Skip to document
Back
Go to original Localized version was produced by AI. It may contain inaccuracies.
Preparing document pages…

TERMINOLOGIE UND GEGENWART

Unter dem Titel „Terminologie und Gegenwart“ veröffentlichte die Technische Universität Kaunas eine Sammlung von Aufsätzen1, in der Beiträge zusammengestellt sind, die für die dort am 4. Juni 1997 abgehaltene wissenschaftliche Konferenz „Probleme der Sprache der technischen Wissenschaften“ verfasst wurden. Das Buch erschien vor der Konferenz, sodass die Teilnehmer sich mit den Gedanken der Referenten nicht nur im Hörsaal, sondern auch zu Hause vertraut machen konnten.

In der Publikation sind 43 Aufsätze veröffentlicht. Die insgesamt fünfzig Verfasser arbeiten an neun Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Dazu zählen Terminologen der Institute für Litauische Sprache und Lettische Sprache, eine recht große Gruppe von Lehrenden litauischer und fremder Sprachen an den Hochschulen in Kaunas und Šiauliai; etwa jeder fünfte Autor ist ein Fachwissenschaftler aus den Natur- und technischen Wissenschaften an der Technischen Universität Kaunas, der Universität Vilnius sowie dem Institut für Mathematik und Informatik.

Die meisten Aufsätze stehen auf die eine oder andere Weise mit der Sprache der Technik und der Terminologie in Zusammenhang; nur einige wenige behandeln wesentlich breitere Themen, etwa L. Barzdžiukienės „Sprache – kultureller Ausdruck des Menschen“, G. Čepaitienės „Funktionen und Zeichen der Sprachregeln der Höflichkeit“ und R. Lekavičienės „Sprache und Bewusstsein auf der Grundlage psycholinguistischer Untersuchungen“. Nur in wenigen Aufsätzen werden außerdem Fragen der Terminologietheorie etwas ausführlicher erörtert (K. Gaivenis und A. Kaulakienės „Sprachliche und fachliche Bewertung der technischen Terminologie“, V. Skujinis „Internationale Elemente der nationalen Terminologie“, V. Skujinis und M. Kiry­tės „Besonderheiten der Terminografie im Hinblick auf die Stilistik des Fachtextes“) oder Merkmale von Begriffen einzelner Quellen beziehungsweise ihrer Darstellung untersucht (N. Banevičienės „Mängel in den Definitionen technischer Normbegriffe“, J. Gaivenytės „Vergleich der Strukturen viergliedriger litauischer und englischer technischer Termini [– Strukturenvergleich]“, J. Korsako „Physikalische Termini aus lexikalischer Sicht metasprachlicher Texte“, V. Nečiūnas und V. Nečiūnienės „Produktive lateinische und griechische Affixe und Bestandteile in der medizinischen Terminologie“ u. a.). Mit weitem historischem und linguistischem Blick betrachten in ihren Aufsätzen einige Fragen des Fachwortschatzes V. Rimša („Über einige technische Termini“) und Sk. Valent as („Materielle technische Termini in der indoeuropäischen Poetik“).

1 Terminologija ir dabartis: Mokslo darbai. Kaunas: Technologija, 1997. 244 p.

80

und Sk. Valent as („Materielle technische Termini in der indoeuropäischen Poetik“).

