Page 1BALTŲ IR SLAVŲ KALBŲ RYŠIAI
LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
ALGIRDAS SABALIAUSKAS
BEZEICHNUNGEN FÜR HAUSTIERE IN DEN BALTISCHEN SPRACHEN
(ihre Herkunft und ihr Verhältnis zu den entsprechenden Bezeichnungen in den slawischen Sprachen)
Bei der Beleuchtung der sprachlichen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen kommt neben der Untersuchung phonetischer, morphologischer und syntaktischer Erscheinungen auch einer eingehenderen Untersuchung des Wortschatzes dieser Sprachen erhebliche Bedeutung zu. Eine umfassendere, zusammenfassende Arbeit über den Wortschatz der baltischen und slawischen Sprachen und ihre gegenseitigen Beziehungen wird erst dann verfasst werden können, wenn der Wortschatz einzelner semantischer Gruppen gründlicher untersucht worden ist. Dass die Untersuchung solcher Gruppen ebenfalls interessante, mitunter sogar völlig unerwartete Ergebnisse liefert, zeigt anschaulich das Buch von O. Trubačëv „Terminologie des Handwerks in den slawischen Sprachen“1: Die Analyse der Terminologie des Textil-, Holzverarbeitungs-, Keramik- und Schmiedehandwerks ergab, dass der Wortschatz der slawischen Sprachen in diesem Bereich wesentlich mehr Gemeinsamkeiten mit dem Germanischen und Lateinischen als mit dem Baltischen aufweist. Natürlich lassen sich auf der Grundlage der Analyse einer einzigen solchen Wortschatzgruppe keine weitreichenden Schlussfolgerungen ziehen; doch sind auch die Ergebnisse dieser Analyse ein wertvoller Beitrag zum gesamten Forschungsgebiet der sprachlichen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen.
Auch in dieser Arbeit wurde versucht, eine solche Wortschatzgruppe – die Bezeichnungen für Haustiere – zu untersuchen. Das Hauptaugenmerk gilt dabei dem Material der baltischen Sprachen; Fakten aus den slawischen Sprachen werden nur insoweit berücksichtigt, als sie in unmittelbarem Zusammenhang mit entsprechenden Fakten der baltischen Sprachen stehen. Diese Ausrichtung der Arbeit wurde zum Teil durch den Umstand bestimmt, dass die Terminologie der Viehzucht in den slawischen Sprachen bereits eingehender untersucht worden ist: Dieser Frage ist die Studie desselben O. Trubačëv „Die Herkunft der Bezeichnungen für Haustiere in den slawischen Sprachen“2 gewidmet.
Bei der Erörterung der Bezeichnungen für einzelne Haustiere wird in der Arbeit kurz auch die Geschichte dieser Tiere behandelt – ihre Domestizierung, ihr Auftreten im heutigen Gebiet der baltischen Völker und weitere Fragen, die mitunter auch einen gewissen Zusammenhang mit der Entstehung einzelner Bezeichnungen haben können. Da es auf Litauisch keine umfassenderen Arbeiten dieser Art gibt, können solche Informationen zudem als eine Art Fragmente der Geschichte der Viehzucht in den baltischen Ländern dienen.
DER HUND
Gegenwärtig scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass der Hund das erste vom Menschen domestizierte Tier ist. Ein ungeheuer langer Zeitraum trennt uns vom Beginn der Freundschaft zwischen Mensch und Hund; deshalb ist es heute bereits schwierig, den Anfang dieser Freundschaft konkreter zu beleuchten
1 О. Н. Трубачев, Ремесленная терминология в славянских языках, Москва, 1966.
2 O. N. Trubačev, Die Herkunft der Bezeichnungen für Haustiere in den slawischen Sprachen, Moskau, 1960.
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Page 2Geschichte, die Ursachen aufzudecken, die den Menschen dazu veranlassten, sich zuerst dem Hund und erst danach den anderen Tieren anzunähern.
In archäologischen Ausgrabungen aus der Jungsteinzeit werden Knochen des Haushundes fast überall in Europa gefunden; bisweilen findet man sie sogar an Orten, an denen sich keinerlei Spuren eines anderen Haustieres finden.1.
Verschiedene Abbildungen bezeugen, dass die Sumerer den Hund seit ältester Zeit kannten2. Hunde werden als Begleiter babylonischer Götter dargestellt. Allerlei Hundefiguren sollen in ihrem Land magische Kräfte besessen haben3. Hundeabbildungen finden sich auf den ältesten ägyptischen Vasen. Von der Bedeutung des Hundes im Leben der alten Ägypter zeugt auch die Tatsache, dass Hundeskelette in alten Gräbern neben ihrem Herrn gefunden werden. Die Pharaonen der ersten und zweiten Dynastie Ägyptens liebten ihre Hunde so sehr, dass sie sie, nachdem sie sie in ihren eigenen Gräbern bestattet hatten, auch mit Grabsteinen versahen, in die sie neben ihren eigenen Namen auch die Hundenamen einmeißeln ließen; diese haben, nachdem sie wohl die Last von fünftausend Jahren getragen haben, bis in unsere Tage überdauert4. Verschiedene Hunderassen hielten die alten Assyrer, Griechen und Römer5. Über die alten Iraner schrieb Herodot, dass ihre „Priester mit eigenen Händen alles töten, ausgenommen Hunde und Menschen“6.
Die große Vielfalt der Hunderassen, die sich mitunter stark voneinander unterscheiden, ließ Zoologen bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu dem Schluss kommen, dass der Haushund nicht überall vom selben Vorfahren abstammt7.
Viel schwieriger ist es, das Problem der Domestikation des Hundes zu klären. Üblicherweise veranlassen utilitaristische Ziele den Menschen dazu, Tiere zu zähmen. Mit diesen Zielen versuchte man früher auch die Zähmung des Hundes zu erklären, indem man ihn als Helfer des Menschen – des Jägers und Hirten – betrachtete. Diese Auffassung spiegelte sich, wie wir später sehen werden, auch in der Erklärung des Ursprungs der indogermanischen Hundebezeichnung wider. Doch zahlreiche wichtige Faktoren zwingen dazu, diese Auffassung aufzugeben. Zunächst widerspricht ihr der Umstand, dass der Hund, wie festgestellt wurde, früher domestiziert wurde, als der Mensch mit der Viehzucht begann. Die Ureinwohner Süd- und Mittelamerikas betrieben keine Viehzucht, hatten den Hund aber als ihr einziges, sozusagen Haustier gezähmt. Insgesamt hilft die Rolle des Hundes im Leben der amerikanischen Ureinwohner, das Problem seiner Domestikation auch auf dem europäischen Kontinent zu erhellen. Für die amerikanischen Ureinwohner ist der Hund eng mit Religion und Mythologie verbunden. Bei verschiedenen religiösen Zeremonien wurde in Amerika Hundefleisch gegessen8. Es wurde auch im alten Europa gegessen, wo dieser Verzehr anfangs ebenfalls eher rituellen Charakter gehabt haben dürfte9. Spuren der Verehrung des Hundes als eines Tieres mit göttlicher Kraft blieben bis zum Auftreten indogermanischer Schriftdenkmäler erhalten, und einige
1 M. Hilzheimer, Haustier, – M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, Berlin, 1926, p. 219; O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, I, Berlin—Leipzig, 1917—1923, p. 516.
2 M. Hilzheimer, ebenda, S. 219.
3 Ebeling, Hund, – M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, S. 410.
4 M. Hilzheimer, ebenda, S. 220; Ranke, Hund, – M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, S. 409; C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, Zürich, 1902, S. 41—42.
5 C. Keller, ebenda, S. 42—45.
6 O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, I, S. 516.
7 C. Keller, ebenda, S. 46—80; E. Hahn, Hund, – M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, S. 403.
8 F. Termer, Zeitschrift für Ethnologie, 82, Braunschweig, 1957, S. 1.
9 O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, I, S. 516.
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Page 3Spuren der religiösen Rolle des Hundes sind, genau genommen, bis in unsere Tage erhalten geblieben10. Wenn die antiken römischen Schriftsteller also recht hatten, die Hunde nach ihrem utilitaristischen Zweck in Jagd-, Hirten- und Hofhunde11 einteilten, so darf dieses Schema keinesfalls auf frühere Zeiten, auf die Anfänge der Domestikation des Hundes, übertragen werden, denn sowohl die Jagd- als auch die Hütefunktion, die mit der Blüte der Viehzucht aufkam, und insbesondere die Funktion des Hauseschutzes entstanden viel später als die Domestikation des Hundes.
Wahrscheinlich muss man jenen Forschern zustimmen, die den utilitaristischen Charakter der Annäherung von Mensch und Hund verwerfen und behaupten, dass sich der Hund dem Menschen zunächst als Parasit näherte. Den Hund lockten verschiedene Nahrungsreste und das dort brennende Feuer zu den Lagern der Menschen. So gewöhnte sich der Hund daran, sich in der Nähe menschlicher Siedlungen aufzuhalten, und näherte sich allmählich immer mehr dem Menschen. Möglicherweise gewöhnten sich besonders leicht junge Hundewelpen an den Menschen. Schon zu Beginn der Domestikation könnte der Mensch den Hund gelegentlich auch für bestimmte eigene Zwecke eingesetzt haben. So wird beispielsweise angenommen, dass Frauen die Welpen überschüssige Milch saugen ließen. Überliefert sind Darstellungen babylonischer und karthagischer Todesgöttinnen, an deren jeder Brust ein säugendes Tier hängt, wahrscheinlich ein Hundewelpe und ein Ferkel. Bei manchen Völkern kommt dieser Brauch auch heute noch vor12.
Es besteht also kein Zweifel, dass die Indoeuropäer den Hund bereits in der Zeit ihrer engsten gegenseitigen Kontakte gut kannten. Die Vorfahren der Balten und Slawen bildeten in dieser Hinsicht keine Ausnahme. In den heutigen Siedlungsgebieten der Balten war der Hund das erste domestizierte Tier13. Der Hund hat auch deutliche Spuren in der Folklore und im Weltbild der Litauer und Letten hinterlassen14.
Die indoeuropäischen Sprachen haben die alte Bezeichnung für den Hund sehr gut bewahrt, vgl. skr. śvá, Gen. Sg. śunah, av. spā, Gen. Sg. sūno, gr. κύων, Gen. Sg. κυνός, lat. canis „Hund, Hündin“, arm. šun, ir. cú, Gen. Sg. con, heth. šuwana, toch. ku, lit. šuo, Gen. Sg. šuñs. Unter den angeführten Beispielen weicht die Bezeichnung des Hundes im Lateinischen aufgrund ihres Wurzelvokalismus ab. Die Veränderung der Wurzel im lateinischen Wort scheint sich jedoch anhand lateinischer Daten erklären zu lassen. Sowohl hinsichtlich seiner Bedeutung als auch seiner Herkunft gibt auch heth. šuwana15 Anlass zu Zweifeln.
Die ursprüngliche Bedeutung der indoeuropäischen Bezeichnung für den Hund ist nicht völlig klar, obwohl es zahlreiche mehr oder weniger überzeugende Deutungen gab. H. Osthoff versuchte, die indoeuropäische Bezeichnung für den Hund mit der indoeuropäischen Bezeichnung für das Vieh (ursprünglich vielleicht für das Schaf) *peku in Verbindung zu bringen (vgl. skr. paśáh, lat.
10 O. N. Trubačev, Herkunft der Bezeichnungen für Haustiere in den slawischen Sprachen, Moskau, 1960, S. 5 (im Folgenden: Происхождение…).
11 C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, S. 44.
12 E. Hahn, Hund, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, S. 403; O. H. Trubačev, ebenda, S. 5.
13 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, Vilnius, 1961, S. 79; Latvijas PSR vēsture, I, hrsg. von K. Strazdiņa, J. Zuša, J. Krastiņa, A. Drizula, Riga, 1953, S. 9; K. Paaver, Формирование территории и изменчивость млекопитающих Прибалтики в голоцене, Tartu, 1965, S. 361—362, 364—365, 367—372.
14 P. Šmits, Latviešu tautas ticējumi, IV, Rīgā, 1941, p. 1745—1776.
15 A. Walde, Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen, I, Berlin und Leipzig, 1930, S. 465—466 (im Folgenden: VrgI. Wb.); A. Walde, Lateinisches etymologisches Wörterbuch, I, Heidelberg, 1930, S. 152—153 (im Folgenden: Et. Wb.); E. Fraenkel, Litauisches etymologisches Wörterbuch, II, Heidelberg—Göttingen, 1966, S. 1033—1035 (im Folgenden: Et. Wb.); F. Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin, 1957, S. 320 (im Folgenden: Et. Wb.); J. Pokorny, Indogermanisches etymologisches Wörterbuch, Bern, 1949, S. 632—633 (im Folgenden: Et. Wb.); H. Kronasser, Vergleichende Laut- und Formenlehre des Hethitischen, Heidelberg, 1956, S. 229; В. В. Иванов, Хеттский язык, Moskau, 1963, S. 90—92.
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Page 4pecus), indem er die Vorform * (p)kyōn rekonstruiert, deren ursprüngliche Bedeutung „Hund des Schafhirten oder allgemein des Hirten“ gewesen sein soll. Dieser Deutung widerspricht jedoch, ganz abgesehen von ihrer lautlichen Unbegründetheit, die Geschichte des betreffenden Tieres selbst. Ebenso gibt es keinen Grund für die Behauptung, diese Hundebezeichnung sei eine sekundäre Bildung, die eine zuvor gebrauchte idg. Hundebezeichnung verdrängt habe.
V. Georgiev erklärt, dass die idg. Hundebezeichnung auf die idg. Vorform *keu- „schreien, heulen, jaulen, bellen“ zurückgehe. Der Hund hätte seinen Namen demnach aufgrund seines charakteristischen Bellens und Heulens erhalten; die ursprüngliche Bedeutung der Hundebezeichnung sei „bellendes, heulendes Tier“ gewesen. Die ursprüngliche Form des Nominativ Singular sei nach V. Georgiev *keu̯ōn gewesen, die unter dem Einfluss der Form *ku-n-ós sehr früh von der Form *ku̯ōn (gr. κύων) oder *ku̯ōn (skr. śvá, av. spā) verdrängt worden sei. Das ursprüngliche Paradigma dieser Hundebezeichnung habe ungefähr folgendermaßen ausgesehen: Sg. Nom. *keu̯ōn > *ku̯ō(n) und *ku̯ō(n), Sg. Akk. *ku̯én-m, Sg. Gen. *kun-ós, Sg. Lok. *ku̯én-(i), Pl. Instr. *kun-bhis usw. Aus dieser Vorform leitet V. Georgiev neben den bereits von uns genannten Hundebezeichnungen auch skr. śvakaḥ „Wolf“, mittelgr. (Herodot) σπάχα „Hund“, lett. kuna „Hündin“, altkirchenslaw. kó-ka-h „Wolf“, bulg. куче „Hund“, russ. сука „Hündin“ und poln. suka¹⁶ ab.
Unter semantischem Gesichtspunkt wäre V. Georgievs Deutung durchaus annehmbar. Viele Zweifel erweckt jedoch die schematische Art seiner lautlichen Herleitung; außerdem erscheint uns die Verbindung einiger von ihm angeführter Beispiele mit der alten idg. Hundebezeichnung völlig unmöglich.
Beachtenswert ist F. Spechts Versuch, diese Hundebezeichnung mit der idg. Wurzel *keu- zu verbinden, die eine Farbe bezeichnet, vgl. skr. śonah „rot“ < idg. *keu-no¹⁷. Semantisch wäre eine solche Deutung ebenfalls möglich, da sich in den idg. Sprachen zahlreiche, unterschiedlich alte Bezeichnungen dieses Tieres finden, die von der entsprechenden Farbbezeichnung abgeleitet sind. Selbst lit. kiáunė, lett. caūna, altpreuß. caune ließen sich als velarische Variante jener Wurzel mit einer solchen idg. Hundebezeichnung verbinden¹⁸. Andere Wörter mit der Wurzel idg. *keu-no (vgl. av. savahī „Bezeichnung eines im Osten gelegenen Landesteils“, av. sūram „frühmorgens“, arm. šukh „Glanz, Leuchten“, arm. šol „Strahl“) sprechen jedoch nicht gerade für F. Spechts Etymologie, denn die Grundbedeutung dieser Wurzel ist letztlich „glänzen, leuchten“. Lit. švankūs „anständig, ehrenhaft; heiter, flink“, das F. Specht durch Zerlegung in *šū-an-k-us mit den Wörtern dieser Gruppe vergleicht, lässt sich weder semantisch noch aufgrund seiner älteren Form šankūs mit den Wörtern der genannten Gruppe verbinden.
Es gab Versuche, den Hundenamen mit derselben idg. Wurzel *keu- zu verbinden, die hier jedoch nicht eine Farbe, sondern „schwellen, anschwellen, zunehmen, wachsen“ bedeuten soll. Dabei wurde erklärt, die ursprüngliche Bedeutung der Hundebezeichnung sei mehr oder weniger mit Vorstellungen wie „mächtig“ (vgl. skr. śaviraḥ „mächtig“) oder „gezeugt, Tierjunges“ (vgl. skr. śi-šu „Kind“, isl. húnn, gr. χύος) verwandt gewesen. Diese Deutungen sind jedoch in jeder Hinsicht zweifelhaft¹⁹.
Neben der bereits von uns erörterten idg. Hundebezeichnung ist in weiten Teilen Europas und Asiens noch eine andere Bezeichnung weit verbreitet, die nicht nur in den indoeuropäischen, sondern auch in den finno-ugrischen und den türkisch-tatarischen Sprachen vorkommt. In all diesen Sprachen ist sie sehr ähnlich und wird meist für einen jungen Hund, seltener für eine Hündin oder allgemein für einen Hund verwendet. Besonders viele Varianten finden sich in den slawischen Sprachen: russ. кутёнок „Hündchen“, кутя, куток,
¹⁶ B. И. Георгиев, Исследования по сравнительно-историческому языкознанию, Москва, 1958, p. 46—47, 117, 139, 151.
¹⁷ F. Specht, Der Ursprung der indogermanischen Deklination, Göttingen, 1947, p. 32, 121—122.
¹⁸ A. Walde, Vrgl. Wb., I, p. 368; J. Pokorny, Et. Wb., p. 594.
¹⁹ A. Walde, Vrgl. Wb., I, p. 446; J. Pokorny, Et. Wb., p. 592—594.
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Page 5kyтиха „Hündin“, кучко „Hund“, ukr. котюга, slovk. kot’uha, bulg. куче „Hündin“, serb. куче, slov. kūčak, poln. Kucziuk „Hundename“. Hier nun Beispiele aus anderen Sprachen: alb. kutsh „Hund“, lett. kuce „Hündin“, kuçens „Hündchen“, osset. куз/куј „Hund“ < ostiran. *kuti, vgl. kurd. kūčik, ung. kutya, komi kitši, kytsi „Hündchen“²⁰. Trotz der übereinstimmenden Bedeutung und äußerlichen Ähnlichkeit lässt sich diese Bezeichnung nicht exakt lautlich analysieren. Auch ihre Verbreitung ist nur schwer durch Entlehnung zu erklären. Daher scheint es begründet, dass viele Forscher eine solche Hundebezeichnung auf einen Lockruflaut für den Hund zurückführen, vgl. russ. куть-куть, poln. kuciu-kuciu. Möglicherweise sind mit diesen Lautnachahmungen russ. ццу, lit. ciù-ciù, ciū-ciū sowie auch die daraus entstandenen, vorwiegend in der Kindersprache verwendeten Hundebezeichnungen in Verbindung zu bringen.
Es ist recht merkwürdig, dass in den slawischen Sprachen keine verlässlicheren Spuren der alten gemeinindogermanischen Hundebezeichnung (lit. šuo usw.) erhalten geblieben sind. Dafür sind dort andere Hundebezeichnungen verbreitet, die den übrigen indogermanischen Sprachen unbekannt sind. Einige dieser Bezeichnungen sind recht alt und gehen noch auf die gemeinslawische Zeit zurück. Eine der ältesten und am weitesten verbreiteten ist: kirchenslaw. pbsǫ „Hund“, altruss. пъсь, russ. пѐс, ukr. пес, weißruss. пес, bulg. пъс, пес, serb.-kroat. nàc, slowen. pěs, slowak. pes, poln. pies, kaschub. pjes, obersorb. pos, niedersorb. pes, pjas, polab. pasai (< *pbsǫ) „Hund“²¹.
Unter den Etymologen ist diese slawische Hundebezeichnung überaus beliebt; zu ihrer Erklärung wurden beinahe alle denkbaren semantischen Deutungen der Herkunft von Hundebezeichnungen herangezogen.
Die Etymologie von V. Schulze fand die meisten Anhänger: Das slawische pisǫ wird mit skr. piśāṅgah „rötlich, braun“ (auch eine Hundebezeichnung), piśāh „Damhirsch“, gr. ποικίλος „bunt“, russ. пестрый, lit. paišas usw. in Verbindung gebracht²².
Bis heute ist auch die Herkunft einer anderen, vor allem in den ostslawischen Sprachen verbreiteten Hundebezeichnung ungeklärt, vgl. altruss. собака, russ. собака, weißruss. сабака, ukr. собака, poln. dial. sobaka, kaschub. sobaka „Hündin, Hund, zügelloser Mensch“, slowen. sobaka, slowak. dial. sobaka „streitsüchtige Frau“. In die westslawischen Sprachen, insbesondere in jene Gebiete, in denen das Wort in seiner übertragenen Bedeutung verwendet wird, könnte es auch aus dem Russischen, Weißrussischen oder Ukrainischen gelangt sein. Einige halten diese Hundebezeichnung für ein iranisches Lehnwort, andere für ein türkisches, wieder andere versuchen, sie als slawischen Ursprungs zu erklären²³.
Ein Teil der slawischen Sprachen hat eine gemeinsame Bezeichnung für die Hündin: altruss. сука, russ. сука, weißruss. сука, ukr. сука, poln. suka, kaschub. sëka, polab. saukó „Liederliche, Hure“. Bei der Erklärung der Herkunft dieses Wortes besteht seit H. Osthoff die Tendenz fort, auf irgendeine Weise Spuren der alten indogermanischen Hundebezeichnung (lit. šuo usw.) in den slawischen Sprachen ausfindig zu machen. Nicht
²⁰ O. H. Трубачёв, Происхождение…, p. 25—26; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 705—706; В. И. Абаев, Историко-этимологический словарь осетинского языка, I, Москва—Ленинград, 1958, p. 605.
²¹ O. H. Трубачев, Происхождение…, p. 19; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 346—347.
²² M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 346—7; O. H. Трубачев, Происхождение…, p. 19; M. Mayrhofer, Kurzgefasstes etymologisches Wörterbuch des Altindischen, II, Heidelberg, 1963, p. 288—289 (im Folgenden: Et. Wb.).
²³ O. H. Трубачев, К этимологии слова собака, — „Краткие сообщения Института славяноведения АН СССР“, 15, Москва, 1955, p. 48—55; J. Holub, F. Kopečný, Etymologický slovník jazyka českého, Praha, 1952, p. 344 (im Folgenden: Et. sl.); V. Machek, Etymologický slovník jazyka českého a slovenského, Praha, 1957, p. 462 (im Folgenden: Et. sl.); O. H. Трубачев, Происхождение…, p. 32.
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Page 6Auch in den letzten Jahren folgen viele Forscher diesem Weg24. Doch weder der gemeinostslawische Charakter dieser Bezeichnung für die Hündin noch erst recht ihre Verbindung mit der alten idg. Bezeichnung für den Hund ist hinreichend belegt25.
Die alte indogermanische Bezeichnung für den Hund ist in allen drei baltischen Sprachen bewahrt.
Lit. šuo < *švuō (< idg. *kuō-n). Ein ähnlicher fakultativer Ausfall von v vor ō ist in den baltischen Sprachen auch in einigen anderen Fällen belegt, vgl. lit. dū < *dvuo, lit. guōlis, lett. guõla < *guōl, žemaitisch torà < *tvōr, lit. kólyti neben kvõlyti < weißruss. хваліць, poln. chwalić usw.26. Neben der Form šuo, die bereits in den ersten litauischen Sprachdenkmälern belegt ist, kommen in den Dialekten und verschiedenen Schriftquellen auch andere Formen dieser Bezeichnung vor, deren Entstehung sich durch phonetische oder morphologische Veränderungen erklären lässt; vgl. šuvà (die in den Dialekten am weitesten verbreitete Form: Dusetos, Joniškėlis, Joniškis, Kapsukas, Pandėlys, Obeliai, Rokiškis, Ukmergė, Utena, Varėna, Vilkaviškis, Zarasai usw.)27, šunė (Gataučiai, Karsakiškis, Kuldūnai, Pabiržė, Nemunėlio Radviliškis, Saločiai, Smilgiai, Šleideriškės, Užušiliai usw.), šuŏj (Leipalingis, Liškiava), šuon (Varėnai, Vaiguva)28, šunis (Kučiūnai, ehemaliger Kreis Seinai)29. In der linguistischen Literatur wird sehr häufig auch die Form šū30 erwähnt. Diese Form entstand jedoch wahrscheinlich durch eine ungenaue Wiedergabe der Laute des žemaitischen dünininkai-Dialekts31. Die standardsprachliche Form šuo wird vor allem in Žemaitija und in Teilen der westaukštaitischen Dialekte (Bitenai, Kriūkai, Jurbarkas, Smalininkai, Šakiai, Veliuona) verwendet; gelegentlich findet sie sich spontan auch in anderen Dialekten.
Mit seiner Formenvielfalt hebt sich diese Bezeichnung für den Hund nicht von den übrigen litauischen Substantiven mit altem Konsonantenstamm ab; vgl. sesuo neben sesuvà, šešva, šešė, sesuõj usw.
Die lettische Form suns, die dem litauischen šunis entspricht, weist in einigen alten Schriftdenkmälern Spuren der konsonantischen Deklination auf; Formen, die dem litauischen šuŏ entsprechen, sind im Lettischen jedoch nicht belegt32.
Die Bezeichnung für den Hund ist auch in den altpreußischen Sprachdenkmälern zweimal belegt. Im Elbinger Vokabular finden wir: Sunis Hunt (Wort 703). Diese Form entspräche lett. suns, lit. šunis. Mit Sicherheit können wir dies jedoch nicht behaupten, da die Endung -is im Elbinger Vokabular
24 H. M. Шанский, В. В. Иванов, Т. В. Шанская, Краткий этимологический словарь русского языка, Москва, 1961, p. 324; В. И. Георгиев, Исследования по сравнительно-историческому языкознанию, p. 47; M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 42.
25 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 21—22.
26 J. Endzelīnas, Baltu kalbų garsai ir formos, Vilnius, 1957, p. 46, 141; J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, Rīgā, 1951, p. 484; J. Otrebski, Gramatyka języka litewskiego, I, Warszawa, 1958, p. 385—386; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 81, 176, 1033.
27 Dialektologische Angaben stammen gewöhnlich aus dem Karteikorpus des Litauischen Sprachatlas des Instituts für Litauische Sprache und Literatur.
28 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, Vilnius, 1958, p. 588; II, Vilnius, 1959, p. 354; V. Vitkauskas, Baltistica, II(2), p. 203—207.
29 Pr. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, Vilnius, 1941, p. 50.
30 J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, p. 127; J. Otrebski, Gramatyka języka litewskiego, III, Warszawa, 1956, p. 58, 62; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1033.
31 V. Vitkauskas, Baltistica, II(2), p. 203—207.
32 J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 440—441; K. Mülenbacha Latviešu valodas vārdnīca, III, Rīgā, 1927—1929, p. 1122—1123 (im Folgenden: EM). EH: J. Endzelīns un E. Hauzenberga, Papildinājumi un labojumi K. Mülenbacha Latviešu valodas vārdnīcai, I—II, Rīga, 1934—1946.
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Page 7Auch die Endung -as wird anstelle von >-s gesetzt. Hier finden wir sowohl deywis „Gott“³ als auch dagis „Sommer“ (vgl. lit. dāgas), ferner stogis „Dach“, snaygis „Schnee“, taukus „Fett“ usw.
Einige Unklarheiten wirft eine weitere in den Denkmälern der preußischen Sprache belegte Bezeichnung für „Hund“ auf: das Wort songos hundt, Nr. 42 in Simon Grunaus Glossar. R. Trautmann hält dieses Wort für eine entstellte Aufzeichnung der Form sunis (songos...aus sunis verd e rbt)³⁴. Auch J. Endzelīnas neigt dazu, songos als *sunus zu lesen³⁵. E. Benveniste rekonstruiert anhand der Aufzeichnung songos die Form *sunko³⁶. E. Benveniste begründet diese Form damit, dass Simon Grunaus Glossar noch weitere Wörter enthält, die sich durch ihr Formans -k- von den Formen derselben Wörter in anderen Denkmälern der preußischen Sprache unterscheiden. So steht neben dem Elbinger Glossar Geytye (zu lesen wäre wohl Geytys)³⁷ „Brot“ in den Katechismen geits, während Simon Grunaus Glossar die Form geytko aufweist. Neben dem Elbinger Glossar Pepelis „Vogel“ und dem Plural-Genitiv pippalins der Katechismen finden wir in Simon Grunaus Glossar die Form pip elko. Wie dem auch sei, die Form songos ist jedenfalls wahrscheinlich eine Variante derselben Bezeichnung für „Hund“, entsprechend pruß. sunis, lit. šuo, und keine neue, nur dem Preußischen eigene Hundebezeichnung.
Die eben erörterte Bezeichnung für „Hund“ in der preußischen Sprache hat auch in der preußischen Toponymie deutliche Spuren hinterlassen. Mit ihr lassen sich einige in verschiedenen historischen Dokumenten belegte Gewässer- und Ortsnamen in Verbindung bringen: Sonne, Sonnaw, Sonnekaym, Suna, Sunegowe, Sunecolowach, Sunike, Zunloszkeim³⁸.
F. Lorentz zufolge lässt sich sogar der Name des nahe Danzig gelegenen Dorfes Schönau mit pruß. sunis in Verbindung bringen (Schönau < Sunowo „Hundedorf“)³⁹.
Die baltischen Sprachen haben keine gemeinsame Bezeichnung für die Hündin. Im Litauischen wird dieser Begriff durch das Wort kalė ausgedrückt (daneben wird auch die Form kālė verwendet). Diese Bezeichnung für die Hündin ist in allen litauischen Dialekten anzutreffen und bereits in alten Schriften belegt (Daukša, Širvydas).
Trotz aller Bemühungen ist die Herkunft des litauischen Wortes kalė bis heute nicht hinreichend geklärt. Man hat versucht, lit. kalė mit altisl. hvelpr „junger Hund“, alb. keliuš „junges Tier, besonders Hund“, gr. σκύλαξ „Hund, junger Hund, junges Tier“, gr. κύλλαξ, mittelir. culén „junger Hund“, kymr. colwyn, korn. coloin, bret. kolen⁴⁰ in Verbindung zu bringen. Alle diese Wörter sollen auf die idg. Wurzel *kel- „rufen, schreien, klingen“ zurückgehen. Unseres Erachtens ist lit. kalė wahrscheinlich ein neu entstandenes, nur dem Litauischen eigenes Wort, das keinen direkten Zusammenhang mit den genannten Bezeichnungen für Hunde, vor allem für junge Hunde, hat. Etwas anderes ist, dass lit. kalė tatsächlich aus Wörtern hervorgegangen sein könnte, die genetisch mit der idg. Wurzel *kel- verwandt sind; vgl. lett. kalkuot „schwatzen“, kalit.
Es gibt jedoch auch eine andere mögliche Erklärung für die Herkunft des Wortes kalė, die sich auf das Sprachmaterial des Litauischen selbst stützt. Wir haben bereits früher festgestellt, dass einige semantisch
33 In den preußischen Katechismen steht deiws, deiwas. Bei der Anführung von Beispielen aus den Glossaren der preußischen Sprache wird in dieser Arbeit gewöhnlich zuerst die preußische Form angegeben.
34 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, Göttingen, 1910, p. 433.
35 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, Rīgā, 1943, p. 259.
36 E. Benveniste, StB, 2, p. 78.
37 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 87.
38 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, Berlin—Leipzig, 1922, p. 168, 176.
39 F. Lorentz, ZfSI, XI, 2, p. 245.
40 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 208; M. Vasmer, Et. Wb., II, 642; J. Pokorny, Et. Wb., p. 550.
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Page 8Indogermanische Bezeichnungen für den Hund werden erklärt, indem man sie mit entsprechenden Farbbezeichnungen verbindet. Ähnlich ließe sich unserer Ansicht nach auch die Herkunft von lit. kalė erklären. Dieses Wort wäre mit den litauischen Adjektiven kalýbas „weiß (vom Hals eines Hundes)“, kalýbkaklis „mit weißem Hals“, kalývas „weiß“, kalýnas zu verbinden. Ein solches Adjektiv findet sich in einigen niederlitauischen Mundarten (Mosėdis, Plateliai, Salantai, Alsėdžiai) sowie in den Wörterbüchern von J. Brodovski, G. H. F. Nesselmann und J. Juška⁴¹. Die Adjektive kalývas, kalýbas sind sekundäre Bildungen mit den Suffixen -ybas, -yvas. Demnach muss, so wie neben senyvas, senýbas oder ankstyvas, ankstybas die primären Adjektive sėnas, ankstùs stehen, neben kalývas, kalýbas die Form *kalas bestanden haben. Aus einer solchen Form könnten die Hundenamen *kalis, kalė sowie kūlė entstanden sein, vgl. márgas→mãrgis, mãrgė. Das Adjektiv *kalas muss ursprünglich nicht unbedingt „weiß“ bedeutet haben, vgl. gr. κελαυνός „schwarz“, χαλκός „grau“, air. caile „Fleck“. Für die letztgenannte Etymologie von lit. kalė spricht unserer Ansicht nach auch der Umstand, dass es in verschiedenen indogermanischen Sprachen zahlreiche Tierbezeichnungen gibt, die auf die indogermanische Wurzel *kel-, *kāl zurückgehen, vgl. Skr. karkáḥ „weißes Pferd“, gr. κίλλος „Esel“, schwed. dial. hjälm „weißes Rind oder Pferd“, schweizerdt. helme „weiße Kuh“ u. a.⁴² Die ursprüngliche Bedeutung des Adjektivs *kalas könnte „mit weißen Flecken, gescheckt“ gewesen sein. Für die von uns vorgeschlagene Etymologie spricht besonders der Umstand, dass die Adjektive kalývas, kalýbas nur mit Bezug auf einen Hund verwendet werden. Eine gewisse Analogie, bei der eine aus einem Merkmal hervorgegangene Tierbezeichnung zur Gattungsbezeichnung für ein weibliches Tier wird, lässt sich in der Geschichte von lit. kėvė „schlechtes, mageres Tier; Klepper“ erkennen, das im Lettischen die Bedeutung „Stute“ annahm.
Auf die Möglichkeit, lit. kalė mit lit. kalývas in Verbindung zu bringen, hatte F. Specht⁴³ bereits beiläufig hingewiesen.
Wie bereits erwähnt, ist kalė eine spezifisch litauische Bezeichnung für die Hündin. K. Būga versuchte zwar, Spuren dieses Wortes in einigen prußischen Personen- und Ortsnamen zu erkennen: Mit lit. kalė verband er den Dorfnamen Kalis und den Personennamen Kalioth⁴⁴. Doch pruß. Kalis, Calyen, Kalcz (Name eines Sees) wären unserer Ansicht nach richtiger mit pruß. kalis „Wels (Fisch)“ zu verbinden⁴⁵.
Im Lettischen sind zwei Bezeichnungen für die Hündin weit verbreitet: kuce und kuņa. Auf die Herkunft der ersten und auf ähnlich entstandene Hundebezeichnungen in anderen Sprachen haben wir bereits hingewiesen, als wir die slawischen Namen dieses Typs erörterten (russ. кученок „Hündchen“ u. a.). Den lautmalerischen Ursprung von lett. kuce, kuca „Hündin“ bestätigt eine beträchtliche Zahl weiterer lettischer Hundebezeichnungen, die mit dem Ruflaut kuč zum Herbeirufen eines Hundes zusammenhängen, vgl. kuča „Hündin“, kuča „kleines Hündchen (in der Kindersprache)“, kučāte „Hündchen“, kučka „Hündin“, kučēns „Hündchen“, kučēns, kucans, kucenis, kucentiņš, kuceļēns, kucļēns, kucis „Hund“, kuciņš, kučiņš, kucans „Hündchen“, kuceļēns, kucins „abwertende Bezeichnung für einen Hund“, kuculēns „Hündchen“ (EM, II, 298; EH, I, 666).
41 Lietuvių kalbos žodynas, V, p. 135–137, 141 (toliau: LKŽd.).
42 Ē. Fraenkel, Et. Wb., p. 209; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 506; J. Pokorny, Et. Wb., p. 547–548; M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 171.
43 F. Specht, Der Ursprung der indogermanischen Deklination, p. 122; A. Sabaliauskas, Baltistica, III(1), p. 109–110.
44 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 524–525.
45 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 54; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 351.
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Page 9Über die Herkunft des lettischen kuņa gibt es unterschiedliche Auffassungen. Viele Forscher trennen dieses Wort nicht von den Verwandten der anderen idg. Bezeichnungen für den alten Hund46. Dazu, was K. Būga über die Herkunft des lettischen kuņa schrieb: „Auch ich nahm zunächst, K. Jaunius folgend, an, dass lett. kuņa ‚Hündin‘ (III 33) etymologisch mit šunim verwandt sei, doch sagte ich mich öffentlich von dieser Auffassung im November 1909 in der hektographierten Kritik der ‚Aistiškos studijos‘ (S. 10) los. Kuņa gehört zusammen mit lett. kuce ‚Hündin‘ … kucens ‚Welpe‘ … zu den Wörtern unbekannter Herkunft. Vgl. kaschub. kuna ‚Hündin‘ und bulg. kűče ‚Hund‘, alb. kutš, osman. küčük ‚Hund‘47. J. Endzelynas48 erklärte die Herkunft des lett. kuņa auf zweierlei Weise: Er hielt es entweder für eine Kontamination aus *suna und kuca oder für fremden Ursprungs, ebenso wie kasch. kūnā, das E. Berneker49 mit russ. кѵна ‚Marder‘ verband. Uns erscheint der erste Fall wahrscheinlicher. Dabei könnte auch das Schallwort kuč (kuč *suna > kuč kuņa). eine gewisse Rolle gespielt haben.
In allen baltischen Sprachen finden sich zahlreiche weitere, weniger gebräuchliche Bezeichnungen für den Hund. Meist bezeichnen sie bestimmte Hundearten oder werden neben der allgemeinen (Gattungs-)Bezeichnung für den Hund mit einer bestimmten emotionalen oder anderweitig hervorhebenden Bedeutungsnuance verwendet.
Lit. kūrtas ‚sehr schneller Jagdhund‘ ist ein Wort slawischer Herkunft. Wie K. Būga nachgewiesen hat, muss dieses Wort spätestens im 12. Jahrhundert ins Litauische gelangt sein. Lit. kūrtas geht auf die unaspirierte altostslawische Form *хъртъ zurück, aus der auch die heutige russische Form хорт entstanden sein muss50.
Slavų kalbose šis šuns pavadinimas labai plačiai vartojamas. Be minėto rus. хорт, plg. ukr. хорт, bulg. хрът, хрътка, serb.-chorv. хрът, slov. hrt, ček. chrt, slovk. chrt, lenk. chart, aukšt. luž. khort, žem. luž. chart. Kaip matyti iš pateiktų pavyzdžių, esama pakankamo pagrindo šį šuns pavadinimą laikyti bendraslavišku žodžiu. Tačiau kaip jis atsirado slavų kalbose, ligi šiol nėra išaiškinta, o aiškintojų ir aiškinimų skaičius yra tiesiog rekordinis. Kai kurie tyrinėtojai (H. Hirtas, E. Bernekeris) šį šuns vardą laikė skoliniu iš germanų, plg. vok. Rüde „šuo, medžioklinis šuo“, sen. vok. aukšt. rudio „didelis šuo“. Kiti jį siejo su rus. скорый „greitas“, treti su skr. kharah „grubus, šiurkštus, aštrus“, gr. χάραρος „aštrus, smailus“. V. Machekas, iš pradžių mėginęs sieti jį su liet. kūrti „greitai bėgti“, vėliau šį šuns pavadinimą kartu su vok. Rüde laikė „praindoeuropietišku“, t. y. indoeuropiečių paveldėtu iš kažkokios nežinomos kalbos. J. Mikola mėgino čia gretinti ir vok. hurtig „greitas, skubus, vikrus“. K. Mošynskis slaviškąjį šuns pavadinimą kildino iš χɍtъ < ide. *sɍ-to- < *ser-, „greitai bėgti“. O. Trubačiovas neseniai paskelbė naują slav. χɍtъ kilmės aiškinimą, siedamas jį su liet. sartas51.
Über die Zuverlässigkeit der angeführten Etymologien lässt sich schwer etwas sagen: Fast alle haben sowohl einen vernünftigen Kern als auch Schwächen. Aus semantischer Sicht erscheint uns O. Trubačëvs Erklärung recht überzeugend. Allerdings begegnen wir hier einem
46 W. I. Georgiev, Forschungen zur vergleichend-historischen Sprachwissenschaft, p. 47; W. W. Iwanow, Die hethitische Sprache, p. 92; J. Pokorny, Et. Wb., p. 633.
47 K. Būga, Gesammelte Schriften, II, p. 220.
48 EM, II, p. 316.
49 E. Berneker, Slavisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg, 1908—1913, S. 644.
50 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 430; III, p. 497, 763, 769; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 318; M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 265.
51 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 265; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 23; Вопросы славянского языкознания, вып. 2, Москва, 1957, p. 38—41; V. Machek, Et. sl., p. 163; J. Holub, F. Kopečný, Et. sl., p. 143; F. Slawski, Słownik etymologiczny języka polskiego, I, Kraków, 1952—1956, p. 60—61 (im Folgenden: Sl. et.).
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Page 10mit gewissen lautlichen Schwierigkeiten, die jedoch nicht größer sind als die lautlichen Schwierigkeiten anderer Etymologien dieses Wortes.
Außer ins Litauische ist diese Bezeichnung für den Jagdhund auch ins Lettische und Preußische gelangt. Lett. kurts „Windhund, Jagdhund, magerer Hund“ ist ebenso wie lit. kurtas aus derselben Quelle hervorgegangen — alt-russ. *хърть52.
Eine ähnliche slawische Form muss es auch bei preuß. curtis (Wort 700 des Elbinger Vokabulars) gegeben haben: Curtis Wynt (Windhund) als Quelle53. Die Preußen könnten dieses Wort über die Polen erhalten haben.
Lit. skalikas „eine Art Jagdhund“ versuchte K. Būga mit lett. skaļš „laut“ zu verbinden54. Richtiger wäre es jedoch, das Wort mit dem Verb skālyti „beim Verfolgen eines Hasen oder Wildtiers bellen“ zu verbinden. Das Verb skālyti seinerseits wäre slawischen Ursprungs55; vgl. poln. skolić „winseln (vom Hund)“, russ. сколить „bellen, winseln (vom Hund, Wolf)“, tschech. skoliti „bellen“.
Auf ähnliche Weise wird auch die Entstehung von preuß. scalenix (Wort 702 des Elbinger Vokabulars: Scalenix Vorlouf (Vorstehhund)) erklärt. Schon A. Brückner leitete es vom Verb *skalīt ab, dessen Quelle poln. skolić gewesen sei56.
In einigen russischen Mundarten werden ebenfalls aus dem Verb сколить abgeleitete Bezeichnungen für Hunde verwendet; vgl. russ. сколуха, сколушка „Jagdhund“57.
Im Lettischen gibt es keine Hundebezeichnung dieser Herkunft.
In einigen litauischen Mundarten und in verschiedenen Schriftdenkmälern, darunter auch in den Schriften von J. Bretkūnas, begegnet eine slawischen Ursprungs entlehnte Bezeichnung für einen Jagdhund: gončas, gončius, gončiakas, gončakas (LKŽd., III, 482). Diese Wörter gelangten aus dem Polnischen oder Weißrussischen ins Litauische; vgl. poln. gończy, goniec, gończak, weißruss. гонец. Die slawischen Hundebezeichnungen leiten sich von einem Verb ab, das dieselbe Wurzel wie lit. ganýti, ginti (Vieh) hat; vgl. poln. gonić, russ. гнать „treiben, verfolgen, jagen, hetzen“, alt-russ. гонати58.
Im Litauischen gibt es auch zahlreiche lautmalerische Hundebezeichnungen: ãmas, ciūčė, ciūcis, ciuciūkas, ciūčius, ciuckà, ciūckis, ciūlis, ciūlius, čiūčė, čiūčia, čiūčiukas, čiūčius, čiūčką, čiūčkis, čiūčkus (LKŽd., I, 96, II, 29—30, 92—3); vgl. die Lautnachahmungen am; ciu, ciū, čiū, čiū, čiū, ciuciū, čiūčiū und weitere Zurufe an Hunde. Lautmalerischen Ursprungs ist wahrscheinlich auch lit. čiūra „Hündin“ (LKŽd., II, 116); vgl. čiūr, čiurà „wer ins Bett nässt“, čiurà „Heulsuse“.
Als Namen, die aufgrund der Farbe oder anderer Fellmerkmale des Hundes entstanden sind, kommen im Litauischen am häufigsten vor: márgis, mār gis, rūdis, kūdlius, kūdlis.
Lit. sābalas „schwarzer Hund mit glänzendem Fell“, sābalis; vgl. sābalas „Tier aus der Familie der Marder“ < weißruss. соболь59.
52 EM, II, p. 326; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 318; K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 45, 766.
53 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92, 366; J. Endzelīns, Senprūšų valoda, p. 199.
54 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 564.
55 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 794.
56 A. Brückner, AfslPh, 20, p. 505; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 248—249; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92, 428.
57 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 34.
58 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 279; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 152.
59 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 754.
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Page 11 Auch in der lettischen Sprache gibt es zahlreiche Hundenamen ähnlicher Herkunft:
Lat. klaučis „ein Hund, ein Kläffer“ (EH, I, 611), vgl. lett. klaudzēt „klopfen, klappern, poltern; schimpfen“.
Lat. klīva „ein verirrter Hund“ (EH, I 620), vgl. lett. klīvāt „umherirren“.
Lat. krancis „ein gewöhnlicher Name für Hunde, welche einen weissen Streifen am Halse haben“, plg. lat. krancis „Kranz od. Streifen“ < vok. Kranz (EM, II, 259).
Lat. kuželis „ein zottiger Hund“ (EM, II, 331), vgl. lett. kuželains „zottig“.
Lat. lamāka „ein grosser Hund“ (EM, II, 417), vgl. lett. lamāns „ein grosser, plumper, gefrässiger Mensch oder Hund“ (EM, II, 530).
Lat. leīmuris „ein ganz junges Hündchen, das auf den Beinen noch nicht fest ist“ (EM, II, 449), plg. lat. leīmma „ein schlaffer, energieloser Mensch“.
Lett. pakans „ein Hundename“ < dt. Packan (EM, III, 40).
Lett. piksis „ein kleiner Hund“ (EH, II, 231), vgl. lett. piks „ein Klumpen, Kloß“.
Lett. rakstiņš „ein bunter Hund“ (EM, III, 473), vgl. lett. rakstaīns „mit Mustern, Stickerei versehen“.
Lat. rūdiņš „ein Hundsname, nach der Farbe“ (EM, III, 554), plg. lat. ruds „rötlich, rotbraun, grau“.
Lett. rūsis „Name eines rostfarbenen Hundes“ (EM, III, 573), rūzis „ein rostfarbener, brauner Hund“ (EM, III, 574), vgl. lett. rūsains „rötlich, bräunlich, rostig“.
Lett. sabulis „ein Hundename“; sabulītis, sabalītis „Beiname des Hundes“, sabalis „der Hund (in der Kindersprache)“ < russ. соболь „Zobel“ (EM, III, 599; EH, II, 395).
Lat. sebris „ein grosser, dicker, aber böser Hund; eine Art Wiesel“ (EM, III, 810), plg. lat. sebris „ein schwächliches, verkommenes Lebewesen“⁶⁰.
Angesichts des geringen Umfangs des erhaltenen prußischen Wortschatzes muss gesagt werden, dass dieser Wortschatz sehr reich an Hundebezeichnungen ist. Denn im Elbinger Vokabular, das thematisch geordnet ist, gibt es gleichsam einen eigenen Abschnitt mit Jagdterminologie, der aus Hundebezeichnungen besteht. Außer den bereits besprochenen Sunis, Curtis, Scalenix finden sich dort noch zwei weitere Hundenamen.
Pruß. Slidenikis (Wort Nr. 701 im Elbinger Vokabular) Leethunt (Leithund)⁶¹. A. Brückner und, ihm zustimmend, R. Trautmann leiteten pruß. slidenikis aus poln. slednik „Spürhund“⁶² ab. J. Endzelīns neigte dazu, pruß. slidenikis mit lett. sliede „Schlitten“, slav. slědъ „Spur“ zu verbinden. Anlass zu Zweifeln an der Erklärung von A. Brückner und R. Trautmann gab ihm der Umstand, dass man bei einer Entlehnung aus dem Polnischen sled- und nicht slid- erwarten müsste⁶³. A. Brückner leitet pruß. slidenikis jedoch aus der altpolnischen Form *sliednik ab. Für A. Brückners Erklärung spricht teilweise auch die Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil des Wortschatzes dieses Bereichs im Prußischen slawischen, insbesondere polnischen Ursprungs ist.
Pruß. Wyysis (Wort Nr. 704 im Elbinger Vokabular) Wacker (Wachthund). Pruß. wuysis (die eigentliche Form lautet wahrscheinlich wyyzis) wird von den Sprachwissenschaftlern offenbar übereinstimmend als Entlehnung aus dem polnischen-
60 E. Blese, KZ, 75, p. 96.
61 vok. Leithund „Canis venaticus, der vom Jäger an einem langen Riemen geführte Hund, der besonders zum Aufsuchen der Rotwild- und Wildschweinfährten verwendet wird“.
62 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 431; A. Brückner, AfslPh, 20, p. 505.
63 J. Endzelins, Senprūšu valoda, p. 251.
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Page 12kų64, vgl. poln. wyżel „Spürhund“, russ. выжлец, tschech. vyžel u. a. Die Herkunft der slawischen Bezeichnung für den Hund ist unklar: Manche neigen dazu, sie für ein Lehnwort aus dem Deutschen zu halten, andere führen sie auf das Ungarische zurück, wieder andere erklären ihr Auftreten anhand slawischen Materials65.
