Page 1VITAS LABUTIS
Universität Vilnius
JONAS JABLONSKIS UND DAS LITAUISCHE PRESSEVERBOT
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts litt die litauische Sprache und das Litauertum zwischen Hammer und Amboss – zwischen der brutalen Russifizierung und der langsamen, jedoch schon lange zuvor begonnenen Polonisierung – dem Polnischmachen und dem Polnischwerden. Die Russifizierung schlug besonders schmerzhaft zu, als das Verbot litauischer Druckwerke in lateinischer Schrift eingeführt wurde (1864–1865). Am empfindlichsten erlebte dies die reife litauische Intelligenz, doch der Unterdrückung widersetzte sich auf die eine oder andere Weise der größte Teil des litauischen Volkes.
Auch Jonas Jablonskis bekam einige Schläge mit dem Hammer der zaristischen Unterdrückung ab, denn er war auch gesellschaftlich engagiert. In seinen Erinnerungen bemerkte dies auch Antanas Smetona: „Oft sagt man, J. Jablonskis sei nur Sprachwissenschaftler gewesen, Politik und gesellschaftliches Leben hätten ihn nicht interessiert. Das stimmt nicht. Ihn interessierte alles, was das Schicksal der Litauer berührte, natürlich am meisten ihre Sprache und ihre Schriften.“ (Smetona 1930: 43).
Noch ausführlicher beschrieb der Herausgeber seiner Schriften, Juozas Balčikonis, das gesellschaftliche Engagement von Jonas Jablonskis. In einer kurzen Skizze des Lebens von J. Jablonskis schrieb er: „Mit einem großen und klaren Verstand begabt, hätte er die Grenzen der Wissenschaft von der litauischen Sprache weit überschreiten und sich in der allgemeinen Sprachwissenschaft auszeichnen können, wäre ihm nicht eine andere Eigenschaft in die Quere gekommen – sein unbezwingbarer Drang, seinem Land zu dienen, der Wunsch, dass die von ihm erzielten wissenschaftlichen Ergebnisse von der breiten Öffentlichkeit aufgenommen würden. [...] Ihm lag das gesamte Leben der Litauer gleichermaßen am Herzen: Er freute sich über die Leistungen seiner Landsleute, fühlte ihr Leid schmerzlich mit und trug überall, wo er konnte, selbst mit seiner Arbeit und seinem Beitrag dazu bei. [...] Wo und wann immer das Vaterland seine Kinder rief, hörte er als Erster seine Stimme und sprang als Erster auf, um ihm zu dienen.“ (Balčikonis 1932: XI).
Endgültig entschied sich J. Jablonskis, sein Leben der Arbeit für das Litauertum zu widmen und sich in erster Linie um die litauische Sprache zu kümmern, als er 1881 nach Abschluss des Ma-
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Page 2rijampolė-Gymnasiums1 sein Studium an der Universität Moskau2 aufnahm. Zu diesem Entschluss trugen mehrere Umstände bei: 1) die aktive Tätigkeit des schon zuvor bestehenden Kreises litauischer Studenten in Moskau, die sich von den Polen abgrenzten; 2) Vorlesungen von Dozenten, die die Bedeutung der litauischen Sprachwissenschaft für das Studium anderer Sprachen hervorhoben – von F. Korš (Griechisch, später auch Latein), F. Fortunatov (vergleichende Sprachwissenschaft3, insbesondere sein Kurs zur litauischen Sprache; vgl. Piročkinas 1977: 32) und V. Miller (Geschichte des Orients); 3) die 1883 in Preußen erschienene illegale Zeitschrift Aušra4, die Moskau erreichte und dort bereits erwartet wurde. Man muss sich auch J. Jablonskis bäuerliche Herkunft aus dem am wenigsten von der Polonisierung betroffenen Grenzgebiet von Užnemunė zu Preußen vor Augen halten sowie die Funken des Litauertums, die ihm schon in den Gymnasialjahren durch Begegnungen mit Petras Kriaučiūnas und Jonas Basanavičius eingeprägt wurden.
