Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, IV
LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
BETONUNGSRETRAKTION UND BETONUNGSVERSCHIEBUNG IN DEN LITAUISCHEN MUNDARTEN
V. GRINAVECKIS
I. BETONUNGSRETRAKTION
1. Termini der Betonungsretraktion
§ 1. In der gegenwärtigen litauischen Dialektologie werden zur Beschreibung der Betonungsretraktion in den Mundarten die Termini allgemeine und bedingte Betonungsretraktion verwendet; beide sind jedoch ungenau. Als allgemeine Betonungsretraktion bezeichnet man die Retraktion der Betonung aus einer kurzen und einer langen zirkumflektierten Endung. Das heißt, die Betonungsretraktion ist in Wirklichkeit nicht allgemein – nach diesem Gesetz wird die Betonung nicht aus einer akutierten Endung zurückgezogen. Als bedingte Betonungsretraktion bezeichnet man die Retraktion der Betonung aus einer kurzen Endung auf die lange vorletzte Silbe. Dieses Gesetz umfasst jedoch nur ein einziges Gesetz der Betonungsretraktion aus einer kurzen Endung. Somit reichen diese Termini nicht aus, um alle Fälle der Betonungsretraktion zu beschreiben.
Da die genannten Termini ungenau sind und nicht ausreichen, um alle Fälle der Betonungsretraktion zu beschreiben, werden in diesem Artikel neue Termini verwendet, die jeden Fall der Betonungsretraktion aus einer Endung bezeichnen.
1. Zur Kennzeichnung der Abhängigkeit der Betonungsretraktion von der Länge und dem Intonationsverlauf der Endung werden folgende Termini verwendet:
a) Die Betonungsretraktion aus einer kurzen Endung wird als gravische Betonungsretraktion bezeichnet.
b) Die Betonungsretraktion aus einer langen zirkumflektierten Endung wird als zirkumflektische Betonungsretraktion bezeichnet.
c) Die Betonungsretraktion aus einer akutierten Endung wird als akutische Betonungsretraktion bezeichnet.
2. Zur Bestimmung der Gesetze der Betonungsretraktion in einzelnen Mundarten werden folgende Termini verwendet:
a) Die Betonungsretraktion aus einer kurzen (historisch kurzen und historisch akutierten) sowie einer zirkumflektierten Endung wird als gravisch-zirkumflektische Betonungsretraktion bezeichnet; die Betonungsretraktion in jenen Mundarten, die die Betonung nicht nur aus einer kurzen und einer zirkumflektierten, sondern auch aus einer akutierten Endung zurückziehen, kann als gravisch-zirkumflektisch-akutische Betonungsretraktion bezeichnet werden.
b) Die Betonungsretraktion aus einer kurzen Endung in allen Fällen, d. h. auf eine lange oder kurze Silbe, die vom Wortende aus weiter zurückliegt, bezeichnen wir als allgemeine gravische Betonungsretraktion.
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Page 2c) Die Akzentretraktion aus einer kurzen Endung ausschließlich auf eine lange, weiter vom Wortende entfernte Silbe kann als bedingte Retraktion des Gravisakzents bezeichnet werden.
d) Die Akzentretraktion aus einer kurzen Endung ausschließlich auf eine Silbe, die aus einem langen Vokal oder einem der Diphthonge ie, uo besteht, kann als embryonale Akzentretraktion bezeichnet werden.
2. Gesetze der Akzentretraktion
§ 2. In den nördlichen und nordwestlichen Mundarten der litauischen Sprache wird der Akzent in bestimmten Fällen vom Wortende an den Anfang zurückgezogen. Nicht überall verläuft die Akzentretraktion gleich. Die gesprochenen Mundarteigenschaften der einzelnen Orte unterscheiden sich in verschiedener Hinsicht; daher lässt sich die Akzentretraktion nach mindestens drei Gesichtspunkten in mehrere Gruppen einteilen: 1) danach, aus welcher Endung sie zurückgezogen wird (aus einer kurzen; aus einer kurzen und einer langen Zirkumflexendung; aus einer kurzen sowie einer langen Zirkumflex- und Akutendung); 2) danach, auf welche Silbe vom Ende aus (auf die vorletzte; auf die erste (Anfangs-)Silbe oder eine andere); 3) danach, ob bei der Retraktion der gesamte Akzent auf einer Silbe konzentriert oder auf zwei oder mehr Silben verteilt wird.
§ 3. Die erste Einteilung. Im äußersten Nordwesten des Gebiets der Akzentretraktion, das im Westen an das Kurische Haff und die Ostsee und im Norden an die Grenze zu Lettland stößt, finden wir eine Retraktion des Gravis- und Zirkumflexakzents, d. h. der Akzent wird aus einer kurzen (aus einer ursprünglichen kurzen Endung, z. B.: sūnus ~ sūnùs, daĩlus ~ daí-lùs, aus einer ursprünglichen Akutendung, z. B.: bàlta ~ baltà < baltá, màrti ~ martì < martí Joniškis) und einer langen Zirkumflexendung (z. B.: sũnaus ~ sūnaũs, pàčiuos ~ pačiõs Klykoliiai) zurückgezogen. Die genannte Akzentretraktion umfasst das Gebiet nördlich und westlich einer Linie, die an der Mündung der Minija beginnt und über Ž. Naumiestis, Pajūris, Upyna, Vaiguva, Kurtuvėnai und Kužiai verläuft, Šiauliai umgeht, dann über Radviliškis, Baisogala, Upytė, Panevėžys und Vabalninkas führt und westlich von Biržai an die Grenze zu Lettland stößt (vgl. APh IV 33). An manchen nördlichen und westlichen Orten des bezeichneten Gebiets wird der Akzent gelegentlich auch aus einer Zirkumflexendung zurückgezogen. Dies ist eine Akutakzentretraktion, die den gesamten nördlichen Teil des donininkischen Gebiets umfasst, z. B.: árklliẽms ~ arkliáms, gáidẽms (Hauptakzent am Wortende) ~ gaidžiáms (Kojeliai, Kreis Klaipėda); sie kommt außerdem vereinzelt entlang der lettischen Grenze vor, z. B.: nèžinau ~ nežì-nau, bǫvau ~ buvau, gèram ~ gerám, kǫkèm ~ kokiám, laũkam ~ laukám, árkliem ~ arkliám, svèččem ~ svečiám (Akmenė, Klykoliai, Vegeriai, Papilė, Tryškiai, Luokė), gèram ~ gerám, kǫkèm ~ kokiám (Šiupyliai), laũkam ~ laukám, árkliem ~ arkliám, svèččem ~ svečiám (Dorf Šimkūnai, Kreis Joniškis; Dorf Vilūnaičiai, Kreis Joniškis), sowie auch aus der Wortmitte, z. B.: pàmate ~ pamãtė, nèžina ~ nežìno (Šiupyliai), sǫsenėsas ~ susinėsasi, nepàdarisi ~ nepadarýsi (Klykoliai; vgl. auch A. Jonaitýtė LKK II 114, 115). Im nördlichen Teil des Mūša-Beckens wird der Akzent örtlich aus den Dativendungen zurückgezogen, z. B.: saũsam ~ sausám, viẽnam ~ vienám. Hier wird die Dativendung jedoch mit Zirkumflexintonation ausgesprochen: jam̃, taĩ (Dorf Uniūnai, Kreis Linkuva).
Südlich und östlich des Gebiets der Gravis-Zirkumflex-Akzentretraktion erstreckt sich das Gebiet der Gravisakzentretraktion, in dem der Akzent nur aus einer kurzen Endung zurückgezogen wird. In APh IV 33 heißt es, dass der Akzent in diesem Gebiet „nur auf einen erhaltenen langen Stamm und einen Diphthongstamm“ zurückgezogen werde. Diese Aussage ist nicht ganz zutreffend, denn im genannten Gebiet wird der Akzent auf drei verschiedene Weisen zurückgezogen:
a) Aus einer kurzen Endung stets, unabhängig von der Länge der vorletzten Silbe. Ein solcher Fall der Betonungsrückziehung ist in einem Gebiet anzutreffen, in dem gravinisch-zirkum-
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Page 3In dieses Gebiet gehören die südöstliche Ecke des dūnininkischen Gebiets (Kiaunoriai, möglicherweise Kiaunorius), Tytuvėnai, Šalōpelkis, Pakražantis, Kražiai, Kušleikiai) sowie ein Teil des nordwestlichen hochlitauischen Gebiets (Šiauliai, Pakapė, Tyruliai, Šiluva, Lyduvėnai). Außerdem wird der Akzent stets aus einer kurzen Endung jenseits der östlichen Grenze des Gebiets der Gravis-Zirkumflex-Akzentretraktion, in der Gegend um Biržai, zurückgezogen, z. B.: ankšti, ba.l.ti, ta.m.šu; ma.ž.šus, kėlus, vākārė, rutėlės, ni.tikės (Kušleikiai, Kreis Kelmė, siehe Gtr 103); ainu ~ einu, sōdus ~ sodūs; nāktis ~ naktis, vēdu ~ vedu, nēšu ~ nešu, rāštus ~ raštus, pati ~ pati, rasu ~ rasą, bālu ~ balą, gēru ~ gerą (Vabalninkas); saīs ~ sausą, viēn ~ vieną, sāk ~ šaką, viś ~ visi (Biržai, siehe I. Lašinskaitė LKK I 189).
b) Aus einer kurzen Endung nur dann, wenn die vorletzte Silbe lang ist, z. B.: jāuna, karšti, baūsus, bet: mažā, viś, laukai (Troškūnai); girdžu, suprantù, aštūni (Viduklė); laīkus, sveīki (Šimkaičiai; vgl. E. Grinaveckienė LKK I 122).
c) Im äußersten Südosten des betreffenden Gebiets (Suginčiai, Karalinava — Kreis Molėtai, Gelvonai — Kreis Ukmergė) wird der Akzent aus einer kurzen Endung nur dann zurückgezogen, wenn die vorletzte Silbe aus einem langen Vokal oder einem der Diphthonge ie, uo besteht, z. B.: sūnus, pǐ?ksu, stora, lōpus, prōtu, viena, diena, aber sausā, laukīs, dalīs, tvarkā (siehe Gtr 103).
Die südöstliche Grenze des Gebiets der Gravisakzentretraktion (der allgemeinen und der bedingten, wie hier beschrieben: sausā ir šākā, šāk) verläuft ungefähr durch folgende Orte: Upyna, Nemakščiai, Viduklė, Šimkaičiai, Ariogala, Čekiškė, Kulva, Gelvonai, Giedraičiai, Molėtai, Leliūnai, Vyžuonos, Svėdasai, Kamajai, Kriaunos.
§ 4. Zweite Gliederung.
a) Nicht im gesamten oben beschriebenen Gebiet der Betonungsretraktion wird die Betonung vollständig vom Wortende zurückgezogen: an einigen Stellen ist am Wortende noch ein Rest der Betonung hörbar. Dies ist kennzeichnend für alle žemaitischen Mundarten, in denen die Betonung zurückgezogen wird, z. B.: švìsa ~ šviesà, vãpsā ~ vapsā (Laukuva); gálvā ~ galvà, šākā ~ šakà, gáidīs ~ gaidỹs, gėismė ~ giesmė (Grušlaukė); mažā ~ mažà, sausā ~ sausà (Kelmė). In mehrsilbigen Wörtern mit zurückgezogener Betonung ist jede Silbe betont, z. B.: ãgìnā ~ aguonà, pãvažā ~ pavažà (Laukuva); vàkārė ~ vakarė, pãbō.ngā ~ pabanga ‚Ende‘ (Mažeikiai), vgl. Švdt § 3 ff.
b) Hinsichtlich der Verteilung der Betonung in mehrsilbigen Wörtern mit zurückgezogener Betonung unterscheidet sich nur der nordöstliche Winkel der žemaitischen Mundarten mit Betonungsretraktion geringfügig (Klykoliai, Akmenė, Papilė, Viekšniai), wo die ursprüngliche Betonung kurzer Endsilben nicht mehr hörbar ist, z. B.: kálba ~ kalbà, ãveles, drūktā, mė̃us (Klykoliai), vgl. Švdt § 78. Manchmal ist die Endbetonung, besonders in einer kurzen Endung, auch in der donininkai-Mundart nicht hörbar: nēšu ~ nešu, vės ~ visà, žiūv ~ žuviu (Dreverna). Ganz ähnlich wird die alte Endbetonung auch im nördlichen Teil der nordwestlichen hochlitauischen Mundarten ausgesprochen (vgl. A. Jonaitytė LKK II 109, 110); weiter südlich (in der Gegend von Šiauliai, Pakapė, Šiluva, Krakės) ist die alte Endbetonung besser erhalten. Sowohl bei den Žemaiten als auch bei den angrenzenden Aukštaiten ist die alte (End-)Betonung sekundär, die Betonung auf der Anfangssilbe dagegen primär.
c) Weiter östlich der žemaitischen Mundarten, in den aukštaitischen Mundarten, kommen Reste der Endbetonung (alten Betonung) an den Randgebieten der gravis-zirkumflexen und der Gravis-Betonungsretraktion vor. So wird beispielsweise unweit von Panevėžys, im Dorf Stetiškiai, das an der Grenze der gravis-zirkumflexen Betonungsretraktion liegt, die Endbetonung (alte Betonung) in Wörtern
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Page 4mit zurückgezogener Betonung in solchen Fällen ausgesprochen, in denen die Endsilbe lang ist: laũką ~ lauką, vaikè ~ vaikai, būvǒ ~ buvau, maišǒ ~ mačiau. In einer kurzen Endung gibt es keine Spuren der alten Betonung mehr, z. B.: sausù ~ sausà, šakù ~ šakà.
d) Auch in den Randgebieten der bedingten Betonungsretraktion haben sich Spuren der Endbetonung (alten Betonung) erhalten, z. B.: laũkus, vaĩkus (Kamajai), tõli, aũkšta (Dorf Bikūnai, Rajon Anykščiai, vgl. Gtr 103). Diese beiden Betonungen sind im gesamten Norden der ostaukštaitischen und ostdzūkischen Mundarten zu hören (Daugėliškis, Dusetos, Svėdasai, Utena, Zarasai, Linkmenys (siehe E. Grinaveckienė MADA 2 (9) 176), Rimšė).
