Page 1ACTA LINGUISTICA LITHUANICA
LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XLII (2000)
Anna STAFECKA
Latvijas Universitātes Latviešu valodas institūts, Rīga
MUNDART, NORM UND TRADITION IN DER HANDSCHRIFTLICHEN LITERATUR LATGALES
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt in Latgale (ebenso wie in Litauen) nach der Niederschlagung des polnischen Aufstands vierzig Jahre lang ein Druckverbot. Während die Litauer Bücher in Kleinlitauen drucken lassen konnten, für das dieses Verbot nicht galt, und sie heimlich in das übrige Litauen einschmuggelten, befanden sich die Letten aus Latgale in einer weitaus schwierigeren Lage. Obwohl die anderen Regionen Lettlands (Kurzeme und Vidzeme) vom Druckverbot nicht betroffen waren, wurden dort keine Bücher auf Latgallisch gedruckt, denn die Letten aus Latgale – damals auch Gouvernement Witebsk genannt – und die Letten der übrigen Regionen waren nicht nur durch eine Verwaltungsgrenze getrennt, sondern auch durch ihre sehr unterschiedlichen Dialekte. Auf ihrer Grundlage hatten sich zwei Schreibtraditionen herausgebildet (der Mitteldialekt als Grundlage der niederlettischen Schriftsprache und der oberländische bzw. oberlettische Dialekt als Grundlage der latgallischen Schriftsprache), ebenso eine unterschiedliche Schrift (gotische Buchstaben für die niederlettische und lateinische für die oberlettische Schreibweise) und natürlich die Zugehörigkeit zu verschiedenen Konfessionen (Katholiken in Latgale und Lutheraner im übrigen Lettland).
Einige Bücher auf Latgallisch wurden im Ausland (in Holland, Deutschland, Schweden und Finnland) gedruckt und nach Latgale geschmuggelt¹. Sie waren sehr teuer, und dem Bauern, der gerade von der Leibeigenschaft befreit worden war², fehlten die Mittel, sie zu erwerben. Gebet- und Gesangbücher waren jedoch unbedingt notwendig; ohne sie war das geistliche Leben der Bauern undenkbar. Daher wurden die alten, vor dem Druckverbot gedruckten Bücher sorgfältig aufbewahrt, einzelne abgenutzte Seiten von Hand abgeschrieben und nach und nach auch ganze Bücher. Meist waren es Gebetbücher, später auch praktische Ratschläge für Bauern und folkloristisches Material, seltener Originalwerke eigener Autoren. Die Zahl der von Hand abgeschriebenen und gebundenen Bücher nahm stetig zu. Infolgedessen können wir heute von einer ganzen Epoche in der Geschichte der latgallischen Schriftsprache und Literatur sprechen: der handschriftlichen Literatur während der Zeit des Druckverbots³, die von lettischen Bauern aus Latgale geschaffen wurde, meist von Menschen ohne Schulbildung.
1 Latgalīšu grōmotu izstōdes materiāli. M. Apela un S. Seila sakōrtojumā. – Rēzekne, 1936, 24.
2 Latgalē dzimtbūšana tika atcelta tikai 1861. gadā (tāpat kā Krievijā), pārējos Latvijas novados tā bija atcelta jau agrāk: Kurzemē – 1817. gadā, Vidzemē – 1819. gadā.
3 Plašāk par to: Rupains O. Tautas rakstnieki un grōmotu pārrakstītōji drukas aizlieguma laikā. – Rokstu krōjums latgaļu drukas aizlieguma atcelšonas 40 godu atcerei, Daugavpils, 1944, 190–204.
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Page 2Derzeit sind etwa 15 Namen von Buchabschreibern bekannt4, doch ihre Zahl war weitaus größer; auch heute werden noch erhaltene handschriftliche Bücher entdeckt5.
