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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XLII (2000)

Rita MILIŪNAITĖ

Institut für Litauische Sprache, Vilnius

NEUE SPRACHPHÄNOMENE: NATÜRLICHE UND KÜNSTLICHE SELEKTION

Die Standardsprache und die sie verwendende Gesellschaft sind durch zweierlei Beziehungen verbunden – solche, die sich spontan entwickeln, und solche, die durch bewusstes sprachliches Handeln gestützt werden. Wir neigen dazu, mehr über die bewusste Seite des Funktionierens der Standardsprache (im Folgenden: Standardsprache) zu sprechen – wir erörtern die Grundsätze der Normierung, die Normen selbst und überhaupt Fragen der Sprachpflege –, während die spontane Seite gleichsam im Schatten steht. Doch auch der ungeregelte Gebrauch der Standardsprache darf nicht aus dem Blick geraten, denn gerade in ihm kristallisieren sich die Normen heraus, wird die Stichhaltigkeit der Empfehlungen von Sprachexperten „überprüft“, und in ihm treten neue Phänomene zuerst auf.

Unter gewöhnlichen Bedingungen bewahrt die gepflegte Standardsprache ein gewisses Gleichgewicht: Die natürliche Neigung zur Entwicklung einer lebendigen Sprache bleibt gewahrt und zugleich werden die Bedürfnisse der Sprachgemeinschaft erfüllt. Können wir davon ausgehen, dass unsere heutige Standardsprache ein solches Gleichgewicht wahrt? Ich wage zu behaupten, dass dieses Gleichgewicht erheblich gestört ist; das zeigen deutlich die Besonderheiten, mit denen neue Phänomene im heutigen Gebrauch der Standardsprache funktionieren, sowie die Reaktion der Gesellschaft auf diese Phänomene.

In sprachwissenschaftlichen Lehrbüchern findet sich die Auffassung, Sprache verändere sich allmählich, ohne dass die Sprechenden dies überhaupt bemerkten: „Auch ohne spezielle soziologische Untersuchungen ist klar, dass die Sprachgemeinschaft meint, heute genauso zu sprechen wie gestern und dass die gegenwärtige Generation genauso spricht, wie ihre Eltern gesprochen haben“ (Karaliūnas 1997: 49). Darüber hinaus wird behauptet, dass „das Individuum weder die Sprachgesetze wahrnimmt“, denn „Sprachphänomene werden von den Sprechenden niemals kritisiert, und jedes Volk ist im Allgemeinen mit der Sprache zufrieden, die es übernommen hat und verwendet“ (ebd.).

Die Lage unserer heutigen Standardsprache scheint auch ohne spezielle Untersuchungen ganz anders zu sein: Die Sprache entwickelt sich nicht allmählich, sondern wird bisweilen, so scheint es, vom Fieber einer Revolution geschüttelt. Erstens nimmt die Sprachgemeinschaft Veränderungen der Sprache wahr und reagiert auf sie auf verschiedene Weise, meist mit Unzufriedenheit über die greifbarsten Neuerungen, die alte Gewohnheiten zerstören und im alltäglichen Gebrauch für Verwirrung sorgen (so empört man sich beispielsweise über die Flut neuer Fremdwörter, die Originalschreibung nichtlitauischer Eigennamen und nichtlitauische Intonationen im öffentlichen Sprachgebrauch usw.). Zweitens vergrößern zu rasche Sprachveränderungen die Kluft zwischen den Generationen und Schichten der Sprachgemeinschaft und drohen bisweilen die Verständigung zu erschweren. Ist es nicht gerade jetzt so, wenn Sprachwissenschaftler der älteren und sogar der mittleren Generation, die um Rat zum Gebrauch bestimmter neuer Wörter gebeten werden, sich zum ersten Mal damit auseinandersetzen und klären müssen, was zum Beispiel didžėjus, draivas ar singlas bedeutet – also etwas, das für die Jugend bereits selbstverständlich geworden ist und

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in ihre Sprache eingegangen ist. Selbst einige neue Fremdwörter, die eigens beobachtet, ausgewählt und in Listen der nicht zu verwendenden Wörter aufgenommen werden, erscheinen manchen zufällig und unbekannt. Es ließen sich noch weitere Beispiele dafür finden, dass übermäßige, durch Neuerungen ausgelöste Veränderungen sich gegen die Gesellschaft selbst richten: Einige Sprachebenen und Gebrauchsfelder werden übermäßig variantenreich, und die Sprachbenutzer beginnen, sich selbst und der Sprache zu misstrauen, weil sie ständig überlegen müssen, wo, wann und was sie wählen sollen (übrigens oft auch, um „den Sprachwissenschaftlern“ zu gefallen). Unter gewöhnlichen Bedingungen sollte man die Sprache in der Schule erlernen können, ohne dass sie später im Leben größere Schwierigkeiten bereitet.

Unsere Standardsprache kann also nicht immer ungehindert ihre wichtigsten Funktionen erfüllen, und das bewusste sprachliche Handeln vermag, obwohl es bisweilen auch äußerlich rege ist, dem Vordringen des Spontanen dennoch nicht entgegenzuwirken. Um Wege zu finden, das Gleichgewicht wiederherzustellen, wollen wir die spontane Entstehung neuer Phänomene und die Besonderheiten ihres Funktionierens im Sprachgebrauch genauer betrachten.

Wenn wir auf das laufende Jahrzehnt blicken, können wir Sprachprozesse erkennen, die in ruhigeren Zeiten entweder sehr unauffällig waren oder erst über einen wesentlich längeren Zeitraum deutlich wurden. Gemeint sind sowohl die Ausweitung der Funktionen der Standardsprache auf verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Lebens als auch innere Veränderungen der Sprache selbst (vgl. Rudaitienė, Vitkauskas 1998: 11–29). So erschien ein neues Wort, das vor 10–15 Jahren aufkam, beinahe als Ereignis; heute hingegen stürzen täglich dresingai, mobingai ir roumingai, dypai, čipai ir klipai, steperiai ir steipleriai... geradezu auf uns ein. Blättern wir in hoffnungslos veraltenden Wörterbüchern, finden wir nicht einmal Wörter, die uns längst völlig vertraut geworden sind, wie jogurtas, makiažas, reitingas, oder Bedeutungen (so lauten die Einträge zu stilistas in den gängigen Wörterbüchern: „Schriftsteller, der in gutem Stil schreibt“ und „Stilistikfachmann; Korrektor für Stil und Sprache“; inzwischen aber auch „Modedesigner“). Auf dem Weg ins neue „Wörterbuch der Standardsprache“ befinden sich wohl sauskelnes, žiniasklaida und eine ganze Reihe weiterer unaufhaltsam entstehender Neubildungen.

