Skip to document
Back
Go to original Localized version was produced by AI. It may contain inaccuracies.
Preparing document pages…

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, II LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA

ANMERKUNGEN ZUR FRAGE DER ÄLTESTEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN BALTISCHEN UND SLAVISCHEN SPRACHEN

V. MAŽIULIS

Während die indogermanische Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts (A. Schleicher, die Junggrammatiker u. a.) ziemlich einhellig an der Hypothese einer baltisch-slawischen Ursprache festhielt [die nichts anderes als A. Schleichers Theorie vom „Stammbaum“ der Sprachen (Stammbaumtheorie) hervorgebracht hatte], begannen später auch andere Ansichten aufzukommen. Einer der bedeutendsten russischen Sprachwissenschaftler jener Zeit, J. Baudouin de Courtenay (J. Baudouin de Courtenay), war im Gegensatz zu den Junggrammatikern der Meinung, es gebe keinen Grund, von einer baltisch-slawischen Ursprache zu sprechen, denn die Argumente „dagegen“ seien nicht weniger, wenn nicht sogar zahlreicher als die Argumente „dafür“; allerdings führte J. Baudouin de Courtenay seine Behauptungen nicht näher aus. Als Erster versuchte der bekannte französische Sprachwissenschaftler A. Meillet, das Nichtbestehen einer baltisch-slawischen Ursprache argumentativ zu begründen. In seiner Studie „Les dialectes indoeuropéens“ (Paris, 1908) kritisierte er K. Brugmanns Konzept einer baltisch-slawischen Ursprache und kam zu dem Schluss, dass die genetischen Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen nach dem Prinzip paralleler Entwicklung zu erklären seien. Für die traditionsgebundenen Junggrammatiker erschien diese Neuerung A. Meillets natürlich als Häresie. Doch auch für andere Sprachwissenschaftler, insbesondere für die der jüngeren Zeit (nicht nur für Anhänger einer baltisch-slawischen Ursprache), war und ist sie keineswegs für alle akzeptabel. Der berühmte Erforscher der baltischen Sprachen J. Endzelīns ist ebenso wie A. Meillet nicht geneigt, eine baltisch-slawische Ursprache anzuerkennen, löst dieses Problem jedoch anders als A. Meillet. Nachdem J. Endzelīns in seiner Arbeit „Славяно-балтийские этюды“ (Харьков, 1911) die baltisch-slawischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit außerordentlicher Sorgfalt geprüft hatte, kam er zu dem Schluss, dass die Balten und Slawen aus verschiedenen protoindogermanischen Stämmen hervorgegangen seien, die getrennte (wenn auch recht ähnliche) Dialekte gesprochen und später eine Epoche gemeinsamen Zusammenlebens durchlebt hätten – die „baltisch-slawische Epoche“ (l. c., S. 200—201)1. Genau derselben Ansicht war2 auch unser großer Sprachwissenschaftler K. Būga, der bedeutendste Erforscher dieser Frage unter dem Gesichtspunkt der baltischen Toponymie und der in den letzten Jahren seines Lebens der Hypothese einer baltisch-slawischen Ursprache besonders skeptisch gegenüberstand. „Andere Sprachwissenschaftler“, schrieb K. Būga, „glauben, dass die Sprachgemeinschaften, die die Sprachen der Aisten und Slawen in großer Zahl aufweisen,

1 Vgl. auch J. Endzelīns, Lekcijas par baltu valodu salīdzināmo gramatiku, 6, Rīgā, 1927; J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, 18, Rīgā, 1951; Я. Эндзелин, Древнейшие славяно-балтийские языковые связи. — „Труды Академии наук Латвийской ССР“, 2, 67—82, Рига, 1953; vgl. Вопросы языкознания, 4, 125, Москва (1952)

2 K. Būga, Kalbų mokslas bei mūsų senovė. — „Draugija“, 20, 9—10, Kaunas (1913). K. Būga, Rinktiniai raštai, 1, 407—408, Vilnius, 1958.

5

die darauf hindeuteten, dass die Aisten und Slawen auch eine eigene Ursprache nach der indogermanischen gehabt hätten. Daran glaube ich nicht, denn ich kenne keine einzige Spracherscheinung, die uns zwingend veranlassen würde, eine vermeintliche aistisch-slawische Ursprache anzuerkennen. Alle Gemeinsamkeiten der Aisten und Slawen zeigen lediglich, dass die Aisten seit unvordenklichen Zeiten, das heißt seit der indogermanischen Epoche, als Nachbarn mit den Slawen lebten3. Manche4 meinen, K. Būga sei ein uneingeschränkter Anhänger des Konzepts von A. Meillet gewesen, doch dem kann man nicht zustimmen. K. Būgas ziemlich deutlich ablehnende Haltung gegenüber einer baltisch-slawischen Ursprache berechtigt uns noch nicht zu der Behauptung, K. Būga habe J. Endzelīns’ Konzept widersprochen, denn K. Būga, der stets die besondere Nähe der baltischen und slawischen Sprachen betonte, war ein Anhänger des Prinzips der kontaktbedingten Entwicklung dieser Sprachen (nicht ohne den Einfluss von J. Schmidts „Wellentheorie“6); vgl. „die Sprachgemeinschaften zeigen, dass die Aisten viel länger Nachbarn der Slawen waren als die Italiker der Kelten“5. Eine ähnliche Ansicht wie Endzelīns vertritt offenbar auch Pr. Skardžius6. Zugunsten von Endzelīns’ Theorie (bzw. gegen eine baltisch-slawische Ursprache) hat der bekannte sowjetische Slawist Prof. Dr. S. Bernstein (С. Б. Бернштейн) kürzlich eine Reihe vernünftiger Überlegungen in seinem Artikel „Балто-славянская языковая сообщность“7 vorgebracht. Den Hauptgedanken bringt der Verfasser kurz mit folgenden Worten zum Ausdruck: „In unserem (d. h. S. Bernsteins — V. M.) Artikel wird es gerade um eine Verkehrsgemeinschaft (diesen Terminus gibt der Verfasser im Folgenden mit dem Terminus сообщность wieder — V. М.) gehen, das heißt um die Gemeinsamkeit der baltischen und slawischen Sprachen, die nicht aufgrund ihrer gemeinsamen Herkunft aus der indogermanischen Ursprache entstanden ist, sondern infolge eines langen Kontakts, der viel später als die indogermanische Epoche begann und noch lange vor unserer Zeitrechnung endete“8.

