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JURGITA GIRČIENĖ

Institut für Litauische Sprache

KONKURRENZ VON PLURALISCHEN UND SINGULARISCHEN ANREDEFORMEN IM ÖFFENTLICHEN MÜNDLICHEN SPRACHGEBRAUCH

(soziolinguistischer Aspekt)

EINLEITUNG

Mit dem öffentlichen Sprachgebrauch wird gewöhnlich die pluralische Form der Anrede einer einzelnen Person in Verbindung gebracht – der sogenannte Höflichkeitsplural, ausgedrückt durch das Pronomen jūs sowie die entsprechende Verbform und geeignet, es dem meist einander unbekannten Sprecher und Adressaten zu ermöglichen, Distanz zu wahren und respektvolle, offizielle Beziehungen zum Ausdruck zu bringen (vgl. Župerka 1997: 45; Čepaitienė 2007: 27, 83, 85ff.). Solche Beziehungen werden mit einer distanzierenden Höflichkeitsstrategie in Verbindung gebracht (ausführlicher dazu Brown, Levinson 1987; Карасик 2002)1.

Der alte Kommunikationsstil des litauischen Adels hat sich nicht erhalten und ist kaum dokumentiert. Es wird angenommen, dass der heutigen öffentlichen Sprachverwendung ein distanzierender Höflichkeitsausdruck eigen ist – die Anrede im Höflichkeitsplural, mit Vor- und Nachnamen sowie mit Wörtern, die Amt und gesellschaftliche Stellung bezeichnen und mit den Zusätzen ponas, –ia oder gerbiamas, –a versehen sind, unabhängig von Alter und Geschlecht der Gesprächspartner, zurückbringt

1 Die Begründer der Höflichkeitsstrategietheorie Penelope Brown und Stephen Levinson vertreten die Auffassung, dass Höflichkeit durch zwei unterschiedliche Kommunikationsweisen geprägt wird: die positive (positive politeness), bei der Freundlichkeit und Nähe zum Ausdruck gebracht werden, und die negative (negative politeness), bei der Respekt gezeigt und Distanz gewahrt wird (Brown, Levinson 1978, 1987). Die litauische Etiketteforscherin Giedrė Čepaitienė schlägt überzeugend vor, den positiven Höflichkeitsausdruck als kontaktierende und den negativen als distanzierende Höflichkeitsstrategie zu bezeichnen (vgl. Čepaitienė 2007: 25). Die genannten Termini variieren in litauischen Arbeiten bislang, vgl. (distancinė, kontaktinė) Höflichkeitsstrategie oder kürzer (distancinis, kontaktinis) Höflichkeit (Čepaitienė 2007; Gudavičienė 2007; Hilbig 2007, 2008 (als metasprachlicher Kommentar); Girčienė, Skvorčiūtė 2009) sowie (negatyvusis, pozityvusis) Höflichkeit (Džežulskienė 1994; Girčienė, Kupčinskaitė-Ryklienė 2005; Hilbig 2008, 2009).

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nepriklausomybės laikų tradicijas (Čepaitienė 2007: 79, 85). Sociolingvistinių duomenų apie kreipimosi formų funkcionavimo viešojoje vartosenoje tradiciją teikia ir įvardžių tyrimas, išryškinantis buitines ir dalykines aplinkos lemiamus skirtumus. Apibendrintai pasakytina, kad dalykinėms situacijoms svarbiausias yra statuso veiksnys – familiariai (tu) gali būti kreipiamasi tik į žemesnę socialinę padėtį užimančius asmenis (Rosinas 1996: 43–44). Bet dabartinės viešosios vartosenos tyrimai rodo didesnę slinktį kontaktinės mandagumo strategijos, kurios žymikliu laikoma ir familiari vienaskaita, link. Vienaskaitinių kreipimosi į adresatą formų užfiksuota tiek rašytinėje, tiek sakytinėje viešojoje vartosenoje: užsakomuosiuose reklaminiuose straipsniuose (Marcinkevičienė 2004), žurnalų reklamose (Girčienė, Kupčinskaitė–Ryklienė 2005) ir redakciniuose straipsniuose (Girčienė 2009), TV pokalbių laidose (Čepaitienė 2007: 79–80, 88–89, 110; Girčienė, Skvorčiūtė 2009: 41, 43, 46). Anot Giedrės Čepaitienės, „pamažu nutrinamos ribos tarp viešojo ir buitinio šnekos akto, kalbant viešai vartojamos familiarijos, tik buitinei kalbai tinkamos formos“ (Čepaitienė 2007: 80).

Ähnliche Tendenzen zugunsten der Singularform benennen auch Forschende anderer Sprachen, die den Gegensatz zwischen Singular und Höflichkeitsplural bewahrt haben. Es wird sogar die Annahme vertreten, dass die singularische Anredeform die mit ihr konkurrierende Pluralform verdrängen könnte, da seit dem Ende des 20. Jahrhunderts der Faktor Nähe wichtiger wird als der Faktor Respekt. Es wurde ein Zusammenhang zwischen Einstellungen und der Wahl der einen oder anderen Variante festgestellt: Konservativere Sprachverwender wählen häufiger den Plural, liberalere dagegen den Singular (Marcinkevičienė 1994: 50–51). Die Wahl der Anredeform hängt auch von weiteren Faktoren ab: Alter, Geschlecht und Bildung von Sprecher und Adressat, Grad der Bekanntschaft, Hierarchie der sozialen Beziehungen2, soziale Rollen; den Sprechumständen – öffentlicher oder privater Kommunikation, (A)symmetrie der kommunikativen Situation, Dialog oder Polylog usw. (ausführlicher siehe Boissevain 1987: 167tt.; Džežulskienė 1994: 57tt.; Grumadienė 1994; Marcinkevičienė 1994: 48–51, 2004; Karaliūnas 1997: 105–106tt.; Vilkienė 1998; Romaine 2000; Čepaitienė 2007: 72, 78–83, 109–110tt.).

Ziel dieses Beitrags ist es, auf der Grundlage der Daten einer quantitativen und qualitativen Analyse von TV-Talkshows die Konkurrenz zwischen pluralischen und singularischen Formen der Anrede an den Adressaten unter soziolinguistischem Aspekt im öffentlichen mündlichen Sprachgebrauch zu erörtern

2Die Beziehungen zwischen den Teilnehmern eines Kommunikationsakts können nichthierarchisch – gleichrangig, horizontal, d. h. symmetrisch und Solidarität kennzeichnend – oder hierarchisch – ungleichrangig, vertikal, d. h. asymmetrisch und Macht verkörpernd – sein (ausführlicher siehe Marcinkevičienė 2004; Čepaitienė 2007: 33).

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im Sprachgebrauch. Für die Untersuchung wurde Material ausgewählt, das den öffentlichen mündlichen Sprachgebrauch3 repräsentiert: TV-Talkshows gesellschaftlicher, persönlicher und unterhaltender Art, die sich an ein vielfältiges Publikum richten. Die Grundgesamtheit der Untersuchung bildeten sämtliche wöchentlichen Talkshows aller litauischen Rundfunk- und Fernsehsender, die vom 26. Januar 2009 bis zum 11. März 2009 ausgestrahlt wurden (jeweils zwei Ausgaben)4. Dazu gehörten: 1) Debatten-, Diskussions- und Gesprächssendungen zu gesellschaftlichen Fragen; 2) Gesprächssendungen zu persönlichen Themen sowie Unterhaltungssendungen für Kinder. Insgesamt wurden 19 Sendungen mit unterschiedlichen Titeln untersucht; ihre Gesamtzahl betrug 38, ihre Gesamtdauer etwa 32 Stunden. Davon waren es: 24 Aufzeichnungen (12 verschiedene Sendungen5 mit jeweils 2 Aufzeichnungen) gesellschaftlicher Sendungen mit einer Gesamtdauer von 18 Stunden (18 Aufzeichnungen von jeweils etwa 50 Minuten; 6 Aufzeichnungen von jeweils etwa 30 Minuten); 14 Aufzeichnungen (7 verschiedene Sendungen mit jeweils 2 Aufzeichnungen) unterhaltender Sendungen mit einer Gesamtdauer von 14 Stunden (4 Aufzeichnungen von jeweils etwa 120 Minuten; 4 Aufzeichnungen von jeweils etwa 50 Minuten; 6 Aufzeichnungen von jeweils etwa 30 Minuten).