Der größte Teil der Aufsätze ist Fragen der terminologischen Praxis und des Unterrichts gewidmet. Eine sachliche Argumentation kennzeichnet die meisten Beiträge, die von Fachwissenschaftlern aus den Natur- und technischen Wissenschaften verfasst wurden. Darin werden mit überzeugenden Argumenten gelegentliche Inkonsistenzen in der Terminologie einzelner Fachgebiete aufgezeigt und interessante Vorschläge gemacht (V. Dagienė „Terminologische Probleme von Lernsoftware“, St. Ratautas „Terminologische Schwierigkeiten des Wortes apranga“, St. Zajankauskas „Zu den Termini ėminys, pavyzdys, mėginys, tyrinys, bandinys u. a.“, St. Žebrauskas „Schwierigkeiten beim Gebrauch einiger elektrotechnischer Termini“, A. Žilinskas „Schwierigkeiten der litauischen Informatikterminologie“ u. a.). Am häufigsten sind jedoch Aufsätze, in denen verschiedene Fragen der Wissenschaftssprache und des Terminologieunterrichts auf die eine oder andere Weise untersucht oder erläutert werden. Hier nur einige Beispiele: D. Aleknienė und V. Žulienė „Förderung der korrekten Akzentuierung in der Berufssprache“, R. Bukauskienė „Unterricht der englischen Terminologie in Ökologie und Agronomie an Hochschulen“, G. Klimovienė „Unterricht von Begriffen des Unternehmertums und Handels mit aktiven Lehrmethoden“, E. Mileškevičienė „Methoden des Unterrichts der Fachterminologie“, Sv. Statkevičienė „Besonderheiten des Berufssprachunterrichts für Doktoranden“ u. a. In einem Teil dieser Aufsätze werden verschiedene sprachliche Aspekte, vor allem der Berufssprache, punktuell korrigiert. Es gibt auch Beiträge, die sich fast ausschließlich der Kultur der Berufssprache widmen, etwa R. Bartkevičienė und N. Petniūnienė „Sprachliche Schwierigkeiten in der Berufssprache von Forstleuten“, V. Cელiešienė, R. Žilinskienė und R. Žukienė „Mängel in der geschriebenen und gesprochenen Sprache von Lehrenden“, V. Ljolienė „Einige Ungenauigkeiten bei der Bildung und Verwendung elektrotechnischer Termini“, E. Molytes „Häufigste Fehler in der medizinischen Terminologie“ u. a.

Die Verfasser der Aufsätze greifen aktuelle Fragen der Wissenschaftssprache, der Terminologiebildung, des Sprachgebrauchs und des Unterrichts häufig mit großem Nachdruck auf. Ihre Gedanken kreisen überwiegend um die heutige terminologische Praxis und Fragen des Unterrichts der Fachsprache. Bemerkenswert ist übrigens, dass die enge Verknüpfung der Terminologie selbst und ihrer Praxis mit dem Unterricht wohl das interessanteste Merkmal des Inhalts dieser Sammlung ist – bisher wurden diese Bereiche nur selten so zusammengeführt

81

werden. „Reine“ Terminologen und ebenso verschiedene Terminologiekommissionen interessieren sich gewöhnlich kaum für den Unterricht, obwohl dieser eine der wichtigsten – wenn nicht die wichtigste – Methoden ist, Termini im Sprachgebrauch zu etablieren. Insgesamt werden in der Sammlung zahlreiche wichtige Fragen zum Bestand der Termini sowie zum gegenwärtigen Zustand der Terminologie und der damit verbundenen Bereiche erörtert oder zumindest angesprochen.

„Terminologie und Gegenwart“ ist ein interessantes und gehaltvolles Buch, das technisch ordentlich gestaltet und veröffentlicht wurde. Es wird zweifellos sowohl denjenigen dienen, die Termini pflegen, als auch Sprachlehrenden als Arbeitsgrundlage dienen. Wer sich jedoch auf die Publikation stützt, muss umsichtig vorgehen: Im gesamten Buch findet sich eine beträchtliche Zahl unterschiedlicher Ungenauigkeiten, Irrtümer, falscher Aussagen und Erläuterungen sowie unbegründeter Schlussfolgerungen. Um den Verfassern und Lesern des Buches zu helfen, möchte dieser Beitrag daher vor allem zumindest die wichtigeren unhaltbaren oder zweifelhaften Punkte erwähnen und sie außerdem auf einige Ungenauigkeiten in Gedankenführung und Sprache aufmerksam machen.

