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AKTUELLE UNTERSUCHUNG

V. Schmidt, Die Streckformen des deutschen Verbums. Substantivisch-verbale Wortverbindungen in publizistischen Texten der Jahre 1948 bis 1967, Halle (Saale), 1968, 144 p.

Die Studie der deutschen Sprachwissenschaftlerin Veronika Schmidt über Verbindungen von Verben mit Verbalnomen (zum Beispiel Vortrag halten, Mitteilung machen, Entscheid(ung) treffen, auf Litauisch entsprechend padaryti pranešimą, priimti nutarimą) kann aufgrund der Problematik dieser Frage auch die Aufmerksamkeit der Litauisten auf sich ziehen. Wie bekannt, korrigierte J. Jablonskis solche Verbindungen, obwohl er selbst duoti patarimą, gauti pakvietimą, neturėti pasitikėjimo verwendete¹. Manche stimmten einer solchen Korrektur nicht zu und verteidigten diese Verbindungen. Ähnlich verfuhr auch J. Palionis, der Herausgeber von J. Jablonskis’ „Rinktinių raštų“². Doch auch heute noch werden diese Formen unterschiedlich bewertet und noch unterschiedlicher verwendet. Daher möchten wir, ohne eine umfassende Rezension anzustreben, einige theoretische Gedanken dieser Arbeit hervorheben, die auch für die litauische Sprache von Bedeutung sein könnten.

Für ihre Arbeit sammelte die Autorin mehr als achteinhalbtausend Belege aus der deutschen Publizistik eines Zeitraums von 20 Jahren (1948—1967). Dieses inhaltsreiche Buch besteht aus einer Einleitung, drei Kapiteln – grammatische und syntaktische Analyse, stilistische Analyse und Zusammenfassung umfangreicher statistischer Daten –, Schlussfolgerungen sowie Anhängen mit zwei Registern: Verbalnomen und Verben (mit Häufigkeitsangaben).

Als Verbindungen von Verben mit Verbalnomen³ bezeichnet V. Schmidt analytische phraseologische Verbindungen, die aus einem abstrakten Substantiv und einem semantisch verblassten Verb bestehen, das die Funktion eines strukturellen Zentrums erfüllt, und die parallel zu synthetischen Verbformen existieren, mit denen sie semantisch ungefähr äquivalent sind. Ihr Entstehen erklärt die Autorin mit der Substantivierung des Verbs, die den Satz auflöse – sein Inhalt gehe verloren. Dann komme ein anderes Verb zu Hilfe, das zum Verbindungsglied werde. Man sollte jedoch annehmen, dass die Nominalisierung außerhalb des Satzes stattfindet und die substantivierten Formen, diese Transformationen des Verbs, im Satz bereits als fertige Formen verwendet werden. Als verbales Verbindungsglied dienen meist polyseme Verben, weil sich ihre Bedeutungen in Richtung einer Abschwächung konkreter Bedeutungselemente und einer Verstärkung abstrakter Elemente verändern (wodurch zugleich die Abstraktheit auch in der lexikalischen Grundbedeutung zunimmt).

1 Žr. J. Jablonskis, Rinktiniai raštai, t. II, Vilnius, 1959, p. 515.

2 Siehe ebenda, S. 532.

3 Auf Deutsch Streckformen, wörtlich wäre das erweiterte Formen. Man kann die Zweckmäßigkeit dieses schlichten Begriffs (ebenso des analogen Streckverb) nur bewundern und bedauern, dass wir keinen so kurzen Ausdruck haben.

