt Gemeinsprache und Ortsmundart: „Sich selbst überlassen, befindet sich die Sprache in einem Zustand der Aufspaltung in Mundarten, <...>; unter solchen Bedingungen ist sie dazu verurteilt, sich endlos aufzuspalten“ (де Соссюр 1977: 231). Die Gemeinsprache – eine geschaffene, bearbeitete, kultivierte Sprache – ist notwendig, wenn eine Nation ein erforderliches Maß an kultureller und politischer Integration erreicht. Sie ist eindeutig das Ergebnis keiner blinden, sondern einer zielgerichteten, bewusst angestrebten Entwicklung und schöpferischen Gestaltung, zumal sie meist auch von Schrift und Orthografie, Sprachdidaktik und Sprachpflege begleitet und gefestigt wird. F. de Saussure erwähnt hier auch die Politik, die Kirche, den (königlichen) Hof, die Salons und Akademien (де Соссюр 1977: 60). Und er macht eine bedeutsame Einschränkung: „Eine einmal entstandene Gemeinsprache zeichnet sich im Allgemeinen durch hinreichende Beständigkeit aus und neigt dazu, sich selbst gleich zu bleiben; ihre Abhängigkeit von der Schrift sichert ihr noch größere Beständigkeit“ (де Соссюр 1977: 173). Die schulbuchmäßige Theorie der Dialektologie besagt: „Mundarten entstehen durch den unaufhörlichen Sprachwandel, der an verschiedenen Orten des Sprachgebiets unterschiedlich verläuft“, und dieser „Prozess wird sprachliche Differenzierung genannt“ (Zinkevičius 1978: 15). Die Zeit lässt leider manche Wahrheiten über den Nutzen der Mundarten altern, zum Beispiel: „Wer die Verbindung zur Mundart abbricht, verliert ein solides Fundament der Sprache, denn unsere Gemeinsprache ist noch jung und selbst...“
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Page 31be tarmių negali lengvai verstis“ (Zinkevičius 1978: 130). Bet ką daro regioninio patriotizmo ir tarmių metų entuziazmo kurstomas ryšių nutraukimas su bendrine kalba ar bent jų silpnėjimas? To galimas vardas – kalbinė dezintegracija. Be to, daugybė veiksnių skatina ir pačios bendrinės kalbos segmentaciją. Globalizmo pagairėje juokinga gelbėtis tarmiškumais ir visokiomis archajiškomis ar moderniškomis dezintegracijomis. Telktis reikia: kalbos ateities ir saugumo garantas – bendrinė kalba.
Von irgendeiner anderen Quelle der Gemeinsprache spricht F. de Saussure nicht – es ist nur die Mundart, schlicht die Mundart selbst und nicht als Fundament. Da sich in Litauen der Mythos von der Hauptstadtmundart als Quelle (oder Fundament) beinahe völlig durchgesetzt hat und Schülerinnen und Schülern die Entscheidung überlassen wird, was ihnen lieber sei – die Gemeinsprache oder die Aussprache von Vilnius (Vaicekauskienė 2013: 26) –, muss man auch die von F. de Saussure genannten vielfältigen Gründe für die Wahl einer Mundart anführen: die Mundart des kulturell am weitesten entwickelten Gebiets, die Mundart des Gebiets politischer Hegemonie und zentraler Herrschaft, eine vom (Fürsten-)Hof aufgezwungene Sprache, also nur im letzteren Fall die Sprache der Hauptstadt; das Französische geht auf die Île-de-France (nicht auf Paris), das Italienische auf die Toskana (nicht auf Rom) zurück (Де Соссюр 1977: 231). Man wird also zugeben müssen – schon nach F. de Saussure –, dass die litauische Gemeinsprache aus der Mundart Suvalkijas stammt, der damals am weitesten entwickelten Region. Von irgendwelchen Veränderungen des Fundaments, Brüchen oder Varianten der Gemeinsprache spricht er nicht, denn solche gibt es nicht.
