Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVI (1996)
LIETUVIŲ KALBA: TYRĖJAI IR TYRIMAI
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Jurgis GERULIS
Leipzig
ZUR BEURTEILUNG DES PRUSSISCHEN ENCHIRIDIONS*
Es ist bekannt und verständlich, dass die Sprache des preußischen Enchiridions sehr unterschiedlich beurteilt wird. Denn mathematisch exakt lässt sich nicht beweisen, in welchem Maße die mangelhafte Sprache dieses Textes die damalige Umgangssprache wiedergibt oder in welchem Maße ihre ungeordnete Gestalt auf die Unfähigkeit Abels Willes zurückzuführen ist.
Leskien, Brückner, Berneker, Endzelīns u. a. verurteilten Willis scharf. Bezzenberger, Trautmann und vielleicht van Wijk vertreten eine zurückhaltendere Position, doch im Grunde unterscheiden sich beide Auffassungen nicht so sehr, wie es beim ersten Lesen ihrer Arbeiten scheint. Die genannten Wissenschaftler würden vermutlich das unterschreiben, was Bezzenberger in KZ** 41,67 sagt: „Damit … ich nicht missverstanden werde, möchte ich abschließend erklären: Auch ich halte sein Preußisch für schauderhaft und seine Übersetzung oft für sehr nachlässig. Mir geht es jedoch darum, den Vorwurf gegen ihn und seine Sprache richtig darzustellen.“
Wie gesagt, lässt sich lediglich über den Grad des Vorwurfs keine Einigung erzielen.
Anders denkt Eduard Hermann. In seinem Aufsatz KZ 47, 147 ff. erklärt er, Abel Willis sei ein guter Kenner des Preußischen gewesen, der seine Arbeit gewissenhaft und ordentlich ausgeführt habe. Mit anderen Worten bedeutet dies vermutlich, dass Willis seine Aufgabe ebenso gut oder schlecht erledigte wie seine Zeitgenossen Mažvydas oder Vilentas; tatsächlich sogar besser, denn, so meine ich, sind die Übersetzungen Mažvydas’ stellenweise zumindest schlecht und ohne das Original schlichtweg unverständlich. Denn wie kann man eine einzige Äußerung oder eine einzige Form, die Hermann für richtig hält, d. h. um 1560 in der Gegend von Pabėčiai (Pobethen allgemein gebräuchlich gewesen sein soll, als falsch erweisen? Das lässt sich beispielsweise im lettischen Katechismus von 1586 leicht anhand der lebendigen Sprache bewerkstelligen. Selbst wenn mir jener Ort bekannt wäre, hätte ich es dennoch für unangemessen gehalten, aufzuzählen und mehr oder weniger überzeugend zu begründen, was meiner Ansicht nach im Enchiridion nicht preußisch ist und somit auf Willis’ Verschulden zurückgeht. Ich beschränke mich hier auf einige wesentliche oder rein historische Bemerkungen, die aus Quellen zusammengestellt sind, von denen manche nicht leicht zu verstehen sind. Auf die Übersetzung selbst werde ich nur gelegentlich eingehen.
* Übersetzt aus: Georg Gerullis, Zur Beurteilung des altpreussischen Enchiridions. — Streitberg-Festgabe, Leipzig: Markert u. Petters Verlag, 1924, 96—104.
Die Herausgeber dieses LKK-Bandes danken Professor Ikuo Murata (Tokio) herzlich, der das erwähnte Buch geschenkt hat.
** KZ = Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen. Begr. von A. Kuhn. Berlin, 1952 t.t. — Red.
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Page 2Bei der Untersuchung der Vorzüge oder Mängel des Enchiridions sind letztlich zwei Fragen wichtig: 1. Beherrschte Willis die prußische Sprache gut?; 2. falls er sie beherrschte, ist dann die gemischte Sprache des Textes ein getreues Abbild des Prußischen von 1560, oder ist sie auf Willies Unfähigkeit als Übersetzer zurückzuführen?
