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LIETUVIŲ LEKSIKOS IR TERMINOLOGIJOS PROBLEMOS

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXIX (1991)

SIMAS KARALIŪNAS

SPRACHWISSENSCHAFTLICHE BEMERKUNGEN*

5. Indogermanisch *ghostis „Gast; Fremder“ in den baltischen Sprachen

Unser Namensbestand umfasst folgende Familiennamen: Gasčiūnas Grz, Krš, Mšk, Šl, Gasčiūnas Pkr und Gasčiūlis Gž. Von ihnen abgeleitete Dorfnamen sind Gasčiūnai (in den Rajongemeinden Joniškis und Kėdainiai) und Gasčionys (in der Rajongemeinde Šalčininkai). Die Familiennamen (früher Personennamen) Gasčiūnas, Gasčiūnas, Gasčiūlis und *Gasčionis haben Suffixe mit patronymischer Bedeutung, -ūnas, -ulis und -onis. Wesentlich schwieriger ist es, das Wurzelmorphem Gasč-, Gasč- zu bestimmen. Zunächst ist festzuhalten, dass sowohl die Familiennamen als auch die Dorfnamen, obwohl die einen mit -šč-, die anderen mit -sc- geschrieben werden, in der gesprochenen Sprache überall mit -šč- ausgesprochen werden. Hinsichtlich seiner Herkunft kann Gasč- sowohl auf *Gasč- < *Gašti- zurückgehen (vgl. tuščias < *tuštja-, vgl. tušti) als auch auf *Gasč- < *Gasti- (vgl. pėsčias [wir schreiben pėsčias entsprechend der Herkunft] < *pėstja-, vgl. pėsti). Auch ein Blick auf andere Namen, etwa Gaštynai (Rajongemeinde Kelmė) und Gastyniškiai (Rajongemeinde Šiauliai), klärt die Lage nicht, da es, wie ersichtlich, sowohl Gašt- als auch Gast- gibt. In diesem Fall bleibt als letzte Möglichkeit die Etymologie.

A. Vanagas (LPŽ, I, 630) vergleicht Gasčiūnas mit Vorbehalt mit litauisch gaštūs „habgierig; heftig; hitzig, eifrig“ und hält somit die Variante Gasč- < *Gašti- für ursprünglich. Leider ist gaštūs nur aus einem Ort (Lnkv) bekannt und ist wahrscheinlich erst jüngst neben gašlūs, gašnūs, gačnūs sowie gašūs entstanden (durch den häufigen Wechsel der Adjektivformantien -(s)t- / -(s)l- / -(s)n-; vgl. beispielsweise birstūs: birlūs: birnūs: birūs), weshalb sich unsere archaisch anmutenden Familiennamen kaum davon ableiten lassen.

Bei der Identifizierung des Wurzelmorphems Gasč-, Gasč- ist es interessant, sich an die Intuition der Sprachbenutzer zu erinnern: Der Dorfname Gasčiūnai in der Rajongemeinde Joniškis wird sowohl in Dokumenten als auch auf Wegweisern und in der Rajonzeitung „Tarybinis balsas“ mit -šč- geschrieben. Natürlich ist dies kein Argument; interessant ist jedoch, dass diese Intuition mit der hier vorgelegten, auf Sprachdaten gestützten Erklärung übereinstimmt.

Das Wurzelmorphem der untersuchten Familiennamen lässt sich als Gasč- < *Gasti- bestimmen; man kann darin nach der Bezeichnung für „Gast, Fremder“ in den indogermanischen Sprachen suchen, *ghostis, deren Vorhandensein in den baltischen Sprachen K. Būga (1958, 440), P. Arumaa (1960) und V. Toporovas (Топоров, 1979, 168, 173) mit Vorbehalt vermuteten: Der Erste im Zusammenhang mit dem Siedlungsnamen Gastai, der Zweite bei der Untersuchung des ostslawischen Namenguts mit -gostь und mit dem Hinweis, dass die baltischen und slawischen Sprachen eng verwandt seien, „aussi en ce qui concerne le nom commun gost“ (Arumaa, 1960, 175), und der Letzte bei der Erklärung von prußisch gasto. Darüber hinaus erwähnen P. Arumaa und V. Toporovas ausdrücklich bereits den Dorfnamen Gasčiūnai.

* Siehe dazu zunächst: Fragen der litauischen Areallinguistik // Fragen der litauischen Sprachwissenschaft. V., 1977. Bd. 17. S. 207–209.

5. Lietuvių kalbotyros klausimai 29 t.

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Den Namen Gastai führt F. Nesselmann in seinem Wörterbuch an und erklärt, es handle sich um ein Kirchdorf im Kreis Lankas (in der Niederung), ursprünglich ein altes Dorf, in dessen Nähe später das deutsche Dorf Heinrichswalde entstand (N 241). Diesen Namen nennt auch V. Kalvaitis (1910, 33)1. F. Kurschat gibt in seinem Wörterbuch jedoch die Form Gástos an und merkt an, dass dies der Name des Kirchdorfs Heinrichswalde sei, dessen ein Teil auf Deutsch Gassen heißt; vgl. das von F. Kurschat angeführte Beispiel Aš einu į Gastas K 115. Diese Form wird auch für den Gebrauch in der litauischen Standardsprache empfohlen (Razmukaitė, 1985, 76).

Es ist heute schwer zu sagen, ob es eine Grundlage dafür gibt, Gástos oder Gastai (dt. Gassen mit -ss- aus -st-) unmittelbar mit idg. *ghostis „Gast; Fremder“ zu vergleichen, wie K. Būga vermutete. Vielleicht gibt es mehr Anlass, diesen Ortsnamen mit pr. gasto „Stück eines Feldes (oder Ackers), Grundstück“ zu vergleichen, wie J. Endzelīns es sehr vorsichtig (mit einem Fragezeichen) getan hat (Endzelīns, 1943, 175; 1982, 217). Denn gasto ist die Nom.-Sg.-Fem.-Form (< *gastā), während Gástos die Nom.-Pl.-Fem.-Form wäre (so bereits Mažiulis, 1988, 329). Die Begründung dieser Hypothese hängt stark davon ab, wie das preußische Wort historisch-vergleichend erklärt wird.

Nachdem V. Toporov pr. gasto in einem breiten semantisch-typologischen Kontext analysiert hatte, kam er zu dem Schluss, dass gasto ein bestimmtes Landstück bezeichnete, das wahrscheinlich zur gemeinschaftlichen Nutzung bestimmt oder eng mit dem Kollektiv verbunden war, und dass pr. gasto zu einer Wortgruppe gehört, die durch lat. hostis „Fremder; Feind“, got. gasts, anord. gestr, ahd., asächs. gast, slav. *gostь „Gast“ vertreten wird (Топоров, 1979, 169–173).

V. Mažiulio (1988, 328–331) aiškinimu, pr. gasto „lauko (ar dirvos) gabalas, sklypas“ esąs *gastā „užgesusi žemė“ < *„užgesęs išdeginto miško plotas“, atsiradęs lydiminės žemdirbystės laikais substancyvizuojant iš šaknies *ges- „ges(in)ti“ pasidaryto priesagos -t- būdvardžio moteriškos giminės forma *gastā. Pr. gasto V. Mažiulis dar lygina su liet. Gėsalai (Skuodo raj.) < *gėsalai „sklypai“. Tačiau šis kuršiškasis vietovardis (1253 m. Zesele [Bielenstein 1892, 253] < *[D]zēsel-) ir pr. gasto smarkiai skiriasi formaliąja struktūra (šaknies balsiais, priesagomis), ir šaknies *ges- „ges(in)ti“ žodžių būryje nėra paliudyta reikšmės „sklypai“. Drauge lieka neaišku, ar vietovardyje Gėsalai slypi šaknies *ges- „ges(in)ti“ koks nors vedinys (plg. liet. gėsulas „nuodegulis) ar lat. dzēse „juodasis garnys“ ir priesaga -ele (Kiparsky, 1939, 160).