§ 5. Die dritte Einteilung.
In einigen Mundarten der litauischen Sprache wird die Betonung auf die erste Silbe zurückgezogen (in mehrsilbigen Wörtern), in anderen auf die vorletzte (mit bestimmten Ausnahmen). In den žemaitischen Mundarten wird die Betonung nach dem Gesetz der gravis-zirkumflexen Betonungsretraktion auf die erste Silbe zurückgezogen. Nach dem Gesetz der Gravis-Betonungsretraktion wird die Betonung in den žemaitischen Mundarten ebenfalls auf die erste Silbe zurückgezogen (z. B.: nėgàlž ~ negali, nebėtùrù ~ nebeturiu, drūo-bužù ~ drobužiu); parallel dazu wird im Gebiet der žemaitischen Gravis-Betonungsretraktion die Betonung auf diejenige Silbe zurückgezogen, auf die sie beim Beugen des Wortes aus der Endung springt, z. B.: aštūni ~ aštuoni (:aštuonis) lapẽlis ~ lapelius (:lapelį), kanapikẽs ~ kanapikės (:kanapikę), bli˙nūkùs ~ blyniukus (: blyniuką), drobužùs ~ drobužius (: drobužį), vuotagù ~ votagų (:votagą), bala.n.džùs ~ balandžius (: balandį); kėtūrì ~ keturi (:keturis), dėdamà ~ dedamà (: dėdamą), vàkarè ~ vakare (:vakarą), neki.m.bama ~ nekimbama (: nekimbama), dèbesù ~ debesį (: debesį) (Kušleikiai, Rajon Kelmė).
In den ostaukštaitischen Mundarten wird die Betonung auf die vorletzte Silbe zurückgezogen, z. B.: pamàčà ~ pamačiau, padàrǒ ~ padariau, pavàž ~ pavažą, šonel ~ šuneliù (Pušalotas); avìž ~ aviža, išìs ~ išiša, pabàig ~ pabaiga, vodèg ~ uodega (Dorf Čeniškiai, Rajon Biržai); malõnus ~ malonūs, nobõdus ~ nuobodūs, septintà ~ septintą, išáusta ~ išaušta (Dorf Kupreliskis, Rajon Vabalninkas); akmenù ~ akmenų, sǫ-draške ~ sudraskei, vakàre ~ vakarai, ketǫr ~ keturi (Pušalotas). In Wörtern der Akzentklasse 3 ziehen die Ostaukštaiten die Betonung auf eine noch weiter vom Wortende entfernte Silbe zurück, z. B.: vuõdeg ~ uodega, vėrgdam ~ verkdama (ebd.); lĩ˙gǫm ~ lygumą, alkàn ~ alkaną, sausùm ~ sausumą, bėgdam ~ bėgdama (Linkuva), vgl. Švdt § 4.
Die nordwestlichen Aukštaiten, deren Siedlungsgebiet unmittelbar an das der Žemaiten angrenzt, weisen eine den žemaitischen Mundarten sehr ähnliche Betonungsretraktion auf, d. h. die Betonung wird (mit wenigen Ausnahmen) auf die erste Silbe zurückgezogen, z. B.: pėlenai ~ pelenai, lĩ˙dekà ~ lydeką, bàravìks ~ baravykas, paũkščiuks ~ paukščiukas (Šiupyliai, Rajon Šiauliai); àdara ~ atdarà, ìštìsa ~ ištisà, uõdega ~ uodega, dõvana ~ dovanà; àkmenu ~ akmenų, dõbilai ~ dobilai, pàšaki˙s ~ pasakys (Dorf Eglynaukis, Rajon Joniškis). Daneben werden auch Formen mit zurückgezogener Betonung auf der zweiten Silbe ausgesprochen, z. B.: pabaiga (und pàbaiga) ~ pabaigà, sudrāskẽi (und sùdraskei) ~ sudraskei, pasvèikai (und pà sveikai) ~ pasveikai, vandeniũ (und vàndenìnu) ~ vandeniniu (ebd.); maitìnu (und mãitinu) ~ maitinù, dalìnu (und dãlinu) ~ dalinù (Dorf Šimkūnai, Rajon Joniškis). Eine ähnliche Schwankung der Betonung (Zurückziehung auf die vorletzte und auf die erste Silbe) gibt es im Gebiet von der Grenze zu den Žemaiten bis Joniškis (siehe Gtr 104, vgl. auch A. Jonitytė LKK II § 4). Weiter östlich von Joniškis setzt sich zunehmend die auf die vorletzte Silbe zurückgezogene Betonung durch.
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Page 53. Geschichte der Akzentretraktion
a) Ursachen der Akzentretraktion
§ 6. In der litauischen Sprache sind die alten zirkumflektierten Vokale am Wortende verkürzt worden, z. B.: sausà < * sausą, vàrna < * vórną (siehe J. Endzelynas GF 22). In den nördlichen litauischen Mundarten ist die Verkürzung der zirkumflektierten Endungen noch weiter fortgeschritten. Im nordwestlichen Teil Samogitiens sind die alten zirkumflektierten Vokale am Wortende so stark verkürzt, dass sie kaum noch hörbar sind, z. B.: sáus(a) ~ sausa (Priekulė), sáusa ~ sausa (Židikai, Leckava, Klykólai); im nordwestlichen Teil der ostaukštaitischen Mundarten (im Einzugsgebiet der Mūša) sind die alten zirkumflektierten Vokale ganz geschwunden, z. B.: saĩs ~ sausà, vàrn ~ vàrna (Pušalotas, Biržai). Da die Verkürzung der Vokale zirkumflektierter Endungen sowohl das betonte als auch das unbetonte Wortende gleichermaßen betraf, musste das weitere Schwinden der Endungen, die Reduktion in den nordöstlichen litauischen Mundarten, von einem anderen Phänomen begleitet werden — der Akzentretraktion vom Wortende zum Wortanfang.
Den Beginn der Akzentretraktion kann man sich folgendermaßen erklären: Als sich die langen zirkumflektierten Endvokale allmählich verkürzten und diese Vokale in den nördlichen Mundarten weiter schwanden, mussten sie beim Schwinden den Akzent verlieren (:sausà > saĩsa, naujienà > naujienėn), denn ein betonter Laut muss stärker, nicht schwächer ausgesprochen werden. Ein Wort kann nicht ohne Akzent sein, daher musste der Akzent auf weiter vom Wortende entfernten Silben auftreten. Später begann man auch, den Akzent von langen zirkumflektierten Endungen zurückzuziehen: šakòs > šakós, pavažòs < pavažõs (Joniškis). Die Akzentretraktion von langen zirkumflektierten Endungen könnte durch Analogie bedingt gewesen sein (in vielen Wörtern und Formen war der Akzent bereits von den Endungssilben zurückgezogen worden); besonders stark dürfte die Betonung der Formen innerhalb des Paradigmas gewirkt haben. Außerdem verkürzten sich zirkumflektierte Endungen vielerorts, besonders im Einzugsgebiet der Mūša. Bemerkenswert ist, dass in den ostaukštaitischen Mundarten die Verkürzung betonter wie unbetonter zirkumflektierter Endungen vielfach gleich verlief, z. B.: vuverė ~ voverė, báre ~ bãrė, lùnkàs ~ lankõs, blaižas ~ blaizdos (siehe J. Šukys LKK II 158, 159), pagalàs ~ pagalõs, pradalgis ~ pradalgỹs (Dorf Čeniškiai, Rajon Biržai), ėžs ~ ežỹs, gėnīs ~ genỹs, ãkma ~ akmuõ (Pušalotas). Die zweite Stufe der Akzentretraktion formte das heutige Verbreitungsgebiet der gravis-zirkumflektierten Akzentretraktion.
b) Der Prozess der Akzentretraktion
§ 7. Zweifellos sind nicht alle oben genannten Fälle der Akzentretraktion (§ 2–5) gleichzeitig entstanden. Es ist anzunehmen, dass die Akzentretraktion in mehreren Stufen erfolgte, wofür die heute vorliegenden Grade der Akzentretraktion Zeugnis ablegen können.
a) Der erste Grad der Akzentretraktion, bei dem der Akzent von einer kurzen (ursprünglich kurzen und langen zirkumflektierten) Endung auf die lange, vom Wortende aus zweite Silbe zurückgezogen wird und in der Endsilbe noch ein Rest des alten Akzents hörbar ist (ãũkšta, sūnūs, siehe § 4), zeigt wahrscheinlich die allerersten, ältesten Ansätze der Akzentretraktion. In diesem Fall konnte die lange vorletzte Silbe leichter an Stärke gewinnen und den Akzent erhalten, während die verkürzte zirkumflektierte Endung allmählich schwächer wurde, denn lange Silben werden kräftiger ausgesprochen als kurze. So lässt sich erklären, wie saũsà bereits mit zurückgezogenem Akzent ausgesprochen wurde, während šakà noch keinen zurückgezogenen Akzent aufweist (siehe § 3b).
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Page 6Als eine andere Variante der Ansätze zur Akzentretraktion ist die Akzentretraktion an einigen Orten im Rajon Molėtai (Suginčiai, Karalinava) anzusehen (von einer kurzen Endung auf die vorletzte Silbe, die aus langen Vokalen und Diphthongen ie, uo besteht, siehe § 3c). Dieser Fall der Akzentretraktion zeigt offenbar, dass lange Vokale und die Diphthonge ie, uo (die sich in den Mundarten durch ihre Entwicklungsprozesse meist nicht von den Vokalen unterscheiden), als engere phonetische Einheit kräftiger und länger ausgesprochen werden als die Diphthonge a, e, i, u + l, m, n, r und ai, ei, au, ui, deren Bestandteile keine so enge Einheit bilden. Diese letztere Akzentretraktion ist wahrscheinlich keine ursprüngliche Stufe der Akzentverlagerung zum Wortanfang im gesamten Gebiet der Akzentretraktion, sondern ein Phänomen, das nur für die südlichen Ostaukštaiten charakteristisch ist. Zu dieser Annahme veranlasst das Fehlen entsprechender Fälle der Akzentretraktion in anderen Mundarten (Samogitisch, nordwestaukštaitisch und mittelaukštaitisch).
b) Die weitere Entwicklung der Akzentretraktion hat zweifellos zunächst die bedingte gravis-Akzentretraktion (saũsa, aber šakà) und später auch die allgemeine gravis-Akzentretraktion (šakà, šakù, šak) hervorgebracht. Es ist möglich, dass an einigen Orten diese beiden Stufen der Akzentretraktion (saũsa und šakà) eine einzige Phase bildeten, d. h. dass der Akzent in beiden Fällen unmittelbar zurückgezogen wurde. Die Existenz dieser beiden Stufen der Akzentretraktion in den ostaukštaitischen (saũsa šakà — Anykščiai und saũs šak — Biržai) und nordwestaukštaitischen Mundarten (saũsa šakà — Šiauliai, saũsa šakà — Šimkaičiai) lässt jedoch vermuten, dass es zumindest in einem Teil der Mundarten (ungefähr in den Gebieten, in denen diese Stufen heute belegt sind) solche Stadien der Akzentretraktion gab.
c) Der gefestigte zurückgezogene Akzent verlagerte sich von den kurzen Endungen zum Wortanfang und erfasste auch den Akzent zirkumflektierter Endungen. Zur Entstehung dieser Stufe der Akzentretraktion dürfte vor allem die Analogie beigetragen haben, teilweise auch die Verkürzung der Endungen (siehe § 6).
d) In den nördlichsten und westlichsten Mundarten wird der Akzent an einigen Orten gelegentlich auch von den akutierten Endungen und aus der Wortmitte zum Wortanfang zurückgezogen (siehe § 3). Dies ist natürlich ein noch jüngerer Schritt auf dem Weg zur Herausbildung eines festen Akzents auf der ersten Silbe.