Ohne die Geschichte der Frage nach der genetischen Verwandtschaft der baltischen und slawischen Sprachen näher zu behandeln (ihr sind ohnehin bereits zahlreiche Arbeiten gewidmet), muss hinzugefügt werden, dass die endgültige Lösung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen trotz der grundlegenden Untersuchungen von J. Endzelīns, K. Būga, E. Fraenkel (E. Fraenkel), Chr. Stang, M. Vasmer (M. Vasmer), L. Bulachovskij und anderen Wissenschaftlern (Baltisten, Slawisten und Indogermanisten sowie Archäologen u. a.) zweifellos noch viel Arbeit erfordert9. Jedenfalls muss gesagt werden, dass die Typologie heutzutage sowohl für die Erforschung einzelner Sprachen als auch für die verwandter Sprachen immer größere Bedeutung gewinnt; bei der Untersuchung des Problems der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen wenden sie beispielsweise V. Ivanov und V. Toporov recht fruchtbar an10.

In diesem Artikel wird der Ursprung der ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen untersucht

3 K. Būga, Šis-tas iš lietuvių ir indoeuropiečių senovės. — „Tauta ir žodis“, 2, 106, Kaunas, 1924; plg. dar op. cit., 1, 431.

4 Vgl. z. B. „Славянская филология (Philologie slave)“ (im Folgenden — СФ) 1, 8, Москва (1958).

5 K. Būga, op. cit., 106.

6 Pr. Skardžius, Lietuvių kalba, jos susidarymas ir raida (nurodoma pagal СФ, 1, 31. — V. M.).

7 Siehe СФ, 1, 45—67.

8 СФ, 1, 45.

9 Einige Sprachwissenschaftler (insbesondere unter den Anhängern einer baltisch-slawischen Ursprache) sind der Ansicht, die Hauptfrage dieses Problems (d. h. die Existenz einer baltisch-slawischen Ursprache u. Ä.) sei inzwischen endgültig gelöst; dem stimmen jedoch längst nicht alle zu.

10 Siehe В. В. Иванов и В. Н. Топоров, К постановке вопроса о древнейших отношениях балтийских и славянских языков (IV Международный съезд славистов), Москва, 1958.

6

Wir beabsichtigen nicht, das Problem zu behandeln, sondern beschränken uns auf einige konkrete Anmerkungen zu bestimmten Fragen, die für die Erforschung der ältesten Beziehungen dieser Sprachgruppen von Bedeutung sind11.

I Lit. duomi, demi, ssl. damb-Stamm

§ 1. Seit mehr als hundert Jahren untersuchen Sprachwissenschaftler lit. duomi, duosti, duo-dąs, ssl. damb, dastō, dadetō, dadų und den Präsensstamm von lit. demi, desti, dedąs. Das ganze Problem besteht darin, dass viele rekonstruierte reduplizierte Vorformen *dōd(a)mi bzw. *dedh(a)mi12 hinsichtlich des Vokalismus nicht den urindogermanischen Formen *dedōmi bzw. *dedhēmi entsprechen (die gewöhnlich nach skr. dadāmi, dadhāmi, gr. δίδωμι, δίθημι13 usw. rekonstruiert werden). Für diese Abweichung gibt es zahlreiche Erklärungen (siehe Fußnote Nr. 12 auf S. 7), die sich gewöhnlich auf eine Kontamination der Wurzel *dō- bzw. *dhē- mit den entsprechenden reduplizierten Präsensstämmen stützen (außerdem vgl. Fußnote Nr. 17 auf S. 8); wie dem auch sei, auf diese Weise bleibt jedoch das Schwinden der langen vokalischen Endung des Singularstamms unerklärt (vgl. skr. dadāmi, gr. δίδωμι usw.).

2. J. M. Kořinek erklärt lit. duomi, ssl. damb anders 14. Seiner Ansicht nach seien die baltischen und slavischen Formen *dōmi, *dōme aus älteren Formen *dōmi bzw. *dōmes hervorgegangen, die nichts anderes seien als urindogermanische Formen, denen jedoch in allen Numeri die Reduplikationssilbe abhandengekommen sei15. Die Erklärungen von J. M. Kořinek zur reduplizierten Vor-

11 Hier werden dieselben Gedanken und dasselbe Material dargelegt (wenn auch stellenweise etwas anders redigiert), die in meiner Broschüre ausgeführt wurden: Заметки к вопросу о древнейших отношениях балтийских и славянских языков (IV Международный съезд славистов), Вильнюс, 1958.

12 Die Formen lit. duomi, ssl. damb und lit. demi, welche einen urbaltischen bzw. urbaltischen und urslavischen Stamm mit ähnlicher Reduplikation direkt oder als Kompromissrekonstruktion ansetzen: A. Schleicher, Litauische grammatik, 253—254, Prag, 1856; G. Mahlow, Die langen Vocale AEO in den europaeischen Sprachen, 84—85, Berlin, 1879; O. Wiedemann, Das litauische Präteritum, 54—55, Strassburg, 1891; O. Wiedemann, Handbuch der litauischen Sprache, 114, Strassburg, 1897; K. Brugmann, Grundriss... 2 Band, Teil 3, 1 Lieferung, 110 ir kt., Strassburg, 1913; W. Vondrák, Vergleichende slavische Grammatik, 1, 506 ir kt., Göttingen, 1906; A. Leskien, Grammatik der altbulgarischen Sprache, 188—189, Heidelberg, 1909; A. Meillet, Le slave commun, 207—208, Paris, 1934; A. Meillet, Introduction... 204, Paris, 1934; R. Trautmann, Baltisch-slavisches Wörterbuch, 47, 56—57, Göttingen, 1923; Chr. Stang, Das slavische und baltische Verbum, 21—22, 268, Oslo, 1942; A. Vaillant siehe Bulletin de la société de linguistique de Paris, 40, 22 (obwohl zuvor anders, siehe Revue des études slaves, 14, 30 usw.); A. Баян, Руководство по старославянскому языку, § 222, Москва, 1952; Я. С. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство. — „Вопросы языкознания“ (im Folgenden — ВЯ), 6, 35—36, (1954); J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, 3, § 430, Warszawa, 1956; J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, 723 ir kt., Rīgā, 1951; M. Vasmer, Russisches etymologisches Wörterbuch, 1, 327, 347, Heidelberg, 1953; В. Георгиев, Към въпроса за балтославянската езикова общност. — „Български език“, год VIII, 2, 107, (1958).

13 „Die griechische Verteilung (ε für Aorist und Perfekt, ε für Praesens) ist sekundär“ — E. Schwyzer, Griechische Grammatik, II Lief., 648, München, 1939.

14 J. M. Kořinek, Präsensformen der Wurzel *dō-, „geben“ in den slavischen und baltischen Sprachen. — „Listy filologické“, Jahrgang 65, Praha, 445—454, 1938.