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heit und in der lexikalischen Grundbedeutung). Sie sind außerdem sehr verbindungsfähig (mehrwertig), weshalb sie auch zahlreiche analytische Verbindungen bilden. Diese Verbindungsglieder werden meist Halbauxiliarverben genannt4. Im Deutschen gibt es davon ziemlich viele, ebenso wie dort die Kategorie der Hilfs- und Modalverben stärker ausgeprägt ist. Da die Bedeutung des verbalen Verbindungsglieds abstrakt und verblasst ist, ergibt sich die Bedeutung der Verbindung nicht aus der Summe der Bedeutungen ihrer Komponenten. Hier zeigt sich eine gewisse Idiomatizität, eine Isolierung der Bedeutungen. Dies ist einer der Gründe dafür, dass diese analytischen Formen ihren Bedeutungen nach den synthetischen nicht völlig äquivalent sind. Ähnlich äußern sich auch andere Autoren. Die synthetische Form ist konstant, die Handlung hat eine allgemeinere, breitere Bedeutung. In der analytischen Verbindung dagegen ist die Handlung differenziert und konkretisiert, die Semantik maximal eingeengt5. Hier liegt ein wirklich interessantes Phänomen vor: Die Verbindung eines abstrakt gewordenen Verbs mit einem Verbalabstrakt ergibt eine konkretere, engere Bedeutung als die Bedeutung der synthetischen Form. V. Ambrazas weist darauf hin, dass eine solche Verbindung nicht nur die Handlung, sondern auch ihr Objekt oder Ergebnis bezeichnet6.

Im Weiteren zeigt die Autorin, wie die Bedeutung einer analytischen Verbindung mehr oder weniger modifiziert wird, wenn sich darin im Vergleich zur synthetischen Form der Aspekt ändert (Ingressive, Durative, Egressive, Inchoative, Kontinuative, Resultative, Kausative), ebenso wie andere grammatische Kategorien (Aktiv, Passiv, Reflexiv) und syntaktische Kategorien (Konstruktion eines persönlichen oder unpersönlichen Satzes). Der Aspektwechsel in analytischen Verbindungen eröffnet tatsächlich neue Variationsmöglichkeiten. Das zeigen auch Beispiele aus dem Litauischen, vgl.: kämpfen und einen Kampf beginnen, in den Kampf ziehen – den Kampf fortsetzen, einen Kampf führen – den Kampf beenden, den Kampf abbrechen. V. Schmidt betrachtet dies als das wichtigste grammatische und syntaktische Motiv für die Wahl analytischer Formen. Eine Substitution (Ersetzung) ist in solchen Fällen nicht möglich.

Sehr bedeutsam und aktuell ist die von der Autorin beobachtete Rolle des Attributs, vgl. mitteilen und eine interessante Mitteilung machen, beschließen und einen wichtigen Beschluss fassen. Eine Substitution ist in diesen Fällen völlig unmöglich. Die Statistik der Autorin zeigt, dass Attribute (oder andere Erweiterungen, z. B.: eine Mitteilung über... machen) in etwa 70 Prozent der Fälle vorkommen können.

Im Bereich des Stils hebt V. Schmidt, indem sie analytische und synthetische Formen als fakultative, ungefähr äquivalente Formen behandelt, folgende Motive für die Verwendung von Verbindungen aus Verben und Verbalnomen hervor: Offizialität, Feierlichkeit und Öffentlichkeit der Mitteilung, ihre Aktualität usw.

Die Autorin merkt an, dass man bei der Bewertung dieser Formen zunehmend auf eine undifferenzierte, oberflächliche Verurteilung und unbegründete Vorwürfe verzichtet. Die Zunahme solcher Verbindungen hänge mit anderen Sprachentwicklungen zusammen – Substantivierung, Nominalisierung usw. Die Entwicklung von Wissenschaft, Technik, Bildung und Kultur beeinflusst auch den Denkprozess und über diesen die Sprache. Die Tendenzen zu Wissenschaftlichkeit, Abstraktheit und begrifflichem Denken verstärken sich zunehmend.

4 Da sie häufig geradezu desemantisiert sind und gleichsam zu grammatikalisierten Formanten werden, werden sie von einigen Forschern als bedeutungsleere Verben bezeichnet (vgl. M. A. Пеклер, Аналитизм и идиоматизм сочетаний с „пустыми“ глаголами, „Проблемы лексикологии и грамматики“, вып. II, Минск, 1967, S. 137.