Mit der Durchsetzung des Saussureschen Verständnisses von Sprache als sozialem (gesellschaftlich vereinbartem) Phänomen und insbesondere der darauf gegründeten Soziolinguistik (sozialen oder soziologischen Sprachwissenschaft) setzte sich zugleich unmerklich auch die Auffassung, eher noch die Haltung durch, die Hauptfunktion der Sprache sei die kommunikative und nicht die ursprüngliche, natürliche Bezeichnungsfunktion – die repräsentative Funktion. Auf universitärer (im Studium) und enzyklopädischer Ebene setzte sich ein verzerrtes Verständnis durch: Sprache ist ein Kommunikationsmittel. In Ländern, in denen sich Nationen und Sprachen vermischen, wird die Entnationalisierung – die Assimilation – noch euphemistischer als C o d e w e c h s e l bezeichnet.
Der litauische Linguist Simas Karaliūnas verwirft in seiner umfangreichen Monografie von 1997 Sprache und Gesellschaft (Psychosoziale und kommunikative Merkmale des Sprachgebrauchs), die dem Untertitel nach wohl diesem Mittel gewidmet ist, entschieden die Dogmatik und begründet mit stichhaltigen Argumenten die Auffassung, dass die Funktionen der Sprache sich nicht auf den Bereich der Kommunikation und die Benennungsfunktion beschränken – über ihnen und vor ihnen steht die ethnische Funktion der Sprache: die Funktion der Identifikation, des Zusammenhalts und der nationalen Abgrenzung sowie die Funktion, nationale Eigenart und die nationale Zugehörigkeit der Sprache auszudrücken (Karaliūnas 1997: 163, 164). Und schon vor 100 Jahren (1913) brachte K. Būga dies zum Ausdruck: „Alle Litauer, sowohl die Hochlitauer als auch die Niederlitauer, macht die S p r a c h e zu einem Volk“ (Būga 1913: 403). Übrigens sprach auch F. de Saussure von
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Page 32die Sprache als Mittel zur Zusammenführung eines Kollektivs von Sprechern aus unterschiedlichen Ethnien (де Соссюр 1977: 260), jedoch einseitig und nur flüchtig – zunächst liegt der Ethnos oder das Volk der Sprache naturgemäß zugrunde, letztlich auch die Sammlung und Verstaatlichung der Völker (ethnischer oder politischer). Nur in sehr seltenen Fällen sind die Sprache – Ausdruck des Ethnos und Mittel der Kommunikation – verschieden, gibt es also zwei Sprachen (beim irischen Volk); doch der Verlust der ersteren birgt die Gefahr des Verlusts der Nationalität, ist die erste Stufe oder gar die letzte – das Ende. Sehr selten sind die politischen Nationen der Schweizer oder Belgier, die aus mehrsprachigen Ethnien bestehen; die zweite ist uneinheitlich. Der spanische (kastilische) Ethnos sieht sich in der spanischen politischen Nation starken Autonomiebestrebungen der Katalanen (friedlich) und Basken (auch terroristisch) gegenüber. Als die politische Nation des nach der Union entstandenen Großfürstentums Litauen polnischsprachig wurde (nur das einfache Volk blieb fast vollständig litauischsprachig), verlor sie ihren Staat. Der regionale Patriotismus des samogitischen Subethnos (der Teilnation) ist überwiegend sprachlich, ethnisch und kulturell, wird aber bisweilen von Parteiführern instrumentalisiert...
