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AGNĖ ALEKSAITĖ

Institut für Litauische Sprache

BEZEICHNUNGEN VON EIGENSCHAFTEN

IM NEUWORTDATENBANK DER LITAUISCHEN SPRACHE

SCHLÜSSELWÖRTER: Neuschöpfung, Derivat, Bezeichnungen von Eigenschaften, Wortbildung.

Alle Sprachen der Welt verändern sich im Laufe der Zeit – das ist ein normales und notwendiges Phänomen (Crystal 2005: 31), das die vollwertige Funktionsfähigkeit der Sprache in einer globalisierten Welt gewährleistet. Die beweglichste Sprachebene, der Wortschatz, verändert sich nicht nur unter dem Einfluss der Zeit, sondern auch durch den Menschen (Jakaitienė 2018: 3), beispielsweise durch die Schöpfer von Neuschöpfungen. Die gegenwärtige Entwicklungsphase der litauischen Standardsprache wird wegen des ununterbrochenen Prozesses der Neuwortbildung, d. h. der Bildung neuer Wörter, als „Zeitalter der Neuschöpfungen“ (Naktinienė 2002: 47) beziehungsweise als „Neologismenboom“ (Girčienė 2005: 78) bezeichnet. Aus diesem Grund wurde im Herbst 2011 am Institut für Litauische Sprache mit der Erstellung der Neuwortdatenbank der litauischen Sprache (im Folgenden ND) begonnen, in der neue Spracheinheiten (Wörter, Wortverbindungen und Abkürzungen) erfasst werden, die Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts im Litauischen entstanden sind und öffentlich verwendet werden. Bei der Auswahl der Daten stützt man sich auf ein in der Theorie und Praxis der Neuwortforschung anerkanntes Kriterium – die Erfassung von Wörtern und ihren Bedeutungen in Wörterbüchern; als Neuwörter gelten also Wörter und Bedeutungen, die in den als Referenzwerken ausgewählten Wörterbüchern nicht verzeichnet sind1. Die Datenbank ist „nicht nur eine Quelle neuer Sprachphänomene, sondern auch eines der Instrumente zur Erforschung des gegenwärtigen Zustands und der Entwicklung von Wörtern; sie ermöglicht es, neben den Neuwörtern selbst auch für wortbildungsbezogene Untersuchungen wichtige Informationen über sie zu erhalten“ (Murmulaitytė 2016: 24). Um die Produktivität der Wortbildungskategorie der Bezeichnungen von Eigenschaften (abstrakte Nomina) zu überprüfen,

1 Das sind das Wörterbuch der heutigen litauischen Sprache (im Folgenden DŽ), das online verfügbare Wörterbuch der litauischen Sprache (im Folgenden LKŽ) und das Wörterbuch der Internationalismen (im Folgenden TŽŽ). Obwohl ein Neuwort (Neologismus) in litauischen sprachwissenschaftlichen Werken üblicherweise als ein neu in der Sprache entstandenes Wort definiert wird (Urbutis 2009: 36–37; Jakaitienė 2010: 205; Girčienė 2011: 165), variiert der in der Fachliteratur vertretene Neuwortbegriff dennoch (ausführlicher siehe Girčienė 2012: 6): Einige betrachten den hervorgerufenen Eindruck von Neuheit und Ungewöhnlichkeit als charakteristisches Merkmal eines Neuworts (Palionis 1985: 212), andere verstehen darunter Wörter, die bisher nicht in Referenzwörterbücher aufgenommen wurden (Miliūnaitė 2015: 169). Der einem Neuwort zugeschriebene „Nimbus der Neuheit“ ist Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen, „[d]enn Neuheit kann bisweilen allzu subjektiv verstanden werden: Für manche Sprachnutzer mag ein Wort bereits vertraut erscheinen, während andere es noch nicht einmal verstehen“ (Popova 2005: 9–13, zit. nach Jakaitienė 2010: 205; siehe auch Kazlauskaitė, Župerka, Macienė 2013: 91). Zuverlässiger ist das Kriterium für die Auswahl von Neuwörtern anhand von Referenzwerken, wenngleich ein solches Kriterium im Fall des Litauischen nicht völlig zuverlässig ist – in den Referenzwörterbüchern gibt es lexikografische Lücken, und man stößt auf das Problem der fehlenden Systematik der Wörterbücher (Miliūnaitė 2015: 169).

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Um die Produktivität der Wortbildungstypen der zu den Neuwörtern gehörenden Einheiten zu untersuchen, wurde eine fortlaufend ergänzte Neuwortdatenbank ausgewählt. Das wortbildungsbezogen analysierte Material der ND wurde mit den Beschreibungen in den Grammatiken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und den grundlegenden Grammatiken des Litauischen verglichen: der Grammatik der litauischen Sprache (im Folgenden LKG) und der Grammatik der heutigen litauischen Sprache (im Folgenden DLKG), in denen Bezeichnungen von Eigenschaften nach der Produktivität der Wortbildungsaffixe gruppiert sind.

Das manuell zusammengetragene Material der ND vermittelt selbstverständlich kein völlig objektives und umfassendes Bild von Anzahl, Verbreitung, Wortbildung usw. der Neuwörter (Miliūnaitė 2012: 10; zur subjektiven Methode der Erkennung neuer Lexeme siehe ausführlicher Mikelionienė 2000: 68). Um ein statistisch repräsentatives Bild zu erhalten, müsste man computergestützte Neuwort-Suchprogramme verwenden2 (vgl. Miliūnaitė 2015: 171; siehe auch Murmulaitytė 2016: 5) und auf Korpora zurückgreifen, in erster Linie auf das Korpus der heutigen litauischen Sprache (im Folgenden DLKT). Ein Korpus – hier das DLKT – ist „eine umfassende Datenbank für wortbildungsbezogene Untersuchungen und ein effizientes Mittel, um nicht nur Regelmäßigkeiten der Anordnung von Morphemen in Wörtern zu beschreiben, sondern auch die Struktur von Wortbildungsmodellen, die Produktivität von Affixen und die Häufigkeit von Derivaten zu bestimmen“ (Inčiuraitė-Noreikienė 2017: 23). Andererseits ist die ND gerade dadurch einzigartig, dass sie in der Praxis nicht nur von professionellen Sprachforschern, sondern auch von der Gesellschaft selbst erstellt wird, die sich auf ihr Sprachgefühl und ihre Kenntnisse der Muttersprache stützt, neue Sprachphänomene erkennt und sie den Erstellern der ND übermittelt. Daher lässt sich nicht behaupten, die ND sei übermäßig subjektiv zusammengestellt oder die darin enthaltenen Informationen seien allzu einseitig.

Die ND wird laufend ergänzt; ihre Daten werden präzisiert und aktualisiert. Am 3. Juli 2018 waren in der Datenbank 4708 lexikografisch beschriebene Spracheinheiten verzeichnet. Wortbildungsbezogen zu untersuchende Neuwörter sind eigenständige Neuschöpfungen und gemischt gebildete Derivate (Hybride); andere Spracheinheiten – neue Zitate, Abkürzungen sowie semantische Derivate, wiederbelebte Wörter und Wortverbindungen – sind nicht Gegenstand dieses Artikels. In der ND wurden 142 suffigierte Derivate gefunden. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in Tabelle 1 dargestellt. Daraus ist ersichtlich, dass die Daten der ND nicht mit der in den Grammatiken angegebenen Rangfolge der Produktivität der Wortbildungsaffixe übereinstimmen.

2 Ein solches Neuwort-Suchprogramm wurde 2015 im Rahmen des Projekts „System zur syntaktisch-semantischen Analyse der litauischen Sprache für Korpora, das litauische Internet und Anwendungen des öffentlichen Sektors“ von der Vytautas-Magnus-Universität bereitgestellt (https://www.raštija.lt/semantika-lt). Beim Verfassen des Artikels war das Suchprogramm außer Betrieb (vgl. Miliūnaitė 2015: 171).

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TABELLE 1. Bezeichnungen von Eigenschaften nach Wortbildungsaffixen

In der Grammatik der litauischen Gegenwartssprache und im Neologismen-Datenbestand der litauischen Sprache3

Lfd. Nr. Suffix Anzahl der Neologismen im ND Lfd. Nr. (DLKG) Wörter (ND) 1. -umas 30 3. 2. -ybė 17 4. 3. -ystė 47 1. 4. -enybė 0 – 5. -uma 0 – 6. -ovė 1 6. 7. -ulys 1 6. 8. -atvė 0 – 9. -atis 0 – 10. -yba 1 6. 11. -astis 0 – 12. -ata 0 – 13. -(i)ava 0 – 14. -umė 0 – 15. -ra 0 – 16. -izmas4 41 2. 17. -ūra 2 5. -esys (LKG) 2 5.

Anmerkung: In der ersten Spalte sind die Wortbildungsaffixe nach ihrer Produktivität (Anzahl der Derivate) gemäß den Daten der DLKG geordnet5, in der letzten nach der Anzahl der Neologismen im ND.

3 Plg. Daivos Murmulaitės (2016: 13–14) analogišką lentelę įrankių pavadinimams pagal darybos afiksus aprašyti.

4 „Obwohl das Suffix -izmas in vielen internationalen Wörtern leicht erkennbar ist, werden damit in der litauischen Sprache selbst gewöhnlich keine neuen Derivate gebildet“ (DLKG 2006: 103).

5 „In Beschreibungen des Wortbildungszustands der Gegenwartssprache wird der Produktivität von Wortbildungstypen große Beachtung geschenkt – sie dient als Grundlage für die Anordnung der Wortbildungstypen (von den produktivsten bis zu den am wenigsten produktiven, wobei der Anzahl der Bildungen mehr Gewicht beigemessen wird als der Offenheit der Typen) in V. Urbutis’ Beschreibungen der Substantivbildung sowie in seinen und den Wortbildungskapiteln anderer Autoren in der „Grammatik der litauischen Sprache“ <...> und in der „Grammatik der litauischen Gegenwartssprache“ (Keinys 1999: 25–26).