15 J. M. Kořineks Erklärungen stimmen zu: E. Fraenkel, Baltische Sprachwissenschaft in den Jahren 1938—1940, 11—12, Helsinki, 1941; E. Fraenkel, Die baltischen Sprachen, 92 ir kt., Heidelberg, 1950; E. Fraenkel, Litauisches etymo-

7

Der Stamm *-sentinį — ssl. dadetъ, dady, lit. duodąs (vgl. skr. dadat, gr. διδοὺς) sowie auch die Formen der 2. Pl., 2. Du. und 3. Sg. sind meiner Ansicht nach ziemlich künstlich16.

§ 3. Zunächst ist zu sagen, dass es bei der Beurteilung dieser Frage zwei Standpunkte oder zwei Alternativen geben kann. Nach dem einen, traditionellen Standpunkt reicht die Reduplikation der Präsensstämme dieser Verben bis in die indogermanische Grundsprache zurück (siehe § 4–§ 8); nach dem anderen könnte sie auch später als isoglossale Neuerung indogermanischer Dialekte entstanden sein (siehe § 11).

§ 4. Nach der ersten Alternative wäre es wohl am zuverlässigsten anzunehmen, dass lit. duomi, demi und ssl. dambъ die reduplizierte Silbe nur in den Singularformen verloren haben: Das heißt, in den Singularformen hatten diese beiden Präsensstämme vor der Endung keinen Konsonanten *-d-, vgl. z. B. die Paradigmen des Sanskrit und des Griechischen: dádāmi (dá-dāsi, dádāti: dadmās usw.), δίδωμι (δίδως, δίδωσι: *δίδομεν > δίδομεν usw.), τίθημι (τίθης, τίθησι: *τίθεμεν > τίθεμεν usw.) und dergleichen.

§ 5. In den baltischen (vgl. slavischen u. a.) Sprachen übertreffen die Singularformen der athematischen und überhaupt aller Verben hinsichtlich der Anzahl der Stammformen niemals die Plural- und Dualformen; vgl. jedoch skr. dádāmi: dadmās, dadvás, gr. δίδωμι: *δίδομεν > δίδομεν usw. Daher wurden in den baltischen (und slavischen) Singularformen die reduplizierten Stämme *dedōmi, *dedēmi im Singular phonologisch-morphologisch isoliert (sie fielen aus):

Sg. 1. *dōm(e)i Pl. 1. *dedmē Du. 1. *dedvā Part. Präs. Akt. *dedan(t)s

2. *dōs(e)i 2. *destē 2. *destā

3. *dōti 3. *dedint(i), -ant(i).

Sg. 1. *dēm(e)i Pl. 1. *dedmē Du. 1. *dedvā Part. Präs. Akt. *dedan(t)s

2. *dēs(e)i 2. *destē 2. *destā

3. *dēti 3. *dedint(i), -ant(i).

§ 6. Aufgrund des qualitativen (und quantitativen) Gegensatzes der Stammvokale, d. h. *-ō-:* -ē-, konnte der Stammvokal *-ō- in den Singularformen *dōmi, *dōsi, *dōti auf den gesamten Präsensstamm verallgemeinert werden17 (vgl. lit. ēmi: *imē ≈ skr. emi: imās, lit. esmi: *smē ≈ skr. asmi: smas usw.):

Sg. 1. *dōm(e)i Pl. 1. *dōdmē Du. 1. *dōdvā Part. Präs. Akt. *dōdan(t)s

2. *dōs(e)i 2. *dōstē 2. *dōstā

3. *dōti 3. *dōdint(i), -ant(i).

§ 7. Die dritte Singularform *dōti wurde aufgrund ihrer Entsprechung zu 2. Pl. *dōstē, 2. Du. *dōstā, 3. Pl. *dōdint(i), -ant(i) und Part. Präs. Akt. *dōdan(t)s (vgl. 3. Sg. ēsti: 2. Pl. ēste, 3. Pl. *ēdint(i), -ant(i), Part. Präs. Akt. *ēdan(t)s usw.) zu *dōstē. Im 1. Pl. fiel *-d- vor -m- regelmäßig aus, und entsprechend auch in der Form derselben Person im Dual18, zweifellos nicht ohne entsprechenden Einfluss auch auf den Singular

logisches Wörterbuch, 112, Heidelberg, 1955; V. Machek, Etymologický slovník jazyka českého a slovenského, 81 (jedoch vgl. „jen 3. plur. stč. dadie z dā-d-redupl.“), Praha, 1957. Ähnlich vgl. O. Szemerényi, Zwei Fragen des urslav. Verbums. — Études slaves et roumaines, 1, 7—14, (1948); diese Arbeit war dem Verfasser jedoch ebenso wenig zugänglich wie die Arbeit von J. Safarewicz [J. Safarewicz, Przyczynki do zagadnienia wspólnoty bałto-słowiańskiej. — Sprawozdania z czynności i posiedzeń P.A.U., 46, Nr. 8, 199—202, (1945)].

16 Vgl. auch Endzelīns’ kritische Bemerkungen zu 3 sg. — J. Endzelīns, op. cit., 724.

17 In diesem Fall dürfte der wurzelhafte -ō-, z. B. *dōt(e)i (Infinitiv), kaum Einfluss gehabt haben; vgl. *dēt(e)i > lit. dėti, jedoch demi, desti, aksl. dĕti, jedoch dežǫ (siehe unten).

8

des ersten Person Singulars des Präsens18 (in dem *-d- nicht vorhanden war, siehe oben). Ähnlich entstanden auch die aksl. damo, dasi, dastõ, damž, daste, dadetõ (Part. Präs. Akt. dady, -ąšta), dabē, daste, daste, -ta-Stämme.

§ 8. In der Paradigmatik des Verbs demi setzt sich aufgrund des quantitativen Gegensatzes der Stammvokale, d. h. -ē- (Sg.): -ē (Pl., Du. und den entsprechenden Partizipien), der Vokal -ē- durch (außerdem gibt es mehr Präsensformen mit einer solchen Stammvokalquantität). Im Litauischen entwickelte sich *dēm(e)i ähnlich wie *dōm(e)i, doch lautet der Stammvokal im Präsens ē-19, während in den *-d--Formen *dedmē, *dedvā offenbar analogisch (keineswegs lautgesetzlich!) nach den Formen *dōmē, *dōvā (siehe oben), *ēdmē > *ēmē, *ēdvā > *ēvā usw. verschwanden, zumal in der ersten Person Singular *dēm(e)i (anstelle des älteren *dēm(e)i) kein *-d- hatte; so entstanden lit. demi, desi, destis usw. Ähnlich entwickelte sich auch die Präsensparadigmatik dieses Verbs im Slawischen und wurde recht früh thematisch — aksl. deždą < *dedjǫ < *demi (doch hinsichtlich der Paradigmatik analogische Formen — aksl. damb, dasi usw.); vgl. aksl. viždǫ (vgl. den athematischen Imperativ viždь): lit. veimu „ich suche“ (Dieveniškės — Lingua Posnaniensis 5, 72–73) < *veimi < *veidmei; vgl. A. Meillet, Le slave commun, II éd., S. 206.

