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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, II LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA

NEUE ARBEITEN ÜBER DIE LITAUISCHEN MUNDARTEN

A. VIDUGIRIS

Interessantes und wertvolles Material für die litauische Dialektologie liefern die isolierten, kleinen und vom Aussterben bedrohten litauischen Sprachinseln auf dem Gebiet der Belorussischen SSR. Ihnen widmen sowjetische Sprachwissenschaftler viel Aufmerksamkeit, da dieses Material beträchtliche Erkenntnisse über die Entwicklung der litauischen Mundarten und die Problematik der baltisch-slawischen Sprachbeziehungen vermittelt. Ein Teil dieses Materials wurde von unseren Sprachwissenschaftlern bereits veröffentlicht1; ein Aufsatz und einige Texte erscheinen in dieser Aufsatzsammlung, gesonderte Beschreibungen dieser Mundarten werden für den Druck vorbereitet. Über diese Mundarten erscheinen Arbeiten auch im Ausland. Nun soll die Aufmerksamkeit auf die Arbeiten der norwegischen Sprachwissenschaftler und Professoren, der Akademiemitglieder O. Broch und Ch. S. Stang, gelenkt werden.

Der Professor der Universität Oslo, Ch. S. Stang, veröffentlichte seine ersten bedeutenden Untersuchungen zur litauischen Sprache und ihren Mundarten vor mehreren Jahrzehnten2. Etwa zur selben Zeit sammelte er Material im Dorf Zasečiai im damaligen Bezirk Zietela (Diatlovo) der Belorussischen SSR, wo es zu jener Zeit noch zahlreiche litauischsprachige Menschen gab. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind nun veröffentlicht worden.3 Dies ist, so kann man sagen, die erste Beschreibung der litauischen Mundart des Bezirks Zietela.

Zwar hatte E. Volteris bereits 1888, als er sich dort aufhielt, Angaben zur Grammatik und Phonetik der Mundart von Zietela sowie einige Texte vorgelegt (diese besitzen heute nur noch vergleichenden historischen Wert).4 Später, etwa 1928–1929, besuchte der estnische Sprachwissenschaftler P. Arumaa diese Mundart und zeichnete eine Sammlung von Mundarttexten mit Kommentaren und grammatischen Erläuterungen auf, die er auch veröffentlichte.5 Doch P. Arumaa legte diese grammatischen Bemerkungen zur Mundart ohne System vor. Daher ist der 30-seitige Aufsatz von Chr. S. Stang, der die wichtigsten phonetischen und morphologischen Merkmale der Mundart von Zietela systematisch darlegt, von beträchtlicher Bedeutung.

1 J. Senkus, Einige Besonderheiten der Mundart von Lazūnai. — „Arbeiten der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR“, Reihe A, 1, 183—194, Vilnius, 1958.

2 Chr. S. Stang, Die Sprache des litauischen katechismus von Mažvydas, Oslo, 1929; G. Gerullis ir Chr. Stangas, Lietuvių žvejų tarmė Prūsuose, Kaunas 1933.

3 Chr. S. Stang, Die litauische Mundart von Zasėčiai im Gebiet von Wilna. — „Norsk Tidsskrift for Sprogvidenskap“, Bind XVIII, S. 171—201 (1958).

4 E. Wolter, Die Litauer im Kreise Slonim, Gouv. Grodno. „Mitteilungen der litauischen litterarischen Gesellschaft“, 4, 166—169, Heidelberg (1899).