In LKEnc 1999 und 2008 findet sich weder Sprache noch Sprachfunktionen, nicht einmal litauische Sprache... Es gibt einen sehr fundierten Artikel von Adelė Valeckienė über die Standardsprache – eine Definition in einem Absatz und 3,5 Seiten zur Geschichte der litauischen Standardsprache. Die Theorie (oder Theorien) der Standardsprachen, die europäische oder zumindest die Situation der Nachbarländer, ihre Grundlagen und ihr Zusammenwirken mit den Dialekten wurden nicht behandelt. Im knappen Artikel von Vytautas Ambrazas über die Standardsprache in VLE III 2003 werden die griechische Koine sowie die Entstehungsgrundlagen der deutschen und russischen Standardsprachen behandelt; bis zu einer umfassenden und für uns relevanten Darstellung ist es jedoch noch weit, unsere Eigenart tritt nicht hervor. A. Piročkinas verwies auf die dialektale Grundlage der serbischen und slowakischen Standardsprache und die buchsprachliche (Ende des 16. Jh.!) Grundlage der tschechischen (Piročkinas 2010: 10), ließ aber die ganz besondere, uns nahe russische Doppelgrundlage außer Acht: „Die russische Standardsprache entstand durch die schrittweise Russifizierung und Anpassung der alten kirchenslawischen Sprache an die russischen Dialekte; jene beruhte auf den Mundarten der Bulgaren in Makedonien“ (V. Ambrazas – VLE III 2003). Hinzuzufügen wäre, dass die russische Standardsprache der vornationalen Epoche (литературный язык) nur eine Buchsprache war, während die Standardsprache der Nation auf der Grundlage der gesprochenen Volkssprache wuchs (KPP 2003: 307). Bei der Herausgabe des ersten akademischen Wörterbuchs der russischen Standardsprache wurde der Wortschatz der einfachen Leute (простонародье) strikt vom Wortschatz der Oberschicht (zu der damals auch Französischsprachige gehörten!) getrennt; so entstand die umgangssprachliche Varietät (просторечие). Auch heute gilt die russische Standardsprache, obwohl sie keine Adelsprache ist, als Gegensatz zur Volkssprache: zu den territorialen und sozialen Dialekten sowie zur umgangssprachlichen Varietät – einer nicht kodifizierten, überdialektalen Redeweise verschiedener sozialer Schichten mit eingeschränktem Themenbereich (KPP 2003: 303–304). Boris Larins 1928 geäußerte Auffassung von der umgangssprachlichen Varietät war etwas milder: als „niedere“ Standardsprache (общий) Redeweise (KPP 2003: 517). Indem sie sich vom Rand ins Innere vorschiebt – in die Peripherie der Standardspra-
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Page 33che –, wird sie zu einer stilistischen Schicht der Standardsprache – einfach und ungezwungen, im Gegensatz zur ausgearbeiteten, gehobenen, buchsprachlichen Varietät (KPP 2003: 518). Die Aussage, dass die Standardsprache sich fortwährend aus der Volkssprache ergänzt und erneuert und dass ihr Zusammenwirken mit ihr eine nationale Eigenart der russischen Standardsprache ist (KPP 2003: 304), kommt dem recht nahe (vielleicht haben wir uns das sogar ein wenig angeeignet); nur ist es bei uns kein sekundäres Zusammenwirken, sondern eine natürliche Grundlage. Doch die Erneuerung ist schon lange mehr Deklaration als Wirklichkeit (auch im Russischen!); im Gegenteil: Beide Seiten haben sich, wenn auch ungleich, erheblich voneinander entfernt – darin ähneln sie einander, ansonsten sind sie voneinander abgeschottet! F. de Saussure sprach von einem scharfen Zusammenstoß zwischen Standardsprache und Dialekten – von der Abgrenzung eines Kulturprodukts gegenüber der Sphäre der Natur (de Saussure 1977: 60).