Wie der Buchhistoriker Aleksejs Apinis festgestellt hat, blühte die handschriftliche Literatur vor allem im mittleren Teil Latgales auf – in Teilen der Kreise Rēzekne und Ludza (in den Gemeinden Barkava, Varakļāni, Gaigalava, Nautrēni und Makašāni). Interessanterweise wurde gerade in jenen Gemeinden, in denen Buchabschreiber tätig waren, um 1900 (35 Jahre nach Einführung des Druckverbots) eine recht hohe Lesefähigkeit festgestellt. Unter den lettischen Bauern Latgales lag sie bei 76,5%, in den unmittelbar benachbarten Gemeinden, in denen die handschriftliche Literatur nicht verbreitet war, dagegen nur bei 39,2%6.
Bei der Durchsicht mehrerer handschriftlicher Bücher fällt ihre große Ähnlichkeit sowohl im sprachlichen Ausdruck als auch in der Schreibtradition auf. Das ist folgerichtig, denn handschriftliche Bücher entstanden nicht im luftleeren Raum: Schon seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts gab es eine oberlettische oder latgallische Schreibtradition, die auf den Mundarten Südlatgales beruhte und stark von der niederlettischen Schriftsprache sowie von anderen Sprachen (insbesondere dem Polnischen) beeinflusst war. Zudem hatten sich die Schreibweise und die Verwendung morphologischer Formen bereits bis zu einem gewissen Grad stabilisiert; kennzeichnend waren dabei spontan entstandene Normen. Zugleich muss auch der Einfluss der heimischen Mundarten der Buchabschreiber und Autoren berücksichtigt werden, denn die Schöpfer der handschriftlichen Literatur waren selbst lettische Bauern (anders als die Verfasser gedruckter Bücher, die überwiegend anderen Volksgruppen angehörten). Sie wechselten gewöhnlich nicht ihren Wohnort, weshalb die Quellen der handschriftlichen Literatur häufig Zeugnisse einzelner Mundarten festhalten. Da das Zusammenspiel von heimischer Mundart des Autors, Norm und Tradition in weltlichen Werken am deutlichsten zutage tritt (geistliche Texte sind gewöhnlich Abschriften früherer gedruckter latgallischer Gebet- und Gesangbücher oder aus dem Polnischen übersetzt), betrachten wir die Werke von Andriva Jūrdža7, einem Bauern aus Zaļmuiža bzw. der Gemeinde Nautrēni und dem bedeutendsten Vertreter des handschriftlichen Buchwesens in Latgale. In seinem Werk machen weltliche Texte einen beträchtlichen Anteil aus.
Andrivs Jūrdžs (1845–1925) skolā nebija mācījies, lasīt viņu bija iemācījusi māte. A. Jūrdžs pašmācības ceļā bija iemācījies rakstīt un apguvis krievu, poļu, lietuviešu, nedaudz arī latīņu
4 Apiņis A., Klekere I., Limane L. Rakstītājs no Nautrēniem. Andriva Jūrdža dzīve un veikums, Rīga, 1989, 13.
5 Kürzlich wurden zwei weitere handschriftliche Gebet- und Gesangbücher entdeckt, die, den Unterschieden in den Handschriften nach zu urteilen, mehrere Abschreiber gehabt haben dürften; siehe: Cirša L. Originalmaterialien aus der Zeit des Druckverbots in den Beständen des BFPC. – Integrationsprobleme in der Gegenwart. Materialien der internationalen wissenschaftlichen Konferenz, Rēzekne, 1999, 4–6.
6 Apiņis A. Neprasot atļauju. Latviešu rokraksta literatūra 18. un 19. gadsimtā, Rīga, 1987, 162.
7 A. Jūrdžas Beitrag zum Buchwesen und zur Literatur wurde wiederholt in recht umfangreichen Veröffentlichungen gewürdigt, siehe zum Beispiel: Apiņis A. Das lettische Buchwesen, Rīga, 1977, 220–222.; Apiņis A. Ohne um Erlaubnis zu fragen. Lettische handschriftliche Literatur im 18. und 19. Jahrhundert, Rīga, 1987,156–179.; Apiņis A., Klekere I., Limane L. Der Schreiber aus Nautrēni, Rīga, 1989, 136.
