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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, III LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA

DĖL NERINGOS VARDO

V. MAŽIULIS

§ 1. In der Antike grenzten die Preußen im Süden ebenso wie ihre nahen Nachbarn und Verwandten, die Litauer, an die Westslawen – die Polen. Im Südwesten erstreckte sich das preußische Gebiet bis zum Unterlauf der Weichsel, während im Westen das Frische Haff, das Kurische Haff und die Ostsee die preußischen Lande umspülten. Somit gehörten zum preußischen Gebiet oder standen zumindest in unmittelbarer Verbindung mit ihm auch die Neringa des Frischen und des Kurischen Neringa bzw. Nerija: Letzterer Name dürfte, so ist anzunehmen, der lebendigen preußischen Sprache bekannt gewesen sein (siehe unten). Die preußische Sprache ist jedoch bereits ausgestorben (die Preußen wurden Ende des 17. Jahrhunderts endgültig germanisiert), und in ihren erhaltenen schriftlichen Denkmälern ist weder der Name Neringa noch Nerija belegt.

§ 2. Den Namen Neringa (diese Form wird in der heutigen litauischen Schriftsprache am häufigsten verwendet) oder Nerija kennen meinen Angaben zufolge auch die alten litauischen Schriftdenkmäler und die litauischen Dialekte nicht¹. Die Einheimischen der Kurischen Neringa nennen ihre Gegend gewöhnlich Kōpomis²; vgl. Kōpos, -ų Subst. f. Pl. die Nehrung, ein Dünenstreifen zwischen dem Kurischen Haff und der Ostsee (KršŽ II 197), vgl. Kōpininkas Subst. mob. Nehrunger (KršŽ II 196); Kōpai, ų m. pl. die kurische Nehrung (NsŽ 204); Nehrung bey Mümmel kopos (Kraž. 363), hingegen Nehrung Randawos. Kalnai (l.c.), vgl. Nahrung³ Pajūrei, Randawōs (KžŽ 144); Nehrung. Pajūrei, ų, M. Randawos, ų, F. (CGL II 124); Nehrung Pajūrei, Randawos (B 942). Die letztgenannten Bezeichnungen für die Neringa finden wir auch in den Wörterbüchern von Nesselmann und Kurschat: Pajūrei, ų m. pl. die Nehrung (NsŽ 43); Rándawos, ų, f. pl. die Nehrung (Bd. Qu) (NsŽ 427); [pajūriai, -ių, Subst. m. Pl. die Nehrung, sonst kūpos⁴] (KršŽ II 287); [randawos, -ų, Subst. f. Pl. die Nehrung, sonst kūpos] (KršŽ II 344). Wie wir sehen, waren Kurschat die Formen pajūriai und randawos in der Bedeutung „Nehrung“ aus der lebendigen Sprache nicht bekannt; dasselbe muss auch über Nesselmanns randawų gesagt werden (Nesselmann verweist auf Brodowskis und „Clavis Germanico-Lith-

¹ Auch die lettische Sprache kennt diesen Namen nicht. Vgl. ferner: „lit. nerijà „Nehrung“ ist eine ganz junge künstliche Neubildung!“ — Zeitschrift für slavische Philologie 27, 439; Språkliga Bidrag (Meddelanden från seminarierna för slaviska språk...), 3 (Nr. 13), 50, Lund, 1959.

² Diese Bezeichnung (≈ dt. Nehrung) verwendete auch K. Būga; vgl. „Die Letten Kurlands zusammen mit den Letten der Kōpos (Nehrung)“ — K. Būga, Lietuvių kalbos žodynas, 2 sąs., CXXII, Kaunas, 1925.

³ Nahrung ist in KžŽ offenbar anstelle von Näһrung geschrieben (da Nahrung hier auf Näһr- folgt).

⁴ Kurschats kūpes = entspricht dem litauischen kūpos; vgl. auch KršŽ II 197.

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Wörterbücher), vielleicht auch wegen des Genus pajūriai „Nehrung“, vgl. das Fr. Kuršaitis aus der lebendigen Sprache bekannte Genus: pajūrės, -ių, Subst. f. Pl. die Gegend am Meer (KrŽ II 287), vgl. Pajures, ū f. pl. die Gegend an der See, der Strand, die Nehrung (NšŽ 43).

§ 3. Das Verhältnis der genannten Bezeichnungen der (Kurischen) Nehrung Kōpos (Kopai) Kalnai, Pajūriai (Pajūrės) zu den gemeinsprachlichen Substantiven des Litauischen ist ganz klar: genauer gesagt, sind diese Wörter eher Gattungsnamen als Eigennamen (im Plural werden sie auch zur Bezeichnung der genannten Orte verwendet). Dasselbe ist wohl auch über die Form Randawos „die Nehrung“ bzw. randavos5 zu sagen. Es gibt gewisse Gründe für die Annahme, dass das Wort randavos von den „Kuršininkai“ selbst (den Bewohnern der Kurischen Nehrung6) gebildet worden sein dürfte: randavos hängt möglicherweise mit lett. randa „ein niedriger Heuschlag am Meere“7 (<*„Ufer“) < lit. rända bzw. est. randa „Ufer, Strand“ zusammen. Daher ist anzunehmen, dass das Wort der „Kuršininkai“ randavos ungefähr dasselbe bedeutet haben dürfte wie litauisch pajūriai „Strand, Nehrung“ (siehe oben); vgl. außerdem Fußnote Nr. 24. Zur Bildung des Wortes randavos vgl. lett. dumbrs „Sumpf“; lett. dumbrava „Morast“, lett. pane „Jauche“ (pruss. pannean „Moosbruch“): lett. peņava „Pfütze“, lit. salā: salava „Werder“ und dergleichen8. Die Form Randuwas (Kraž 363) unterscheidet sich von der Form Randawos im Wesentlichen wohl nur durch das Suffix -uw-9 (beide Formen stehen im Femininum Plural Nominativ). Somit bilden die oben (§ 2) erwähnten Bezeichnungen der Kurischen Nehrung Kalnai, Kōpos (Kopai), Pajūriai (Pajūrės), Randavos offenbar zwei semantische Gruppen: 1. „(Sand-)Höhen“ und 2. „(Meeres- oder Haff-)Küsten“ oder 1. Kalnai = Kōpos (Kopai) und 2. Pajūriai (Pajūrės) = Randavos (zu diesem Verhältnis sei interessant anzumerken, dass jene Wörterbücher des 17.–18. Jahrhunderts, die für die Kurische Nehrung die Form Kōpos nicht anführen, auch die Form Kalnai nicht verzeichnen, siehe B 942, CGL 124, KžŽ 144: sie enthalten lediglich Pajūriai und Randavos, selbstverständlich als Varianten, siehe § 2). Man muss annehmen, dass die Litauer die Kurische Nehrung kalnais ir pajūriais, „Berge und Küsten“, zu nennen pflegten, die Kuršininkai dagegen kopomis ir randavomis, „Dünen und Ufern“ (kopomis, vielleicht auch die Litauer und Preußen?)10.

§ 4. Das Wort Neringą sowie Neriją dürfte aus schriftlichen Quellen in die litauische Literatursprache gelangt sein (bzw. als Neubildung geschaffen worden sein). Die ursprüngliche Quelle von Neringos sowie Nerijos ist in den entsprechenden mittelalterlichen lateinischen und deutschen Urkunden zu suchen. In diesen Urkunden wird der Name der Nehrung in recht unterschiedlicher Weise geschrieben. Hier führe ich die wichtigsten Varianten des untersuchten Ortsnamens an, die aus Urkunden des Deutschen Ordens aus den Jahren 1235–1521 zusammengestellt wurden.

5 Zum Beispiel schreibt auch J. Endzelynas randavos (Gattungsname), siehe J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, 287, Rīgā, 1951.

6 Anmerkungen (und Literatur) zu den Bewohnern der Kurischen Nehrung siehe beispielsweise bei K. Morkūnas und A. Sabaliauskas, Kuršių Neringos žvejų lietuvių tarmė. — Lietuvių kalbotyros klausimai, 2, 132—135, Vilnius, 1959.

7 Zur lettischen Form randa und ihrer Herkunft siehe K. Mūlenbacha, Latviesu valodas vārdnīca, 3, 477, Rīgā, 1927—1929. Vgl. A. Leskien, Die Bildung der Nomina im Litauischen, 350, Leipzig, 1891.