Wie bekannt, war Abel Willis Pastor in Pobethen in Samland, unweit des „Sudauischen Winkels“. Er wird dort erstmals 1554 erwähnt, war aber wahrscheinlich schon früher an diesem Ort tätig, denn sein Vorgänger Michaelis Willis verließ Pobethen 1540, D. H. Arnoldt, Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation... in Ostpreußen gestandenen Predigern, 1777, p.29 (Samland). Der Umstand, dass beide denselben Nachnamen tragen und außerdem 1527 einem gewissen Mathijs Willi die Kulmer Gerichtsmühle in Pobethen übertragen wurde (Altpreuß. Monatschrift 11, 536), lässt vermuten, dass Abel Willis aus einer einheimischen deutschen Familie stammte und dass man, da ihm die Übersetzung des Enchiridions anvertraut wurde, wohl wusste, dass er die gesprochene prußische Sprache beherrschte. Ich werde gleich auch dies bestätigende Dokumente vorlegen.
Doch wie gut beherrschte Abel Willis die prußische Sprache? Häufig wird hier der von Abel Willis an Funk gerichtete Brief angeführt, in dem er sich darüber beklagt, dass ihm der Übersetzer weggenommen worden sei (Neue Preuß. Prov.-Blätter, andere Folge VII, 396 t.); jeder, der darüber objektiv urteilt, würde zu demselben Schluss kommen wie Leskien, Die Declination im Slav.-Lit.u.Germ., p. 60., Anmerkung: „Dieser Text bedarf wohl keines Kommentars: Der Pastor beherrschte die prußische Sprache überhaupt nicht oder nur sehr schlecht“. Denn wer sonntags einen Übersetzer hinzuzieht (an den Werktagen musste dieser Mann sein eigenes oder das Land seines Gutsherrn bearbeiten), ist natürlich selbst nicht in der Lage, auf Prußisch zu predigen usw. Doch ist mir unverständlich, dass Hermann sowie Bezzenberger und Trautmann das Vorhandensein eines Übersetzers nicht beanstanden! Schließlich ist der Brief in diesem Fall wertlos im Vergleich zu dem, was beide Seiten übersehen haben. Aus dem erwähnten Werk Arnoldts, op. cit., p. 30, geht hervor, dass die Pobethener Pfarrei wegen ihrer Größe neben dem Pastor zeitweilig noch einen „Diakon“ (Hilfsgeistlichen) hatte; unter der Überschrift „Diaconi“ erklärt Arnoldt: „Anfangs hatten sie einen Übersetzer“. Wir wissen mit Sicherheit, dass Paulus Sunder, Abel Willis’ Diakon, als er 1558 nach St. Lorenza kam, um dort das Pfarramt zu übernehmen, seine Amtspflichten in der Synagoge mithilfe eines Übersetzers erfüllte (Arnoldt op. cit., p. 27, 28), und aus den Visitationsakten von 1569 (Ostpreuß. Foliant 1277, Staatsarchiv Königsberg) geht hervor, dass es damals in Pobethen keinen Übersetzer gab (p. 68)1. Nur in diesem Fall
1 K.N. Später fand ich im Ostpreuß. Foliant 1271, p. 187r, nach 1543 (oder 1541?) folgende Notiz: „P o b e t h e n. Inter Parochum et Molitorem Meister Mats Bübisch oder Will (qui domini Michaelis frater est) discordia Viguit aliquamdiu... Vult enim Molitor domini Michaelis filium habere parochum Pobethensis Ecclesiae. Accusabat parochum Quod... Item das Er Nicht durch Einen Tolcken prediget“. /„Pobethen. Zwischen dem Pastor und dem Müller Meister Mats Bübisch oder Will (der der Bruder des Herrn Michaelis ist) herrschte geraume Zeit Zwietracht... Denn der Müller will, dass der Sohn des Herrn Michaelis Pastor der Pobethener Kirche wird. Er beschuldigte den Pastor, dass... Ebenso, dass er ohne Dolmetscher predige.