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Den ND-Daten zufolge sind im Untersuchungszeitraum die produktivsten Suffixe der Kategorie der Eigenschaftsbezeichnungen (abstrakte Nomina) -ystė, -izmas und -umas. In den Grammatiken heißt es, dass von den Suffixen dieser Kategorie nur drei wirklich produktiv sind, nämlich -umas, -ybė und -ystė (LKG 1965: 306; DLKG 2006: 100). Wie die in Tabelle 1 aufgeführten Daten zeigen, überwiegen im ND Bildungen mit dem in den Grammatiken als drittproduktivstes eingestuften Suffix -ystė (47 Lexeme); sie sind von Substantiven (Personenbezeichnungen) abgeleitet und bezeichnen „eine für die durch das Grundwort bezeichnete Person typische Eigenschaft, einen Zustand, eine Stellung, einen Beruf oder ein Verhalten“ (DLKG 2006: 102), z. B.: mažaspalvystė (: mažaspalvis, -ė) „Zustand, bei dem es wenige Farben gibt“, saulininkystė (: saulininkas, -ė) „Geschäft mit Solarenergie“, suaugystė (: suaugęs, -usi) „Alter, in dem ein Mensch bereits erwachsen ist“ (vgl. paauglystė), taikdarystė6 (: taikdarys, -ė) „Bemühungen, Frieden zu schaffen, etwas zu versöhnen“⁷, žemgrobystė (: žemgrobys, -ė) „unrechtmäßiger Erwerb des Eigentumsrechts an Land“. Im Datenbestand gibt es zahlreiche Neologismen, die innovative und traditionelle Wirtschaftszweige und Geschäftstätigkeiten bezeichnen, z. B.: antreprenerystė (: antrepreneris, -ė) „Entwicklung von Geschäftsideen“, barzdaskutystė (: barzdaskutys, -ė) „Handwerk des Bartschneidens“, klumpdirbystė (: klumpdirbys, -ė) „Handwerk der Holzschuhherstellung“⁸, kubilininkystė (: kubilininkas, -ė) „Handwerk der Bottichherstellung“⁹ usw. Vgl. die Beispiele für den Gebrauch des Grundworts balkonininkas, -ė, die die Internetsuchmaschine Google (im Folgenden G) für den Neologismus balkonininkystė (: balkonininkas, -ė) „Gartenbau auf dem Balkon“ liefert¹⁰ [hier und im Folgenden Hervorhebungen der Verfasserin des Artikels]:

Ich würde zum Beispiel vorerst zu den balkonininkų passen, denn ich ziehe Pflanzen zu Hause, lasse sie keimen, aber werde nach und nach mit Kräutern und Gemüse nach draußen umziehen. (supermama.lt 2010 03 31)

Hallo, Mädels. Ich wende mich an die Vilniuserinnen balkonininkes: Möchte vielleicht eine von euch ihren Garten der breiten Öffentlichkeit vorstellen? Das heißt, im Magazin „Mano namai“ wird ein Artikel zum Thema Balkon-Gartenbau erscheinen, und sie würden gern möglichst viele eurer Gärten fotografieren ☺. (supermama.lt 2009 07 07)

Im Internet wurden fünf Verwendungsbeispiele des Neologismus balkonininkas, -ė gefunden¹¹; im DLKT fanden sich keine Beispiele [abgerufen am 02.05.2018]. Übrigens gibt es im Internetgebrauch vereinzelte Verwendungsbeispiele des morphologisch kürzeren Neologismus – einer Arbeitsvariante – balkonininkas, -ė (zu demselben

6Im Artikel werden Neologismen gemäß ihrer Wiedergabe im ND mit oder ohne Akzentzeichen versehen (falls ihre Akzentuierung noch nicht eindeutig ist).

7Die Definitionen aller im Artikel untersuchten Neologismen stammen aus dem ND.

8Vgl. die in das ND aufgenommene Anmerkung: „Das Geschäft ist alt, aber eine solche Bezeichnung dafür findet sich in den grundlegenden Wörterbüchern nicht.“

9Vgl. LKŽ: kubilininkybė „Böttcherhandwerk“; DŽ: kubil(i)us „Böttcher“.

10Die Sprache der im Artikel angeführten Gebrauchsbeispiele wurde nicht korrigiert.

11Hier und an anderen Stellen werden quantitative Angaben zu den Gebrauchsbeispielen der vollständigen Paradigmen der Neologismen gemacht, wobei Wiederholungen ausgeschlossen sind.

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Zu Bildungen mit den (variierenden) Suffixen -ininkas, -ė und -(n)inkas, -ė siehe DLKG 2006: 114–115; ausführlicher zu den Wortbildungsvarianten siehe Vaskelienė 2013: 206):

Aaagnex, danke für den Hinweis auf die Form balkonin-kų. (supermama.lt 2010 05 13)

Meine Gärtnerinnen- balkonin-kės-Erfahrung dauert an. Ich würde sagen, sie verläuft ziemlich gut: Die „žmogūgės“ tragen Früchte, obwohl ihre Erntezeit schon fast vorbei ist; die Kräuter wachsen, manche blühen sogar (sie sind zu groß geworden, ich kam nicht dazu, sie zu verbrauchen), und am schönsten ist, dass sowohl Gurken als auch Tomaten Früchte ansetzen. (ciliukas.lt 2012 07 08)

Im Internetgebrauch wurden lediglich drei Belege für die Verwendung des Neologismus balkonin-kas, -ė erfasst; Beispiele im DLKT wurden nicht gefunden [abgerufen am 2018 05 02]. Vgl. die Ableitung von diesem Basiswort: balkonininkystė:

Wir werden nicht im Garten herumhacken, sondern uns mit der Kunst der balkonininkystės-Gärtnerei auf dem Balkon beschäftigen:D und Zwiebeln nicht im Garten, sondern auf der Fensterbank anbauen:D aber das ist auch eine große Freude! (justinospalvos.blogspot.com 2012 04 25)

Balkonininkystė – Gärtnern auf dem Balkon <...>. (lzin ios.lt 2017 08 29)

Eine eigene Gruppe bilden die relativ neu im Sprachgebrauch verbreiteten Ableitungen mit diesem Suffix, die verschiedene Ernährungsweisen umfassen: vaisiavalgystė (vgl. vaisiavalgis, -ė) „Ernährungsweise (ein Zweig des Veganismus), bei der ausschließlich rohes Obst gegessen wird“ (vgl. engl. fruitarianism), visavalgystė (vgl. visavalgis, -ė) „Ernährung mit allen Lebensmitteln, ohne eine bestimmte Art davon auszuschließen“, žaliavalgystė (vgl. žaliavalgis, -ė) „System der Ernährung mit nicht oder bis auf 40–42 °C erhitzter, gewöhnlich pflanzlicher Nahrung (Weltanschauung und Praxis)“. Außerdem werden auch Gelegenheits- und Eintagsneologismen¹² gebildet, analog zu den Wörtern vaisiavalgystė, visavalgystė und žaliavalgystė, zum Beispiel klaidavalgystė (vgl. *klaidavalgis, -ė) „fehlerhafte Ernährung, die der Gesundheit schadet“.

12 Übrigens werden in den Werken der litauischen Sprachwissenschaft nur die Typen der Neologismen behandelt – etablierte, eingebürgerte sowie Gelegenheitsbildungen – expressive Neologismen, die vom Wortbildungssystem abweichen und im individuellen Kontext erstarren (Blažinskaitė 2004: 59; Urbutis 2009: 323–324; Jakaitienė 2010: 207). Sie werden auch als autorengeprägte, individuelle, stilistische, situative, kontextuelle, einmalige und ungewöhnlich gebildete Neologismen/Neologismen sowie als nicht in Wörterbüchern verzeichnete Bildungen bezeichnet (Mikelionienė 2000: 67; 2002: 74; Jakaitienė 2010: 207; Kazlauskaitė, Župerka, Macienė 2013: 92; Miliūnaitė 2014: 247), wobei eine sehr wichtige Phase der Entstehung des Neologismus und seiner Etablierung im Sprachgebrauch außer Acht gelassen wird. Der bekannte Literaturtheoretiker, Schriftsteller, Philosoph und Kulturwissenschaftler Michail Epstein (Mikhail Epstein) schlug einen neuen Terminus vor – protologizmas (engl. protologism < aus dem Griechischen protos „der erste, zuerst“ + logos „Wort“). Protologizmas ist eine neu geschaffene, noch nicht weit verbreitete sprachliche Einheit, mit der eine entstandene lexikalische Lücke geschlossen werden soll. Michail Epstein zufolge ist jede neu geschaffene sprachliche Einheit ein protologizmas, das später zu einem neologizmu wird und sich schließlich im Grundwortschatz etabliert. Obwohl, wie eingeräumt wird, eine klare Abgrenzung zwischen protologizmo und neologizmo schwierig ist, gilt dennoch die Zahl der Sprachbenutzer als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal dieser neuen sprachlichen Einheiten, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen befinden. Es wird betont, dass ein protologizmą gewöhnlich von einzelnen Personen (meist nur vom Autor) verwendet wird; gelangt ein protologizmas daher in den breiten Sprachgebrauch (Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Internetseiten usw.)

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Abstrakta mit dem Suffix -ystė, die nicht von Personenbezeichnungen abgeleitet sind, sind im ND nur vereinzelt belegt (vgl. DLKG 2006: 102): naujažodystė (: naujažodis) „das Schaffen neuer Wörter“, pakaitalystė (: pakaitalas). Vgl. die im Internet angeführten Verwendungsbeispiele des Neologismus dvikainystė (: dvikainis, -ė) „Angabe von Preisen in zwei verschiedenen Währungen (gemeint ist konkret die Übergangszeit vom Litas zum Euro)“, abgeleitet vom Grundwort dvikainis, -ė13 (G – 29); Beispiele im DLKT wurden nicht gefunden [abgerufen am 02.05.2018]:

Dvikainis Tarif – das ist eine Gebühr für ein vom Verbraucher angemeldetes Kilowatt Wirkleistung /kW/ während der Stunden maximaler Belastung des Energiesystems-* sowie für eine Kilowattstunde /kWh/ der dem Verbraucher gelieferten elektrischen Wirkarbeit. (e-seimas.lrs.lt 1995 04 28)

Für die Bevölkerung wurden ab dem 1. Juli folgende Stromtarife festgelegt: Verbraucher mit einem Einzeltarif zahlen 35 Ct; auch für diejenigen, die aufgrund eines Elektroherds von günstigerem Strom profitiert hatten, sowie für Verbraucher mit dvikainio Tarif und hohem Energieverbrauch sank der Preis um 2 Ct. (alfa.lt 2009 06 30)

Eine kleine Gruppe bilden die Neologismen dvisantuokystė (: *dvisantuokis, -ė?) „gleichzeitiges Haben zweier Ehepartner (Ehefrauen, Ehemänner)“ und protgėdystė (: *protgėdys, -ė? / protgėdus, -i?) „Scham wegen des Verstandes“, die sich bei rein formaler Betrachtung den Ableitungen mit dem Suffix -ystė zuordnen ließen, die von potenziellen Adjektiven gebildet sind (vgl. DLKG 2006: 102). Dvisantuokystė ist wahrscheinlich durch Zusammensetzung mit anschließender Suffigierung gebildet (: dvi santuokos + Suffix -ystė), „wobei das Formans aus einem Suffix zusammen mit einer Zusammensetzungsform (Fugenelement) besteht“ (Urbutis 2009: 341). Auch im Fall des Neologismus protgėdystė ist eher eine Bildung durch Zusammensetzung mit anschließender Suffigierung zu erkennen (: proto gėda + Suffix -ystė).