Obwohl gewöhnlich anerkannt wird, dass „Wörter der wandelbarste und offenste Teil des Sprachsystems sind“ (Palionis 1985: 212), entstehen greifbare neue Phänomene auch im grammatischen System. Selbst das Schriftbild litauischer Texte hat sich verändert: Für nichtlitauische Eigennamen und Bezeichnungen lassen wir fremde Schriftzeichen zu; der Apostroph durchbricht die schriftliche Einheit des Wortes (selbst wenn es ein Fremdwort ist). Auch die Intonationen halten dem fremden Einfluss bisweilen nicht mehr stand und verlieren die für uns gewohnten Merkmale von Sprachrhythmus und Stimmführung.

Alles, was neu entsteht, können wir unter mehreren Gesichtspunkten betrachten: 1) Ist es auf dem Boden unserer eigenen Sprache entstanden oder infolge des Einflusses anderer Sprachen? 2) Hat sich das neue Phänomen spontan herausgebildet oder ist es das Ergebnis bewusster sprachlicher Tätigkeit? 3) Ist die Neuerung kurzlebig oder weist sie die Neigung auf, sich zu verbreiten? Bei einer bewusst gepflegten, überwachten und normierten Standardsprache bereitet zweifellos vor allem dasjenige Sorgen, was ihr fremd ist, sowie das, was sich spontan entwickelt; diese beiden Merkmale sprachlicher Neuerungen scheinen im heutigen Gebrauch die Oberhand zu gewinnen. Lässt man daher die bewusst eingeführten und geförderten sprachlichen Neuerungen beiseite (einen beträchtlichen Teil davon bildet die gezielte Pflege der Terminologie verschiedener Fachgebiete), soll im Folgenden gezeigt werden, welcher Art diese spontanen …

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da aufkommende Neuerungen unterschiedlicher Art sind, denn gerade ihre Verschiedenartigkeit sollte in erster Linie unsere unterschiedliche Haltung ihnen gegenüber bestimmen.

Im Allgemeinen weckt alles Neue häufig Argwohn, Misstrauen oder sogar Angst. So bekannte vor einigen Jahren eine junge Schriftstellerin in einem Interview, sie habe große Schwierigkeiten mit der Redakteurin ihres Werks gehabt, die alles aus dem Text gestrichen habe, was sie nicht in normativen Sprachwerken als zulässig vorgefunden habe – sie habe also auch das Neue verworfen. Das ist natürlich ein Extremfall, bei dem vor allem die Besonderheiten der Literatursprache und überhaupt das natürliche Bedürfnis der Sprache, sich ständig zu erneuern, nicht verstanden werden; denn eine unveränderliche, sich nicht entwickelnde Sprache ist bereits eine sterbende Sprache.

Also: Welchen Neuerungen können wir gelassen begegnen, vor welchen sollten wir uns hüten, ja uns sogar wehren?

Vorübergehende Neuerungen und natürliche Selektion

Nach Häufigkeit des Gebrauchs und Verbreitung lassen sich Neuerungen grob in zwei Gruppen einteilen: 1) vorübergehende Neuerungen und 2) neue Phänomene, die sich im Sprachgebrauch verbreiten.

Das Schicksal vorübergehender Neuerungen wird durch natürliche Selektion bestimmt – sie entwickeln sich nicht einmal zu einem Phänomen, sondern erfüllen lediglich in einem bestimmten Kontext ihre Funktion und verschwinden wieder. Es handelt sich um einmalige, situationsbedingte (zumindest für unseren alltäglichen Sprachgebrauch nicht relevante) Entlehnungen oder Neubildungen, sogenannte Gelegenheitsbildungen (Paulauskienė 1994: 53), sowie verschiedene zufällige oder kontextuelle Varianten und Ähnliches.

Ein neues, unbekanntes Wort wird oft erläutert oder auf die eine oder andere Weise definiert, damit der Adressat, der ihm zum ersten Mal begegnet, nicht in eine Informationssackgasse gerät: Die Bekanntschaft mit Wein begann mit der Bekanntschaft mit someljė – einem Menschen, der Restaurantgästen bei der Weinauswahl und der Abstimmung des Weins auf die Speisen berät LR 1998 02 13. Mobingas [...] das ist ein neues und treffendes Wort, das aus dem Englischen stammt und „jemanden angreifen, jemanden ausschimpfen, beschimpfen“ bedeutet. Heute bezeichnet dieses Wort „Psychoterror am Arbeitsplatz“ R 1998 11 04 und Ähnliches.

Um Neubildungen zumindest ungefähr zu verstehen, ist manchmal nicht einmal ein minimaler Kontext nötig (z. B. kultūrpelkė LR 1998 09 08, verslavyris R(Br) 1998 11 21), manchmal erschließt sich ihre Bedeutung jedoch erst, wenn man die besprochene Situation verstanden hat. So wurde zum Beispiel nach dem Wort akiratis das Wort ausiratis gebildet. Der Kontext ist folgender: Ein Radioreporter (Sportkommentator) wird gefragt: [...] erinnern Sie uns bitte daran, wie lange Sie schon aus unserem Blickfeld verschwunden sind, oder genauer gesagt – ausiračio R 1997 03 10. Ein anderer Autor hatte Anlass, ironisch ein nicht existierendes Wesen zu benennen – gyvatvabzdį; auf die Vorstellung, es könnte eine solche Art geben, brachte ihn nämlich ein grammatisch und stilistisch missglückter Satz: „Bei Arbeiten in Wäldern können die Arbeiter von Schlangen und anderen giftigen Insekten gestochen werden.“ ŠA 1996 08 31. Der Urheber einer Neubildung kann auch selbst ausführlicher die Gründe und die Art der Entstehung des neuen Wortes erklären. So schreibt M. Kontrimaitė in einer Mitteilung über den „Poetischen Herbst von Druskininkai ’98“:

Der letzte Abend wurde jedenfalls immer mehr zu einem „žaimu“. Das ist eine von mir geschaffene Neubildung aus dem samogitischen Wort žaimotis – wie soll man es hier am treffendsten übersetzen? – ungefähr: „sich breitmachen“. [...] So schlage ich vor

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alle Happenings, Performances und sonstigen postmodernistischen Fluxus-Aktionen schön und klangvoll im Sinne der eigenen Nation zu benennen Dvd 1998 11 06.