Nachdem wir die Bezeichnungen für den Hund in den baltischen und teilweise auch in den slawischen Sprachen betrachtet haben, können wir einige allgemeinere Schlussfolgerungen ziehen. Alle drei baltischen Sprachen haben die alte indogermanische Bezeichnung für den Hund bewahrt. In den slawischen Sprachen ist diese Bezeichnung nicht vorhanden, und die Versuche, Spuren davon zu finden, waren bisher erfolglos. Sowohl in den baltischen als auch in den slawischen Sprachen werden auch jüngeren Ursprungs Bezeichnungen für den Hund verwendet, die einzelnen Sprachen oder Sprachgruppen eigen sind. Einige slawische Bezeichnungen für den Hund gelangten auch in die baltischen Sprachen.
DAS SCHAF
Das Schaf ist eines der ersten, vielleicht sogar das allererste der vom Menschen domestizierten Nutztiere. Dafür sprechen archäologische Funde und zahlreiche historische Zeugnisse; auch sprachwissenschaftliche Tatsachen widersprechen dem nicht.
K. Keller, der die Fragen zur Herkunft der Haustiere eingehender untersucht hat, unterscheidet drei Zentren der Schafdomestikation. Eines davon lag in Europa, irgendwo an den östlichen Küsten des Mittelmeers, ein anderes in Asien, vielleicht in Mesopotamien, und das dritte in Afrika. Aus diesen Zentren gingen verschiedene Schafrassen hervor. Die Vorfahren der in Europa am weitesten verbreiteten Hausschafe, die Mufflons (Ovis musimon), sind auch heute noch auf Korsika und Sardinien anzutreffen.
Spuren des Hausschafs finden sich sehr häufig in archäologischen Funden aus der Jungsteinzeit an verschiedenen Orten Europas sowie auch in einigen Teilen Asiens und Afrikas2.
Die Schafzucht war im alten Ägypten weit verbreitet. Die alten Ägypter züchteten bereits mehrere Rassen von Hausschafen. Schafdarstellungen finden sich auf alten ägyptischen Töpferwaren. Mit aus Stein gehauenen Schafstatuen schmückten die Ägypter ihre Tempel. Der Widder galt in Ägypten als heiliges Tier3.
Auch das alte Palästina war für seine riesigen Schafherden bekannt. Überliefert ist, dass der König von Moab Israel jährlich als Tribut 100.000 Lämmer und 100.000 Schafe entrichten musste. Während die alten Ägypter Schafe hauptsächlich wegen ihres Fleisches hielten, lieferten sie den Juden Fleisch, Milch, Wolle, Leder und sogar Hörner. Aus Widderhörnern fertigten sie Gefäße zur Aufbewahrung von Öl und Musikinstrumente4. Selbst das Wort, das heute in vielen Sprachen der Welt für den Begriff des Jubiläums verwendet wird (vgl. lit. jubilejus), wird mit der altjüdischen Bezeichnung für den Widder jobel in Verbindung gebracht. So bezeichneten die Juden sowohl den Widder als auch das Widderhorn, in das sie an bestimmten Festen bliesen – den Jubiläumsjahren (die alle fünfzig Jahre gefeiert wurden). Später wurde auch das Fest selbst nach dem Widder benannt. Bei den alten Juden war der Widder außerdem ein Tier, das bei Kultriten geopfert wurde.
64 A. Brückner, AfslPh, 20, p. 505; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92, 466; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 277.
65 O. Трубачев, Происхождение…, p. 24; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 239; V. Machek, Et. sl., p. 579; A. Brückner, Słownik etymologiczny języka polskiego, Warszawa, 1957, p. 640 (toliau: Sl. et.).
1 C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, p. 176—183.
2 O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, II, p. 285; M. Hilzheimer, Schaf, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, XI, Berlin, 1927/1928, p. 220—221.
3 Ranke, Schaf, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, XI, p. 221—222; C. Keller, ebenda, p. 172—173.
4 P. Thomsen, Schaf, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, XI, p. 221.
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Page 13Das Opfern von Schafen bei den Kultzeremonien verschiedener Völker war blutiger oder unblutiger Art. Im letzteren Fall wurde Schafwolle geopfert. Die Menschen lernten sehr früh, Wolle in Asien und Europa für ihre Zwecke zu nutzen. Man nimmt an, dass die Babylonier als Erste begannen, Schafe zu scheren. Das Scheren von Schafen verbreitete sich in Babylonien offenbar zwischen 1300 und 600 v. Chr. im Zusammenhang mit dem Import von Eisen. Von Vorderasien gelangte das Schafscheren auch nach Europa. Überliefert ist, dass um 300 v. Chr. die ersten Schafscherer aus Sizilien nach Italien kamen.5 Es wäre jedoch falsch anzunehmen, der Mensch habe Schafwolle erst zu nutzen begonnen, nachdem er gelernt hatte, sie abzuscheren. Früher wurden die Schafe gezupft. Aufgrund dieses Umstands versuchte man, wie wir später sehen werden, auch einige indogermanische Bezeichnungen für das Schaf zu erklären.
Das Schaf gehörte auch in den heutigen baltischen und slawischen Gebieten zu den ersten vom Menschen domestizierten Tieren. Die Bewohner der Waldgebiete Litauens, Lettlands sowie der benachbarten Länder begannen ungefähr zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. Viehzucht zu betreiben. Sie lernten die Viehzucht durch ihre südlichen Nachbarn kennen, bei denen Ackerbau und Viehzucht schon viel früher betrieben wurden. Im heutigen Siedlungsgebiet der Litauer und Letten finden sich Knochen von Haustieren, darunter auch Schafknochen, in archäologischen Funden der Schnurkeramik- und Streitaxtkultur6. Zahlreiche Schafknochen finden sich auch in den Ausgrabungen litauischer Burgberge, die auf das 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. datiert werden7.
In allen untersuchten Siedlungen sowohl der Süd- als auch der Nordslawen finden sich unter den Küchenabfällen stets weit mehr Knochen von Haustieren, darunter auch Schafknochen, als von Wildtieren8. J. Paisker beging einen groben Fehler, als er, gestützt auf einige seiner Ansicht nach germanischen und turko-tatarischen Ursprungs entstammende slawische Viehzuchtbegriffe, behauptete, die Slawen hätten bis zum 10. Jahrhundert n. Chr. keine Viehzucht betrieben9.
Die Bedeutung der Schafzucht für die alten Völker Asiens, Europas und Afrikas zeigt sich auch darin, dass sich in den Sprachfamilien der Indogermanen, der Turko-Tataren und der Semiten jeweils Schafbezeichnungen finden, die den einzelnen Sprachfamilien gemeinsam sind.
Die alte indogermanische Bezeichnung für das Schaf ist in vielen ausgestorbenen wie auch lebenden indogermanischen Sprachen gut bewahrt: skr. áviḥ, gr. ὄϊς, lat. ovis, ahd. ou, isl. áer, got. awistr ‚Mutterschaf‘, awēpi ‚Schafherde‘, arm. hoviv (< *ou̯i-pa-) ‚Schäfer‘, ir. óí ‚Schaf‘, kymr. ewig, russ. овца, lit. avis usw.
Wie bei vielen anderen alten idg. Wörtern lässt sich die ursprüngliche Bedeutung von *ou̯is nur sehr schwer erklären. Vielleicht ist der Versuch, idg. *ou̯is mit der idg. Wurzel *eu̯ ‚rüsten, anziehen, beschuhen‘ zu verbinden, etwas plausibler (vgl. lit. aūti, russ. обуть ‚beschuhen‘, lat. exuo, -ere ‚ich ziehe aus, entkleide‘). Demnach wäre die ursprüngliche Bedeutung von *ou̯is ‚ein Tier, das ein Gewand (Fell) hat‘ oder ‚ein Tier, das ein Gewand (Fell) liefert‘. Natürlich ist auch diese Erklärung sehr zweifelhaft. Semantisch würde diese Etymologie teilweise durch die bereits deutlich
5 O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, II, p. 285.
6 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, p. 79; Latvijas PSR vēsture, I, p. 11; K. Паавер, Формирование териофауны и изменчивость млекопитающих Прибалтики в голоцене, p. 367.
7 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, ten pat, p. 252—253; K. Paaveri P. Kulikauskas, Acta Baltico-Slavica, 2, p. 268—270; K. Паавер, ten pat, p. 368—369, 371.
8 П. Н. Третьяков, Восточнославянские племена, Москва, 1953, p. 271.
9 Л. Нидерле, Славянские древности, Москва, 1956, p. 319—320; О. Н. Трубачёв, Происхождение…, p. 17—18.
8. Baltų ir slavų kalbų ryšiai
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Page 14Eine jüngere indogermanische Bezeichnung für das Schaf, die in der indo-iranischen Sprachgruppe belegt ist: Sanskrit mēśáh „Widder; Fell“, avestisch maēša- „Schaf“, maēši, mittelpersisch mēš, persisch mēš. Diese Schafbezeichnungen werden mit russ. мех „Fell“, lit. maišas, altpreuß. moasis „Blasebalg“, russ. мешок „Sack“ u. a. in Verbindung gebracht.10 Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes war „Fell“: In den indo-iranischen Sprachen entwickelte sich daraus die neue Bedeutung „Schaf“, in anderen Sprachen die Bedeutung „Sack“.
In den slawischen Sprachen wird bereits eine etwas modifizierte Form der alten indogermanischen Schafbezeichnung verwendet, die, wie angenommen wird, durch Anfügung des Diminutivsuffixes *-ikā an den alten indogermanischen ī-Stamm entstanden ist. Neben den slawischen Sprachen findet sich die Form avikā „Schaf“ auch im Sanskrit. Hier wird sie, wie in den slawischen Sprachen, ohne diminutive Bedeutung neben der üblichen Form áviḥ verwendet. Das Urslawische *ovbca (< *ovbka) ist in allen slawischen Sprachen gut bewahrt: altslaw. ovbca, altruss. овьца, russ. овца, ukrain. вівця, weißruss. авечка, bulg. овца, serb.-kroat. овца, slowen. ovca, tschech. ovce, slowak. ovca, poln. owca, kasch. woeca, obersorb. wowca, niedersorb. wejca11.
Fälle, in denen Tierbezeichnungen, die mit Diminutivsuffixen gebildet wurden, ihre diminutive Bedeutung eingebüßt haben und einfach als Gattungsbezeichnungen verwendet werden, kommen in verschiedenen Sprachen recht häufig vor. So wird beispielsweise in den litauischen Dialekten die Diminutivform avėlė weithin in der Bedeutung „Schaf“ verwendet (LKŽd., I, 422). Ohne jegliche diminutive Nuance wird auch das litauische Wort kumėlė gebraucht.
O. Trubačiovas versucht, Spuren der alten indogermanischen Form *oui- auch in den slawischen Sprachen zu erkennen, indem er altruss. овядь „Bremse“, russ. овод aus *ov-adъ herleitet; dabei wäre ov- die reine Wurzel bzw. der Stamm der alten indogermanischen Schafbezeichnung, während *ād- (*ōd-) eine Ablautvariante der indogermanischen Wurzel *ed- „essen, fressen“ wäre12.
In den baltischen Sprachen ist die alte indogermanische Schafbezeichnung gut bewahrt.
Lit. avis ist bereits in den ältesten litauischen Sprachdenkmälern belegt. Diese Form wird auch in den meisten heutigen litauischen Dialekten verwendet. Weitaus seltener ist die Form mit ē-Stamm avė (LKŽd., I, 421). Neben den Formen avìs, avė kommt auch die Bezeichnung des männlichen Schafs ávas vor (LKŽd., I, 421). Aus dem alten Schafnamen entstand auch das lautmalerische Wort avià, das verwendet wird, um die Schafe zur Herde zurückzurufen (LKŽd., I, 423).
Im Lettischen entspricht lit. avis genau die Form avs, neben der auch die Form mit ē-Stamm ave vorkommt (EM, I, 232; EH, I, 189). Das lett. avs jedoch, das vor allem in älteren lettischen Sprachdenkmälern und Volksliedern belegt ist (EM, I, 232; EH, I, 190), wird fast vollständig durch die jüngere, nur dem Lettischen eigene Form aita verdrängt. Letztere entstand über Diminutivformen aus der alten Schafbezeichnung avs. Aus der Form avs gingen die Diminutivformen avitiņa, avētiņa, avatīņa, avēteņa, aventiņa hervor (EM, I, 232; EH, I, 190). So wie aus zuvitiņa „Fischlein“ die Form zuitiņa entstand, so entwickelte sich aus avitiņa die Form aitiņa13. Aus dieser Diminutivform wurde dann die Form aita ohne diminutive Bedeutung „wiederhergestellt“.
10 O. Н. Трубачев, Происхождение..., р. 70—71; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 127; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 397; F. Specht, Der Ursprung der Indogermanischen Deklination, p. 52—53; M. Mayrhofer, Et. Wb., II, p. 689.
11 О. Н. Трубачев, Происхождение..., р. 69; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 251; R. Trautmann, Baltisch-slavisches Wörterbuch, Göttingen, 1923, p. 20—21 (toliau: B-sl. Wb.).
12 О. Н. Трубачев, Происхождение..., р. 71.
13 J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 155, 214; EM, I, p. 14.
114
Page 15Neben àita kommen in lettischen Dialekten bisweilen auch die Formen àiča, aite sowie die Verkleinerungsformen àitele, aitene, aitēns vor (EM, I, 14; EH, I, 4, 5).
In den altpreußischen Sprachdenkmälern finden wir keine Bezeichnung für das Schaf, die lit. avis und lett. avs entspricht.
In den baltischen und teilweise auch in den slawischen Sprachen wird neben der alten indoeuropäischen Gattungsbezeichnung für das Schaf eine gemeinsame Bezeichnung für den Schafbock verwendet, die aus dem Schafnamen *ovi-s und dem Suffix -na- gebildet ist, vgl. altkirchenslaw. овьнь, russ. овен, bulg. овен, serb.-kroat. овan, slow. oven, tschech. oven, altpoln. owien, lit. ãvinas, lett. auns, altpreuß. awins14.
Lit. ãvinas ist bereits in den ältesten litauischen Sprachdenkmälern belegt.
Im Lettischen kommen neben der erwähnten Form auns, die in der Literatursprache und in den meisten Dialekten verwendet wird, auch die Formen avins, avēns, avans, avēns vor (EM, I, 225, 232; EH, I, 190). Die Form auns entwickelte sich aus der älteren Form avins, vgl. lett. auza „Hafer“ neben < *aviza, lett. càula neben lit. kėvalas, lett. vecs „alt“ neben lit. vėtušas usw.15
Die Form awins ist auch in altpreußischen Sprachdenkmälern belegt (Wort 679 des Elbinger Vokabulars – Awins Ster16). Die altpreußische Bezeichnung für den Schafbock scheint auch im Ortsnamen Awynemedien < eines Dokuments von 1326 enthalten zu sein: altpreuß. awins „Schafbock“ + altpreuß. median „Wald“17.
Die baltische Bezeichnung für den Schafbock gelangte zusammen mit einigen anderen Begriffen aus Viehzucht und Ackerbau in die ostseefinnischen Sprachen, vgl. finn. oinas, est. oinas, õinas, karel. oinas, liv. oin, weps. oinas18.
In den slawischen Sprachen wurde die alte Bezeichnung für den Schafbock, die lit. ãvinas entspricht, vielerorts durch eine jüngere Bezeichnung für dieses Tier verdrängt: russ. баран, ukrain. баран, tschech. beran, slowak. baran, poln. baran, kaschub. barõn, obersorb. boran, niedersorb. baran. Die Herkunft dieser Bezeichnung ist bis heute ungeklärt. Man hat versucht, sie mit gr. βάρχος, alb. berr „Schaf“, ital. dial. bero „Schafbock“, bèra „Schaf“, frz. dial. berri, ja sogar mit russ. боров „Eber“ in Verbindung zu bringen. Einige Forscher halten eine solche Bezeichnung für Schaf und Schafbock für einen alten mitteleuropäischen Terminus, andere für ein vorindoeuropäisches Wort, wieder andere verbinden sie mit der Lautmalerei ber-19, vgl. russ. барь, ukrain. бирь, russ. барбар, бырыр. Die für die slawischen Sprachen ungewöhnliche Bildung dieser Bezeichnung für den Schafbock veranlasst dennoch viele Etymologen, sie als Lehnwort anzusehen. Die Entlehnungsquelle lässt sich jedoch nur schwer bestimmen. F. Miklošič hatte seinerzeit die Vermutung geäußert, Quelle des russ. баран könnte tatarisch bäränbärän „Lamm“20 aus Kasan sein. Wahrscheinlicher scheint jedoch, dass tatar. bärän selbst aus russ. баран stammt. In jüngster Zeit
14 M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 248; A. Brückner, Sl. et., p. 387; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 69; R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 21; K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 171.
15 J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 71 – 72; K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 463; II, p. 89.
16 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92, 309; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 149.
17 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 14.
18 V. Thomsen, Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauisk-lettiske) Sprog, Köbenhavn, 1890, S. 160; J. Kalima, Itämerensuomalaisten kielten balttilaiset lainasanat, Helsinki 1936, S. 142–143; Y. H. Toivonen, E. Itkonen, A. J. Joki, Suomen kielen etymologinen sanakirja, II, Helsinki, 1958, S. 422; Л. Акулинин, Развитие и структура финского языка, II, Москва, 1955, S. 41; K. Būga, Rinktiniai raštai, II, S. 171.
19 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 53–54; V. Machek, Et. sl., p. 29; F. Slawski, Sl. et., I, 27; A. Brückner, Sl. et., p. 15; H. M. Шанский, Этимологический словарь русского языка, 1, 2, Москва, 1965, p. 39–40 (im Folgenden: Эт. сл.).
20 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 54.
9*
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Page 16Für diese Herleitung der slawischen Bezeichnung für „Widder“ aus den östlichen Sprachen plädiert O. Trubačov. Er rekonstruiert die türkische Form *baran „gehend“21. Obwohl eine solche Erklärung semantisch, gestützt auf einige Tierbezeichnungen, die mit Verben der Bewegung verbunden sind, durchaus möglich ist, löst sie die Herkunftsprobleme von russ. баран usw. bei Weitem nicht. Die slawischen Lautwörter für den Ruf des Schafes, die an russ. баран usw. und andere Widderbezeichnungen dieser Wurzel erinnern, hält O. Trubačov für sekundären Ursprungs. Uns scheint jedoch, dass dieser Umstand kaum gegen den lautmalerischen Ursprung von russ. баран usw. sprechen kann. Erstens lassen sich Lautwörter wie бирь, барь wohl kaum als sekundär betrachten. Ihr hohes Alter lässt sich durch Belege aus anderen Sprachen bestätigen. Sehr viele ähnliche Lautwörter für den Ruf des Schafes gibt es im Litauischen: barė, būre, burė, buriā, buriū, būri, buri. Es finden sich auch ähnliche Lautwörter zum Treiben des Schafes: bar (škius, bar, namon, baltosios avelės!), buriūkš, būrum (būrum būrum būkšt; so fordert der Hirte die Widder zum Zusammenstoßen auf). Aus solchen Lautwörtern entstanden die Verben barinuoti „die Schafe rufen“, burénti „blöken (vom Schaf)“. Aus Lautwörtern entstand auch eine Vielzahl von Schafbezeichnungen, die in verschiedenen litauischen Dialekten gebräuchlich sind: bariūkas „Koseform für Widder, Widderchen“, bariūtė „Koseform für Schaf“, biriūtė „Schaf (Rätselwort)“, būrė „Schaf (in der Kindersprache)“, burėlė „Schäfchen“, burėlis „Widderchen, burinėlis“, burikė „buriutė, Schaf“, būrinas „Widder oder Schaf (meist in der Kindersprache)“, buriniūkas „Widderchen“, burýtė „Schäfchen, buriutė“, burýtis „Lamm“, buriūkas „Lamm, Lämmchen“, buriūtė „Schaf“, buriūtis „Lamm“, burūlis „Widder (meist in der Kindersprache)“, burūtė „buriutė, Schaf“ (LKŽd., I, 535, 536, 691, 966, 968, 969, 970, 971, 984).
Wahrscheinlich sind auch die in lettischen Volksliedern gelegentlich vorkommenden Bezeichnungen für Schaf, Lamm oder Widder gleichen Ursprungs: birite, berulīte, beritis, biritina, birēnis (EH, I, 220), die A. Gāteris22 unseres Erachtens23 zu Unrecht mit dem Personennamen Birgita verbindet (die heilige Brigida könnte als Schutzpatronin des Viehs gegolten haben). Der Unterschied im Vokalismus einzelner Lautwörter und der daraus entstandenen Schafbezeichnungen ist allein durch den für Lautwörter charakteristischen Wechsel des Stammvokalismus zu erklären; vgl. die slawischen Varianten dieses Lautworts: бер, бир, бар, бор, бр24.
Zwar wird in einigen litauischen Dialekten auch die aus dem Slawischen entlehnte Widderbezeichnung barōnas verwendet. In den Schriften von J. Bretkūnas findet sich auch die Form barankas (LKŽd., I, 530), die aus einer slawischen Diminutivform hervorgegangen ist. Es gibt jedoch keinen Grund, die im Litauischen gebräuchlichen Lautwörter zum Rufen oder Treiben des Schafes damit in Verbindung zu bringen. Allenfalls könnte das Wort barōnas den Stammvokalismus einiger Lautwörter beeinflusst haben. Andererseits ist auch die Tatsache zu berücksichtigen, dass ein ähnliches Lautwort für den Ruf des Schafes sogar in nichtindogermanischen Sprachen vorkommt; vgl. das arabische Lautwort zum Rufen von Schafen und Ziegen bir bir25. Daher scheint uns, dass die slawische Widderbezeichnung (russ. баран usw.) am besten als lautmalerischen Ursprungs zu erklären ist. Hier läge ein völlig analoger Fall zur Herkunft von russ. кутёнок „Hündchen“ und lett. kucēns vor.
Aus russ. баран ging auch die in lettischen Volksliedern gelegentlich vorkommende Schafbezeichnung baraniņa, barenīte, barankīte hervor (EH, I, 205).
21 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 75–76.
22 A. Gāters, Ceļi, 12, Lundā, 1965, p. 32–36.
23 A. Sabaliauskas, Baltistica, II(1), p. 89.
24 A. И. Германович, Междометия и звукоподражательные слова русского языка. Автореферат докторской диссертации, Симферополь, 1961, p. 89.
25 M. Niedermann, Tauta ir žodis, 2, p. 443.
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Page 17Eine beträchtliche Zahl indogermanischer Sprachen, darunter auch die slawischen, hat eine gemeinsame Bezeichnung für das Jungtier des Schafs – das Lamm. In den slawischen Sprachen ist diese Bezeichnung sehr gut bewahrt, vgl. Altkirchenslawisch agne, agnbcb, russisch ягнёнок, tschechisch jehně usw.26
In den baltischen Sprachen gibt es keinerlei Spuren dieser Bezeichnung für das Lamm. Zur Bezeichnung dieses Begriffs ist hier vor allem eine andere Bezeichnung verbreitet, deren Verhältnis zu den entsprechenden Bezeichnungen ähnlicher Art in den slawischen Sprachen recht erhebliche Zweifel aufwirft.
Im Litauischen gibt es von dieser baltischen Bezeichnung verschiedene phonetische und morphologische Varianten: ėras, ėrelis, ėraitis, ėris, ėryš, ėriščias, ėrištis, ėrytìs, ėriukas, erikas geraitis, geralis, gėras, gėrėlis, gėriokas, gėriukas, jėras, jėraitis, jėrelis, jėris, jėrytìs, jėriūkas (LKŽd., II, 824, 826, 828, 832; III, 241, 246, 251, 257, 258; IV, 340, 341), vėras, vėraitis27. Als älteste Form ist offenbar jėras anzusehen. Sowohl die Hinzufügung als auch der Wegfall von j ist in den baltischen Sprachen ein geläufiges Phänomen, vgl. litauisch jėknos: ėknos, jėmiau: ėmiau, jėibė: ėibė, jėrubė: ėrubė usw. Auch der Wechsel von anlautendem j- und g- ist bisweilen in litauischen Dialekten anzutreffen, vgl. jėrubė: gerubė, jāura: gidūrė, judrė: gudrė, jėdras: gėdras usw. Der Konsonant v wird gewöhnlich vor hinteren Vokalen hinzugefügt, doch kommen auch Ausnahmen vor28. Uns scheint E. Fraenkels Versuch, litauisch vėras, nachdem er es von ėras getrennt hat, mit Sanskrit ūranaḥ „Widder, Lamm“, armenisch garn „Lamm“ usw. zu verbinden, nicht begründet29. Kaum lässt sich litauisch vėras als ein so alter Sprachbeleg auffassen. Auch der Einfluss des Wortes vilna auf das Auftreten von v- im Wort vėras ist sehr zweifelhaft.
Litauisch jėras entspricht genau der lettischen Form jērs. Verwendet werden auch Diminutivformen dieses Wortes: jērulis, jē rēns, jērelis, jēriņš, jēruks. Die Formen jērulis, jērelis werden mit abwertendem Beiklang verwendet (EM, II, 114; EH, I, 565).
Aus den genannten Bezeichnungen für das Lamm haben sich im Lettischen neue Wörter entwickelt, die nicht „Lamm“, sondern eine bestimmte Art von Schaf bezeichnen: jēre „ein Jahr altes Schaf, ein halbjähriges Schaf; Mutterlamm; ein altes Schaff“, jērēne, jērniece „aita ar jeru“, jērene „kad aitai ir pirmuo reiz jēri, tad tā ir j.“ (EM, II, 114; EH, I, 564–5).
Im Elbinger Vokabular finden wir auch die prußische Bezeichnung für ein Lamm: Eristian Lam (Wort 681)30. Die prußische Lammbezeichnung enthält das Diminutivsuffix -ist- und die Endung -an des Nominativs Singular Neutrum31; der Stamm er- entspräche lit. jēr-as, lett. jēr-s. J. Gerulis vermutet die prußische Lammbezeichnung auch in einigen prußischen Ortsnamen: Eren, Iragarbis (Iregarbis, Iregaps, Ergarbin) < pruß. er-istian + pruß. garbis „Berg“ (in einigen prußischen Dialekten ē > ī)32.
Bei der Suche nach Verwandten dieser baltischen Bezeichnung für das Lamm in anderen indogermanischen Sprachen spielt die Frage des j- eine sehr wichtige Rolle. Falls in den baltischen Sprachen tatsächlich von alters her ein j- in diesem Wort vorhanden war, wäre es am zweckmäßigsten, es mit altrussisch ярѣ „Lamm“, ярька „junges Schaf“, russisch ярка „einjähriges Schaf, das noch keine Lämmer gehabt hat“, ukrainisch ярота „Schafe bis zu einem Jahr“ zu verbinden,
26 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 481; O. H. Трубачев, Происхождение…, p. 71–72; F. Slawski, Sł. et., I, p. 488.
27 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 172.
28 J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, p. 46, 50; J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 211–212, 236–237; K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 172; J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, I, p. 379.
29 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 121; M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 108.
30 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92.
31 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 53, 60.
32 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 33, 50.
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Page 18ярча „Lämmchen“, ярка „einjähriges Schaf“, poln. dial. jarczuk, jarlak „einjähriges Schaf“, tschech. dial. jarka „Schaf, das im Frühjahr gelammt hat“, slowak. jarča „junges Schaf“. Weiterhin wären alle diese Bezeichnungen für Lamm und Schaf mit russ. яра „Frühling“, tschech. jaro, altpoln. jarz, av. yār- „Jahr“, gr. ὥρα „Jahreszeit, Zeit“, got. jēr „Jahr“, dt. Jahr³³ zu verbinden. Andererseits lassen sich die baltischen Bezeichnungen für das Lamm, insbesondere wenn man die Grundform lit. ėras zugrunde legt, mit gr. ἔριφος „Ziegenbock“, umbr. erietu „Widder“, lat. aries, arm. erini „Kalb“, ir. earb „Reh, Ziege“ verbinden. E. Fraenkel trennt die litauischen Formen jėras und ėras; die letztere (zusammen mit pruß. eristian) verbindet er mit den soeben aufgeführten Wörtern, jėras dagegen (zusammen mit lett. jērs) mit den slawischen Bezeichnungen dieses Tieres (russ. ярка) und deren Verwandten³⁴. Auf diese Weise hält E. Fraenkel lit. ėras, jėras und vėras für drei etymologisch verschiedene Wörter. Dennoch wäre es sehr schwer, an eine solche Trennung dieser Formen zu glauben; deshalb sollte man ungeachtet des sehr „unregelmäßigen“ j- > v- alle diese Formen, ebenso wie die zuvor erwähnte Form gėras, als lautliche Varianten eines Wortes ansehen, die im Litauischen entstanden sind.
Die baltische Bezeichnung für das Lamm ist auch in die ostseefinnischen Sprachen gelangt, vgl. finn. jääru „Widder“, estn. jää̈r u. a.
O. Trubačov³⁵ hat offenbar ebenfalls recht, wenn er jenen Etymologen vorwirft, die, teilweise ähnlich wie E. Fraenkel, russ. ярка „junges Schaf“ abtrennen und dieses Wort mit russ. яра „Frühling“ u. a. verbinden, russ. ярина „Schafwolle“ hingegen davon scheiden und darin ein Relikt einer alten Schafbezeichnung erkennen, die ihrer Ansicht nach mit lit. ėras, gr. ἔριφος, lat. aries verwandt ist³⁶. Diesmal könnte sie wohl die Tatsache zu dieser Annahme veranlasst haben, dass altruss. язьно „Haut“ ebenfalls ein Relikt der ansonsten in den slawischen Sprachen nicht belegten Ziegenbezeichnung ist (lit. ožys, skr. ajáḥ u. a.).
Semantisch ist die Verbindung von russ. ярка und wahrscheinlich auch der baltischen Bezeichnungen für das Lamm mit russ. яра u. a. sehr gut begründet. Ähnliche Parallelen gibt es in verschiedenen indogermanischen Sprachen, vgl. altpoln. latos, latosek „Kalb, diesjähriges Lamm“: poln. lato „Sommer“, dt. Jährling „einjähriges Tier, besonders ein Lamm“: Jahr, dän. dial. gimmerlam „einjähriges Lamm“, isl. alt gymbr „Lamm“, norw. gimber: lit. žiemā, lat. hiems u. a.³⁷
Sowohl in den slawischen als auch in den baltischen Sprachen gibt es zahlreiche weniger verbreitete Schafbezeichnungen. Viele dieser Bezeichnungen sind jüngeren Ursprungs und werden meist neben der allgemeinen Bezeichnung für Schaf verwendet, um eine bestimmte Schafrasse, ein bestimmtes Alter oder eine andere Eigenschaft hervorzuheben. Ohne auf die zahlreichen slawischen Bezeichnungen dieser Art³⁸ einzugehen, betrachten wir die weniger verbreiteten Bezeichnungen dieses Tieres in den baltischen Sprachen.
Eine alte indogermanische Schafbezeichnung, die lit. avis und lett. avs entspricht, finden wir in den prußischen Sprachdenkmälern nicht. Dort finden wir neben dem Wort awins „Widder“, das dieselbe Wurzel enthält, die in anderen baltischen Sprachen unbekannte Schafbezeichnung camstian (Camstian Schoff 678, ein Wort aus dem Elbinger Vokabular). Die Herkunft von pruß. camstian ist bis heute nicht geklärt. A. Bezzenberger verband dieses Wort
33 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 170; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 77—78.
34 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 121.
35 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 77—78.
36 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 493.
37 F. Slawski, Sl. et., I, 502; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1306; M. Vasmer, Et. Wb., p. 455—456; C. D. Buck, A Dictionary of Selected Synonyms in the Principal Indo-European Languages; Chicago, 1949, p. 155, 163 (toliau: Dict.).
38 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 78—83.
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Page 19mit gr. ζεμάς „Reh“, R. Trautmann mit russ. комолый „hornlos“, tschech. komolý „stumpf“⁹. Wenn R. Trautmanns Etymologie richtig wäre, könnte pr. camstian ein Beispiel dafür sein, wie eine neu entstandene Bezeichnung für ein einzelnes Merkmal den alten Gattungsnamen des Tieres verdrängt; denn sowohl die übrigen baltischen Sprachen als auch die prußische Bezeichnung für den Widder, awins, lassen vermuten, dass auch die Prußen den idg. Namen des Schafes kannten, der lit. avis, lett. avs entspricht. Mit pr. camstian wird auch der prußische Ortsname Komstegallen in Verbindung gebracht (< pr. camsian + pr. galwo „Kopf“)⁴⁰.
Außer den lautmalerischen Bezeichnungen für Schafe, die bei der Erörterung der Herkunft von russ. баран usw. angeführt wurden, finden wir im Litauischen noch einige weitere lautmalerische und andersartigen Ursprungs Bezeichnungen für das Schaf:
Lit. bākanis „Widder (Kosewort)“ (LKŽd., I, 470), das man wahrscheinlich mit lit. bākinti „mit der Faust stoßen, schlagen, anstoßen, stopfen“ verbinden sollte; vgl. bākjasis (sie raufen) avinai; avinai bakčioja atsibėgę, d. h. sie schlagen (Juška; LKŽd., I, 471).
Lit. bāsis „Lamm“, basiukas, basiulis, bāsė „Schäfchen“ (LKŽd., I, 551, 552); vgl. die lautmalerischen Rufe an das Schaf im Litauischen: bās, bās, basia, bās, bāši.
Lit. bazūkas „Lamm (in der Kindersprache)“, bazūlis, baziūtė „Schaf, Schäfchen“ (LKŽd., I, 568); vgl. die lautmalerischen Rufe an das Schaf: bazė, bazı.
Lit. bicė „Schäfchen“, bıcītė (Ylakiai); vgl. den lautmalerischen Ruf an das Schaf bice (Ylakiai), lett. bice „Schaf“. Dieser Schafname und der dazugehörige Ruf sind wahrscheinlich aus dem Lettischen ins Litauische gelangt.
Lit. būkė „Schaf“ (LKŽd., I, 931) sollte man wahrscheinlich mit lit. būkinti „schlagen, prügeln“ verbinden; vgl. vaikai išmokė aviną būkinti (sich zu raufen), tai jis ir būkina (LKŽd., I, 931–2). Ebenso ist möglich, dass būkė < buriūkė.
Lit. busiūkas „Schäfchen“, busiūtė „Schäfchen“, būsinas „Widder (Kosewort)“ (LKŽd., I, 988); vgl. die lautmalerischen Rufe busia, būsė.
Lit. kūcė „Schaf (in der Kindersprache)“, kūciūkas „Lamm“, kūciūnūkas (LKŽd., VI, 755, 757, 758); vgl. die lautmalerischen Rufe kūcā, kūciū.
Lit. kuriūtė „Schaf, Schäfchen (in der Kindersprache)“ (LKŽd., VI, 952); vgl. den lautmalerischen Ruf an das Schaf kuriù-kuriù (Adutiškis, Tverečius, Vidiškės). Dieser Ruf könnte als eine Art Reimwort neben dem Ruf buriù-buriù entstanden sein; vgl. būre – kūre – šiūre „von Hirten verwendete Rufe zum Herbeirufen oder Antreiben des Schafes“ (Šakyna).
In den lettischen Mundarten ist die Schafbezeichnung vuška sehr weit verbreitet (EM, IV, 677; EH, II, 799). J. Endzelynas neigte dazu, diese Form aus *avuź-ka herzuleiten (zur Wortbildung vgl. lit. avužė, lett. Amuža und russ. овечка). Neben vuška kommt auch die Form uška vor (EM, IV, 310; EH, II, 716), ebenso die Widderbezeichnungen vuçens, vucins, vucans, vucuns (vuçens wird auch in der Bedeutung „Lamm“ verwendet) (EM, IV, 675; EH, II, 798), uçens, ucenis, ucins, ucītis „Lamm“ (EM, IV, 293; EH, II, 711). Der Zusammenhang dieser Bezeichnungen mit dem Wort avs erscheint uns sehr zweifelhaft: Die Form *avuźka ist für das Lettische doch sehr untypisch. Vielleicht lassen sich diese Bezeichnungen besser so erklären, dass sie unmittelbar aus lautmalerischen Rufen entstanden sind, ohne sie mit der alten Schafbezeichnung in Verbindung zu bringen. Im Lettischen gibt es lautmalerische Rufe, mit denen sich die genannten Schafbezeichnungen verbinden ließen, vgl. vuc, das J. Endzelynas ebenfalls
³⁹ R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, S. 92, 352. ⁴⁰ G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, S. 69, 233; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, S. 189.
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Page 20Auch scheint er zu Unrecht geneigt gewesen zu sein, aus *a-vuc(e)41, einem Lautwort für das Treiben der Schweine, uš, abzuleiten; vgl. auch das litauische Lautwort zum Treiben der Schafe uš-uš (Grobštai, Kojeliai). Das Suffix -k(a) wird im Lettischen für Tiernamen verwendet; vgl. die Kuhnamen račka neben raibala, piecka neben piektala, seska neben šeštala usw.42
Im Lettischen finden wir auch einige solche Schafbezeichnungen, deren lautwortlicher Ursprung offenbar außer Zweifel steht:
Lat. bice „Kosename für ein Schaf“, biča, bidze, badze, bicainīte, bicis „ein kleines Lamm; ein Hammel (in der Kindersprache)“ (EM, I, 293; EH, I, 217, 218), plg. liet. bice „bur; ciba“ (Ylakiai, LKŽd., I, 657).
Lat. bika (Dim. bikiņš „Widderchen“), bikus „der Schafbock“ (EH, I, 218, 219); vgl. lett. bika „ein üblicher Zuruf an den Schafs- und Ziegenbock“.
Lat. buce „das Schaf“ (EH, I, 248). J. Endzelīns möchte es mit lit. būkas „stumpf“, lett. bukt „stumpf werden“, lit. būkė „Schaf“ verbinden. Uns scheint es jedoch zweckmäßiger, es mit einem Lautwort zu verbinden; vgl. lett. buc „Interj. butz, zur Bezeichnung des Tones, der beim Stossen mit den Hörnern der Ziegenböcke und Widder entsteht“, budž „eine an Schafe gerichtete Interjektion“, buč „Interj. beim Vertreiben“ (buč, aitiņ, EM, I, 344).
Lautwortlichen Ursprungs sind auch:
Lat. bēja „das Schaf (in der Kindersprache)“ (EH, I, 216), vgl. bē.
Lat. mēja „das Schaf (in der Kindersprache)“ (EH, I, 805), vgl. mē, mējināt „(ein Schaf) blöken lassen“.
Im Lettischen gibt es zahlreiche Schafbezeichnungen, die meist aufgrund der einen oder anderen Eigenschaft dieses Tieres entstanden sind:
Lat. amuls „ein weichwolliges Schaf“ (EH, I, 69), vgl. lett. amuols „Mistel (viscum album); der Klee“.
Lat. atpīlis „Herbstling, Spätling, spätgeborenes Junges, besonders von Lämmern, die im Herbst von Schafen geboren werden, welche bereits im selben Jahr ein Lamm geboren haben“, atpīlis, atpīlis, atpīlēns, atpīlītis „das kleinste Lamm“, atpīles „Schafe (oder Ziegen), die spät im Herbst Lämmer bekommen“ (EM, I, 181—2; EH, I, 158); vgl. lit. pilti, lett. pilt „tröpfeln“; zur Semantik vgl. russ. ото́рошыш „до срока мертворожденный“ (В. Даль, III, 711), выкидыш „изроньш, недоносок, младенец и вообще детеныш, рожденный настолько преждевременно, что жить не может“ (В. Даль, I, 292—3), dt. Wurf „Werfen; (Gebären von Jungen)“43.
Lat. atzīdīte „ein entwöhntes Lamm, Kalb“ (EM, I, 213), atzīdītis (EH, I, 182); vgl. lett. atzīdīt „(Tiere) entwöhnen“.
Lat. bakris „ein großer Schafbock“ (EM, I, 252). Als Quelle betrachtet J. Endzelīns dt. Bock (> liv. bokā), dessen Suffix sich unter dem Einfluss des lett. vepris „Eber“ verändert habe. Kürzlich hat jedoch offenbar P. Aristė eine überzeugende Etymologie des lett. bakris vorgelegt. Er betrachtet lett. bakris als Entlehnung aus dem Romanes bakró44 „Schafbock“.
Lat. belis „ein Schaf mit kurzen Ohren“ (EH, I, 212), plg. lat. belis „ein Hundename“.
41 EM, IV, p. 675.
42 J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 356.
43 EM, I, p. 182.
44 P. Aristė, Acta Baltico-Slavica, 3, p. 23.
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Page 21Lat. bene „ein Schaf mit kleinen Ohren, kurzen Beinen“ (EM, I, 279), benausis „ein Lamm mit kleinen, kurzen Ohren“ (EH, I, 212), plg. lat. bene „eine Knabenmütze, das Barett, die Kapuze“, plg. vid. vok. žem. benit „geschmückter Hut“.
Lett. billene „ein betäubtes Schaf“ (EH, I, 219), vgl. lett. billene „eine wollige Ziege“.
Lett. buks „ein Schafbock mit großen Hörnern“ (EH, I, 250), vgl. lett. buks „der Bock“ < mittelniederdeutsch buck.
Lat. cigurs „ein kleines Lamm“ (EH, I, 269), plg. lat. cigiņš „das Füllen“, cigus, ciga, cigulis (EM, I, 379), cigina „das Schwein (in der Kindersprache)“ (EH, I, 269), ciga „Lockruf für Füllen, für Pferde“.
Lett. cirka „ein Schaf mit lockiger Wolle“ (EH, I, 273), vgl. lett. cīrkas „Locken“, cīrstas.
Lett. cone „Widder“, vgl. lett. sonis < liv. sonn (EM, I, 397).
Lett. daplis „ein vorjähriges Lamm“ (EH, I, 307), dapelis „ein im Herbst geborenes Schaf“ (EM, I, 438) sollte eher aus der Form *dapilis hergeleitet werden, vgl. lett. atpīlis, uzpīlis.
Lett. geida „ein unbändiges Schaf“ (EH, I, 426), vgl. lett. geida „ein ausgelassenes, mutwilliges Mädchen“ (EM, I, 695).
Lat. kupe „ein Schaf mit einer kurzen Schnauze und mit kleinen, kurzen Ohren; ein hornloses Schaf“ (EM, II, 392; EH, I, 708), plg. lat. kup̄s nazis „ein Messer mit abgebrochener Spitze“, kup̄s „stumpf“ (EM, II, 319).
Lat. lāmma „ein grosses melkbares Schaf“, lamenica „ein Schaf mit langem Schwanz und langer Wolle“, plg. est. lammas „Schaf“ (EH, I, 718).
Lett. mikulis „der Schafbock“ (EM, II, 626), vgl. lett. mikāt „mit Fäusten schlagen; prügeln (nicht sehr ernst), grūstit“, lett. Mikus „Hengst“.
Lat. piuka „scherzweisse für Schafbock“ (EM, III, 229), plg. lat. piūka „ein kleiner, bunter Fisch, ein kleines Fischlein überhaupt“.
Lat. pūpalina „Kosename für Schafe“ (EH, II, 342), plg. lat. pūpuōls „das Weidenkätzchen; auch fem., als Kosewort gebraucht“.
Lat. ragana „ein Schaf mit Hörnern“ (EM, III, 464), plg. lat. rags „das Horn“.
Lett. rāmulīte „eine Bezeichnung für Schafe“ (EM, III, 496), vgl. lett. rāms „zahm, still“.
Lett. ruogulīte „Beiname des Schafes“ (EM, III, 578), vgl. lett. rags „das Horn“.
Lat. skrube „ein Schaf mit kurzen, gestutzten Ohren“ (EM, III, 898), plg. lat. skrubis „das krumme Messer zur Hohlschneiden“, skrubulis „ein krummes Messer zum Anfertigen von Holzlöffeln“.
Lat. skrule „ein Schimpfname für Schafe“ (EH, II, 513), plg. lat. skrule „ein Schimpfname für Menschen; ein Hundename; ein sich herumtreibendes Frauenzimmer“, lat. skrulēt „herumlaufen“.
Lett. soņķis < soņnis (EM, III, 980).
Lett. soņnis „ein Schafbock“ (EM, III, 980) < liv. sonn.
Lett. šķēlis „der Schafbock“ (EM, IV, 32; EH, II, 633) < mittelniederdeutsch schele „Beschäler“⁴⁵.
Lett. špidilka „ein störrisches, umherstreifendes Schaf“ (EH, II, 655), vgl. lett. špidilka „ein leichtsinniges Frauenzimmer“, spidelīgs „froh, fröhlich, heiter“.
45 J. Sehwers, Sprachlich-kulturhistorische Untersuchungen, Leipzig, 1936, p. 131.
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Page 22Lat. špullinš „ein Lamm“ (EH, II, 655), plg. lat. spulligs (?) „lustig, lebhaft, gewandt“, spulung'is „ein lebhafter, unbändiger Knabe, auch ein junger Ochs“.
Lett. uzpilis „ein einjähriges Lamm“, vgl. lett. atpilis, daplis.
Lett. vemelis (?) „ein unkas trierter Schafbock“ (EM, IV, 536) ist vielleicht mit lett. vembele „eine dicke, nicht große Frau; überhaupt ein Schimpfwort (z. B. auf Kühe bezogen)“ in Verbindung zu bringen, vgl. estn. vemmel (Ableitung vemble) „Knüttel“ (EM, IV, 536).
Lat. viēnmitis „das einzige Lamm eines Schafes“ (EM, IV, 661), plg. lat. mist „sich ernähren, leben, sich aufhalten“.
Lett. viēnžālis „ein Lamm, das allein bei der Mutter gesogen hat“ (EM, IV, 668), vgl. lett. zīst „saugen“.
Lett. vizbulina „Beiname des Schafes“ (EM, IV, 630), vgl. lett. vizbulis „das Windröschen (Anemone)“, lett. vizbulis „die Locke (?)“ (augat, mani gari mati, vizbuḷuos, EM, IV, 630).
Nach einem Überblick über die Schafbezeichnungen in den baltischen und slawischen Sprachen lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen. In diesen Sprachen ist die alte indogermanische Bezeichnung für das Schaf gut bewahrt; von dieser Bezeichnung leitet sich auch die nur den baltischen und slawischen Sprachen eigene Bezeichnung für den Widder ab. In den slawischen Sprachen finden wir alte Lammbezeichnungen zweierlei Herkunft, von denen eine wahrscheinlich mit der baltischen Lammbezeichnung übereinstimmt. Sowohl in den baltischen als auch in den slawischen Sprachen gibt es sehr viele jüngeren Ursprungs verschiedene Bezeichnungen für Schaf, Widder und Lamm. In anderen Sprachen hat die preußische Bezeichnung für das Schaf, die ebenfalls jüngeren Ursprungs ist, keine Verwandten.
ZIEGE
Ein sehr alter, wenn auch vielleicht nicht so beliebter Begleiter des Menschen wie andere Haustiere ist die Ziege. Die Hausziege (Capra hircus) stammt von wilden Ziegenarten ab, die auch heute noch in einigen Gebirgsgegenden Asiens, Europas und Afrikas leben1.
Als Haustier war die Ziege bereits vielen Völkern des alten Asiens, Europas und Afrikas bekannt. Ziegendarstellungen finden sich auf sumerischen Zeichnungen2. Verschiedene Völker nutzten Ziegen für Kultzwecke. So ist beispielsweise die Redewendung Sündenbock, die auf ein im Alten Testament (3. Mose 16) erwähntes Ritual der alten Juden zurückgeht, bei dem der Hohepriester seinem Volk die Sünden „auf den Ziegenbock legte“ und ihn in die Wüste zum Dämon Azazel trieb, auch heute noch in vielen Sprachen der Welt gebräuchlich.
In der „Odyssee“ wird erwähnt, dass Odysseus neben anderen Tieren auch zwölf Herden Ziegen besaß. Plinius der Ältere (23/24–79 n. Chr.) berichtet in seiner „Naturgeschichte“, die Gallier hätten aus Ziegentalg ausgezeichnete Seife hergestellt: „Nützlich ist auch die Seife; sie ist eine Erfindung der Gallier zum Rotfärben der Haare. Sie wird aus Talg und Asche hergestellt, am besten aus Buchen- und Ziegentalg. Es gibt zwei Arten: feste und flüssige. Beide Arten verwenden die Männer in Germanien häufiger als die Frauen“3.
1 C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, p. 203–209; O. Keller, Thiere des classischen Altertums in Culturg eschichtlicher Beziehung, Innsbruck, 1887, p. 37–52.
2 M. Hilzheimer, Haustier, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, p. 220; V. I. Avdijevas, Geschichte des Alten Orients, Vilnius, 1954, p. 39, 40, 43.
3 „Prodest et sapo, Gallorum hoc inventum rutilandis capillis. fit ex sebo et cinere, optimus fagino et caprino, duobus modis, spissus et liquidus, uterque apud Germanos maiore in usu viris quam feminis“, Hist. nat., XXVIII, 191, vgl. O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, II, p. 693.
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Page 23Spuren von Ziegen finden sich in den neolithischen Funden vieler europäischer Länder. In den Überresten der Pfahlbausiedlungen der Schweiz wurden sogar mehr Ziegenspuren als Schafspuren entdeckt4.
In den baltischen und slawischen Ländern ist die Ziege ebenfalls seit Langem ein bekanntes Haustier. Das belegen sowohl historische als auch sprachliche Daten5. Über eine größere wirtschaftliche Bedeutung dieses Tieres fehlen jedoch historische Belege. Eine sprachliche Tatsache würde allerdings darauf hindeuten, dass die Ziege in den slawischen Ländern in gewisser Hinsicht, nämlich wegen ihres Fells, ein geschätztes Tier war. Denn in vielen slawischen Sprachen wird eine Bezeichnung für „Haut“ verwendet (vgl. altslaw. koža, russ. кожа, ukr. кожа, weißruss. кожа, bulg. кожа, serb.-kroat. кожа, slow. koža, tschech. kůže, slowak. koža, poln. koža, obersorb. koža, niedersorb. koža), deren ursprüngliche Bedeutung „Ziegenfell“ gewesen sei; koža „Haut“ <.*koziję: koza „Ziege“6, ähnlich wie griech. φώ „Schaffell“: ὄϊς „Schaf“, Sanskrit ajñam „Haut“: ajáḥ „Ziegenbock“.
In den heutigen Gebieten Litauens und Lettlands finden sich Ziegenknochen bereits in den Funden neolithischer Siedlungen7. Unter den Knochen von Haustieren, die in den Funden der Burgberge von Nemenčinė, Migonys und Bačkininkėliai entdeckt wurden, machen Ziegenknochen einen recht beträchtlichen Anteil aus. Diese Funde werden dem 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. zugeordnet. Die baltischen Stämme verwendeten Ziegenböcke auch zu Kultzwecken8.
