Page 1LIETUVIŲ KALBOS GRAMATIKOS TYRINĖJIMAI
LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
AUGUSTAS ŠLEICHERIS
A. SABALIAUSKAS
„Die Erinnerung an Schleicher als Gelehrten wird nicht verschwinden, solange es Menschen gibt, die sich mit Wissenschaft beschäftigen“.
J. Boduenas de Kurtenė
Wenn wir auf die Vergangenheit irgendeiner Wissenschaft blicken, finden wir fast immer einige Namen, die dort wie besondere Wegweiser stehen und die Richtung zu neuen, unbekannten Wegen weisen, eine alte Etappe dieser Wissenschaft abschließen oder eine neue einleiten. In der Geschichte der Sprachwissenschaft ist August Schleicher ein solcher Wegweiser. Welcher Autor auch immer die Geschichte der indogermanischen Sprachwissenschaft aus welcher Perspektive schreiben mag, er wird lange bei diesem Gelehrten verweilen müssen und wohl kaum ohne entsprechende Kapitel seines Buches auskommen, die mit dessen Namen verbunden sind. Zwar steht Schleicher heute in der Geschichte der Indogermanistik häufiger für das Ende einer vergangenen als für den Beginn einer neuen Epoche; über die Leistungen dieses Wissenschaftlers wird gewöhnlich weniger gesprochen als über seine Fehler. Für die Baltistik und zu einem großen Teil auch für die Slawistik symbolisiert Schleichers Name jedoch eine neue Epoche, ja gewissermaßen deren Herausbildung zu internationalen wissenschaftlichen Disziplinen. Und in der Geschichte der litauischen Kultur nimmt Schleicher einen ganz besonderen Platz ein. In dieser Hinsicht empfindet wohl kein Volk, dessen Sprache dieser deutsche Gelehrte erforschte, ihm eine solche Dankbarkeit wie die Litauer.
August Schleicher wurde am 19. Februar 1821 in Meiningen geboren, mitten im damaligen, noch zersplitterten Deutschland. Sein Vater, Johann Gottlieb Schleicher (1793—1864), war Kreisarzt und ein fortschrittlicher Mensch seiner Zeit1. 1822 zog die Familie Schleicher in die nicht weit von Meiningen entfernte Stadt Sonneberg. Dort verbrachte der künftige Wissenschaftler seine Kindheit; Schleicher betrachtete Sonneberg als seine Heimatstadt und widmete ihr später sogar eine seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Von 1835 bis 1840 besuchte Schleicher das Gymnasium in Coburg. Dort interessierte er sich vor allem für die unterrichteten Sprachen Griechisch und Latein, lernte privat Arabisch (unterrichtet vom Gymnasialdirektor) und machte sich mit Chinesisch und Sanskrit vertraut. Natürlich mussten unter dieser „Zerstreuung“ die übrigen Fächer des Gymnasiallehrplans stark leiden, und Schleicher gehörte bei Weitem nicht zu den besten Schülern. Am Gymnasium zeigte sich bereits auch Schleichers Neigung, sich für verschiedene Bereiche der Botanik zu interessieren; zugleich traten seine musikalischen Begabungen zutage. Ohne den Gymnasiallehrgang vollständig abgeschlossen zu haben, bereitete er sich auf die Abiturprüfungen vor
1 A. Šleicherio biografijos faktai daugiausia imami iš S. Lefmann, August Schleicher, Leipzig, 1870 ir J. Dietze, August Schleicher als Slawist, Berlin, 1966.
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Page 2Auf die Prüfungen bereitete sich Schleicher zu Hause vor und trat nach deren Bestehen Ende 1840 an der Universität Leipzig ein, um Theologie und Orientalistik zu studieren. Neben protestantischer Theologie und Philosophie studierte Schleicher hier weiterhin Arabisch und vermutlich Sanskrit sowie Chinesisch. Doch die Atmosphäre an der Universität Leipzig gefiel ihm offenbar nicht; dazu trug zweifellos auch die Arreststrafe wegen eines studentischen Duells bei. Nach einem Semester wechselte Schleicher 1841 an die Universität Tübingen, die damalige theologische Hochburg Deutschlands. Hier machte er, so scheint es, zum ersten Mal eingehendere Bekanntschaft mit den Ideen Hegels, die später eine so große Rolle in Schleichers wissenschaftlichem Wirken spielen sollten. Seine Interessen wandten sich allmählich von der Theologie der Philosophie zu; immer mehr vertiefte er sich in die Probleme der Sprachwissenschaft und studierte eifrig Sanskrit, Persisch und semitische Sprachen. Anfang 1843 hielt Schleicher, der Theologe, seine erste Predigt. Diese Predigt war jedoch beinahe zugleich Schleichers endgültiger Abschied von der Theologie. Im Frühjahr desselben Jahres zog er an die Universität Bonn und widmete sich dem Studium der Philologie. Schleichers Vater, ein praktisch denkender Mann, war zunächst mit dem künftigen Beruf seines Sohnes unzufrieden und schrieb ihm in einem Brief ganz direkt: „Ein Philologe ist ein armer Lump...und es lohnt sich nicht, für dieses Studium Geld auszugeben“². In Bonn studierte Schleicher klassische Philologie, Sanskrit und Arabisch. Hier hatte er ausgezeichnete Lehrer. Die Seminare für klassische Philologie leitete für ihn Friedrich Welcker (Welcker), der ehemalige Hauslehrer der Familie Humboldt und Schleicher möglicherweise auch mit den linguistischen Theorien seines früheren Schülers Wilhelm von Humboldt vertraut machte. Friedrich Diez (Diez), der Begründer der romanischen Philologie, lehrte ihn Gotisch und Althochdeutsch. Sehr positiven Einfluss auf Schleicher hatte aus unserer Sicht sein Sanskritprofessor Christian Lassen, der ihn als Erster dazu anregte, sich für die baltischen und slawischen Sprachen zu interessieren. Auf Lassens Rat hin eignete sich Schleicher bei seinen Kommilitonen Grundkenntnisse des Polnischen an. 1846 schloss Schleicher die Universität erfolgreich ab und erhielt die venia legendi für „indische Sprache und Literatur sowie vergleichende Grammatik“. Da nach den Bestimmungen der Universität Bonn für die Promotion keine besondere Habilitationsschrift erforderlich war und eine Probevorlesung genügte, bereitete er diese zum Thema „De graecae linguae spirantibus, in primis de ϑ litterae vi et origine“ vor und hielt am 27. Juni 1846 im Hörsaal der Universität Bonn seine Antrittsvorlesung „Über den Wert der Sprachvergleichung“ (1850 gedruckt).
Im selben Jahr 1846 erhielt Schleicher einen dreijährigen Urlaub für wissenschaftliche Reisen nach Paris und London. Einen Teil dieser Zeit verbrachte er jedoch mit einer Kur in Belgien. Später arbeitete er in der Nationalbibliothek in Paris. Er traf in Paris kurz nach der Februarrevolution von 1848 ein. Seinen Lebensunterhalt verdiente Schleicher auch als Korrespondent deutscher Zeitungen. Er besuchte Brüssel und Wien.