Das 1864 begonnene Verbot litauischer Druckwerke5 wurde mit dem Wunsch bemäntelt, die Litauer von den Polen fernzuhalten; den zaristischen Beamten lag jedoch vor allem daran, das litauische Volk zu assimilieren und einen angeblich einst bestehenden einheitlichen russischen Staat wiederherzustellen, in dem Russisch gesprochen und geschrieben wurde6. Das gesamte Programm zur Russifizierung der Litauer bestand aus
1 J. Jablonskis schloss das Gymnasium von Marijampolė mit einer Goldmedaille ab, nachdem er sich gute Grundlagen in den klassischen Sprachen angeeignet und den zwar eher schwach unterrichteten Litauischkurs nicht aus den Augen verloren hatte, der ihm die Möglichkeit verschaffte, ein Stipendium der Universität Moskau zu erhalten.
2 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts studierte an der Universität Moskau eine beträchtliche Zahl künftiger bedeutender Persönlichkeiten des litauischen öffentlichen Lebens und der Wissenschaft – J. Basanavičius, A. Botyrius, K. Grinius, J. Jablonskis, P. Mašiotas, S. Matulaitis, V. Pietaris u. a.
3 Die wohlwollende Haltung von F. Fortunatov und V. Miller gegenüber J. Jablonskis wurde vermutlich auch durch ihre zehn Jahre zuvor unternommene und beschriebene Erforschung der Mundart von Liudvinavas gestärkt, die der Mundart Jablonskis sehr ähnlich war (siehe MUI, 1872, Nr. 1–4). Offenbar regte F. Fortunatov J. Jablonskis dazu an, sich für Folklore und die lebendige Sprache zu interessieren. Jablonskis hielt auch nach dem Universitätsabschluss mehr als 20 Jahre lang den Kontakt zu Fortunatov. J. Jablonskis begann sofort, der Zeitschrift Aušra Korrespondenzen aus Moskau und über das Leben der Menschen in seiner Heimat zu schicken (siehe Palionis 1957).
4 Die umfangreiche Literatur zum Presseverbot wird hier nicht einmal ansatzweise behandelt – es seien lediglich einige Autoren genannt: Ruseckas 1929; Merkys 1978, 1994; Vėbra 1992; Tyla 2004; Staliūnas (Hg.) 2004 u. a.
5 Das Presseverbot war eine der repressiven Maßnahmen, die die russische Regierung nach dem Aufstand von 1863 gegen das litauische Volk ergriff. Die Niederschlagung des Aufstands leitete Graf M. Muravjov, der sich bereits im Kampf gegen die Teilnehmer des Aufstands von 1830–1831 einen Namen gemacht hatte und beim Zaren vorstellig geworden war, um die Schließung der Universität Vilnius zu erwirken und an den Schulen der westlichen Gouvernements alles auf Russisch unterrichten zu lassen (Ivinskij, Masionienė u. a. (Hg.) 1998: 212). Als M. Muravjov zum Generalgouverneur von Vilnius ernannt wurde und die ersten Anweisungen zum Verbot litauischer Druckwerke in litauischer Schrift erteilte, gehörte die Herkunftsregion von J. Jablonskis – das Gouvernement Augustów (Suwałki) – zum sogenannten Königreich Polen und unterstand ihm nicht unmittelbar; dennoch setzte M. Muravjov durch, dass seine Verordnungen zum Presseverbot auch dort galten. Übrigens erwähnt J. Jablonskis keine anderen Urheber und Vollstrecker des Presseverbots, sondern nur den „verstorbenen Grafen Muravjov“. Davon gab es jedoch eine ganze Reihe: K. Kaufman, I. Kornilov, V. Kulin, S. Mikuckis, N. Miljutin u. a. (siehe Merkys 1978).
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Page 3die Einschränkung der litauischen Sprache im öffentlichen Leben, das Verbot des Unterrichts in litauischer Sprache an Schulen, das Verbot litauischer Druckerzeugnisse in lateinischer und gotischer Schrift sowie die Einführung russischer Schriftzeichen an deren Stelle, die Verfolgung der katholischen Kirche und die Förderung der Orthodoxie, das Verbot für litauische Katholiken, als Lehrer oder Verwaltungsangestellte zu arbeiten, während an ihrer Stelle russische Zuwanderer eingestellt wurden (vgl. Tyla 2004: 8). Die wichtigsten Zielobjekte des Verbots litauischer Druckerzeugnisse in lateinischer Schrift waren Fibeln und Schulbücher, Gebetbücher, Kalender, sonstige für die Öffentlichkeit bestimmte Literatur sowie Periodika. Später wurden Ausnahmen nur noch in begrenztem Umfang für wissenschaftliche Arbeiten zugelassen.
