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BIRUTĖ KLAAS-LANG

Universität Tartu

LEITLINIEN ZUR ESTNISCHEN SPRACHPOLITIK: STRATEGISCHER PLAN UND SEINE UMSETZUNG

SCHLÜSSELWÖRTER: estnische Sprache, Sprachpolitik, Sprachkontinuität.

EINLEITUNG

Der Gebrauch der estnischen Sprache in allen Bereichen des Gebrauchs der Standardsprache ist für die Estinnen und Esten von heute so alltäglich und selbstverständlich, vielleicht sogar ewig, dass man nicht immer an ihren Schutz und ihre Wertschätzung denkt. In den vergangenen hundert Jahren war die Lage der estnischen Sprache noch nie so gut wie heute. Die estnische Sprache, die etwas mehr als eine Million Menschen als Muttersprache sprechen, gehört unter den 7.000 Sprachen der Welt nach der Zahl ihrer Sprecherinnen und Sprecher zu den 300 meistgesprochenen Sprachen. Außerdem verbessern sich in Estland die Fähigkeiten im Estnischen als Zweitsprache rasch. Jedes Jahr lernen an dreißig Universitäten weltweit etwa tausend Studierende die estnische Sprache und Kultur kennen. Weltweit gibt es etwa hundert Sprachen, in denen eine vollständige Hochschulausbildung möglich ist, und Estnisch ist eine davon. Eine der größten Errungenschaften in den ersten 100 Jahren des Bestehens der Republik Estland ist zweifellos die Möglichkeit, eine Hochschulausbildung in der Muttersprache zu absolvieren. Estnisch gehört zu den fünfzig technologisch fortschrittlichsten Sprachen der Welt. Die estnische Sprache wird durch die Verfassung und das Sprachgesetz geschützt; außerdem ist sie eine offizielle Sprache der Europäischen Union und verfügt über alle damit verbundenen Rechte und Pflichten. Darüber hinaus wird nicht nur die Standardsprache gepflegt, sondern es gilt auch allen estnischen Sprachvarietäten, insbesondere den regionalen, Interesse.

Der Artikel gibt einen Überblick über das soziolinguistische Umfeld Estlands und den rechtlichen Rahmen der estnischen Sprache und untersucht, wie Estland durch strategische Sprachplanung zur Erforschung, Entwicklung und Kontinuität der estnischen Sprache beigetragen hat.

1. SOZIOLINGUISTISCHES UMFELD ESTLANDS

Nach Angaben des Statistikamts Estlands lebten 2016 in Estland 1,313 Millionen

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der Einwohner1. Gemessen an der Einwohnerzahl ist Estland eines der kleinsten Länder Europas und bleibt sogar um das 14-Fache hinter dem sogenannten Durchschnittswert der Länder der Europäischen Union zurück. Den Daten der Volks- und Wohnungszählung von 2011 zufolge2 leben in Estland Angehörige von 192 Nationalitäten: 68,7 Prozent der ständigen Einwohner sind Esten (889 770), 24,8 Prozent Russen (321 198) und 1,7 Prozent Ukrainer (22 302). Weniger als 1 Prozent sind Belarussen (12 419) und Finnen (7 423). Insgesamt gibt es in Estland 37 Nationalitäten, deren Angehörige jeweils mehr als 100 Personen zählen. Verglichen mit den Daten der Volkszählung von 20003 stieg die Zahl der Esten um 1 Prozent, während die der Russen um genau denselben Anteil sank. Seit 1989 geht die Einwohnerzahl aufgrund von Auswanderung und niedriger Geburtenrate zurück; besonders stark nimmt die Zahl der Anderssprachigen ab (Eesti inimarengu aruanne 2007: 48). In den vergangenen zwei Jahren hat sich jedoch das Verhältnis von Aus- und Einwanderung in Estland ausgeglichen, und 2015 war die Einwanderung erstmals höher als die Auswanderung: 2015 kamen 15 413 Menschen nach Estland, 13 003 Menschen verließen das Land4, das heißt, die Einwanderung glich den durch den negativen natürlichen Bevölkerungssaldo bedingten Rückgang der Einwohnerzahl aus.

In Estland werden 157 Sprachen als Muttersprachen gesprochen. Innerhalb von zehn Jahren ist Estland noch mehrsprachiger geworden: Bei der vorherigen Volkszählung wurden 109 Sprachen als Muttersprachen angegeben. Am häufigsten werden Estnisch (886 859 – 68,5 Prozent), Russisch (383 062 – 29,6 Prozent) und Ukrainisch (8012 – 0,6 Prozent) als Muttersprachen gesprochen5.