8 Zur Wortbildung der letztgenannten Wörter siehe J. Endzelīns, op. cit., 286 u. a.; Pr. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, 379 u. a., Vilnius, 1943.

9 Zum Verhältnis der Suffixe -uw- und -av- siehe Pr. Skardžius, l. c.; J. Endzelīns, l.c.

10 Vgl. auch, dass es auf der Nehrung neben kuršininkischen auch litauische Ortsnamen gibt; siehe A. Bezzenberger, Die Kurische Nehrung und ihre Bewohner, 132—140, Stuttgart, 1889.

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Var. 1. Neria — „Neringa des Frischen Haffs“11: Neria (1235 m. PoU 42, 44), sowohl das neue Meer als auch Neriam (1251 m. CDP II 1, MHW I D 48), einen Teil von Nerie… die Küste von Nerie (1283 m. CDP I 176), zu dessen Zeit der vorgenannte Meister persönlich mit den Soldaten das Land betrat, mit einem Schiff ins Meer fuhr und an der nach Osten gewandten Küste in Neria ein Zeichen errichten ließ, wobei er befahl, dass die Netze des Klosters an der Weichsel nicht näher als bei jenem Zeichen ausgelegt werden sollten (1309 m. SRP I 712)12, für eine bestimmte Wiese in Neria (1309 m. SRP I 713), Wiesen in Neria (1309 m. SRP I 714), der Meister bestätigte daher die Rechte auf den Störfang bei Neria sowie auf das Fischen in der Weichsel und den anderen oben aufgeführten Gewässern (1309 m. SRP I 720), mit einer Wiese in Neria (1316 m. PUrk. II₁ 111), und einer Wiese in Neria (1316 m. l. c. 112), einen Teil von Nerie, der sich in Richtung Danzig erstreckt (1321 m. US II 138). — „Kurische Neringa“: achthundert Reiter aus Litauen [= Lietuva. — V. M.] drangen… über Neriam Curoniensem in das Samland ein (1283 m. SRP I 144), Bruder Conrad ließ, da er ein kluger und vorausschauender Mann war und bedachte, dass den Brüdern und dem Samland durch Ungläubige über Neriam, einen gewiss verborgenen Weg, großer Schaden und Gefahr drohen könnten, auf der genannten Neria am Ufer des Salzwassers eine Burg errichten, die Neuhaus genannt wird, damit die Litauer [= lietuviai. — V. M.] künftig nicht unvermutet in das Samland eindrängen (1283 m. l. c.), Mansto und Sudargus und andere Adlige aus Samogitien [= Žemaičiai, Žemaitija. — V. M.] drangen mit fünftausend Reitern bei der neuen Burg auf der Neria Curoniensi in das Samland ein und verwüsteten die Gebiete von Powundien und Rudau durch Feuer (1308 m. SRP I 174–175), ebenso einen dritten Teil der Nerie Curoniensis samt der angrenzenden Fischerei (1321 m. US II 138), da in jenen Grenzgebieten die Neria Curonica noch zwischen den Brüdern und der Kirche aufzuteilen war (1331 m. US II 192), ebenso einen dritten Teil der Nerie in Richtung Memel (1366 m. CDP II 123), Nerya in Richtung Memel (1366 m. CDP III 124.).

Var. 2. Nerey (Nerei) — „Aistmarių Neringa“13: Swentepolko et heredibus suis insulam, que vocatur Nerei, et sylvam in eadem insula comprehensam, necnon et harenas sitas juxta eandem insulam a flumine… concesserunt (1248 m. PU I₁ 148), an anderer Stelle desselben Dokuments jedoch: insula, que Nerie vocatur (1248 m. l. c.); insulam, que vocatur Nerey14 (1248 m. l. c. [paralleles Dokument]); in predicta silva15, que Nerey14 dicitur (1248 m. l. c. [im parallelen Dokument heißt es: insulam, que Nerie vocatur 1248 m. l. c.])16, in predicta parte sua nerei viam bestiis non precludat (1247 m. PU I₁ 138).

Var. 3. Nerie17—„Neringa des Frischen Haffs“: die Insel, die Nerie genannt wird (1248 m. PU I₁ 148), Danziger Nerie (1497 m. SRP V 210). — „Kurische Neringa“: die Kurische Nerie (1497 m. l. c.).

11 „Aistmarių Neringa“ bezeichnet hier und im Folgenden das, was auf Deutsch „Frische Nehrung“ bedeutet.

12 Vgl. Neria (1310 m., 1310 m., 1337 m. SRP V 607, 609, 614).

13 Nerey, Nerei bedeutet wahrscheinlich „Aistmarių Neringa“, vgl. G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen, 107, Berlin und Leipzig, 1922.

14 Var. Nerie Cop., siehe PU I₁ 148.

15 Silva ist der Wald der „insulae Nerey“ (der hier auch „insulae Nerey“ genannt wird).

16 In diesem Ordensdokument von 1248 schreibt Codex Diplomaticus Regni Poloniae et Magni Ducatus Lithuaniae, 4, 15, Vilnae, MDCCXIV in allen Fällen Neria.

17 Nerie ist Nominativ Singular.

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Var. 4. Nergia, Nergya — „Frisches Haff-Nehrung“: Nergia 9X [1258 CDP I 114—115, vgl. MHW I R 24 (16X US II 25—28)], Nergya 3X (1258 CDP I 114—115), Nergia [Var. Neria, Nerea (1258 US II 23)], et alterius Nergie terciam partem, que extendit versus Gdanzk (1322, die gesamte Wendung 2X, US II 152). — „Kurische Nehrung“: una cum tercia parte Nergie Curoniensis, que se extendit versus Memelam (1322, die gesamte Wendung 2X, US II 152), Nergia Curoniensis¹⁸ (1331 Us II 192).

Var. 5. Nerge, Nerye — „Frisches Haff-Nehrung“: uff der Nerye (1408 SRP III 290), uf dy Nerye (1410 SRP III 320), zcu dem Stuthoffe uf der Nerge (1465 SRP V 243). — „Kurische Nehrung“: von Littouwin durch ir erge ubir di kürische Nerge (um 1340 SRP I 508), ûf der kürschin Nerge vart (um 1340 l. c.), und zugen durch ir erge ob di Kürsche nerge in zu Samelande (SRP I 572), Czüm ersten nachtleger Rossiten; von dannen ken Wintburg vff der Nerge (1387 SRP II 665), uff der Nerge (1465 SRP V 252), uf der Nerge (1465 SRP V 243).

Var. 6. Nerige, Neriga — „Frisches Haff-Nehrung“: Nerige (1390 CDP IV 114), et in Insulam majorem et in Nerigam (1440 SRP III 398), uff der Nerige (1465 SRP V 244), uff die Nerige (1465 SRP V 258), uf die Nerige (1465 SRP V 252).

Var. 7. Neringe — „Frisches Haff-Nehrung“: uffir Nerynge (1453 SRP III 486), under die Neringe (1458 SRP IV 556), auf der Nerynge (1497 SRP V 501), in der Neringe (1507 SRP V 456), der Neringe halben (1508 SRP V 457), umb der Nerynge halben (1512 SRP V 462), auf dy Nerynge (1521 SRP V 514); Neringen: uff der Neringen [Var. Nerige] zcu halden (1465 SRP IV 619), uff der Neringen 2X (1465 SRP IV 620, 627).

Var. 8. Nerunge — „Frisches Haff-Nehrung“: uff der Nerunge (1455 SRP IV 516), an die Nerunge (1457 SRP IV 546), die Nerunge (1464 SRP IV 611), uff der Nerunge (1465 SRP IV 623), langst die Nerunge (1490 SRP IV 781), auf die Nerunge (1518 SRP V 530), langest die Nerunge (1520 SRP V 533); Nerungen: uff der Nerungen [Var. Nerige] (1465 SRP IV 624).

Var. 9. Nerung, Neerung — „Frisches Haff-Nehrung“: uff der Nerung [Var. Nerige] und im Fisch auschen Werder (1466 SRP IV 629), Die Nerung (1497 SRP V 447), von der Nerungk (1501 SRP V 453), an die Nerungk (1511 SRP V 462), in der Neerung... in der Neerunge (1516 SRP V 476), in die Nehrung (1515 SRP V 473).