Anfang 1849 kam Schleicher nach Prag, um seine Tschechischkenntnisse zu verbessern. Dort freundete er sich mit Alois Vaniček an, dem künftigen Sanskritprofessor der Universität Prag, der seine juristische Laufbahn bereits aufgegeben hatte und sich damals für Linguistik zu interessieren begann. Vaniček unterrichtete Schleicher in Tschechisch. Schleicher blieb jedoch nicht lange in Prag – die österreichisch-ungarische Polizei begann, sich für ihn als politisch verdächtige Person zu interessieren. Die Polizei hielt das ihm per Post zugesandte Geld zurück. Im Mai 1849 verließ Schleicher Prag mit geliehenem Geld und kehrte über Dresden und Berlin nach Bonn zurück. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten hatte Schleicher inzwischen bereits die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen. Auch der damalige
2 J. Dietze, August Schleicher als Slawist, p. 18.
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Page 3Der österreichisch-ungarische Unterrichtsminister Leo Tun-Hohenstein berief Schleicher am 8. März 1850 an die Universität Prag als außerordentlichen Professor für „klassische Philologie und Literatur“. Nach seiner Ankunft in Prag fand Schleicher dort Georg Curtius als Professor vor, den späteren bedeutenden Spezialisten für die griechische Sprache und Indoeuropäisten des 19. Jahrhunderts. Zwischen Curtius und Schleicher, die fast gleich alt waren und sich ihrer geliebten Wissenschaft mit großer Hingabe widmeten, entwickelte sich eine herzliche Freundschaft. Dieser Freundschaft standen weder ihre völlig gegensätzlichen Charaktere im Wege – Curtius war zurückhaltend und vorsichtig, Schleicher oft schroff, ja sogar grob – noch ihre unterschiedlichen Auffassungen von der Sprachwissenschaft: Der Erstere betonte stets deren historischen Charakter, der Letztere versuchte, sie mit den Naturwissenschaften gleichzusetzen. Ihre Freundschaft hielt bis zu Schleichers Tod an, obwohl beide Wissenschaftler später an verschiedenen Orten arbeiteten und unterschiedliche Probleme erforschten. Curtius bemühte sich auch, Schleichers Schülern zu helfen3. Wie bereits erwähnt, war Schleicher zunächst Professor für klassische Philologie in Prag. Im Mai 1851 erhielt er jedoch eine Professur für „vergleichende Sprachwissenschaft und Sanskrit“, die seinen Neigungen und seiner Ausbildung besser entsprach. Nun konnte Schleicher an der Universität Prag slawistische, baltistische und germanistische Fächer sowie Sanskrit und Fragen der Sprachtheorie unterrichten. Zwei Jahre später wurde Schleicher für seine Verdienste um die Sprachwissenschaft, die er sich durch seine berühmte Reise nach Litauen erworben hatte, zum ordentlichen Professor für „deutsche und vergleichende Sprachwissenschaft sowie Sanskrit“ ernannt.
Schleichers weiteres Leben in Prag verlief unglücklich, und auch die Arbeitsbedingungen für seine wissenschaftliche Tätigkeit wurden völlig unerträglich. Der Grund für dieses Scheitern waren die komplexen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit. Wie dem auch sei, Schleicher war Deutscher. Er arbeitete an der deutschsprachigen Prager Universität. Obwohl Schleicher demokratische Ansichten vertrat, ein äußerst toleranter Mensch war und gut Tschechisch konnte – in dieser Sprache verfasste er sogar wissenschaftliche Arbeiten und übersetzte Werke der Sanskrit- und persischen Literatur –, blieb er dennoch von verschiedenen Konflikten mit den Vertretern der tschechischen Nationalbewegung nicht verschont. Manchmal kränkte er sie vielleicht, indem er sich in seinen Rezensionen zu scharf über neue Arbeiten tschechischer Sprachwissenschaftler oder Literaten äußerte (zum Beispiel über Übersetzungen klassischer griechischer und römischer Werke ins Tschechische). Die Tschechen nahmen ihm auch übel, dass er bei den Abiturprüfungen am Gymnasium als besonderer „Prüfungskommissar“ für die deutsche Sprachprüfung ein sehr strenger Prüfer war4. In beiden Fällen mochte Schleicher mit seinen Einwänden und Anforderungen formal vielleicht im Recht sein, doch als Angehörigem eines anderen Volkes und zudem eines großen Volkes fiel es ihm oft schwer, die Gefühle eines kleinen Volkes zu verstehen, das unter nationaler Unterdrückung litt.
So geriet Schleicher einerseits in Konflikt mit den Vertretern der tschechischen Nationalbewegung, andererseits blieb ihm auch ein Konflikt mit der österreichisch-ungarischen Obrigkeit nicht erspart, die jene unterdrückte. Das despotische österreichisch-ungarische Regime konnte Schleicher nicht dulden; seine religiösen und politischen Ansichten seien, so A. Vaniček, übermäßig freigeistig und radikal gewesen5. Bereits seit 1851 stand er unter dem Verdacht einer „republikanischen Verschwörung“ und wurde von der Polizei überwacht. Aus Vorsicht übergab Schleicher sogar seine Korrespondenz, in der Ereignisse der revolutionären Bewegung hätten zur Sprache kommen können, an Vani-
3 J. Dietze, Das Bild Leskiens in den Briefen August Schleicher, — „Beiträge zur Geschichte der Slawistik“, Berlin, 1964, p. 355; J. Dietze, August Schleicher als Slawist, p. 28.
4 J. Dietze, August Schleicher als Slawist, p. 37—8.
5 J. Dietze, August Schleicher als Slawist, p. 39; S. Lefmann, August Schleicher, p. 37
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Page 4čekui; später verbrannte er sie. Im Oktober 1851 wurde Schleichers Wohnung durchsucht, er selbst nach Wien gebracht und unter polizeiliche Aufsicht gestellt. Erst dank der großen Bemühungen seines Freundes Curtius gelang es Schleicher, nach Prag zurückzukehren. Auch die katholische Universitätsleitung mochte Schleicher selbstverständlich nicht.
1854 heiratete Schleicher Fany Strasburger, die aus seiner Heimat Sondershausen stammte. 1855 starb ihr Sohn kurz nach der Geburt in Prag. Schleichers Gesundheitszustand verschlechterte sich erheblich. Im Herbstsemester 1856/57 erhielt er Urlaub und fuhr nach Sondershausen, um sich zu erholen und den Dialekt seiner Heimat zu erforschen. Nach Ende seines Urlaubs kehrte Schleicher nicht nach Prag zurück, mit dem ihn so viele traurige Erinnerungen verbanden, sondern ging an die Universität Jena, die in der Nähe seiner Heimat lag, um dort für ein halb so hohes Gehalt zu lehren. In Jena fühlte sich Schleicher zunächst „wie ein Vogel, der aus einem Käfig oder einer stickigen Stube in die Freiheit und den grünen Wald entlassen wird“6. Doch bald musste er auch von Jena enttäuscht werden. Die gesellschaftlich-politische Lage und die schwierigen materiellen Verhältnisse zermürbten Schleicher so sehr, dass er über dasselbe Jena, das er einige Jahre zuvor mit Freiheit und einem grünen Wald verglichen hatte, mit bitterer Ironie sagte: „Jena ist ein großer Tümpel, und ich bin ein Frosch darin“, während er das damalige Deutschland in einem Brief mit einer Herde willenloser Schafe verglich, die dorthin geht, wohin die Hunde sie treiben7.
