Go to originalLocalized version was produced by AI. It may contain inaccuracies.
Preparing document pages…
Page 1
ILIJA LEMEŠKIN
Karls-Universität Prag
Forschungsschwerpunkte: altbaltische Literatur und Schriftlichkeit, vergleichende Folkloristik, Lexikografie, Geschichte der Baltistik.
BASLER VIERZEILER / ZWEIZEILER – EIN BEISPIEL FÜR DIE BITTE UM GESCHENKE1
Vierzeiler / Zweizeiler von Basel: Beispiel einer Bitte um Geschenke
ZUSAMMENFASSUNG
Der Artikel kann als Fortsetzung der Untersuchung von Diego Ardoino aus dem Jahr 2012 betrachtet werden, da hier der Zusammenhang zwischen Kolophon und preußischem Text erweitert wird. Der Eintrag in preußischer Sprache wird als ein Stück gesungener oder rezitativischer Folklore (Vierzeiler) verstanden, das eng mit Weihnachtsliedern (und anderen zum Kalender gehörenden Werken des häuslichen Besuchsrituals) verwandt ist. Mit dem Kontext des Weihnachtssingens und der Bitte um Geschenke lassen sich auch die Figur eines sich verbeugenden Menschen (mit ausgestreckter Hand) und die deutsche Notiz in Verbindung bringen, die zusammen mit dem preußischen Eintrag eine Art Fortsetzung des Kolophons bilden. Dies stützt die zuvor geäußerte Annahme, dass der Abschreiber des Werks von Nicola Oresme ein Preuße war. Vorgeschlagen wird eine etwas andere linguistische Interpretation des preußischen Textes.
1 Mit dem Studienjahr 2013–2014 wurde an der Karls-Universität ein neuer Kurs im Masterstudiengang Baltistik begonnen: Grundlagen der altpreußischen Sprache und Lektüre der Texte. Zuvor hatte der Autor dieses Artikels die baltische Diaspora in Prag im 14. Jahrhundert untersucht, die möglicherweise zur Entstehung des Basler Textchens geführt hat; daher wurde im ersten Semester deutlich mehr Zeit gerade der Analyse dieses Denkmals gewidmet. Die Gruppe der Kursteilnehmer bestand aus Іера Ivanova und Jan Bičovský. In der gemeinsamen Arbeit mit ihnen entstand die Konzeption dieses Artikels, die auf Anregung von Prof. Grasilda Blažienė ihre jetzige Form annahm. Besonders wichtig waren die Anmerkungen und Hinweise des Gutachters Prof. Pietro Umberto Dini und von Dr. Rolandas Kregždys. Die Aspekte der Folkloristik wurden zusätzlich mit Prof. Bronislava Kerbelytė und Prof. Jurij Novikov erörtert. Die hier veröffentlichte Arbeit kann jedoch nicht als abgeschlossene Studie betrachtet werden. Das volkskundliche Material wird nur in minimalem Umfang vorgelegt, gerade so viel, dass die gemeinsamen strukturellen Merkmale der verglichenen Werke sichtbar werden. Im Einklang mit den Grundsätzen der historisch-geografischen Folkloristik stützt sich die Untersuchung vor allem auf baltisches (litauisches) und slawisches (ostslawisches; wegen möglicher Gattungsdiffusion auch tschechisches) Material. Es wäre sinnvoll, die Sammlung der verglichenen Texte zu erweitern, da eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, weitere textologische, typologische und genetische Übereinstimmungen zu finden. Auch einige hier behandelte grammatische Fragen bleiben unzureichend beleuchtet.
S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: Basler preußischer Zweizeiler / Vierzeiler, Weihnachtslieder, Bitte um Geschenke.
S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: Preußischer Zweizeiler / Vierzeiler von Basel, Weihnachtslieder, Bitte um Geschenke.
Straipsniai / Articles
11
Page 2
ANNOTATION
Der Artikel kann als Fortführung der 2012 von Diego Ardoino begonnenen Forschung betrachtet werden, da er die Beziehung zwischen einem Kolophon und einem prußischen Text unter einem weiteren Gesichtspunkt beleuchtet. Die Inschrift in prußischer Sprache wird als Stück gesungener oder rezitativ vorgetragener Folklore (Vierzeiler) verstanden, das den Weihnachtsliedern (und anderen Kalenderliedern des Rituals des Hausierens von Haus zu Haus) sehr nahekommt. Sowohl die Figur eines sich verbeugenden Mannes (mit ausgestreckter Hand) als auch eine deutsche Notiz, die zusammen mit der prußischen Inschrift eine eigentümliche Einheit des Kolophons bilden, lassen sich mit dem Kontext des Weihnachtssingens und der Bitte um Geschenke in Verbindung bringen. Dies stützt die frühere Annahme, dass der Abschreiber, der das Werk von Nicola Oresme transkribierte, ein Pruße war. Der Autor schlägt eine etwas andere sprachwissenschaftliche Deutung des prußischen Textes vor.
Ist es nicht Zeit, euch, Hausherr, zu beschenken und zu belohnen? Nicht mit einem Rubel, Hausherr, nicht mit einem halben Rubel, wenigstens mit einem goldenen, Herr, mit einer Griwna, wenigstens mit einem Gläschen Wein und einem Becherchen Bier.
(Rituelle Poesie 1989: 84)
Die Entzifferung und Lektüre des prußischen Textchens ist eng mit der Deutung des Zwecks der Inschrift und der Umstände ihrer Entstehung verbunden. Die sprachwissenschaftliche Auffassung des Textes hängt davon ab, wie man die Person betrachtet, die die Inschrift anfertigte. Am längsten wurde die Urheberschaft eines Studenten erwogen: „[...] BPT ist eine humoristisch-ironische Äußerung, die (während des Trinkens) vermutlich von einem Studiozus zu einem anderen Studiozus (Freund) gesagt wurde [...]“ (Mažiulis 1975: 130). Diese Annahme ermöglichte es, die Unvollkommenheit des Hexameters und das Hinzufügen des Buchstabens -e mit dem „Jargon und Wortspielcharakter der Sprache lernender Jugendlicher“ zu rechtfertigen (Mažiulis 1975: 125). Das Bild des „Studiozus“, das sich für die Deutung des Textes als sehr nützlich erwies, legitimierte eine Art „Fehlersuche“. Angesichts des geringen Umfangs des Textchens erscheint die Zahl der graphischen Korrekturen unverhältnismäßig groß. Die festgestellte Fehlerkette bedarf der Verifizierung (Bammesberger 1998; Dini 2000b, 397–400), insbesondere wenn man sich vom Bild des Wirtshausmilieus löst und einen anderen Inhalt des Zweizeilers erwägt (Schmid 1982) sowie andere Kandidaten für die Urheberschaft des Basler Textchens in Betracht zieht: einen Mönch (Purkartas 1983), einen mit der Buchkultur gut vertrauten Studenten (Ardoino 2012b) und schließlich einen professionellen Abschreiber (Schaeken 2006; Lemeškin 2013).
