Page 1LITEWUYCH KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVIII (1998)
Danuta ROSZKO und Roman ROSZKO
Institut für Slawistik PAN, Warschau
ZUR SPRACHKONFRONTATION AM BEISPIEL DES LITAUISCHEN UND DES BULGARISCHEN
Die von den Autoren der kontrastiven bulgarisch-polnischen Grammatik (Projekt 1981) eingeleiteten Forschungsarbeiten, die von der Bedeutungsanalyse zur Analyse der Formen der gegenübergestellten Sprachen auf der Grundlage einer Vermittlungssprache führen, gewinnen zunehmend an Popularität. Die Erfahrungen der Autoren der kontrastiven bulgarisch-polnischen Grammatik finden ihren Niederschlag in den Arbeiten des internationalen Teams für kognitive Grammatik, mit dem sich nicht nur Sprachwissenschaftler, Logiker und Mathematiker aus Polen, Bulgarien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Italien... identifizieren.
Kontrastive Untersuchungen im Verständnis der Autoren der kontrastiven bulgarisch-polnischen Grammatik bestehen im synchronen Vergleich von mindestens zwei Sprachen auf der Grundlage einer Vermittlungssprache.
1. Was ist eine Vermittlungssprache?
Die Vermittlungssprache bildet eine gemeinsame künstliche Bedeutungsebene der gegenübergestellten Sprachen. Sie ist eine im Verlauf der Untersuchungen erweiterbare Struktur, die den gegenübergestellten Sprachen (in diesem Fall: Litauisch und Bulgarisch) gleichgeordnet ist, vgl. Abb. 1.
Abb. 1.
Die Vermittlungssprache ist lediglich ein Hilfsmittel bei der Beschreibung, nicht aber die Sprache der Beschreibung (Metasprache). Im konkreten Fall ist die Beschreibungssprache Polnisch; ebenso gut könnte es eine andere Sprache sein. Die Gründe jedoch, von denen wir uns bei der Wahl der Publikationssprache leiten ließen, haben dazu geführt, dass es Polnisch ist, das nicht zufällig kein Gegenstand unserer Untersuchungen ist. Die Vermittlungssprache wird parallel zum Fortschreiten der Forschungsarbeiten konstruiert. Somit ist die Vermittlungssprache eine dynamische und flexible Struktur. An die Vermittlungssprache wird die Anforderung innerer Kohärenz und einfacher Regeln gestellt.
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Page 2In kontrastiven Untersuchungen erfolgt die Beschreibung der Strukturen der einzelnen untersuchten Sprachen anhand einer Mittlersprache, was eine einheitliche Beschreibung und die vollständige Vergleichbarkeit der Ergebnisse gewährleistet.
Die Verwendung einer Mittlersprache in der Forschung ist untrennbar mit ausgesprochen theoretischen Arbeiten verbunden. In der angewandten Linguistik ist dieser Begriff eher ungebräuchlich. Den theoretischen Grundlagen der Mittlersprache liegen die sogenannte Situationssemantik von Barwise und Perry, die Kennzeichnungstheorie von Russell und Reichenbach sowie die extensionale Modelltheorie der Prädikatenlogik erster Ordnung zugrunde. Vgl. (Koseska i Gargov 1990). Der Begriff Mittlersprache wurde relativ spät, nämlich 1969, eingeführt. In diesem Jahr verwendete Selinker in seinem Vortrag auf dem 2. Internationalen Kongress für Angewandte Linguistik in Cambridge erstmals die Bezeichnung Mittlersprache für näher nicht spezifizierte Kompetenzen in der Zielsprache, die sich aus den Kompetenzen in der Muttersprache und der kontrastierten Sprache ergeben. Vgl. (Koseska i Gargov 1990) und die dort angeführte Bibliografie.