Trotz der ungünstigen Lebensbedingungen arbeitete Schleicher in Jena äußerst viel. Seine außerordentlich vielfältige und gehaltvolle Lehrtätigkeit zog Zuhörer nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland an. Ein bedeutendes Werk nach dem anderen erschien, ebenso eine große Zahl von Artikeln, die nahezu alle aktuellen Probleme der Indoeuropäistik jener Zeit behandelten. Schleicher wurde allmählich zu einer zentralen Gestalt der europäischen Sprachwissenschaft. Besonders rasch wurden seine wissenschaftlichen Verdienste im Ausland gewürdigt. Bereits 1857 wählte ihn die Petersburger Akademie der Wissenschaften zu ihrem korrespondierenden Mitglied. 1862 wurde er unter ausgezeichneten Bedingungen an die Universität Warschau (Szkola Główna) berufen. Im selben Jahr wurde Schleicher eingeladen, nach Petersburg zu wechseln. 1863 lehnte er eine Berufung an die Universität Dorpat ab. 1867 wählte ihn die Jugoslawische Akademie der Wissenschaften und Künste in Zagreb zu ihrem Ehrenmitglied.
Doch diese Ehrungen verbesserten Schleichers Leben nicht. Die arme Universität Jena erhöhte sein Gehalt nicht. Um seine Familie (Schleicher hatte zwei Söhne und eine Tochter) menschenwürdig ernähren zu können, musste er viel arbeiten. In einem Brief an seinen Freund aus der Prager Zeit, G. Curtius, beklagte sich Schleicher: „,... ich bin 46 Jahre alt und muss jedes Jahr noch für mein liebes Brot schreiben, denn von 900 Talern können wir nicht leben...“8.
Schleicher hoffte, dass an der Universität Leipzig eine Professur für Slawistik eingerichtet würde und er als der am besten geeignete Mann in Deutschland für diese Stelle endlich aus dem „Elend von Jena“ fortziehen könnte. Doch den geplanten Lehrstuhl für Slawistik an der Universität Leipzig erhielt drei Jahre später Schleichers Lieblingsschüler August Leskien, während Schleicher selbst nie aus der ihm so verhassten Stadt Jena fortzog: Am 6. Dezember 1868 starb er hier plötzlich an einer damals wahrscheinlich noch unbekannten Krankheit – Lungentuberkulose. Nach dem Zeugnis seines anderen Schülers, Johann Schmidt, lauteten Schleichers letzte Worte: „Mein ganzes Leben lang habe ich nach der Wahrheit gestrebt, aber alles müsste viel, viel besser sein“9.
6 J. Dietze, ZfSl, 1960, II, p. 269.
7 J. Dietze, August Schleicher als Slawist, p. 43, 45.
8 J. Dietze, Beiträge zur Geschichte der Slawistik, p. 368.
9 J. Schmidt, KZ, 18, 1869, p. 319–20.
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Wir haben bereits zu Beginn erwähnt, dass Schleicher heute häufiger das Ende einer vergangenen Etappe der indogermanischen Sprachwissenschaft als den Beginn einer neuen markiert. Tatsächlich schloss Schleicher die von Franz Bopp und Rasmus Rask begonnene Etappe der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft ab. Werke Schleichers wie „Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen“ (Weimar, 1861–2; innerhalb von fünfzehn Jahren erschienen vier deutsche Auflagen, außerdem Übersetzungen ins Englische und Italienische), „Die deutsche Sprache“ (Stuttgart, 1860; fünfmal aufgelegt), „Die Sprachen Europas in systematischer Übersicht“ (Bonn, 1850; auch auf Französisch erschienen), „Die Formenlehre der kirchenslawischen Sprache“ (Bonn, Wien, Prag, 1852; ein Teil wurde auch auf Russisch veröffentlicht), „Handbuch der litauischen Sprache“, 1–2 (Prag, 1856–7), „Laut- und Formenlehre der polabischen Sprache“ (St. Petersburg und Riga, 1871; nach Schleichers Tod veröffentlicht) bilden den Höhepunkt der Indogermanistik in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie populär Schleichers Ideen zu theoretischen Fragen der Sprachwissenschaft zu seiner Zeit waren, zeigt hinreichend deutlich die Tatsache, dass Schleichers kleine Studie „Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft“ innerhalb weniger Jahre auf Deutsch (dreimal), Französisch, Englisch, Russisch und Ungarisch erschien.
Heute kann man bei der Untersuchung von Schleichers wissenschaftlichem Werk ausführlich über diesen Gelehrten als Sprachtheoretiker, Indogermanisten, Germanisten, Slawisten und Baltisten sprechen und seine Ansichten über die indogermanische Ursprache, die genealogische Klassifikation und viele andere Fragen erörtern. Dies zeigt, welch umfassend gebildeter Gelehrter mit weitreichenden Interessen und geradezu enormem schöpferischem Potenzial August Schleicher war. Doch wie dem auch sei: Der größte Teil seines wissenschaftlichen Werks gehört bereits einer vergangenen Etappe der Sprachwissenschaft an. Vielen seiner Auffassungen, insbesondere seiner Betrachtung der Sprache als eines lebenden Organismus und seinem Versuch, Begriffe des Darwinismus wie „Kampf ums Dasein“ und „natürliche Selektion“ auf die Sprachwissenschaft zu übertragen, widersprachen schon zahlreiche Zeitgenossen Schleichers. Mit der Kritik an Schleichers Lehre über die Entwicklung der indogermanischen Sprachen und die Ursprache begannen nahezu als Erste seine begabtesten Schüler selbst.
Die Untersuchungen zu allgemeinen Problemen der Indogermanistik und Schleichers recht kurzlebige theoretische Auffassungen, die heute in sprachwissenschaftlichen Lehrbüchern meist nur noch als Kuriositäten Erwähnung finden, wurden von den Studien dieses Gelehrten zu einzelnen indogermanischen Sprachen oder Sprachgruppen deutlich überdauert. Dies gilt besonders für die slawischen und baltischen Sprachen.
Ohne Schleichers Arbeiten zur Slawistik ausführlicher zu behandeln, zitieren wir lediglich die Einschätzung seines Hauptwerks auf diesem Gebiet, die der bekannte sowjetische Slawist S. Bernštein genau ein Jahrhundert nach dessen Erscheinen abgab: „Das wichtigste Datum in der Geschichte der vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen war das Jahr 1852. Gerade in diesem Jahr wurden zwei Arbeiten veröffentlicht, die in der Geschichte unserer Wissenschaft eine Epoche begründeten. Ich meine den ersten Band, die Phonetik, von Miklošičs für seine Zeit hervorragender „Vergleichender Grammatik der slavischen Sprachen“ und Schleichers grundlegendes Werk „Formenlehre der kirchenslawischen Sprache erklärend und vergleichend dargestellt“... Hinsichtlich der methodischen Genauigkeit und der Interpretation der Fakten übertraf Schleichers Werk zweifellos Miklošičs Grammatik. Man kann sagen, dass Schleichers „Formenlehre“ Mitte des 19. Jahrhunderts die größte Errungenschaft unserer Wissenschaft war... Schleichers großes Verdienst
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Page 6bestand darin, dass er begann, für die vergleichende Erforschung der slawischen Sprachen litauisches Sprachmaterial heranzuziehen. Später half dieses Material dabei, viele wichtige Fragen der historischen Phonetik zu klären“10.