Ein gutes Beispiel hierfür ist auch die Kindersprache: Während das Kind sprechen lernt und die Möglichkeiten der Sprache kennenlernt, erschafft es eigene Wörter, die nur in seinem unmittelbaren Umfeld, meist in der Familie, verständlich sind. So würde beispielsweise das Wort sijonė ohne besondere Erklärung wohl kaum verstanden (es hat nichts mit dem Wort sijonas zu tun). Das Kind kennt einfach das Verb sijoti, weiß aber nicht oder hat vergessen, wie der Gegenstand heißt, mit dem man diese Handlung ausführt, nämlich das Sieb, und fragt: Mama, wo hast du meinen sijonė hingelegt, mit dem ich im Sommer Sand gesiebt habe? (Aus dem Verb bildet es ein Substantiv mit dem ihm vertrauten Suffix -onė, denn in seiner Sprache kennt es bereits dėžionę und hat kaponę gehört.) Einige weitere Wortneuschöpfungen aus der Kindersprache: paslėpa „Versteck“, likenos „Abfälle, Reste“, apvilkinys „Kleidungsstück“, darborankiai „Arbeitswerkzeuge“.

Nicht selten wird der Ausdruck eines Autors durch Besonderheiten der Genuskategorie des Substantivs eingeschränkt (vgl. Paulauskienė 1994: 153–165); deshalb können bei Bedarf Wortformen gebildet (oder durch Übersetzungen übernommen) werden, die in normierenden Nachschlagewerken nicht verzeichnet sind. So wird etwa, wenn eine feminine Form von kalvis benötigt wird, kalvė gebildet (eine Journalistin sagt zum Beispiel über ihre Arbeit: Ich bin eine Schmiedin kurzer Nachrichtenberichte LA 1998 06 06). An das unhandliche, unflektierbare internationale Wort atašė wird ein das feminine Genus kennzeichnendes Suffix angehängt: Da ist unsere Kultur-Attachée in Schweden. Ein hübsches, liebes Mädchen, mit einem Schweden verheiratet LM 1999 09 11. Und so wird das Entstehen der Form auklis begründet:

Können Männer Kindermädchen, Sekretärinnen, Krankenpflegerinnen sein? In Frankreich scheuen sie sich nicht, „unmännliche“ Berufe zu ergreifen. Zwar haben Berufsbezeichnungen wie „Direktorassistentin“, „Kosmetikerin“ oder „Kindermädchen“ noch keine männlichen Entsprechungen, aber das bedeutet nichts. Ein männliches Kindermädchen zu haben, ist für so manchen Kleinen der größte Wunsch. Ein solcher „auklis“ läuft schneller und versteht mehr von Fußball und Autos als seine Kolleginnen R(J) 1997 09 06.

Es würde niemanden überraschen, wenn man sagte, der Popstar heiratete ein Fotomodell, obwohl popžvaigždė – ein feminines Substantiv – hier eine männliche Person bezeichnet, während fotomodelis umgekehrt ein maskulines Substantiv ist, aber eine weibliche Person bezeichnet. Vergleichen wir noch die Sätze: Alle Modelle fühlten sich benachteiligt (fem.) R(J) 1994 12 10. Sind Supermodels sehr eifersüchtig aufeinander (fem.)? R(Br) 1995 07 01. Das aus dem Gefängnis entlassene Modell S. Slater [...] verbarg seine Freude nicht (mask.) LR 1996 10 09. Dieses Missverhältnis bei der Genuskongruenz fällt dem sprachaufmerksamen Blick eines Humoristen auf, und für Männer wird aus žvaigždės die Form žvaigždinas gebildet, so wie aus katės – katinas. Aus modelio wird, wenn von Kindergartenkindern die Rede ist, die Modenschauen vorführen, von Journalisten ganz natürlich modeliukė gebildet. Noch einige ähnliche Bildungen: [...] dass der Herausgekommene zu singen begann – eine echte Nachtigall (mask.)! R(J) 1996 06 29. Nicht umsonst [...] besingen die Dichter die Frau, die Mutter, die Hüterin des häuslichen Herdes, die weise Ratgeberin [...] und schließlich den „Blitzableiter“ (fem.), der dem psychoemotionalen Zustand der ganzen Familie das Gleichgewicht verleiht R(Br) 1995 09 09. Sie war so vom Erhabenen angezogen, als hätte sie nicht eine Mutter, sondern ein Denkmal (fem.) zur Welt gebracht R(J) 1996 12 21. Und vielleicht würde ein Mann diese Erfahrung nicht so deuten wie meine Figur (fem.) LM 1997 03.

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Vorübergehende Neuerungen sind meist Ausdruck von Individualität; deshalb findet man sie häufiger in Sprachbereichen, die weniger stark durch kodifizierte Normen eingeschränkt sind – in der schönen Literatur, der Umgangssprache sowie im publizistischen Stil –, also dort, wo Ausdruckskraft gefragt ist. Manchmal werden solche Eintagsneuerungen auch weiter verbreitet verwendet, doch überschreiten sie nur selten den Sprachgebrauch einer kleinen Gruppe oder sozialen Schicht; und wenn sie es doch tun, können sie schlicht unverstanden bleiben. So empört sich ein Zeitungsleser darüber, auf das unverständliche Wort vlaberizmas gestoßen zu sein: „Aber dieses Wort habe ich in keinem Wörterbuch der Fremdwörter oder der Philosophie gefunden“ D 1996 07 18. Die Redaktion muss erklären, dass dieses Wort die von dem bekannten Karikaturisten Vladimir Beresniovas geschaffenen Aphorismen bezeichnet und aus den ersten Silben seines Vor- und Nachnamens gebildet ist (D 1996 07 20).