Die Estnischkenntnisse der anderssprachigen Einwohner Estlands haben sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert.

Die bisher durchgeführten Untersuchungen zeigen, dass der Anteil der 15- bis 74-jährigen Anderssprachigen, die angeben, Estnisch aktiv oder zumindest passiv zu beherrschen, von 34 Prozent (1997) und 40 Prozent (2007) auf 85 Prozent (2016) gestiegen ist6. Auch das Monitoring des estnischen Integrationsprogramms „Umsetzung der Ziele der Vision des estnischen Integrationsprogramms 2008–2013 in den Jahren 2008–2009“, das 2010 von der Forschungsgruppe des Professors der Universität Tallinn Raivo Vettik durchgeführt wurde, zeigt, dass sich die Estnischkenntnisse russischsprachiger Menschen in den vergangenen Jahren nach ihrer eigenen Einschätzung erheblich verbessert haben (LK monitooring 2010). Die Analyse statistischer Daten zeigt jedoch, dass es in Estland noch immer viele Menschen gibt,

1 Eesti Statistikaamet [Estnisches Statistikamt], online verfügbar unter: http://www.stat.ee/72428.

2 Eesti Statistikaamet [Estnisches Statistikamt], online verfügbar unter: http://www.stat.ee/64309?parent_id=32784.

3Eesti Statistikaamet [Estnisches Statistikamt], online verfügbar unter: http://www.stat.ee/64628?parent_id=32784.

4 Eesti Statistikaamet [Estnisches Statistikamt], online verfügbar unter: http://www.stat.ee/277525.

5 Eesti Statistikaamet [Estnisches Statistikamt], online verfügbar unter: http://www.stat.ee/64309?parent_id=32784.

6 Eesti Kultuuriministeerium [Estnisches Kulturministerium], online verfügbar unter: http://www.kul.ee/sites/kulminn/files/6_faktileht_a4_keelteoskus.pdf.

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die die Staatssprache im gesellschaftlichen und beruflichen Leben nicht auf dem erforderlichen Niveau beherrschen.

2. KRITERIEN DER SPRACHVITALITÄT UND DIE ESTNISCHE SPRACHE

Die estnische Sprache ist in eine völlig neue soziolinguistische Umgebung gelangt, die durch Globalisierung und Mehrsprachigkeit in Gesellschaft, Schule und Familie sowie durch die Entwicklung der Technologie geprägt ist. Daher müssen wir uns damit abfinden, dass wir in unserer Umgebung zwei, drei oder noch mehr Sprachen hören. Ein mehrsprachiger Este ist die Regel, nicht die Ausnahme. Die Mehrsprachigkeit des Einzelnen und des Staates ist ein großer Reichtum, den es zu bewahren und zu fördern gilt. Doch wie lässt sich in dieser neuen Situation das Überleben und die Entwicklung der estnischen Sprache gewährleisten?

Bei der Erörterung des Konzepts der Sprachvitalität und ihrer Kriterien hatten Wissenschaftler vor allem kleine und vom Aussterben bedrohte Sprachen im Blick. So bat die UNESCO 2002–2003 eine internationale Gruppe von Linguisten, ein Dokument zu erarbeiten, anhand dessen sich die Vitalität einer Sprache bewerten ließe und das zur Gestaltung der Sprachpolitik, zur Ermittlung des Sprachbedarfs und geeigneter Schutzmaßnahmen beitragen sollte. Zu diesem Zweck erarbeitete die Expertengruppe für bedrohte Sprachen Leitlinien für das Konzept. Das Dokument mit dem Titel „Sprachvitalität und Bedrohung des Aussterbens“ enthält neun Kriterien (Brenzinger et al. 2003): 1) Weitergabe der Sprache von Generation zu Generation, 2) absolute Zahl der Sprecher, 3) Verhältnis der Sprecherzahl zur Gesamtbevölkerung, 4) Veränderung der Verwendungsbereiche der Sprache, 5) Reaktion auf neue Bereiche und Medien, 6) Verfügbarkeit von Sprachlernmaterialien und Alphabetisierungsgrad, 7) Haltung und Politik der Regierung und der Institutionen, 8) Einstellung der Mitglieder der Gemeinschaft zu ihrer Sprache, 9) Art und Qualität der Dokumentation.