Die Sendungen wurden nach der CHILDES-Methodik (Child Language Data Exchange Systems) transkribiert, die der Erfassung und Analyse mündlicher Sprachdaten dient. Die Gesprächsteilnehmer wurden anhand der für die soziolinguistische Untersuchung wichtigen Faktoren kodiert (Personen werden nicht namentlich genannt): Geschlecht, soziale Rolle (wodurch oft indirekt auch die (vermutete) Bildung angegeben wird), Altersgruppe usw., z. B.: VYR.VED*III, d. h. ein Mann in der Rolle des Moderators (meist ein Journalist mit Hochschulabschluss), der der soziolinguistisch definierten Altersgruppe III (25–34 Jahre) angehört (siehe Tabelle 3); MOT. PSICHOL*V, d. h. eine Frau, Sendungsteilnehmerin in der Rolle einer Expertin, in diesem Fall auf dem Gebiet der Psychologie (Experten sind meist ebenfalls Fachleute mit Hochschulabschluss in einem bestimmten Bereich), die der Altersgruppe V (45–59 Jahre) angehört.

An den Sendungen nahmen 218 Menschen mit unterschiedlichem Bildungsstand teil – nahezu gleich viele Männer und Frauen im Alter von 10 bis 75 Jahren. Insgesamt wurde 290-mal in pluralischer und singularischer Anredeform an verschiedene Adressaten gewandt6.

Bei der Interpretation dieses zentralen empirischen Materials wurde auf das litauisch-lettische Projekt „Baltische Soziolinguistik (BalSoc): sprachliches gesellschaftliches Selbstbewusstsein

3 Dėl sąvokų sakytinė kalba ir viešoji vartosena žr. Miliūnaitė 2009: 34–35, 38–39.

4Die Autorin dieses Beitrags dankt Kristina Skvorčiūtė herzlich dafür, dass sie das gesammelte wertvolle empirische Material (siehe Skvorčiūtė 2009: 51–171, Anhang 2. TV pokalbių laidų ištraukų stenogramos) für weitere Untersuchungen des mündlichen Sprachgebrauchs zur Verfügung gestellt hat.

5Die Sendung Akistata su Lietuva, die abwechselnd von verschiedenen Moderatoren geleitet wird, wurde als zwei verschiedene Sendungen bewertet (2 Sendungen mit jeweils 2 Aufzeichnungen).

6Es gibt mehr verschiedene Adressaten als Sendungsteilnehmer, weil dieselbe Person, wenn sie von mehreren unterschiedlichen Sprechern angesprochen wird, als mehrere verschiedene Adressaten gezählt wird.

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Den Daten von „Lietuvoje ir Latvijoje“7 zufolge: eine Analyse qualitativer Interviews mit 24 männlichen Journalisten und Moderatoren des litauischen Fernsehens und Hörfunks (32–42 Jahre) über die sprachliche Kompetenz von Journalisten u. a. Fast alle in die Stichprobe aufgenommenen Befragten haben Erfahrung mit spontanem Sprechen auf Sendung (im Folgenden – BalSoc).

SOZIOLINGUISTISCHE BESCHREIBUNG DER SENDUNGEN UND IHRER TEILNEHMER

Nach dem Kriterium der Öffentlichkeit oder Privatheit eines Gesprächs lassen sich alle TV-Talkshows, die allen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft zugänglich sind, formal dem öffentlichen Raum zuordnen. Hinsichtlich des Inhalts und der davon abhängigen sprachlichen Ausdrucksweise ist es jedoch sinnvoll, sie weiterhin in die zwei genannten Hauptgruppen einzuteilen: 1) Debatten-, Diskussions- und Gesprächssendungen zu gesellschaftlichen Fragen (im Folgenden – VPL): Akiračiai, Akistata su Lietuva, Ant svarstyklių, Be pykčio, Forumas, Redakcija, Teisė žinoti, Toks gyvenimas su Zita Kelmickaite, Tarp Rytų ir Vakarų, TV forumas, Versijos; 2) Gesprächssendungen zu persönlichen Angelegenheiten und Unterhaltungssendungen, die sich nicht nur an Erwachsene, sondern auch an Kinder richten (im Folgenden – PPL): Bėdų turgus, Nacionalinė paieškų tarnyba, Su Palmira; Auksinė savaitės blykstė, Šeštadienio rytas (für Erwachsene, im Folgenden – SPPL), Meta Meškinija, Tele bim-bam (für Kinder, im Folgenden – VPPL).

1) VPL sind der Kategorie der TV-Gesprächssendungen – Debatten – zuzuordnen: Kennzeichnend für sie sind das Äußern von Meinungen, die Suche nach der Wahrheit und geeigneten Lösungen sowie der Vorrang von Intellekt und Argumenten (vgl. Pečiulis 2007: 202). Hinsichtlich ihrer sprachlichen Ausdrucksweise stehen VPL in Verbindung mit dem öffentlichen offiziellen Sprachgebrauch, bei dem zwischen Sprecher und Adressat ein mehr oder weniger großer Abstand gewahrt wird und die Ausdrucksmittel bewusster und sorgfältiger gewählt werden (vgl. Miliūnaitė 2009: 40–44). Die Verbindung von VPL mit dem offiziellen Sprachgebrauch wird auch durch Untersuchungen der sprachlichen Etikette in TV-Gesprächssendungen (2003–2005) bestätigt: Giedrė Čepaitienė zufolge ist für gesellschaftspolitische Sendungen vor allem eine distanzierende Höflichkeitsstrategie kennzeichnend, die respektvolle, formelle Beziehungen vermittelt (Čepaitienė 2007: 85–87).

2) PPL entsprechen den beiden anderen Kategorien dialogischer TV-Sendungen – Gesprächssendungen und Realityshows –, die mit einem Schauspiel des Wortes und des Streits, der Anregung von Emotionen, der Darstellung menschlicher Schicksale sowie der Tragik oder dem Heroismus des Alltags verbunden sind (vgl. Pečiulis 2007: 202, 204). Hinsichtlich ihrer sprachlichen Ausdrucksweise stehen PPL in Verbindung mit dem öffentlichen freien

7 Das Projekt wurde 2009 am Institut für Litauische Sprache durchgeführt. Gefördert vom Staatlichen Fonds für Wissenschaft und Studium.

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Sprachgebrauch, der durch eine sprachliche Ausdrucksweise ohne Einschränkung durch formale Regeln und durch Informalität gekennzeichnet ist (siehe Miliūnaitė 2009: 40–44). Die Annahme, dass PPL mit dem freien Sprachgebrauch verbunden sind, wird auch durch Untersuchungen der sprachlichen Etikette bestätigt: G. Čepaitienė vertritt zwar die Auffassung, dass in TV-Gesprächssendungen, in denen nicht nur öffentlich kommuniziert wird, sondern die auch von einem großen Publikum öffentlich verfolgt werden, eine distanzierende Höflichkeitsstrategie angemessener ist; dennoch bringt sie häusliche und soziale Sendungen (insbesondere solche für Kinder) eher mit einer gemütlichen, natürlichen Umgebung und einer kontaktorientierten Höflichkeitsstrategie in Verbindung, die warme Beziehungen vermittelt (Čepaitienė 2007: 85, 87–90). Bei der Untersuchung der Anredeformen in PPL muss man sich daher nicht (nur) auf Untersuchungen des öffentlichen, sachlichen, sondern auch des häuslichen Sprachgebrauchs stützen. Den in der Einleitung erwähnten Daten zur Untersuchung der Pronomen zufolge sind in häuslichen Situationen Vertrautheit, Alter und Geschlecht wichtige Faktoren. Mit der vertraulichen Anrede (tu) sprechen in Litauen am ehesten junge Menschen beider Geschlechter miteinander, die sich kennen; die Einzahl kann auch von Angehörigen der älteren Generation beider Geschlechter gegenüber Jüngeren verwendet werden, die meist ebenfalls bekannt sind. Wenn sie einander nicht kennen, verwenden nur Männer unterschiedlichen Alters die Einzahl gegenüber Personen ihres eigenen Geschlechts. Die nichtvertrauliche, d. h. respektvolle Anrede (jūs) verwenden in häuslichen Situationen einander gegenüber junge Menschen unterschiedlichen Geschlechts, die sich nicht kennen; so spricht man auch bekannte und unbekannte Angehörige der älteren Generation an. Ältere Männer verwenden diese Anrede sowohl gegenüber bekannten als auch unbekannten Frauen (Rosinas 1996: 43–44).