Wenn eine solche Neuerung gesellschaftlich nützlich wird, wird sie „aufgegriffen“, kann sich verbreiten und zum Gemeingut des allgemeinen Sprachgebrauchs werden. Vorübergehende Neuerungen sollten also an sich weder Angst noch Besorgnis hervorrufen – es sei denn, sie verbreiten sich und erweisen sich unter dem Gesichtspunkt des Sprachsystems als in irgendeiner Weise mangelhaft.

Ein Zwischenfall im Lebenszyklus von Neuerungen sind Sprachmoden, Dinge für „ein paar Saisons“, die als aktuelle Erscheinungen aufgegriffen werden, aber mit der Zeit zumindest aus dem aktiven Sprachgebrauch verschwinden. So entstand neben dem militärischen Fachbegriff mobilizacija in der Umgangssprache (und im sie widerspiegelnden publizistischen Stil) vorübergehend ein ironisch gefärbtes Homonym, das vom Wort mobilus, -i abgeleitet wurde: telefoninė mobilizacija (ŠA 1991 02 06), dessen Bedeutung ungefähr „allgemeine Versorgung mit Mobiltelefonen“ wäre.

Ein interessantes Beispiel für Neuerungen dieser Art ist der häufigere Gebrauch femininer Formen neben maskulinen in Fällen, in denen die maskuline Form allein ohnehin eine verallgemeinerte, beiden Genera gemeinsame Bedeutung haben kann. In linguistischer Terminologie gesprochen, ist den maskulinen Formen eine Neutralisierung eigen. Wenn man beispielsweise sagt: Diese Poesie ist für jeden Poesieliebhaber zugänglich, bezeichnet das Wort „Liebhaber“ allgemein Menschen beider Geschlechter aus einer bestimmten Gruppe. Ein authentischer Satz aus einem literaturkritischen Beitrag lautet jedoch: Dass die in der eigenen Muttersprache verfasste Poesie für jeden und jede Poesieliebhaber(in) zugänglich ist und die Höhen der Poesie erreicht hat und weiterhin erreicht, haben auch unsere Dichterinnen und Dichter bewiesen [...] Dvd 1995 02 03. Offensichtlich ist der Gebrauch femininer Formen hier überflüssig, wird aber durch feministische Ideen gefördert und durch das Beispiel anderer Sprachen gestützt. Hier ein Auszug aus der Rezension einer Ausstellung eines ausländischen Autors:

Zum Schluss ein Vorwurf an die Kuratoren des Projekts, die den Ausstellungstitel so ungeschickt übersetzt haben. Ich glaube, dass der Autor selbst nicht einmal ahnt, dass das Werk „Nuspavlink pats“ ausschließlich für männliche Personen bestimmt ist; im Kontext heutiger Bräuche und sozialpolitischer Fragen ist ein solcher Titel daher entsetzlich unangemessen. In zivilisierten Ländern werden schon seit Langem überall beide Genusformen flektierbarer Wörter verwendet (pats / pati), besonders aber bei solch feierlichen Anlässen LM 1997 04 12.

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Aus einer solchen Perspektive müsste auch unsere Volksüberlieferung ebenso „schrecklich inkorrekt“ erscheinen, es sei denn, auch ihr gäben wir eine „zivilisierte“ Form: Was du selbst nicht willst, tu auch keinem anderen an usw. Gut ist es, wenn die weiblichen Formen im Text tatsächlich eine unterscheidende Funktion erfüllen und gezielt verwendet werden (zum Beispiel muss man in Stellenanzeigen bei der Suche nach Beschäftigten mitunter wirklich zeigen, dass das Geschlecht der gewünschten Person keine Rolle spielt: Die Firma benötigt einen Buchhalter oder eine Buchhalterin); die alleinige männliche Form Buchhalter könnte Zweifel daran wecken, ob sich Frauen auf eine solche Anzeige melden können. Doch die nachdrücklich aufgedrängten, überflüssigen Formen provozieren sogar eine solche Anzeige: Verantwortliche Personen und verantwortliche Frauenspersonen! Wascht euch die Hände gründlich, aber nehmt die Seife nicht mit! KD 1998 12 31. Schauen wir außerdem einmal, wie unsere Gesetzbücher aussähen, wenn man darin ohne Rücksicht neben der männlichen Form auch die weibliche schriebe. So sähe Artikel 265 der Strafprozessordnung aus: [...] Ankläger/in, Angeklagte/r, Verteidiger/in, Geschädigte/r und sein oder ihr Vertreter, -in, sowie Zivilkläger/in, Zivilbeklagte/r und ihre Vertreter/innen haben gleiche Rechte, Beweise vorzulegen [...].

So zollt manchmal auch die Sprache der Mode Tribut. Bei der Bewertung ähnlicher Phänomene, die eine Zeit lang bestehen, muss man darauf achten, ob sie negative Auswirkungen haben – ganz gleich, ob diese Mode vielleicht bald vorübergeht. So war etwa vor nicht allzu langer Zeit lambadà in Mode. Als die Journalisten gelernt hatten, das Wort richtig zu betonen, war auch die Mode schon vorbei; doch niemand ist sicher, dass sie nicht irgendwann wiederkehrt.

Sich verbreitende Neuerungen und künstliche Selektion

Ein Teil der Neuerungen verbreitet sich aus verschiedenen Gründen. Genau hier sollten wir unsere Aufmerksamkeit vor allem bündeln und untersuchen, wie sie sich verbreiten, wie sie in unserem Sprachboden Wurzeln schlagen, welche davon unsere Sprache braucht und auf welche verzichtet werden sollte.