Nach soziolinguistischen Definitionen gehört das Estnische, das etwas mehr als eine Million Menschen als Muttersprache sprechen, nicht zu den vom Aussterben bedrohten Sprachen, da es den Status einer Staatssprache besitzt, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verwendet wird – vom Alltag und der Wirtschaft bis hin zur Wissenschaft –, auf allen Bildungsstufen von der Grundschule bis zum Promotionsstudium die wichtigste Unterrichtssprache ist, sowohl zu Hause als auch im digitalen Raum verwendet wird und die Zahl seiner Sprecher wächst. Dennoch muss die Sprachvitalität in der heutigen globalen Welt besonders geschützt werden, selbst wenn eine Sprache mehr als eine Million Sprecher hat (vgl. Crystal 2000).

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an Untersuchungen und Prognosen besonders stark gewachsen, die sich damit befassen, wie Globalisierung, ein offener und mobiler Arbeitsmarkt sowie ein offener und dynamischer Bildungsraum Sprachen beeinflussen können, die nach den zuvor genannten Kriterien als soziolinguistisch nachhaltig gelten. Der Status als Staatssprache

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und eine sprachfördernde Infrastruktur gewährleisten nicht unbedingt die Nachhaltigkeit einer Sprache, da Englisch zunehmend in den Bereichen Bildung, Handel und Wirtschaft verwendet wird und die Migrationsströme zu einer größeren Vielfalt (engl. super-diversity) in der Gesellschaft geführt haben (Vertovec 2007, 2010). Die möglichen Auswirkungen des globalen Englischen auf die Nachhaltigkeit von Minderheitensprachen sind weithin anerkannt (Skutnabb-Kangas 2000; Phillipson 2003, 2009; Hagege 2006; Canagarajah 2007, Klaas-Lang, Metslang 2015, Klaas-Lang 2016). Zahlreiche forschungsbasierte staatliche Programme wurden ins Leben gerufen (zum Beispiel in Schweden, Estland und Finnland), um das Funktionieren der Staatssprache in allen Lebensbereichen sicherzustellen (Mäl i mun 2002; EKAS 2004; Hakulinen et al. 2009; EKA 2011). Infolgedessen musste der Bereich der Förderung von Minderheitensprachen zu einem Ansatz erweitert werden, der die Nachhaltigkeit von Sprachen in den Blick nimmt und das Zusammenwirken globaler, staatlicher und Minderheitensprachen in der modernen Informationsgesellschaft berücksichtigt (Ehala 2010, Soler-Carbonell 2012, Ehala et al. 2014).

3. DOKUMENTE ZUR VERANKERUNG DES STATUS DER ESTNISCHEN SPRACHE ALS STAATSSPRACHE

Damit eine Sprache erfolgreich funktionieren kann, müssen ihr rechtlicher Geltungsbereich gewährleistet und geregelt werden. In Estland ist Estnisch gemäß dem Sprachgesetz von 1989 und seinen späteren Fassungen Staatssprache. Dabei ist zu beachten, dass das erste Sprachgesetz noch vor der Wiederherstellung der estnischen Unabhängigkeit verabschiedet wurde und damals Sprachgesetz der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik hieß. Artikel 60 dieses Gesetzes bestimmte: „Die Staatssprache der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik ist Estnisch. In Estland, dem angestammten Heimatland der Esten, widmet der Staat der estnischen Sprache besondere Aufmerksamkeit und schützt sie. Die Verleihung des Status einer Staatssprache an Estnisch bildet eine solide Grundlage für den Fortbestand und die Entwicklung des estnischen Volkes und seiner Kultur“ (Keeleseadus 1989). Am 23. Februar 2011 verabschiedete das estnische Parlament eine überarbeitete Fassung des Sprachgesetzes, deren Ziel – wie das des früheren Sprachgesetzes und seiner Änderungen – darin besteht, „die estnische Sprache zu entwickeln, zu erhalten und zu schützen sowie sicherzustellen, dass Estnisch in allen Bereichen des öffentlichen Lebens die vorrangige Sprache der Kommunikation ist“ (EV Keeleseadus 2011: 1.pt, §1). Das neue Sprachgesetz bestimmt außerdem: „Die Staatssprache Estlands ist Estnisch“ (EV Keeleseadus 2011: 2.pt, §3, lõige (1)).