5 P. Arumaa, Litauische mundartliche Texte aus der Wilnaer Gegend, 41—53, 68—75, Dorpat, 1931.

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Die Dörfer Zasečiai und Pagiriai im Kreis Zietela, in denen man auch heute noch Angehörige der älteren Generation antreffen kann, die Litauisch sprechen, bilden die am weitesten südlich jenseits der Grenze unserer Republik gelegene litauische Sprachinsel. Ihre Entstehung erklären die Wissenschaftler unterschiedlich. Die einen betrachten die Litauer dieses Ortes als Zeugen des südlichen Randes des alten baltischen Siedlungsgebiets, die anderen halten sie für Zugewanderte. So betrachtete beispielsweise E. Volteris den Dialekt von Zietela als litauisierte Mundart zugewanderter alter Prußen (Jatwinger?). Wie andere Autoren stützt sich auch Volteris bei seiner Beweisführung vor allem auf die Aussprache von ž anstelle von lit. ž in Wörtern wie: ža˙šs ~ žąsis, žver˙is, bazn˙˙ča⁶. Chr. S. Stangas widerspricht dieser Auffassung. Als eine Eigenheit der prußischen Sprache könne seiner Meinung nach der Laut ž nur im Wort za˙sis gelten; in den anderen Wörtern sei dieser Laut höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss des Weißrussischen entstanden. Daher sei der Dialekt von Zietela rein litauisch und unterscheide sich von der Literatursprache ähnlich wie die übrigen Dialekte. Unseres Wissens kommt der Laut ž anstelle von lit. ž auch andernorts vor. So spricht beispielsweise im Dorf Ašašninkai (ausgesprochen Asašnykai), in der Umgebung von Kabeliai im Kreis Varėna (das amtlich Antrieji Kabeliai heißt), die Mehrheit der älteren Generation anstelle der Laute ž und š fast immer ž und s: zu˙sis, šitas, žemė, salis, sasį, žuvis, asariukas. J. Otrębskis⁷ neigt ebenfalls dazu, diese Erscheinung als Überrest eines jatwingischen Substrats in den litauischen Dialekten zu betrachten, da die genannten Orte genau in dem Gebiet liegen, das einst von den alten Jatwingern bewohnt war⁸.

Im Abschnitt zur Phonetik bringt Ch. S. Stangas interessante Bemerkungen zur Lautgeschichte. Das offene e wird nach l zu a: kãula˙~kiaulė, kumelã⁹. Die Diphthonge ie und uo werden in den Präpositionen prīg, nūg verkürzt. Ins Auge fallen die lautlichen Veränderungen in den Wörtern: jū˙ško, jū˙škodama, rū˙šutai (neben ji˙ško, ri˙šutai). Ein Wechsel des bilabialen v mit j begegnet in den Wörtern: sa sajĩm, sa tajĩm(p), neben tavim, savim, tavip u. a.

Die Morphologie des Dialekts wird ausführlicher beschrieben. Die grundlegenden Merkmale des Flexionssystems der Wörter zeigen sich in den angeführten wichtigsten Deklinationsparadigmen der Nomina und Konjugationsparadigmen der Verben. Wie bekannt, hat der Dialekt von Zietela zahlreiche archaische Kasusformen bewahrt, z. B.: Sg. Dat. prīg árkli, lig vãndini, Sg. Adessiv katei̇p || kateip, kãulãip, dūkterei̇p || dūkteip, veršip, veršėp, žmogi̇p, Sg. Allativ namõp, gaidõp, Pl. Inessiv: pūodwosa, veršwosa, gaidwosa. šãniwosa, šuni˙sa (neben šunuos), bó bosa, rankosa, aki˙sa, Dual Nom. und Akk. dù gaidù, veršù, žmogu, šunù, dvi bóbi, marì, akì, nakti, dùkteri.

6 Э. А. Вольтер, Следы древних Прусов и их языка в Гродненской губ. — „Известия отд. русского языка и словесности Имп. Ак. Н.,“ Т. ХУІ, кн.4, 151—160, СПБ, 1912.

7 J. Otrębski, Gramatyka języka litewskiego, 1, 24,352—354, Warszawa, 1958.

8 Die Aussprache žusis kommt auch andernorts vor, z. B. in Lazūnai (vgl. J. Otrębski, a. a. O., S. 24) und in Vėliūnai (Kreis Dūkštas). Allerdings könnte man die Aussprache žusis in Vėliūnai auch bezweifeln, da sie von dem einzigen litauisch sprechenden Vertreter des Dialekts aufgezeichnet wurde (die anderen beherrschten das Litauische nicht mehr; siehe das von der dialektologischen Expedition des Staatlichen Pädagogischen Instituts Vilnius 1955 gesammelte Material).