2. Kontrastive und traditionelle Untersuchungen
In der Praxis bedeutet die Anwendung der Regeln kontrastiver Untersuchungen anhand einer Mittlersprache, dass 1) Untersuchungen anhand von Formen und 2) Untersuchungen, die in der Übersetzung von Formen aus Sprache A in Sprache B oder umgekehrt bestehen, aufgegeben werden. So liefe beispielsweise eine traditionelle (formale) Beschreibung der Kategorie Definitheit–Indefinitheit im Litauischen und Bulgarischen hauptsächlich auf die Beschreibung der morphologischen Ausdrucksmittel im Bulgarischen hinaus, die aus offensichtlichen (lies: formalen) Gründen auf Nomina beschränkt wäre. Anschließend würde festgestellt, dass es im Litauischen keine morphologischen Ausdrucksmittel für diese Kategorie gibt. Möglicherweise würden ausgewählte Pronomen analysiert und versucht, die bulgarischen Formen mit Artikel ins Litauische zu übersetzen. Damit würde man die These belegen, dass das Bulgarische (wie verwandte Sprachen, z. B. Französisch, Englisch und Deutsch) formal reicher ist als das Litauische, da es Bedeutungen von Definitheit und Indefinitheit mithilfe des Artikels -ăt ausdrückt. Möglich ist, dass in traditionellen Untersuchungen der bulgarische Artikel edin unerwähnt geblieben wäre, dessen Herausarbeitung und Beschreibung wir im Grunde den Verfassern der bulgarisch-polnischen Grammatik verdanken (Koseska i Gargov 1990).
Im Gegensatz dazu würden kontrastive Untersuchungen anhand einer Mittlersprache ein wesentlich anderes Bild (status quo) ergeben. Zunächst würde eine abstrakte Mittlersprache für die semantische (Achtung: nicht morphologische) Kategorie Definitheit–Indefinitheit geschaffen; anschließend würden konsequent Untersuchungen auf litauischer und bulgarischer Grundlage durchgeführt, mit dem Ziel, sämtliche Formen (auf Satzebene und im weiteren Kontext) zu ermitteln, die Definitheitsbedeutungen ausdrücken können.
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Page 3Ein weiterer Untersuchungsschritt wäre der Vergleich dieser Ausdrucksmittel in beiden Sprachen und die Darlegung der daraus hervorgehenden Schlussfolgerungen.
Unsere allgemeinen Kenntnisse der semantischen Kategorie Definitheit–Indefinitheit sowie unsere Kenntnis des Litauischen und Bulgarischen erlauben uns festzustellen, dass beide Sprachen Bedeutungen der genannten Kategorie ausdrücken. Lediglich die Tatsache, dass sich im Bulgarischen die Artikel -ăt und edin entwickelt haben, während es im Litauischen keine genaue morphologische Entsprechung dafür gibt, kann als Grundlage für die Schlussfolgerung dienen, dass die Ausdrucksmittel für Definitheit und Indefinitheit bei Nomina im Litauischen weniger formalisiert sind. Sie kann jedoch niemals als Vorwand für Behauptungen dienen, das Litauische sei bei der Ausdrucksweise der Bedeutungen dieser Kategorie benachteiligt oder das Bulgarische sei für den Ausdruck dieser Bedeutungen prädestiniert.
3. Grundzüge der semantischen Kategorie Definitheit–Indefinitheit
Die Struktur der semantischen Kategorie Definitheit–Indefinitheit stellen wir in Form eines Schemas dar:
Abb. 2.
Wir betrachten diese Kategorie als Satzkategorie und grenzen uns daher entschieden von der traditionellen Beschreibung ab, die Bedeutungen der Definitheit ausschließlich in Nominalformen, niemals aber im Verbum, verortet. Aus offensichtlichen Gründen besteht diese Kategorie aus den beiden grundlegenden Bedeutungen Definitheit und Indefinitheit. Definitheit ist nichts anderes als Einzelheit, Indefinitheit hingegen umfasst die Summe der existenziellen und allgemeinen Bedeutungen.
Für eine knappe Darstellung verwenden wir logische Formeln:
Einzelheit verstehen wir als Bedeutungen, die mithilfe der logischen Formel ausgedrückt werden: (ix) P(x), (iX) P(X), was sich folgendermaßen paraphrasieren lässt: „Genau dieses Element (x), genau diese Menge (X) erfüllt das Prädikat P.“
Beispiel:
(1) Mano duktė gyvena Plocke.