Der rechtliche Schutz des Estnischen wurde auch in der Verfassung der Republik Estland verankert (EV Põhiseadus 2011). Darin heißt es, der Staat müsse dafür sorgen, dass das estnische Volk, seine Sprache und Kultur über die Zeiten hinweg erhalten bleiben. Artikel 6 der Verfassung bestimmt, dass Estnisch die Staatssprache ist. Der Staat ist verpflichtet, das Recht jedes Einzelnen auf Bildung in estnischer Sprache zu gewährleisten (37

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(Art.), das Recht jeder Person, Angelegenheiten zu erledigen und mit staatlichen Behörden auf Estnisch zu kommunizieren (Art. 51) sowie Angelegenheiten in staatlichen Einrichtungen und Gemeinden auf Estnisch zu erledigen (Art. 52). Leider kann man derzeit nicht behaupten, dass das Estnische als Staatssprache in allen Regionen Estlands und allen Lebensbereichen reibungslos funktioniert – sei es bei der Erledigung von Angelegenheiten und der Verbraucherinformation oder bei der Sprache von Wahlkampagnen und den Estnischkenntnissen gewählter Volksvertreter oder höchster kommunaler Amtsträger. Um die gesetzlich festgelegten Rechte zu gewährleisten, kümmert sich der Staat durch die Sprachinspektion7 in erster Linie um den Schutz der Sprache.

4.

STRATEGISCHER PLAN ZUR FÖRDERUNG DER ESTNISCHEN SPRACHE UND SEINE UMSETZUNGSKONTROLLE

Bei der Ausarbeitung eines strategischen Plans zur Sprachförderung liegt der Schwerpunkt auf drei wichtigsten Aspekten der Sprache: dem Sprachstatus, der Sprachstruktur (dem Sprachsystem und dem Sprachgebrauch) sowie dem Sprachunterricht (Stewart 1968; Wiley 2003; Mansoor 2005; Ferguson 2006 usw.). Nationale Rechtsvorschriften und eine bewusste Imagegestaltung tragen dazu bei, den erforderlichen Sprachstatus zu sichern; eine bewusste und wissenschaftliche Entwicklung der Sprachstruktur gewährleistet, dass die Sprache als flexibles und modernes Mittel in allen denkbaren Lebensbereichen verwendet werden kann, und sichert eine einheitliche Standardsprache sowie die technische Unterstützung der Sprache im elektronischen Umfeld. Es ist sehr wichtig, sich auch um die Sprache als Ressource zu kümmern, denn eine gepflegte Standardsprache bildet die Grundlage für die Verwaltungssprache, die Unterrichtssprache, die Wissenschaftssprache, die Sprache öffentlicher Informationen und weitere Sprachgebrauchsvarianten, die für Gesellschaft und Staat unerlässlich sind. Der dritte Bereich der strategischen Sprachplanung – der Sprachunterricht – gewährleistet die Weitergabe der Sprache (insbesondere der Standardsprache, d. h. einer einheitlichen, normierten Sprachvariante) von Generation zu Generation. Der Status des Estnischen als Amtssprache der Europäischen Union stellt wesentlich höhere Anforderungen an die Förderung und den Unterricht der estnischen Sprache.

Der estnische Staat betreibt seit nunmehr 18 Jahren strategische Sprachplanung. Mit einem Beschluss vom 21. April 1998 beauftragte die Regierung das Bildungsministerium (heute Ministerium für Bildung und Forschung) mit der Ausarbeitung einer Strategie zur Förderung der estnischen Sprache. Im Jahr 2000 wurde auf Anordnung des Bildungsministers ein Organisationskomitee für das Europäische Jahr der Sprachen in Estland gegründet, das später zum Estnischen Sprachrat8 wurde. Eine seiner Aufgaben

7 Eesti Keeleinspektsioon [Sprachinspektion Estlands], online abrufbar unter: http://www.keeleinsp.ee/?lang=1.

8 Die Autorin des Artikels ist seit 2005 Vorsitzende des Estnischen Sprachrats.

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bestand darin, die erwähnte Strategie auszuarbeiten. „Der Estnische Sprachrat berät die Regierung der Republik Estland in Fragen der Entwicklung und Umsetzung der Sprachpolitik“ (EV Keelesedus 2011: 2.pt, § 7). Am 5. August 2004 genehmigte die Regierung der Republik Estland die Strategie zur Förderung der estnischen Sprache für die Jahre 2004–2010 (est. EKAS), und am 11. November 2010 deren Fortsetzung – den Strategischen Plan zur Förderung der estnischen Sprache 2011–2017 (est. EKA) sowie dessen Umsetzungsplan, den das Ministerium für Bildung und Forschung in Zusammenarbeit mit dem Estnischen Sprachrat ausarbeitete.