Seit seiner Studienzeit engagierte sich J. Jablonskis im Kampf gegen die ideologischen Grundlagen des Presseverbots, beteiligte sich aktiv an der verbotenen Presse, versteckte und verbreitete sie und half den Buchschmugglern; zeitweise schrieb er in liberalen russischen Zeitungen und Zeitschriften auch über die litauische Sache im weiteren Sinne. Dieser Kampf prägte drei Jahrzehnte seiner pädagogischen und wissenschaftlichen Tätigkeit. Andererseits beeinträchtigten die Verordnungen der zaristischen Unterdrückung und die Repressionen der Beamten ständig das Leben von J. Jablonskis selbst.
J. Jablonskis verlor nie den Einfluss der Polonisierung auf die litauische Sprache und das Litauertum selbst aus den Augen. Als Student im dritten Studienjahr legte er 1884 der russischen legalen Presse fünf umfangreiche Artikel vor, deren Ausrichtung schon die Titel erkennen lassen: „Litauen und sein Alphabet“, „Dies und das über Litauen“, „Die Kraft der litauischen Geistlichen“, „Die Stimme eines Litauers (Noch etwas über das Alphabet)“, „Zum Artikel von P. Muraška ‚Die vollständige Trennung der preußischen Litauer von den Polen‘7. Im Mittelpunkt stehen hier vor allem zwei Themen: die erfolglosen Versuche, die kyrillische Schrift für litauische Texte einzuführen, und die weitere Ausbreitung der Polonisierung, zu der auch ein beträchtlicher Teil der katholischen Priester beitrug.
Im ersten Artikel setzt sich J. Jablonskis mit einem gewissen Herrn P. B. auseinander, der zu beweisen versucht, die kyrillische Schrift sei seit jeher in litauischen Texten verwendet worden und eigne sich vollkommen dafür. J. Jablonskis weist alle angeblichen Argumente von Herrn P. B. zurück, erinnert daran, dass die Litauer Bücher in russischen Schriftzeichen nicht ausstehen können und sie sogar verbrennen, und formuliert treffend die wichtigsten Gründe, weshalb diese Bücher für die Litauer ungeeignet sind: 1) Das lateinische Alphabet wird in der litauischen Schrift bereits seit über dreihundert Jahren verwendet und ist den litauischen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen; 2) das litauische Volk, das überwiegend aus Bauern besteht, ist recht konservativ und gibt alte Formen nur widerwillig auf; 3) das neue Alphabet wurde von den einflussreichen örtlichen
7Die ersten vier Artikel wurden in der Zeitung Современные известия veröffentlicht, der fünfte in der Zeitschrift Русь. (Gestützt auf A. Piročkinas Bestimmung der Autorschaft und die Übersetzungen dieser Artikel, die in der von ihm herausgegebenen Sammlung veröffentlicht wurden; siehe Piročkinas 1991: 12–54).
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Page 4Priester; 4) Litauischkundler auf der ganzen Welt verwenden das lateinische Alphabet, wenn sie litauische Texte drucken; 5) schon die Tatsache, dass befohlen wurde, auf Russisch zu drucken, bewirkt genau das Gegenteil (Piročkinas, Hg., 1991: 15).
Herrn P. B., der behauptet, alle Laute der litauischen Sprache könnten mit russischen Buchstaben wiedergegeben werden, schlägt J. Jablonskis vor, sich zumindest die von F. Fortunatov und V. Miller herausgegebenen litauischen Volkslieder anzusehen. Darin finden sich neben russischen gerade lateinische und sogar neu erfundene Buchstaben und Zeichen, für die es im russischen Alphabet keine Entsprechungen gibt. In der in Russland legal erscheinenden Zeitung zitiert J. Jablonskis mehrmals die aus Preußen stammende Aušra und sagt schließlich ganz offen: „Die russischen Pläne in Litauen sind gescheitert...“8
Nach seinem Abschluss an der Moskauer Universität im Jahr 1885 suchte J. Jablonskis viereinhalb Jahre lang vergeblich eine Lehrerstelle in den Bildungsbezirken Vilnius, Warschau und anderen. Besonders zog es ihn zum Gymnasium in Marijampolė, wo mehrere ihm bekannte Lehrer arbeiteten und ein Mann aus dieser Gegend, Andrius Botyrius, das Amt des Inspektors innehatte. Leider war Letzterer, nachdem er sich wegen des Litauertums mit dem slawophilen Direktor überworfen hatte, ab dem 1. August desselben Jahres bereits nach Kalisz versetzt worden (siehe Cirkuliar 1885: 253). J. Jablonskis musste sich eine Zeit lang mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen.
