Page 1LIETUVIŲ KALBOS SANDAROS TYRINĖJIMAI
LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXVI (1987)
SAULIUS AMBRAZAS
DIE HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER BILDUNGSTYPEN VERBALER ABSTRAKTA
Die Wortbildungskategorie besteht aus einem Paradigma von Wortbildungstypen¹. Die wichtigste Stellung darin nimmt ein produktiver Typ oder nehmen mehrere produktive Typen ein, deren Wortbildungsbedeutung mit der Bedeutung der gesamten Kategorie übereinstimmt. Sie bilden das semantische Zentrum der Kategorie, während die übrigen Wortbildungstypen mit engeren oder stärker spezialisierten Bedeutungen ihre Peripherie bilden². Ziel dieses Artikels ist es, die Veränderungen im semantischen Zentrum der Kategorie der Verbalabstrakta (nomina actionis; im Folgenden NA) im Litauischen zu überblicken.
Im heutigen Litauischen wird das Zentrum der NA-Kategorie ausschließlich von Ableitungen mit den Suffixen -imas/-ymas gebildet. Sie können von jedem Verb abgeleitet werden und bewahren gewöhnlich die kategorielle Bedeutung einer Handlung oder eines Zustands³. Endungsableitungen sind heute peripher. In der Gegenwartssprache werden sie häufig in spezialisierten Bedeutungen verwendet und dienen nicht selten als Fachtermini verschiedener Bereiche⁴.
Eine Untersuchung der Verbalabstrakta in Texten des 16. und 17. Jahrhunderts zeigt, dass der Zustand dieser Kategorie damals ein anderer war. Endungsableitungen, die heute konkretere oder spezialisierte Bedeutungen haben, wurden in den alten Schriften noch schlicht als Bezeichnungen für Handlungen verwendet. Dies zeigen die folgenden Beispiele.
Das NA mūšis hat in M. Daukšas Postille noch ausschließlich die Bedeutung „Schlagen“: mušbi pjaßtaku ir kůmſciu … kąkino Wießpati DP 167₁₉–₂₀ (ebenso 160₁₁, 161₂₂,₂₆; Orig. bicie, karanie, policzki, razy⁵). In derselben Bedeutung wurde es auch in vielen anderen litauischen Sprachdenkmälern des 16. und 17. Jahrhunderts verwendet (VlnE 42₂₂, 51₄; BB Pat 17,10; 18,8; 20,30; 28, 6; Lex 75, 84a; SD³ 13; SIG II 81₁; Ch¹ Luk 12,18; ApD 16,18; 2 PvK 6,5; 11,23; 11,24; 1 Ptr 2,24). Die für die Gegenwartssprache typische Bedeutung „Kampf, Schlacht“ ist für die Ableitung mūšis nur an wenigen Stellen in alten Schriften belegt: Bitwā. Pugna. Kawa / mußis SD³
1 Wellmann H. Deutsche Wortbildung: Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. 2. Haupt. Das Substantiv. — Düsseldorf, 1975, S. 19—20; Morochowskaja E. Ja. Grundlegende Aspekte der allgemeinen Theorie linguistischer Modelle. — Kiew, 1975, S. 82; Tsyganenko G. P. Über das Wortbildungsparadigma — eine der Komponenten der Wortbildungstheorie. — In: Untersuchung des grammatischen Systems und Grammatikunterricht an Hochschule und Schule (Materialien der Unionskonferenz). Kischinau, 1976, S. 72—73; Muryasov R. S. Über Wortbildungsparadigmen. — In: Wortbildung und Phrasenbildung: Thesen der Vorträge der wissenschaftlichen Konferenz. Moskau, 1979, S. 57—59.
2 Plg. Furdík J. Zo slovotvorného vývoj slovenčiny. — Bratislava, 1971, s. 16.
3 Urbutis V. Žodžių darybos teorija. — V., 1978, p. 161, 215, 268—269.
4 Keinys S. Galūninė terminų daryba. — Kn.: Socialinės lingvistikos problemos (Lietuvių kalbotyros klausimai). V., 1979, t. 19, p. 167—169.
5 Kudzinowski Cz. Indeks-słownik do „Daukšos Postilė“ (toliau — KI). — Poznań, 1977, t. 1, s. 647.
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Page 217 (ebd. SD³ 21, 136); Feldschlacht abazo mušis Lex 35; mušis (bitwa) PK 53₈, vgl. noch die ähnliche Bedeutung „Mord (zabojstwo)“: Karalißtes šiames ießko … waydays ir mušieys SP II 155₁₅.