9 Die Beispiele werden überwiegend in der Transkription des Programms zur Sammlung von Material für den Atlas der litauischen Sprache wiedergegeben. Beibehalten wurden lediglich seltene, in den Originalkommentaren gebilligte Transkriptionsvarianten, z. B. gaidėi und gaidžėi, bū˙čap, jôčep u. a.

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Eigenartig ist die Endung -ai oder -ei bei allen Stämmen im Instrumental Singular des Femininums: sa bõbai, kàulai, dukterái, katèi, marčiai, akái, nakčiai (neben nakčà). Schade, dass der Autor seine Meinung zur Herkunft dieser Endung nicht geäußert hat.

Auch Neuerungen finden sich in der Substantivflexion. Als jüngere Endung ist das -mi im Dativ Plural aller Stämme des Maskulinums anzusehen: púodami, langámi, veršámi, gaidámi, sunámi, bóbomi.

Substantive mit i-Stamm und einige Substantive mit konsonantischem Stamm sind im Nom. Pl. zu ė-Stämmen übergegangen: ãkės, nãktės, dãntės, dùkterės, šùnės (neben šunẽ, dantẽ).

Interessant ist der Plural des Wortes žmogus: žmõgai, žmõgų, žmõgámi, žmõgis, žmõgais, žmõguõs (neben žmõnės, žmõnų usw.).

Die typische Endung des Nom. Pl. der Adjektive ist -i: laukìni, mõlini. Das zeigt, dass sie älter ist als die litauische Endung -(i)ai. Bedauerlich ist lediglich, dass der Autor keine entsprechenden Pronominalendungen angeführt hat, die im Dialekt des Dorfes Zasečiai so häufig sind: katri, kuri, toki, koki, nėkoki „irgendwelche“, iti, tì neben itie, tie. Zur Bildung des Superlativs der Adjektive werden slawische Mittel verwendet: gãeras, gerãšnis, náigeráusis, áu(k)štas, au(k)štãšnis, náiau(k)štasnis. Ganz ähnlich werden auch die Adverbien gesteigert: gerãi, gerèst, náigerèst, náigeráusa, náigeráust; dáug, dáug (el)is, dáugèst, náidáugáusa, dáugãust. Formen mit -(i)ausia, die Chr. S. Stangas verzeichnet hat, kommen heute im Dialekt von Zasečiai nur noch sehr selten vor.

Zu erwähnen sind die gleichlautenden Genitiv- und Akkusativformen der Personalpronomen im Singular: manè, tavè, savè sowie die gleichlautenden Dativ- und Instrumentalformen im Plural: mùmi, jùmi. Die Nominalformen der dritten Person im Singular und Plural lauten: ãnas, anà, ãniės (neben ãni's, ãnes). Für den Inessiv Singular gibt der Autor nur eine einzige Fragepronomenform an, nämlich: kame. Heute wird neben dieser Form in derselben Bedeutung viel häufiger das Pronomen kur? verwendet: kùr tù bùsti (gyveni)?, kùr dabàr tavà dùktė? Zur Angabe einer Bewegungsrichtung wird dagegen stets der Illativ dieses Pronomens verwendet: kanà?: kanà tù važiuosi nakčiai?, kanà tù aimi, bù:k ča. Von der Literatursprache unterscheidet sich auch das Demonstrativpronomen it-sàik, ìtoi, das auch für die benachbarten Dialekte von Zietela sehr charakteristisch ist, etwa für Lazūnai, Rodūnė, Varanavas u. a.

Die Zahlwörter unterscheiden sich nur in einigen Kleinigkeiten. So verwendet der Dialekt anstelle des Ordinalzahlworts antras das Wort kìtas, während der erste Stamm nur im zusammengesetzten Zahlwort pusõntro, pusẽntro erhalten ist. Häufig werden Kollektivzahlwörter gebraucht: dvẽitas, trãitas, kãtvertas, penkẽtas, septì-netas.