Dank Protektion gelang es J. Jablonskis 1889 schließlich, eine Stelle als Lehrer für Latein und Griechisch in Mintauja zu erhalten. Dort lebten und lernten zahlreiche Litauer. Das Haus der Jablonskiai wurde zu einem regelrechten Mittelpunkt für litauische Schüler und Intellektuelle, in dessen Aktivitäten die ganze Familie einbezogen wurde (Piročkinas 1977: 73–75; Lukėnaitė-Griciuvienė 2009: 25).
In Mintauja setzte sich J. Jablonskis auf vielfältige Weise und in unterschiedlichen Formen für die Erweckung des litauischen Nationalbewusstseins ein: Er half bei der Gründung der geheimen „Kudikio“-Gesellschaft, arbeitete mit der von V. Kudirka ins Leben gerufenen „Literatiškoji draugija“ zusammen, half bei der Organisation von Zusammenkünften der Varpininkai, und auch der Buchschmuggler Jurgis Bielinis besuchte ihn dort (siehe Avižonis 1921: 532). Besonders produktiv arbeitete er in dieser Zeit unter verschiedenen Pseudonymen mit der von V. Kudirka redigierten Zeitschrift Varpas zusammen. Nach A. Piročkinas Berechnung veröffentlichte J. Jablonskis 1890–1894 mehr als 24 Artikel im Varpas (Piročkinas 1977: 78). Darin behandelte er Fragen litauischer Schulen und Fibeln, Themen für Bücher für Bauern und anderes. Die Varpininkai
8 Nach einigen Jahren des Verbots litauischer Presse begannen auch einige umsichtigere russische Beamte, die Aussichtslosigkeit und die wesentlichen Gründe für das Scheitern dieses Verbots in ähnlicher Weise zur Sprache zu bringen: 1896 der Generalgouverneur von Warschau A. Imeretinskis, der Gouverneur von Kaunas S. Suchadolskis, später auch der Generalgouverneur von Vilnius P. Sviatopolkas-Mirskis und schließlich, beeinflusst von den zusammengetragenen Informationen, auch der Innenminister V. Pleve (1904), der übrigens den gesamten Verlauf des litauischen Presseverbots überblickte. Natürlich gab es auch hartnäckige Verwaltungsbeamte, die das Verbot litauischer Presse verteidigten (Tyla 2004: 5, 9).
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Page 5hatte bereits erkannt, dass man sich im Kampf gegen das Verbot der Presse und die Polonisierung auch um die Zukunft der litauischen Sprache kümmern musste; daher druckte er auch Arbeiten von J. Jablonskis, die das Fundament für die Standardsprache legten, sogar ein so umfangreiches, rein sprachwissenschaftliches Werk wie Medega sintaksiui.
Mit seinem weiten Blick auf die Belange des Litauertums beteiligte sich J. Jablonskis auch an Diskussionen über die Geschichte Litauens. Es genügt, zwei in Varpe veröffentlichte Artikel zu diesem Themengebiet zu erwähnen (siehe Jablonskio raštai 1932: 13–22, 23–24). Der erste hebt hervor, wie das wissenschaftliche Niveau des in Vilnius abgehaltenen Kongresses russischer Archäologen dadurch sank, dass die litauischen und polnischen Wissenschaftler ihre Vorträge ausschließlich auf Russisch halten sollten (viele Archäologen aus diesen Ländern nahmen überhaupt nicht an dem Kongress teil). J. Jablonskis erinnert an den auf Deutsch gehaltenen Vortrag von A. Bezzenberger und formuliert einen bis heute aktuellen Gedanken: „Wie schön ist es, aus den üblen Höhlen der Politik herauszutreten und mit eigenen Augen zu sehen, dass wahre Wissenschaft stets Wissenschaft bleibt.“ (Jablonskio raštai 1932: 17).