Schleichers „Laut- und Formenlehre der polabischen Sprache“ war, so kann man sagen, noch bis 1929, das heißt bis zum Erscheinen der Grammatik der polabischen Sprache von T. Lehr-Splawiński, das maßgebliche Buch für das Studium der Struktur des Polabischen. Auch über die oben erwähnte „Die Formenlehre der kirchenslawischen Sprache“ schrieb V. Jagić noch 1910: „Schleichers Grammatik hat auch heute ihren Reiz nicht verloren; durch ihre Geschlossenheit und die Klarheit der Darstellung zeichnet sie sich aus und eignet sich besonders als Einführung in die vergleichende Grammatik für angehende Slawisten“11.
Dies sind tatsächlich recht seltene Beispiele für Langlebigkeit in der Geschichte der vergleichenden Sprachwissenschaft.
Wenn wir bei der Erörterung der Entstehung der vergleichenden slawischen Sprachwissenschaft und der Einbeziehung slawischer Sprachdaten in die vergleichende Indogermanistik neben Schleicher auch andere Linguisten nennen können, wenn auch nicht als ebenso verdienstvoll, müssen wir Schleicher bei der Behandlung der Entstehung der Baltistik als Teilgebiet der Indogermanistik einen völlig einzigartigen Platz einräumen und die erste wissenschaftliche Grammatik der litauischen Sprache, die dieser deutsche Linguist verfasste, auch heute noch als wahre wissenschaftliche Großtat würdigen.
Wir haben erwähnt, dass Schleicher sich bereits während seines Studiums an der Universität Bonn, angeregt von seinem Sanskritprofessor Christian Lassen, für baltische Themen interessierte. Zunächst waren die baltischen Sprachen für Schleicher lediglich ein Hilfsmittel bei der Untersuchung slawischer Sprachprobleme und der Bestimmung der Stellung der slawischen Sprachen unter den übrigen indogermanischen Sprachen. Intensiver scheint er sich ab 1849 mit dieser Problematik beschäftigt zu haben. In einem Brief an A. Vaniček vom 12. Oktober desselben Jahres schrieb Schleicher: „Künftig möchte ich besonders die Beziehungen zwischen den slawischen und baltischen Sprachen erforschen. Mit vorbereitenden Studien habe ich in diesem Sommer begonnen, ernsthaft Russisch gelernt und Karamzin und Lomonossow gelesen. Die schönen serbischen Volkslieder waren mir noch zu schwierig, daher las ich einstweilen die Bibel, dieses bequeme Mittel, eine Sprache zu erlernen“12. Ende 1849 verfasste Schleicher auf Tschechisch auch seine erste Arbeit, die unmittelbar mit Problemen der Baltistik zusammenhing: „Z čeho povstaly polohlásky ъ, ь a co jim odpovídá v litevském jazyku“ (Bonn, 31. Oktober 1849; das Manuskript wird in der Bibliothek der Universität Leipzig aufbewahrt). Eine deutsche Fassung dieses Artikels, „Was entspricht im Litauischen dem kirchenslawischen ъ und ь?“, wurde 1850 gedruckt. In Schleichers Buch „Die Sprachen Europas in systematischer Übersicht“ (Bonn, 1850), in dem auch der soeben erwähnte Artikel veröffentlicht wurde, findet sich eine Fußnote, in der Schleicher von seinen künftigen Plänen spricht: „Der Verfasser hat schon seit längerem beschlossen, die litauische Sprache vor Ort zu erlernen und die kommenden Jahre – vielleicht sogar seine ganze Zukunft – ihrer Grammatik sowie den baltisch-slawischen Sprachen im Allgemeinen zu widmen“13.
In einem Brief vom 14. Februar 1852 beklagte sich A. Schleicher bei Franz Miklošič, seine Reise zur Erforschung der litauischen Sprache „hänge in der Luft“. Schleichers eigene finanzielle Lage sei schwierig: Er habe nicht nur überhaupt keine Mittel, sondern könne auch nicht auf ein Erbe seiner Eltern hoffen,
10 C. Б. Бернштейн, Очерк сравнительной грамматики славянских языков, Москва, 1961, p. 112–3 (šio veikalo tekstą sudaro 1952/3 ir 1953/4 mokslo metais skaitytos paskaitos).
11 И. В. Ягич, История славянской филологии, СПб., 1910, p. 716.
12 J. Dietze, August Schleicher als Slawist, S. 27.
13 Zitiert nach J. Dietze, August Schleicher als Slawist, S. 29.
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Page 7doch sei er seinen Brüdern und Schwestern noch etwas schuldig und bitte daher F. Miklošič um Fürsprache bei der Beschaffung der Mittel für die Reise. Schleicher sei niedergeschlagen (vor einigen Monaten habe man seine Wohnung durchsucht...), weshalb es für ihn auch „moralisch notwendig wäre, längere Zeit frische Luft zu atmen“.
„Also, jedenfalls wünsche ich mir eine Reise nach Litauen und warte mit größter Spannung auf die Entscheidung der hohen Akademie“, schließt Schleicher14.
Nachdem im April 1852 „Formenlehre der kirchenslawischen Sprache“ erschienen war, widmete Schleicher seine gesamte freie Zeit dem Erlernen der litauischen Sprache. Zwar wusste er, dass zwei gute Fachleute für die litauische Sprache — Fridrichas Kuršaitis und Ferdinand Neselmanas — in Königsberg lebten. Von ihnen jedoch erwartete Schleicher keine gute litauische Grammatik, denn, wie er in einem Brief an Miklošič (vom 15. August 1851) schrieb: „Kuršaitis beherrscht die litauische Sprache, aber ihm fehlt eine umfassendere Bildung; Neselmanas will überhaupt keine Grammatik schreiben, und am schlimmsten ist, dass die beiden seit langem in Feindschaft leben...“15
Da er von der Wiener Akademie der Wissenschaften keine Antwort auf seinen Antrag auf Genehmigung und Reisemittel für eine Reise nach Ostpreußen erhielt, löste Schleicher die Angelegenheit auf recht originelle Weise. Im Mai 1852 sollte der österreichisch-ungarische Bildungsminister, Graf Leo Tun-Hohenstein, nach Prag kommen. Schleicher erfuhr von der Schwester seines Freundes A. Vaniček, wo und wann der Minister zu Mittag essen würde, stellte sich ihm auf dem Weg in den Saal direkt im Korridor in den Weg und erhielt eine kurze Audienz sowie die mündliche Zustimmung zur Reise. Nachdem die Wiener Akademie der Wissenschaften endlich 600 Gulden für die Reisekosten bewilligt hatte, traf Schleicher am 31. Mai 1852 in Königsberg ein. Dort besuchte er zunächst F. Kuršaitis, damit dieser ihm praktische Kenntnisse der litauischen Sprache vermittle. Kuršaitis zeigte jedoch wenig Enthusiasmus, prüfte Schleicher kurz in der litauischen Deklination und gab auf dessen Bitte um Sprachunterricht keine konkrete Antwort. Schleicher bat Kuršaitis, ihm später, falls er es sich anders überlege, wenigstens schriftlich mitzuteilen, ob er einverstanden sei oder nicht; dann wisse er, ob er länger in Königsberg bleiben solle. F. Neselmanas empfing Schleicher sehr freundlich. Da er jedoch selbst Deutscher war und Litauisch aus Büchern gelernt hatte, konnte er Schleicher die lebendige litauische Sprache nicht beibringen. Neselmanas erlaubte Schleicher, seine litauistischen Sammlungen zu nutzen, machte ihn mit der in Königsberg vorhandenen litauistischen Literatur vertraut und empfahl ihm außerdem einige Provinzpastoren, die ihm auf seiner Reise durch die von Litauern bewohnten Gebiete Ostpreußens nützlich sein würden16.