Eine alternative Lektüre des Basler Textes und ihre Begründung beginnt man vermutlich am besten mit der Bestimmung des schöpferischen Anteils oder zumindest mit der Aufwerfung dieses methodologischen Problems. Denn bislang ist nicht klar, ob der Pruße den ganzen Satz selbst erfand oder auf eine bereits vorliegende Formulierung zurückgriff. Und falls er sich auf etwas stützte – gab er jenes ältere Beispiel wortgetreu wieder? Es wäre schwer zu glauben, dass der Pruße einen irgendwo gelesenen Satz genau wiedergegeben, das heißt abgeschrieben hätte, und zwar mit zahlreichen Fehlern des Originals. Ein mündlicher, das heißt folkloristischer Text hingegen ist geglättet; daher sollte er keine sprachlichen Unklarheiten aufweisen
12
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 3
Vielleicht neigt man gerade deshalb meist dazu, in der Person des Abschreibers auch den Autor zu sehen, obwohl es an überzeugenden Argumenten für diese Möglichkeit fehlt.
Wie dem auch sei, Forscher finden im Basler Zweizeiler Anzeichen eines Hexameters. Als Erster formulierte Vytautas Mažiulis diesen Gedanken, wenn auch sehr vorsichtig: „Es scheint, dass diese beiden Zeilen im Hexameter geschrieben sind, obwohl ihre Daktylen und Spondeen ziemlich künstlich wirken“ (Mažiulis 1975: 125). Einen interessanten Zusammenhang mit dem Hexameter des Kolophons Omnibus omnia non mea sompnia dicere possum stellte Diego Ardoino her (Ardoino 2012a: 350–354). Natürlich wurde der Satz anhand der Struktur des Hexameters und der Anordnung des prußischen Textes auf dem Blatt (synchronisch) als Distichon gedeutet:
Berücksichtigt man jedoch den rhythmischen Gleichklang2, den Binnenreim (Kayle – labonache; rekyłe – thewelyłe; poyte – doyte; eg koyte – nykoyte), den Parallelismus der Wortarten, ihrer Formen und der Semantik (dazu weiter unten), ließe sich die Strophe in vier Zeilen gliedern. Dazu muss lediglich thoneaw entfernt werden, das die Zeile verlängert und sich als fakultativ erweist:
Kayle rekyłe ·?? U – U labonache thewelyłe ·???? U U – U Eg · koyte · poyte · U – U – U nykoyte · pēnega doyte · U – U – U U – U
Somit ließe sich thoneaw als Einschub betrachten, der durch die Schaffung einer neuen metrischen Form (unter dem Einfluss des Hexameters des Kolophons) das ursprüngliche Wesen des kleinen Gedichts – „du bist schon nicht mehr“ – aufhebt oder eine andere Funktion erfüllt (dazu weiter unten). Anders gesagt: Vielleicht ist es sinnvoll, im Basler Textchen zwei Schichten zu unterscheiden, eine ursprüngliche, mündliche und eine vom Autor geschaffene. Eine Neuerung, eine Umarbeitung durch den Autor, lässt sich in der Einfügung von thoneaw und im Hinzufügen des Elements -e erkennen; dadurch entsteht die fünfhebige Verszeile der ersten Strophe, die an einen Hexameter erinnert.
Das besprochene kleine Gedicht ließe sich offenbar gut im Kontext des Bettelns um Almosen und des Schenkens deuten. Das bedeutet nicht, dass die Person, die die Inschrift hinterließ, jemals mit ausgestreckter Hand auf der Karlsbrücke oder anderswo bettelte. Die deutlichsten Motive der Bitte um Geschenke finden sich in Weihnachtsliedern. Mit ihnen ist der Basler Vierzeiler vor allem zu vergleichen – und zwar nicht nur aufgrund der Übereinstimmung von Inhalt oder Stil. Dazu berechtigt und zwingt gerade das Kolophon selbst, an das sich sowohl der lateinische Hexameter als auch die Figur mit ausgestreckter Hand und der prußische Text anschließen; denn darin wird der Abschluss der Abschrift von Nicola Oresmes Werk Qu-estiones Super Quattuor Libros Methororum gerade mit der Weihnachtszeit in Verbindung gebracht – in vigilia epiphanie:
Neben der Assonanz <oy> lässt sich in den Zeilen offenbar auch ein Anzeichen von Alliteration erkennen: Kayle rekyłe · / labona[t]he thewelyłe · / Eg · koyte · poyte · / nykoyte · pēnega doyte.
Straipsniai / Articles
13
Page 4
1 ABB. Fragment f. 63r – Universitätsbibliothek Basel, Sign. F.V.2. Diego Ardoino hat es fotografiert und freundlicherweise zur Verwendung in dieser Publikation freigegeben
Im Jahre des Herrn 1369 wurden die Fragen zu den Meteorologica abgeschlossen durch die Hand dessen, der sie schrieb, und am Vorabend der Epiphanie durch die Hand dessen, der sie schrieb. Alles für alle, nicht meine Träume kann ich sagen. Amen
Die letzte Zeile, der Kolophon, bestimmte das epische Format des folgenden Textes. Doch zwischen dem Kolophon und dem anschließenden prußischen Eintrag ist wohl noch ein enger Zusammenhang erkennbar. Die Figur eines „Bettlers“ und die prußische Inschrift entsprechen der im Kolophon angegebenen Zeit der Abschrift der Vorlage – dem Vorabend des Dreikönigsfests. Die Jahreszeit und die Lieder, die nur zu dieser Zeit erklingen, dürften vermutlich dazu angeregt haben, einen Eintrag entsprechenden Inhalts hinzuzufügen.
14
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 5
Die einzelnen Wörter ließen sich folgendermaßen erklären:
1. Die Wortverbindung Kayle reky|e wird als Grußanrede interpretiert, mit der derselbe Adressat angesprochen wird, auf den auch das Pron. tho (im Einschub thoneaw) und die Wörter der zweiten Zeile labonache thewely|e verweisen. Dieser Deutung kann man zustimmen, doch lässt sich auch eine andere Lösung vorschlagen, die die Endung -e im Wort Kayle sowie die Verwendung des Lexems pruß. *rīkis ‚Herr‘ rechtfertigen könnte.
