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DAIVA MURMULAITYTĖ

Lietuvių kalbos institutas

DAS LITAUISCHE NEOLOGISMEN-DATENBANK UND PERSPEKTIVEN DER NEUBILDUNGSFORSCHUNG

SCHLÜSSELWÖRTER: Neologismus, Wortbildung, Wortstamm, Wortfamilie, semantische Neubildung.

EINLEITUNG

Auf der Grundlage der Datenbank für Neologismen der litauischen Sprache (im Folgenden: ND, Datenbank) werden im Beitrag einige wortbildungsspezifische Beziehungen zwischen den in dieser Quelle verzeichneten Neologismen überblicksartig dargestellt. Ziel ist es, Richtungen für weitere Untersuchungen zur Wortbildung von Neologismen zu bestimmen und die Möglichkeiten der ND als Instrument solcher Untersuchungen eingehender kennenzulernen. Die Datenbank, eine fortlaufend ergänzte Sammlung des neuen Wortschatzes, lässt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten analysieren: Herkunft (Entlehnungen, Bildungen), Form (Wörter, Wortverbindungen, Zitate, Abkürzungen), Norm (normgerechter, nicht normgerechter, nicht kodifizierter Wortschatz), Semantik (neue Bedeutungen) usw. (ND, online abrufbar unter: http://naujazodziai.lki.lt/?Apie_duomenyna). Sie ist nicht nur eine Quelle für neue sprachliche Phänomene, sondern auch eines der Instrumente zur Untersuchung des gegenwärtigen Zustands und der Entwicklung von Wörtern. Neben den Neologismen selbst bietet sie die Möglichkeit, Informationen bereitzustellen, die für Wortbildungsuntersuchungen relevant sind: Definitionen und weitere semantische Erläuterungen, Herkunftsangaben sowie Belege authentischen Sprachgebrauchs mit Quellenangaben, die häufig dazu beitragen, die Bedeutung eines Neologismus und/oder die Umstände seiner Entstehung (Bildung) genauer zu bestimmen usw.

Nutzern der ND, die sich für Wortbildung interessieren, werden Mindestinformationen zu den Wortbildungsbeziehungen des betreffenden Neologismus geboten: Sie erhalten die in der ND erfassten Wörter mit demselben Wortstamm: „Neologismen existieren in der Sprache gewöhnlich nicht einzeln, sondern werden entlehnt oder bilden ganze Wortfamilien. Verwandte Neologismen sind durch Verweise miteinander verknüpft“ (ND, online abrufbar unter http://naujazodziai.lki.lt/?Apie_duomenyna)1. Dies ermöglicht es, sich ein ungefähres Bild von einem bestimmten

1 Allerdings sind nicht immer alle verwandten Wörter aufgeführt, und auch nicht stets dieselben, wenn man sie mit den Einträgen anderer Wörter desselben Wortstamms vergleicht. Zum Beispiel werden im Eintrag des Neologismus karkadienis, „der Tag, an dem das Eis ‚Kar kar‘ auf den Markt kam (symbolischer Geburtstag)“, in der Rubrik verwandte Wörter folgende genannt: algadienis; bilietadienis; koldūnadienis; mamadienis; melionadienis; nekalbadienis; picadienis; pigadienis; putadienis; sofadienis; tortadienis; tėvadienis; valentiniadienis; valentindienis; žavadienis, nicht jedoch dykadienis; gimtadienininkas, -ė; gimtadieninkas, -ė; kalbadienis; nelovadienis; neseksadienis; pusgimtadienis (von diesen verwandten Wörtern sind lediglich pusjubilejis; pusknygė; pusrezultatis; pustautis, -ė aufgeführt),

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ein Bild vom derivationellen Umfeld eines Neologismus und vom Umfang seiner Wortbildungsbeziehungen gewinnen sowie Annahmen über seine Popularität, seinen Bedarf und seine Etablierung im Sprachgebrauch treffen, seine Semantik präzisieren usw. Es ist jedoch schwierig, sämtliche systematischen Wortbildungsbeziehungen des Wortschatzes des ND zu ermitteln, die bei Vorliegen aller Wortbildungsnester deutlicher sichtbar wären. Ihre manuelle Erstellung, d. h. die anfängliche Aufbereitung des gesamten Materials, würde zu viel Zeit beanspruchen; deshalb wurde vorerst nur die Untersuchung genuin litauischer Neologismen vorgenommen, während Neologismen mit entlehnten Wurzeln nur unter bestimmten Gesichtspunkten berücksichtigt wurden (etwa zu Vergleichszwecken).

Am 31. März 2016 gab es im ND etwa 3 200 Neologismen, Entlehnungen und Neologismen mit gemischter Wortbildung (neue Wortverbindungen, Zitate und Abkürzungen wurden nicht in das Untersuchungsmaterial aufgenommen); am 31. August 2016 waren es etwa 3 400. Die neu gefundenen Neologismen ergänzten die bei der Untersuchung von Wörtern mit einzelnen Wurzeln erstellten Wortbildungsnester2.

1. FORSCHUNGSRICHTUNGEN ZU WORTBILDUNGSBEZIEHUNGEN VON NEOLOGISMEN

Neologismen im ND lassen sich anhand von Wortbildungsbeziehungen aus verschiedenen Perspektiven untersuchen. Einige der aussichtsreichsten, miteinander verbundenen Ansätze lassen sich nach folgenden Gesichtspunkten unterscheiden: 1) Wurzel, 2) Wortbildungskategorien (Wortbildungsaffixe), 3) lexikalisch-semantische Gruppen.

1.1. Der erste Ansatz besteht in der Untersuchung wurzelverwandter Wörter und ihrer wechselseitigen Beziehungen sowie in der Erstellung, Analyse und dem Vergleich von Wortbildungsnestern, um folgende Aspekte zu klären:

ob das Nest umfangreich ist;

sulčiadienis; šeimadienis; vaikadienis (damit verwandte Wörter sind nur mamadienis; tėvadienis; vaikišė; vaikjuostė; vaikmaišis; įsivaikaitinti; šėtonvaikis); recherchiert am 25.08.2016.

2Die statistischen Daten sind Näherungswerte, was teilweise auch auf die Art der Datenpräsentation im Duomenynas zurückzuführen ist. So werden etwa einige Substantive und Adjektive im ND offenbar in einem Eintrag geführt, das heißt als ein Wort gezählt, solange sich ihr Gebrauch noch nicht gefestigt hat oder bislang nicht ausreichend untersucht wurde. Dazu gehören beispielsweise die für Auswanderungszeiten (Wellen) gebildeten Bezeichnungen und/oder Beschreibungen von Fäden pirmabangis, -ė; antrabangis, -ė; trečiabangis, -ė. Einige Gebrauchsbeispiele zeigen eindeutig, dass ein Substantiv belegt ist (Pirmabangių gyvenimo ženklų Jungtinėje Karalystėje aptikti nėra lengva) oder ein Adjektiv (<...> į bažnytėlę dabar plūsta vien trečiabangiai atvykėliai <...>), während sich in manchen Fällen die Wortart nur schwer bestimmen lässt oder dafür zumindest ein größerer Kontext nötig ist (Pasitaikė pakalbinti tuos žmones, kurie panašūs į antrabangius). Vgl. auch pilnatinis, -ė: Selbst bei mehr Kontext ist unklar, ob es sich um ein Adjektiv handelt (wenn im Beispiel von pilnatinius rinkėjus die Substantivform rinkėjai ausgelassen wurde) oder um ein Substantiv (Obwohl sich Mediziner nicht einig sind, ob der Vollmond den menschlichen Körper und das Befinden beeinflusst, versichern die Mitglieder des Seimas, dass vom Vollmond beeinflusste Wähler mit den seltsamsten Bitten, Empörungen oder Beschwerden an sie herantreten. Solche Menschen werden in den Parlamentsgängen sogar „Vollmondler“ genannt und sorgen bei vielen eher für ein Lächeln als für Besorgnis). Ebenso mehrdeutig ist ein weiteres, im Internet gefundenes Gebrauchsbeispiel dieses Neologismus: <...> mano viena bendradarbe pilnatinė, tai net klientus perspjauna su savo komentarais... atrodo trukdau jai net kvėpuodama <...> (http://83.246.46.152/prisiminkdev/lt/diskusijos.zinutes/127541/ka-veikiat?page=649.Die hier und an anderen Stellen des Artikels angeführten Internetbelege für den Gebrauch von Neologismen sind unverändert wiedergegeben; gekürzte Textstellen werden mit <...> gekennzeichnet. Recherchiert von April bis Oktober 2016.). In diesem Fall entsteht die Mehrdeutigkeit durch die Stellung des Neologismus im Satz, weshalb unklar ist, ob es sich um ein Beifügungsnomen, also ein Substantiv, oder um ein nach dem Bezugswort verwendetes Attribut, also ein Adjektiv, handelt. Andererseits finden sich im Internet auch eindeutige adjektivische Verwendungen des Wortes pilnatinis, -ė (pabūsiu piktoji pilnatinė ragana:D).

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Er besteht aus Bildungen mit mehreren Wortbildungsstufen;

ob er weit verzweigt ist oder umgekehrt – ob die meisten Neubildungen auf demselben neuen oder bereits früher belegten Wort beruhen, statt voneinander abgeleitet zu sein;

wie viele Neubildungen selbst weitere Neubildungen hervorgebracht haben;

wie regelmäßige und vereinzelte, okkasionelle Bildungen innerhalb eines Wortbildungsnests zueinander stehen;

wie weit die neuen Bildungen vom Ausgangswort des Wortbildungsnests entfernt sind, also ob sie auf Basiswörtern mit einfacherer morphämischer Struktur beruhen oder aus morphämisch komplexeren Basiswörtern gebildet werden;

welcher Anteil der Neubildungen auf ungewöhnliche (gemischte, analogische, Kontaminations- usw.) Weise gebildet wird usw.

Später sollten diese Untersuchungen durch eine Analyse der Gebrauchshäufigkeit von Neubildungen ergänzt werden, aus der sich Folgendes ergeben könnte:

in welchem Umfang und auf welche Weise die Wortbildungsfähigkeit von Neologismen von ihrer Gebrauchshäufigkeit abhängt;

ob häufiger gebrauchte Neubildungen umfangreichere und/oder breiter verzweigte Wortbildungsnester hervorbringen als seltener gebrauchte;

ob aus ihnen weitere Neubildungen gebildet werden und wie häufig diese sind;

ob, in welchem Umfang und auf welche Weise die Position einer Neubildung im Wortbildungsnest (ihre Wortbildungsstufe) mit ihrer Gebrauchshäufigkeit zusammenhängt usw.

1.1.1. Es wurde festgestellt, dass im Untersuchungszeitraum im ND Neologismen (Ableitungen, Zusammensetzungen, Hybride, semantische Neubildungen) mit etwa 800 litauischen Wurzeln verzeichnet waren (bei Einbeziehung ihrer Varianten, z. B. darb-/dirb-, did-/didž-, krau-/krov-/krūv-/kro-, lenk-/link-/lank-, vers-/verč-/vert-/virkšč- usw. – 876). Die meisten Neubildungen haben die Wurzel kalb- (40). Weitere häufigere Wurzeln sind: raš- (35 Neologismen); dien- (26); žmog- (21); darb-/dirb, tinkl-, žod- (je 19); galv-, laid-/laidž-/lai- (je 16); skaič-/skait-, sklaid-, tyr-, veik-, viet- (je 14); daug-, gy-, sav-, vaizd-, vien- (je 13); did-/didž-, lap-, lent- (je 12); dvi-, laik- (vgl. laikas), vald-/valdž- (je 11); bat-/bač-, dėž-, kab-, teis-, važ-/vež-, žal-, žin- (je 10) usw. 375 Wurzeln (aišk-, al-, alv-, an-, band1- (vgl. bandelė), band2- (vgl. bandyti), bėg-, čiuž-, duon-, gam-, kiem-, lauk-, maž-, mėg-, pien-, rat-, slap-, sūr-, šyp-, tam-, trūk-, uog-, vabzd-, vaist-, žing-, žiūr-, žvirbl- usw.) kamen jeweils nur in einem einzigen Neologismus vor. Somit sind etwa 47 Prozent der Wurzeln in wortbildungsisolierten, d. h. nicht zu Wortbildungsnestern gehörenden Neologismen vertreten.

Allerdings ist zu beachten, dass öffentlich zugängliche Daten untersucht wurden und sich in der Sammlung der Neologismen (zur Struktur des ND und zu den Ebenen der Datenverarbeitung siehe Abschnitt 2.1) möglicherweise noch weitere Ableitungen oder Zusammensetzungen mit den genannten 375 Wurzeln finden. Außerdem muss noch berücksichtigt werden, dass

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Nicht alle etymologisch verwandten Neubildungen erscheinen sofort auch im Kaupykloje, da das ND nicht zum Ziel hat, bei der Erfassung einer Neubildung und dem Bemühen, ein derybiskai umfassendes Bild zu erstellen, gezielt auch nach Wörtern mit demselben Wortstamm oder nach Ableitungen mit demselben Derivationsaffix zu suchen.

1.1.2. Etwas von der Hauptgedankenlinie abschweifend, lohnt es sich, ein konkretes Beispiel zu erörtern.

Nehmen wir an, das ND verzeichnet als einziges Glied der Wurzel niauk- (wahrscheinlich bereits adjektiviert) niauktas „getönt (von Autoscheiben)“. Der Sprachgebrauch im Internet belegt auch das entsprechende Abstraktum: „Konzentriert, langsam durch die Nase ausatmend, setzt sich der Untote entschlossen in Bewegung auf den Jeep von Sailu zu, mit „niauktais“ Heckscheiben, durch die absolut nichts zu sehen war. Soweit er wusste, war eine derart undurchsichtige „niauktumas“ der Scheiben gesetzlich nicht erlaubt. Man kann sich kaum vorstellen, was die Polizisten erlebt haben müssen, als sie versuchten, dieses Auto anzuhalten3. Darüber hinaus zeigt der Sprachgebrauch (und das sollte nicht überraschen, insbesondere wenn das im ND verzeichnete niauktas, -a als Partizip betrachtet wird), dass das Grundverb niaukti in einer neuen übertragenen Bedeutung gebraucht wird: <...> kaip niaukti/dazyti is dvieju spalvu? <...> Priekini bamperi ir kapota reikia dazyti, tad nusprendziau perdazyti visa auto, arba niaukti plevele, kokia matine spalva4; Auf dieser Seite sind Unternehmen aufgeführt, deren Haupttätigkeit Niaukti auto stiklus5 ist. Somit dürfte früher oder später im ND auch das semantische Neuwort niaukti „tönen (meist Scheiben)“ auftauchen (nicht unbedingt von Autos, denn auch die Fenster von Wohnräumen usw. können niaukiami werden), eine übertragene Bedeutung des im LKŽe angeführten niaukti 1. „mit Wolken umgeben, bedecken, verdunkeln“. Im Internet wird auch eine Ableitung dieser letzteren Lexemverwendung gebraucht – ein Verbalabstraktum: ein schöner Passat, durch das Abdunkeln der Scheiben würde er noch schöner <...> Ich weiß nicht, diese niaukimas ist völlig unnötig... wenn ich meinen niaukčiau, dann nur alle Scheiben, hinten etwa 50%, vorne mit der schwächsten Folie oder überhaupt neniaukčiau6. Da Abstrakta (sowohl von Nomina als auch von Verben) regelmäßige Bildungen sind (Urbutis 1978: 100, 267–268), ließ sich bei der Neubildung niauktas, -a sofort vermuten, dass sie im Sprachgebrauch nicht allein steht; nach dessen Untersuchung lässt sich bereits ein Wortbildungsnest mit mindestens vier Gliedern bilden. Ohne eingehendere Untersuchung könnte dieses Nest vorläufig etwa folgendermaßen aussehen (siehe Abb. 17).

3http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:BX0VuptrEZQJ:bloodyrose.forumlt.com/t689p50-gyvenamasis-namas+&cd=2&hl=lt&ct=clnk&gl=lt; Quellen zum Gebrauch aller Ableitungen von niaukti siehe 08.09.2016.

4 http://www.mb1.lt/showthread.php?t=12027.

5 https://www.spec.lt/paieska/niaukti-auto-stiklus.

6 http://www.passat-club.lt/forum/viewtopic.php?f=6&t=3120&start=10.

7 In dieser und den folgenden Abbildungen kennzeichnen nummerierte Spalten die Wortbildungsstufen; auf grauem Hintergrund sind Lexeme dargestellt, die in den Referenzquellen des ND bereits belegt sind; Derivationsaffixe werden in Kapitälchen angegeben, bei Neubildungen sind sie fett gedruckt. Neben dem Ausgangswort wird in Klammern die Anzahl der Neubildungen seines Wortbildungsnests angegeben. Verwendet werden folgende Abkürzungen: anl – Analogiebildung, dpp – Veränderungen der Wortbildungsgrundlage; kd – Kontaminationsbildungen; ntp – atypische Wortbildung; sd – semantische Wortbildung, d. h. Bedeutungsübertragung u. Ä.; vrt – Lehnübersetzung. Die genaue Reihenfolge der Wörter im Wortbildungsnest wird noch erörtert, abgestimmt und präzisiert, da die Methodik der Darstellung von Wörtern jeder Wortart Besonderheiten aufweist; die grundlegenden Prinzipien wären jedoch folgende: Zuerst werden Bildungen derselben Wortart, danach solche anderer Wortarten aufgeführt; zunächst Suffixableitungen, dann Präfix- und Endungsableitungen, danach Zusammensetzungen (zuerst diejenigen, bei denen das Ausgangswort des Wortbildungsnests als erstes Glied auftritt, danach

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SD

1

2

niaukti „mit Wolken umhüllen, bedecken, verdunkeln“

niaukti übertragen „verdunkeln (meist Fenster)“

niaukIMAS

niaukTAS

niauktUMAS

ABB. 1. Wortbildungsbeziehungen des Neologismus niaukti

Zu beachten ist, dass das Verbalsubstantiv niaukimas kein semantischer, sondern ein lexikalischer Neologismus ist, der aus dem neuen (übertragenen) Lexem des Verbs niaukti gebildet wurde. Es ist ein Homonym des im LKŽe verzeichneten niaukimas, da Letzteres auf einem anderen Verb beruht, nämlich niaukti2 „regnen“: niaukimas → 2 niaukti: Dieser Regen niaukia und niaukia, und kein Ende ist abzusehen von seinem Niaukimas.

Kehren wir also zur Erörterung der Zahlenangaben zurück, so ist zu folgern, dass die erwähnten 47 Prozent wortbildungsseitig isolierter litauischer Wurzeln im Datenbestand kein verlässlicher Richtwert sind, wenn man allgemein über die Bildung von Neologismen spricht und ihre Wortbildungsbeziehungen beurteilt. Sie zeigen nicht, dass dieser Anteil an Neologismen mit litauischen Wurzeln keine verwandten Neologismen hat, d. h. nicht als deren Basiswörter dient und keine neuen Wortbildungsnester bildet oder bestehende erweitert. Ein genaueres Bild lässt sich nur gewinnen, wenn zusätzlich untersucht wird, ob mögliche, aber nicht in ND aufgenommene, zumindest regelmäßige Ableitungen der Neologismen vorhanden sind und wie sie verwendet werden. Nach ihnen sollte gezielt gesucht werden, etwa indem man bei einem gefundenen Adjektiv (je nachdem, ob es qualitativ oder relational ist) prüft, ob davon Abstrakta mit den Suffixen -umas, -ybė sowie Ableitungen mit den Suffixen -inis, -ė; -iškas, -a und Adverbien mit dem Suffix -ai verwendet werden; bei einem gefundenen Verb, ob es Abstrakta mit den Suffixen -imas/-ymas und Personenbezeichnungen mit den Suffixen -tojas, -a; -ėjas, -a usw. gibt. Um ein noch genaueres Bild der gegenwärtigen Wortbildung zu erhalten, müsste man selbstverständlich computergestützte Neologismen-Scanner einsetzen, die Neologismen aus großen Textkorpora herausfiltern, denn die Daten für ND werden manuell gesammelt, „weshalb die Arbeit nicht schnell vorangeht und ihre Ergebnisse nur die allgemeinsten quantitativen Tendenzen des neuen Wortschatzes wiedergeben können“ (Miliūnaitė 2015: 171).

1.1.3. Im Folgenden werden noch einige Wortbildungsnester von Neologismen vorgestellt, an denen sich die Vielfalt der im ND dargestellten Wortbildungsbeziehungen von Neologismen erkennen lässt.

Diejenigen, in denen es an zweiter Stelle steht, werden am rechten Rand ausgerichtet usw.; zuletzt folgen Mischbildungen und Bildungen untypischer Wortbildungsart. Bildungen desselben Wortbildungsverfahrens (z. B. Präfixableitungen, Komposita usw.) werden innerhalb ihrer Gruppen alphabetisch aufgeführt.

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1

2

3

gießen

gIEßEN

ERgänzen

ErgänzUNG

(5)

Taschenfüller, -in

UMgießen

UmgießER

UmgießER, -in

voll, -e

Fülle

Füllig, -e

ABB. 2 Gießen: Neubildungen im Wortbildungsnest

Im ND sind 5 Neubildungen mit der Wurzel füll-8 verzeichnet. Das Wortbildungsnest umfasst Bildungen aus drei Wortbildungsstufen; Neubildungen der ersten Stufe gibt es nicht. Die verzeichneten Neubildungen sind durch verschiedene Wortbildungsverfahren entstanden – durch Suffigierung, Flexionsendung und Zusammensetzung. Die suffigierten Bildungen der dritten Stufe weisen jeweils drei Suffixe auf. Das Nest ist jedoch nicht umfangreich; die Wortbildungsketten sind kurz und wenig vielfältig (siehe Abb. 2).

1

2

Tag (26)

Gehaltstag

Ticketstag

arbeitsfreier Tag

Geburtstag

GeburtstagsININKAS, -in

GeburtstagsINKAS, -in

Halbgeburtstag

Sprachtag

Kurkentag ntp

Knödeltag

Mamatag

Melonentag

Tag ohne Sprache

kein Arbeitstag anl

kein Samstag anl

Pizzatag

8Es ist darauf hinzuweisen, dass hier und in den anderen Abbildungen nur Neuschöpfungen und ihre Grundwörter (neue und bereits zuvor erfasste) dargestellt werden; alle anderen bereits in Wörterbücher aufgenommenen Ableitungen des Ausgangsworts eines Wortnestes werden nicht dargestellt.

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1

2

Billigtag

Schaumtag

Sofatag

Safttag

Familientag

Vatertag

Tortentag

Kindertag

Valentinstag

Valentinstag

Zaubertag

ABB. 3 Tag Neubildungen des Wortbildungsnestes

Das Wortbildungsnest von Tag hat sich den Daten des ND zufolge um 26 Neubildungen erweitert (siehe Abb. 3). Die überwiegende Mehrheit von ihnen (88 Prozent) sind Ableitungen der ersten Stufe, das heißt, sie beruhen auf dem ursprünglichen Nestwort. 92 Prozent der Neubildungen sind Komposita; in allen steht das Grundwort Tag an zweiter Stelle. Es gibt Bildungen mit atypischer Wortbildung (karkadienis „Tag des Entstehens des Eises ‚Kar kar‘ (symbolischer Geburtstag)“) sowie analogische Bildungen (nelovadienis, neseksadienis, vgl. nekalbadienis). Man scheut sich nicht, das Grundwort mit morphologisch komplexeren (präfigierten) oder einfach längeren Erstgliedern zu verbinden, häufig mit Internationalismen. Verglichen mit dem Neubildungsnest von pilti ist dieses umfangreicher, aber strukturell einfacher und hinsichtlich der Wortbildungsarten homogener.

Dasselbe gilt, wenn man es mit dem Neubildungsnest eines anderen Substantivs, Kopf, vergleicht (siehe Abb. 4), obwohl die beiden Nester auf den ersten Blick ähnlich erscheinen mögen: jeweils zwei Wortbildungsstufen, und auch hier bilden Komposita die Mehrheit der Neubildungen (69 Prozent). In diesen Komposita steht das Grundwort Kopf jedoch ungefähr gleich häufig an erster und an zweiter Stelle. Eine komplexere morphologische Struktur weist allenfalls das Adjektiv riestainiagalvis, -ė auf, dessen Erstglied zwei Suffixe enthält.

Kopf

1

2

(16)

KOPFISMUS

denken

DenkUNG

sd

DenkER, -IN

sd

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1

2

vgl. Hals über Kopf, Hals über Köpfe

galvotrūkomis

Stirnband

Kopfanker

Kopfschlacht

Kopfwascher

Kopfschmerz

Kopfmensch

Benzinkopf, -kopf

Hohlkopf, -kopf

HohlkopIZMAS

Beinkopf

Kürbiskopf, -kopf

Bagelkopf, -kopf

Machthaupt

ABB. 4 Kopf Neologismen des Wortbildungsnestes

Dieses Nest zeichnet sich durch zwei Fälle semantischer Wortbildung aus – die Ableitungen des Wortes galvoti (galvojimas „ein litauisches Wort, das Arvydas Šliogeris zur Bezeichnung der Philosophie geprägt hat“ und galvotojas, -ė „ein spezielles Wort zur Bezeichnung litauischer Philosophen“) haben neue Bedeutungen angenommen (mehr dazu siehe Murmulaitytė 2016a).

1

2

3

kalbėti (40)

kalbINTI

NUkalbinti

NEkalbėti

sprachloser Tag

kalbA

kalbAINIS

kalbainIŠKAS, -A

kalbainIZMAS

kalbIŠIUS

sprachWISSENSCHAFTLERIN

Sprachwissenschaftler, -in

Sprachphilosoph, -in

Sprachplapperer

Sprachverschmutzung

englischsprachig, adj.

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1

2

3

Englischsprachiger, -e Subst.

arabischsprachig (weiblich)

arabischsprachig, adj.

Arabischsprachiger, -e Subst.

Gebärdensprachler, -in Subst.

Muttersprachler, -in adj.

Muttersprachler, -in Subst.

spanischsprachig, -e Adj.

Spanischsprachiger, -e Subst.

Klisprache

polnischsprachig, -e Adj.

Litauischsprachiger, -e Subst./Adj.

Weichsprache

Schwatzsprache

französischsprachig, -e Adj.

russischsprachig, -e Adj.

Russischsprachiger, -e Subst.

Engsprache

slawischsprachig, -e Adj.

Schwedischsprachiger, -e Subst.

Netzsprache

Kurzsprache

Bildsprache

deutschsprachig, -e Subst./Adj.

sprachSCHULE

sprachKUNDIGER, -E

Sprachentag

öffentlich-sprachig, -e Subst./Adj.

ABB. 5. Neologismen im Wortbildungsnest von Sprechen

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Bei einem Blick auf die Neologismen im Wortbildungsnest von sprechen fallen mehrere Dinge ins Auge (siehe Abb. 5). Zunächst besteht der überwiegende Teil der Neubildungen in diesem Wortbildungsnest aus Bildungen der zweiten Stufe – determinativen Komposita, die mobile Bezeichnungen für Personen sind, die eine bestimmte Sprache sprechen (Substantive), oder entsprechende Charakterisierungen (Adjektive), in denen die Ableitung der ersten Stufe mit Flexionsendung Sprache als zweites Glied auftritt, z. B. englischsprachig, -e; muttersprachlich, -e; gebärdensprachig, -e usw. Die auf den ersten Blick ähnliche Neubildung öffentlich-sprachig, -e ist anders gebildet – ein Kompositum aus Adverb und Verb (: öffentlich + sprechen). Die zweitgrößte Gruppe der Komposita nach der Zahl der Neubildungen bilden Bezeichnungen für verschiedene Sprachvarietäten oder Sprechweisen: Klischeesprache „eine aus mehreren Sprachen gemischte Sprache“, Weichsprache „eine durch Unentschlossenheit gekennzeichnete Sprechweise“, Schwafelsprache „Reden mit vielen leeren Worten“, Engsprache „eine Varietät der elektronischen Sprache, die in Texten mit begrenztem Umfang (gewöhnlich in SMS) verwendet wird“, Netzsprache „ein Sprachtyp mit einzigartigen, für das Internet typischen Eigenschaften, die durch das Internet als elektronisches, globales und interaktives Medium geprägt sind“, Kurzsprache „eine Varietät der elektronischen Sprache, die in Texten mit begrenztem Umfang (gewöhnlich in SMS) verwendet wird“; hinzu kommt Bildsprache, eine Bezeichnung für Sprache unter einem bestimmten Aspekt: „bildhafte (d. h. lebendige, schöne, kunstvolle usw.) Sprache“. Insgesamt machen die neuen Komposita in diesem Wortbildungsnest 80 Prozent aller Neologismen aus.

Neue Komposita, bei denen Sprache das erste Glied bildet, sind mit unterschiedlichen Fugenvokalen gebildet, vgl. sprachwühlend, -e (: Sprache + wühlen) und Sprachpfad „Verbindung eines mehrsprachigen Raums“ (: Sprache + Pfad), Sprachverschmutzung „Verunreinigung der Sprache durch Fremdwörter“ (: Sprache + Verschmutzung). Bei der Untersuchung der Komposita in anderen Wortbildungsnestern unter diesem Aspekt wäre es interessant zu prüfen, ob auch bei Neologismen „der Fugenvokal vieler Komposita mit dem Stammendvokal des als Erstglied verwendeten Substantivs übereinstimmt“ und Substantive mit o-Stamm seltener mit dem Fugenvokal -o- als mit -a- verbunden werden (DLKG 1996: 153); möglicherweise ließe sich eine Tendenz erkennen, als Fugenvokal denjenigen zu wählen, der mit dem Endvokal des ersten Glieds in der Wortverbindung übereinstimmt, die der Wortbildung zugrunde liegt, oder ihm phonetisch am nächsten steht (vgl. die Sprache durcheinanderbringen, Sprachpfad, Sprachverschmutzung).

1234schreiben(35)BEschreibenunterSchreibenbeschreibENbeschreibENaufSchreibenaufSchreibUNGAufschreibBUCH*herausSchreibenausschreibenSchreibER, -INSchreibEREISchreibereiERSchreibhausdpp

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1

2

3

4

SchreibTUVAS

SchreibKLIS

SchreibstiftINĖ

SchreibTAS

POim Schreiben

Zeitung

ZeitungsTIENA

ZeitungsTINTI

Großzeitung

Nachrichtenzeitung

Zaunzeitung

Schreckenszeitung dpp

Erklärungsblog

Diätblog

Wunschblog

Playlist-Blog

Nachtblog

Nachrichtenblog

Seelenblog

Lagerblog

Weblog

WebloggTINIS, -Ė

WebloggTININKAS, -Ė

Videoblog

Kurzblog

Einzelblog

Ortsblog

Wanderblog

Schreibentwurf

EintragTINTI

EintragTINIMAS

Liederschreiber, -in

ABB. 6. SchreibenNeologismen des Wortbildungsnestes

Das Wortbildungsnest von Schreiben ist umfangreicher (4 Wortbildungsstufen) und hinsichtlich der Wortbildungsverfahren der Neologismen vielfältiger, obwohl auch hier die Mehrheit der Neologismen aus Komposita besteht (57%) (siehe Abb. 6). Bei 4 Komposita der dritten Wortbildungsstufe basiert das zweite Glied auf einem zusammengesetzten Substantiv

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Zeitung, daher haben diese Neologismen jeweils 3 Wurzeln und insgesamt eine recht komplexe morphämische Struktur, z. B.: nauj-ien-laik-raš-t-is, k(laik)-raš-t-is (: klaikus, -i + laik-raš-t-is). Letzteres zeichnet sich außerdem durch eine Veränderung der Wortbildungsgrundlage und eine Morphengrenzüberlagerung aus – die Lautfolge (Buchstabenfolge) -laik- gehört zu beiden Gliedern des Kompositums.

1

2

3

4

5

arbeiten (19)

SUSIdirbti

ArbeitTUVĖS sd

Holzschuharbeiter, -in

HolzschuharbeitYSTĖ

Kreuzmacher, -in

KreuzmachYSTĖ

Messermacher, -in

ArbeitsAS

arbeitSAM, -E

beSCHÄFTIGEN

Beschäftigen

sich beschäftigen [*beschäftigbar]

BeschäftigUNG

Workaholic, -in

WorkaholISMUS

Arbeitsfanatiker, -in

Arbeitsbörse

Desktop

Arbeitgeber, -in

Arbeitsurlaub kd

Tagesordnung ntp

Mehrfachbeschäftigter, -e

*Mehrfach-ARBEITEND, -E

MehrfacharbeitsTUM

freiberuflich Tätige/r

FreiberufLICHKEIT

Handarbeit

HandarbeitEN

ABB. 7 Arbeiten: Neubildungen aus der Wortfamilie „Arbeit“

Die Wortbildungsfamilie von arbeiten ist nicht die umfangreichste, hebt sich jedoch durch die Anzahl der Wortbildungsstufen von den anderen ab – das nominale Abstraktum Beschäftigungsfähigkeit gehört sogar zur 5. Wortbildungsstufe (siehe Abb. 7).

Zwei Wörter (Mitglied der Arbeitspartei „Mitglied der Arbeitspartei“ und Arbeitsordnung „scherzhafte Bezeichnung für zwei litauische politische Parteien, die eine Fusion beabsichtigten – die Arbeitspartei und die Partei „Ordnung und Gerechtigkeit“ –

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Bezeichnung“) sind untypische Wortbildungen, da sie semantisch nicht auf das Wort Arbeit, sondern auf den Eigennamen, die Wortverbindung Arbeitspartei gestützt sind. Da Arbeits und Ordnung keine Gattungswörter sind, sondern Parteibezeichnungen, gilt Arbeitsordnung als Neubildung und nicht als Bedeutung des seit Langem in Wörterbüchern belegten Substantivs Arbeitsordnung „Arbeitsordnung von Sitzungen, Versammlungen und Kongressen“ (DŽ, LKŽe). Im Gegensatz dazu ist dirbtuvės „eine Form der Berufsausbildung (Praxis) in verschiedenen Kunst- oder Wissenschaftsbereichen (zum Beispiel eine Lehrprobe, Übungen zur künstlerischen Übersetzung usw.)“ eine neue entlehnte Bedeutung dieses Wortes (vgl. workshop 1. „ein Raum oder Gebäude, in dem Herstellung oder andere Formen manueller Arbeit stattfinden“; 3. „eine Gruppe von Menschen, die sich mit dem Studium oder der Arbeit an einem kreativen Projekt oder Thema befasst ⇒ a music workshop“ (CED, http://www.collinsdictionary.com/dictionary/english/workshop). Darbostogos ist eine Kontaminationsbildung aus Arbeit und Urlaub, als Übertragung des englischen worliday (: work + holiday) (Miliūnaitė 2014: 252).

1.2. Eine weitere Richtung bei der Untersuchung der Neologismen im ND sind die Wortbildungskategorien (Wortbildungsaffixe).

1.2.1. Untersuchung der Neologismen, die zur Wortbildungskategorie der Werkzeugbezeichnungen gehören. Die Daten des ND wurden mit den Beschreibungen in den Grammatiken verglichen (LKG 1965: 381–392, DLKG 1996: 129–132), in denen die Werkzeugbezeichnungen nach der Produktivität der Wortbildungsaffixe gruppiert sind. Untersucht wurden Ableitungen mit Wortbildungssuffixen. Im ND fanden sich etwa 95 davon; einige haben zwei bis drei Bedeutungen, sodass insgesamt 123 Lexeme untersucht wurden. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in Tabelle 1 dargestellt. Daraus wird ersichtlich, dass die Daten des ND nicht der in den Grammatiken angegebenen Rangfolge der Produktivität von Wortbildungsaffixen entsprechen.

TABELLE 1. Werkzeugbezeichnungen nach Wortbildungsaffixen

In der Grammatik der litauischen Gegenwartssprache und im Neologismen-Datenbestand der litauischen Sprache

Lfd. Nr. (DLKG)

Suffix

Anzahl der Neologismen im ND

Wörter

Lexeme

Lfd. Nr. (ND)

1.

-tuv

9

12

3.

2.

-iklis

38

53

1.

3.

-tas

0

0

–

4.

-tukas

9

11

4.

5.

-alas

1

1

10.

6.

-yklė

13

15

2.

7.

-tuvė

2

2

9.

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Lfd. Nr. (DLKG) Suffix Anzahl der Neologismen im ND Wörter Lexeme Lfd. Nr. (ND) 8. -ynė 3 4 8. 9. -tis 0 0 – 10. -eklis 0 0 – 11. -klas 0 0 – 12. -tė 0 0 – 13. -klė 3 6 7. 14. -lys 1 1 10. 15. -(i)oklis 0 0 – 16. -ikas 0 0 – 17. -stis 0 0 – 18. -ukas 7 7 6. 19. -ta 0 0 – 20. -tuvis/-tuvys 0/0 0/0 – 21. -lė 1 1 10. 22. -stas/-štas 0/1? 0/1? – 23. -las 1 1 10. 30. -klis 6 8 5.

Hinweis: In der ersten Spalte sind die Wortbildungsaffixe nach ihrer Produktivität (Anzahl der Ableitungen) gemäß den Daten des DLKG geordnet, in der letzten nach der Anzahl der Neologismen im ND.

10 Suffixe (–tas, –tis, –eklis, –klas, –tė, –(i)oklis, –ikas, –stis, –ta, –tuvis/–tuvys) brachten im Untersuchungszeitraum im ND überhaupt keine Ableitungen hervor. In den Grammatiken beginnt die Beschreibung der Werkzeugbezeichnungen beim produktivsten Suffix –tuvas. Den ND-Daten zufolge steht es jedoch erst an dritter Stelle, da dort mit dem zweitproduktivsten (laut Grammatiken) Suffix –iklis und dem sechstproduktivsten –yklė mehr Neologismen verzeichnet sind. Somit sind die meisten im ND aufgeführten Werkzeugbezeichnungen mit dem Suffix –iklis gebildet – 53 Lexeme, vgl. mit dem Suffix –tuvas – nur 12. Dass das Suffix –yklė hinsichtlich seiner Produktivität den zweiten Platz erreicht hat, mag auch daran liegen, dass in das ND Bezeichnungen für Computerprogramme aufgenommen wurden (naršyklė „Computerprogramm zum Durchsuchen des Webs (World Wide Web) und zur Informationssuche darin“, rengyklė „Computerprogramm zur Erstellung von Dokumenten“, tvarkyklė „Programm zur Steuerung von Computerperipheriegeräten“, vertyklė „Computerprogramm zur Übersetzung von Text aus einer Sprache in eine andere“), die gezielt mit diesem Suffix gebildet werden, um entlehnte Computertermini zu ersetzen.

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(vgl. ferner die nicht in das ND aufgenommenen Wörter braižyklė, rašyklė u. a.9). Neue Ableitungen mit dem traditionell drittproduktivsten Suffix –tas (z. B. gnybtas, grąžtas, kaltas, raktas, žibintas usw.) wurden im ND nicht gefunden; das als unproduktiv geltende Suffix –klis hingegen (LKG 1965: 392, DLKG 1996: 132) hat 6 neue Ableitungen hervorgebracht, insgesamt 8 Lexeme: kopijuoklis „Gerät zum Kopieren gedruckter Dokumente und Publikationen“, koreguoklis 1. „Gerät oder Vorrichtung zur Korrektur oder Behebung von etwas“, 2. „Material, das bestimmte Defekte verdeckt oder korrigiert“, maskuoklis 1. „Kosmetikprodukt zum Kaschieren von Hautunregelmäßigkeiten (dunklen Augenringen, Pickeln usw.)“, 2. „Mittel zum Kaschieren von Kratzern am Auto“, skaitmenuoklis „Gerät, das analoge Daten in digitale Daten umwandelt“, vaizduoklis „Computergerät mit Bildschirm, das es ermöglicht, die im Computer ablaufenden Prozesse zu beobachten und zu steuern“, žingsniuoklis „eine Art Trainingsgerät – ein Gerät zum Training der Beinmuskeln sowie der Hüft-, Knie- und Sprunggelenke und zur Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems durch Gehen auf der Stelle“. Somit wurde dieses Suffix von einem unproduktiven zum fünftproduktivsten.

Bei der Untersuchung des ND-Materials unter diesem Gesichtspunkt darf auch die umgekehrte Forschungsrichtung nicht außer Acht gelassen werden, die vermutlich noch wichtiger ist: Als Ausgangspunkt dienen dabei nicht die Beschreibungen in den Grammatiken, sondern die ND-Daten selbst, unter denen sich wahrscheinlich auch nicht in den Grammatiken beschriebene Phänomene, untypische Wortbildung, analogische und vereinzelte Neologismen und Ähnliches finden lassen.

1.2.2. Ein weiteres Beispiel für Untersuchungen in dieser Richtung sind Personenbezeichnungen nach Geschlechtsunterschied, die mit der Endung -ė gebildet werden. Im ND sind einige, meist vereinzelte, feminine Ableitungen von Substantiven verzeichnet, die traditionell ausschließlich männliche Personen bezeichnen, z. B.: išmintė „eine weise Frau“, vyskupė, orakulė „ein weibliches Tier, das in von Menschen geschaffenen Situationen durch sein unvorhersehbares Verhalten den Ausgang von Wettkämpfen oder den Verlauf bestimmter Ereignisse ‚vorhersagt‘“10, die situationsbedingte Neuschöpfung tėvė „gemäß der Genderismus-Ideologie eines der Familienmitglieder, die ein Kind erziehen (unabhängig vom Geschlecht)“. Vgl. ferner lavonė, robotė, šviesulė. (Übrigens gibt es auch den umgekehrten Fall: Neben den (aus) älteren Bezeichnungen für Gesundheits- und Krankenpflegerinnen seselė, sesutė wurden die maskulinen Substantive seselis, sesutis gebildet.) Neu ist, dass in den Grammatiken (DLKG 1996: 143, LKG 1965: 418) ausschließlich von Bezeichnungen für weibliche Tiere und Vögel die Rede ist, die auf diese Weise aus Artbezeichnungen (und gesondert aus Bezeichnungen für Männchen) gebildet wurden (z. B. vilkė, kalakutė usw.); Menschen werden jedoch nicht erwähnt.

9 „Ein Editor ist ein Programm zur Erstellung von Computerdokumenten. Häufig verwendete Editoren haben eigene Bezeichnungen, die die Art der Datenverarbeitung widerspiegeln: Texteditor – rašyklė (weil Texte geschrieben werden), Tabelleneditor – skaičiuoklė (weil er die Werte der Tabellenzellen fortlaufend neu berechnet), Zeicheneditor – braižyklė usw.“ (EKŽ 2016). Der semantisch offenbar verwandte, vermutlich analogische Einzelbeleg šypsenuoklis „Computerprogramm zur Erkennung eines menschlichen Gesichts auf einem Foto und zur Einschätzung seiner Stimmung“ im ND kann dennoch nicht als Werkzeugbezeichnung gelten, da er seiner Form nach auf dem Substantiv šypsena ‚Lächeln‘ beruht, Werkzeugbezeichnungen aber von Verben abgeleitet werden.

10 Hinweis des ND an die Nutzer: „Im Sprachgebrauch hat das Wort orakulas nicht nur eine neue Bedeutung, sondern auch ein feminines Genus angenommen.“

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Ableitungen, die etwas benennen. Um die Neuerungen und Tendenzen dieser Wortbildungskategorie eingehender zu untersuchen, wäre mehr Untersuchungsmaterial erforderlich. Es ist schwieriger, gezielt danach im Sprachgebrauch des Internets zu suchen, weil es sich nicht um potenzielle Bildungen handelt. Bislang ist lediglich zu erkennen, dass bei Bedarf, neue Realitäten zu benennen (tėvė, vyskupė), der Form nach übliche Wortbildungsverfahren angewandt und die Möglichkeiten semantischer Motivation erweitert werden.

1.3. Eine weitere mögliche Richtung der Untersuchung von Wortbildungsbeziehungen bei Neubildungen ist die Gliederung nach lexikalisch-semantischen Gruppen.

1.3.1. Als Beispiel könnten etwa 40 Neubildungen dienen, die aus Eigennamen, meist Personennamen, und Bezeichnungen gebildet wurden. Der größte Teil stützt sich auf die Familiennamen bekannter Personen, die häufig erwähnt werden (gražuliada, grybauskizmas, kubiloidas, putleris, čiviliuoti, žvagulinis, nusišalčiūtinti, janutiena, Kalantinės, šrioderizacija u. a.), ein Teil auf Namen von Unternehmen und Parteien (snoriada, snoriukas, apsisnorinti, nusnorinti (: Snoras), tvarkietis, -ė, darbietis, -ė (vgl. die Partei „Tvarka ir teisingumas“ [Ordnung und Gerechtigkeit], die Arbeitspartei), uberizacija „die Ausweitung der Tätigkeit des in den USA gegründeten internationalen Mitfahrunternehmens „Uber“, bei der mobile Apps zum Abruf der Dienstleistung verwendet werden; eine Tätigkeitsform dieser Art – der Sharing Economy“ u. a. Einige wenige weisen eine besondere Wortbildung und semantische Motivation auf (rūtusėlis „Bezeichnung für besondere, von einem Künstler geschnitzte kleine Werke (gebildet aus dem Vornamen Rūta seiner Frau)“, balsevičiai „Bezeichnung einer neu entdeckten Pilzart nach dem Familiennamen der Familie, die sie entdeckt hat“, vingijonizmas „Trägheit des Denkens und Handelns als kulturelle Norm“ (: Vingiu Jonas).

1.3.2. Näher betrachtet wurden Neubildungen, die aus den Familiennamen litauischer Politiker oder auf die eine oder andere Weise mit der Politik verbundener Personen gebildet wurden. Im ND sind 10 aufgeführt: adamlilksas, gražulėjimas, gražulesnis, -ė, gražuliada, gražulizmas, grybauskizmas, grybokratija, kubilizmas, kubiloidas, uspasikzuoti; sie beruhen also auf den Familiennamen von lediglich fünf Politikern (Valdas Adamkus, Petras Gražulis, Dalia Grybauskaitė, Andrius Kubilius und Viktoras Uspaskich). Es liegt auf der Hand, dass nur sehr wenige Neubildungen dieser Gruppe in das ND aufgenommen wurden, verglichen mit dem, was sich im Sprachgebrauch des Internets finden lässt. Dieser zeigt, dass es deutlich mehr solcher Neubildungen gibt, sowohl gemessen an den Grundwörtern als auch an den Wortbildungsaffixen. Ausgehend von den Familiennamen einiger weiterer bekannter Politiker und den häufigsten Wortbildungsaffixen dieser lexikalisch-semantischen Gruppe von Neubildungen (-ietis, -inis, -ė (Adj.), -inis, -ė (Subst.), -izmas, -istas, -ė, -oidas) wurde gezielt im Internet nach so gebildeten Ableitungen gesucht. Nach dem Konzept des ND sind sie alle als Neuwörter anzusehen, da Ableitungen aus Personennamen gewöhnlich nicht in allgemeine Wörterbücher aufgenommen und folglich auch in den Referenzquellen des ND nicht dokumentiert werden. Selbstverständlich handelt es sich nicht um eine umfassende Untersuchung dieser lexikalisch-semantischen

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Gruppe von Neubildungen; doch lassen sich bei Betrachtung auch dieser ermittelten Daten (siehe Tabelle 2) einige Annahmen treffen und Leitlinien für eingehendere Untersuchungen entwickeln.

TABELLE 2. Ableitungen aus den Familiennamen litauischer Politiker

Personennamen (Familiennamen) Wortbildungsaffixe Bildungen mit anderer Wortbildung-ietis, -ė; -ininkas, -ė; -inis, -ė; Adj.; -inis, -ė; Subst.; -oidas; -izmas; -istas, -ėV. Adamkus: −, +, +, +, −, +, +; proadamkinis, -ė adamik­sas (ND); A. Brazauskas: +, +, +, +, −, +, +; L. Graužinienė: −, −, −, + Pl. Part., −, +, −; P. Gražulis: +, +, +, + Pl., −, +, +; gražulėti gražulėjimas (ND) gražulesnis, -ė (ND) gražuliada (ND); D. Grybauskaitė: +, +, +, +, −, + (ND), +; grybokratija (ND) progrybauskinis, -ė; A. Kubilius: +, +, +, +, + (ND), + (ND), +; kubilinės ‘unbezahlter Urlaub’; V. Landsbergis: +, +, +, +, +, +, +; prolandsberginis, -ė landsberginis ‘ein bestimmter Automobiltyp’; R. Ozolas: −?, +,?,?, +, +, +; R. Paksas: +, +, +, +, +, +, +; paksoidinis, -ė; V. Uspaskich: +, + Pl. Part., + Pl. Part., + Pl. Part., + Pl. Part., + Pl. Part., + Pl. Part., + Pl. Part.; us­paskinis ‘Uspaskich’ us­paskizuoti (ND); Ableitungen aus weiteren Familiennamen: sustauskininkas, tomasėškininka, sustauskinis, butkevičinis, lubiniai, keriliniai, kerilioidas, paluckoidas, uolizmas, paluckizmas.

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Zunächst wurde darauf hingewiesen, dass die Bildung der untersuchten Neubildungen mit der gesellschaftlichen Haltung (in der Regel eher negativ) gegenüber einem bestimmten Politiker oder einer mit der Politik verbundenen Person zusammenhängt. Natürlich können solche Personen unterschiedlich bewertet werden; um sie, ihre Tätigkeit oder ihre Anhänger zu benennen oder zu charakterisieren, werden unterschiedliche Wortbildungsmittel verwendet. Mehr oder weniger neutrale Neubildungen werden mit den Suffixen -ietis, -ė; -ininkas, -ė; -inis, -ė (Adj.) abgeleitet, während Ableitungen mit den Suffixen -izmas, -oidas unabhängig vom Kontext negativ konnotiert sind. Nicht alle Familiennamen sind produktiv, und das hängt offenbar nicht von der Häufigkeit ihres Gebrauchs ab. Eine Person kann aufgrund eines hohen Amtes oder ihrer Handlungen ständig in den Medien erwähnt werden, sich aber nicht durch besondere politische Ansichten auszeichnen und keine starken Führungsqualitäten besitzen, mit denen sie Anhänger um sich schart. Daher besteht in der Gesellschaft auch kein Bedarf an Wörtern, die ihre Politik, ihre Regierungsweise, ihre Anhänger usw. benennen. Andererseits muss man kein Politiker sein, um für aktives Wirken bewertet zu werden. So ist etwa eine der jüngsten Neubildungen tapinoidas, die erst in den vergangenen Monaten aufgrund der äußerst aktiven zivilgesellschaftlichen und die Gesellschaft mobilisierenden Tätigkeit des Schriftstellers und Journalisten Andrius Tapinas entstanden ist, die offensichtlich nicht allen gefällt. Vgl. außerdem weitere Neubildungen aus seinem Familiennamen, die in den letzten Tagen aufgekommen sind: tapinadienis; tapinistinis, -ė; tapinizmas; Tapino zombeliai u. a.

Bei den Neuwörtern selbst ist das Affix -izmas hervorzuheben, das für Bezeichnungen philosophischer, religiöser, künstlerischer und politischer Richtungen und Systeme sowie gesellschaftlicher und politischer Ordnungen kennzeichnend ist. In der Grammatik heißt es, dieses Suffix lasse sich in vielen Internationalismen leicht abgrenzen, doch würden im Litauischen selbst damit gewöhnlich keine neuen Ableitungen gebildet (DLKG 1996: 103). Offenbar bilden Ableitungen aus Personennamen mit diesem Suffix eine Ausnahme, denn davon gibt es zahlreiche Neubildungen (so werden etwa in einem Gespräch mit der Neologismenforscherin Jurgita Girčienė aus dem Jahr 2011 „unzählige Neuwörter erwähnt, die mit den Familiennamen in der Öffentlichkeit bekannter Politiker verbunden sind: dazu gehören „adamkizmas“, „gentvilizmas“, „kirkilizmas“, „kubilizmas“, „landsbergizmas“, „paulauskizmas“, „paksizmas“, „prunskizmas“, „šuštauskizmas“, „valinskizmas“, „zuokizmas“, „uspaskizmas“ <...>“ (Zailskaitė 2011). Auf einer Internetseite wird sogar ein kleines, nicht von einem Sprachwissenschaftler zusammengestelltes Wörterverzeichnis solcher Ableitungen veröffentlicht, das etwa 20 Neubildungen enthält, die auf den Familiennamen heutiger litauischer Politiker, Medienschaffender, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Unterhaltungskünstler beruhen11. Allerdings werden die Wörter darin nicht erläutert; es wird lediglich angegeben, von welchem Personennamen sie abgeleitet sind. Zudem sei angemerkt, dass mit diesem Suffix auch Bezeichnungen für Wörter und Redewendungen gebildet werden können, die für jemanden kennzeichnend sind und einer anderen Wortbildungskategorie angehören (DLKG 1996: 141, LKG 1965: 416), vgl. landsbergizmas.

Einige Ableitungen dieser lexikalisch-semantischen Gruppe von Neubildungen weisen eine veränderte Wortbildungsgrundlage auf. Das gilt zunächst für den nichtlitauischen Familiennamen von V. Uspaskich, aus dem zwei Ableitungen mit dem Suffix -inis, -ė gebildet wurden: uspaskichinis („Die Zuhörer können V. S. dankbar sein für die Wahl paksischer und uspaskichischerParteien ins Parlament <...>) und uspaskinis („ein gewöhnlicher uspaskinis

11 http://naujienos.istorija.net/2010/01/lietuviskieji-izmai.html, abgerufen am 17.10.2016.

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Unsinn und das Hetzen gegen Litauen), letzteres hat einen verkürzten Stamm. Ebenso uspaschichizmas (Fanatismus hat andere Wurzeln, und sie gehen meist auf das Böse zurück. Auf eine Persönlichkeit ohne jegliche humanistische Anschauungen. Im besten Fall handelt es sich um Kaikarismus, Bradauskismus, Grybauskismus, Paksismus, Uspaschichismus durch das Schicksal und einen gesunden Selbsterhaltungstrieb in die Regeln des demokratischen Spiels gezwängt12) und Uspasismus (der Titel des Buches von A. Rūžas Drei litauische „-ismen“: eine Überblicksstudie zu Landsbergismus, Paksismus und Uspaskismus). Auch unter diesem Gesichtspunkt vgl. graužininis, -ė (ob jene Graužiuniniai eigentlich gesund sind und ob sie verstehen, was ein Parlamentarier bedeutet13) – das Substantiv wurde durch morphologische Kürzung des Familiennamens gebildet, um die Aussprache zu erleichtern Graužiunienė. Möglicherweise trugen auch diese sekundären Gründe (neben politischen, persönlichen usw.) dazu bei, dass der letztgenannte Familienname insgesamt nur wenige Ableitungen hervorgebracht hat. Andererseits ist der erwähnte nichtlitauische Familienname derivationell nicht weniger „unbequem“, doch zeichnet sich sein Wortbildungsnest durch eine größere Zahl von Bildungen aus.

Vielleicht hat auch prunskizmas (: Prunskienė) aus phonetischen Gründen eine veränderte Wortbildungsgrundlage, nicht jedoch vėsaitizmas (: Vėsaitė) – *prunskienizmas und *vėsizmas wären weniger bequem auszusprechen. Suffixe weiblicher Familiennamen können auch aus anderen Gründen ausgelassen werden, etwa um ein allzu langes Neuwort zu vermeiden, z. B.: grybauskizmas, pogrybauskinis (: Grybauskaitė), vgl. jedoch nu(si)sālčiūtinti (: Šalčiūtė). Die Wortbildungsgrundlage ist im Hybrid grybokratija noch stärker verkürzt – zweifellos, um eine zusätzliche semantische Verbindung mit dem Gattungsnamen grybas herzustellen und die daraus entstehende stilistische Konnotation zu erzielen.

1.3.3. In Zeiten des Internets und der sozialen Netzwerke reagiert die Gesellschaft sehr schnell auf bestimmte Ereignisse, äußert unverzüglich ihre Meinung zu verschiedenen, insbesondere vielbeachteten Fragen und tut dies frei und ungezwungen (die Wortbildung bei Neuwörtern aus diesem Bereich bewegt sich häufig an der Grenze zwischen Wortspiel und Spott). Es entstehen zahlreiche vereinzelte, okkasionelle, situationsbedingte und individuelle Neuwörter, die nicht gleich wieder verschwinden wie in der gesprochenen Sprache. Während politischer Ereignisse nimmt die Zahl der Neuschöpfungen in der hier behandelten lexikalisch-semantischen Gruppe offenbar besonders stark zu. So entstand etwa während der Seimas-Wahlen, als die Gesellschaft besonders sensibel auf das Verhalten von Politikern und von Menschen reagierte, die Politiker werden wollten, auf Facebook buchstäblich vor aller Augen eine ganze Reihe von Neubildungen auf der Grundlage von Familiennamen: aus den Namen Juozas Pundzius, Ramūnas Karbauskis, Juozas Oleka, Audronė Pitrenienė, Birutė Vėsaitė und Rolandas Paksas:

– Wird es išsipundzins oder išpundzins?

– Apsikarbauskins, išsipundzins und nusiolekins danach weiter pitrenintis.

12 http://lietuvosdiena.lrytas.lt/aktualijos/partija-be-pasitikejimo-zlugusi-partija.htm?utm_source=lrExtraLinks&utm_campaign=Copy&utm_medium=Copy, abgerufen am 17.10.2016.

13 https://www.tv3.lt/komentarai/161832/a-kubilius-darbo-partijai-bel ieka-issivaikscioti; abgerufen am 17.10.2016.

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– Ich glaube, dass apsivesaitins und nusipaksins.

– Es ist nicht auszuschließen, dass apipundzins alle ☺

– Ich setze auf išpu.

– Išpundzins und nach der Wahl pripundzins wieder zurück.

<...>

– Hier kam es dazu, dass išsipundzino und außerdem gab es noch išpundzintas.

– Pundziau vollständig14.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese situationsbedingten Neubildungen im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen und etablieren; sie veranschaulichen jedoch ausgezeichnet die vielfältigen Möglichkeiten zur Bildung von Verben mit dem namensbasierten Suffix -inti und deren reflexiven Ableitungen.

Einige Neubildungen werden offenbar rasch zu Historismen, etwa kubilinės „unbezahlter Urlaub“ – eine für die Amtszeit von A. Kubilius als Ministerpräsident der Republik Litauen (2008–2012) typische Erscheinung, die infolge der weltweiten Finanzkrise von 2008 aufkam, z. B.: Ich möchte richtig verstanden werden: Wir sind uns vollkommen bewusst, dass Geld nicht auf Bäumen wächst, aber von welcher Solidarität kann die Rede sein, wenn wir, die Beschäftigten der Bibliothek, unbezahlten Urlaub nehmen müssen, um die Heiz- und Stromkosten der Bibliotheksräume zu bezahlen? Den Geschmack von „Kubilinės“ haben wir bereits kennengelernt, denn zu Jahresbeginn stellte die Gemeinde nur die Hälfte der für diese Dienstleistungen erforderlichen Summe bereit und kürzte sie später noch weiter15; sowie der landsbergische „Mercedes-Benz 126“ (ĮŽ, http://www.zodynas.lt/jaunimo-zodynas/L/landsberginis; abgerufen am 17.10.2016), z. B.: Spitzname des „Mercedes-Benz 126“: Landsberginis (die damaligen Staatsoberhäupter Litauens hatten diese Autos gern16. Auch wenn sie schon lange nicht mehr verwendet werden, könnte man sie wohl in das ND aufnehmen.

2. DAS DATENKORPUS ALS INSTRUMENT DER GEGENWÄRTIGEN WORTBILDUNGSFORSCHUNG

2.1. Ebenen der Pflege des ND

Die Abbildung wortbildnerischer Beziehungen von Neologismen im ND wurde bereits erwähnt (siehe Abschnitt 1.1.1). Zur Erinnerung: Bevor Neologismen im ND erscheinen, gelangen sie zunächst in die digitale Neologismenkartei (im Folgenden: Kartei), die aus einem Stichwortverzeichnis und Verwendungsdaten besteht, und von dort in den Neologismenspeicher, der die Form einer Datenbank hat (im Folgenden –

14 Vgl. https://www.facebook.com/haroldas.mackevicius?fref=ts; abgerufen am 19.10.2016.

15 http://www.alytusnaujienos.lt/alytusnaujienos/spausdinti/?nid=4100; abgerufen am 16.08.2016.

16 http://m.autoplius.lt/tyrimai/nuotrauku-galerija/populiariausios-automobiliu-pravardes-2-dalis, abgerufen am 17.10.2016.

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Neologismenspeicher), der das wichtigste Instrument zu ihrer Pflege (Sammlung, Systematisierung und Beschreibung) ist. Aus diesem gelangen bearbeitete und ausgewählte Daten in das ND. Manchmal durchläuft ein Neologismus diesen Weg sehr schnell, manchmal vergeht von seiner Aufnahme in das Stichwortverzeichnis der Kartei bis zu seinem Erscheinen im ND viel Zeit, während Herkunft, Semantik usw. des Wortes geklärt werden. Nach dem Datenstand von Ende 2014 gab es in der Kartei ein Mehrfaches an Neologismen und Verwendungsbelegen als im ND. Ende 2015 überstieg die Zahl der Stichwörter im ND 3 000; etwa 11 700 illustrative Verwendungsbelege waren enthalten (Miliūnaitė 2015: 163–164, 172). Mitte 2016 waren im ND fast 3,5 Tausend Neologismen beschrieben (Miliūnaitė 2016: 48). Alle drei Quellen für Neologismen (Kartei, Speicher und Datenkorpus) werden laufend ergänzt. Es ist also offensichtlich, dass die Kartei stets mehr und aktuellere, jedoch noch unbearbeitete Informationen enthalten wird als das ND, das als einzige der genannten Quellen öffentlich zugänglich ist. Dies ist wichtig und muss bei der Untersuchung wortbildnerischer Beziehungen von Neologismen sowie bei der Erörterung ihrer Wortbildungsnester und deren Vollständigkeit und regelmäßiger und potenzieller Bildungen berücksichtigt werden. Grundsätzlich ließe sich das genaueste und aktuellste Bild eines bestimmten Zeitraums anhand der Daten der Kartei (des Stichwortverzeichnisses) gewinnen, vorausgesetzt, dass die Herkunft des Neologismus und vor allem seine Semantik keine Zweifel aufwerfen. Allerdings erscheinen im ND in manchen Fällen nur die Stichwort-Neologismen selbst sowie der Informationshinweis „Der Neologismus wurde in das Stichwortverzeichnis des Datenkorpus aufgenommen. Informationen werden gesammelt.“ So wurden beispielsweise am 27.08.2016 afrokaribietiškas, –a; arkivyskupė; išsivaikinti usw. auf diese Weise aufgeführt. Schon die Tatsache, dass solche Wörter neben dem im ND aufgenommenen afrokaribietis, -ė sowie den seit Langem bekannten arkivyskupas und įsivaikinti stehen, ist für die Untersuchung wortbildnerischer Beziehungen von Neologismen bedeutsam. Andererseits sagen analog im ND aufgeführte babatukas, kalčis, janutiena, katariumas auf den ersten Blick kaum etwas aus, solange Definitionen oder zumindest Verwendungsbeispiele fehlen. In den beiden letztgenannten Fällen lässt sich vermuten, dass der Neologismus etwas mit der bekannten Journalistin Rūta Janutienė und mit Katzen zu tun hat. Das lässt sich leicht durch ein wenig Internetrecherche feststellen: <...> all die janutienos Ein verletzter Litauer unterscheidet sich in seiner Einstellung zur Lüge von Politikern nicht von den russischen Vatniks, die W. Putin preisen17; katariumas – ein besonderes Haus für Katzen, in dem sie frische Luft genießen können, damit die Kätzchen nicht am Fenster sitzen und durch die Scheibe nach draußen schauen, sondern jederzeit, wenn sie wollen, im Freien sein können. Sie können wie Löwen (im Zoo – Red.) jederzeit hinausgehen18. Dies zeigt, dass die Untersuchung der Wortbildung von Neologismen weniger Informationen erfordert, als notwendig sind, damit ein Neologismus in das ND aufgenommen wird; manche Daten lassen sich rasch durch die Suche nach Verwendungsbelegen des betreffenden Neologismus gewinnen. Es ist jedoch offensichtlich, dass der Neologismus selbst bekannt sein muss, d. h. bereits in der ersten Stufe der genannten Quellenkette (Kartei, Speicher, Datenkorpus) erfasst sein muss.

17 http://www.delfi.lt/news/ringas/lit/r-sadauskas-kvietkevicius-siulau-melagiu-diena-perkelti-is-balandzio-1-osios-ir-pavadinti-trecioko-diena.d?id=70608144, abgerufen am 27.08.2016.

18http://augintinis.lrytas.lt/pamatyk/kaunieciu-namuose-kilmingu-katinu-rojus.htm?utm_source=lrExtraLinks&utm_campaign=Copy&utm_medium, abgerufen am 27.08.2016.

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2.2. Das Problem der Abgrenzung lexikalischer und semantischer Neologismen

2.2.1. Ein Teil des Wortschatzes des ND weist mehr als eine Bedeutung auf. Da lediglich ein allgemeiner Überblick über den im ND verzeichneten Wortschatz gewonnen, der ungefähre Umfang des Untersuchungsmaterials ermittelt (durch morphämische Segmentierung und Gruppierung der Neologismen nach litauischen Wurzeln) und Leitlinien für weitere Untersuchungen entwickelt werden sollten, richtete sich das Interesse bislang auf Wörter und nicht auf einzelne Lexeme. Zweifellos wird eine umfassende Untersuchung der Wortbildung von Neologismen nur auf der Ebene der Lexeme möglich sein, insbesondere angesichts des in verschiedenen Zusammenhängen wiederholt erwähnten und mehr oder weniger untersuchten ND-Problems der Abgrenzung von Neubildungen und neuen Bedeutungen (semantischen Neubildungen) (Miliūnaitė 2015: 175–178, Murmulaitytė 2014: 12–14, ferner vgl. Miliūnaitė 2016: 48–49, Murmulaitytė 2016b: 17). Zur kurzen Erinnerung: Im ND wird grundsätzlich ein formales Kriterium zur Unterscheidung dieser Erscheinungen zugrunde gelegt, wobei berücksichtigt wird, ob das Wort in den Referenzquellen des ND verzeichnet war: LKŽe, DŽ₆ und TŽŽ (http://naujazodziai.lki.lt/Index.asp?Apie_duomenyna).

In dieser Pilotstudie wurde das betreffende Problem nicht näher untersucht. Es liegt auf der Hand, dass einer der ersten Schritte bei einer Ausweitung der Untersuchung darin bestünde, lexikalische und semantische Neubildungen anhand von Wortbildungsoppositionen und der semantischen Entwicklung von Wörtern voneinander abzugrenzen. Nur einige wenige Beispiele seien angeführt, die zeigen, dass das formale Kriterium der Erfassung eines Wortes oder einer Bedeutung in den Referenzquellen bei der künftigen Lösung dieses Problems nicht ausreichen wird. So gelten im ND sowohl svaigti „Unsinn reden; Unsinn sprechen; von etwas überzeugt oder begeistert sein, und zwar leidenschaftlich, aber unbegründet“ als auch svaigimas „Unsinnreden; Unsinnsprechen; unbegründete, aber leidenschaftliche Überzeugung oder Begeisterung für etwas“ als neue Wortbedeutungen. Wortbildungssemantisch, also als Ergebnis einer semantischen Entwicklung, ließe sich jedoch nur das Verb als Neubildung auffassen; dessen Abstraktum ist zweifellos eine Neubildung, die aus dem neuen Lexem svaigti entstanden ist und nicht semantisch aus anderen Lexemen des Verbalnomens svaigimas hervorgegangen ist. Ein weiteres Beispiel ist trumpukas. Für dieses Wort sind im ND fünf neue Bedeutungen verzeichnet (1. „Kurzfilm“; 2. „kurzes Gedicht“; 3. „kurze Bluse“; 4. „kurzer Rock“; 5. „kurzbeiniger Hund“); im LKŽe ist es mit der Bedeutung „kleiner, kurzer Zug“ verzeichnet. Außerdem enthält das ND das Substantiv im Plural trumpukai „Schuhe mit kurzen Schäften“, das als Neubildung klassifiziert ist. Offensichtlich sind die neuen Lexeme unterschiedliche Ergebnisse der Lexikalisierung und Spezialisierung eines Diminutivs mit der Wortbildungsbedeutung „etwas Kurzes“; sie entstanden also jeweils ausgehend von einer nicht lexikalisierten primären Ableitung und entwickelten sich nicht auseinander (oder aus dem ersten, im LKŽe verzeichneten Lexem).

Anders verhält es sich mit ežys „mit Widerhaken versehenes Band zum erzwungenen Anhalten von Autos auf der Straße“. Das neue Lexem geht eindeutig auf die Hauptbedeutung des seit Langem verzeichneten Wortes ežys zurück: „ein kleines, mit Stacheln bedecktes Tier (Erinaceus europaeus)“ (LKŽe); es entstand durch Bedeutungsübertragung. Vgl. das Lexem blakė „Gerät zum heimlichen Abhören und Beobachten“, das auf genau dieselbe Weise entstanden ist

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und zwar nicht im Litauischen – vgl. engl. (amerik.) bug 3. „ein winziges Mikrofon, meist in einem Raum oder Telefon verborgen und zur Überwachung verwendet“ (OD, online abgerufen: https://en.oxforddictionaries.com/definition/us/bug), 4. „ein kleines elektronisches Gerät, mit dem heimlich abgehört wird, was Menschen sagen“ (MD, online abgerufen: http://www.macmillandictionary.com/dictionary/american/bug_1),; im Litauischen ist es also entlehnt19.

Ein weiteres Beispiel ist kramtukas, das im ND als neue Wortbedeutung klassifiziert wird; ergänzend wird darauf hingewiesen: Im „Wörterbuch der litauischen Sprache“ (LKŽe) ist kramtukas, -ė mit der Bedeutung „jemand, der beißt, kaut“ – Bezeichnung für ein Lebewesen – verzeichnet. Das ND führt zwei Lexeme an: 1. „meist ein Spielzeug, das als Beißhilfe zum Massieren des Zahnfleischs beim Zahnen, zur sicheren Gewöhnung an feste Nahrung usw. dient; eine knochen- oder spielzeugförmige Beißhilfe für Hunde“; 2. „eine Kauspeise (gewöhnlich ein Leckerli) oder ein Nahrungsergänzungsmittel“. Dabei ist jedoch zu beachten, dass im LKŽe ein substantivum mobile (Substantiv maskulinen und femininen Geschlechts) verzeichnet ist, eine Ableitung mit dem Suffix -ukas, -ė, die zur Wortbildungskategorie der Bezeichnungen für Handelnde und für Träger einer verbalen Eigenschaft gehört (DLKG 1996: 111). Das erste der neuen Lexeme könnte als Ableitung mit dem Suffix -ukas betrachtet werden, die zur Wortbildungskategorie der Werkzeugbezeichnungen gehört und die Wortbildungsbedeutung „Mittel zum Kauen“ hat (DLKG 1996: 131). Oder es könnte ebenso wie das zweite als Diminutiv einer Ableitung mit der Endung -as betrachtet werden, die ihrer Wortbildungsbedeutung nach eine Bezeichnung für das Ergebnis (Objekt) einer Handlung wäre (DLKG 1996: 125) und mit dem Suffix -(i)ukas, -ė (kramt-ukas: kram-tas: kramt-yti).

Aus mindestens zwei Gründen – den unterschiedlichen grammatischen Eigenschaften und der Zugehörigkeit zu verschiedenen Wortbildungskategorien – sollten die neuesten Lexeme von kramtukas aus wortbildungsbezogener Sicht also nicht als semantische (Bedeutungs-)Neubildungen, sondern als lexikalische Neubildungen, als neu gebildete Wörter, angesehen werden.

2.2.2. Etwas vom Thema abschweifend sei auf einen Aspekt der Struktur des ND hingewiesen: Die Art des Neologismus (Neubildung, neue Wortbedeutung, Wort mit neu entlehnter Wurzel, neu entlehntes Zitat usw.) wird in der Beschreibung des Neologismus im allgemeinen Informationsteil angegeben, d. h. sie gilt für alle Lexeme (Bedeutungen), die anschließend im Abschnitt „Bedeutungen und Gebrauch“ der Beschreibung einzeln aufgeführt werden. Demnach können neu entdeckte Lexeme eines bestimmten Wortes, unabhängig von ihrer Anzahl, nur einer einzigen, also derselben Art angehören – sie sind entweder Neubildungen oder neue Wortbedeutungen

19 Dieses Lexem wurde aus dem Englischen nicht nur ins Litauische übernommen; vgl. Aus Filmen weiß jeder: Als „Käferchen“ oder „Floh“ bezeichnet man ein Gerät, das der heimlichen Überwachung dient. Dabei kann es sich um ein Mikrofon oder eine Videokamera handeln (http://planeta.by/article/680, abgerufen am 08.10.2016); Wanzen (Kurzform von „Wanzengeräte“; überraschenderweise „Käferchen“, aus dem Englischen bugs, auch als „Wanzen“, „Flöhe“ usw. bekannt) <...> (http://lurkmore.to/%D0%97%D0%B0%D0%BA%D0%BB%D0%B0%D0%B4%D0%BA%D0%B8; abgerufen am 08.10.2016.

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(unter Berücksichtigung des behandelten Problems). Doch sind auch Fälle nicht auszuschließen, in denen eine neue Lexemvariante durch semantische Entwicklung (Lexikalisierung, Spezialisierung, Bedeutungsübertragung) entstanden ist, während eine andere neu gebildet wurde, etwa auf der Grundlage einer anderen Lexemvariante des Basisworts (im Vergleich zu der bereits belegten Lexemvariante). Da man sich im ND bei der Unterscheidung lexikalischer von semantischen Neubildungen meist an das genannte formale Kriterium hält (ob das Wort bereits in den Referenzwerken belegt war oder nicht) (Miliūnaitė 2015: 175–179), erscheint diese Besonderheit der Datenbankstruktur zunächst nicht unsystematisch. Bei der Untersuchung der ND-Daten und der Reklassifizierung einiger semantischer Neubildungen als lexikalische wird jedoch deutlich, dass mehrere Lexemvarianten durchaus unterschiedlichen Typs sein können. Angesichts des bislang wenig untersuchten Problems der Abgrenzung lexikalischer und semantischer Neubildungen und der zunehmenden Erkenntnis, dass es vielschichtig ist und eine gesonderte eingehende Untersuchung verdient, wäre es wohl sinnvoll, zunächst alle semantischen Neubildungen aus dem ND auszuwählen und die Entstehungsgeschichte jeder einzelnen sowie ihre semantischen und wortbildungsmäßigen Beziehungen zu anderen Lexemvarianten desselben, bereits belegten Wortes zu untersuchen. Dabei dürften sich die Hauptgruppen herauskristallisieren, die Kriterien sowohl für die semantischen Neubildungen im ND selbst als auch für deren Abgrenzung von lexikalischen Neubildungen klarer werden und ein genaueres Bild der gegenwärtigen Wort- und Bedeutungsbildung entstehen. Dies könnte eine weitere interessante und vielversprechende Forschungsrichtung sein.

SCHLUSSFOLGERUNGEN

1. Das Neologismen-Datenbank der litauischen Sprache ist nicht nur eine Quelle für neue Spracherscheinungen, sondern auch ein Instrument zur Untersuchung des gegenwärtigen Wortbestands und seiner Entwicklung. Sie ermöglicht es, neben den Neologismen selbst auch für die Wortbildungsforschung wichtige Informationen über sie zu erhalten – Definitionen und weitere semantische Erläuterungen, Herkunftsangaben sowie authentische Verwendungsbeispiele mit Quellenangaben, die häufig dazu beitragen, die Bedeutung des Neologismus und/oder die Umstände seiner Entstehung (Wortbildung) genauer zu bestimmen.

2. Die Neologismen im ND lassen sich im Hinblick auf ihre Wortbildungsbeziehungen aus verschiedenen Perspektiven untersuchen. Zu den vielversprechendsten, miteinander verbundenen Ansätzen gehören: die Untersuchung nach Wortstämmen (Bildung und Analyse von Wortbildungsnestern), nach Wortbildungskategorien und den für sie typischen Wortbildungsaffixen sowie nach semantischen lexikalischen Gruppen.

2.1. Durch die Bildung von Wortbildungsnestern für die Neubildungen im ND ließe sich feststellen, welchen Anteil die Neologismen darin ausmachen, wie weit sie vom Ausgangswort des Nestes entfernt sind, d. h. wie viele Wortbildungsstufen sich in einem Nest unterscheiden lassen, wie viele Neubildungen ihrerseits hervorgebracht haben, welcher Anteil der Neubildungen untypisch gebildet ist, wie viele eine veränderte Wortbildungsgrundlage aufweisen usw. Es wurde festgestellt, dass im ND für den Untersuchungszeitraum Neologismen (Ableitungen, Zusammensetzungen, Hybride, semantische Neubildungen) mit … erfasst wurden

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800 litauischen Wortstämmen. Etwa 47 Prozent davon kamen nur in einem einzigen Neologismus des ND vor. Somit haben mehr als die Hälfte der Neubildungen im ND in dieser Quelle verwandte Wörter und bilden mit ihnen Wortbildungsnester. Die meisten dieser Nester sind nicht umfangreich; es gibt jedoch auch große, die jeweils 26–40 Neubildungen umfassen (Stämme kalb-, raš-, dien-, žmog-, darb-/dirb-, žod- u. a.), die 4–5 Wortbildungsstufen umfassen (z. B. die Wortbildungsnester der Wörter rašyti, dirbti). Zu beachten ist, dass die genannten 47 Prozent keineswegs zeigen, dass ein entsprechender Anteil der Neologismen mit litauischen Wortstämmen keine stammverwandten Neologismen aufweist, d. h. dass sie nicht als Basiswörter für diese dienen, keine neuen Wortbildungsnester bilden und bestehende nicht erweitern usw. Sucht man gezielt nach regelmäßigen Ableitungen von Neologismen (z. B. Nominal- und Verbalabstrakta), findet man sie im Internetgebrauch meist.

2.2. Ein kleiner Versuch, die Möglichkeiten der zweiten Forschungsrichtung zu erproben – die Untersuchung der im ND erfassten Gerätebezeichnungen – lässt die Annahme zu, dass das nach den Angaben von LKG und DLKG produktivste Suffix dieser Wortbildungskategorie, -tuvas, seine Position an das zweitproduktivste Suffix -iklis und das sechstproduktivste -yklė abtritt. Bemerkenswert ist, dass das als unproduktiv geltende Suffix -klis im ND sogar sechs Ableitungen (acht Lexemvarianten) aufweist und in der Produktivität den fünften Platz einnimmt. Zehn in Grammatiken beschriebene Suffixe (-tas, -tis, -eklis, -klas, -tė, -(i)oklis, -ikas, -stis, -ta, -tuvis/-tuvys) wurden im ND nicht gefunden. Bei der Untersuchung des ND-Materials unter diesem Aspekt sollte man auch die umgekehrte Forschungsrichtung nicht vergessen, die vermutlich wichtiger ist: Als Ausgangspunkt dienen dabei nicht die Beschreibungen in den Grammatiken, sondern die ND-Daten selbst, in denen sich vermutlich auch nicht in den Grammatiken beschriebene Erscheinungen finden lassen, etwa untypische Wortbildung, Analogiebildungen, vereinzelte Neubildungen und dergleichen.

2.3. Die Untersuchung einer lexikalisch-semantischen Gruppe von Neubildungen des ND – einiger Dutzend Ableitungen von Personennamen, z. B. gražuliada, gryb auskizmas, kubiloidas, putleris, čiviliuoti, žvagulintis, janutiena, Kalantinės u. a. – ergab, dass nur ein sehr kleiner Teil davon in das ND aufgenommen wurde. Der Internetgebrauch belegt eine wesentlich größere Zahl von Neubildungen, die beispielsweise von den Nachnamen litauischer Politiker abgeleitet sind. Mehr oder weniger neutrale Neubildungen werden mit den Suffixen -ietis, -ė; -ininkas, -ė; -inis, -ė (Adjektive) gebildet, während Ableitungen mit den Suffixen -izmas (Bedeutung einer nominalen Eigenschaft, nicht eines charakteristischen Ausdrucks) und -oidas unabhängig vom Kontext negativ konnotiert sind. In das ND könnte man wohl auch die bereits zu Historismen werdenden Ausdrücke kubilinės „unbezahlter Urlaub“ und landsberginis „Mercedes-Benz 126“ aufnehmen.

3. Bei der Bewertung des ND als Instrument zur Untersuchung von Wortbildungsbeziehungen bei Neologismen sind einige Punkte zu beachten.

3.1. Das ND ist nicht ausschließlich der Untersuchung der Wortbildung gewidmet. Für umfassende Untersuchungen in diesem Bereich sollte die Datenbank die Möglichkeit vorsehen, Neologismen wortbildungs- und morphematisch zu analysieren, ihre Wortbildungsnester zu erstellen, Morphemmodelle zu erfassen usw.

3.2. Das im ND angewandte formale Kriterium zur Unterscheidung lexikalischer und semantischer Neubildungen (Beleg des Wortes in Referenzquellen) ist bei der Präsentation der Neologismen im ND in vielerlei

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in Fällen, in denen ihre spätere Aufnahme in Wörterbücher unvermeidlich ist, jedoch nicht für die Untersuchung der Wortbildung geeignet ist, bei der der Ausgangspunkt die Wortbildungsopposition sein sollte, während bei neuen Bedeutungen (semantischen Neubildungen) nur die Ergebnisse der semantischen Entwicklung (Bedeutungsübertragung, Bedeutungsverengung, Lexikalisierung, Spezialisierung usw.) berücksichtigt werden.

3.3. Die Neologismen im ND werden ausschließlich manuell gesammelt und ausgewählt; außerdem sind nicht alle bereits zusammengetragenen Informationen öffentlich zugänglich, solange sie nicht angemessen aufbereitet sind. Daher hinken die ND-Daten für einen bestimmten Zeitraum der tatsächlichen Verwendung in diesem Zeitraum im Wesentlichen etwas hinterher.

Diese Besonderheiten der Erstellung und Pflege des ND stehen Untersuchungen seiner Daten unter dem Aspekt der Wortbildung keineswegs im Wege. Solche Untersuchungen sollten mit einer kontinuierlichen Analyse des Sprachgebrauchs im Internet verbunden werden. Zweifellos würden sich ihre Ergebnisse von den Ergebnissen der Untersuchung von Daten unterscheiden, die mit anderen Methoden (z. B. mithilfe von Neologismen-Crawlern) gewonnen wurden. Dies würde jedoch lediglich dazu beitragen, die aktuelle Wortbildung, ihre Unterschiede gegenüber der in Grammatiken beschriebenen Wortbildung sowie erkennbare Entwicklungstendenzen besser zu untersuchen.

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Įteikta 2016 10 31

Priimta 2017 01 19

DAIVA MURMULAITYTĖ

Lietuvių kalbos institutas

Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius

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