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Page 3Sprachen, verstand auch gotische Buchstaben und las Ausgaben aus Niederlettland. Andrivs Jūrdžs hat mehr als 20 umfangreiche Bände verfasst, manche davon mit etwa 1000 Seiten, außerdem dünnere Hefte und einzelne Blätter⁸. Leider ging der größte Teil davon bei einem Brand verloren. Die erhaltenen Bücher befinden sich in der Wissenschaftlichen Abteilung für seltene Bücher und Handschriften der Lettischen Nationalbibliothek sowie in der Abteilung für Handschriften und seltene Bücher der Lettischen Akademischen Bibliothek.
Andriva Jūrdžs’ Beitrag zur Literatur und zur Geschichte des Buchwesens hat heute vor allem kulturhistorische Bedeutung, doch während des Druckverbots spielte er eine große Rolle im literarischen Leben der Region. Heute sind die von A. Jūrdžs hinterlassenen Handschriften, auch wenn sie keineswegs unkritisch zu bewerten sind, gerade aus sprachlicher Sicht bedeutsam. Sie veranschaulichen recht deutlich, in welchem Maße die bestehende Schriftsprache beziehungsweise die Tradition der Sprache gedruckter Bücher und spontan entstandene Normen die Sprache der handschriftlichen Bücher beeinflussten und wie der Textautor und der Abschreiber jene sprachlichen Erscheinungen respektierten, die für ihren Heimatdialekt untypisch waren. Zugleich ist es wichtig, auch den Einfluss des Dialekts auf die Sprache der Handschriften zu berücksichtigen, insbesondere wenn man bedenkt, dass sich A. Jūrdžs’ Heimatdialekt deutlich von den südlattgalischen Dialekten unterscheidet, auf deren Grundlage sich die lettgallische Schriftsprache herausgebildet hat.
Um das Zusammentreffen von Dialekt und Normen und Traditionen der Schriftsprache in A. Jūrdžs’ Werken nachzuverfolgen, betrachten wir drei seiner bedeutendsten Werke, die in unterschiedlichen Zeiträumen entstanden sind (A. Jūrdžs schrieb auch nach der Aufhebung des Druckverbots). Dazu zählen eine um 1870 verfasste Sammlung weltlicher Texte⁹, „Parunu woceleytē“, um 1910 verfasst¹⁰, sowie zwei Kalender mit dem Titel „Myužeygays kalinders“ – aus den Jahren 1907¹¹ und 1916¹². Es sei angemerkt, dass sich sehr viele Texte (insbesondere Sprüche und Redensarten) wiederholen.
Obwohl Andrivs Jūrdžs’ Schriftsprache in der vor dem Druckverbot bestehenden oberlettischen beziehungsweise lettgallischen Schriftsprache verwurzelt ist, fällt dennoch auf, dass sich seine Schreibweise hauptsächlich an der Schreibpraxis lettgallischer Bücher vom Anfang des 19. Jahrhunderts orientiert und nicht an den Schriftquellen aus der Jahrhundertmitte, wie es zu erwarten wäre. Vielleicht ist dies auf den Einfluss alter Gebetbücher zurückzuführen, in denen die Schreibtradition vom Anfang des Jahrhunderts recht konsequent befolgt wurde. Obwohl die Schreibweise recht inkonsequent ist, findet sich in A. Jūrdžs’ handschriftlichen Büchern eine recht genaue Kennzeichnung der Vokallänge durch ein Dach (ˆ) über dem Vokalbuchstaben (insbesondere in der Lokativendung, zum Beispiel rukā, pūrs, walsteybā). Das Dach steht gewöhnlich auch über dem Buchstaben o, wenn dieser den Diphthong [uo] bezeichnet, zum Beispiel mōte, kōzas, sowie über e, wenn dieser den Diphthong ie bezeichnet, zum Beispiel wēju, pēŗts. Seltener wird die Vokallänge oder ein Diphthong durch einen Akut (´) über dem Vokal-
8 Sīkāk par to: Apinis A. Latviešu grāmatniecība, Rīga, 1977, 221.
9 Befindet sich in der Abteilung für Handschriften und seltene Bücher der Lettischen Akademischen Bibliothek (Signatur Jūrdžs A. I).