Mit den Empfehlungen F. Neselmanas’ reiste Schleicher umgehend von Königsberg zu den Litauern Ostpreußens. In fünf Monaten besuchte er zahlreiche Orte (Ragnit, Tilsit, Prökuls, Schmalleningken, Plicken, Kaukehmen, Budwethen, Kraupischken). Im Umgang mit den Menschen lernte er recht schnell Litauisch. Schleicher war sehr begabt darin, eine lebendige Sprache zu erlernen; wie er selbst sagte, besaß er „ein Papageientalent“. In dem bereits erwähnten Brief an F. Miklošič rühmte sich Schleicher, dass er heute (d. h. am 11. Juni) zum ersten Mal auf den Feldern einen Menschen auf Litauisch angesprochen habe. In einem Brief vom 6. Juli an A. Vaniček schrieb er, er könne sich bereits mit den Litauern verständigen und verstehe alles. Jeden Tag lernte er viele neue litauische Wörter,
14 J. Dietze, ZfSl, IV, 1965, p. 540.
15 Ten pat, p. 538.
16 Plg. A. Šleicherio 1852 metų birželio 11 dienos laišką F. Miklošičiui, — J. Dietze, ZfSl, IV, 1965, p. 542.
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Page 8Er schrieb und las viel auf Litauisch und sprach mit seinem Lehrer ausschließlich Litauisch. Anfangs habe er, wie es hieß, statt Litauisch zu sprechen immer wieder Tschechisch gesprochen; auch heute noch rutsche ihm beim Sprechen auf Litauisch gelegentlich ein tschechisches Wort heraus. In diesem Brief weist A. Schleicher ebenfalls darauf hin, dass ihm seine Kenntnisse der slawischen Sprachen beim Erlernen des Litauischen geholfen hätten17.
Schleicher begegnet den Litauern bei den verschiedensten Gelegenheiten. Er nimmt an ihren Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen und Erntefesten teil. Er interessiert sich für ihre Nationalgerichte, Haushaltsgegenstände und alles, was mit der geistigen Kultur und dem Alltag der Litauer zusammenhängt18.
Natürlich muss Schleicher in einem so rückständigen Land, wie es Ostpreußen Mitte des 19. Jahrhunderts war, insbesondere in den von Litauern bewohnten Gebieten, auch zahlreiche Schwierigkeiten ertragen — denn die litauische Sprache hatte sich dort am besten bei den ärmsten und ungebildetsten Bevölkerungsschichten erhalten. In seinen Briefen schreibt Schleicher, dass durch den verrotteten Fußboden seines Zimmers (obwohl es das beste Haus im ganzen Dorf war!) feuchte Erde zu sehen sei; drinnen ließen ihn die Fliegen nicht zur Ruhe kommen, und draußen fielen Schwärme von Sumpfmücken über ihn her. Besonders beklagt sich Schleicher über das schlechte Essen; außerdem ist seiner Wirtin ein Teller völlig unbekannt — alle essen aus einer gemeinsamen Schüssel19. Doch die archaischen Formen der litauischen Sprache erleichtern es ihm, alle Schwierigkeiten zu ertragen, und unter den Litauern Ostpreußens fühlt sich Schleicher, wie er später im Vorwort zu seiner Grammatik schrieb, „wie ein eifriger Pflanzensammler oder ein Jäger, der, sobald er ein seltenes Kraut erblickt oder ein Wild erlegt hat, die beschwerliche Reise durch Gestrüpp und Sümpfe vergisst“20. Seinen Bericht an die Wiener Akademie der Wissenschaften über die Reise nannte er denn auch „Briefe... über die Erfolge einer nach Litauen unternommenen wissenschaftlichen Reise“. Tatsächlich war Schleichers Reise ein Erfolg. Mitte Oktober kehrte er mit umfangreichen litauistischen Sammlungen und — vor allem — mit guten Litauischkenntnissen nach Prag zurück, wo er nach der Systematisierung des Materials innerhalb weniger Jahre seine berühmte Grammatik der litauischen Sprache verfasste. Vor der Veröffentlichung der Grammatik publizierte Schleicher noch zwei kleinere litauistische Studien. 1853 erschien in der tschechischen Zeitschrift „Časopis Českého Museum“ (27, 1853, S. 320—34) seine Arbeit „O jazyku litevském, zvláště ohledem na slovanský“. Dies war A. Schleichers Vortrag, den er im Juni 1853 auf der Versammlung der philologischen Sektion der Böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften gehalten hatte. In dieser Arbeit vergleicht Schleicher die slawischen und baltischen Sprachen und kommt zu dem Schluss, dass die slawischen Sprachen eine ältere morphologische Struktur bewahrt hätten als die baltischen, während die Lautstruktur der baltischen Sprachen die der slawischen in ihrer Archaischheit übertreffe. Im selben Jahr veröffentlichte er in den Schriften der Wiener Akademie der Wissenschaften21 einen Artikel unter dem Gesamttitel „Lituanica“, in dem er Fragen der litauischen Rechtschreibung behandelt, das handschriftliche Wörterbuch von J. Brodowski bespricht, den Katechismus von M. Mažvydas aus dem Jahr 1547 behandelt und die Verben der litauischen Sprache klassifiziert.
Bei der Abfassung seiner Grammatik der litauischen Sprache stützte sich Schleicher nicht nur auf das von ihm selbst gesammelte Material, frühere Grammatiken (von D. Klein, K. G. Milkus und G. Ostermeyer) und die damals bereits veröffentlichten Arbeiten von F. Kurschat, sondern bat auch den Lehrer der Litauer Ostpreußens Kumutatis als Berater nach Prag, bei dem er längere Zeit
17 S. Lefmann, August Schleicher. p. 24; J. Dietze, August Schleicher als Slawist, p. 32.
18 B. Beneš, Wilhelm von Humbolt, Jacob Grimm, August Schleicher, Winterthur, 1958, p. 89.
19 J. Dietze, ZŠSL IV, 1965, p. 543; J. Dietze, August Schleicher als Slawist, p. 32; B. Beneš, ten pat, p. 89.
20 A. Schleicher, Litauische Grammatik, Prag, 1856, p. V.
21 Sitzungsberichte d. Kaiserl. Akademie d. Wiss. Wien. Philos. — histor. Klasse 11, 1853, p. 76—156.
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Page 9während seines Aufenthalts in Ostpreußen gelebt hatte und von dem er hauptsächlich die lebendige litauische Sprache erlernte (Kumutatis wohnte unweit von Ragnit, in Kakšiai, deutsch Gross-Kakschen). Schleicher schrieb die Grammatik der litauischen Sprache mit größeren und kleineren Unterbrechungen sieben Jahre lang — er begann damit schon lange vor seiner Reise nach Ostpreußen im Jahr 1848 und beendete sie Mitte 1855; am intensivsten arbeitete er natürlich in den letzten drei Jahren. Im April 1856 wurde Schleichers Buch „Litauische Grammatik“ in Prag veröffentlicht22. 1857 erschien auch „Litauisches Lesebuch und Glossar“. Diese beiden umfangreichen Bücher (das erste mit 342, das zweite mit 352 Seiten) bilden Schleichers Lehrbuch der litauischen Sprache mit dem gemeinsamen Titel „Handbuch der Litauischen Sprache“. Im Vorwort bemerkte Schleicher, sein Werk werde zumindest „den Forschern zuverlässiges Material liefern“. In Wirklichkeit ging das Werk weit über diese Aufgabe hinaus.
