Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, III
LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
ÜBER DIE HERKUNFT EINIGER ORTSNAMEN
V. GRINAVECKIS
Dievytis. Im Rajon Šilalė liegt ein See, der im örtlichen Dialekt (bei den žemaitischen Dūnininkai) Dývytis genannt wird. Derselbe Name bezeichnet einen Berg und einen Wald am See. Das am See gelegene Dorf wird im Dialekt Pãdyvytis oder Pãdyvytis genannt. Nach ihm wurde ein 1940 gegründeter Sowchos benannt. Der erwähnte Ort (See, Berg, Wald) wird auch in verschiedenen literarischen Werken beschrieben; so verfasste Maironis etwa die Ballade Dyvitis1. Vienuolis erwähnt diesen Ort in „Padavimai ir legendos“2 und anderswo.
In der Literatursprache wird dieser Ortsname sehr unterschiedlich geschrieben: Auf dem Schild des Sowchos steht jetzt Padevytis, Maironis’ Ballade heißt Dyvitis, und im „Lietuvių kalbos rašybos žodynas“ steht Dievietis3. Wie ist dieser Ortsname in der Literatursprache tatsächlich auszusprechen und zu schreiben? Wie bereits erwähnt, sprechen die einheimischen Žemaiten diesen Ortsnamen als Dývytis aus. In diesem žemaitischen (dūnininkischen) Dialekt wird anstelle des Diphthongs ie der Literatursprache ein langes y ausgesprochen, zum Beispiel dýna, pýva, týsus (diena, pieva, tiesus: „Tag, Wiese, gerade“). Somit entspricht auch im Ortsnamen Dyvytis das erste y zweifellos dem Diphthong ie der Literatursprache; daher ist dieses Wort in der Literatursprache Dievytis auszusprechen und zu schreiben (mit fallendem Akzent, nicht mit steigendem, wie in einigen sprachwissenschaftlichen Arbeiten angegeben4). Die Wortbildung dieses Ortsnamens ist wahrscheinlich folgende: diev- ist die Wurzel und steht mit dem Wort dievas („Gott“) in Zusammenhang, während -ytis ein Suffix ist. Da in diesem žemaitischen Dialekt der lange Vokal y und der Diphthong ie der Literatursprache völlig gleich ausgesprochen werden, nämlich als y, kann der zweite Teil dieses Ortsnamens Zweifel hervorrufen. Ist hier vielleicht nicht das Suffix -ytis, sondern -ietis gemeint5? Doch das Suffix -ietis kann hier nicht vorliegen, denn die Žemaiten haben dieses Suffix überhaupt nicht; außerdem verwenden sie bisweilen anstelle des Suffixes -ietis das Suffix -ytis, zum Beispiel vókytis „Deutscher“, šiaulýtis „Einwohner von Šiauliai“ (Akmenė). In Žemaitija sind noch weitere Ortsnamen mit dem Suffix -ytis bekannt, zum Beispiel Barsvýčiai „Dorf im Rajon Rietavas“, Laisvýtis „Fluss im Rajon Raseiniai“. Ortsnamen mit dem Suffix -ytis gibt es auch in anderen Teilen Litauens, zum Beispiel Žalvytis „See im Rajon Kapsukas“, Viršýtis „Fluss im Rajon Linkuva“, Vižtyris „See im Rajon Kybartai“. Ortsnamen mit dem Suffix -ietis kommen ebenfalls vor, zum Beispiel Kalniėčiai „Dorf im Rajon Anykščiai“, Gilbietis „Dorf im Rajon Lazdijai“.
1 Maironis, Rinktiniai raštai, 1, 209, Vilnius, 1956.
2 A. Vienuolis, Padavimai ir legendos, 45, Vilnius, 1947.
3 Lietuvių kalbos rašybos žodynas, 391, Kaunas, 1948.
4 P. Skardžius, Lietuvių kalbos žodžių daryba (toliau Lkžd), 360, Vilnius, 1943; Lietuvių kalbos rašybos žodynas, 391, Kaunas, 1948.
5 Lkžd, 360.
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Page 2Ein Umstand, der der Annahme, dass der Ortsname Dievytis das Suffix -ytis enthält, offenbar widerspricht, ist die Betonung dieses Ortsnamens auf der ersten Silbe, da Wörter mit dem Suffix -ytis heute auf dem Suffix betont werden. Wäre das Wort dievas stammbetont, könnte man annehmen, dass hier eine alte Betonung bewahrt worden ist (vgl. vókytis); das kann hier jedoch nicht der Fall sein, da das betreffende Wort endungsbetont ist (heute gehört es zur vierten Betonungsklasse). Offenbar ist die Betonung dieses Ortsnamens jüngeren Ursprungs, denn bei Eigennamen, insbesondere bei Orts- und Familiennamen, kommen häufig Betonungsunterschiede gegenüber den entsprechenden Gattungsnamen vor. Dass dies möglich ist, zeigt auch ein weiteres Wort gleicher Bildung, Deivelaitis „Familienname“; vgl. ferner Pamedytis „Familienname“.