Aus Mitau schrieb J. Jablonskis mehrere Briefe an russische Wissenschaftler – an V. Lamanskis, den Herausgeber der Zeitschrift Живая старина, an Prof. F. Fortunatov, A. Šachmatov u. a. (Piročkinas, sud., 1985: 205–206). J. Jablonskis erwähnt, etwa 1000 litauische Volkslieder und rund 100 Märchen gesammelt zu haben (das Schicksal der gesammelten Volksüberlieferungen ist unbekannt). In einem weiteren Brief an Lamanskis erinnert er daran, dass die Professoren der Moskauer Universität F. Koršas, F. Fortunatov und V. Mileris 12–15 Jahre zuvor versucht hatten, eine Gesellschaft litauischer Philologen zu gründen, die ihre Arbeiten in lateinischen Buchstaben zu veröffentlichen beabsichtigte. Leider erhielt die Gesellschaft keine Genehmigung zur Tätigkeit, da sie angeblich das litauische Selbstbewusstsein hätte wecken können. 1896 hatte J. Jablonskis beim Ethnographischen Referat die Gründung einer litauisch-lettischen Gesellschaft beantragt, ähnlich der einst in Moskau nicht zugelassenen Gesellschaft litauischer Philologen.
J. Jablonskis kritisierte scharf das Buch Очерк древней Литвы и западной России (1891 in Vilnius erschienen)9 von P. Briancevas, der sich für einen Schriftsteller, Historiker und Publizisten hielt. Darin wird behauptet, der größte Teil der Litauer habe bereits seit dem 13. Jahrhundert hervorragend Russisch gesprochen, russische Bräuche angenommen und sich zum orthodoxen Glauben bekannt. Briancevas Darstellung sollte als ein auf Litauen zugeschnittenes Lehrbuch der russischen Geschichte dienen und zu beweisen versuchen, dass die litauischen und russischen Völker miteinander verwandt seien-
9 Auszüge aus der Darstellung von Pavel Briancevas (sein Vorname war nicht Dimitrijus) sind in einer vor einigen Jahrzehnten erschienenen Chrestomathie zu finden (siehe Ivinskį), Masionienė u. a. 1998: 242–243). P. Briancevas scheint darauf gehofft zu haben, einen Wettbewerb zu gewinnen, den M. Muravjovas lange zuvor ausgeschrieben hatte: Verfasst werden sollte ein spezielles russisches Geschichtslehrbuch für das Nordwestgebiet. Obwohl ein stattliches Preisgeld von 1000 Rubeln versprochen worden war, fand der Wettbewerb, über den man an der Moskauer Universität mehrere Jahre lang beriet, keinen Anklang (siehe MUI 1872).
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Page 6…heit seit den ältesten Zeiten, woran der Zarpolitik sehr gelegen war. J. Jablonskis vielseitige Tätigkeit, insbesondere sein Einfluss auf die Jugend, erregte die Aufmerksamkeit der russischen Gendarmen, und er wurde weit von Litauen entfernt nach Tallinn (Reval) versetzt.
In Tallinn bekam J. Jablonskis die Repressionen der russischen Beamten, die die Verfolgung der litauischen Presse betrieben, unmittelbar zu spüren. Ihnen war der Spaß vergangen, als bei Durchsuchungen an zahlreichen Orten in Palanga bei L. Vaineikis viele Adressen gefunden wurden, darunter auch die von J. Jablonskis. Nun wurden alle Litauer durchsucht, die mit L. Vaineikis in Verbindung gestanden hatten. Ende Oktober 1900 wurde auch J. Jablonskis’ Wohnung durchsucht. Die Gendarmen beschlagnahmten sämtliche Manuskripte sowie eine beträchtliche Zahl von Büchern. Die Verhöre begannen; A. Vonsiackis, stellvertretender Chef der Gendarmerie in Liepāja, machte sich daran, einen Fall zu konstruieren10.