Obwohl das ND nicht darauf abzielt, ein derivativ vollständiges Bild eines Neologismus zu erstellen (Murmulaitytė 2016: 4), wäre es dennoch sinnvoll, in der Datenbank das Wortbildungsnest des Neologismus anzugeben und wortverwandte Wörter systematisch zu erfassen (siehe Tabelle 2). Im Untersuchungszeitraum, abzüglich der im ND erfassten Wortbildungsoppositionspaare, z. B. bulvininkystė (: bulvininkas, -ė14) „Kartoffelanbau als Geschäft“, der Wortbildungsopposition zu einer potenziellen (erschlossenen) Basis, z. B. subinšaldystė15 (: *subinšaldys, -ė) „Kühlung des Gesäßes“, und der Wortbildungsopposition zu einem in Referenzwörterbüchern belegten Grundwort, z. B. gilt als neologizmu, d. h. als Neologismus, den neben seinem Schöpfer im öffentlichen Sprachgebrauch auch andere Personen verwenden (Andreescu 2012: 72; https://en.wikipedia.org/wiki/Protologism).

13 Im Internetgebrauch wurden zwei weitere Beispiele für dvikainio, -ės gefunden, in denen der Neologismus mit einer weiteren, im ND nicht verzeichneten Bedeutung verwendet wird.

14 ND: bulvininkas, -ė „Kartoffelanbauer; Kartoffelhändler“.

15 Allerdings lässt sich auch in diesem Fall eine Bildung durch Zusammensetzung mit anschließender Suffigierung erkennen (: subinė šaldė + Suffix -ystė).

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Kreuzschnitzerei (: Kreuzschnitzer, -in16) „das Schnitzen von Kreuzen, ein Teil der litauischen Volkskunst“: Es wurden 8 fehlende Abstraktpaarungen mit dem Suffix -ystė gefunden, die eine Wortbildungsopposition bilden, wobei in das ND nur die Ableitung aufgenommen wird und die Wortbildungsgrundlage außen vor bleibt, z. B.: dvipašystė17 (: dvipašis, -ė18) „iron. Besitz von Pässen zweier verschiedener Länder“, dvipa­vardystė19 (: dvipavardis, -ė20) „das Führen eines doppelt geschriebenen Nachnamens in einem Identitätsdokument“, kailiakeitystė21 (: kailiakeitys, -ė21) „das Wechseln des Fells (d. h. der Ansichten und Wertvorstellungen)“, kubilininkystė22 (: kubilininkas, -ė22) „das Handwerk des Bottichmachens“, lokiažudystė23 (: lokiažudys, -ė23) „das Erlegen eines Bären“, mažaspalvystė24 (: mažaspalvis, -ė25) „ein Zustand mit wenigen Farben“ usw.

16 LKŽₑ: kryždirbys, -ė; kryždirbis, -ė „jemand, der Kreuze anfertigt“.

17 Die Neubildung dvipašystė könnte auch als Bildung durch gemischte Wortbildung betrachtet werden (: dvi, pasas + Suffix -ystė).

18 Im Internet wurde nur ein Beleg für die Verwendung von dvipašio, -ės gefunden: Die Probleme der Doppelpassinhaber: Israel fordert die Rückkehr des in die armenische Armee mobilisierten Cahalo-Soldaten [Überschrift] (facebook.com 2015 10 18). Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 02].

19 Die Neubildung dvipavardystė könnte auch als Bildung durch gemischte Wortbildung betrachtet werden (: dvi, pavardės + Suffix -ystė).

20 Im Internet wurden vier Belege für dvipavardžio, -ės gefunden, in denen die Neubildung mit einer weiteren, im ND nicht verzeichneten Bedeutung verwendet wird: Gesunde Mädchen, die zu -ienės werden oder es bereits sind, -ė, „Doppelnamenträgerinnen“, oder solche, die ihren Mädchennamen behalten werden. (supermama.lt 2012 01 14); „<...> Deshalb fügte der jüngere Kazimieras, ein Sudauer, wenn er etwas über Übersetzung, Literatur oder Artikel zur Übersetzungskritik schrieb, widerwillig seinem Namen den „Schwanz“ Sasnava hinzu. So entstand der dvipavardis – Kazimieras Ambrasas-Sasnava. Mit diesem Doppelnamen sind die meisten meiner wissenschaftlichen Arbeiten und zahlreiche Artikel unterzeichnet.“ (aidas.lt 2018 Mai (spätestens). Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 02].

21 Im Internet wurden sechs Verwendungsbelege für die Neubildung kailiakeitys, -ė gefunden: Interessant, wer von ihnen hier der kailiakeitys ist? (traders.lt 2018 01 27); Was für ein gutes Gedächtnis. Danke für die Richtigstellung. Dabei erinnere ich mich, dass der erste ein Litauer war. Haben Sie das mit Ihrem eigenen gehaltenen Tier verwechselt? Denn normalerweise verdächtigen alle nur „Mantelwechsler“ solcher Dinge. (greitas.eu 2018 Mai (spätestens). Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 02].

22 Im Internet wurden nur zwei Verwendungsbelege für die Neubildung kubilininkas, -ė „Bottichmacher; Bottichverkäufer“ gefunden: Kubilininkas A. Kundrotas bot Bottiche, Löffel und andere Holzschnitzereien zum Kauf an. (zasliuck.lt 2018 Mai (spätestens); Bei dem Fest traten auch die traditionellen Handwerker unseres Bezirks schön in Erscheinung: Jurgita Treinyte, Meisterin des Strohflechtens, Onutė Raudeliūnienė, Baumkuchenbäckerin, und der kubilininkas Arvydas Kundrotas <...>. (zasliuck.lt 2018 Mai (spätestens). Auf anderen Internetseiten wird die Neubildung kubilininkas, -ė mit der Bedeutung „Anhänger des litauischen Politikers Andrius Kubilius“ verwendet. Im DLKT wurden keine Belege mit der Bedeutung „Bottichmacher; Bottichverkäufer“ gefunden [abgerufen am 2018 05 02].

23 Im Internet wurde nur ein Beleg für die Verwendung der Neubildung lokiažudys, -ė gefunden: „Lačplēsis“ (lett. Lāčplēsis, bedeutet ungefähr „lokiažudys“) – ein lettisches Epos, das der Dichter Andrejus Pumpurs auf der Grundlage lettischer Volksüberlieferungen und Legenden über den Helden Lačplēsis verfasste. (lt.wikipedia.org 2018 Mai (spätestens). Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 02]. Vgl. das in LKŽₑ aufgenommene Wort lokiamušys, -ė „Bärenjäger“.

24 Bei der Neubildung mažaspalvystė lässt sich ebenfalls eine Wortbildung durch Suffigierung erkennen (: wenige Farben + Suffix -ystė).

25 Im Internet wurden acht Verwendungsbelege für die Neubildung mažaspalvis, -ė gefunden: Diesem farbarmen, erstarrenden Weltgeschehen lausche ich jetzt – Geschichten, die vor Kälte zittern lassen, erzählt mir das Duo „Nadja“. (bernardinai.lt 2009 07 10); Ich denke, wenn die Flagge so abgenutzt ist, dass sie nicht mehr würdig gezeigt werden kann, dann ist ihr Status als Staatsflagge ohnehin dahin. Das verblasste Rot ist nicht mehr rot, und die Zerstörung oder Entsorgung eines solchen farbarmen Lappens sollte nicht als Schändung staatlicher Symbole gelten. (newsgroups.lt 2009 06 25). Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 02].

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TABELLE 2. Fehlender Stammwort-Nachweis für das abstrakte Wortfeld mit dem Suffix -ystė 26

Lfd. Nr. | Neubildung | Basiswort | Im ND erfasst | Im ND angeführte Wörter mit derselben Wurzel; 1. antreprenerystė | antrepreneris, -ė | + | −; 2. balkonininkystė | balkonininkas, -ė | − | −; 3. barzdaskutystė | barzdaskutys, -ė | 0 | barzdakirpė, barzdaskutykla; 4. bulvininkystė | bulvininkas, -ė | + | −; 5. citatmeldystė | *citatmeldys, -ė | 0 | citatatonija; 6. dvikainystė | dvikainis, -ė | − | −; 7. dvip asystė | dvipasis, -ė | − | −; 8. dvipavardystė | dvipavardis, -ė | − | −; 9. entreprenerystė | entrepreneris, -ė | + | −; 10. filibusterystė | filibusteris, -ė | + | −; 11. hipsteryštė | hipsteris, -ė | + | hipsterija, hipsteriškai; 12. kailiakeitystė | kailiakeitys, -ė | − | −; 13. kinkadrebystė | kinkadrebys, -ė | 0 | −; 14. kitamanyštė | kitamanis, -ė | 0 | −; 15. klumpdirbystė | klumpdirbys, -ė | 0 | −; 16. korepetitorystė | korepetitorius, -ė | 0 | korepetitoriauti, korepetitoriavimas; 17. kryždirbystė | kryždirbys, -ė | 0 | −; 18. kubilininkystė | kubilininkas, -ė | − | kubilizmas, kubiloidas27; 19. laisvadarbystė | laisvadarbis, -ė | + | −

26 In den Tabellen 2 und 3 werden nicht nur Daten präsentiert, die unmittelbar mit der durchgeführten Untersuchung zusammenhängen (Neubildungen und ihre Basiswörter), sondern auch zusätzliches Material, das für weiterführende Untersuchungen nützlich ist (im ND erfasste Wörter mit derselben Wurzel).

27 Das Basiswort dieser Neubildungen ist der Familienname Kubilius. Vgl. kubilizmas „abwertend: die von Andrius Kubilius verbreitete Ideologie und betriebene Politik“; kubiloidas „spöttisch: Anhänger des litauischen Politikers Andrius Kubilius“.

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Lfd. Nr.

Neubildung

Basiswort

Im ND erfasst

Im ND angeführte Wörter mit derselben Wurzel

20.

lokiažudystė

lokiažudys, -ė

–

–

21.

mamystė

mama

0

mamadienis, mamiškas, -a, mamyčiukas, -ė, sumamėjimas, supermama, supermamytė

22.

mažaspalvystė

mažaspalvis, -ė

–

–

23.