§ 9. Noch einige Bemerkungen zur Form der dritten Person Plural (3pl.) dieser Verben. Zunächst ist festzuhalten, dass ein bestimmtes formantisches Verhältnis der 3-pl.-Form – die Korrelation mit der Form des aktiven Präsenspartizips – in den indoeuropäischen Sprachen recht deutlich erkennbar ist (Formans *-nt-20). Wenn es in der baltischen Grundsprache tatsächlich eine 3-pl.-Form gab (davon sind wir alle überzeugt), die (in diesem Fall) den aksl. dadetъ, dadǫtъ, skr. dadati, dadhati usw. entsprach, so wird sie, d. h. *dōdint(i), *dōdant(i), *dedint(i), *dedant(i), möglicherweise auf indirektem Wege durch die Partizipialform in Wendungen wie den folgenden angezeigt: nėr kas duodą, nėr kas dedą (Dusetos, Antazavė u. a.) 21. [Meine frühere hypothetische Vermutung (mitsamt der dazugehörigen Fußnote)22, wonach die bei D. Klein angeführten 3-sg.-, 3-pl.- und Dualformen dūd, (pra)ded indirekt möglicherweise die protobaltischen 3-pl.-Formen *dōdint(i), *dedint(i) anzeigen, halte ich nun für völlig unbegründet.] Da das aktive Präsenspartizip dieser beiden wie auch der übrigen athematischen Verben offenbar schon seit sehr alter Zeit das Formans -ant- < ide. *-ont-23 (nicht -int-!) aufweist, könnte anstelle der älteren 3-pl.-Form *dōdint(i), *dedint(i) (vgl. aksl. dadetъ) entstanden sein (die zuvor erwähnten 3-pl.

18 Vgl. „Der Dual davē, vēvē, ēvē (javē) hat analogischen d-Schwund nach 1. Ps. Sg. und Pl.“ — N. van Wijk, Geschichte der altkirchenslavischen Sprache, 1, 53, Berlin u. Leipzig, 1931.

19 Zu lit. demi und nicht *démi vgl. K. Būga. — „Tauta ir žodis“, 1, 402; K. Būga, Kalba ir senovė, 1, 158, 213; K. Būga. — Archivum Philologicum, 1, 62.

20 Sind diese beiden Formen möglicherweise aus einer einzigen Form hervorgegangen, d. h. einer verbalen-nominalen bzw. partizipialen Form, die mit der Zeit in die Verbparadigmatik einging?

21 Näheres dazu siehe J. Endzelin IF 33, 124–125, (1914). J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, 161–162, Vilnius, 1957; J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, 708–712; Chr. S. Stang, Das slavische und baltische Verbum, 233–234, Oslo, 1942; vgl. F. Specht KZ, 56, 121, (1929).

22 Siehe B. Мажюлис, Заметки к вопросу о древнейших отношениях балтийских и славянских языков, 9(18—24 eil. iš viršaus ir išnaša Nr. 4), Вильнюс, 1958.

23 „Unzweifelhaft lag aber uridg. Abstufung in dem Partizip der meisten athematischen Verba“ (A. Thumb, Handbuch des Sanskrit, 1, 223, Heidelberg, 1905). Das baltische (slawische u. a.) Partizipialformans -ant- (sl. *-ont-) ist hier aus dem Stamm direkter (indirekter — *-nt-) Kasusformen verallgemeinert worden; vgl. z. B. das alte Substantiv partizipialen Ursprungs lit. dantis, preuß. dantis, skr. dantam (Akk. Sg.); datās (Akk. Pl.), gr. ὀδόντα, (äol.) ἔδοντες (Pl.); lat. dentem, air. dét, got. tunþus usw.

9

Dank der Korrelation der Formen und Part. praes. act. sowie nach dem Vorbild der entsprechenden thematischen Form entstand eine neue Form mit dem Formans -ant-, d. h. *dōdant(i), *dedant(i), vgl. ssl. dadǫtъ, russ. dadym24 usw.

§ 10. Neben anderen Ursachen dürfte, so ist anzunehmen, auch die Korrelation zwischen dem Präsensstamm des verbum finitum und dem Präsensstamm des verbum infinitum die Thematisierung der lit. duomi-Paradigmen beeinflusst haben (wenn auch recht spät)2526. Etwa dasselbe lässt sich auch über die Entwicklung des Präsensstamms des slavischen *demi-Paradigmas sagen, das ziemlich früh thematisch wurde.

§ 11. Die zuvor erwähnte Alternative (§ 4 — § 8), d. h. die Verlegung der Präsensreduplikation der hier untersuchten Verben in die urindoeuropäische Zeit, erscheint möglicherweise ebenfalls strittig, da diese Projektion der Reduplikation in die indoeuropäische Ursprache letztlich nur auf den entsprechenden Tatsachen des Indo-Iranischen, Griechischen und teilweise des Armenischen beruht. Es ist jedoch bekannt, dass das Indo-Iranische, Griechische und Armenische eine eigene Dialektgruppe bilden [vgl. die Arbeiten von Bonfantes (Bonfante), Porcigos (Porzig), Kraės (Krahe) u. a.], die eine beträchtliche Zahl von Merkmalen aufweist, durch die sie sich von den übrigen indoeuropäischen Sprachen unterscheidet (vgl. etwa das System der Verbaltempora, das Augment usw.). Dafür, dass lit. duomi, demi-Präsensstämme vielleicht niemals, also auch nicht in der indoeuropäischen Ursprache, eine Reduplikation besessen haben, sprechen offenbar auch Tatsachen aus anderen indoeuropäischen Sprachen, vgl. z. B. heth. tahhi „ich nehme“ (wahrscheinlich aus idg. *dō- — „geben“), temi „ich spreche“ (vgl. die Bedeutungsentwicklung — ssl. děti „legen; sagen“), tehhi „ich lege“ [beide Formen stammen offenbar aus idg. *dhē- „legen“ (die Reduplikation ist dem Hethitischen nicht fremd, bildet dort jedoch kein formbildendes Element wie etwa im Altindischen oder Griechischen)]. Daher ließe sich die Reduplikation in skr. dadāmi, dadhāmi, gr. δίδωμι, τίθημι usw. als Neuerung dieser Dialektgruppe ansehen. In diesem Zusammenhang müsste für die Präsensformen dieser beiden Verben im Baltischen (und Slavischen) ein alter Zustand rekonstruiert werden (der strukturell dem urindoeuropäischen entspricht):

Sg. 1. *dōm(e)i Pl. 1. *dōmē

2. *dōs(e)i 2. *dōtē

3. *dōti27 3. *dōnti usw.