§ 8. Alle genannten Stufen der Akzentretraktion sind nicht plötzlich und auf einmal entstanden. Der Prozess der Akzentretraktion verlief in allen Stufen langsam und schrittweise über lange Zeit hinweg: Der Endakzent wurde allmählich schwächer, während sich der zurückgezogene Akzent (am Wortanfang) parallel dazu verstärkte. Dies zeigen vor allem deutlich die samogitischen und an Samogitien angrenzenden aukštaitischen Mundarten, in denen der alte Akzent noch besteht (wenn auch bereits erheblich geschwächt), aber zugleich auch der zurückgezogene Akzent ausgesprochen wird: vìna ~ vienà, màžà ~ mažà, láukà ~ laukai (siehe auch § 5, 7 a). Dasselbe beobachten wir auch im Gebiet der Aukštaiten, doch sind hier Spuren des alten (End-)Akzents nicht im gesamten Gebiet erhalten geblieben, sondern nur entlang der Grenzen der gravis- (§ 4 c, d) und gravis-zirkumflektierten Akzentretraktion. Bemerkenswert ist, dass in den ostaukštaitischen Mundarten außerhalb der Grenze der gravis-Akzentretraktion in Fällen mit kurzer Endung die langen Vokale und Diphthonge ie, uo der vorletzten Silbe nicht verkürzt sind (wie gewöhnlich in unbetonter Stellung), z. B.: tvorà, sūnùs, storà, vienà, juodà, bet tva.rà:s ~ tvorõs, su.nauis, sta.rà:s ~ storõs, ve.nà:s ~ vienõs, ja.dà:s ~ juodõs (Utena), siehe auch Kirtis 116. Hier ist der Wortanfangsakzent (zurückgezogene Akzent) noch nicht wahrnehmbar, doch zeigen die ausbleibende Monophthongierung der Diphthonge ie, uo und die Verengung der Vokale ē, ā (ihre Entwicklung zu ė, o), dass diese Laute nicht verkürzt wurden, ebenso wenig wie betonte Laute (vgl. plõnas, vėjas, viẽnas, juõdas — Utena). Wenn dem so ist, dann sind folglich auch hier bereits Ansätze des Akzentretraktionsprozesses vorhanden. Dasselbe Phänomen finden wir auch in der Veliuonaer Mundart, bei der bedingten gravis-Akzentretraktion-
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Page 7an den Rändern: plonà, storà, vienà, juodà, bet plunõs, sturõs, venõs, judõs (Raj. Vilkija, Dorf Saulėtekis).
Nachdem der Akzent aus einer langen Zirkumflexendung zurückgezogen worden ist, ist die Spur des alten Endakzents nur an einem Ort der ostaukštaitischen Mundarten erhalten geblieben – im Dorf Stetiškiai, unweit von Panevėžys (siehe § 4c).
§ 9. Nicht an allen Orten, an denen der Akzent heute zurückgezogen wird, hat der Prozess der Akzentretraktion zur selben Zeit begonnen. Schon die allmähliche Abschwächung der Akzentretraktion von Norden und Nordwesten nach Süden und Osten lässt vermuten, dass die Akzentretraktion zuerst in den nordwestlichen (den küstennahen žemaitischen Mundarten und dem Norden der dounininkischen Mundarten) und den nördlichen Teilen der ostaukštaitischen Mundarten (im Einzugsgebiet der Mūša) begonnen hat und von dort nach und nach nach Süden und Osten vordrang.
a) Dass der Akzent in den küstennahen žemaitischen Mundarten zuerst zurückgezogen wurde, zeigen die folgenden Tatsachen.
Im Litauischen hat ein neuer Akzent, der auf einer Silbe vor dem alten Akzent erscheint, gewöhnlich immer einen Zirkumflex- oder einen mittleren Akzent (der hinsichtlich der Stimmbewegung zirkumflexisch ist), wenn er auf einer langen Silbe liegt. So ist es in den žemaitischen (außer den küstennahen) und den nördlichen aukštaitischen Mundarten, die den Akzent zurückziehen, z. B.: bàltà ~ baltà, bàltos ~ baltõs, laũkų ~ laukų (Joniškis), gìva ~ gyvà, jaũna ~ jaũna (Obeliai). In der küstennahen žemaitischen Mundart ist es jedoch anders: Wird der Akzent auf eine zirkumflexische Wurzel zurückgezogen, erhält er einen gedehnten (im Litauischen zirkumflexischen) Akzent, z. B.: ùžì ~ užì, žõsės ~ žąsis (Kartena), oder einen mittleren Akzent (der lediglich eine kürzere Variante des gedehnten Akzents ist), z. B.: laũkà ~ laukai, ná.ujuõs ~ naujõs (Salantai); wird der Akzent auf eine akutische Wurzel zurückgezogen, erhält er einen schleifenden (im Litauischen akutischen) Akzent, z. B.: bá.ltà ~ baltà, bá.ltũos ~ baltõs (Grūšlaukė); pé.rmõs ~ pirmõs, viéžš ~ vėžys (Salantai).
Diese Zweifachheit der Akzentverläufe beim zurückgezogenen Akzent der küstennahen Žemaiten zeigt, dass sie den Akzent wohl zu einer Zeit zurückgezogen haben, als sie auch in den unbetonten Silben vor dem Akzent noch zwei Akzentverläufe aussprachen: den zirkumflexischen und den akutischen. Daraus schließen wir, dass die küstennahen Žemaiten (wie auch die Letten) den Akzent vor der Vereinheitlichung der Akzentverläufe in den unbetonten Vorsilben zurückgezogen haben, die übrigen Žemaiten dagegen erst danach. Die küstennahen Žemaiten zogen den Akzent also früher zurück, alle anderen später. Als die Zeit gekommen war, in der sich der akutische Akzent in den vor dem Akzent stehenden Silben in einen zirkumflexischen verwandelte, waren die langen vorakzentuierten Silben der küstennahen Žemaiten bereits mit zurückgezogenem Akzent versehen und konnten deshalb ihren Akzentverlauf nicht mehr ändern, denn vereinheitlicht wurden nur die Akzentverläufe unbetonter Silben: In vorakzentuierten Silben wurde der zirkumflexische Akzent verallgemeinert, in nachakzentuierten der akutische, z. B.: kalnài, bet kálnus, vẽžėlės, bet vẽžgėlės (vgl. K. Būga LKŽ I XIX).
Dass der Akzent bei den dounininkischen Mundarten früher zurückgezogen wurde als bei den dūnininkischen, zeigt auch die stärkere Dehnung der Vokale und Diphthonge unter zurückgezogenem Akzent. Beispielsweise ist bei den zweisilbigen dūnininkischen Wörtern, deren beide Silben lang sind, der Akzentverlauf des zurückgezogenen Akzents mittel, und die Länge der Vokale und Diphthonge unterscheidet sich nicht von der Länge der unbetonten; so unterscheidet sich etwa in den Wörtern láukù ~ laukų, dǫntù ~ dantų die Länge der Diphthonge au, ǫn in den ersten Silben in keiner Weise von der Länge derselben Diphthonge in unbetonten Silben, z. B.: laukåms ~ laukåms, dǫntìms ~ dantìms; bei den dounininkischen Mundarten ist dagegen das erste Element der Diphthonge in diesem Fall halblang: lá.ukàm ~ laukų, dǫ.ntùm ~ dantų, bet laukåms ~ laukåms, dǫntìms ~ dantìms (Salantai).
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Page 8Auf der Grundlage der oben dargelegten Aussagen lässt sich schließen, dass die Akzentretraktion im Nordwesten der žemaitischen Mundarten begonnen hat und sich anschließend nach Süden ausbreitete. Diese Schlussfolgerung wird durch die folgenden Daten aus den žemaitischen Mundarten weiter gestützt:
1. Der zurückgezogene Akzent wird in den dounininkischen Mundarten kräftiger ausgesprochen als in den dūnininkischen.
2. Im Gebiet der dūnininkischen Mundarten wird der zurückgezogene Akzent von Norden nach Süden immer schwächer, bis er am südlichen Rand des Mundartgebiets ganz verschwimmt.
3. Die Endungsvokale der dounininkischen Mundarten, besonders der nördlichen, die den alten Akzent tragen, werden schwächer ausgesprochen als švdt, und der alte (Neben- bzw. End-)Akzent ist weniger deutlich hörbar, z. B.: gražǫs ~ gražūs, tǫ? ~ turiù (Salantai).
b) In den ostaukštaitischen Mundarten dürfte die Akzentretraktion wahrscheinlich zunächst im Einzugsgebiet der Mūša begonnen haben, da die alten kurzen und die alten akutischen Endungen hier bereits vollständig verschwunden sind (z. B.: sūns ~ sūnùs, ràs ~ rasà). Dies zeigt, dass die akutischen Endungen (und mit ihnen zugleich die alten kurzen Endungen) an diesem Ort zuerst schwächer wurden und verschwanden; der Akzent muss sich aus diesen Endungen auf weiter vom Wortende entfernte Silben zurückgezogen haben. Die von der Mūša nach Süden und Osten hin allmählich abnehmende Kürzung der Endungen (siehe Gtr 101) und die Akzentretraktion (siehe § 7) lassen sich als Hinweise darauf verstehen, wie sich diese Erscheinungen von einem Zentrum aus verbreiteten.
§ 10. Aus allem, was in § 9 gesagt wurde, lässt sich schließen, dass es zwei Ausgangszentren der Akzentretraktion gab: bei den Žemaiten im nordwestlichen Teil des dounininkischen Gebiets, bei den Aukštaiten im Einzugsgebiet der Mūša.
Wahrscheinlich berührten sich die Gebiete der Akzentretraktion bei den küstennahen Žemaiten und im Einzugsgebiet der Mūša (noch zu der Zeit, als diese Erscheinung gerade erst einsetzte) nicht. Erst später traf die Akzentretraktion der Žemaiten, die sich nach Osten ausbreitete, auf die nach Westen vordringende Welle der Akzentretraktion der Ostaukštaiten. Der Zwischenraum zwischen den beiden Gebieten der Akzentretraktion ist jedoch noch nicht vollständig geschlossen; diese Lücke zeigt sich deutlich in der Verengung des Gebiets der Zirkumflexretraktion im Raum Šiauliai (siehe § 3a).
Dass die Akzentretraktion bei Žemaiten und Aukštaiten unabhängig voneinander entstanden ist, zeigt auch, dass die Regeln der Akzentretraktion bei den Žemaiten und Aukštaiten unterschiedlich sind: 1. Die Žemaiten ziehen den Akzent stets auf die erste Silbe zurück, die Aukštaiten dagegen auf die zweite (mit wenigen Ausnahmen, siehe § 5). 2. Die Žemaiten haben bis heute auch Spuren des alten (End-)Akzents bewahrt (sáusà ~ sausà, mažà ~ mažà, vã-kã ~ vaikai); außerdem verteilen sie in mehrsilbigen Wörtern mit zurückgezogenem Akzent den Akzent auf alle Silben (blėzdž'n.gà ~ blezdingà) (siehe § 4). Spuren des Endakzents bei den Aukštaiten finden sich nur an den Rändern der bedingten und allgemeinen Akzentretraktion (tõli ~ toli, Dorf Bikūnai, Raj. Anykščiai; sākė ~ sakė, Dorf Stetiškiai, Raj. Panevėžys).
Demnach unterscheiden wir, je nach der unterschiedlichen Art der Akzentretraktion, die žemaitische und die aukštaitische Akzentretraktion (siehe auch Gtr 103, 104).