Zusammenfassend lässt sich zur Dichotomie von VPL und PPL sagen, dass ihr die Dimension Formalität–Informalität (Lockerheit) zugrunde liegt, die in soziolinguistischen Untersuchungen als eines der wichtigsten Kriterien gilt (Näheres dazu siehe Miliūnaitė 2009: 41 ff.).

Die Gesamtdauer der Aufzeichnungen von VPL, die den öffentlichen offiziellen Sprachgebrauch repräsentieren, ist etwas länger (18 Stunden) als die der PPL, die dem öffentlichen freien Sprachgebrauch zugeordnet werden (14 Stunden; davon entfallen 4 Aufzeichnungen – 2 verschiedene Sendungen mit jeweils 2 Aufzeichnungen – auf Kindersendungen). Der relativ geringe Unterschied sowie die gleiche Zahl der Studiogäste (58) und eine sehr ähnliche Zahl von Moderatoren (13 / 8) ermöglichen jedoch einen statistischen Vergleich (siehe Tabelle 1).

TABELLE 1. Verteilung der Sendungsteilnehmer nach Art ihrer Teilnahme

Art der Sendung

Moderatoren

Teilnehmer im Studio

Teilnehmer am Telefon

Teilnehmer insgesamt

VPL

13

58

76

147

PPL

8

58

5

71

Insgesamt

21

116

81

218

218

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In beiden Gruppen überwiegen Sendungen, an denen neben dem/den Moderator(en) mehr als ein Gast teilnimmt (38 / 5). Nach dem Kriterium der Dialogizität bzw. Polylogizität sind Gesprächssendungen jedoch meist nicht als Polylog, sondern als Dialog zwischen dem aktiv am Gespräch beteiligten Mitglied – dem Moderator und jedem einzelnen Gast – zu betrachten. Zwar kommen Polylogfragmente zwischen den Gästen im Studio gelegentlich, wenn auch selten, vor; telefonisch zugeschaltete Anrufer nehmen daran jedoch nie teil. Angesichts dieser für Fernsehsendungen typischen Gesprächsform und insbesondere der Bedeutung der Rolle des Moderators werden die Teilnehmenden außerdem in Untergruppen eingeteilt, die für die Forschungsfrage relevant sind: vedėjų (die aktivsten Gesprächsgestalter und Verwender von Anredeformen gegenüber dem Adressaten)8, dalyvavusių studijoje (aktive Gesprächsteilnehmer und Verwender von Anredeformen gegenüber dem Adressaten) und skambinusių telefonu (in der Regel Verfasser einer oder mehrerer Repliken, die Anredeformen gegenüber dem Adressaten kaum verwenden) (siehe Tabelle 2).

Unter den insgesamt 218 Personen, die an den Sendungen teilnahmen, waren etwas mehr Männer (120) als Frauen (98). Wie aus Tabelle 2 hervorgeht, gab es unter den Moderatoren und Studiogästen der VPL überwiegend Männer, unter den PPL hingegen überwiegend Frauen.

TABELLE 2. Geschlechterverteilung der Sendungsteilnehmenden (m – Frauen, v – Männer)

Art der Sendung

Moderatoren

Teilnehmende im Studio

Telefonisch zugeschaltete Teilnehmende

Männer und Frauen insgesamt

VPL

11 v / 2 m

46 v / 12 m

38 v / 38 m

95 v / 52 m

PPL

1 männl. / 7 weibl.

23 männl. / 35 weibl.

1 männl. / 4 weibl.

25 männl. / 46 weibl.

Insgesamt

12 männl. / 9 weibl.

69 männl. / 47 weibl.

39 männl. / 42 weibl.

120 männl. / 98 weibl.

Die Mehrheit der Sendungsteilnehmer bilden 25- bis 59-Jährige im erwerbsfähigen Alter, die besonders stark zivilgesellschaftlich engagiert sind (siehe Tabelle 3).

8 Die Bedeutung der Rolle des Moderators als Gesprächsregisseur und häufig als Hauptadressat des Gesprächs und somit als aktivstem Nutzer verschiedener Anredeformen betonen sowohl Kommunikationswissenschaftler als auch Spezialisten für sprachliche Etikette (siehe Čepaitienė 2007: 79–90; Pečiulis 2007: 205).

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TABELLE 3. Verteilung der Sendungsteilnehmer nach Altersgruppen (ohne telefonische Anrufer)

Altersgruppen

Alter der Teilnehmer (Jahre)

Anteil der VPL-Teilnehmer (Anzahl)

Anteil der PPL-Teilnehmer (Anzahl)

Anteil aller Sendungsteilnehmer in Prozent (Anzahl)

I

≤14

0 (0)

3,1 (2)

1,5 (2)

II

15–24

2,8 (2)

12,1 (8)

7,3 (10)

III

25–34

9,8 (7)

25,8 (17)

17,5 (24)

IV

35–44

26,8 (19)

21,2 (14)

24,1 (33)

V

45–59

46,5 (33)

25,8 (17)

36,5 (50)

VI

60 ≥

14,1 (10)

12 (8)

13,1 (18)

Die PPL-Teilnehmer, deren Vertreter in der aktivsten Altersphase annähernd gleichmäßig auf die Gruppen verteilt sind (siehe Gruppen III–V) und zu denen Kinder und Jugendliche zählen (Gruppen I–II), sind vergleichsweise jünger als die VPL-Teilnehmer, unter denen Vertreter der Gruppe V (fast die Hälfte) und der Gruppe IV überwiegen (siehe Abb. 1).

ABB. 1. Verteilung der Sendungsteilnehmer nach Altersgruppen (ohne telefonische Anrufer)

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Die Moderatoren der VPL sind ebenfalls älter – unter ihnen überwiegen Vertreter der Altersgruppen IV und V: 2 (III), 5 (IV), 6 (V). Die Moderatoren der PPL sind, ebenso wie die Gäste ihrer Sendungen, jünger – unter ihnen überwiegen Vertreter der Altersgruppen II und III: 3 (II), 3 (III), 2 (IV).

Neben den soziolinguistischen Faktoren – Alter, Geschlecht usw. –, die den Gebrauch des untersuchten sprachlichen Phänomens beeinflussen können, sind auch die Bildung (der Tätigkeitsbereich) der Beteiligten, die in der Sendung übernommenen Rollen usw. zu erörtern. Unter den Moderatoren der VPL überwiegen Journalisten mit Hochschulbildung (10); Einzelfälle sind ein Kulturwissenschaftler, ein Jurist und ein Philosoph. Unter den Gästen dieser Sendungen überwiegen ebenfalls Personen mit Hochschulbildung: Mehr als die Hälfte der Studiogäste sind Politiker und Staatsbeamte, nach Ž. Pečiulis Entscheidungsträger sowie Vertreter des engagierten Wortes (Pečiulis 2007: 201). Unter den Vertretern anderer Berufe sind Politikwissenschaftler, Ökonomen, journalistische Kommentatoren, Psychologen, Kulturwissenschaftler und Unternehmer beliebt; vertreten waren außerdem Wissenschaftler (Historiker und Philosophen), Dozenten, Lehrer, Studierende, Schüler, Vertreter gesellschaftlicher Organisationen, Schauspieler usw. Die meisten von ihnen übernehmen die sogenannte Rolle des Experten; sie sind Bürger, die Politiker dazu drängen, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Andere bezeugen lediglich etwas, äußern ihre Meinung und übernehmen die Rolle von vox populi (vgl. Pečiulis 2007: 201).