Ein altes Problem mancher Fachleute aus Wissenschaft, Kunst und anderen Bereichen ist ihre unzureichende Kenntnis der Geschichte dieser Fachgebiete. Daraus entstehen vergleichsweise häufige, drastische Verjüngungen – viele scheinen zu glauben, dass es vor dem 20. Jahrhundert oder gar vor der ersten Unabhängigkeitsperiode des Landes in diesem Jahrhundert in Litauen nahezu nichts gegeben habe: weder Kunst noch Musik, Wissenschaft oder Technik. Dabei sind wir Erben der Kultur des mächtigen Großfürstentums Litauen und verfügen über eine der ältesten Universitäten im östlichen Teil Europas. Leider scheinen auch einige Verfasser von „Terminologie und Gegenwart“ die Anfänge ihrer Fachgebiete eindeutig viel zu spät anzusetzen: Im Aufsatz „Schwierigkeiten beim Gebrauch einiger elektrotechnischer Termini“ wird behauptet, der 75. Jahrestag der Universität Litauens falle mit einem gleich langen Jubiläum der technischen Wissenschaften zusammen (S. 216); der Verfasserin des Aufsatzes „Medizinische Termini mit Suffixen in P. Avižonis’ ‚Leitfaden der Augenkrankheiten‘“ scheint das 1940 erschienene Buch von P. Avižonis eine der ersten Quellen litauischer medizinischer Termini zu sein (S. 51). Sowohl die Anfänge der litauischen Terminologie als auch insbesondere die der Wissenschaft und Technik sind viel weiter zurück zu suchen.

Wir haben noch eine weitere etwas merkwürdige Gewohnheit: Wir bezeichnen Menschen sehr ungenau als Sprachwissenschaftler. Selbst Sprachwissenschaftler nennen den Grundschullehrer A. Vireliūnas (1887–1925) häufig einen Sprachwissenschaftler, offenbar

82

Da sie Anfang der 1920er Jahre einige Jahre gemeinsam mit J. Jablonskis, K. Būga und anderen in der Terminologiekommission tätig war, stellte sie eine Sammlung der von dieser Kommission angenommenen Termini zusammen und schrieb den einen oder anderen Artikel sowie ein kleines Buch. Vielleicht wurden aus ähnlichen Gründen in dem Artikel „Lexikalische [= Leksiniai] und stilistische Besonderheiten wissenschaftlicher Texte“ der Ingenieur A. Novodvorskis und der Mediziner A. Šuminas als Linguisten bezeichnet (S. 154). Wenn man jedoch die Namen wirklicher Sprachwissenschaftler wie K. Gaivenis, E. Jakaitienė, J. Palionis, R. Piotrovskis, A. Reformatskis, G. Vinokuras u. a. um sich herum sieht, kann man durchaus berechtigt bezweifeln, ob die genannten Personen nicht versehentlich in diese Gesellschaft geraten sind.

Aus den Artikeln der Sammlung lässt sich mühelos eine beachtliche Zahl ungenauer Erläuterungen zu verschiedenen sprachlichen Fragen zusammentragen. Einige Beispiele aus der Wortbildung: Als durch ein Suffix gebildete Ableitung gilt das mit dem Suffix -tis gebildete Wort įeitis (S. 16), und umgekehrt wird die eindeutig durch eine Endung gebildete Ableitung -tas užkratas (S. 53) für eine Suffixableitung gehalten. Werden in den Wörtern pragula und pažaida unbedacht die Suffixe -ula und -da isoliert (S. 54), bleiben von den Wurzeln der Grundwörter pragulėjo und pažeidė auf ungewöhnliche Weise nur die Reste -gu- und -žeid- übrig. Solche Dinge zeigen ganz offensichtlich, dass einige Terminologieforscherinnen die Grundlagen der morphologischen Zerlegung gründlicher studieren sollten.