Sg. 1. *dem(e)i Pl. 1. *demē

2. *des(e)i 2. *detē

3. *deti 3. *denti usw.

Vgl. schw. tôm, tôs, tót, tômes, tót, tónt usw. (zu beachten ist das Verhältnis des Wurzelvokalismus — *de-mi > *de-mei > lit. de-mi: dē-ti, *de-mi > ssl. de-ždǫ: dē-ti, vgl. lit. ėmi, ssl. jamb: skr. admī usw.). So lässt sich für eine bestimmte Periode der baltischen und slavischen Sprachen eine 3. Pl.-Form *dōnti, *denti ansetzen, die später aufgrund der Korrelation mit der thematischen 3.-Pl.-Form, z. B. *vedant(i), *nārint(i) usw., als *d-ōnt(i), *d-entį28 aufgefasst wurde. Da diese Stelle die schwächste war —

24 Vgl. П. С. Кузнецов, Историческая грамматика русского языка, 280, Москва, 1953.

25 Vgl. J. Endzelins, op. cit. 725 (ab der 4. Zeile von oben).

26 Die von Endzelīns angegebene Wurzel duoda, in Korrelation mit der 3. Pl. *dōdant(i) (siehe J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, 724), widerspricht im Baltischen bzw. besonders im Litauischen keineswegs: In den altlitauischen Schriften ist die 3. Sg. auch für die dritte Person des Plurals und des Duals verallgemeinert, während die thematischen Präsensformen duomi (sowie demi) offenbar erst später aufkommen (als die 3. Pl. bereits längst verschwunden war).

27 Vgl. ved. dāti..., siehe A. A. Баранников, Элементы сравнительно-исторического метода в индологии ВЯ, 2, 49, (1952).

10

Paradigma [eine einsilbige Wurzel neben dem einfachen *dō-, *dē-,28, und auch aus anderen Gründen: So weisen z. B. die 3. Pl.-Formen der athematischen Verben im Baltischen und Slawischen in großer Mehrheit mehr Silben auf als die übrigen (athematischen) Formen, besonders die des Plurals, vgl. lit. ēmi, aksl. jamb: aksl. jadętъ, balt. *smē: aksl. sątъ usw.], daher konnte in der 3. Pl.-Form -d-28 auftreten (d. h. *dō-nti > *dō-d-nti > *dō-d-inti, *de-nti > *de-d-nti > *de-d-inti), vielleicht ähnlich wie in den folgenden Formen, die ursprünglich keinen Konsonanten -d-29 hatten: lit. aumi „ich webe“: austi „er/sie webt“, audžas (vgl. skr. otum „weben“ usw.), lit. giemi „ich singe“: gėsti „er/sie singt“, giedàs (vgl. urslav. azamu „singen (vom Hahn)“, skr. gāyati „er/sie singt“, gī-tas „(be)sungen“ usw.), lit. čiaumi „ich niese“: čiausti „er/sie niest“, čiaudas (vgl. lett. škaunt, skr. kṣauti „er/sie niest“ usw.),30 vgl. lit. eimi „ich gehe“, eiti „er/sie geht“: aksl. idǫtъ, russ. idym (aksl. idǫ usw. = russ. idy usw.) usw. Wenn das -d- in den Formen *dōdant-, *dedant- tatsächlich solchen Ursprungs wäre, wäre die Bildung der lit. Formen duosti, desti, der aksl. Form dastъ usw. bzw. das Auftreten von -s- selbstverständlich.

§ 12. Neben den athematischen Formen lit. duomi, demi, aksl. damb, *demb (≥dežd) begegnen uns in den slawischen und baltischen Sprachen: aksl. dajo (dajati), dějo (dějati), lett. dēj „(die Henne) legt“ [dēt „(Eier) legen“]. Diese parallelen Formen standen offenbar mit Aspektbedeutungen in Zusammenhang31. Vgl. auch lit. joja: ved. yāmi, aksl. jadǫtъ, jadǫ (vgl. aksl. idǫtъ: lit. eimi); lit. stoju, aksl. stajǫ: gr. ἵστημι < ἵσταμι; aksl. vějo, got. waia „ich wehen“: skr. vāti, gr. ἄησι usw.

II. Über die enklitischen Personalpronomina im Baltischen und Slawischen

§ 1. Die baltischen und slawischen Sprachen haben für alle drei Personen des Personalpronomens unbetonte bzw. enklitische Formen: lit. mi, ti, si (-i, wohl aus *-ei), aksl. mi, ti, si (-i wahrscheinlich aus *-oi). Von den übrigen indogermanischen Sprachen wird gewöhnlich gesagt, sie hätten entsprechende Formen nur für die erste und zweite Person, z. B. skr. me, te, gr. μοι, σοι (bei Homer τοι). Man behauptet, solche Muster seien nur den baltischen und slawischen Sprachen gemeinsam32. Solche Aussagen beweisen jedoch noch nicht, dass die erwähnte baltisch-slawische Eigenschaft ausschließlich in diesen beiden Idiomen vorkäme; vielmehr ist anzunehmen, dass es sich letztlich um ein altes indogermanisches Relikt handelt, vgl. gr. μοι, τοι, οἱ usw.33 Entsprechende Enklitika derselben Wurzel für alle drei Personen finden wir beispielsweise auch im kilikischen Hethitischen: -mu „mir, mich“, -ta „dir, dich“, -ši „ihm, ihr, sich“34 (diese hethitischen Enklitika haben auch Plural-

28Diesen Gedanken teilte mir (am 20. Mai 1958) mein Moskauer Kollege V. Toporov mit.

29Könnte man das konsonantische -d- in ähnlichen Fällen nicht (?) aus einem älteren *-n- herleiten (das später durch Dissimilation in der präsentischen 3. Pl.-Form und im entsprechenden Part. praes. act. zu -d- geworden wäre), vgl. in gewisser Hinsicht das baltische Präsenssuffix -n-a?

30Vielleicht ist -d- im Kausativ vė-d-inti ähnlichen Ursprungs (?) (vgl. ges-inti usw.).

31Vgl. z. B. A. Meillet, Le slave commun, II éd., 208, 223. A. Meillet, Introduction... VIII éd., 219.