Ch. S. Stangas widmet dem Verb mehr Aufmerksamkeit. Die Entstehung einiger Verbformen versucht der Autor historisch zu erklären. So erklärt er den Einfluss der Analogie mit anderen Personen als Ursache für die Entstehung der Formen der 1. Person Singular im Präteritum variau, statiau, gaudau, skaldau. Den stimmlosen bilabialen Laut -b oder -p, der sich häufig an die Formen der 1. Person Singular des Konjunktivs anschließt (bùčap, jòčep, aičap, vėsčep), versucht der Autor vorsichtig mit dem weißrussischen b(ы) gleichzusetzen. Zu den Formen mit -pė (aičepė, bučapėgi, gulčepės), die er seiner Vermutung nach für widersprechend hält, zieht er jedoch keine eindeutige Schlussfolgerung.

Der Autor beschreibt den Imperativ ausführlich. Im Dialekt von Zietela wird dieser Modus mit dem Suffix -k gebildet. Das einzige Beispiel ohne das Suffix k ist a(i)mà (eine alte athematische Indikativform), die gelegentlich noch als Imperativ gebraucht wird. Die typische Endung der 2. Person Plural ist -t, doch gelegentlich sagt man auch mit

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-tė! Geht, arbeitet! Die aus litauischen kurzstämmigen Infinitiven gebildeten Imperativformen werden mit gedehntem a, e ausgesprochen: vėsk, mesk, kašk, rašk. Sonst bleibt der nach -k überall bereits geschwundene Vokal -i vor der Partikel -g (palaukig) oder unter dem Akzent erhalten (gulki).

Chr. S. Stang gelang es, noch erheblich mehr und vielfältigere Beispiele mit Halbpartizipien aufzuzeichnen, als sie heute im Dialekt von Zasečiai verwendet werden, z. B. žmogus numirė dirbdami, dirbdamą (-mõs, mos); berniukas nugrivo nug árklo jodami (jodamõs, jodamà).

Der Autor hat sehr viel wertvolles Material zu reflexiven Formen aufgezeichnet. Zahlreiche Beispiele sind mit betonter Reflexivpartikel gesammelt worden, und zwar: Präsens, 3. Person sėdasi, stojasi, randasi, stovisi; Präteritum, in allen Personen sėdáus, sėdáís, sėdomės, sėdotės, sėdosi, stojosi, radosi, laidost, gulėsi; Futur, stosios, sėsios, rašis, laisis; Imperativ stokis, stokitės, gulki, gulkitės, sėskis, sėskitės; Konjunktiv gulčapės, šešcapės, juokčapės, skuscčapės, stocapės; Infinitiv stotis, sėstis, gultis, rastis, laistis. Zum Vokal der Endung in den reflexiven Konjunktivformen, den Chr. S. Stang in seiner Beschreibung überall mit dem Zeichen ė wiedergibt, ist hinzuzufügen, dass er im Dialekt von Zasečiai unterschiedlich ausgesprochen wird: ė, iė, ię, i:.

Abgesehen von der einen oder anderen bereits erwähnten Bemerkung wären dem Autor noch einige Uneinheitlichkeiten in der Transkription anzulasten (viele davon sind aus den oben angeführten Beispielen ersichtlich). Zwar lassen sich manche dieser Abweichungen durch die beträchtliche Variation der lebendigen litauischen Sprache in Zietela erklären. Andere könnten auch ohne Verschulden des Autors entstanden sein, etwa die uneinheitliche Kennzeichnung der Länge in Diphthongen: ver.šis, vėr.su, bet veršip (S. 183) usw.

Diese Punkte sind jedoch vergleichsweise unwesentlich und mindern den Wert der gesamten Arbeit keineswegs. Da der litauische Dialekt von Zietela seine letzten Tage erlebt und die Menschen die litauische Sprache von Jahr zu Jahr mehr vergessen, lassen sich viele der von Chr. S. Stang aufgezeichneten Formen heute nicht mehr hören. In diesem Sinne ist die Arbeit von Chr. S. Stang gleichsam ein Denkmal dieses Dialekts. Schade ist nur, dass der Autor keine Texte beigefügt hat, von denen er vermutlich eine ganze Reihe aufgezeichnet hatte.