Die žemaitische und die hochlitauische Akzentretraktion sind im Gebiet der heutigen nordwestlichen und mittleren Hochlitauer (Šiupyliai—Joniškis) aufeinandergetroffen. Daher finden sich an diesem Ort Merkmale beider Akzentretraktionssysteme (des žemaitischen und des hochlitauischen), d. h. der Akzent wird in manchen Fällen auf zweierlei Weise zurückgezogen: sowohl auf die erste als auch auf die vorletzte Silbe, z. B.: àštuoni und aštuõni, nežinau und nežinau, mãitinu und maitinu, dàlinu und dalinù (Dorf Šimkūnai, Rajon Joniškis); pàbaiga und pabaigà (Dorf Eglynlaukis, Rajon Joniškis); außerdem verteilt sich der Akzent bisweilen auf mehrere Silben eines Wortes, bisweilen konzentriert er sich auf nur eine Silbe, z. B.: atèìn und ateìn ~ ateina, pàti || pàti~ pati (Šiu-
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Page 9pyliai, Rajon Šiauliai), dárbininkus ‖ dárbininkus (Dorf Šimkūnai, Rajon Joniškis), vgl. ferner A. Jonaitītė LKK II 109, 110. Im genannten Gebiet überwiegt jedoch das žemaitische und nicht das osthochlitauische Akzentretraktionssystem, obwohl wir auch in den Rajonen Akmenė und Kuršėnai, am Rand des žemaitischen Sprachgebiets, Merkmale des eingedrungenen hochlitauischen Akzentretraktionssystems finden. So kommt hier beispielsweise manchmal nur ein einziger zurückgezogener Akzent vor (ketųru ~ keturių, vėsuokė ~ visokie, Klykoliai); bisweilen wird der Akzent nur auf die vorletzte Silbe zurückgezogen, z. B.: palėkau ~ palikau, nebėmatau ~ nebematau (Klykoliai).
c) Das Alter der Akzentretraktion
§ 11. Der akutische Ton des zurückgezogenen Akzents auf der ersten Silbe bei den Küstenžemaiten zeigt, dass der Akzent dort zurückgezogen wurde, bevor sich die Tonverhältnisse der vortonigen Silben anglichen (siehe § 9). Dieser Umstand könnte zu der Annahme verleiten, dass die Akzentretraktion im žemaitischen Dialekt früher einsetzte und im hochlitauischen später (denn bei den Hochlitauern haben die zurückgezogenen Akzenttöne auf akutischen Silben nur den Zirkumflex (oder einen mittleren Ton); folglich wurde der Akzent nach dem Ausgleich der Tonverhältnisse der vortonigen Silben zurückgezogen). Es ist jedoch möglich, dass sich die Tonverhältnisse der vortonigen Silben bei den Žemaiten später anglichen, da sie die Töne insgesamt deutlicher (besser hörbar) bewahrt haben als die Hochlitauer, insbesondere die östlichen. Folglich könnte die in den žemaitischen und hochlitauischen Dialekten gleichzeitig einsetzende Akzentretraktion bei den Küstenžemaiten noch nicht zu Zirkumflexen umgewandelte akute Töne in vortonigen Silben vorgefunden haben, während die Tonverhältnisse der vortonigen Silben bei den Osthochlitauern (im Einzugsgebiet der Mūša) bereits angeglichen gewesen sein konnten. Daher muss die hochlitauische Akzentretraktion nicht jünger sein als die žemaitische.
§ 12. Zweifellos ist die Akzentretraktion jünger als die Kürzung akutischer Endungen. Solange die akutischen Endungen lang waren, konnte der Akzent schon deshalb nicht zurückgezogen werden, weil auch heute der Akzent nicht aus akutischen Endungen zurückgezogen wird (abgesehen von Fällen im äußersten Nordwesten des Akzentretraktionsgebiets, siehe § 3); der Prozess der Akzentretraktion hängt ja zudem mit dem Schwund der bereits gekürzten akutischen Endungen zusammen (siehe § 7). K. Būga hat anhand der Endungen slawischer Lehnwörter – Substantive des Neutrums – festgestellt, dass die akutischen Endungen im Litauischen um das 13. Jahrhundert gekürzt wurden (K. Būga LKŽ I XXX—XXXIV). Die Akzentretraktion muss etwas später eingesetzt haben.
§ 13. a) Im Lettischen wurden die Endungen, die den akutischen Endungen des Litauischen entsprechen, früher gekürzt als im Litauischen (K. Būga LKŽ I XXXIV). Nach J. Endzelynas’ Ansicht wurde der Akzent im Lettischen zunächst aus den kurzen Endungen zurückgezogen (siehe J. Endzelynas Gr 32—33). Folglich gab es auch im Lettischen einst nur eine gravische Akzentretraktion; später ging man natürlich allmählich zur vollständigen Akzentretraktion über, d. h. zur Festlegung des festen Akzents auf der ersten Silbe. Wenn der Prozess der Akzentretraktion im Lettischen so (oder ähnlich) verlief wie in den litauischen Mundarten, dann waren vermutlich auch seine Ursachen dieselben, nämlich die Kürzung der Endungen. Da sich die Endungen im Lettischen früher verkürzt hatten, muss dort auch die Akzentretraktion früher eingesetzt haben; die Festlegung des Akzents auf der ersten Silbe ist im Lettischen inzwischen abgeschlossen, obwohl es auch im Lettischen noch
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Page 10Nebenakzente gibt, die wahrscheinlich, wie auch im žemaitischen Dialekt, Spuren einer Akzentverschiebung vom Wortende zum Wortanfang sind (siehe § 30). Die Akzentretraktion, die als Ergebnis der Kürzung der Endungen das lettische Sprachgebiet erfasste (natürlich nicht überall gleichzeitig), muss sich auch auf das litauische Sprachgebiet ausgebreitet haben.
So lässt sich die Geschichte der Akzentretraktion in den östlichen baltischen Sprachen verstehen.
b) Dass die Akzentretraktion im Lettischen und in den nördlichen litauischen Mundarten gemeinsame Wurzeln hat, zeigt auch das gemeinsame, zusammenhängende und ununterbrochene Verbreitungsgebiet dieses Sprachphänomens. Manche meinen, dass der östliche Zipfel des litauischen Sprachgebiets entlang der lettischen Grenze keine Akzentretraktion aufweise, was es unmöglich mache, ihre Retraktion mit dem lettischen Akzent in Verbindung zu bringen (siehe APh IV 33). Tatsächlich gibt es jedoch auch im östlichen Zipfel des litauischen Sprachgebiets (Kamajai, Zarasai, Dusetos, Rimšė, Apsas) Akzentretraktion, wenn auch eine sehr schwache (siehe § 4 d). Die weitere Ausbreitung der Akzentretraktion in diesem Gebiet (Osthochlitauer und Ost-Dzuker) wurde vermutlich durch ein anderes phonetisches Phänomen aufgehalten – die Kürzung langer unbetonter Laute, die der Akzentretraktion zuvorgekommen sein dürfte: Der Akzent lässt sich schwerer auf gekürzte, d. h. schwächer ausgesprochene, vortonige Silben verlagern (vgl. § 8). In unserem Flussgebiet sind die langen unbetonten Vokale gekürzt, während die vom zurückgezogenen Akzent betonten Laute ungekürzt geblieben sind: dõvan ~ dovanà, giẽsme, ~ giesmẽ, aber dovančėla ~ dovanėlė, gedõt ~ giedóti (Pušalotas). In Biržai, wo der Akzent nicht aus langen Endungen zurückgezogen wird, sagt man viẽn ~ vienà, aber venõs ~ vienõs.
II. AKZENTVERLAGERUNG
1. Gesetze der Akzentverlagerung
§ 14. In den žemaitischen Mundarten, die den Akzent zurückverlagern, haben Wörter mit Haupt-Altakzent in bestimmten Fällen ebenfalls einen Nebenakzent, den man sekundären verlagerten Akzent nennt; er steht in nachtonigen Silben.
§ 15. Der sekundäre verlagerte Akzent tritt in folgenden Fällen auf:
1. In einer langen Silbe (die auf den Haupt-Altakzent folgt), z. B.: audė ~ audèi, brėzgėls ~ brizgelas ‘brizgìlas’, bùom ~ bùtų, bimbāls ~ bimbalas, dedžiojo ~ didžiojoje, ēržēls ~ erželas ‘eržìlas’, ēsēls ~ ėselas ‘asilas’, galvuožerses ~ galvoviršis ‘viršugalvis’, ēšlēi ~ išleja ‘išlieja’, kēpāls ~ kėpalas, lāpē ~ lapei, lādite ~ láidyti, lēpōnt ~ lipant, mōnì ~ manìe ‘man’, mēdie ~ mėdėje ‘medyje’, nuvažiuōnt ~ nuvažiuojant, vuobōls ~ obuolas ‘obuolys’, pāta-line ~ patalynė, parvažāēven ~ parvažiuojavę, ri'tioji ~ rytójuo, sēnēms ~ seniams, sūnū ~ sūnuo ‘sūnui’, sprāgēls ~ sprāgelas ‘spragìlas’, skrōždieles ~ skruzdėlės, šēršūnc ~ širšūnas, šōni ~ šūnie ‘šuniui’, trēzdesimtē ~ trisdešimti ‘trisdešimts’, vākārs ~ vakaras, vėžōnt ~ vežant, vīrāms ~ vyrams, vēršiū ~ veršiuo ‘veršiui’, vēštā ~ vištai, vėjēne ~ vėjėję ‘vėjyje’, viedārs ~ vėdaras, žōnsēnc ~ žąsinas, žing-dāms ~ žįsdamas.
Die angeführten Beispiele enthalten jeweils nur eine einzige lange Silbe, die auf den Haupt-Altakzent folgt. Wenn ein Wort nach dem Haupt-Altakzent mehrere lange
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Page 11Silben hat, tragen sie alle einen Nebenakzent, z. B.: bånduodãržie ~ bandódaržėję ‘bandodaržyje’, darbúodavomuos ~ darbuodavomós ‘darbuodavomės’, júodalksnes ~ júodalksnias, káustidavom ~ káustydavoma ‘kaustydavome’, mókytúojos ~ mokytojus ‘mokytojas’, pùšimpėlkė ~ Pušynpelkėje (ein sumpfiger Wald im Dorf Šiauduva, Bezirk Šilalė), si̇̀nuotãrpė ~ sienõtarpėje ‘sienotarpėje’, tórpdėrvùonės ~ tórpdirvonis ‘dirvonas, ant kurio mina, džiovina durpes’, žiópčiúodams ~ žiópčiodamas.
2. Auf a(e) < baltischen ã in Wörtern, die zusammengesetzt sind oder an die eine Postposition angefügt ist:
a) In den Formen des Nominativs Singular der pronominalen Adjektive, z. B.: bál-tãsės ~ báltasis, dūorãsės ~ dõrasis, gẽltuònãsės ~ geltonasis, gẽrãsės ~ gẽrasis, grẽitãsės ~ grẽitasis, káiltãsės ~ káltasis, krẽivãsės ~ krẽivasis, mãžãsės ~ mã-žasis, mẽnkãsės ~ mẽnkasis, sėnãsės ~ sėnasis, áiškãsės ~ áiškiasis, ãštrẽsės ~ ãštriasis, dáilẽsės ~ dailiasis, gẽlẽsės ~ giliasis, grãudẽsės ~ grãudžiasis, jáukẽ-sės ~ jáukiasis, línksmẽsės ~ línksmiasis (lìːn.k.smõs ~ linksmius ‘linksmas’, plã-tẽsės ~ plãčiasis, žõngẽsės ~ žãngiasis (žõː.n.gõs ~ žangus ‘kas sparčiai eina’), aukštẽsnẽsės ~ aukštẽsniasis, dẽdẽsnẽsės ~ didẽsnasis, gerẽsnẽsės ~ gerẽsnasis; naujẽlẽsnẽsės ~ naujẽlẽsnasis, plònẽlẽsnẽsės ~ plonilẽsnasis; aukščẽusẽsės ~ aukščiausiasis, gražẽusẽsės ~ gražiausiasis, jaunẽusẽsės ~ jauniausiasis, lengvẽudẽ-sės ~ lengviausiasis.
b) In reflexiven Verbformen der 3. Person, z. B.: áudãs ~ áudasi ‘audžiasi’, bãrãs ~ bãrasi, dẽrbãs ~ dirbasi, džáugãs ~ džiau̇gasi ‘džiaugiasi’; sùkãs ~ sukias ‘sukis’, nẽškẽs ~ nẽškias.
c) In den Verbalsuffixen -av-, -dav- (im Präteritum und im häufigkeitsbezeichnenden Präteritum), z. B.: júodava ~ júodavo, plūdùrava ~ plūdùravo, šùkava ~ šūkavo, úogava ~ úogavo; dainiúodava ~ dainiuodavo, švẽlpaudava ~ švilpaudavo, táuškindava ~ táuškindavo, vartýdava ~ vartydavo. Wenn auf das a dieses Suffixes eine lange Silbe folgt, trägt das a keinen Akzent; in diesem Fall hat die lange Endsilbe des Wortes den Nebenakzent, z. B.: šùkavóm ~ šúkavoma ‘šūkavome’, úogavóm ~ úo-gavoma ‘uogavome’, lìbdavìot ~ liepdavote.
In dem in § 2b beschriebenen Fall haben nicht alle žemaitischen Mundarten, die den Akzent zurückverlagern, einen verlagerten Akzent; in den nordwestlichen donininkai-Mundarten findet hier keine Akzentverlagerung statt.
§ 16. Der sekundäre verlagerte Akzent steht gewöhnlich auf kurzen Vokalen in langen Wörtern, meist in Zusammensetzungen, in denen nach dem Haupt-Altakzent noch drei oder mehr Silben folgen, z. B.: ėkẽtvẽrbãlės ~ eketvirbalis, pãkùpẽtė ~ pãkupetė ‘pakugė’, pãvãkãrė ~ pãvakare, sùrmaĩšẽlės ~ sùrmaišelis, òšpakã-lės ~ užpakalis (vgl. § 21c).
In diesem Fall ist der sekundäre verlagerte Akzent in der zweiten Silbe nach dem Haupt-Altakzent entstanden. Ist diese Silbe lang, so gibt es weder in der ersten noch in der dritten Silbe nach dem Haupt-Altakzent einen sekundären verlagerten Akzent, z. B.: pòžbaprùotės ~ pùsbėprotis.
§ 17. Wie aus allen angeführten Beispielen hervorgeht, steht der Hauptakzent (Altakzent) stets vor dem verlagerten Akzent (den verlagerten Akzenten). Steht der Hauptakzent (Altakzent) am Wortende, so hat ein solches Wort niemals einen verlagerten Akzent, z. B.: alsavãu ~ alsavau ‘kvėpavau’, prìvežẽms ~ prìvežimas.