32Siehe z. B. Я. С. Отрембский, Славяно-балтийское языковое единство ВЯ, 6, 35 (1954); J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, 3, 137, Warszawa, 1956; auch andere, z. B. J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, 148, führen für die dritte Person keine entsprechenden Belege aus anderen indogermanischen Sprachen an.

33Siehe K. Brugmann, Grundriss... 2 Band, 2 Teil, 1 Lief., 407, Strassburg, 1909.

34Siehe И. Фридрих, op. cit., 73.

11

Diese Formen, vgl. dazu die entsprechenden Fakten im Slavischen, Indo-Iranischen usw. 35, die wohl auf älteres *me, *te, *soi36 zurückgehen; außerdem vergleiche man diese Enklitika mit den (hethitischen) possessiven enklitischen Pronomina, z. B. Dat. Sg. -mi, -ti, -ši37 (diese Possessiva begegnen besonders in den Texten des hethitischen „Alten Reiches“). Wenn -mu, -ta (und ihre Pluralformen) Dativ- und Akkusativbedeutung haben, dann hat -ši (und seine Pluralform) nur Dativbedeutung 38. Die Bedeutung der hethitischen Enklitika der ersten und zweiten Person steht offenbar in einer gewissen Beziehung zu den betonten Personalpronomina uk „ich“, zik „du“ (Singular und Plural), bei denen ein und dieselbe Form Akkusativ, Dativ und sogar Nominativ ausdrücken kann.

2. Dativische und akkusativische39 Bedeutungen sind in den litauischen Enklitika mi, ti recht deutlich zu erkennen, z. B. nemipatika Br. Pred. 2. 17, pamijakik Br. I Mos. 37. 16, Tob. 5. 17, Isz to mi auga džiaug/mas K. 13, Pamijāke T. Ap. G. 11. 9, Neti dave KS 176, dekawojameti KM. 11; Anas mi weda K. 18, kodel mi apžiedei T. Mat. 27.46, kad ti gärbintumim K. 209, Kad ti pažintu žmones K. 218 usw.40 Ähnliche Bedeutungen hatte auch das Enklitikon si, das ziemlich früh zu einer Reflexivpartikel wurde; solche Bedeutungen lassen sich zwar sogar noch in der heutigen Sprache beobachten, z. B. auñuosi Schuhe anziehen: kelìuosi aus dem Bett aufstehen, vgl. Lett. aunies kājas!: celies agri! usw. Außerdem scheint es Fakten zu geben41, die bezeugen, dass mi, ti, si auch Genitivbedeutung hatten42, die wohl alt sein dürfte; vgl. Sanskrit me, te (Dat.-Gen.). Die slavischen mi, ti, si bezeichnen offenbar nur den Dativ43. Wenn die älteren Bedeutungen dieser drei Enklitika im Baltischen tatsächlich Dativ-Genitiv waren, müsste man die akkusativische Bedeutung in den ostbaltischen Sprachen hier nicht allein nach den von J. Endzelīns angeführten Annahmen erklären44, sondern auch den Einfluss des Verhältnisses von Genitiv und Akkusativ bei den betonten Personalpronomina4546 berücksichtigen (vgl. dazu das Hethitische, siehe oben). Andererseits sind die drei indogermanischen Enklitika – alte unbetonte Wörtchen mit Kasusfunktion

35 Man nimmt an, dass dies früher auch in den baltischen Sprachen der Fall gewesen sei; siehe J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, 915 (dort auch die Literaturangaben).

36 Žr. H. Kronasser, Vergleichende Laut-und Formenlehre des Hethitischen, 142, 144, Heidelberg, 1956.

37 Vgl. „Possessifs -mi-: -ti: -ši- = μοι, τοι, οἱ etc.“ — J. Kuryłowicz, „Le hittite“. — Reports for the Eighth International Congress of Linguists, Vol. II, 295, Oslo, 5—9 August 1957.

38 Siehe И. Фридрих, op. cit., 73; H. Kronasser, op. cit., 142—144.

39 Die dativischen Bedeutungen von mi, ti kommen in den älteren litauischen Schriften weitaus häufiger vor als die akkusativischen — E. Hermann, Litauische Studien, 69, Berlin, 1926.

40 Die Beispiele stammen aus A. Bezzenberger, Beiträge zur Geschichte der litauischen Sprache, 163—164 (mit den vom Autor verwendeten Quellenangaben und Abkürzungen), Göttingen, 1877.

41 Siehe E. Hermann, op. cit., 74 usw.

42 Ihr Schwund dürfte ziemlich früh eingesetzt haben.

43 Zu Resten einer ähnlichen (d. h. rein dativischen) Bedeutung in den baltischen Sprachen vgl. E. Hermann, op. cit., 73.

44 J. Endzelīns, l. c.

45 Siehe J. Endzelīns, op. cit. 505 usw.; J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, 147—148 (§ 300, § 302).

46 Auf ähnliche Weise könnten auch die alten betonten baltischen Formen *mēn, *tēn, *sēn verdrängt worden sein (die seit einer gewissen Zeit auch enklitische Eigenschaften angenommen hatten; vgl. für das Slavische A. Байан, op. cit., 411; Н. ван-Бейк, История старославянского языка, 280, Москва, 1957) (vgl. preußisch mien, tien usw.; vgl. altkirchenslavisch mę, tę, sę, Sanskrit mām, tvām; siehe J. Endzelynas, op. cit., 148) sowie die unbetonten (nur enklitischen) Formen *mē, *tē, *sē (auf die vielleicht preußisch si hinweisen könnte, sofern es tatsächlich aus *sē stammt; vgl. Sanskrit mā, tvā, griechisch με, σε < *tFe usw.; siehe J. Endzelynas, l. c.).

12

Die Bedeutungen konnten vermutlich schon seit alters her morphologisch nicht streng differenziert sein47.