Pagrindinė J. Schützo (1988, 68–82) straipsnio sąvoka, galima sakyti, yra pr. gasto „laukai, pievos, die Flur (-stücke)…“, kuris esąs šaknies *gest- žodis kaip ir s. sl. žestъ „kietas“, s. fryzų gāst „nevaisingas, sausas“ (dar plg. gāstland — Šiaurės jūros pakrančių (Nordseeküste) žodį), vok. Geest „smėlėta viržiais apaugusi aukštuma kaip derlingų žemumų priešprieša“. Daugelio germanų kalbų vietovardžių ir asmenvardžių dėmenį -gast (plg. Hruot-gast, Rat-gast, Uar-gast etc.), tradiciškai tapatinamą su ide. *ghostis „svečias; svetimšalis“, J. Schützas kildina iš gast- „Feld, Flur, Gemarkung; Besitz“. J. Schützo aiškinimas taip pat nėra be priekaištų. Sl. *žestъ kilmė, tiesa, neaiški (Фасмер, 1986, 50), bet nėra tikras (dėl aukštesniojo

1 Die Form Gaslai von Kr. Milkus, MŽ II 262, ist ein Druckfehler statt Gastai (vgl. Būga, 1958, 440).

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(Komparativformen russ. dial. žerče neben жестче) und seine Zuordnung zu der genannten Wortgruppe. Die ursprüngliche Beschaffenheit der Wurzelvokale in den germanischen Wörtern ist unklar (es könnte auch germ. *gais- sein [Jóhannesson, 1956, 304]). Ungeachtet dieser beiden originellen und interessanten Deutungen und trotz der Skepsis V. Mažiulis’ (1988, 329), V. Toporovs Hypothese sei „kurz gesagt als unbegründete Vermutung anzusehen“, sowie J. Schützes Bemerkung, „Doch was *ghosta zu besagen hätte, bleibt ungesagt“ (Schütz, 1988, 71), muss gleich vorweg gesagt werden, dass V. Toporovs Denk- und Argumentationsrichtung offenbar zutrifft: Anhand zahlreicher historischer und sprachlich-typologischer Daten gelang es ihm, annähernd die Hauptfrage zu beantworten, was jenes Stück (Stucke) war, das die Prußen mit dem Wort gasto bezeichneten (Топоров, 1979, 170), und zugleich den Zusammenhang zwischen dem Feld, seinem Teil und dem Gast zu erhellen. Zu dieser Frage bleibt daher nur noch ein erläuterndes Wort hinzuzufügen.

Iš formaliosios pusės, pr. gasto laikomas ā kamieno nom. sing. forma (Топоров, 1979, 169; Mažiulis, 1988, 328) kaip, pvz., galvo, mergo, rancko. J. Schützo (1988, 74, 77—78) nuomone, pr. gasto esąs dual. masc. forma (kaip wanso, austo, plg. lot. duō, ambō) šalia nom. sing. *gastas arba *gasts, plur. *gastai. Kad pr. gasto vis dėlto būta nom. sing. fem. formos, rodytų vietovardis Gāstos (bet šalia ir Gastai).

Im deutsch-preußischen Elbinger Vokabular steht gasto in einem mit dem Ackerbauern und seiner Arbeit verbundenen Bedeutungsfeld: Ackerbauer — Feld, Acker — x — Morgen (ein Flächenmaß, das Stück Land, das ein Gespann Pferde in der ersten Tageshälfte umpflügen konnte) — Furche — Rain usw. (PKP II 23). Daraus wird auch die Bedeutung von gasto „Stück eines Feldes (oder Ackers), Grundstück, Ackerstück“ erschlossen (Endzelins, 1943, 175, Endzelins, 1982, 217; Топоров, 1979, 169—170; Mažiulis, 1988, 328). Das mittelhochdeutsche Wort Stucke, das durch pr. gasto wiedergegeben wird, interpretiert J. Schütz (1988, 70) in diesem Kontext des Vokabulars weiter, und zwar als „Teil von etwas; Felder, Wiesen, ihre Teile; Rain; bewohnte Felder, Siedlungsgebiet (Teil von etwas; die Flur (-stücke), Felder; Feldmark; (Siedlungs-) Gefilde)“. Weiter schreibt er: „Apr. gasto meint […] entschieden die „Felder“ oder „Flurstücke“, wohl auch die „Flur“, abgehoben als eine Gesamtheit gegenüber samye (= zamje) als „Land“ (Schütz, 1988, 70). Bemerkenswert ist, dass auch V. Toporov (Топоров, 1979, 170) die Möglichkeit erwägt, das Wort gasto habe landwirtschaftliche Nutzflächen (угодья) bezeichnet — nicht nur Ackerland, sondern auch Wiesen, Gärten usw.

Vor diesem Hintergrund lässt sich versuchen, die Bedeutung von pr. gasto mithilfe des historischen Kontexts und typologischer Parallelen genauer zu bestimmen.

Die älteste Bedeutung von slav. *gostь war „Fremder“, meist „Kaufmann“ (vgl. tschech. hospites mercatores, altruss. гость „Gast, Fremder, ankommender Kaufmann“). Später bezeichnete man mit diesem Wort auch jene Bauern und Landwirte (vgl. tschech. hospites rustici), die aus anderen Kreisen oder gar anderen Ländern (vgl. hospes „colonus, qui ab extera regione advenit“ [Słownik łaciny, p. 826]) zuzogen und sich innerhalb des Großgrundbesitzes als freie Pächter niederließen (liberi hospites). Sie blieben dort auf der Grundlage einer Vereinbarung: Sie rodeten Wälder, bereiteten Land zum Pflügen und Säen vor oder bewirtschafteten brachliegende Böden, errichteten Gehöfte und zahlten dafür eine geringe Pacht, anfangs auch Naturalabgaben; außerdem durften sie ihren Wohnort wechseln. Die „Gäste“ erhielten unterschiedlich große Landstücke, doch die meisten bewirtschafteten nicht mehr als 2—3 Bonarien (bonnarium — ein Flächenmaß jener Zeit). Die ersten Belege für sie stammen aus Quellen der Karolingerzeit, doch die „Gäs-

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Die Bedeutung von „Gästen“ (gosti, hospites) in der Landwirtschaft nahm im 11. Jahrhundert besonders zu. Die Institution der freien Gäste kolonisierte in westlichen und slawischen Gebieten neue Regionen, erweiterte die Ackerflächen und vergrößerte den Großgrundbesitz erheblich; auf diese Weise beschäftigte dieser auf seinen Gütern freie landlose Bauern sowie jene, die selbst oder deren Eltern das Land verloren hatten (Manteuffel, 1974, 111; Inglot, 1938, 30—31, 125—128; Bujak, 1905). Für unsere Fragestellung ist besonders wichtig, dass in lateinischen Quellen das von den neuen Kolonisten — den „Gästen“ (hospites) — bewirtschaftete Land hospitium genannt wird (Inglot, 1938, 30), ein Wort, das von hospes, -itis abgeleitet ist. Es ist daher durchaus möglich, dass pruß. gasto ebenfalls ein solches Grundstück bezeichnete, ein Stück Feld oder Boden — genauer gesagt: ein Stück landwirtschaftlicher Nutzfläche (уродья, Flurstücke; Felder, Wälder, Wiesen usw.) —, das von einem Bauern, einem „Gast“, bewirtschaftet wurde und ihm gemäß einer Vereinbarung gehörte; das Wort selbst gasto (< *gastā) war mit der Endung -ā aus *gast(a) „Gast“ gebildet. Es ist bekannt, dass die Prußen vor der Ankunft des Ordens eine gut organisierte und entwickelte Landwirtschaft besaßen und die Verwaltung des Ordens die prußische Flureinteilung anerkannte; eines ihrer Elemente war sehr wahrscheinlich auch die Institution der neuen Kolonisten — der freien Gäste.