Sich verbreitende Neuerungen können eine Zeit lang bestehen und sich dann ebenso natürlich oder auf erzwungenem Wege (durch Kodifizierung) aus dem Sprachgebrauch zurückziehen (zum Beispiel sind sponso-rius und seine Ableitungen, die im Sprachgebrauch um 1992–1993 ihren Höhepunkt erreichten, nach der Stellungnahme der Sprachkommission Ende 1993 aus der Öffentlichkeit inzwischen tatsächlich fast verschwunden). In anderen Fällen setzen sich die sich verbreitenden Neuerungen im Sprachgebrauch fest und können in die Sprachstruktur übergehen.

Dass sich eine Neuerung verbreitet, zeigen zunächst Statistiken zum Sprachgebrauch, d. h. die Häufigkeit ihrer Verwendung und ihre Durchsetzung in verschiedenen Bereichen des Gebrauchs der Standardsprache. Ein weiteres Anzeichen für die Verbreitung ist die Verzweigung aus Sicht des Sprachsystems. Die Art dieser Verzweigung hängt von den sprachlichen Merkmalen des Phänomens ab, vor allem von der Sprachebene.

Lexikalische Neuerungen ziehen mit der Zeit Ableitungen nach sich, zum Beispiel: pilstukas – pilstukininkas, dešrainis – dešrainininkas (Beispiel aus der Werbung: Hast du dich schon in die Reihen der Hotdog-Fans eingereiht? LR 1998 05 07). Fremdwörter bringen verwandte Wörter mit sich (Country-Musik – Country-Musiker – Country-Club; Graffiti – Graffiti-Künstler usw.). Damit ein neues Wort richtig funktionieren kann, werden mit derselben Wurzel die dringend benötigten Wörter entlehnt oder gebildet: 1) eine Bezeichnung für einen Gegenstand, 2) eine Bezeichnung für eine Handlung, 3) eine Bezeichnung für den Ausführenden der Handlung,

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4) eine Bezeichnung für eine Eigenschaft des Gegenstands oder der Handlung und anderes: Hacker – hacken, Paparazzo – paparazzimäßig, -e (ein paparazzimäßiges Foto KV 1998 09 25), Server – Serverpark, Büro – Büroangestellter – büromäßig, -e (eine büromäßige Unterhaltung R 1998 05 28). Die rasche Entstehung von Nachbildungen zeigt, wie sich die Neubildung žiniasklaida im Sprachgebrauch auf eigentümliche Weise festigt: purvasklaida (LA 1997 12 07) – purvasklaidininkas (R 1998 06 01) usw.

Die Sprache selbst verfügt über gewisse Schutzmechanismen gegen die Verzweigung lexikalischer Fremdwörter. So greifen beispielsweise selbst diejenigen, die einen Printer benutzen, nicht zu printen (Klimavičius 1997), weil es das eigene Verb drucken gibt. Doch die natürliche Selektion ist gewöhnlich zu schwach, als dass ohne bewussten Eingriff in der Sprache nur das bliebe, was wirklich gebraucht wird.

Ein Fremdwort zu bemerken ist nicht schwer; man kann sich sofort darüber ärgern oder sich über seinen Gebrauch empören, ja sogar darüber scherzen, damit spielen und nach unerwarteten Klangähnlichkeiten suchen: Während Tausende nach Country-Musik stampften und schwangen, warteten Hunderte der Versammelten geduldig in den Schlangen vor den Toiletten LR 1998 06 29.

Bedeutungswandel von Wörtern und neue Phraseologie sind aus normativer Sicht wohl die härtesten Nüsse. Diese Veränderungen lassen sich nicht ohne Weiteres erfassen, denn es ist nicht immer leicht festzustellen, ob sie das Ergebnis der Entwicklung der eigenen Sprache oder eine durch andere Sprachen beeinflusste Bedeutungsverschiebung sind (vgl. Klimavičius 1985: 197–199; Jakaitienė 1997: 5), die als akzeptable Erweiterung oder Übertragung einer bereits vorhandenen Bedeutung betrachtet werden könnte, oder ob es sich um eine regelrechte Bedeutungslehnübersetzung handelt, die sich nicht in das Bedeutungssystem eines Wortes oder einer semantischen Gruppe einfügt.

So erhielt beispielsweise das Verb šildyti vor nicht allzu langer Zeit im Sprachgebrauch eine in Wörterbüchern nicht verzeichnete Bedeutung, die sich aus dem Satz ohne Weiteres erschließen lässt: Beim Konzert heizte, bevor der Gast aus den Niederlanden auftrat, eine bekannte litauische Popgruppe dem Publikum ein. Das Verb šildyti gelangte natürlich nicht ohne den Einfluss anderer Sprachen in einen solchen Kontext, doch ist dies durchaus gerechtfertigt, weil dieser Gebrauch im uns vertrauten Bedeutungssystem des Verbs eine Grundlage hat.

Komplizierter ist der Bedeutungswandel eines anderen Wortes – des Adjektivs gyvas, -a. Im Sprachgebrauch verbreiten sich die Verbindungen Live-Musik (Sendung oder Ähnliches), live spielen; sie bedeuten, dass die Handlung gleichzeitig, hier und jetzt, ausgeführt und beobachtet wird – im Gegensatz zu einer Handlung, die früher stattgefunden hat und nur über eine Aufnahme wiedergegeben wird: „Die Veranstalter des Eurovision Song Contest beschlossen, um die für den Wettbewerb vorgesehenen Mittel zu sparen, beim Konzert „live“ nur den Sänger auftreten zu lassen; die gesamte übrige Musik werde vom Band kommen R 1999 03 19. „„Jugend-Estrade“ ist ein Festival mit Musik vom Band, doch Gruppen, die sehr gern live spielen möchten, erhalten diese Möglichkeit KV 1997 02 28. „Guten Abend, meine Herren, hätten Sie Lust, vorbeizuschauen? Bei uns gibt es heute Abend Pornografie live“, spricht [...] ein stilvoller langhaariger junger Mann sie an LR (S) 1998 10 02. Manchmal wird hier auch das Adjektiv echt, -e verwendet: In dieser Diskothek gibt es jeden Tag Musik, freitags erklingt echte Musik R 1996 10 05. Konzert mit echtem Klang aus dem Konzertstudio von LNK KV 1995 10 07. Live-Musik bedeutet für uns zunächst „stimmungsvoll, mitreißend, packend“, und an der Schnittstelle mit jener neuen Bedeutung fordert der Sprachgebrauch uns selbst heraus. Lesen wir die Werbung eines Bestattungsinstituts: „„Lakrima“ verfügt über drei Aufbahrungsräume. [...] Im teuersten erklingt Live-Musik LR 1997 10 04.