“/ Predigte Abel Willis aufgrund seiner mangelhaften Kenntnis des Prußischen? Dennoch galt es als ehrenvoll, ohne Übersetzer auszukommen. Das hebt der Bischof deutlich hervor, op. cit., p. 189v, während der Visitation in Heiligenkreutz (im „Sudauischen Winkel“): „S. Crux. Parochus est diligens in Officio. Exacte Nouit Prutenice. Nec eget Interprete Oder eines Tolcken“. /„S. C r u x. Der Pastor erfüllt seine Pflichten gewissenhaft. Er beherrschte das Prußische gut. Er braucht keinen Übersetzer.“/ Da dieser Pfarrer außerdem 1543 (1541?) den Visitator durch seine Kenntnis des Prußischen beeindruckte, fügte er ihn der Übersetzung des prußischen Katechismus von 1545 hinzu. Das war wohl Casparas Sander, der laut Arnoldt, op. cit., p. 6, der erste Geistliche in Heiligenkreutz war, dessen Name bekannt ist. Er starb
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Page 3Ein Übersetzer hätte nur dann eingestellt werden können, wenn Abel Wllios Nachfolger kein Prußisch beherrscht hätte (p.432. Dass ihm ein ehemaliger Übersetzer half, „der diese Sprache vermutlich besser als die anderen beherrschte“, und „die Übersetzung korrigierte“, lässt angesichts der Schwierigkeit des Textes keinerlei Schlussfolgerungen auf mangelnde Sprachkenntnisse zu. Auch Hermanns Vorwurf in KZ 47, 149 bedeutet, dass Herzog Albrecht doch mehr prußischsprachige Geistliche gehabt haben müsse und sich nicht für jemanden hätte entscheiden müssen, „der nicht einmal die prußischen Fälle und Zahlen unterschied“. Mit der Auswahl des Übersetzers war schließlich Hofprediger Funk betraut; an ihn, seinen „Paten“, wendet sich auch Willis. Funk hatte die größte Gunst des Herzogs erlangt, lebte jedoch mit dem Adel und fast dem gesamten Klerus in größter Feindschaft. Nur wenige Geistliche waren Osiandriner und zugleich Anhänger Funks. In Samland gab es nur drei von ihnen, darunter Abel Willis (Ch. Hartknoch, Preuß. Kirchen-Historia 1686, p. 366). Willis verwendete in seinem Enchiridion auch die Agende von 1558, die viele als osiandristisch verwarfen3. Als Funk von seinen Gegnern gestürzt und 1566 sogar hingerichtet wurde, wurde Willis ins Gefängnis geworfen (Arnoldt op. cit., p. 29). Angesichts des fanatischen Hasses, der in jenen Jahren Osiandriner und Nichtosiandriner voneinander trennte, ist es undenkbar, dass Funk einem seiner Gegner statt einem Gesinnungsgenossen den Auftrag gegeben hätte, ganz abgesehen davon, dass ein anderer vielleicht abgelehnt hätte, die Agende von 1558 zugrunde zu legen, deren Einführung Funk und Herzog Albrecht betrieben. Zu diesen hässlichen Religionsstreitigkeiten vgl. C. A. Hase, Herzog Albrecht von Preußen und sein Hofprediger, p. 205 t.t.
Nur auf der Grundlage unmittelbarer Beweise müssen wir versuchen, die Frage zu beantworten, ob Willis die prußische Sprache gut oder nur schlecht beherrschte; vorerst ist dies jedoch unmöglich. Bislang steht lediglich fest, dass Willis die prußischen Gottesdienste selbst abhielt.