In einem Brief vom 24. Januar 1409 an den Ordensmeister beklagt sich der Großfürst von Litauen Vytautas, der Vogt von Samogitien habe den Aukštaiten verboten, im Gebiet von Samogitien „Honig, Pferde, Ziegen und Vieh zu kaufen“9. Insgesamt wird die Ziege in den alten historischen litauischen Dokumenten jedoch im Vergleich zu anderen Haustieren selten erwähnt10.
Sowohl in der litauischen als auch in der lettischen Folklore wird die Ziege überwiegend negativ gesehen11.
Eine solche Einstellung zur Ziege bestand offenbar auch bei den Indogermanen der Antike. A. Meillet behauptet anscheinend mit Recht, dass die Bezeichnungen für Ziege und Ziegenbock deshalb im Wortschatz der indogermanischen Sprachen nicht jene Einheitlichkeit aufweisen, die für die Bezeichnungen anderer Haustiere mehr oder weniger kennzeichnend ist12. Außerdem könnten die kultischen Funktionen dieses Tieres zur Vielfalt der Ziegenbezeichnungen beigetragen haben — mit diesen Funktionen waren verschiedene Tabus hinsichtlich der Erwähnung des Tiernamens verbunden13.
In den indogermanischen Sprachen lassen sich mehrere markante Areale von Ziegenbezeichnungen unterscheiden. Außerdem ist noch anzumerken, dass in manchen Sprachen eine Bezeichnung gleichen Ursprungs für Tiere beider Geschlechter verwendet wird, während in anderen, meist infolge relativ jüngerer Veränderungen
4 O. Schrader, ebenda, S. 692.
5 Л. Нидерле, Славянские древности, p. 320; W. Hensel, Die Slawen im frühen Mittelalter, Berlin, 1965, p. 77—79.
6 W. Hensel, ten pat, p. 380; A. Brückner, St. et., p. 263; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 589.
7 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, p. 79; Latvijas PSR vēsture, I, p. 11.
8 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, ten pat, p. 252—253; A. Kamiński, Jaćwież, Łódź, 1953, p. 126—127; K. Паавер, Формирование териофауны и изменчивость млекопитающих Прибалтики в голоцене, p. 368.
9 Lietuvos TSR istorijos šaltiniai, I, Vilnius, 1955, p. 64.
10 Ebenda, S. 575.
11 EM, II, S. 182—183; K. Straubergs, Latviešu buramie vārdi, II, Rīga, 1941, S. 799 (Register); Patarlės ir priežodžiai, Vilnius, 1958, S. 468 (Register); Lietuvių tautosakos apybraiža, Hrsg. K. Korsakas, Vilnius, 1963, S. 373; Latviešu sakāmvārdi un parunas, zus.gest. E. Kokare, Rīga, S. 324, 330 (Register).
12 A. Meillet, Wstęp do językoznawstwa indoeuropejskiego, Warszawa, 1958, p. 327.
13 H. Kronasser, Handbuch der Semasiologie, Heidelberg, 1952, p. 172.
123
Page 24Aufgrund von Veränderungen werden die Bezeichnungen für Weibchen und Männchen unterschieden; für sie werden Wörter völlig unterschiedlicher Herkunft verwendet.
In den slawischen Sprachen ist eine Ziegenbezeichnung verbreitet, deren Herkunft und Verhältnis zu den Ziegenbezeichnungen anderer idg. Sprachen bislang sehr unklar sind. Tatsächlich gibt es mehrere offenbar recht gut begründete Erklärungen, doch widersprechen sie einander meist. Eines ist klar: Diese Bezeichnung ist bereits urslawisch. Urs lawisch sind auch die daraus abgeleiteten Bezeichnungen für Zicklein und Ziegenbock, vgl. altkirchenslaw. koza „Ziege“, russ. коза „Ziege“, козёл „Ziegenbock“, козлёнок „Zicklein“ u. a.14
Diese slawische Ziegenbezeichnung gelangte auch ins Lettische, vgl. lett. kaza, wo sie den alten baltischen lettischen Ziegennamen verdrängte, der lit. ožką und altpr. wosee entspricht. Ihre Verbreitung im Lettischen könnte dadurch begünstigt worden sein, dass die Bezeichnungen für Männchen und Weibchen anderer Haustiere überwiegend Wörter mit unterschiedlichen Wurzeln sind. So trat im Lettischen neben die baltische Bezeichnung für den Ziegenbock āzis die slawischen Ursprungs kaza für die Ziege und verdrängte das baltische *āz(k)a oder *āze vollständig.
Neben der Form kaza finden wir im Lettischen auch kazlēns „Zicklein; kleine Ziege“, kazlēniņš, kazelēns, kazulis „Zicklein“, kazulēns, kazuls, kaza „Ziege“, kazla (EM, II, 183—4; EH, I, 597). Formen wie kazuls, kazla stammen wahrscheinlich aus russ. козёл „Ziegenbock“, während die übrigen bereits im Lettischen aus der Form kaza entstanden sind.
Im Litauischen kommt die Form kaza fast nicht vor. Allerdings findet sich eine solche Form im Wörterbuch von M. Miežinis. M. Miežinis dürfte sie jedoch aus dem Lettischen übernommen haben (LKŽd., V, 458). Manchmal wird eine solche Ziegenbezeichnung auch halb scherzhaft in einigen litauischen Dialekten im Grenzgebiet zu Lettland verwendet.
Wie erwähnt, gibt es für slaw. kaza verschiedene Erklärungen. H. Petersson verband es, ausgehend von der sehr unzuverlässigen semantischen Parallele idg. *ghaid- „Ziege“: skr. jihīte „springt, hüpft auf“, slaw. koza, als „springendes Tier“, mit lit. kėžoti „gehen und dabei die Beine seitwärts werfen; breitbeinig gehen“, lit. kėža „Bein, Wade, Fuß“¹⁵. H. Peterssons Herleitung ist jedoch völlig unbegründet, denn die genannten litauischen Wörter sind zweifellos jüngeren Ursprungs, und ihre ursprüngliche Bedeutung lässt sich nicht mit dem Gehen oder Springen verbinden.
Man hat versucht, slaw. koza mit anderen idg. Ziegenbezeichnungen in Verbindung zu bringen. Einige Sprachwissenschaftler (K. Uhlenbeck, E. Zupitza) verbanden skr. chūgah „Ziegenbock“ mit der slawischen Ziegenbezeichnung. Doch skr. chāgah, vgl. auch skr. chāgā „Ziege“, chagalāḥ „Ziegenbock“, osset. sāy „Ziege“, ist ein Wort unklarer Herkunft; zudem stößt seine Verbindung mit der slawischen Ziegenbezeichnung auf lautliche Schwierigkeiten¹⁶.
Sehr zweifelhaft ist, obwohl die These zahlreiche Anhänger hat, die Verbindung von slaw. koza – bei Rekonstruktion der idg. Grundform *kog(a) – mit alb. kedh „Zicklein“, altengl. hæcen und altnord. hōhen¹⁷.
Noch weiter geht V. Georgiev¹⁸. Er rekonstruiert die idg. Grundformen *(s)kag-, *(s)kōg’, *(s)kēg- und verbindet miteinander nicht nur slaw. koza und alb. kedh, sondern auch das zuvor erwähnte skr. chāgah sowie die thrakischen Eigennamen Κοζας, Κοζείλας u. a. Auch dieser Versuch ist höchst hypothetisch.
14 О. Н. Трубачев, Происхождение…, p. 86; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 589—590.
15 H. Petersson, IF, 35, p. 272.
16 M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 406; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 589; O. Н. Трубачев, Происхождение…, p. 86.
17 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 589; H. Pedersen, KZ, 36, p. 335; O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, III, p. 692.
18 В. Георгиев, Исследования по сравнительно-историческому языкознанию, p. 121.
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Page 25Es scheint uns, dass die Versuche erfolgreicher sind, slaw. koza mit einer anderen indogermanischen Ziegenbezeichnung in Verbindung zu bringen, nämlich skr. ajāḥ „Ziegenbock“, ajā „Ziege“, lit. ožys, ožka usw. E. Brückner19 neigt dazu, in der slawischen Ziegenbezeichnung eine Metathese zu sehen (koza < *ozka). E. Brückners Annahme wird jedoch dadurch erschwert, dass wir eine Ziegenbezeichnung mit dem Formans -k- nur im Litauischen finden — andere baltische und überhaupt indogermanische Sprachen, die Ziegenbezeichnungen dieser Herkunft besitzen, haben darin kein Formans -k-. Das Formans -k- im litauischen Wort ist daher wahrscheinlich eine jüngere Bildung.
A. Meillet20 nahm unter Berufung auf slaw. kostb „Knochen“: skr. ásthi „Knochen, Bein“, gr. ὀστέον an, das k- in der slawischen Ziegenbezeichnung sei ein Zusatz. Dieser Auffassung war auch V. Machek21. A. Meillets Erklärung wäre an sich sehr überzeugend, doch zu ihrer Bestätigung fehlen weitere ähnliche Fälle einer Konsonantenzufügung (das Verhältnis von skr. áśru, lit. ašara zu gr. δάκρυ, air. dér ist sehr unklar22), abgesehen natürlich von i, u, die sowohl im Slawischen als auch im Baltischen häufig hinzugefügt werden. Jedenfalls ist den slawischen Sprachen die Tendenz eigen, Wörter mit einem Konsonanten zu beginnen. Außerdem könnte hier auch ein Tabu eine Rolle gespielt haben. Dass es in den slawischen Sprachen früher eine Ziegenbezeichnung gegeben hat, die unmittelbar skr. aja entspricht, zeigen alt-russ. язъно „Leder“, язънарь „Gerber, Kürschner“, язъненъ „aus Leder“23 (zur Bedeutung vgl. av. izaēna „aus Leder“: gr. αἴξ „Ziege“, skr. ajīnam „Leder“: skr. ajāḥ „Ziegenbock“, slaw. koža „Leder“: slaw. koza „Ziege“), und vielleicht auch russ. язь „eine Fischart, Idus melanotus, Cyprinus rutilus“, das, wie wir später sehen werden, mit skr. ajā usw. in Verbindung zu bringen versucht wird.
Mit der Ziegenbezeichnung dieser Wurzel hängt auch der linke Nebenfluss des Dnepr Ажовка zusammen. Für diese Verbindung spricht besonders der Umstand, dass sich nahe diesem Fluss ein weiterer Fluss, Козелинка, befindet. Russ. Ажовка ist jedoch wahrscheinlich ein Baltismus und kein Relikt der alten slawischen Ziegenbezeichnung24.
Es gibt die Auffassung, dass slaw. koza ein Lehnwort aus den östlichen Sprachen ist. In jüngster Zeit versucht O. Trubačëv25, diese Auffassung mit neuen Argumenten zu begründen. Er schließt sich dem bereits von F. Korsch vorgebrachten Gedanken an, dass slaw. koza aus türk. kaza stammen könnte (vgl. türk. keči, kasan-tatar. kājā, bašк. kāžā), und nimmt an, dass auch lit. ožkà, skr. ajā usw. türkischen Ursprungs sein könnten, da es in den Turksprachen neben den eben genannten Ziegenbezeichnungen mit k- auch Bezeichnungen ohne anlautendes k- gibt, die indogermanischen Ziegenbezeichnungen erstaunlich ähneln, insbesondere der litauischen; vgl. uigur. äčкü, öčkä, usbek. äčкi, kasach. äśкі, kirgis. äčкі, karaim. äčкі. Uns scheint, dass die schwache Seite von O. Trubačëvs Hypothese darin liegt, dass er das -k- in der litauischen Ziegenbezeichnung für sehr alt hält. O. Trubačëv stellt lit. ožkà skr. ajikā und mittelpers. azak zur Seite. Die Formantien -k- in diesen Wörtern sind jedoch zweifellos unabhängig voneinander entstanden.
19 A. Brückner, Sl. et., p. 262.
20 A. Meillet, Études sur l’étymologie et le vocabulaire du vieux slave, Paris, 1902–1905, p. 246; A. Meje, Общеславянский язык, Москва, 1951, p. 396.
21 V. Machek, Et. sl., p. 229–230.
22 J. Zubatý, BB, 18, p. 159–160; J. Pokorny, Et. Wb., p. 23, 179; M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 61.
23 И. И. Срезневский, Материалы для словаря древнерусского языка, III, Петербург, 1912, p. 1650; M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 485; J. Zubatý, AfslPh, 16, p. 396.
24 В. Н. Топоров и О. Н. Трубачев, Лингвистический анализ гидронимов Верхнего Поднепровья, Москва, 1962, p. 175.
25 О. Н. Трубачев, Происхождение..., 87–89.
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Page 26Im Sanskrit sind ajikā, ajakā Verkleinerungsformen des Wortes ajá „Ziege“; im Litauischen muss, wie die prußischen Belege zeigen, das -k- des Wortes ožkà -k- bereits auf litauischem Sprachboden entstanden sein. E. Fraenkel neigt zu der Auffassung, dass -k- hier ein Bewegung bezeichnendes Suffix ist26. Dass lit. ožkà aus der Form ožikā hervorgegangen sei, wie einige Forscher vermuten27, ist schwer zu glauben28. Daher dürfte es dennoch am plausibelsten sein, skr. ajā, lit. ožkà und ihre weiteren Verwandten als alte indogermanische Ziegenbezeichnungen anzusehen, die für die ostindogermanischen Sprachen charakteristisch sind.
Diese Bezeichnungen sind in den indogermanischen Sprachen recht weit verbreitet; vgl. skr. ajáḥ „Ziegenbock“, ajā „Ziege“, mittelpers. azak „Ziege“, neupers. azg, alb. dhi „Ziege“ (man vermutet, dass es auf *adhi zurückgeht, wie sy „Auge“ < asii29), lit. ožys, ožkà, pruß. wosee „Ziege“, wosux „Ziegenbock“, lat. āzis „Ziegenbock“. Wir haben bereits auf Spuren dieser Ziegenbezeichnung in den slawischen Sprachen hingewiesen. O. Haas neigt dazu, Spuren einer solchen indogermanischen Ziegenbezeichnung auch im griechischen Sprachraum zu finden: Die Inschrift Zeus Aseis auf einer phrygischen Münze übersetzt er mit „Gott des Ziegenbocks“30; außerdem erklärt er die ursprüngliche Bedeutung von gr. ἀσκός „Gefäß“ als „Gefäß aus Ziegenhaut“31. Diese Ziegenbezeichnung findet sich wahrscheinlich auch im Tocharischen; vgl. toch. A ās „Ziege“, toch. B asiye „Ziegen, ziegenartig“. Sie dürfte jedoch aus einem iranischen Dialekt ins Tocharische gelangt sein32. Mit dieser indogermanischen Ziegenbezeichnung versucht man auch, einen slawischen Fischnamen in Verbindung zu bringen: russ. язь „ein solcher Fisch, Idus melanotus, Cyprinus rutilus“, poln. jaź „Leuciscus idus“, tschech. jazek, obersorb. jazyca, niedersorb. jaz, jazk. A. Janzén33, der als Erster eine solche Etymologie vorgeschlagen hat, stützt sich auf die Tatsache, dass diese Fischart im Deutschen Ziege „Ziege“ genannt wird: wegen der eigentümlichen Barteln des Fisches; vgl. dt. Bartkarpfen. Auch andere Sprachwissenschaftler neigen dazu, A. Janzéns Etymologie zuzustimmen34. In den litauischen Mundarten Ostpreußens und des Memellands wird ožkà ebenfalls mit der Bedeutung des genannten Fisches verwendet; hier handelt es sich jedoch wahrscheinlich um eine Lehnübersetzung aus dem Deutschen.
Lit. ožys und andere indogermanische Ziegenbezeichnungen dieser Wurzel werden gelegentlich mit skr. ájati „treibt“ und gr. ἄγω „ich treibe“ u. a. in Verbindung gebracht.35 Eine solche Verbindung lässt sich jedoch nur schwer nachweisen.
Im Litauischen, wie wir sehen, ist die alte Bezeichnung sowohl für das männliche als auch für das weibliche Tier gut erhalten. Von den Wörtern ožys, ožkà werden auch verschiedene Bezeichnungen für die Jungtiere gebildet: ožiukas, ožkiukas u. a. Somit ist die Ziege im Litauischen das einzige Haustier, dessen Bezeichnung keinen charakteristischen Suppletivismus aufweist; vgl. Schaf — Widder — Lämmchen, Pferd — Stute — Hengst — Fohlen, Kuh — Stier — Kälbchen — Kalb usw. Suppletivismus ist auch für die slawische Ziegenbezeichnung nicht charakteristisch. O. Trubačov36 führt diesen Umstand als Argument dafür an, dass das slawische koza ein Lehnwort sein könnte. Gewiss hebt dieser Umstand die Ziegenbezeichnung gleichsam von den Bezeichnungen anderer Haustiere ab, doch ist er kein Argument, das für ihr hohes Alter oder ihre spätere Entstehung spricht.
26 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 519; Glotta, 34, p. 307.
27 R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 22.
28 Pr. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 122.
29 J. Pokorny, Et. Wb., p. 7; H. Pedersen, KZ, 36, p. 320, 335.
30 O. Haas, Lingua Posnaniensis, 3, p. 87.
31 O. Haas, Lingua Posnaniensis, 7, p. 74.
32 A. J. Van Windekens, Orbis, XII, 2, p. 590—591.
33 A. Janzén, ZfslPh, 18, p. 29—32.
34 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 486; V. Machek, Et. sl., p. 172; F. Sławski, Sl. et., I, p. 532—533; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 519.
35 C. D. Buck, Dict., p. 165.
36 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 89.
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Page 27Aus den Wörtern ožys, ožka sind im Litauischen sehr viele Orts- und Gewässernamen gebildet worden37.
Lat. āzis findet sich ebenfalls in vielen lettischen Orts- und Gewässernamen38. Bezeichnenderweise gibt es in der lettischen Toponymie überhaupt keine Spur der alten baltischen Bezeichnung für die Ziege (: lit. ožka, pruß. wosee), während zahlreiche Toponyme aus dem slawischen Lehnwort kaza39 hervorgegangen sind. Dieser Umstand würde dafür sprechen, dass die slawische Ziegenbezeichnung schon sehr früh ins Lettische gelangte.
Diese idg. Ziegenbezeichnung ist im Altpreußischen gut bewahrt. Neben den bereits erwähnten pruß. wosee (Wort 676 des Elbinger Vokabulars), wosux (Wort 675 des Elbinger Vokabulars — Wosux Bok)40 finden sich in den altpreußischen Sprachdenkmälern noch weitere Belege, die die Echtheit der Formen dieser Ziegenbezeichnung bestätigen. Zunächst ist dies Wort 677 des Elbinger Vokabulars Wolis-tian Zickel, das zweifellos zu Wosistian („Zicklein“)41 zu berichtigen ist. Im Elbinger Vokabular findet sich auch das Wort Wosigrabis Spilbōm (Wort 611)42. Dass der erste Bestandteil dieses Wortes untrennbar mit der altpreußischen Ziegenbezeichnung verbunden ist, zeigt lit. ožėkšnis, das in der Bedeutung von dt. Spindelbaum verwendet wird. Der zweite Bestandteil des altpreußischen Wortes, -grabis, ist mit russ. гра́б „Hainbuche“43 zu verbinden.
Deutliche Spuren dieser Ziegenbezeichnung finden sich auch in der altpreußischen Toponymie: Wō-sebirgo, Wosispile (< pruß. wosee + vgl. lit. pilis), Wozekaym (< pruß. wosee + pruß. caymis „Dorf“), Wozie44.
Der Zusammenhang dieser Ortsnamen mit der Ziegenbezeichnung ist unzweifelhaft. Zum Ortsnamen Wosepille gibt es sogar ein deutsches Gegenstück, Ciginburg.
Mit der altpreußischen Ziegenbezeichnung ließe sich auch der von J. Gerullis anders erklärte Ortsname aus Urkunden des Jahres 1374, Woselowken45, verbinden.
Auch die zweiten Bestandteile der genannten altpreußischen Ortsnamen sind im Übrigen klar: pruß. *pilis (: lit. pilis, lett. pils), pruß. caymis „Dorf“, pruß. laucks „Feld, Ackerland“. Unklar ist lediglich der Bestandteil -birgo, -birge. Die bisherigen Deutungen — Verbindung mit lit. brìgis „Fußboden im Pferdestall“, tschech. brh „Höhle, Grotte“46 — sind sehr unglaubwürdig. Ist hier vielleicht dt. -burg falsch wiedergegeben? Dann wäre Wosebirge lediglich eine „eingedeutschte“ Variante von pruß. Wosepille.
Die altpreußische Ziegenbezeichnung weist überall ein zusätzliches v- auf, das manchmal auch in Dialekten im entsprechenden litauischen Wort vorkommt. In den altpreußischen Belegen finden wir jedoch nirgends das für die litauische Ziegenbezeichnung typische -k- (ožkà).
Auch die ostseefinnischen Sprachen entlehnten die baltische Ziegenbezeichnung; vgl. finn. vuohi, estn. voho u. a.
37 Lietuvos TSR administracinis-teritorinis suskirstymas, Vilnius, 1959, p. 839—840; Lietuvos TSR upių ir ežerų vardynas, Vilnius, 1963, p. 112—113.
38 J. Endzelīns, Latvijas PSR vietvārdi, I, 1, Rīgā, 1956, p. 72—73.
39 J. Endzelīns, ten pat, I, 2, Rīgā, 1961, p. 72—76.
40 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92; Prūsų kalbos paminklai, p. 73.
41 R. Trautmann, ten pat, p. 92.
42 R. Trautmann, ten pat, p. 91; Prūsų kalbos paminklai, p. 71.
43 R. Trautmann, ten pat, p. 466; R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 94; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, 277; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 301.
44 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 208, 209, 234.
45 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 211; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 277.
46 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 208.
127
Page 28Im Litauischen wird die lautmalerische Ziegenbezeichnung cibà sehr häufig gebraucht; sie hat meist einen Kose- oder spöttischen Beiklang. Vgl. auch cibė, cibkė, cibaragė, cibūkas „Zicklein“, cibūtis, ciubė „Ziege“ (LKŽd., II, 9, 10, 11). Diese Wörter lassen sich nicht von den lautmalerischen Rufen trennen, mit denen Ziegen gerufen oder getrieben werden, z. B.: cibà - cibà, cibė - cibė, cibū - cibū, cib - cib, ciubà - ciubà, zum Treiben z. B.: cibiks, cibikš, cibekšt. Solche lautmalerischen Rufe sind nahezu im gesamten Gebiet Litauens gebräuchlich.
Den lautmalerischen Ruf cibà sowie auch die daraus entstandenen Ziegenbezeichnungen halten manche für Germanismen47, da die niederdeutschen Deutschen das Wort zibbe in den Bedeutungen „Schaf“, „Ziege“, „Hündin“, „Häsin“ verwenden48; vgl. ostpreußisch-deutsch Zibbe „Mutterschaf“49. Tatsächlich werden Wörter ähnlicher Herkunft sehr häufig von Nachbarn entlehnt. Die Ziegenbezeichnung und zugleich der erwähnte lautmalerische Ruf könnten jedoch auch unabhängig davon im Litauischen selbst entstanden sein. Ein solcher Ruf zum Herbeirufen verschiedener Haustiere und Vögel sowie die aus ihm entstandenen Bezeichnungen dieser Tiere und Vögel sind in vielen Sprachen gebräuchlich; vgl. lett. cib - cib, cibu - cibu, cibū - cibū „Ruf zum Herbeirufen von Küken“, lett. ciba „Huhn (in der Kindersprache)“, cibe, cibina, cibuks „Küken“ (EM, I, 378, 379; EH, I, 269), tschech. cip - cip „Ruf zum Herbeirufen von Hühnern, Gänsen und Ziegen“, cibi - cibi, cib - cib, ci - ci, cic - cic, tschech. cibuška „liebevolle Gänsebezeichnung“, cibunka, cibenka, ciba „Huhn“, slowak. cipa „Huhn“, cipka, ciperka, cipūška, cipulienka50, bayrisch zib - zib „Ruf zum Herbeirufen von Hausgeflügel“51, litauisch čip - čip, čipà „Ruf zum Herbeirufen von Küken“ (LKŽd., II, 23).
Eine lautmalerisch entstandene Ziegenbezeichnung mit ähnlicher Lautstruktur ist im Alpen-Karpaten-Raum weit verbreitet; vgl. ukrain. цап, tschech. cap, slowak. cap, poln. cap, rum. țap, alb. cjap, ital. tsappo, krimgot. stap52
Lautmalerischen Ursprungs ist auch lett. kizikis „eine Ziege (geringschätzig und scherzweise)“ (EH, I, 607); vgl. kiz, kiza, kize (EM, II, 387).
In den lettischen Dialekten ist eine deutschstämmige Ziegenbezeichnung recht weit verbreitet; vgl. lett. buks „der Bock, das Männchen mancher Vierfüssler“, bucis, bucēns „ein junger Ziegenbock“, bucēns, bucins, buciņš, bucītis, bukelis (EM, I, 344, 346–7; EH, I, 248, 250), bucīte „die Ziege“ (EH, I, 248). Quelle dieser Bezeichnungen ist niederdeutsch buck „Bock“53. Eine Ziegenbezeichnung mit dieser Wurzel ist in den indogermanischen Sprachen recht weit verbreitet, doch ihre Herkunft ist unklar54.
Das Wort būkas „Wildziege (männliches Reh)“ (LKŽd., I, 930) ist auch im Litauischen belegt. Die Verbreitung des litauischen Wortes deutet darauf hin, dass es über das Lettische ins Litauische gelangte.
Wie wir sehen, haben alle drei baltischen Sprachen die alte indogermanische Ziegenbezeichnung bewahrt. Die lettische Sprache hat die Ziegenbezeichnung dieser Wurzel nicht bewahrt; an ihre Stelle trat ein Lehnwort aus dem Slavischen. Das Verhältnis der slawischen Ziegenbezeichnung zu den in den baltischen Sprachen bewahrten indogermanischen Bezeichnungen ist eine sehr komplexe Frage. Möglicherweise sind es Wörter gleicher Herkunft, wobei sich die slawische Bezeichnung lautgesetzlich verändert hat.
47 LKŽd., II, p. 9.
48 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 69.
49 H. Frischbier, Preussisches Wörterbuch, II, Berlin, 1883, p. 492.
50 V. Machek, Et. sl., p. 57–58.
51 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 69.
52 V. Machek, Et. sl., p. 54; M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 281; C. D. Buck, Dict., p. 165; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 89.
53 J. Sehwers, Sprachlich - kulturhistorische Untersuchungen, p. 20.
54 J. Pokorny, Et. Wb., p. 174; F. Kluge, Et. Wb., p. 87.
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Page 29GROSSVIEH
Die Domestikationsgeschichte des Großviehs ist, wie die vieler anderer Haustiere, sehr kompliziert. Es wird angenommen, dass die in Europa am weitesten verbreiteten Rinderrassen vom Auerochsen (Bos primigenius) abstammen, von dem es hier, wie archäologische Funde und verschiedene schriftliche Quellen belegen, noch in vergleichsweise jüngerer Zeit ziemlich viele gab. Besonders zahlreich waren die Auerochsen in den Gebieten Polens sowie Litauens und Lettlands. In Polen starben die Auerochsen endgültig erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus (das letzte Auerochsenweibchen verendete 1627). Als Zentrum der Domestikation des europäischen Großviehs gilt das Gebiet zwischen den Küsten des Mittelmeers und Indien. Der Domestikationsprozess dauerte zweifellos sehr lange; möglicherweise begann er bereits im 6. Jahrtausend v. u. Z. und dauerte bis ins 2. Jahrtausend v. u. Z.1
Viele Völker des Altertums hielten Großvieh zu verschiedenen Zwecken. Zeichnungen zeigen, dass die Sumerer schon seit alters her Großvieh hielten. In ihrer Schrift wurde das Wort „Stier“ gewöhnlich als lineare Zeichnung eines Stierkopfes wiedergegeben2. Die schematische Zeichnung eines Stierkopfes, die später von verschiedenen Völkern abgewandelt wurde, wurde zum ersten Zeichen vieler Alphabete; der hebräische Name des Stiers aleph wurde zur Bezeichnung dieses Zeichens – griechisch alfa.
Schon vor der Zeit der Pharaonen wurde in Ägypten Großvieh gehalten. Der Stier spielte auch in der Religion der alten Ägypter eine sehr wichtige Rolle3.
Schon sehr früh wurde Großvieh auch im alten China gehalten. Stiere und Kühe wurden in China weithin für Kultzwecke verwendet. Überliefert ist, dass bei feierlichen religiösen Zeremonien den Göttern mitunter 40 Stiere geopfert wurden; in einer Inschrift heißt es, dass auf einmal 300 Kühe geopfert wurden. Der König selbst besichtigte bisweilen die für die Opferung bestimmten Stiere4.
Auch die Kuh spielte in der Religion der alten Inder eine sehr wichtige Rolle. In der ältesten religiösen Dichtung werden die indischen Götter und Göttinnen meist mit Stieren und Kühen verglichen. Von der Beliebtheit und Bedeutung des Großviehs zeugt auch eindrucksvoll die Tatsache, dass beispielsweise das altindische Wort gāviṣṭiḥ „Kampf, Verlangen“ (< gāuḥ „Kuh, Rind“ + eṣati „sucht“) ursprünglich die Bedeutung „Verlangen, Kühe zu erwerben“ hatte5.
Knochen von Großvieh finden sich auch in archäologischen Funden aus der Jungsteinzeit an zahlreichen Orten Europas. Für die indoeuropäischen Völker war Großvieh, besonders Kühe, das wichtigste Wert- und Tauschmaß. Der Kaufpreis für Menschen wurde in Rindern berechnet. Im „Avesta“ wird berichtet, dass mit Rindern das Honorar gezahlt wurde-
1 C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, S. 116–168; E. A. Богданов, Происхождение домашних животных, Москва, 1937, S. 110–167; O. Keller, Tiere des classischen Altertums, S. 57–62; K. Пававер, Формирование тернофауны и изменчивость млекопитающих Прибалтики в голоцене, S. 307–340; K. Paaver und P. Kulikauskas, Acta Baltico-Slavica, 2, S. 264–265.
2 M. Hilzheimer, Haustier, – M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, p. 219; V. I. Avdijevas, Senovės rytų istorija, p. 95; Д. Дирингер, Алфавит, Москва, 1963, p. 64.
3 C. Keller, ten pat, p. 119–121; M. Hilzheimer, ten pat, p. 219; V. I. Avdijevas, ten pat, p. 171.
4 V. I. Avdijevas, ten pat, p. 576, 582.
5 C. Keller, ten pat, p. 123; V. I. Avdijevas, ten pat, p. 543–544; M. Mayrhofer, Et. Wb., p. I, 331.
9. Baltų ir slavų kalbų ryšiai
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Page 30… für Ärzte und Geistliche. Die alten Iren sollen Geldstrafen, Bußgelder und dergleichen mit Kühen bezahlt haben.6
Sowohl archäologische Funde als auch verschiedene schriftliche Dokumente zeigen, dass Großrinder auch in den slawischen Gebieten weit verbreitete Haustiere waren. Ochsen bildeten im Wirtschaftsleben die wichtigste Zugkraft7.
In Siedlungen auf dem Gebiet Litauens, die auf den Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. datiert werden, findet man mehr Knochen von Großrindern als von anderen Haustieren. Auch in den Funden aus späteren Zeiträumen, zum Beispiel aus dem 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr., von den Burgbergen Nemenčinė, Migonys, Dovainonys und Bačkininkėliai machen die Knochen von Großrindern unter den gefundenen Haustierknochen den größten Anteil aus8.
Spuren von Großrindern finden sich in Funden aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. auch auf dem Gebiet des heutigen Lettlands9.
Großrinder, besonders Ochsen, werden auch in verschiedenen Quellen zur Geschichte Litauens häufig erwähnt10.
Die alte indoeuropäische Bezeichnung für das Großrind, die auf die Urform *guou- zurückgeführt wird, ist in vielen idg. Sprachen gut erhalten, vgl.: skr. gauḥ „Rind“, av. gauš, att. gr. βοῦς „Rind, Kuh“, lat. bōs, -vis „Ochse, Stier, Kuh“, ahd. chuo „Kuh“, arm. kov, air. bō, toch. A ko, toch. B kau, altruss. говядо „Ochse“, lett. gūovs „Kuh“11.
Die ursprüngliche Bedeutung von idg. *guou- ist recht unklar. Einige Forscher halten diese idg. Bezeichnung für das Großrind für ein Lehnwort aus nichtindoeuropäischen Sprachen, andere versuchen, ihre Herkunft anhand indoeuropäischen Sprachmaterials zu erklären. Erstere verbinden idg. *guou- mit sumerisch gu (ältere Form gud) „Rind, Stier“, chinesisch ngú, tibetisch go-lang „Stier“ und ketisch (jenissei-ostjakisch) kuos „Rind“. So meint beispielsweise G. Ipsen, die Indoeuropäer hätten die Bezeichnung für das Rind als Kulttier um etwa 3000 v. Chr. von den Sumerern übernommen.12 Die anderen verbinden idg. *guou- mit gr. βόσκω „ich weide, füttere“, βοσκή „Futter, Weide“, βοτόν „Hirte“ und lit. gaujà, gùiti, guotas „Herde, Gruppe“13. O. Trubačiovas schließt sich dieser Erklärung der Herkunft von idg. *guou- teilweise an und meint, sowohl die Bezeichnung für das Rind als auch die eben genannten Wörter seien Ergebnisse der Entwicklung von idg. *gue-/*guo- „gehen“ (vgl. got. giman, gr. βαίνω, lat. venio, heth. wem-). Demnach wäre die ursprüngliche Bedeutung von idg. *guou- „(Herde), die umherzieht“, vgl. semantisch ähnlich entstandene Wörter mit vergleichbarer Bedeutung: gr. πρόβατα, isl. gandandi fē14. M. Budimir versuchte, idg. *guou- mit idg. *gueā „biegen“ zu verbinden, wobei er sich hauptsächlich auf die Tatsache stützte, dass bestimmte Rassen wild lebender Großrinder durch … gekennzeichnet sind
6 O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, I, p. 161—162, 255, 371—372; C. Keller, ten pat, p. 123.
7 Л. Нидерле, Славянские древности, p. 320; W. Hensel, Die Slawen im frühen Mittelalter, p. 85—91.
8 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, p. 79, 252—253; K. Паавер, ten pat, p. 368, 371; K. Paaver i P. Kulikauskas, ten pat, p. 268.
9 Latvijas PSR vēsture, I, p. 11; K. Паавер, ten pat, p. 367—370.
10 Lietuvos TSR istorijos šaltiniai, I, p. 575.
11 J. Pokorny, Et. Wb., p. 482—483.
12 G. Ipsen, IF, 41, p. 175—177; H. Wagner, KZ, 75, p. 58—75; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 38; J. Pokorny, Et. Wb., p. 483.
13 J. Pokorny, Et. Wb., p. 483.
14 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 39.
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Page 31die hervorgetretenen Höcker¹⁵. A. Brückner brachte diese indogermanische Bezeichnung für das Rind mit skr. gu „cacare“, gūhah „Dung, Exkremente“, poln. gówno¹⁶ in Verbindung. Wenn man von der indogermanischen Herkunft *gʷou- ausgeht, ist ihre Verbindung mit idg. *gʷe-/*gʷo- „gehen“ vielleicht am plausibelsten. Semantisch wäre es jedoch unseres Erachtens besser, diesen Tiernamen nicht als „gehend“, sondern als „geboren“ zu deuten. Eine solche Deutung würde durch lit. kėltuva „Rind“ gestützt: lit. kė́lti, kilti, kiltis; gr. πόρτις „Kalb, junge Kuh“, arm. ort „Kalb“, osset. firton „Rind“: lit. perėti, lat. pario, -ere „gebären“¹⁷.
Idg. *gʷou- ist mit dem nur für die slavischen Sprachen charakteristischen neuen Suffix -ed- in allen slavischen Sprachen erhalten geblieben. In einigen Sprachen werden Wörter dieser Wurzel allerdings nicht mehr in der Bedeutung „großes Hornvieh“ gebraucht, sondern sind nur noch in der Bezeichnung für das Fleisch des genannten Tieres erhalten, vgl.: kirchenslaw. goveždb „Rind“, altruss. говядо „Stier“, russ. говядина „Rindfleisch“, ukrain. гов’ядина, weißruss. гаўяда „Rind“, bulg. говедо, serb.-kroat. говедо „Stier“, slowen. govẹdo „Rind“, tschech. hovado, slowak. hovado, poln. owiezina „Rindfleisch“, obersorb. howjado „Rind“, niedersorb. gowedo¹⁸.
Die alte indogermanische Bezeichnung für das Rind ist wahrscheinlich auch in einem anderen slavischen Kompositum erhalten geblieben — kirchenslaw. gumъno „Scheune“, russ. гумно, tschech. humno u. a. < *gu- „Rind“ + *meti „treten“, russ. мять. Demnach war die ursprüngliche Bedeutung von gumъno „ein Ort, an dem Rinder (den Boden) treten“¹⁹.
Einige Forscher vermuten Spuren der alten Bezeichnung für das Rind auch im Slavischen: russ. говно „Dung, Exkremente“, tschech. hovno u. a. Demnach wäre die ursprüngliche Bedeutung von russ. говно „Rinderdung“²⁰. Das erwähnte slavische Wort hat jedoch auch eine andere, recht zuverlässige Etymologie: Es wird mit skr. gūthah „Exkremente“²¹ in Verbindung gebracht. A. Brückner brachte, wie bereits erwähnt, auch die hier untersuchte indogermanische Rindbezeichnung mit skr. gūthah, gu- „cacare“ in Verbindung²². Eine solche Etymologie lässt sich jedoch nur schwer begründen.
Auch die Erklärung von V. Machek ist nicht überzeugend, wonach versucht wird, die slavische Rindbezeichnung gov- mit lit. galvijas, dt. Kalb „Kalb“²³ in Verbindung zu bringen.
Somit ist idg. *gʷou- in den slavischen Sprachen recht gut erhalten.
In den baltischen Sprachen ist diese Rindbezeichnung im Lettischen sehr gut erhalten: lett. gùovs entspricht genau den Rindbezeichnungen derselben Wurzel in anderen indogermanischen Sprachen. Im Lettischen wird gùovs jedoch nur in der Bedeutung „Kuh“ verwendet. Daneben sind Diminutivformen und andere suffigierte Formen weit verbreitet: guōtiņa, guōsniņa, guostina, guovīte, guoliņa, guoča, guosnele, guošnele, guotele, guovīņa, guōtele, guōtelēns, guotulēns (EM, I, 692–3; EH, I, 424).
Es ist ziemlich unklar, ob idg. *gʷou- im Litauischen vorkommt. K. Būga brachte lit. guotas „Herde, Schar, Rudel“ mit dieser indogermanischen Wurzel in Verbindung und erklärte, die ursprüngliche Bedeutung von lit. guotas sei „Kuhherde; Gruppe von Kühen“²⁴ gewesen. E. Fraenkel bringt lit. guotas nicht unmittelbar
¹⁵ M. Булдимир, Южнославенски филолог, 6, Београд, 1926–1927, p. 171; nurodoma iš O. Trubačiovo, ten pat, p. 39.
¹⁶ A. Brückner, Sl. et., p. 154.
¹⁷ J. Pokorny, Et. Wb., p. 818.
¹⁸ О. Н. Трубачев, Происхождение…, p. 35–36.
¹⁹ M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 321; V. Machek, Et. sl., p. 150; О. Н. Трубачев, Происхождение…, p. 37; F. Slawski, Sl. et., I, p. 377–378.
²⁰ H. Hirt, IF, 37, p. 236; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 282.
²¹ F. Slawski, Sl. et., I, p. 331; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 282.
²² A. Brückner, Sl. et., p. 154.
²³ V. Machek, Et. sl., S. 141.
²⁴ K. Būga, Rinktiniai raštai, II, S. 353.
8*
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Page 32mit ide. *gʷou-, aber mit gr. βόσκω „ich weide, füttere“ und anderen Verwandten dieses Wortes²⁵, die, wie wir gesehen haben, ihrerseits ebenfalls mit der alten ide. Bezeichnung für das Rind in Verbindung gebracht werden. Im Litauischen gibt es jedoch Wörter, die in der Bedeutung „Kuh“ gebraucht werden und deren Lautgestalt zeigt, dass sie nicht von der hier erörterten ide. Bezeichnung für das Rind getrennt werden können; es handelt sich um lit. guõtė „Kuh“, guõtena „junge Kuh“ (LKŽd., III, 740–1), gūtė „Kosename für eine Kuh“ (LKŽd., III, 764). Diese litauischen Wörter sind jedoch nur sehr eingeschränkt gebräuchlich; außerdem ist unklar, ob es sich nicht um Lehnwörter handelt. Zunächst könnte lit. guõtena, wie seine Verbreitung (Šatės) nahelegt, aus lett. guotina oder einer ähnlichen Form stammen. Lit. guõtė ist in einem Lied belegt, das ebenfalls nahe der lettischen Grenze aufgezeichnet wurde („Šiu namo, guote, šiu namo, raguote!“). Lett. guota ist wahrscheinlich eine Neubildung aus der Verkleinerungsform guotene (EM, I, 692). Im Litauischen findet sich jedoch neben den hier erwähnten, im Grenzgebiet zu Lettland gebrauchten Wörtern die Form guõtė „untaugliche Frau; nachlässige Frau“, deren ursprüngliche Bedeutung „Kuh“ gewesen sein könnte, in der Umgebung von Liškiava und Veisiejai, wo sie nicht unmittelbar aus dem Lettischen entlehnt worden sein kann.
Auch das Verhältnis von lit. guõtė „essbarer Pilz aus der Familie der Schnecklinge (Hygrophorus)“ zu den zuvor erwähnten Wörtern ist ziemlich unklar. K. Būga brachte diese Pilzbezeichnung unmittelbar mit lit. guõtas „Herde, Schar“ in Verbindung, da der Pilz nach K. Būga so genannt wurde, weil er in Gruppen wächst, d. h. in guõtas („Pilze, die in Gruppen, Scharen, Schwärmen wachsen, nennen wir guõtės“, Slnt; guõtės wachsen in Scharen „in Gruppen“, Jnš, Kp, Šiauliai)²⁶. Die Herkunft von lit. guõtė lässt sich jedoch auch als „Kuhpilz“ erklären; vgl. auch lett. guotenes oder guovju pekas „Kuhpilz (agaricus cinnamomus)“ (EM, I, 692).
K. Būga führte in „Aistiškuose studijuose“ den litauischen Ortsnamen Guovainiai an, den er mit lett. guovs²⁷ in Verbindung brachte. Diesen Gedanken K. Būgas wiederholte auch E. Frenkelis²⁸. In anderen Quellen zu litauischen Ortsnamen finden wir jedoch die Form Guovainiai nicht. K. Būga hatte wahrscheinlich das Dorf Gūvainiai im Rajon Šilalė im Sinn, aus dem möglicherweise die Form Guovainiai rekonstruiert wurde.
Mit der alten Bezeichnung für die Kuh dürfte der Name des Baches Gūragjis < guovs + rāgas (Kuršėnai) und der daraus entstandene Dorfname Gūragiai²⁹ zusammenhängen. Auf lettischem Gebiet gibt es sehr viele mit dem Wort guovs verbundene Toponyme³⁰.
Demnach lassen sich auch im Litauischen gewisse Spuren des alten ide. *gʷou- finden. In den Denkmälern der preußischen Sprache gibt es keine Spuren dieser ide. Bezeichnung für das Rind.
Von allen baltischen und slawischen Sprachen ist diese Bezeichnung im Lettischen insgesamt am besten bewahrt. Später, als offenbar das weibliche Rind die wichtigste Rolle in der Landwirtschaft zu spielen begann, wurde die allgemeine Bezeichnung für das Rind im Lettischen auf das weibliche Tier – die Kuh – übertragen. Dagegen setzte sich in den slawischen Sprachen und im Litauischen eine neue Bezeichnung für die Kuh durch: russ. корова, ukr. корова, weißruss. kapoba, bulg. крава, serb.-kroat. krava, slow. kráva, tschech. kráva, slowak. krava, poln. krowa, kasch. karva, krova, obersorb. kruwa, niedersorb. krowa³¹, lit. karvė, preuß. kurwis „Stier“. Diese Bezeichnung scheint … zu haben
²⁵ E. Fraenkel, Et. Wb., S. 177.
²⁶ K. Būga, Rinktiniai raštai, II, S. 353.
²⁷ K. Būga, Aistiški studijai, Peterburgas, 1908, p. 25.
²⁸ E. Fraenkel, Et. Wb., S. 177.
²⁹ Lietuvos TSR upių ir ežerų vardynas, S. 55.
³⁰ J. Endzelīns, Latvijas PSR vietvārdi, I, 1, S. 343–344.
³¹ M. Vasmer, Et. Wb., I, S. 629–630; О. Н. Трубачев, Происхождение..., S. 40.
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Page 33eine verlässliche Etymologie: Viele Forscher bringen es mit lat. cornu „Horn“, gr. κεραός „gehörnt“ in Verbindung. Derselben Herkunft sind auch lat. cervus „Hirsch“, kymr. carw, breton. karo, apr. sirwis „Reh“ u. a. Möglicherweise wurde die Bezeichnung des Hirsches oder eines anderen wildlebenden Hornträgers auf die baltische und slawische Bezeichnung für die Kuh übertragen, zunächst vielleicht auf eine Rasse breitgehörnter Kühe. Bemerkenswert ist, dass ein ähnlicher Prozess auch in anderen Sprachen stattfand; vgl. ferner die Verbindung von lat. cornu und gr. κεραός mit dt. Rind „Rind“, alb. ka (< *k’ru) „Ochse“32.
Mit einer solchen Erklärung der Herkunft von lit. karvė, russ. корова u. a. war V. Machek nicht einverstanden. Er brachte diese Kuhbezeichnung mit skr. cárvati „zerkleinert, kaut“ in Verbindung und erklärte, ihre ursprüngliche Bedeutung sei „Wiederkäuer“ gewesen33. Diese Etymologie fand jedoch keine größere Zustimmung. Sie ist besonders deshalb unzuverlässig, weil das skr. cárvati selbst ein Wort sehr unklarer Herkunft ist34.
Im Lettischen gibt es keine deutlicheren Spuren von Verwandten des litauischen Wortes karvė: lett. karva „eine alte, magere Kuh; spöttische Bezeichnung einer Frauensperson; Schimpfname für Kühe“ (EM, II, 165; EH, I, 590) ist höchstwahrscheinlich eine Entlehnung aus dem Litauischen.
Im Altpreußischen wird ein Wort dieser Wurzel, wie bereits erwähnt, in der Bedeutung „Ochse“ verwendet. Neben dem Elbinger Vokabular (Wort 672 – Curwis Ochze) findet sich im Katechismus III die Akkusativ-Singular-Form kurwan. Einige Forscher35 halten apr. curwis für eine Entlehnung aus dem Polnischen (in den ältesten polnischen Schriften bedeutet karw meist „alter, träger Ochse“). Dennoch ist es wahrscheinlicher, dass apr. curwis ein einheimisches Wort ist36. Diese Wurzel ist auch in der altpreußischen Toponymie recht häufig belegt: Corwedompne < apr. curwis + dompne: lett. dubens „der Boden, Grund, Tiefe“, Korwelaucken < apr. curwis + apr. laucks „Feld“, Kurwingen < apr. curwis + -ing-, Curwin37.
Die baltischen und slawischen Sprachen besitzen eine ihnen eigene Bezeichnung für das Jungtier des Rindes, nämlich: aksl. telice, russ. теленок, ukrain. теля, weißruss. цяля, bulg. теле, serb.-kroat. теле, slowen. tele, tschech. tele, slowak. tel’a, poln. cielę, kaschub. celą, obersorb. čelo, niedersorb. šele, lit. tėlias, teliūkas, lett. telš, teļēns38. Sowohl in den baltischen als auch in den slawischen Sprachen finden sich zahlreiche Ableitungen dieser Wurzel, vgl. lit. telinga, teliuotis, lett. telidze „eine trächtige Kuh“, teļuoties „kalben“, russ. стельная „telinga“, russ. телиться „teliuotis“ u. a.
Wohl dürfte es schwer sein, eine andere baltische oder slawische Tierbezeichnung zu finden, für die es so viele Herkunftserklärungen gibt wie für diese. Leider ist bislang keine dieser Erklärungen überzeugender.
32 J. Pokorny, Et. Wb., p. 574–577; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 225; F. Kluge, Et. Wb., p. 600; H. Hirt, Indogermanische Grammatik, II, Heidelberg, 1921, p. 117, 130; A. Bezzenberger, BB, 17, p. 216; B. Порциг, Членение индоевропейской языковой области, Москва, 1964, p. 259–260; R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 119; A. Brückner, Sl. et., p. 271.
33 V. Machek, Et. sl., p. 233; V. Machek, KZ, 64, p. 262–263.
34 M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 379.
35 A. Brückner, Sl. et., p. 271; J. Pokorny, Et. Wb., p. 577.
36 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 366; K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 129; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 225.
37 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 30, 70–71, 77; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 199.
38 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 90; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1077–1078; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 44.
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Page 34H. Peterson brachte diese Bezeichnung mit arm. t’alun „dick“ und skr. tilvilah „reich, fruchtbar“⁹ in Verbindung. Bei anderen Forschern fand diese letztere Etymologie jedoch keine größere Zustimmung.
J. Mikola verband lit. tėlias u. a. mit lit. talokas „erwachsene Tochter; junges Mädchen“, lit. lokyš und pruß. clokies⁴⁰.
G. Ilinskis brachte es mit lat. stolidus „dumm, unsinnig; kraftlos“, stultus, ahd. stilli „still, ruhig“ und lit. tylus in Verbindung⁴¹.
Smiešek verband slav. telę mit lat. tollo, -ere „heben“ und ahd. dolēn „ertragen, auf sich nehmen“⁴². Dieser Deutung neigen auch andere Forscher teilweise zu. Die ursprüngliche Bedeutung des Tiernamens könnte „geboren“ gewesen sein, vgl. got. barn „Kind“: *bher- „tragen“⁴³.
A. Becenberger versuchte, lit. tėlias mit gr. πέλεας „Eber“ in Verbindung zu bringen⁴⁴.
Die Herkunft des Wortes telę erklärte V. Machek auf sehr originelle Weise. Seiner Ansicht nach gehen slav. telę, lit. tėlias und andere Formen auf eine längere Form zurück (ähnlich wie tschech. Řina < Kateřina), die lat. vitulus „Kalb, junger Stier“ und gr. ἔπαλον entspricht und mit ide. *uet- (gr. ἔτος) „Jahr“ zu verbinden ist. Die ursprüngliche Bedeutung von telę wäre demnach „jährig“⁴⁵.
Auch K. Būga versuchte, die Herkunft von lit. tėlias und slav. telę zu erklären: Er neigte dazu, diese Wörter mit sl. tělo „Körper“ in Verbindung zu bringen⁴⁶.