Labai praverstų apskritai geresnė rašančių pažintis su žodžių darybos, gramatikos, kalbos kultūros ir teikybos teorija. Tai gal padėtų išvengti nebūtų taisyklių sudarinėjimo, leistų objektyviau vertinti tiek kitų teiginius, tiek turimą kalbos medžiagą. Pavyzdžiui, kai taisomi elektrotechnikos leidinyje pavartoti priesagos -inis, -ė būdvardžiai tik dėl to, kad jie esą išvesti iš tarptautinių žodžių, turinčių priesagą -al- ar -yv- (aktyvinė, diferencialinė ir kt., p. 128), nesunku pamanyti, kad taip daryti būdvardžių bendrinėje kalboje esą negalima. Bet yra juk ne taip – prie tinkamai daromų ir vartojamų tokių vedinių niekas nekimba ir nėra pamato kibti. Kitame straipsnyje priesagos -inis, -ė darybos išgalės dar labiau ribojamos – teigiama, kad prieš šią priesagą „nereikėtų vartoti kitos priesagos“ (p. 135). Visai negėta negirdėta. Pirmiausia neaišku, kaip tokią ankstesnę priesagą būtų galima pavartoti. Nebent čia norėta pasakyti, kad iš priesagą turinčių žodžių būdvardžiai su -inis, -ė nedaromi. Bet tai būtų didelė netiesa. Būdvardžių priesaga -inis, -ė yra kaip tik viena iš tų, kurios

83

sind heute sehr produktiv und unterliegen nur vergleichsweise wenigen Wortbildungsbeschränkungen. Man sollte seine Gedanken viel präziser ausdrücken, damit nicht der Eindruck entsteht, es würden Regeln oder Sprachentwicklungstendenzen erfunden, die es gar nicht gibt. Das ist beim Unterrichten von Studierenden überaus wichtig, nicht nur auf wissenschaftlichen Konferenzen oder in wissenschaftlichen Publikationen, denn gelehrt werden dürfen nur tatsächliche Sachverhalte.

In der Sammlung gibt es noch mehr erfundene Regeln oder übertriebene Verallgemeinerungen. So heißt es beispielsweise zu Wörtern mit dem internationalen Wortbildungselement hidro: „Das Wortbildungselement hidro kann nicht durch ein selbstständiges Wort ersetzt werden. Dabei ist wichtig, ob das zweite Glied des zusammengesetzten Wortes litauisch oder international ist. Ist es international und bezeichnet es einen Terminus oder einen wissenschaftlichen Begriff [=und ist ein Terminus], so sollte ein zusammengesetztes Wort verwendet werden, z. B. [=:] hidrostatika, hidrodinamika, hidrotransmisija usw.; ist es dagegen litauisch, ist der zusammengesetzte Terminus durch eine Wortgruppe zu ersetzen, z. B. [=:] hidraulinė pavara, hidraulinis siurblys, hidraulinis variklis usw.“ (S. 238). Ohne auf die sprachlichen Mängel dieses kurzen Auszugs einzugehen (der Widerspruch zwischen dem ersten Satz und dem abschließenden Teil des Auszugs lässt sich allerdings nicht übergehen – angeblich kann es nicht durch ein selbstständiges Wort ersetzt werden, wird aber gleich darauf ersetzt!), geht es hier vor allem darum festzuhalten, dass die Empfehlungen für die heutige Standardsprache keinerlei Grundlage für solche Regeln bieten. Im Gegenteil. Würde man sich nach einer solchen Regel richten (und es gibt neben hidro noch eine ganze Reihe solcher internationaler Erstglieder), müsste die heutige Sprachpraxis und die Empfehlungen für den Sprachgebrauch erheblich umgewälzt werden. Woher stammen solche Vorstellungen? Vielleicht rühren sie von einer allzu wörtlichen Auslegung der Empfehlung der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache zu einigen Wörtern mit dem Erstglied auto her (übrigens zeigt dies, wie vorsichtig hochrangige Institutionen in einzelne Fragen des Sprachgebrauchs eingreifen sollten und wie präzise sie ihre Aussagen dabei formulieren müssten).

Einzelne sprachliche Fragen werden nicht von allen Linguisten gleich erklärt. Das ist kein Problem. So kann nach wissenschaftlicher Wahrheit gesucht werden. Nicht gut ist es jedoch, wenn bestimmte Annahmen oder Möglichkeiten aufgebauscht werden. Dazu dürfte wohl die Verabsolutierung einer einzelnen, aus den interessanten und treffenden Überlegungen von Prof. V. Urbutis zu möglichen Erklärungen der Wortbildung zusammengesetzter Wörter hervorgegangenen Auffassung gehören, wonach die Zusammensetzung als Wortbildungsverfahren nicht mehr anerkannt wird (Komposita gelten als Ableitungen mit Endung). Doch auch alle akademischen Wörter