§ 3. Das ssl. sę, pruß. sien(sin) < *sēn, si, < *sē (vermutlich; vgl. Fußnote Nr. 46, S. 12) könnte offenbar dem litauischen Reflexivpartikel -se entsprechen. Wir begegnen ihm (neben -si) in unseren alten Schriftdenkmälern, z. B. bei Mažvydas48: raschose 13₁₄, kiesiese 21₁₆, makase 38₁₀, ₁₁, skaitose 13₁₄, pradestyse 17₅, 40₁, prasidėase 21₉, biakiese 32₆–₇ u. a. (daneben: pradestysy 14₁, dabaisey 34₁₅, giestyśy 54₂ u. a.); Bretkūnas, Biblia: dabaiase Luk. 6, 7, piktinasse Mat. 13, 21, biotumse Jer. 32, 39, budawiose Ap. G. 9, 31; Bretkūnas, Postilla: mokintuse I 33₁₂, randasse I 86₂; Vilentas, Enchiridion: testojese 28; „Summa (‘…Ewangeliv… Kiedaynise… 1653)“: isedoutumey 21₂₁₉. Das Partikel -se in den alten Schriftdenkmälern scheint auch von den heutigen Dialekten bestätigt zu werden, und zwar von den südlichen Žemaiten [wo das -e im Partikel -se kein žemaitischer Lautwandel des Vokals -i sein kann] und den angrenzenden westlichen Hochlitauern: šakose neben šakos, pasidarė (Pagramantis)49, pėštise, vaipytise, šukiotise, pėšase, vaipose neben pėštis, vaipytis, pasišukuok (Girdžiai, Skirsnemunė, Šimkaičiai), sukūose, sukėse (Agilas, Tovė, Lūja)50 u. a. Das litauische -se (semantisch nicht verschieden von -si) ist offenbar aus ostbalt. *sēn bzw. *sē (Akk. Sg.; zur Endung vgl. savę, tavę, manę) entstanden. Auf dieser Form beruhend kann man annehmen, dass die Ostbalten auch andere akkusativische Formen pronominaler Enklitika hatten — *mēn bzw. *mē, *tēn bzw. *tē51, vgl. pruß. mien, tien, sien, si, ssl. mę, tę, sę, skr. mām, tvām, mā, tvā.

§ 4. Außerdem ist zu sagen, dass Balten und Slawen bei reflexiven Verben für alle drei Personen das Enklitikon des Personalpronomens der dritten Person verwenden — das Reflexivpronomen; ein ganz ähnlicher Sachverhalt findet sich jedoch auch in den hethitischen reflexiven Verbformen, wo das Reflexivpartikel für alle drei Verbpersonen -za lautet und möglicherweise aus *sē52 entstanden ist, vgl. pruß. si < *sē (siehe oben), lat. sē.

III. Über die baltischen und slawischen Zahlwörter53

§ 1. Das baltische Kardinalzahlwort „1“ hat hinsichtlich seiner Wurzel Parallelen nicht nur in den slawischen Sprachen. Die indogermanischen Zahlwörter „2“ — „4“ (vgl. das Verhältnis zwischen balt. bzw. lit. abù und slaw. bzw. ssl. oba mit dem Verhältnis zwischen gr. ἀμφω und lat. ambo) entwickelten sich in den baltischen und slawischen Sprachen in Abhängigkeit von ihrem Deklinationssystem. Das morphologische Schicksal der indogermanischen undeklinierbaren Zahlwörter „5“ — „9“ unterscheidet sich in den baltischen und slawischen Sprachen. Das baltische Zahlwort „100“ ist ein unmittelbares Relikt des Urindogermanischen,

47 Vgl. E. Hermann, op. cit., 78 u. a.

48Zitiert nach der Ausgabe von J. Gerulis (1922).

49Siehe P. Jonikas, Pagramančio tarmė, 66, Kaunas, 1939.

50Siehe J. Gerullis und Chr. Stangas, Lietuvių žvejų tarmė Prūsuose, 47 u. a., Kaunas, 1933.

51In den ostlitauischen Dialekten (einschließlich aller dzūkischen Dialekte) konnten die beiden alten Formen *sei und *sen lautlich zusammenfallen (> *sin > -si) und zu einem einzigen si werden; ähnlich konnten auch im Lettischen *sei und *sēn (> *sie > si) zu einem einzigen -si- werden.

52Siehe H. Kronasser, op. cit., 145.

53Ausführlicheres über die Zahlwörter siehe B. Мажюлис, Литовские числительные и соотношение балтийских числительных с числительными других индоевропейских языков (диссертация и автореферат), Москва, 1955; В. Мажюлис, Индоевропейская десятичная система числительных ВЯ, 4, 53—59 (1956); Einige Fragen der litauischen Grammatik, 40—64, Vilnius, 1957.

13

währenddessen das baltische „1000“ Parallelen in den slawischen und germanischen Sprachen hat. Bei den baltischen, slawischen und germanischen Kardinalzahlen „11“–„19“ finden wir gewisse Ähnlichkeiten, die wahrscheinlich parallele Entwicklungserscheinungen sind. Die baltischen, slawischen und auch germanischen Kardinalzahlen „20“–„90“ sind als Wortverbindungen (keine Zusammensetzungen!) urindoeuropäische Relikte und keine Neubildungen⁵⁴. Die distributiven baltischen und slawischen Zahlwörter sind typologisch ziemlich ähnlich; vgl. jedoch dieselben Zahlwörter in anderen indoeuropäischen Sprachen.

§ 2. Wenn die ostbaltischen und alle slawischen Sprachen bei der Zahl „neun, neunter“ anlautendes d- statt des älteren n- haben [vgl. lit. devyni, devintas (aber altpreuß. newīnts), aksl. devętь, devętь], so handelt es sich hier möglicherweise um eine parallele Erscheinung in den baltischen (ostbaltischen) und slawischen Sprachen; vgl. aksl. nebo: lit. debesìs, lett. debess, wahrscheinlich auch aksl. domъ: lit. nãmas (wo das alte baltische *d- zu ostbaltischem n- geworden sein könnte⁵⁵); ferner vgl. hieroglyphenheth. tapas „Himmel“: keilschriftheth. nepiš „ders.“, hieroglyphenheth. adamai|azamai „Name“: gr. ὄνομα⁵⁶.

§ 3. Die Bildung baltischer Pluralzahlwörter beginnt wohl mit dem Kardinalzahlwort „2“: lit. dveji, dvėjos, dvėja, lett. divēji, divejas (: balt. *d(u)vō, *dvei und Stamm *dvei-), altpreuß. *dwaien (:dwai) ≈ abbaien (:dwai), vgl. aksl. dъvoji, dъvoje (=dъva, dvė und Stamm *dvoi-), skr. dvayas „doppelt“, gr. δοιοί „ders.“ usw. Analog zu dveji haben wir treji [und? (in gewisser Hinsicht) ketveri (: *ketveres⁵⁷)], vgl. dъvoji, troji [und četvorъ, četverъ (: *ketveres⁵⁷)]. Die Form dveji in den baltischen (und auch slawischen) Sprachen dürfte wohl auch dadurch bedingt gewesen sein, dass bei der Verwendung des Zahlworts *dvō, *dvei mit pluralischen Substantiven ein Widerspruch entstehen konnte (*d(v)ō, *dvei — Dualformen und Pluralformen pluralischer Substantive), der durch die Form dveji beseitigt wurde. Insgesamt ähnelt das Wortbildungs- und morphologische System der baltischen Zahlwörter in vieler Hinsicht dem slawischen. Zu beachten ist jedoch, dass die ältesten, d. h. gemeinindoeuropäischen baltischen Zahlwörter unmittelbare Relikte der indoeuropäischen Ursprache sind, während die späteren, d. h. nicht gemeinindoeuropäischen Zahlwörter den entsprechenden Zahlwörtern der slawischen sowie auch der germanischen und einiger anderer indoeuropäischer Sprachen ähneln.