Es gibt also zahlreiche Deutungen, doch alle geben Anlass zu ernsthaften Zweifeln⁴⁷. Unserer Ansicht nach verdient V. Macheks Etymologie die größte Beachtung. Für sie spricht eine beträchtliche Gruppe von ide. Tierbezeichnungen, die sich gerade mit der Wurzel ide. *uet- „Jahr“ verbinden lassen, vgl. skr. vatsáh „einjähriges Tier; Kalb; Rind“, vatsakāh „Kälbchen“, alb. vjetë „Kalb“, got. wiprus „einjähriges Schaflamm“ u. a.⁴⁸. Die schwache Seite von V. Macheks Etymologie ist die Phonetik. Doch auch hier scheint es uns, dass man nicht kategorisch ausschließen kann, dass aus *uet-elo- die Form *tel- entstanden sein könnte.
Lit. telyčia „junge Kuh, die noch kein Kalb gehabt hat“ entstand, wie das Suffix dieses Wortes zeigt, aus russ. телица oder einer weißrussischen Form dieses Wortes⁴⁹. Von gleicher Herkunft ist auch lett. telica⁵⁰.
In den baltischen Sprachen ist auch eine andere Rinderbezeichnung weit verbreitet, deren Bedeutung im Litauischen der soeben besprochenen recht nahekommt. Es handelt sich um lit. veršis, lett. vērsis, pruß. werstian. In den slawischen Sprachen gibt es keine Spuren dieser Bezeichnung. Lit. veršis wird gegenwärtig in der Schriftsprache und in einem großen Teil der Dialekte in der Bedeutung „junges Rind“ verwendet; vgl. auch veršinga, veršiuotis, deren Gebrauch sich nicht von den zuvor erwähn-
39 H. Petersson, Arische und armenische Studien, Lund, 1920, p. 29; M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 505.
40 J. Mikkola, BB, 22, p. 245.
41 Г. Ильинский, РФВ, 60, p. 421–424.
42 Smieszek, Materiały i Prace Komisji Językowej Akademii Umiejętności, IV, p. 397–401, plg. M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 90.
43 J. Pokorny, Et. Wb., p. 1061; C. D. Buck, Dict., p. 155.
44 A. Bezzenberger, BB, 27, p. 176.
45 V. Machek, Et. Sl., p. 524.
46 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 318, 625.
47 M. Vasmer, Et. Wb., III, p. 90; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1077; F. Slawski, Sl. et., I, p. 99; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 44–45.
48 J. Pokorny, Et. Wb., p. 1175.
49 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1078.
50 EM, IV, p. 160.
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Page 35Dazu gehören telinga, teliuotis. Ein Teil der Mundarten (vor allem dzūkische) verwendet das Wort veršis jedoch in der Bedeutung „Bulle, Ochse“. Diese Bedeutung des Wortes findet sich im Wörterbuch von K. Širvydas („Stadnik/taurus. Wierśis“, 1. Aufl., 174; „Byk. Taurus/Werbis“, 5. Aufl., 22). Lett. veršis wird nur in der Bedeutung „Ochse, Bulle“ verwendet. Altpreuß. werstian (Wort 674 des Elbinger Wörterbuchs), das wahrscheinlich auf die Form *werstian zurückgeht, wobei -ist- ein Diminutivsuffix ist⁵¹. Es ist in der Bedeutung „Kalb (Kalb)“ belegt. Somit ist die ursprüngliche Bedeutung von lit. veršis „Bulle, Ochse“. S. D. Bakas irrte sich, als er in der Bedeutungsentwicklung von engl. bullock „junger Bulle“ zu „Ochse“ eine Parallele zu lett. veršis „Ochse“ < „Kalb“⁵² sah.
Lit. veršis, lett. vērsis und altpreuß. werstian werden mit lat. verres „Eber, männliches Schwein“, skr. vṛṣah „Bulle, Ochse“, vṛṣṇih „männlich; Ziegenbock“, vṛṣaṇah „Hoden“ in Verbindung gebracht. Ferner werden diese Wörter mit idg. *auer- „befeuchten, benetzen, fließen“ verbunden, vgl. skr. vār „Wasser“, toch. A wăr u. a. Demnach wäre die ursprüngliche Bedeutung von lit. veršis usw. „Samen ausstoßend, urinierend“. Für diese Etymologie lassen sich zahlreiche semantische Parallelen anführen, vgl. russ. вепрь „Eber“: skr. vāpati „stößt (Samen) aus“, got. auhsa „Ochse“: skr. ukṣā „Bulle“: skr. ukṣáti „bespritzt“, lat. ūrus „Auerochse“, schwed. dial. ure „Bulle“: altisl. úr „leichter Regen“. Zwar sind manche dieser Parallelen fragwürdig, doch die meisten Forscher stimmen der soeben erwähnten Erklärung der Herkunft von lit. veršis zu⁵³.
Im Litauischen wird auch die nur dieser Sprache eigene Bezeichnung jautis für das männliche Rind verwendet. In einem Teil der Mundarten bezeichnet dieses Wort nicht allgemein ein männliches Rind, sondern ein kastriertes, für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetztes Tier. Dies dürfte auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes gewesen sein. So wie neben dem Pferd das für das Pflügen verwendete Tier arklys entstand, so entstand auch neben veršis jautis „ein in ein Joch gespanntes Kalb“. Das Wort jautis könnte anfangs sogar nur in der Verbindung mit veršis verwendet worden sein. Die Etymologie von lit. jautis ist unzweifelhaft: Das Wort wird mit skr. yāuti „bindet, spannt an“, lit. jungas „Joch“, jaug tas „Gurt, mit dem das Joch an den Hörnern des Zugochsen befestigt wird“ u. a. verbunden; vgl. ferner altisl. eykr „Arbeitstier, Pferd“ und skr. yōgyaḥ „Arbeitstier“, die ebenfalls auf dieselbe idg. Wurzel zurückgeführt werden⁵⁴.
Der preußische Gewässername Jautin würde darauf hindeuten, dass auch die alten Preußen ein Wort besaßen, das lit. jautis genau entspricht⁵⁵.
Ähnlich wie im Litauischen gibt es auch in den slawischen Sprachen gesonderte Bezeichnungen für den Zuchtbullen und den Arbeitsochsen, vgl. russ. бык „Bulle“, russ. вол „Ochse (Arbeitstier)“. Diese Bezeichnungen haben jedoch nichts mit den entsprechenden baltischen Bezeichnungen für Bulle oder Ochse gemein. Außerdem sind sie wahrscheinlich recht jungen Ursprungs und ausschließlich den slawischen Sprachen eigen⁵⁶. Zwar hat russ. бык, das von vielen Forschern mit einem Verb für „brüllen, blöken“ in Verbindung gebracht wird (vgl. tschech. býkati), eine genaue Entsprechung auch im Litauischen, vgl. lit. būkas „Bota u rus stellaris“⁵⁷: lit. būkti „brüllen, blöken“, baūkti. Die Herkunft von lit. būkas wird durch seine Synonyme sehr anschaulich bestätigt — baūblys: lit. baūbti, rėklys: lit. rėkti.
51 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 53. 52 S. D. Buck, Dict., p. 153. 53 J. Pokorny, Et. Wb., p. 80–81; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1228–9; K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 652; EM, IV, p. 565; F. Kluge, Et. Wb., p. 518; R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 353; F. Specht, Der Ursprung der indogermanischen Deklination, p. 234. 54 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 191; J. Pokorny, Et. Wb., p. 508–510; R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 110. 55 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 51, 233. 56 M. Vasmer, Et. Wb., I, 158, 216; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 41–44; F. Sławski, Sl. et., I, p. 52. 57 И. Эндзелин, Lingua Posnaniensis, 1, p. 3.
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Page 36In der litauischen Literatursprache und auch in einigen Dialekten wird die Bezeichnung būlius für einen Zuchtstier verwendet. Dieses Wort ist, ebenso wie lett. būlis, aus dem Deutschen entlehnt, vgl. ostpreußisch-deutsch boll, bull, mittelniederdeutsch bulle58. Die deutsche Bezeichnung für einen Zuchtstier wird mit idg. *bhel- „anschwellen, blasen, schwellen“ verbunden, vgl. engl. ballock „Hoden“; gr. φαλλός „Penis“, altir. ball usw. 59 Der Zuchtstier hätte diese Bezeichnung demnach aufgrund seiner Geschlechtsorgane erhalten.
Wie bereits erwähnt, ist die idg. *guou-Bedeutung „Rind“ in den baltischen Sprachen nicht erhalten geblieben. Doch finden sich dort mehrere andersstämmige Bezeichnungen für Rinder.
Im Litauischen und im Altpreußischen ist idg. *peku- gut bewahrt; seine ursprüngliche Bedeutung war nach Ansicht vieler Forscher „gerupftes, wolltragendes Tier, Schaf“, woraus sich später die allgemeine Bedeutung „Rind“ entwickelte. Idg. *peku- wird mit gr. πέκω „ich schere, kämme“, lat. pecto, -ere „kämmen“, lit. pėšti, gr. πέκος „Wolle“ usw. in Verbindung gebracht. Eine aus dieser Wurzel hervorgegangene Bezeichnung für Rind findet sich in zahlreichen idg. Sprachen, vgl. skr. páśuh „Rind, Tier“, av. pasu- „Rind, Kleinvieh“, lat. pecū „Rind“, ahd. fihu „Rind“ (got. faihu „Besitz“)60.
Lit. pėkus kommt häufig in alten Schriften vor. Wie die Belegkartei des akademischen Wörterbuchs der litauischen Sprache zeigt, war dieses Wort noch vor vergleichsweise kurzer Zeit in der Gegend von Švenčionys lebendig. Heute ist lit. pėkus nur noch auf den litauischen Sprachinseln in der Belorussischen SSR (Zietela) lebendig. In der Gegend von Švenčionys wurde auch die Form pėkas aufgezeichnet, die nicht nur in der Bedeutung „Rind“, sondern übertragen auch in der Bedeutung „Dummkopf“ gebraucht wurde.
Diese Rinderbezeichnung ist auch in den altpreußischen Sprachdenkmälern gut bewahrt: In den Katechismen ist fünfmal die Akkusativform Singular pecku und zweimal die Form peckan desselben Kasus belegt61.
Früher hielten einige Sprachwissenschaftler, darunter auch K. Būga, diese baltischen Rinderbezeichnungen für Germanismen. K. Būga zufolge hätten die Prußen ihr Wort aus dem Gotischen übernommen, und über das Prußische sei es auch ins Litauische gelangt62. Der Hauptgrund für diese Auffassung war, dass in den baltischen Formen des Wortes statt des erwarteten (š)s ein k steht. In den baltischen Sprachen findet sich ein Velar anstelle eines erwarteten Sibilanten jedoch auch in anderen Wörtern, die niemand als Lehnwörter anzusehen versucht63. E. Hermann stützte sich bei seinem Nachweis, dass lit. pėkus nicht entlehnt sei, besonders auf die spezifische Bedeutung des Wortes („Rind, Kleinvieh, Schaf“)64.
In der lettischen Sprache ist die idg. *peku--Bezeichnung „Rind“ nicht bewahrt geblieben; auch in den slawischen Sprachen gibt es keine Spuren dieses Wortes.
Im Litauischen wird recht häufig eine nur dieser Sprache eigene Rinderbezeichnung gebraucht, die mit dem Verb kėlti65 zusammenhängt: kėlta, kėltai (Pluralform), kėltava, kėltuva, keltuvà, kėltos „Kuhherde“, kėltuvė „Kuh“, keltuvė, kėltuvės „Rinder, Herde“. Mitunter wird das Wort kėltuva auch allgemein für ein Tier, sogar ein Haustier gebraucht.
58 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 64; EM, I, p. 348; K. Alminauskis, Die Germanismen des Litauischen, Kaunas, 1934, p. 37; J. Sehwers, Sprachlich-kulturhistorische Untersuchungen, p. 20.
59 F. Kluge, Et. Wb., p. 110; J. Pokorny, Et. Wb., p. 120–121; C. D. Buck, Dict., p. 154.
60 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 564; J. Pokorny, Et. Wb., p. 797; F. Kluge, Et. Wb., p. 822.
61 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 392.
62 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 85, 86; III, p. 496, 897.
63 E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen, Heidelberg, 1950, p. 13–18.
64 E. Hermann, AfslPh, 40, p. 161; Chr. S. Stang, Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen, Oslo–Bergen–Tromsö, 1966, p. 93; J. Otrębski, Die Sprache, 12, p. 50–51.
65 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 238.
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Page 37in der Bedeutung „Vogel“ (vgl. Kėltuvos „Kühe, Pferde, Schafe, Schweine, Gänse“ K. Būga (Ad.), Ožka negadna kėltuva usw.) (LKŽd., V, 530–1, 551–2). Die Form kėltuva wird auch in der Bedeutung „Viehgruppe, Herde“ verwendet. Die genannten Viehbezeichnungen sind in den östlichen litauischen Dialekten sowie in einigen älteren Schriftzeugnissen belegt; beispielsweise verwendet K. Širvydas die Form kėltuva recht häufig, und sie kommt auch in den Schriften von M. Mažvydas und J. Bretkūnas vor.
Nur dem Litauischen eigen ist auch das Wort galvijas „Vieh (gewöhnlich Haustier, Rind); Tier“. V. Maček versuchte, wie wir gesehen haben, lit. galvijas mit slav. gov- (russ. говядо u. a.) und dt. Kalb „Kalb“ in Verbindung zu bringen. Eine solche Verknüpfung lässt sich jedoch schwer begründen: Die Bedeutung „einzelner Mensch oder einzelnes Tier“ von lit. galvà (vgl. „Die acht Köpfe Kühe und Färsen muss man überwintern lassen“, LKŽd., III, 79) zeigt, dass galvijas nicht von galvà zu trennen ist; vgl. die Wolfenbütteler Postille pekui galvui sowie dt. so und soviel Haupt Rindvieh66.
Lett. luõps „Rind, Vieh“, das sowohl im Baltischen als auch im Slawischen völlig isoliert dasteht, hat eine Entsprechung im Albanischen – alb. lopë „Kuh“. Dies ist eine der wenigen lexikalischen Isoglossen zwischen dem Baltischen und dem Albanischen. Mit diesen Wörtern versucht man auch schweizerdt. loobe, lioba „Kuh“67 in Verbindung zu bringen. Letztere könnten jedoch auch irgendwelche neu entstandenen, eng begrenzt verwendeten Kuhbezeichnungen sein.
J. Mikkola versuchte, lett. luõps von *lampas abzuleiten und Letzteres mit got. lamb „Lamm“68 in Verbindung zu bringen. Die Verbindung mit alb. lopë „Kuh“ erscheint uns jedoch plausibler.
Wahrscheinlich ist aus lett. luõps auch lit. lūopas „ungeschickter Mensch, Tölpel, Dummkopf“ hervorgegangen (LKŽd., VII, 692).
Die Bedeutung „Rind“ von lit. lopas findet sich in den Schriften von S. Daukantas (LKŽd., VII, 648), wohin das Wort zweifellos aus dem Lettischen gelangte.
Sehr rätselhaft und in der baltischen Viehzuchtterminologie isoliert ist die prußische Kuhbezeichnung klente (Wort 673 des Elbinger Vokabulars), clynth (Wort 4 des Grunauer Vokabulars). In beiden prußischen Sprachdenkmälern ist es mit der Bedeutung „Kuh“ belegt69. Außerdem scheint diese Kuhbezeichnung auch Spuren in der prußischen Toponymie hinterlassen zu haben; vgl. den Ortsnamen Clynteyne < pruß. clynth + Suffix -ein70. Somit ist die Echtheit der erwähnten prußischen Kuhbezeichnung unzweifelhaft.
Die Herkunft von pruß. klente wird auf recht unterschiedliche Weise zu erklären versucht.
A. Bezzenberger brachte pruß. klente (seiner Meinung nach aus *tlentē) mit gr. πτέλας „Eber“ und lit. tėl̃ias71 in Verbindung.
L. Geitler brachte die prußische Kuhbezeichnung mit russ. кляча (< *кле́тя) „Klepper, schlechtes Pferd“72 in Verbindung. J. Mikkola73 stimmte dem tschechischen Sprachwissenschaftler ebenfalls zu.
A. Brückner leitete pruß. klente von poln. klępa „alte Kuh“74 ab; vgl. auch slowen. klęka „magere Kuh, Klepper“.
Am wenigsten überzeugend erscheint die Etymologie von A. Bezzenberger.
66 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 132.
67 EM, II, p. 528; J. Pokorny, Et. Wb., p. 654.
68 J. Mikkola, BB, 21, p. 219–220.
69 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 360.
70 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 66, 233.
71 A. Bezzenberger, BB, 27, p. 176.
72 L. Geitler, Litauische Studien, Prag, 1875, p. 65.
73 A. Mikkola, AfslPh, 39, p. 12.
74 A. Brückner, AfslPh, 20, p. 504.
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Page 38Andere Forscher sind bei der Erklärung des Ursprungs von pr. klente möglicherweise auf dem richtigen Weg.
Es scheint uns, dass eine solche prußische Bezeichnung für die Kuh in der prußischen Sprache selbst aus einem entsprechenden, jedoch in den Denkmälern dieser Sprache nicht belegten Verb entstanden sein könnte; vgl. lit. klẽnkti „schwer, mühselig gehen“, lett. klencēt. Auch in den slawischen Sprachen entstanden aus einem Verb derselben Wurzel, vgl. russ. клякать „stolpern“, aksl. klẽčati, slowen. klẽkati „stolpern, schwanken, unsicher stehen“ usw.75 eigenständig entsprechende Tierbezeichnungen. Gerade die Kuh hat unter allen Haustieren den langsamsten und schwersten Gang.
Somit haben alle drei baltischen Sprachen unterschiedliche Bezeichnungen für die Kuh. Die älteste Bezeichnung hat sich im Lettischen erhalten. Im Litauischen und im Prußischen wurde die letztgenannte, lett. giòvs entsprechende Bezeichnung durch eine jüngere verdrängt (lit. kárvė, pr. curwis). Im Prußischen setzte sich die lit. kárvė entsprechende Bezeichnung für die Kuh wahrscheinlich deshalb nicht durch, weil ein Wort dieser Wurzel in der Bedeutung „Stier“ verwendet wurde.
In den baltischen Sprachen gibt es viele verschiedene Bezeichnungen für Rinder, meist für Kühe, die mit einer Eigenschaft dieses Tieres zusammenhängen; besonders viele solcher Namen finden sich in den lettischen Dialekten. Die mit Abstand größte Gruppe bezieht sich auf die jeweilige Fellfarbe des Tieres.
Lett. aûbe „eine Kuh mit weißem Kopf“ (EH, I, 183), vgl. lett. aûbe „Haube“ < dt. Haube76.
Lett. bale „Name einer weißen Kuh“ (EH, I, 200), vgl. lett. bāls „blass, bleich“.
Lat. bāltaste „Name einer Kuh mit weissem Schwanz“ (EH, I, 201) < bālts+aste „uodega“.
Lett. bāltkāja „Name einer Kuh mit weißen Beinen“, baltkājena (EH, I, 202) < bālts+kāja „Bein“.
Lett. bāltāna „ein Kuhname“, baltanīte (EH, I, 202) < bālts+sānis „Seite“.
Lat. bęnga „Name einer geäpfelten Kuh“ (EH, I, 212), plg. lat. bęngulis „(als Kosename) ein Kind“?
Lat. brūklene „Name einer rotbraunen Kuh“ (EH, I, 246), plg. lat. brūkle, brūk-lene „die Strickbeere, Preiselbeere (vaccinium vitis idea); wegen ihrer roten Farbe vielfach mit rotwangigen Mädchen verglichen“.
Lett. brūnala „eine braune Kuh“, brūnala, brūnale, brūnuļa, brūnava, brūne, brūnce (EM, I, 341; EH, I, 245, 246), brūnķe „abwertende Bezeichnung für eine braune Kuh“ (EH, I, 245), vgl. lett. brūns „braun“ < sowie niederdt. brün77.
Lat. ciēlava „Kuhname; eine Kuh mit weissem Kopf“ (EH, I, 277), plg. lat. ciēlava „die Bachstelze“.
Lett. ciruole „eine weißköpfige Kuh“ (EM, I, 392), vgl. lett. cīrulis „die Lerche“, cirulgalvas „große Schneeflocken“ (EM, I, 392).
Lett. drīzala „ein Kuhname (die Gestreifte?)“ (EH, I, 335), vgl. lett. drīzena „ein Strahl“, drīksnains „strahlig, zerkratzt“. Sollte die Bedeutung dieses Kuhnamens nicht „die Gestreifte“ sein, ließe er sich auch mit lett. drīzs „schnell“ verbinden, vgl. lett. drīzuļi „frühreife Früchte“.
75 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 576.
76 J. Sehwers, Sprachlich-kulturische Untersuchungen, p. 4.
77 J. Sehwers, ebenda, S. 19.
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Page 39Lat. dūkala „Name einer schwarzbraunen Kuh“, dūkale, dūkala, dūkana, dùkaṇa, dùce „eine dunkelbraune Kuh mit schwarzem Kopf; Name einer grauen Kuh“ (EM, I, 523; EH, I, 345, 346), plg. lat. dūkans „graubraun“.
Lat. dūmala „eine dunkel-, schwarzbraune Kuh, eine rote Kuh mit braunem Kopfe“, dumala „eine dunkelbraune Kuh“, dùmula (EM, I, 514, 527, 528; EH, I, 347, 348), plg. lat. dūmals „rauchfarbig, dunkelgrau“.
Lat. gulbene „Name einer weißen Kuh“ (EH, I, 416), gūlbis (EM, I, 676), vgl. lett. gūlbis „Taube“.
Lett. īrbe „Name einer fein gesprenkelten Kuh“ (EH, I, 431), vgl. lett. īrbe „Rebhuhn“.
Lat. juosle „eine weisse Kuh, deren Vorder- und Hinterteil dunkel ist“ (EH, I, 571), plg. lat. juōslains „gestreift“, juōslene „ein Schwein mit einem gürtelartigen Streifen um die Mitte“ (EM, II, 127).
Lett. kruonala „Name einer (dunkel)roten Kuh; Name einer Kuh“, kruōnula, krùonale, krùonala (EM, II, 295; EH, I, 664), vgl. lett. kruōnis „die Krone; der Kranz“ < vgl. lit. dial. žem. krōne78.
Lat. krustala „Name einer Kuh“, krustala (EM, II, 288; EH, I, 660), plg. lat. krusts „das Kreuz“.
Lat. kūtala „eine Kuh mit weissem Rückenstreifen“, kūtala (EM, II, 393; EH, I, 709), plg. lat. kūtāins „streifig (vom Vieh)“ < est. küüt „streifig; Vieh mit weissem Rückenstreifen“ (EM, II, 393).
Lett. làuce „eine Kuh mit einem weißen Stirnfleck“, làučā, lauka, làukala, làukala, làukàża, laùcika (EM, II, 425, 426; EH, I, 722), vgl. lett. làuks „mit einem weißen Stirnfleck“.
Lett. màntale „Name einer schwarzen Kuh“ (EH, I, 782), vgl. lett. mañdala „Name einer Kuh, die an einem Montag gekalbt hat“ (?).
Lett. māralina „Name einer Kuh“ (…kas bij raiba – raibalina, kas sarkana – māralina…), mārala (EM, II, 583; EH, I, 792), vgl. lett. mārani „rotes Kraut, womit man rot färbt“ (EH, I, 792).
Lett. melle „eine schwarze Kuh“, melne, mellika, meļļuža, mellene (EM, II, 596; EH, I, 798), vgl. lett. meļns „schwarz“.
Lat. mice „Name einer weissköpfigen Kuh“, mička (EH, I, 811), plg. lat. mice „eine Weiberütze, Haube; eine Mütze überhaupt“, mička < vok. žem. müttse.
Lat. mugrina „Name einer Kuh mit andersfarbigem Rücken“ (EM, II, 661), plg. mugura „der Rücken“.
Lett. mustala „eine Kuh mit schwarzen Lippen; eine Kuh mit dunklerem (dunkelbraunem) Kopf“, mustala „eine Kuh mit dunkler Schnauze“, mustika „eine schwarze Kuh“ (EM, II, 672; EH, I, 835), vgl. lett. mustis „ein schwarzer Hund“ < est. must „schwarz“, liv. mustā. Die Form mustika ist aus est. mustik entstanden (EH, I, 835).
Lett. nakča „Name einer schwarzen Kuh“, naktala (EH, II, 3), vgl. lett. nakts „die Nacht“.
Lett. pālne „Name für aschgraue Kühe“ (EH, II, 152), vgl. lett. pēlni „die Asche“, palss „fahl“ (?).
Lett. pālse „Name einer falben Kuh“ (EH, II, 152), vgl. lett. palss „fahl“.
Lat. plaṇke „eine weisse Kuh mit schwarzen od. roten Vorder- und Hinterteilen; eine schwarzbunte Kuh od. eine schwarze Kuh mit weisser Leistengegend; eine
78 J. Sehwers, ebenda, S. 59.
139
Page 40„bunte Kuh oder eine weißköpfige Kuh“ (EH, II, 283), vgl. lett. plaṅks „bunt“ (EM, III, 319), plaṅkene „ein buntes Tuch“ (EH, II, 283).
Lett. punika „Name einer braunen Kuh“ < est. punik „rote Kuh“ (EM, III, 413).
Lett. raibe „eine bunte Kuh“, raibala, raibala, raibala, raibala, raìbala, raibula, ràibula, raibule, raibulīte, raibelīte, raibalīte, raibele, raibene, ràibale, raibuolina-reibulīte (EM, III, 467, 468, 505; EH, II, 350), vgl. lett. rāibs „bunt, fleckig, gescheckt“.
Lett. raicka „eine bunte Kuh“, raiča (EM, III, 469; EH, II, 351) sind vermutlich ebenfalls mit den soeben aufgezählten Namen zu verbinden.
Lett. rāine „ein Kuhname“ (EH, II, 351), vgl. lett. raìns „bunt, gestreift“.
Lett. salnika „eine eisgraue Kuh“ (EM, III, 675), vgl. lett. salns „schimmelfarbig“.
Lat. sāntala „Name einer schwarzen Kuh“, santene „Name einer Kuh“ (EH, II, 433–4), plg. lat. sants „der Sammet“.
Lat. sārke „der Name für eine (rote, braune) Kuh“, sārke, sārkene „Name einer roten Kuh“, sarkane, sarkala, sarče „eine braune Kuh“ (EM, III, 722; EH, II, 441, 443), plg. lat. sarks „etwas rötlich“.
Lett. sārtala „ein Kuhname“, sārtala, sārtite „Name einer roten Kuh“ (EM, III, 807; EH, II, 473), vgl. lett. sārts „rot“.
Lett. sārmule „eine graue Kuh“ (EH, II, 444), vgl. lett. sārma „der Reif“.
Lett. sēmale „eine hellgraue Kuh“ (EH, II, 481), vgl. lett. *šēms „hellgrau mit schwarzen Flecken“.
Lett. sīrmala „eine graue Kuh“, sirmala, sirmula, sirmule (EM, III, 846, 847; EH, II, 488, 489), vgl. lett. sīrms „grau“.
Lat. sīrsniņa „Name einer Kuh mit einem herzförmigen Fleck auf der Stirn“ (EH, II, 489), plg. lat. sirds „das Herz“.
Lett. skudre „schwarze Kuh“, skudrite, vgl. lett. skudre „die Ameise“⁷⁹.
Lat. slauna „Name einer schwarzen Kuh; gescheckte Kuh; eine schmutzige Kuh; eine Kuh mit rotweissen od. schwarzweissen Seiten“, slāune „eine Kuh mit weissem Bauch; eine schwarze Kuh mit weissem Bauch; eine Kuh mit weissen Seiten“; slāunala „gescheckte Kuh“, slāunene „ein Kuhname“, slaunike, slaunuža, slaunīs „eine Kuh mit buntem Bauch und bunten Seiten“, slaure „eine gefleckte Kuh“, šļaune „eine an Hüften od. Schenkeln bunte Kuh“, šļāune (EM, III, 919, 220; IV, 67; EH, II, 521, 522), plg. lat. slauns „an Hüften od. Schenkeln bunt, scheckicht“, šļāuns.
Lett. sniedze „Name einer weißen Kuh“ (EM, III, 977), vgl. lett. sniegs „der Schnee“.
Lett. spīdala „Name einer Kuh mit glänzendem Fell“, spīdala „ein Kuhname“ (EM, III, 1000; EH, II, 552), vgl. lett. spīdēt „glänzen“.
Lett. stripala „Name einer gestreiften Kuh“ (EM, III, 1092), vgl. lett. stripā „der Streifen“.
Auch verschiedene lettische Aberglauben bringen die Ameise mit der Kuh in Verbindung, vgl.:79
„Eine einzige Kuh habe ich, ich gebe ihr den Namen Skudrīte, damit sich die Kälber vermehren wie ein Schwarm Ameisen“ (LD, 28960).
„Man pflegt die Kühe dreimal um einen Ameisenhaufen herumzuführen, bevor man sie zum Verkauf auf den Markt bringt, in der Hoffnung, dass es dann so viele Käufer wie Ameisen geben werde“ (J. Alūnāns, Mājas Viesis, 1857, 270) u. a.; vgl. P. Šmits, Latviešu tautas ticējumi, S. 551.
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Page 41Lat. škūtala „Name für eine Kuh, deren Rücken sich in der Farbe vom übrigen Körper unterscheidet“ (EH, II, 641), plg. lat. skūt „rasieren“ (?).
Lat. trese „Name einer Kuh, die eine Blässe (trese) hat“ (EM, IV, 231), plg. lat. trese „die Blässe“.
Lett. tūmšsārke „die Dunkelrote (von einer Kuh gesagt)“ (EM, IV, 263), vgl. lett. tūmšsārkans „dunkelrot“.
Lett. ūbele „eine graue Kuh“ (EM, IV, 403), vgl. lett. ūbels „dunkelgrau“.
Lett. uōgra „Name einer schwarzen Kuh“ (EH, II, 743), vgl. lett. uōgle „die Kohle“ (?).
Lat. vabule „Name einer schwarzen Kuh; Name einer braunen Kuh“, vabuole, vabala „Name einer schwarzen Kuh“ (EM, IV, 428; EH, II, 746), plg. lat. vabule „der Käfer“⁸⁰.
Lett. valgīs „ein weißer Ochse“ < est. valgu (EM, IV, 455).
Lett. zale „eine rotbraune Kuh“ (EM, IV, 684; EH, II, 800), vgl. lett. zals „rötlich gelb“.
Lett. zeltere „?“ (guosniņas – viena zale, uotra zeltere) (EM, IV, 705), vgl. lett. zēlts „das Gold“, zeltenes „ein Strauch mit gelber Blüte“.
Lett. ziēdala „Name einer bunten Kuh“, ziēdala, ziēdala, ziēdele, ziēča, ziēdaine, ziēduone (EM, IV, 737, 738; EH, II, 810, 811), vgl. lett. ziēds „die Blüte, Blume“.
Lett. zile „Kuhname“, zilene „eine blaue Kuh“, ziluža „eine graue (?) Kuh“ (EM, IV, 719, 721; EH, II, 806), vgl. lett. zils „blau“.
Lett. zīmala „eine Kuh mit einem Zeichen (auf der Stirn)“, zimala, zīmala, zīmala, zīmala, zīmala, zīmala, zīmala, zīmēle, zīmule, zīmala, zīmālite, zīmāle, ziemala (EM, IV, 734, 735, 736, 742; EH, II, 810), vgl. lett. zīme „das Zeichen“. Die Form ziemala gali būt ir kitokios kilmės, vgl. lett. ziema „der Winter“.
Lat. zvaigala „eine Kuh mit einem weissen sternartigen Mal auf der Stirn“, zvaigale, zvaigala (EM, IV, 761; EH, II, 813, 814), plg. lat. zvaigzne „der Stern“.
In der lettischen Sprache sind Kuhnamen, die von der Bezeichnung des Geburtstags der Kuh oder allgemein eines Zeitraums abgeleitet sind, weit verbreitet⁸¹. Namen dieser Herkunft sind dem Litauischen fremd. In den slawischen Sprachen kommen sie vor, vgl. russ. полднёха, вечареха, вторёха, понеделка, niedersorb. luž. pónžela⁸², werden jedoch viel seltener verwendet als vergleichbare lettische Kuhnamen.
Lat. cẹtala „Name einer Kuh, die am Donnerstag gefallen ist“, cẹtalina, cẹtala, cẹtula, cẹture, cẹturtale, cẹtuža, cẹkula „Bezeichnung einer Kuh, die am Donnerstag gefallen ist, od. die ein Zeichen an der Stirn hat“, cẹkula, cẹkule, cẹkata, cẹka „eine Kuh, die am Donnerstag geboren ist“ (EM, I, 368, 376, 409; EH, I, 262, 267), plg. lat. cẹtūrtais „der vierte“, cẹtūrtdiena „der Donnerstag“.
Lett. dienala „eine Kuh, die am Tage gefallen ist“ (EM, I, 483), vgl. lett. diena „der Tag“.
Lat. laūnadżite „eine Kuh, die um die Zeit des launags geboren ist“ (EH, I, 723), plg. lat. laūnags „die Mittagszeit“, laūnadżite „das Mädchen, das um die Zeit des laūnags geboren ist“.
Lett. maņdala „Name einer Kuh, die am Montag gefallen ist“, maņdala, maņčka, mandža, maņčka, maņdža (EM, II, 560; EH, I, 782, 783), vgl. dt. der Montag.
⁸⁰ P. Šmits, Latviešu tautas ticējumi, p. 550.
⁸¹ P. Šmits, ebenda.
⁸² О. Н. Трубачев, Происхождение…, S. 46.
141
Page 42Lat. mārika „Name einer Kuh, die an einem Marientag geboren ist“ (EH, I, 792), vgl. lett. Māra „die Jungfrau Maria; Schutzpatronin der Kühe“83.
Lat. pirmala „eine am Montag geborene Kuh“, pirmala, pirmaliņa, pirmula, pirmuža (EM, III, 225, 227; EH, II, 237), vgl. lett. pirmais „der erste“, pirmdiena „der Montag“.
Lat. piektala „Name einer am Freitag geborenen Kuh“, piektala, piektuļa, piektuža, piekūža, piekala, piekča (EM, III, 260, 261; EH, I, 253, 254, 256), vgl. lett. piektis „der fünfte“, piektdiena „der Freitag“.
Lat. pustala „Name einer am Sonnabend (pussvēta) geborenen Kuh“, pustuža (EM, III, 435; EH, II, 334), vgl. lett. pussvēta „der Sonnabend“.
Lat. rītala „Name einer am Morgen geborenen Kuh“, rītala, rītula (EM, III, 540, 541; EH, II, 377), vgl. lett. rīts „der Morgen“.
Lat. sestala „Name einer am Sonnabend geborenen Kuh“, sestala, sestuļa, seška, šeške, sestika (EM, III, 820, 821; EH, II, 478, 479), vgl. lett. sestais „der sechste“, sestdiena „der Sonnabend“.
Lat. svētala „Name einer am Sonntag geborenen Kuh“, svētala, svētula, svētula, svētuža (EM, III, 1154, 1157; EH, II, 616), vgl. lett. svēts „heilig“, svētdiena „der Feiertag; der Sonntag“.
Lat. trešala „Name einer am Mittwoch geborenen Kuh“, trešala, trešele, treška, treške, trešula, trešula, treštala, trese (EM, IV, 231, 232; EH, II, 693), vgl. lett. trešais „der dritte“, trešdiena „der Mittwoch“.
Lat. uotraļa „Name einer am Dienstag geborenen Kuh“, uotruļa, uortuļa, uotala, uōtala, uōtala, uōtala, ūtala (EM, IV, 423, 424, 426; EH, II, 741, 743, 744, 745), vgl. lett. uōtrs „der andere, der zweite“, uōtrdiena „der Dienstag“.
Lat. vakare „Name einer am Abend geborenen Kuh“ (EM, IV, 447; EH, II, 751), vgl. lett. vakars „der Abend“.
Auch im Lettischen gibt es zahlreiche, unterschiedlich weit verbreitete Kuhnamen, die mit einer körperlichen Besonderheit, einer Eigenart, dem Melken usw. dieses Tieres zusammenhängen.
Lat. briedale „Name einer Kuh mit steilen und spitzen Hörnern“, briedaļa, briēdele (EH, I, 243), briēdala „eine elenhaarige (graue) Kuh“, briedule (EM, I, 336, 337), vgl. lett. briēdaļa „die Elenkuh“, briēdis „das Elen“84.
Lat. pipaste „eine Kuh mit kurzem Schwanz“ (EH, II, 235), plg. lat. pipis „die Ecke, der Zipfel eines Getreidesackes; das männliche Glied“ (+aste „der Schwanz“).
Lat. puškala „Name einer Kuh, die ein Haarbüschel zwischen den Hörnern hat“ (EH, II, 336), plg. lat. puškains „mit Fransen besetzt“.
Lat. radze „eine Kuh mit Hörnern“, raguolite „die Kuh“, stāvradze „ein Kuhname“ (EM, III, 463; EH, II, 350, 574), vgl. lett. rags „das Horn“.
Lat. sīkala „ein Kuhname“, sikala „eine Kuh mit kleinen Flecken; ein Kuhname“ (EM, III, 851), plg. lat. sīks „klein, gering“, sikaļa „ein Mädchen von kleinem Wuchs“.
Lat. staltēne „Name einer stattlichen, gut, gefütterten Kuh“ (EM, III, 1042), plg. lat. stalts „stattlich, ansehnlich“.
83 K. Straubergs, Latviešu buramie vārdi, I, Rīgā, 1939, p. 397–402.
84 P. Šmits, Latviešu tautas ticējumi, p. 550.
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Page 43Lat. żemala „Name einer Kuh (die kurze Beine hat); žema guovs“, žemala, žemula, žemlūze „eine Kuh mit niedrigen (kurzen) Füssen“, zemlūza „eine Kuh mit Schaufelohren“ (EM, IV, 707, 712; EH, II, 805), plg. lat. žems „niedrig“.
Lat. barvede „eine Kuh, die sich gewöhnlich an der Spitze der Herde befindet“ (EH, I, 206), plg. lat. barvedis „der erste Mäher, der Anführer“.
Lat. blānde „eine Kuh, die sich von der Herde abzusondern pflegt“ (EH, I, 226), plg. lat. blāndīties „umherschweifen“.
Lett. dīkuļa „eine Kuh, die leise brüllt“ (EH, I, 326), vgl. lett. dīkuļōt „wiederholt laut weinen“.
Lett. dūķna „eine Kuh, die oft (leise) brüllt“ (EM, I, 525), vgl. lett. dūkt „hohl tönen, sausen“.
Lat. duša „beruhigender Zuruf für Kühe beim Melken, der als Benennung einer Kuh aufgefasst wird“, duše, dušina (EH, I, 345), plg. lat. duš „Zuruf der Kühen“.
Lett. ellīka „Bezeichnung für eine unbändige Kuh“ (EH, I, 368), vgl. lett. elle „die Hölle“ <, vgl. vok. zemg. helle (EM, I, 568).
Lett. graule „die Kuh, die graulē“, grāule (EM, I, 639), vgl. lett. graulēt „mit vollem Munde langsam essen“.
Lett. idāla „eine brüllende Kuh“ (EH, I, 499), vgl. lett. īdēt „leise brüllen“.
Lett. kruva „eine unruhige Kuh“ (EM, II, 291), vgl. lett. krūtīes „sich aufdrängen“.
Lett. kuodala „eine bissige Kuh“ (EM, II, 340), vgl. lett. kuōdīt „wiederholt beißen“.
Lett. mīstāvniča „eine unruhige weibliche Person oder Kuh“ (EH, I, 822), vgl. lett. mistīt „Flachs brechen (eigentlich wiederholt treten)“.
Lett. rāmala „ein Kuhname“ (EM, III, 496), vgl. lett. rāms „zahm, still“.
Lett. ramūle „eine Kuh“ (EM, III, 476), vgl. lit. rambūs „träge“ (?).
Lat. spārdala „eine Kuh, die mit den Füssen stösst“ (EM, III, 980), plg. lat. spārdīt „wiederholt mit den Füssen heftig stossen, ausschlagen (von Pferden)“.
Lat. zibsna „eine Kuh, die mit dem Schwanz schnell fuchtelt“ (EM, IV, 717), plg. lat. zibsīt „leuchten lassen, blitzen“.
Lat. žauga „eine Kuh, die wiederholt die Herde verlassend ins Getreide geht, über Gräben springt u.s.w.“, žaukle „eine Kuh, die tollt“, žāuste „eine tollende Kuh“, žāusteve „eine Kuh, die zuweilen die Rolle eines Ochsen spielt“ (EM, IV, 790, 791, 792; EH, II, 817), plg. lat. žauties „klettern, fallen, stürzen“, žautava „ein Mädchen, das in der Nachbarschaft umherzugehen und mit jungen Leuten zu toben pflegt“.
Lat. žņerga „eine Kuh, die nicht recht fressen will“ (EM, IV, 825), plg. lat. žņerģāt „wählerisch sein beim Essen, ohne rechten Appetit essen“.
Lett. agraine „früh gemolkene Kuh“ (EH, I, 4), vgl. lett. agrs „früh“.
Lat. atdiene „eine Kuh, die schon im zweiten Jahre kalbt; eine junge, nicht milchende Kuh“, atdienīte, a(t)daine (EM, I, 154; EH, I, 139), plg. lat. dēt „saugen“, liet. pirmdēle „eine Kuh, die zum ersten Mal gekalbt hat“, skr. dhāyati „saugt“ (EM, I, 154, 465). Labai senos kilmės karvės pavadinimas.
Lett. ciētala „eine Kuh, die längere Zeit nicht gemolken wird“ (EH, I, 278), vgl. lett. ciēts „hart“, vgl. guovs cieta slaukt „schwer zu melken“.
Lat. garpiēna guovs „eine Kuh, die längere Zeit (als üblich) keine Milch gibt“ (EH, I, 386), plg. lat. gars „lang“ + piēns „die Milch“.
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Page 44Lat. pārslaucene „eine Kuh, die nach einmaliger Begattung zwei Jahre nach einander Milch gibt“, pāršlaucine (EM, III, 176; EH, II, 211), plg. lat. pāršlàukt „noch einmal melken“.
Lett. pil(n)piēne „eine frischmilchende Kuh“ (EM, III, 216), vgl. lett. pilns „voll“ + piēns „die Milch“.
Lett. pirm pien e „eine Kuh, die zum ersten Mal milchend geworden ist“, pirmpiena (EM, III, 227; EH, II, 238), vgl. lett. pirmais „der erste“ + piēns „die Milch“.
Lett. riētala „Name einer (milchreichen) Kuh“, riētaliņa, riētala, riēča „Rufname für Kühe“ (EM, III, 544, 549; EH, II, 379), vgl. lett. riētēt „voller werden; zufließen“, guovs neriet „die Kuh gibt keine Milch“.
Lat. semilše (??) „eine Kuh, die nicht von neuen milchend geworden ist“ (EM, III, 816).
Lett. vadala „eine Kuh, die trächtig geworden ist“ (EM, IV, 429), vgl. lett. vadāt „tragend, trächtig sein“.
Lat. ciemala „Name einer Kuh“, ciemala „Name einer Kuh, die von einem anderen Hof gekauft oder hergeführt ist“, ciemuļa (EM, I, 393; EH, I, 277), plg. lat. ciems „das Gesinde, das Dorf“.
Lett. pirceniša „eine gekaufte Kuh“ (EH, II, 236), vgl. lett. pirkt „kaufen“.
Lett. blūzga „eine schlampende Kuh, ein schlampendes Pferd“ (EM, I, 319), vgl. lett. blūzēt „schlampen“.
Lett. kabele „Kosename für Kühe und Stuten“ (EH, I, 572), vgl. lett. kabele „eine alte, magere Stute“ < russ. кобыла (EM, II, 129).
Lat. kaika „eine magere, hässliche Kuh mit langen Beinen, oder ein solches Pferd resp. Schaf“ (EM, II, 132), plg. lat. kaikt „quienen, stümpern“, kaikaris „ein Zerlumper; eine Schindmähre“.
Lat. kandava „eine grosse magere Kuh“ (EM, II, 154), plg. lat. kañdavāt „peitschen, prügeln; polternd bei einer Arbeit (etwas) schlagen, ohne jedoch dabei ernstlich zu arbeiten“ (?).
Lat. kocala „Schimpfname für eine Kuh“ (EH, I, 637), plg. lat. kocis „ein kleiner Sack“ (?).
Lett. kranka „eine schlechte, magere Kuh“ (EM, II, 259), vgl. krānkāins „mager (von Tieren); mit struppigem Haar“. J. Endzelīnas neigt dazu, lett. kranka mit dt. krank „schwach“ in Verbindung zu bringen.
Lat. kvęp̄pa „ein grosses, dickes Tier (z.B. von einer Kuh)“ (EH, I, 690), plg. lat. kvempis „ein fettes, rundliches Ferkel oder ein solches Kind“.
Lett. mitala „Name einer schlechten Kuh oder Stute“ (EM, II, 648) ist wahrscheinlich mit lett. mīt ene „gegerbtes Leder“ oder mit lett. mīt „tauschen“ in Verbindung zu bringen. Zum letzteren Vergleich vgl. lett. mītenis „ein eingetauschtes Pferd; die Schindmähre“ (EM, II, 649).
Lat. pūpala „ein Kuhname“, pūpalina „Kosenname für Kühe“ (EM, III, 448), plg. lat. pūpūols „das Weidenkätzchen; auch fem. als Kosewort gebraucht“.
Lett. skrepstīte „eine magere Kuh“ (EM, III, 891), vgl. lett. skreblis „ein alter, hinfälliger Mann“, skreble „eine alte Jungfer oder Frau“, skrebulis „ein alter Pelz“.
Lett. mūja „die Kuh (in der Kindersprache)“, mūmiņa (EM, II, 678) – Bezeichnungen lautmalerischen Ursprungs.
Lett. nūža „eine Kuh“ (EM, II, 755; EH, II, 29), vgl. lett. nūž „Interjektion zur Beruhigung der Kühe“.
144
Page 45Lat. tprucina „Kosename für eine Kuh“, tpruka, tprušina, tprutala, tprutaliņa (EM, IV, 216, 217; EH, II, 689), plg. lat. trū „Interjektion, gebraucht als Zuruf für Kühe“.
Lett. àrkalė „ein Kuhname“ (EH, I, 129), vgl. lett. arkulītis (?), vgl. mazākais brālis, kuru sauca par arkulīti (?).
Lett. dolkata „Name einer Kuh“ (EM, I, 488), vgl. lett. dalkata „ein Schwätzer“, dolkata. Wörter unklarer Herkunft.
Lett. jurika „der Name einer Kuh, žemkājīte“ (EM, II, 120), vgl. lett. Juris „Georg“, Jura diena „der Georgitag“, jurītis „ein schwächlicher, einfältiger Mensch; schlechter Tabak; der Wolf“ (?).
Lett. maile „ein Kuhname“ (EH, I, 777), vgl. lett. maile „der Weißfisch“ (?).
Lett. pugala „ein Kuhname“ (EH, II, 321), vgl. lett. puga „ein Knopf“, pugulains „abgerundet erhöht, knopfförmig“, pugažiņa „ein kleines Frauenzimmer“ (?).
Lett. purala „ein Kuhname“, puralina (EM, III, 416; EH, II, 327), vgl. lett. purene „Dotterblume“, purainīte (?).
Lett. rege „ein Kuhname“ (EH, II, 363) ist ein Wort unklarer Herkunft.
Lett. rīgala „Name einer Kuh“ (EM, III, 536) ist ein Wort unklarer Herkunft, möglicherweise mit lett. Rīga „Riga“ zu verbinden.
Die in den litauischen Dialekten am weitesten verbreiteten Kuhnamen beziehen sich auf die Farbe des Tieres:
Lit. balnė, bálnė, balnugàrė, balgalvė, vgl. lit. bálnas „weiß, mit weißem Rücken (von einem Stier oder einer Kuh)“.
Lit. baltóji, baltė, baltūika, baltmairgė, baltasnikė, baltakaktė, baltazūbė, balkójė, vgl. lit. báltas.
Lit. blizgė, vgl. lit. blizgėti.
Lit. būròji, būrùtė, vgl. lit. būras „scheckig, grau“ < poln. bury, weißruss. буры.
Lit. ciėkė, ciekkākė (LKŽd., II, 13), vgl. lit. ciėkis „Zeichen, Fleck“ < dt. zechen „Zeichen, Kennzeichen für Pferde“⁸⁵.
Lit. cinkė, cinkakaktė (LKŽd., II, 22), vgl. lit. cinkas „klein gefleckt, mit kleinen Punkten“.
Lit. čėkė (LKŽd., II, 41), vgl. lit. čėkas „bunt, gefleckt“, vgl. dt. zächen „Zeichen“.
Lit. čirvė, vgl. lit. čirvas „Kartenfarbe Herz, Karo“.
Lit. degùtė „schwarze Kuh“, vgl. lit. degùtas.
Lit. dūmė, dūmė „dunkelfarbige Kuh“ (LKŽd., II, 590), vgl. lit. dūmas „rauchfarben“.
Lit. dvylė, dvylóji, dvylūtė, dvylka, dvylmargė, dvylaušė, vgl. lit. dvylas „dunkelrot, braun“.
Lit. juodóji, júodė, juõdė, júočkė, júodenka, juodùtė, juodõlė, juodoika, juodìlė, juodùlė, juodzénkė, juodbalte, júodmargė, juodmárgė, juodmàrgė, juodžalė, juodaušė, juodšõnė, juodarágė, juodnugàrė, vgl. lit. júodas.
Lit. kéršė, keršóji, kéršmargė, kéršlaunė, vgl. lit. kéršas „schwarz mit Weiß gemischt, gescheckt, gestreift“.
Lit. laũkė, laukóji, laukkaktė, laukakaktė, vgl. lit. laũkas „Tier mit weißer Schnauze oder weißer Stirn“.
K. Alminauskis, Die Germanismen des Litauischen, S. 40.85
10. Baltų ir slavų kalbų ryšiai
145
Page 46Lit. margóji, márge, márge, margùtė, margùlė, vgl. lit. márgas.
Lit. pálšė, palšóji, vgl. lit. pálšas „hellgrau“.
Lit. pelėkė, vgl. lit. pelėkas „mausgrau“.
Lit. pilkė, pilknugùrė, pilksmiltė; vgl. lit. pilkas.
Lit. raūdė, vgl. lit. raūdas.
Lit. šėmoji, šėmė, šėmutė, šėmargė, šėmargė, vgl. lit. šėmas „hell- bis bläulichgrau (gewöhnlich von Rindern)“.