Die Wortverbindung kann an dieser Stelle nicht als Anrede, sondern als Grußformel fungieren, also nicht „Sei gegrüßt, Herr“, sondern das allgemeine „Guten Tag, seid gegrüßt“ bedeuten. Es gibt zahlreiche Grußformeln, die aus einem Verb im Imperativ und dem Lexem „Gott“ bestehen, z. B.: pruß. Deiwa engraudīs, lit. Skalsink Dieve, Padėk Dieve, lett. Dievs svētī, Palīdz Dievs, dt. Grüß Gott, tschech. Pozdrav pánbůh, Zdař Bůh (vgl. russ. спасибо aus *спаси богъ) usw. Das würde bedeuten, dass neben dem Vokativ reky|e ‚Gott‘ ein Imperativ verwendet worden sein könnte. Ein Verb mit der Wurzel kail- ist in den prußischen Sprachdenkmälern nicht belegt. Die nächstliegende Parallele findet sich in den slawischen Sprachen: kirchenslaw. уплъгти ‚sich heilen, genesen‘, Imp. Sg. уплъви, уплъвите; russ. исцелять, целить, ukrain. цілити, weißruss. целіў, serb. уцијелити, slowen. čeliti, tschech. celeti, poln. celić usw. Auf Grundlage des erhaltenen prußischen lexikographischen Materials und der Etymologie des Adj. pruß. kails ‚gesund‘ (PEŽ II 71–73) ließe sich ein denominales Infinitivum *kail-ētvei ‚gesund, stark sein; gesund, stark machen‘ rekonstruieren (vgl. balt. Adj. *kaita- ‚heiß, warm‘ → pruß. Verb kaitētvei ‚angeheizt, erregt werden‘ (s. PEŽ I 268)). Da man Gott traditionell duzt, wäre ein Imperativ der 2. Pers. Sg. pruß. *kail-ei-s ‚[du] sei gesund, stark; mach gesund, stark‘ zu erwarten. In Anbetracht der möglichen sekundären Herkunft der Endung -s (Endzelīns 1982: 129) lässt sich annehmen, dass eine Kurzform *kail-ei existierte, die dem viln. rāšai, dem pamī|ākai der alten Schriften AK, įchlausai Mž, atadārai DP entspräche. Die Verkürzung der Endung lässt sich auch als einfache Kontraktion einer etik etischen Interjektion erklären (vgl.: labdien, labryt, padėkdie, tschech. Bóh tebe poždraw > pozdraw tě bůh > těbůh; dobro jutro > dobrojtro, dobroytro > dobrýtro, dobrejtro). Somit hätte pruß. *kaileʳ rīķis < *kailei[s] rīķis ‚Guten Tag‘ ursprünglich „Mach ganz, gesund, Gott“ bedeutet.
Aufgrund des Mangels an Daten ist es unmöglich, unanfechtbare grammatische Belege zur Begründung dieser Form anzuführen. Die vorgeschlagene Deutung ist nützlich, da sie die Verwendung des Lexems *rīķis ‚Herr‘ (das bei der Anrede eines konkreten menschlichen Adressaten etwas ungewöhnlich erscheint) und den Buchstaben -e am Ende des Wortes Kayle motiviert. Neben den genannten Parallelen in anderen Sprachen (eine vollständige semantische Entsprechung wäre tschech. Pozdrav pánbůh) spräche auch die folkloristische Poetik³ für eine etik etische Interjektion an dieser Stelle, da ein solcher Grußbeginn hervorragend zu den Weihnachts-
3 Vgl. auch ein slowakisches Weihnachtslied, das mit Kyrie eleison (gr. Κύριε ἐλέησον ‚Herr, erbarme dich‘) in verkürzter Form beginnt:
Kyrije, es ist gut, Kyrije, es ist nicht schlecht, Kyrije, wir lernten, wer zu euch gekommen ist, dem wird es heute bei uns gut gehen, und auf diese Welt kam das Jesuskind. Ziegen und Schafe weiden oben auf dem Berg. Und das schnell mit der Sichel, wir werden sie besuchen. (Slovenské koledy... 1992: 117)
Straipsniai / Articles
15
Page 6
die Anfangsformulierungen der Weihnachtslieder. Die Situation, in ein anderes Haus zu kommen, erforderte selbstverständlich, um Gaben zu erhalten, die Geber höflich zu begrüßen:
Guten Abend, Kalėda, Unser Herr Hausherr, Kalėda, Unser Herr Hausherr, Kalėda, Der Hausherr dieses Hauses, [Kalėda]. Ist unser Herr Hausherr, Kalėda, zu Hause?
(Nr. 390, Kl 359 – Dainynas XX 632)
Guten Abend euch, ihr guten Leute! Wir kommen nicht allein, Wir führen eine Ziege!
(Календарно–обрядовая... 1981, Nr. 5).
Seid gegrüßt, Herr Hausherr, Etwas in eurem Hof Lärmt und dröhnt, Heiliger Abend!
(Голас... 1995: 336–337)
2. Der rekonstruierte Etikette-Interj. *kaileis rīkīs begann den Monolog des Weihnachtsliedersängers. Damit werden alle begrüßt, denen man an einem neuen Ort begegnet; danach sollte er eine Reihe von Bitten vorbringen, die an einzelne Personen gerichtet waren, die Weihnachtsgaben spendeten (je mehr, desto größer die Beute). Diese gezielten Bitten stützten sich natürlich auf entsprechende Anreden: an den Hausherrn, seine Frau und die Kinder (je nach konkreter Situation). Die Verteilung der Adressaten veranschaulicht beispielsweise folgendes litauisches Lied:
Wohin soll ich an Weihnachten zum Singen gehen? Grüne, Gras, unter dem Pferdchen, Kalėda. Zu Pūčius soll ich an Weihnachten zum Singen gehen, Grüne, Gras, unter dem Pferdchen, Kalėda. Pūcienė gibt ein Stück Speck, Grüne, Gras, unter dem Pferdchen, Kalėda. Und Pūciūtė ein Stück Wurst, Grüne, Gras, unter dem Pferdchen, Kalėda. Pūcys gibt eine Flasche Schnaps, Grüne, Gras, unter dem Pferdchen, Kalėda.
(Nr. 375 A1, Kl 356 – Dainynas XX 614–615)
16
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 7
Gib uns, Väterchen – ein Fässchen Roggen, Ei kaleda Kaledzyca....
Gib uns, Brüderchen – ein Fässchen Weizen, Ei kaleda Kaledzyca....
Gib uns, Mütterchen, Dai, ein kleines Kissen, Ei kaleda Kaledzyca....
Gib uns, Schwesterchen – ein Federbett, Ei kaleda Kaledzyca....