Wie dieser Ortsname schließlich in die Literatursprache zu übertragen ist, zeigt am deutlichsten der žemaitische Dialekt von Rietavas, in dem dieser Ort ebenfalls bekannt ist. Die Sprecher des Dialekts von Rietavas sprechen anstelle des Diphthongs ie der Literatursprache den Diphthong ei, zum Beispiel: deinà „Tag“; den Vokal y der Literatursprache sprechen sie dagegen wie in der Literatursprache, zum Beispiel yla. Den betreffenden Ortsnamen sprechen sie Dievytis aus. Somit zeigt der žemaitische Dialekt von Rietavas am deutlichsten, dass dieser Ortsname in der Literatursprache Dievytis geschrieben und ausgesprochen werden muss.
Ein weiteres Argument für die Richtigkeit dieser Wortbildung des Ortsnamens ist, dass auch die alten Preußen Ortsnamen gleicher Bildung hatten. Dafür sprechen, wenn auch in entstellter Schreibweise, die preußischen Ortsnamen Dewitte, Dewythen6.
Im von Litauern besiedelten Gebiet gibt es noch weitere Ortsnamen mit der Wurzel diev-, zum Beispiel: Diẽminas „BTSR, Rajon Vỹjos, Berg im Dorf Jaškūnai“ (aus *Dievminas, wobei das labiale v vor dem labialen m durch Dissimilation geschwunden ist; vgl. diemedis < diovmedis, Šeimena < Šeivmena7), Deimenà „Fluss im Gebiet Kaliningrad“ (aus *Deivmena).
Im žemaitischen Dialekt von Šilalė hat das Suffix -ytis eine diminutive, abwertende Bedeutung, zum Beispiel: šunỹtis „ein armseliger, räudiger Hund“, kačiū̃tis „ein armseliges, zerzaustes Kätzchen“, mažỹtis „klein, schlecht“, ežerỹtis „ein kleiner, nicht besonders guter See“. Der Ortsname Dievytis hängt wahrscheinlich mit der alten litauischen Mythologie zusammen: Der See galt offenbar als einem geringen oder schlechten Gott zugehörig. Darauf deutet die Vielzahl der bis heute erhaltenen Sagen und Erzählungen hin, die auch Maironis in seiner Ballade erwähnt. Auf den Zusammenhang der genannten Orte mit der alten litauischen Religion weist auch der andere Ortsname Šventupis „Bach, der in den Dievytis-See mündet“8 hin.
Keklys. Die Bezeichnung des alten nordwestlichen samogitischen Gebiets wird in den Quellen auf zwei Arten geschrieben: Ceclis oder Cecklis9. Es bleibt unklar, wie die Einwohner den ersten Laut des Namens ihres Gebiets aussprachen — als c oder k. Die Schreibung c sagt fast nichts aus, denn in denselben Quellen wird c auch in Fällen geschrieben, in denen nur k gesprochen worden sein kann, z. B.: Curtine „Kartena“, Curonia10 „Kursas“. Die Schreibung c zur Bezeichnung des Lautes k lässt vermuten, dass der erste Laut des Gebietsnamen als k ausgesprochen worden sein könnte, denn c in der Geschichte
6 G. Gerullis, Die altpreussischen Ortsnamen (im Folgenden ON), 28, Leipzig, 1922.
7 Lkžd, 233.
8 Wahrscheinlich hängt auch der Ortsname Lampėdis „See im Rajon Kaunas“ mit der alten litauischen Mythologie zusammen (aus *Laumpėdis; ein See, der an der Fußspur einer Laumė entstand); der Dreilaut am verkürzte sich wohl aus Gründen der Aussprachebequemlichkeit, vgl. sukvalt ~ sukvailti, smalgalis ~ smailgalis, siehe E. Grinaveckienė, Mituvos upyno tarmės fonetika. — Lietuvių kalbotyros klausimai, 1, 147, Vilnius, 1957.
9 Dr. A. Bielenstein, Die Grenzen des lettischen Volksstammes und der lettischen Sprache in der Gegenwart und im 13. Jahrhundert, 234, Peterburg, 1892.