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Fremde Bedeutungen oder ganze phraseologische Wendungen gehen bisweilen so unmerklich in den Sprachgebrauch ein, dass man beginnt, mit ihnen wie mit eigenen umzugehen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem im Nu; Wortverbindungen werden umgestaltet, neue Kontexte und Bedeutungsnuancen entdeckt, und man erfreut sich daran. So entsteht das Sprichwort Der Mensch ist dem Menschen ein Sponsor LM 1993 11 13. Die umgangssprachliche Wendung die Zeit totschlagen entschlüsselt Jurgis Gimbėris folgendermaßen. Auf die Frage Wie kann man die Zeit totschlagen? antwortet er: Man kann es auch mit einem Knüppel versuchen – bis man sich darauf eingestellt und getroffen hat … KD 1997 10 11. Nachdem die Wendung die Küken zählt man im Herbst (dazu siehe Petkevičienė 1995) umgestaltet wurde, zählt man alles Mögliche: Die Lauf-küken zählt man im Herbst R 1997 09 24; Die Schönheiten zählen wir im Herbst R 1997 09 18; Die Küken zählt man im Herbstund die Gymnasien? Dlg 1998 04 17 usw.

In den vergangenen Jahren verbreitet sich in der öffentlichen (!) Sprachverwendung zunehmend die umgangssprachliche Wendung das Dach fährt. Sie findet Eingang in den Sprachgebrauch von Regierungsvertretern (Der Meinung des Parlamentspräsidenten [...] zufolge „dreht bei manchen wegen der antikegebistischen Gesetze schon das Dach“ PB 1998 07 17; Ich wollte Urlaub und Arbeit unter einen Hut bringen. [...] Umgangssprachlich gesagt, hatte bei mir das Dach angefangen, sich zu bewegen LR 1999 02 02), wird umgeformt zu einer Zeit, in der die Dächer herumfahren (D 1995 10 12; LR 1998 07 20); man sucht nach einer Verbindung zur wörtlichen Bedeutung von Dach:

Während der Sowjetzeit wurde jener Ort nicht bebaut; im Gegenteil, eine kleine evangelisch-lutherische Kirche, die wie durch ein Wunder erhalten geblieben war und die ich nach meiner Rückkehr aus Sibirien noch gesehen hatte, wurde abgerissen – allerdings ohne Dach. Damals fand sich kein Geld für ein paar tausend sowjetische Rubel, um ihr Dach zu reparieren; heute denke ich, dass den Biržai-Bewohnern vielleicht „die Dächer weggefahren sind“, wenn sie sich nicht an die Geschichte ihrer Stadt erinnern LA 1998 08 26.

Und umgekehrt wird dem Dach selbst die Bedeutung von „Kopf“, „Bewusstsein“ verliehen (z. B.: „Aufs Dach“ wirkt es stark, besonders in Lourdes, wo wir nachts ankommen ŠA 1998 05 16).

Ähnlich wurde das Wort Nagel aufgegriffen, wenn von dem wichtigsten Teil, dem Höhepunkt oder dem Glanzpunkt einer Veranstaltung die Rede ist, und ohne den Warnhinweis gehört zu haben, dass „dieser Nagel nicht unserer ist“ (Klimavičius 1992), wird es zur Achse des ganzen Artikels: Eine Folkloregruppe beim Folklorefestival – ein glühender Nagel, die anderen Gruppen – kleine Nägel, und der Höhepunkt des Festes selbst – ein echter Uknolis. Die Grenze ist also bereits überschritten: Für den Artikelautor ist der Nagel unser (ŠA 1998 05 30).

Noch unauffälliger und langsamer dringen Neuerungen in das grammatische System ein. Ist eine fremde Neuerung nicht an das grammatische System angepasst, konkurrieren häufig kürzer oder länger mehrere Varianten miteinander. Die Konkurrenz zwischen fremden indeklinablen Substantiven und ihren deklinierbaren Varianten (hobi: hobis) ist ein gutes Beispiel dafür, dass die natürliche Selektion allein machtlos ist, ungeeignete unveränderliche Formen auszusondern, wenn besonders viele davon auftreten. In den vergangenen Jahren eingeführte indeklinable Lehnwörter wie kari, kivi machen die etablierte, auch in normativen Werken festgeschriebene Tendenz zunichte, ähnliche Wörter zu deklinieren. Wieder werden brendi, bikini, žaliuzi verwendet, obwohl bikinis, brendis, žaliuzės normiert sind (TŽŽ: 1985).

Andererseits kann man nicht sagen, dass es im tatsächlichen Sprachgebrauch keine Tendenz zur Deklination gibt. Sprecher, die ein Gespür für die lebendige Sprache haben, deklinieren sogar als unveränderlich geltende Wörter Gelee, Résumé, Spaghetti; aus dem undeklinierten Mis entsteht Misė (veröffentlichte das neue litauische Mis und VizemisenDreiergruppe JG 1991, Nr. 9; Sie können [...] sich beim Sammeln litauischer Misė daran erfreuen KV 1993 06 04). Dekliniert wird sogar kazi-

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no (das übrigens schon vor dem Krieg von der Zeitung „Lietuvos aidas“ dekliniert wurde: Ein ganzes Kasino voller Araber hat sich eingefunden 1937 10 23, zit. nach LA 1997 11 14); vgl. eine heutige Fernsehsprecherin: Ihr Sohn bat sie um ihr Haus in diesem Kasin (obwohl sie sich später „korrigiert“: in diesem Kasino) LTV(P) 1994 01 18.

Neue indeklinable Formen der natürlichen Selektion zu überlassen, also anzunehmen, „der Sprachgebrauch wird es schon zeigen“, ist wohl nicht zielführend. Empfehlungen der Sprachkommission zur Deklination einiger solcher Neologismen (euro, kari) stellen zwar nur eine teilweise, aber immerhin eine gewisse Lösung des Problems dar (vgl. Dobelienė 1997).