5 Siehe В. И. Андрусенко, К вопросу о синоформии (о лингвостилистическом характере синонимических отношений между глаголом и глагольно-именным словосочетанием), Русский язык, его изучение в высшей и средней школе, Астрахань, 1970, S. 22.

6 Siehe V. Ambrazas, Dabartinės lietuvių kalbos sintaksės klausimai, „Lietuvių kalba tarybiniais metais“. Vilnius, 1967, S. 132.

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Angestrebt wird Stabilität der sprachlichen Formen. Diese Stabilität gewährleisten gerade Verbindungen mit einem festen substantivischen Kern. Dies bestätigen nicht nur die modernen Sprachen. So hat H. Jakobis (H. Jacobi) ein ähnliches Phänomen bereits 1903 im wissenschaftlichen Sanskritstil beobachtet, wo es, H. Jakobis zufolge, ein außergewöhnliches, man könnte sagen, übersteigertes Ausmaß angenommen hatte. Auch in der Sprache nimmt der Analytismus zu. Verbindungen von Verben und Verbalnomen bieten mehr Möglichkeiten, neue Inhalte auszudrücken, denn die Verbindung mehrerer Bedeutungselemente schafft mehr Varianten, für die es keine synthetischen Entsprechungen gibt.

Natürlich hat dieser Prozess auch eine Kehrseite. Die Autorin erklärt, sie habe einen kritischen Akzent vermieden. Dennoch merkt sie an, dass es auch Sorgen und Gefahren gibt. Mit der Zunahme dieser analytischen Verbindungen verstärke sich die Tendenz, die vorherrschende strukturelle Rolle des Verbs im Satz zu umgehen, und seine Bedeutungsfülle verblasse zunehmend. Es gibt Fälle unbegründeten Gebrauchs. Manchmal ist schwer zu sagen, ob eine Verbindung aus Verb und Verbalnomen bewusst stilistisch gewählt oder lediglich analogisch verwendet wird. Das sei eine echte Gefahr für die Sprache. Durch die zunehmende Abstraktion könnten Anschaulichkeit und Klarheit verloren gehen. Die Autorin meint jedoch, dass sich die Sprachentwicklung beeinflussen lasse, und zwar umso wirksamer, je kultivierter die Gesellschaft ist.

Solche Gedanken geben keinen Anlass zu Zweifeln. Obwohl der stilistische Gebrauch dieser Formen in der litauischen Sprache praktisch auch weiterhin aktuell bleiben wird, wäre eine theoretische Untersuchung dieses Phänomens sehr nützlich. V. Schmidts Arbeit wäre dabei eine große Hilfe und eine unersetzliche Quelle für mikrotypologische Vergleiche, aus denen sich wichtige Schlussfolgerungen über die Verwandtschaft der Sprachen und ihre lexikalische Eigenart ziehen lassen. So gibt es im Deutschen fast 300 Halbauxiliarverben. Doch wohl nur bei wenigen von ihnen entsprächen die litauischen Entsprechungen hinsichtlich Häufigkeit und Verbindungsfähigkeit: geben — duoti, machen — daryti, haben — turėti usw. Bei den übrigen ist die Verbindungsfähigkeit wesentlich geringer oder sogar gleich null, z. B.: Vorsitz führen — pirmininkauti, Untersuchung führen — tardyti (obwohl Kampf führen — kovoti /vesti kovą/; Verzicht leisten — atsisakyti; Sorge tragen — rūpintis, Verantwortung tragen — atsakyti, būti atsakingam; Opfer bringen — pasiaukoti, in Ordnung bringen — sutvarkyti, zu Ausdruck bringen — išreikšti usw.). Dass es im Litauischen weniger Verbindungen gibt, liegt daran, dass es dort insgesamt weniger abstrakte Verben gibt. Das heißt, im Litauischen sind synthetische Formen häufiger. Gerade die Konkretheit der Semantik des litauischen Verbs stärkt diesen synthetischen Charakter.