Der erste Plan zur Sprachförderung wurde ins Englische, Russische, Finnische und Ungarische übersetzt. Die gedruckte und die elektronische Fassung des aktuellen Förderplans sind auf Estnisch und Englisch verfügbar9.

Vor der Verabschiedung des Strategiedokuments wurden Untersuchungen zur Sprachstruktur, zum Sprachstatus, zur Rechtslage, zum Bildungswesen, zur Forschung, zu Regionalsprachen und zur Entwicklung von Sprachentechnologien durchgeführt; außerdem wurde unter anderem die Funktionsweise einer mehrsprachigen Gesellschaft untersucht. Zweifellos war eine derart umfassende Untersuchung des Estnischen die erste in der Geschichte unserer Sprache. Man kann auch sagen, dass der 2004 ausgearbeitete strategische Förderplan trotz seiner objektiven und subjektiven Mängel besonders wichtige Leitlinien für die Förderung der estnischen Sprache darstellte. In dieser Strategie zur Förderung der estnischen Sprache formulierte der estnische Staat seine Ziele klar und legte einen konkreten Aktionsplan zur Sprachförderung vor.

Die Förderpläne von 2004 und 2011 behandeln alle wichtigsten Bereiche der estnischen Sprache: Sprachpflege, Forschung und Ressourcen der estnischen Sprache, technische Sprachunterstützung, allgemeine Bildung auf Estnisch, Estnisch im allgemeinen Bildungssystem für Anderssprachige, Estnischkenntnisse von Lernenden in der beruflichen Bildung, die Sprache von Wissenschaft und Hochschulbildung, regionale Varietäten des Estnischen, die estnische Sprache im Ausland, den Sprachgebrauch von Menschen mit besonderem sprachlichem Förderbedarf, das Estnische im Kontext anderer Sprachen und seine Vertretung auf internationaler Ebene, die Überwachung der Einhaltung des Sprachgesetzes sowie die Information über Sprachfragen.

2011 genehmigte die Regierung die Zusammensetzung des Estnischen Sprachrats. Ihm gehören Sprachwissenschaftler, Vertreter von Ministerien, Behörden und Künstlerverbänden, Politiker und andere an. Es handelt sich also um eine sehr breit zusammengesetzte Gruppe, der eine gute Lage der estnischen Sprache wichtig ist; der Beitrag jedes ihrer Mitglieder besteht nicht nur in Fachkenntnissen (die nicht zwingend sprachwissenschaftlicher Art sein müssen), sondern auch in sozialer Sensibilität in Sprachfragen. Anders als die Staatliche Litauische Sprachkommission befasst sich der Estnische Sprachrat nicht mit der Sprachregelung. Die Sprache

9 Eesti Haridus- ja Teadusministeerium [Ministerium für Bildung und Forschung Estlands], online abrufbar unter: https://www.hm.ee/sites/default/files/eestikeelearengukavainglise.indd_.pdf.

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Die Normierung in Estland wird von der Gesellschaft für die Muttersprache10 betreut. Die Arbeit des Estnischen Sprachrats beschränkt sich auf Sprachpolitik.

In Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Bildung und Forschung legt der Sprachrat der Regierung alle zwei Jahre Übersichten über die Lage der estnischen Sprache sowie über die Umsetzung des Entwicklungsplans für die estnische Sprache und anderer strategischer Sprachpläne vor. Von den heutigen strategischen Dokumenten und vor allem von den daraus abgeleiteten Maßnahmenplänen wird erwartet, dass sie innerhalb relativ kurzer Zeit Ergebnisse erzielen, die bewertet werden können und ein bestimmtes Gebiet oder eine Organisation auf ein höheres Niveau heben sollen. Bei der Planung einer Strategie zur Sprachentwicklung ist es schwierig, solche messbaren Indikatoren anzugeben; im Kontext der Globalisierung kann für die estnische Sprache bereits die Bewahrung ihrer bisherigen Positionen als Fortschritt gelten (insbesondere angesichts des Einflusses des Englischen). Sowohl im Entwicklungsplan als auch in den Zwischenberichten ist für jede Maßnahme ein bestimmter Indikator vorgesehen, der den Fortschritt in einem konkreten Anwendungsbereich der Sprache anzeigen soll. Diese Indikatoren sollten jedoch kritisch bewertet werden. Nicht alles, was wichtig ist, lässt sich messen. Und was sich messen lässt, ist nicht unbedingt wichtig.