* * *

Eine weitere, ihrem Umfang nach größere Arbeit (insgesamt 71 Seiten) behandelt den litauischen dzūkischen Dialekt in der Umgebung von Žirmūnai und Bastūnai im Rajon Rodūnė der Belarussischen SSR. Ihr Verfasser Olaf Broch ist in der Welt der Sprachwissenschaft als hervorragender Phonetiker bekannt, der sich große Verdienste um die slawische Philologie erworben hat. Nun ist die Arbeit dieses über 90-jährigen Veteranen der Wissenschaft auch den litauischen Sprachwissenschaftlern zugänglich geworden10.

In seiner Beschreibung verwendet O. Broch Material, das er 1895 gesammelt hatte, als diese ganze Gegend noch wesentlich stärker litauisch geprägt war. Der Autor erwähnt, dass er mit den Bauern des Guts Aradnõs (poln. Horodno) Litauisch gesprochen habe; sie hätten auch „po-prostu“, d. h. Weißrussisch, gesprochen und Russisch sowie Polnisch verstanden. Gemischt hätten die Menschen im nahe gelegenen Dorf Lapótiškiai gesprochen. Auch die Dörfer Grubėnai, Puodžiai, Piaradnis und Zaniūnai seien litauisch gewesen. Somit sind O. Brochs Bemerkungen für die Geschichte der Bewohner dieser Gegend von großem Wert. Zum Beispiel, apsi-

10 O. Broch, Zum Litauischen südlich von Vilna. — „Norsk Tidsskrift for Sprogvidenskap“, Bind XIX, S. 1–71 (1958).

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Wer diese Gegend nach mehr als 60 Jahren, d. h. 1957–1958, besuchte, sah bereits ein anderes Bild. Zwar kann man auch heute noch in fast jedem Dorf des Kreises Rodūnė alte Menschen treffen, die Litauisch sprechen. Kompakt litauisch sind die Dörfer zwischen Rodūnė und dem Dorf Pāditvis (im Süden); etwas stärker belarussisch geprägt sind die litauischen Dörfer zwischen Rodūnė und dem Dorf Plikiai (Gemeinde Žirmūnai, im Osten). Auch Plikiai ist noch durch und durch ein litauisches Dorf. Doch abgesehen von diesen Gegenden überwiegt anderswo bereits das Belarussische, obwohl sich die Menschen oft für Polen halten.

Man muss sagen, dass O. Broch mehr daran lag, das Zusammenwirken der litauischen und belarussischen Sprachen unter phonetischem Gesichtspunkt darzustellen.11 Zu dieser Frage beabsichtigte er, eine umfassende Studie zu verfassen. Doch schon die ersten Schritte der Untersuchung zeigten dem Autor, dass eine solche Arbeit viel mehr Zeit erforderte. Die weiteren Arbeiten des Autors wurden durch den Krieg und die politischen Umwälzungen in dieser Gegend behindert. Über seine Materialien zu dieser Mundart hätte der Autor, wie er sagt, nicht zu veröffentlichen beabsichtigt, wenn Ch. Stang ihn nicht dazu ermutigt und unterstützt hätte. Trotz der Unvollständigkeit und Fragmentarität der gesammelten Materialien und der vorkommenden Fehler enthält die Mundartbeschreibung jedoch viele sehr wertvolle Erkenntnisse. Zunächst hat der Autor zahlreiche Texte dieser Mundart sehr gut aufgezeichnet (insgesamt etwa 12 Seiten), was der Beschreibung einen großen Wert verleiht. Die Informanten sind Jonas Kurauskas (aus Lapotiškės) und Vikentas Jurčys (Jurczis; Wohnort nicht angegeben). Die Texte bestehen aus drei Volksmärchen, zwei Liedern und einigen Fragmenten der Volkssprache.