NA žinia bezeichnet in den alten Schriften nicht nur „Information“, sondern auch „Wissen“. Diese letztere Bedeutung wird von dieser Ableitung besonders häufig in K. Sirvydo Punktuose verwendet. Von 26 Belegen hat NA žinia in 23 die Bedeutung „Wissen“, z. B.: gitumą žinios / ape wifą kas deßis I 14₁₅. Die Wörter umiejętność, wiadomość, mit denen K. Sirvydo žinia übersetzt wurde, bedeuteten im Altpolnischen ebenfalls „Wissen, Erkenntnis“⁶. Eine solche Bedeutung ist auch in anderen Schriften des 16.–17. Jh. belegt, z. B.: Dok mums ßine ir drukibe Mž 53₅; parodęs lobius … mókßto arba žinios ßawós DP 436₆, vgl. auch Szinnę (Verstand) BB Pat 5,12; acc. sg. szinnę (Klugheit) Ps 7,4; Ape apßtepta žinia Roždńciaws SIG II 71₄; turi žinę wißu paprociu Ch¹ ApD 26,3. In den heutigen Mundarten ist diese Bedeutung nur in erstarrten Wendungen erhalten geblieben: mano trumpa žinia „ich weiß wenig“ Grd; daug žinios yr galvoj „ich weiß viel“ Psv (LKŽK).
Dieselbe Bedeutung hat in M. Daukšos Postilė auch NA pažinia: iżg pažinios ne įbitikeiimo ßawo pažino 404₃₅ (orig. wiadomość). In den heutigen Mundarten wird diese Ableitung in der spezielleren Bedeutung „Bekanntschaft“ verwendet („Erkenntnis, Wissen“ wurde im 16.–17. Jh. auch durch die entsprechende Ableitung mit dem Suffix -tis bezeichnet, pažintis⁷).
Die entgegengesetzte Bedeutung – „Unwissenheit“ – hatte in den alten Schriften NA nežinia, z. B.: kas waikßčioia tamfumßia (ne žinios ir nūdžių) DP 510₃ (ebd. 234₃₆, 299₁₈, 528₃₈, 610₂₇ – orig. niewiadomość); Nießwiadomość / Imprudentia. Nepritirimas nežinia SD³ 218 (ebd. SP I 104₂₃, 117₉, 248₁₀, 294₁₀; II 8₂₂, 31₂₈, 112₄). Heute bedeutet NA nežinia meist „das Unbekannte“ oder „Ungewissheit“.
NA maldą wird in den Schriften des 16.–17. Jh. neben der vorherrschenden Bedeutung „Anrufung Gottes; Text dieser Anrufung“ gelegentlich auch in der Bedeutung „Bitte“ gebraucht (in M. Daukšos Postilė in 2 von 200 Fällen): [Kristus] mus maldomis teßia ßawęs DP 380₁₃ (ebd. 545₅₂ – orig. prośba); klaußik balsą maldos (korrigiert zu aßuftoghimo) mana BB Ps 28,2 (ebd. Ps 31,23 – orig. Flehen); maldą (Bitte) Job 6,8; Lex 18: Vorbitt malda Lex 101a; Proßba / Petitio, precatio. Malda SD³ 346 (ebenso in einigen späteren Schriften, siehe LKŽ VI 790). Die Bedeutung „Bitte“ stimmt mit der ursprünglichen Bedeutung des Verbs *mel-/*mol- „sprechen, bitten“⁸ überein, die das Verb melsti „bitten“ bis heute bewahrt hat. In ähnlicher Richtung konkretisierte sich NA prašymas. Im 16. Jahrhundert ist es in der Bedeutung „Gebet“ belegt: daboießi praßchimo mana BB Ps 66,19 (orig. Gebet, ebd. Mž 362₅, 365₅, 392₅, 393₇).
NA nūlaida, das heute verschiedene spezialisierte und konkrete Bedeutungen hat (LKŽ VIII 934), bezeichnete in M. Daukšos Postilė noch einen Vorgang: nūg ußtekeimo ßaules net’ ik’ nūlaidai garbūs yr wardas io 487₂₁. In kategorialer Bedeutung ist diese Ableitung
⁶ Reczek S. Podręczny słownik dawnej polszczyzny. – Wrocław etc., 1968, s. 548.
⁷ Ambrazas S. Priesaginės darybos veiksmažodžių abstraktai M. Daukšos Postilėje. – Kalbotyra, 1983, t. 34(1), p. 80.
⁸ Szemerényi O. Principles of Etymological Research in Indo-European Languages. – In: Etymologie / Hrsg. von R. Schmitt. Darmstadt, 1977, S. 338–345 su lit.; Иванов Вяч. Вс. Славянский, балтийский и раннебалканский глагол: Индоевропейские истоки. – М., 1981, с. 171.