In seiner Grammatik beschrieb Schleicher zum ersten Mal in der Geschichte der Erforschung der litauischen Sprache deren Struktur so umfassend und folgerichtig und mit der für seine Werke charakteristischen außerordentlichen Systematik. Es war die erste Grammatik der litauischen Sprache, die von einem professionellen Sprachwissenschaftler verfasst wurde.
Nachdem Schleicher kurz die Stellung des Litauischen unter den übrigen indogermanischen Sprachen, seine Bedeutung für die Sprachwissenschaft sowie einige Informationen über die litauischen Dialekte dargestellt hat, beschreibt er im ersten Grammatikabschnitt (S. 7—85) das Lautsystem der litauischen Sprache — genauer: ihres ostpreußischen hochlitauischen Dialekts. In diesem Abschnitt widmet er den Fragen des Ablauts der Stammvokale besonders große Aufmerksamkeit. Dieses Thema wurde in der Geschichte der baltischen Grammatiken überhaupt zum ersten Mal behandelt. Bei seinen Ausführungen zum Ablaut der Stammvokale kam Schleicher offenbar das Wörterbuch von F. Nesselmann sehr zugute, in dem Wörter häufig nach etymologischen Prinzipien gruppiert sind. Wörter, die ihm und seinem Helfer Kumutatis unbekannt waren, kennzeichnete Schleicher ausdrücklich als dem Wörterbuch Nesselmanns entnommen. Bei der Gruppierung litauischer Wörter mit gemeinsamer Wurzel irrte sich Schleicher, das muss man sagen, nur an sehr wenigen Stellen (zum Beispiel stellt er das Slawische Lehnwort mirti fälschlich zum Slawismus morai „Trage bei einer Beerdigung“, zu dievas den Slawismus dyvas; die Verben arti und irti hält er für wurzelverwandt und verbindet das Wort gardus mit dem Verb gerti).
Der zweite Abschnitt der Grammatik (S. 86—169) ist der Wortbildung gewidmet. Dieses weitläufige und komplexe Problem wird in Schleichers Grammatik, wie der Autor selbst eingesteht, erst in groben Zügen behandelt. Diese besondere Lücke in Schleichers Grammatik füllte sein Lieblingsschüler August Leskien fünfunddreißig Jahre später teilweise, indem er das für jene Zeit wahrhaft grundlegende Werk „Die Bildung der Nomina im Litauischen“ (Leipzig, 1891) verfasste. Von großer Bedeutung ist der letzte Paragraph des Kapitels zur Wortbildung, „Einiges über entlehnte worte“, in dem Schleicher — möglicherweise als Erster in der Geschichte der Erforschung des Litauischen — Kriterien zur Erkennung von Lehnwörtern zu formulieren versucht. Mit bemerkenswerter Einsicht weist er etwa darauf hin, dass litauisch dūšià ein Slawismus ist, denn neben der litauischen Wurzel dus- (vgl. dausà, dūsauti) wäre die litauische Form *dusė zu erwarten; neben der litauischen Wurzel gyv- könne das Wort žyvýti nicht litauischen Ursprungs sein usw.23.
Im Kapitel zur Morphologie (S. 170—254) behandelt Schleicher die Flexion der litauischen Nomina und Verben.
Um die Vielfalt der Deklination und Konjugation im Litauischen so genau wie möglich darzustellen, beschränkt er sich nicht allein auf seine eigenen
22 A. Schleichers Buch wurde von J. G. Calve’sche Verlagsbuchhandlung herausgegeben; mit diesem Verlag verhandelte J. Basanavičius einige Jahrzehnte später auch über den Druck der „Aušra“.
23 Pr. Skardžius, Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen, Kaunas, 1931, p. 14.
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Page 10mit gehörten Formen, macht aber recht häufig Exkurse zu anderen, früheren Grammatiken der litauischen Sprache und zu alten Schriften. Besonders viel Aufmerksamkeit widmet Schleicher den bereits schwindenden archaischen Eigenschaften des Litauischen — dem konsonantischen Substantivstamm und den athematischen Verben.
Bei der Abfassung des Syntaxkapitels (S. 255—339) stützte sich Schleicher vor allem auf G. Ostermeyers „Neue Littauische Grammatik“ (Königsberg, 1791), F. Kurschats „Beiträge zur Kunde der litauischen Sprache“ (Königsberg, 1843) und G. Curtius’ Schulgrammatik des Griechischen (diese Grammatik diente auch als Vorbild für das Syntaxkapitel der ersten wissenschaftlichen lettischen Grammatik von A. Bielenstein!). Vergleicht man jedoch Schleichers Syntax mit früheren Arbeiten, lässt sich leicht feststellen, dass Schleicher seine Vorgänger weit übertraf.
Sehr sorgfältig bereitete Schleicher auch den zweiten Teil seines Lehrbuchs vor — die Chrestomathie „Litauisches Lesebuch und Glossar“, die mit genauen Quellenangaben Beispiele litauischer Folklore — Lieder, Rätsel, Sprichwörter und Märchen — aus den Sammlungen von L. Rhesa, F. Nesselmann, S. Stanevičius, S. Daukantas und anderen sowie aus dem Wörterbuchmanuskript von J. Brodowski enthält. Eine beträchtliche Zahl von Folkloretexten wurde von Schleicher selbst sowie von seinem Helfer Kumutaitis aufgezeichnet. Um ein möglichst vollständiges Bild der lebendigen litauischen Sprache zu vermitteln, schließt Schleicher seine Chrestomathie mit „Gromata muszkėterio iš Puskėpalių sávo tėvams“ ab.
Bei der Zusammenstellung der Chrestomathie half Kumutaitis Schleicher tatsächlich sehr, und bei der Erstellung des Wörterbuchs unterstützte ihn sogar Schleichers Frau.
Selbstverständlich hatte Schleichers Werk auch Mängel. So genial ein ausländischer Sprachwissenschaftler auch sein mag, wird er die litauische Sprache doch nie so gut erlernen und all ihre feinsten Nuancen so empfinden wie ein Sprachwissenschaftler, der von klein auf Litauisch gesprochen hat. Vielleicht der größte Mangel von Schleichers Grammatik ist, dass sie die litauischen Tonakzente nicht unterscheidet. F. Kurschat hatte die Tonakzente des Litauischen in seinen „Beiträge zur Kunde der litauischen Sprache“ II (Königsberg, 1849) bereits recht ausführlich beschrieben. Schleicher äußerte sich sehr positiv über diese Arbeit Kurschats und erklärte ausdrücklich, Kurschats Arbeit sei für ihn beim Studium der litauischen Akzentuierung „von unschätzbarem Wert“ gewesen und er habe sie auswendig gelernt24. Die Unterscheidung des stoßenden und des schleifenden Akzents erschien Schleicher jedoch, obwohl sie den Tonakzenten des Serbischen sehr ähnelten, als eine allzu subtile Angelegenheit25, und in seinem Werk schrieb er: rágas — ragai, dégù — dégą, žálias — žolė usw.