Lit. vābuolė „schwarze Kuh“ (Šakyna), vgl. lit. vābalas, dial. vābuolas. Diesen Kuhnamen könnten die Litauer auch aus dem Lettischen entlehnt haben, wo eine schwarze Kuh besonders gern so genannt wird86.
Lit. žalóji, žalė, žalė, žaliukė, žaliukė, žaliamargė, žalausė, vgl. lit. žalas „rötlich (von Rindern)“.
Lit. žirnė „graue Kuh mit schwarzen Punkten“, vgl. lit. žirnis.
Lit. žvaigždė „ein solcher Kuhname“, vgl. lit. žvaigždė.
Ziemlich häufig kommen litauische Kuhnamen vor, die von verschiedenen Pflanzenbezeichnungen, insbesondere Blumennamen, abgeleitet sind:
agràstė (vgl. lit. agràstas), aguona, aguonė, avietė, bijūnė (vgl. lit. bijūnas), dobilė, eglė, grūšė, grūšnė (vgl. lit. grūšnė „Birne“), jazminė (vgl. lit. jazminas), jurginė (vgl. lit. jurginas), kanapė, kvietka, kvietkė (vgl. lit. kvietka „Blume“), lelija, lelijė, liepa, margarita (vgl. lit. margarita „eine solche Blume“), nastūrta, nastūrtka (vgl. lit. nastūrta), pienė, ramùinė, ramùlė, razetė, rožė, rūtà, rūtė, serbenėte (vgl. lit. serbenitas), slyvė (vgl. lit. slyva), spañguolė, vaivōrė (vgl. lit. vaivōrė „Heidelbeere“), vijuolė (vgl. lit. vijuolė „Leberblümchen“), vyšnia, vyš nė, žalrūtė, žemčiūgė (vgl. lit. žemčiūgas), žėmuogė, žibutė, žibė, žibkė.
Es gibt Namen, die von anderen Lebewesen, meist Vogelbezeichnungen, abgeleitet sind: cýrule (LKŽd., II, 28; vgl. lit. cýru lis „Lerche“), gegùtė, genẽlis (vgl. lit. genỹs), krėgždė, musýtė (vgl. lit. mùšė), pémpė, stirna, šárka, šárkė, širšė, vijūnas.
Hier folgen weitere Kuhbezeichnungen unterschiedlicher Herkunft:
Lit. gražūlė „schöne Kuh“ (LKŽd., III, 543), gražuolė, gražūlė, vgl. lit. gražis.
Lit. kryžótė „Kuh, deren Haare kreuzweise wachsen“ (LKŽd., VI, 678), vgl. lit. kryžius.
Lit. dūrklė „eine stechende Kuh“ (LKŽd., II, 641), vgl. lit. dūrti.
Lit. stūmà „eine schwerfällige Kuh“, vgl. lit. stūmti.
Lit. rìeklė „eine magere Kuh“, vgl. lit. rìeklės „Stangen zum Trocknen von Kleidung oder zum Aufschichten von Brennholz“.
Lit. berǧzdinė „eine Kuh, die ständig unfruchtbar ist“, vgl. lit. bergždžias.
Lit. žlibė, vgl. lit. žlibas.
Lit. bùčké „Kuh, die auf den Zuruf tpruk reagiert“ (LKŽd., I, 914), vgl. lit. bùčki „Interj. tpruk (beim Rufen der Kuh)“.
Lit. bùkšė „Kuh, die auf den Zuruf tpruk reagiert“, vgl. lit. bùkšė „Interj. tpruk (beim Rufen der Kuh)“.
Lit. bùbė „Kuh (in der Kindersprache)“ (LKŽd., I, 908), vgl. lit. baūbti.
Lit. bùžė „Kuh (in der Kindersprache)“, bùžė, bužiùkas „Kälbchen“, bužiùlis (LKŽd., I, 1005, 1006), vgl. lit. buzà „buiza“.
Lit. švàika „eine magere Kuh“, vgl. ostpreuß. dt. schweike, ahd. sweiga „Rinderherde“87.
86 P. Šmits, Latviešu tautas ticējumi, p. 550.
87 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1037; E. Schwentner, IF, 70, p. 113.
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Page 47Insgesamt gibt es sowohl in den litauischen als auch in den lettischen Dialekten sehr viele Kuhnamen. Einige davon sind nur in sehr begrenztem Umfang gebräuchlich; es kommen sogar völlig individuelle Namen vor. Die hier angeführte Liste der Kuhnamen ist bei Weitem nicht vollständig, spiegelt aber dennoch die allgemeinen Tendenzen bei der Bildung und Verwendung von Namen für dieses Tier wider.
Eine eigene Gruppe baltischer Bezeichnungen für Kühe wie überhaupt für Rinder bilden die Bezeichnungen für hornlose Tiere88.
Zum Abschluss des Überblicks über die Bezeichnungen für Großvieh ist festzustellen, dass die alten indoeuropäischen Bezeichnungen für diese Tiere in den baltischen Sprachen insgesamt vergleichsweise gut erhalten sind. Die einzelnen baltischen Sprachen haben sie jedoch unterschiedlich bewahrt. Ein Teil der baltischen Sprachen (Litauisch, Preußisch) und die slawischen Sprachen haben eine gemeinsame, etwas jüngeren Ursprungszeit entstammende Bezeichnung für die Kuh. Die baltischen und slawischen Sprachen verfügen über eine nur ihnen eigene Bezeichnung für ein Rinderjunges. Sowohl in den baltischen als auch in den slawischen Sprachen gibt es zahlreiche neue Bezeichnungen für Großvieh, die nur diesen Sprachgruppen oder einzelnen Sprachen eigen sind.
PFERD
Das Hauspferd (Equus caballus) stammt von Wildpferderassen ab. Wahrscheinlich gab es mehrere Zentren der Domestizierung von Wildpferden: in Zentralasien, Südsibirien und Osteuropa. Leichter gebaute Pferde könnten vom Wildpferd Equus Przewalski1 abstammen. Solche Wildpferde entdeckte der russische Reisende N. Prschewalski 1879 in Zentralasien. Auch in Osteuropa gab es noch bis vor Kurzem Wildpferde. So wurde beispielsweise 1878 in der Ukraine das letzte Wildpferd, der „Tarpan“ (russ. тарпан < kirgisisch tarpan „Wildpferd“), erlegt. Wildpferde dieser Art gab es auch in Litauen2. Sie könnten jedoch auch von verwilderten Hauspferden abstammen, wie es in Südamerika der Fall war3. Spuren von Wildpferden, deren Wildheit außer Zweifel steht, wurden auf dem Gebiet der heutigen Estnischen und Lettischen SSR gefunden. Diese Spuren werden auf das 7.–2. Jahrtausend v. u. Z. datiert4. Wildpferde könnten im 5.–4. Jahrtausend v. u. Z. domestiziert worden sein, vielleicht sogar noch später, also später als die anderen von uns behandelten Haustiere.
Ausgehend von sumerischen Zeichnungen ließe sich behaupten, dass Pferde in ihrem Land seit der Mitte des 3. Jahrtausends v. u. Z. bekannt waren5. Andere Forscher neigen dazu, das Auftreten des Pferdes in diesem Land in noch spätere Zeiten zu verlegen – in das 2. Jahrtausend v. u. Z.6
Im alten Babylon wurden Pferde nicht gezüchtet, aber gelegentlich aus den benachbarten Gebirgsgegenden eingeführt. Erstmals wird das Pferd in einem religiösen Text erwähnt, der auf das Jahr 2300 v. u. Z. datiert ist. Pferde waren so selten, dass sie im Codex Hammurapi überhaupt nicht erwähnt werden. Ab 1750 v. u. Z. verbreiteten sich Pferde in diesem Land stark7. In späteren Bearbeitungen von Fragmenten babylonischer literarischer Werke, neben
88 А. Сабаляускас, Aus der Geschichte der Terminologie der Viehzucht in den baltischen Sprachen, — „Probleme der indogermanischen Sprachwissenschaft“, Москва, 1964, S. 59–65.
1 C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, p. 93.
2 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, p. 110.
3 S. Mastaukis, Taikomoji zoologija, Kaunas, 1947, p. 697; K. Паавер, Формирование тернофауны и изменчивость млекопитающих Прибалтики в голоцене, p. 183.
4 К. Паавер, ten pat, p. 180–194.
5 M. Hilzheimer, Haustier, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, p. 220.
6 V. I. Avdijevas, Geschichte des Alten Orients, p. 43.
7 B. Meissner, Haustier, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, p. 221.
10*
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Page 48Neben dem Stier erscheint auch ein anderes Arbeitstier – das Pferd. Aus jener Zeit stammt auch die Fabel „Der Streit zwischen Pferd und Stier“, in der sie über die Vorzüge ihrer Rasse streiten8.
Die alten Ägypter kamen offenbar zum ersten Mal mit Pferden in Berührung, als asiatische Stämme, die „Hyksos“, in ihr Land einfielen. Denn die Hyksos setzten im Krieg bereits Streitwagen ein. Die Hyksos fielen gegen Ende des Mittleren und zu Beginn des Neuen Reiches, im 18.–16. Jahrhundert v. u. Z., in Ägypten ein9. Im Bericht über die Feldzüge des Pharaos Thutmosis III. (1525–1491 v. u. Z.) nach Syrien werden unter der übrigen Kriegsbeute besonders Pferde hervorgehoben, die hier neben „lebenden Gefangenen“, Streitwagen, Gold und Silber genannt werden10.
Die Pferdezucht hatte für die Hethiter eine besonders große Bedeutung. Pferde werden in einer der ältesten hethitischen Inschriften erwähnt, der Inschrift des Königs Anitta. In den hethitischen Gesetzen des 14. Jahrhunderts v. u. Z. heißt es, dass für den Diebstahl eines Rindes, eines Pferdes oder eines Widders eine Strafe verhängt wird, die das Fünfzehnfache des Wertes des gestohlenen Tieres beträgt11.
In der Kunst des alten Assyrien wird kein Haustier so häufig dargestellt wie das Pferd12.
Auch im alten Indien spielte das Pferd eine wichtige Rolle. Dort wurde es besonders für Kriegszwecke eingesetzt: Es wurde vor Streitwagen gespannt. Bei Volksfesten wurden Pferderennen veranstaltet13.
In Homers Epen betreiben einige der Helden – Könige – mit besonderer Vorliebe Pferdezucht. Homer versieht diese Könige häufig mit den Beiworten „reich an Pferden“ und „Pferdebändiger“. Die Pferdezucht spiegelt sich deutlich auch in der bildenden Kunst der Griechen wider14.
Später, als das Pferd zum Reit- und Streitross geworden war, entstand in verschiedenen Ländern der Brauch, den Reiter gemeinsam mit seinem Pferd zu bestatten. Pferde wurden außerdem bei verschiedenen Festen den Göttern geopfert. Ein solcher Brauch war bei den alten Indern, Iranern, Griechen, Slawen, Germanen und Römern verbreitet15. Wie wir später sehen werden, wurden Pferde auch in den baltischen Ländern noch in nicht allzu ferner Vergangenheit geopfert.
Sowohl archäologische als auch verschiedene schriftliche Quellen bieten interessante Informationen über die Pferdezucht in den slawischen Ländern. Unter den auf das 6. Jahrhundert n. u. Z. datierten Funden auf polnischem Gebiet befinden sich bereits Sporen. Der arabische Reisende Ibrahim ibn Yaqub berichtet, dass im 10. Jahrhundert in Prag eine vorzügliche Reitausrüstung hergestellt wurde. Über die Pferdezucht in Russland vor dem 10. Jahrhundert fehlen genauere Angaben. So berichten etwa einige arabische und byzantinische Quellen, dass es in Russland nur wenige Pferde gebe und nur Fürsten Pferde besäßen. Aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts liegen jedoch bereits verlässliche Angaben vor. Damals wurden Pferde in den slawischen Ländern sogar schon für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt16.
8 V. I. Avdijevas, ebenda, S. 102.
9 H. Ranke, Haustier, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, S. 220; M. Hilzheimer, Haustier, — ebenda, V, S. 220; C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, S. 89.
10 V. I. Avdijevas, Geschichte des Alten Orients, S. 225.
11 V. I. Avdijevas, ebenda, S. 310–311.
12 C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, S. 90.
13 V. I. Avdijevas, Geschichte des Alten Orients, S. 544.
14 C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, S. 89; V. S. Sergejevas, Geschichte des antiken Griechenlands, Vilnius, 1955, S. 104–105.
15 O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, I, S. 172, 175; V. I. Avdijevas, Geschichte des Alten Orients, S. 544.
16 W. Hensel, Die Slawen im frühen Mittelalter, p. 81—85; Л. Нидерле, Славянские древности, p. 319.
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Page 49– Auf dem Gebiet Litauens werden neben den Knochen anderer Haustiere auch Pferdeknochen in einer Siedlung aus der Bronzezeit bei Palanga gefunden17. Die im Hort von Baudžiai (Rajon Prienai) gefundenen runden Bronzeblechscheiben sind nach Ansicht der Archäologen Schmuck für Zaumzeug. Dieser Umstand weist darauf hin, dass Pferde damals in Litauen nicht nur zur Fleischgewinnung, sondern auch zum Reiten gehalten wurden18.
Unter den auf das 1.–4. Jahrhundert n. Chr. datierten Funden werden Pferdeknochen neben den Knochen anderer Haustiere recht häufig gefunden. Allerdings machen sie im Vergleich zu den Knochen anderer Haustiere einen recht geringen Prozentsatz aus: auf dem Burgberg von Nemenčinė 2,5%, auf dem Burgberg von Migonys (Rajon Kaišiadorys) 3%, auf dem Burgberg von Dovainonys 18,8%19.
Bei den alten Balten war es sehr verbreitet, ein Pferd zusammen mit seinem verstorbenen Herrn zu bestatten. Auf dem Gebiet Litauens finden sich zahlreiche Gräber, in denen neben dem Reiter auch das Skelett eines verbrannten oder unverbrannten Pferdes und Reste seiner Ausrüstung liegen20.
P. Dusburg berichtet in seiner Beschreibung des Glaubens der Prußen, dass die Litauer und die anderen Ungläubigen ihres Stammes das erwähnte Opfer nach ihren Bräuchen an einem heiligen Ort verbrannten; vor der Verbrennung trieben sie die Pferde jedoch durch so langes Reiten derart an, dass diese kaum noch auf den Beinen stehen konnten.
Im Vertrag von Christburg aus dem Jahr 1249 ist festgehalten, dass die Prußen versprechen, die Toten nicht zu verbrennen und sie nicht mit Pferden zu bestatten. Herman von Wartberg schreibt, dass der litauische Fürst Algirdas feierlich zusammen mit 18 Kriegsrossen verbrannt wurde. Wigand von Marburg berichtet von der Verbrennung Kęstutis’ zusammen mit Pferden, Kleidung, Waffen, Jagdhunden und anderem21.
Bestimmte Reiterwettkämpfe im Baltikum im Zusammenhang mit Bestattungen um 887–901 n. Chr. beschreibt der Reisende Wulfstan22.
Die vom Deutschen Orden unterworfenen Latgallen und Kuren mussten regelmäßige Abgaben „von jedem Pferd“ oder „von jedem Pferd, das die Egge zieht“ entrichten23.
Die Indoeuropäer hatten eine gemeinsame Bezeichnung für das Pferd. In einigen Sprachen ist diese Bezeichnung erhalten geblieben, in anderen sind nur Spuren davon überliefert, und in wieder anderen ist nicht einmal eine Spur davon geblieben. Insgesamt gibt es in den verschiedenen indogermanischen Sprachen sehr viele neue, häufig nur für einzelne Sprachen typische Bezeichnungen für dieses Tier. Das gilt sogar für jene Sprachen, die die alte indogermanische Bezeichnung bewahrt haben. Dieser Wandel der Pferdebezeichnungen hängt meist mit dem Wandel der Funktionen des Pferdes als Helfer des Menschen zusammen.
Hier sind die alten indogermanischen Pferdebezeichnungen, die sich auf eine Grundform zurückführen lassen *eku̯o-s: skr. áśvaḥ, av. aspa-, altpers. asa-, osset. yæfs (mit v-Erweiterung), gr. ἵππος, lat. equus; altisl. iór, altengl. eoh, altir. ech, gall. epo- (Eporēdia, Epona „mulionum dea“),
17 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, p. 109–110; P. Kulikauskas, Lietuvos TSR MA Darbai, S. A, 2(7), p. 33–41.
18 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, p. 110.
19 Ebenda, S. 252–253; K. Paaver i P. Kulikauskas, Acta Baltico-Slavica, 2, S. 271–272.
20 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, ebenda, S. 394–400; J. Jaskanis, Acta Baltico-Slavica, 4, S. 29–65.
21 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, S. 400.
22 Quellen zur Geschichte der Litauischen SSR, I, S. 22–23.
23 Geschichte der Lettischen SSR, I, S. 42.
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Page 50Toch. A yuk, Gen. Sg. ykes, toch. B yakwe (wie auch osset. mit hinzugefügtem y-), lit. ašvà „Stute“²⁴.
H. Pedersen versuchte, auch arm. ēš, Gen. Sg. išoy „Esel“ mit den genannten Pferdebezeichnungen in Verbindung zu bringen²⁵.
Heth. aswa „Pferd“ ist wahrscheinlich ein Lehnwort aus dem Indo-Iranischen²⁶.
Diese idg. Pferdebezeichnung wurde sowohl in der Bedeutung „Pferd“ als auch „Stute“ verwendet. Skr. aśvá „Stute“, lat. e qua, lit. ašvà entstanden neben der allgemeinen Pferdebezeichnung, wie A. Meillet offenbar zu Recht feststellt, in all diesen Sprachen unabhängig voneinander²⁷.
Wie aus den angeführten Beispielen hervorgeht, gibt es diese idg. Pferdebezeichnung in den slawischen Sprachen nicht.
Bestimmte Spuren von idg. *ēḱuos ließen sich möglicherweise in der slawischen Hydronymie erkennen, vgl. russ. Осва, Освей, Освея, Освица, Освина, Осевка, Осова, Осовка. Diese Ortsnamen sind jedoch wahrscheinlich Baltismen²⁸.
Das Verschwinden dieser idg. Pferdebezeichnung aus den slawischen Sprachen lässt sich auf zweierlei Weise erklären. Erstens könnte der Umstand eine Rolle gespielt haben, dass die Slawen erst etwas später als ihre Nachbarn mit Hauspferden vertraut wurden. Die Terminologie der Nachbarn, die die Pferdezucht intensiver betrieben, könnte die slawische Terminologie verdrängt haben. Zweitens lässt sich das Verschwinden der alten idg. Pferdebezeichnung aus den slawischen Sprachen auch mit sprachlichen Gegebenheiten erklären. Idg. *ēḱuos eignete sich als allgemeine Pferdebezeichnung nicht zu den übrigen slawischen Viehzuchttermini, die mit einer Geschlechtsdifferenzierung verbunden waren²⁹.
Idg. *ēḱuos ist in keiner baltischen Sprache mit seiner ursprünglichen allgemeinen Bedeutung „Pferd“ belegt.
In der Bedeutung „Stute“ findet sich die Form ašva im Wörterbuch von K. Širvydas; in sämtlichen Ausgaben steht das Wort jedoch hinter dem Wort kumelė:
Klãžá equa, Stute||Ąbwa (I. Ausg., 54; III. Ausg., 104, 109; V. Ausg., 91, 95)³⁰.
Das Wort ašva findet sich auch in den Wörterbüchern von P. Ruigys und Chr. G. Mielcke. In diesen Wörterbüchern werden die Bedeutungen der Wörter ašva und kumelė unterschieden:
Aßwa, wós, f. eine Stutte großer Art (P. Ruhig, Lex., I, 8; Chr. G. Mielcke, Wb., I, 12)³¹.
Kummélé, és, f. eine. Stutte (P. Ruhig, Lex., I, 70; Chr. G. Mielcke, Wb., I, 134).
Gestütt, Aßwos weislininė, Weislei (P. Ruhig, II, Lex., 174; Chr. G. Mielcke, Wb., II, 231).
Stutte, gemeine, Kummélé, és, f.
24 J. Pokorny, Et. Wb., p. 301; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 20.
25 H. Pedersen, KZ, 50, p. 311.
26 M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 62; H. Kronasser, Vergleichende Laut- und Formenlehre des Hethitischen, p. 229.
27 A. Meillet, Wstęp do językoznawstwa indoeuropejskiego, p. 239–240; BSL, 29, LXIV.
28 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, S. 500; III, S. 536; B. H. Топоров, О. Н. Трубачев, Lietuvių kalbotyros klausimai, 4, S. 197; vgl. ebenda J. Rozwadowski, Studia nad nazwami wód słowiańskich, Kraków, 1948, S. 176–177; M. Rudnicki, Lingua Posnaniensis, 1, S. 268–269; J. Endzelin, ZfslPh, 11, S. 119.
29 О. Н. Трубачев, Происхождение..., p. 51.
30 Dictionarium trium linguarum... Constantino Szyrwid... Quinta editio... Vilnae, 1713 (I leid. 1629 m., III leid. 1642 m.).
31 Ph. Ruhig, Littauisch-Deutsches und Deutsch-Littauisches Lexicon, Königsberg, 1747; Chr. G. Mielcke, Littauisch-deutsches und Deutsch-littauisches Wörter-Buch, Königsberg, 1800.
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Page 51Stutte, große, Abwa, wôs f. (P. Ruhig, Lex., II, 346; Chr. G. Mielcke, Wb., II, 463).
F. Kurschat zufolge ist das Wort ašva aus der lebendigen Sprache bereits verschwunden. Er schreibt: „Stute, die, kumelė, grosse S., nach Mielcke, abwà (sonst unbekannt)“ (F. Kurschat, Wb., II, 217).32
[ašžwa, Subst. f. eine Stute grösserer Art, bei M. (= Mielcke A. S.) u. Bd. (= Brodowski A. S.) jetzt gar nicht mehr gebr. Davon abzuleiten abutai, abutinis s. d.] (F. Kurschat, Wb., 24).33
Die litauischen Sprachdenkmäler zeigen also den Prozess des Verschwindens dieses Wortes: Anfangs wird ašva neben dem Wort kumėlė ohne Bedeutungsunterschied verwendet, später erhält ašva eine spezielle Bedeutung und verschwindet schließlich ganz. Zwar kommt das Wort ašva in der Bedeutung „Stute“ bisweilen auch in späteren Schriftdenkmälern vor, zum Beispiel in der Dichtung von A. Jakštas34, doch ist es hier aus älteren Schriften übernommen und nicht aus der lebendigen Sprache. Solche Belege für die Verwendung des Wortes ašva erweckten bei einigen Linguisten fälschlich den Eindruck, dass im heutigen Litauischen die Form ašva anstelle der altüberlieferten Form ešva verwendet werde35. Die Form ešva findet sich nur in den Schriften von J. Bretkūnas: „Wie ein Hengst wiehern alle ešvas“ (LKŽd., II, 844). Dem Satz nach zu urteilen, wird sie ohne irgendeinen Artunterschied in der Bedeutung „Stute“ gebraucht.
Die Pferdebezeichnungen mit dieser Wurzel in anderen indogermanischen Sprachen zeigen, dass die ältere Form ešva ist. Man kann jedoch nicht kategorisch behaupten, dass J. Bretkūnas’ ešva ein unmittelbares Erbe des indogermanischen *eku̯a sei, denn diese Form könnte auch sekundären Ursprungs sein und sich neben der Form ašva nach dem Muster ešis: ašis, ežeras: ažeras, ešerys: ašerys, eš(u)onis: aš(u)onis36 usw. gebildet haben.
In den žemaitischen Dialekten (Alsėdžiai, Kvėdarna, Luokė, Rietavas) wird das Wort ašvienis in der Bedeutung „Arbeitspferd“ verwendet (es kommt auch die Form ašvienỹs vor, LKŽd., I, 283). Es handelt sich wahrscheinlich um ein früheres Adjektiv, das mit dem Suffix -einja- von den Formen ašva oder *ašvas abgeleitet wurde; vgl. bulbėnis „Kartoffelstängel“, ropienis „Rübenblatt“, miežienis „gerstenartig“ usw.37
Ähnlichen Ursprungs dürfte auch die Form ašviena sein, die sich in der Bibelübersetzung von S. B. Chilinskis findet – Gen. Sg. aszwi(eną) „Stute“ 41813 38.
In der litauischen Presse wurde versucht, das Wort ašvienis in der Bedeutung „Esel“ zu verwenden, vgl. „…ging um den wundersamen ašvienis (Esel) herum“ (Ūkininkas, 1902, Nr. 10, p. 30).
Der alte indogermanische Pferdename hat auch gewisse Spuren in der litauischen Toponymie hinterlassen; vgl. die Gewässernamen Ašvà, Ašvijà, Ašvinė39 sowie die Ortsnamen Ašvėnai, Ašva-raistė40
Mit litauisch ašva werden auch einige andere litauische Wörter in Verbindung gebracht. F. Kurschat verband, wie wir gesehen haben, litauisch ašva mit litauisch ašutai „Haare am Schweif oder an der Mähne eines Pferdes“. Solche von-
32 F. Kurschat, Deutsch-littauisches Wörterbuch, I–II, Halle, 1870–1874.
33 F. Kurschat, Littauisch-deutsches Wörterbuch, Halle, 1883.
34 LKŽd., I, p. 283.
35 M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 62.
36 Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, Vilnius, 1966, p. 121–124; W. R. Schmalstieg, Instituto Orientale di Napoli, Annali, sezione Linguistica, VII, p. 53–59.
37 Pr. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 13, 289; J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, II, p. 213.
38 Cz. Kudzinowski, Biblia Litewska Chylińskiego, III, Poznań, 1964, p. 10.
39 Lietuvos TSR upių ir ežerų vardynas, p. 9.
40 Lietuvos TSR administracinis-teritorinis suskirstymas, p. 623.
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Page 52Die Auffassung zur Herkunft des litauischen Eselsdisteln vertritt auch F. Špechtas41. In jüngster Zeit wird das litauische Eselsdisteln jedoch von vielen Sprachwissenschaftlern mit dem altkirchenslawischen осъто „Distel“, russisch осот usw., aus urindogermanisch *ak- „scharf“42 in Verbindung gebracht. Derzeit ist es schwierig, die eine wie die andere Etymologie sowohl zu widerlegen als auch zu bestätigen.
Möglicherweise hängt auch litauisch „Ribės rubrum; rote Johannisbeere“, ašóklis, ašóklė, ašvóklė, ašvokšlė, vašóklė, vašóklšlė mit der alten idg. Pferdebezeichnung zusammen. K. Būga, der die Herkunft des litauischen ašvóklis so erklärte, stützte sich auf semantische Parallelen: avis: avietė, deutsch Bocksbeere „(schwarze) Johannisbeere“: Bock „Ziegenbock“43. Zu diesen Parallelen lassen sich noch deutsch Roßbeere, perdsbier sowie gotisch aihvatundi „Dornsträucher“ hinzufügen (man nimmt an, dass das erste Glied des gotischen aihvatundi idg. *eḱu- „Pferd“ ist)44.
Im Lettischen ist diese idg. Pferdebezeichnung nicht erhalten geblieben. Doch finden sich auch dort einige Spuren davon, vgl. die Ortsnamen Asva, Asvenieks, Aswing, den Namen des Sees Asva45. Mit geringer Wahrscheinlichkeit lässt sich vermuten, dass auch lettisch aški „Pferdehaar“, aste „Schwanz“ mit dieser Pferdebezeichnung zusammenhängt.
In der prußischen Sprache finden sich recht deutliche Spuren der alten idg. Pferdebezeichnung. Im Elbinger Vokabular ist das Wort Aswinan Kobilmilch verzeichnet (Wort 694)46. Prußisch aswinan ist wahrscheinlich mit dem Suffix -in- von prußisch *asva „Stute“ abgeleitet. Prußisch aswinan muss offenbar als Adjektiv neben dem Wort dadan „Milch“ verwendet worden sein. Somit bedeutet aswinan dadan „Stutenmilch“, vgl. prußisch Ructandadan Suwermilch (= Sauermilch „saure Milch“) (Wort 690 des Elbinger Vokabulars). Von der Bedeutung der Stutenmilch bei den Prußen zeugen verschiedene historische Dokumente.
Mit dieser Pferdebezeichnung sind auch einige prußische Ortsnamen in Verbindung zu bringen, vgl. Asswaylen, Asswene, Assuenus, Asswin, Eswiten47.
Im Elbinger Vokabular begegnet uns noch ein Wort, das ebenfalls mit der hier behandelten Pferdebezeichnung in Verbindung gebracht werden soll — Arwaykis Volle (Wort 434) (Volle „d. h. ein junges Pferd männlichen Geschlechts“). Einige Forscher bringen dieses Wort mit russisch опь „Pferd, Ross“ in Verbindung (arwaykis < ar- „Pferd“ + waykis „Kind“). Man hat auch versucht, aus arwaykis die Form *aswawaykis zu erschließen. Vielleicht ist jedoch die Korrektur von A. Bezzenberger am überzeugendsten: Er ändert arwaykis zu aswaytis. Auch R. Trautmann neigt dazu, dieser Korrektur zuzustimmen. Demnach wäre prußisch arwaykis aus *asva+aitis entstanden, vgl. litauisch Póvilas: Povílaitis, brólis: brólaitis „Brüderchen“, kiaulė: kiaulaitė u. a. Natürlich ist auch die Deutung von A. Bezzenberger zweifelhaft; besonders problematisch ist dabei der Wechsel von s zu r48.
Wie wir sehen, hat der bereits sehr früh in den baltischen Sprachen einsetzende Schwund der alten idg. Pferdebezeichnung im Litauischen, könnte man sagen, bis heute angehalten. Ein ähnlicher Schwund dieser Bezeichnung vollzog sich in vielen idg. Sprachen: die alten Pferde-
41 F. Specht, Der Ursprung der indogermanischen Deklination, p. 36.
42 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 18–19; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 285; J. Pokorny, Et. Wb., p. 19.
43 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 20; Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, p. 189.
44 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 19; J. Pokorny, Et. Wb., p. 301.
45 J. Endzelins, Latvijas PSR vietvārdi, I, 1, p. 45; J. Endzelin, ZfslPh, II, p. 119.
46 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92, 305; Prūsų kalbos paminklai, p. 73.
47 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 12, 34; K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 536; J. Endzelins, Senprūšu valoda, p. 145–146.
48 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 88, 302; J. Endzelins, Senprūšu valoda, p. 144.
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Page 53Die Bezeichnungen wurden von verschiedenen Neubildungen oder Entlehnungen verdrängt. In den slavischen Sprachen ist, wie erwähnt, nicht einmal eine Spur dieser Bezeichnung erhalten geblieben. Im germanischen Zweig haben nur das Altenglische, das Altisländische und teilweise das Gotische eine solche Bezeichnung bewahrt. Hier verbreiten sich: ahd. (h)ros, dt. Roβ, engl. horse, aisl. hross usw., die mit idg. *(s)ker- „springen“⁴⁹ in Verbindung gebracht werden; dt. Pferd < aus mittellat. paraverēdus „Postpferd zum Dienst auf Nebenlinien“⁵⁰, dt. Gaul, das anfangs meist ein schlechtes Pferd bezeichnete⁵¹. Im Griechischen erscheinen φάρας, φαρίον < arab. fāris „Reiter“⁵²; im Lateinischen wird das Wort equus durch caballus verdrängt, das zunächst ein Arbeitspferd oder einfach ein schlechtes Pferd bedeutete⁵³. In den indischen Sprachen treten Wörter unklarer Herkunft auf: skr. ghoṭaḥ, ghoṭakah, pali ghoṭaka – „schlechtes Pferd“, hindi ghoṛā „Pferd“⁵⁴. Neue Pferdebezeichnungen sind offenbar meist zusammen mit dem Wandel der Funktionen dieses Tieres entstanden: durch seine Verwendung zum Reiten, für landwirtschaftliche Arbeiten usw.
In den baltischen Sprachen entstand neben dem alten idg. *ek̑ua eine neue, nur den baltischen Sprachen eigene Pferdebezeichnung – lit. žirgas, lett. zirgs, pruß. sirgis. Die Bedeutung dieser Wörter ist in den einzelnen Sprachen etwas verschieden: Das litauische žirgas bezeichnet ein schönes, gutes Pferd, das lettische zirgs allgemein ein Pferd, das prußische sirgis einen Hengst. Im Lettischen ist die Bedeutung dieses Wortes am jüngsten. Häufig kommt es vor, dass ein in einer Sprache verwendetes Wort einen gewissen poetischen Beiklang hat, in einer anderen dagegen ein gewöhnlicher Gattungsbegriff ist; vgl. arm. ji „Pferd“ < skr. hāya, das nur in den Veden vorkommt und einen poetischen Beiklang hat⁵⁵. Nicht ganz klar ist, ob das prußische Wort die ältere Bedeutung bewahrt hat oder das litauische, obwohl ihre Bedeutungen im Allgemeinen recht nahe beieinanderliegen. So wird beispielsweise selbst im Litauischen žirgas in manchen Dialekten (Dieveniškės, Trakai) in der Bedeutung „Hengst“ verwendet⁵⁶. Diese Pferdebezeichnung dürfte sich in den baltischen Sprachen zu der Zeit durchgesetzt haben, als die Stämme der alten Balten begannen, Pferde in großem Umfang für Kriegszwecke einzusetzen. Diese Annahme könnte vielleicht auch durch die vorhandene Etymologie dieser baltischen Pferdebezeichnung bestätigt werden. A. Leskynas⁵⁷, R. Trautmanas⁵⁸, H. Hirtas⁵⁹, V. Thomsenas⁶⁰ und K. Būga⁶¹ verbinden lit. žirgas mit lit. žirgti, žėrgti; vgl. auch žirgis „kreuzförmiges Fohlen auf dem Dach“, žirgės, žirgiai „gabelförmiger Baum zum Aufhängen und Trocknen eines Pelzes; Stangen zum Trocknen von Klee und Heu“. Die Schwäche dieser Etymologie liegt in der Semantik. Die ursprüngliche Bedeutung von lit. žirgas usw. muss „schnell laufend“ gewesen sein; vgl. lit. žirgt – ein Schallwort zur Bezeichnung eines großen Schrittes. Semantische Parallelen zu dieser baltischen Pferdebezeichnung wären altostslaw. клюся „Fohlen“, altpoln. klusie „Pferd“, tschech. klisna „Stute“: got. hlaupan „laufen“, dt. laufen; altostslaw. скокъ „Springpferd“, russ. скакун, polab. skocáika „Hengst“: russ. скакать „springen“⁶², und ebenso
⁴⁹ F. Kluge, Et. Wb., p. 608; J. Pokorny, Et. Wb., p. 934.
⁵⁰ F. Kluge, Et. Wb., p. 542–543.
⁵¹ F. Kluge, Et. Wb., p. 236.
⁵² C. D. Buck, Dict., p. 168.
⁵³ A. Walde, Et. Wb., I, p. 125.
⁵⁴ M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 361–362.
⁵⁵ B. Порциг, Членение индоевропейской языковой области, p. 239.
⁵⁶ A. Lyberis, Kalbos kultūra, 7, p. 60.
⁵⁷ A. Leskien, Der Ablaut der Wurzelsilben im Litauischen, Leipzig, 1884, p. 358.
⁵⁸ R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 427.
⁵⁹ H. Hirt, BB, 24, p. 259.
⁶⁰ V. Thomsen, Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauisk - lettiske) Sprog, p. 249.
⁶¹ K. Būga, Rinktiniai raštai, II, S. 260.
⁶² О. Н. Трубачев, Происхождение…, S. 55–57; V. Machek, Et. sl., S. 205.
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Page 54ebenfalls bereits erwähnte germanische Pferdebezeichnung — dt. Roß, engl. horse usw.: idg. *(s)ker- „springen“.
J. Mikola verband lit. žirgas mit lat. grex „Herde, Schar, Meute“⁶³. Es gab auch Versuche, diese baltische Pferdebezeichnung mit lit. žėrti und mit arm. jar „Pferdemähne“⁶⁴ in Verbindung zu bringen. Alle diese drei zuletzt genannten Deutungen erscheinen jedoch sehr unglaubwürdig. Am überzeugendsten ist die erste Etymologie (žirgas: žergti).
Unseres Erachtens ließen sich lit. žirgas, pr. sirgis und lett. zirgs – wenn man berücksichtigt, dass ihre ursprüngliche Bedeutung auch „Hengst“ gewesen sein könnte, wie pr. sirgis nahelegt – außerdem mit anord. graar „unkastriert“, graðungr „Zuchtstier, Bulle“, grieðung⁶⁵ vergleichen. Das Suffix -ga- in der baltischen Pferdebezeichnung (bzw. Hengstbezeichnung) könnte sich nach Adjektiven wie *dveigas (: dveigys „zweijähriges Tier“), *treigas (: treigys „dreijähriges Tier“) gebildet haben. Dann wäre pr. sirgis lediglich eine Neuerung des Elbinger Vokabulars anstelle des älteren *zirgas; vgl. im Elbinger Vokabular deywis, dumis, caymis, ragis, snaygis, wilkis usw. anstelle der zu erwartenden Substantive auf -as⁶⁶.
Außer im Elbinger Vokabular (Sirgis Hengest, Wort 430) kommt dieses Wort auch in der prußischen Toponymie recht häufig vor; vgl. Sirgelawck (< sirgis + laucks „Feld, Acker“), Sirgite, Sirgun, Czirgelawken⁶⁷.
Diese Pferdebezeichnung findet sich auch häufig in der litauischen und lettischen Toponymie⁶⁸. Möglicherweise ist aus diesem baltischen Wort auch die finnisch-baltische Bezeichnung für „Stier“ hervorgegangen; vgl. finn. härkä, estn. härg usw.
Wie wir gesehen haben, wurde die gemeineuropäische Pferdebezeichnung durch eine neue, nur den baltischen Sprachen eigene Bezeichnung verdrängt. Diesen Prozess haben wir mit dem Wandel der Funktionen des Pferdes in Verbindung zu bringen versucht. Im Litauischen ging dieser Prozess noch weiter: Hier entstand eine Bezeichnung, die nur dieser Sprache eigen ist, arklys. Dieses Wort entstand, als man begann, neben Ochsen auch Pferde zum Pflügen des Bodens einzusetzen. Ursprünglich bedeutete arklys offenbar ein minderwertiges, vor den Pflug gespanntes, zum Pflügen verwendetes Pferd und könnte in der Verbindung arklys žirgas gebraucht worden sein; vgl. dūonriekis peilis.
Von dem Wort arti ist auch eine weitere, im Litauischen gelegentlich vorkommende Pferdebezeichnung abgeleitet: artùvas „Arbeitspferd“ (LKŽd., I, 261).
Im Lettischen kommt eine Pferdebezeichnung mit dieser Wurzel sonst nicht vor: Die Wörter ārkls, ārklis sowie die Verkleinerungsform ārkliņš werden nur in der Bedeutung „Pflug“ gebraucht. In den von A. Bezzenberger aufgezeichneten lettischen Texten finden wir jedoch die Form ārkls, die auch in der Bedeutung „Pferd“ verwendet wird. An eine Entlehnung aus dem Litauischen kann man in diesem Fall nicht denken, da das erwähnte Beispiel in der Umgebung von Dundaga (im Nordwesten Lettlands, östlich von Limbaži) aufgezeichnet wurde (EM, I, 141). Wahrscheinlich handelt es sich um einen Fehler von A. Bezzenberger.
Die indogermanischen Sprachen haben keine gemeinsame Bezeichnung für ein unkastriertes männliches Pferd. In den einzelnen Sprachen ist diese Bezeichnung auf sehr unterschiedliche Weise gebildet; vgl. span. caballo padre (wörtlich „Vaterpferd“), ngr. ἄλαγο βαρβάτο (wörtlich „bärtiges Pferd“; ursprünglich wurde dieses Attribut (barzdotas) für einen Menschen gebraucht, der kein Eunuch ist, das heißt, der nicht
63 J. Mikkola, AfslPh, 39, p. 14
64 EM, IV, p. 727.
65 J. Pokorny, Et. Wb., p. 441.
66 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 32.
67 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 157–158, 189, 233.
68 Namen der Flüsse und Seen der Litauischen SSR, S. 206; Administrativ-territoriale Gliederung der Litauischen SSR, S. 1021; J. Endzelin, ZfSlPh, II, S. 119.
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Page 55kastriertes, dem ein Bart wächst69, poln. stadnik „Hengst“: stado „Herde“, serb. пастух „Hengst“, bulg. пастух: пастух „Hirte“70, air. (ech-) cullach „Hengst“, bret. marc'h kallo'h (wörtlich „mit Hoden, unkastriert“)71.
Wie die eben erwähnten Bezeichnungen für den Hengst in den keltischen Sprachen scheint auch die baltische Bezeichnung – die litauische und lettische Bezeichnung für den Hengst – semantisch auf dieselbe Weise entstanden zu sein; vgl. lit. eržilas, erzalas, erzēlas, eržilis, eržiokas (LKŽd., II, 835), ergis „junger Hengst“ (LKŽd., II, 827), aržilas „Hengst“ (LKŽd., I, 262), lett. ērzelis, Verkleinerungsformen ērzelēns, ēržuks, ērzehuks (EM, I, 577; EH, I, 374), ēržuks (die Kürze des e und die geografische Verbreitung des Wortes weisen darauf hin, dass diese Form aus dem Litauischen entlehnt ist)72.
Die baltische Bezeichnung für den Hengst wird mit av. arəzi „Hodensack“, Dual ərəzi „Hoden“, arm. orji-k „Hoden“, orji „unkastriert“, miorji „μόνορχις“, gr. ὄρχις „Hode“, alb. herdhe „Hode“, vgl. air. uirgge „Hode, membrum virile“, n. air. uirghe73.
Semantisch stützt auch dt. eržilas eine solche etymologische Deutung, vgl. dt. Bulle „Bulle, Zuchtstier“, anord. boli, engl. bull: gr. φαλλός „Penis“, ahd. ball74.
K. Būga75 verband aufgrund einer semantischen Parallele, mhd. geil „libidinosus“: geile „Hode“, lit. eržilas und gr. ὄρχις „Hode“ mit lit. arškūs „heftig, hitzig, wild; unverträglich, böse“ (vgl. arškūs drigantas, arškūs kumelys) (LKŽd., I, 254), aržūs „heftig, hitzig; hartnäckig; lüstern“ (vgl. aržūs eržilas), aržlūs „ungehorsam, widerspenstig; wild“ (LKŽd., I, 263).
In einigen litauischen und lettischen Dialekten finden wir noch eine weitere, beiden Sprachen gemeinsame Bezeichnung für den Hengst: lit. drigantas, drigōtas, dragantas (LKŽd., II, 427, 488, 489), lett. drigants (EM, I, 498). Einige Forscher (J. Zubatas, H. Peterson) hielten dieses Wort für ein baltisches Erbwort76. Tatsächlich ist seine Quelle jedoch poln. drygant „Hengst“ (ein Wort unklarer Herkunft, das bereits in polnischen Sprachdenkmälern des 16. Jahrhunderts belegt ist)77. Die geografische Verbreitung des lettischen Wortes lässt darauf schließen, dass die Letten es über die Litauer übernommen haben könnten. Formen wie lit. dragañtas, lett. drigals „unruhiges Kind, Raufbold“ entstanden in diesen Sprachen unter dem Einfluss anderer Wörter78.
Im Lettischen und Litauischen finden wir auch eine weitere, fremden Ursprungs stammende Bezeichnung für das Pferd, die im Lettischen auch in der Bedeutung „Hengst“ gebraucht wird – lett. rumaks, rumāks „ein Beschäler (Hengst)“, rumaks „ein Pferd“, rumāks „ein schwerfälliges Lastpferd“, rumāks „ein dunkelgelbes oder bräunliches Pferd“ (EM, III, 557; EH, II, 383), vgl. auch rumaks „ein breitschultriger Bursche“. Lit. rumōkas „Beipferd (Handpferd)“ kommt in den Wörterbüchern der ostpreußischen litauischen Sprache vor und weist auf weitere Kontakte mit dem Polnischen hin
69 C. D. Buck, Dict., p. 81, 169.
70 О. Н. Трубачев, Происхождение..., p. 60.
71 C. D. Buck, Dict., p. 162.
72 EH, I, p. 370.
73 J. Pokorny, Et. Wb., p. 782; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 123; R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 71; K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 153; J. Zubatý, BB, 18, p. 259; J. Scheftelowitz, BB, 28, p. 299—313.
74 F. Kluge, Et. Wb., p. 110.
75 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 355; III, p. 780.
76 J. Zubatý, BB, 17, p. 324; H. Petersson, Arische und armenische Studien, Lund, 1920, p. 79.
77 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 151; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 105; A. Brückner, Sl. et., p. 99.
78 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 105; EM, I, p. 498.
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Page 56in den Mundarten, die diese Sprache aufweisen. Die Quelle dieses Wortes ist poln. rumak „Pferd, Streitross, argamākas“79. Das polnische rumak ist seinerseits ein Wort türkisch-tatarischer Herkunft80. Diese Pferdebezeichnung könnte auch über das Litauische ins Lettische gelangt sein.
Auch lett. og’eris „der Hengst“ (EH, II, 117) ist slawischer Herkunft, vgl. poln. ogier. In den baltischen Sprachen, zumindest im Litauischen und Lettischen, finden wir eine gemeinsame Pferdebezeichnung, die mit verschiedenen Suffixen sowohl für das weibliche als auch für das männliche Pferd verwendet wird; vgl. lit. kumėlė „Stute“, kumelys „herangewachsenes Pferd; Hengst“, kumeliūkas „Fohlen“ (LKŽd., VI, 866, 867, 868, 870), lett. kumelš „Hengst; schönes Pferd“, kumelis, kumelīce „tragende Stute“, kumeliņš „Fohlen“ (EM, II, 311; EH, I, 673–4). Sowohl im Litauischen als auch im Lettischen werden diese Wörter mit den verschiedensten Suffixen verwendet, die ihnen jeweils eine bestimmte Bedeutungsnuance verleihen.
Die Herkunft dieser Wörter ist bislang recht unklar. Unter den Sprachwissenschaftlern ist die Etymologie von J. Charpentier am weitesten verbreitet, wonach lit. kumelys und lett. kumelš mit skr. kumarāḥ „Jüngling“81 verbunden werden. Diese Etymologie weist jedoch ihre Mängel auf. Zunächst ist bereits die Herleitung von skr. kumarāḥ aus *kum-elō- zweifelhaft. Zweitens bieten auch die Bedeutungen des Sanskritwortes keine ausreichende Grundlage für einen solchen Vergleich. Skr. kumarāḥ kann „Kind“, „Junge“, „Sohn“, „Prinz“ bedeuten, vgl. skr. kumārī „Mädchen, Tochter“. Die Grundbedeutung des Sanskritwortes war, wie M. Mayrhofer angibt, wahrscheinlich „nicht fest, zart, schwach“, vgl. ved. kumārā-deṣṇa „hinfällige Gaben vorleihend“82.
J. Pokorny83, der wohl als Erster die erwähnte Etymologie von J. Charpentier widerlegte, versuchte, die Herkunft von lit. kumėlė und dessen Verwandten anders zu erklären. Seiner Ansicht nach könnte lit. kumėlė ursprünglich „kastriertes Pferd“ bedeutet haben; das Wort wäre somit eine sekundäre Ableitung von kumelys, für das eine solche Semantik durchaus möglich ist. Weiter rekonstruiert J. Pokorny für diese baltische Pferdebezeichnung die Urform *kom- und verbindet sie mit slav. ko-molъ „hornlos“. In beiden Fällen wäre die ursprüngliche Wortbedeutung „beschnitten“. J. Pokorny neigt dazu, auch pruß. camnet „Pferd“ und lit. kamienas mit diesen Wörtern zu verbinden. Uns scheint, dass J. Pokornys Erklärung recht überzeugend wäre, wenn die ursprüngliche baltische Wortform *kumas gewesen wäre. Tatsächlich hält J. Pokorny lit. kūmė „Stute“ für die Grundform. Lit. kūmė ist jedoch eine rückgebildete Form, entstanden aus ku-mėlė, ebenso wie aus barsūkas (vgl. ostlit. борсук < türk. barsuk) barsas entstand, aus gegūtė — gėgė usw.84
Lit. kumėlė, kumelys wird auf verschiedene Weise mit slav. komonь in Verbindung gebracht (vgl. russ. КОМОНЬ „Pferd“, tschech. komoň „Pferd“), sowie mit konь (vgl. russ. конь, poln. koń). Tatsächlich ähneln sich diese Wörter äußerlich sehr, und ihre Bedeutungen stimmen völlig überein. Ihre Verwandtschaft lässt sich bislang jedoch nicht beweisen85.
Sehr unklar ist auch pruß. camnet „Pferd“. Dieses Wort findet sich im Glossar von S. Grunau (41 Wörter), in dem die prußischen Wörter bekanntlich besonders stark entstellt sind. El-
79 A. Brückner, Die slavischen Fremdwörter im Litauischen, Weimar, 1877, p. 128; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 748.
80 A. Brückner, Sl. et., p. 468.
81 J. Charpentier, KZ, 40, p. 435; IF, 25, p. 246.
82 M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 232–233.
83 J. Pokorny, KZ, 56, p. 130–133.
84 P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, p. 21–22; A. Augstkalns, StB., 4, p. 63–65.
85 A. Brückner, Sl. et., p. 253–254; V. Machek, Et. Sl., p. 216; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 309; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 609, 618; E. Berneker, Et. Wb., p. 555; O. H. Трубачёв, Происхождение…, 50–52; EM, II, p. 311.
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Page 57Im Elbinger Glossar, in dem der Reihe nach nicht weniger als sieben Bezeichnungen für verschiedene Pferdearten aufgeführt sind, findet sich eine solche Bezeichnung nicht. Dass die Schreibung camnet missglückt ist, zeigt sich auch an der den baltischen Sprachen fremden Endung. Daher lässt sich in diesem Fall prußisch camnet auf verschiedene Weise berichtigen und sowohl mit slavisch komonъ als auch mit litauisch kumelys verbinden, obwohl prußisch camnet ansonsten doch am ehesten an slavisch komonъ erinnert86.
Sehr kompliziert ist die Frage nach einer anderen Pferdebezeichnung, die vielleicht ebenfalls in allen drei baltischen Sprachen gebraucht wurde: litauisch kėve „schlechtes, mageres Tier; Klepper“, kie-vė „schlechte Stute“, kėvinas „schlechtes Pferd, Klepper“, kėvis, keivis (LKŽd., V, 496, 672, 677, 766)87, lettisch kėve „Stute“, kėve, kėva, Verkleinerungsformen: kėvele, kėve-lite, kėvene, kėvene, kėvens, kėvens, kėvėna, kėvenice, kėvine, kėvka, kėvelėns (EM, II, 377; EH, I, 700–1), prußisch kaywe „Stute“ (Wort 433 des Elbinger Glossars)88. Zunächst ist klar, dass es sich nicht um ein gemeinsames Wort aller drei baltischen Sprachen handelt, denn der Konsonantismus des lettischen Wortes zeigt, dass es im Lettischen ein Lehnwort ist. Zweitens ist sehr unklar, ob die prußische Bezeichnung für eine Stute tatsächlich ein Wort derselben Wurzel ist wie litauisch kėvė und lettisch kėve.