(Nr. 377 A, Kl 357, 345 – Dainynas XX 614–615)
In der auf die Interjektion Kayle rekyſe (1) folgenden Position, d. h. an der Stelle von labonache thewelyſe (2), wäre also ein Vokativ oder ein als solcher fungierender Nominativ zu erwarten (semantisches Modell: 1. „Segne, Gott!“; 2. „[...] Hausherr“). Obwohl die Endung des Substantivs thewelyſe mit der des im Vokativ stehenden rekyſe der ersten Zeile übereinstimmt, wird es nach der traditionellen Textentschlüsselung meist als Nom. Sg. aufgefasst („du bist nicht mehr unser Vater“ oder „du bist kein guter Onkel“). Wie im ersten Fall kann das zusätzliche -e metrisch erklärt werden. Doch offenbar gibt es keine formalen oder semantischen Gründe, die es ausschlössen, thewelyſe (analog zu rekyſe, dessen Vokativfunktion offenbar allgemein anerkannt ist) als Realisierung eines Vokativs zu interpretieren. Das Wort lässt sich als lexikalische Honorativform verstehen, mit der eine ältere, nicht verwandte Person angesprochen wird. Die Besonderheit der Anrede stützt auch gut die Verwendung des Lexems *tevelis, denn andernfalls (wenn man vom Nom. ausgeht – „du bist kein was“) müsste man einen Bedeutungswandel annehmen: „Vater“ > „Bruder des Vaters“ > „Onkel“.
Eine solche im Vokativ ausgedrückte Anrede, gleichsam an den Vater, ist für die Bräuche des Hausbesuchs und die sie begleitenden folkloristischen Werke charakteristisch. Ihre Wurzeln reichen zweifellos in die traditionelle dörfliche Ordnung und die Lebenswirklichkeit zurück, deren Spuren sich bis heute finden (etwa im Umgang mit älteren Informanten während Expeditionen). Als litauisches Weihnachtsbeispiel könnte das zuvor angeführte Lied dienen: „Gib uns, Väterchen / ein Fässchen Roggen...“ (Nr. 377 A, Kl 357, 345 – Dainynas XX 614–615). Weitere Beispiele wurden aufgrund der geringen Zahl überlieferter litauischer Weihnachtslieder nicht gefunden; slawische und andere Entsprechungen lassen sich jedoch zahlreich anführen. Darin werden die unterwegs beim Weihnachtsheischen angetroffenen Herren als Väter und die Damen als Mütter um Gaben gebeten. Zum Beispiel:
Unser lieber Herr Vater, hört uns einen Augenblick an, was wir euch singen und freudig erzählen werden.
(Zíbrt 1910: 10)
Straipsniai / Articles
17
Page 8
Panímámo ze sousedů, Přišla jsem si pro koledu; Nemáte-li dva dukáty, Dejte aspoň ořech zlatý, Vypůjčete se od pantáty; Donesu ho Jezulátku, Chudobnému paholátku. „Gnädige Frau Nachbarin, ich bin zum Weihnachtsheischen gekommen; wenn Sie keine zwei Dukaten haben, geben Sie wenigstens eine goldene Nuss, leihen Sie sie sich vom Herrn Vater; ich bringe sie dem Jesuskind, dem armen Knaben.“
(Zíbrt 1910: 11)
Hausmütterchen, unser Väterchen, Beschenke die Gäste, die Koljadki-Sänger: mit einem Paar Eierchen, einem Endchen Pastete, einem Kuchen mit Zwiebeln, damit es etwas zu schlemmen gibt; willst du aber nichts schenken, gehen wir Hunde ärgern, Schlamm kneten, die Leute zum Lachen bringen.
(Новиков 2002: 196)
Im Falle des Wortes labonache überzeugt die von Wolfgang P. Schmid vorgeschlagene graphische Korrektur: <-s-> statt <-ch->. Im Kontext der Bitte um Weihnachtsgeschenke würde auch seine vorgeschlagene Lesung labo(n)naxse passen, d. h. „unser Guter“ (Schmid 1982: 288). Die Wortverbindung na[s]e thewelyfe ‚unseren Vater‘ entspräche gut beispielsweise der zuvor angeführten Anrede хозяюшка, наш батюшка, die in den Heischeliedern der Altgläubigen im weißrussisch-litauischen Grenzgebiet regelmäßig belegt ist. Kortlandt (Kortlandt 1998: 127) bezweifelt jedoch die Stichhaltigkeit von Schmids Interpretation, denn anstelle von *naxse wäre nuson zu erwarten.
Formal wäre Bammesbergers Vorschlag labona[kt]e ‚gute Nacht‘ akzeptabel (Bammesberger 1998: 125). Kortlandts kritische Bemerkung, dass sich diese Wortverbindung nicht mit der Semantik des Textes vereinbaren lasse, wird durch den Weihnachtskontext teilweise entkräftet. Ein gutes Beispiel ist der Anfang des zuvor zitierten litauischen Liedes Labas vakaras, kalėda…; in diesem Fall wären wir jedoch auf die Annahme beschränkt, dass das Weihnachtsheischen abends begann und bis tief in die Nacht dauern konnte und/oder dass gerade dieses Lexem sich aus metrischen und/oder alliterativen Gründen für das neu gebildete Zweizeilerpaar anbot (vgl. preuß. deinan, bītas).
Nach dem poetischen Paradigma der Weihnachtslieder würde hier vor der Anrede thewelyfe auch ein substantivisches epiteton constans gut passen, das den Besitzer des besuchten Hofes, den Hausherrn, bezeichnet (etwa „wohltätiger / guter / gütiger Vater“), oder ein Imperativ („bring Gutes, Vater“). Könnte in der Komponente –nase vielleicht ein Verb erkannt werden?
18
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 9
Spur des preußischen *nes– ‚tragen, befördern‘ (preuß. nassute ‚Frachtschiff‘; nach Mažiulis aus preuß. *nesutīs – PEŽ III 170)? Im Kompositum hätten wir dann ein vom Verb abgeleitetes iō bzw. ein nomen agentis preuß. *nesis, *nešėjas. Das erste Kompositionsglied wäre in diesem Fall entweder das Adj. laba- ‚gut‘ (vgl. preuß. labbasēgīsnan, labbapodingausnan, labbaiquotīsnan) oder das Subst. im Akk. Sg. labban ‚Vermögen‘. Mit dem Suffix iō wurden aus Verben nomina actionis / nomina acti gebildet (siehe Mažiulis 2004: 26), zum Beispiel preuß. boadis ‚Stich, Stechen‘ (siehe PŽE I 150); angesichts der folkloristischen Eigenart des Textes könnte jedoch vielleicht auch ein Einfluss der slawischen Sprachen erwogen werden (vgl. litauische Lehnübersetzungen aus dem Slawischen mit dem zweiten Kompositionsglied -nešys: žinianėšys, junganešys, vainiknešys u. a.).