§ 18. In einigen westaukštaitischen Mundarten gibt es ebenfalls einen Nebenakzent
127
Page 12Fälle, die an den sekundären, nach hinten verlagerten Akzent der Žemaiten erinnern, z. B.: užžvakar ~ užva- kar, párvažiāva ~ párvažiavo ‚fuhr vorbei‘ (Turbarkas); ähnliche Fälle eines sekundären Akzents führt auch Fr. Kuršaitis an, Gr 64, 65, z. B.: pérvaryti, péralkes, pér- gabénti.
2. Die Intonationen des nach hinten verlagerten Akzents
§ 19. In den Mundarten der Dūnininkai und der südlichen Donininkai (südlich von Priekulė) haben die mit nach hinten verlagertem Akzent betonten Silben stets eine gebrochene Intonation, ausgenommen einige Fälle, in denen eine kurze Intonation vorkommt; siehe Švdt § 7–8, 68.
§ 20. Die gebrochene Intonation des nach hinten verlagerten Akzents wird in den Mundarten der Dounininkai und der nördlichen Donininkai (nördlich von Priekulė) wie folgt ausgesprochen:
a) in jeder langen Endsilbe mit nach hinten verlagertem Akzent, z. B.: làpà ~ lapai, vìrà ~ vyrai; kìelė ~ kėlei, làukāu ~ laukiau; làkėnàu ~ lãkinau, làkėnuot ~ lãkinote, pàvàžā ~ pāvažai, gėrūjuo || gėrōjuo ~ gėruoju ‚dem Guten‘, gerėjė ~ gerėjai; vàkārs ~vãkaras, jōvāls ~ jōvalas, spràgėls ~ sprãgilas (Alsėdžiai, Seda, Telšiai...);
b) in ursprünglich akutierten Wurzeln (meistens, siehe § 21 b), z. B.: párkõštė ~ párkãsti, párpjāutė ~ párpiauti, párlāužtė ~ párlaužti (Kretinga; siehe J. Aleksandravičius, VVPI MD VIII 131, 132), pòžbrùolis ~ pūšbrolis (Grūšlaukė);
c) in ursprünglich zirkumflektierten Wurzeln, z. B.: nùtrėnkė ~ nùtrenkė: trefkė, nùšlàužė ~ nùšliaužė: šliaužė, kélvėitė ~ kélvietė: vietą (Kretinga), vgl. § 20 b;
d) in Suffixen mit ursprünglich akutierten langen Vokalen oder Diphthongen, z. B.: gáudėtė ~ gáudyti, jūdìntė ~ jūdinti, šāukūtė ~ šāukoti ‚rufen‘;
e) in Suffixen mit ursprünglich zirkumflektierten langen Vokalen und Diphthongen, z. B.: pašūtėlis ~ pasiūtėlis.
§ 21. In den Mundarten der Dounininkai und der nördlichen Donininkai (nördlich von Priekulė) werden die mit nach hinten verlagertem Akzent betonten Silben in folgenden Fällen mit einer gleichbleibenden Intonation ausgesprochen (siehe B. Rokaitė, LKK, IV, 144).
a) Ursprünglich zirkumflektierte Silben:
1. Wortwurzeln: àtvàrsla ~ ãtvarslai: verčia, vārto, pālàukis ~ pāliaukis: liaũkos, parsegōnda ~ pársigando: išsigāndo, pàgàikštis ~ pãgaikštis;
2. Suffixe: rùpūžė ~ rūpūžė: kepūžė ‚zottelige Mütze‘ (siehe LKŽD 390), sālontus ~ Sālantus: Šlavañtas (See im Rajon Prienai, siehe LKŽD 374), ōrkštinė~urkštinė;
3. Endungen: līgūoje ~ lýgiojo < ligjājā, līgōji ~ lýgįjį < ligjanjīn, līgūoje ~ lýgiąją < ligjanjān, līgūoses ~ lýgiosios < ligjāšjās (Plural, Gen.).
b) Ursprünglich akutierte Silben:
1. Wurzeln einzelner Wörter: pālōnge ~ pālangė: lāngas, pālūpis ~ pālūpis: lūpa, pāmùosis ~ pānosis: nōsis, pòspūrė ~ pūspūrė: pūras, pašūostė ~ pāšostė: sōstas;
2. einzelne Endungen: dérbontējē ~ die Arbeitenden, vgl. verptējē ~ die Spinnenden (Kretinga, siehe J. Aleksandravičius VVPI MD VIII 138, 139);
3. einzelne Suffixe: peìškūne ~ Paeškūnė (Dorf im Rajon Skuodas): Eiškūnas (Fluss im Rajon Skuodas).
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Page 13c) Silben, die aus den Vokalen a, e, ė, o < a, e, i, u bestehen:
1. der Vokal a < ã: mažàsis ~ mažasis, pérmãsis ~ pirmasis, padėrptãsis ~ padirbtasis; dùksãva ~ dùksavo, mãinekãva ~ mãinikavo, ãpnãris ~ ãpnasris ‘Leitseil’, ekė̇tverbalìs ~ ekėtvirbalis, pãrsãkė ~ pársakė ‘redete weiter’, pãvãkãrė ~ pãvakare, ǒšpãkãlis ~ užpakalis;
2. der Vokal e < ã: dèrbonėtės ~ dirbančiasis (Kretinga, siehe J. Aleksandravičius VVPI MD VIII 138);
3. der Vokal e < ė: pàoudėgė ~ pàuodėgė, pòsėsėrė ~ pusseserė, sùrmãisėlis ~ sùrmaisėlis;
4. der Vokal e < i: dėdervėnė ~ dėdervinė, šòlėnė ~ šulinė; jọdėna ~ judino, lākėna ~ lā kino, párėlėje ~ páriljo ‘wurde überschwemmt’, vgl. auch § 23.
5. der Vokal o < u: ãpōšė ~ ãpūšė.
6. Im Donininker Dialekt werden die Vokale a, e, ę, o, wenn sie mit zurückgezogenem Akzent betont sind, besonders weiter südlich mit einer Kurzintonation ausgesprochen, z. B.: karūmėnė~karūmenė, vėšvanāges~vištvanagis (Priekulė), vgl. § 16, 19, aber: párėlėje~páriljo, kėmpėnė~kėmpinė (Budrikai, Rajon Klaipėda).
§ 22. a) Die Intonation ursprünglich akutierter Silben kann sich in den Dounininker Dialekten in vielen Fällen infolge von Metatonie oder Analogie in eine Zirkumflexintonation verändert haben (§ 21 b).
b) Silben mit Zirkumflexintonation und zurückgezogenem Akzent können nur in nichtfinalen Silben vorkommen; die Intonation finaler langer, mit zurückgezogenem Akzent betonter Silben ist bei allen Žemaiten, die den zurückgezogenen Akzent haben, stets gebrochen, auch wenn die Silbe von Natur aus zirkumflektiert ist, z. B.: lápą ~ lápai, vīrā ~ vīrai; gėrōjūō ~ gėruoju ‘dem Guten’ (Alsėdžiai). Offenbar ist der zurückgezogene Akzent der Endsilbe etwas später entstanden, nachdem sich die Intonationen der nachbetonten Silben bereits angeglichen hatten, sofern es sich dabei nicht um eine Folge der Analogie handelt.
3. Geschichte der Akzentverschiebung
a) Ursachen der Akzentverschiebung
§ 23. Der verschobene Akzent ist in den žemaitischen Mundarten offenbar aus mehreren Gründen entstanden.
a) Die Akzentverschiebung hängt zweifellos mit der Akzentretraktion zusammen. Als infolge der Akzentretraktion vor dem Akzent stehende Silben betont wurden, d. h. die Aussprache der präakzentuierten Silben verstärkt wurde, begann man analog dazu auch die postakzentuierten Silben stärker auszusprechen; sie erhielten also einen verschobenen Akzent. Dass die Entstehung des verschobenen Akzents mit der Entstehung der Akzentretraktion zusammenhängt, zeigen die nahezu vollständige Übereinstimmung der Verbreitungsgebiete von Akzentretraktion und Akzentverschiebung (siehe § 14) sowie der gleiche Entstehungszeitpunkt (siehe § 27–29).
b) Die zweite Ursache für die Entstehung des verschobenen Akzents ist wahrscheinlich dieselbe wie bei der Akzentretraktion – die Kürzung des Wortauslauts. In den žemaitischen Mundarten wirkte ein Gesetz des Ausgleichs von Stärke und Länge bei der Aussprache von Vokalen und Diphthongen: Wenn die Endung kürzer wurde, verstärkte sich die Aussprache der vorausgehenden (weiter vom Wortende entfernten) Vokale oder Diphthonge, d. h. sie erhielten den Akzent und wurden dadurch länger, z. B.: pãvakãrė <*pàvakãrė, òšpãkãlis <*ùžpakãlis, būdāva <*būdāva. In den Formen būdavom ~ būdavome, būdavot ~ būdavote ist der Vokal a in der Silbe -da- jedoch nicht mehr
9. Kalbotyros klausimai, IV
129
Page 14verlängert, da in diesem Fall die kompensatorische Verstärkung auf die lange vorletzte Silbe übergegangen ist, die durch die Kürzung des Wortauslauts zur Endsilbe geworden ist.
§ 24. Die Bedeutung der Kürzung der Endung für die Entstehung des verschobenen Akzents wird deutlich durch die Deklinations- und Konjugationsparadigmen (siehe B. Rokaitė LKK IV 145), in denen beispielsweise die Formen låkėno ∼ låkino < *lakinóo, låkini < *lakinė keinen verschobenen Akzent haben, während låkėna ∼ låkino < *lakinā bereits einen verschobenen Akzent haben. Das ist verständlich, denn die akutischen Endungen müssen sich vor der Akzentretraktion gekürzt haben (siehe § 12), während die Akzentverschiebung etwas später als die Akzentretraktion erfolgt sein muss. Somit konnte die Kürzung (nicht der Schwund) der akutischen Endungen für die Entstehung des verschobenen Akzents keine Bedeutung haben; der verschobene Akzent hängt offenbar mit dem Wandel, der Kürzung der zirkumflexen Endungen zusammen. Das erklärt, warum von den genannten Formen nur jene den verschobenen Akzent hat, die ursprünglich einen zirkumflexen Vokal im Auslaut hatte. Vgl. auch die Akzentuierung der Substantivparadigmen (Beispiele aus Grušlaukė):
Singular
Nom. šõlėnė ∼ šūlinė pɔ̀seserė ∼ pusseserė Gen. šõlėnės ∼ šūlinės pɔ̀seserės ∼ pusseserės Dat. šõlėnė ∼ šūlinei pɔ̀seserė ∼ pusseserei Akk. šõlėnę ∼ šūlinę pɔ̀seserę ∼ pusseserę Instr. šõlene ∼ šūline pɔ̀seserė ∼ pussesere Lok. šõlėnie ∼ šūlinėje pãvakārė ∼ pãvakarėje
Plural
V. schõlėnės ∼ šūlinės pɔ̀seserės ∼ pusseserės K. schõlėnų ∼ šūlinių pɔ̀sesėrų ∼ pusseserių N. schõlėnėms ∼ šūlinėms pɔ̀sesėrėms ∼ pusseserėms G. schõlėnes ∼ šūlines pɔ̀seseres ∼ pusseseres Įn. schõlėnėms ∼ šūlinėmis pɔ̀sesėrėms ∼ pusseserėmis Vt. schõlėnės ∼ šūlinėse
§ 25. Den Einfluss der Verkürzung der Endung auf das Entstehen des zurückgezogenen Akzents zeigt auch die stärkere Aussprache des zurückgezogenen Akzents auf der letzten Silbe, wenn ein Wort mehrere zurückgezogene Akzente hat, z. B.: vålkūotīs ∼ valkioties <*valkiotiesi, pūoãukštė ∼ poaukščiai (vgl. Švdt, § 30, 68 b). Das ist auch verständlich: Die letzte Silbe der Mundart übernahm die Stärke von den Lauten am Wortende, die verkürzt (reduziert) wurden oder verschwunden sind.
Übrigens zeigt sich der kompensatorische Vokallängenzuwachs am deutlichsten bei a, e < ai, ei: Beim Schwund des zweiten Diphthongbestandteils wurde der erste gedehnt, wie im literarischen Sprachgebrauch bei ą, ę, į, ų < an, en, in, un, wo wir ebenfalls einen kompensatorischen Längenzuwachs haben. Die längere Aussprache der Vokale a, e < ai, ei im Vergleich zu anderen Lauten hat bereits K. Jaunius bemerkt, vgl. Pocc роб 24. Da diese Diphthonge in den žemaitischen Mundarten am Wortende monophthongiert sind, wo sie recht häufig vorkommen, könnte dies auch die Entstehung des zurückgezogenen Akzents in den Endsilben erheblich beeinflusst haben. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass ein aus einem Diphthong hervorgegangener Vokal in der žemaitischen Mundart nicht nur dazu neigt, die ursprüngliche (diphthongische) Länge zu bewahren, sondern auch die gesamte Artikulationsstärke des Diphthongs in sich zu konzentrieren. Auf diese Weise entsteht ein Nebenakzent auf der nachtonigen Silbe.