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Page 3wird gelegentlich auch in späteren Schriften verwendet, z. B.: nuolaidos (d. h. des Nachgebens) virvė LC 1884, 5 (LKŽ VIII 934).
NA pasaka hatte im 16.–17. Jh. die Bedeutung „Erzählung“: Nepaniekin... pašakos wirefiniųjų DP 66₃₀ (ebenso 166₄₆, 272₄₁, 371₂₃, 475₅₁ – Orig. powieść, przypowieść9); Ant tos pašakos akis atkelkite SIG II 20₁₈ (ähnlich II 21₁, 26₁); nieku kitu neboWijos, tykt pašakomis naujenu Ch¹ ApD 17,21 (ebenso PvTit 1,14; PK 48₁₆); Wadiname ją Hiftoria, delto jog užrakina... tykrą pašaką ape tey, kas nufidawę Ch Job (Einleitung) (ebenso 2 Moz (Einleitung); Ch¹ 2 PvTm 4,4).
NA priep(u)olis (prýpuolis) bedeutete im 16.–17. Jh. „Unglück; Niedergang; unerwartetes Ereignis“: iźg fwetimų priepůlů / mókikites DP 65₂₇ (11 Belege – Orig. przypadek, przypadłość, przygoda10); wiſoki priepuoley (wſelakie przypadki) SP I 109₂₆ (ebenso II 14₂₅); I. Sg. wiſokiame pripůly SIG II 2₁₅ (w żadnej przygodzie; ebenso II 16₁₀, 40₂₆11); Przypadek / przygoda. Cafus repentinus, euentum Priepuolis SD³ 364 (ebenso SD¹ 147, 148, 171; SD³ 242, 319, 364, 414, 446); Zufall pripůlis, prigadas Lex 110a (ähnlich PK 73₁₉, 112₁₂, 251₇ … 9 Belege; AK 85₁₅; BK 54₁₅; Ch¹ 1 PvK 7,15); iź priepůlo tokio iźbliūtas (w swym upadku... podźwigniony)12. Die heute verbreitete Bedeutung „Verschlimmerung einer Krankheit“ ist ganz neu; sie ist erst in Quellen des 20. Jh. belegt13.
Dass die Ableitungen mit Endung im 16.–17. Jh. die kategoriale Bedeutung von NÁ besser bewahrt hatten als in der heutigen Sprache, zeigt auch der Umstand, dass dieselbe terminologisierte Bedeutung häufig nicht nur eine Ableitung mit Endung, sondern daneben auch eine Ableitung mit dem Suffix -imas/-ymas oder ein anderes suffixales NÁ hatte. So verwendete M. Daukša neben der Ableitung mit Endung nuodžia (187 Belege) in der spezialisierten Bedeutung „religiöses Vergehen“ auch die Ableitung mit dem Suffix -mė nuodėmė (K. Sirvydas und S. M. Slavočinskis verwendeten nur letztere); in den alten Schriften Kleinlitauens findet sich außerdem nusidėjimas. Dieselbe Bedeutung hat auch die seltene Ableitung mit dem Suffix -tis prasirastis (grzech) AK 23₂₄, 36₂₈, 39₁₈,₂₁; BK 6₉, 16₁₃.
Die Ableitung mit der Endung -ė gailė wird in den Schriften von K. Sirvydas nicht nur in der kategorialen Bedeutung „Bedauern“ verwendet (z. B.: Żal / żałowanie / żałość. Poenitentia, dolor. Gailyſta / gaile SD³ 520), sondern auch in der Bedeutung „Buße“ (z. B.: Sakramento gailes – Sakramenta pokuty SP II 130₆), neben einer weiteren Ableitung mit Endung gailius (pokuta) SP I 159₁₄ und den Suffixableitungen gailysta, gailystė, gailystavimas, z. B.: Pokutá / Poenitentia, poena, multa, satisfactio pro defectibus suſcepta. Gailyſta / gayle SD³ 319; daritu gayliſti aźu ſawo nuſideimus (źá grzech ſwoy pokutowal) SP II 116₅; Akk. Sg. gayliſtawimu (pokuta) SP I 57₅¹⁴. Andere Autoren des 16.–17. Jh. verwendeten hierfür Suffix-NÁ: gailėjimas (is) DP 143x; SE 12₃; AK 10₂–₃, 24₇; BK 23₆; gailesys (gailesis)
9 Kudz inowski Cz. Kl, t. 2, s. 50.
10 Kudz inowski Cz. Kl, t. 2, s. 153.
11 Lebedys J. Žodynėlis. – Kn.: Slavočinskis S. M. Giesmės tikėjimui katalickam priderančios. V., 1958, p. 502.
12 Lebedys J. Ten pat.
13 Vgl. auch Būga K. Rinktiniai raštai / Sud. Z. Zinkevičius. – V., 1959, t. 2, p. 39.
14 Vgl. auch Zinkevičius Z. Kelios pastabos lietuvių XVI–XVII a. leksikos istorijai. – Kn.: Socialinės lingvistikos problemos (Lietuvių kalbotyros klausimai). V., 1979, t. 19, p. 121–122.