Die Moderatoren der PPL sind Personen verschiedener Fachrichtungen mit Hochschulbildung: Die Hälfte von ihnen sind Journalisten (4), die anderen ein Psychologe, ein Schauspieler, ein Sänger und ein Astrologe. Unter den Gästen der PPL, die die Expertenrolle übernehmen, überwiegen Ärzte, Verlagsmitarbeiter und Unternehmer mit Hochschulbildung. Unter den anderen Gästen der PPL überwiegen Vertreter der Unterhaltungs- und Kunstberufe; die meisten von ihnen haben ebenfalls Hochschulbildung. Über die Personen, die in Unterhaltungssendungen mit kurzen Äußerungen durch Verwandtschaftsbezeichnungen benannt werden (z. B. Großväter, Großmütter, Mütter usw.), lässt sich schwer urteilen – es ist anzunehmen, dass zumindest die Mehrheit der Personen, die in Fernsehsendungen persönliche Angelegenheiten erörtern, keine Hochschulbildung hat. Solche Beteiligten übernehmen ebenso wie viele Anrufer die Rolle des Meinungsäußerers, von vox populi.

GEBRAUCHSTENDENZEN BEI ANREDEFORMEN

Die zusammenfassende Statistik aller Fernsehgesprächssendungen würde ein deutliches Übergewicht der Anrede an den Adressaten in der Mehrzahlform erkennen lassen: Verschiedene Sprecher sprachen 248 verschiedene Adressaten mit der Höflichkeitspluralform (jūs und der entsprechenden Verbform) und 43 verschiedene Adressaten vertraulich mit der Singularform (tu und der entsprechenden Verbform) an. Unter diesem Gesichtspunkt zeigt sich eine deutliche Trennlinie zwischen gesellschaftlichen

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und persönlichen (Unterhaltungs-)Sendungen: In den VPL werden konsequent Anredeformen im Plural verwendet, während in den PPL die Plural- und Singularformen nahezu gleich beliebt sind.

1. Alle Gesprächsteilnehmer der VPL – sowohl die Moderatoren (144 Fälle der Benennung verschiedener Adressaten9) als auch die Gäste (46 Fälle der Benennung verschiedener Adressaten) – sprachen alle Adressaten mit der Höflichkeitspluralform an (insgesamt 190 Fälle der Benennung verschiedener Adressaten), mit Ausnahme eines einzigen Falls, in dem ein Adressat mit der Singularform angesprochen wurde.

Bei der Anrede mit der Höflichkeitspluralform verwendeten die VPL-Teilnehmer neben dem Pronomen jūs (sehr selten pats, –i, fast ausschließlich in Verbindung mit jūs) verschiedene nominale Benennungen des Adressaten: a) Die Moderatoren sprachen Studiogäste meist mit der Anrede ponas, –ia + (Vorname) + Nachname an, die die Distanzstrategie betont; b) vergleichsweise selten wurden die Studioteilnehmer zwar im Plural, aber etwas vertraulicher angesprochen: (ponas, –ia / gerbiama(s)) + Vorname; diese Konstruktion, oft mit einem dritten Glied (+ iš kur), verwendeten die Moderatoren konsequent nur für Anrufer; c) für die VPL sind im Vergleich zu den PPL statusbezogene Anreden charakteristisch, z. B.: (gerbiama(s) / ponas, –ia) premjere, ministre, profesoriau10.

Die variierenden nominalen Benennungen des Adressaten zeigen, obwohl sie bei einer Anrede in der Pluralform verwendet werden, häufig unterschiedliche Grade der Formalität und mitunter sogar unterschiedliche Höflichkeitsstrategien an. Eine erste Durchsicht des Untersuchungsmaterials lässt vermuten, dass eine eingehende Analyse der nominalen Benennungen des Adressaten nicht nur für Diskursuntersuchungen relevante Fälle individueller kommunikativer und sprachlicher (In-)Kompetenz sowie der Entwicklung von Gesprächsstrategien aufdecken könnte, sondern auch soziolinguistisch interessante Sachverhalte.

Wie bereits erwähnt, wurde die Singularform der Anrede an einen Adressaten in den VPL nur von einem einzigen Teilnehmer verwendet: Ein Gast der Sendung – ein hochbetagter Unterzeichner,

9 Eine Adressatenbenennung ist die Bezeichnung einer Person, an die Informationen gerichtet werden, d. h. des Adressaten, die durch ein Wort oder eine Wortverbindung ausgedrückt wird. Im Litauischen kann ein einzelner Adressat benannt werden durch: 1) Personalpronomen tu, jūs, seltener pats (–i), tamsta; 2) Substantive (substantivierte Adjektive und Partizipien) oder deren Verbindungen, die den Adressaten nach Vor- und/oder Nachnamen, gesellschaftlicher Stellung, Beruf usw. kennzeichnen, also sogenannte nominale Benennungen, z. B.: ponas (–ia), ponas (–ia) + vardas / pavardė / pareigos; gerbiamas(is), gerbiama(–oji) + vardas usw. (Ambrazas 1990: 9–11; Valeckienė 1998: 211; Čepaitienė 2007: 78–110; Girčienė, Skvorčiūtė 2009: 37–46). Wenn der Adressat also mit den Personalpronomen tu oder jūs benannt wird, deckt sich der Umfang des Begriffs Adressatenbenennung im Wesentlichen mit dem des Begriffs Anredeform. In diesem Artikel wird der Begriff Adressatenbenennung als Bezeichnung des verwandten Begriffs verwendet, der auch die nominale Anrede umfasst.

10 Alle in Fernsehgesprächssendungen verwendeten Strukturtypen nominaler Benennungen siehe Gir-čienė, Skvorčiūtė (2009: 42–45).

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Der bekannte Philosoph, Professor [VYR.SIGNAT.FILOS.PROF*V], wandte sich mehrfach mit dem Vornamen in der Einzahl an die zwanzig Jahre jüngere (vermutlich bekannte) Sendungsgästin, eine Signatarin, bekannte Schauspielerin und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens [MOT.SIGNAT.VISUOM.AKT*V], zum Beispiel:

VYR. SIGNAT.FILOS.PROF*VI: Nein, [MOT.SIGNAT.VISUOM.AKT*V Vorname], du liegst hier falsch.

Insgesamt nahmen an dieser Sendung drei Personen teil: die beiden genannten Gäste und der Moderator, ein Kulturwissenschaftler und Professor [VYR.VED.KULT.PROF*V]. Sowohl die Schauspielerin als auch der Moderator sprachen einander und dem Philosophen gegenüber in der Mehrzahl an: Die Gästin sprach den Moderator mit dem Vornamen an, der Moderator die Gästin mit „Sie“, und beide den Philosophen mit einer statusbezogenen Nominativ-Anrede:

MOT. SIGNAT.VISUOM.AKT*V: wenn sie <...> die Nomenklatur nicht gekauft hätten, würden sie nichts beherrschen, Professor [VYR. SIGNAT.FILOS.PROF*VI], Sie verstehen das sehr gut.

Aus dem Kontext geht nicht hervor, wie sich der Sendungsgast an den Moderator wandte – der einzige Anredeindikator ist das Pronomen selbst, das, wie die Daten dieser und anderer Studien zeigen, sowohl für die höfliche Mehrzahl als auch für die vertrauliche Einzahl verwendet werden kann und daher als Zwischenform zwischen Sie und du11 zu bewerten ist.