Über den Verlauf des Verfahrens und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe schrieb J. Jablonskis ausführlich an die russischen Akademiker F. Koršas, F. Fortunatov und A. Šachmatov sowie an V. Lamanskis, den Herausgeber der Zeitschrift Живая старина. Von ihnen erhoffte er sich Hilfe. In seinen Briefen erörterte er, wie dürftig die sogenannten Sachbeweise waren. Dabei handelte es sich um Entwürfe von zwei Briefen an V. Kudirka, den Entwurf des Artikels „Eine Versicherungsgesellschaft gegen Verfolgung“ sowie ein Notizbuch mit verschiedenen philologischen Anmerkungen. Am schlimmsten wirkte ein Entwurf, der eine hässliche Wendung enthielt: „Wittern die Hundsköpfe etwas Nichtiges, bist du schon verloren“11. Außerdem stellte sich heraus, dass derjenige, der in Varpe unter dem Pseudonym Obuolaitis gezeichnet hatte, J. Jablonskis war. Bei den Verhören und in schriftlichen Stellungnahmen verteidigte sich J. Jablonskis beharrlich gegen sämtliche Vorwürfe, war jedoch gezwungen, seine Entlassung aus dem Schuldienst zu beantragen.
F. Koršas setzte sich energisch für J. Jablonskis ein. Er kannte A. Švarcas, den Kurator des Schulbezirks, zu dem J. Jablonskis gehörte und der in Riga tätig war, gut; dieser jedoch, einst sein Lateinlehrer, betrachtete J. Jablonskis nun als Urheber und Verbreiter illegaler Veröffentlichungen. Leider gelangte der Fall an die Staatsanwaltschaft in Sankt Petersburg sowie an das Innen- und das Justizministerium. Dort konnten ihm nicht einmal die Akademiker helfen. Mit Zustimmung des Zaren wurden J. Jablonskis und eine Gruppe weiterer Litauer auf dem Verwaltungsweg zu zweijähriger öffentlicher Polizeiaufsicht und Verbannung verurteilt. J. Jablonskis wählte Pskow als Verbannungsort. Obwohl auch
10 Vor einigen Jahren hatte derselbe A. Vonsiackis in Marijampolė die Gesellschaft „Sietynas“ zerschlagen. Der gesamte Verlauf des gegen J. Jablonskis angestrengten Verfahrens wird ausführlich in einem speziellen Artikel von A. Piročkinas behandelt (Piročkinas 1971: 113–124).
11 Aus einem Brief vom 7. Dezember 1900 an F. Fortunatov (siehe Piročkinas, sud., 1985: 105). Diese und weitere schriftliche Beweise werden auch in einem Brief vom 2. Februar 1901 an V. Lamanskis beschrieben; dort wird außerdem hervorgehoben, dass jener mit roter Tinte geschrieben war (ebenda, 222–224). Offenbar erschreckte die rote Tinte die Gendarmen gewaltig.
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Page 7Niedergedrückt, ließ der Linguist im Exil die Hände nicht sinken12. Aus Pskow sandte er der Russischen Akademie der Wissenschaften das „Schlusswort“ zum ersten Band des Wörterbuchs von A. Juška (etwa 50 S.). Darin erwähnt er unter anderem, dass die Gendarmen die Menschen, die Material für das Wörterbuch beigesteuert hatten, nach der Abreise des Sammlers bisweilen kurzerhand durchsuchten (Piročkinas, Hrsg., 1991: 143). Außerdem wagte J. Jablonskis 1903, Varpas einen Schwung seiner Erinnerungen zu schicken – allerdings nur über seine Kindheit, seine Schulzeit, das Erscheinen von Aušra und Kudirkas Bekehrung, aber nichts über seine Arbeit in Mintauja oder seinen Prozess. Diese Erinnerungen unterzeichnete er mit einem besonderen Pseudonym – „Kirvelis Nusmuko“ (Jablonskio raštai 1932: 69–73).
J. Jablonskis’ Verbannung wurde verkürzt, und ihm wurde gestattet, sich in Šiauliai niederzulassen, da die Aufhebung des Presseverbots näher rückte. Noch aus Pskow ließ J. Jablonskis in einem Brief an Povilas Višinskis in der russischen Presse Anzeichen dafür erkennen13.