84

Die Beschreibungen der Wortbildung sowie die Schulbücher werfen die Bildung von Endungen und Zusammensetzungen nicht in einen Topf. Daran sollten sich auch die Lehrenden an Hochschulen halten (insbesondere jene, die keine Philologen ausbilden), und weder den Lehrenden anderer Fächer noch den Studierenden den Kopf verdrehen (S. 70). Ebenso wenig eignen sich zusammengezogene Wörter wie medpunktas, medsesuo, tubdispanseris und Ähnliches als Bezeichnungen für zusammengesetzte oder Komposita (S. 135–136).

Die Publikation enthält eine beträchtliche Anzahl verschiedener Sprachkorrekturen. Leider ist ein Teil davon fragwürdig, manche sind völlig inakzeptabel, und stellenweise werden sogar Dinge korrigiert, die keiner Korrektur bedürfen. Ohne einen breiteren Kontext lässt sich schwer sagen, ob gabaritas in der Wendung iškirstos medienos gabaritas zutreffend durch das Wort tūris ersetzt wird (S. 41), denn es handelt sich um Wörter mit völlig unterschiedlichen Bedeutungen. Da diese Korrektur ohne weitere Erläuterung vorgelegt wird, kann sie die Menschen also in die Irre führen. Leider scheint sich eine solche Ausweitung von Korrekturen auf Wörter und Formen außerhalb des notwendigen Gebrauchskontexts sogar zu verbreiten. Es ist schwer zu verstehen, warum die lebendige Wendung medžio leidimas korrigiert wird und worin der Vorteil des gewöhnlich in einer anderen Bedeutung verwendeten Ersatzes medžio vertimas liegen soll (S. 41; zum Gebrauch dieser Wörter siehe DŽ₃ 439 und 923, LKŽ VII 270). Unklar ist, warum der Begriff šaknų papjovimas als seltsam gilt (S. 43). Die Linguistin irrt schwer, wenn sie behauptet, man verstoße gegen die Sprachnormen, wenn man ačiū labai sagt (S. 77). Sprachkorrektoren sollten viel vorsichtiger sein und sich vor allem bemühen, die lebendige Sprache sowie Theorie und Praxis der Sprachkorrektur möglichst gut kennenzulernen; denn wenn man völlig gute, auf der Grundlage der lebendigen Sprache gebildete Fachbegriffe oder gar Äußerungen dieser Sprache selbst zu korrigieren beginnt, entfahren einem unwillkürlich die Worte: „Herrgott! Was wird hier mit unserer Sprache gemacht? Warum erscheint manchen eine künstliche Sprache besser als eine lebendige?!“ Korrekturen müssen insgesamt offensichtlich, sehr klar und begründet sein; es muss genau gezeigt werden, was in welchen Fällen korrigiert wird.

An manchen Stellen kann es dem Leser schwerfallen zu erkennen, ob einzelne Wörter oder Wendungen angemessen sind oder nicht. So wird etwa ap-spręsti an einer Stelle als Sprachfehler korrigiert (S. 71), während seine Verwendung an anderer Stelle empfohlen wird (S. 224). Die Behauptung, wenn auch unter Berufung auf A. Pupkis, dass pronominale Formen „ein notwendiges Kennzeichen zusammengesetzter Fachbegriffe“ seien (S. 42), geht deutlich zu weit. Man sollte sogar sehr daran zweifeln, ob es notwendig ist, wie dort ebenfalls angegeben, ausschließlich grynasis pušynas, laikinasis sandėlis, natūralu-

85

dieses Nachwachsen. Unklar ist, worauf die Korrektur des Attributs im Genitiv in den Wortverbindungen aliumininės gyslos, kondensatoriniai varikliai beruht (S. 128). Wohl jeder Fachmann und auch jeder sonstige Sprachbenutzer würde bestätigen, dass es üblich ist oder heute üblicher wäre zu sagen: aliumininis šaukštas, plieninis dalgis, sidabrinis pinigas, varinis laidas. Auch der Genitiv ist hier nicht fremd und gut bekannt, doch scheint er in der heutigen Sprache in solchen Fällen eher zum Eigenen poetischer, künstlerischer als sachlicher Sprache geworden zu sein. Die Ausdrücke kondensatoriaus variklis und kondensatorinis variklis bezeichnen jedoch offensichtlich unterschiedliche Begriffe und können daher (sprachlich gesehen) nicht gegenseitig korrigiert werden. Es sei denn, jemand hätte die Gegenstände selbst verwechselt (das wäre aber ein sachlicher und kein sprachlicher Fehler)...