VYR. SIGNAT.FILOS.PROF*VI: Zwanzig Jahre sind für mein Alter viel, der [VYR.VED.KULT.PROF*V] ist auch nicht mehr ganz so jung, und für die Geschichte ist es kein allzu langer Zeitraum.

Die einzige Anredeform der VPL in der Einzahl, gewählt aufgrund des Alters des ältesten Sendungsgasts, lässt sich mit dem Status und Alter der ansprechenden Person in Verbindung bringen. Wie Studien zeigen, kann man in beruflichen Situationen eine Person mit niedrigerem Status vertraulich ansprechen; ebenso können ältere Menschen jüngere, gewöhnlich bekannte Personen in informeller Kommunikation ansprechen (vgl. Rosinas 1996: 43–44). Da es jedoch für Männer der älteren Generation traditionell üblich ist, auch eine bekannte Frau in der Mehrzahl anzusprechen (vgl. Rosinas 1996: 43–44), ließe sich der genannte Fall vielleicht nicht mit einer hierarchischen oder nicht-

11 Mit dem Pronomen selbst, -e anzusprechen, scheint man das direkte du zu vermeiden, das besonders im Gespräch mit einer wenig bekannten Person zu grob wirken kann; Sie dagegen wirkt übermäßig förmlich und betont die Distanz zwischen den Gesprächspartnern. Offenbar nimmt dieses Pronomen eine Zwischenstellung ein: Es ist einerseits nicht vertraulich, andererseits aber auch nicht förmlich (Čepaitienė 2007: 81).

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höflichem Verhalten, jedoch mit einer gewissen Gemeinsamkeit der beruflichen Interessen aller drei Sendungsteilnehmer (die sich möglicherweise den gesellschaftlich aktiven Personen und Kulturschaffenden zuordnen lassen), die in der Sendung einen ansonsten recht seltenen Polylog entfalten (vgl. Čepaitienė 2007: 80ff.).

2. Im Vergleich zu den erörterten VPL konkurriert bei PPL mit der Höflichkeitspluralform (57 Fälle der Bezeichnung unterschiedlicher Adressaten) stark die vertrauliche Singularform (42 Fälle der Bezeichnung unterschiedlicher Adressaten). Die pluralischen Anredeformen werden bei PPL mit dem Pronomen jūs ausgedrückt (sehr selten mit pats, –i, gewöhnlich zusammen mit jūs), der Singular, ohne dass das Pronomen tu überwiegt, sehr selten mit dem Pronomen pats, –i. Unter den Nominativbezeichnungen des Adressaten überwiegt in beiden Fällen die Anrede mit dem (Figuren-)Namen.

Um die Gebrauchstendenzen der bei PPL nahezu gleich häufigen pluralischen und singularischen Anredeformen an den Adressaten genauer zu bestimmen, wurden die Unterhaltungssendungen außerdem in Sendungen für Erwachsene (im Folgenden SPPL; 10 Aufzeichnungen von fünf verschiedenen Sendungen) und für Kinder (im Folgenden VPPL; 4 Aufzeichnungen von zwei verschiedenen Sendungen) unterteilt.

2.1. Bei SPPL wurden pluralische Formen doppelt so häufig verwendet (48 Fälle der Bezeichnung unterschiedlicher Adressaten) wie singularische (22 Fälle der Bezeichnung unterschiedlicher Adressaten). Interessanterweise verwenden am häufigsten die Moderatoren den Singular. Dies ist auf ihre Rolle als Gesprächsstrategen und Zuhörer zurückzuführen, die es erfordert, den Adressaten zu benennen, sowie auf die Rolle der Sendungsgäste als Antwortende und Erzähler von Geschichten, die sich viel seltener an den Moderator wenden müssen, und nicht auf Einzelfälle, in denen Gäste auf das Duzen mit einer Pluralform antworten.

Pluralische Formen. Von den sechs SPPL-Moderatoren wandten sich zwei Frauen der Gruppe V an alle Adressaten – sowohl an die im Studio anwesenden (die derselben Altersgruppe angehören wie die Moderatorinnen) als auch an die Anrufer, unter denen Frauen überwiegen – konsequent ausschließlich mit der Pluralform. Die für solche Sendungen typische Vertrautheit zeigten sie durch die nominativische Bezeichnung (mit dem Namen). Im Vergleich zu den variierenden Anredeformen der jüngeren Moderatoren (siehe unten) ließen sich hier Auswirkungen des Alters und sogar des Geschlechts erkennen: Ältere Menschen halten traditionell an der üblichen pluralischen Anredeform fest; einander unbekannte Frauen sprechen sich traditionell mit der Pluralform an (vgl. Rosinas 1996: 43–44). Die Wahl der Form wird wahrscheinlich auch durch die Rolle beeinflusst, die die Moderatorinnen beider Sendungen als eine Art Expertinnen übernehmen, die den Sendungsteilnehmern bei der Lösung persönlicher Probleme helfen und dadurch vertikale Beziehungen begründen. Darauf deutet auch die Art einiger nominativischer Bezeichnungen der Moderatorinnen hin: vor-

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gerbiama. Alle Gäste sprachen die Moderatorinnen ebenso wie diese sie ausschließlich mit der Pluralform an.

Die vier übrigen SPPL-Moderatoren, darunter ein Mann (Gruppe III) und drei Frauen (eine Vertreterin der Gruppe III und zwei der Gruppe IV), wählten je nach Situation eine pluralische oder singularische Anredeform. Traditionell sprachen sie ältere und/oder angesehenere Gäste, die die Rolle von Experten übernahmen (z. B. einen Arzt, einen Buchkritiker), mit der Pluralform an; dabei verwendeten sie meist nominativische Bezeichnungen mit dem Namen (sowohl für Personen im Studio als auch für Gesprächspartner am Telefon). Bei angesehenen Gästen – aufgrund ihres Alters und Status – fügten sie gelegentlich (selten und nicht unbedingt konsequent bei derselben Person) Beifügungen hinzu: ponas, -ia / mielas, -a + Name; sogenannte Experten sprachen sie häufig unter Bezugnahme auf ihren Beruf an, zum Beispiel:

a) VYR.VED*III: [MOT.POET.POLIT*VI vardas], Blumen von uns für Ihren schöpferischen Beitrag.

VYR.VED*III: miela [MOT.POET.POLIT*VI vardas], guten Abend, schön, Sie zu sehen. Bitte zu uns.

MOT.VED.ŽURN1*III: Gnädige Frau [MOT.POET.POLIT*VI Name], Sie sind doch immerhin eine Dichterin, schreiben Texte, natürlich sind Sie sehr lyrisch und sensibel. Und was unser heutiges Thema betrifft: Haben Sie deswegen schon einmal Schmerz empfunden?

VYR.VED*III: ponia [MOT.POET.POLIT*VI vardas], das heutige Thema ist Treue und Untreue; dieses Gefühl kann also gleichermaßen zwischen Mann und Frau wie auch unter Freunden auftreten, nicht wahr?

b) MOT.VED.ŽURN1*IV: gydytoja [MOT.GYD.EKSP*V], tai visiškai visi gali naudoti? <...> ačiū jums. Būkite sveika. Gero savaitgalio.

SPPL-Gäste fügen, wie bereits erwähnt, bei der ausschließlich pluralischen Anrede an die Moderatoren gewöhnlich zum Namen noch Beifügungen hinzu, die (herzliche) Achtung ausdrücken, ähnlich wie die VPPL-Gäste: gerbiamas, mielas + Name.

Singularische Formen. Mit dem Singular sprechen SPPL-Moderatoren am häufigsten Kollegen unter den Moderatoren sowie Gäste ähnlichen (oder jüngeren) Alters und/oder Status an, die ihnen möglicherweise bekannt sind (wie bereits erwähnt, treten in Unterhaltungssendungen, die von Vertretern des Unterhaltungsgeschäfts moderiert werden, häufig Personen aus demselben Bereich als Gäste auf). Solche Tendenzen zum Gebrauch vertraulicher Formen entsprechen in SPPL, die Alltagssituationen nachahmen, im Wesentlichen den Traditionen des alltäglichen Sprachgebrauchs (vgl. Rosinas 1996: 43–44).