Bei einem Überblick über die litauischen Varianten dieser Bezeichnung fällt sofort der ungewöhnliche Vokalismus der Wurzel auf: -ė-, -ie-, -ei-. Schon A. Bezzenberger verband bei seiner Erklärung der Herkunft von prußisch kaywe das prußische Wort mit einer vermeintlichen Form des litauischen Wortes, *kievė89. A. Bezzenbergers Auffassung wiederholt auch R. Trautmann90. K. Būga schreibt in einem Brief an J. Endzelīns vom 13. Mai 1910 über das Werk R. Trautmanns unter anderem: „südlt. *kėve XII, 142 ist ein Produkt guter Phantasie“91. Wie wir sehen, steht die Form, die A. Bezzenberger einst angenommen hatte, inzwischen bereits im „Wörterbuch der litauischen Sprache“. Dennoch scheint uns, dass K. Būga mit seiner Behauptung recht hatte, eine solche Form sei ein Produkt der Phantasie. Formen mit -ie- sind in jenen Gegenden Litauens aufgezeichnet, in denen ė > ie (Ignalina, Vidiškės), oder in deren Nähe (Daugėliškis), wo das Wort kievė neben dėdė oder tėvas als sporadische Erscheinung aus einer benachbarten Mundart vorkommen kann. Auch die Form keivis ist wahrscheinlich nicht echt, da sie nur ein einziges Mal in der Umgebung von Klaipėda aufgezeichnet wurde, vielleicht anstelle eines nicht richtig verstandenen kėvis. Zwar könnte hier auch ein sporadischer Wandel von ė zu ei vorliegen, wie er mitunter in der Mundart der Fischer an der Kurischen Nehrung und in den livischen lettischen Mundarten vorkommt92. Somit ist die glaubwürdigste litauische Form dieser Bezeichnung kėvė (mit dem Wurzelvokal ė).
In jüngster Zeit vertreten viele Sprachwissenschaftler, genau genommen meist Forscher der Beziehungen zwischen finnischen und baltischen Sprachen, die Ansicht, dass die Letten dieses Wort aus dem Livischen entlehnt haben, vgl. livisch kėv „Stute“, während die Litauer es ihrerseits aus dem Lettischen entlehnt und die Bedeutung verändert hätten93. Dieser Auffassung neigt teilweise auch J. Endze-
86 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 189; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 352.
87 A. Lyberis, Kalbos kultūra, 7, p. 60–61.
88 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 88.
89 A. Bezzenberger, BB, 23, p. 318; 27, p. 168.
90 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. XII, 142, 351.
91 K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 820.
92 J. Gerullis ir Chr. Stang’as, Lietuvių žvejų tarmė prūsuose, Kaunas, 1933, p. 5–6; Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, p. 75; J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 138–139; M. Rudzīte, Latviešu dialektoloģija, Rīga, 1964, p. 150–166.
93 V. Thomsen, Samlede Afhandlinger, IV, Köbenhavn, 1931, p. XI; I. H. Toivonen, Finnisch-ugrische Forschungen, 20, p. 144; J. Mikkola, Izglītības Ministrijas Mēnešraksts, 1930, 2, p. 443.
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Page 58Lynas94, zuvor hielt man lett. Stute für einen Litauismus (...wohl aus li. kēve „кляча“95. Auch D. Zemzarė96 betrachtet lett. Stute als Litauismus. Bei der Beurteilung der Herkunft des lit. Stute und lett. Stute scheint uns der Ursprung der prußischen Form kaywe eine sehr wichtige Rolle zu spielen. Wenn die Letten ihr Wort von den Liven und die Litauer es von den Letten übernommen haben, könnten wir von keinerlei Zusammenhang der prußischen Form kaywe mit den genannten litauischen und lettischen Wörtern sprechen, denn einen solchen Vorgang kann man sich chronologisch nur schwer vorstellen; außerdem ist es den Balten insgesamt nicht eigen, landwirtschaftliche oder viehwirtschaftliche Begriffe von den Ostseefinnen zu entlehnen – viel häufiger ist der umgekehrte Vorgang.
Dass diese Pferdebezeichnung keine Entlehnung aus dem Livischen ist, scheint auch die Tatsache zu zeigen, dass lit. kēvē unserer Ansicht nach eine sehr überzeugende Etymologie hat. E. Fraenkel verbindet dieses Wort mit pruß. keuto „Haut“, lit. kēvalas usw.97 Zu E. Fraenkels Etymologie lassen sich in vielen Sprachen verschiedene semantische Parallelen finden, vgl. lit. skūrā „schlechte Stute, schlechtes Pferd“, skūrinis „schlechtes Pferd“: lit. skūrā „Haut“ (< weißruss. скупа), lit. lūpena „schlechtes Pferd“: lit. lūpti, lett. ādnieks „schlechtes Pferd“: lett. āda „Haut“, russ. одёр „schlechtes, träges Pferd“: russ. драть „schinden, abhäuten“, dt. Schindmähre „schlechtes Pferd“: dt. schinden „schinden, abhäuten“98.
Pruß. kaywe verbanden, wie erwähnt, A. Bezzenberger und R. Trautmann mit lit. *kiēvē. Pruß. kaywe könnte jedoch sogar aus litauisch kēvē hervorgegangen sein. Den Vokalismus des Wortstamms im Prußischen könnte man vielleicht als einfachen Abschreib- oder Schreibfehler anstelle von *kiewye oder *keywe betrachten; vgl. Plēynis im Elbinger Vokabular (38. Wort): lit. plėnys, pleynis (75. Wort): lit. plėnis, plėvė. In der Schreibweise des Elbinger Vokabulars scheint -y- bisweilen die Länge des vorangehenden Vokals bezeichnet haben zu können99. Schließlich könnte dieses -y- beim Abschreiben durch die benachbarten Sweykis, Arwaykis entstanden sein.
J. Endzelīns bezweifelt offenbar mit Recht A. Bezzenbergers Verbindung von pruß. kaywe mit lit. kaimenē „Herde“, denn kaimenē bedeutet nicht „Pferdeherde“, sondern allgemein „Dorftiere“. J. Endzelynas' Versuch jedoch, pruß. kaywe zu *kanwe zu ändern und mit slav. konb „Pferd“ zu verbinden, wobei er vermutet, dass -vė dieselbe Endung sei wie im litauischen Wort kārvė, ist sehr wenig überzeugend. Genau genommen behauptet J. Endzelynas dies auch nicht kategorisch (Varbūt...)100.
Somit dürfte die zuverlässigste Hypothese vielleicht sein, dass kēvē zunächst im litauischen Sprachraum mit der Bedeutung „schlechte Stute“ entstand und dann aus dem Litauischen mit der allgemeineren Bedeutung „Stute“ ins Prußische und Lettische gelangte.
Im Lettischen finden sich recht ungewöhnliche Formen der genannten Pferdebezeichnung: kāvē „Pferd“ (Vecaucē), kāvele „eine abwertende Bezeichnung für ein Pferd oder eine Stute“ (Lubana, Meiranai, Cesvaine, EH, I, 575). Den Diphthong -ai- in diesen Wörtern sollte man eher als Ergebnis einer Substitution erklären, da in lettischen Wörtern nach -k- normalerweise keine Vorderzungenvokale auftreten.
In den baltischen Sprachen gibt es sehr viele verschiedene Pferdebezeichnungen, die meist nur für einzelne Sprachen dieser Gruppe charakteristisch sind. Diese Bezeichnungen kennzeichnen gewöhnlich irgendeine Eigenschaft des Pferdes und haben eine abwertende oder liebevolle Bedeutungsnuance.
94 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 187.
95 EM, II, p. 377.
96 D. Zemzare, Latviešu vārdnīcas, Rīgā, 1961, p. 45.
97 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 248.
98 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 58; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 254.
99 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 26; FBR, XII, p. 148; XV, p. 101.
100 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 187.
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Page 59Lit. kūinas „ein kümmerliches, mageres, schwaches Pferd; ein Klepper“ findet sich bereits im Wörterbuch von K. Širvydas (in der dritten Ausgabe von 1642):
Szk apá Caballus tardus Kuynas Szkapi Caballinus Kuyniβkas Szkapinė (Caballinus caro. Arkliena) kuy nėna. (Dict., 436).
In einigen litauischen Dialekten wird das Wort kūinas als Adjektiv in der Bedeutung „gehörnlos“ verwendet (vgl. kūinas veršis, kuinà kárvė, Daugelìškis, Tverečius). Das Wort kūinas „schlechtes Pferd“ wird dort nicht verwendet; stattdessen gebraucht man kėvė. K. Būga erkennt einen ähnlichen Übergang eines Substantivs zum Adjektiv auch bei lit. taūras, taurùs „rechtschaffen, gut, geeignet“: taūras „Wildrind (Bos primigenius)“¹⁰¹. Im Litauischen ist eine solche Bezeichnung für ein schlechtes Pferd weit verbreitet: Sie wird in der Standardsprache verwendet und ist in einem großen Teil der Dialekte belegt. Die anderen baltischen Sprachen kennen sie jedoch nicht. Neben kuinas kommt auch die Variante kūlnas (LKŽd., VI, 844) vor, ebenso škūina (Kapsukas, Tirkšliai). Das Wort kūinas sollte man wohl mit anderen baltischen Pferdebezeichnungen verbinden, die diesem Wort sehr ähneln.
Das sind lit. kūika „eine magere, kümmerliche Stute, ein Klepper, ein Kuinas“, kuikas, kūikė, kūikė (LKŽd., VI, 779), lett. kūika „schlechtes Pferd“ (EM, II, 300). Mit diesen Bezeichnungen sollte man wohl auch pruß. paustocaican < pausto „wild“ + caican „Pferd“ (Wort 654 des Elbinger Vokabulars)¹⁰², lett. kaikaris „Kuinas, schlechtes Pferd“ (EM, II, 132), lit. kaikaras „sehr großer Mensch; Faulpelz“ verbinden, vgl. ferner lit. kaikaruoti „verenden, zugrunde gehen“ (LKŽd., V, 48). E. Fraenkel verbindet diese Wörter weiter mit skr. kekarah „schielend“, lat. caecus „blind“, ir. caech „einäugig“, got. haihs „einäugig“¹⁰³. Das Auftreten des Wurzelvokals -ui- in den litauischen Wörtern kūinas, kūika erklärt er mit der negativen Bedeutungsfärbung dieser Wörter. Diese Etymologie ist insgesamt jedoch recht zweifelhaft. Unseres Erachtens können die baltischen Wörter auf ganz andere Weise entstanden sein: Vielleicht sollte man sie mit lit. keipti „kümmerlicher, schwächer, magerer werden“, kaipti „schwinden, schwächer werden; ohnmächtig werden“ verbinden. M. Mayrhofer bezweifelt sehr, dass auch skr. kekarah neben den bedeutungsgleichen kedara-, teraka- mit lat. caecus u. a. verwandt ist.¹⁰⁴
Lit. škūika „schlechtes Pferd“ ist ebenfalls mit kūika zu verbinden. Das š- könnte wie im Wort škūina durch Kontamination mit škapà oder einem anderen Wort entstanden oder einfach als eine Art expressiver Verstärkung hinzugefügt worden sein (vgl. kabálda: škabálda „jemand, der hinkend geht“, kūnka: škūnka „ein ausgemergelter Mensch oder ein ausgezehrtes Tier“)¹⁰⁵. Zu derselben Gruppe gehören auch lit. kūika, škūika.
Viele Bezeichnungen für ein schlechtes Pferd sind im Litauischen auf dieselbe semantische Weise entstanden: Sie gehen auf Wörter zurück, die „zu Ende gehen, verenden, zugrunde gehen“ oder schlicht „Körper eines verendeten Tieres“ bedeuten. Diese Bezeichnungen werden gewöhnlich nicht nur für Pferde, sondern auch für andere alte, schlechte Tiere verwendet. Folgende gehören ihrer Herkunft nach hierher:
Lit. baigėna, baigliena, baigšėna, vgl. lit. baigtis „zugrunde gehen, sterben“.
101 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 297; II, p. 318, 635; A. Сабаляускас, Проблемы индоевропейского языкознания, Москва, 1964, p. 63.
102 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 91, 391; Prūsų kalbos paminklai, p. 72.
103 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 202.
104 M. Mayrhofer, Et. Wb., I, p. 264.
105 Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, p. 191–192.
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Page 60Liet. diẽngalis, dienagalỹs, dienãgalis (LKŽd., II. 346, 347) < liet. dienà + gãlas, plg. lat. diengalis „ein altes, durch zähes Leben sich auszeichnendes Wesen“ (EM, I, 483).
Lit. dvasnà, dveskà, dvėšlyna, dvėšena, núodvasa (LKŽd., II, 672, 679, 680); vgl. lit. dvėsti „verenden“, dvasnà „Kadaver eines verendeten Tieres“, dvėšena.
Lit. gaišena, gaištaras, gaištara, núogaiša (LKŽd., III, 37–8, 41); vgl. lit. gaišti „zugrunde gehen“, gaišena „Kadaver eines verendeten Tieres“.
Lit. maità; vgl. lit. maità „Kadaver eines verendeten Tieres“.
Lit. Aas, vgl. lit. Aas „Kadaver“ < poln. Kadaver.
Lit. pùolena; vgl. lit. pùlti „zugrunde gehen“, pùolena „Kadaver eines verendeten Tieres“.
Lit. spróg ena, núosproga; vgl. lit. sprógti „verenden, sterben“.
Lit. stipena; vgl. lit. stipti, stipena „Kadaver eines verendeten Tieres“.
Auf ähnliche Weise entstand auch eine weitere Gruppe litauischer Bezeichnungen für ein schlechtes Pferd:
Lit. kuìbena, kùiba (LKŽd., VI, 778), vgl. lit. kuibina „aus einem Schienbein gefertigtes Schuhwerk; Bastschuh“ < lett. kuìba, kuìbena „von den Beinen eines Tieres abgezogene Haut; Schuhwerk aus solcher Haut“, vgl. est. koib „Bein“¹⁰⁶.
Lit. lùpena, lupsnà, lupynà, lùpeta, lupýnė, lùpkė; vgl. lit. lùpti „abziehen, die Haut abziehen“, lùpena „abzuschälende Rinde, Schälstück“.
Lit. skùrdà, skùrinis, vgl. lit. skùrà „Haut“ < balt. скупа.
Zur selben semantischen Gruppe gehören:
Lett. âdiniẽks, âdnieks, âdenis, âdeniẽks, âdenica, âdminis (EM, I, 236; EH, I, 192); vgl. lett. âda, lit. óda.
Lit. kalabãnas (LKŽd., V, 100); vgl. lit. kalabãnas „Klumpfuß“.
Lit. kaplỹs (LKŽd., V, 238); vgl. lit. kaplỹs.
Lit. kybelka „Tier (gewöhnlich ein Pferd) mit schief sitzenden, unsicheren Beinen“ (LKŽd., V, 720); vgl. lit. kìbelkos „scherzhaft: Beine“.
Lit. kluknà (LKŽd., VI, 165), vgl. klukšėti „quaken“, kluknoti „mit Schlucken trinken“.
Lit. klùmpis (LKŽd., VI, 171), vgl. lit. klùmpis „ein schlaffer oder nachlässiger Mensch“.
Lit. kramùkas „ein ganz kleines, langsames Pferd“ (LKŽd., VI, 418), vgl. lit. kramas „ein alter, gebrechlicher Mensch, ein Schläfer“, kramùila „jemand, der klein und nicht ausgewachsen ist“.
Lit. kriklà „ein mageres Pferd“ (LKŽd., VI, 580), vgl. krikti „schwach werden“.
Lit. kriòkas „ein großer, untauglicher, unbeholfener Mensch oder ein Pferd“, kriókis (LKŽd., VI, 602, 603), vgl. lit. kriòkti.
Lit. kùlčius „ein faules Pferd“, kùltena „ein abgetriebenes Pferd, ein Klepper“ (LKŽd., VI, 821, 850), vgl. lit. kùlti „schlagen, prügeln“.
Lit. lapatkis (LKŽd., VII, 142), vgl. lit. lapatúoti „schwerfällig und unbeholfen gehen“, lapatókas „ein nachlässiger Mensch“, lapònas, lapnòtis „einer, der schlurft (vom Pferd)“.
Lit. lòbeda, lòbena (LKŽd., VII, 637), vielleicht ist es mit lit. lėbeda „ein schlaffer, unbeholfener Mensch, ein Tölpel“ zu verbinden.
Lit. susnà, vgl. lit. sùsti „austrocknen“.
Liet. klėperis (LKŽd., VI, 50) < vok. Klepper.
Lit. krãgas (LKŽd., VI, 395), krãkas, strėkas, škrãkas könnten aus dem Deutschen oder Lettischen entlehnt sein, vgl. dt. dial. Kracke, Kragge107, lett. krãģis, skrãģis.
106 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, S. 296; EM, II, S. 300.
107 F. Frischbier, Preussisches Wörterbuch, I, S. 416.
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Page 61Die genannten litauischen Sprachbeispiele finden sich im Memelland. Auch die Letten haben solche Bezeichnungen für ein schlechtes Pferd aus dem Deutschen übernommen.
Lit. lušokas <poln. łoszak (LKŽd., VII, 712).
Lit. škapà <poln. szkapa. Wahrscheinlich ist auch lit. škabàrda desselben Ursprungs.
In den lettischen Dialekten finden wir außerordentlich viele Bezeichnungen für ein „schlechtes Pferd“ unterschiedlichen Ursprungs:
Lat. ābideris „ein mageres Pferd“, plg. lat. ābideris, ārd̄bilis „ein gabelartiges Werkzeug, mit dem man die Darrbalken von einander stösst“ (ārds + bīdīt) (EH, I, 191; EM, I, 241).
Lett. begis „ein altes Pferd“ (EH, I, 211). Die Herkunft ist unklar.
Lett. bèmbelis „ein steifes, faules Pferd“ (EM, I, 278, 279; EH, I, 212), vgl. lett. bèmbelis „ein Schimpfwort“, bemberis „ein knotiger Baum“, lit. bembys, bamblys.
Lett. bestis „ein altes Pferd“, beškis „ein Pferd“ (EM, I, 281). J. Endzelīns neigt dazu, die Wörter aus dem Slavischen bestija abzuleiten.
Lett. blànkāns „ein träges Pferd“ (EH, I, 226) sollte vielleicht mit lett. blenkt „gaffen“ in Verbindung gebracht werden.
Lett. cōbikis „ein Schindmähre“ (EH, I, 279), vgl. lett. cōbliņš „ein langsamer Mensch“.
Lett. cā pāns „ein altes, hinfälliges Pferd“, cāpis „ein träges Pferd“ (EM, I, 408; EH, I, 285), vgl. lett. cāpāt „langsam gehen“, cā pūlis „jemand, der langsam geht“.
Lett. cāpris „ein altes, schlechtes Pferd“, vgl. lett. cāprs „schlecht, elend“ (EM, I, 404).
Lett. cēmbris „ein altes, schlechtes Pferd“ (EM, I, 409). J. Endzelīns neigt dazu, das Wort mit dem kurischen *cembris zu verbinden, vgl. lit. kēmbras „mager, abgemagert“.
Lett. drēberis „ein großes, mageres Pferd; ein schnelles, feuriges Pferd“ (EM, I, 497; EH, I, 333). J. Endzelīns neigt dazu, das Wort aus dem Deutschen Traber „Läufer; Pferd mit gutem Trab“ abzuleiten.
Lett. kačāps „ein mageres Pferd“ (EH, I, 572) stammt wahrscheinlich von einer ethnischen Bezeichnung mit abwertender Bedeutung.
Lett. kāibala „schlechte Stute“ (EH, I, 573) ist wahrscheinlich aus russ. кобыла umgebildet.
Lett. kaīkaris „eine Art Pferd; eine Schindmähre“ (EM, II, 132), vgl. lett. kaīkaris „ein Zerlumpter, ein Habenichts“, lit. kaīkaras „ein sehr großer Mensch; ein Faulpelz, Landstreicher“.
Lett. kaņa „ein Pferd“ (EH, I, 585); J. Endzelīns leitet es aus russ. конь her. Lett. kanēris „eine Schindmähre“ (EH, I, 584), vgl. lett. kaneris „ein Hase“, könnte manchmal auch eine Umformung von russ. конь sein.
Lett. kankans „ein schlechtes Pferd“, kankāns „ein großes, mageres Pferd“ (EM, II, 155, 156), vgl. lett. kankāt „mit großen, müden Schritten gehen, traben“, lett. kankāns „etwas Großes, Schweres, Weiches“.
Lett. kārkis „ein altes Pferd“, kākis (EM, II, 197), sollte man vielleicht mit lett. kārkis „der Haken“, kākis in Verbindung bringen.
Lett. kāsis „eine Schindmähre“ (EH, I, 606); J. Endzelīns neigt dazu, es mit lett. kāsis „der Haken“ in Verbindung zu bringen. Für eine solche Verbindung spräche auch unsere Deutung der Herkunft von lett. kārkis.
Lett. keņcītis „ein schlechtes Pferd“ (EM, II, 365), vgl. lett. keņcis „der Schmaderer, Trödler“.
11. Baltų ir slavų kalbų ryšiai
161
Page 62Lett. klām̄pa „eine Schindmähre, ein altes, steifes Pferd, ein lahmes Pferd“, klam-pis „ein altes Pferd“ (EM, II, 212; EH, I, 609) sollte man wahrscheinlich mit lett. klām-pât „schwerfällig gehen“ in Verbindung bringen.
Lett. klams „ein altes, mageres, schwaches Pferd“ (EM, II, 212) bringt J. Endzelīns mit lit. klėmnas „schwach“ in Verbindung. Uns scheint jedoch überzeugender, lett. klams aus russ. хлам „Plunder, Gerümpel“ herzuleiten.
Lat. klām̄za „ein altes, abgemagertes Pferd, die Schindmähre“ (EM, II, 212; EH, I, 610), plg. lat. klamz̄a, klamza „jem., der mit schweren Schritten geht“, lat. klām-zāt „schwerfällig gehen“.
Lett. klanḡis „ein großes, abgemagertes Pferd“, kleņḡis „eine Schindmähre“ (EM, II, 214, 223) bringt J. Endzelīns mit lett. kleņḡis „der Bummler, Taugenichts“ in Verbindung.
Lat. klaūga „eine Schindmähre“ (EH, I, 611), plg. lat. klaūḡis „ein Stück Holz; ein Grossmaul“.
Lat. knadz̄is „ein altes Pferd“, knadze „eine alte Stute“, plg. lat. knaḡis „ein Haken oder ein Pflock“ < vok. Knagge (EM, II, 241; EH, I, 626).
Die Herkunft von lett. kōksis „eine Schindmähre“ (EH, I, 640) ist unklar. Vielleicht sollte man es mit lett. kuksis „ein fuchsiges, gelbes Pferd“ oder kuksīt „langsam gehen“ in Verbindung bringen.
Lett. krabiņš „ein altes, abgemagertes Pferd“ (EM, II, 255) sollte man vielleicht mit lett. krabiķis „ein in die Erde gesteckter ästiger Pfahl, an dem man Getreide auf dem Felde trocknet“, krabināt „krabbeln, sich fortbewegen“ in Verbindung bringen.
Lett. kraḡis „die Schindmähre“, krāḡis, skrāḡis „ein altes Pferd“, krak̄is „ein schlechtes, schwaches Pferd“ sind aus dt. Kracke, Kragge entlehnt (EM, II, 255, 256, 265).
Lett. krampis „ein altes, mageres Pferd“ (EM, II, 258; EH, I, 641) sollte man wahrscheinlich mit lett. krāmpis „der Schließhaken“ in Verbindung bringen.
J. Endzelīns neigt dazu, lett. krapants „ein schwaches, mageres Pferd“ mit lit. krapinėti „schwerfällig gehen“ in Verbindung zu bringen (EM, II, 260).
Lett. krapš̄kis „ein altes, mageres Pferd“, krapšis (EM, II, 260; EH, I, 642), vgl. lett. krapis „ein Schimpfname“.
Lett. krepsis „eine Schindmähre“ (EH, I, 649), vgl. lett. krepecēt „still husten“, krepecī „Schleimauswurf“.
Lat. krimpa „ein mageres Pferd“ (EM, II, 279), plg. lat. krimpāns „ein weinendes kleines Kind“, krimpa „als Schimpfwort für eine hagere Weisperson“.
Lett. kroksis „eine Schindmähre“ (EH, I, 658) sollte man vielleicht mit lett. kruķis „die Krücke, die Ofengabel“, krukite „Schimpfname für ein kleines Mädchen“ in Verbindung bringen.
Lat. lamāks „ein dickes, schwerfälliges Pferd“ (EM, II, 530), plg. lat. lamaka „ein Mensch, der seinen Körper nicht stramm hält, ein Plumpsack“, lamāns „ein grosser, plumper, gefrässiger Mensch od. Hund“.
Lat. limaks „ein faules Pferd“ (EH, I, 742), sollte vielleicht mit der vorhergehenden Bezeichnung in Verbindung gebracht werden.
Lat. mitenis „ein eingetauschtes Pferd; die Schindmähre“, mietenis „die Schindmähre“ verbindet J. Endzelīns mit lat. mīt „tauschen“, vgl. mitala „Name einer schlechten Kuh oder Stute“ (EM, II, 649, 656).
Lat. naina, naine „ein mageres, abgejagtes Pferd“ (EM, II, 690) wäre vielleicht mit lat. naine „die Witwe“ < est. naene „Weib“? zu verbinden, vgl. tā tāda naine vien ir (von einer weiblichen Person, EH, II, 3).
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Page 63Aus einer abwertenden Bezeichnung für eine Frau konnte auch eine Tierbezeichnung entstehen.
Lat. nátmene „die Schindmähre“, nátanais zirgs „die Schindmähre“, nátenis „ein schwaches, weißes Pferd“, nátną ķēve „eine schwächliche Stute“, nàtns zirgs „ein weißes und schwaches Pferd“ (EM, II, 702), vgl. lat. nàtns „die Leinwand“, dessen ursprüngliche Bedeutung „aus Brennnesseln“ gewesen ist: nàtre „Brennnessel“. Zur Bedeutung von nàtns „schlecht“ vgl. kàrklu vācietis „spöttische Bezeichnung für einen Deutschtuer, dem es doch nicht gelingt“.
Lat. stīvnica „ein steifes Pferd“, stīvuicis (EM, III, 1077), vgl. lat. stīvs „steif, starr“ < mittelniederdeutsch stīf.
Lat. storaks „ein träger Mensch od. ein solches Pferd“, storags (EM, III, 1080; EH, II, 584), plg. lat. storcka „Schimpfname für ein weibliches Lebewesen“, storgaks „ein Dicker, Unbeholfener“.
Lat. svanaris (?) „ein abgemagertes Pferd“, zvanārs „ein altes, schwaches, mageres Pferd“ (EM, III, 1143; IV, 765; EH, II, 814), vgl. lat. zvanārs „alte, schlechte, hässliche Uhr“ < rus. звонарь „Glöckner; Schwätzer“.
Lat. testis „ein faules Pferd“, vgl. lat. test „keuchen“ (EM, IV, 168).
Lat. tūcis „ein faules Pferd“ (EM, IV, 278), sollte vielleicht mit lat. tūkat „stoßen, kneten, stopfen“ in Verbindung gebracht werden.
In den lettischen Dialekten finden sich viele weitere Bezeichnungen für das Pferd, die meist mit einer bestimmten Eigenschaft dieses Tieres zusammenhängen:
Lat. aīcis „das Pferd (scherzhafte Bezeichnung)“ (EM, I, 12), sollte vielleicht mit lat. āita, aīča „Schaf“ in Verbindung gebracht werden.
Lat. auzainis „Pferd“, àusainis (EM, I, 231; EH, I, 188, 189), vgl. lat. auzas „Hafer“.
Lat. brīēdis „ein elenhaariges Pferd“ (EM, I, 337; EH, I, 243), vgl. lat. brīēdis „das Elen“.
Lat. ēbelis „ein stolzes Pferd“, ēberis „Schimpfwort für ein altes Pferd“, ēberis „ein gutes Pferd; ein flinkes Pferd von kleinem Wuchs“ (EM, I, 572; EH, I, 371) sollte vielleicht mitunter mit dt. Eber „kuilys“ in Verbindung gebracht werden.
Lat. gàisuonis „ein wildes, unbändiges Pferd“ (EH, I, 378), vgl. lat. gàisuonis „ein Windbeutel; ein unruhiger Mensch“, lat. gàiss „die Luft“.
Lat. rēceknis „ein heftig wiehernder Hengst“, vgl. rēkt „brüllen, heulen“ (EM, III, 517).
Lett. spārdauniece „eine Stute, die auszuschlagen liebt“, spārdainice (EM, III, 986), vgl. lett. spārdities „um sich schlagen“.
Lett. sperška „eine ausschlagende Stute“ (EH, II, 548), vgl. lett. spèrt „ausschlagen“.
Lat. stakņa „ein Pferd, das beim Ziehen einer Fuhre hin wieder stehen bleibt“ (EM, III, 1041), plg. lat. staknīt „stehen bleiben“.
Lat. svipastis „ein Pferd, das mit dem Schwanz um sich schlägt“, plg. lat. svàipīt „peitschen“ + aste „der Schwanz“ (EM, III, 1160).
Lat. tīza „eine Stute, die lahmt, nicht vorwärtskommt“ (EM, IV, 199), plg. lat. tizāt „lahmen, hinken“.
Lett. tramdis „ein scheues Pferd“, tramīkis (EM, IV, 221), vgl. lett. tramīgs „scheu, wild“.
11*
163
Page 64Lett. žiblis „ein Pferd mit einem Auge“; J. Endzelynas neigt dazu, es mit lett. žibt „flimmern, geblendet werden“ in Verbindung zu bringen (EM, IV, 808).
Lat. žlanga „ein Pferd, das viel Wasser trinkt“ (EM, IV, 815), plg. lat. žlāngāt „lange, langsam und viel trinken (von Menschen und Pferden gesagt“.
Lett. žuklis „ein schnelles Pferd“, vgl. lett. žukls „schnell, flink“ (EM, IV, 829).
Mit bestimmten Eigenschaften des Pferdes hängen auch einige litauische Pferdebezeichnungen zusammen:
Lit. bėgūnas „ein leicht trabendes Pferd“, bėguonėlis (LKŽd., I, 597), vgl. lit. bėgti.
Lit. bišius „ein kleines Pferd“, biškinas „ein mittelgroßes, nicht massiges Pferd“, bišė „eine schlechte Stute“ (LKŽd., I, 700), vgl. lit. biškenti „mit kleinen Schritten laufen“; möglicherweise lautmalerischen Ursprungs, vgl. bišku „Lautwort zum Rufen des Ochsen“.
Lit. gyvėntuvas „ein Arbeitspferd“ (LKŽd., III, 379), vgl. lit. gyvėnti.
Lit. karčiūkas „ein Pferd mit einer schönen Mähne“ (LKŽd., V, 270), vgl. lit. karčiai.
Lit. ristūnas „ein leicht trabendes Pferd“, ristininkas, ristokas (A. Lyberis, 60)108, vgl. lit. risčia.
Lit. šarūnas „ein gut gefüttertes, ausgezeichnetes Pferd“ (A. Lyberis, 61) dürfte mit lit. šorai „an den Zaumzeugen befestigte Scheuklappen, die verhindern, dass Pferde zur Seite schauen“ in Verbindung gebracht werden.
Lit. vežmininkas „ein starkes Pferd, das zum Ziehen eines Wagens geeignet ist“ (A. Lyberis, 61), vgl. lit. vežimas.
Lit. žvignis „ein gut gefüttertes Pferd, das für Besuchsfahrten bestimmt ist“ (A. Lyberis, 61), vgl. lit. žvygauti „ununterbrochen wiehern“ (?).
Lit. kunteris „ein kleines, aber starkes Pferd“ (LKŽd., VI, 903) ist ein Lehnwort aus dem Deutschen, vgl. dt. Kunter.
Lit. rišokas „ein leicht trabendes Pferd“ ist ein Slavismus, vgl. russ. рысак (A. Lyberis, 60).
Lit. staininis „gut gefüttertes Pferd, das für Besuche zum Ausfahren bestimmt ist“, ein Slawismus, vgl. poln. stajenny (A. Lyberis, 61).
Sowohl im Litauischen als auch im Lettischen lässt sich eine Gruppe von Pferdebezeichnungen aussondern, die vorwiegend der Kindersprache eigen sind. Diese Bezeichnungen sind meist lautmalerischen Ursprungs.
Lit. ygagas „Pferd (in der Kindersprache)“, vyčiukas „Fohlen“ (LKŽd., IV, 7, 20), vgl. lit. ygaga „Interj. zur Bezeichnung des Wieherns eines Pferdes“.
Lit. kažis „Fohlen“, kožė „Stute (in der Kindersprache)“, kožis „Pferd, Fohlen (in der Kindersprache)“, kožius, kužė „Pferd (in der Kindersprache)“, kužia, kužis kužius, kužis, kužius (LKŽd., V, 464; VI, 392, 1017, 1018, 1021, 1022), vgl. lit. Interj. (beim Rufen des Pferdes) kuš, kuzi, kuzia, kuziu, kūž, kužiu usw.
Lit. kirkilas „Hengst“ (LKŽd., V, 836), vgl. lit. kirkėti.
Lat. cigiņš, ciga, cigus „das Füllen, das Ross“, cigulis „das Füllen“, ciga (EM, I, 379; EH, I, 269, 290), plg. lat. ciga, cig „Lockruf für Füllen, für Pferde“.
Lat. kose „Kosenname für eine Stute“, košiņš „das Pferd, Pferdchen (gew. in der Kindersprache)“, koša, košiņa košis, košelis, kuziņa „ein junges Pferd, ein Pferd überhaupt in der Kindersprache“, kuze „ein Füllen“, kuzlis, kuža „das Pferd, ein kleines Füllen“, kužiņa „Liebkosungswort für ein Pferd“ (EM, II, 255, 331; EH, I, 639, 681), plg. lat. kuz, kuze, kužu „ein Lockruf für die Pferde“.
108 A. Lyberis, Kalbos kultūra, 7, p. 59–63.
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Page 65Lat. sugulis „ein kleines Füllen“, sūgulis, suka „das Füllen (in der Kindersprache)“, sukulis „ein kleines Füllen“, sukulinš, sukuls, suksis „ein Pferd, das nicht mehr gut laufen kann“, sukulis „ein nicht sehr starkes Pferd“, sūka „ein junges hübsches Pferd od. Füllen“ (EM, III, 1117, 1118; IV, 105; EH, II, 600, 601, 607, 657), plg. lat. suk, suku, šuk, šuku „Interjektion, Lockruf für ein Füllen“.
Lat. tprūta „das Pferd (in der Kindersprache)“, tprūtina, tprūte (EM, IV, 217), plg. lat. tprū „Interjektion, gebraucht um Pferde zum Stehen zu bringen“.
Im Litauischen und Lettischen gibt es recht viele Pferdenamen, die mit der Fellfarbe dieses Tieres zusammenhängen (sowohl im Litauischen als auch im Lettischen finden sich zahlreiche Farbbezeichnungen, die ausschließlich für Pferde verwendet werden):
Lit. báltis, baltōkas, baltàsis, baltēlis, balckis, baltĕus, balt(a)marģis, balt(a)-keršis, baltplėšnis, balt(a)galvis, balt(a)kāklis, balt(a)kāktis, balt(a)karītis, balt(a)kōjis, baltas mārgis, balt(a)prūšnis, balt(a)smūkis, balt(a)uodēgis, baltas lėpsnis (LKŽd., I, 498–504; A. Lyberis, 62), vgl. lit. báltas.
Lit. beliōkas „Schimmel“ (LKŽd., I, 604), ein Slawismus, vgl. russ. беляк.
Lit. bēris, bēris, bērasis, bērōkas, bēriōkas, bēriōte, bēriņas, bēriūkas, bēriūkas, bērelis, bēriūnelis, bēruōlis, bērvalelė, bērširvis (LKŽd., I, 625, 632; A. Lyberis, 62), vgl. lit. bēras, bēras.
Lit. blēzis, blēšis, blisis „Pferd mit einem weißen Streifen über der Stirn; Schecke“ <dt. Blässe (LKŽd., I, 737, 752; A. Lyberis, 62).
Lit. briedplaukis „von der Fellfarbe eines Hirsches, braun-schimmel“ <lit. briedis + plaukas (LKŽd., I, 853; A. Lyberis, 63).
Lit. brišis, vgl. lit. brišas „falb; dunkelrötlich, hirschfarben“ (LKŽd., I, 867; A. Lyberis, 62—3).
Lit. brūnis, brūnas(is) (LKŽd., I, 894), vgl. lit. brūnas „schwarzbraun, bräunlich“, brūnas <niederdt. brūn109.
Lit. bulānas „Pferd mit hellgelbem Fell; Falbe“ <russ. буланый „Falbe, Fuchs (Pferd)“ (LKŽd., I, 939; A. Lyberis, 63).
Lit. cinākis „Pferd mit weißen, schielenden Augen“ (LKŽd., II, 20) < cinas „Zinn“ (<dt. Zinn) + akis.
Lit. čėkis (LKŽd., II, 41; A. Lyberis, 62), vgl. lit. čėkas „bunt“ <dt. Scheck110.
Lit. darāšis, darāšius, derēšis, derēšius, vgl. lit. darāšas, derēšas „falb (mit weißen Haaren), dunkelgrau (vom Pferd)“ <poln. deresz <ung. deres (LKŽd., II, 183, 277; A. Lyberis, 62; K. Bartkus, 382111).
Lit. gelsvis, gelsvōkas, gelsvāis, geltis, geltēlis, geltāisis (LKŽd., III, 220, 221, 223; A. Lyberis, 63), vgl. lit. gelsvas, geltas.
Lit. gnēdis „braunes Pferd“ (LKŽd., III, 458), vgl. lit. gniedas „braun“ <russ. гнедой.
Lit. jūōdis, jūōckis, juodōkas, juodāsis, juodūkas, juōdberis, juodbrūnis, juodmārgis, juōdširmis, juōdširvis, juōdžerkštis, juōdplėšnis, juod(a)galvis, juod(a)kāklis, juod(a)karītis, juod(a)kōjis, juod(a)prūšnis, juod(a)smūkis, juod(a)uodēgis (LKŽd., IV, 398, 400–10; A. Lyberis, 62), vgl. lit. juōdas.
109 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 60.
110 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 72.
111 K. Bartkus, Literatūra ir kalba, VI, p. 371–393.
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Page 66Litauisch kaštānas, kaštānis, kaštōnas, kaštōnis (LKŽd., V, 401, 403; A. Lyberis, 62), vgl. lit. kaštānas „braunhaarig“, kaštōnas, kaštānas „ein solcher Baum und seine Frucht“, kaštānas < poln. kasztan.
Lit. kéršis (LKŽd., V, 624), vgl. lit. kéršas „schwarz gefleckt, weiß gefleckt“.
Lit. làukis, laukōkas, laukàgsis, lauk(a)kàktis (LKŽd., VII, 176, 178, 183, 184; A. Lyberis, 62), vgl. lit. làukas „mit weißer Schnauze oder weißer Stirn“.
Lit. moliūgis, vgl. lit. moliūgas „lehmfarben“.
Lit. obuolãinis, obuolmušỹs (A. Lyberis, 63), vgl. lit. ōbuolmušas „gefleckt, mit kleinen dunklen oder hellen Kreisen“, obuolỹs. Nach M. Nyderman ist lit. ōbuolmušas eine falsche Übersetzung des poln. jabłkowity¹¹².
Lit. paļšis, paļšōkas, paļšāsis, paļšiūkas, paļšbēris, paļšmàrgis (A. Lyberis, 62, 63; K. Bartkus, 382), vgl. lit. pálšas „hellgrau“.
Lit. palvis, palvỹs (A. Lyberis, 63), vgl. lit. palvas „hellgelb, gelblich“.
Lit. pelēkis (A. Lyberis, 63), vgl. lit. pelēkas „mausfarben“.
Lit. pelēnius (A. Lyberis, 63), vgl. lit. pelenai.
Lit. plēsnis (A. Lyberis, 62), vgl. lit. plēsnas „rötlich oder rotbraun schimmel“; ein Wort slawischen Ursprungs, vgl. russ. пле́нъ.
Lit. pilkis, pilkėlis (A. Lyberis, 63), vgl. lit. pilkas.
Lit. raudāsis, raudīkas, raūdžerkštis, raūdžilis, rūdširvis, raudširmis, raudširvis, raudonširmis, raudonbēris (A. Lyberis, 62), vgl. lit. raudās „rötlich, fuchsrot“, rūdas, raudōnas.
Lit. sārtis, sartōkas, sartàsis, sartùkas, sartēlis (A. Lyberis, 62), vgl. lit. sārtas „hellbraun, gelblich“.
Lit. šalnis (A. Lyberis, 62), vgl. lit. šalnas „wie von Reif, mit Raureif bedeckt“.
Lit. šēkis „geschecktes Pferd“ (Žagarė, Šakyna), vgl. lett. sekis „ein buntes Pferd“ (EM, III, 815).
Lit. šerkšnis (A. Lyberis, 62), vgl. lit. šerkšnas.
Lit. širmis, širmōkas, širmāsis, širmukas, širmēlis, širmbēris (A. Lyberis, 62), vgl. lit. širmas „weiß mit eingemischten dunklen Haaren“.
Lit. širvis, širvāsis, širvōkas, širvānis, širvūkas, širvabēris (A. Lyberis, 62), vgl. lit. šīrvas „weiß mit eingemischten dunklen Haaren, schimmelgrau“.
Lit. šyvis, šyvāsis, šyvōkas, šyvūkas, vgl. lit. šyvas „hellgrau“.
Lit. žerkštys (A. Lyberis, 62), vgl. lit. žerkštas „von Reif-Farbe“.
Lat. ābuolainis „wer geäpfelt ist (Beiname des Pferdes)“, plg. lat. ābuōls „der Apfel“, ābuōlains „geäpfelt“, ābuōltains, ābuōluōts (EM, I, 234–5; EH, I, 192).
Lett. bāltenis „weißes Pferd, ein Schimmel“, bāltiņš, baltenica „eine weiße Stute“, balteniša, vgl. lett. balts „weiß“ (EM, I, 257; EH, I, 202).
Lett. bēris „ein braunes Pferd“, bēritis, bēruks, bēriņš, vgl. lett. bērs „braun“ (EM, I, 290, 291, 292; EH, 216).
Lett. blesis „ein Pferd mit einem weißen Stirnfleck“, < mittelniederdeutsch blesse (EM, I, 314; EH, I, 228).
Lett. briēdis „ein elenhaariges Pferd“ (EM, I, 337; EH, I, 243), vgl. lett. briēdis „der Elch“.
Lett. brūnis „ein braunes Pferd“, brūnicis, vgl. lett. brūns „braun“ < mittelniederdeutsch brūn (EM, I, 340, 341; EH, I, 246).
112 M. Niedermann, ZfslPh, 4, p. 42–44; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 515.
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Page 67Lett. dārcis „ein scheckiges Pferd“, dārkis, vgl. lett. dārks „scheckig, bunt“ (EM, I, 447, 448).
Lat. dūkanis „ein braunes Pferd“, dūkanis, dūcis, dūcis, dūcis, dūkainis „gelbes Pferd mit schwarzer Mähne“, dūkanbēris „ein dunkelbraunes Pferd“, plg. lat. dūkans „graubraun“ (EM, I, 523, 525; EH, I, 346).
Lett. dulis „ein hellbraunes Pferd“, dulinbēris „ein dunkelbraunes Pferd“, vgl. lett. duls „dunkelfarbig“ (EH, I, 340).
Lett. dzeltis „ein gelbes Pferd“, dzeltinis, dzeltenis, dzeltiņis, dzelṭānis, dzelṭainis, vgl. lett. dzeltāns „gelb“ (EM, I, 542; EH, I, 353).
Lett. gaīkis, in der Verbindung gaika zirgs „ein buntes (braun und grau geflecktes) Pferd“ (EH, I, 376), vgl. lett. gaīkis „der Flüchtige, Unbändige“ (zirgs iet kā gaīkis), lett. gaīkis „ein ungestümer, leichtsinniger, übertriebener Mensch“ (EM, I, 584).
Lett. kuksis „ein fuchsiges, gelbes Pferd, der Fuchs“ ist wahrscheinlich durch Assimilation aus *puksis entstanden, vgl. <dt. Fuchs (EM, II, 301; EH, I, 668).
Lat. lāucis „ein Pferd mit einer Blässe“, lāukis, laukene „eine Stute mit einer Blässe“ (?), plg. lat. lāuks „blässig“ (EM, II, 426, 428; EH, I, 722, 723).
Lett. luošītis „ein Pferd, das luoss ist“, luošelis „ein gelbbraunes Pferd“, vgl. lett. luõss „falb, gelbgrau“ (EM, II, 528).
Lett. muõris „ein braunblaues, graues Pferd“ (EM, II, 683; EH, I, 841), vgl. lett. muõris „der Mohr“ (?).
Lat. mūsainis „ein geflecktes Pferd, ein Schimmel(pferd)“, plg. lat. mūsāns „gefleckt, bunt“ (EM, II, 679).
Lett. palseris „ein hellgraues Pferd“, vgl. lett. palsāins „schimmelfarbig“, palsāns (EM, III, 62–3; EH, II, 152).
Lett. pelēce „eine graue Stute“, pelēķis „ein graues Pferd“, vgl. lett. pelēks „grau“ (EM, III, 196; EH, II, 221).
Lett. raūdis „ein rotes Pferd“, vgl. lett. raūds „rot, rötlich, braun“ (EM, III, 483).
Lat. ripainis „ein Apfelschimmel, ein Pferd mit runden Flecken; ein rundes, wohlgenährtes Pferd“, rīpainis „ein scheckiges Pferd“, plg. lat. ripa „ein runder Fleck“ (EM, III, 530, 539; EH, II, 373).
Lett. sālnis „ein Eisenschimmel“, sahlkis, vgl. lett. salns „schimmelfarbig“ (EM, III, 675).
Lett. sarkanis „ein hellbraunes Pferd“, vgl. lett. sarkans „rot“ (EM, III, 720; EH, II, 443).
Lett. sekis „ein buntes Pferd“ stammt wahrscheinlich aus liv. šek „Schecke“ (EM, III, 815; EH, II, 476).
Lett. sirkis „ein Rotschimmel“, vgl. lett. sīrks „grauhaarig, gräulich“ (EM, III, 846).
Lett. sīrmis „der Grauschimmel“, sirmiņš, sīrmsarītis, vgl. lett. sīrms „grau“ (EM, III, 846, 847; EH, II, 489).
Lett. sveķainītis „ein gelbes Pferd“, vgl. lett. sveķains „harzig“ (EH, II, 613).
Lett. ūbelis „ein scheckiges Pferd; ein altes, hässliches Pferd“, vgl. lett. ūbele „die Turteltaube“ (EM, IV, 403; EH, II, 740).
In den prußischen Sprachdenkmälern finden wir mehrere nur für diese Sprache charakteristische Pferdebezeichnungen.
167
Page 68Im Elbinger Vokabular ist das Wort — Rapeno Jungkekobel (Wort 435) „junge Stute“ belegt. Bislang gibt es für dieses Wort keine überzeugendere Etymologie. Könnte man nicht pruß. rapeno als Entlehnung aus dem Deutschen ansehen, vgl. dt. Rappe, das ursprünglich „Rabe“ und später auch „schwarzes Pferd“ bedeutete?113
Auch die Herkunft der beiden anderen im Elbinger Vokabular vorkommenden Pferdebezeichnungen — Sweriapis Keynhengest (Wort 431) und Sweykis Pflugpfert (Wort 432) — ist recht unklar. Das erste bedeutete eher „Turnierpferd“ und wird versuchsweise aus poln. *świerzop „Hengst“ hergeleitet, vgl. poln. świerzepa „Stute“; das zweite (in den Dokumenten sind auch die Varianten sweyke, sweike, sweke belegt) versucht man mit ahd. sweiga „Rinderherde“ in Verbindung zu bringen114
Betrachten wir die Pferdebezeichnungen der baltischen Sprachen im Überblick, so sehen wir, dass es darunter zahlreiche Bezeichnungen unterschiedlicher Herkunft gibt. Zunächst haben die baltischen Sprachen die alte idg. Pferdebezeichnung bewahrt, die von der Vorform *eḱuo-s hergeleitet wird. In den slawischen Sprachen finden wir keine deutlicheren Spuren dieser Bezeichnung. Eine nur für die baltischen Sprachen charakteristische Pferdebezeichnung ist lit. žirgas, lett. zirgs, pruß. sirgis. Später entstand im Litauischen die nur dieser Sprache eigene Pferdebezeichnung arklys. Diese Veränderungen der Pferdebezeichnungen hängen wahrscheinlich mit dem Wandel der Funktionen des Pferdes als Haustier zusammen. Die baltischen Sprachen besitzen eine nur ihnen eigene Hengstbezeichnung idg. Ursprungs. Lit. kumelys und lett. kumelš wurden verschiedentlich mit der slawischen Pferdebezeichnung in Verbindung zu bringen versucht. Diese Herleitungen waren jedoch bislang nicht erfolgreich. Insgesamt unterscheiden sich die baltischen und slawischen Pferdebezeichnungen stark voneinander. Abgesehen von einigen Entlehnungsfällen gibt es keine Merkmale, die nur für diese Sprachgruppen charakteristisch wären.
SCHWEIN
In Europa wurde das Schwein im Vergleich zu Hund, Schaf und Rind wahrscheinlich etwas später vom Menschen domestiziert. Im Leben des Urmenschen spielte es offenbar auch keine so große Rolle wie die anderen eben genannten Tiere. Sowohl in Europa als auch in Asien gab es voneinander unabhängige Zentren der Schweinedomestikation. Die am weitesten verbreiteten Hausschweine Europas stammen vom Wildschwein ab (Sus scrofa ferus). Die große Zahl der Domestikationszentren für Schweine könnte auch damit zusammenhängen, dass Schweine aufgrund ihrer körperlichen Eigenschaften schlechter zu transportieren sind als beispielsweise Groß- und Kleinvieh sowie Pferde.
Spuren des Schweins finden sich in neolithischen archäologischen Funden im Einzugsgebiet des Dnjepr, in Bessarabien sowie in fast allen neolithischen Siedlungen Nord- und Mitteleuropas. Sie kommen in den Pfahlbausiedlungen der Poebene und in mykenischen Gräbern vor1.