54 So meint es beispielsweise A. Meillet, Introduction... VII éd., 413.

55 In meiner Broschüre Заметки к вопросу о древнейших отношениях..., 18 hat sich ein redaktioneller Fehler eingeschlichen, d. h. dieser in Klammern stehende Zusatz fehlt.

56 Zu hethitischem n-: d- in diesen Wörtern (das Auftreten von d- ist unklar) siehe J. Gelb, The Contribution of the new Cilician Bilinguals to the Decipherment of Hieroglyphic Hittite. — „Bibliotheca orientalis“, vol. VII, Nr. 5, 140 (1950); S. Alp, Bemerkungen zu den Hieroglyphen des hethitischen Monuments von Imamkulu. — „Archiv Orientální“, vol. 18, Nr. 1—2, 8 (1950); H. T. Bossert, Die phönizisch-hethitischen Bilinguen vom Karatepe. — „Oriens“, vol. II, Nr. 1, 110 (1949); H. T. Bossert, Die phönizisch-hethitischen Bilinguen vom Karatepe. — „Jahrbuch für kleinasiatische Forschung, Band II, H. 2, 187; Goetze, The linguistic Continuity of Anatolia as shown by its proper names. — „Journal of Cuneiform Studies“, vol. VIII, Nr. 2, 77 (und Anm. 59) (1954); J. Friedrich, Hethitisches Wörterbuch, Lief. 4, 334, Heidelberg, 1954; H. Kronasser, op. cit., 228—229.

57 Balt. *ketveres, slaw. *ketveres stammen möglicherweise aus älterem balt. *ketvares bzw. slaw. *ketvores (Nom. Sg.) (balt. *-a- > -e-, slaw. *-o- > -e- vielleicht durch „Assimilation“, vgl. gr. (ion.) τέσσερες, wo „-e- prob. par assim. vocalique“ — E. Boisacq, Dictionnaire étymologique de langue grecque, 960, Heidelberg—Paris, 1916); vgl. skr. catvāras, gr. (dor.) τέτορες usw. (Das slawische -o- in der Form četvoro dürfte kaum alt sein.)?

14

IV. Weitere kleinere Anmerkungen

§ 1. Im Genitiv der ō-Stämme der ostbaltischen und aller slawischen Sprachen finden wir die Endung -ā, vgl. lit. vilko (dial. vilkā), lett. vilka, aksl. vlьka, die Altpreußen haben jedoch -as [vgl. die Endungen: altpreuß. Nom. Sg. deiw's, Gen. Sg. deiwaś — heth. Nom. Sg. attaš „Vater“, Gen. Sg. attaś; altpreuß. Nom. Sg. gijwan „Leben“ (Neutr.), Gen. Sg. gīwas — heth. Nom. Sg. pedan „Ort“ (Neutr.), Gen. Sg. pēdaś]. Sowohl in den baltischen als auch in den slawischen Sprachen kann dieser Genitivtyp (d. h. mit der Endung -ā) kaum besonders alt sein: Dagegen sprechen nicht nur das Altpreußische, sondern auch allgemein die Formen des genannten Stammes in allen indoeuropäischen Sprachen, die sich in den einzelnen indoeuropäischen Dialekten unterschiedlich herausgebildet haben. Man nimmt an, dass die Genitivendung -ā der ostbaltischen und slawischen Sprachen genetisch mit dem Ablativ zusammenhängt (der zu einer gewissen Zeit in einzelnen indoeuropäischen Dialekten zur paradigmatischen Form werden konnte⁵⁸). Diese traditionelle These wird, wie es scheint, durch J. Otrembskis Argumente⁵⁹ noch nicht widerlegt.

* * *

Anstelle von Schlussfolgerungen

Ohne die Frage nach dem Ursprung der alten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen entscheiden zu wollen, neige ich dennoch zu der Annahme, dass die in diesen Bemerkungen erwähnten alten (sowie innovativen) Ähnlichkeiten — „Parallelen“ — zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen nicht die Hypothese einer traditionellen baltisch-slawischen Ursprache (bzw. einer genetischen Einheit der baltischen und slawischen Sprachen) zu ihrer Erklärung benötigen: vorerst kann man sich hier mit den von J. Endzelīns aufgezeigten Prinzipien der linguistischen Differenzierung und Integration behelfen.

ANMERKUNGEN ZUR FRAGE DER ÄLTESTEN BEZIEHUNGEN DER BALTISCHEN UND SLAVISCHEN SPRACHEN

В. П. МАЖЮЛИС

Zusammenfassung

Zu Beginn des Artikels werden einige historische Angaben zur Lösung des baltisch-slawischen Problems angeführt, wobei das Hauptaugenmerk auf der Theorie des herausragenden Gelehrten J. Endzelīns liegt. Der Verfasser des Artikels beansprucht keineswegs, die Frage nach den ältesten Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen fachwissenschaftlich zu lösen, sondern legt lediglich eine Reihe konkreter Bemerkungen dar, die jedoch nicht ohne eine gewisse Bedeutung für dieses Problem sind. Bei der Erörterung zweier Alternativen hinsichtlich des Präsensstamms der baltisch-slawischen Verben „geben“, „setzen“ bezweifelt der Verfasser des Artikels den traditionell rekonstruierten Archetyp *dōdmi bzw. *dedmi. In den folgenden drei Unter-

58 Plg. Fr. Specht, Der Ursprung der indogermanischen Deklination, 371, Göttingen, 1947; Fr. Specht, Zum Ersatz des Ablativs, 69, 127 (1948).

59 Siehe Я. Отрембский, op. cit., 31.

15

abschnitten des Artikels ist von enklitischen Personalpronomen, Zahlwörtern und dem Genitiv (wie lit. vilko, russ. волка) der baltischen und slawischen Sprachen die Rede.

Eine ausführlichere Zusammenfassung dieses Artikels ist überflüssig, da er dieselben Tatsachen und Gedanken enthält, die in der Broschüre desselben Verfassers „Заметки к вопросу о древнейших отношениях балтийских и славянских языков (IV международный съезд славистов)“ Вильнюс, 1958, dargelegt wurden.

21

Document details