Mažiulis leitete labonache vom Adj. preuß. *lab-nas ‚gut‘ ab, das sich mit der Zeit zu *lab-anas > *lab-ants entwickelte. Die Wortwurzel wird traditionell mit lab- ‚gut‘ verglichen: preuß. labs, labas, labs. Angesichts des Kontexts des Weihnachtsheischens könnte man jedoch vielleicht noch eine weitere Möglichkeit erwägen. Könnte hier nicht ein Wort verborgen sein, dessen Bedeutung „Hausherr, Oberhaupt des Hofes oder Hauses“ wäre? Vgl. lit. labōnas ‚Kopf, Scheitel, Schädel‘, lit. labonis ‚Kopf; Verstand‘, lit. labōnė ‚Stirn; Kopf‘, aks. ЛЪБЬНЪ ‚Schädel; Stirn‘, toch. lap ‚Schädel, Kopf‘, kirchenslaw. ЛЪБЪ ‚Schädel‘, russ. лобан ‚Mensch oder Tier mit großer hervorstehender Stirn‘, serb.-kroat. дубина ‚Schädel‘, slow. lubánja, tschech. leb ‚ebd.‘, poln. leb ‚Kopf‘ usw. Siehe: preuß. arglobis ‚Scheitel‘ (PŽE I 90–91), preuß. lubbo ‚Brett, Decke‘ (PŽE III 84–85).
Die semantische Grundlage ist offensichtlich: „Kopf“ → „Familienoberhaupt; Ältester des Hofes oder Hauses, Hausherr, Anführer“. An *labon- konnte dann bereits das Suffix *-at- angefügt worden sein (vgl. deiwuts ‚selig, erlöst‘ < Adj. *deivūta- < *deivāta- ‚göttlich, gottergeben, selig, erlöst‘, PŽE I 193; preuß. nagotis ‚eiserner Topf‘ aus *nagātīs ‚eiserner Topf mit Füßen‘ < Adj. preuß. *nagāta- ‚mit Füßen‘ < *nagā ‚Fuß, Bein‘ + Suffix *-(ā)ta-; siehe PŽE III 159); in der Wortbildung vergleichbar sind lit. galvōčius, galvōtis. Von den bereits zitierten Weihnachtsliedern entspräche dem Wort labona[t]he: ponas randorius; хозяин; пан хозяин, der Wortverbindung labona[t]he thewelyfe – хозяюшка, наш батюшка; pantáto...
Die beiden zuletzt genannten Erklärungen, bei denen ein Substantiv die Funktion eines epiteton constans (vor dem Vokativ thewelyfe) übernimmt, könnten bei der Interpretation der deutschen (?) Endung -e⁴ helfen.
Schließlich kann im hier erörterten Kontext der Bitte um Almosen die in der Korrespondenz von Christian Stang mit William R. Schmalstieg geäußerte Ansicht (McCluskey, Schmalstieg, Zeps 1975: 162; Dini 2000a: 201) wieder aufgegriffen werden, der zufolge thoneaw eine konkrete Person namens (An)tonius bezeichnet: „Guten Tag, Antonius, unser guter Vater“. Diese Möglichkeit erwägen Bammesberger (Bammesberger 1998, 125–126), Dini (Dini
4 Vielleicht könnte man auch einen anderen Weg einschlagen und in der Form labonache diachronisch den Akk. Sg. labban ‚Gut, Habe‘ und (analog zur Form *kail-ei-s in der ersten Zeile) den Imperativ 2. Sg. preuß. *nes-ei-s ‚trag‘ erkennen. Historisch ließe sich vielleicht eine ursprüngliche Gestalt des folkloristischen Textes rekonstruieren, die in Gebrauch gewesen sein könnte, bevor das Verb preuß. *nes- durch preuß. *pēdi-tvei ‚tragen‘ verdrängt wurde: kail-e[i]-s rikis / labban nes-e[i]-s tewelis „mach heil, Gott, / trag Gut, Vater“. Da diese Rekonstruktion aus einer anderen Rekonstruktion gewonnen wurde, stellen wir unsere Überlegung in eine Fußnote.
Straipsniai / Articles
19
Page 10
2000b, 398), weist sie jedoch als theoretisch und nicht überzeugend zurück (Kortlandt 1998, 128). Das Kalėdojimas liefert ihr eine zusätzliche Begründung. Tatsächlich sind Personennamen in Weihnachtsliedern ein übliches Phänomen; sie kommen in großer Vielfalt vor (KL 357, 345 A – Arlauskas, Arlauskienė, Barisa, Bielinis, Čelna, Ignotas, Janulevičienė, Kasparavičius, Kašeta, Saikauskas, Kabaras, Valatka, Valatkienė, Velička, Adelė, Gabriukas, Juozas, Petrutis; KL 357, 345 B – Baltramiejus, Grinkevičienė, Tamosius, Žukauskas, Žukauskienė):
Da fährt Herr Duos zu uns, Maceika, beim Kalėdojimas, mit einem Fass Hafer, Kalėdo. Kalėdo. Und er kam auch zu Mocėjienė – auf den Hof der Maceikas, mit Kuchen, Flachs, Kalėdo. Kalėdo.
(Nr. 380 B, KL 357, 345 – Dainynas XX 621)
Die Verwendung eines Personennamens widerspricht nicht der Poetik der Weihnachtslieder. Im Gegenteil: Ein Personenname kann die fakultative Natur des problematischen thoneaw gut begründen. An dieser Stelle des mündlichen Textes könnte sein Ersatz gestanden haben, das heißt der Name eines beliebigen anderen angesprochenen Nachbarn oder Bekannten. Oft blieb diese Stelle jedoch auch unausgefüllt, wenn eine ganze Familie, eine Gruppe von Menschen oder eine unbekannte Person angesprochen wurde. Daher sollte man in einem solchen Fall auf die übliche Zerlegung von thoneaw in tho ‚du‘ und neaw ‚ist nicht‘ verzichten. Wenn wir außerdem nach der Interjektion *kailerīkīs einen Eigennamen zulassen, wird das preußische Distichon des Autors plötzlich deutlich hexametrischer, weil eine fehlende Silbe hinzukommt. Zur Diskussion könnte folgende Rekonstruktion vorgeschlagen werden:
– U U /– U U / – U U / – U? /? U U /– U K a y l e r e k y f e · [A n] t h o n e [i] a w l a b o(n) n a c h e t h e w e l y f e ·
Die Ergänzung der ersten Silbe des Namens Antonijus lässt sich mit der damaligen Schreibpraxis begründen – der Verkürzung von Wörtern, besonders wegen des begrenzten Schreibraums. Der Schreiber des Hexameters war tatsächlich eingeschränkt: Er musste einen bestimmten Text in eine Zeile setzen und durfte zugleich nicht in die nächste Spalte des Blattes übergreifen. Selbstverständlich wurde ein grafisch verkürzter Text beim Lesen anders ausgesprochen, als er geschrieben war. Derselbe Mechanismus könnte theoretisch auch in diesem Fall gewirkt haben.