10 Befindet sich in der Wissenschaftlichen Abteilung für seltene Bücher und Handschriften der Lettischen Nationalbibliothek, Signatur R. 2, 1, 6.
11 Ebenda, Signatur R. 2, 1, 7.
12 Ebenda, Signatur R. 2, 1, 4.
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Page 4Lautbuchstabe, zum Beispiel bērzenia, utrō. In den Manuskripten von A. Jūrdžs wird der zweite Bestandteil der Diphthonge [ai], [ei] und [oi] ausschließlich mit y wiedergegeben (nicht mit j, wie in Werken aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, etwa in den Kalendern von G. Manteifelis) – mayze, sweteybu, batynoy. Mitunter begegnet ein phonetisches Schreibprinzip, zum Beispiel bei auksts ‚hoch‘, sotc [-ts] ‚kalt‘, actoy ‚verlässt‘.
Die Konsonanten in A. Jūrdžs’ Manuskripten sind nach dem Vorbild der polnischen Schreibweise wiedergegeben. Zur Bezeichnung der Konsonanten [č] und [š] werden die sogenannten Digraphen cz und sz verwendet, der Konsonant [ž] wird mit ž bezeichnet; im 1916 verfassten Kalender werden jedoch durchgängig die Konsonantenbuchstaben č und š sowie ž verwendet. Davon kann man sich durch den Vergleich der Kalender von 1907 und 1916 überzeugen, die recht viele inhaltlich völlig identische Texte enthalten. Einige Beispiele:
Im Kalender von 1907:
Im Kalender von 1916:
puczias ‚Blumen‘
pučias
zacci ‚Hasen‘
zači
szudi ‚heute‘
šudin
celsz ‚Weg‘
celš
meža
meža
žygli
žygli
Jāpiebilst, ka šāds līdzskaņu apzīmējums proponēts 1908. gada iznākušajā O. Skrindas gramatikā, kas ir pirmā normatīvā latgaliešu gramatika un atspoguļo 20. gadsimta sākumā izveidotās latgaliešu ortogrāfijas komisijas pirmo sēžu lēmumus13. Tas liecina, ka A. Jūrdžs ir sekojis arī sava laika rakstības normēšanai un pieņemtās normas respektējis. Toties skaņas [ļ] un [ļ] A. Jūrdža rokrakstos konsekventi turpinātas apzīmēt ar ł un l, varbūt arī tāpēc, ka normatīvajā gramatikā tās netiek šķirtas – gan [ļ], gan [ļ] apzīmētas tikai ar l.
Das Zusammenspiel der Dialekte mit den bestehenden Schreibtraditionen zeigt sich deutlich im Gebrauch morphologischer Formen sowie im Wortschatz.
Der recht starke Einfluss der niederlettischen Schreibweise, der für die frühe Phase der latgalischen Schriftsprache charakteristisch ist, zeigt sich auch in A. Jūrdžs Handschriften. Besonders deutlich wird dies in abgeschriebenen Texten sowohl aus latgalischen Schriftquellen (vor allem Gebetbüchern) als auch aus niederlettischen Veröffentlichungen (Volkslieder, Sprichwörter). So finden sich in den handschriftlichen Büchern beispielsweise die für die Dialekte Latgales untypischen Endungen -enis, -ene, zum Beispiel draudzene; mirā ar sowu likteni; die Endungen -as, -es des Genitivs Singular sowie des Nominativs und Akkusativs Plural weiblicher Substantive, etwa dinas, saknes, die Personalpronomen der 3. Person viņš, viņa, ikviens, ikviena, zum Beispiel strodoy w i n i a wasareniu; del i k w i n a; i k k o t r u din. Nicht selten finden sich auch für die Dialekte Latgales untypische Lexeme, etwa nikod weytulā naaug kiršu (im Dialekt višņu) u gas; meytas grob (im Dialekt kaš) sinu; atnōcie (im Dialekt atguoja) mums sweycynotu; nōcit (im Dialekt eite), bērni, škotā!