Somit bleibt letztlich die Sprache das einzige Kriterium. Sie ist natürlich außerordentlich verworren. Fälle, Endungen und Zahlen wechseln beinahe beliebig. Wer wie ich in einer zweisprachigen Gegend aufgewachsen ist, wird sich gut an so manchen deutschen Pastor erinnern, der sonntags in einer ähnlichen litauischen „Töpfer“-Sprache predigt. Die Gemeinde versteht von diesem Gestammel kaum etwas. (Man möge mir die drastische Formulierung verzeihen, doch trifft sie leider bisweilen zu.) Haben die prußischen Kirchenbesucher den Inhalt besser verstanden? Mein Sprachgefühl, das natürlich völlig subjektiv ist, flüstert mir zu, dass sie besonders aus diesem Enchiridion noch weniger verstehen konnten.
Hermann hingegen ist zweifellos fest vom Gegenteil überzeugt. Die Übersetzung sei, von Einzelheiten abgesehen, gelungen und für jene Zeit wirklich prußisch gewesen. Um dies glaubhaft erscheinen zu lassen, führt er verschiedene Behauptungen über das Prußische jener Zeit an, von denen einige bereits von anderen aufgestellt worden waren, allerdings nicht mit derart weitreichenden Einschränkungen.
Prüfen wir anhand der gegenwärtigen Arbeiten, inwieweit er recht hat!
Bislang sagen nicht nur Hermann, sondern wir alle, dass das Prußische um 1560 eine sterbende oder fast ausgestorbene Sprache war. Das trifft allerdings nur für die Zeit
1575.
2 Von den in diesem Band aufgeführten Kirchen Samlands benötigte 1569 nur eine, die Kirche in Juditten bei Königsberg, keinen Übersetzer. In Rudau, Pobethen und St. Lorenza musste es einen solchen Übersetzer geben, falls der Pastor kein Prußisch beherrschte; folglich beherrschten die damaligen Pastoren das Prußische. In Wargen, Schaken, Postnicken und Caymen wurden die Übersetzer besoldet.
3 In A fsl Ph XXXIX, 66 erwähne ich eine „von Osiander inspirierte“ Agende, übersehe jedoch, dass Osiander bereits 1552 gestorben war.
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Page 4im Hinblick darauf, jedoch nicht ganz so, wie wir es uns vorstellen. Tatsächlich kann kein Zweifel daran bestehen, dass die prußische Sprache um 1700 im Allgemeinen gesprochen tot war (vgl. Trautmann, Altpreuß. Sprachdenkmäler, Bd. VII). Doch konnte sie auch nach 1700 an irgendeinem abgelegenen Ort noch einige Jahrzehnte als Haussprache fortleben, wie heute in der einen oder anderen kurischen (lettischen) Familie auf der Kurischen Nehrung, wo nur zu Hause lettisch, sonst aber litauisch gesprochen wird, oder mutatis mutandis in einigen unter weißrussischen Einfluss geratenen litauischen Dörfern des ehemaligen Gouvernements Wilna. Zeitgenossen nehmen solche Sprachreste oft nicht wahr.