F. de Saussure’o Kurso Įvado sk. Kalbotyros objektas, atlikus kalbos–šne-kos dichotomiją, nustačius kalbos vietą šnekoje, 4 netrumpais punktais reziumuojamos pagrindinės kalbos ypatybės (де Соссюр 1977: 52–53). Nei čia, nei toliau plėtojamas savo teoriją jokios glaustesnės kalbos apibrėžties nepateikia. Turin ingas Axelio Holvoeto kalbos str. VLE IX 2006 pradedamas, nors neminint, nuo F. de Saussure’o (minimas pabaigoje, bet literatūra nenurodyta). Toliau pagal Karlą Bühlerį ir Romaną Jakobsoną nurodomos kalbos funkcijos. Tautinės funkcijos čia nėra, nors S. Karaliūno iškelta jau 1997 m.
Didysis danų kalbininkas glosematikas Louis Hjelmslevas (1899–1965) knygoje Kalba. Įvadas (daniškai 1963; prancūziškas vertimas 1966, lietuviškas 1995), irgi nekalbantis apie tautos kalbą ar kalbos tautą, o tik kalbinę bendriją, kalbines bendruomenes (Hjelmslev 1995: 52, 75), prie tautinės funkcijos, žinoma, ir negali priėti. O ir funkcija jam – „mokslinio aprašymo atskleidžiami objektų santykiai“ (Hjelmslev 1995: 8), elementų funkcija – tai, kas klasikinei kalbotyrai – fonetiniai dėsniai (Hjelmslev 1995: 103), taigi ir kalbą jis glaustai apibrėžia kaip „struktūrą, kurioje visus kiekvienos kategorijos elementus sieja tarpusavio komutacijos santykiai“ ir dar patikslina: „kad struktūra, kurios turinio ir išraiškos planai yra susieti dvišalės presupozicijos santykiu, būtų pavadinta kalba, būtina, kad šiuo santykiu nebūtų susieta nė viena šių dviejų planų vienetų pora“. (Hjelmslev 1995: 119, 122). Šitas stulbinamai vienpusiškas apibrėžtis gana greitai pats apibūdina kaip aspektines – „kalbos s t r u k t ū r o s (ret. mano – J. K.) bendrąjai teorijai sukurti reikalingas“ (Hjelmslev 1995: 123). Tai jau į šalį nuo šio straipsnio užmojo, bet įžvalgusis autorius (L. H.) vėl netikėtai nuo šio teiginio pasuka į straipsniui aktualų dalyką: „struktūra remiasi savais dėsniais ir kinta ne dėl tendencijų, būdingų kalbos bendruomenei, o dėl pačios sistemos kintančių polinkių“ (Hjelmslev 1995: 154). Dar svarbiau bendrinės kalbos
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Page 34den Auslösern von Umbrüchen gilt es, Folgendes zu Gehör zu bringen: „Die Sprachstruktur ist geneigt, sich nur in bestimmte Richtungen zu bewegen“ (Hjelmslev 1995: 154). Bewegt sie sich anders (oder wird sie anders bewegt!), strebt sie einem anderen Typus zu.
All dies führt zu sehr vielen Klarheiten aus unterschiedlichen Perspektiven. Hinzuzufügen ist noch eine bedeutsame Einsicht F. de Saussures: In der Linguistik bestimmt der Gegenstand den Gesichtspunkt nicht, vielmehr schafft dieser den Gegenstand (де Соссюр 1977: 46). Und aus jenen Wissenschaften, deren Gegenstand von selbst klar ist, ertönt eine Warnung: Ist eine Sache völlig klar, so ist sie schlecht untersucht. Sprache ist keine völlig klare Sache, denn sie ist weder umfassend untersucht noch eine Sache, für die es nur einen einzigen Schlüssel gäbe. Eine Seite – Sprache ausschließlich als Mittel – hat sich eindeutig als falsch und widerwärtig aufdringlich erwiesen. Schon Tertullian wusste: „Verschiedene Völker nennen denselben Menschen auf verschiedene Weise. Eine Seele – verschiedene Worte, ein Geist – vielfältige Laute. Jedes Volk hat seine eigene Sprache, <...>“ (Tertulianas 1988: 194). Die Wege der Sprachen der Völker sind verschieden – manche ähneln einander, viele unterscheiden sich. Und sogar L. Hjelmslev erklärt, nachdem er eine überraschende Wendung genommen hat: „Alles – vom Volkscharakter bis zu den Persönlichkeitsmerkmalen – gehört zum Gebiet der Linguistik“ (Hjelmslev 1995: 160). Auch unser alter Europäer Algirdas Julius Greimas kann manchen, die sich wegen ihrer europäischen Identität allzu sehr als Teil einer Nation verstehen, eine Lehre erteilen: „Die Heimat – das ist die Sprache, das ist die Kultur“ (Greimas 1991: 93).