Natürlich sind für die Umsetzung der in strategischen Entwicklungsplänen vorgesehenen und vereinbarten Maßnahmen bestimmte Mittel erforderlich. Daher ist es sehr wichtig, dass Entwicklungspläne und die Planung des Staatshaushalts aufeinander abgestimmt werden. Der Zusammenhang zwischen der Finanzierung des Sprachbereichs und den Entwicklungsplänen ist recht offensichtlich: Sowohl der frühere als auch der derzeit geltende Entwicklungsplan bilden die Grundlage für die Haushaltsplanung des Ministeriums für Bildung und Forschung im Sprachbereich. Die für die Entwicklung der estnischen Sprache vorgesehenen Aktivitäten werden aus den Haushalten des Staates und der lokalen Selbstverwaltungen, der Universitäten und Forschungseinrichtungen, staatlicher Programme, verschiedener Fonds, Zuschüsse, Sonderzuweisungen und unterschiedlicher Agenturen finanziert. Der konkrete Entwicklungsplan für 2011–2017 umfasst ein Budget von 61 Millionen Euro; darin enthalten sind auch gesondert finanzierte staatliche Programme (siehe die Website des Ministeriums für Bildung und Forschung11:

Erstellung und Veröffentlichung estnischsprachiger Lehrbücher für die Hochschulbildung (2008–2012; das derzeit laufende Programm 2013–2017); mehr als 50 Lehrbücher aus verschiedenen Fachgebieten wurden erstellt oder übersetzt;

Förderung der estnischen Terminologie (2008–2012, 2013–2017);

Sprachtechnologie (2006–2010, 2011–2017);

10 Emakeele Selts [Gesellschaft für die Muttersprache], online verfügbar unter:

http://www.emakeeleselts.ee/yritused/ES_english.pdf.

11 Eesti Haridus- ja Teadusministeerium [Ministerium für Bildung und Forschung Estlands], online verfügbar unter:

https://htm.ee/et.

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estų kalbos ir kultūros atmintis (2009–2013, 2014–2018); remiami estų kalbos moksliniai tyrimai. Naujosios programos prioritetas – remti monografijų leidimą;

Programm für akademische Studien zur estnischen Sprache und Kultur im Ausland (2005–2010, 2011–2017).

Die Umsetzung des Entwicklungsplans für die estnische Sprache 2011–2017 wird Ende 2017 zusammenfassend ausgewertet; Zwischenberichte zeigten jedoch, dass die Ziele im Sprachbereich insgesamt erfolgreich umgesetzt werden. Die für alle Maßnahmen vorgesehenen Aufgaben wurden erfüllt, und mehrere konkrete Ziele wurden erreicht: Mehrere wichtige Wörterbücher wurden veröffentlicht, Programme für angewandte Sprachtechnologien wurden in Gebrauch genommen, in den vergangenen zwei Jahren kamen an den Universitäten Tartu und Tallinn 20 neue Doktorinnen und Doktoren zum Kreis der Forschenden in allgemeiner Sprachwissenschaft und verwandten Sprachen hinzu, Schülerinnen und Schüler werden in großer Zahl in öffentliche Veranstaltungen zum Thema Sprache einbezogen; Immersion (engl. language immersion, est. keelekümblus) und integrierter Fach- und Sprachunterricht werden an estnischen Schulen mit anderssprachigem Unterricht immer beliebter; die Zahl hochrangiger wissenschaftlicher Publikationen mit Artikeln auf Estnisch ist deutlich gestiegen; Prüfungen in estnischer Sprache auf verschiedenen Niveaus werden nun auch in anderen Ländern abgelegt; die wichtigsten estnischen Wörterbücher sind online verfügbar; ein Online-Wörterbuch Estnische Gebärdensprache–Estnisch wurde erstellt; eine staatliche Prüfung in einer Fremdsprache ist für Abiturientinnen und Abiturienten verpflichtend geworden usw.