Neologismus

Neologe, -in

0

–

24.

Neologismenbildung

Neologismus

0

Neologismenwörterbuch, Neologismen bilden

25.

Ersatzwesen

Ersatz

0

–

26.

Spurensuchertum

Spurensucher, -in

0

–

27.

Profitgier

Profiteur, -in

0

–

28.

Rangertum

Ranger, -in

+

–

29.

Solarenergie

Solarenergiefachmann, -frau

+

Sonnenblenden

30.

Unterzeichnerschaft

Unterzeichner, -in

0

–

31.

Schneckenzucht

Schneckenzüchter, -in

+

–

32.

Dachkletterei

Dachkletterer, -in

+

–

33.

Erwachsensein

erwachsen

0

–

34.

Arschfriererei

*Arschfrierer, -in

0

–

35.

Friedensstiftung

Friedensstifter, -in

0

–

36.

Eitelkeit

eitel

0

–

37.

Tutorschaft

Tutor, -in

+

–

38.

Obstfruktarismus

Obstfrutarier, -in (Subst.)

+

–

39.

Orgelbau

Orgelbauer, -in

+

–

40.

Führerschaft

Führer, -in

0

–

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Lfd. Nr.

Neubildung

Grundwort

Im ND angeführte stammverwandte Wörter

Im ND erfasst

41.

Einzelgängertum

einsam, -e / Einzelgänger, -in

0

einsam leben, vereinsamen

42.

Allesessertum

Allesesser, -in (Subst.)

+

–

43.

Rohkost

Rohköstler, -in (Subst. und Adj.)

+

Rohkost essen, rohköstlerisch, Rohkost

44.

Grabräuberei

Grabräuber, -in

+

–

45.

Menschenzucht

*Menschenzüchter, -in

0

–

46.

Menschenliebe

Menschenliebhaber, -in

0

–

47.

Lexikographie

Lexikograph, -in28

0

–

Anmerkung: In der 3. Spalte sind die in ND aufgenommenen (+) und nicht aufgenommenen (–) Basiswörter sowie unzulässige Fälle (0) gekennzeichnet – in Referenzwörterbüchern belegte und nicht als Neologismen geltende oder lediglich potenzielle, erschlossene Wörter (*).

Die meisten dieser Abstraktbildungen mit dem Suffix –ystė beruhen auf vereinzelten Basiswörtern, die sich im Sprachgebrauch nicht durchgesetzt haben; daher konnten sie in ND nicht aufgeführt werden, obwohl keine vollständige derivationelle Darstellung der Neologismen angestrebt wurde – einige Basiswörter sind im Internetgebrauch später belegt als die Ableitungen, z. B.: dvipasis, -ė (2015) und dvipasystė (2013), kailiakeitys, -ė (2013) und kailiakeitystė (2012); dennoch könnte das Datenwerk künftig anhand des im Artikel präsentierten Materials um fehlende Basiswörter ergänzt werden.

An zweiter Stelle hinsichtlich der Produktivität steht das Suffix -izmas (41 Lexeme), das in DLKG ausdrücklich als unproduktiv bewertet wird: „[o]bwohl sich das Suffix -izmas in vielen Internationalismen leicht absondern lässt, werden in der litauischen Sprache selbst gewöhnlich keine neuen Ableitungen damit gebildet“ (2006: 103; zu diesem internationalen Suffix siehe auch https://www.etymonline.com/word/-ism; Marchand 1969: 306–308; Baeskow 2004: 14–33). In ND sind nicht weniger als 27 Entlehnungen mit diesem fremden Suffix verzeichnet: akvateizmas „Theorie, dass Wasser über ein bestimmtes Gedächtnis verfügt“

28 Vgl. die in LKŽ aufgenommene Form žodynininkas, -ė „Wörterbuchverfasser, Lexikograph“.

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„ein bestimmtes Gedächtnis“ (vgl. engl. aquatheism), džihadizmas „Bewegung des muslimischen heiligen Krieges gegen Andersgläubige – des Dschihad“ (vgl. engl. jihadism > arab. džihad „Kampf“), rašizmas „Ideologie und Praxis des russischen Regimes zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ (vgl. russ. рашизм < Раша „englische Bezeichnung für Russland nach der Aussprache“ + фашизм „Faschismus“), sarkozizmas „die von Nicolas Sarkozy, dem ehemaligen französischen Präsidenten (2007–2012), betriebene Politik“ (vgl. frz. sarkozysme) und viele weitere. In jüngster Zeit ist das internationale Suffix –izmas im Litauischen jedoch recht produktiv geworden – damit werden sowohl usuell gewordene und etablierte als auch okkasionelle, kurzlebige Neubildungen gebildet (siehe auch Mikelionienė 2000: 69), z. B.: bukizmas29 (: bukas, –a) „engstirnige Missachtung moralischer Werte“, dabartizmas (: dabartistas, –ė30) „Weltanschauung, deren Dreh- und Angelpunkt die Konzentration auf den gegenwärtigen Moment ist“ (vgl. engl. presentism), navakarorizmas31 [gebildet aus dem Nachnamen von Kęstutis [Navak]as und dem Pseudonym RoRa von [R]ollandas [Ras]tausas] „süßlicher Stil einiger zeitgenössischer litauischer Essayisten (ironisierend)“, vadizmas32 (: vadas) „Führerkult“ usw. Die meisten in ND verzeichneten Substantive auf „-izmas“ bezeichnen „philosophische, religiöse, künstlerische, wissenschaftliche und politische Richtungen, Systeme, gesellschaftliche und politische Ordnungen“ (DLKG 2006: 103), z. B.: homosovietizmas (: homosovietas, –ė33) „Gesamtheit der durch die sowjetische Ordnung geprägten Ansichten, Denkweisen, Verhaltens- und Lebensweisen“, krokodilizmas34 (: krokodilas) „iron. Weltanschauungssystem, das das Krokodil als höchsten Wert betrachtet“ usw.

Den zu dieser Gruppe gehörenden Neologismus invisizmas (: invisistas, –ė) „Ideologie des Hasses, hervorgerufen durch die Auffassung, dass sich nichts zum Guten ändern kann, und getragen vom Wunsch, alles, was uns missfällt, möge einfach verschwinden“ kann man nicht als Entlehnung ansehen, da keine Entsprechungen für invisizmo gefunden werden konnten.

29 Obwohl ND nur ein einziges Verwendungsbeispiel des Neologismus bukizmas anführt, finden sich im Internet deutlich mehr solcher Beispiele – 33, z. B.: Vielleicht ist das eine Kleinigkeit, aber indem wir diese Lücke in der Verantwortung aufreißen, lassen wir zu, dass dieser moralische bukizmas sich durch den Alltag ausbreitet. (15min.lt 2015 08 30, Mažvydas Karalius); deshalb schaue ich nie zu, wie jemand liebt oder nicht liebt, hasst, bukizmo beeinflusste Landsleute. (banga.tv3.lt 2018 Mai (spätestens) usw. Beispiele aus DLKT wurden nicht gefunden [abgerufen am 2018 05 05].

30 Allerdings sind in solchen Fällen die Basisbeziehungen schwer zu erkennen; daher gilt: „[w]enn man hier in einzelnen Fällen noch von einer Basierung sprechen kann, dann offenbar eher von einer wechselseitigen als von einer einseitig gerichteten“ (Urbutis 2009: 151), d. h. dabartistas, –ė ↔ dabartizmas. Offenbar lässt sich der Neologismus dabartizmas sowohl als Lehnübersetzung (vgl. engl. presentism) als auch als hybride Bildung auffassen.

31 Wahrscheinlich ist das Basiswort *NavakaRoRas zumindest formal möglich. Der Urheber der okkasionellen Bildung stützte sich vermutlich auf das Wortbildungsmuster „Ableitung durch Suffixbildung“, das in diesem Fall offenbar viel zweckmäßiger ist [Navakas und RoRa + Suffix –izmas].

32 Bendrinės kalbos normų atžvilgiu šį naujadarą vertinusi Inga Mataitytė (2013: 11) mano, kad vadizmas, kuris buvo vartojamas jau ir prieškariniu Vinco Mykolaičio-Putino romane Krizė, galėtų būti semantinis vertinys iš rusų k. вождизм.

33 Im Internet finden sich einzelne Verwendungsbeispiele des Neologismus homosovietas, –ė (G – 10): Lüg, führe ein Doppelleben – die alten und bewährten „Werte“ der heutigen homosovietų. (alytausnaujienos.lt 2010 03 20); diesen homosovietamskannst du hundertmal beweisen, dass Weiß weiß ist, doch sie werden, ohne überhaupt hinzusehen, trotzdem das Gegenteil behaupten. (banga.tv3.lt 2014 03 12). Beispiele aus DLKT wurden nicht gefunden [abgerufen am 2018 05 06].

34 Verwendungsbereich des Neologismus: Philosophie.

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weder Englisch noch Russisch; dennoch scheint es, dass die individuelle Neubildung im Litauischen gebildet wurde, in Anlehnung an die heutige lingua franca. Vgl. das im Anglone (im Folgenden AN) verzeichnete englische Wort invisible: 1. „unsichtbar; unbemerkt“; 2. „nicht existent, imaginär; verborgen“. Im Internet wurde ein aufschlussreiches Verwendungsbeispiel des Grundworts der Neubildung invisizmas, invisistas, -ė, gefunden:

Anonyme Kommentatoren, von Psychoanalytikern bisweilen als „Internet-Exhibitionisten“ bezeichnet, sind in „freudianischem“ Sinne oft nicht einfach nur unflätige Provinzler. Im Gegenteil: Häufig handelt es sich um gebildete Menschen, die scheinbar ihren Platz „unter der Sonne“ gefunden haben. Sie haben keinen einzelnen Feind, greifen jedoch alle an und hoffen auf eine Reaktion, Wut oder Konfrontation des Autors – ganz wie ein Bandit, der zum Kampf herausfordert. Psychoanalytikern zufolge ist das Ziel solcher Kommentatoren die Zerstörung. <...> Solche invisistai sind oft vom Vorgesetzten schikanierte „Büromäuse“ oder, wie manchmal scherzhaft gesagt wird, Kinder, die kein eigenes Zimmer hatten; doch beinahe in allen Fällen sind es durchaus anständige Menschen, die aus ihrem eigenen Leben und ihrem Staat verdrängt wurden – im Hinblick auf Einfluss, Kontrolle, Dynamik und Fortschritt. Invisistai begegnet man täglich auch auf litauischen Straßen, in Gestalt unhöflicher, mitunter sogar grausamer Autofahrer: Für ein blockiertes Auto oder ein fehlerhaft ausgeführtes Manöver kann ein Fahrer (sogar eine Fahrerin) aus dem Wagen gezerrt und erbarmungslos verprügelt werden. (delfi.lt 2009 10 31, Jaunius Špakauskas)

Das ND enthält ein Verwendungsbeispiel für invisizmo aus einem Artikel von Jaunius Špakauskas mit dem Titel „Invisizmas – neapykantos ideologija“ [Invisizmas – Ideologie des Hasses], der auf dem Nachrichtenportal delfi.lt veröffentlicht wurde. Um die Konsistenz zu gewährleisten, sollte in das ND nicht nur die Neubildung invisizmas aufgenommen werden, sondern auch ihr Grundwort invisistas, -ė, zumal beide Neologismen im selben Artikel verwendet wurden. Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 06.05.2018].