Dies ist ein Thema ohne Ende, doch man muss zum Schluss kommen. Und zwar dort, wo man begonnen hat – bei Jonas Jablonskis. Die Fortsetzung seines Weges gibt es; er ist fast nie unterbrochen worden, bisweilen behindert und verleugnet. Man hat sich auch eine neue Methode ausgedacht – J. Jablonskis totzuschweigen. Hier ein aufschlussreicher Vergleich: Anlässlich des bedeutenden Jubiläums veröffentlichte die an ein breiteres Publikum gerichtete Wochenzeitschrift Veidas einen recht ausführlichen Artikel (mit 6 Fotos), zwar nicht von einem Linguisten verfasst (auch das ist bezeichnend!), der folgendermaßen endet: „J. Jablonskis’ Lehren und Vorbild könnten uns auch heute helfen, denn die Globalisierung bringt viele neue Gefahren für die litauische Sprache mit sich“ (Rudokas 2010: 55). Ist der Name J. Jablonskis für die Zeitschrift für Religion, Kultur und Gesellschaft Naujasis židinys–Aidai entweder terra incognita, ein unerreichbarer Rubikon, ein Schreckgespenst oder aut nihil? Die alternativen Sprachwissenschaftler – Loreta Vaicekauskienė und vor allem sprachwissenschaftliche Laien (Algirdas Patackas, Guoda Azguridienė, Tomas Daugirdas, Nerijus Šepetys) – waten durch Äcker und auf Schleichwegen, mit gehässigem Spott und absurden Verunglimpfungen. Die litauische Jablonskis-Forschung bedeutet ihnen nichts, weil J. Jablonskis ihnen nichts bedeutet. Daher wollen wir uns hier noch auf einen bisher nicht erwähnten Anhänger Jablonskis’ berufen, der seine größten Arbeiten in Amerika vollbrachte, obwohl er in Leipzig promovierte und auch in der historischen Linguistik, Dialektologie sowie in der Normung und Rechtschreibung noch in der Heimat viel geleistet hatte: Antanas Salys (1902–1972).
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Page 351937 beginnt der Artikel Naujojoje Romuvoje Kalba ir visuomenė ganz im Sinne Jablonskis: „Der Begriff Sprache wird sehr unterschiedlich definiert, je nachdem, aus welchem Blickwinkel wir ihn betrachten. Viele sagen: Für den Menschen ist die Sprache ein Ausdrucksmittel, um Gedanken, Begriffe und Wünsche auszudrücken. Manche betonen noch: nur ein Mittel, sonst nichts. Paradoxerweise könnten wir die Sprache also in eine Kategorie mit etwa einer Flugabwehrkanone einordnen. <...> Betrachtet man die Sache so, müssten die Nationalsprachen natürlich durch ein internationales Kauderwelsch ersetzt werden <...>“ (Salys 1979: 3). Doch „das ist nicht ihr eigentliches Wesen“ – „Die Sprache lebt nicht für sich allein, sie ist kein Organismus, sondern nur dessen Funktion“ – „ein Bestandteil des Geistes der Gesellschaft“ (Salys 1979: 3). Sprachen unterscheiden sich weniger durch ihre Phonetik, sondern „vertiefen sich ihrem Wesen nach, verbunden mit der Seele des Volkes“, „die Sprache ist das Grundprinzip des Volksbegriffs“, „Sprachen sind national <...> in ihrem gesamten inneren Denkinhalt“ (Salys 1979: 4). Ein Jahr später veröffentlicht er in Tautos Mokykloje den ausführlichen Artikel Gimtoji kalba ir mąstymas. 