§ 5. Das hier vorgelegte Quellenmaterial aus Dokumenten der Jahre 1235—1521, das beide Nehrungen betrifft, lässt sich in folgender chronologischer Schlussfolgerung zusammenfassen:

„Frisches Haff-Nehrung“

1. Neria, 1235—1331 (lat.¹⁹)

2. Nerey (Nerei) 1247—1248 (lat.)

3. Nerie 1248—1497 (lat., dt.¹⁹)

„Kurische Nehrung“

1. Neria Curoniensis 1283—1366 (lat.)

2..........

3. Kęwrische Nerie 1497 (dt.)

18 Vgl. die Beugungsform Neria Curonica in einem parallelen Dokument (1331 l. c., d. h. US II 192).

19 Die Abkürzungen lat., dt. bedeuten, dass das Wort in lateinisch bzw. deutsch verfassten Dokumenten gefunden wurde.

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4. Nergia, Nergya 1258—1366 n. Chr. (lat.)

4. Nergia Curoniensis 1322—1331 n. Chr. (lat.)

5. Nerge, Nerve 1410—1465 n. Chr. (dt.)

5. Kurische Nerge 1340—1465 n. Chr. (dt.)

6. Nerige, Neriga 1390—1465 n. Chr. (dt., lat.)

6..................

7. Neringe 1453—1521 n. Chr. (dt.)

7..................

8. Nerunge 1455—1520 n. Chr. (dt.)

8..................

9. Nerung 1466—1511 n. Chr. (dt.)

9..................

10. Neerung, Nehrung 1515—1516 n. Chr. (dt.)

10..................

§ 6. Wie wir sehen, finden wir in den erwähnten Urkunden des Deutschen Ordens wesentlich mehr Belege für den Namen der Haff-Nehrung als für den Namen der Kurischen Nehrung (der Orden hatte nämlich gerade mit der Haff-Nehrung mehr zu tun). Für die Kurische Nehrung ergeben sich in den von mir durchgesehenen Urkunden nicht einmal Belege für die Varianten 2, 6—9, siehe § 4, vgl. § 5, Nr. 2, 6—9 (das bedeutet natürlich keineswegs, dass diese Varianten nicht verwendet wurden), obwohl sich die gefundenen Formen des Namens der Kurischen Nehrung Neria, Nerïe, Nergia, Nerge (siehe § 4, Var. 1, 3—5, vgl. § 5, Nr. 1, 3—5) nicht von den entsprechenden Formen des Namens der Haff-Nehrung unterscheiden. Der Unterschied zwischen den Namen dieser beiden Nehrungen besteht lediglich darin, dass die Kurische Nehrung gewöhnlich (abgesehen von den Fällen, in denen sie im selben Dokument wiederholt wird u. Ä.) mit dem Beiwort „kurisch“ geschrieben wird (—Neria Curoniensis, Kürische Nerge und Ähnliches), während die Haff-Nehrung (mindestens bis zur Mitte des 13.—15. Jh.) kein ähnlich beständiges Beiwort hat (—Neria, Nerïe und Ähnliches). Außerdem werden diese beiden Nehrungen in den Ordensurkunden auch auf folgende Weise unterschieden, vgl. postulamus et petimus terciam partem Nergie se versus Gedanczk extendentis: Item terciam partem Nerie versus memlam (1366 CDP III 123); aus diesem Grund wird die Haff-Nehrung einmal (nach den mir vorliegenden Belegen) Dantzker Nerie genannt (allerdings erst Ende des 15. Jh.; 1497 SRP V 210).

§ 7. Neria Curoniensis (NB mit dem Beiwort Curoniensis u. Ä.) erscheint in den Urkunden erstmals erst gegen Ende des 13. Jh. (1283²⁰ SRP I 144); etwa zur selben Zeit finden wir in den Urkunden erstmals dasselbe Beiwort auch für das Kurische Haff — stagnum Curoniense (1303²⁰ SRP I 169), das kürische hab (1303 SRP I 565), stagnum Curonicum (1331 US II 192), mare Curonicum (1331 ebd.), a mari Curonico (1366 CDP III 123), außerdem (im selben Dokument) auch recentis maris Curonici (1366 ebd.) und Ähnliches. Während die Kurische Nehrung in den Ordensurkunden vom Ende des 13. bis zum Anfang des 14. Jh. (und auch später) gewöhnlich nur mit dem Beiwort „kurisch“ geschrieben wird, d. h. als Neria Curoniensis und Ähnliches, wird das Kurische Haff in den Urkunden derselben Zeit noch häufig als recens stagnum (1321 US II 138) und Ähnliches bezeichnet, vgl. das vrische hab (LR versus 3830, 3980). Das erwähnte Beiwort Curoniensis (Kürische u. Ä.) für die Kurische Nehrung ebenso wie für das Kurische Haff dürfte seinerzeit dem Bistum Kurland entlehnt worden sein—

²⁰ Dieses Datum wird (nach den Herausgebern von SRP) mit einer Ungenauigkeit angegeben (die hier allerdings offenbar unerheblich ist): Das Werk „Chronicon terre Prussie“ von Dusburg (Petrus de Dusburg) wurde offenbar 1326 verfasst (genauer gesagt, wurde Dusburgs Chronik in diesem Jahr dem Ordensmeister gewidmet — geschrieben wurde sie möglicherweise schon früher).

20. Kalbotyros klausimai, III

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Füße (vgl. Curonia, dioecesis Curoniensis 1237 m. Biel. Gr. 422) des Namens21, vgl. „das vorbeschreiben lant vnd wiltnisse mit dem grossen v rischen habe ist und wirt geheysen, hehalden vnd genant nach dem bischtom vnd der kirchen czu Kurlant vnd hot den namen Kurlant vnd Kurche hap (SRP II 110). Die Kurische Nehrung konnte ihre Bestimmung „kurisch“ nicht vom Namen des Kurischen Haffs (mare Curonicum [1331 m. US II 192] u. a.) erhalten haben, wogegen unter anderem auch spricht, dass in den alten Ordensurkunden die Toponyme der beiden hier untersuchten Nehrungen nicht mit dem Kurischen Haff und dem Frischen Haff in Verbindung gebracht werden, vgl. Item terciam partem Nerie Curoniensis cum piscatura adiacente et terciam partem Nerie, que se versus Danzk extendit, cum utraque piscatura tam salsi maris quam recentis stagni episcopus et capitulum repetunt et requirunt (1321 m. US II 138), extra Sambiam postulamus et petimus terciam partem Nergie se versus Gedanczk extendentis: Item terciam partem Nerie versus memlam (1366 m. CDP III 123). Daher ist anzunehmen, dass die Schreiber des Ordens (der Kreuzritter, siehe unten) die Bestimmung Neria Curoniensis und mare Curonicum (stagnum Curoniense u. a.) Curoniensis,-e (Kürische u. a.) den Ortsnamen erst verliehen haben, nachdem die Grenzen des livländischen Bistums Kurland an die Kurische Nehrung und das Kurische Haff, das heißt an Memel, herangerückt waren. Zum Teil des Bistums Kurland wurde die Gegend um Memel tatsächlich nach 1252, als der Schwertbrüderorden in Memel seine Burg errichtete (genauer gesagt, 1252 wurde der Bau beschlossen22). Der Deutsche Orden, der die preußischen Länder unterwarf, rückte von Süden an das Kurische Haff heran, an dessen Ufern er sich ebenfalls seit Beginn der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts endgültig festsetzte.

§ 8. Eine bedeutsame Tatsache ist, dass die Schwertbrüder (die offenbar früher als die Kreuzritter die Kurische Nehrung und das Kurische Haff erreichten) im Jahr 1256, als sie über die Kurische Nehrung nach Samland zogen, um den Kreuzrittern bei der Niederschlagung des samländischen Aufstands zu helfen, und auf dem Rückweg, den später in den Ordensurkunden erwähnten Namen der Kurischen Nehrung noch nicht kannten: In der Livländischen Reimchronik heißt es, sie seien „bi des meres strant“ unterwegs (LR versus 4073; siehe auch LR versus 3953—3960, 4070—4073, vgl. SRP I 631, 632). Der flämische Reisende Gilbert de Lannroy (geb. 1386), der 1413 durch dieselben Gegenden reiste, bezeichnet die Kurische Nehrung mit dem deutschen (niederdeutschen „plattdeutsch“23) Namen Strang (= strant LR versus 4073)24: et coste on la mer a main senestre en cheminant de Keuniczeberghe et a la main dextre une autre grosse riviere, et nomme l’on ce chemin le Strang (1413 n. Chr. SRP III 445), quant on a passe outre le dit Strang, on entre ou pais de Samette; mais on treuve bien douce lieues de desertes solitudes sans trouver quelque trace de humaine habita-

21 Vgl. V. Diederichs, — Magazin, herausgegeben von der Lettisch-Litterarischen Gesellschaft, 17 (1), 7, Mitau (1883); A. Bezzenberger, Über die Sprache der preussischen Letten, 137, Göttingen, 1888; J. Endzelīns, Par kurseniekiem un viņu valodu, 6 (Abdruck aus „Burnickes“ 1931, 1202—8).