Viele andere Mängel von Schleichers Grammatik standen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem allgemeinen Entwicklungsstand der Sprachwissenschaft jener Zeit; sie ihm heute vorzuwerfen, wäre natürlich naiv.
Schleichers Grammatik war für die litauische Sprachwissenschaft und die Kultur insgesamt von enormer Bedeutung. Sie war schließlich die erste wissenschaftliche Grammatik des Litauischen und legte ein solides Fundament für die weitere Erforschung der litauischen Sprache. Spätere Verfasser litauischer Grammatiken konnten auf Schleichers Werk nicht mehr verzichten. Besonders großen Einfluss hatte Schleichers Grammatik auf ein weiteres grundlegendes Werk über die litauische Sprache — F. Kurschats Grammatik. Nicht ohne Grund schrieb Kurschat im Vorwort zu seiner Grammatik: „Schleicher war ein Held der Sprachwissenschaft, den ich als meinen Lehrer und Meister in der Darstellung der Sprachgrammatik hoch verehre“26. A. Baranauskas übersetzte Schleichers Grammatik 1870 ins Litauische
24 A. Schleicher, Litauische Grammatik, S. IX.
25 A. Schleicher, ebenda, S. 11.
26 F. Kurschat, Grammatik der littauischen Sprache, Halle, 1876, p. XI.
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Page 11Er gebrauchte Litauisch und unterrichtete damit am Priesterseminar in Kaunas. In einem Brief an H. Weber schrieb er: „Jau išz māno grōmatų Támsta regėjai kad māno raszyba išeina iš taisyklų nabāšniko Szleikero, kurio smertēs negalū atsigaileti“27. A. Baranauskas selbst hatte Schleicher in Jena besucht. Nach Schleichers Tod fand man in seinem Nachlass einige von A. Baranauskas verfasste litauische Texte, die ihm der Akademiker A. Schiefner geschickt hatte28. Schleichers Werk hatten A. Juška, J. Spudulis, K. Jaunius, J. Jablonskis, K. Būga und andere litauische Sprachforscher gründlich studiert. Schleichers Grammatik war neben K. Donelaitis’ „Metai“ und den sprachwissenschaftlichen Werken von F. Kurschat eines der beliebtesten Bücher unter den Teilnehmern der litauischen nationalen Bewegung. Es kam sogar vor, dass assimilierte Litauer aus dieser Grammatik die Sprache ihrer Eltern lernten. Schleichers Grammatik spielte zweifellos auch eine gewisse Rolle bei der Wahl des westaukštaitischen Dialekts als Grundlage der litauischen Literatursprache.
Interessanterweise hinterließ Schleichers Grammatik sogar in der Geschichte der lettischen Grammatiken ihre Spuren. Denn ohne Schleichers litauische Grammatik wäre auch die erste wissenschaftliche Grammatik des Lettischen von A. Bielenstein kaum vorstellbar29 – „Die lettische Sprache nach ihren Lauten und Formen“ I–II (Berlin, 1863–1864). Wie der lettische Philologe K. Ancytis treffend bemerkte, schrieb Bielenstein seine Grammatik mit Schleichers Werk auf dem Tisch30. Schleicher folgend beschrieb er die Morphologie des Lettischen und wählte für die Syntax, wie wir gesehen haben, wahrscheinlich ebenfalls nicht ohne Schleichers Einfluss, G. Curtius’ griechische Syntax als Vorbild.
Die Veröffentlichung von Schleichers litauischer Grammatik war ein bedeutendes Ereignis in der gesamten Indogermanistik jener Zeit. An seinem Beispiel bewies Schleicher, dass eine Grammatik nicht auf der Grundlage vom Zahn der Zeit angegriffener, oft unzuverlässiger Texte, sondern anhand der Sprache lebender Menschen verfasst werden muss. Schleichers Reise nach Litauen wirkte geradezu ansteckend – für Indogermanisten wurde es beinahe zur Mode, die litauische Sprache in Litauen selbst zu erforschen31. Einer der Ersten, die sich von dieser Mode „anstecken“ ließen, war Schleichers Schüler A. Leskien.
Nach der Veröffentlichung seiner Grammatik verfasste Schleicher noch einige kleinere Aufsätze zu Fragen der baltischen Sprachen, vor allem zur Grammatik des Litauischen: „Zur litauischen Grammatik“ (Beiträge zur vergleichenden Sprachforschung auf dem Gebiete der arischen, keltischen und slavischen Sprachen, 1, Berlin, 1858, S. 499–500), „Das Pronomen lit. szi, slaw. si = got. hi, Grundf. ki“ (ebd., S. 48–49), „-tē < d. i. – tai > als Endung des Infinitivs im Litauischen“ (ebd., S. 27–29), „Žmū“ (ebd., S. 396–398), „Giltinė“ (ebd., 2, 1861, S. 129), „Das Litauische in Curtius Griech. Etymologie“ (ebd., S. 124–126), „Lit. -ai = griech. -ī, umbr. -ei (-ī, -ē)“ (ebd., 5, 1868, S. 113–114), „Oskisch deivaum, lettisch deevatees“ (KZ, 12, 1863, S. 399–400).
Schleichers Interesse an den Problemen der Baltistik wurde auch von der Petersburger Akademie der Wissenschaften stark gefördert. In der Sitzung der historisch-philologischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften am 10. Dezember 1862 schlugen Schleichers akademische Freunde O. Boehtlingk, A. Schiefner und A. Kunik vor, die linguistischen Forschungen zu den baltischen und slawischen Sprachen zu intensivieren, und sahen Schleicher für diese Arbeit vor. 1863 gewährte die Petersburger Akademie der Wissenschaften für fünf Jahre
27 Archivum Philologicum, II, Kaunas, 1931, p. 102.
28 Archivum Philologicum, I, Kaunas, 1930, p. 101.
29 A. Ozols, Veclatviešu rakstu valoda, Rīga, 1965, p. 564.
30 K. Ancītis, Rakstu krājums, veltījums… Jānim Endzelīnam, Rīgā, 1959, p. 303.
31 J. Handel, Dzieje językoznawstwa, Lwów, 1935, p. 86–7; B. Beneš, Vilhelm von Humboldt, Jacob Grimm, August Schleicher, p. 91.
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Page 12Schleicher ein jährliches Honorar von 400 Silberrubeln. Schleicher erklärte sich bereit, für die Akademie eine vergleichende Grammatik der slawischen Sprachen, eine vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen und eine Grammatik der baltisch-slawischen Ursprache zu verfassen32. Bereits Ende 1862 schrieb Schleicher in einem Brief an einen Freund, er habe sich wieder ganz den slawisch-baltischen Studien zugewandt und sein endgültiges Ziel sei es, „eine mit den zahlreichsten Beispielen ausgestattete Grammatik der slawischen, baltischen und germanischen Ursprache“ zu verfassen33.