Entlehnte sprachliche Einheiten können weiter Wurzeln schlagen – es beginnt die sogenannte Sprachinterferenz, bei der nicht nur fremde Einheiten selbst, sondern auch Wortbeziehungen übernommen werden (Karaliūnas 1997: 345–347). So werden die etablierten Besonderheiten unseres Satzbaus, der Wortstellung und sogar der Intonation zunehmend von fremden indeklinablen oder hybriden Bezeichnungen beeinflusst – von Firmen- und Gruppennamen, besonders wenn sie im Text allein, ohne erläuternde Gattungswörter, verwendet werden: In Tallinn „Kalev“ besiegte „Zagreb“ LR 1997 10 23; Die französischen Stürmer machten „Barcelona“ R 1997 10 18 platt; Danach KamAZ besiegte das Krasnodarer „Kubane“ R 1997 02 12 und viele weitere Beispiele. Es kommt vor, dass ein Firmenname ein litauisches deklinierbares Wort enthält, das aber durch ein darauf folgendes fremdes Wort gleichsam blockiert wird, sodass der ganze Name indeklinabel wird: wandte sich an das Büro von „Krantas Shipping“; Werden Sie Freund von „Bitė GSM“; […] Mit der Karte „Bitė GSM“ können Sie schon heute den Mobilfunk in Dänemark nutzen LR 1995 11 10; später wurde Bitė allerdings dekliniert: Mit „Bite GSM“ – nach Tschechien und Italien D 1996 12 02. Liegt es an ähnlichen indeklinablen Namen, dass inzwischen auch solche Verbindungen entstehen: in der Nähe des Geschäfts „Širvinta“; über dem Salon „Nijolė“ (Vaskelaitė 1997: 22–23)? Ob es wohl noch weit ist bis zu der Formulierung Ich gehe zu „Hermis Versicherung“. Wenn wir eine Neuerung in das grammatische System aufnehmen, müssen wir besonders vorsichtig sein; schließlich reicht es bei einem Bergsturz manchmal schon, wenn sich ein einziges kleines Steinchen bewegt.

Der Faktor Zeit begünstigt die unkontrollierte Durchsetzung von Neuerungen sehr. Je länger ein nicht kodifiziertes neues Phänomen im Sprachgebrauch verwendet wird, desto größer kann später der Widerspruch zwischen der tatsächlichen und der kodifizierten Norm sein – zumal die sprachlichen Gewohnheiten und das Sprachbewusstsein unserer Gesellschaft nicht so beschaffen sind, dass in allen Fällen die geeignetste Variante gewählt wird (im Sprachgebrauch entstehen zuerst Vagnorkas, und erst dann werden sie gewaltsam durch Vagnorėliai ersetzt usw.).

Neue Phänomene verbreiten sich nicht völlig chaotisch – gewisse Regelmäßigkeiten lassen sich erkennen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass ein Staat oder eine Nation im Zeitalter der Informationstechnologie zunehmend seine beziehungsweise ihre Abschottung verliert und immer weniger kontrollieren kann, was von außen hineingelangt. Daher ist wohl nicht mit einem Rückgang der sich spontan entwickelnden Phänomene zu rechnen. Deshalb wird bewusstes sprachliches Handeln immer größere Anstrengungen erfordern, und es wird zunehmend schwieriger werden, das eingangs erwähnte Gleichgewicht zu erreichen.

Die entscheidende Frage lautet: Was soll man sich selbst überlassen, also der natürlichen Selektion, und wo ist eine künstliche, das heißt bewusste Selektion von Neuerungen erforderlich? Die Antwort auf diese Frage sollte davon abhängen, ob Sprachplaner die möglichen Folgen der Durchsetzung einer bestimmten Neuerung erkennen können. Teilweise helfen kann hier das sogenannte

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Das Prinzip gesellschaftlicher Zweckmäßigkeit: Es „lässt nicht zu, solche weit verbreiteten Neuerungen zu verwerfen, die die Grenzen des Sprachsystems nicht zerstören, sondern erweitern“ (Principai 1997: 2–3). Damit wird ein umfassenderer Blick auf die Entwicklung der Standardsprache – ihre Planung – besonders wichtig. Den Sprachbenutzern müssen sowohl die Gebrauchstendenzen von Neuerungen aufgezeigt werden (vgl. beispielsweise Girčienė 1997, Kupčinskaitė 1997) als auch die Richtung der Sprachentwicklung; es reicht nicht, einzelne neue Erscheinungen isoliert zu bewerten.

Die Normierung sprachlicher Neuerungen sollte mehrere Phasen umfassen: 1) Erfassung und Beobachtung der Neuerung sowie Feststellung ihrer Beziehungen zu ähnlichen Erscheinungen; 2) Formulierung des Problems; 3) Entscheidung darüber, ob die Erscheinung der natürlichen Selektion überlassen oder versucht werden soll, ihre Funktionsweise künstlich zu beeinflussen; 4) eine Empfehlung (wenn eine Kodifizierung nicht sofort möglich ist) oder eine eindeutige positive oder negative Kodifizierung; 5) Einführung der Empfehlung in den Sprachgebrauch.

Zusammenfassende Bemerkungen

Als eines der für alle Sprachen charakteristischen Entwicklungsgesetze gilt, dass verschiedene außersprachliche Umstände an eine sich auf natürliche Weise entwickelnde Sprache bestimmte Anforderungen stellen und dass „die Sprache, indem sie diesen Anforderungen genügt, irgendwelche Elemente ihrer Struktur verändert, dies jedoch so tut, wie es ihr entstandener Zustand vorgibt und wie es ihre inneren sprachlichen Möglichkeiten zulassen“ (Golovinas 1982: 150). Wenn wir die Standardsprache des letzten Jahrzehnts betrachten, könnten wir nicht sagen, dass sie sich natürlich verändert: Der Einfluss anderer Sprachen ist sehr stark. Umso sinnvoller ist es, von einer künstlichen Selektion neuer Erscheinungen zu sprechen.