Es kommt vor, dass in den angeführten Beispielen nicht alles korrigiert wird, was zu korrigieren wäre. So wird etwa im Satz Pasirenkant antenas buvo vadovautasi jų paplitimu, sukurtos skaičiavimo metodikos pilnumu nur das Wort pilnumu korrigiert (S. 69); wollte man den Satz nicht gründlicher verbessern, hätte man zumindest seinen Anfang berichtigen können: Buvo vadovaujamasi parenkamų antenų paplitimu <...>. Einseitig wird in bestimmten Wendungen der Dativ der Bezeichnungen von Handlungsträgern durch den Infinitiv ersetzt, z. B.: 1) Tolerancijų sistemos sudarymui (= Tolerancijų sistemai sudaryti) nustatomas tolerancijos vienetas (S. 70); Tokiam kampų matavimui (= Tokiems kampams matuoti) dažniausiai naudojama sinusinė liniuotė (S. 70); 3) Didelis dėmesys skiriamas gaminamos produkcijos kokybės įvertinimui (= Daug dėmesio skirta gaminamos produkcijos kokybei įvertinti) (S. 65). Besser und vor allem lebendiger wäre es, in solchen Fällen etwa so zu schreiben: 1) Kad būtų sudaryta tolerancijų sistema, nustatomas tolerancijos vienetas; 2) Tokie kampai dažniausiai matuojami sinusine liniuote; 3) Labai rūpinamasi įvertinti gaminių kokybę.

Auch an der Sprache der Verfasser der Artikel selbst lässt sich manches beanstanden. Hier ist ein Wort oder Wörtchen unpassend verwendet, dort das Genus, zum Beispiel: 1) apibrėžimų sistemiškumas (= sistemiškumas), S. 34; 2) jaunesnės ir vyresnės (= žemesnės ir aukštesnės) klasės, S. 100; 3) Nepakanka konstatuoti kalbos svarbą moksliniame pažinime (= moksliniam pažinimui), S. 21; 4) <...>

86

angemessen g e f o r m t e (=geformte, gestaltete) sprachliche Umgebung <...>, S. 66; 5) <...> muss das <...> B e h e r r s c h e n internationaler Wörter i n d e r l i t a u i s c h e n S p r a c h e (= Beherrschen der in der litauischen Sprache verwendeten internationalen Wörter), S. 164 (außerdem ist diese Behauptung selbst höchst zweifelhaft). Sehr oft wird der partitive Genitiv vergessen, zum Beispiel: 1) Dėl to atsiranda s t r u k t ū r i n i a i i d i o m ų v a r i a n t a i (=struktūrinių idiomų variantų; dar geriau: susidaro <...> variantų), S. 25; 2) <...> können auch s y n o n y m i s c h e P h r a s e o l o g i s m e n entstehen (=sinonimiškų frazeologizmų, dar geriau: susidaryti <...> frazeologizmų), S. 27; 3) Į programą įtraukėme ir į v a i r i a s m a n d a g u m o f o r m u l e s (=įvairių mandagumo formulių; dar geriau: įvairių mandagių pasakymų), S. 102; 4) <...> man lehrt <...>, selbst S ä t z e zu bilden (=sakinių) mit diesem Wort, S. 132; 5) <...> lassen sich leicht minimale, bis in die Ursprache zurückreichende T e x t e - S y n t a g m e n entdecken (=siekiančių minimalių / mažučiu tekstų-sintagmų), S. 194 u. a. Leider, leider! Immer häufiger verwenden offenbar auch die Sprachwissenschaftler selbst, wohl weil sie sich von der lebendigen Sprache entfernen, den partitivischen Genitiv nicht mehr – selbst in Fällen, in denen der Geist der lebendigen Sprache ihn dringend verlangt.