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Page 15§ 26. Der zurückgezogene Akzent auf den mittleren Silben eines Wortes muss analog zum sekundären zurückgezogenen Akzent entstanden sein. Das zeigt sich besonders deutlich daran, dass in der dounininkischen Mundart (teilweise auch in den Randgebieten der nördlichen dūnininkai) auch kurze Silben einen zurückgezogenen Akzent (einen schwachen) tragen, wenn sie zwischen einer Silbe mit dem Haupt- und ursprünglichen Akzent und einer langen Silbe mit sekundärem, zurückgezogenem Akzent stehen, z. B.: pãvažã ~ pãvažai, ašarã ~ ašarai, ãtnėšė ~ ãtnėšei, pãrvėžė ~ pãrvėžei ‚du hast hinübergebracht‘ (Grūšlaukė), ferner vgl. B. Rokaitė LKK IV 143.
Dass der zurückgezogene Akzent kein bewahrter ursprünglicher Akzent ist, etwa in Zusammensetzungen oder präfigierten Wörtern, zeigt sich daran, dass er in solchen Wortsilben entstanden ist, die früher keinen Akzent hatten, z. B.: pãvakare ~ pãvakarė, plãutkėpenės ~ plãutkepenės, pùseserė ~ pùsseserė, pãbudėgė ~ pãuodėgė.
In allen Fällen ist der zurückgezogene Akzent auf den kurzen Vokalen a, e, ė, o auf der vorletzten Silbe entstanden; dies bestätigt die Auffassung, dass die Verkürzung oder der Schwund der letzten Silbe (der Endvokale und Diphthonge) die Verstärkung der vorletzten Silbe, d. h. das Entstehen des zurückgezogenen Akzents, bewirkt hat; vgl. § 23.
b) Das Alter der Akzentretraktion
§ 27. In den dūnininkischen Mundarten werden Silben mit zurückgezogenem Akzent stets mit stoßender Intonation ausgesprochen, z. B.: ląpã ~ ląpai, pỹlė ~ pỹlei, gẽrasės ~ gẽrasis, jùkās ~ juõkasi ‚lacht‘ (vgl. Švdt, § 6–9, 68). In den dounininkischen und nördlichen donininkischen Mundarten haben Silben mit zurückgezogenem Akzent zwei mögliche Intonationen — stoßend oder schleifend, z. B.:
a) vìrūo ~ výruo ‚dem Mann‘, párbėktę ~ párbėgti ‚hinüberlaufen‘, vãsarã ~ vãsarai;
b) párlėke ~ párlėkė ‚hinüberflog‘ (Kretinga), Pãlėiknis ~ Pãlieknis (Ortsname im Amtsbezirk Endriejavas, Rajon Rietavas).
Aus den Beispielen ist ersichtlich, dass die Intonation des zurückgezogenen Akzents in der dounininkischen Mundart von der ursprünglichen Intonation der Silbe abhängt. War die Intonation der Silbe mit zurückgezogenem Akzent ursprünglich akut, so ist sie häufig auch heute noch so erhalten (in der Mundart stoßend); vgl. párbėktę ~ párbėgti und bėktę ~ bėkti. War sie ursprünglich zirkumflektiert, so blieb sie zirkumflektiert (in der Mundart schleifend); vgl. párėte ~ párėiti, párkėrštę ~ párkirsti, párlėkte ~ párlėkti und lėkte ~ lėkti (Kretinga; vgl. J. Aleksandravičius VVPI MD VIII 131, 132), ferner § 19.
Auch nachtonige lange Endungen haben die ursprünglichen Intonationen bewahrt, sofern sie nicht in der letzten Silbe stehen, z. B.: bãltõje ~ bãltojo, bãltõjų ~ bãltãjų, bãltõ-sės ~ bãltosios (Grūšlaukė), vgl. § 21 a.
Doch gibt es auch in der dounininkischen Mundart zahlreiche Fälle, in denen Silben mit zurückgezogenem Akzent statt der ursprünglichen zirkumflektierten Intonation eine stoßende Intonation aufweisen, z. B.: párlėke ~ párlėke, aber pràlėke ~ pràlėke, nãsvėka ~ nẽsveika (Kretinga; vgl. J. Aleksandravičius VVPI MD VIII 131, 132, ferner § 20 a). Möglicherweise ist die stoßende Intonation anstelle der ursprünglichen zirkumflektierten durch Analogie entstanden; in einzelnen Fällen könnte auch der zurückgezogene Akzent selbst jüngeren Datums sein.
Der zurückgezogene Akzent und die stoßende Intonation auf den letzten Wortsilben (in allen Fällen, vgl. § 21 b) sind offenbar jüngeren Datums. Ihr Ursprung hängt wahrscheinlich mit anderen langen-
131
Page 16… vom zurückgezogenen Akzent in nachtonigen Silben sowie auch von der Akzentretraktion (siehe § 22 a) und der Monophthongierung auslautender Diphthonge (siehe § 24).
Somit ist der nach hinten verlagerte Akzent (wie auch der zurückgezogene, siehe § 9 a) in den Dounininker- und nördlichen Donininker-Mundarten bereits zu einer Zeit entstanden, als die Intonationen der nachtonigen Silben noch unterschieden wurden und noch nicht ausgeglichen waren. Die Intonation der nachtonigen Silbe, die den Akzent erhalten hatte, konnte sich nicht mehr verändern, da sich im Litauischen nur die Intonationen unbetonter Silben ausglichen. In den Dünininker-Mundarten dürfte der nach hinten verlagerte Akzent später entstanden sein – nach dem Ausgleich der Intonationen der nachtonigen Silben, als bereits alle langen nachtonigen Silben einen stoßenden Akzent hatten; daher ist verständlich, dass die nachtonige Silbe nach Erhalt des nach hinten verlagerten Akzents den stoßenden (gebrochenen) Akzent beibehalten musste.
§ 28. Die Verschiedenheit der Intonationen des nach hinten verlagerten Akzents in den Dounininker- und Dünininker-Mundarten zeigt, dass die Akzentverlagerung im nördlichen Teil der žemaitischen Mundarten früher begann, im südlichen Teil dagegen später. Da auch die Akzentretraktion im nördlichen Teil früher begonnen haben dürfte (darauf weisen ebenfalls die Intonationen des zurückgezogenen Akzents, d. h. der vorakzentuierten Silben hin, siehe § 20 a), ist anzunehmen, dass Akzentretraktion und Akzentverlagerung parallel verliefen. Wenn man die Akzentverlagerung jedoch als Vorgang versteht, der (zumindest teilweise) infolge der Akzentretraktion entstand (siehe § 23 a), muss sie der Akzentretraktion gefolgt sein, also etwas später eingesetzt haben.
§ 29. a) Es ist anzunehmen, dass der nach hinten verlagerte Akzent ebenso wie der zurückgezogene zunächst in Wörtern entstanden ist, deren kurze Silben den ursprünglichen Hauptakzent trugen. Darauf weist die Tatsache hin, dass der Nebenakzent in der nach hinten verlagerten Position in diesem Fall stärker ist und die betreffenden Vokale und Diphthonge stärker gedehnt sind als in Wörtern, in denen der ursprüngliche Akzent auf langen Silben liegt, z. B.: lėpàm ~ lipama ‘wir steigen hinauf’, dėdėsės ~ didžiasis, rėzdàms ~ rįsdamas; dagegen nèšõnì ~ nešant ‘tragend’, áugàm ~ augama ‘wir wachsen’, dūobėls ~ dóbilas (Dünininker), vgl. § 21.
b) Dounininker und Donininker sprechen Wörter mit Nebenakzent in nach hinten verlagerter Position, in denen der ursprüngliche Akzent auf a, e liegt, folgendermaßen aus: nàktėi ~ nãktie ‘für die Nacht’, vẽstėis ~ vėstis (Kretinga), làpà ~ lãpai, žẽmė ~ žẽmei (Normantai, Landkreis Klaipėda); bei den Dünininkern werden dieselben Wörter nãkti ~ nãktie, vẽstis ~ vėsties ausgesprochen (Laukuva). Demnach sind die von Dounininkern hier mit ursprünglichem Hauptakzent gesprochenen a und e kurz, bei den Dünininkern dagegen lang. Darauf gestützt lässt sich annehmen, dass der Nebenakzent in nach hinten verlagerter Position bei den Dounininkern noch vor der Dehnung der kurzen betonten a und e entstanden ist. Der durch die Entstehung des Nebenakzents geschwächte ursprüngliche Hauptakzent konnte diese Vokale nicht mehr dehnen. Bei den Dünininkern dürfte der Nebenakzent in nach hinten verlagerter Position erst nach der Dehnung von a und e entstanden sein.
c) Die Vokale ė, o (~ i, u) sind sowohl bei den Dounininkern als auch bei den Dünininkern unter ursprünglichem Hauptakzent gedehnt worden (z. B.: kė.ta ~ kitą, šò.va ~ siūvo); in Wörtern mit Nebenakzent in nach hinten verlagerter Position sind diese Vokale jedoch kurz geblieben (z. B. bei den Dünininkern stėprė ~ stipriai, sòkrė ~ sūkriai; Kretinga: lėpàm ~ lipama ‘wir steigen hinauf’, bòvòm ~ būvoma ‘wir waren’). Somit dürfte der Nebenakzent in nach hinten verlagerter Position sowohl bei den Dounininkern als auch bei den Dünininkern vor der Dehnung von ė, o entstanden sein (vgl. § 22a).
§ 30. Auch das Lettische besitzt einen Nebenakzent, der dem Nebenakzent in nach hinten verlagerter und dem Nebenakzent in zurückgezogener Position in den žemaitischen Mundarten in vielerlei Hinsicht ähnelt. Die unter dem Nebenakzent des Lettischen stehenden Silben haben, wie auch in den žemaitischen Mundarten, in vielen Fällen die alte Intonation bewahrt, z. B.: dẽrības:
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Page 17derýbos, ciemĩns: kaimýnas, vasarãjis: vasarójas, vãcietis: vókietis, zinãms: žìno-mas, žinóti, aklė̃: aklėjì, aklùos: aklúosius (siehe J. Endzelīns Gr. 41 ff.), doch sind im Lettischen offenbar systembedingt sowohl der Nebenakzent als auch seine Intonationen meist ausgeglichen worden (siehe J. Endzelīns Gr. 32, 33). Somit sind die bewahrten alten Intonationen des Nebenakzents im Lettischen und in den žemaitischen Mundarten ein weiterer Beleg dafür, dass der Akzent der ersten Silbe sowohl im Lettischen als auch in den nördlichen litauischen Mundarten auf dieselbe Weise entstanden sein dürfte. Außerdem deutet die stärkere Festigung des Nebenakzentsystems (einschließlich der Intonationen) im Lettischen darauf hin, dass das heutige Akzentsystem des Lettischen älter ist als das der nördlichen litauischen Mundarten. Dies stützt zusätzlich die Annahme, dass die Welle der Akzentretraktion (und daneben auch der Akzentverlagerung) als Ergebnis der Kürzung stoßender (und fallender) Endungen (der langen lettischen Endungen) aus dem lettischen Sprachgebiet in die nördlichen litauischen Mundarten hineingelangte. Offenbar waren die Kontakte der alten žemaitischen Mundarten und der Mundarten des Mūša-Flussgebiets mit den lettischen Mundarten stärker als andernorts; daher konnten sich hier leichter die ersten Zentren der Akzentretraktion im litauischen Sprachgebiet herausbilden.
Abkürzungen
APh — Archivum Philologicum, Kaunas, 1930—1938.
K. Būga LKŽ — K. Būga, Lietuvių kalbos žodynas, I sąsiuvinis, Kaunas, 1924.
K. Būga RR — K. Būga, Ausgewählte Schriften, I, zusammengestellt von Z. Zinkevičius, redigiert von V. Mažiulis, Vilnius, 1958; II, zusammengestellt von Z. Zinkevičius, Vilnius, 1959.
J. Endzelynas GF — J. Endzelynas, Baltų kalbų garsai ir formos, Vilnius, 1957.
J. Endzelynas Gr — J. Endzelīns, Latviešu valodas gramatika, Rīgā, 1951.
Gtr — Vl. Grinaveckis, Die Kürzung der Endungen in den litauischen Mundarten. — „Wissenschaftliche Arbeiten des Staatlichen Pädagogischen Instituts Vilnius. Litauische Sprache und Literatur“, VIII, 97—105, Vilnius, 1959.
K. Jaunius — Rossener Mundart — Dialektologische Besonderheiten der litauischen Sprache im Kreis Raseiniai (von K. Jaunius). — K. Gukovskij, Beschreibung des Kreises Raseiniai, S. 20—25, Kaunas, 1893.
Kirtis — V. Grinaveckis, Der Wortakzent der nordwestlichen dūnininkai-Mundarten. — „Fragen der litauischen Sprachwissenschaft“, I, 109—118, Vilnius, 1957.