Bei der singularischen Anrede des Adressaten werden in SPPL neben dem Pronomen tu (selten pats, -i) ausschließlich nominativische Bezeichnungen mit dem Namen verwendet:

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a) VYR.VED*III: Warte, [MOT.VED.ŽURN1*III Name], man kann diese Mädchen nicht verlassen.

VYR.VED*III: [VYR.LAID.PRODIUS*III Name], dann kommen wir zurück zum Leitmotiv unserer ganzen Sendung heute Abend – Treue und Untreue. Du suchst dir heute irgendwie sehr sichere Antworten für uns aus.

MOT.VED.ŽURN1*III: Hör mal, [VYR.LAID.PRODIUS*III Name], na ja, oft spricht man darüber, <...>, aber diese Gespräche sind für dich einerseits nützlich.

b) MOT.VED.ŽURN1*IV: Und was ist, [MOT.KITOS LAIDOS VED*III Name], ich habe gehört, dass du hier in der Werbepause erklärt hast, was Blanchieren ist?

c) MOT.VED.ŽURN2*IV: [MERG.DUKT*I Name], was bist du selbst denn? Tänzerin? <....> Also habe ich richtig verstanden, du hast dir vorgenommen, Ärztin zu werden. <...> Es würde mich überhaupt nicht überraschen, wenn du in etwa zehn Jahren, vielleicht etwas später, eine wirst.

MOT.VED.ŽURN2*IV: Dame [MOT.MOTINA*IV Name], jetzt sind Sie eine berufstätige Frau, stimmt's? <...> Stimmt es, dass, als [MERG.DUKT*I Name] zu einem klugen und bewussten Mädchen herangewachsen war, sie Sie vor Operationen beruhigt hat und nicht Sie sie?

Neben den beschriebenen allgemeinen Tendenzen beim Gebrauch von Plural- und Singularformen gibt es auch Ausnahmefälle. Beispielsweise sprach derselbe Moderator der Sendung (a) einen deutlich älteren Gast, einen Sänger, dessen Lebensweg er gewissermaßen als Experte einer Prüfung unterzieht, während eines Teils der Sendung vertraulich mit der Singularform an, zum Beispiel:

a) VYR.VED*III: [VYR.SVEČ.DAIN*V Name], wie sieht dann die ideale Beziehung aus? <...> Also, wenn ich das richtig verstehe, ist Untreue eine Sache, die beide betrifft. Du darfst untreu sein, aber sie nicht?

Der Gast sprach, wie alle anderen SPPL-Gäste, sowohl den Moderator, der ihn duzte, als auch die Moderatorin, die ihn mit der Pluralform ansprach, mit der Pluralform an, meist mit einem Zusatz (Liebes) oder, im Fall des Moderators, vielleicht mit einem Zusatz, der eine größere Distanz ausdrückt: verehrter:

a) VYR.SVEČ.DAIN*V: verehrter [VYR.VED*III Name], darf ich diese Sendung sprengen?

MOT.VED.ŽURN1*III: [VYR.SVEČ.DAIN*V vardas], iš tikrųjų, tiesa, jūs esat donžuanas? Pro moteris nepraeinat?

VYR.SVEČ.DAIN*V: Liebes [MOT.VED.ŽURN1*III Name], das ist eben Ihr Geschmack, ein solch ungewöhnlicher Geschmack.

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Der hier betrachtete Fall ist insofern interessant, als der Moderator sich später, als er denselben Sänger ansprach, der Pluralform zuwandte, vgl.:

a) VYR.VED*III: Hier ging es um einen Versuch zum Thema Treue und Untreue, denn wir wissen, dass diese Sendung ganz bestimmt Ihre Frau sehen wird. Und Sie haben die Prüfung bestanden. <...> Bravo, [VYR.SVEČ.DAIN*V vardas].

Ein solcher Übergang zur respektvolleren Pluralform lässt sich mit einer gewissen Veränderung des Gaststatus aus Sicht des Sendungsmoderators in Verbindung bringen (siehe die illustrativen Beispiele).

Dennoch würden sowohl der letztere Übergang (der wohl kaum bewusst geplant war) von der vertraulichen Singularform zur respektvolleren Pluralform bei der Bezeichnung desselben Adressaten als auch die Variation der nominativischen Anreden desselben Moderators an denselben Adressaten (Vorname / Frau (liebe) + Vorname usw.; siehe frühere Beispiele), die auch für andere Sendungsmoderatoren charakteristisch ist, die Bezeichnung verschiedener Adressaten mit Plural- und Singularformen, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Anredeformen gleichaltriger Moderatorinnen und Moderatoren derselben Sendung (a) gegenüber demselben Adressaten usw., davon zeugen, dass die Moderatoren von SPPL vor schwierigen Fragen stehen: Wie lässt sich in Sendungen, die persönliche Probleme erörtern, eine ungezwungene Atmosphäre schaffen und zugleich den Gästen der Sendung Respekt erweisen, also dem öffentlichen Charakter einer TV-Sendung Rechnung tragen? Dies bestätigt auch der Kommentar des erwähnten Sendungsmoderators [VYR.VED*III]: „Jetzt wollen auch die Franzosen das vous abschaffen und nur noch tu lassen, nicht vous. Die Deutschen versuchen auch, das Sie loszuwerden, also diese Höflichkeitsformen. Ich weiß nicht, ich finde es schön, wenn eine Grenze gezogen wird, aber zum Beispiel fällt es mir als Sendungsmoderator manchmal sehr schwer: Einen älteren Menschen, den ich gut kenne, kann ich auch mit tu anreden; das ist für mich kein Problem. <...> Also, dieses Verhältnis von tu und vous ist irgendwie sehr verschwommen“ [Hervorhebung von mir. – J. G.] (BalSoc).

2.2. Bei VPPL gibt es im Gegensatz zu SPPL halb so viele pluralische Anredeformen (9 Fälle unterschiedlicher Adressatenbezeichnungen) wie Singularformen (20 Fälle unterschiedlicher Adressatenbezeichnungen). Dies war teilweise auf den polylogischen Charakter zweier Aufnahmen einer Kindersendung zurückzuführen (von zwei verschiedenen Sendungen), in der unabhängig von Alter, Geschlecht usw. konsequent der Singular verwendet wird: Hier kommunizieren die Beteiligten aktiv miteinander, weshalb nicht nur die Moderatorin, sondern auch andere Figuren und ein Gast die Adressaten häufig bezeichnen; in den Aufnahmen dieser Sendung fanden sich sogar 16 Fälle unterschiedlicher Adressatenbezeichnungen im Singular. Hervorzuheben ist, dass in der Sendung, mit Ausnahme

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des regelmäßigen Gastes (in einer anderen Aufnahme einer Gästin), der wahrscheinlich der Altersgruppe III zuzuordnen ist, alle anderen Beteiligten Figuren sind, die von Personen unterschiedlichen Alters (II–IV Gr.) gespielt werden. Die konsequente Verwendung der Singularformen in dieser Sendung hängt also in erster Linie mit ihren Adressaten – den Kindern – zusammen: Kinder sprechen einander gegenüber und auch ältere Menschen ihnen gegenüber traditionell mit der Singularform an. Daher ist es natürlich, dass die ihnen freundlich gesinnten Figuren der Sendung untereinander entsprechend der für Kinder üblichen kontaktbezogenen Höflichkeitsstrategie kommunizieren (dies ist ein traditionelles Merkmal von Kindersendungen; vgl. Čepaitienė 2007: 90).