22 Siehe E. Joachim-W. Hubatsch, Regesta historico-diplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum 1198—1525. Pars II (Regesta Privilegiorum Ordinis S. Mariae Theutonicorum), 17, Göttingen, 1948.

23 Žr. A. Bezzenberger, Die Kurische Nehrung und ihre Bewohner, 22, Stuttgart, 1889.

24 „bi des meres stranz“ (1256 n. Chr. LR versus 4073); Strang 3X (1413 n. Chr. SRP III 445—446), vgl. mit lit. pajūriai (B 942, CGL II 124, KžŽ 144) ≈ randavas (B 942, CGL II 124) „(Kurische) Nehrung“ (siehe § 3).

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cion, tou(s)jours costyant la mer a la main dextre; et est nomme ce dit desert le Strang de Letaeou, non obstant ce que c’est du pais de Sammette (1413 n. Chr., a. a. O., 445—446); daraus ersehen wir, dass der Name Neria Curoniensis (Kürsche Nerge usw.) selbst zu Beginn des 15. Jahrhunderts noch nicht weit verbreitet war (in der deutschen Sprache). Es gibt somit Grund zu der Annahme, dass Neria Curoniensis (und ihre übrigen Varianten) tatsächlich erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden sein dürfte (was auch durch die deutschen Schriften jener Zeit bestätigt wird, siehe § 7). Der Name Neria Curoniensis erscheint nämlich in den Urkunden der Kreuzritter (nicht der Schwertbrüder). Daher ist angesichts all dessen, was oben gesagt wurde (insbesondere § 6—Neria „Nehrung des Frischen Haffs“: Neria Curoniensis „Kurische Nehrung“), anzunehmen, dass zunächst nur die „Nehrung des Frischen Haffs“ Neria genannt wurde (= pruß. *Nerjā, siehe § 15) (das heißt, Neria bedeutete nur „Nehrung des Frischen Haffs“), während den Namen Neria Curoniensis (bzw. Kürsche Nerge usw.) für die Kurische Nehrung in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Angehörigen des Deutschen Ordens selbst (der sich endgültig in der Nähe des Bistums Kurland, am Kurischen Haff, und somit auch bei der Kurischen Nehrung festgesetzt hatte) gebildet haben dürften, indem sie sich an Neria „Nehrung des Frischen Haffs“ orientierten und zum selben Namen Neria („Nehrung des Frischen Haffs“) das Beiwort Curoniensis²⁵ hinzufügten; vgl. das Verhältnis Neria „Nehrung des Frischen Haffs“: Neria Curoniensis „Kurische Nehrung“ mit recens mare (1234 n. Chr. SRP I 60, vgl. die Chronik Jeroschins SRP I 358: daz vrische hab) „Frisches Haff“: daz vrische hab (1256 n. Chr. LR versus 3830, vgl. die Jeroschin-Chronik SRP I 630) „Kurisches Haff“ > recens mare Curonicum (1366 n. Chr. CDP III 123) > mare Curonicum (1331 n. Chr. US II 192; 1366 n. Chr. CDP III 123). Mit den Schlussfolgerungen dieses Paragraphen ist offenbar auch die Tatsache zu erklären, warum die Mundarten der westlichen und preußischen Litauer sowie der Fischer auf der Nehrung Nerija bzw. Neringa nicht kennen (siehe § 1—2)²⁶, und auch das Fehlen der Bezeichnung „kurisch“ im Namen Kurisches Haff (mare, -rių, Subst. f. Pl. 1. das kurische Haff²⁷; 2. jeder grössere Binnensee KrŠž II 243, vgl. jürios und jūrės, -ių, Subst. fem. Pl. die See, das Meer, vorzugsweise die Ostsee KrŠž II 157, siehe NsŽ 383, 43; usw.).

§ 9. Die erwähnten Formen Nergia, Nergya (§ 4 Var. 4), Nerge, Nerye (§ 4 Var. 5) und Nerge (Neriga) (§ 4, Var. 6) sind nichts anderes als dieselbe Neria der im 13.—14. Jahrhundert lateinisch verfassten Urkunden (=Nerie²⁸ § 4 Var. 3). Die Formen Neria = Nergia = Nergya = Nerie = Nerge = Neriga dürften dreisilbig gewesen sein, während Nerge = Nerye zweisilbig war und aus der ersten, dreisilbigen Form hervorging²⁹; vgl. Marienburg und Mergenburg. Die Schreibung des Buchstabens -g- anstelle von -j- (bzw. -ij-) in den genannten Fällen

25 Vgl. auch A. Bezzenberger, a. a. O.

26 Auch der Reisende J. A. von Brand, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Kurische Nehrung bereiste und sie beschrieb (1674), hat den Namen Neringa (d. h. dt. Nehrung oder Ähnliches) nicht angeführt (siehe Johan-Arnholde von Brand, REISEN durch die Marck Brandenburg, Preussen, Churland, Liefland, Plesscovien, Gross-Naugardien, Tweerien und Moscovien, 48—49, Wesel, 1702). Diese Tatsache deutet möglicherweise darauf hin, dass selbst die deutsche Form des Namens der Nehrung (Nehrung oder Ähnliches) den damaligen Einheimischen (auch jenen, die Deutsch verstanden oder sprachen) ungebräuchlich (bzw. unbekannt) war.

27 Zur Bedeutung von „Haff“ für marių vgl. entsprechende illyrische Sprachbelege, siehe H. Krahe, Baltico—Illyrica. — Festschrift für Max Vasmer zum 70 Geburtstag, 247, Berlin, 1956.

28 Zu Neria→Nerie (Nom. Sg.) vgl. H. Paul, Deutsche Grammatik, 2 Band, 3 Teil, 154 § 107, Halle (Saale), 1954.

29 Vgl. R. Ekblom, Der Ordensdeutsche Ortsname Nerge „Nchrung“ ein nordgermanisches Lehnwort. — „Språkvetenskapliga Sällskapets i Uppsala Förhandlingar“, 152, Uppsala (1946—1948).