Da der Autor der Phonetik der Mundart die größte Aufmerksamkeit widmete, sind die Texte außerordentlich genau transkribiert und selbst sehr feine Nuancen gekennzeichnet. Etwas häufiger finden sich Abweichungen bei der Kennzeichnung der Intonation. Viele Zweifel und Unklarheiten werden jedoch durch die sehr sorgfältig erstellten Textkommentare ausgeräumt.

Im Anschluss an die Texte werden die wichtigsten Flexionsmerkmale der Substantive und Verben dargestellt. Die Mundart zeichnet sich weder durch archaische Formen noch durch besondere, seltenere Wortbildungsmittel aus. Sie weist deutlich weniger jener Besonderheiten auf, die wir beispielsweise in den Mundarten von Zietela oder Laz(d)ūnai finden.

Ein Bild des Flexionssystems der Mundart lässt sich anhand der folgenden charakteristischsten Angaben des Autors gewinnen. Die Endung des Dativs Singular entspricht derjenigen in Zietela, ohne i̇ kraštu, svėčiu. Darüber hinaus kommen in erstarrten nominalen Fügungen mit Präpositionen Beispiele alter Endungen vor: ik̇_ pačám vākari, ik̇_ abėdi. Das Wort vōgts wird mit zwei Stämmen gebraucht, vōg- und vūg-, deren Singularformen im Genitiv und Dativ übereinstimmen: vōgo arba vūgo. Häufig wird der Vokal der Endung des Lokativs Plural mit hartem, nicht palatalisiertem s gesprochen: katėsè, širdzìsè, seserosè, geruosè, gerosà.12

Die Akzentuierung des Dativs Plural sollte kritisch betrachtet werden: arklām, svėcām, vogām, vagām, su’nām neben su’nām, denn beispielsweise in Plikiai und in der Umgebung von Pelesa hört man häufiger arklām, svėcām.

11 Plg. O. Broch, Über einen weißrussischen Dialekt aus der Gegend südlich von Vilna. — „Zeitschr. f. sl. Phil.“, Bd. XXVI, S. 1—46.

12 Die vom Autor verwendete Transkription dieser Beispiele weicht von unserer ab. Der Autor kennzeichnet die Weichheit der Konsonanten überall, sogar vor Vorderzungenvokalen. Das Zeichen æ entspricht in seiner Transkription in diesem Fall unserem a; vgl. die während einer Expedition des Instituts für litauische Sprache und Literatur aufgezeichneten Formen: rūguosà, žeirosa (in den Glutresten).

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Die alte Endung der Nomina mit konsonantischem Stamm ist im Genitiv Singular sowie im Nominativ Plural einiger Substantive erhalten geblieben: dukterės, akmenės, piemenės (neben akmenė, piemenė), seserės, šunės, dukteres, seseres, šunes.

Dualformen sind selten anzutreffen: du kraštu, bet dvi dukteres.

Die Adjektivflexion ist fast dieselbe wie in anderen Mundarten, mit Ausnahme des Instrumentals Singular, in dem anstelle der Endung -u bisweilen -um vorkommt, z. B.: gerum, gerim, neben saldù, didelù.

Der Genitiv Singular der Personalpronomen unterscheidet sich vom Akkusativ durch die Intonation: nuk, tavī, savī, manī ir manì, tavì, savì; der Dativ Plural unterscheidet sich vom Instrumental dagegen vor allem durch die Akzentstelle: mūmi, jūmi ir mumì(m), jumì(m).

Die Endung des Instrumentals Singular der Demonstrativpronomen sowie teilweise der Interrogativ- und Relativpronomen lautet im Maskulinum -uom: tuom, jitiom, juom, huom, im Femininum -uoi: tuoi, jitiuoi, juoi.

Sehr häufig sind verkürzte Genitiv-Singular-Formen der Possessivpronomen: mā, tā, sā neben māno, tāvo, sāvo.