Neben dem Appellativ gastō könnte die Bezeichnung des Gastes *gast(a)- im Prußischen möglicherweise noch durch den nicht völlig eindeutig belegten Personennamen Gastimus (Būga 1958, 257) oder Gastuno (Trautmann, 1925, 28) widergespiegelt werden.

Obwohl der Dorfname Gāstos offenbar tatsächlich eine Entlehnung aus dem Prußischen ist, die von gasto „Stück Feld (oder Boden), Grundstück“ herrührt, liegt eine Assoziation mit litauischen Gewässernamen nahe, die das Wurzelmorphem Gast- enthalten. Die ähnlich klingenden lettischen Dorfnamen Gastis und der Bergname Gastin-kalns brachte J. Endzelynas mit der Bezeichnung für „Gast“ in Verbindung — russ. гость (Endzelīns, 1956, 303). Diese Ansicht vertrat auch P. Arumaa (1960), der litauische Gewässer- und Siedlungsnamen mit Gast- mit Namen verglich, die das ostslawische Element gast- (-gostь) enthalten. A. Vanagas (1981, 108) verwarf den Vergleich litauischer Gewässernamen wie Gāstas usw. mit *gast(a)- „Gast“ — eine solche Semantik sei, wie er meinte, für Hydronyme ungeeignet.

Bevor wir zur Untersuchung des Namenguts mit Gast- übergehen, sind noch zwei Punkte zu erörtern. Erstens haben P. Arumaa (1960, 174) und, ohne ihn überhaupt zu erwähnen, A. Vanagas (1981, 108) die Gewässernamen Guōstė, Guostūs mit Gāstas, Gāstamas usw. in Verbindung gebracht; Letzterer fügte hinzu: „Vielleicht ist die Wurzel gast- eine Ablautvariante der Wurzel guost-.“ J. Schütz (1988, 77) ordnete sie ausgehend von seiner Theorie wegen ihres ie. ō der Wortgruppe um slaw. žesto, altfries. gast usw. zu. Doch Guōstė (Fluss, Rajon Prienai), Guostūs (See, Rajon Trakai) sowie Guōsta-galis (Dorf, Rajon Pakruojis), Užū-guostis (Dorf, Rajon Prienai; aus Guōstė) haben eine gute Wortbildungsgrundlage im Litauischen selbst: guostas „Büschel, Gruppe“ neben guotas „Herde, Schar, Schwarm; eine kleine Gruppe, ein Büschel von Bäumen, Pilzen, Sträuchern oder Getreide“ (zum Wechsel -st-: -t- vgl. plauštai „eines von zwei Brettern, die an die Seiten eines Einbaums genagelt werden …“ und plautai „eines von zwei seitlichen Brettchen eines Klotzbeutenstocks …“; grumstas: grumtas); deren Ursprung vermutlich mit der indogermanischen Bezeichnung für „Kuh“ *gʷōu- zusammenhängt (Karaliūnas, 1987, 188—189; vgl. Fraenkel, 1962, 177).

Zweitens bilden Gāstas (Fluss bei Lazūnai), Gāstupis (Šeduva), Gāstamas (Fluss bei Subačius), Gāstaminas (Fluss bei Anykščiai) eine eigenständige Wurzel, die von Guōstė, Guostūs unabhängig ist.

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Eine Wurzel, deren Ursprung wahrscheinlich mit ie. *ghostis „Gast; Fremder“ zusammenhängt, lässt sich auch an den Namensentsprechungen im ostslawischen Gebiet erkennen: Гостено (See bei Порхов), Гостёнка (Fluss bei Старица, ehemalige Gouvernement Twer), Гостино (See bei погост Ясенской) und vielen anderen (Arumaa, 1960, 144–175). Besonders häufig sind Namen von Flüssen, Seen und Siedlungen, in denen гость „Gast“ als zweites Glied auftritt (Черногость, Моглогость, Негосто usw.) und nicht selten zu -гощ wechselt (Белогощ, Братогощ, Чадогощ, Домогоща, Иногощ(е) und viele andere). P. Arumaa hält Namen dieses Typs für archaisch. Fluss-, See- und Siedlungsnamen mit Гост- (-гость) (insgesamt etwa hundert) sind vom Gebiet Pskow–Nowgorod–Borowitschi im Norden bis Wolhynien im Süden verbreitet, konzentrieren sich jedoch auf die Umgebung von Nowgorod; dies würde darauf hindeuten, dass sich die Ostslawen während ihrer Expansion nach Norden zuerst hier niederließen.

Gegen eine vorbehaltlose Behauptung, die litauischen Hydronyme Gāstas, Gāstupis, Gāstamas, Gāstaminas verbärgen nach dem Vorbild der slawischen Sprachen ie. *ghostis „Gast; Fremder“, spricht, dass neben Gāstamas auch die Variante Gāštamas belegt ist. Andererseits zeigt das folgende Beispiel, dass die Semantik von „Gast“ bzw. „fremd“ auch zu Hydronymen passt: Der See- und Flussname Svetūs (Daugai) (wie Kertùs, Milčiùs, Niedùs) und der Flussname Svetýčia (Dūkštas) (mit dem Suffix -yčia wie in Kalnyčia, Skaryčia, Voryčia (Skardžius, 1943, 357; Vanagas, 1970, 142)) stammen aus litauischen Dialektgebieten, in denen die Opposition e: ie erhalten ist. Außerdem ist die Wurzel von Svetūs ebenfalls betont (vgl. Akk. Sg. Svėtų) und weist einen klaren Wurzelvokal e auf. Somit spricht nichts dagegen, dass die Wurzel von Svetūs, Svetyčia dieselbe ist wie in den Appellativa svečias, svetýs, svečias „(Adj.) fremd“, svetūr2. Die Semantik von „Gast“ ist also nicht relevant; daher können auch die Flussnamen Gāstam-inas (mit dem Suffix -inas [Vanagas, 1970, 155]), Gāsta-mas (mit dem Suffix -mas, vgl. Aūla-mas: aūlas, Gārda-mas: gārdas [Skardžius, 1943, 207]) sowie Gāstas, Gāst-upis *gasta- „Gast; Fremder“ enthalten. Der Flussname Gāstamas könnte ebenso wie der Dorfname Gāstynai (Rajon Kelmė) (neben Gastýn-iškiai im Rajon Šiauliai) als Nebenformen durch Vermischung der Wurzeln Gast- (: *gasta- „Gast“) und Gāst- (: lit. *gāsti-, lett. gašs „scharf, herb, bitter“ < *gaśia- oder *gasus) entstanden sein.

Ein gewichtiges Argument für die hier vorgelegte Deutung der untersuchten baltischen Personennamen, Ortsnamen, Gewässernamen sowie Appellativa (z. B. pruß. gasto) ist die Tatsache, dass die Bezeichnung für „Gast“ *gasta- tatsächlich als Wort in den baltischen Sprachen gebraucht wird. Es handelt sich um lett. gasts „Gast“ und die feminine Form gaška „Gästin“: beide sind aus Volksliedern bekannt (ME I 608); dial. gosts (mit o<a, typisch für die lettischen hochlettischen Mundarten) ist in Latgale verbreitet und kommt in den östlichen Mundarten Vidzemes vor; die Variante gaškis (mit -šk- < *-stj-) wird im nordöstlichen Vidzeme gebraucht (Лаумане, 1977, 75–76 samt Karte). Allein daraus, dass gasts mit seinen Varianten im östlichen Teil des lettischen Sprachgebiets verbreitet ist, lässt sich kaum die Hypothese ihrer Entlehnung aus dem Russischen (гость, гостья) ernsthaft stützen. Sein Gebrauch in lettischen Volksliedern, die archaische Sprachmerkmale aufweisen, seine Variantenvielfalt (gaškis, gaška, gaška), der unterschiedliche Stammauslaut (lett. -a- < idg. -o-: slaw. -i-) sowie außerdem das onomastische Material und die prußischen Belege sprechen dafür, der Auffassung den Vorzug zu geben (Брейдак, 1969, 5–6), dass gasts „Gast“ und gaška „Gästin“ < *gastijā lettische Wörter sind, die seit alters her mit russ. гость, гостья verwandt sind.