In einer Aufnahme einer anderen Sendung, die sich an Kinder und die ganze Familie richtet, wird jedoch aktiv mit einem für eine solche Sendung nicht ganz typischen Publikum – den Großeltern der Kinder – kommuniziert. Die Moderatorin der Altersgruppe IV sprach sie achtmal konsequent mit der Pluralform an (dies sind praktisch alle unterschiedlichen Fälle pluralischer Adressatenbezeichnungen, die SPPL zugeordnet werden können; vgl. als typisches Publikum einer anderen Aufnahme die nahezu gleichaltrigen Teilnehmerinnen der Sendungen, die Mütter und Kinder, die mit der Singularform angesprochen werden). Dies könnte die für diese Sendung ungewöhnlich hohe Zahl an Pluralformen der Anrede erklären.

Die relativ seltene Pluralform in VPPL wird ausschließlich mit dem Pronomen jūs ausgedrückt; unter den nominativischen Bezeichnungen überwiegen Anreden mit dem (Figuren-)Namen. Für eine Sendung für Kinder und Familien sind zudem Anreden mit Verwandtschaftsbezeichnungen charakteristisch (z. B.: seneli (bočeli), močiute), die mitunter als Bestandteil der Bezeichnung zusammen mit dem Figurennamen verwendet werden (z. B. bočeli, rožinis meškeli), vgl.:

MOT.VED*IV: bitte, lieber Opi, rosa Bärchen [VYR.SENEL*V–VI], sprechen Sie.

MOT.VED*IV: Da sitzt die Oma. Oma [MOT.MOČIUT*V–VI], loben Sie Ihren Opa.

Die erwähnte Moderatorin der Altersgruppe IV verwendet die Pluralform nur gegenüber älteren Gästen und Gästinnen der Sendung, deren soziale Rolle die von Großmüttern und Großvätern ist. Die Bezeichnung der Adressaten mit (Figuren-)Namen oder Verwandtschaftsbezeichnungen, häufig in Diminutivform, zeigt selbst bei pluralischer Anrede eindeutig das Bestreben, der kontaktbezogenen Höflichkeitsstrategie zu folgen, die es ermöglicht, Nähe und Verbundenheit zwischen Sprecher und Adressat auszudrücken und eine behagliche häusliche Atmosphäre zu schaffen (vgl. Kapasick 2002: 77).

Mit den Singularformen wird die kontaktbezogene Höflichkeitsstrategie in VPPL noch deutlicher hervorgehoben. Dies zeigt sich im konsequent verwendeten vertraulichen Pronomen tu (nur ein einziges Mal pati) sowie in denselben nominativischen Bezeichnungen der Adressaten wie bei der pluralischen Anrede: Man spricht sie mit dem (Figuren-)Namen an; für eine Sendung für Kinder und Familien sind auch Anreden mit Verwandtschaftsbezeichnungen charakteristisch (z. B.:

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Mama, Schwester), werden sie manchmal als Bestandteil einer Anrede verwendet – zusammen mit einem Namen (z. B. Mama Milda).

MOT.VED*IV: Mama [MOT.MAM1*IV], oder hast du eine Schwester, einen Bruder?

MOT.VED*IV: Na, und jetzt – das weiße Bärchen [MOT.MAM2*II]. Du weißt doch schon, worüber du schreiben wirst? Stell es vor.

MOT.VED*IV: gerai, klausyk, o gal su mašinytėm jau nebe tavo [BERN.BROL*I] amžiu žaist, kaip galvoji?

Dieselbe zur Gruppe IV gehörende Moderatorin verwendet die Einzahl nur gegenüber gleichaltrigen oder jüngeren Gästen und Gästinnen der Sendung, deren soziale Rollen Mütter, Schwestern, Brüder, Freunde und Freundinnen sind. Der soziolinguistisch wichtige Faktor in den einzigen Sendungen, in denen auch Anredeformen im Plural vorkommen, ist das Alter. Somit lassen sich Unterschiede selbst im Vergleich zur Tradition des alltäglichen Sprachgebrauchs erkennen: Unbekannte gleichaltrige Frauen werden nicht mit dem höflichen Plural, sondern mit der vertraulichen Einzahl angesprochen (vgl. Rosinas 1996: 43–44).

3. Zusammenfassend lässt sich zu allen PPL, d. h. Gesprächssendungen für Kinder (VPPL) und insbesondere für Erwachsene (SPPL), die persönliche Themen behandeln oder (auch) der Unterhaltung dienen, feststellen, dass sie das für das heutige Fernsehen typische veränderte Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit besonders deutlich zum Ausdruck bringen. Der öffentliche Raum nähert sich dem zuvor öffentlich nicht gezeigten privaten Raum an und wird zu einer Art, wie Ž. Pečiulis es nennt, Wohnzimmer (vgl. Pečiulis 2007: 198–202). Der öffentliche Diskurs wird immer privater und bewegt sich in Richtung eines Gesprächs zu Hause oder auf der Straße; der durch Sprache vermittelte soziale Abstand ist deutlich geringer geworden (Marcinkevičienė 2009). Es sollte wohl kaum überraschen, dass die Grenzen zwischen öffentlicher und alltäglicher Rede allmählich verwischen und dass vertrauliche Anredeformen in der Einzahl, die bisher nur für die Alltagssprache typisch waren, nun öffentlich verwendet werden (vgl. Čepaitienė 2007: 79–80). Der Einfluss dieses Prozesses zeigt sich sogar in Sendungen zu gesellschaftlichen Fragen (VPL): Einfachheit, Verständlichkeit und Aufrichtigkeit der Sprache sind zu Bestandteilen einer erfolgreichen politischen Karriere geworden (siehe Pečiulis 2007: 200); als eines der sprachlichen Mittel dafür kann man die Anrede mit dem Vornamen betrachten.

Eine Annäherung öffentlicher und privater Räume ist weltweit zu beobachten und wird unter verschiedenen Gesichtspunkten erörtert (ausführlicher siehe Webster 2006: 168–208). Auch über den Einfluss der Populärkultur und der Massenmedien auf die Sprache wird diskutiert – beleben sie die Sprache oder verarmen sie sie? Eine interessante Einsicht in die Ausbreitung der Ausdrucksformen alltäglicher Umgangssprache im öffentlichen Raum bietet der weltweit be-

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kannte Kommunikationstheoretiker John Fiske, der versucht, Populärkultur nicht als etwas der Hochkultur Unterlegenes darzustellen, das im Wesentlichen den Bedürfnissen des Bürgertums entspricht, sondern als etwas anderes, das den Bedürfnissen anderer sozialer Schichten gerecht wird. Dem Forscher zufolge erfreut man sich, indem man sich von der offiziellen korrekten Sprache entfernt, an verschiedenen Elementen der Umgangssprachkulturen, die es ermöglichen, die Eigenen zu erkennen (Fiske 2008: 94–100). Eine Ausdrucksform, die früher fast ausschließlich für die Alltagssprache typisch war – die vertrauliche Anredeform in der Einzahl –, verbreitet sich über die Medien und das Fernsehen im öffentlichen Sprachgebrauch und wird aus Sicht der Sprachetikette häufig als negatives, den Etiketteregeln widersprechendes Phänomen bewertet (vgl. Čepaitienė 2007: 85).

Pragmatiker, Soziolinguisten und Kommunikationsfachleute verstehen Höflichkeit etwas anders und betrachten sie unter funktionalem Gesichtspunkt. Aus Sicht der linguistischen Pragmatik beschränkt sich Höflichkeit nicht auf die Regeln und Normen der Sprachetikette.