307

spiegelt eine entsprechende Tatsache der mittelhochdeutschen Aussprache wider (vor Vorderzungenvokalen, besonders nach den Liquiden l, r, wird statt i g geschrieben)³⁰; vgl. die damaligen deutschen Formen historge = historie (< lat. historia), vigilge = vigilie (< lat. vigilia), Mergenburg (1416, CEV 1029), Margenburg (1392, SRP II 651), Margenburch (SRP II 162, 165), Mergenburgk i. e. castrum sancte Marie (1280, SRP I 142) Marienburg (1350, SRP II 515, 691); Mergenwerden (um 1340, SRP I 355), Mergenwerdir (a. a. O. 354), Merginwerdir (a. a. O.) Merienwerder (1391, SRP II 268), Marienwerdir (1390, a. a. O.), Insula sancte Marie (1279, SRP I 120); Gilge (1393, SRP II 673), Gilga (1352, SRP II 517, 656) = lit. Gilija. Vergleichen lässt sich auch die Schreibweise unseres Flusses Nėris (Nerìes, Nėri) in den damaligen Urkunden: Var. 1. Nerge (Nerga): vlize Nerge (um 1340, SRP I 539), Nerge (1372, SRP II 101), uff der Nerge bey Kawen (1384, SRP V 224), vf der Nerge (1384, SRP III 130), obir dy Nerge (1385, SRP II 695), bi der Nerge (1385, SRP II 696), dy Nerge (1385, II 700), dy Nerge 2X (1385, SRP II 694), vf die Nerge [var. Nerye] (1386, SRP II 686), vassir Nerge (1409, CEV 173); circa Nerge (1373, SRP II 104), fluvii Nerge (SRP III 137), vada Nerge (1385, SRP III 139), vada Nerge et Memele (1385, SRP III 138), a Nerga (1361, SRP II 531), prope Nergam (1362, SRP II 532), prope Nergam (1362, SRP II 533), contra Nergam sitam (1362, SRP II 537), prope Nergam (1364, SRP II 543), juxta Nergam (1364, SRP II 642), juxta Nergam 2X (1365, SRP II 552, 553), usque Nergam (1377, SRP II 590), prope Nergam (1379, SRP II 591), in Nerga (1379, SRP II 597), ad Nergam (1379, SRP II 601), Nergam 2X (1382, SRP II 619), ad Nergam (1382, SRP II 622), venit in Nergam (1383, SRP II 623), ad Nergam (1385, SRP II 624), venit ad Nergam (1385, SRP II 632), venit ad Nergam (1388, SRP II 634), proficiscitur… per Nergam in Lithwaniam (1390, SRP II 641), trans Nergam (1390, SRP II 643), venientes ad Nergam (1393, SRP II 652), Nergam 3X (im letzten Jahrzehnt des 14. Jh., SRP 659). Var. 2. Nerye: Nerye (1377, SRP III 106), uf der Nerye (1384, SRP III 135), von der Neryen kele (1385, SRP II 694), uf der Nerye… uf die Nerye (1385, SRP III 138), syt der Nerye… ober die Nerye (1388, SRP III 154), uff der Nerye (1390, SRP III 165), obir die Nerye (1391, SRP III 172), bie der Nerye (1396, SRP II 692), uff der Nerye (1401, SRP III 247), bie der Nerye (1401, SRP III 254), uf der Nerye (1402, SRP III 159), uf dy Nerye… die Nerye… syten der Nerye (1402, SRP III 258), uff der Nerye (1404, SRP III 272). Var. 3. Nerie: die Nerie in die Memel fellet (1409, CEV 3 und S. 1384). Var. 4. Nerea: vadum per Neream (1402, SRP III 258). Var. 5. Nerryne: flumen vulgariter Nerryne (1365, SRP II 550). Var. 6. Nare: a fluvio Nare (1294—1300, SRP I 159). Var. 7. Nyeriz, Nieriz (1237, Biel. Gr. 422, 106, 107).

§ 10. Die Form Nerey (vgl. § 4, Var. 2) steht zu Neria in einem ähnlichen Verhältnis wie pruß. Wilkey (1261, PÜ II 114), Wilkeye (1450)³¹ zu lit. Vilkija³², wobei zu berücksichtigen ist, dass im 13. Jh.

³⁰ Žr. H. Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik, 33, Halle (Saale) 1953; B. M. Жирмунский, Немецкая диалектология, 285, Москва — Ленинград, 1956.

³¹ Žr. G. Gerullis, op. cit. 201.

³² Plg. l. c.

308

Zu Beginn werden prußische Ortsnamen von Ordensschreibern nicht genau aufgezeichnet (siehe § 11 dieses Artikels)33. Somit ist Nerey höchstwahrscheinlich aus *Nereye hervorgegangen, das zu Nerea (Variante neben Nergia, 1258, US II 23) in demselben Verhältnis steht wie Nerie34 (siehe § 4, Variante 3) = zu Nerige (§ 4, Variante 6), mit Neria = Neriga (§ 4, Variante 6), das heißt *Nereje (≈ Nerie): *Nereja (≈ Neria). Vgl. den žemaitischen Fluss Notiją = Nateye (1253, LU I 327)35. Aus *Nereje beziehungsweise *Nereja (= Nerea, siehe US II 23) ist auch poln. Nicrzeja „Nehrung“36 entstanden, später (nach mierzą) zu Mierzeja umgebildet. Das Geschlechtsformans *Nereje = *Nereja mit -ej- anstelle von -ij- dürfte eine sprachliche Tatsache des damaligen Deutschen oder Prußischen sein, die auf die Breite von -i- hinweist. Folglich weisen sowohl Nerey als auch poln. Nierzeja höchstwahrscheinlich auf dieselbe Quelle hin — Neria, Nerie und dergleichen.

§ 11. Das oben angeführte Material (§ 4, Var. 1—9) aus Urkunden des 13.—16. Jahrhunderts zeigt recht deutlich, dass es zwei Hauptformen des Namens der Neringa gab (die des Frischen Haffs und die der Kurischen Nehrung): 1. Neria (Var. Nerey, Nerie, Nergia, Nerge, Nerige usw.) und 2. Neringe: Nerunge (Var. Nerung usw.). Die Form Neria ist älter als Neringe: Nerunge, denn Neringe: Nerunge ist erst seit dem 15. Jahrhundert belegt, während in den Schriften des 13.—14. Jahrhunderts nur Neria vorkommt (natürlich zusammen mit ihren anderen Varianten, vgl. § 4); sie findet sich zudem auch später (in Urkunden des 15. Jahrhunderts, vgl. § 4, Var. 3, 5, 6). Es ist darauf hinzuweisen, dass deutsche Chroniken und ähnliche Schriften vor Beginn des 14. Jahrhunderts gewöhnlich in lateinischer Sprache verfasst wurden, während sich vom 14. Jahrhundert an zunehmend die Sprache deutscher Dialekte durchsetzt37. Dasselbe gilt auch für die Urkunden des Deutschen Ordens. Obwohl die Urkunden des Ordens sowohl vor 1300 als auch später gewöhnlich von Deutschen (Vertretern verschiedener Dialekte) geschrieben wurden, fällt die Durchsetzung der deutschen Sprache in den Schriften der Kreuzritter ab dem 14. Jahrhundert verdächtig genau mit dem späteren Auftreten der Form Neringe:Nerunge im Vergleich zu Neria zusammen. Außerdem erscheint Neria, seit dem 13. Jahrhundert, in lateinischen Schriften (von dort gelangte sie in verschiedenen Varianten auch in deutsche Texte), während Neringe: Nerunge seit der Mitte des 15. Jahrhunderts nur in deutschsprachigen Urkunden auftritt. Daher lässt sich vermuten, dass Neringe anstelle von Nerie, Nerge (= Neria) vielleicht das -n- aus dem Munde der Ordensschreiber übernommen hat (siehe unten). Diese Auffassung wird außerdem dadurch gestützt, dass „nach 1450, z. T. auch schon vorher, hat man in immer steigendem Masse das Gefühl, die Namen sind zwar preussischen Ursprungs, werden aber als solche kaum noch empfunden. Sie machen sogar, wie wir sehen werden, deutsche Lautveränderungen mit, d. h. sie entwickeln sich allmählich zu den jetzigen germanisierten O. N. des ehemaligen preussischen Sprachgebiets. Kurz, bei der grammatischen Behandlung der preussischen O. N. ist immer wieder auch das Deutsche zur Erklärung heranzuziehen“38. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurden prußische Ortsnamen in den Aufzeichnungen des Ordens noch nicht ganz korrekt wiedergegeben39,— am genauesten werden sie gegen Ende des 13. Jahrhunderts aufgezeichnet39. Die im Lateinischen aufgezeichnete Form des Namens Neringa am Ende des 13. Jahrhunderts lautet Neria (nur diese, nicht aber Neringe: Nerunge,

33 Plg. l. c., 213.

34 Die Endung -e < -a, vgl. Anmerkung Nr. 28.

35 Plg. K. Būga, Upių vardų studijos ir aisčių bei slavėnų senovė. — „Tauta ir žodis“, 1, 32, Kaunas, 1923; Biel. Gr. 235; V. Kiparsky, Die Kurenfrage. — Suomalaisen Tiedeakatemian Toimituksia, 42 (ser. B), 129, Helsinki, 1939.

36 Plg. ir R. Ekblom, op. cit.

37 Žr. H. Paul, Deutsche Grammatik, 1, 120, Halle (Saale), 1955.

38 G. Gerullis, op. cit., 213.

39 l. c.

309

vermutlich der lebendigen prußischen Sprache bekannt gewesen sein dürfte (vgl. § 15). Neringe und Nerunge erscheinen in den Ordensurkunden erstmals gerade nach 1450: Neringe — im Jahr 1453 (siehe § 4 Var. 7), Nerunge — im Jahr 1455 (siehe § 4 Var. 8).