In anderen Fällen werden zwar analytische Verbindungen gebraucht, doch ihre verbalen Komponenten sind inadäquat, z. B.: Beweis führen — pateikti įrodymą; Gefahr bringen — (su)kelti pavojų, Hilfe bringen — (su)teikti pagalbą; Frage, Aufgabe stellen — kelti klausimą, uždavinį; Klage erheben — paduoti skundą. Ähnliches findet sich auch in anderen Sprachen. So entspricht das russische делать in analytischen Verbindungen den deutschen Verben machen, tun, geben, ziehen, treiben, wirken, erteilen, bringen usw. — insgesamt etwa 60 Verben⁷. Dem russischen оказывать (влияние, любезность, помощь, предпочтение) entsprechen im Ukrainischen робити (вилив, ласки), подавати (допомогу), віддавати (перевагу)8. Die Inadäquatheit der verbalen Komponenten (ebenso wie ihre Ersetzbarkeit, vgl. etwa: padaryti /atlikti tyrimus)) bestätigt den Gedanken über deren

7 Siehe М. А. Пеклер, a. a. O., S. 138.

8 Siehe Д. Н. Шмелёв, Основные процессы в лексике современных восточнославянских языков, Славянское языкознание, Москва, 1966, S. 403.

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Leere, Desemantisierung, zumindest teilweise Grammatikalisierung. Zugleich sind dies wichtige Faktoren sprachlicher Eigenart.

Eine andere Sache sind die Verbalnomen. V. Ambrazas zufolge ist ihr Gebrauchsfeld im Litauischen wesentlich enger. Zweifellos fänden sich auch große Unterschiede zwischen den Abstrakta mit dem Suffix -imas einerseits und denen mit anderen Suffixen, insbesondere mit Endungen, andererseits. Letztere haben eine konkretere Bedeutung. Ein Abstraktum kann jedoch erst dann zum Objekt einer Handlung werden, wenn es konkretisiert ist; dies ist eine notwendige Voraussetzung für eine analytische Verbindung. Da die Ableitungen mit dem Suffix -imas, etwa sėdėjimas, ėjimas, veikimas, šokimas, dauginimas, sudėjimas, brėžimas, Abstrakta sind, die nicht zum Objekt einer Handlung werden können, sagt man beispielsweise nicht vykdyti sėdėjimą; atlikti ėjimą, veikimą, šokimą, dauginimą, sudėjimą; daryti brėžimą. Wohl aber kann man sagen turėti posėdį; duoti eigą, atlikti veiksmą, šokį, daugybą, sudėtį; daryti brėžinį, denn in diesen Verbindungen haben die Verbalnomen eine konkretere Bedeutung. Ähnliches lässt sich über Verbindungen sagen wie atlikti kelionę, pareigas; vykdyti sėją; turėti kosulį, svajonę, rūpestį, nuostolį; daryti priekaištą, mankštą; sudaryti paliaubas, santuoką, sandėrį; duoti pastabą, pažadą; paduoti skundą; suteikti pagalbą; pasiekti pergalę usw. Und wenn man sagt padaryti pranešimą, dann ist die Ableitung pranešimas mit dem Suffix -imas so stark konkretisiert, dass es, wenn man etwa diesen Bericht verliert, schwierig wäre, ihn anzufertigen.

Zweifellos wird diese wertvolle Arbeit von Veronika Schmidt künftig eingehender untersucht und bewertet werden, und die litauische Sprache wird eine umfassende Untersuchung der Verben und Verbalverbindungen erhalten. Ihre Notwendigkeit liegt auf der Hand.

J. Klimavičius

9 Siehe V. Ambrazas, a. a. O., S. 137.

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