Im Wörterbuch sind drei Ableitungen mit dem Suffix -izmas verzeichnet, die Bezeichnungen gesellschaftlicher und politischer Systeme darstellen und auf einer veränderten Ableitungsgrundlage beruhen: nenutaijiotizmas (: ne, nu tai jo) „iron. Erscheinung, bei der man mangels einer festen Meinung ein und denselben Sachverhalt zugleich bestreitet und ihm zustimmt“, vingiuionizmas (: Vingių Jonas [eine Figur der Schriftstellerin Žemaitė]) „iron. Trägheit des Denkens und Handelns als kulturelle Norm“ und lddpizmas (: LDDP) „iron. alles, was mit der Litauischen Demokratischen Arbeiterpartei zusammenhängt (die in Litauen von 1990 bis 2001 tätig war und den Namen der Litauischen Kommunistischen Partei ablöste)“. Wie die Beispiele zeigen, beruhen solche Neubildungen auf einer vielfältigeren, in traditionellen Grammatiken nicht beschriebenen Grundlage – einer Syntagma, einer Wortverbindung oder einer Abkürzung.

Das im Korpus gesammelte Material zeigt, dass dieser Ableitungstyp im heutigen Litauischen recht produktiv ist – fortwährend werden Bezeichnungen politischer Strömungen, Ideologien, gesellschaftlicher Systeme sowie von Geschäfts- und Tätigkeitsbereichen gebildet, und es können immer neue potenzielle Bildungen entstehen (vgl. Mataitytė 2013: 11): daugumizmas (: dauguma) „eine von der Mehrheit der Minderheit aufgezwungene Meinung“, karbauskižmas (: Karbauskis) „abwertend: die Ideologie des Politikers Ramūnas Karbauskis und der von ihm geführten Partei“,

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Kommunistkapitalismus (: Kommunistkapitalist, -in35) „iron. Verschmelzung von Kommunismus und Kapitalismus in der Wirtschaft“, Kubiliusismus (: Kubilius) „abwert. von Andrius Kubilius verbreitete Ideologie und betriebene Politik“, Putinismus36 (: Putin) „populistisches Herrschaftsmodell des russischen Präsidenten Wladimir Putin, das auf der uneingeschränkten Macht eines Einzelnen und Nationalismus beruht“, Putlerismus37 (: Putler) „iron. vom Regime des russischen Präsidenten Wladimir Putin, auch Putler genannt, verbreitete Ideologie und betriebene Politik“, Runkelismus (: Runkel) „abwert. Zustand von Menschen, die sich durch Beschränktheit und Pessimismus auszeichnen und Runkeln genannt werden“, Turbokapitalismus38 (: Turbokapitalist, -in39) „Kapitalismus, der durch das sehr schnelle Streben nach maximalem Gewinn gekennzeichnet ist“, Käferismus (: Käfer) „Interesse an Volkswagen-Beetle-Autos, den sogenannten Käfern, und anderem.

Im Wörterbuch sind deutlich weniger Wörter mit diesem Suffix verzeichnet, nämlich Bezeichnungen von Eigenschaften (vgl. DLKG 2006: 103), z. B.: bukagalvizmas (: bukagalvis, -ė) „Dummheit“, pliurpalizmas (: pliurpalas) „Vorliebe für Geschwätz, Predigten und das Belehren anderer“, tartiufizmas (: tartiufas) „heuchlerisches Verhalten“ (vgl. engl. tartuffism). Übrigens lässt sich die letztgenannte Neubildung im Grunde sowohl als Ableitung mit dem Suffix -izmas als auch als Lehnwort betrachten. Vgl. die im TŽŽ aufgenommene, im Sprachgebrauch verbreitete Bedeutung von tartiufo: „Bigotter, Heuchler, Doppelzüngiger, zynischer Mensch“ [nach dem Namen der Figur Tarti(u)fo aus der Komödie „Tartiufas“ („Tartuffe“) (1664) des französischen Schriftstellers Žanas Batistas Moljeras (Molière; 1622–1673)]. Dennoch handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Ableitung mit dem Suffix -izmas, die im Litauischen selbst gebildet wurde.

Im ND sind zwei Ableitungen mit dem Suffix -izmas verzeichnet, die zu den Bezeichnungen von Wörtern und Ausdrücken gehören, nämlich grybauskizmas (: Grybauskaitė) „iron. sprachlicher Ausrutscher von Dalia Grybauskaitė in ihrer Rolle als Politikerin“ (vgl. obamizmas) und kalbainizmas (: kalbainis) „abwertend: ein von Sprachpuristen ungeschickt erfundenes Wort oder ein Ausdruck, der an die Stelle eines missliebigen Wortes gesetzt wird“.

In den Grammatiken gilt das Suffix -umas als das produktivste zur Bildung von Eigenschaftsbezeichnungen (abstrakten Nomina); den ND-Daten zufolge steht es jedoch an dritter Stelle (30 Lexeme). Ableitungen mit diesem Suffix, die eine abstrahierte Eigenschaft bezeichnen, werden gewöhnlich von Adjektiven gebildet, z. B.:

35 Im Internetgebrauch wurden vereinzelte Beispiele für das Neulexem Kommunistkapitalist, -in gefunden: denn zu Sowjetzeiten wurde doch ständig erzählt, wie grausam die Kapitalisten seien und wie sie die Menschen ausbeuteten. <...> Kommunistkapitalisten sind in der gesamten posts sozialistischen Welt gleich. (greitas.eu Mai 2018 (spätestens); Kubilius versuchte, das von den Kommunist-Kapitalisten geschaffene Steuerparadies aufzurütteln, und mithilfe der von denselben Privatisierern kontrollierten Medien wurde er zum Schimpfwort. (greitas.eu Mai 2018 (spätestens). Keine Beispiele im DLKT gefunden [abgerufen am 06.05.2018].

36 Die Neubildung putinizmas kann als Ableitung mit dem Suffix -izmas oder als Lehnwort betrachtet werden. Vgl. russ. путинизм.

37 Die Neubildung putlerizmas kann als Ableitung mit dem Suffix -izmas oder als Lehnwort betrachtet werden. Vgl. russ. путлеризм.

38 Die Neubildung turbokapitalizmas kann als Ableitung mit dem Suffix -izmas oder als Lehnwort betrachtet werden. Vgl. russ. турбокапитализм.

39 Im Internet wurde nur ein aussagekräftiger Beleg für die Verwendung der Neubildung turbokapitalistas, -ė gefunden: Turbokapitalistai. Sie setzen Mieter und Arbeitnehmer unter Druck. Sie glauben, alle anderen seien Kühe. Alle müssen Milch geben, und immer weiter und weiter. Doch es ist ihnen nie genug. (rekvizitai.vz.lt 15.03.2016). Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 06.05.2018].

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antigejiškumas (: antigejiškas, -a) „priešiškumas gėjams“ (plg. anglų k. anti-gay), performatyvumas (: performatyvus, -i) „sugebėjimas ką nors raiškiai atlikti; vaidybiškumas“ (plg. anglų k. performative „susijęs su atlikimu“) ir kt. Priesagos -umas abstraktų, padarytų iš neveikiamųjų esamojo laiko dalyvių, iš dalies virtusių būdvardžiais, ir daiktavardžių, pasitaiko vos vienas kitas, pvz.: atsekamùmas (: atsekamas, -a) „galimybė atsekti, t. y. išsiaiškinti pradinės reiškinio atsiradimo sąlygas“, sapioseksualùmas (: sapioseksualas, -ė / sapioseksualus, -i) „seksualumas, pasireiškiantis proto, o ne kūno trauka“ (plg. anglų k. sapiosexuality). Matyti, kad visuomenė yra linkusi kai kuriuos priesagos -umas abstraktus darytis iš potencialių (numanomų, bet žodynuose ir vartosenoje nefiksuotų) pamatinių žodžių (dar žr. Vaskelienė 2017: 4): atlepausiškùmas (: *atlepausiškas, -a) „menk. nevykėliškumas, žioplumas“, betkokiškumas (: *betkokiškas, -a) „meno virtimas „bet kuo“, kai atmetamas estetinis kriterijus“, neužmirštuoliškumas (: *neužmirštuoliškas, -a) „rituališkas praeities atminimo puoselėjimas pasitelkiant neužmirštuolės žiedo simboliką“, vištaprotiškumas (: *vištaprotiškas, -a) „iron. vištos proto turėjimas“. Akivaizdu, kad naujadarų kūrėjai vadovaujasi savo gimtosios kalbos jausmu ir naujažodžiaudami40 remiasi potencialiais žodžiais. Tai, kad šie kalbos vienetai nėra įtraukti į pagrindinius lietuvių kalbos žodynus, „dar nereiškia, kad jų tikrai nėra, kad jie nerealizuoti ar bent negali būti prireikus realizuojami“ (Urbutis 2009: 319).

Im ND sind vor allem solche Abstrakta mit dem Suffix -umas verzeichnet, die auf usuellen, im Sprachgebrauch verbreiteten Grundwörtern beruhen: Fifihaftigkeit (: fifihaft, -e) „eine Fifi sein, Eigenschaften einer Fifi besitzen“, Metrosexualität (: Metrosexueller / metrosexuell, -) „Sexualität, die ein gepflegt auftretender, in der Stadt lebender Mann ausstrahlt, der sich für Mode interessiert, gern einkauft usw.“ (vgl. engl. metrosexuality) usw.