F. Kuršaitis Gr — Grammatik der litauischen Sprache von Dr. Friedrich Kurschat, Halle, 1876.
LKK — Fragen der litauischen Sprachwissenschaft, I, 1957; II, 1959; III, 1960.
LKŽD — Pr. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba, Vilnius, 1941.
MADA — Arbeiten der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR. Reihe A.
švdt — nordwestliche dūnininkai-Mundarten.
Švdt — Vl. Grinaveckis, Phonetische Besonderheiten der nordwestlichen dūnininkai-Mundarten und ihre Entwicklung. — „Wissenschaftliche Arbeiten des Staatlichen Pädagogischen Instituts Vilnius“, XI, 41—118, Vilnius, 1960.
VVPI MD — Wissenschaftliche Arbeiten des Staatlichen Pädagogischen Instituts Vilnius.
Orte, aus denen das Material stammt, sowie die Informanten und Aufzeichner des Materials
Alsėdžiai, Rajon Plungė, 19581— G. Sėlenytė.
Dorf Bikūnai, Rajon Anykščiai, 1960—O Žakytė.
1 Die Zahl neben dem Ortsnamen gibt das Datum an, an dem das Material aufgezeichnet oder mitgeteilt wurde. Die im Artikel angeführten Beispiele aus den Orten, die in dieser Liste nicht erwähnt werden, wurden vom Verfasser des Artikels selbst vor Ort aufgezeichnet.
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Page 18Dorf Čeniškiai, Rajon Biržai, 1958 — V. Drevinskaitė.
Dorf Eglynlaukis, Rajon Joniškis, 1960 — A. Lauciūtė.
Endriejavas, Rajon Rietavas, 1956 — E. Martinkutė.
Grūslaukė, Rajon Kretinga, 1960 — A. Vaitkutė.
Ylakiai, Rajon Seda, 1958 — E. Malukaitė.
Dorf Jokampolė, Rajon Kelmė, 1960 — N. Tamutytė.
Kamajai, Rajon Rokiškis, 1955 — D. Gargasaítė.
Dorf Karalinava, Rajon Molėtai, 1958 — A. Pivoras.
Kartena, Rajon Kretinga, 1959 — E. Tamošaitytė.
Dorf Kulai I, Rajon Skuodas, 1960 — I. Žutaitė.
Pušalotas (Dorf Dikoniai), Rajon Joniškėlis, 1955 — O. Sučvaitė.
Dorf Saulėtekis, Rajon Vilkija, 1959 — G. Mozurkaitė.
Seda, 1958, 1959 — R. Mickevičiūtė, V. Majausskaitė.
Dorf Skliaustės, Kreis Seda, 1958 — D. Jonikaitė.
Dorf Stetiškiai, Kreis Panevėžys, 1959 — M. Taruškaitė.
Dorf Suginčiai, Kreis Molėtai, 1959 — A. Sugintaitė.
Dorf Šakiai, Kreis Molėtai, 1958 — E. Lukošiūnaitė.
Dorf Šimkūnai, Kreis Joniškis, 1958 — O. Riniūtė.
Šiupyliai (Dorf Norvaišiai), Kreis Šiauliai, 1955 — Alb. Vaitkutė.
Tyruliai, Kreis Radviliškis, 1960 — V. Galinauskaitė.
Dorf Uniūnai, Kreis Linkuva, 1959 — S. Dauparaitė.
Židikai, Kreis Seda, 1959 — B. Malukaitė.
II
Das Material aus verschiedenen Orten des Kreises Kelmė (Adomaičiai, Kiaunoriai, Kražiai, Kušleikiai, Pakražantis, Salopelkis, Tytuvėnai u. a.) wurde 1959 bei einer dialektologischen Expedition des Staatlichen Pädagogischen Instituts Vilnius aufgezeichnet, die von den Oberdozenten J. Aleksandravičius und V. Grinaveckis geleitet wurde und an der 20 Studierende teilnahmen (B. Rokaitė, Ž. Urbavičiūtė, E. Tamošaitytė, I. Ermanytė, P. Katinaite, J. Keliolytė, A. Stunžėnaitė u. a.). Das Material aus dem Kreis Akmenė (Klykoliai, Papilė, Viekšniai) wurde ebenfalls 1959 bei einer dialektologischen Expedition des VPI gesammelt, an der neben dem Autor dieses Artikels auch B. Rokaitė, E. Martinkutė, I. Ermanytė, J. Ilkevičiūtė, A. Verbickaitė, P. Katinaite u. a. teilnahmen.
BETONUNGSRETRAKTION UND -VERLAGERUNG IN DEN MUNDARTEN DER LITAUISCHEN SPRACHE
В. З. ГРИНАВЕЦКИС
Zusammenfassung
1. Betonungsretraktion
Die Betonungsretraktion vom Wortende zum Wortanfang erfasst das gesamte nördliche und nordwestliche Gebiet der litauischen Sprache. Doch sind die Regeln der Betonungsretraktion nicht überall in diesem Gebiet gleich. Im äußersten Norden, nahe der lettischen Grenze, verlagert sich die Betonung an einigen Orten (Akmenė, Joniškis, Žeimelis) vom Wortende stets auf die Anfangssilben, d. h. aus einer kurzen Endung, z. B.: vien~vieną ‚eine‘, aus einer langen zirkumflektierten Endung, z. B.: laukė~laukai ‚Felder‘, und aus einer langen akzentuierten Endung, z. B.: vaikam~vaikám ‚Kindern‘. Eine solche
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Page 19Betonungsretraktion dieser Art findet sich im nordwestlichen Teil des litauischen Sprachgebiets und in der Umgebung der Stadt Klaipėda. Südöstlich des genannten Gebiets verlagert sich die Betonung nur aus einer kurzen (sowie ursprünglich akzentuierten) und einer zirkumflektierten Endung auf die Anfangssilben. Dies ist das Gesetz der Retraktion der gravis-zirkumflektierten Betonung. Die südöstliche Grenze der Verbreitung dieses Gesetzes verläuft von der Küste des Kurischen Haffs, von der Stelle, an der der Fluss Minija mündet, ungefähr durch folgende Orte: Žemaičių Naumiestis, Pajūris, Upyna, Vaiguva, Kurtuvėnai, Kužiai, Šiauliai (nördlich davon), Radviliškis, Baisogala, Upytė, Panevėžys (südöstlich davon), Vabalninkas; westlich der Stadt Biržai erreicht sie die lettische Grenze. Südlich und östlich der genannten Linie wird die Betonung nur aus einer kurzen (und ursprünglich akzentuierten) Endung zurückgezogen, doch erfolgt diese Retraktion bisweilen auch auf die zweitletzte Silbe. In der Umgebung der Stadt Šiauliai und südlich davon (Pakaišė, Kiaunoriai, Kelmė, Kražiai, Pakražantis, Tytuvėnai, Šiluva) sowie bei der Stadt Biržai wird die Betonung aus einer kurzen Endung stets zurückgezogen, z. B.: saũsa šakà~sausa šakà ‚trockener Zweig‘ (Kelmė), saũs šak ‚ebenso‘ (Biržai). Im gesamten übrigen Gebiet, in dem das Gesetz der Betonungsretraktion aus kurzen Endungen gilt, wird die Betonung nur dann zurückgezogen, wenn die vorletzte Silbe lang ist, z. B.: saũsa ‚trocken‘, aber šakà ‚Zweig‘ (Viduklė, Čekiškė, Jonava, Ukmergė...). Die südöstliche Grenze der Betonungsretraktion aus kurzen Endungen verläuft ungefähr durch folgende Orte: Upyna, Nemakščiai, Viduklė, Šimkaičiai, Ariogala, Čekiškė, Kulva, Gelvonai, Giedraičiai, Molėtai, Leliūnai, Vyžuonos, Svėdasai, Kamajai, Kriaunos.
In den žemaitischen Mundarten verteilt sich bei der Betonungsretraktion die Stimmstärke auf alle Silben des Wortes, z. B.: dẽinā~dienà ‚Tag‘, vakãrė~vakarė ‚am Abend‘. Dieselbe Verteilung der Betonung auf alle Silben findet sich auch in den an die žemaitischen angrenzenden aukštaitischen Mundarten sowie an den Orten, an denen die Grenze der Retraktion der akzentuierten und der akzentuiert-zirkumflektierten Betonung verläuft. Betonungsreste am Wortende bei der Retraktion der Betonung zum Wortanfang zeugen davon, dass sich die Betonung schrittweise vom Wortende zum Wortanfang verlagert.
In den žemaitischen Mundarten wird die Betonung auf die erste Silbe zurückgezogen, in den aukštaitischen dagegen auf die vorletzte (mit geringfügigen Abweichungen).
Einer der wichtigsten Faktoren, die zum Verschwinden der Betonung am Wortende geführt haben, ist die Reduktion der alten stark anlautenden Endungen, z. B.: *sausã>sausà>sūsà (in den žemaitischen Mundarten) >saũs (im Einzugsgebiet des Flusses Mūša). Daher ist es verständlich, dass das Verschwinden der Betonung am Wortende bei kurzen (und ursprünglich akzentuierten) Endungen einsetzte. Am frühesten begann die Betonungsretraktion im Nordwesten der žemaitischen Mundarten und im Einzugsgebiet des Flusses Mūša in den aukštaitischen Mundarten; von dort breitete sie sich auf das übrige heutige Verbreitungsgebiet der Betonungsretraktion aus. Somit hatte die Betonungsretraktion ursprünglich zwei Zentren (den Nordwesten der žemaitischen Mundarten und das Einzugsgebiet des Flusses Mūša), die offenbar nicht miteinander in Berührung kamen; erst später schlossen sich die Verbreitungsgebiete der žemaitischen und der aukštaitischen Betonungsretraktion aneinander an.
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Page 20Die Retraktion des Akzents konnte erst nach der Kürzung der alten akutischen Endungen auftreten, d. h. nach dem 13. Jahrhundert. Im Lettischen wurden die akutischen Endungen früher gekürzt als im Litauischen. Nach der Ansicht von J. Endzelīns wurde der Akzent im Lettischen zunächst in jenen Wörtern vom Ende auf den Anfang zurückgezogen, deren Endungen kurz oder ihrer Herkunft nach akutisch waren (siehe Gr. 33—32). Daraus folgt, dass auch das Lettische einst nur eine Retraktion des Gravisakzents kannte und dass sich erst im weiteren Verlauf seiner Entwicklung (durch allmähliche analoge Verallgemeinerung, wie auch in den Mundarten des Litauischen) im Lettischen ein echtes Akzentsystem herausbildete, d. h. ein beständiger Akzent auf der ersten Silbe. Wenn der Prozess der Retraktion des Akzents auf die erste Silbe im Lettischen und in den litauischen Mundarten derselbe war, müssen auch die Ursachen der Retraktion dieselben gewesen sein – die Reduktion der akutischen Endungen (im Lettischen aller langen Endungen). Da die langen Endungen im Lettischen früher gekürzt wurden, muss auch die Retraktion des Akzents früher erfolgt sein als in den litauischen Mundarten. Und da keine sprachliche Erscheinung auf dem gesamten Sprachgebiet gleichzeitig auftritt, sondern sich von einem oder mehreren Zentren aus verbreitet, kam die Welle der Akzentretraktion als Folge der Reduktion der Endungen zweifellos aus Lettland in den Nordwesten und Norden der litauischen Mundarten und erfasste später ein größeres Gebiet. Die oben genannten alten Zentren der Entstehung der Akzentretraktion im litauischen Sprachgebiet hatten zu jener Zeit offenbar engere Kontakte mit den alten lettischen Mundarten.
2. Akzentverlagerung
Für die žemaitischen Mundarten ist neben dem zurückgezogenen auch der verlagerte Akzent charakteristisch, d. h. ein Akzent, der in nachtonigen Silben entstanden ist, z. B.: kàtė~kàtei ‚der Katze‘. Mit verlagertem Akzent werden alle langen (manchmal auch kurzen) nachtonigen Silben gesprochen. Die Ursache für die Entstehung des verlagerten Akzents war offenbar die Akzentretraktion. Da viele Wörter nach der Retraktion bereits mit Betonung auf jeder Silbe gesprochen wurden, musste sich auch die Stimmkraft in jenen Wörtern verteilen, die vom Gesetz der Akzentretraktion nicht betroffen waren. Eine zweite Ursache für die Akzentverlagerung ist die Reduktion langer zirkumflexer Endungen. Dies wird durch Folgendes belegt: In einer Deklinations- oder Konjugationsparadigma findet sich verlagerter Akzent in den Formen, deren Endsilbe ursprünglich lang und zirkumflektiert war, z. B.: šọ́lėne (< *šūlinē)~šùlinė ‚Brunnen‘ (Nom. Sg.), šọ́lėnęs (*šūlinēs)~šùlinės (Gen. Sg.), šọ́lėnę (< *šūlinēn)~šùlinę (Akk. Sg.), šọ́lėnių (< *šūlinjū)~šùlinių (Gen. Pl.), aber šọ́lėne (< *šūlinēn)~šùline (Instr. Sg.), šọ́lėnęs (< *šūlinēs)~šùlines (Akk. Pl.).