Wenn also der Vergleich mit der mündlichen Weihnachtstradition begründet ist, spiegeln die ersten beiden Zeilen des Baseler Stücks die Phase des Grüßens, der Anrede und der höflichen Ansprache wider.
Als weiter zu erwägende Lesarten lassen sich folgende Varianten vorschlagen:
Und in der Zusammensetzung des sekundären (vom Autor verfassten) Distichons mit dem variablen und fakultativen [An]thoneaw:
20
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 11
Kayle rekyfe · [A n] t h o n e a wlabonachethewelyfe ·
„Guten Tag, Antonijau, unser guter / Herr und Vater“
„Guten Tag, du bist nun nicht mehr unser guter / Herr und Vater“
3. Die Weihnachtsbitte, d. h. die Bitte um materielle Güter beziehungsweise deren Forderung, wird im Folgenden in der dritten und vierten Zeile ausgedrückt. Sie zeigt sich in den Imperativformen der 2. Person Plural: poyte ‚tränkt, trinkt‘, doyte ‚gebt‘. Diese Erklärung ist formal am überzeugendsten (McCluskey, Schmalstieg, Zeps 1975: 161; Bammesberger 1998: 122), wurde jedoch wegen des Widerspruchs zum Trinkgelage-Kontext verworfen (der seinerseits aus zwei aufeinanderfolgenden „undurchsichtigen“ Wörtern rekonstruiert wurde: thoneaw und labonache): „Aus dem Kontext könnte man schließen, dass hier der Infinitiv des prußischen Verbs ‚trinken‘ steht“ (Mažiulis 1975: 129); „McCluskey, Schmalstieg und Zep nehmen formal überzeugend an, dass hier ein Imperativ vorliegen könnte; dann müsste man jedoch die sich daraus ergebenden inhaltlichen Schwierigkeiten des Textes anerkennen“ (Dini 2000b: 399). Beseitigen die zuvor vorgebrachten Überlegungen und die vorgeschlagene Lesart des Textes vielleicht einige der Schwierigkeiten beim Verständnis des Textes? Da die Verwendung des Imperativs im Kontext des Weihnachtsbettelns völlig plausibel erscheint, wäre auch die Imperativform motiviert und stünde an der erwarteten Stelle.
Um den Infinitiv zu identifizieren, waren dagegen zahlreiche Korrekturen erforderlich – an den Endungen und den Stammvokalen. Ähnlich verfuhr man mit den benachbarten Formen koyte und nykoyte. Obwohl ihre Form ausgezeichnet dem Präsens der 3. Person Singular und Plural entspricht (quoiōte ‚(er) will‘ III 57₁₉; quoiōte ‚(sie) wollen‘ III 99₅, quoiōtā ‚ebd.‘ III 51₁₆), brauchte man sie für den damals rekonstruierten Kontext und den dem Text zugeschriebenen Inhalt nicht. Die Wörter wurden als Präsens der 2. Person Singular quoi ‚willst‘ mit dem enklitischen Pronomen tu ‚du‘ verstanden (das eine Zeile darüber als tho hätte geschrieben werden müssen). Angesichts eines anderen Entstehungskontexts des Textes wäre es nun sinnvoll, zur ursprünglichen Form zurückzukehren. Nach dem formalen Kriterium unterscheiden wir:
Eg: koyte: poyte:
Konj. Präs. 3. Pers. Imperativ
Singular, Plural 2. Pers. Plural
nykoyte: pēnegadoyte:
Präs. 3. Pers. Gen. Singular Imperativ
Singular, Plural mit 2. Pers. Plural
Negation
Anstelle von koyte ir nykoyte würde semantisch die 2. Person Plural passen („Wenn ihr wollt – gebt zu trinken; wenn ihr nicht wollt – gebt Geld“); dann müsste man jedoch das Verschlucken der Endung –ti begründen (quoiōtēti ‚ihr wollt‘ III 107₉, III 115₂₀). Kaum lässt sie sich, wie beim Baseler Werk häufig geschieht, dem Reim zuliebe „streichen“ oder als Haplographie erklären.
Einfacher wäre offenbar eine andere semantische Interpretation: „Wenn du willst (ihr Weihnachtsbettler / der Weihnachtsbettler) – tränkt (sie / ihn) [oder: ‚trinkt (gemeinsam)‘]; wenn du (zu trinken) nicht willst – gib Geld.“ Den Kausativstatus des Verbs poyte könnte das s. s. nournu ‚tränken‘ stützen, ebenso der Imperativ nou, noume ‚tränk, tränkt‘ (russ. noumb-numb, poln. poić-pić usw.). Die Formen der dritten Person
Straipsniai / Articles
21
Page 12
koyte ir nykoyte könnte auch durch die Beteiligung eines Vermittlers erklärt werden. Man kann sich eine Situation vorstellen, in der der Status des Besuchers es kaum zulässt, in eigenem Namen um Almosen zu bitten, sodass diese Aufgabe eine helfende Begleitperson übernimmt (beispielsweise das Einsammeln der Gaben zu Weihnachten für die Priester, davon wird weiter unten die Rede sein), oder in der der Anführer einer Gruppe im Namen aller Sternsinger um Almosen bittet. Im ersten Fall würde koyte ir nykoyte als praes. 3. Pers. Sg. („wenn [er] will …“), im zweiten als praes. 3. Pers. Pl. („wenn [sie] wollen …“) verwendet.
Es wäre eigens zu untersuchen, ob das Weihnachtssingen zugunsten einer dritten Person (eines der Könige oder Jesu) nicht gerade ein spezifisches Merkmal der Lieder zum Dreikönigsfest war. Ein König, der schwarze Balthasar, vollzog die rituelle Hausreinigung; seine Gefährten baten für die von ihm ausgeführten Handlungen um ein Geschenk:
Wir drei Könige, wir kommen zu euch, wünschen euch Glück und Gesundheit, Glück und Gesundheit, viele Jahre! Wir sind von weit her zu euch gekommen. Weit ist unser Weg,
Wir wollen euer Herz kennenlernen. Unser schwarzer Kamerad hinten streckt euch sein Kinn entgegen! Er wird überall rauchen und mit uns um ein Geschenk bitten!
(Zíbrt 2006, 63)
Im Kontext der Weihnachtslieder lässt sich auch der Gebrauch des Teilgenitivs pēnega „Geld“ besser verstehen. Offenbar besteht kein Anlass, eine Pluralform zu rekonstruieren (Schmid 1982: 289). Wer Geldunterstützung erhalten möchte, wählt eine psychologisch wirksame (verkleinernde, abwertende) Ausdrucksweise und fleht daher gewöhnlich um ein Geldchen, ein kleines Groschenstück, einen Heller, einen Kopeken usw. Es sind Zeugnisse erhalten, dass Geldgeschenke gerade für das Dreikönigssingen typisch waren. Sie wurden sogar zu einer Art Verpflichtung, der man sich in späterer Zeit bisweilen widersetzte (Zíbrt 2006, 66).