Im Untersuchungszeitraum wurden im ND 11 Fälle von Lückenpaaren gefunden, die eine Wortbildungsopposition aus Suffixabstrakta auf -umas bilden, bei denen nur das Derivat ins ND aufgenommen wird, während die Wortbildungsbasis außen vor bleibt (siehe Tabelle 3), z. B.: das bereits erwähnte Antischwulenfeindlichkeit (: antischwulenfeindlich, -e41) und Performativität (: performativ, -), außerdem Multikulturalität (: multikulturell, -) „Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Konfessionen

40 Im ND ist das von einer Autorin geprägte Neologismus-Verb neologismenbilden „Neologismen schaffen“ verzeichnet, das eine Linguistin und Neologismenforscherin in einem Interview verwendete: Man muss nur sagen, dass die Menschen Neologismen bilden hier und jetzt. Wir schaffen Wörter nicht nur aus großer Notwendigkeit, sondern auch, um zu scherzen. (balsas.lt 2013 06 30, Jurgita Girčienė).

41 Im Internetgebrauch finden sich zuverlässige Belege für dieses Neologismus-Adjektiv antischwulenfeindlich, -e: Antischwulenfeindliche Stimmungen sind besonders stark unter den Wählern der rechtsgerichteten und populistischen Koalition, die Polen regiert. (lietuvosdiena.lrytas.lt 2006 06 16, Jacekas Komaras); Gražulis’ antischwulenfeindliche Show könnte ihm den Unmut ausländischer Diplomaten einbringen [Überschrift] (alfa.lt 2015 10 02) u. a. Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 06].

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„Zusammenleben im selben geografischen Raum“, Multifunktionalität (: multifunktional, –e42) „die Fähigkeit, mehrere Handlungen gleichzeitig auszuführen oder innerhalb sehr kurzer Zeit von einer Tätigkeit zur anderen zu wechseln“, Hypertensivität (: hypertensiv, –e) „gefährlicher Druck auf die Hirngefäße, der das Risiko verschiedener Krankheiten erhöht“, Interoperabilität (: interoperabel, –e43) „Interaktionsfähigkeit – die Fähigkeit verschiedener Informationssysteme, automatisch zusammenzuarbeiten“ (vgl. engl. interoperability), Kredibilität (: kredibel, –e) „Zuverlässigkeit; die Möglichkeit, Vertrauen zu haben“ (vgl. engl. credibility), Feenhaftigkeit (: feenhaft, –e) „das Vorhandensein von Eigenschaften, die Feen kennzeichnen“, Legitimität (: legitim, –e) „Rechtmäßigkeit; Vereinbarkeit mit Gesetzen oder Rechtsnormen“, Neuroplastizität (: neuroplastisch, –e44) „die Fähigkeit der Neuronen des Gehirns und ihrer Netzwerke, ständig auf neue Erfahrungen (sensorische Stimulation, Verhaltensänderungen, Gewebeschäden, Wachstum) zu reagieren, indem sie ihre Wechselwirkungen verändern“ (vgl. engl. neuroplasticity) und Verschwendungssucht (: verschwenderisch, –e) „die Eigenschaft, Geld auszugeben“.

Die vermutlich im Internet am weitesten verbreiteten der genannten Neologismen, Multikulturalität, Legitimität, Performativität und Hypertensivität, haben als Grundwörter multikulturell, –e (G – 119), legitim, –e (G – 100), performativ, –e (G – 98) und hypertensiv, –e (G – 50) – im DLKT nicht gefunden [abgerufen am 2018 05 06]. Vgl. Internetbelege:

Eine weitere Sache, die mir sehr gefällt: Vilnius ist eine multikulturelle Stadt – hier leben Litauer, Russen und Polen. Mich erstaunt, dass die Einwohner von Vilnius nicht verstehen, wie multikulturell Vilnius ist. Sie scheinen es selbst gar nicht zu bemerken, aber während seiner gesamten Geschichte war Vilnius eine multikulturelle Stadt. (15min.lt 2016 08 28)

Erstens stützen sich die Nichtwähler auf die falsche Annahme, dass die Legitimität durch die Zahl der Stimmen des Demos (der Wähler) gewährleistet wird. Wenn die Mehrheit der Wähler nicht wählt, bedeutet das, dass die Regierung nicht legitim ist. Denn schließlich können 2 Prozent der Wähler keine legitime Regierung wählen. Doch, das geht. (delfi.lt 2016 10 05, Mindaugas Kluonis)

Performative Führung mit virtuellen Elementen (neringosmuziejai.lt 2017 07 16)

42 Im Internetgebrauch wurden lediglich zwei Belege für den Gebrauch des Neologismus multifunktional, –e gefunden: Multifunktionaler Nachrichtenkonsum (lmb.lt 2018 Mai (nicht später als). Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 06].

43 Im Internetgebrauch finden sich 48 Belege für das Neologismus-Adjektiv interoperabel, –e, <...> bis Ende 2008 zu erreichen, dass im öffentlichen Gesundheitswesen interoperable Informations- und Kommunikationstechnologien eingeführt werden und dort zum Einsatz kommen, interoperable (Interoperabilität – Kompatibilität von Informationssystemen) und integrierte Informationstechnologien <...>. (e-tar.lt 2004 07 02) usw. Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 06].

44 Im Internet finden sich 20 Belege für das Neologismus-Adjektiv neuroplastisch, –e, zum Beispiel: „PoNS“ (Portable Neuromodulation Stimulator), ein tragbarer Stimulator zur Neuromodulation, modifiziert und korrigiert durch Stimulation der neuroplastischen Gehirne die von den Neuronen übertragenen Impulse. (feniksai.lt 2018 Mai (nicht später als)). Im DLKT wurden keine Belege gefunden [abgerufen am 2018 05 06].

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Bei einer MRT des Gehirns sind in den T1-Aufnahmen der frontobasalen und temporalen Bereiche hypointense, in den T2-Aufnahmen hingegen hyperintense Zonen zu sehen. (sveikasmogus.lt („Vaistų žinios“) 2009)

Im Internetgebrauch verbreitet sich nicht nur der für die Standardsprache unnötige Fremdwortgebrauch kredibilumas, sondern auch dessen nicht normgerechtes Grundwort kredibilus, –i (G – 20); Beispiele im DLKT nicht gefunden [abgerufen am 06.05.2018]:

Vor allem muss man verstehen, dass all dies aus der Wissenschaft und zahlreichen Untersuchungen hervorgeht. Um dies möglichst gut zu verstehen, muss man keine New-Age-Bücher und -Webseiten lesen (wie bahuriux offenbar weiter oben in diesem Thread getan hat), sondern Artikel, Bücher und andere kredibilius (vertrauenswürdige) Quellen über Evolution, Entropie, Systeme und ihre Entstehung, Thermodynamik und andere Naturphänomene. (technologijos.lt 30.08.2012)

Und auf welche Weise haben die Bekannten die Proben untersucht? Sind sie kredibilūs oder eher nicht? (legalus.net 06.02.2016)

TABELLE 3. Fehlendes wortfamilienbezogenes Wortfeld abstrakter Substantive mit dem Suffix –umas

Lfd. Nr.NeubildungGrundwortIm ND erfasstIm ND angeführte wortfamilienbezogene Wörter1.antigejiškùmasantigėjiškas, –a–antigėjus2.atlėpausiškùmas*atlėpausiškas, –a0–3.atsekamùmasatsekamas, –a0–4.betkokiškùmas*betkokiškas, –a0–5.daugiadarbiškùmas*daugiadarbiškas, –a0–6.daugiakultūriškùmasdaugiakultūriškas, –a–daugiakultūris, –ė7.daugiaprogramiškùmas*daugiaprogramiškas, –a0daugiaprogramis, –ė8.daugiaveikliškùmasdaugiaveikliškas, –a–daugiaveika9.fifiškùmasfifiškas, –a+fifa10.glokalùmasglokalus, –i+glokalai, glokalizacija11.hiperintensyvùmashiperintensyvus, –i––12.interoperabilùmasinteroperabilus, –i––13.įsidarbinamùmas*įsidarbinamas, –a0–

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Lfd. Nr.

Neubildung

Grundwort

Im ND erfasst

Im ND angeführte wortfamilienbezogene Wörter

14.

išmanùmas

išmanusis, -ioji

+

išmanėti, išmaninti, išmanizacija, išmanuolis, išmanuolis, -ė

15.

Kredibilität

kredibel

−

−

16.

Feenhaftigkeit

feenhaft

−

−

17.

Legitimität

legitim

−

−

18.

Liminalität

liminal

+

Liminaler

19.

Metrosexualität

Metrosexueller / metrosexuell

+

−

20.

Neuroplastizität

neuroplastisch

−

−

21.

Nostalgie für Vergissmeinnicht

*wie ein Vergissmeinnicht

0

Vergissmeinnicht

22.

Paneuropäismus

paneuropäisch

+

Paneuropäer, paneuropäisch

23.

Performativität

performativ

−

Performancekünstler, Performancekünstlerin

24.

politische Korrektheit

politisch korrekt

+

politischer Korrektor, -in

25.

Wettbewerbsorientiertheit

wettbewerbsorientiert

+

−

26.

Sapiosexualität

Sapiosexueller, -e / sapiosexuell

+

−

27.

Interaktivität

interaktiv

+

−

28.

Familiärität

familiär

0

−

29.

Verschwendungssucht

verschwenderisch

−

Verschwendung, Verschwendergesellschaft

30.

Dummheit

*dumm

0

−

Wie aus den vorgelegten Daten ersichtlich ist, wurden 11 im Sprachgebrauch belegte (häufig verbreitete, zum Usus gehörende) Grundwörter nicht in das ND aufgenommen. Um sogenannte lexikografische Lücken zu vermeiden (zur mangelnden Systematik der in Litauen veröffentlichten Wörterbücher siehe auch Miliūnaitė 2015: 169), sollte das Datenbankwerk auch Wörter aufnehmen, die bereits vor längerer Zeit entstanden sind und bei den Sprachbenutzern keinerlei Eindruck von Neuheit mehr hervorrufen.

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Auch vergleichsweise alte Wörter, die bei den Sprachbenutzern keinerlei Eindruck von Neuheit mehr hervorrufen, sollten aufgenommen werden: laumiškas, -a45 und švaistūniškas, -a46. Vgl. die Internetbelege:

Laumiški Haare, Beine und Wimpern sind mit Mehl oder undefinierbarem Puder bestäubt. Am Körper trägt sie nur ein Höschen und ein weißes, durchsichtiges Kleidchen. (delfi.lt (5braskes.lt) 2013 10 26)

Barbora, die eigene „den Einen“ zu finden, der nicht zurückschrecken würde, wenn er ihre laumišką, einer Henne ähnliche Haut sähe. (kultura.lrytas.lt 2018 03 07)

Ein verschwenderischer Haushalt wird die steigende Inflation anheizen (vz.lt 2007 10 10)

Typische Vertreterinnen dieses Sternzeichens nehmen die Lage in der Welt, im Land und an ihrem Arbeitsplatz sehr realistisch wahr und schätzen auch ihre eigenen Möglichkeiten realistisch ein. Gewöhnlich lernen sie, ihre Einnahmen und Ausgaben zu berechnen und so verschwenderischen Einkäufen vorzubeugen. (alfa.lt (astromanija.lt) 2017 10 01)

Solche Spracheinheiten, die wohl versehentlich nicht in LKŽe und DŽ7 aufgenommen wurden, sollten im ND mit der Kennzeichnung nicht neu (nicht belegt) versehen werden (vgl. das in das ND aufgenommene wiederbelebte Wort kiaulasubinis, -ė).