Für das hohe Alter der Akzentverlagerung sprechen die Intonationen, mit denen die Silben unter diesem Akzent ausgesprochen werden. Wurde eine nachtonige Silbe mit akutischem Akzent gesprochen, so wird diese Silbe auch heute in vielen Fällen mit einer unterbrochenen Intonation ausgesprochen, die aus dem Akut hervorgegangen ist (z. B.: pàrkõste~pàrkąsti ‚einen Bissen nehmen‘, vgl.
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Page 21kãsti ‚beißen‘); umgekehrt: Wurde eine nachtonige Silbe mit zirkumflexer Intonation gesprochen, so wird diese Silbe auch heute meist unter dem verlagerten Akzent mit einer stark mittigen Intonation ausgesprochen (z. B.: pārsēgōnda ~ pārsigando ‚erschrak‘, vgl. išsigāndo ‚dasselbe‘, lygio-je~lygiojo <*ligjā̃ ‚eines ebenen‘), die aus dem Zirkumflex hervorgegangen ist. Daraus folgt, dass der verlagerte Akzent ebenso wie der zurückgezogene noch vor der Verallgemeinerung der akutischen Intonation in nachtonigen Silben und der zirkumflexen Intonation in vortonigen Silben entstanden ist (wie im Lettischen).
Ein solcher Intonationsunterschied in Silben mit verlagertem Akzent besteht nur in den nordžemaitischen Mundarten; weiter südlich ist die Intonation des verlagerten Akzents stets unterbrochen. Dies zeigt, dass die Akzentverlagerung im Norden der žemaitischen Mundarten früher und im Süden später einsetzte.
Auch für das Lettische sind Nebenakzente charakteristisch, die in den meisten Fällen ebenfalls die alten Intonationen bewahrt haben, z. B.: akliē: lit. aklieji ‚die Blinden‘, ciemīns: lit. kaimynas ‚Nachbar‘. Dies bezeugt erneut, dass der Prozess der Herausbildung des Akzentuierungssystems (mit Akzent am Wortanfang) im Lettischen und in den nördlichen Mundarten des Litauischen gleichartig (oder ähnlich) verlief.
Retraktion und Übertragung der Betonung in den litauischen Mundarten
V. GRINAVECKIS
Zusammenfassung
I. Retraktion der Betonung
Die Retraktion der Betonung von Ende des Wortes auf den Anfang umfaßt das ganze nordwestliche Teritorium der litauischen Sprache. Aber die Gesetze dieser Retraktion sind nicht auf dem ganzen Teritorium gleich. Im Norden selbst in der Nähe der lettischen Grenze, in der Umgebung der Städte Akmenė, Joniškis, Žeimelis, wird die Betonung immer vom Ende des Wortes auf den Beginn verlegt d. h. von einer kurzen Endung wie z.B. vien ~ vienà — ‘allein, eine’, von einer zirkumflektierten Endung, wie z. B. laukė ~ laukai ‘die Felder’, und von der akut betonten Endung wie z.B. vaikam~vaikám ‘den Kindern’. Diese Retraktion trifft man in nordwestlichen Teil des Teritoriums der litauischen Sprache und in der Umgebung von Klaipėda. In der südöstlichen Richtung des oben erwähnten Teritoriums geht die Betonung auf die ersten Silben nur von einer kurzen Endung über (der Herkunft nach auch von einem Akut und Zirkumflex). Das ist das Gesetz der Retraktion der graviert-zirkumflektierten Betonung.
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Page 22Die südöstliche Grenze der Verbreitung dieses Gesetzes von der Küste der Kurischen Bucht, wo der Fluß Minija mündet, erstreckt sich ungefähr über folgende Gegenden: Žemaičių Naumiestis, Pajūris, Upyna, Vaiguva, Kurtuvėnai, Kužiai, Šiauliai (nördlich), Radviliškis, Baisogala, Upytė, Panevėžys (südöstlich), Vabalninkas und westlich von der Stadt Biržai erreicht sie die lettische Grenze. Südwärts und östlich von der erwähnten Linie wird die Betonung nur von einer kurzen Endung (und der Herkunft nach von einem Akut) retraktiert, aber diese Retraktion kann zwiefach sein. In der Umgebung von der Stadt Šiauliai, südwärts von ihr (Pაკapė, Kiaunoriai, Kelmė, Kražiai, Pakražantis, Tytuvėnai, Šiluva), auch um die Stadt Biržai wird die Betonung immer von einer kurzen Endung retraktiert, z. B. saũsà šakà ~ sausà šakà ‘trockener Ast’ (Kelmė), saũs šak ‘id.’ (Biržai). Auf dem übrigen Teritorium, das sich unter der Wirkung des Retraktionsgesetzes von einer kurzen Endung befindet, wird die Betonung nur in dem Falle retraktiert, wenn die vorletzte Silbe lang ist, z. B. saũša ‘trocken’, aber šakà ‘der Ast’ (Viduklė, Čekiškė, Jonava, Ukmergė…). Südöstliche Grenze der Retraktion von einer kurzen Endung erfolgt ungefähr in folgenden Gegenden: Upyna, Nemakščiai, Viduklė, Šimkaičiai, Ariogala, Čekiškė, Kulva, Gelvonai, Giedraičiai, Molėtai, Leliūnai, Vyžuonos, Svėdasai, Kamajai, Kriaunos.
In den niederlitauischen (žemaitischen) Mundarten verteilt sich die Kraft der Stimme im Falle der Retraktion der Betonung auf alle Silben eines Wortes, z. B. dẽinà ~ dienà ‘der Tag’, vàkarè ~ vakarè ‘am Abend’. Solche Verteilung der Betonung treffen wir auch in hochlitauischen (aukštaitischen) Mundarten, die mit den niederlitauischen Mundarten in Berührung kommen. Das trifft man auch in diesen Gegenden, wo die Grenze der Retraktion des Akuts und graviert-zirkumflektierten Betonung geht. Die Überreste der Betonung auf dem Ende des Wortes im Prozeß der Retraktion der Betonung auf den Anfang des Wortes zeugen davon, daß die Retraktion der Betonung vom Ende auf den Anfang des Wortes allmählich erfolgt.
In den niederlitauischen Mundarten wird die Betonung auf die erste Silbe retraktiert, aber in den hochlitauischen Mundarten auf die vorletzte Silbe (mit wenigen Ausnahmen).
Einer der wichtigsten Faktoren, die Verschwindung der Betonung vom Ende des Wortes bedingen, ist die Reduktion der altertümlichen akuierten Endungen, z. B. *sausá > sausà > sãus² (in den niederlitauischen Mundarten) > saũs (im Becken vom Fluß Mūša). Deswegen ist es verständlich, daß der Prozeß der Verschwindung der Betonung vom Ende des Wortes in den kurzen Endungen (und der Herkunft nach in den akuierten Endungen) begann.
Etwas früher begann die Retraktion der Betonung in den nordwestlichen niederlitauischen Mundarten und von dort verbreitete sie sich über das übrige Teritorium der Retraktion der Betonung. Auf solche Weise hatte die Retraktion der Betonung am Anfang zwei Zentren (nordöstliche niederlitauische Mundarten und das Becken vom Fluß Mūša), die anscheinend miteinander in Berührung nicht gekommen sind, und sie haben nur in der Folge der Verbreitung ihrer Teritorien die niederlitauischen und hochlitauischen Retraktion der Betonung vereinigt.
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Page 23Die Retraktion der Betonung konnte nur nach der Verkürzung der altertümlichen akutierten Endungen d. h. nach dem 13. Jahrhundert erscheinen. Die Verkürzung der langen Endungen erfolgte in der lettischen Sprache etwas früher als in der litauischen Sprache. Der Meinung von J. Endzelin nach ist die Betonung in der lettischen Sprache vor allem vom Ende des Wortes auf den Beginn in diesen Worten retraktiert, in den die Endungen kurz waren (Gr. 33—32). Daraus folgt, daß auch die lettische Sprache einstmal nur die Retraktion einer gravierten Betonung hatte und nur in ihrer weiteren Entwicklung (im Prozeß der analogen Verallgemeinerung, wie auch in den Mundarten der litauischen Sprache) hat sich auch in der lettischen Sprache das gegenwärtige System der Betonung d. h. der Betonung auf der ersten Silbe gebildet. Wenn der Prozeß der Retraktion der Betonung auf die erste Silbe sowohl in der lettischen Sprache, als auch in den litauischen Mundarten derselbe war, sollen auch Ursachen dieser Retraktion dieselben sein — die Reduktion der (langen) Endungen. Da sich die langen Endungen früher verkürzt haben, sollte auch die Retraktion der Betonung viel früher erfolgen, als es in den litauischen Mundarten der Fall war. Da keine sprachliche Erscheinung plötzlich auf dem ganzen Territorium auftauchen kann, sondern sich von einem oder einigen Zentren verbreitet, so ist die Retraktion der Betonung, als Resultat der Reduktion der akut betonten Endungen zweifellos in nordwestliche Territorien und in die nördlichen Mundarten der litauischen Sprache aus Letland gekommen, danach hat sie auch ein größeres Territorium erfaßt. Die oben erwähnten Zentren der Entstehung der Retraktion der Betonung auf dem Territorium der litauischen Sprache standen anscheinend in einem engen Kontakt mit den altertümlichen lettischen Mundarten.
II. Übertragung der Betonung
Für die niederlitauischen Mundarten, die retraktierte Betonung ausgenommen, ist die Übertragung der Betonung charakteristisch d. h. die Betonung, die nach einer betonten Silbe entstanden ist z. B.: Ràte ~ kãtei, der Katze (D.).¹ Mit verlegten Betonung werden alle langen (manchmal auch kurzen) Silben ausgesprochen, die nach einer betonten Silbe stehen. Die Ursache der Entstehung der verlegten Betonung war anscheinend die Retraktion der Betonung. Da es nach der Retraktion der Betonung viele Wörter schon mit der Betonung auf allen Silben ausgesprochen wurden, sollte sich auch die Kraft der Stimme in diesen Worten, die Retraktion der Betonung nicht berührt hatte, verteilen. Die zweite Ursache der Übertragung der Betonung ist die Reduktion der langen zirkumflektierten Endungen. Das wird auf folgende Weise bewiesen: im Paradigma der Deklinationen oder Konjugationen ist die verlegte Betonung in diesen Formen, in denen die letzte Silbe lang und zirkumflektiert war, z. B. šòłẽnę < *šùlinē ~ šùline ‘der Brunnen, N. Sing.’ šòłẽnes < *šùlinēs ~ šùlines ‘G. Sing.’, šòłẽnę < *šùlinēn ~ šùline ‘Akk. Sing.’ šòłẽnu < *šùlinjun ~ šùliniu ‘G. Pl.’, aber šò-łẽnę < *šùlinēn ~ šùline ‘mit dem Brunnen’, šò.łẽnes < ~ šùlinēns ~ šùlines ‘Akk. Pl.’
Vom Alter der Verlegung der Betonung zeugt die Intonation, mit der die Wörter mit gegebener Betonung ausgesprochen werden. Wenn die nachbetonte
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Page 24Silbe mit akuter Betonung ausgesprochen wurde, so wird auch heutzutage diese Silbe mit Brechton ausgesprochen, die aus einer akuten Intonation stammt (z. B.: pãrkõste ~ pãrkašti ‘zerbeißen’, vergleiche kãšti ‘beißen’), und im Gegenteil: wenn die nachbetonte Silbe mit der zirkumflektierten Betonung ausgesprochen wurde, dann wird meistens auch jetzt diese Silbe mit der verlegten Betonung mit Dehnton ausgesprochen (z. B.: pãrsẽgõnda ~ pársigan̄do ‘erschrak’ vergleiche išsigãndo ‘id.’ lĩgõje ~ lygiojo < *lĩgjãjã ‘des gleichen…’), die aus einem Zirkumflex stammt. Daraus folgt, daß sowohl die verlegte, als auch die retraktierte Betonung noch vor der Verallgemeinerung der akuten Intonation auf den nachbetonten Silben und in der zirkumflektierten Intonation auf vorbetonten Silben entstanden sei.
Solch einen Unterschied der Intonation auf den Silben mit verlegter Betonung gibt es nur in nordniederlitauischen Mundarten, mehr nach Süden hat der verlegte Akzent immer einen Brechton. Das weist darauf hin, das die Verlegung der Betonung in den niederlitauischen Mundarten früher begann, als im Süden.
Der lettischen Sprache ist auch Nebenakzent eigen, der auch meistens die altertümliche Intonation erhalten hat, z. B. aklīē: litauisch aklieji ‘die Blinden’, ciemīns; litauisch kaimymas ‘der Nachbar’. Das zeugt nochmals davon, daß der Prozeß der Bildung des Akzentierungssystems (mit der Betonung auf dem Anfang des Wortes), sowohl dem in der lettischen Sprache, als auch den nördlichen Mundarten der litauischen Sprache derselbe (oder ähnlich) war.