(2) Yra atvažiavęs.
(3) Žmogus yra protingas. (nur Menschen und niemand sonst).
Existenzialität verstehen wir als Bedeutungen, die mithilfe der logischen Formel (∃x) P(x) ausgedrückt werden; dies lässt sich paraphrasieren als: „Es existiert mindestens ein (x), das das Prädikat P erfüllt.“
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Page 4Beispiel:
(4) Vaikai žaidžia kieme.
(5) Każkas wartet auf dich.
(6) Kartais grįžta anksčiau.
Allgemeinheit verstehen wir als Bedeutungen, die mithilfe der logischen Formel (∀x) P (x) ausgedrückt werden; dies lässt sich paraphrasieren als: „Jedes (x) erfüllt das Prädikat P.“
Beispiel:
(7) Kiekvienas mirs.
(8) Niekas tavęs neieškojo.
4. Den letzten Teil unseres Artikels widmen wir einem kursorischen Vergleich der Ausdrucksformen der semantischen Kategorie der Bestimmtheit–Unbestimmtheit im Litauischen und Bulgarischen. Wir stellen fest, dass die meisten bulgarischen Beispiele nicht mit dem Artikel -ăt zusammenhängen. Damit wollen wir zeigen, dass der Geltungsbereich der semantischen Kategorie der Bestimmtheit–Unbestimmtheit wesentlich größer ist als der der morphologischen (formalen) Kategorie, da er Formen umfasst, die mit nomen und verbum verbunden sind.
(9) Aš numam.
(10) Aš klausiu.
In den Sätzen (9) und (10) ist das Personalpronomen aš und aš Ausdruck der Einzelheit.
(11) Моята дъщеря живее в Плоцк.
(12) Mano duktė gyvena Plocke.
Die Nominalgruppe mit Possessivpronomen und Artikel im Bulgarischen ebenso wie die Nominalgruppe mit Possessivpronomen im Litauischen ist ein Ausdruck der Einzelheit. Zu beachten ist, dass die bulgarische Form ohne Artikel im Satz (11) nicht möglich ist.
(13) Иван чете книга в стаята си.
(14) Jonas skaito knygą kambaryje.
Die Formen чете und skaito drücken die Einzelheit des Zustands des gegenwärtigen Satzes aus.
(15) Той понякога сънува кошмари.
(16) Kartais jis sapnuoja košmarus.
Die Existenzialität wird durch die Verwendung der Formen понякога und kartais ausgedrückt, die Bestandteil der Verbalgruppe sind.
(17) Един човек може да ти каже за това.
(18) Apie tai vienas žmogus gali tau pasakyti.
In den beiden obigen Beispielen liegt Existenzialität vor. Beachten wir, dass die bulgarische Form един formal dem litauischen vienas entspricht. Aber ist das immer so?
(19) Една влюблена жена може всичко.
(20) Įsimylėjusi moteris viską gali.
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Page 5Das bulgarische една aus Satz (19) kann nicht durch das litauische vieną wiedergegeben werden, da hier Bedeutungen der Allgemeinheit ausgedrückt werden. Somit bestimmen der Kontext oder die einzelnen im Satz gegenübergestellten Bedeutungen in ihrer Wechselwirkung die Bedeutung der Allgemeinheit. Mitunter wird das Fehlen eines eindeutigen Ausdrucksmittels in ähnlichen Beispielen mit einer sogenannten sprachlichen Ellipse in Verbindung gebracht.
(21) Всички деца обичат Дядо Мраз.
(22) Alle Kinder lieben den Weihnachtsmann.
Всички und visi werden zu Ausdrücken der Allgemeinheit.
Ebenso akzeptabel sind die Sätze:
(23) Децата обичат Дядо Мраз.
(24) Kinder lieben den Weihnachtsmann.