1935 beginnt der Artikel Mokykla ir kalbos jausmas in Gimtojoje kalboje mit einem Verweis auf J. Jablonskis: „In der Sprache spricht sich das Volk darüber aus, was es ist und was es wert ist“, und fährt fort: „Die Sprache macht das Volk“ (Salys 1979: 13). Wie J. Jablonskis sieht er zwei unterschiedliche Welten: „Die Angehörigen großer Völker, die ganz in ihrer eigenen, ausschließlich nationalen Umgebung aufwachsen, nehmen auch in der Sprache deutlich weniger fremde Einflüsse auf als die kleinen Völker, die unter den großen verstreut leben. Die Gemeinsprachen jener Völker sind seit Langem gefestigt, der gesamte Sprachgebrauch ist stärker von Gewohnheit geprägt, die Norm ist fest, und jeder Sprecher oder Schreibende unterscheidet leicht Eigenes von Fremdem, Richtiges von Unüblichem“ (Salys 1979: 13). Auch P. Skardžius wollte dies so formulieren (über J. Jablonskis!): „Und da unsere Muttersprache nicht nur ein einfaches alltägliches Verständigungsmittel, sondern auch Ausdruck unseres nationalen Bewusstseins und unserer Kultiviertheit ist, nahm er <...> die Arbeit an der Kultur unserer gemeinsamen Schriftsprache auf, <...>“ (Skardžius 1940: 303–304).
Zu diesem Thema wird nie alles gesagt sein, aber für heute soll es genügen.
ALLGEMEINE SCHLUSSFOLGERUNGEN
Jonas Jablonskis muss man zunächst als eine geschlossene, ganzheitliche Persönlichkeit sehen (und der Öffentlichkeit zeigen!), als einen modernen Mann seiner Zeit – des Frühlings der Völker –, seines Ortes – der Heimat der kleinen Völker in Osteuropa – und seines Volkes. Seine vielfältigen Tätigkeiten sollte man nicht flach klassifizieren, sondern hierarchisieren und die Wegweiser seines Lebens sowie die Leitlinien seines Wirkens herausarbeiten. Auf J. Jablonskis’ Weg steht an erster Stelle das Fundament, das heißt die Lebenskraft von Sprache und Volk, die Bildung des Volkes und die Unabhängigkeit, danach – die Leitlinien der Sprache
J. KLIMAVIČIUS. Jonas Jablonskis ir tautos kalba
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Page 36und zwar die Leitlinien der Gemeinsprache – das nationale Fundament (die Sprache des Volkes), das auf dem Prinzip der Reinheit von Wortschatz und Syntax beruht und durch zahlreiche erfolgreiche Neubildungen (etwa 600 Wörter) sowie die Beschreibung der Syntax anhand reinen, authentischsten Materials verwirklicht wurde. Die Grundzüge der Grammatik haben sich über ein Jahrhundert bewährt. Die Bewertungen einzelner konkreter Fragen – der Grammatik und Wortbildung – erfolgten ohne die erforderliche eingehende Untersuchung; man verließ sich zu sehr auf eine strenge, durchgehende Systematik, die, wie die heutigen Quellen (LKŽ u. a.) zeigen, durch Sprachdaten nicht belegt wird. Die lange, fortwährende und beharrliche Praxis zahlreicher Korrekturen (Kalbos dalykai u. a.) ist überwiegend richtig, bisweilen vom Autor selbst korrigiert, selten unbegründet, doch nicht immer aufgegeben. Sie hätte fruchtbarer sein können und müssen, insbesondere in den Jahrzehnten der Pressefreiheit und der Unabhängigkeit, als es Universitäten und Gymnasien gab; oft begegnete man ihr jedoch, besonders in Zeitungen und auch bei manchen Schriftstellern, unaufmerksam, ja feindselig – übrigens auch heute noch. Sowohl die unbegründeten Fälle in seinem Werk als auch die blinde Zustimmung dazu und ihre unbegründete Zurückweisung erfordern gründlichste Einzeluntersuchungen und wohlbegründete Schlussfolgerungen. Das stumpfe Wiederholen eingeprägter Dinge stößt sowohl von J. Jablonskis als auch von der Sprache ab. Nicht jeder seiner Spuren muss man blind folgen – vor allem sollte man sich an den Leitlinien orientieren. Der noch zu seinen Lebzeiten einsetzende Weg der Jablonskis-Forschung ist durch die fünf Bände seiner Schriften (Artikel), ebenso durch zwei Bände mit Grammatiken und eine zweibändige Monografie mit Studien und zahlreichen Artikeln gekennzeichnet, aber leider auch durch eine recht umfangreiche, meist lästige, gehaltlose, ja nihilistische Polemik. J. Jablonskis ist besser erforscht und beschrieben, als dass er wirklich verstanden und angemessen aufgenommen worden wäre. Das größte Missverständnis – also auch ein theoretisches! – ist der Versuch, unseren eigenständigen Weg von Volk und Sprache über den Leisten der großen westlichen Sprachen zu schlagen.