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Page 4Mž 335₃; Vln 69₁₆; BP II 229₃; MT 2₁₀, 54₄, 61₁₁, 67₁₉,...; DP 6x; gailystė SE 57₂₆, 257₃; gailysta BK 43₁₃; prisivertimas BP 6x; liovimas(is) Vln, VlnE 4x; BP 2x.
In den meisten Fällen bewahrten die durch Endungen gebildeten NA des 16.–17. Jahrhunderts ihre kategorische Bedeutung und unterschieden sich semantisch nur wenig von den entsprechenden Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas. In den alten Schriften ist eine Tendenz erkennbar, Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas nicht zusammen mit synonymen Endungsableitungen desselben Verbs zu verwenden. In den litauischen Sprachdenkmälern des 16.–17. Jahrhunderts machen die durch Endungen gebildeten NA, zu denen keine entsprechenden Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas vorhanden sind, gewöhnlich 48 bis 90% aus; unter denjenigen, zu denen solche Nebenformen existieren, werden Endungsableitungen häufiger verwendet als die entsprechenden NA mit dem Suffix -imas/-ymas. Dieses Verhältnis zwischen den genannten NA-Gruppen ist in den einzelnen Texten unterschiedlich. Dafür waren zwei Umstände maßgeblich: 1) die Gesamtzahl der durch Endungen gebildeten NA; 2) die Neigung der Autoren, Synonyme zu verwenden. Wo es vergleichsweise wenige durch Endungen gebildete NA gibt, treten auch Entsprechungen mit dem Suffix -imas/-ymas seltener auf. Das ist in den Schriften Kleinlitauens der Fall (Mž, Vln, BP, BB u. a.). So weisen in den Schriften von B. Vilentas nur 9% der durch Endungen gebildeten NA entsprechende Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas auf. In den Schriften Großlitauens, wo es wesentlich mehr durch Endungen gebildete NA gibt, werden auch entsprechende Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas häufiger verwendet. Die meisten solchen Variantenpaare finden sich in M. Daukšas Postille¹⁵, die sich generell durch eine große Zahl und Vielfalt an Synonymen auszeichnet¹⁶. In M. Daukšas Katechismus hingegen, in dem es weniger Synonyme gibt, weisen etwa 17% der durch Endungen gebildeten NA entsprechende Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas auf.
Im 16.–17. Jahrhundert waren viele Typen der durch Endungen gebildeten NA (insbesondere Ableitungen mit den Endungen -a, -is/-ys, -ia) produktiver als heute. In den meisten Schriften jener Zeit gibt es mehr durch Endungen gebildete NA als suffigierte (ausgenommen Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas). Durch Endungen gebildete NA sind besonders in den Schriften von M. Daukša, K. Sirvydas und S. M. Slavočinskis verbreitet. Zahlreiche Endungsableitungen, die in Schriften des 16.–17. Jahrhunderts verwendet wurden, sind heute entweder ganz ungebräuchlich oder sehr selten. So sind 46% dieser in K. Sirvydas’ Punktai belegten NA für die heutige Sprache untypisch, 28% in M. Daukšas Postille, 26% im Katechismus von K. Petkevičius und 22% im Gesangbuch von S. M. Slavočinskis.
Die hier angeführten Daten lassen vermuten, dass das semantische Zentrum der NA-Wortbildungskategorie im 16.–17. Jahrhundert nicht nur aus Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas bestand (wie heute), sondern auch aus Endungsableitungen.
Ableitungen mit dem Suffix -imas/-ymas verbreiteten sich im Litauischen erst während seiner selbstständigen Entwicklung¹⁷. In noch älterer Zeit, aus der keine schriftlichen Quellen überliefert sind, bildeten allein Endungsableitungen das semantische Zentrum der NA-Kategorie; sie nehmen auch in den Wortbildungsparadigmen anderer verwandter Sprachen einen wichtigen Platz ein. In den slawischen Sprachen ist die durch Endungen gebildete
15 Ambrazas S. Galūnių darybos veiksmažodžių abstraktai M. Daukšos Postilėje. – Baltistica, 1980, t. 16(1), p. 68.
16 Vgl. Tangl E. Der Accusativus und Nominativus cum Participio im Alt litauischen. – Weimar, 1928, S. 8–11; Skardžius P. Daukša, der erste Schöpfer der Gemeinsprache in Großlitauen. – Archivum Philologicum, 1933, Bd. 4, S. 12, 15; Lebedys J. Mikalojus Daukša. – V., 1963, S. 308–318.