13 Skrinda O. Latvišu woludas gramatika, Piterburgā, 1908, 6.
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Page 5Die Schriftsprache A. Jūrdžs ist jedoch gerade durch die Wiedergabe jener lokalen Spracherscheinungen bedeutsam, die in den bis zum Druckverbot veröffentlichten latgalischen Büchern nicht typisch sind. Besonderes Augenmerk verdienen Varianten morphologischer Erscheinungen, deren Gebrauch in den Dialekten recht stabil ist. Dabei lassen sich mehrere Gruppen unterscheiden.
1. Morphologische Erscheinungen, die in einem weiten Gebiet der Dialekte Latgales (auch in den südlattgalischen Dialekten) vorkommen, jedoch nicht zur Norm der Schriftsprache geworden sind. Zunächst sind die Endungen -is, -ys des Nominativs Singular sowie des Nominativs und Akkusativs Plural weiblicher Substantive zu nennen. Sie finden sich in A. Jūrdžs Handschriften recht häufig neben den für die Dialekte untypischen Endungen -as, -es, zum Beispiel saula saknis bahynoy; dzidit, meytas, upis motā; gudreyba miālis gotā; pakryta pi zemis; nawajag mayzis est; tay motkys pityktu; diel eyksys dzieywes.
In Andriva Jūrdžs Handschriften wird das Supinum recht häufig verwendet, das für die Sprache der gedruckten latgalischen Bücher untypisch ist, obwohl es weiterhin in einem weiten Gebiet der Dialekte gebraucht wird, zum Beispiel igoja krugā porgutātu; nuskrin padia wartus; kotnā kōpu es dzīdōtu; idama sina kostu. In einem der ersten handschriftlichen Bücher findet sich jedoch eine Korrektur des Autors – goja gutatu, wobei der letzte Buchstabe u durchgestrichen ist; offenbar war ihm bewusst, dass dies nicht ganz der Schreibtradition entsprach. In den späteren handschriftlichen Büchern A. Jūrdžs wird das Supinum häufiger verwendet.
2. Morphologische Erscheinungen, die für die südlattgalischen Dialekte untypisch sind und daher nicht zur Tradition der latgalischen Schriftsprache geworden sind. Dazu gehören mehrere für die zentralen und östlichen Dialekte Latgales charakteristische Besonderheiten, die vereinzelt auch in gedruckten latgalischen Büchern vorkommen. Zunächst ist hier das reflexive Formans -sa- (-za-) bei Verben mit Präfixen zu nennen. Zwar findet man in A. Jūrdžs Handschriften häufig sowohl die für gedruckte latgalische Bücher typische Gebrauchsvariante -sa- (-za-), die für die südlichen Dialekte Latgales charakteristisch ist, als auch das in Gebetbüchern recht häufig vorkommende -si- (apsižaloy, atsidu u. Ä.); in den späteren Werken (insbesondere im Kalender von 1916) überwiegt jedoch bereits der für die zentralen (einschließlich A. Jūrdžs Heimatdialekt) und östlichen Dialekte Latgales charakteristische Gebrauch von -sa- (-za-), zum Beispiel nazadzen, nazawer, pazacatusia, apsawyłtkusia.
Auch die Formen der 3. Person Präsens der Verben, die heute in den Dialekten recht weit verbreitet sind, in gedruckten Büchern jedoch nur selten vorkommen, werden in A. Jūrdžs Handschriften häufig verwendet, zum Beispiel atskria žubia; pūces niwinas naradzīā; snigā turiā; gayli dzidō taktenā.