Die Beharrlichkeit des litauischen Volkes bei der Verteidigung der litauischsprachigen Presse mit unterschiedlichen Mitteln (dazu trug auch J. Jablonskis erheblich bei), die Stimmen russischer Wissenschaftler und mancher Beamter, dass sich das Verbot nicht bewährt habe14, die revolutionäre Bewegung, die sich im gesamten Russischen Reich ausgebreitet hatte, und die Unzufriedenheit mit dem Ausgang des Krieges gegen Japan – all dies beeinflusste schließlich die russische Regierung, und am 7. Mai 1904 wurde der Erlass des Zaren zur Aufhebung des Verbots verkündet. Von der Aufhebung des Presseverbots erfuhr J. Jablonskis in Šiauliai aus den Zeitungen. Der Erlass des Zaren wurde auch unverzüglich auf Litauisch in der St.-Nikolaus-Kirche in Vilnius verkündet. Die bewegten Menschen sammelten Unterschriften, um dem Generalgouverneur Swjatopolk-Mirski oder sogar dem Zaren zu danken. J. Jablonskis unterstützte solche Danksagungen nicht.
12 P. Mašiotas hat treffend bemerkt: „[j]e härter Jablonskis bestraft wurde, desto energischer nahm er anschließend die unterbrochene Arbeit wieder auf“ (Mašiotas 1930: 46).
13 Damals veröffentlichte der erfahrene Journalist Sergej Syromiatnikov, der nicht nur in verschiedenen russischen, sondern auch in ausländischen Presseorganen schrieb, in der Zeitschrift Новое время einen Artikel. Darin hieß es, die Regierung habe sich endlich der Lösung der Frage der litauischen Schrift angenommen und je schneller das Verbot, „litauische und samogitische Bücher in litauisch-lateinischer Schrift zu drucken“, aufgehoben werde, desto nützlicher sei dies „für die russische Sache“ (Piročkinas, Hrsg., 1985: 393).
14 Die Angelegenheiten der litauischen Presse in litauisch-lateinischer Schrift wurden in den verschiedenen Institutionen des Russischen Reiches mehr als sieben Jahre lang erörtert: von 1896 bis Anfang 1904 (vgl. Tyla 2004: 10). Es gab sowohl Befürworter des Presseverbots als auch solche, die seiner teilweisen Änderung zustimmten – sodass nur Fibeln, Gebetbücher und Kalender mit lateinischen Buchstaben gedruckt werden dürften – sowie solche, die die vollständige Aufhebung des Presseverbots forderten. Bemerkenswert ist, dass die meisten Gegner der Aufhebung aus dem Ministerium für Volksaufklärung kamen, die Befürworter hingegen aus dem Innenministerium (K. Strolmanas, V. Plėvė u. a.). Der Zar hatte ein Sonderkomitee eingesetzt, das beschloss, alle früheren Entscheidungen und Verordnungen der russischen Regierung aufzuheben, die „die litauischen und samogitischen Schriften in ihren Werken beschränkt hatten; neben den russischen Schriftzeichen auch lateinische und andere Schriftzeichen zuzulassen“. Der Zar bestätigte den Beschluss dieses Komitees.
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Page 8In einem Brief lud er Povilas Višinskis ein, unverzüglich nach Šiauliai zu kommen, und kündigte an, schon am nächsten Tag nach Vilnius fahren zu wollen, um zu sehen, was die Einwohner von Vilnius unternahmen.
Als größtes Fest betrachtete J. Jablonskis den Tag, an dem in Vilnius die Tageszeitung Vilniaus žinios zu erscheinen begann. Legale litauische Zeitungen und Kalender, in einer guten, für alle verständlichen Sprache verfasst, sollten das litauische Selbstbewusstsein stärken; außerdem stand noch ein schwerer Kampf um litauische Schulen und geeignete Lehrbücher für sie bevor. Litauen gehörte noch immer zum Russischen Reich, die Pressezensur war nicht verschwunden, und die Polonisierung schritt weiter voran15.
Die schwierige Lage belastete besonders das Schulwesen. In Vilnius war es an drei Schulen erlaubt, auf Litauisch zu unterrichten, doch die Regierung stellte dafür kein Geld bereit. Die Menschen spendeten selbst Geld für die Sache der litauischen Sprache; aus diesen Mitteln wurde auch J. Jablonskis, der sich dieser Arbeit angenommen hatte, ein bescheidenes Gehalt gezahlt. In der Provinz war es noch schlimmer. In Šiauliai und Panevėžys, schrieb J. Jablonskis 1912 an J. Basanavičius, gebe es nur Lehrer für Polnisch, und Litauisch unterrichte dort niemand.