Neben den erreichten Fortschritten gibt es jedoch weiterhin Bereiche und Ziele, die in diesen Jahren nicht verwirklicht wurden: Der Beruf der Estnischlehrkraft findet nicht genügend Interesse; in einigen, vor allem russischsprachigen Regionen, insbesondere im Landkreis Ida-Viru, ist die Motivation der Schülerinnen und Schüler, Estnisch zu lernen, gering; die Möglichkeiten, Estnisch im Alltag zu verwenden, sind begrenzt; die Estnischkenntnisse von Schülerinnen und Schülern, die eine berufliche Ausbildung auf Russisch absolvieren, sind recht schwach; junge Menschen können nach Abschluss ihrer Berufsausbildung ihre Arbeitsaufgaben in einem estnischsprachigen Arbeitsumfeld häufig nicht bewältigen. Im Hochschulbereich nimmt die Zahl der Studiengänge auf Englisch zu, weshalb Estnisch in einigen Bereichen seine Rolle als Unterrichts- und Wissenschaftssprache verliert. Trotz der Bemühungen auf staatlicher wie lokaler Ebene ziehen sich die Dialekte weiterhin aus dem alltäglichen Gebrauch zurück; es gibt nicht genügend Fachkräfte für Gebärdensprache, darunter Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher, um alle notwendigen Aktivitäten anzustoßen und umzusetzen; die Zahl der Studienplätze für estnische Sprache und Kultur an ausländischen Universitäten ist gesunken; aufgrund finanzieller Engpässe stockt die Entwicklung des Zugangs zu Anwendungen der Sprachtechnologie; zur Lösung mehrerer sprachpolitischer Rechtsfragen fehlt der politische Wille.

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5. ZUSAMMENFASSUNG

Um eine Sprache zu bewahren, bedarf es eines rechtlichen Umfelds, das ihren Erhalt gewährleistet und festlegt, dass dieses kleine Fleckchen Erde am Rande Europas der einzige Ort ist, an dem Estnisch privilegiert sein sollte. Um eine Sprache zu bewahren, muss sie zu Hause und in der Schule von Generation zu Generation weitergegeben werden. Am wichtigsten ist jedoch der Wunsch und Wille der Sprachgemeinschaft, Estnisch zu verwenden. Einstellungen und Motivation sind wichtige Faktoren für den erfolgreichen Fremdsprachenunterricht. Die Einstellungen und die Motivation der Sprachgemeinschaft sind für den Fortbestand der Muttersprache zweifellos von Bedeutung. Eine Sprache kann sich entwickeln und unversehrt fortbestehen, wenn sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit verwendet wird. Wenn wir Estnisch weiterhin verwenden, können wir kaum von wirtschaftlicher Effizienz sprechen. Im engen wirtschaftlichen Sinne kann eine Sprache mit einer so kleinen Sprechergruppe nicht gleichberechtigt mit den „Weltsprachen“ konkurrieren. Damit Estnisch verwendet wird, muss man sich dafür einsetzen.

Auf Grundlage der Erfahrungen mit der strategischen Planung für die estnische Sprache lassen sich den Verfasserinnen und Verfassern von Sprachentwicklungsplänen zusammenfassend folgende Empfehlungen geben:

1. Um Ziele festzulegen und Maßnahmen zu planen, mit denen diese erreicht werden sollen, muss ein genaues Bild der Lage der Sprache in sämtlichen Verwendungsbereichen erstellt werden.

2. Vision und Ziele müssen durch konkrete, auf staatlicher Ebene verabschiedete Maßnahmenpläne gestützt werden. Die finanzielle Unterstützung des Staates für die Umsetzung dieser Maßnahmenpläne muss gewährleistet sein.

3. Für den gesamten Entwicklungsplan und jede einzelne Maßnahme muss eine konkret verantwortliche Person benannt werden.

4. Eine kontinuierliche Überwachung ist erforderlich: Sind die Ziele im Laufe der Zeit und angesichts des gesellschaftlichen Wandels weiterhin relevant? Gewährleisten die Maßnahmen hinreichend, dass die gesetzten Ziele erreicht werden? Und so weiter.

5. Es besteht Informationsbedarf: Diskussionen zu Sprachfragen müssen gefördert und die Steuerzahler informiert werden, um die Zufriedenheit der Gesellschaft und der Menschen mit den geplanten Maßnahmen sicherzustellen.

LITERATŪROS SĄRAŠAS

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