17 Ambrazas S. Dėl veiksmažodžių abstraktų su priesaga -imas/-ymas darybos raidos. – Baltistica, 1983, t. 19(1), p. 66–69.
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Page 5NA setzten sich durch, bevor die ersten Schriftdenkmäler entstanden, möglicherweise in der Epoche der Gemeinsamkeit der slawischen Sprachen18. Zahlreiche Bildungen dieses Typs finden sich seit ältester Zeit in den indo-iranischen Sprachen19. Im klassischen Griechisch verbreiteten sich NA mit den Endungen *-ā- stark20. In der germanischen Sprachgruppe sind durch Endungen gebildete NA (besonders mit der Endung *-o-) am charakteristischsten für das Gotische und das Althochdeutsche21. Viele Forscher bringen die Ausbreitung der durch Endungen gebildeten Formen, die in den einzelnen indoeuropäischen Sprachen zu unterschiedlichen Zeiten erfolgte, mit der Differenzierung des Maskulinums und Femininums sowie mit der damit verbundenen Zunahme der Produktivität der o- und ā-Stämme in Verbindung22.
Bevor sich die Endungsbildungen ausbreiteten, nahmen in der Wortbildungsparadigmatik der indoeuropäischen Sprachen NA mit den Formantien *-tei-/-ti- und *-teu-/-tou-/-tu- eine privilegierte Stellung ein; sie hatten unterschiedliche Bedeutungen23.
Aus NA mit dem Formans *-tu- entwickelte sich in den baltischen Sprachen das Supinum, und im Altpreußischen außerdem der Infinitiv mit dem Formans -tvei. In den ostbaltischen Sprachen verlor dieser Wortbildungstyp jedoch früh seine Produktivität. Von den alten NA mit dem Formans *-tu- blieben im Litauischen und Lettischen
18 Mečė A. Общеславянский язык. — М., 1951, с. 273; Бернштейн С. Б. Очерк сравнительной грамматики славянских языков: Череповская. Именные основы. — М., 1974, с. 276—277, 302—333; Vondrák W. Vergleichende slavische Grammatik. — Göttingen, 1924, Bd. 1, S. 494 ff.; Sławski F. Zarys słowotwórstwa prasłowiańskiego. — In: Słownik prasłowiański. Wrocław etc., 1974, t. 1, s. 58—61; Wojtyła-Świerzowska M. Prasłowiańskie nomen agentis. — Wrocław etc., 1974, s. 12—16.
19 Wackernagel J., Debrunner A. Altindische Grammatik. — Göttingen, 1954, Bd. 2, T. 2, S. 219—235, 238—251; Burrow T. The Sanskrit Language. — London, 1959, p. 123 ff.; Герценберг Л. Г. Морфологическая структура слова древних индо-иранских языков. — Л., 1972, с. 240, 245; Елизаренкова Т. Я. Грамматика ведийского языка. — М., 1982, с. 136 сл.
20 Debrunner A. Griechische Wortbildungslehre. — Heidelberg, 1917, S. 141—142; Chantraine P. La formation des noms en grec ancien. — Paris, 1933, p. 19—23; Arend E. Verbalabstrakta bei Herodot und ihre Vorgeschichte. Teildruck: Die Verbalabstrakta auf -οσ und -η. — Berlin, 1936, S. 13—41.
21 Bahder K. Die Verbalabstrakta in den germanischen Sprachen. — Halle (Saale), 1880, S. 40 ff.; Meid W. Germanische Sprachwissenschaft. Bd. 3. Wortbildung. — Berlin, 1967, S. 59—60; Hinderling R. Studien zu den starken Verbalabstrakta des Germanischen. — Berlin, 1967, S. 42 ff.; Сравнительная грамматика германских языков. — М., 1963, т. 3, с. 76—77.