§ 12. Die Varianten des lateinischen Neria (eingedeutscht) Nerge, Nerye, Nerige usw. haben in Präpositionalkonstruktionen meinen Belegen zufolge nicht die (deutsche) Dativendung -n; bei der entstandenen Form Neringe: Nerunge begegnet uns jedoch auch der Dativ mit -n41: uf der Neringen (1465, siehe § 4 Var. 7), uf der Nerungen (1465, siehe § 4 Var. 8), obwohl daneben steht: uffir Neringe (1453, siehe § 4, Var. 7), uff der Nerunge (1455, siehe § 4, Var. 8). Wenn Nerge, Nerige und andere ähnliche Varianten ihre „starke“ deutsche Deklination zeigen, so begegnen bei Neringen (Dativ Sg.), Nerungen (Dativ Sg.), Neringe (auch Dativ Sg.) und Nerunge (auch Dativ Sg.) sowohl die „schwache“ als auch die „starke“ Deklination. Die „schwach“ deklinierten Formen des Namens Neringa erscheinen also erst in der Mitte des 15. Jahrhunderts, d. h. zu der Zeit, als auch die eingedeutschten Formanten von Neringa -ing-: -ung- (NB mit -n) auftreten.

§ 13. Man rodos, gana reikšmingas faktas yra tai, kad Johano Lindau’o kronikoje esančioms lytims Neringe(n) — Nerung(e)(n) šios kronikos kitame kodekse (t. y. Gdansko — Dancingo kodekso, kurį SRP leidėjai sutrumpintai žymi raide D, ištraukoje) pateikiama (kaip variantinė lytis) Nerige (NB ne Nerge ar pan.)⁴², t. y. lytims Neringen (vns. naud. 1465 m. SRP IV 619), Nerungen (vns. naud. 1465 m., SRP IV 624), Nerung (vns. naud. 1466 m. SRP IV 629) variantinė lytis yra Nerige (D. 2 — SRP IV 619, 624, 629) [NB ne Nerge ir pan.]. Galima spėti, kad triskiemenės lyties Nerige (≈ Neria ir pan., žr. aukščiau) formantas -ige savo laiku bus imtas fonetiškai vertinti taip, kaip ir formantas -ig(e), pvz., šiais atvejais: Venedig < Venedige (< Venetia), vok. Käfig „narvas“ Kefige, keuje (< lot. cavea), vok. Mennig(e) < lot. minium ir pan. ⁴³ Priesagos -ing(e): -ung(e)44 daiktavardžių resp. vietovardžių (tokios priesagos tikrinių vardų pažįstama vokiečiams gana daug⁴⁵) pavyzdžiu pačiu vokiečių lūpose, būtent, apie XV a. vidurį (kada ir prasideda intensyvus prūsų vietovardžių vokietinimas, žr. aukščiau) minėta triskiemenė lytis Nerige savo formanto -ige atžvilgiu, gal būt, ir galėjo būti perdirbta į Neringe („stiprusis“ linksniavimas) bei Neringe(n) („silpnasis“ linksniavimas): Nerung(e) („stiprusis“ linksniavimas) bei Nerunge(n) („silpnasis“ linksniavimas)⁴⁶. Šiam, man rodos, pagrindiniam,

40 Zum häufigen Gebrauch des Dativs bei deutschen Ortsnamen (namentlich in Präpositionalkonstruktionen; die Dativform beeinflusste hier in bestimmten Fällen sogar die Nominativform) vgl. H. Paul, op. cit., 2, 160—163.

Die Formen der („schwachen“ Deklination) Neringen: Nerungen (d. h. mit -n!), die ich im selben Dokument (der Chronik Johann Lindau’s, SRP IV, 490—637) gefunden habe, stehen im Dativ (d. h. in einer Präpositionalkonstruktion).41

42 Das Geschlecht Nerige: Neriga habe ich in Dokumenten aus den Jahren 1390–1465 gefunden.

43 Zu diesen Beispielen siehe H. Paul, op. cit., 1, 305—306.

44 Zur Endung -ing: -ung siehe H. Paul, op. cit., 5, 64—66; zum Parallelismus der Endungen -ing und -ung vgl. die Tatsache, dass z. B. Ner-ing-en (Dativ Singular, 1465, SRP IV 619): Ner-ung-en (Dativ Singular, 1465, SRP IV 624): Nerunge (Dativ Singular, 1465, SRP 623): Ner-ung (Dativ Singular, 1465, SRP IV 629) im selben Dokument verwendet werden.

45 Vgl. H. Paul, op. cit. 5, 64.

46 Außerdem lässt sich vermuten, dass das Geschlecht Nerige neben der „starken“ Deklination vielleicht (Mitte des 15. Jahrhunderts?) gelegentlich auch Fälle der „schwachen“ Deklination aufwies (vielleicht vgl.

310

Der Faktor wird vielleicht auch durch ein bestimmtes Verhältnis der Suffixe -ig(e): -ing(e) beeinflusst worden sein, wie wir es beispielsweise in folgenden Namensparallelen finden: Hartig: Harting, Tausig: Tausing, Lumig: Luming usw. 47

§ 14. Wie auch immer die Form Neringe: Nerung(e) anstelle beziehungsweise neben der älteren Form (siehe § 11) Neria (Nerge und dergleichen) entstanden sein mag, eines scheint jedoch wahrscheinlich: Zur Entstehung von Neringe: Nerung(e) werden die Ordensdeutschen selbst beigetragen haben. Wie bereits erwähnt, erscheint der Name Neria, der „Nehrung des Frischen Haffs“ bedeutet, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts; aus derselben Form Neria wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit dem Beiwort Curoniensis (Kürsche und dergleichen) der Name Neria Curoniensis „Kurische Nehrung“ gebildet (siehe § 7—§ 8). Und erst ab der Mitte des 15. Jahrhunderts tritt Neringe: Nerung(e) auf (siehe § 11). Wenn die Form Neria (Nerge und dergleichen) in den Ordensdokumenten „Nehrung des Frischen Haffs“ offenbar eine Tatsache der lebendigen prußischen Sprache widerspiegelt — pruß. *Nerijā (vermutlich; siehe § 15) —, so können wir das von der Form Neringe: Nerung(e) nicht sagen; anders ausgedrückt, es gibt keinen Grund, die prußische Form *Neringā (??)⁴⁸ zu rekonstruieren. Zwar waren den Prußen (wie allen Balten) sowohl Ortsnamen (beziehungsweise Namenwörter) mit den Suffixen -ij- als auch mit -(i)ng- gut bekannt; doch bei prußischen Ortsnamen (Hydronymen und anderen Toponymen) mit -ij- und -(i)ng-, die in den Ordensschriften des 13.—14. Jahrhunderts belegt sind und im Deutschen bis in jüngste Zeit erhalten blieben, ist das Suffix -ij- regelmäßig nicht durch das Suffix -(i)ng- ersetzt worden (und umgekehrt)⁴⁹; vgl. Seria (1388) = in jüngerer Zeit (=spätere ZeitSorge⁵⁰, Warnye (1341) = spätere Zeit Warnien⁵¹, Wilkey (1261)= spätere Zeit Wilkie⁵², Berring (1340) = spätere Zeit Berting-See⁵³, Ising (1354)= spätere Zeit Eissing-See⁵⁴, Seringe (1331—35): Serung (1415) = spätere Zeit Sarong-See⁵⁵ und viele weitere. Schließlich ist noch zu erwähnen, dass zur Umformung der Form Neria in den Ordensdokumenten (=pruß. *Nerijā, vermutlich; siehe § 15) ≈ Nerige (wie oben angenommen, siehe § 11—13) vermutlich auch der Umstand beigetragen haben dürfte, dass Neria (und ihre übrigen Varianten) im 13.—15. Jahrhundert (vielleicht auch niemals) weder ein Hydronym noch der Name eines Feldes, einer Siedlung oder einer Stadt und dergleichen war, sondern der Name einer Landschaft (Landstrich), zwar eines vergleichsweise kleinen Gebiets (in dem wir jedoch mehr als eine Siedlung finden); denn aufgrund der letztgenannten Umstände war die Form Neria ≈ Nerige in den Ordensschriften meines Erachtens gerade weniger vor entsprechenden lautlichen und morphologischen Veränderungen geschützt.