Die Zahlwörter unterscheiden sich kaum von denen anderer Mundarten. Für die Mundart charakteristisch sind adverbialisierte Lokativformen der Zahlwörter: penkuose, septiņuose, aštuoniuose, dešimcet, vienuolikos, dvi-likoi. Wie der Autor bemerkt, werden sie im Sinne des Nominativs sowohl allein als auch in Verbindung mit Substantiven verwendet, z. B. penkuose žmonių.

Auch das Verb weist einige archaische Merkmale auf. Der Konjunktiv wird anders als im Litauischen gebildet: suktāu, suktum arba suktai, suktū, verstāu, verstāi arba veršt, verstūm, verstūt, mi·lbūt arba mi·lb·tūr¹³.

Folgende Formen athematischer und kontaminierter Verben sind belegt: jėdmi, liekmi, liekmi, liekma, miegmù, miegmì, niēšt. Beachtenswert ist das Verb sēc, das der Autor für einen Infinitiv hält, der in seinen Aufzeichnungen aufgrund eines Schreibfehlers aus sėdėti entstanden sei (ausgesprochen sėdėc). Der Gebrauch des Wortes zeigt jedoch, dass es sich um eine Form der 3. Person Präsens handelt, die wahrscheinlich durch Verkürzung des Wortes sėdzi. entstanden ist. In dieser Bedeutung gibt es zahlreiche Belege für sēc aus den Kreisen Rodūnė, Varanavas und Jūrotiškės: ānas sėdės ir sēc prie langēlo (Dorf Plikiai); an kèlmo sēc ir lāuka (Dorf Paditvis); Ānas sėdàs ir sēc ir nė sù kuoj nēi.tarija (Lazūnai).

Es werden zahlreiche Beispiele für Infinitive angeführt, die mit der Endung er verwendet werden: dži·ce, jėsce, dzi·gce, aukce, bėkce, likce, mī·kce.

Wie erwähnt, widmet O. Broch der Phonetik der Mundart besonders viel Aufmerksamkeit. Er beschreibt jeden Laut der Mundart, charakterisiert ihn kurz und zeigt seine Varianten; nicht selten berührt er sogar die Entstehung der Phoneme von physiologischer Seite. In dieser Hinsicht ist O. Brochs Beschreibung der litauischen Dzūkischen Mundart im östlichen Teil des Bezirks Rodūnė daher nicht nur für Dialektologen nützlich, sondern auch allgemein für alle, die sich für die Phonetik der litauischen Sprache interessieren.

An dieser Stelle führt der Autor auch zahlreiche Beispiele für Vokalismus und Konsonantismus an, anhand deren sich die Stellung der beschriebenen Mundart im System der litauischen Mundarten bestimmen lässt. Die litauischen Laute ą, ę sind in der Mundart zu u’, i’ geworden: krāštu, kāti, žū’sis, ti·šù, tu·soū, gri·žù, während die gemischten Diphthonge am, en erhalten bleiben: žvāngęs, pāšraṅgou, vānc.

¹³ Dem Autor kann man nicht darin zustimmen, dass ē nach dem harten l vollständig zu ō verdunkelt werde. Soweit bekannt, wird ē nach l in dieser Mundart nur zu einem Vokal der mittleren Reihe e: kalbēk, ci·lēk (Plikiai).

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Die Diphthonge au mit fallender Intonation (ebenso wie unbetonte) werden in der Mundart zu ou: roudóna, poũkštė, groũsmas gradžou. Dem e am Wortanfang in anderen Mundarten entspricht in dieser Mundart au: ágłb, ãžeras, alkū’nė, arãlis, akė̃s, ãina.

Das harte i (transkribiert als ł) tritt in der Mundart anstelle von u in den Präfixen nbł-, žbł-, sbł auf (nbłvedė, žbłman’, žbłspirė, sbłsmušė), anstelle von ė nach l (in žolb’s, dairgėlb’s, dukrãlb’s, mi’lól’c’) sowie in Wörtern slawischer Herkunft: šłubkas, mùslijo. Auch ohne den Konsonanten l härtet die Mundart r: turù, nórus, rãtas (selten), ragė̃.