Die prußische Sprache erlosch vermutlich sehr rasch, denn um 1625 war sie noch vergleichsweise verbreitet; sie verschwand also endgültig nach 75 Jahren! Bislang vertraute man den Worten der Vorrede zu Davidis Psalter von 1625, wonach damals nur stellenweise an der Küste Samlands prußisch gesprochen wurde: „die alte prußische Sprache, die noch in Preußen, in Fischhausen, in Schaaken und an der Küste von Labiau sowie am Kurischen Haff von einigen Leuten gebraucht wird“. Doch Herr Dr. Krollmann aus Königsberg4 fand im Hausarchiv des Fürsten Dohna eine um 1620 verfasste Aufzeichnung, in der der prußische Burggraf Christoph Dohna (geboren 1583) bemerkt: In seiner Kindheit mussten die Hausfrauen, um sich mit den Dienstleuten verständigen zu können, drei Sprachen beherrschen: Deutsch, Polnisch und Prußisch. Sein Onkel, der Burggraf Fabianus Dohna, habe ihm erzählt, dass sie den Melchior, Baron von Rödern (vgl. Allgem. Deutsche Biographie 29, 23), als er 1581 die Dohnas in Mohrungen besuchte, mit der prußischen Sprache überrascht habe. Da er Sprachen sehr schnell lernte, schrieb er später der Mutter des jungen Grafen einige Briefe auf Prußisch. Somit lebte die prußische Sprache 1581 sogar im Westen des prußischen Sprachgebiets, in Pomesanien, noch fort, und wenn die prußischen Dienstleute in der Kindheit des Grafen, etwa um 1590, noch nicht zweisprachig waren, so gebrauchten die Prußen um 1620 neben der deutschen Sprache auch noch ihre alte Sprache. Dies bestätigt auch Arnoldt op. cit., S. 28, wenn er erklärt, dass in St. Lorenz, das auf dem direktesten Weg 7 km von Pobethen entfernt liegt, bis 1602 die Predigten mit einem Dolmetscher gehalten werden mussten. Die Samländischen Prußen waren demnach erst nach 1600 im Allgemeinen zweisprachig, sodass sie beim Gottesdienst keinen Dolmetscher mehr benötigten. Die Familiennamen der Einwohner prußischer Dörfer jener Zeit (in den Visitationsregistern) sollten uns nicht irreführen. Fast alle sind christlich und deutsch, während die Samländischen Hof- und Hufenbücher von 1404 und spätere Akten überwiegend auf Prußisch geschrieben sind. Dies ist die Folge des von Bischof Michael von Samland streng durchgesetzten Erlasses (1425) (H. F. Jacobson, Geschichte der Quellen des Kirchenrechts I, 1, S. 127, im Anhang): „ut pueros suos per corum plebanos baptisatos nec in fluminibus nec aliis rebaptisent aut alia nomina imponant quam eis in baptismo sunt imposita“. /„dass sie ihre von ihren Pfarrern getauften Kinder weder in Flüssen noch anderswo wiedertaufen oder ihnen andere Namen geben, als ihnen bei der Taufe gegeben wurden“./
Dennoch lässt sich schon zu Willios Zeiten ebenso begründet von einer sterbenden prußischen Sprache sprechen wie ungefähr heute von der litauischen Sprache in Ostpreußen südlich des Nemunas. Aber was Hermannas und andere unter „sterbend“ verstehen, kann man nicht gelten lassen, solange keine Beweise vorgelegt werden.
Natürlich konnte in dieser Sprachperiode all das vorkommen, was ein ansonsten wohlwollender Leser für die größten Fehler des Übersetzers hält. Zum Beispiel lautet „Darum müssen wir seinen Zorn fürchten“ in Abel Willios prußischer Übersetzung: „Stesse paggan turrimai mes noūmas biāwi per tennēison nertien (Trautmann op. cit.
4Hier sei noch einmal für die freundliche Mitteilung gedankt.
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Page 529,11). Auf Lateinisch wäre es so... debemus nos timere per eorum iracundiam. Oder „Für Herren und Herrinnen“ Steinmans (Dat. Pl.) Buta Rikians (Akk. Pl.) the Buttas waispattin (Akk. Sg.). Besonders vielfältig sind die Formen des Pronomens stas „welcher“ im Genitiv Singular Femininum. In Willios Übersetzung kann es folgende Formen haben: steises, stesses, stēisei, steisei, steise, stessei, stesse, stēison, stēisan, steison.
Wo kommt so etwas in einer lebendigen Sprache vor!? Dieselbe Situation müsste sich doch heute im südlichen Teil Preußisch-Litauens wiederholen, aber dort stirbt die litauische Sprache ganz anders: Nach 1750 dichtet Donelaitis in Tolminkiemis seine Gesänge in wunderbarem Litauisch, während es um 1850 dort bereits kein Litauisch mehr gibt. Abel Willis übersetzt 1550–1561, also ebenfalls ungefähr 100 Jahre vor dem Verschwinden der Sprache. Südlich des Nemunas findet man noch immer Dörfer, in denen die Großeltern fließend Litauisch sprechen, natürlich ohne Formen wie Willis durcheinanderzubringen, aber mit vielen Germanismen im Wortschatz, selbst in alltäglichen Redewendungen. Ihre Kinder verstehen die Muttersprache noch, einige sprechen sie auch fließend, doch sehr ungern. Die Enkel beherrschen nur Deutsch.