2Anders und völlig unbegründet verfährt Vanagas, 1981, 322–323.

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Lat. gastis scheint ein o-Stamm zu sein; vgl. die Gen.-Pl.-Form gastu. Die thematische Form *gosto- liegt dem slawischen Personennamen (Namen eines obodritischen Fürsten) Gosto-mysl (erste Hälfte des 9. Jh.) zugrunde; sein zweites Glied ist im Personennamen Mysl-o-wice belegt. Eine frühere thematische Form zeigt auch der slawische Personenname Goste-slav(ъ), der etymologisch dem altnordischen (runischen) hlewa-gastiR entspricht, jedoch eine umgekehrte Reihenfolge der Bestandteile aufweist (Иванов, Топоров, 1963, 127, 129) (somit entsprechen diese slawischen und germanischen Personennamen ihrem Aufbau nach litauischen Namen des Typs Vaiš-noras: Nór-vaišas). Demnach ist die o-stämmige Form *gasta-, die wahrscheinlich in den Gewässernamen Gāstas, Gāsta-mas ir Gāsta-m-inas verborgen ist, in den baltischen und slawischen Sprachen tatsächlich belegt. Aus pruß. gasto (< *gastā) geht hervor, dass es in den baltischen Sprachen neben dem o-Stamm auch einen ā-Stamm gab.

Wenn die hier dargelegte Hypothese zutrifft, würden sich zu den slawischen (vgl. auch serb. Milbgost) und germanischen Sprachen (vgl. auch germ. Fare-gastus, Arde-gastus: fara „Sippe“, art „Acker“) mit Personennamen, die aus der indogermanischen Bezeichnung für „Gast“ gebildet sind, auch die baltischen Sprachen mit ihren Personennamen gesellen – litauisch Gasčiūnas, Gasčiulis, *Gasčiōnis (: Gasčionys, Dorfname), *Gastýnas (: Gastýniškiai, Dorfname) (mit dem Suffix -vna-, das anzeigt, wessen Sohn jemand war; vgl. Gudýnas: Gūdas, Lātynas: Lātvis [Skardžius, 1943, 267]), sowie das nicht ganz klare pruß. Gastimus ar Gastumo. Wie in den germanischen Sprachen (vgl. runisch -gastiR) scheint in den ersten drei litauischen Personennamen eine i-stämmige Form *gasti- zugrunde zu liegen: *Gasti- > Gasc- (vor Hintervokalen) // *Gasti- (vor Konsonanten). Lat. dial. gašķis „Gast“ ist ebenfalls ein Reflex der i-stämmigen Form (< *gastis), während lat. gašķa *gasti̯ā mit i̯ā-Stamm widerspiegelt (wie russ. гостя). Auch die genannten lateinischen, germanischen und slawischen Bezeichnungen für „Gast“ gehören zum i-Stamm; daher wird auch ein i-stämmiges idg. *ghostis „Gast; Fremder“ rekonstruiert (Pokorny, 1959, 453). Eine solche Vielfalt von Stammvokalen konnte offenbar durch Thematisierung einer Form mit konsonantischem Stamm *ghost- entstehen, was mit der seit Langem vertretenen Annahme übereinstimmt, dass eine solche Form in Komposita vorkam: aksl. gospodъ „Herr“ < *ghost-podi-, lat. hospes, -itis „Fremder; Gast“ < *ghost-potis.

Wenn diese Deutung der hier untersuchten baltischen Sprachdaten zutrifft, würden die baltischen Sprachen zu jenem westlichen indogermanischen Areal gehören (sl. *gostъ, got. gasts „Gast“, lat. hostis „Fremder; Feind“), in dem ein indogermanischer Archaismus bewahrt wurde, der auch in den anatolischen Sprachen widergespiegelt ist; vgl. luw. kašši „Besuch, Aufenthalt als Gast, Bewirtung (von Gästen)“ (< *kašti < *gasti < *ghosti oder *ghosi) (Иванов, 1973, 302–306).

6. Lit. kārklai: ai. cāttram

J. Endzelynas (ME II 162) äußerte die Ansicht, dass lit. kārklai „Tore; Schafraufen; geflochtene Wagenkarosserie (SD)“, kārklos „Stangenkrippe zum Aufhängen“, kārklės „aufhebbare (nicht eingehängte) Tore; (geflochtene) Leitern; Wagenbordwände, Wagenräder mit Bordwänden; auf Schlitten gelegte Rahmen zum Transport von Brennholz; Krippen“ und lett. kārkles „Krippe; Getreidesieb“ ein -kl- aus *-tl- enthalten und sich weiter mit ai. hurth „(das) Flechten, geflochtener Gegenstand“, ai. cr̥táti „befestigt, verbindet, bindet“ sowie natürlich mit kr̥ṇātti „dreht, spinnt“ in Verbindung bringen lassen könnten (vgl. ferner ai. kartanam „Spinnen“)³.

3 Kitokius aiškinimus žr. Fraenkel, 1962, 222.

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Bei dieser Gelegenheit ist interessant festzustellen, dass aus einer ähnlichen protoform auch das altindische (*kert-tro-) cättram „Spinnrocken, Spindel“ und das afghanische cäšai „ebd.“ hergeleitet werden. < Das iranische *ča(r)stra-, dessen Zwischenstufe *kertstro- (mit *-tst- aus *-tt-) auf ein iranisches Lehnwort im Finnischen hinweisen würde: kehrä „Spindel“ (Cowgill, Mayrhofer, 1986, 111; Mayrhofer, 1956, 382; 1976, 704).

Somit wären diese baltischen und indo-iranischen Wörter etymologisch verwandt (*kort-: *kert-) und hätten ähnliche Formantien (*-tlo-: *-tro-). Gemeinsam wäre ihnen auch die Genuskategorie: ai. cättram ist Neutrum; es gibt Grund zu der Annahme, dass auch kärklai „Tore; Schafraufen …“ früher dem Neutrum [*kark-la(n)] angehörte und den Nom. Pl. *karklā ersetzt hat (morphologisch vgl. lit. vär tai: pruß. lapi-warto (Nom. Pl.), aksl. vrata).

Leitet man lit. kärklai jedoch von der Vorform *kort-tlo- ab, ergeben sich phonetische Schwierigkeiten. Die Konsonanten t, d sind nämlich vor t im Baltischen, Slawischen, Iranischen und Griechischen zu s geworden (vgl. z. B. lit. mėsti, lett. mest, pruß. po-mests < aus balt. *met-t-). Wenn die Bildung der untersuchten Wörter auf die indogermanische Ursprache oder zumindest auf die Epoche der Kontakte zwischen baltischen und (indo-)iranischen Dialekten zurückginge, hätte balt. *karttla- zu *karstla- (*-tt- > -st-) werden müssen, sich danach zu *karskla- und noch später zu *karksla- entwickeln müssen (sk vor einem Konsonanten wird zu ks). Da dies nicht der Fall ist, muss man annehmen, dass *-tlo- an *kert- / *krt- „verbinden, binden, flechten“ angefügt wurde, nachdem der Wandel tt > st bereits abgeschlossen war. Das später an der Morphemgrenze entstandene tt wird einfach vereinfacht (im Litauischen gibt es schließlich keine Geminaten); vgl. z. B. bañtakis < aus *bant-takis < aus *band-takis „Wagenpfad“; Vytautas < aus *Vyt-tautas < aus *Vyd-tautas (vgl. Taut-vydas). Eine solche Vereinfachung ist jedoch ein später Vorgang; daher muss nach einer anderen Erklärung gesucht werden.