10 K. Būga, Wörterbuch der litauischen Sprache, 1, XCI, Kaunas, 1924.
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Page 3In den Quellen wird es mit tz bezeichnet, z. B.: Letzime, Rutzowe11. Diese Auffassung wird auch durch heute noch in Litauen gebräuchliche Ortsnamen und Gattungswörter gestützt: Im Einzugsgebiet der Jiesia gibt es einen Fluss namens Keklys, dessen Name mit der Bezeichnung des erwähnten Gebiets identisch sein könnte. Außer dem Kėklys fließt im selben Einzugsgebiet der Jiesia auch ein Fluss namens Keklaitis. Obwohl A. Salys behauptet, die Etymologie von Kėklys sei unklar12, scheint dieses Wort jedoch aus der Wurzel kek- (:kekė) und dem Suffix -lja- gebildet zu sein; vgl. ferner kėkulas „Knäuel, Klumpen“: kėkė + -ulas; kekta „Gruppe, Menge, Haufen“; kėkutas „Gruppe, Menge“; keketė „Gruppe, Menge, Haufen“13; kekinda „Gruppe, Menge“14. Kėkė hat auch in anderen indogermanischen Sprachen wurzelverwandte Wörter: lettisch kekars „Strauch“; cekuls „Haarschopf“; cekūna „Haarknoten“; preußisch kechrs „Erbse“; russisch xoxon „Strauch, Haarschopf“15. Da alle uns vorliegenden Beispiele aus den indogermanischen Sprachen, die mit kėkė verwandt sind, eine Kollektivbedeutung haben, kann man annehmen, dass auch das Wort Keklys eine Kollektivbedeutung hatte; wahrscheinlich bezeichnete es eine Gruppe, die in der Urgemeinschaft einer Sippe entsprochen haben könnte. Als diese Sippe – die Kekliai – später sesshaft wurde, dürfte der Name erhalten geblieben sein16 und zur Bezeichnung des Gebiets gedient haben, in dem sich der Stamm oder die Sippe mit diesem Namen niederließ. Die Kuren, die an das Gebiet Keklys grenzten oder im nordwestlichen Teil dieses Gebiets lebten, könnten den Ortsnamen auch mit c am Wortanfang ausgesprochen haben: Ceklis, so wie die Letten heute nach den Lautgesetzen ihrer Sprache litauische Ortsnamen aussprechen, z. B.: Sventāja „Šventoji“, Laukzeme „Laukžemė“ (Digu ciems, Kreis Liepoja); Sakine „Šakyna“, Zagare „Žagarė“.
Mit der Wurzel kek- gibt es noch weitere Orts- und Familiennamen: Kekiai „Teil des Dorfes Pajuodupys, Kreis Klaipėda“, Kekys „Familienname, Kreis Skuodas“, Kekinė „Wald im Kreis Seda“, Kėkiškės „Berg im Kreis Šilalė“, Kėkulės „Flur im Kreis Skaudvilė“, Kekirtė „Sumpf im Kreis Ramygala“, Kekersai (Gen. Sg. Kekėrsus) „Dorf im Kreis Klaipėda“17; der Berg Kekirtinių (Kreis Dusetos), das Dorf Kekalaiškiai (Kreis Klaipėda).
Ganz ebenso finden wir Bezeichnungen anderer baltischer Länder in heutigen Ortsnamen, z. B.: Bārta „Name eines preußischen Landes“: Bārtuva „Flussname“, Bārtupė „Fluss im Kreis Kapsukas“; Bārtas „Personenname“; Nōtanga „Name eines preußischen Landes“: Notā (3) „Fluss im Kreis Kretinga“, Nōtė (2) und Nōtija „Fluss im Kreis Kretinga“, Nōtera „Fluss im Kreis Ukmergė“; Pamedė „Name eines preußischen Landes“: Pomiedzia18 „Dorf“; Skalvà „Name des Landes der Westlitauer“: Skalvys „Fluss (Kreis Pakruojis)“19, wojtowstwo skolowienskie (Vogtei der Skalwen)18; Skalvė, Paskalviai „Orte zwischen Ragnit und Tilsit“19. Sūduva: Sūduonia „Fluss im Kreis Kapsukas“; Vārmė „Name eines preußischen Landes“: Vārmė „Fluss im Kreis Užventis“, Varmikė „Fluss im Kreis Užventis“; Kniūva „altes Gebiet der Žemaiten“: Kniūoja „Fluss im Kreis Užventis“.
11 K. Būga, a. a. O., S. CXXV.
12 A. Salys, Die žemaitischen Mundarten, 1, 14, Kaunas, 1930.
13 Lkžd, 184.
14 Lkžd, 102.
15 Litauisches etymologisches Wörterbuch von Prof. Dr. Ernst Fraenkel, Lief. 3, 234–235, Heidelberg.
16 Fälle, in denen der Name eines Stammes zum Namen eines Landes wird, sind aus der Geschichte bekannt; so wird beispielsweise die Geschichte des Namens Rus erklärt, siehe Geschichte der UdSSR, 1, 62, Vilnius, 1959.
17 Lkžd, 314.
18 Streitigkeiten litauischer Bauern und Bürger mit Gutsverwaltern, 1, 81, Vilnius, 1959; Quellen zur Geschichte der Litauischen SSR, 1, 198, Vilnius, 1955.
19 ON, 159.
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Page 4ÜBER DIE HERKUNFT EINIGER TOPONYME
В. З. ГРИНАВЕЦКИС
Zusammenfassung
Der Name des Sees Dievytis (Rajon Šilalė) leitet sich vom Wort dievas „Gott“ mit dem Suffix -ytja- ab, vgl. Deimenė (Name eines Flusses) < *Deivmena, Dieminas (Berg, Weißrussische SSR, Gebiet Grodno, Rajon Iwje, Dorf Jaskowitschi — Jaskūnai).
Der alte Name des nordwestlichen Gebiets der žemaitischen Region Cecklis (= Keklys) ähnelt dem Namen des Flusses Keklys (Nebenfluss des Flusses Jiesa—Jiesia), der die Wurzel kek- (kekė, kek-utas, kek-ulas, kek-ta u. a.) und das Suffix -ja- hat.