Į pirmą vietą iškeliama komunikacinė adresato intencija. Teigiama, kad artumą, bendrystę, gerus santykius rodančiam kontaktiniam mandagumui kalbos etiketas dažnai visai neaktualus (Hilbig 2007, plačiau žr. 2008). Iš socialinio statuso perspektyvos kontaktinės ir distancinės mandagumo strategijų priešpriešą atitinka asmeninės ir socialinės distancijos priešprieša: kontaktinė strategija sietina su bendravimu tarp savų, o distancinė – tarp svetimų (Карасик 2002: 80). Anot komunikacijos specialisto Ž. Pečiulio, apmąstančio ne tik Lietuvos, bet ir pasaulio patirtį, „TV siekia kompensuoti socialinio dialogo spragas, plėtoja visuomenės norą komunikuoti pačiais intymiausiais klausimais, taip fiksuodama radikalius piliečių vertybių ir normų pokyčius <...>. Naujosios realybės TV, sietinos su praėjusio amžiaus devintuoju dešimtmečiu, stilistika rodo kintantį požiūrį į eilinį pilietį – paprastas žmogus tampa laidų herojumi, liudija savo problemas, programos dalimi tampa kasdienybės vaizdai“ (Pečiulis 2007: 198–204tt.). Todėl natūralu, kad kasdienybė ir asmeninis ne tik paprastų, bet ir visuomenei žinomų žmonių gyvenimas tokius klausimus sprendžiančiose TV laidose perteikiamas kasdiene, buitine kalba, taigi ir familiariomis kreipimosi formomis.

Das Bedürfnis nach Vertrautheit und Nähe bezeugt nicht nur das Material aus TV-Gesprächssendungen, sondern auch die Einstellungen der Journalisten, die solche Sendungen moderieren – sie erklären ausdrücklich, dass sich die Kommunikationsweisen und sprachlichen Ausdrucksmittel in Sendungen zu gesellschaftlichen und persönlichen Themen unterscheiden: „Wenn ich zum Beispiel <...> sagen wir, einen Minister <...> einlade, nicht nur über Politik, sondern beispielsweise auch über ein Hobby zu sprechen, <...> dann möchte ich natürlich, um das Eis ein wenig zu brechen, <...> dass er sich wohlfühlt, <...> ich möchte sein möglichst guter Freund werden, <...> ich bin“

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Viel wichtiger ist seine Freizeit, damit <...> es für den Fernsehzuschauer interessanter wäre. Das heißt also, ich kann mich wohl vertrauter verhalten, kann ihn vielleicht du nennen, wenn es das Alter erlaubt, und all das Übrige. Eine Sendung ist also nicht wie die andere, und ich glaube nicht, dass man sie alle über einen Kamm scheren kann“ (BalSoc). Was vermutlich am meisten hinderlich ist, ist, dass der private Raum mit seinen charakteristischen vertraulichen sprachlichen Ausdrucksformen öffentlich ausgestrahlt wird.

SCHLUSSFOLGERUNGEN

Die quantitative Untersuchung von TV-Talkshows, die den öffentlichen Sprachgebrauch repräsentieren, hat ein deutliches Übergewicht der für diesen Gebrauchsbereich üblichen höflichen Anredeform im Plural gezeigt: Verschiedene Sprecher wandten sich an 248 verschiedene Adressaten mit der höflichen Pluralform (jūs) und nur an 43 verschiedene Adressaten mit der vertraulichen Singularform (tu). Die qualitative Analyse verdeutlichte die Trennlinie zwischen Sendungen gesellschaftlichen (VPL) und persönlichen sowie unterhaltenden (PPL) Charakters.

In den VPL-Sendungen, die dem öffentlichen offiziellen Sprachgebrauch und der für ihn typischen distanzierenden Höflichkeitsstrategie zuzuordnen sind, die soziale Distanz und Respekt ausdrückt, werden konsequent Anredeformen im Plural verwendet, die dazu beitragen, den sozialen Abstand zu wahren. In den PPL-Sendungen, die dem öffentlichen ungezwungenen Sprachgebrauch und der für ihn typischen kontaktorientierten Höflichkeitsstrategie zuzuordnen sind, die Vertrautheit ausdrückt, konkurrieren die Singularformen der Anrede, die freundschaftliche persönliche Beziehungen fördern, stark mit den Pluralformen der Anrede – beide sind nahezu gleich häufig (jūs – 57 / tu – 42). Somit ist die Dichotomie zwischen VPL und PPL als Hauptfaktor für die Wahl der Anredeformen anzusehen. Der unterschiedliche Charakter der Sendungen bedingt auch Unterschiede zwischen ihren Teilnehmenden, die neben den genannten Aspekten der Formalität und Ungezwungenheit ebenfalls die Wahl der Anredeformen beeinflussen können: Die Teilnehmenden der PPL sind vergleichsweise jünger als die der VPL, ein Teil von ihnen weist eine geringere Bildung und einen niedrigeren gesellschaftlichen Status auf; unter den Moderatoren und Gästen der VPL dominieren Männer, unter denen der PPL Frauen; bei den Gästen der VPL überwiegen Politiker, bei den PPL Vertreter der Unterhaltungsbranche; bei den PPL gibt es im Vergleich zu den VPL weniger Teilnehmende, die die Rolle eines Entscheidungsträgers, Experten übernehmen, und entsprechend mehr sogenannte vox populi-Vertreter.

Die wichtigsten soziolinguistischen Faktoren, die die Wahl der Anredeformen in den PPL beeinflussen, sind das Altersverhältnis zwischen Sprecher und Adressat, der Grad der Vertrautheit sowie die sozialen Rollen, auf die auch Bildung und gesellschaftlicher Status Einfluss haben können (Moderator / Gast; Entscheidungsträger, Experte (je nach Zugehörigkeit zu einem bestimmten Beruf)

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/ vox populi usw.). In den PPL wird die Pluralform meist gegenüber älteren und angesehenen Sendungsteilnehmenden verwendet, die die Rolle eines Entscheidungsträgers oder Experten übernehmen. Die Singularform der Anrede ist eher für Moderatoren typisch; mit ihr werden gewöhnlich Gleichaltrige oder jüngere und bekannte Personen angesprochen, die als kollegiale Co-Moderatoren oder als vox populi-Vertreter auftreten. Die Moderatoren dieser Sendungen, die eine Verbindung zwischen Öffentlichem und Privatem herzustellen versuchen (eine Art Fortsetzung des häuslichen Raums, die öffentlich im Fernsehen ausgestrahlt wird), müssen schwierige Aufgaben bewältigen: Mit sprachlichen Mitteln, darunter auch mit unterschiedlichen Anredeformen, sollen sie eine behagliche Atmosphäre für Sendungen schaffen, in denen persönliche Themen erörtert werden, und zugleich nicht nur den Gästen der Sendung, sondern auch den Zuschauern Respekt erweisen.

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COMPETITION BETWEEN PLURAL AND SINGULAR FORMS OF ADDRESS IN PUBLIC SPOKEN USAGE

Summary

A quantitative analysis of television talk shows representing public usage and broadcasted between 26 January 2009 and 11 March 2009 has identified a marked preference for the polite form of address, which is usual in this area of usage: different addressors referred to 248 different addressees by the polite plural form jüs and only to 43 different addressees by the less polite singular tu. A qualitative analysis has identified differences between programmes dealing with public issues (PPI) and programmes focusing on entertainment and/or personal issues (PEI).

PPIs are related to public official usage and therefore consistently use plural forms of address which help maintain social distance. PEI, in their turn, are mostly related to freer public usage, hence singular forms of address which help maintain friendly relationships compete with plural forms of address. Both of them are equally popular (jüs found in 57 instances; tu—in 42 instances). A different character of PPIs and PEIs determines differences in the choice of their participants and in addition to the previously discussed aspects of official and free usage might also influence the choice of the forms of address.

The main socio-linguistic factors determining the choice of the forms of address in PPIs include the age of the addressor and the addressee, closeness between them, social roles which might be influenced by education and social status. The plural form in PPIs is mostly used when addressing older, more respectable participants, often performing the roles of decision takers or experts. The singular form is preferred by moderators, used in reference to peers, younger interlocutors or acquaintances. It should be noted that PPI moderators attempting to combine public and private sometimes have to cope with rather tough situations, for example, by linguistic means, including polite forms of address, they have to create a friendly environment and show respect to their guests and the audience.

JURGITA GIRČIENĖ

Lietuvių kalbos institutas

P. Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius

[email protected]

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