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Gauta 2013 11 04
Priimta 2013 12 20
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Page 41JONAS JABLONSKIS AND THE LANGUAGE OF THE NATION
Summary
Jonas Jablonskis should first be seen as a solid integral personality and a modern man of his time, known as the Spring of Nations, his place, Eastern Europe, known as the homeland of the small nations, and his nation. Instead of being classified flatwise, his abundant activities should be organised in a hierarchical order by highlighting the landmarks of his life and the milestones of his activities. The road of Jablonskis primarily relied on the very foundations, i.e. the existence of the language and the nation, national education, independence, followed by the landmarks of language, i.e. the standard language as the national foundation (people’s language), a well-founded principle of dictionary and syntax purity implemented by the fruitful formation of new words and the description of syntax based on pure authentic data. An outline of grammar withstood the trials of the century. The evaluations of certain specific aspects – grammar and word-formation – are lacking a thorough study; a simple and strict systemization which is not testified by language data, as contemporary sources show (Dictionary of Lithuanian, etc.), was unduly relied upon. A long, continuous and persistent practice of numerous corrections (Gimtoji kalba – Language Matters, etc.) is to the most part correct; self-corrections are occasional; in some cases, they are ill-founded but not always refused. Though it could and should have been more fruitful, in particular in the free press, mostly during the decades of independence of universities and gymnasiums, it was often approached without due attention, even with bitter hostility, in particular by the press and even by certain writers, which, by the way, is still apparent today. Occasional invalidities and their blind acceptance as well as unreasonable rejections require the most thorough targeted studies and the most valid conclusions. Blunt repetitions of long-established matters push away from both Jablonskis and the language. Not every step he had taken should be blindly followed – landmarks should first be observed. The road of the jablonskiana which had begun during his lifetime was marked by 5 volumes of his writings (articles), 2 volumes of grammars as well as a 2-volume monograph, studies, numerous articles and rather rich, though mostly insistent, empty, even nihilistic, polemic. Jablonskis has been better studied and described than fully understood and duly acknowledged. The greatest theoretical misunderstanding is the attempt to address our peculiar road of the nation and the language according the pattern of the great Western languages.
KEYWORDS: Jablonskis, jablonskiana, language, nation, language of the nation, national function of the language.
JONAS KLIMAVIČIUS
Erfurto g. 56-14, LT-10308 Vilnius
J. KLIMAVIČIUS. Jonas Jablonskis ir tautos kalba
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