In den Handschriften von A. Jūrdža (besonders in seinen eigenen Werken) finden sich die für den Dialekt charakteristischen Präfixe pra (pro-) und roz-, zum Beispiel por itu progojušū godu; nu miga prozamudusia; roztrence wusżku munu pulceniu; adbalš plaši rozaskrin. Doch selbst in einem Satz wird sowohl das für den Dialekt charakteristische Präfix pra- als auch das der Schriftsprache entsprechende pār (por-): Atmine nu porgojušōm bādu dinom, atmine nu progojušom taymes dinom.
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Page 6In den Handschriften finden sich auch häufig Adjektive mit dem slawischen Suffix -ink-, zum Beispiel moziņks pulcens meytu dzid; tik jauninka meytinia; dreyza un wiglinka; es gibt viel Arbeit für die Jugend und wacinkim, die auch in den heutigen Mundarten verbreitet sind.
Festgestellt wurden auch bestimmte Adjektive (ebenso Zahlwörter und Pronomen) mit der für die zentralen, östlichen und nördlichen Mundarten Latgales charakteristischen Endung -īs, zum Beispiel kudīs „mager“ mīrs irā toboks nekay žyrnō „fett“ nataysnyeba; auch kurīs, utrīs. In den meisten Fällen wurde jedoch offenbar unter dem Einfluss der bestehenden Schreibtradition im Kalender die Endung -ais verwendet, zum Beispiel wacays gods; skaytleytoys „Leser“ mitays; sokamais wōrds; jaunays orojens.
Erwähnt werden könnte ferner die Verwendung von Kasusformen der Personalpronomen, die für A. Jūrdža Heimatmundart und die Mundarten der Umgebung charakteristisch sind, zum Beispiel pimini myusus wyssod, Diws myusim pagrīž por sweteybu, kad Diwa pi myusu nawa, was insgesamt für gedruckte latgalische Bücher nicht charakteristisch ist.
In den Handschriften sind auch für die Dialekte charakteristische Futurpartizipien mit eingeschobenem -k- belegt, etwa duszkys ar tobu; pajimskys tu naudu, sowie das unveränderliche Partizip auf -īt (-eit): reibums naredzeit’ it gotwā, die nur sporadisch in gedruckten Büchern belegt sind.
3. Morphologische Erscheinungen, die in A. Jūrdžas Heimatmundart (ebenso in den nächstgelegenen Mundarten der Umgebung) heute im Verschwinden begriffen oder bereits verschwunden sind, in handschriftlichen Büchern aber weit verbreitet waren. So wurden beispielsweise in der heutigen Nautrēni-Mundart Präsensformen von Verben, bei denen vor der Endung ein Konsonant [!] steht, nur gelegentlich in der Sprache der ältesten Generation festgestellt, zum Beispiel smukays kucensz zidla; gulbieys gulla azarā; kur laudim natryukstla mayzias; stōwla, rukas satykdama.
Eine ähnliche Situation besteht bei den Konjunktivformen der Verben mit -m- und unterschiedlichen Endungen für jede Person, zum Beispiel pisyuteytum „ich würde singen und tanzen“; kad wysas tōs bādas un nataymies saraustumem; uz kotna myužeybas izkop tumem; kab poši nabyutumiat tisoti; kab tu piečok nabyutumi apsmits; abgodotum ikšan sirdies.
Ebenso konnten in der heutigen Nautrēni-Mundart die Präteritalstämme der Verben auf -avā-, die in Handschriften recht häufig vorkommen, nur sporadisch in der Sprache der ältesten Generation festgestellt werden, zum Beispiel nu jo naudas dabowis; raudowu dinas, naktes; kotpowi Diwam; naesim damoksowuszy; naesmu sarekinowis. Es kommen jedoch auch nach diesem Muster fehlerhaft gebildete Partizip-Perfekt-Formen vor, etwa nu moju beja izgowis; daneben werden auch Präteritalformen mit -āj- (-uoj-) verwendet, zum Beispiel izwaycoja; dauzi pastrodoja. Das lässt Zweifel daran aufkommen, dass die Präteritalstämme auf -avā- auch schon vor hundert Jahren in der Nautrēni-Mundart in breitem Umfang und stabil verwendet wurden.