In den historischen Quellen der alten östlichen Länder finden wir zahlreiche interessante Angaben zur Schweinehaltung. Dort wurden Schweine offenbar wesentlich früher domestiziert als in Europa. So finden sich beispielsweise im alten China in Siedlungen des frühen Neolithikums neben Spuren von Hunden auch Spuren von Schweinen, während Spuren anderer Tiere erst ganz am Ende des Neolithikums auftreten. In den Orakelinschriften der Chenan-Zeit wird erwähnt, dass im alten China bei feierlichen religiösen Zeremonien bisweilen sogar 100 Schweine geopfert wurden2.
113 F. Kluge, Et. Wb., p. 582.
114 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 260; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 443.
1 O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, II, p. 360; C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, p. 100–115; M. Hilzheimer, Schwein, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, XI, p. 380–383.
2 V. I. Avdijevas, Senovės rytų istorija, p. 576, 582.
168
Page 69Dass Schweine bereits im alten Babylon gehalten wurden, belegt unter anderem die Tatsache, dass dieses Tier schon im berühmten Codex Hammurabi erwähnt wird.
Die Israeliten betrachteten das Schwein als unreines Tier und aßen kein Schweinefleisch. Insgesamt wurde das Schwein in Asien zwar gehalten, war jedoch nicht beliebt. Fast halbwild streifte es durch die Städte und sorgte gemeinsam mit Hunden und Geiern für die Sauberkeit der Straßen3.
In den historischen Quellen des alten Ägypten wird der Verzehr von Schweinefleisch nicht erwähnt, obwohl Schweine dort als Haustiere seit prähistorischer Zeit bekannt waren. So ist beispielsweise auf der Zeichnung eines prähistorischen Grabes eine Schweineherde dargestellt. In den ältesten archäologischen Schichten des Tempels von Hierakonpolis wurde eine Fayence-Statuette eines Ebers gefunden. Ein laufender Eber wurde bereits auf einem Schriftdenkmal aus der Zeit der ersten Dynastie als Hieroglyphenzeichen verwendet. Insgesamt finden sich Schweinedarstellungen jedoch viel seltener als Darstellungen anderer Haustiere. Diese Tatsachen würden darauf hindeuten, dass das Schwein auch bei den alten Ägyptern nicht sehr beliebt war. Teilweise würde dies auch dadurch bestätigt, dass das Schwein in späterer Zeit als Tier des bösen Gottes Set galt, des Mörders seines Bruders Osiris. Es ist auch sehr unklar, zu welchem Zweck Schweine im alten Ägypten gehalten wurden. Herodot erzählt, dass er auf seinen Reisen gesehen habe, wie im Nildelta Schweine dazu benutzt wurden, das ausgesäte Getreide in den Boden einzutreten4.
Im alten Griechenland und in Rom genoss dieses Tier ein höheres Ansehen als in den Ländern des Orients. Homer berichtet, Odysseus habe zwölf Herden gehörnte Rinder besessen, ebenso viele Herden Schafe, Ziegen und Schweine. Die Römer mochten Schweinefleisch und scheuten sich nicht, Schweinedarstellungen auch auf ihren Kunstdenkmälern zu zeigen5.
In den slawischen Ländern war das Schwein ein sehr beliebtes Tier. Insgesamt scheinen die Slawen von allen Haustieren am meisten Schweine und Schafe gehalten zu haben. Auch arabische Reisende des 10. Jahrhunderts berichten von ihrer Haltung in diesen Gebieten. Besonders günstige Bedingungen für die Schweinehaltung herrschten zwischen Weichsel und Desna, wo sich in den riesigen Eichenwäldern gewaltige Mengen Eicheln sammeln ließen, sodass sich ohne großen Aufwand Winterfutter für die Tiere beschaffen ließ6.
In den Gebieten der heutigen baltischen Republiken finden sich Spuren von Schweinen gemeinsam mit denen von Hunden sowie Groß- und Kleinvieh bereits in Funden aus der Jungsteinzeit7.
In den Funden von Burgbergen auf dem Gebiet der Litauischen SSR (Nemenčinė, Migoniai, Dovainonys, Bačkininkėliai), die auf das 1. bis 4. Jahrhundert datiert werden, wurde neben Knochen anderer Haustiere auch ein beträchtlicher Anteil an Schweineknochen gefunden8.
Die alte indogermanische Bezeichnung für das Schwein *sūs/*suų ist in vielen indogermanischen Sprachen recht gut erhalten: skr. śūkarāḥ, av. hū-, gr. ὗς, σύς, lat. sūs, got. swein, vok.
3 P. Thomsen, Schwein, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, XI, p. 383—384; B. Meissner, Haustier, — ten pat, V, p. 221; O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, II, p. 361.
4 Ranke, Schwein, — M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, XI, p. 383; C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, p. 102.
5 C. Keller, ten pat, p. 103; V. S. Sergejevas, Senovės Graikijos istorija, Vilnius, 1955, p. 109.
6 Л. Нидерле, Славянские древности, p. 319—320.
7 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, Lietuvos archeologijos bruožai, p. 79; Latvijas PSR vēsture, I, p. 11; История Эстонской ССР, под. ред. Г. И. Наана, Таллин, 1958, p. 10.
8 P. Kulikauskas, R. Kulikauskienė, A. Tautavičius, ten pat, p. 252—253; K. Paaveri P. Kulikauskas, Acta Baltico-Slavica, 2, p. 270—272.
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Page 70Schwein, althochdeutsch, mittelhochdeutsch sū, deutsch Sau, albanisch thi, toch. B suwo, russisch свинья, lettisch sivēns „Eber“ usw.
Wie bei vielen anderen alten indogermanischen Tierbezeichnungen ist die ursprüngliche Bedeutung von *sūs/*suu sehr unklar. Es gibt mehrere Deutungen, von denen manche weniger, andere mehr überzeugend sind; über keine von ihnen lässt sich jedoch sagen, dass sie mit Sicherheit richtig und zweifelsfrei wäre. Man hat versucht, idg. *sūs mit der indogermanischen Bezeichnung für „Sohn“ (lit. sūnùs, russ. сын usw.) in Verbindung zu bringen und beide Bezeichnungen von demselben Verb mit der Bedeutung „hervorbringen, zeugen, gebären“ abzuleiten; vgl. skr. sūtē, sāuti, sūvátē „bringt hervor, gebiert“. Phonetisch ist eine solche Verbindung möglich, semantisch aber nur schwer zu rechtfertigen, zumal das Schwein sogar erst etwas später als andere Haustiere domestiziert wurde. F. Specht⁹ brachte idg. *sūs mit got. bi-saulan „beschmutzen, schmieren“, got. swarts „schwarz“ und lat. sordes „Schmutz“ in Verbindung. Mehrfach wurde versucht, die Quelle von idg. *sūs nicht bei den Indogermanen selbst, sondern in den Sprachen ihrer Nachbarn zu suchen. A. Nehring¹⁰ hielt das urfinnisch-ugrische *buvo für eine solche Quelle (vgl. finn. sika, mordw. tuwo). E. Polivanov leitete die von ihm für die indogermanischen Schweinebezeichnungen rekonstruierte Vorform *(t)sūs vom Altchinesischen čú „Schwein, Eber“ ab¹¹. Am meisten Anhänger fand jedoch wohl jene Etymologie, die idg. *sūs als lautmalerisches Wort deutet. Semantisch wird sie durch lautmalerische Tierbezeichnungen in vielen Sprachen gestützt, darunter auch Bezeichnungen für das Schwein selbst. Außerdem spricht die Deutung von skr. sū-karāḥ als „sū – hervorbringend“, das heißt „ein Tier, das einen Laut ‚hervorbringt‘“, für diese Etymologie. Demnach könnten sowohl idg. *sū- als auch altchinesisch ču auf dieselbe Weise entstandene Wörter sein¹².
In den slawischen Sprachen ist diese idg. Schweinebezeichnung zwar in etwas veränderter Form gut erhalten: aksl. svinija, russ. свинья, ukrain. свиня, weißruss. свіння, bulg. свиня, serbokroat. свиња, slowen. svinja, tschech. svině, slowak. sviňa, poln. świnia, kaschub. svina, oberlausitzisch swinja, niederlausitzisch swińa. Diese slawische Bezeichnung ist wahrscheinlich aus der femininen Form *svini des Adjektivs svinъ gebildet; diesen Formen stehen lat. suīnus „zum Schwein gehörig, schweineartig“ und got. swein „Schwein“ nahe¹³.
Von den baltischen Sprachen hat nur das Lettische diese idg. Schweinebezeichnung bewahrt: su-vēns „das Ferkel“, suvēns, suvēnelis, sivēns, sivēnis, sivēntiņš, sivēnica „eine Sau (die Ferkel hat usw.)“, sivēnice, sivēne „ein 6–7 Monate altes Schwein“, sivēnēns „ein kleines Ferkel“, sivēnīza = sivēnica, sivēniete „eine junge (höchstens ein Jahr alte) Sau; eine trächtige Sau“, sivēnuks „das Ferkel“, sivēnuks (EM, III, 850, 1129; EH, II, 491, 606). Formen mit dem Wurzelvokal -i- sind im Lettischen jüngeren Ursprungs: Dort wird u vor v und b ziemlich häufig zu i, vgl. divi „zwei“: duvejāds „zweijochig“, zivs „Fisch“: zuvs, tīvi „pflügen“: tuvu, driva „Ackerboden“: druva, dibens „Boden“: dubēns usw.¹⁴ In den lettischen Dialekten gibt es noch weitere Varianten dieser Bezeichnung: sukis „ein Ferkel, ein Halbschwein“, sukēns, zuikis „ein kleines Ferkel“, sukis „ein Halbschwein, ein Ferkel“, sukelis (abwertend), sukēns, sukentiņš, sukelēns,
9 F. Specht, Der Ursprung der indogermanischen Deklination, p. 123.
10 A. Nehring, Studien zur indogermanischen Kultur und Urheimat, Salzburg—Leipzig, 1936, p. 112.
11 E. A. Polivanov, Archiv Orientalní, 9, p. 405—406.
12 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 62; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 593; F. Kluge, Et. Wb., p. 626.
13 V. Machek, Et. sl., p. 489; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 593.
14 J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, p. 15; J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 50—52; K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 615.
170
Page 71sukāns, sukans, suŋķis „ein mittelgroßes Schwein“, siūka „das Ferkel, Jungschwein“, siūkis, svīkis „ein sehr mageres Schwein“, svīķelis „ein kleines, mageres Ferkel“, svīkaltis „das Ferkel, Jungschwein“, sukantīns „ein Ferkelchen“, sukniši „kleine Ferkel“ (EM, III, 850, 1115, 1117, 1119, 1124, 1163; IV, 749; EH, II, 601, 602, 619–620). Diese Bezeichnungen, wie wir sehen, weichen erheblich von den zuvor von uns erwähnten Schweinebezeichnungen derselben Wurzel ab. Auch die Bildung einiger von ihnen ist sehr schwer zu erklären. Formen mit iu- wären vielleicht als aus *suvikis entstanden zu erklären; vgl. zuintina < zuvitina15. Die Entstehung einiger Formen könnte mitunter durch lautmalerische Wörter beeinflusst worden sein: suku „Lockruf für ein Füllen; eine Interjektion“, suk „Interjektion als Zuruf an einen Hund, dem man etwas zum Fressen hinwirft; als Lockruf für ein Füllen“ (EM, III, 1116, 1118), vgl. sukulis „ein kleines Füllen“.
Auch im Preußischen finden wir eine Schweinebezeichnung dieser Wurzel: das Wort 682 des Elbinger Vokabulars Swintian Swin. Diese preußische Form lässt sich verschieden erklären. Zunächst kann man sie als durch Dissimilation oder vielleicht auch einfach durch einen Schreibfehler aus *swinstian < *swinistian entstanden ansehen (vgl. parstian „Ferkel“, werstian „Kalb“, die ihrerseits aus *parsīstian, *wersīstian entstanden wären; vgl. gertistian „Küken“ neben gertis „Hahn“). Ähnlich wie das preußische camstian „Schaf“ und das slawische овца „Schaf“ könnte preußisch swintian eine Diminutivform gewesen sein, die zur Bezeichnung einer Tierart wurde. Das Suffix -tian könnte jedoch auch unmittelbar ohne Diminutivbedeutung an den Stamm swīn- angefügt worden sein, nach dem Muster anderer Tierbezeichnungen mit diesem Suffix16. Ebenfalls nicht ganz klar ist, ob die Prußen dieses Wort umgebildet haben, nachdem sie es aus dem Slawischen entlehnt hatten (J. Mikola hielt eine angebliche Form svin-ča für seine Quelle; R. Trautmann17 neigt ebenfalls zu dieser Auffassung), oder ob es ein altes eigenes Wort des Preußischen ist. Bedenkt man, dass sich der Wortschatz des Preußischen recht häufig von dem der anderen baltischen Sprachen unterscheidet und mit dem Slawischen übereinstimmt, sollte man preußisch swintian vielleicht als ein eigenes Wort ansehen. Für diese Annahme spricht auch der Umstand, dass die mit der Viehzucht verbundenen Termini im Preußischen meist einheimische Wörter sind.
Eine Schweinebezeichnung dieser Wurzel ist auch im zusammengesetzten preußischen Wort sewēwnis erhalten (Wort 229 des Elbinger Vokabulars: Sewenis Sewstal18). Schwer zu sagen ist, inwieweit diese Schreibweise die tatsächliche Gestalt des preußischen Wortes wiedergibt. K. Būga erklärte seweynis als durch Dissimilation aus *sweina-s19 entstanden. J. Endzelīns vermutet, dass ew statt uw beim Abschreiben durch das danebenstehende deutsche sewstal20 entstanden sein könnte. Auf diese Weise entspräche die aus der erwähnten Stallbezeichnung rekonstruierte Schweinebezeichnung lettisch suēns. Andererseits lässt sich, wenn man bedenkt, dass preußisch e das breite i ausdrückt, preußisch seweynis auch mit lettisch svēns verbinden, wie es V. Burda21 tat. In diesem Fall ist jedoch der Wandel von uw > zu iv auf preußischem Boden schwieriger zu erklären; dieser ist sonst nur für das Lettische charakteristisch, obwohl die in der Umgebung von Zietela bezeugten Formen živė, živis, liežuvīs22 wohl darauf hindeuten, dass der Wandel von >uw zu iv auch dem Preußischen, zumindest einem Teil seiner Dialekte, nicht fremd war.
15 J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, p. 155, 214
16 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 53, 260—261.
17 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 443; J. Mikkola, Baltisches und Slavisches, Helsingfors, 1902—3, p. 8.
18 Denkmäler der altpreußischen Sprache, S. 63.
19 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 615; III, p. 852.
20 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 246.
21 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 85, 425—426.
22 Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 68; Э. А. Вольтер, Известия отделения русского языка и славесности Имп. Ак. Наук, Bd. 16, H. 4, S. 151—160.
171
Page 72Allerdings scheint es uns am besten, eine solche prußische Form seweynis anzusetzen, die sich unmittelbar mit pruß. swintian verbinden ließe.
Mit der prußischen Bezeichnung für das Schwein swintian ließen sich offenbar der prußische Flussname Swene und der Dorfname Swene23 verbinden.
Ein großer Teil der indoeuropäischen Sprachen hat die alte Bezeichnung für das Schweinejunge bewahrt: lat. porcus, ir. orc, ahd. farah, chotansak. pāsa (< *parsa-) „Schwein“, kurd. purs. Besonders gut ist diese Bezeichnung für das Ferkel in den slawischen und baltischen Sprachen bewahrt: aksl. prase, altruss. порося, russ. поросенок, ukrain. порося, weißruss. парася, bulg. прасе, serb.-kroat. прасе, slowen. prase, tschech. prase, slowak. prasa, poln. prosię, kaschub. parsa, obersorb. proso, niedersorb. prose, polab. porsą, lit. paršas, pruß. parstian24.
Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes wird auf verschiedene Weise zu erklären versucht. E. Lidén25 und F. Specht26 verbanden lit. paršas u. a. mit lat. porca „Furche“, persėti, praparšas „Graben“ und erklärten, die ursprüngliche Bedeutung dieser idg. Bezeichnung für das Ferkel sei „Wühler“ gewesen. Für eine solche Erklärung gibt es semantische Parallelen, doch das ganze Problem besteht darin, dass das Wort nicht das Schwein allgemein, sondern nur das Jungtier des Schweins – das Ferkel – bezeichnet. Es gab Versuche, idg. *porkos als „Feuer, d. h. Opfertier“ mit gr. πῦρ „Feuer“, arm. hur, ahd. fuir und anderen Verwandten dieser Wörter27 in Verbindung zu bringen. Einen ähnlichen Versuch haben wir bereits gesehen, als idg. *agnos „Lamm“ mit einer anderen indoeuropäischen Feuerbezeichnung (lit. ugnis, lat. ignis) verbunden wurde. Zu diesen Versuchen kann man jedoch mit den Worten O. Trubačëvs sagen: „остроумно, но маловероятно“. Selbst wenn solche Etymologien semantisch zu rechtfertigen wären, sind sie phonetisch überaus „herbeigezogen“. E. Benvenistes28 Etymologie fand begeisterte Anhänger: Darin wird idg. *porko mit einer Farbbezeichnung verbunden, vgl. skr. pṛ́śni- „gefleckt“, gr. πέρκος. E. Benvenistes Etymologie ist semantisch durch die Tatsache begründet, dass die Haut von Wildschweinfrischlingen bis zu einem Alter von sechs Monaten mit schwarzen und gelblichen Längsstreifen gemustert ist.
In den litauischen Dialekten wird paršas gelegentlich auch allgemein in der Bedeutung „Schwein“ oder sogar „großes Schwein, Eber“ verwendet. Diese Bedeutungen sind jedoch jüngeren Datums. Zu ihrer Entstehung hat insbesondere die Tatsache beigetragen, dass man in den litauischen Dialekten für das Schweinejunge meist Verkleinerungsformen von paršas verwendet: paršiūkas, paršūkas, paršėlis, paršiščias. Die ältere Bedeutung von „Ferkel“ ist auch in den Wörtern paršiuotis „ferkeln“, paršuotis, paršinga „tragend (vom Schwein)“ bewahrt.
Lit. parš(i)ūkas gelangte auch in die benachbarten slawischen Sprachen: weißruss. парсюк, парсюок, парсюляк, паршук, poln. parsiuk, russ. парсук, паршук, парсюк, парсюк. Die slawischen Wörter werden in verschiedenen Bedeutungen verwendet: „Ferkel“, „Eber“, „mageres, schlecht gefüttertes Schwein“. Einige russische Formen erklärt O. Trubačëv eher durch Reduktion aus anderen slawischen Formen als durch Entlehnung. Dazu hat ihn vielleicht die Tatsache bewogen, dass russ. парсук, парсюк29 weit entfernt vom litauischen Gebiet, isoliert in der Gegend von Rjasan, belegt sind. Man kann sie jedoch als Überreste eines baltischen Substrats erklären.
23 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 178.
24 О. Н. Трубачев, Происхождение…, p. 61; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 409.
25 E. Lidén, KZ, 56, p. 218.
26 F. Specht, Der Ursprung der indogermanischen Deklination, p. 34–35.
27 J. P. Rona, El culto indoeuropeo del fuego, Montevideo, 1957, p. 14; plg. О. Н. Трубачев, Происхождение…, p. 63.
28 E. Benveniste, Bulletin de la Société de linguistique de Paris, 45, p. 77, 85.
29 В. Даль, Толковый словарь живого великорусского языка, III, p. 19.
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Page 73Baltischen Ursprungs sind Wörter recht häufig auch in slawischen Gebieten anzutreffen, die weit vom heutigen Litauen und Lettland entfernt liegen30.
Die indogermanische Bezeichnung für das Ferkel findet sich auch in Denkmälern der prußischen Sprache. Im Elbinger Vokabular ist verzeichnet: Prastian Ferkel (Wort 686)31. Die meisten Forscher (A. Bezzenberger, R. Trautmann, J. Endzelīnas, K. Būga) korrigieren pruß. prastian zu parstian < *parsistian32. Das prußische Wort weist dasselbe Diminutivsuffix auf, dem wir bereits bei der Erörterung von pruß. eristian, camstian, swintian begegnet sind. Die prußische Bezeichnung für das Ferkel kommt auch in prußischen Ortsnamen vor, die übrigens ebenfalls die Richtigkeit der Rekonstruktion parstian bestätigen; vgl. Parstlawke < parstian + pruß. laucks „Feld“, Porsekaymen < *parsas + pruß. caymis „Dorf“33.
Diese idg. Bezeichnung für das Ferkel findet sich auch in den finnisch-ugrischen Sprachen: finn. porsas, estn. põrzas, weps. porzas, wot. põrzas, liv. puõras, mordw. purhts, puršez. Die indogermanische Herkunft dieser Wörter wird von vielen Forschern nicht bezweifelt, doch gehen die Ansichten der Linguisten darüber auseinander, auf welchem Wege und aus welcher idg. Sprache die Finnougrier eine solche Bezeichnung für das Ferkel entlehnt haben. V. Thomsen neigte zu der Annahme, dass die genannten Wörter aus den baltischen Sprachen ins Finnisch-Ugrische gelangt seien34. K. Būga vertrat diese Ansicht nachdrücklich. Er schrieb: „finn. porsas, mordw. pur’hts, pyr’hts(ez) (Mokschisch), pur’ts, pur’sez, purtsos (Ersjanisch) ‚Ferkel‘, tscher. porš, porýš, wotj. parš, pariš, wog. pūrys, pôres, poreš, ostj. pörös, pūrös ‚Schwein‘ müssen ebenfalls ein aischtisches Wort sein... Auf dem Handelsweg konnte das paršas aus dem Land der Aisten über die Mordwinen leicht sogar zu den Permischen und Uralischen Finnen gelangen. Wie die geographische Verbreitung des Wortes paršas zeigt, lag das Zentrum der Schweinezucht nicht im Osten, sondern im Westen. Deshalb konnten die Finnougrier das Ferkel nicht aus dem Osten erhalten, wo, wie Herodot ausdrücklich bezeugt, überhaupt keine Schweine gehalten wurden. Dass paršas und *solo (finn. suola...) ‚Salz‘ eine weite Reise zurücklegten, ist nicht verwunderlich, denn diese beiden Dinge sind für das menschliche Leben von großer Bedeutung. Andere Wörter aischtischer Herkunft haben im Osten die Mordwinen und Tscheremissen erreicht. Nachdem das Schwein (paršas) und das Salz (lett. sāls) aus dem Land der Aisten bereits ins Land der Mordwinen und Tscheremissen gelangt waren, konnten sie von dort aus mit den Händlern leicht auch zu ihren weiter entfernten Nachbarn gelangen“35. Andere Forscher ordnen die erwähnte finnisch-ugrische Bezeichnung für das Schwein, vorwiegend aufgrund geographischer Erwägungen, dem Bestand indogermanischer Lehnwörter der finnisch-ugrischen Ursprache zu36. Zusammen mit finn. porsas u. a. gehören zu diesem Bestand auch Wörter, die andere Forscher als Baltismen ansehen: finn. jyvä ‚Korn‘ (vgl. lit. javai), finn. sisar ‚Schwester‘ (vgl. lit. sesuo). In jüngster Zeit findet diese Auffassung immer mehr Anhänger. Dennoch wäre es noch verfrüht, diese Frage als endgültig geklärt zu betrachten. Estn. pahr „Schw-
30 О. Н. Трубачев, Происхождение..., p. 63—64; M. Vasmer, Et. Wb., II, p. 317—318; T. Zdancewicz, Lingua Posnaniensis, 8, p. 346; Cz. Kudzinowski, Acta Baltico-Slavica, 1, p. 224.
31 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92; Prūsų kalbos paminklai, p. 73.
32 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 408; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 219; K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 305.
33 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 424; II, p. 384; III, p. 677; G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 115, 131.
34 V. Thomsen, Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauisk-lettiske) Sprog, p. 206.
35 K. Būga, Rinktiniai raštai, III, p. 592.
36 L. Hakulinen, Entwicklung und Struktur der finnischen Sprache, II, S. 38; E. Fraenkel, Et. Wb., S. 542; J. Kalima, Festschrift für Hermann Hirt, Heidelberg, 1936, S. 199—214; E. Itkonen, A. J. Joki, Etymologisches Wörterbuch der finnischen Sprache, III, Helsinki, 1962, S. 606.
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Page 74…“ J. Kalima hält lys“, im Unterschied zu den anderen soeben aufgezählten Schweinebezeichnungen der finnisch-ugrischen Sprachen, für eine Entlehnung aus dem Baltischen37.
In den baltischen und slawischen Sprachen gibt es noch eine weitere Bezeichnung für das Schwein, die offenbar nur diesen beiden indogermanischen Sprachgruppen eigen ist und deren Herkunft bis heute viele Zweifel aufwirft. In den slawischen Sprachen wird dieses Wort meist im Sinne von „Wildschwein“ gebraucht: alt-russ. вепрь, russ. вепрь, russ. dial. венерь „männliches Schwein“, вепрь, веприк „Wildschwein, Eber, männliches Schwein“, ukr. вепер „Wildschwein, kastrierter Eber“, weißruss. вепер „Wildschwein, männliches Schwein“, bulg. вепър „Wildschwein“, serb.-kroat. вѐпар „männliches Schwein“, slow. veper „Wildschwein“, tschech. vepř „Schwein, männliches Schwein“, slowak. vepor, poln. wieprz „Schwein, männliches Schwein, Wildschwein“, obersorb. wjapr „männliches Schwein, Wildschwein“, niedersorb. wjapš, polab. víper38.
Von den baltischen Sprachen ist dieses Wort nur im Lettischen gut bewahrt: vepris „ein kastrierter Eber, ein Borg“, vepruks „ein kleiner (kastrierter) Eber“, veprēks „ein nicht ganz kleiner vepris“, veprēks, abwertend veprelis, veprēns, veprēlis „ein nicht großes vepris“, veprukāns, vgl. auch vepruoties „unordentlich, nachlässig am Tisch essen“, veprelis „ein unsauberes Kind“ (EM, IV, 538; EH, II, 771).
Dass es diese Schweinebezeichnung im Litauischen gegeben hat, lässt sich aus der Toponymie erschließen: Vėpriai (ein Städtchen südwestlich von Ukmergė), Veprinis (ein See im Kreis Vievis), Veprys (See bei Antalieptė), Vepriškiai (zwei Seen im Kreis Vievis), Vėprynas (See bei Veisiejai)39.
Die prußischen Ortsnamen Weppen, Wepers lassen vermuten, dass ein solches Wort auch den Prußen geläufig war40.
K. Būga hatte in seinen Anmerkungen und Ergänzungen zum etymologischen Wörterbuch der russischen Sprache von A. Preobraženskij die Vermutung geäußert, dass lett. vepris auch aus dem Russischen entlehnt sein könnte („…заимствование из русского не исключено“)41. Die Spuren des genannten Wortes im Litauischen und Prußischen sprechen jedoch gegen diese Annahme, und auch andere Forscher bezweifeln den baltischen Ursprung von lett. vepris nicht.
Die Herkunft dieses Wortes und seine ursprüngliche Bedeutung werfen jedoch äußerst viele Fragen auf. Einige Forscher verbinden es mit skrt. vapati „stößt (Samen) aus“, wobei sie semantisch davon ausgehen, dass das Wildschwein seinen Namen als „Befruchter“ erhalten habe; andere verbinden es mit skrt. yabhati „futuere“. Es gibt die Auffassung, dass die Borsten des Wildschweins für dessen Bezeichnung ausschlaggebend gewesen seien; daher versucht man, diese mit lat. veprēs „Dornen“ zu verbinden. Andere wiederum halten das v- im baltisch-slawischen Wort für ein Zusatzlaut und verbinden es mit ahd. ebur „Wildschwein, Eber“, dt. Eber, lat. aper42.
Sowohl in den slawischen als auch in den baltischen Sprachen gibt es zahlreiche verschiedene Schweinebezeichnungen, die jeweils nur einer dieser Sprachgruppen oder sogar nur einer einzelnen Sprache eigen sind. Ohne auf solche slawischen Bezeichnungen einzugehen, wollen wir die für die baltischen Sprachen charakteristischen Namen dieses Tieres ausführlicher behandeln.
Ein kastrierter Eber wird in der litauischen Standardsprache und in einem beträchtlichen Teil der Dialekte meitėliu (Nom. meitėlis, meitėlys) genannt. In den Dialekten kommen auch die Formen maitelis, meičiukas „kleines Ferkel“, meičokas, meičkus vor (LKŽd., VII, 760, 1009). Diese Bezeichnung ist mit den Wörtern misti, maitinti, maistas, maitas „Nahrung, füttern, Nahrung, Futter“ zu verbinden, Nahrung, Fu-
37 J. Kalima, Itämerensuomalaisten kielten balttilaiset lainasanat, p. 145.
38 О. Н. Трубачев, Происхождение..., p. 66; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 183.
39 Namensverzeichnis der Flüsse und Seen der Litauischen SSR, p. 190.
40 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 199.
41 K. Būga, Ausgewählte Schriften, II, p. 648–649.
42 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 183; V. Machek, Et. sl., p. 561; F. Kluge, Et. Wb., p. 150; EM, IV, p. 538; О. Н. Трубачев, Происхождение..., p. 66; R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 351; Сравнительная грамматика германских языков, I, Москва, 1962, p. 57.
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Page 75„šaras“ und dergleichen43. Eine genaue semantische Parallele zu lit. meitėlis finden wir in den slawischen Sprachen, vgl. serb.-kroat. кѝмад „Schweine“, кѝмак „Eberferkel“, кѝмач „Zuchtsau“, kѝme „halbwüchsiges Schwein“, russ. dial. коромак „Eberferkel“, bulg. кърмак: serb.-kroat. кърмити „füttern“, russ. кормить „füttern, mit Nahrung versorgen, ernähren, säugen“, корм „Futter, Fraß, Tierfutter, Nahrung, Speise“44.
Lit. meitėlis hat im Altpreußischen einen Verwandten, nomaytis (Nomaytis Burg, Wort 684 des Elbinger Vokabulars)45. Seine Verwandtschaft mit lit. meitėlis steht außer Zweifel. R. Trautmann stellte jedoch beide baltischen Wörter nicht zu lit. maitinti, altpreuß. maitātunsin „sich ernähren“, altpreuß. maitā „füttert“, sondern zu altpreuß. ismaitint „verlieren, einbüßen“. Demnach hätte altpreuß. nomaytis nach R. Trautmann diese Bezeichnung aufgrund der Kastration erhalten. Überzeugender ist es jedoch, altpreuß. nomaytis und lit. meitėlis mit Wörtern der Gruppe lit. maitinti, mesti zu verbinden, wie J. Endzelīns und E. Fraenkel dies tun46.
Im Lettischen gibt es keine Schweinebezeichnung dieser Wurzel, doch finden wir dort eine weitere gute semantische Parallele, die die Richtigkeit der Gleichung lit. meitėlis, altpreuß. nomaytis: lit. maitinti bestätigt, vgl. lett. baruoklis „das Mastvieh, namentlich das Mastschwein“, baruoklis, baruoksnis, barūoksnis, baruotnis, baruoknis, baruklis, baruokle „ein (weibliches) Mastschwein“, barukle (EM, I, 265; EH, I, 206): lett. baruot „füttern, ernähren, mästen“, barība „Nahrung, Futter“.
Eine weitere semantische Parallele zu diesen Schweinebezeichnungen gibt es auch im Litauischen, vgl. penimis „Mastschwein, Ferkel“, peniūkšlas, peniūkšlis, pešlas < *penslas: penėti47.
Völlig ungeklärter Herkunft ist das lit. Wort kiaũlė, das in sämtlichen litauischen Dialekten und in der Schriftsprache als allgemeine Bezeichnung für dieses Tier verwendet wird. Im Litauischen gibt es auch verschiedene suffixale Bildungen des Wortes kiaulė, deren Bedeutung manchmal etwas von der Grundbedeutung abweicht: kiaulaitė „kleines junges Schwein“, kiaulaitė, kiaulėlė „kleines, junges Schwein, junge Sau“, kiaulėlis „Ferkel“, kiaulėnas „kleines Schwein“, kiaulienas „Eberferkel“, kiaulykštė „mickriges Schwein“, kiaulykštis „kleines Schwein“, kiauliokas „mittelgroßes Ferkel“, kiauliotė „Schweinchen, junge Sau“, kiaūlis „Eberferkel, Ferkel“, kiaulys, kiauliščia „mickriges Schwein“, kiauliūkas „Ferkelchen“, kiauliūkšė „kleines Schwein“, kiauliūkštė, kiauliūkštis „kleines Ferkel“, kiaūlius „Eberferkel, Ferkel“, kiauliva „Schwein (abwertend)“, kiaulūtė „kleines Schwein, junge Sau“ (LKŽd., V, 687, 689–90, 691, 696, 698, 699, 701).
In keiner anderen baltischen oder slawischen Sprache findet sich eine solche Schweinebezeichnung. Das Wort kiaũlė ist nur dem Litauischen eigen. Zwar versucht man, es mit gr. σωλούς ὗς48 in Verbindung zu bringen, doch ist eine solche Verknüpfung äußerst zweifelhaft.
Lit. kiaũlė erinnert phonetisch stark an die in allen drei baltischen Sprachen anzutreffende Bezeichnung für das männliche Schwein – den Eber, vgl. lit. kuilỹs, kuilius (LKŽd., VI, 780–1), lett. kui-
43 E. Fraenkel, Et. Wb, p. 459–460; K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 411.
44 И. И. Толстой, Сербо-хорватско-русский словарь, Москва, 1957, p. 357; О. Н. Трубачев, Происхождение…, p. 66; C. D. Buck, Dict., p. 162.
45 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92, 386; Prūsų kalbos paminklai, p. 73.
46 J. Endzelins, Senprūšu valoda, p. 216; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 459–460.
47 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 569.
48 E. Fraenkel, Et. Wb., p. 249; O. Haas, Lingua Posnaniensis, 3, p. 77.
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Page 76lis, pr. cuylis. Viele Forscher halten diese Bezeichnung für den Eber für ein Slavismus⁴⁹. An dieser Annahme wäre nicht zu zweifeln, wenn sich eine genaue Quelle finden ließe, aus der lit. kuilỹs, lett. kuìlis, pruß. cuylis hervorgegangen sein könnte. Eine solche Quelle gibt es jedoch nicht. Die Forscher rekonstruieren die Form kylb. Sie rekonstruieren sie auf der Grundlage des russ. dial. КИЛЯК „Eber, Zuchteber“, das sie ihrerseits mit russ. КИЛА „Bruch, Riss; Knolle (Pflanzenkrankheit)“ verbinden. O. Trubačëvs⁵⁰ Ansicht nach bedeutete kylb ursprünglich „Hauer“. Die Bezeichnung für den Eber geht tatsächlich mitunter auf die Bezeichnung für den Hauer zurück, vgl. russ. КЛЫКАЧ „Eber“: КЛЫК „Hauer“, bulg. ГЛИГАН „Eber, Wildschwein“, ГЛИГ: bulg. ГЛИГ „Eber-, Wildschweinhauer“, dt. Hauer „Eber, Wildschwein“: Hauer „Hauer“. Semantisch wäre O. Trubačëvs Deutung von russ. КИЛУН, КИЛЯК recht überzeugend, doch bleibt das lautliche Verhältnis zwischen russ. КЛЫК „Hauer“ und *kylb unklar.
In den lettischen Mundarten finden sich neben den Formen der Bezeichnung für den Eber kuilis, kuilēns, kuilins, Diminutivformen kuijuks, kuilenītis (EM, II, 300; EH, I, 667, 668) auch die Formen ķilis, ķilins, Diminutivformen ķilēks, ķiluks (EM, II, 388; EH, I, 706). J. Endzelīnas erklärt die Formen mit -i- im Stamm als aus derselben Quelle wie die Formen mit -ui- stammend, jedoch zu einem späteren Zeitpunkt entlehnt. Ähnliches geschah im Litauischen bei den Wörtern kūila „Bruch, Riss“ und kỳla, von denen das erste aus der slavischen Form *kyla stammt, während kỳla ins Litauische kam, nachdem slavisches ky zu >ki geworden war. Tatsächlich lässt sich feststellen, dass es im Litauischen auch ein unmittelbares Gegenstück zu den slavischen Wörtern gibt: kūlas „Knolle; Bruch“ (LKŽd., VI, 819). Die erneute Entlehnung des lettischen kīlis lässt erneut Zweifel an der Echtheit der slavischen Quelle aufkommen. Kann es sein, dass das Wort, aus dem die baltische Bezeichnung für dieses Tier zu verschiedenen Zeiten hervorging, in keiner der benachbarten slavischen Sprachen erhalten geblieben ist?
Die Bezeichnung für den Eber ist in den altpreußischen Sprachdenkmälern einmal belegt: im Elbinger Vokabular (Wort 683) Tuylis Beer (mittelhochdeutsch ber „Zuchterber“)⁵¹. Diese Form wird, gestützt auf die Formen der Eberbezeichnung in den anderen baltischen Sprachen, offenbar mit gutem Grund zu kauils. emendiert. Teilweise könnte diese Form vielleicht auch durch ostpreußisch-deutsche Mundartformen Kuijel „Eber“, Kujel, kuijeln „umherlaufen“⁵² bestätigt werden, die möglicherweise noch unmittelbar mit der prußischen Bezeichnung für den Eber zusammenhängen.
K. Būga versuchte, die baltische Bezeichnung für den Eber als einheimisches Wort zu erklären, indem er sie mit lit. kiaũlė, kūkis „Zuchteber“, kūkė „Schwein“, lett. cūka⁵³ verband. Später stimmte jedoch auch K. Būga der Erklärung zu, dass die Balten dieses Wort aus den slavischen Sprachen übernommen hätten.
Dennoch scheint uns eine gewisse Grundlage dafür zu bestehen, die baltische Bezeichnung für den Eber mit lit. kiaũlė zu verbinden. Der Vokalismus der Wurzel könnte sich gelegentlich auch unter dem Einfluss des slavischen Lehnworts kūila „Bruch, Riss“ verändert haben; außerdem könnte ui als Ausdruck einer gewissen emotionalen Abwertung entstanden sein, vgl. lit. kūinas, kūikė, kūinas „gehörntlos“, muitā „Aas“, būilis „Stier“ usw.
Mit lit. kiaũlė versucht man noch eine weitere baltische Schweinebezeichnung zu verbinden, nämlich pruß. skewre, skawra. Dieser prußische Schweinename ist eine der authentischsten Tierbezeichnungen des Prußischen, da er in beiden prußischen Vokabularen belegt ist. Im Elbinger Vokabular finden wir: Skewre Suwe (Wort 685), und bei S. Grūnov:
49 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 92; R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 451; E M, II, p. 300; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 305; J. Endzelin, IF, 33, p. 117.
50 О. Н. Трубачев, Происхождение..., p. 67.
51 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 92; Prūsų kalbos paminklai, p. 73.
52 H. Frischbier, Preussisches Wörterbuch, I, p. 442.
53 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, p. 296–297.
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Page 77sau skawra (19. Wort)54. R. Trautmann brachte die Vorform *skiau-rē wieder bei und verband dieses preußische Wort sehr vorsichtig (mit?) mit lit. kiaulė55. Ähnlich verfuhren auch K. Būga56 und J. Endzel y nas57. Demnach hätte das preußische Wort ein anderes Suffix und ein zusätzliches s-. Es ist jedoch sehr schwierig, die genetische Identität von pr. skewre und lit. kiaulė zu beweisen: Die Phonetik dieser Wörter unterscheidet sich zu stark.
Die preußische Bezeichnung für das Schwein ist auch in der Toponymie erhalten, vgl. Skeurekaym < aus pr. skewre + pr. caymis „Dorf“58.
Viele Zweifel weckt auch die Erklärung der Herkunft der litauischen Bezeichnung für das Wildschwein šernas, šėrnas, šerna. Im Lettischen wird kein Wort dieser Wurzel in der Bedeutung „Wildschwein“ verwendet. Dass lit. šėrnas ein Verwandtes im Altpreußischen hatte, darauf deutet der preußische Flussname Serenappe < seren + ape „Fluss“ hin, vielleicht auch der Ortsname Sernaw59.
E. Fraenkel, der E. Bernekers Erklärung widerlegte, wonach lit. šėrnas aufgrund semantischer Parallelen mit sl. veprь „Wildschwein“ verbunden wird – vgl. skr. vāpati „wirft (Samen) aus“, got. auhsa „Stier“: skr. ukṣāti „bespritzt“ usw. –, möchte lit. šėrnas mit skr. kṣárati „läuft, fließt, schmilzt“60 verbinden, tendiert dazu, es mit lit. šerkšnas, šārmas und anderen Wörtern der ie. Wurzel *ker- zu verknüpfen61. Phonetisch ist eine solche Verbindung durchaus möglich; Wörter der ie. Wurzel *ker- bezeichnen jedoch sowohl im Baltischen als auch im Slawischen gewöhnlich helle Farben oder Gegenstände von heller Farbe, vgl. lit. širmas „weiß mit gemischten dunklen Haaren“, širvas, lett. širins, russ. kirchenslaw. серень „weiß“ usw., während das Wildschwein ein dunkel gefärbtes Tier ist.
Auf eine im Wörterbuch von E. Fraenkel nicht erwähnte, aber bereits vor einem Jahrhundert von A. Fick veröffentlichte Etymologie von lit. šėrnas sei hingewiesen. A. Fick verband lit. šėrnas ohne nähere Begründung mit lit. šer̃š, šėrtis und rekonstruierte die Wurzel *šar- „rauh sein“62. Vielleicht betrachteten spätere Forscher diese Etymologie skeptisch, weil sie keine überzeugenderen semantischen Parallelen fanden; jedenfalls wurde sie, wie wir gesehen haben, nicht einmal in das etymologische Wörterbuch der litauischen Sprache aufgenommen. A. Ficks Etymologie ist jedoch durchaus überzeugend: Sie lässt sich durch semantische Parallelen aus anderen Sprachen stützen, vgl. ung. serte „Borsten“, slowak. ošipiná „Schwein“: slowak. šip „Stachel“63. Bekanntlich sind beim Wildschwein grobe Borsten noch stärker ausgeprägt als beim Hausschwein. Phonetisch gibt es ebenfalls keine Hindernisse, lit. šėrnas mit lit. šer̃š zu verbinden; zur Wortbildung vgl. lit. kernà „Dickicht“, pr. kirno „Strauch“: lit. kėras „Strauch; Baumstumpf“ usw.64.
In den baltischen Sprachen finden sich, abgesehen natürlich vom Altpreußischen, dessen Überlieferung in Schriftdenkmälern spärlich ist, sehr viele weitere, enger begrenzt gebrauchte Bezeichnungen für das Schwein. Besonders zahlreich sind lautmalerischen Ursprungs.
54 R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, S. 92, 94; Prūsų kalbos paminklai, S. 73, 78.
55 R. Trautmann, ebenda, S. 429.
56 K. Būga, Rinktiniai raštai, I, S. 296–297.
57 J. Endzelīns, Senprūšu valoda, S. 249.
58 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, S. 161, 233.
59 G. Gerullis, ebenda, S. 155, 156.
60 E. Berneker, IF, 8, S. 284.
61 E. Fraenkel, Et. Wb., S. 974.
62 A. Fick, Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen, II, Göttingen, 1876 p. 695.
63 О. Н. Трубачев, Происхождение…, S. 67.
64 A. Sabaliauskas, Baltistica, I(2), S. 162–163.
12. Baltų ir slavų kalbų ryšiai
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Page 78Lit. ciucė „Schwein (Kose- und Scheltwort)“, čiukė „čiukė, Schwein“, čiukukas „Ferkel, čiūkutis“, ciukūtis (LKŽd., II, 29), vgl. die Ruf- und Treiblaute für Schweine: ciūga, ciūgā, ciuk, čiūkš.
Lit. čiūga „Schwein“, čiūgā, čiūgalis „Ferkel (in der Kindersprache)“, čiūgālis „Eber, Schwein (Kosebezeichnung)“, čiūgana „Schwein, čiukė“, čiūgalis „čiukūtis, Ferkel“ (LKŽd., II, 94), vgl. lit. čiūg „čiuk, čiuku (so ein Schweineruf)“, čiūgā, čiūgā, čiūglė, čiūgnōti „Schweine rufen“.
Lit. čiūkā „Schwein“, čiūkas „Schwein, Ferkel“, čiukė „Schwein (in der Kindersprache)“, čiūkė, čiūkis „Eber“, čiūkis, čiūklė „Schwein (in der Kindersprache)“, čiūklis „Ferkel“, čiukūtis „Ferkel (Kosewort)“, čiūkūtis, čiūlė „altes Schwein“, čiūnis „Ferkel (Kosewort)“ (LKŽd., II, 95, 96, 99, 101), vgl. die Schweinerufe: čiūk, čiūk, čiūk, čiūka, čiūkā, čiūka, čiūki, čiūku, čiūkut, čiūkuōti „das Schwein mit „čiuk čiuk“ rufen, čiūkōti.
Lit. čiūotė „Schwein, čiukė“, čiūotis „Eber (Kosebezeichnung)“ (LKŽd., II, 108, 109), vgl. die Lautwörter čiūo, čiūō, čiūot.
Lit. jūkšė „Schwein“, jūkšius „Schwein, Ferkel“ (LKŽd., IV, 375, 376), vgl. den Treiblaut für Schweine jūkš.
Lit. kiūkšė „Schwein“ (LKŽd., V, 913), vgl. kiukšėti „grunzen (vom Schwein)“.
Lit. kriukā „Schwein“, kriūkė, kriuksė, kriūkšė (LKŽd., VI, 641, 644, 645, 647, 648), vgl. kriū „Interj. zur Wiedergabe des Grunzens eines Schweins“, kriūkt.
Lit. krūksis „Ferkel“ (LKŽd., VI, 695, 696), vgl. krūk „Interj. zur Wiedergabe des Grunzens eines Schweins“.
Lit. kuciūtė „Schwein“, kuciūkas „Ferkel, Schwein (gewöhnlich so gerufen)“ (LKŽd., VI, 755, 756, 757), vgl. den Schweineruf kuc.
Lit. kūkas „Schwein, Ferkel“, kūkā „Schwein (in der Kindersprache)“, kūkā, kuksa, kūksis „Ferkel“, kūkšis, kūktė „Schwein“, kūkūlė, kūkūtas „Ferkel“, kūkūtė „Schweinchen“, kūkūtis, kūkūtis „Ferkel, Schweinchen“, kūkūtis, kūkūtīs (LKŽd., VI, 791, 792, 795, 801, 802, 803, 807, 810, 817, 818), vgl. die Schweinerufe: kūkal, kūkat, kūks, kūkt, kūkut.
Lit. kvykulys „Ferkel“, kvykūtis „Ferkel“ (LKŽd., VI, 1094), vgl. lit. kvýkti.
Auch im Lettischen finden sich Schweinebezeichnungen ähnlicher Herkunft. Zunächst scheint es, dass die Bezeichnung des Schweins in der lettischen Literatursprache cūka nur so zu erklären ist. J. Endzel̄ynas⁶⁵ neigte dazu, lett. cūka aus *sūka herzuleiten (vgl. pers. xūk, altengl. sugu, lat. sucula, kymr. hucc, lett. sukis) über die Diminutivform cūcina, deren c- er als auf dem Wege der Assimilation aus s- entstanden ansieht. Die zahlreichen lautmalerischen Schweinebezeichnungen in den baltischen und überhaupt in den indogermanischen, aber auch in nichtindogermanischen Sprachen lassen jedoch vermuten, dass lett. cūka lautmalerischen Ursprungs ist. So vergleiche man neben den bereits erwähnten litauischen lautmalerischen Bezeichnungen für das Schwein auch russ. чуха, чухна, чухня, чушка, чучка, slow. čuna, čunka, čunja, čunjoga, russ. юс „Ferkel“, юсочка „Schweinchen“, russ. дюшка „Schwein“, дюк, дзюк, дюхман, kasch. buxla, dt. Zuckel „junges Schwein“, Suckel, schweizerfrz. couce, coutche, coutsi, couci „vertrauliche Bezeichnungen für das Schwein und Rufe, mit denen man es herbeiruft“, awar. cuka „Schwein“⁶⁶.
65 EM, I, p. 398.
66 K. Būga, Rinktiniai raštai, II, p. 294; M. Niedermann, Tauta ir žodis, II, p. 443; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 75–76; O. H. Трубачев, Происхождение…, p. 68; K. Müller, ZfSl, 2, 1966, p. 225.
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Page 79Neben cūka finden sich in den lettischen Dialekten auch die Formen cūcene „ein junges Schwein, die Sau“, cūcēns „ein kleines Schwein“, cūcis „ein junges Schwein“, cūcietis „das Schwein“, cūčka „das Mutterschwein“, Demin. cūciņa, abwertend cūkele, cūža „ein mageres Schwein“, cugītis „ein kleines (fettes) Ferkel“, Demin. cūcele, cūciņa (EM, I, 397, 398; EH, I, 279, 280), cūčka „Mutterschwein“, cūcis „ein junges Schwein, das Ferkel“, Demin. cūčaks, cūča, Demin. cūčele, cūčelite, cūga „eine Kosebezeichnung für ein Schwein“, cūgiņa (EM, I, 418, 424; EH, I, 294, 298), cigiņa „das Schwein (in der Kindersprache)“ (EH, I, 269).
Lautmalerischen Ursprungs sind auch:
Lett. kvīnka „ein quiekendes Schwein“, kvīnīta „ein mageres, ständig quiekendes Schwein“, kvīka „ein quiekendes Schwein“, kveksis „eine Art Schwein“ (EM, II, 355; EH, I, 689), vgl. lett. kvīnkt „schwach quieken (von Ferkeln)“, kvīkt „quieken“.
Lett. rekšis „der Eber“, reksis „ein Schwein, ein Halbschwein“ (EM, III, 508), vgl. lett. rekstēt „grunzen“.
Lett. rukšis „Beiname des Schweins“, rucis, rukšēns, rukšans, rukainīte, rūkai-nīte, rukaiņa, rukselīte, rūkulis, rukulīte, ruķelīte, rūkašiņa, rukažiņa, rūcītis, rūks-tultīte, rūksis „ein (junges) Schwein“, rukse „ein Ferkel (als Kosebezeichnung)“, rukšu-lītis „ein kleines (weißes und sauberes) Ferkel“, rūcis „das Ferkel“, ruisis (EM, III, 553, 556, 557, 568, 569, 588; EH, II, 382, 383, 387), vgl. lett. rūkt „brüllen, knurren“, rukstēt.
Lett. ūce „Kosebezeichnung für ein Schwein“ (EM, IV, 296) ist ein Wort unklarer Herkunft; möglicherweise ist es mit lett. ūicēt „(Kinder) auf Händen und Füßen krabbeln“ zu verbinden.