Nergien-, und zwar im Kompositum Nergienort? 1258, US II 27), wodurch die erwähnte Umformung der Form Nerige zu Neringe(n) offenbar noch erleichtert worden wäre; denn -igen (*Ner-igen) konnte in deutschen Dialekten auch als -iṇ ausgesprochen werden, doch konnte in den Dialekten auch -ing(e) ungefähr so (d. h. als -iṇ) ausgesprochen werden (vgl. *Nerigen = Nering(e)); vgl. H. Paul, op. cit., 1, 305 (Anm. 4), 300; vgl. ferner A. Weller, Die Sprache in den ältesten deutschen Urkunden des deutschen Ordens, 81, Breslau, 1911. Vielleicht verhält sich die Schreibweise der Formen im lateinischen Dokument Nedighen (1253, LU I 321) und im deutschen (parallelen) Dokument Nedingen (1253, LU I 322) ähnlich.

47Das Verhältnis dieser letztgenannten deutschen Namen beruht auf dem Ausfall beziehungsweise Erhalt des Nasals; siehe H. Paul, op. cit. 1, 370–372; 5, 64.

48Eine solche Form, d. h. pruß. *Neringā, rekonstruieren die Sprachwissenschaftler ebenfalls nicht.

49Außerdem wird dasselbe toponymische Objekt bei den Prußen (wie auch bei den anderen Balten) nicht zuerst mit einem Suffix -ij- und später mit einem Suffix -(i)ng- (oder umgekehrt) bezeichnet.

50Siehe G. Gerullis, op. cit. 155.

51a. a. O., 197.

52a. a. O., 201.

53a. a. O., 20.

54a. a. O., 50.

55a. a. O., 155–156.

311

Es ist also schwer zu glauben, dass die Prußen (d. h. gerade sie), die seit dem 13. Jahrhundert die „Kurische Nehrung des Frischen Haffs“ mit der Form Neria bezeichnet hatten (der damaligen Form in den Ordensurkunden), diese Orte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts mit dem Namen Neringe (: Nerunge) bezeichnet haben sollten. Man muss also annehmen, dass die Form Neria zur Form Neringe [:Nerung(e)] steht wie eine ältere Form zu einer neueren [offenbar einer umgebildeten deutschen, vielleicht aus Nerige (≈ Neria…) entstandenen] Form.

§ 15. Die Etymologie des Namens Neringa, d. h. Neria u. Ä., ist noch nicht geklärt. Zu nennen sind zwei Hauptauffassungen: Einige Sprachwissenschaftler halten diesen Ortsnamen für baltischen, d. h. prußischen, andere für germanischen Ursprungs⁵⁵. Als gewichtigste Vertreter der ersten Auffassung gelten K. Būga und G. Gerulis⁵⁶, der zweiten offenbar R. Ekblom⁵⁷. K. Būga und G. Gerulis meinten, dass die Schreibung der Form Neria u. Ä. in den Ordensurkunden [NB nicht Neringe oder Nerung(e)!] die prußische Form *Nerijō voraussetze, die sich mit baltischer Toponymie und außerdem auch mit dem Appellativum lit. nérti vergleichen lasse⁵⁸. Auf den Zusammenhang des Namens Neringa mit lit. nérti hat bereits G. H. F. Nesselmann hingewiesen⁵⁹. Auch der bedeutende schwedische Sprachwissenschaftler R. Ekblom hält die Form *Nerijō für den Prußen bekannt, behauptet jedoch, die Prußen hätten *Nerijō von den skandinavischen Germanen, d. h. von den Wikingern, entlehnt: *neri (<skand. *narja) < germ. *ner- „eng“⁶⁰; außerdem seien nach R. Ekblom auch die Namen Danzig und Elbing skandinavischen Ursprungs⁶¹, über deren Herkunft ebenfalls keine einhellige Meinung besteht⁶². Die skandinavische Herkunft der prußischen Form *Nerijō begründet R. Ekblom unter anderem damit, dass die mit diesem Namen bezeichneten Orte den Skandinaviern bereits früher bekannt gewesen seien als den zugewanderten Ordensdeutschen⁶³. Dennoch ist es nicht so leicht nachzuweisen, dass die genannten Faktoren für die Entstehung des Namens Neringa – pruß. *Nerijō – tatsächlich größere Bedeutung hatten als die Tatsache, dass Neringa seit alters ein Winkel des prußischen Landes ist (siehe § 1). Als eines der wichtigsten Argumente zugunsten seiner Hypothese betrachtet R. Ekblom, dass die prußische Form *Nerijō etymologisch nicht mit baltischem Wortschatz bzw. mit lit. nérti „tauchen“ (wie G. H. F. Nesselmann und später K. Būga und G. Gerulis meinten, siehe oben) verbunden werden könne, da die Semantik dem entgegenstehe: Neringa

55 Eine Übersicht der Literatur zu dieser Frage siehe R. Ekblom, op. cit., 133—136; zur germanischen Herkunft des Namens Neringa siehe außerdem F. Kluge—W. Mitzka, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 506 (vgl. die dort angeführte Literatur), Berlin, 1957. Zu erwähnen ist ferner die (allerdings durch nichts begründete) Auffassung von P. Šmits, wonach der Name Neringa mit den von Herodot erwähnten Neuren (οι Νευροί) in Verbindung gebracht wird — P. Šmits, Kuršu kāpu folklora, 4, Rīgā, 1933.

56 K. Būga, Rinktiniai raštai, 1, 508, Vilnius, 1958; G. Gerullis, op. cit., 107.

57 R. Ekblom, op. cit., 133—160; R. Ekblom, Balt. gudas und schw. Gute „Gotländer“. — Rakstu krājums (veltījums akad. prof. dr. Jānim Endzelīnam viņa 85 dzīves un 65 darba gadu atcerei), 96, Rīgā, 1959.

58 Siehe K. Būga, l. c., G. Gerulis, l. c.

59 G. H. F. Nesselmann, Thesaurus linguae Prussicae, 111, Berlin, 1873.

60 R. Ekblom, Der Ordensdeutsche Ortsname Nerge „Nehrung“ ein nordgermanisches Lehnwort. — op. cit., 143—150.

61 R. Ekblom, op. cit., 159—160; R. Ekblom, Balt. gudas und schw. Gute „Gotländer“. — op. cit., 96 u. a.

62 Vgl. z. B. В. Н. Топоров, О балтийских следах в топонимике русских территорий. — Lietuvių kalbotyros klausimai, 2, 59 (dort auch die Literatur), Vilnius, 1959; G. Gerullis, op. cit., 48—49; K. Būga vermutete, der Name Elbing sei gotischen Ursprungs gewesen, siehe Švietimo darbas, 5/6, 19, Kaunas, 1921.

63 Žr. R. Ekblom, Der Ordensdeutsche Ortsname Nerge „Nerung“ ein nordgermanisches Lehnwort, — op. cit., 143—150, 157.

312

die kein „Tauchland“ sei⁶⁴. Wie dem auch sei, die Semantik kann hier durchaus völlig irrelevant sein: Denn litauisch nerti bedeutet nicht nur „untertauchen“, sondern auch „auftauchen“⁶⁵. All dies lässt kaum den Schluss zu, dass R. Ekbloms Argumente überzeugender seien als die Auffassung von K. Būga und G. Gerullis, der zufolge der prußische Ortsname *Nerijā als baltischen Ursprungs anzusehen ist.

SCHLUSSFOLGERUNGEN

1. Die litauischen (ebenso die lettischen) Dialekte und die alten Schriften kennen nach meinen Erkenntnissen die in der heutigen litauischen Literatursprache verwendete Form Neringa bzw. (seltener) Nerijā nicht; in den prußischen Schriften ist der Name Neringa überhaupt nicht bezeugt. Das Litauische kennt oder kannte nur folgende Bezeichnungen für die Kurische Nehrung: Kopos (Kopai), Kalnai, Pajūriai (Pajūrės), Randavos (siehe § 2) und dergleichen.

2. Der Name Neringa bzw. Nerija ist den Schriften entnommen: Die ursprüngliche Quelle dieses Namens sind die Dokumente des Deutschen Ordens aus dem 13.–15. Jahrhundert. In ihnen erscheint ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Form Neria, die möglicherweise baltischen Ursprungs ist, = pruß. *Nerijā.

3. Mit dem Namen Neria (der Form in den lateinischen Ordensurkunden) wird zunächst wohl nur die Neringa des Frischen Haffs bezeichnet worden sein. Die Bezeichnung für die Kurische Nehrung — Neria Curoniensis (:Kürische Nerge und dergleichen) — haben sich gegen Ende des 13. Jahrhunderts höchstwahrscheinlich die Ordensschreiber selbst gebildet, indem sie sich an Neria („Neringa der Aisten“) orientierten und die nähere Bestimmung Curoniensis (Kürische); hinzufügten. Eine solche nähere Bestimmung ist als der Bezeichnung des Bistums Kurland (diocesis Curoniensis) entnommen anzusehen.