Der Autor bemerkt, dass die Mundart džiūkuoja, das heißt, die Konsonanten t und d vor i und ie in die Affrikaten c, dz überführt: nakės, ci’l’c’, širždžis, cieh, džiėdas. Vor dem neu entstandenen i’ tritt dieser Wandel jedoch nicht auf, zum Beispiel štiedži (hat aufgegessen).

O. Broch widmet auch dem Akzent und der Intonation der Mundart beträchtlichen Raum. Der Autor stellt zutreffend fest, dass die Sprecher der Mundart in ihrer Aussprache häufig nicht zwischen fallender und steigender Intonation unterscheiden, da sie die betonte Silbe gleichförmig aussprechen, ohne die Stimme zu heben oder zu senken. Es kommt vor, dass Sprecher der Mundart statt einer steigenden Intonation eine fallende aussprechen; deshalb finden sich auch in den Aufzeichnungen des Aufzeichners selbst, das heißt des Autors, aus dem Jahr 1895 Intonationszeichen, die nicht mit denen der litauischen Schriftsprache übereinstimmen, ebenso wie Abweichungen bei denselben Mundartwörtern, zum Beispiel: viezdėk, gĩvas, džĩksta, parãijo, parãia, parãj, tõi, tõi, saldžói, Li tõi (S. 28—29), tõm, saldžõm, gerõm, gerõm (S. 26), žmogùm, su’nùm, su’nãm,su’nãm (S. 22—23), dukterim (S. 24).

Neben den erwähnten Akzentvarianten finden sich in der Beschreibung auch zahlreiche weitere Uneinheitlichkeiten der Transkription. So verwendet der Autor beispielsweise mehrere Zeichen, ɔe, oe, ə, ǝ, um den Reduktionsgrad des unbetonten o darzustellen: negalė́jǝ, pàłkǝ (S. 55), ãrkło (S. 20), daneben ãrkło, pàłkǝ. Es ist daher nur natürlich, dass das Bestreben des Autors, alle Schwankungen der lebendigen Sprache und alle Nuancen der Aussprache festzuhalten (wofür der Autor hoch zu schätzen ist), ihn zu einem komplizierten Transkriptionssystem führte, das für uns nicht immer klar und verständlich ist. Daher muss man diese Arbeit mit Vorsicht und Urteilsvermögen nutzen.

Ungeachtet der genannten und weiterer Mängel ist O. Brochs Arbeit über die Mundart der südlichen Dzūken jedoch ein bedeutender und wertvoller Beitrag zur litauischen Dialektologie.

NEUE ARBEITEN ÜBER LITAUISCHE MUNDARTEN

А. Ю. ВИДУГИРИС

Zusammenfassung

Der vorliegende Bericht gibt einen Überblick über zwei Arbeiten der bekannten norwegischen Sprachwissenschaftler und Professoren, der Akademiemitglieder O. Broch und H. S. Stang, über Mundarten der litauischen Sprache.

Zunächst wird der Aufsatz von H. S. Stang „Die litauische Mundart von Zasėčiai im Gebiet von Wilna“ vorgestellt, der in der norwegischen sprachwissenschaftlichen Zeitschrift „Norsk Tidsskrift for Sprogvidenskap“, Bd. XVIII, S. 171–201, erschienen ist. Das erwähnte Gebiet gehört heute zum Rajon Diatlovo (Zietela) im Gebiet Grodno der Belorussischen SSR.

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Anschließend wird die zweite Arbeit „Zum Litauischen südlich von Vilna“ von O. Broch zusammengefasst, die ebenda, Bd. XIX, S. 1–71, erschienen ist und die Mundart der südlichen Litauer (Dzūken) beschreibt, die im Rajon Radun im Gebiet Grodno der Belorussischen SSR leben.

Da die litauische Sprache in den erwähnten Gebieten in letzter Zeit in erheblichem Maße vom Belarussischen assimiliert wird, sind Beschreibungen dieser Mundarten für die litauische Dialektologie und die vergleichende Sprachwissenschaft von großem Interesse.

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