22 Vgl. Burrow T. Op. cit., S. 121 ff.; Gagnepain J. Les noms grecs en -οσ et en -ā: Contribution à l'étude du genre en indo-européen. — Paris, 1959; Kurylowicz J. The Inflectional Categories of Indo-European. — Heidelberg, 1964, S. 216—217; Birnbaum H. Indo-European Nominal Formation Submerged in Slavic. — In: The Slavic Word: Proceedings of International Slavistic Colloquium at UCLA/Ed. by D.S. Worth. The Hague, 1972, S. 162—163; Mažiulis V. Baltų ir kitų indoeuropiečių kalbų santykiai (Deklincija). — V., 1970, S. 306—308; Georgiev V. I. Die luv̯ische Abstrakta auf -aḫi, die hethitischen Nomina actionis auf-(a)ai und die ā Stämme. — KZ, 1974, Bd. 88, H. 1, S. 121; Watkins C. Die Vertretung der Laringale in gewissen morphologischen Kategorien in den indogermanischen Sprachen Anatoliens. — In: Flexion und Wortbildung: Akten der V. Fachtagung der indogermanischen Gesellschaft. Regensburg, 9—14. Sept. 1973/Hrsg. von H. Rix. Wiesbaden, 1975, S. 363 ff.; Бернштейн С. Б. Указ. соч., с. 134—135; Brosman P. W. The Development of the PIE Feminine. — The J. of Indo-European Studies, 1982, vol. 10, N 3—4, S. 253—272.
23 Benveniste E. Noms d’agent et noms d’action en indo-européen. — Paris, 1948, p. 112.
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Page 6blieben nur wenige: lit. lietùs (lytùs), lett. lietus: lit. lýti, lett. lit; lit. piẽtūs, vgl. pỹti „Feuchtigkeit trinken, aufquellen, matschig werden; Milch ablassen“ < idg. *pī-[poi- „trinken“24; lett. viltus „Betrug“: vilt „betrügen“; mītus (miētus) „Austausch“: mīties „abwechseln, verändern“; dẽstų (1. sg.) likt „(Samen) in die Keime legen“25. Viele NA mit verschiedenen Varianten des Formans *-teu-/-tou-/-tu- erhielten in den baltischen Sprachen instrumentale Bedeutungen. So entstanden beispielsweise im Litauischen Instrumentbezeichnungen mit den Suffixen -tuvas, -tuvė.
Den semantischen Mittelpunkt der NA-Kategorie in den ostbaltischen Sprachen bildeten anfangs offenbar Bildungen mit dem Formans *-ti-. Erst nachdem dieser Wortbildungstyp seine Produktivität verloren hatte und viele Bildungen mit dem Formans *-ti- erstarrt und zu Infinitivformen geworden waren, nahmen Endungsbildungen ihren Platz in der Wortbildungsparadigmatik der NA ein. Dies muss noch zur Zeit der Gemeinsamkeit des Litauischen und Lettischen geschehen sein, denn sowohl im Litauischen als auch im Lettischen26 gibt es nur wenige NA mit dem Formans *-ti-, während Endungsbildungen zahlreich sind und viele von ihnen Entsprechungen in beiden Sprachen haben.
Während der eigenständigen Entwicklung des Litauischen, als sich NA mit dem Suffix -imas/-ymas ausbreiteten, begannen die Wortbildungsmöglichkeiten der Endungsbildungen allmählich zu schwinden. Dieser Prozess spiegelt sich bereits in den litauischen Sprachdenkmälern des 16.–17. Jahrhunderts wider. In den Schriftzeugnissen Kleinlitauens wurden die durch Endungen gebildeten NA damals erheblich seltener verwendet als in Großlitauen. So kommen durch Endungen gebildete NA in J. Bretkūnas’ Postille halb so häufig vor wie in den wesentlich kürzeren Punktai von K. Sirvydas. Ein ähnliches Zahlenverhältnis bei den durch Endungen gebildeten NA zeigt sich zwischen dem handschriftlichen Lexicon Lithuanicum und dem Wörterbuch von K. Sirvydas. Offenbar nahm die Produktivität der durch Endungen gebildeten NA im westaukštaitischen Dialekt Kleinlitauens früher ab.
Die Endungsbildungen sind in den litauischen Schriftzeugnissen Großlitauens aus dem 16.–17. Jahrhundert unterschiedlich verbreitet. Relativ wenige finden sich im anonymen Katechismus von 1605 und im sogenannten Belarmino-Katechismus, obwohl diese auf der Grundlage des ostaukštaitischen Dialekts verfasst wurden, ebenso wie die Schriften von K. Sirvydas, die sich durch eine Fülle von Endungsbildungen auszeichnen. Schwankungen in der Anzahl der Endungsbildungen könnten dadurch bedingt sein, dass nicht alle alten Schriftzeugnisse die lebendige Volkssprache gleichermaßen widerspiegeln. Bemerkenswert ist, dass die meisten Endungsbildungen in den Schriften von M. Daukša, K. Sirvydas und S. M. Slavočinskis zu finden sind, die den Wortschatz der gesprochenen Volkssprache Großlitauens am besten repräsentieren. Andererseits entsprach die Standardisierung der Bildungen mit dem Suffix -imas/-ymas, die besonders in den Schriften von B. Vilentas und in den ostlitauischen Katechismen deutlich wird, den Anforderungen des Buchstils. Es wurde festgestellt, dass auch im Altslawischen die Verwendung von durch Endungen gebildeten NA und von Bildungen mit den Suffixen -nije/-tije vom Stil der Schriftzeugnisse abhängt27.