Lett. uršēklis „ein grunzendes Ferkel“, urgucā „eine (trächtige) Sau“ (EM, IV, 305, 308; EH, II, 715), vgl. lett. urr „Interjektion, mit der man Schweine (nach Hause) lockt“.
Wie bereits erwähnt, gab es Deutungen, nach denen die urindogermanische Grundbedeutung von *porkos „Wühler“ gewesen sei. Semantische Parallelen zu einer solchen Deutung finden sich auch in den baltischen Sprachen:
Lit. knistikis „Schwein (Rätselwort)“, kniūsas, kniūstas, kniūstė (LKŽd., VI, 258, 269, 270), vgl. lit. knisti.
Lett. rakuliņa „die Grabende – Beiname des Schweins“, rakulīte, rakušiņa, ruocenīte, ruokuliņa, ruokulīte (EM, III, 475–6, 576, 581; EH, II, 353), vgl. lett. rakt „graben, wühlen“.
Lett. rukša „ein wühlendes Schwein“, rušainīte, rušulīte, rušulīna (EM, III, 564, 565; EH, II, 383), vgl. lett. rušināt „wühlen, scharren, kratzen, etwas ausgraben“.
Sowohl im Litauischen als auch im Lettischen finden sich Schweinenamen, die von Farbbezeichnungen abgeleitet sind:
Lit. bálcikas „weißes Ferkel“, bálčkīs, baltrīns, bálčkē „weißes Schwein“ (LKŽd., I, 481, 505), vgl. lit. báltas.
Lit. blisė (M. Katkus⁶⁷, 67), vgl. lit. blisas „weiß (vom Vieh)“, blėsis < dt. Blässe.
Lit. dėglis „brandfarbene Sau“, dėglė, deglė, dėglis, deglýs, dėglius, deglóji, dāglis, daglē (LKŽd., II, 141, 249), vgl. lit. dėglas „bunt (vom Schwein)“, dāglas.
Lett. dāgle „eine brandfarbene Sau“, daglis „ein brandfleckiger Eber“, Demin. daglītis „ein weiß-schwarz geschecktes Schwein“ (EM, I, 430; EH, I, 302), vgl.
⁶⁷ M. Katkus, Raštai, Vilnius, 1965.
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Page 80lat. dagls „weiss- und schwarzbunt, brandfarben mit schwarzen Flecken, gew. nur von Schweinen“.
Liet. juõčkė (M. Katkus, 67), plg. liet. juõdas. Lat. juõzis „ein Ferkel mit einem Querstreifen über dem Rücken“ (EM, II, 128), plg. lat. juõsta „der Gürtel“, juõzt „gürten“.
Lit. kéršė (M. Katkus, 67), vgl. lit. kéršas. Lit. žilė (M. Katkus, 67), vgl. lit. žilas.
Es gibt auch Schweinenamen anderer Herkunft, die sich auf sonstige Eigenschaften dieses Tieres beziehen:
Lett. kõra „ein grosses, mageres Schwein“ (EM, II, 255), vgl. lett. kõrāt „langsam gehen, sich schleppen“.
Lat. žnargle „ein (mageres) Schwein, das nicht recht fressen will“, žnėrgle, žnėrba, žnėrga „ein nicht recht (fr)essen wollendes Ferkel od. Kind“ (EM, IV, 823, 825; EH, II, 821), plg. lat. žnėrgāt „wählerisch sein beim Essen, ohne rechten Appetit essen“.
Neben der bereits erwähnten Bezeichnung für den Eber (lit. kuilỹs), die von vielen Sprachwissenschaftlern als Entlehnung aus den slawischen Sprachen angesehen wird, kommen in den baltischen Sprachen vereinzelt auch seltenere Schweinebezeichnungen fremder Herkunft vor:
Lit. kabõnas „Mastschwein, Bacon“, Diminutiv kabonaitis, kaboniõkas (LKŽd., V, 25) stammt wahrscheinlich aus dem Weißrussischen, vgl. weißruss. kabān, russ. кабан, poln. kaban. Die slawischen Wörter stammen aus den Turksprachen, vgl. kirg. kaban u. a.68
Lit. knūras „Mastschwein“, knūrus „Eber, Wildschwein“ (LKŽd., VI, 266, 279) ist ebenfalls wahrscheinlich eine Entlehnung aus dem Slawischen, vgl. weißruss. кнур „Eber, Wildschwein“, ukrain. кнур „Mastschwein“, poln. knur. Dieses slawische Wort seinerseits ist sehr unklarer Herkunft; seine vollständigere Form lautet altruss. кънопоз. Sein erster Bestandteil wird mit russ. корный (vgl. корпоухий „mit abgeschnittenen Ohren“) in Verbindung gebracht, während man den zweiten mit gr. ὄρχις „Hoden“ zu verbinden versucht; mit diesem soll, wie man annimmt, auch das litauische Wort erżilas verwandt sein.69
Lit. antrius „Eber, Eber“, antris, intrius (LKŽd., I, 139; IV, 126) ist ein Slawismus, vgl. poln. wnęt(e)r „Männchen mit verborgenen Hoden“.
Lett. māška „eine Sau mit Ferkeln“ (EM, II, 546–7; EH, I, 784) stammt wahrscheinlich, wie J. Endzelynas annahm, von mačka, dieses wiederum vom russ. мачка „Mütterchen“.
Lett. švinka „ein Schwein“ (EH, II, 661) stammt offenbar vom russ. свинка „Schwein“; zum š- vgl. lett. švakstēt: svakstēt, švampāties: svampāties, švepstis: svepstis, švips-tēt: svipstēt u. a.
Lit. švinė „Schwein“ (Žagarė, Šakyna, Gruzdžiai) könnte ebenfalls ein Wort slawischer Herkunft sein, vgl. poln. świnia.70
Wie wir sehen, weisen die Schweinebezeichnungen in den baltischen Sprachen eine außerordentliche Vielfalt auf. Es gibt keine gemeinsame Gattungsbezeichnung für dieses Tier. Die einzelnen baltischen Sprachen haben einige alte indogermanische Schweinenamen gut bewahrt. In diesen Sprachen gibt es zahlreiche lautmalerische Schweinebezeichnungen. Die Herkunft eines Teils der Bezeichnungen ist bis heute nicht hinreichend geklärt. Die Schweinebezeichnungen in den baltischen und slawischen Sprachen unterscheiden sich erheblich, obwohl es auch gewisse gemeinsame Züge gibt.
68 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 495; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 69. 69 M. Vasmer, Et. Wb., I, 580; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 65–66. 70 A. Senn, Journal of Central European Affairs, 1956, Juli, p. 190, plg. E. Fraenkel, Et. Wb., p. 1045.
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Page 81KATZE
Wenn es hinreichende Gründe gibt, den Hund als ersten vierbeinigen Freund des Menschen anzusehen, so muss die Katze zweifellos als sein zuletzt domestiziertes Haustier gelten. Die alten Ägypter waren die Ersten, die die Katze zähmten. In den altägyptischen Darstellungen erscheint sie erstmals während der Herrschaft der XII. Pharaonendynastie, also zu Beginn des II. Jahrtausends v. u. Z.1. Die alten Ägypter hielten viele Katzen; sie galten als heilige Tiere und wurden nach dem Tod sogar einbalsamiert. Über die Bedeutung der Katze im alten Ägypten berichtet ausführlich der griechische Historiker Herodot; Diodor von Sizilien (zweite Hälfte des I. Jahrhunderts v. u. Z. — Beginn des I. Jahrhunderts u. Z.) schilderte ein Ereignis, das er offenbar mit eigenen Augen gesehen hatte: Ein Römer, der versehentlich eine Katze getötet hatte, wurde von einer wütenden ägyptischen Menge selbst getötet.
In Europa erscheinen Hauskatzen wesentlich später. In schriftlichen Quellen wird die Hauskatze erstmals in der Mitte des I. Jahrtausends u. Z. erwähnt. Bei einigen lateinischen Quellen aus dieser Zeit lässt sich zwar darüber streiten, ob das Wort cattus (catta) dort die Bedeutung „Wildkatze“ oder „Hauskatze“ hat; in der um das Jahr 600 u. Z. datierten Biografie Papst Gregors des Großen heißt es jedoch, er „besaß auf der Welt nichts außer einer Katze, die er oft liebkoste und wie eine Gefährtin des gemeinsamen Lebens an seiner Brust wärmte“. V. Hehn vermutet, dass sich Hauskatzen im Römischen Reich am stärksten im IV. oder V. Jahrhundert u. Z. verbreiteten, im Zusammenhang mit dem Zustrom asiatischer Ratten oder spanischer Kaninchen. Zu jener Zeit erhielt auch lat. cattus, catta, das zuvor verschiedene kleine Wildtiere (Wiesel, Marder) bezeichnet hatte, eine neue Bedeutung: „Hauskatze“2. Von Rom aus verbreiteten sich die Hauskatzen und zugleich die Bezeichnung für dieses Tier in andere europäische Länder. Wahrscheinlich begann sich die Katze in der zweiten Hälfte des I. Jahrtausends allmählich auch in den slawischen und baltischen Gebieten auszubreiten. So finden sich in archäologischen Ausgrabungen auf dem Gebiet Polens aus dem VIII.—XII. Jahrhundert bereits einige Überreste von Hauskatzen. Ähnliche Überreste findet man in Ausgrabungen aus etwa derselben Zeit auch auf dem Gebiet der Litauischen und Lettischen SSR3 (in England war die Hauskatze im X. Jahrhundert ebenfalls noch ein seltenes Tier4).
Die Herkunft von lat. cattus, catta ist sehr unklar. Einige Sprachwissenschaftler neigten zu der Annahme, die Römer könnten die Bezeichnung für dieses damals noch wilde Tier von den Germanen übernommen haben. Denn in den germanischen Gebieten waren Wildkatzen sehr beliebte Tiere. In der germanischen Toponymie tritt die Form *kat(t) „Biegung, Krümmung“ sehr häufig auf; die ursprüngliche Bedeutung von „Katze“ könnte demnach „Tier mit gekrümmtem Rücken“ gewesen sein. Allerdings war dieselbe Bezeichnung für dieses Tier auch in den keltischen Gebieten verbreitet; vgl. Kymr. cath, Korn. cath, Bret. caz, Ir. cat. Dies gab Anlass, diese Katzenbezeichnung als ein gemeingermanisch-keltisches oder keltisch-germanisches Wort zu betrachten5. Die germanische Herkunft von lat. cattus, catta würde teilweise gestützt werden durch
1 V. Hehn, Kulturpflanzen und Hausthiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie in das übrige Europa, Berlin, 1902, S. 456—457; C. Keller, Die Abstammung der ältesten Haustiere, S. 81—83; M. Hilzheimer, Haustier,—M. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, V, S. 220; H. Ranke, ebenda, S. 220; Е. А. Богданов, Происхождение домашних животных, S. 294—301.
2 V. Hehn, ten pat, p. 462; O. Schrader, Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, I, p. 565.
3 W. Hensel, Die Slaven im frühen Mittelalter, p. 79, 94; K. Паавер, Формирование териофауны и изменчивость млекопитающих Прибалтики в голоцене, p. 370—371.
4 Е. А. Богданов, ten pat, p. 295.
5 O. Schrader, ten pat, I, p. 566; F. Kluge, Et. Wb., p. 357.
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Page 82Der Umstand, dass es im Lateinischen tatsächlich zahlreiche Bezeichnungen für Wildtiere gibt, die aus dem Germanischen entlehnt sind, vgl. lat. alcēs „Elch“ < germ. álxis, lat. ūrus „Bär“ < germ. *ur, lat. bīsōn „Wisent“ < germ. wisund usw. So konnten die römischen Soldaten auch mit der Bezeichnung der Wildkatze in den germanischen Gebieten Bekanntschaft machen. Gegen eine solche Annahme spricht jedoch vor allem, dass sich die Herkunft dieser Tierbezeichnung anhand germanischer Sprachfakten nicht überzeugend erklären lässt. Außerdem widerspräche ihr auch die Geschichte des Tieres selbst. Auf wenig Zustimmung stieß auch die Hypothese, dass nubisch kadi die Quelle von lat. cattus und den Katzenbezeichnungen anderer europäischer Sprachen mit derselben Wurzel sei. Diese Hypothese stützt sich vor allem darauf, dass Ägypten das Zentrum der Domestikation der Katze war; bislang gibt es jedoch nur wenige Belege, die sie bestätigen. Daher betrachten viele Forscher, die beiden eben genannten Hypothesen skeptisch gegenüberstehen, lat. cattus als ein Wort unklarer Herkunft, das gewandert ist6.
Es besteht keine Einigkeit darüber, auf welchem Weg diese Katzenbezeichnung in die slawischen Sprachen gelangte. Als Quelle für das slawische kotъ wurde an mehreren Stellen gesucht. A. Stender-Petersen7 hielt got. *katts für eine solche Quelle, K. Knutson8 dagegen mnd. katt. M. Vasmer hatte versucht, sl. kotъ aus mittelgr. χάττα herzuleiten (später gab er diese Erklärung selbst auf)9. Die meisten Anhänger fand jedoch die Hypothese, dass lat. cattus die Quelle des sl. kotъ sei10. Für diese Hypothese spräche wohl auch am ehesten die Geschichte des Tieres selbst.
In den slawischen Sprachen wurde das Wort kotъ zunächst offenbar als Gattungsbezeichnung für das Tier gebraucht, sowohl für das Männchen als auch für das Weibchen; erst später entstanden in den slawischen Sprachen selbst neue Bezeichnungsvarianten nach Geschlecht und Alter des Tieres. Verschiedene Varianten dieser Katzenbezeichnung sind in den slawischen Sprachen recht weit verbreitet, vgl. altostsl. котъка, russ. кот, кошка, котёнок, ukrain. кіт, кішка, weißruss. кот, кошка, bulg. котка, котак, котарак, кот, коте, serbokroat. кот (nur in Texten des 16. Jh.), tschech. kocka, kocour, kote, kot (in Dialekten), slowak. kot (in Dialekten), kocúr, koča, kočiatko, poln. kot, kotka, kaschub. koet, koetka, obersorb. kóćka, kocor, kacor, niedersorb. kót, koca, kocka, kocor11. Wie wir sehen, ist diese Katzenbezeichnung vor allem in der nördlichen Gruppe der slawischen Sprachen verbreitet – in den serbisch-kroatischen und slowenischen Sprachen wird sie kaum verwendet (vgl. serbokroat. мас̌ка, мачак, slowen. mačka, mačák, máček). Auf diese Weise umfasst sie gewissermaßen das Areal der nordslawischen und, wie wir sehen werden, der baltischen Sprachen.
Eine solche Katzenbezeichnung findet sich in drei baltischen Sprachen, vgl. lit. katė, lett. kaķis, pruß. catto. Auch der Weg dieser Bezeichnung in die baltischen Sprachen ist ziemlich unklar. J. Endzelīns war geneigt, die Katzenbezeichnung der baltischen Sprachen als Entlehnung aus dem Niederdeutschen oder aus den slawischen Sprachen zu betrachten (...zunächst entweder aus mnd. katte oder aus slav. kotъ)12. R. Trautmann betrachtete die slawische und die baltische Bezeichnung des Tieres als gemeinsame Entlehnung13.
6 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 643—644; F. Slawski, Sl. et., II, p. 559; O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 96; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 96.
7 A. Stender-Petersen, Slavisch-germanische Lehnwortkunde, Göteborg, 1927, p. 354—356.
8 K. Knutsson, Die germanischen Lehnwörter im Slavischen von Typus buky, Lund, 1929, p. 63—64.
9 M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 643.
10 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 96; F. Slawski, Sl. et., II, p. 559; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 643.
11 O. H. Трубачев, Происхождение..., p. 95; F. Slawski, Sl. et., II, p. 559; M. Vasmer, Et. Wb., I, p. 643.
12 EM, II, p. 171.
13 R. Trautmann, B-sl. Wb., p. 120.
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Page 83Wohl lässt sich keine dieser Behauptungen kategorisch zurückweisen oder bestätigen. Dennoch scheint es richtiger, die Frage nach der baltischen und slawischen Bezeichnung für die Katze gemeinsam zu behandeln; selbstverständlich darf man daraus jedoch nicht schließen, dass diese Bezeichnung eine gemeinsame Entlehnung aus der baltisch-slawischen Epoche ist. Dagegen spricht die Chronologie, denn sowohl ins Baltische als auch ins Slawische gelangte das Wort bereits mit der Bedeutung „Hauskatze“, und dieser Begriff entstand, wie wir gesehen haben, erst in der Mitte des ersten Jahrtausends. Aus diesem Grund gilt die Katzenbezeichnung auch nicht als gemein-slawische Entlehnung. Man sollte annehmen, dass Slawen und Balten sie etwa gegen Ende des ersten Jahrtausends irgendwo in der Nähe der Grenze zwischen den nördlichen Slawen und den südlichen Balten kennenlernten; von dort verbreitete sich die Bezeichnung nach Süden und Norden, wobei sie im Süden die südlichsten slawischen Sprachen nicht erreichte und im Norden über die Kuren ins Lettische gelangte.
Im Litauischen sind zahlreiche Varianten dieser Katzenbezeichnung anzutreffen, vgl. katė, katìs, kãtinas „Kater“, kãtas, katiniòkas, kačiùkas „Kätzchen“, kačiùkė, kačiùkštis, kačiùtė, kačiùtė, kačiùtis, kačiòkas, kačiùtis, katėnas, katėlis, katýnas, katinùkas, katýtis, katùkas, katùtis, katùtis (LKŽd., V, 32–3, 406, 407, 410, 411, 415). Im Litauischen wurde, wie auch in einigen slawischen Sprachen, vgl. russ. кошка, ukrain. кішка u. a., die weibliche Bezeichnung zur Gattungsbezeichnung für dieses Tier verallgemeinert.
Eine Katzenbezeichnung mit diesem Stamm kommt auch in der litauischen Hydronymie recht häufig vor, vgl. Kãtupis, Kãtino upelis, Katinėlis (See), Katinravis, Katišius (See).¹⁴
Auch im Lettischen sind zahlreiche Varianten dieser Katzenbezeichnung gebräuchlich, vgl. lett. kaķis, kaķe, kaķenīce, kaķene „das Weibchen der Katze“, kaķīte, kaķine, kaķiene, katene, katana, katins „ein Kater“, katans, kaķēns, kaķēns „eine junge Katze, ein Kätzchen“, kaķulēns, kaķulītis, kaķēlēns, kaķenītis (EM, II, 139–40, 171; EH, I, 576, 592).
J. Endzelīns erklärt, dass lett. kaķis su k anstelle des erwarteten t aus dem Kurischen stammt, wo die Nominativform *katis gelautet habe, der Genitiv dagegen bereits kata; dieses sei im Lettischen zu kaka geworden, und nach diesem sowie den anderen Kasus mit k sei der letztere Konsonant in der gesamten Paradigmatik verallgemeinert worden¹⁵.
Verschiedene lettische Varianten der Katzenbezeichnung finden sich auch in der lettischen Toponymie, vgl. Kaķupe, Kaķupīte, Kaķeņezers, Kaķītes-strauts, Kaķēni, Kaķinkalns u. a.¹⁶
Lett. kaķis, d. h. die maskuline Form der Bezeichnung, dient auch als Gattungsbezeichnung für das Tier. Ein ähnlicher Vorgang fand im Polnischen statt, wo die Form kot die Funktion einer Gattungsbezeichnung für das Tier erfüllt.
In den prußischen Sprachdenkmälern ist das Wort catto einmal belegt, und zwar in der Verbindung Paustocatto „Wildkatze“ (Paustocatto Wildekatze, Wort 665 des Elbinger Vokabulars)¹⁷; seine Authentizität steht jedoch außer Zweifel, da die Katzenbezeichnung auch in der prußischen Toponymie sehr häufig vorkommt, vgl. Kath, Katelauke (<Kath+pr. laucks „Feld, Acker“), Kathenmedien (<Kath+pr. median „Wald“), Katpanye (<Kath+pr. pannean „Sumpf, Moor“), Kattenplick, Cattiten¹⁸. Auch pr. Paustocatto könnte eine Lehnübersetzung sein
¹⁴ Lietuvos TSR upių ir ežerų vardynas, S. 70–71.
¹⁵ EM, II, p. 140.
¹⁶ J. Endzelīns, Latvijas PSR vietvārdi, I, 2, p. 8–11, 58.
¹⁷ R. Trautmann, Die altpreussischen Sprachdenkmäler, p. 91; Prūsų kalbos paminklai, p. 72.
¹⁸ G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, p. 57–58, 233; J. Endzelīns, Senprūšu valoda, p. 190.
183
Page 84aus dem Deutschen wilde Katze, vgl. pruß. pausto „wild“: altslaw. pustъ, vgl. auch pruß. paustocaičan „Wildpferd (wildes Pferd)“ (Wort 654 des Elbinger Vokabulars).
Im Litauischen und Lettischen gibt es zahlreiche Katzennamen lautmalerischen Ursprungs, die gewöhnlich in der Kindersprache verwendet werden oder sonst einen gewissen Kosecharakter haben.
Lit. kăcas, kăče, kăcius, kaciukas, kăckis (LKŽd., V, 29–30), vgl. lit. kăc „Interj. zum Rufen der Katze“, kacėnti „die Katze rufen“.
Lit. kicà, kicaras, kičė, kicius, kickà, kickis, kickė, kicūkas, kičiulis, kičūtė (LKŽd., V, 740–1), vgl. lit. kic „Interj. zum Rufen der Katze“, kicénti „die Katze rufen“.
Lat. kicitis „die Katze (in der Kindersprache)“ (EH, I, 607), plg. lat. kic, kic, kic „Interj., mit welcher Katzen, Schafe, Ziegen gescheucht werden“, kicinât „eine Katze aus einem Raume verjagen“.
Es sei darauf hingewiesen, dass Katzennamen ähnlichen lautmalerischen Ursprungs auch in den slawischen Sprachen vorkommen, vgl. russ. киска, obersorb. hica, tschech. čiča, cicka, slowak. cica, cicka. O. Trubačiovas19 nimmt offenbar mit guten Gründen an, dass solche Lautnachahmungen älter sein können als die eigentliche Katzenbezeichnung (gemeint ist slaw. kotъ usw.), da sie in vielen Sprachen nicht nur zum Rufen von Katzen, sondern auch anderer Tiere verbreitet verwendet werden20.
Im Lettischen haben sich Katzennamen lautmalerischen Ursprungs vom Typ kic, kac nicht weiter verbreitet, weil diese Lautnachahmungen dort nicht die spezifische Bedeutung „eine Katze rufen“ angenommen haben, wie etwa im Litauischen.
Im Lettischen werden zum Rufen einer Katze am häufigsten die Lautnachahmungen īņi, īņci, mīņc, mīņci, piņc und ihre weiteren phonetischen Varianten verwendet21. Neben diesen Lautnachahmungen finden sich im Lettischen auch Katzennamen: īņcis, ince (EM, I, 707; EH, I, 430), mīņcis (EM, II, 629), piņcis, piņče (EM, III, 218; EH, II, 234). In bestimmten Fällen können diese Katzennamen lautmalerischen Ursprungs sein und aus den gerade erwähnten Lautnachahmungen īņci, mīņci, piņc hervorgegangen sein; dies wäre jedoch ein späterer Prozess. Tatsächlich entstanden die Lautnachahmungen īņci, mīņci aus Katzennamen, deren Quelle ihrerseits das Deutsche war. Lett. īņcis, ince stammen aus dem Deutschen Hinz, Hinze „Name des Katers in der Tierfabel“22, wobei dt. Hinz eine Koseform des Personennamens Heinrich ist, vgl. Fritz – Friedrich, Götz – Gottfried usw.23. Lett. mīņcis entstand aus niederdeutsch minze, mintse „Katze“24.
Die lettische Lautnachahmung piņc und die Katzennamen piņcis, piņče könnten als Reimformen neben lett. īņci, mīņci und den daraus entstandenen Katzennamen gebildet worden sein.
Lautmalerischen Ursprungs ist wahrscheinlich auch eine andere, im Lettischen sehr weit verbreitete Katzenbezeichnung – ruņcis, ruņčiņš, ruņčelis, ruņčuks, ruņčukēns, ruņcēns, ruņcins, ruņciene, ruņka, ruņkis, ruņķis (EM, III, 561, 570; EH, II, 384, 385). Diese Katzenbezeichnung ist vermutlich mit dem Verb rūkt „brausen, sausen, brüllen, tosen, gurren, brummen, knurren“ zu verbinden, vgl. lācīs, lauva, vilks, cūka, dundurs, rubenis, kakis rüc (EM, III, 569; EH, II, 388), vgl. auch lit. rūkti „brüllen“, russ. рычать, altnord. rymja „brüllen, brummen“ usw.25
19 O. H. Трубачев, Происхождение…, p. 99.
20 O. H. Трубачев, ten pat; F. Kluge, Et. Wb., p. 371.
21 K. Draviņš, V. Rūķe, Interjektionen und Onomatopöie in der Mundart von Stenden, Lund, 1962, p. 58.
22 J. Sehwers, Sprachlich-kulturhistorische Untersuchungen, p. 41.
23 F. Kluge, Et. Wb., p. 309.
24 J. Sehwers, ten pat, p. 80; EH, I, p. 815.
25 EM, III, p. 561; J. Pokorny, Et. Wb., p. 867–868.
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Page 85Aus dem Lettischen gelangte die letztgenannte Katzenbezeichnung auch in einige südwestlitauische Dialekte, vgl. rūcis „Kater“ (Papilė, Viešniai, Kairiai).
Im Litauischen und Lettischen kommen vereinzelt auch Katzenbezeichnungen anderer Herkunft vor, die meist nur in begrenztem Umfang gebraucht werden und eine bestimmte Bedeutungsnuance aufweisen:
Lit. čiurūkas „Kater (in einem Rätsel)“ (LKŽd., II, 122), vgl. lit. čiūr „in verschiedenen Bedeutungen gebrauchtes Lautwort“, čiurūkas „Gänschen“, čiūra „Hündin“, čiurinėti „sich regen, umhergehen“, čiurą „jemand, der ins Bett macht“.
Lit. knerpė „Katze (Folklorewort)“ (LKŽd., VI, 219), vgl. lit. kner̃pti, knir̃pti.
Lit. kniaukà „Katze (in einem Rätsel)“ (LKŽd., VI, 224), vgl. lit. kniaũkti.
Lit. ráinis, -ė, raĩnis, -ė „Kater“, vgl. lit. ráinas, raĩnas.
Lat. svīpuris „eine grosse, graue, schwarzgestreifte Katze“ (EM, III, 1163), plg. lat. svīpurains „rūtains“, svīpelēta pele „eine braune Feldmaus mit einem schwarzen Streifen über dem Rücken“.
Lett. tīsele „eine weibliche Katze“, tīsītis (EM, IV, 204), ein Wort unklarer Herkunft, das vielleicht mit dem Lautwort tisu „Interj. beim Necken gebraucht“ (EM, IV, 198) in Verbindung zu bringen ist.
Zum Abschluss des Überblicks über die Katzenbezeichnungen ist noch darauf hinzuweisen, dass im Litauischen die alte Bezeichnung für die Wildkatze vilpišys erhalten geblieben ist. Dieses Wort findet sich in den Wörterbüchern des ostpreußischen Litauischen, vgl.:
wilde Katze, WilpiBys, Bio, m. Medinnė Kattė (Ph. Ruhig, Lex., II, 402).
WilpiBys, Bio, m. eine wilde Katze (Chr. G. Mielcke, Wb., I, 330).
wilde Katze, WilpiBys, io, m. Medinnė Kattė (Chr. G. Mielcke, Wb., II, 541).
Aus diesen Quellen gelangte eine solche Bezeichnung für die Wildkatze auch in andere in Ostpreußen und Litauen erschienene Wörterbücher und verschiedene Schriften.
Die erste Quelle für dieses Wort ist also das Wörterbuch von P. Ruhig. G. H. F. Nesselmann merkt in seinem Wörterbuch an, dass ein solches Wort in der Gegend von Ragnit unbekannt sei. Auch F. Kurschat hatte ein solches Wort nicht gehört. An seiner Authentizität kann jedoch kein Zweifel bestehen, da es in der litauischen Toponymie und Anthroponymie vorkommt. Sowohl F. Kurschat als auch G. H. F. Nesselmann führen den Ortsnamen Vilpišiai an (… Wilpischen ist der Name eines Dorfes im Kirchspiel Gerwischkehmen in einer ehemals waldigen Gegend bei Gumbinnen… G. H. F. Nesselmann, Wb., 80). Ein solcher Ortsname findet sich auch in der Nähe von Tauragėnai (Vilpišiai), und im Rajon Molėtai ist der Dorfname Vilpiškiai belegt. Bekannt sind die Familiennamen Vilpišauskas, Vilpiševskis, Wilpiszy (polonisierte Form).
Lit. vilpišys ist ein altes indogermanisches Wort. Die übrigen baltischen Sprachen sowie die slawischen Sprachen kennen es nicht. Es ist verwandt mit lit. lãpė, lat. volpēs und anderen Wörtern der idg. Wurzel *ulp, *lup-, die verschiedene Raubtiere (Fuchs, Schakal, Wolf) bezeichnen. Lit. vilpišys steht seiner Bedeutung nach dem mittelpersischen gurpak „Hauskatze“, pers. gurba am nächsten; dabei entspricht iran. *urpa idg. ulpos26.
Von den slawischen Sprachen haben das Wort für die Wildkatze das Altkirchenslawische und das Polnische bewahrt, vgl. aksl. stbblb, stbplb, altpoln. zdeb, step, poln. żbik, żbik. Die Etymologie dieses Wortes ist ziemlich unklar. Einige Forscher (G. Ilinskij, A. Brückner) bringen es mit lit. stiprūs in Verbindung, andere (O. Trubačev) mit russ. стебель, lit. stiebas; demnach wäre die ursprüngliche Bedeutung von urslaw. *stbjb „starke Katze“ oder „im Schilf lebend“, wobei die letztere Etymologie durch eine der heutigen russischen Bezeichnungen für die Wildkatze gestützt würde: камышовый кот27.
26 J. Pokorny, Et. Wb., p. 1179; E. Fraenkel, Et. Wb., p. 340, 1254.
27 O. H. Трубачев, Происхождение…, p. 92–94; A. Brückner, Sl. et., p. 649–650.
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Page 86Wie wir also sehen, wird in den baltischen und vielen slawischen Sprachen eine gemeinsame Bezeichnung für die Katze verwendet, die wahrscheinlich zur selben Zeit aus ein und derselben Quelle entlehnt wurde. In den baltischen und slawischen Sprachen gibt es zahlreiche enger verbreitete Bezeichnungen jüngeren Ursprungs, meist lautmalerische. Außerdem wurde im Litauischen und in den slawischen Sprachen eine Bezeichnung für die Wildkatze unterschiedlicher Herkunft verwendet.
ALLGEMEINE SCHLUSSFOLGERUNGEN
Nach einem Überblick über die Bezeichnungen für Haustiere in den baltischen Sprachen können wir einige allgemeinere Schlussfolgerungen ziehen.
Die baltischen Sprachen haben die alten indogermanischen Bezeichnungen für Haustiere vergleichsweise gut bewahrt (lit. šuo, lett. suns, pruß. sumis; lit. avis, āvinas, lett. avs, auns, pruß. awins; lit. ėras, jėras, vēras, lett. jērs, pruß. eristian; lit. ožys, ožka, lett. āzis, pruß. wosee, wosux; lit. gīovs; lit. veršis, lett. vērsis, pruß. werstian; lit. pėkus, pruß. dial. pecku; lit. ašvā, ašva, ašvėnis, pruß. aswinan „Stutenmilch“; lett. svēns, suvėns, pruß. swintian; lit. paršas, pruß. parstian usw.).
Keine der baltischen Sprachen lässt sich hinsichtlich des Archaismus ihres Wortschatzes in diesem Bereich besonders hervorheben. So haben etwa die Letten die alte indogermanische Bezeichnung für das Pferd (idg. *ēk̑uo-s) nicht bewahrt, während im Litauischen die alte indogermanische Bezeichnung für das Rind (idg. *gʷou) verschwunden ist, die im Lettischen erhalten blieb. Im Litauischen gibt es keine Spuren der alten indogermanischen Bezeichnung für das Schwein (idg. *sūs/*su̯u), die im Lettischen gut bewahrt ist; im Lettischen wiederum verdrängte der Slawismus kaza die alte indogermanische Bezeichnung für die Ziege, die im Litauischen und im Altpreußischen erhalten ist (lit. ožka, pruß. wosee) usw.
Unter diesem Wortschatz nimmt die lettische Bezeichnung für das Rind luōps, die eine genaue Entsprechung nur im Albanischen hat – alb. lopë. – eine besondere Stellung ein.
Vergleicht man die Bezeichnungen für Haustiere in den baltischen Sprachen mit den Bezeichnungen derselben Tiere in anderen Zweigen der indogermanischen Sprachen, so zeigt sich deutlich, dass die meisten Gemeinsamkeiten mit den slawischen Sprachen bestehen (lit. kárvė, pruß. curwis „Stier“; russ. корова, poln. krowa usw.; lit. tėlias, teliūkas, lett. telš, telēns: poln. ciele, russ. теленок usw.; lett. vepris (lit. Vėpriai, Vepriškiai, Veprinis): russ. вепрь, poln. wieprz usw.). Keine der baltischen Sprachen kann hinsichtlich der Nähe ihres alten Wortschatzes in diesem Bereich zum entsprechenden slawischen Wortschatz besonders hervorgehoben werden.
In allen baltischen Sprachen finden wir recht viele slawische Bezeichnungen für Haustiere, meist handelt es sich um Entlehnungen jüngeren Datums. Die größte Gruppe unter den entlehnten Wörtern dieses Bereichs bilden die Slawismen. Ein Teil der Slawismen gelangte in alle drei baltischen Sprachen, andere sind für zwei (meist Litauisch und Lettisch) oder nur eine Sprache charakteristisch (lit. kūrtas, lett. kūrts, pruß. curtis; lit. kuilys, lett. kuilis, pruß. cuy lis (der slawische Ursprung der letztgenannten Wörter ist zweifelhaft); lit. telyčia, lett. telica; lit. barõnas, lett. baranina; lit. drigantas, lett. driganis; lit. rumõkas, lett. rumāks; lit. sābalas „eine solche Hundebezeichnung“, lett. sabulis; lett. kaza, pruß. sūdenikis, pruß. wuysis, lit. gončas, lit. škapā, lit. bulānas, lit. kabõnas, lit. kniūras usw.). Entlehnungsquellen sind in der Regel die benachbarten Sprachen Weißrussisch, Russisch und Polnisch. Einige Slawismen könnten auch aus dem Litauischen ins Lettische gelangt sein. Die Slawismen des Altpreußischen sind meist polnischen Ursprungs.
Nur sehr wenige baltische Wörter aus diesem Bereich gelangten in die slawischen Sprachen (poln. parsiuk, weißruss. парсюк, russ. паршук).
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Page 87Man kann auch eine baltische gemeinsame Schicht von Bezeichnungen für Haustiere unterscheiden (lit. žirgas, lett. žirgs, pruß. sirgis; lit. ežilas, lett. ērzelis; lit. kumelỹs, kumelė̃, lett. kumelš).
Es gibt zahlreiche Bezeichnungen, manchmal auch sehr alten Ursprungs, die nur für eine der baltischen Sprachen charakteristisch sind (lit. kalė (: lit. kalývas, kalýbas), lit. kėltava, kėltuva (: lit. kėlti), lit. galvijas (: lit. galvà), lit. arklys (: lit. árti), lit. šérnas (: lit. šerỹs), lit. vilpšỹs (: lit. lãpė), lit. jáutis (: lit. júngas, der Gewässername Jautin zeigt, dass eine solche Bezeichnung auch im Preußischen existiert haben könnte), lit. meitėlis (: lit. mįsti, vgl. auch pruß. nomaytis), lit. penìmis (: lit. penėti), lit. kiaũlė, pruß. skēwre, lett. baruõksnis (: lett. baruot), pruß. klente, clynth, pruß. camstian usw.).
Einen gewissen Einfluss auf den baltischen Wortschatz dieses Bereichs hatte das Deutsche; deutlicher ist dieser Einfluss im Lettischen zu spüren (lit. būlius, lett. bullis; lett. buks, lett. krakīs, kragīs, lett. mīncis, īncis, lett. pakans, lit. cieķe, cēķe usw.). Über das Lettische gelangte das eine oder andere Germanismus dieser Art auch ins Litauische.
Im Litauischen finden sich auch einzelne, nur eingeschränkt verwendete Wörter finnisch-ugrischen Ursprungs (lett. cone, soņnis, lett. mustika, lett. punika, lett. sēkis usw.). Der Einfluss der baltischen Sprachen auf die finnischen Sprachen des Ostseeraums in diesem Bereich ist dagegen beträchtlich (finn. oinas, estn. oinas; finn. vuohi, estn. voho; finn. härkä, estn. härg; finn. jäärä, estn. jäär usw.).
Unter den zahlreichen seltener verwendeten Bezeichnungen und Namen für Haustiere in den baltischen Sprachen (meist jüngeren Ursprungs) lassen sich mehrere semantische Gruppen unterscheiden.
Sehr zahlreich ist die Gruppe lautmalerischen Ursprungs (lit. čiūče, čiūčė, burūtė, burýtė, bašis, bažiukas, kūčė, kuriūtė, cibė, cibūtė, įygagas, kūžė, kūžius, čiūga, čiūka, čiūotė, jukšė, kriukė, kuciūtė, kūkas, kukūtis, kãcas, kicaras, kicà; lett. kuča, kucēns, birīte, biritina, bice, buce, bēja, mēja, mūja, nūža, tručina, cigiņš, cīga, trūta, kosīņš, kuziņa, kuža, kvīņka, kveksis, reksis, ruksis, kicītis usw.). Meist handelt es sich um Wörter der Kindersprache oder um Wörter mit einer allgemein liebevollen Färbung.
Eine große Gruppe bilden außerdem Tiernamen, die von Bezeichnungen entsprechender Farben abgeleitet sind; ein Teil dieser Farbbezeichnungen wird nur für Tiere verwendet (lit. balnė, dūmė, dvylė, keršė, laukė, pãlsė, pelėkė, šėmõji, žalõji, bėris, brišis, palvis, sartis, šir̃mis, širvis, šyvis; lett. brūnala, dūkala, dūmala, lāuce, melle, pālse, sārtala, sirmala, bēris, dārceis, dūkanis, lāucis, sarkanis, sīrmis usw.).
Für das Lettische sind Kuhnamen sehr charakteristisch, die von der Bezeichnung ihres Geburtstags oder allgemein einer Zeitangabe abgeleitet sind (lett. cētala: cēturdiēna, dienala: diena, launadzīte: launags, pirmala: pirmdiena, piektala: piektdiena, rītala: rīts, sestala: sestdiena, svēṭala: svētdiena, trešala: trešdiena, uotrala: uotrdiena, vakare: vakars usw.). Kuhnamen dieser Art kommen auch in den slawischen Sprachen vor.
Im Litauischen werden Kühe recht häufig nach Pflanzen, Vögeln usw. benannt.
In den baltischen Sprachen gibt es außerordentlich viele Bezeichnungen für ein schlechtes Pferd.
Einige Namen für Haustiere in den baltischen Sprachen sind nur sehr eingeschränkt gebräuchlich und manchmal nur für eine einzelne Familie charakteristisch. Viele solcher Namen wurden selbstverständlich in diese Arbeit nicht aufgenommen.
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Page 88Bezeichnungen für Haustiere in den baltischen Sprachen
(ihre Herkunft und ihr Verhältnis zu den entsprechenden Bezeichnungen in den slawischen Sprachen)
А. САБАЛЯУСКАС
Резюме
Die Arbeit behandelt die Bezeichnungen für Hund, Schaf, Ziege, Rind, Pferd, Schwein und Katze.
Nach der Untersuchung der Bezeichnungen einzelner Tiere werden entsprechende Schlussfolgerungen allgemeiner Art gezogen.
In den baltischen Sprachen sind die alten indogermanischen Bezeichnungen für Haustiere vergleichsweise gut erhalten (lit. šuo „Hund“, lett. suns, altpruß. sunis; lit. avis „Schaf“, lett. avs, lit. ávinas „Widder“, lett. auns, altpruß. awins; lit. ėras „Lamm“, jėras, ėras, lett. jērs, altpruß. eristian; lit. ožys „Ziegenbock“, lett. āzis, altpruß. wosux, lit. ožkà „Ziege“, altpruß. wosee; lett. guovs „Kuh“; lit. veršis „Kalb“, altpruß. werstian, lett. vēršis „Ochse, Stier“; lit. pėkus „Vieh, Schaf“, altpruß. pecku „Vieh“; lit. ašvà „Stute“, ešva, ašvienis „Arbeitspferd“, altpruß. aswinan „Stutenmilch“; lett. sivēns „Schwein“, suvēns, altpruß. swintian; lit. paršas „Ferkel“, altpruß. parstian u. a.).
Derartige archaische Lexik ist in allen baltischen Sprachen ungefähr im gleichen Maße bewahrt. So ist beispielsweise im Lettischen die alte indogermanische Bezeichnung für das Pferd (idg. *ekuo-s) nicht erhalten, während im Litauischen die alte Bezeichnung für das Rind (idg. *guou), die im Lettischen bewahrt ist, verschwunden ist. Im Litauischen fehlt die alte Bezeichnung für das Schwein (idg. *sūs/*su̯u), die im Lettischen gut erhalten ist; im Lettischen hingegen hat der Slawismus kaza (vgl. russ. коза) die alte Bezeichnung für die Ziege (lit. ožkà) verdrängt usw.
Unter den Bezeichnungen dieser Art fällt das lettische Wort für Rind, liōps, besonders auf; eine genaue Entsprechung findet es nur im Albanischen — lopë „Kuh“.
Der Vergleich der baltischen Bezeichnungen für Haustiere mit den entsprechenden Bezeichnungen in anderen indogermanischen Sprachen lässt deutlich erkennen, dass die baltischen Bezeichnungen am häufigsten mit den slawischen übereinstimmen (lit. kargvė „Kuh“, altpruß. curwis „Ochse“: russ. корова, poln. krowa u. a.; lit. tėlias „Kalb“, teliūkas, lett. telis, tēlens: poln. cielę, russ. телёнок u. a.; lett. vepris „Eber“ (lit. Vėpriai, Vepriškiai, Veprnis): russ. вепрь, poln. wieprz u. a.). Hinsichtlich der Nähe dieser Lexik zur slawischen Lexik lässt sich keine einzelne Sprache aus dem gesamten Zweig der baltischen Sprachen gesondert hervorheben.
In allen baltischen Sprachen finden wir recht viele Bezeichnungen für Haustiere slawischen Ursprungs. Unter den fremdsprachigen Entlehnungen dieser Lexik bilden die Slawismen die größte Gruppe. Einige davon kommen in allen drei baltischen Sprachen vor, andere sind für zwei Sprachen (meistens Litauisch und Lettisch) oder für eine einzelne Sprache kennzeichnend (lit. kūrtas „Windhund“, lett. kurts, altpruß. curtis; lit. kūlys „Eber“, lett. kūlis, altpruß. cuylis (der slawische Ursprung dieser Wörter ist ziemlich zweifelhaft); lit. telyčia „Färse“, lett. telica; lit. barōnas „Widder“, lett. baraniņa „Mutterschaf“; lit. drigantas „Hengst“, lett. drigants; lit. rumōkas „Beipferd“, lett. rumāks „Hengst“; lit. sabalas „Hundename“, lett. sabulis; lett. kaza „Ziege“; altpruß. slideikis „Leithund“, altpruß. wuysis „Wachthund“; lit. gončas „Jagdhund“, lit. škapa „Klepper“, lit. bulānas „Falbe“, lit. kabōnas „Eber“, lit. kniūras u. a.). Quelle der Entlehnungen sind gewöhnlich die Nachbarsprachen Belarussisch, Russisch und Polnisch. Einige Slawismen könnten auch über das Litauische ins Lettische gelangt sein. Die Slawismen des Altpreußischen sind hauptsächlich polnischen Ursprungs.
In den slawischen Sprachen finden wir nur sehr wenige Bezeichnungen baltischen Ursprungs (poln. parsiuk, belaruss. парсюк, russ. паршук).
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Page 89Hervorzuheben ist auch eine gemeinbaltische Schicht dieses Wortschatzes (lit. žirgas „Hengst“, lett. zirgs „Pferd“, altpreuß. sirgis „Hengst“; lit. eržilas „Hengst“, lett. ērzelis; lit. kumelýs „Hengst, Fohlen“, lett. kumelš, lit. kumelė „Stute“).
Es gibt zahlreiche Bezeichnungen (häufig sogar solche sehr alten Ursprungs), die nur für eine einzelne baltische Sprache charakteristisch sind (lit. kalė „Hündin“ (: lit. kalývas „weiß — gemeint ist der Hals des Hundes“, kalýbas), lit. keltava „Vieh, Rindvieh“, kėltuva (: lit. kėlti „heben“), lit. galvijas „Vieh“ (: lit. galva „Kopf“), lit. arklys „Pferd“ (: lit. artì „pflügen“), lit. šernas „Wildschwein“ (: lit. šėrÿs „Borste“), lit. vilpšys „Wildkatze“ (: lit. lâpe „Fuchs“), lit. jautis „Ochse“ (: lit. jüngas „Joch“; der Hydronym Jautin lässt vermuten, dass eine solche Ochsenbezeichnung auch im Altrussischen existierte), lit. metėlis „Eber“ (: lit. misti „sich ernähren“, vgl. auch altpreuß. nomaytis „Eber“), lit. penìmis „Masttier“ (: lit. penėti „füttern“), lit. kiaulė „Schwein“, altpreuß. skēwre, lett. barukšnis „Masttier“ (: lett. baruot „füttern“), altpreuß. klentē „Kuh“, clynth, altpreuß. camstian „Schaf“ usw.).
Auch die deutsche Sprache spielte bei der Entwicklung des Wortschatzes der Viehzucht in den baltischen Sprachen eine gewisse Rolle. Ein stärkerer Einfluss des Deutschen ist im Lettischen spürbar (lit. būlius „Zuchtbulle“, lett. bullis; lett. buks „Ziegenbock; männliches Tier“; lett. krāģis „Mähre“, krāķis, lett. mīcis „Katze“, īncis, lett. pakans „Hundename“, lit. ciekš „Kuhname“, cēkē usw.). Über das Lettische drangen einzelne Germanismen ins Litauische ein.
Im Lettischen finden sich auch einzelne Bezeichnungen baltisch-finnischer Herkunft (lett. cone „Widder“, sōnis, lett. mustika „schwarze Kuh“, lett. punika „braune Kuh“, lett. sekis „geschecktes Pferd“ usw.). Deutlich stärker ist der Einfluss des baltischen Wortschatzes auf den Wortschatz der baltisch-finnischen Sprachen spürbar (finn. oinas „kastrierter Widder“, estn. oinas; finn. vuohi „Ziegenbock; Ziege“, estn. voho; finn. härkä „Ochse, Stier“, estn. härg; finn. jäära „Widder“, estn. jäär usw.).
Weniger gebräuchliche (meist jüngeren Ursprungs) Bezeichnungen und Namen von Haustieren lassen sich nach semantischen Gruppen einteilen.
Eine sehr umfangreiche Gruppe bilden lautmalerische Bezeichnungen (lit. ciucė „Hund“, ciūčė, lit. buriùtė „Schaf“, buriūtė, kuriūtė, kùčė, lit. bāsis „Lamm“, bažikas, lit. cibė „Ziege“, cibūtė, lit. yāgas „Hengst“, kūže, kūžius, lit. ciugà „Schwein“, ciūkā, ciūotė, jūškė, krukūga, kuciūtė, kīkas, kukūtis, lit. kācas „Katze“, kīcaras, kīcā; lett. kuča „Hund“, kučēns, lett. birīte „Schaf“, biritina, bice, buce, bēļa, mēja, lett. mīja „Kuh“, nūža, tpruciņa, lett. cigiņš „Fohlen“, čiga, tprūta „Hengst“, košiņš, kuziņa, kuža, kvinka „Schwein“, kveksis, reksis, lett. kicītis „Katze“ usw.). Dabei handelt es sich vor allem um kindliche oder Kosewörter.
Eine große Gruppe bilden auch Tiernamen, die von einer entsprechenden Farbbezeichnung abgeleitet sind. Ein Teil dieser Farbbezeichnungen wird ausschließlich zur Angabe der Fellfarbe des Tieres verwendet (lit. balnė „Kuh mit weißem Rücken“, dūmė „rauchfarbene Kuh“, dvylė „braune Kuh“, kėršė „gescheckte Kuh“, laikė „Kuh mit weißer Blesse“, pálšė „hellgraue Kuh“, pelėkė „mausgraue Kuh“, šėmojī „aschgraue Kuh“, žalióji „braune Kuh“, lit. bēris „Brauner“, brišis „hellgelbes, rötliches Pferd“, palvis „hellgelbes Pferd“, sartis „Falbe“, širmis „Schimmel“, širvis, šyvis „hellgraues Pferd“; lett. brūnala „Braune“, dūkala „braune Kuh“, dūmala „dunkelbraune Kuh“, lāuce „Kuh mit weißer Blesse“, melle „schwarze Kuh“, palse „hellgraue Kuh“, sartala „dunkelbraune Kuh“, širmala „Schimmelkuh“; lett. bēris „Brauner“, dārcis „Schecke“, dūkanis „braunes Pferd“, lāucis „Pferd mit weißer Blesse“, sarkanis „hellbraunes Pferd“, širmis „Schimmel“ usw.).
Für das Lettische sind Kuhnamen sehr charakteristisch, die von der Bezeichnung des Tages oder allgemein der Zeit der Geburt des Tieres abgeleitet sind (lett. cetala: четurdiena „Donnerstag“, dienala: diena „Tag“, laīnadzīte: laīnaģs „Nachmittagssnack“, pirmala: pirmdiena „Montag“, piektala: piektdiena „Freitag“, rītala: rīts „Morgen“, sestala: sestdiena „Samstag“, svētala: svētdiena „Sonntag“, trešala: trešdiena „Mittwoch“, uotrala: uotr diena „Dienstag“, vakare: vakars „Abend“ usw.).
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Page 90In der litauischen Sprache erhalten Kühe häufig Namen, die von Bezeichnungen für Pflanzen, Vögel usw. abgeleitet sind.
In den baltischen Sprachen finden sich sehr viele Bezeichnungen für Klepper.
Einige Namen von Haustieren werden nur in einem sehr kleinen Umfeld verwendet und sind manchmal nur für eine einzelne Familie charakteristisch. Die meisten solchen Namen wurden selbstverständlich in diese Arbeit nicht aufgenommen.