Neuerungen breiten sich sowohl strukturell als auch funktional aus, das heißt, sie verzweigen sich im Sprachsystem und erweitern zugleich die Anwendungsbereiche. Bei der Bewertung von Neuerungen müssen wir uns zunächst auf Untersuchungen des Sprachgebrauchs stützen: Aus ihnen sollten der Zeitpunkt des Auftretens einer Neuerung und ihre Gebrauchsmerkmale hervorgehen (Häufigkeit, Verbreitung in bestimmten Anwendungsbereichen, lexikalisches und grammatisches Umfeld usw.). Wichtig ist es, die Beziehungen einer neu beobachteten Erscheinung zu anderen ähnlichen Erscheinungen zu untersuchen, mit anderen Worten: Neuerungen systematisch zu betrachten, denn gerade das kann helfen, die Folgen ihrer Durchsetzung vorherzusehen. Dann lässt sich versuchen, die Frage zu beantworten: Brauchen wir diese Neuerung wirklich, wird sie nicht die üblichen Ausdrucksmittel verdrängen und keine anderen unerwünschten Erscheinungen begünstigen?

Eine neue Erscheinung sofort zu beurteilen und strenge Empfehlungen auszusprechen, ist nicht immer möglich. In solchen Fällen wird die Neuerung gleichsam ihrem Schicksal überlassen; das heißt, wie man gerne sagt, man überlässt die Entscheidung den Sprachbenutzern und schaut anschließend, was dabei herauskommt. Wenn wir jedoch vorausschauend handeln, sollten wir uns bemühen, klarer festzulegen, was man tatsächlich sich selbst überlassen kann und wo ein bewusstes, gezieltes Eingreifen notwendig ist. Die Sprachbenutzer sollten frühzeitig Orientierung erhalten und gewarnt werden; der Neuerung sollte also zumindest eine ungefähre Richtung gewiesen werden – hin zu den Sprachnormen oder zum Sprachmüll, bis eine eindeutige Entscheidung getroffen werden kann.

Eingegangen am 19.03.1999

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ŠALTINIAI

D – „Diena“

Dlg – „Dialogas“

Dvd – „Dienovidis“

JG – „Jaunimo gretos“

KD – „Kauno diena“

KV – „Kalba Vilnius“

LA – „Lietuvos aidas“

LM – „Literatūra ir menas“

LR – „Lietuvos rytas“

LR (S) – „Lietuvos ryto“ priedas „Stilius“

LTV (P) – Lietuvos televizija (Panorama)

PB – „Panevėžio balsas“

R – „Respublika“

R(Br) – „Respublikos“ priedas „Brigita“

R(J) – „Respublikos“ priedas „Julius“

ŠA – „Šiaurės Atėnai“

Skaitmenys prie pavyzdžių rodo šaltinio leidimo metus, mėnesį, dieną.

LITERATŪRA

Dobelienė R. 1997: Bendra Europos valiuta turėtų būti euras. – Lietuvos rytas, 1997 05 28.

Girčienė J. 1997: Naujosios svetimybės spaudoje. – Kalbos kultūra 69, 64–68.

Golovinas B. 1982: Kalbotyros įvadas, Vilnius: Mokslas.

Jakaitienė E. 1997: Lietuvių kalbos žodžių reikšmių kitimas. – Gimtoji kalba 7, 1–5; 8, 1–4.

Karaliūnas S. 1997: Kalba ir visuomenė, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas.

Klimavičius J. 1985: Semantiniai vertin iai ir motyvacijos pamokos. – Lietuvių kalbotyros klausimai 24, 197–222.

Klimavičius J. 1992: Ne mūsų ta vinis. – Gimtoji kalba 10, 29–30.

Klimavičius J. 1997: Ar visada reikia skolintis, jei yra savas. – Lietuvos rytas, 1997 10 29.

Kupčinskaitė A. 1997: Nelietuviškų kalbos elementų (demenų) vartojimo polinkiai. – Kalbos kultūra 69, 56–61.

Palionis J. 1985: Kalbos mokslo pradmenys, Vilnius: Mokslas.

Paulauskienė A. 1994: Lietuvių kalbos morfologija, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla.

Petkevičienė R. 1995: Ar gerai sakyti: Viščiukus skaičiuoja rudenį? – Gimtoji kalba 11, 10.

Principai 1997: Lietuvių bendrinės kalbos tvarkybos principai, kodifikacijos kriterijai ir jų taikymas / Patvirtinta Valstybinės lietuvių kalbos komisijos. – Gimtoji kalba 4, 1–3.

Rudaitienė V., Vitkauskas V. 1998: Vakarų kalbų naujieji skoliniai, Vilnius: Enciklopedija.

TŽŽ – Tarptautinių žodžių žodynas, Vilnius: Vyriausioji enciklopedijų redakcija, 1985.

Vaskelaitė R. 1997: Bankas ir kubas. 1997 m. kovo 18 d. / Recenzija. – Gimtoji kalba 4, 22–23.

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NEW LANGUAGE PHENOMENA: NATURAL AND ARTIFICIAL SELECTION

Summary

During the last decade standard Lithuanian has been rapidly developing. This is due to several reasons. There are remarkable changes not only in the lexis, a layer always likely to change, but also in grammar; there are changes even in the graphicshape of the Lithuanian text.

According to the frequency and distribution of the innovations, they can be divided into the following two groups: 1) transient innovations and 2) phenomena spreading in the language usage. Transient innovations perform their function in their context and become extinct. The statistics of the usage data (frequency and stability of the phenomenon in various spheres of language use) as well as the widening scope of the innovation from the point of view of the language system testify to the spread of the new phenomenon. In course of time the innovations can naturally or via codification become extinct.

Innovations should be subject to adjustment to the language norm at several stages, namely: 1) by recording the innovation, observing it and establishing relations with similar phenomena; 2) by wording the problem; 3) by proposing a solution – either by deciding that the phenomenon should be left to the natural selection or attempting to artificially influence its functioning; 4) by issuing a recommendation (if it is impossible to codify at once) or a clearly negative or positive codification; 5) by establishing the innovation in language use.

Whether the innovation should be left for the natural or artificial, conscious selection, should be decided by the ability of language users to foresee the possible consequences of the innovative usage.

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