Bevor Schleicher diese gewaltige Aufgabe in Angriff nahm, leistete er für die Petersburger Akademie jedoch noch eine weitere Arbeit, die zwar einen geringeren Umfang und bescheidenere Dimensionen hatte, für die Geschichte der litauischen Kultur aber von größter Bedeutung war: Er bereitete die erste wissenschaftliche Ausgabe der Schriften K. Donelaitis’ vor. Für Donelaitis’ Schaffen interessierte sich Schleicher schon seit geraumer Zeit. Bereits im Vorwort zu seiner litauischen Chrestomathie schrieb er, eine neue Ausgabe von K. Donelaitis’ „Metai“ sei nötig und er hätte dieses „einzige klassische Werk eines Litauers“ gern in die Chrestomathie aufgenommen, wenn der Platz nicht gefehlt hätte. „Beim Lesen dieses meisterhaften Werkes bedauerte ich aufrichtig“, schrieb Schleicher, „dass eine solche Sprache, die an Vollkommenheit der Form mit den Werken der Griechen, Römer und alten Inder wetteifern könnte, mangels einer Literatur zugrunde geht“34.
Die von Schleicher vorbereiteten Schriften K. Donelaitis’ erschienen 1865 in Petersburg35. Bei der Vorbereitung des Werkes für den Druck benutzte Schleicher die ursprünglichen Textquellen und konsultierte F. Kurschat. Beim Lesen von Donelaitis’ Werken halfen ihm der Lehrer Kumutaitis, der ihn bereits bei der Abfassung der Grammatik unterstützt hatte, sowie ein weiterer Lehrer aus Ragainė, Meškaitis. Auch A. Baranauskas, der damals an der geistlichen Akademie in Petersburg Professor war, wurde in die Korrektur des Wörterbuchs einbezogen.
Bei der Herausgabe der Schriften Donelaitis’ war deren Authentizität für Schleicher das wichtigste Kriterium: Er vermied jegliche Kürzungen, Verschönerungen oder Beschönigungen und bemühte sich, der wissenschaftlichen Welt einen solchen Bauernpoeten zu zeigen, wie er tatsächlich gewesen war. Damit begründete Schleicher eine neue Tradition der Herausgabe von Donelaitis’ Schriften, die bis heute Bestand hat36.
Dennoch wies die von Schleicher vorbereitete Ausgabe von Donelaitis’ Schriften auch Mängel auf, die F. Nesselmann unmittelbar nach Erscheinen des Buches scharf kritisierte37 (vermutlich spielte dabei auch eine gewisse persönliche Voreingenommenheit eine Rolle)38. Schleicher erklärte später, dass zahlreiche Fehler in seiner Ausgabe der Schriften Donelaitis’ auf ungünstige Druckbedingungen zurückzuführen seien: Er
32 „1. Eine vergleichende Grammatik der wichtigsten slawischen Dialekte, in die eine rein wissenschaftliche Darstellung all dessen aufgenommen würde, was ihnen gemeinsam ist und die folglich die Elemente der Ursprache des slawischen Volkes liefern würde. 2. Eine vergleichende Grammatik des Litauischen, Preußischen und Lettischen, um ebenfalls mithilfe der Erkenntnisse der Wissenschaft die Ursprache des litauischen Volkes wiederherzustellen. Schließlich 3. Eine litauisch-slawische Grammatik, das heißt ein Versuch, anhand der in den beiden vorhergehenden Grammatiken gewonnenen Ergebnisse und mithilfe weiterer vergleichender Studien die Ursprache der litauisch-slawischen Sprachfamilie aus der Zeit vor der Trennung der Dialekte zu rekonstruieren.“ (Bulletin de l’Académie Impériale des Sciences de St. – Pétersbourg, 5, 1863, Sp. 526–527), vgl. J. Dietze, August Schleicher als Slawist, S. 57.
33 J. Dietze, ZfSl, II, 1960, p. 275.
34 A. Schleicher, Litauisches Lesebuch und Glossar, p. VIII.
35 A. Schleicher, Christian Donaleitis. Litauische Dichtungen, St. Petersburg, 1865.
36 A. Šešelgis, Literatūra ir kalba, VII, Vilnius, 1965, p. 309–12, 317–8.
37 G. H. F. Nesselmann, Altpreussische Monatsschrift, Königsberg, 1866, III, p. 454–8; 1867, IV, p. 65–79.
38 J. Dietze, August Schleicher als Slawist, p. 58.
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Page 13Da er weit vom Druckort entfernt lebte und nur eine einzige Korrekturfahne lesen konnte. Den größten Teil der Fehler berichtigte Schleicher und veröffentlichte die Korrekturen im Bulletin der Petersburger Akademie der Wissenschaften39.
Nach der Vorbereitung der Ausgabe von Donelaitis’ Schriften widmete sich Schleicher den bereits zuvor von uns erwähnten Arbeiten, um die die Petersburger Akademie der Wissenschaften gebeten hatte. Aus diesem Bereich konnte er jedoch nur einige wenige Aufsätze veröffentlichen40. Sein plötzlicher Tod hinderte ihn daran, diese umfangreichen Arbeiten auszuführen, die nicht nur für die Slawistik, sondern auch für die Wissenschaft von den baltischen Sprachen von Bedeutung waren.
August Schleicher war nicht nur ein genialer Gelehrter – der bedeutendste Indogermanist seiner Zeit und ein begabter Pädagoge –, sondern auch eine sehr liebenswürdige Persönlichkeit. Er war ein vielseitig gebildeter Mensch. Neben der Sprachwissenschaft hatte Schleicher, könnte man sagen, noch ein weiteres Fachgebiet: Er war ein leidenschaftlicher Botaniker. Obwohl er bereits Professor war, besuchte er Vorlesungen der Naturwissenschaftler an der Universität, studierte die Literatur dieses Fachgebiets und erforschte verschiedene Erscheinungen der Pflanzenphysiologie. Auf seinem Schreibtisch stand ein Mikroskop, und Fensterbänke und Bücherregale waren mit seltensten Pflanzenexemplaren besetzt. Schleicher hatte einen prächtigen Garten angelegt und leitete zeitweise sogar einen Gartenbauverein. Er war ein guter Sportler. Sport, körperliche Arbeit und der ständige Umgang mit der Natur halfen ihm, mit übermenschlicher Intensität geistige Arbeit zu leisten. „Mit meinen Fähigkeiten kann ich nicht prahlen: Ich habe keine, aber ich besitze einen eisernen Willen, mit dessen Hilfe ich alles erreiche, was ich für notwendig halte“, sagte Schleicher einmal zum Akademiker Iwan Sresnewski. Dieser eiserne Wille half Schleicher tatsächlich, sehr viel zu erreichen, war aber wahrscheinlich auch eine der Ursachen für den frühen Tod des großen Gelehrten: Schleichers Arbeitsambitionen und Arbeitstempo entsprachen wohl nicht seiner von Natur aus eher schwachen Gesundheit.
39 A. Schleicher, Zu meiner Ausgabe des Donaleitis, — Bulletin de l’Academie Imperiale des Sciences de St. Petersbourg, 8, 1867, Sp. 293–99; vgl. ebenda, S. 312, A. Šešelgis.
40 Kurzer Abriss des vorgeschichtlichen Lebens des nordöstlichen Zweigs der indogermanischen Sprachen, — Записки Императ. Академии наук, 8, Приложение 2, Спб., 1865; Die Themen der Zahlwörter (Grund- und Ordnungszahlen) in den litauisch-slawischen und deutschen Sprachen, — ebenda, 10, Приложение 2, Спб., 1866; Die Deklination der Stämme auf -у- in den slawischen Sprachen, — ebenda, 11, приложение 3, Спб., 1867.
18. Lietuvių kalbos gramatikos tyrinėjimai
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