Jonas Jablonskis erkannte die Bedeutung der Wiedererlangung der litauischen Pressefreiheit sehr gut, verstand aber auch, welche Schwierigkeiten bei der Stärkung des Litauertums und bei der Förderung der litauischen Sprache noch zu bewältigen waren. Wir schätzen ihn als Förderer der litauischen Standardsprache und Schöpfer unserer normativen Grammatik; wir sollten ihn jedoch auch als gesellschaftlichen Akteur würdigen, als Kämpfer für das Litauertum und für die Rechte der litauischen Sprache.
LITERATŪRA
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Cylov N. I. (sud.) 1866: Н. И. Цылов. Сборник распоряжений графа Михаила Николаевича Муравьева. – Русская литература в Литве: XIV–XX в. в., Vilnius: Lietuvos rašytojų sąjungos leidykla, 1998, 213–217.
15 Prieš pat spaudos atgavimą polonizacijos mastais Lietuvoje laiške kun. J. Tumui-Vaižgantui baisėjosi ir Šatrijos Ragana (žr. Žekaitė 1986: 142).
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Page 9Cirkuliar 1885: Циркуляр по Варшавскому учебному округу, Nr. 9.
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Gauta 2010 10 19
JONAS JABLONSKIS AND THE BAN OF THE LITHUANIAN PRESS
Summary
Jonas Jablonskis is remembered as a cherisher of Standard Lithuanian and creator of our prescriptive grammar yet he also deserves credit as a public figure and fighter for the Lithuanian ideals and rights of the Lithuanian language. His resolution to foster and protect the Lithuanian language meant that he had to oppose the disastrous intents of the Russian administration, particularly as regards the ban of the Lithuanian press, and also the pervasive influence of polonization among the landowners, the clergy and ordinary people. As a student, at the University of Moscow J. Jablonskis joined a circle of patriotically minded Lithuanian students who aspired to awaken the Lithuanian national ideals and after his studies he never gave up this path but rather propagated the Lithuanian identity in his pedagogical and research writing. In the articles published in the liberal Russian press, he tried to prove that the Russian alphabet was inadequate for the transcription of the Lithuanian sounds by this demonstrating both his philological education and good orientation in the socio-political reality of Lithuania. He was also publishing texts in the illegally published Lithuanian press, e. g. the magazine Varpas, contributing to its distribution, keeping contacts with so-called book-smugglers, or illegal distributors of the written Lithuanian word, taking part in secret meetings etc.
More than once J. Jablonskis fell victim to the discriminating tsarist regulations and repressions: after graduation for several years he could not get a teacher’s job in Lithuania, he was constantly persecuted by the police after his family had become the centre of the Lithuanian community in Mintauja, and finally he was transfered to Tallinn (Estonia) to keep him away from Lithuania and sever his ties with the country. In 1900, his home in Tallinn was searched by the police, some “evidence” was found and charges were brought. As a consequence, he had to leave his teaching job while the case was taken up by the prosecutors in St. Petersburg. Despite the attempts of his Russian colleagues and academicians, namely, F. Korsh, F. Fortunatov, A. Shachmatov, V. Lamanski, to stop the proceedings
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Page 11and acquit Jablonskis, the linguist was sentenced to deportation for two years. Luckily, in 1903 he was granted a permission to move from Pskov in Russia to Šiauliai (Lithuania).
In the aftermath of the persistant and long opposition of Lithuanians, which had been supported by the educated Russian people, and revolutionary movements in the tsarist empire, the ruling Russian administration decided to lift the ban on the Lithuanian press on 7 May 1904. Undoubtedly, the work and fight of J. Jablonskis had also contributed to this. The press became legal yet the Russian censorship remained since Lithuania was still a part of the Russian empire. J. Jablonskis was particularly concerned about the status of Lithuanian in schools and, more generally, in public life. In his endeavours to strengthen the status of the language, he faced two major threats: the reviving polonization and the continued Russian unwillingness to accept the independence of Lithuania.
VITAS LABUTIS
Vilniaus universitetas
Universiteto g. 3, LT-01513 Vilnius
V. LABUTIS. Jonas Jablonskis ir lietuvių spaudos draudimas
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