Die Wörter kärklai (kärklos, kärklės, lett. kärkles) sind ostbaltische Bildungen; zumindest gibt es keine Belege dafür, dass sie gemeinbaltisch wären. Die Entwicklung *tl > kl reicht in einzelnen Fällen (vgl. z. B. lit. aũklė, lett. aũkla, pruß. auclo; lit. tiñklas, lett. tikls, pruß. sasin-tinklo) bis in die baltische Ursprache4 zurück; daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die untersuchten Wörter erst nach diesem Lautwandel gebildet wurden und der Konsonant t in der Vorform *kart-kla- dann leicht durch Dissimilation schwinden konnte. Eine genauere Aussage wird dadurch erschwert, dass die relative Chronologie der genannten Lautwandel (t, d > s vor t; *tl > kl; tt > t) nicht genauer bekannt ist.

Dass die untersuchten Wörter unabhängig voneinander entstanden sind – getrennt in den baltischen und getrennt in den indo-iranischen Sprachen –, geht auch daraus hervor, dass sie ähnliche, aber nicht identische Suffixe haben (balt. *-tlo-, indo-iran. *-tro-) und einen unterschiedlichen Wurzelvokalismus aufweisen (balt. a < gegenüber idg. o, indo-iran. e). Auch ihre Semantik weist auf eine parallele, also spätere Wortbildung und Entwicklung hin: Die baltischen Wörter bezeichnen das Ergebnis des Verbindens, Bindens oder Flechtens, die indo-iranischen dagegen Dreh- und Spinnvorgänge sowie deren Werkzeuge. Neben kerǵ-ti (-ia) „verbinden, etwas locker an etwas binden“ (*ker-g- mit der Wurzelerweiterung -g-) könnte in der baltischen Ursprache auch *kert- / *kirt- „verbinden, binden, flechten“ existiert haben (*ker-t- / *kir-t- mit der Wurzelerweiterung oder dem Präsensformans -t-); daran könnte bei der Bildung dieser Varianten das Suffix -kla- < aus *-tlo- angefügt worden sein.

4 Šis pakitimas Chr. Stangui (1966, 107) atrodo senas („hohen Alters“).

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7. Lit. lakóti

Das Verb lakóti (-ója) „Milch mit Lab gerinnen lassen“ ist nur aus F. Nesselm­anns „Wörterbuch der litauischen Sprache“ bekannt, wo es folgendermaßen angegeben ist: lakoti (-oja) „die Milch laffen, d. h. mit Hilfe des Zusatzes von Laff gerinnen machen“ N 348. F. Kurschat nahm es in sein Wörterbuch auf ([K] 219), nachdem er es F. Nesselmann entnommen hatte – das geht aus dem Verweis Ness. hervor. Obwohl er an der Echtheit dieses Wortes zweifelte – weshalb er es in eckige Klammern setzte –, vermerkte er dennoch die Akzentstelle: lakóti (-ója). Aus den Wörterbüchern von F. Nesselmann und F. Kurschat übernahmen A. Kurschat (KŽ II 1279) sowie die Verfasser des LKŽ dieses Verb; letztere behielten außerdem F. Kurschats Akzentuierung bei (LKŽ VII 91).

In der sprachwissenschaftlichen Literatur ist das betreffende Verb, soweit bekannt, weder untersucht noch seine Echtheit erörtert worden. Aus der Art, wie es im LKŽ dargestellt ist, wo es mit dt. laben und laffen verglichen wird, geht hervor, dass die Verfasser des LKŽ nicht an seiner tatsächlichen Existenz zweifelten und es für eine Umformung der genannten deutschen Verben oder Ähnliches hielten. Und das geschah nicht ohne Grund.

Dt. dial. laben, läben und laffen haben genau dieselbe Bedeutung wie lit. lakóti, nämlich „(Milch) mit Lab gerinnen lassen (durch Lab, Laff gerinnen machen)“ (Nesselmann, 1851, 348; Paul, 1961, 356), und werden neben den Substantiven Lab, Laff Neutrum „Mittel zum Gerinnenlassen von Milch, hergestellt aus dem Magen eines Kalbs, Lab“ verwendet (vgl. auch dt. Labmagen) (Frischbier, 1883, 1; Paul, 1961, 356). Interessanterweise wird im Elbinger Vokabular der deutsch-preußischen Sprachen vom Anfang des 14. Jahrhunderts das prußische Wort raugus mit dem Wort lap übersetzt (= lit. raugas) (PKP II 42). Die Ähnlichkeit dieser Verben beschränkt sich jedoch auf die Bedeutungsidentität, denn formal unterscheiden sie sich. Bei einer Entlehnung konnte dt. lab- /laff- unmöglich zu lak- werden; ebenso konnten entlehntes lab- oder lap- nicht an lak- angeglichen werden, indem man sie einem litauischen Wort angepasst hätte, da es kein anderes Wort mit dieser Bedeutung gibt.

Sehr wahrscheinlich hat die deutsche Sprache die Herausbildung der Bedeutung „Milch mit Lab gerinnen lassen“ von lakóti (-ója) beeinflusst, doch ging dieser Einfluss von ganz anderen Gegebenheiten aus. Die deutschen Sprachdaten sind tatsächlich von weit größerer Bedeutung – sie helfen nicht nur, die Bedeutung von lakóti (-ója) zu erklären, sondern auch, eine etymologisch verwandte Lexemgruppe zu finden und dieses seltene litauische Verb so aus seiner isolierten Stellung zu lösen. Im Deutschen gibt es die Verben gerinnen „fest werden, sauer werden, gerinnen“ (vgl. die Milch gerinnt „die Milch wird sauer, gerinnt“, die Milch mittels eines Labs gerinnen machen „Milch mit Lab gerinnen lassen“), zusammenlaufen „sich zusammenziehen, sauer werden, gerinnen (von Milch)“ und rinnen „laufen, fließen, strömen“ im Gegensatz zu laufen „laufen; fließen, laufen“. Im Litauischen entspricht dieser Art von Gegensatz lakóti (-ója) „Milch mit Lab gerinnen lassen“ gegenüber lėkti (lėkia, lėkė) „fliegen; laufen; sich schnell, hastig fortbewegen, fahren, reiten …“. Im Deutschen tritt das Semem „sauer werden, fest werden, gerinnen (von Milch); säuern, gerinnen lassen“⁵ in präfigierten Formen der Verben rinnen und laufen auf; folglich hat es sich in bestimmten Fällen aus der Bedeutung „laufen, eilen, sausen; laufen, fließen, strömen“ entwickelt (vgl. auch schwed. löpa „laufen“: löpa „sauer werden, gerinnen“). Daraus lässt sich unschwer schließen, dass die Verben lakóti (-ója) und lėkti (lėkia, lėkė) nicht nur semantisch-

5 Ausführlicher zur Semem-Bedeutung „sauer werden, fest werden, gerinnen“ und ihrem historischen Kontext siehe (Аникин, 1988, 51 и след.).