In den alten litauischen Sprachdenkmälern ist das Ende jener Entwicklungsphase der NA bezeugt, in der die Endungsbildungen noch im Zentrum der Kategorie standen. Die Umgruppierung der Wortbildungsparadigmatik der NA, die vor dem Beginn der Schriftlichkeit einsetzte, kam in den vergangenen Jahrhunderten zum Abschluss:
24 Fraenkel E. Die baltischen Sprachen. – Heidelberg, 1950, S. 37; Litauisches etymologisches Wörterbuch. – Heidelberg, Göttingen, 1962, S. 588; Pokorny J. Indogermanisches etymologisches Wörterbuch. – Bern, 1959, Bd. 1, S. 839–840.
25 Endzelīns J. Latviešu valodas gramatika. – Rīga, 1951, 1pp. 380.
26 Endzelīns J. Op. cit., 1pp. 380.
27 Вайан A. Руководство по старославянскому языку. – М., 1952, с. 228.
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Page 7Im Zentrum dieser Kategorie blieben allein die Bildungen mit dem Suffix -imas/-ymas. Der Gebrauchsumfang der Endungsbildungen hat sich erheblich verengt. Heute sind sie keine Synonyme der Bildungen mit dem Suffix -imas/-ymas mehr, sondern haben speziellere Bedeutungen, vgl. mūšis und mušimas, pašaka und pašakojimas, žinia und žinojimas usw.
Auch im Lettischen ist eine Tendenz zur Spezialisierung der Endungsbildungen zu beobachten28; zur Bezeichnung des Handlungsprozesses werden die Bildungen mit dem Suffix -šana verallgemeinert und standardisiert, die hinsichtlich ihres Platzes im Wortbildungsparadigma der NA ungefähr den litauischen Bildungen auf -imas/-ymas entsprechen.
Ein ähnlicher Prozess vollzog sich auch in den slawischen Sprachen. Im Altslawischen wurden Endungsbildungen noch als Synonyme der Bildungen auf -nije/-tije verwendet29. Es wurde festgestellt, dass Endungsbildungen im Altrussischen etwa 80% aller deverbalen Substantive ausmachten30. Im Zeitraum der eigenständigen Entwicklung der einzelnen slawischen Sprachen verengte sich der Gebrauchsumfang der durch Endungen gebildeten NA, ihre Bedeutungen spezialisierten sich, während die Bildungen mit dem Suffix -nije/-tije stark an Verbreitung gewannen und zum Kern der NA-Kategorie wurden. Eine solche Umgruppierung der Wortbildungstypen wurde im Russischen31, Bulgarischen32, Tschechischen33, Slowakischen34 und Polnischen35 festgestellt.
Somit ist eine deutliche Parallelität in der Entwicklung der durch Endungen gebildeten NA im Baltischen und Slawischen erkennbar. Besonders bemerkenswert ist, dass in beiden Sprachgruppen die durch Suffixe gebildeten Wortbildungstypen, die sich erst während der eigenständigen Entwicklung der einzelnen Sprachen verbreiteten, den Platz der Endungsbildungen im Wortbildungsparadigma der NA einnahmen.
28 Mūsdienu latviešu literārās valodas gramatika. — Rīga, 1959, s. 1, lpp. 100, 106—108; Скуня В. Образование терминов технических наук в латышском языке: Автореф. дис.... канд. филол. наук. — Рига, 1969, с. 12.
29 Вайан А. Указ. соч., с. 228—229.
30 Варбот Ж. Ж. Древнерусское именное словообразование. — М., 1969, с. 18.