Die athematischen Verben iet und duot weisen dagegen in der 3. Person Präsens die Formen iem (īm), duom (dūm) auf, die heutzutage in der Nautrēni-Mundart überhaupt nicht belegt sind, in den Handschriften A. Jūrdžas aber recht häufig vorkommen, zum Beispiel lepn ieyba im pa priszku, tutayk kauns im pakaļā; tupi tay im gonus; graks smidamis i jim, bet raudodams i z im; tels cela gobots jo im; iz dum pi weyra.
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Page 7Als aus der heutigen Nautrēnu Mundart verschwunden gelten die in A. Jūrdžis Handschriften recht häufig vorkommenden Pronomen seykurs ‚jeder, jedermann‘ und kažns ‚jeder‘, zum Beispiel Diws pasorgoy s e w k u r u kristievtu cytwaku; na s i a w k u r u dinu to motia lieynikus ‚paņkūkas‘ cap; nawajag pec s e w k u r a uda sist; nu invadnika un nu skaudeybas s e w k u r a m ir jociš; s e w k u r a m cytwakam ir sows guds; nowie ar iskapti pi s e w k u r a steydzas; k a ž n u stund i, k a ž n u din; kōzas, delen, šugod byus k a ž n e j a m puikem.
Besonders zu erwähnen sind auch die sporadisch in A. Jūrdžis Handschriften belegten eng lokalen phonetischen Besonderheiten, an denen Sprecher der Nautrēnu Mundart auch heute leicht zu erkennen sind. Dazu gehört erstens ai › ei in den Wörtern kei ‚wie‘ und keids ‚was für ein‘. Auch in A. Jūrdžis Handschriften lesen wir: k e i m o s a n u m a n i s a c i d a l e j o s; as k i e y r a d z u, byus gotodni ‘izsalkuši’ pahykuši; stopins ‘slāpes’ n a s k e y t s winiu jamia. Eine weitere sprachliche Besonderheit der Nautrēnu Gegend ist der Diphthong uo › oi, wie etwa in toboik, runoit. Auch das Wort kamandawoit ist sporadisch in einer Handschrift belegt. In den handschriftlichen Büchern ist es jedoch offenbar nicht weiter verbreitet, auch deshalb, weil der Diphthong [uo] sowohl in gedruckten als auch in handschriftlichen Büchern gewöhnlich mit o oder ô wiedergegeben wird. Festgestellt wurde auch die Vokalveränderung [a], die im Wort apse auch heute noch lebendig ist: kay e p s i s topa. Alle genannten phonetischen Erscheinungen finden sich in A. Jūrdžis frühen Werken (gewöhnlich in Märchen in direkter Rede) oder auch in Briefen. In späteren Werken hat der Autor sie offenbar bewusst vermieden und sich dabei an die Schreibtradition gehalten.
Bei der Untersuchung des Zusammenspiels von Mundart und Norm der Schriftsprache in Andrivs (sic) Jūrdžis handschriftlichen Büchern können wir feststellen, dass der Autor nach und nach eine eigene individuelle Schreibtradition entwickelte, in der die Wiedergabe sprachlicher Erscheinungen seiner heimischen Mundart zunehmend an Gewicht gewann. Noch einmal sei daran erinnert, dass während des Druckverbots die handschriftliche Literatur von den lettischen Bauern Latgales geschaffen wurde und so die Kontinuität des latgalischen Schreibens und des literarischen Prozesses sowie die Bewahrung der lettischen Identität während des Druckverbots sicherte.