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tisch verwandt sind, sondern auch, dass das erste vom letzteren abgeleitet ist. Das zeigen ebenfalls ihre strukturellen Beziehungen, vgl. skalóti (-ója) „schälen, schuppig werden“: skélti (skélia, skélė); platóti (-ója) „legen, ausbreiten; (refl.) sich ausdehnen, sich verbreiten …“: plėšti (plėčia, plėtė); kratóti (-ója) „(refl.) zittern, beben, schluchzen“: krėšti (krėčia, krėtė) „schütteln, rütteln …“

Wie ersichtlich, kann sich die Bedeutung von lakóti (-ója) auf natürliche Weise aus der Bedeutung von lėkti (lėkia, lėkė) entwickelt haben; seine formalen strukturellen Beziehungen zum Grundverb sind regelmäßig, und selbst die von F. Kurschat angegebene Akzentstelle entspricht der Akzentuierung des gesamten Typs der Ableitungen mit dem Suffix -o-. All dies macht die etymologische Verbindung von lakóti (-ója) mit lėkti (lėkia, lėkė) ziemlich augenfällig und die Existenz des Verbs selbst in den prußisch-litauischen Dialekten unzweifelhaft. Dass ein Sprachbeleg in nur einem Wörterbuch überliefert ist – in diesem Fall bei F. Nesselmann –, reicht also noch nicht als Grundlage dafür aus, ihn für ein in der lebendigen Sprache nicht existentes, erfundenes Wort zu halten. Mehr noch: Das Verb lakóti (-ója) war in den prußisch-litauischen Dialekten vielmehr ein Erbwort älterer Zeit, da es von lėkti (lėkia, lėkė) mit dem archaischen Ablaut der Stammvokale e: o (> a) gebildet wurde. Aus diesem Grund konnte der Einfluss der erwähnten deutschen Verben eher katalysatorischer Art sein – er half, aus der ursprünglichen Bedeutung „zum Zusammenlaufen, Zusammenströmen bringen, laufen lassen“ die Bedeutung von lakóti (-ója) herauszubilden.

Dieser Einfluss sollte keineswegs gänzlich geleugnet werden. Auch andere Bewegungsverben (z. B. bėgti, šókti, šankinti) hatten, soweit die verfügbaren Daten ein Urteil zulassen, in den prußisch-litauischen Dialekten ebenfalls die Bedeutung des Gerinnenlassens von Milch bzw. des Sauerwerdens; von dort gelangte diese Bedeutung auch in die Wörterbücher der Region: Pienas sušóka, sukreka, subėga R 293, MŽ 392; Pienas subėga „… gerinnt“ N 325, su-šókti „zusammenlaufen, gerinnen, sauer werden (von Milch)“ N 521; Surūgęs (sušokęs, suklekęs) pienas K I 524, Pieną šliužu sutraukti, sušankinti K I 524. Zwar ist su-šókti in der Bedeutung „sauer werden, gerinnen“ auch im Wörterbuch von K. Sirvydas verzeichnet (SD³ 408) und in Dialekten (Rmš) belegt, die weiter vom ehemaligen deutschen Sprachgebiet entfernt liegen; das würde für eine eigenständige Entwicklung dieser Bedeutung sprechen. Für ihr Aufkommen in Dialekten wie Kps, Ss und Up sollte der Einfluss der genannten deutschen Sprachdaten jedoch ebenfalls keineswegs ausgeschlossen werden.

Dass lakóti (-ója) „Milch mit Lab gerinnen lassen“ (< *„zum Zusammenlaufen, Zusammenströmen bringen, laufen lassen“) und lėkti (lėkia, lėkė) denselben Wortstamm haben und zudem ersteres von letzterem abgeleitet ist, stellt einen wichtigen sprachhistorischen Beleg für das Verb lėkti (lėkia, lėkė) dar, umso mehr, als seine Ableitung den Stammvokalismus a (< idg. o) sowie das Suffix -o- aufweist, das aus idg. -ā- < proto-idg. *-eh₂- hervorgegangen ist.

8. BIt. vans-/vens- „schlecht, gering, untauglich; leer“

Bei dem Gewässernamen Veñcavas (See bei Dusetos; vgl. auch Vencav-ėlis, See bei Dusetos), der offenbar sელischer Herkunft ist, wird das Wurzelmorphem hier als *Viṅk- (Vanagas, 1981, 371), dort als *Venž- / *Vinž- (< idg. *u̯engʰ- / *u̯ngʰ- [Mažiulis, 1981, 7–12]) rekonstruiert. Die Rekonstruktion *Vinkiavas ist jedoch schon deshalb unmöglich, weil wir im heutigen Litauischen *Vinčiavas hätten (wie etwa Vinč-ežeris < sელი *Vinč-ezeris [Būga, 1961, 276, 576] < baltisch *Vink-), während die Herleitung aus *Venž- / *Vinž- die Annahme mehrerer unregelmäßiger Lautveränderungen erfordert, was ihre Glaubwürdigkeit ebenfalls mindert.

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Dass die Ausgangsform dieses Seenamens *Venšavas6 gewesen sein muss, hat V. Mažiulis (1981, 7–12) hinreichend bewiesen: 1) Sprecher aus dieser Gegend (Dusetos) sprechen ihn mit -c- (-ts-) aus, während die Einschiebung eines t zwischen den Konsonanten n und s für litauische Dialekte charakteristisch ist; 2) darauf weisen deutlich russ. Венусово < lit. dial. *Ven'savas hin, und bestätigt wird dies durch sein genaues Gegenstück im westbaltischen Gebiet (jatwingisch Wენსowa).

Das jatwingische Wენსowa wird in Masuren, im Kreis Olecko, lokalisiert, „wo 1562 noch ein Wald namens Wენსowa bestand“ (Būga, 1961, 149); später befanden sich dort ein Gut und eine Siedlung (auf Deutsch) Wensewen (Batūra, 1985, 408). Damit hängt zweifellos auch der von P. Dusburgietis (1985, 199) und N. Jerošinas erwähnte Wald Winse zusammen, der zwischen den Seen Negutino und Snerai lokalisiert wird (Batūra, 1985, 408). Die jatwingischen Namen Winse, Wენსowa aus dem Jahr 1562 (dt. Wensewen) werden mit dem kurischen lettischen Venžava (Gut in der Gemeinde Ventspils; dt. Wensau), den Formen von 1253 Vense, Wense (Būga, 1961, 149, 844; Endzelīns, 1974, 448, 461, Blese, 1930, 310) gleichgesetzt; deshalb liest man die jatwingischen Namen mit -z- (= lit. -ž-): „Die Jatwinger hätten Venzavō gesagt, = kurisch – lett. Venžava“ (Būga, 1961, 148). Deshalb musste man beim Vergleich von lit. Venčavas mit jatwingisch Wენსowa auch den litauischen Gewässernamen von *Venž- / *Vinž-*Venž- / *Vinž- herleiten. Deshalb schreibt V. Mažiulis (1981, 8) weiter: „Venčavą (dial. Vinčsavas) könnten wir aus sელი. *Vensavas herleiten, doch finde ich kein anderes (zumindest kein zuverlässiges) baltisches Hydronym (das eindeutig nicht aus einem Personennamen stammt!), in dem balt. *Vens- oder *Vins- steckte. Und dennoch – so seltsam es auch ist – haben wir hier offenbar eine baltische Wurzel *Vens- // *Vins-, die etwas Untaugliches, Schlechtes, Geringes o. Ä. bedeutete.“

Nichts hindert daran, Venčavas mit dem Seenamen Vinčėlis (Kuktiškės) und dem Namen des Sumpfes Venčbalė (Kudirkos Naumiestis) in Verbindung zu bringen (so bereits Vanagas, 1970, 103, 130)7. Ihre Wurzel Venc- / Vinc- (sofern die erste Form keine dialektale Variante mit in aus en ist) kann ein zwischen die Konsonantenverbindung -ns- eingeschobenes t enthalten; sie wäre dann auf dieselbe Weise entstanden wie Venčavas. Nach dieser Wurzel könnten wir außerdem in den Flussnamen Vensūtis (Dotnuva) suchen, den A. Vanagas vorsichtig mit Venčavas verglich (1970, 211)7, ebenso wie in Vansūpis (Dotnuva).

Zu der Wurzel Vens- / Vins- in Hydronymen und Toponymen ist anzumerken, dass sich die jatwingischen Formen Winse, Wენსowa mit -s- lesen lassen (nicht notwendigerweise mit -z-), da die heutige polnische Form Wężewo (dt. Wensewen) das Ergebnis einer Substitution nach deutscher Aussprache sein könnte (z > ž), wie etwa beim Ortsnamen *Sulōvō / *Sulāvā > poln. Żuławy (Brocki, 1978, 132). In diesem Fall wären natürlich lett. Venžava und kurisch Vense, Wense nicht mit ihnen verwandt und bildeten eine ganz eigene Wurzel (vgl. Kiparsky, 1939, 203).