Schließlich finden wir auch auf der syntaktischen Ebene eine Ähnlichkeit. In Weihnachts- und anderen Liedern, in denen das Streben nach Geschenken, also der Wunsch, irgendwelche Gaben zu erhalten, zum Ausdruck kommt, schwankt man traditionell zwischen verschiedenen Möglichkeiten, die der Bittende nennt. Der Bittende hofft, das eine oder das andere oder jenes zu bekommen, und wenn nicht das eine, dann wenigstens das andere. In Weihnachtsliedern werden viele solcher möglichen Gewinne aufgezählt:
Heischegang, Heischegang, Großmütterchen, gebt ein Nüsschen oder ein Äpfelchen; gebt ihr kein Nüsschen, durchbohre ich euer Pelzchen.
„Heischegang, Heischegang, Großmütterchen, gebt ein Nüsschen oder ein Äpfelchen; wenn ihr kein Nüsschen gebt, durchbohre ich euren Pelz.“
(Zíbrt 1910: 12)
Hody, hody, bis zum Nachfeiertag, gebt mir bemalte Eier; gebt ihr keine bemalten, gebt mir wenigstens weiße, das Huhn wird euch andere legen.
„Fest, Fest bis zum Weißen Sonntag, gebt gefärbte Eier; wenn ihr keine gefärbten gebt, gebt wenigstens weiße, das Huhn wird euch andere ausbrüten.“
(Ein bis heute weit verbreiteter Osterrezitativ.)
22
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 13
Du, Hausherr, zögere nicht! Beschenke mich möglichst schnell! Roter und grüner Wein! Da der Frost von heute langes Stehen nicht erlaubt, gebietet er, schnell aufzutischen. Roter und grüner Wein! Entweder einen Kuchen vom Ofen oder ein Sieb vom Speicher. Roter und grüner Wein! Entweder ein Krüglein Bier oder ein Fünfkopekenstück. Roter und grüner Wein! Entweder einen Topf Kohlsuppe oder einen Darm voll Wurst. Roter und grüner Wein!
(Заленский 1912: 183)
Koljada, Koljada, gib uns einen Kuchen, oder ein Stück Brot, oder einen halben Rubel, oder ein Huhn mit Haube, einen Hahn mit Kamm! Oder einen Heuklumpen, oder eine Mistgabel in die Seite.
(Афанасьевский сборник 2005: 134)
Der erbetene und erhaltene Weihnachtsertrag hing, wie selbstverständlich, vom Status des Kalėdininkas ab. Ein Kind erhielt eine für ein Kind passende Gabe, ein verheirateter Mann eine für einen Mann, ein Priester eine für einen Priester und so weiter. Der eine bekam ein Nüsschen mit einem Äpfelchen, der andere ein Stück Schinken, ein weiterer ein Geldgeschenk. Der Inhalt des hier behandelten Textes aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in dem Getränke und Geld vorkommen, gibt auch Auskunft über den Adressaten dieses kleinen Werkes. Bedenkt man die zuvor verwendete Anrede „Väterchen“ (an den Hausherrn, den man besuchte), so könnte er ein mit der Buchkultur und der Schrift vertrauter Geistlicher niederen Weihegrades gewesen sein (ordines minores), denn eine solche Art von Gabe (Jahreslohn) hätte wohl am ehesten zu ihm und einem Priester gepasst. Der „Vortragende“ des kleinen Werkes könnte beispielsweise auch ein Städter gewesen sein, der als Schreiber arbeitete, ein Philosoph, das heißt ein Student, für den das Kalėdojimas und andere Bräuche des Hausbesuchs eine wichtige einmalige Einkommensquelle darstellten (um Geld konnte er bitten, doch durfte er wohl kaum darauf hoffen), oder eine andere Person von ähnlichem Stand.
Für uns könnte ein satirisches tschechisches literarisches Werk aus dem 15. Jahrhundert von besonderer Bedeutung sein, das auf Grundlage der damaligen Weihnachtslieder geschaffen wurde und die Bräuche jener Zeit festhält:
Na Štědrǎj den daj koladu farářŕ peněžitu a cti drahým pitím!
Am Heiligabend gib dem Pfarrer eine geldwerte Weihnachtsgabe und erweise ihm mit einem kostbaren Getränk die Ehre.
Straipsniai / Articles
23
Page 14
Dann die Tschechen und den Glöckner zwischen den Festtagen und den Vermittler [Priester], nachdem sie die Kalėda vorbereitet haben. Konntest du ihnen kein Geld geben, musstest du sie mit Getreide, Kuchen und Obst abfinden.
Später warte auch auf den Glöckner zwischen den Festtagen und den [Priester als] Vermittler, nachdem du die Kalėda vorbereitet hast. Konntest du ihnen kein Geld geben, musstest du sie mit Getreide, Kuchen und Gemüse abfinden.
(Husitské písně 1952: 125–131)
Andere Quellen bestätigen, dass der Priester seine Gemeindemitglieder meist am Heiligabend besuchte. Bei seinem Besuch vollzog er einen bestimmten Neujahrsbrauch – er reinigte die Häuser mit Weihrauch. An den Platz, an dem der Priester gesessen hatte, setzten sich Mädchen, die heiraten wollten, oder die Hausherrin selbst, um die Fruchtbarkeit des Viehs zu gewährleisten, und so weiter (Zíbrt 1889: 265–266). Dafür erhielt der Priester Geschenke. Wie ein tschechisches Denkmal aus dem 15. Jahrhundert zeigt, gingen vom Heiligabend bis zum Dreikönigstag bereits niedere Kleriker umher, ebenfalls mit Weihrauch, denen man ebenfalls ein Geldgeschenk geben sollte. Doch auch der Priester verschmähte am Dreikönigstag einen zusätzlichen Verdienst nicht. Bekannt ist eine Anordnung aus dem Jahr 1594, die es Priestern untersagte, an diesem Tag mit dem Kreuz durch die Straßen zu ziehen und Häuser zu besuchen (Zíbrt 1889: 13).
Schließlich könnte auch die letzte Zeile des Kolophons mit dem Kalėdojimas und der skeptischen „Planung“ eines künftigen Ertrags in Verbindung stehen: Omnibus omnia non mea sompnia dicere possum.