Hermannas sagt, um 1560 sei die prußische Sprache eine Mischsprache gewesen. Neben dem Deutschen hätten auch das Polnische, Litauische, Lettische und Sudauische auf sie eingewirkt. In Samland habe es jedoch keinen Einfluss des Polnischen5 und Litauischen gegeben; Letzterer sei niemals über die Deime nach Westen vorgedrungen, abgesehen von einigen Siedlungen politischer Flüchtlinge oder Gefangener aus dem Großfürstentum Litauen. Die Kuren (bereits lettisiert?) lebten um 1550 in Samland, besonders an der Küste, doch nur Vagi, Non diu Uno in loco Manentes /Wanderer, die nicht lange an einem Ort bleiben/ (Bezzenberger, Kur. Nehrung, S. 264/104/). Jedenfalls kann ich in Willios Prußisch weder Litauisches noch Lettisches finden, und die Polonismen sind alt. Es blieben nur die Sudauer. Fast 300 Jahre lang lebten sie in der Nähe von Pobethen, und selbst in der Pfarrei Pobethen konnte man sie finden (vgl. weiter unten). Doch hören wir, was 1535 der ehemalige Rektor der Thomasschule in Leipzig und damalige Pfarrer in Königsberg6 über sie schreibt: Prutenis et populus et regio Sudawen vocatur,... habetque supra XXXII vicos... /Prußen heißen sowohl das Volk der Sudauer als auch ihr Land... und sie haben mehr als 32 Dörfer.../ (A. Aurifaber, Succini historia /Geschichte des Bernsteins/, Königsberg 1551, nennt in Kapitel 2 nur 20.) Sunt autem indigenae, quorum pauci admodum germanicam linguam novēre, sed suam quandam linguam habent barbaram, qua etiam reliquum fere Prutenorum vulgus utitur. Pertinaciter semper studuit haec gens maiorum suorum vestitum, ritus et cultus servare, nec iunxerunt cum finitimis Prutenis matrimonia... Haec, inquam, et alia id genus multa pertinaciter servaverunt illi, donec cum vicinis Prutenis tandem ab annis viginti, instantibus praefectis, coniugia contrahere coacti sunt. Hinc etiam factum est, ut ab antiquis ritibus suis paulatim recesserint: aegre tamen adhuc a prisca sua idololatria et avitis superstitionibus abstinent, neque ex animo vel papae prius paruerunt, ut nunc evangelio assentiuntur plerique eorum, sed veteres suorum cultus tacitis suffragiis probare non desinunt. /Es sind Einheimische
5Wenn Praetorius in Acta Borussica II, 82 schreibt, die prußische Sprache in Samland sei durch „schlesische und polnische Flößer zu einem confusum Chaos“ geworden, bezieht Bezzenberger diese Bemerkung zu Recht auf die Hafenverbindungen (Kur. Nehrung 266(106)). In Samland selbst gab es für „Flößer“ keinen Platz.
6In der Festschrift A. Bezzenberger, S. 44 ff., habe ich diese Bemerkung leider aus Unachtsamkeit ausgelassen.