In den Dialekten des Litauischen und Lettischen sind folgende Wörter weit verbreitet: lit. vaiškariš „angebrütetes, verdorbenes Ei“, lett. vānskaris, vānskars, vānskare, vānskara „angebrütetes, aber nicht ausgebrütetes Ei“. In der gesprochenen Sprache werden sie vielerorts mit einem phonetisch zwischen n und s entstandenen t ausgesprochen: lit. vañckaris, lett. vañckaris usw. J. Endzelīns betrachtet diese Wörter als Zusammensetzungen, deren erstes Glied die erstarrte Form im Nom. Sg. vans- *vana-s bildet, die etymologisch mit dem gotischen wans „(Adj.) nicht habend, entbehrend, mangelnd, ermangelnd“ übereinstimmt; das zweite Glied wird von Verben gebildet

6 Tokią formą pradžioje atstatė ir A. Vanagas (1970, 211); gaila, kad nuo jos vėliau atsisakė (Vanagas, 1981, 371).

7 Gaila, kad nuo šių lyginimų A. Vanagas (1981, 362, 372) vėliau atsisakė.

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der litauischen perėti und lettischen perēt. Durch Dissimilation (v – p > v – k) wurde *vansp- zu vansk- (Endzelīns, 1979, 403–404).

Eine solche Hypothese würde durch lit. pik-peris (mit einem phonetisch zwischen k und p geschwundenen t), pikįperis (dial. auch pikįparas) „angebrütetes, verdorbenes Ei“ gestützt, das als zweites Glied tatsächlich die Wurzel des Verbs perėti enthält und eine ähnliche formale und semantische Struktur aufweist. Diese Parallelen sowie pikt-maišis „angebrütetes Ei, angebrütetes Ei“ sind auch deshalb wichtig, weil sich aus ihnen Informationen über das Glied vans- gewinnen lassen. Welche Bedeutung piktas hier hat, zeigen folgende Ableitungen: pikčiavaikis „geringwertiger, schwacher Mensch; untauglicher Mensch“, piktąarklis „schlechtes, abgemagertes Pferd“, piktą-karvė „geringwertige, verkümmerte Kuh“, piktgrūdis „schlechtes, geringes Korn“. Somit hat auch piktas als erstes Glied der Wörter pik(t)peris und piktmaišis die Bedeutung „schlecht, untauglich“ (LKŽ IX 958). Außerdem erhält piktas in bestimmten Kontexten die Bedeutung „leer“: pikt(a)žiedis „hohle, unfruchtbare Blüte“. Interessanterweise lässt sich eine solche Bedeutung auch im baltendeutschen Wort Wann-Ei „angebrütetes oder nicht ganz volles Ei“ leicht erkennen, dessen wann vermutlich aus dem Lettischen entlehnt ist (Endzelīns, 1979, 404, Anm. 27). Ableitungen des Adjektivs piktas bedeuten ferner „Teufel, böser Geist“: piktčius „böser Geist, Teufel“ (mit dem Suffix -iu- [Skardžius, 1943, 79]), piktis „Teufel, böser Geist“ SD (mit dem Suffix -io- wie juodas: juodis „schwarzes Pferd“, pilkas: pilkis [Skardžius, 1943, 66]); vgl. auch pikčionas „böser Geist, Teufel“, das jedoch mit -onas (wie kuprōnas „jemand mit einem Buckel, Buckliger“: kuprà, tėvō-nas „Großväterchen“: tėvas [Skardžius, 1943, 272–273]) aus pikčiaus oder aus dem Adjektiv *pikčias „böse“ gebildet wurde (enthalten in pikčia-vaikis „geringwertiger, schwacher Mensch …“, pikčia-votė „bösartige Wunde“).

Auf diese Weise stellen wir fest, dass das Adjektiv piktas 1) als erstes Glied in Bezeichnungen für angebrütete Eier auftritt (pik(t)-peris, pikt-maišis), wobei es „schlecht, gering, abgemagert, verkümmert, untauglich“ und „leer“ bedeutet, 2) Bestandteil physiographischer Begriffe ist, vgl. piktežeris „verlandeter, von Moor überwachsener See“, piktpurvis „sumpfiger Ort, Morast“, und 3) seine Ableitungen „Böser, Teufel, böser Geist“ bedeuten. Hinzuzufügen ist noch, dass die entsprechenden Verben des Adjektivs piktas nicht nur lit. pýkti (-sta), lett. pīkt (-stu), pikt (piku, piku) „ebd.“ sind, sondern auch lit. pýkšti (-ta, pýško) „verderben“ (neben pikšti (piškia) „sich ärgern, streiten“).

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass sich entsprechende Bedeutungen auch bei Wörtern mit dem Wurzelmorphem vans- (vanc-) finden: 1) Bei den Bezeichnungen für angebrütete Eier lit. vānškaris, lett. vānškaris usw. bedeutet das erste Glied „verdorben“ (also „schlecht, gering, untauglich“) sowie „leer“ (vgl. baltendeutsch Wann-Ei „… nicht ganz volles Ei“); 2) das Wurzelmorphem vans- / vens- (venc-) erscheint in Namen von Flüssen, Seen und Sümpfen wie Vens-ūtis, Vėnc-avas, Vinc-ėlis sowie als erstes Glied zusammengesetzter Namen (Vans-ūpis, Vėnc-balė); 3) in litauischen Dialekten werden vėncas „Teufel“ (3. Akzent) VlkV, Alk, Kt, Žal, Kps, Všt, Klvr, Krok und vėnsas „ebd.“ Lkš, VšR, KzR, Mrs verwendet. Die semantische Reihe, die von Wörtern mit der Wurzel pik- vorgegeben wird, setzen etymologische germanische Entsprechungen fort, die nach der Hypothese von J. Endzelīns lauten: neben dem bereits erwähnten got. wans auch altnord. vanr „(Adj.) mangelnd, ohne etwas“, altengl. wan, althochdeutsch wan „ebd.“ (germ. *wana-s), ferner altnord. vana „vermindern“, norw. dial. vana „ebd.“, schwed. för-vana „verderben“ (d. h. „verderben lassen“, vgl. lit. pýkšti

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(-ta) in der Wortgruppe der Wörter mit der Wurzel pik- „verenden“). Da alle diese ähnlichen, bisweilen auch gleichartigen Bedeutungen bei Wörtern derselben Wurzel vorkommen (piktas, pýkti), lässt sich folgern, dass auch die Bezeichnungen für ein faules Ei, Flüsse, Seen, Sümpfe und den Teufel, die das Wurzelmorphem vans- / vens- (vanc- / venc-) enthalten, miteinander und mit den genannten germanischen Sprachbelegen verwandt sind. Genauer gesagt, sind einerseits der erste Bestandteil vans- (dial. vanc-) von lit. vànškaris, lett. vànškaris usw. und vėncas, vėnsas „Teufel“ miteinander verwandt; andererseits ist das Wurzelmorphem bzw. der erste Bestandteil der Gewässernamen (Toponyme) Vens-ūtis, Venc-avas, Venc-ėlis, Vans-ūpis, Venc-bale etymologisch mit ihnen identisch. Schwierigkeiten bei der Gleichsetzung all dieser Lexeme bereitet jedoch der Unterschied im Wurzelvokalismus: Der erste Bestandteil der Bezeichnung für ein faules Ei hat a, die Teufelsbezeichnung und die meisten Gewässernamen (Toponyme) hingegen e (neben dem Schwundstufenvokalismus in der Form Vincėlis in Kuktìškės, Rajon Utena, sofern es sich hier natürlich nicht um eine dialektale Aussprache mit en handelt). Außerdem unterscheiden sich auch die Akzentintonationen der Wurzel: Die Bezeichnungen für das Ei haben im Litauischen und Lettischen Zirkumflex, die litauischen Hydronyme (Toponyme) ebenfalls Zirkumflex, die Wörter für den Teufel dagegen Akut.