Aus den ND-Daten geht hervor, dass die Produktivität des Suffixes -ybė etwas zurückgegangen ist (17 Lexeme wurden gefunden) – es steht an vierter Stelle, obwohl es in der DLKG als äußerst produktiv eingestuft wird (dort belegt es den zweiten Platz). Abstrakta mit dem Suffix -ybė werden meist aus Adjektiven und passiven Präsenspartizipien mit adjektivischer Bedeutung gebildet (vgl. DLKG 2006: 101), z. B.: beskonybė (: beskonis, -ė) „geschmackloser Gegenstand“, išverčiamybė (: išverčiamas, -a) „Möglichkeit eines Textes, übersetzt zu werden“, lyginamybė (: lyginamas, -a) „Vergleichbarkeit“, nuostabybė (: nuostabus, -i) „etwas Erstaunliches“ usw.

Die größten Schwierigkeiten bereitet die Arbeitsanalyse des Neologismus archajybė (: archajus, -i? / archajus?) „das Archaische, Altmodische“. Im Internet wurde ein Beleg für archajybės gefunden (bereits 2004 im Sprachgebrauch belegt); Belege im DLKT wurden nicht gefunden [abgerufen am 2018 05 02]:

45 In LKŽe ist nur das Adjektiv lauminis, -ė verzeichnet: „mit Streifen in den Farben des Feenbogens (Regenbogens)“. Für den Neologismus laumiškas, -a gibt es im Internet zahlreiche Gebrauchsbelege (93 Einträge); Belege im DLKT wurden nicht gefunden [abgerufen am 2018 05 06].

46 In LKŽe ist nur das Substantiv švaistūnas, -ė verzeichnet: 1. „jemand, der gern herumalbert und sich unernst verhält“; 2. „jemand, der Vermögen unnötig verschwendet, Vergeuder, Verschwender“. Im Internet gibt es zahlreiche Gebrauchsbelege für den Neologismus švaistūniškas, -a (110 Einträge); Belege im DLKT werden nicht angeführt [abgerufen am 2018 05 06].

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Die hier aufgeführten Beispiele sollten nicht den Eindruck erwecken, dass das gesamte Werk auf diese Weise übersetzt ist. Solche Archaismen werden häufiger in der Figurenrede verwendet und belasten den Text keineswegs, da sie in der Gesamtheit der Werksprache aufgehen. (llvs.lt („Gimtoji kalba“) 2004, Inga Mataitytė)

Vgl. das im ND angeführte Beispiel:

Fragen wir einen Schüler, Studenten oder Passanten auf der Straße, was die „Wurzeln des Litauischseins“ seien, wird er vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken sagen, es seien die litauische Vergangenheit, ein Jahrtausend, die Fürsten, die Sprache und natürlich der heidnische Glaube. Letzterer offenbare zusammen mit den Archaismen der Sprache, wie alt die litauische Zivilisation gewesen sei und wie harmonisch, tugendhaft und lebenskräftig sie sei. (bernardinai.lt („Naujasis Židinys-Aidai“) 2012 03 19, Tomas Daugirdas)

Im Untersuchungszeitraum wurden im Internetgebrauch (in der elektronischen Kommunikation) nur wenige vereinzelte, wenig aussagekräftige Belege für Verwendungen der möglichen Grundwörter archajus? (Subst.) und archajus, -i? (Adj.) gefunden. Als wohl aussagekräftigstes (allerdings nur bedingt, unter Berücksichtigung möglicher Korrekturfehler bei den Grundwörtern) könnte das unten angeführte Beispiel gelten; im DLKT wurden keine Beispiele gefunden [abgerufen am 2018 05 02]:

- Aber in diesem Teil haben sich mehrere Massenbasen festgesetzt, die gut geschützt sind. Tare Zenchas, der einzige Kriegsführer, der archajus war, anders als die übrigen Anführer, die Krieger der Zentil- oder Templerklasse waren. Sein Name bedeutet „Geboren in Blitzen“ <...> -EN TARO ADUN. Das war die Begrüßung der Zen-Führer und bedeutet „Frieden heute“. Und aus dem dunkelsten Schatten erschien Orichajus. Er war ein 1576 Jahre alter Zen-Templer, der über archaische Kräfte verfügte. <...> -Sammle noch zweitausend archajų, und du wirst sie in diese Schlacht führen, Flammenträger; und sag allen, sie sollen mich nicht stören, denn ich muss meine Wunden heilen. (games.lt 2010 07 30)

Die Definition des Neologismus archajybė lässt jedoch vermuten, dass er auch auf dem Adjektiv archajiškas, -a beruhen kann – hier lässt sich eine Desintegration des Grundstamms in der Ableitung erkennen (an das Adjektiv archajiškas, -a lässt sich das Suffix -ybė nicht direkt anfügen; daher wird das Suffix -iškas, -a weggelassen und der Autor bildet eine analoge Ableitung (nach dem Wort svetimybė) (zur Rolle der Desintegration in der Wortbildung ausführlicher siehe Urbutis 2009: 241–244).

Das ND enthält zahlreiche Ableitungen mit dem Suffix -ybė, die keine abstrakte Eigenschaft, sondern den Gegenstand selbst bezeichnen, der diese Eigenschaft besitzt (vgl. DLKG 2006: 101): geidžiamybė (: geidžiamas, -a) „etwas Begehrenswertes“, paklausybė (: paklausus, -i) „ein gefragter Artikel“. Vereinzelt finden sich Ableitungen dieses Suffixes von Adverbien und Substantiven – Personen- und Tierbezeichnungen –, z. B.: anapusybė (: anapus) „das, was jenseits der Grenzen dieses Lebens liegt“, šiuolaikybė (: šiuolaik) „Gegenwart, die heute gelebte Zeit“, katalonybė (: katalonas, -ė) „die Förderung all dessen, was mit dem katalanischen Volk und dem Katalanischsein zusammenhängt“,

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katýbė (: katė) „eine unehrenhafte Handlung im Zusammenhang mit einer Katze“. Dieser Neologismus ist offensichtlich analog zum Wort šunybe gebildet. Im ND ist nur eine Ableitung mit dem Suffix –ybė verzeichnet – triprasmybė (: triprasmis, -ė) „eine verschwommene sprachliche Ausdrucksweise mit mehreren Bedeutungen“ –, die den Bezeichnungen von Wörtern und Wendungen zuzuordnen wäre. Möglicherweise weitet sich die Wortbildungskategorie der Bezeichnungen von Wörtern und Wendungen aus: Ihr gehören nicht mehr nur solche Ableitungen mit dem Suffix –ybė an, die „angeben, aus welcher Sprache oder Mundart das durch sie bezeichnete Wort oder die Wendung stammt“ (DLKG 2006: 141).

Den fünften Platz nach Produktivität nimmt im ND das Suffix –ūra ein (2 Lexeme) (vgl. Platz 17 nach DLKG).

Im Datenbestand wurden nach Ausschluss ungeeigneter Treffer, die die automatisierte Suche nach der Buchstabenfolge *ūra ergab (ausführlicher zur Suche im ND siehe http://naujažodžiai.lki.lt/?Apie_duomenyna), z. B. die Kontaminationsbildung seimokraturà (: [Seim]as + pr[okraturà]) „iron. Seimas, das sich in eine Staatsanwaltschaft verwandelt hat“ sowie zahlreiche zusammengesetzte Neologismen wie mitókūra „Mythenbildung“ usw. ausfindig gemacht. Es wurden zwei mit dem Suffix –ūra gebildete Ableitungen von Substantiven (Personenbezeichnungen) gefunden: podoktorantūra (: podoktorantas, -ė) „Studium und Forschung nach Erwerb des Doktorgrades“ (vgl. engl. post doc) und rezidentūra (: rezidentas, -ė) „postgraduales Studium der Medizin“ (vgl. engl. residency). Es ist natürlich fraglich, ob die genannten Neologismen im Litauischen tatsächlich nicht unter dem Einfluss anderer Sprachen entstanden sind47.

Den Daten des ND zufolge nehmen drei Suffixe, nämlich -ovė, -ulys und -yba, gemeinsam den sechsten Platz nach Produktivität ein (im DLKG entsprechend Platz 6, 7 und 10). Im Datenbestand wurde nach Ausschluss ungeeigneter Treffer mit der Endung *ovė, z. B. der Kontaminationsbildung batakovė (: [bata]s + ran[kovė]) „ein am Schuh befestigter Schaft“, des semantischen Neologismus daržovė „ein aus dem Koma erwachter, aber nicht wieder zu Bewusstsein gekommener, vegetierender Patient: unfähig, willentlich auf seine Umwelt zu reagieren und sie wahrzunehmen“ (vgl. engl. vegetable „Gemüse“), des zusammengesetzten Neologismus minkštalovė „weiches Liegemöbel“ usw. nur eine Ableitung mit dem Suffix –ovė verzeichnet: daugóvė (: daugus, -i48) „die Mehrheit“. Nach den Daten des ND ist auch das Suffix -ulys unproduktiv (1 Lexem): keistulỹs (: keistas, -a) „Seltsamkeit“. Im DLKG wurde das Suffix -yba als unproduktiv bewertet; im ND nimmt es, ausgehend von Platz 10 (nach den Grammatiken), den sechsten Platz ein, obwohl im Datenbestand nur sehr wenige Abstrakta mit diesem Suffix aufgeführt sind (1 Lexem). In die Liste der Neologismen wurde eine sprachliche Einheit aufgenommen, die im ND lexikografisch beschrieben ist – šulniakasýba49 (: šulniakasys,

47 Vgl. im Internet Beispiele für die russischen Wörter нодокторантура und резидентура: Nach Ausschluss wiederholter Vorkommen wurden entsprechend 1 bzw. 18 Belege gefunden. Der letztgenannte Neologismus rezidentūra wurde in TŽŽ (2013) aufgenommen.