31 Auerbach I. Nomina abstracta im Russischen des 16. Jahrhunderts: Ein Beitrag zur Geschichte der Abstraktsuffixe im Slavischen. — München, 1973, S. 118—139 mit früherer Literatur; Menge-Verbeeck R. Nullsuffix und Nullsuffixierung im Russischen: Zur Theorie der Wortbildung. — München, 1973; Dulewiczowa I. Nomina actionis we współczesnym języku rosyjskim. — Wrocław etc., 1976, S. 17—22; Волков В. С. Наблюдения над производными бессуффиксных существительных в актах XVII в. (лексические новообразования). — В кн.: Вопросы теории и истории языка: Сборник в честь профессора В. А. Ларина. Л., 1963, с. 53 сл; Дубогаева М. Бессуффиксальные отглагольные существительные в русском языке XI—XVII вв.: Автореф. дис.... канд. филол. наук. — Минск, 1970, с. 20; Ахметова Г. Я. Имена действия в русском языке XV—XVI вв. (словообразовательные типы и лексико-грамматические свойства): Автореф. дис.... канд. филол. наук. — Л., 1975, с. 15, 17; Русская грамматика. — М., 1980, т. I, с. 220—221.
32 Szymański T. Słowotwórstwo rzeczownika w bułgarskich tekstach XVII—XVIII wieku. — Wrocław, 1968, s. 94.
33 Tvoření slov v češtině. — Praha, 1967, s. 592—607, 610—617; Ангел В. П. Словообразование абстрактных существительных в чешском языке: Автореф. дис.... канд. филол. наук. — Минск, 1979, с. 7—8.
34 Furdík J. Op. cit., s. 54 tt.
35 Klemensiewicz Z., Lehr-Spławiński T., Urbańczyk S. Gramatyka historyczna języka polskiego. — Warszawa, 1955, S. 207; Fokker A.A. Derivation of Nouns from Verbs in Contemporary Literary Polish. — Lingua, 1964—1965, vol 13, S. 395 ff.; Puzynina J. Nazwy czynności we współczesnym języku polskim. — Warszawa, 1969, S. 34—40; Rospond S. Gramatyka historyczna języka polskiego. — Warszawa, 1979, S. 181.
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Page 8ABKÜRZUNGEN
BK – Kurze Zusammenfassung der christlichen Lehre / verfasst von Kardinal Roberto Bellarmino. – Vilnae, 1677.
LKŽ – Lietuvių kalbos žodynas. – V., 1957–1984, t. 1–13.
LKŽK – Belegkartei des Wörterbuchs der litauischen Sprache.
KZ – Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen, begr. von A. Kuhn. – Berlin etc.
Die übrigen Abkürzungen entsprechen denen im großen „Wörterbuch der litauischen Sprache“.
HISTORISCHER WANDEL DER WORTBILDUNGSTYPEN DER NOMINA ACTIONIS
Zusammenfassung
In der altlitauischen Schriftüberlieferung ist das Ende jener Periode bezeugt, in der Flexionsderivate zusammen mit den Derivaten mit dem Suffix -imas/-ymas das semantische Zentrum der Kategorie der Nomina actionis (im Folgenden – NA) bildeten. Im 16.–17. Jahrhundert bewahrten die flektierenden NA noch weitgehend ihre kategoriale Bedeutung und wurden als Bezeichnungen für Handlungen und Zustände gebraucht, z. B.: mūšis „Schlacht“, heute „Kampf“, priepuolis „Unglück, Missgeschick; Niedergang“, heute „Anfall“, žinia „Wissen, Erkenntnis, Verständnis“, heute „Mitteilung, Information“. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte schränkten die Flexionsderivate ihren Gebrauch allmählich ein, erhielten spezifischere Bedeutungen und rückten an die Peripherie der NA-Kategorie. Im Zentrum der Kategorie blieben nur die Derivate mit dem Suffix -imas/-ymas. Ein ähnlicher Spezialisierungsprozess der flektierenden NA ist während der eigenständigen Entwicklung des Lettischen und vieler slawischer Sprachen zu beobachten; dort nahmen in der Wortbildungsparadigmatik der NA anstelle der Flexionsderivate ebenfalls Wortbildungstypen suffixaler Derivate ihren Platz ein: im Lettischen NA auf -šana, in den slawischen Sprachen NA auf -nije/-tije.
Auf der Grundlage einer vergleichenden Analyse der baltischen Sprachen wurde folgende Abfolge des Wandels der Wortbildungstypen im semantischen Zentrum der NA-Kategorie des Litauischen ermittelt: 1) NA mit den Formantien *-ti- und *-tu- (im Gemeinbaltischen); 2) NA mit dem Formans *-ti- (im frühen Ostbaltischen); 3) flektierende NA (im späten Ostbaltischen); 4) flektierende NA zusammen mit den Derivaten mit dem Suffix -imas/-ymas (im Alt-litauischen); 5) NA mit dem Suffix -imas/-ymas (im modernen Litauischen).