Zu diesen Unterschieden lässt sich Folgendes sagen. Neben der verbreiteten fallenden (baltischen zirkumflektierten) Intonation in den Wörtern vànškaris, vànškars, vànškare, vànškara ist im Lettischen auch eine gedehnte (gestoßene) Intonation bezeugt, ein Reflex des baltischen Akuts: vañškars ME IV 468, 472 (< balt. *váns-); die Intonation stimmt also mit lit. vėncas, vénsas überein. Die lettischen Bezeichnungen für ein faules Ei variieren nicht nur hinsichtlich der Wurzelintonation. Durch Desemantisierung (der Zusammenhang mit perēt wird nicht mehr empfunden) wurde der zweite Bestandteil anfällig für unregelmäßige Lautveränderungen: In lettischen Dialekten finden sich sowohl vanckurs, vanckuris (mit -u-), als auch vanckulis, vanskulis (mit -u- und -l-) ME IV 468—469, 472. Auch ihre Bedeutung variiert: Ausgehend von der Bedeutung „verdorbenes, faules Ei“ hat sich die Bedeutung „etwas, das misslungen ist, nicht geglückt ist“ entwickelt; in dieser Bedeutung wird vànškaris usw. als Schimpfwort verwendet, vgl. Gans lama guovi: kur tu lìd, vanckars tāds! ME IV 469 und Kur tu lìd, venckulis tāds! (ein Hirte ruft dies einem zum Feld gehenden Widder zu) ME IV 536. Da die formale und semantische Struktur dieser Wendungen identisch ist und beide aus demselben Dialekt (Stende) aufgezeichnet wurden, ist völlig klar, dass vanckars und venckulis ein und dasselbe sind – Bezeichnungen für ein faules Ei –, und dass die letztere Form den Wurzelvokalismus e aufweist. Diese Ablautstufe ist auch in litauischen Dialekten gut belegt: vėñčkaris Sg, Skn. vėñškaris Prk. Somit weist der erste Bestandteil der Bezeichnung für ein faules Ei in der Wurzel sowohl a als auch e auf – ein im Litauischen und in anderen baltischen Sprachen bekanntes Phänomen, vgl. dangà und dengà, mažgas und mėžgas, bėbras und bãbras, mėlas und žem. mãlas, šeimà und lett. saime, lett. brangs und brengs. In diesem Fall stimmt der erste Bestandteil von vėñčkaris, vėñškaris und lett. venckulis mit der Wurzel der Eigennamen Vencavas, Vencbale, Vensūtis überein.

Wegen der akuten Intonation (lett. vañškars, lit. vėñcas, vénsas) und des Vorkommens selbstständiger Lexeme (vėñcas, vénsas) kann der erste Bestandteil der Bezeichnungen für ein faules Ei, vans- / vens- (vanc- / venc-), kaum eine erstarrte Nom.-Sg.-Form *vana-s sein. Aus dem gesamten Datenkomplex geht hervor, dass hier eine Wurzel vans- / vens- vorliegt, die die Bedeutungen „schlecht, verdorben, untauglich“ und „leer, unfruchtbar“ hatte und etymologisch mit anord. vansi Mask. „Verminderung, Abnahme; Schande“, norw. dial. vanse Mask. „Mangel, Fehlen“, mittelschwed. vansi „Mangel, Fehler, Gebrechen“ und anord. vansa „schädigen, schaden“ übereinstimmt. Diese germanischen Wörter sind

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stammverwandt mit den genannten got. wans „nicht habend, entbehrend, mangelnd“, anord. vanr „ebenso“, anord. vana „vermindern“ und schwed. för-vana „verderben“ (Jóhannesson, 1956, 47–48), weisen jedoch eine an die Wurzel angefügte Erweiterung *-os- auf. Das baltische deutsches wann, das vermutlich aus dem Lettischen übernommen wurde, könnte -nn aus *-ns- haben.

Es stellt sich die Frage, warum wir im Litauischen heute, falls hier ein tautosyllabisches an (en) vorlag, nicht *vãsk- oder *vę̃sas statt vénsas und im Lettischen nicht *uosk- < *vuosk- < *vansk- haben. Im Litauischen ist dafür offenbar das Einschieben des Konsonanten t zwischen n und s verantwortlich: Vor dem Plosiv c konnte der Diphthong an (en) unvokalisiert bleiben. Dass dies möglich gewesen sein könnte, zeigen z. B. dial. vañčas „važ̃as“ Vdk, Rt, Trg, Up sowie vañčkaras „važ̃karas“ Šln, die ebenfalls ein t zwischen n und š aufweisen. Im Lettischen gehören vànskaris usw. (< *vansa-peris), venckulis zu jenen Wörtern baltischen Ursprungs (blandties, censties, lunkans, sprands, blinda usw.), die die tautosyllabischen Verbindungen an, en, in, un unversehrt bewahrt haben (siehe dazu den Aufsatz von J. Endzelynas [Endzelīns, 1974, 144–159]).

Auch die litauischen Hydronyme (Toponyme) Veņcavas, Veņcbalė, Vens-ūtis, Vans-ūpis können eine adjektivische Wurzel *vans(a)- / *vens(a)- mit den Bedeutungen „schlecht, gering, untauglich“ und „leer“ enthalten. Falls das jotwingische Winse, 1562 Wensowa ebenfalls zu dieser Wurzel gehört (nicht aber zur Wurzel *Venz- = lit. *Venž-), würden das lit. Veņcavas < *Veņsavas und das jotw. Wensowa, die bis auf die Endung völlig übereinstimmen, eine lexikalische Isoglosse bilden, die – wie Čičirys, Čičirė < sėl. *Čičir < balt. *kikir- / *kiker- „Erbse“ (vgl. pruß. keckers, keckirs „Erbse“) – die nordöstliche Ecke Litauens (Dusetos, Zarasai) mit dem westbaltischen Sprachgebiet verbindet.

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S. KARALIŪNAS

SPRACHWISSENSCHAFTLICHE BEMERKUNGEN

Zusammenfassung

Die Spuren des idg. *ghostis „Gast; Fremde“ sind wahrscheinlich erhalten: 1) in den Personennamen lit. Gaščūnas, Gaščūlis, *Gaščionis (< ON Gasciōnys) < Gasc- < *Gasti- || *Gasti-; 2) im apr. gasto „Ackerstück, Flurstücke, Felder (die bearbeitet von „Gästen“ – freien Bauern worden waren)“; 3) in den Gewässernamen lit. Gāstam-inas, Gāsta-mas, Gāsta-s, Gāst-upis und 4) in den Appellativa lett. gasts „Gast“ (o Stamm), gašķis „id.“ (< *gastis), fem. gaška (< *gastijā).

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Urverwandtschaft zwischen lit. kárklai, kárklas, kárklēs „Tür, Pforte, Raufe, Krippe...“, lett. kárkles „Raufe; Getreidesieb“ (< *kort-tlo-) und ai. cāttram „Spindel“ (< *kert-tro-) wird vermutet.

Lit. lakóti (-ója) „durch Lab gerinnen machen“ ist wohl eine Ableitung von lēkti (lēkia, lēkē) „fliegen; laufen, rennen“.

Die Wurzel von Gewässer- (und Sumpf-) namen lit. Vẽncavas, Vinčēlis, Vẽnc-bālē, Vensūtis und Vans-ūpis ist wohl gleichzusetzen mit den ersten Komponenten von lit. vãnškaris, vẽnškaris „ein unausgebrütetes Ei“, lett. vãnškaris, vãnškaras, vãnškare, vãnškara „ein bebrütetes, aber unfruchtbar gebliebenes Ei“ (wohl aus *vans- / *vens-peris).

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