In letzter Zeit verbreitet sich stark die Mode, bei gemischten (kongruierenden und nichtkongruierenden) Attributen die Reihenfolge umzukehren. So wurde das Denkmal am ehrenvollsten Ort von Vilnius Lietuvos didžiajam kunigaikščiui errichtet und nicht didžiajam Lietuvos kunigaikščiui. Auch in der rezensierten Publikation gibt es einiges an Durcheinander. Selbst die Titel mehrerer Artikel ordnen solche Attribute vielleicht nach logischen statt nach sprachlichen Neigungen an, zum Beispiel: „Profesinės kalbos taisyklingo kirčiavimo ugdymas“ (S. 11), „Dėstytojų rašomosios ir šnekamosios kalbos trūkumai“ (S. 68), „Doktorantų profesinės kalbos mokymo ypatumai“ (S. 189) und andere. Flüssiger, geläufiger und lebendiger wäre es zu sagen und zu schreiben: taisyklingo profesinės kalbos kirčiavimo mokymas (Betonung wird mokoma, ugdymas passt hier nicht), rašomoji ir šnekamoji dėstytojų kalba, profesinė doktorantų kalba.

Ohne auf die verschiedenen Ungenauigkeiten der besprochenen Publikation näher einzugehen, möchte ich dennoch noch ein Wort zur Schreibweise von Personennamen aus fremden Ländern sagen. Personennamen aus Ländern, die das lateinische Alphabet verwenden, werden im Buch meist

87

meistens in der Originalform geschrieben, häufig mit angefügten litauischen Endungen. Doch dazwischen findet sich stellenweise auch eine nach der Aussprache litauisierte Schreibweise, beispielsweise W. von Humboltas (S. 46; nur warum wurde in diesem Fall der fremde Buchstabe des Vornamens beibehalten?), Heigensas (S. 22) und andere. Noch uneinheitlicher werden die litauischen Endungen gesetzt, sodass ein Autor Wittgensteinas schreiben kann (S. 20; dieses Wort wurde im Buch versehentlich mit q statt mit g gedruckt), ein anderer hingegen Wittgenstein (S. 124). Dann ist bereits schwer zu erkennen, ob von einem Herrn oder einer Dame die Rede ist. Hier herrscht große Verwirrung, und es wird völlig außer Acht gelassen, dass es im Litauischen zumindest während des gesamten vergangenen Jahrhunderts üblich war, männliche und weibliche Familiennamen durch Endungen zu unterscheiden, das heißt für einen Herrn Heidegeris (ausgesprochen und oft auch geschrieben [Heidegeris]), Osgoodas [Osgudas], Sapiras [Sepiras], für eine Dame dagegen Heidegger [Heideger], Osgood [Osgud], Sapir [Sepir] (diese Beispiele stammen von S. 46, 124 und 125; dort sind sie falsch wiedergegeben). Zweifellos zeigt das, dass den Verfassern hier noch vieles unklar ist.

Diese Handvoll Anmerkungen wurde nicht verfasst, um die, wie gesagt, recht interessante Sammlung zu tadeln. Nein! Es sollte lediglich die Aufmerksamkeit der Leser (insbesondere der Nichtlinguisten) darauf gelenkt werden, dass man dieses Buch – wie übrigens alle anderen auch – nachdenklich und mit einer gewissen Skepsis lesen sollte; dass es niemals angebracht ist, blind dem zu folgen, was jemand irgendwo und irgendwie sagt oder schreibt. Die Verfasser von „Terminologijos ir dabarties“ suchten nach der Wahrheit. Sie leuchtet nicht immer sofort auf. Vielleicht helfen ihnen die hier niedergeschriebenen Gedanken und Zweifel ja, einen kleinen Schritt auf dem Weg zur Erkenntnis, Vermittlung und Erforschung der Muttersprache voranzukommen.

Stasys KEINYS

88

Document details