MUNDART, NORM UND TRADITION IN DER HANDSCHRIFTLICHEN LITERATUR DER LATGALEN
Zusammenfassung
In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts galt in Lettland wie auch in Litauen ein Druckverbot. Da die wenigen im Ausland veröffentlichten und auf Schmuggelwegen nach Latgale eingeführten Bücher den Bedürfnissen der Bauern nicht gerecht werden konnten, traten unter ihnen Buchabschreiber auf, die zunächst Gebetbücher und Gesangbücher abschrieben. Nach und nach erweiterten sich die Funktionen des Abschreibens: Von Hand wurden auch weltliche Schriften, Ratschläge für Bauern und volkskundliches Material abgeschrieben sowie handschriftliche Kalender zusammengestellt. Daher lässt sich von einer ganzen Periode in der Geschichte der latgalischen Schriftsprache sprechen – der Periode der handschriftlichen Bücher.
Der Artikel untersucht die handschriftliche Literatur Latgales unter linguistischem Gesichtspunkt und befasst sich mit dem Werk von Andrivs Jūrdžis (1845–1925), dem bekanntesten Buchabschreiber Latgales. Untersucht werden die vor dem Druckverbot entstandene Tradition der latgalischen Schriftsprache und das spontan entstandene Verhältnis zwischen den Normen dieser Sprache und der heimischen Mundart. Das untersuchte Material lässt den Schluss zu, dass Andrivs Jūrdžis durch eine eigene individuelle Schreibweise und Tradition gekennzeichnet ist, in der ein starker Einfluss
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Page 8der heimischen Mundart erkennbar ist. Es sei daran erinnert, dass die Autoren der vor dem Druckverbot veröffentlichten latgalischen Bücher überwiegend Nicht-Letten waren, während die handschriftliche Literatur von den lettischen Bauern Latgales selbst geschaffen wurde und so die Kontinuität der latgalischen Schreibweise und des literarischen Prozesses gewährleistete.
DIALEKT, STANDARD UND TRADITION IN DER HANDSCHRIFTLICHEN LITERATUR DER LATGALEN
Zusammenfassung
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts litten die Letten in Latgale (wie auch die Litauer) unter dem Verbot des lateinischen Alphabets. Einige latgalische Bücher wurden außerhalb dieser Region gedruckt und gelangten anschließend als Schmuggelware nach Latgale. Diese Bücher waren sehr teuer und konnten den Bedarf nicht vollständig decken. Bald traten einige Menschen auf, einfache latgalische Bauern, die Gebetbücher, Katechismen und praktische Ratschläge von Hand abschrieben. Sogar handgeschriebene Kalender wurden zusammengestellt. So können wir von einer ganzen Periode in der Geschichte der latgalischen Schriftsprache sprechen – der handschriftlichen Literatur.
Der vorliegende Artikel untersucht die handschriftliche Literatur aus sprachwissenschaftlicher Sicht und analysiert dabei die Werke eines der berühmten Handschriftenschreiber, Andrivs Jūrdžs (1845–1925). Das Zusammenspiel der vor dem Druckverbot entstandenen latgalischen Schriftsprache, ihrer spontanen Tendenzen zur Standardisierung und des Einflusses des heimatlichen Dialekts des Schreibers wird eingehend untersucht.
Das analysierte Material lässt den Schluss zu, dass Andrivs Jūrdžs eine eigene, individuelle Schreibtradition geschaffen hat, die dem heimischen Dialekt nähersteht.
Es sollte erwähnt werden, dass die Verfasser der vor dem Verbot erschienenen latgalischen Bücher keine Letten waren; eine Tradition handschriftlicher Literatur wurde jedoch von lettischen Bauern gepflegt, die so die Kontinuität der heimischen literarischen Tradition sicherstellten.
Anna STAFECKA
Institut für Lettische Sprache der Universität Lettlands, Akadēmijas lauk. 1, LV-1050, Riga, Lettland. E-Mail: [email protected]
Eingegangen am 01.06.1999
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