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Page 6Bewohner, von denen nur wenige Deutsch konnten, aber eine gewisse eigene barbarische Sprache sprechen, die fast alle übrigen Prußen ebenfalls verwenden. Dieser Stamm bemühte sich stets beharrlich, die Kleidung, religiösen Bräuche und Lebensweise seiner Vorfahren zu bewahren, und heiratete nicht in die benachbarten prußischen Gemeinden ein... Ich behaupte, dass dieser Stamm auch vieles andere beharrlich bewahrte, bis er schließlich seit zwanzig Jahren gezwungen wurde, mit den benachbarten Prußen zu heiraten, wobei die Präfekten eingriffen. So kam es, dass er sich allmählich von seinen alten Bräuchen entfernte, sich jedoch bis heute nur schwer von der alten heidnischen Religion und den alten abergläubischen Vorstellungen lossagt. Viele von ihnen gehorchten dem Papst früher weder willig noch stimmen sie heute aufrichtig dem Evangelium zu, sondern halten heimlich weiterhin an ihren alten religiösen Bräuchen fest.“ / (P. Tschackert, Urkundenbuch zur Reformationsgeschichte des Herzogthums Preussen II, 335 t.). Zehn Jahre vor dem Druck des I. und II. prußischen Katechismus konnten also nur wenige Sudauer Deutsch. Sie sind insgesamt so abgeschottet, dass die Obrigkeit sie sogar gewaltsam mit Prußen verheiraten musste; davon ist im Vorwort des I. und II. Katechismus die Rede: Aber die Sudauer verstehen, obwohl ihre Sprache etwas schlechter ist, doch diese prußische Sprache, in der der Katechismus gedruckt ist, und verwenden und verstehen vermutlich auch alle Wörter.
Ir C. Hennenbergeris (Erclerung der Preüssischen grössern Landtaffel 1595, p. 445) pasakoja mums, kai gintarininkas Joh. Fuchsas († 1567) Merteno Windtmüllerio (1564 m. buvo Knypavos (Kneiphof) miesto tarybos narys) garbei liepė pakviesti 10 sūduvaičių šokėjų, nei viena iš jų nemokėjo vokiškai.
Aus diesen beiden Aufzeichnungen erfahren wir zweierlei. Erstens, dass die sudauische Sprache die prußische nicht verderben konnte. Sie war selbst nur ein Dialekt des Prußischen. Gilt das auch für Herrn Pastor Heiligenkreutze, mitten unter den Sudauern (Ostpreuss. Fol. 1271, p. 189v): ”Exacte Nouit P r u t e n i c e. Nec eget Interprete Oder eines Tolcken”. / ”Er beherrschte das P r u ß i s c h e ausgezeichnet. Braucht keinen Übersetzer.” / Ferner: Zumindest konnte die sudauische Sprache keineswegs germanisiert worden sein. Beide Nachrichten sprechen dagegen. Pobethen grenzte jedoch an Sudauen, und selbst in der Pfarrei Pobethen lebten Sudauer. Als 1520 und nochmals 1531 sechs oder acht prußische Dörfer der Pfarrei Pobethen ein heidnisches Opferfest veranstalteten7 (Lucas David, Preuß. Chronik ed. E. Hennig I, 117 t.t.; C. Hennenberger op. cit., p. 353), spielte ein Sudauer einen Geistlichen, wofür er das ganze Jahr 1531 hindurch in der Pobethener Kirche öffentlich Buße tun musste (Ostpreuß. Foliant B 186, fol. 284v). Der herbeigerufene Pastor von Laigyten (Legitten) musste die Sünder donnernd zurechtweisen. Die Predigt musste natürlich auf Prußisch gehalten werden.
Ist es unter diesen Umständen denn wahrscheinlich, dass die Sprache derselben Menschen innerhalb von 30 Jahren so verkümmerte, dass Hermann sie als Mischsprache bezeichnet?
Soweit sie germanisiert war – und im Wörterbuch dürfte dabei einiges geschehen sein –, konnte sie nur vom Niederdeutschen beeinflusst worden sein. Im Enchiridion überwiegt jedoch Luthers Deutsch! Das Rätsel dieser Übersetzung löst sich von selbst, wenn wir dem zustimmen, was jeder objektive Leser dieses Textes zuerst
7Auch in der Pfarrei Girmau (Germau), also selbst noch im „Sudauer Winkel“, wurden 1546 etwa 40 Prußen wegen der Teilnahme an einem solchen Opfer bestraft (Preuß. Chronik. des Joh. Freyberg fol. 113r, Handschrift der Stadtbibliothek Königsberg). 1571 ereignete sich ein ähnlicher Fall in Tapiau (Töppen, Neue Preuß. Prov. Bl. /1846/ II, 227).