4. Zusätzlich wäre der deutsche Satz, der auf dem Fähnchen steht, kurz zu erörtern: ihs ich leid (die heutigen Dreikönigssänger tragen einen Stern, früher trugen sie ein Kreuz, die Kleriker Weihrauch). Die Inschrift wird mit „Jesus, ich leide“ übersetzt. Dieser Inhalt lässt sich gut auch auf den Brauch des Kalėdojimas beziehen, denn der Bittsteller kann sich als Bedürftiger darstellen. Vielleicht wäre es jedoch sinnvoll, auch eine andere Lesart in Betracht zu ziehen: „Jesus, ich führe“ oder „Jesus, ich gehe“. Die erste Bedeutung würde das Verb leiten ‚führen‘ voraussetzen, das im niederdeutschen Dialekt offenbar leiden ergeben haben könnte (vgl. niederländisch leiden). Das würde jedoch bedeuten, dass die hochdeutsche Pronomenform mit einer niederdeutschen Verbform kombiniert ist. Kann man diese Möglichkeit ausschließen? Im zweiten Fall müssen wir uns mit der Etymologie des Verbs leiden befassen. Die sekundäre Bedeutung ‚leiden‘ entwickelte sich aus ‚gehen, fahren‘. Die semantische Entwicklung lässt sich je nach Region nachverfolgen. Für uns ist wichtig, dass die neue Bedeutung die Ostsee etwa zu Beginn des 14. Jahrhunderts erreichte5. Kann man aber annehmen, dass die alte Bedeutung plötzlich und überall gleichermaßen verschwand? Diese Deutung des deutschen Satzes würde der menschlichen Figur Dynamik verleihen.
Bekanntlich waren die Kalėdininkai gut organisierte Gruppen. Die Verteilung der Aufgaben wird auch in litauischen Weihnachtsliedern deutlich:
5 „Der im Ahd. zuerst nachzuweisende Bedeutungswandel setzt sich offenbar von Süden (alem., rheinfrk.) nach Norden durch, erreicht um 1300 die Küste und findet vom Nd. aus Eingang ins Nl., Fries. und in die nord. Sprachen“ (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen von Wolfgang Pfeifer. Prieiga internete: http://www.dwds.de/?qu=leiden).
24
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 15
Gehen wir, ihr Burschen, zum Kalėdojimas, kalėda, nach Weihnachten betteln, kalėda. Die, die gierig sind – Hunde hetzen, kalėda, die Frommen – Gebete sprechen, kalėda, die Frechen – um Brot bitten, kalėda.
(nr. 374, KL 365 – Dainynas XX 613)
„Die einen baten, die anderen trugen“, und unter den Bittstellern war ein erfahrener Kalėdininkas – ein Anführer, der die ganze Gruppe vertrat (vgl. bei den altgläubigen Litauern und Belarussen вожатый, ukrainisch береза́, атаман; belarussisch начинальник; serbisch домаћин, дедај, старешина; bulgarisch станеник, цар und so weiter). Er begann, leitete und sprach im Namen aller (was auch die Verwendung der 2. Person Plural koyte ir nykoyte beeinflusst haben könnte). Anhand seiner Person wurden die Kalėdininkai unterschieden; andernfalls hätte es passieren können, dass dieselbe Gruppe an einem Ort mehr als einmal Kalėdojimas machte.
Auch eine Anrede an Jesus wäre nicht überraschend, denn oft wurde im Namen Jesu und zu seinem Wohl um Almosen gebeten („Jėzulis will keine Milch …, gebt [ihm] einen Taler“, vgl. „Wenn Jėzulis will, tränkt [ihn], wenn nicht – gebt Geld“):
Dort wurde ein Söhnchen geboren, es schickt mich zu euch, damit ihr ihm Weihnachtsgaben gebt; ich werde sie ihm überbringen. Brot möchte es nicht nehmen, seine Mutter hat es satt gemacht; lieber sollt ihr einen Taler oder einen Dukaten schicken. Ich bitte euch freundlich, beschenkt mich, ich kann nicht hier stehen bleiben, ich muss noch nach Bethlehem, um das Kind zu wiegen.
„Dort wurde ein Söhnchen geboren, es schickt mich zu euch, damit ihr ihm Weihnachtsgaben gebt, und ich werde sie ihm überbringen. Brot möchte es nicht nehmen, seine Mutter hat es gefüttert; besser schickt ihr einen Taler oder einen Dukaten. Ich bitte euch freundlich, beschenkt mich; ich habe keine Zeit, hier zu stehen, ich muss noch nach Bethlehem, um das Kind zu wiegen.“
Kaleda-maleda! Gib einen Fladen, Nicht für mich Sünder – Für den König des Himmels …
(Корепова 2009: 48)
All dies lässt vermuten, dass die gezeichnete Figur eine Kalėdojimas-Situation darstellen könnte und der preußische Text als Worte verstanden werden kann, die der Anführer der Kalėdininkai oder der Geistliche, der zum Hausbesuch kommt (oder eine Person aus dem Kreis der priesterlichen Helfer), spricht. Die Verbindung von Bild und Text erinnert an einen modernen Comic, in dem die Worte einer Figur in einer Sprechblase stehen. Der Unterschied besteht darin, dass der Text auf Preußisch die verbale Äußerung der Figur wiedergibt, während die deutsche Inschrift einem anderen Zweck dient. Sie beschreibt die Situation. Die möglicherweise mit der Weihnachtszeit verbundenen Elemente des Baseler Kodex (63r) ähneln sehr den sogenannten Heiligen Drei Königen
Straipsniai / Articles
25
Page 16
Zettel (kolední lístky tříkrálové), mit denen die Sternsinger angesehene Hausherren beschenkten und für die sie eine einträglichere Gabe erhielten. Das Bild (in späterer Zeit natürlich gedruckt und vereinheitlicht6) wurde hier von einem handschriftlich verfassten Weihnachtsliedchen oder einem selbstgedichteten Weihnachtsvers begleitet. Die Verteilung von Dreikönigszetteln zu Weihnachten war in Böhmen noch im 18. Jahrhundert verbreitet (Zíbrt 2006: 62–63, 199; Zíbrt 1905: 199).
Somit kann der Vergleich des Basler Textchens mit Weihnachtsliedern unmittelbar auf mehreren Ebenen begründet werden. Zunächst bestehen stilistische und inhaltliche Übereinstimmungen. Wie in Beispielen für Gabenbitten zu Weihnachten lassen sich darin mehrere Bestandteile unterscheiden: eine Begrüßung (wenn auch nicht notwendigerweise)7, eine höfliche Anrede und eine durch den Imperativ ausgedrückte Aufforderung. Die erbetenen Dinge, d. h. ein Getränk oder Geld, die Anrede an den Hausherrn thewelyf und schließlich der Zeitpunkt des Heischens weisen auf einen Autor und Vortragenden aus dem Milieu des niederen Klerus hin – zumindest lässt sich dies mit Blick auf die böhmischen Verhältnisse des 14.–15. