Page 1„Gips“ (vgl. lit. sūd-ūkļis „Gipsblase“), lit. saud-alis „Sand-Strohblume — Helichrysum arenarium“ (Varėna) und vielleicht sūdė „ein Pilz, der der Reizker ähnelt“ (Šimkaičiai).
Der physiographische Terminus sūd-uva „Sumpf“ ist gleich gebildet wie andere litauische Termini dieser Art: siet-uvà „tiefe Stelle im Fluss“, rag-uvà „vom Wasser ausgespülte Rinne oder tief ausgefahrene Wegstelle“, kūl-iavà „Stromschnelle“, kriok-uvà „Strömung, Wasserfall“.
Sowohl die baltischen Toponyme als auch der Wortschatz der Gemeinsprache weisen auf ein protobaltisches *sū-d- hin, das wahrscheinlich „mit Wasser aufgeweicht, nass, sumpfig“ bedeutete und wohl nicht von idg. *sūro-s²³ zu trennen ist; vgl. lit. sūrùs, ssl. syrъ „naB, feucht“, altisländ. súrr „sauer, scharf, beißend“.
Balt. sū-d- und sū-r- sind etymologisch verwandt, haben jedoch unterschiedliche Wurzeldeterminative. Das zeigt auch lit. sū-d-yti, eine Ableitung von der Wurzel sū- mit dem iterativen Determinativ -d-.
Das bedeutet: Sūduva ist ein Land der Sümpfe, Moore und Feuchtgebiete. Diese Bedeutung des Namens entspricht vollkommen der physiographischen Beschaffenheit des Gebiets zwischen den Masurischen Seen und dem Nemunas, wo sich auch das Zentrum des ethnischen Siedlungsgebiets der Sudauer befand.
Im Werk von M. Rudnicki finden sich noch weitere Interpretationen, denen baltistische Erkenntnisse widersprechen, etwa zu den alten slawischen Lehnwörtern im Baltischen, zur Chronologie einiger Wanderungen und zur vorgeschichtlichen Siedlungsregion der Balten; dies erfordert jedoch einen wesentlich umfangreicheren Artikel. Hier wollten wir lediglich Fragen im Zusammenhang mit der baltischen Onomastik präzisieren und zeigen, wie unvorsichtig es ist, auf der Grundlage zufälliger Sprachdaten verallgemeinernde Schlussfolgerungen zu ziehen.
Vilnius
B. Savukynas
ZWEI ARBEITEN EINES RUMÄNISCHEN SPRACHWISSENSCHAFTLERS ZU FRAGEN DER BALTOSLAWISTIK
1. A. V r a c i u, Problema comunității lingvistice balto-slave, „Romanoslavica“, IV, București, 1960, p. 87—106.
2. A. V r a c i u, Studiul actual al cercetărilor în domeniul raporturilor lingvistice dintre balto-slavă și germanică, „Romanoslavica“, VI, București, 1962, p. 41—47.
In der philologischen Zeitschrift „Romanoslavica“ der Rumänischen Volksrepublik fallen zwei Artikel des rumänischen Sprachwissenschaftlers Arton Vrāciu zu Fragen der Genese der baltischen Sprachen ins Auge. Die in den Artikeln behandelten Probleme sind äußerst aktuell. Seit dem Aufkommen der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft stellten sich die Fragen nach der Herkunft der baltischen Sprachen, ihrem Platz unter den anderen idg. Sprachen und ihren Beziehungen zu anderen idg. Sprachen. Besonders interessierte und interessiert die Sprachwissenschaftler die große Ähnlichkeit zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen. Diese Probleme bestehen auch heute noch. Gegenwärtig werden entschiedene Anstrengungen unternommen, diese Probleme, insbesondere jene der Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen, im Zusammenhang mit den geplanten
23 Alois Walde, Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen, B. II, Berlin und Leipzig, 1927, p. 513.
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Page 2internationalen Slawistenkongressen zu lösen. Auch die hier besprochenen Artikel zeugen von der Aktualität dieser Probleme.1
Im ersten Artikel behandelt A. Vračiu die Frage der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen. Zunächst legt der Autor verschiedene Auffassungen der Sprachwissenschaftler zu dieser Frage dar und erörtert sie. A. Vračiu weist darauf hin, dass sich im 19. und 20. Jahrhundert die meisten Sprachwissenschaftler für eine baltisch-slawische Ursprache aussprachen — A. Schleicher, A. Potebnja, F. Fortunatov, V. Poržežinskis, A. Šachmatov, A. Pogodin, A. Uljanov, V. Bogorodickis, J. Karlovičius, J. Rozvadovskis, O. Hujeris, T. Ler-Splavinskis, J. Otrembskis, J. Safarevičius, O. Semerenis, Vl. Georgijevas, J. Kurilovičius, A. Vajanas, P. Aruma, M. Loimanas, V. Kiparskis u. a.
Anschließend erörtert A. Vračiu die Konzeption von A. Meillet, der zufolge sich die baltischen und slawischen Sprachen, nachdem sie aus der idg. Ursprache einige gemeinsame Entwicklungstendenzen übernommen hatten, parallel entwickelten. Damit wird die große Ähnlichkeit dieser Sprachen erklärt. Dieser Theorie ordnet A. Vračiu die Auffassungen von A. Zeno, V. Matthews, V. Mažiulis u. a. zu. Als Vertreter der Konvergenztheorie betrachtet der Verfasser des Artikels J. Endzelīns, S. Bernstein, B. Gornung, T. Ler-Splavinskis sowie die Archäologen und Anthropologen V. Hensel, J. Czekanowski und K. Moszyński. Nach dieser Theorie gingen die baltischen und slawischen Sprachen aus verschiedenen idg. Dialekten hervor und näherten sich erst später einander an.
Der rumänische Sprachwissenschaftler ist der Ansicht, dass jene Konzeption zutrifft, der zufolge die baltischen und slawischen Sprachen zu einem einheitlichen idg. Dialektgebiet gehören. Dieser Konzeption folgen, wie A. Vračiu erklärt, die Sprachwissenschaftler J. Otrembskis, Vl. Georgijevas und V. Ivanov, V. Toporov sowie der Archäologe P. Tretjakov.
Die Gruppierung der Konzeptionen einzelner Sprachwissenschaftler zur Frage der Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen in A. Vračius Artikel gibt Anlass zu gewissen Zweifeln. Es scheint, dass V. Mažiulis sich in seiner praktischen Forschung an den von J. Endzelīns aufgestellten Prinzipien der sprachlichen Differenzierung und Integration orientiert.2
Zweckmäßig wäre es, einerseits die Auffassungen von V. Ivanov und V. Toporov und andererseits jene von J. Otrembskis und Vl. Georgijevas zu unterscheiden. Denn J. Otrembskis, der seine früheren Auffassungen geändert hat3, und Vl. Georgijevas geben sich nicht damit zufrieden, die baltischen und slawischen Sprachen aus einem einzigen idg. Dialekt abzuleiten, sondern nehmen an, dass die baltischen und slawischen Sprachen aus einer sprachlichen Einheit hervorgegangen sind, die ihrerseits aus der idg. Ursprache ausgeschieden war.4 J. Otrembskis’ und Vl. Georgijevas’ Auffassungen der Konzeption zuzuordnen, die den Ursprung der baltischen und slawischen Sprachen aus einem einheitlichen idg. Dialektgebiet behauptet, bedeutet
1 Es sei gesagt, dass diese Artikel nicht die einzigen Arbeiten dieser Art von A. Vračiu sind. Die baltischen Sprachen interessieren ihn schon seit Langem; davon zeugen folgende Artikel: Problema vechilor relaţii lingvistice balto-slave în discuţia celui de — al IV-lea congres internaţional al slaviştilor. „Studii şi cercetări ştiinţifice“, IX, 1-2, 1958, p. 151-164; De la indo — europeană la balto-slavă — inovaţii morfologice, „Analele ştiinţifice ale Universităţii „Al. J. Cuza“ din Iaşi“, V, 1959, p. 115-123; Caractere generale ale limbilor baltice, „Studii şi cercetări ştiinţifice“ X, 1-2, 1959, p. 109-138.
2 Vgl. die litauische Fassung seines Vortrags auf dem IV. Slawistenkongress: „Pastabos baltų ir slavų kalbų seniausių santykių klausimu“, „Lietuvių kalbotyros klausimai“, Bd. 2, 1959, S. 15.
3 Vgl. „Slavia Occidentalis“, Bd. 16, 1939—1947, S. 448.
4 Я. С. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство, «Вопросы языкознания», 1954, № 6, р. 43. В. Георгиев, Исследования по сравнительно-историческому языкознанию, Москва, 1958, р. 220.
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Page 3mit den Ansichten A. Meillets gleichzusetzen, der wiederholt die Identität der ide. Dialekte behauptet hatte, aus denen die baltischen und slawischen Sprachen hervorgingen,5.
V. Ivanov und V. Toporov kamen zu dem Schluss, dass die einzelnen phonologischen und morphologischen Modelle der baltischen und slawischen Sprachen übereinstimmen und dass das slawische Modell das Ergebnis einer Veränderung des baltischen Modells ist, d. h. die slawischen Sprachen vergleichsweise jünger sind.6
Um die Konzeption zu stützen, dass die baltischen und slawischen Sprachen zu einem einheitlichen ide. Dialektgebiet gehören, verweist A. Vračiu auf Innovationen der baltischen und slawischen Sprachen in Phonetik, Grammatik und Lexik. Auch die Behandlung einiger Erscheinungen gibt hier Anlass zu Zweifeln.
1. Bei der Erörterung der Reflexe von ide. ă, ŏ in den slawischen Sprachen wiederholt A. Vračiu, indem er die traditionelle Erklärung verwirft, die Behauptung J. Otrembskis, dass ide. ă, ŏ in den slawischen Sprachen wie auch in den baltischen zu a und erst danach zu o7 geworden sei. Diese Behauptung J. Otrembskis wurde zu Recht kritisiert8. Es wäre einfacher und verständlicher gewesen, wenn A. Vračiu, um ein neues Argument für eine baltisch-slawische Ursprache zu finden, behauptet hätte, dass ide. ă, ŏ in der baltischen Ursprache, ebenso wie in der slawischen, o ergab und erst danach a. Starke Argumente für die Existenz von ŏ in der baltischen Ursprache haben E. Nieminen und J. Kazlauskas in den letzten Jahren vorgebracht9.
2. Einen ähnlichen Reflex wie ide. Sonanten ṛ, ḷ, ṃ, ṇ haben außer den baltischen und slawischen Sprachen offenbar auch die pelasgischen Sprachen (ur [ru], ul [lu], un, um [on, om] oder auch ir, il, in, im)10 sowie die thrakischen Sprachen (ur, ul, un, um)11.
3. Zur Bildung von Zahlwörtern im Plural dient das Suffix -r- außer im Baltischen (ketveri) und Slawischen (altkirchenslawisch četvoro) auch im Tocharischen (śwerār „vier“)12.
4. Als Innovation der baltischen und slawischen Sprachen gilt der Infinitiv auf -ti (nešti und нести). Diese Tatsache verliert ihre Beweiskraft, denn dieselbe Endung findet sich auch in den tocharischen Sprachen (vgl. toch. A kärs-nā-tsi, toch. B karsa-tsi „wissen“, wobei tsi aus älterem ti stammt13.
5 A. Meillet, Les dialectes indo-européens, Paris, 1922, p. 40—48.
6 V. V. Ivanov und V. N. Toporov, Zur Fragestellung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen, Moskau, 1958, S. 39.
7 Я. С. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство, ВЯ, 1954, № 5, p. 28.
8 Zur Kritik J. Otrembskis bezüglich ide. ă, ŏ siehe С. Б. Бернштейн, Балто-славянская языковая общность, «Славянская филология», I, 1958, p. 51—52; С. Б. Бернштейн, Очерк сравнительной грамматики славянских языков, Москва, 1961, p. 145—146.
9 E. Nieminen, Über einige Eigenschaften der baltischen Sprache, die sich in den ältesten baltischen Lehnwörtern der ostseefinnischen Sprachen widerspiegeln (Sonderabdruck aus den Sitzungsberichten der Finnischen Akademie der Wissenschaften, 1956, Helsinki, 1957), S. 199—200; I. Kazlauskas, Zur Entwicklung des gemeinbaltischen Vokalsystems, ВЯ, 1962, Nr. 4, S. 23—24.
10 В. Георгиев, Исследования по сравнительно-историческому языкознанию, Москва, 1958, p. 92.
11 В. Георгиев, Op. cit., p. 136.
12 E. Fraenkel, Grammatik der tocharischen Sprache und die baltischen Sprachen, „Archivum Philologicum“, Bd. 3, 1932, S. 12—13.
13 B. Краузе, Тохарский язык, «Тохарские языки (сборник статей)», Москва, 1959, p. 69, 77.
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Page 45. Der Gebrauch des Genitivs in den baltischen und slawischen Sprachen nach negierten Verben (vgl. Dvarininkas nedavė kaimiečiams ganyklos nė žingsnio (Žemaitė) und Я не знал другой жизни (M. Gorkis); der prädikative Instrumental (vgl. Jis buvo mano gelbėtoju ir Он был писателем) ist höchstwahrscheinlich keine Neuerung dieser Sprachen, sondern ein Element des finno-ugrischen Substrats.
6. In die von A. Vračių vorgelegte Liste des gemeinsamen Wortschatzes der baltischen und slawischen Sprachen sind auch Lehnwörter dieser Sprachen aufgenommen worden: a) Das slawische rąka ist höchstwahrscheinlich als Entlehnung aus den baltischen Sprachen anzusehen¹⁴, ebenso wie folgende vom Autor angeführte baltische Wörter, die in die slawischen Sprachen gelangt sind: russ. героть, ковш, кресло, пакля, янтарь (aus lit. degutas, lett. deguts; lit. kaušas, lett. kauss; lit. kėslas, lett. krēsls, pruß. creslan; lit. pąkulos, lett. pakulas; lit. gintaras, pruß. gentars)¹⁵. Denn in den slawischen Sprachen ist das Wort rąnka isoliert, während es sich in den baltischen Sprachen leicht etymologisieren lässt; vgl. lit. ranką, lett. rūoka, pruß. ranco, rancko und das Verb rinki, rēnka; zum Vokalwechsel rēnka: rañką vgl. kélti: kálnas, pagelbėti: pagalba, sémti: sámtis. b) Lett. nazis, lit. norãgas (das A. Vračių fälschlich für einen alten litauischen Terminus hält), lett. nãrags⟧ und lett. klanīt gelten gewöhnlich als Wörter slawischer Herkunft¹⁶.
7. Eine lautliche Abweichung verhindert die Verbindung von litauisch krūtis und russisch тру́бы (vgl. altpoln. grędzi). Russisch трубы wird mit gr. βρέφος, „Stolz“, lat. grandis „groß, erhaben, bedeutend“ verbunden, während litauisch krūtis nicht von krauti, krauja, krõvė zu trennen ist.
Der rumänische Linguist hat sich auf mehrere Arbeiten sowjetischer litauischer Linguisten (V. Mažiulis, Z. Zinkevičius, A. Valeckienė) gestützt und arbeitet mit recht umfangreichem baltischem, insbesondere litauischem Sprachmaterial. Anstelle von káusas (89), kaimiečiams (102), jìs (102), mãno (102), krūtinė (103) muss es jedoch káũšas, kaimiečiams, jis, mãno, krūtinė heißen und entsprechend akzentuiert werden.
Nachdem A. Vračių im Voraus die genetische Einheit der baltischen und slawischen Sprachen anerkannt hat, spricht er im zweiten Aufsatz über die Stellung der „baltisch-slawischen“ Sprachen unter den anderen indogermanischen Sprachen. A. Vračių behauptet Vl. Georgijev folgend, dass den baltischen und slawischen Sprachen unter den übrigen indogermanischen Sprachen die germanischen am nächsten stehen. Zu diesem Zweck werden sieben baltisch-slawisch-germanische Isoglossen angeführt (Dativ Plural auf -m; Deklination der Partizipien Aktiv Femininum; Bildung von „1000“ usw.). Diese Isoglossen mögen es erlauben, die baltischen, slawischen und germanischen (und toch arischen) Sprachen als Gruppe indogermanischer Dialekte anzusehen; ebenso gut lässt sich jedoch auch von einer germanisch-italischen Dialektgruppe sprechen. Zu diesen Isoglossen sollte man allerdings nicht die Endung -ā des Nominativ-Akkusativ Plural Neutrum zählen, da sie auch in den indo-iranischen Sprachen vorkommt (vgl. skr. yugá).
Andererseits darf jedoch nicht vergessen werden, dass die baltischen und germanischen Sprachen Isoglossen verbinden, die den slawischen Sprachen offenbar fremd sind. Unter ihnen seien folgende genannt:
14 Plg. C. Б. Бернштейн, Очерк сравнительной грамматики славянских языков, Москва, 1961, p. 92.
15 Weitere Wörter slawischer Sprachen baltischer Herkunft führt A. Sabaliauskas an, Naujas etimologinis rusų kalbos žodynas, „Lietuvių kalbotyros klausimai“, Bd. 4, 1961, S. 319 ff.
16 K. Mūlenbacha, Latviešu valodas vārdnīca. Herausgegeben, ergänzt und fortgeführt von J. Endzelīns, Rīga, I–IV, 1923–1932.
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Page 51) ide. ą, ō wurde in den baltischen und germanischen Sprachen zu a, vgl. got. ahtáu „acht“, lit. aštuoni: lat. octo; ahd. ahsa, lit. ašis: lat. axis, skr. akṣa-h17;
2) Bildung der Zahlwörter: got. ainlif: lit. vienuolika, got. baiōþs „beide“: lit. dvėjetas, got. fruma, ae. forma, asächs. formo:18 lit. pirmas (die slawischen Sprachen haben hier ein anderes Suffix, vgl. aksl. prъvъ);
3) 1. Person des Pronominaldual, got. wit (<*we-dwō): lit. vėdu (<*ve-duo), 2. Person, aschwed. it: lit. judu19;
4) häufige Entsprechungen in der Wortbildung, vgl. aisl. brún „Rand, Kante, Braue“: lit. briaunà (aksl. brъ-v-ъ), got. fairns „vorjährig“: lit. pérnai (Suffix -n-) usw.;20
5) zahlreiche gemeinsame Wörter zur Bezeichnung von Naturerscheinungen (lit. Konstruktion sniegas drimba, lett. sniegs drēbj=aisl. drif snær), für Körperteile (lit. blauzdà: aisl. blaudr „weich, zart, furchtsam“, mhd. blōt „bloß, nackt, arm“; lit. kenklė, kinka: ae. hōh (<*hank) „Ferse, Kniekehle“, aisl. háell „Ferse“), für Verwandtschaftsbeziehungen (lit. sváinis: ahd. swein „Diener, Hirt“) usw.21
An diesen baltisch-germanischen Isoglossen sollten die Forscher nicht vorübergehen. Sie zeigen, dass man sogar von einer Epoche der Gemeinschaft baltischer und germanischer Sprachen22 innerhalb des Rahmens der indogermanischen nördlichen Dialektgruppe sprechen kann, die noch vor der Palatalisierung und Affrizierung der Gutturale bestand. Die wenigen Parallelen zwischen den slawischen und germanischen Sprachen sind offenbar viel späteren Datums. Andererseits gibt es Grund, von der Verwandtschaft der slawischen Sprachen mit den indo-iranischen Sprachen zu sprechen.23 Der Wandel der Verbindungen us, is, ks, rs zu uš, iš, kš, rš (š > sl. ch) ist eine gemeinsame Erscheinung der slawischen und indo-iranischen Sprachen und zeugt deutlich von den engen Beziehungen, die zwischen diesen Sprachen bestanden. Die teilweise Widerspiegelung dieser Erscheinung in den baltischen Sprachen (š nach k, r) spricht für die Autonomie der baltischen Sprachen während der Wirkungszeit dieses Gesetzes. Natürlich sind auch Parallelen zwischen den baltischen und den indo-iranischen Sprachen nicht auszuschließen, doch sind sie offenbar das Ergebnis späterer Kontakte.
Das Erscheinen der Artikel von A. Vračiu in einer rumänischen philologischen Zeitschrift zeigt, wie wichtig die baltischen Sprachen für die Sprachwissenschaft sind und wie wichtig es ist, die mit ihnen verbundenen Probleme zu lösen. Eines dieser Probleme ist die Frage nach der Entstehung der baltischen und slawischen Sprachen. Diese Frage richtig zu lösen
17 Э. Прокош, Сравнительная грамматика германских языков, Москва, 1954, p. 98.
18 Э. Прокош, Op. cit., p. 315, 319.
19 Э. Прокош, Op. cit., p. 311.
20 E. Fraenkel, Litauisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg-Göttingen, 1955 tt.
21 E. Fraenkel, op. cit. Vgl. H. C. Чемоданов, Zur Frage der germanisch-baltischen Sprachbeziehungen, „Вопросы германского языкознания“ (Materialien der zweiten wissenschaftlichen Tagung zu Fragen der germanischen Sprachwissenschaft), Moskau—Leningrad, 1961, p. 75 ff.
22 H. C. Чемоданов, Op. cit., p. 74.
23 Slavų-indų-iranėnų izogloses žr. T. Burrow, The Sanskrit Language, London, 1955, p. 18—23.
22. Kalbotyros klausimai VI.
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Page 6Dies ist nur möglich, wenn die baltischen Sprachen eingehender und umfassend untersucht, die Unterschiede zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen analysiert und die baltisch-germanischen Parallelen stets berücksichtigt werden. Die Arbeiten von A. Vračiu tragen zweifellos zur Lösung dieser wichtigen Probleme bei.
Vilnius
S. Karaliūnas
ZU DEN ETYMOLOGIEN EINIGER LITAUISCHER STADTNAMEN
Raymond Schmittlein, Quatre toponymes germaniques en Lituanie, „Revue International d'Onomastique“, Paris, 1949, S. 15—20.
Dieser Aufsatz ist einer von vielen Arbeiten R. Schmittleins über litauische Ortsnamen. Hinsichtlich Methode, Untersuchungstendenzen und Art der linguistischen Analyse ist er, allgemein gesprochen, für die meisten toponymischen und patronymischen Untersuchungen R. Schmittleins zum Litauischen charakteristisch.
In dem Aufsatz behauptet R. Schmittlein ohne nähere Belege und Erläuterungen, vier litauische Siedlungsnamen — Alsėdžiai, Kėdainiai, Raseiniai ir Šiauliai — seien germanischen Ursprungs.
1. Den Ortsnamen Alsėdžiai bringt R. Schmittlein mit dem germanischen Personennamen 1 Elisaidis in Verbindung. Diese Parallele scheint auf den ersten Blick durchaus möglich, denn der Ortsname Alsėdžiai, dessen dialektale Form alsėdė lautet, erscheint in historischen Urkunden als Aliseiden, Alizeyde, Alizeyde2 im Jahr 1253. Diese äußerliche Ähnlichkeit sagt jedoch noch nichts über den Ursprung von Alsėdžiai aus. Erstens ist der Diphthong ei nach s(z) in den alten Urkunden offenbar kein Beleg aus der lebendigen Sprache, sondern ein Produkt der Schreibtradition, das unter anderem auch auf dem Wege der Volksetymologie nach dem von R. Schmittlein angeführten Personennamen Elisaidis entstanden sein könnte. Zweitens zeigt die gleichzeitige polonisierte Variante dieses Namens Olsiady3, dass hier kein ei vorlag; vgl. den lateinischen Text von 1421, Olsedy4, sowie die russische Schriftquelle des 16. Jahrhunderts, Ольсягъ5. Drittens belegt dies auch die heutige dialektale Form alsėdė: Das ie der žemaitischen Dialekte (dounininkisch), das dem ė der Literatursprache entspricht, kann nur auf baltisches ē zurückgehen (Alsėdžiai, tarm. alsėdė < *alsēd’jai). Folglich ist die Herleitung von Alsėdžiai aus Elisaidis wegen -sed-, -said- bereits zweifelhaft.
Dass der Ortsname tatsächlich nichts mit dem germanischen Personennamen Elisaidis zu tun hat, zeigt die Gesamtheit der litauischen Siedlungsnamen, die in ihrer Struk-
1 Die Abkürzungen sind dieselben wie in den toponymischen Aufsätzen, die in den übrigen Bänden der „Lietuvių kalbotyros klausimai“ erschienen sind.
2 Die Grenzen des lettischen Volksstammes und der lettischen Sprache in der Gegenwart und im 13. Jahrhundert... von Dr. A. Bielenstein. St. Petersburg, 1892, p. 241.
3 Ebenda.
4 Codex diplomaticus ecclesiae cathedralis necnon dioeceseos Vilnensis, Kraków, 1948, p. 741.
5 I. J. Sprogis, Geographisches Wörterbuch des alten samogitischen Landes des 16. Jahrhunderts, Wilna, 1888, S. 212.
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