Die Sätze, die hinsichtlich des Ausdrucks von Bedeutungen der Bestimmtheit-Unbestimmtheit mitunter als sprachlich elliptisch bezeichnet werden, drücken ähnliche Bedeutungen aus wie die Sätze (21) und (22). Zwar wird in einigen Beschreibungen (Koseska und Gargov 1990) im Fall von Sätzen des Typs (23) und (24) ausdrücklich von einer sprachlichen Ellipse gesprochen, doch ist meinem Verständnis nach auch eine etwas andere Interpretation möglich. Die Sätze (21) und (22) drücken nämlich kategorisch den Inhalt „alle Kinder lieben den Weihnachtsmann“ aus, während (23) und (24) den Geltungsbereich, der alle Kinder umfasst, die waren, sind und sein werden, nicht so stark betonen. Somit lässt sich sagen, dass das Kind, dem wir begegnen, möglicherweise den Weihnachtsmann lieben wird. Natürlich schließen die Aussagen (23) und (24) die Möglichkeit nicht aus, einem Kind zu begegnen, das den Weihnachtsmann nicht mag, obwohl vorausgesetzt wird, dass die Wahrscheinlichkeit größer ist, einem Kind zu begegnen, das den Weihnachtsmann mag. Von dieser Interpretation aus ist der Weg zu existenziellen Bedeutungen näher, die sich mit den folgenden Sätzen ausdrücken lassen:
(25) Някои деца обичам Дядо Мраз.
(26) Manche Kinder lieben den Weihnachtsmann.
Daraus folgt, dass die Sprachstruktur keine scharfen Grenzen zwischen Allgemeinheit und Existenzialität festlegt. Diese Grenze ist fließend, und folglich können einige Ausdrucksmittel ebenso gut als Ausdrucksmittel für Bedeutungen der Allgemeinheit oder, wie in unserem Fall, der Existenzialität gelten.
Diese wenigen Beispiele vermitteln uns einen Eindruck vom Umfang der semantischen Kategorie der Bestimmtheit-Unbestimmtheit. Wie man sieht, werden nicht nur der Artikel oder Pronomen zu Ausdrucksmitteln der besprochenen semantischen Kategorie. Auch Verbalformen und Verbgruppen, ja sogar das, was in einigen Arbeiten als sprachliche Ellipse bezeichnet wird (im Litauischen stärker ausgeprägt als im Bulgarischen), werden zu Ausdrucksmitteln dieser Kategorie. Erwähnenswert ist, dass im Litauischen sporadisch eine Form anzutreffen ist, die dem bulgarischen -ăt entspricht, z. B.
(27) – Es gibt einen weißen, grünen und blauen Rock. Sie können wählen.... Welchen nehmen Sie? – Bitte den weißen.
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Page 6Ihr Gebrauch ist sehr eingeschränkt und in hohem Maße vom Kontext abhängig; zudem beschränkt sich der Bedeutungsumfang auf den Ausdruck von Einzelheit.
Eingegangen am 01.12.1997
LITERATURA
Projekt 1981: Projekt gramatyki konfrontatywnej bułgarsko-polskiej i serbskochorwacko-polskiej, – Studia polsko-południowosłowiańskie, Wrocław.
Koseska i Gargov 1990: Българско-полска съпоставителна граматика 2, Семантична категория определеност/неопределеност, София.
APIE LIETUVIŲ IR BULGARŲ KALBŲ GRETINAMĄJĮ TYRIMĄ
Santrauka
Gramatiko kategorijų gretinamasis tyrimas, pagrįstas semantinių sąvokų kalbos tarpininke, leidžia išsamiau ir tiksliau aprašyti kalbos vienetų reikšmes. Vadovaujantis tuo požiūriu straipsnyje norima parodyti, kad semantinė apibrėžtumo/neapibrėžtumo kategorija būdinga ir toms kalboms, kuriose ji neturi specialių morfologinių raiškos priemonių. Ta problema aktuali ir tarinio grupei, kuri tradiciniuose artikelį turinčių kalbų aprašuose šiuo atžvilgiu dar nenagrinėta.
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