48 Als Grundlage dieses Neologismus kommt auch das Adverb daug infrage.

49 Vgl. die in das ND aufgenommene Anmerkung: „Das Gewerbe ist alt, aber in den Referenzwörterbüchern findet sich keine solche Bezeichnung dafür.“ Außerdem ließe sich diese Neubildung auch als Ableitung durch gemischte Wortbildung betrachten (: šulinį kasė + Suffix -yba). Wie die in dieser Arbeit analysierten Beispiele zeigen (dvipasystė, dvipavardystė, dvisantuokystė, mažaspalvystė, protgėdystė, subinšaldystė, šulniakasýba u. a.), nimmt die Zahl der Neologismen mit gemischter Wortbildung im Litauischen zu.

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-ė) „das Handwerk des Brunnengrabens“. Offenbar ist die Arbeitsteilung des Neologismus tepýba „das kunstvolle Bestreichen einer Brotscheibe mit Schmelzkäse“ fragwürdig. Im ND wird angegeben, dass der Neologismus tepýba (: [tep]ti + tap[yba]) als Kontaminationsbildung einzustufen ist50, obwohl man ihn auch als Ableitung mit dem Suffix -yba aus einem nichtpräfigierten transitiven Verb behandeln könnte, obwohl es in der Standardsprache nur wenige Ableitungen mit diesem Suffix gibt, die ausschließlich von Substantiven abgeleitet sind (DLKG 2006: 103).

Es sollte betont werden, dass sich keine verallgemeinernden Schlussfolgerungen über die 4 unproduktiven Suffixe (-ovė, -ulys, -yba, -ūra) und die 9 Suffixe (-enybė, -uma, -atvė, -atis, -astis, -ata, -(i)ava, -urmė, -ra), die im Untersuchungszeitraum im ND überhaupt nicht gefunden wurden, ziehen lassen. Berücksichtigt man das manuell zusammengestellte Material des ND, wird deutlich, dass die Rangordnung der unproduktiven Affixe nach Produktivität eher bedingt ist, denn allein auf Grundlage der ND-Daten wäre die Behauptung, die genannten Suffixe seien nicht produktiv, unzutreffend. In diesem Fall kann man nur von sich abzeichnenden Tendenzen sprechen. Um die Produktivität der Suffixe bei der Bildung von Eigenschaftsbezeichnungen (abstrakten Nomina) eingehend zu untersuchen, müsste man sich auf vielfältigere und umfangreichere Quellen stützen.

Die im LKG aufgeführten seltenen und, wie betont wird, nur für Dialekte typischen Suffixe abstrakter Nomina (-ysta, -asta, -astas, -atva, -iškė) (1965: 313) wurden im ND nicht gefunden, mit Ausnahme des Affixes -esys. Lässt man die vom ND aufgeführte semantische Neubildung blizgesỹs „Kosmetikprodukt, das den Lippen Glanz verleiht und weniger Farbe enthält als Lippenstift“ sowie das zusammengesetzte Neuwort žuvlesỹs „Vogel, der sich von Fischen ernährt“ außer Betracht, führt das ND zwei Ableitungen mit dem Suffix -esys an: drovesỹs (: drovus) „Schüchternheit“ sowie ieškesỹs (: ieško) „Arbeitsbezeichnung als Synonym für Suchen“; hinsichtlich seiner Produktivität steht dieses Suffix im ND somit an fünfter Stelle.

Neproduktyvių tarptautinių žodžių priesagų -ažas ir -itetas (LKG 1965: 315) vedinių ND nerasta.

50 Übrigens wurde diese Art der Wortverschmelzung lange Zeit als außerhalb der Wortbildung stehend betrachtet und von den meisten litauischen und ausländischen Wissenschaftlern lediglich als unbewusstes Versprechen angesehen, das durch die Unentschlossenheit bei der Wahl der sprachlichen Einheit entstanden sei (Urbutis 2009: 324; Lehrer 2003: 369). Im Laufe der Zeit wurden Kontaminationsbildungen nicht mehr als vereinzelte Versprecher, sondern als Ergebnis bewusster sprachlicher Tätigkeit betrachtet, dem Sprachbenutzer den Vorzug geben, wenn sie nach einer expressiven und knappen Ausdrucksweise suchen (Miliūnaitė 2014: 261; zur doppelten Bewertung von Blendwörtern siehe ausführlicher auch Mikić Čolić 2015: 25–26). In der jüngeren wissenschaftlichen Literatur zu einigen Sprachen wird die Wortverschmelzung (Kontamination) als häufiges und produktives Wortbildungsverfahren anerkannt (Gries 2004: 639; Mikić Čolić 2015: 33). In Litauen entstanden vergleichsweise früh erste Arbeiten, in denen Wissenschaftler auf Kontamination aufmerksam machten (Skardžius 1996: 21) und sie als gesetzmäßiges, nach verschiedenen Merkmalen klassifizierbares Phänomen untersuchten (Kabašinskaitė 1998: 5, 69).

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SCHLUSSFOLGERUNGEN

1. Die Untersuchung der im Untersuchungszeitraum im ND erfassten Eigenschaftsbezeichnungen lässt darauf schließen, dass das im LKG und DLKG als produktivstes Suffix dieser Wortbildungskategorie geltende Suffix –umas (30 Lexeme im ND) möglicherweise hinter das an dritter Stelle stehende Suffix –ystė (47 Lexeme) und das an sechzehnter Stelle stehende –izmas (41 Lexem) zurückfällt. Dasselbe gilt für das in den Grammatiken als zweitproduktivstes eingestufte Suffix –ybė (17 Lexeme im ND). Allerdings muss die insgesamt geringe Zahl der erfassten Ableitungen sowie das (insbesondere bei Ableitungen mit dem Suffix –umas) vorhandene Ableitungspotenzial berücksichtigt werden. Daher ließe sich die Annahme einer abnehmenden Produktivität dieser Suffixe nur bestätigen oder widerlegen, wenn mehr Neologismen und ihre Basen untersucht würden.

2. Das Suffix –izmas wird im LKG und DLKG bei litauischen Wörtern eindeutig als unproduktiv eingestuft, während das in der Datenbank gesammelte Material zeigt, dass dieser Wortbildungstyp im Litauischen gegenwärtig ziemlich produktiv ist (das fremde Suffix –izmas wird häufig an einheimische Wortstämme angefügt) – Bezeichnungen für politische Richtungen, Ideologien, Gesellschaftsordnungen sowie Geschäfts- und Tätigkeitsbereiche werden laufend neu gebildet.

3. Im Untersuchungszeitraum wurde im ND jeweils nur eine oder zwei Ableitungen mit den Suffixen (–ovė, –ulys, –yba, –ūra) erfasst, während Ableitungen mit 9 Suffixen (–enybė, –uma, –atvė, –atis, –astis, –ata, –(i)ava, –umė, –ra) überhaupt nicht gefunden. Allein auf Grundlage der ND-Daten wäre die Behauptung, dass die genannten Suffixe heutzutage nicht produktiv seien, unzutreffend. Auch in diesem Fall kann man angesichts der manuellen Erfassung der ND-Daten nur von sich abzeichnenden Tendenzen sprechen. Um die Produktivität der Suffixe bei der Bildung von Eigenschaftsbezeichnungen (abstrakten Nomina) eingehend zu untersuchen, müsste man sich auf vielfältigere und umfangreichere Quellen stützen.

4. Im ND ist ein wiederbelebtes Affix erfasst: –esys, das im LKG als seltenes und nur für Dialekte typisches Suffix abstrakter Nomina eingestuft wird.

5. Die Untersuchung der im ND erfassten Eigenschaftsbezeichnungen zeigt, dass sich die Wortbildungsbasen verändert haben. Die Ableitungen mit dem Suffix –izmas beruhen auf vielfältigeren Basen, die in traditionellen Grammatiken nicht beschrieben werden – einer syntaktischen Fügung, einer Wortgruppe und einer Abkürzung.

6. Das manuell zusammengestellte Material des ND vermittelt selbstverständlich kein völlig objektives und umfassendes Bild der Neologismenbildung. Die kleine Untersuchung hat jedoch gezeigt, dass es sich vorerst um die einzige aktive Datenbank handelt, die neue Spracheinheiten systematisch sammelt.

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Įteikta 2018 07 13

Priimta 2018 11 12

NAMES OF CHARACTERISTICS

IN THE DATABASE OF LITHUANIAN NEOLOGISMS

S u m m a r y

For the purposes of identifying the productivity of the types of formation of neologisms that fall into the formational category of names of characteristics (nominal abstractions), the article focuses on the ongoing Database of Lithuanian Neologisms (DN), which registers new linguistic units (words, word formations, and abbreviations) that emerged at the turn of the century and have found common usage. The DN material has been analysed from a formational perspective and compared to the descriptions available in Lithuanian grammars of the second half of the 20th century (the Grammar of the Lithuanian Language (GLL) and the Grammar of the Contemporary Lithuanian Language (GCLL)), where names of characteristics are grouped by the formational ability of formational affixes. There were 142 derivatives of formational suffixes found in the DN.

Analysis of the names of characteristics recorded in the DN has revealed that the suffix –umas, which was considered the most formational in the grammars (30 lexemes), surrenders its position to the suffixes –ystė (47 lexemes) and –izmas (41 lexemes). The international suffix –izmas is highly productive in the Lithuanian language, even though the GLL and the GCLL strongly concur on it not being formational. It is the analysis of derivatives of this suffix that has pointed to some changes in the formational foundation, with reliance on a more variegated foundation that has been left out of the traditional grammars, that is the syntagma, the word formation, and the abbreviation. By contrast, the productivity of the suffix –ybė, which is considered as highly formational both in the GLL and the GCLL, has somewhat diminished (17

BENDRINĖ KALBA 91 (2018)

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ISSN 2351–7204

AGNĖ ALEKSAITĖ. Ypatybių pavadinimai Lietuvių kalbos naujažodžių duomenyne | 27

lexemes). The database also contains records of 4 non-productive suffixes (–ovė, –ulys, –yba, –ūra) and one regenerate affix, –esys, which the GLL considers a rare suffix of nominal abstractions that is only typical of dialects. Over the period covered by the study, 9 suffixes (–enybė, –uma, –atvė, –atis, –astis, –ata, –(i)ava, –umė, –ra) were not found in the DN at all.

Of course, compiled manually, the DN material does not offer a completely objective and detailed view of neologism formation, yet the limited study has shown that so far it is the only effective and systemic database for new linguistic units in Lithuania.

KEYWORDS: neologism, derivative, names of characteristics, word formation.

AGNĖ ALEKSAITĖ

Lietuvių kalbos institutas

Petro Vile išio g. 5, LT-10308 Vilnius

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