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Page 7fühlt: Der Übersetzer beherrschte das Prußische für eine solche Arbeit zu wenig. Ich möchte gern hinzufügen, dass er sich fließend unterhalten konnte, etwa so, wie ein baltischer deutscher Gutsbesitzer Lettisch versteht. Das reicht jedoch nicht aus, um grammatisch korrekt zu sprechen oder etwas schriftlich darzulegen, besonders wenn der Text so verworren ist. Hier hätte auch ein guter Übersetzer nicht viel helfen können, weil er den Sinn der schwierigen Stellen nicht verstand. Willis oder sein Übersetzer nahm lediglich die Intonation gut wahr. Die Prußen von Pobethen sprachen vermutlich sehr deutlich. Aber wie lässt sich das mit der „entstellten“ Sprache vereinbaren?
Natürlich ist für diejenigen, die Willio Übersetzung als schlecht bezeichnen, nicht alles falsch und unprußisch, was nicht mit dem Litauischen oder Lettischen übereinstimmt. Außerdem weist das Prußische zu viele ausgeprägte Besonderheiten auf, die im Litauischen und Lettischen fehlen. Umso bedauerlicher ist es, dass Willios Enchiridion so vieldeutig bleibt; denn aus Willios schlechter Arbeit wird sich wohl kaum befriedigend herausarbeiten lassen, was eine rein prußische, vom Litauischen und Lettischen abweichende Besonderheit ist und was dem tatsächlichen Einfluss des Deutschen, das heißt des Niederdeutschen, zuzuschreiben ist.
Übersetzt von Nijolė Čepienė*
DER BRIEF VON JURGIS GERULIS AN JONAS JABLONSKIS
In der Bibliothek des Instituts für litauische Literatur und Folklore (F 52—199) wird ein Brief von J. Gerulis an J. Jablonskis vom 29. November 1922 aufbewahrt. Der Brief ist wegen J. Gerulis’ Ansichten zur litauischen Standardsprache und zu Rechtschreibfragen sowie wegen seiner eigenen Sprache interessant. Sprache und Zeichensetzung des veröffentlichten Briefes wurden nicht korrigiert (lediglich ein paar offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt).
A. Sabaliauskas
29. XI. 22
Sehr geehrter Herr,
Herzlichen Dank für die Zusendung der „Grammatik der litauischen Sprache“. Wäre es nicht gut, die Bücher des Herrn und einige andere, wie Būgas „Sprache und Altertum“ usw., auch in Deutschland zu verkaufen? Švyturys und die Verlagskommission könnten bei Winter in Heidelberg für solche Bücher einen „Kommissionsvertrieb“ einrichten. Es genügt nicht, gute Bücher zu schreiben, man muss auch dafür werben! Gewiss wird man das nicht um der Ehre der Autoren willen, sondern wegen Litauens tun müssen. Die Welt soll erfahren, dass in Litauen durchaus ernsthafte Arbeit geleistet wird, man wusste nur nichts davon. Solche Dilettanten wie der Basanavičius machen uns Schande! (Ich weiß, dass B. sich stärker für Litauen eingesetzt hat als hundert andere, aber die Welt liest seine Schriften über die Thraker und lacht über einen solchen „litauischen Sprachforscher“.) Was die Rechtschreibung angeht, habe ich Būga, als er bei mir zu Hause zu Gast war, nachdrücklich aufgefordert, gemeinsam mit Ihnen ein kurzes Rechtschreibungshandbuch herauszugeben. Meine Ansicht ist folgende: Ein Rechtschreibungshandbuch, selbst ein unvollkommenes, ist viel besser als eines, das zwar ohne Einigkeit1
* Die Zitate aus dem Lateinischen übersetzte Kazys Eigminas.
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