4. Erst ab der Mitte des 15. Jahrhunderts treten in den Ordensurkunden die Formen Neringe (entsprechend der heute in der litauischen Schriftsprache verwendeten Form Neringą): Nerunge: Nerung. Diese verwandten Formen sind vielleicht nichts anderes als eine eingedeutschte Form (hinsichtlich ihrer Formanten -ing-: -ung-) von Neringe (≈ Nerie = Neria).

Abkürzungen

B Lexicon Germanico-Lithuanicum et Lithuanico-Germanicum... von Jacobo Brodowski [rankraštis LTSR MA Centrinės bibliotekos rankraščių skyriuje, sign. 15 LR – IV].

Biel. Gr. A. Bielenstein, Die Grenzen des lettischen Volksstammes, St. Petersburg. 1892.

CDP Codex Diplomaticus Prussiae ed. J. Voigt, Königsberg, 1836 sq.

CBV Codex epistolaris Vitoldi magni ducis Lithuaniae, Cracoviae, 1882.

CGL Clavis Germanico-Lithvana [rankraštis LTSR MA Centrinės bibliotekos rankraščių skyriuje, sign. 13–14. LR – III].

64 R. Ekblom, op. cit., 141–142.

65 Vgl. litauisch ržtį „zubinden↔aufbinden“, vesti „wegführen↔herführen“; dazu siehe K. Būga, Rinktiniai raštai, 1, 476–478, Vilnius, 1958. Wenn nur die Semantik dem Vergleich von pruß. *Nerijā mit litauisch nerti entgegenstünde, wäre das noch kein großes Problem: Da wir wissen, dass litauisch nerti nicht nur „untertauchen“, sondern auch „auftauchen“ bedeutet, könnten wir die prußische Form *Nerijā ohne Weiteres als „aufgetauchtes, aus dem Wasser emporgehobenes Land — eine Insel“ erklären (dabei kämen uns auch die Ordensurkunden zugute, in denen Neringa häufig als „insula“ bezeichnet wird; vgl. zum Beispiel insula que Nerie vocatur 1248 m. PU I, 148, terra Sambie, que inhabitatur, et insula, que Nergia vulgaritur appellatur, secundum ordinationem sedis apostolice dividatur 1258 m. US II 23).

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KraŽ Das sogenannte handschriftliche deutsch-litauische Wörterbuch von Krauzes (Krause) [Institut für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR, Sign. N 135].

KršŽ(II) Fr. Kurschat, Wörterbuch der Littauischen Sprache. Zweiter Theil: Littauisch–Deutsches Wörterbuch. Halle, 1883.

KžŽ Das sogenannte handschriftliche deutsch-litauische Wörterbuch von Kuncmanas (Kunzmann) [Institut für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR, Sign. N 134].

LR Livländische Reimchronik, hrsg. von Franz Pfeiffer, Stuttgart, 1844.

LU Liv- Esth- und Curländisches Urkundenbuch, Band I. Reval, 1853.

MHW Monumenta historiae Warmiensis, Band I, Mainz, 1860.

NsŽ G. H. F. Nesselmann, Wörterbuch der Littauischen Sprache, Königsberg, 1851.

PoU Pommerellisches Urkundenbuch, 1882.

PU Preussisches Urkundenbuch I. II., Königsberg, 1909.

PUrk.(II) = PU (nur Ausgabe von 1932).

SRP Schriftsteller preußischer Angelegenheiten.

US Urkundenbuch des Bistums Samland, Leipzig, 1891—1905.

ÜBER DIE BEZEICHNUNG LIT. NERINGA „KURISCHE NEHRUNG“

В. П. МАЖЮЛИС

Zusammenfassung

Die offizielle Bezeichnung der Kurischen Nehrung (Kurische Nehrung) lautet im heutigen Litauischen (Kuršių) Neringa oder (seltener) Nerijà. Die litauischen Dialekte und die altlitauischen Schriftdenkmäler kennen jedoch die Bezeichnungen (Kuršių) Neringà bzw. Nerijà unseren Erkenntnissen zufolge nicht. Eine ähnliche Bezeichnung ist auch im Lettischen unbekannt. In den altpreußischen Schriftdenkmälern ist die Kurische Nehrung überhaupt nicht belegt. Wir sind der Ansicht, dass lit. Neringà bzw. Nerijà aus der Schriftsprache entlehnt ist: Die Quellen für eine solche Bezeichnung sind Urkunden des Deutschen Ordens aus dem 13.–15. Jahrhundert. In diesen Urkunden finden wir seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts den Toponym Neria „Frische Nehrung“ (sowie weitere urkundliche Varianten), der möglicherweise baltischen Ursprungs ist, d. h. altpreußisch *Nerijà. Unter dem Namen Neria wurde ursprünglich wahrscheinlich nur die Danziger Nehrung (Frische Nehrung) bezeichnet. Die Bezeichnung Neria Curoniensis (= Kurische Nerge usw.) „Kurische Nehrung“ wurde offenbar Ende des 13. Jahrhunderts von der Kanzlei des Deutschen Ordens selbst eingeführt, d. h. Neria („Frische Nehrung“) +Curoniensis = Neria Curoniensis (Kurische Nerge usw.) „Kurische Nehrung“; auf Grundlage derselben Form entstand auch die moderne litauische Standardsprachebezeichnung lit. (Kuršių) Nerijà „Kurische Nehrung“. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts treten in denselben Urkunden neue Formen auf: Neringe (von der die moderne litauische Standardspracheform lit. Neringà abstammt): Nerunge, Nərng; diese Formen sind vermutlich eine germanisierte (hinsichtlich -ing-: -ung-) Form von Nerige (≈ Ne-rie = Neria).

Zum Ortsnamen lit. Neringa „die (Kurische) Nehrung“

V. MAŽIULIS

Zusammenfassung

Zur Bezeichnung der (Kurischen) Nehrung dient jetzt in der litauischen Schriftsprache der Name (Kuršių) Neringą bzw. seltener Neriją. Diesen Namen kennen aber, soweit es uns bekannt ist, weder die altlitauischen Sprachdenkmäler noch litauische Mundarten (auch nicht das Lettische). Der Name der Nehrung (sowohl der Frischen als auch der Kurischen) ist in den altpreussischen Sprachresten überhaupt nicht belegt. Deshalb muss man annehmen, dass die vorliegende schriftlitauische Benennung der (Kurischen) Nehrung nur in der litauischen Schriftsprache vor kurzem entstanden ist. Die Vorlage dieser schriftlitauischen Benennung ist in den lateinischen und deutschen Ordensurkunden des 13.—15. Jahrh. gesucht worden. In diesen (zuerst lateinischen) Ordensurkunden ist der Ortsname Neria (und seine anderen Schreibvarianten) „Frische Nehrung“ schon vom Anfang des 13. Jahrh. an belegt. Nun sei bemerkt, dass für den Namen Neria vermutlich baltische Herkunft vorausgesetzt werden muss (altpreuss. *Nerijá). Wir halten für wahrscheinlich, dass der Name Neria ursprünglich nur die Frische Nehrung bezeichnete; am Ende des 13. Jahrh. begann man das Wort Neria („Frische Nehrung“) in der Kanzlei des Deutschen Ordens auch für die Bezeichnung der Kurischen Nehrung zu gebrauchen in der Form Neria („Frische Nehrung“) + Curoniensis (das letztere wurde von der Bezeichnung des Bistums Curonia = Kurland abgeleitet) = Neria Curoniensis (Kurische Nerge udgl.). Aus der Ordensdeutschen Neria Curoniensis (Kurische Nerge udgl.) ist schriftlitauische Neriją vor kurzem als Neubildung entstanden. Die andere Form des Namens der Frischen und Kurischen Nehrung taucht erst in der Mitte des 15. Jahrh. auf — Neringe (Ausgangspunkt für die schriftlitauische Neringą): Nerunge? Nerung. Diesbezüglich nehmen wir an, dass in den deutschen Urkunden vorkommende Form Neringe (: Nerunge: Nerung) vielleicht als weiterverdeutschte Wiedergabe der Nerige (≈ Neria udgl.) zu fassen ist.

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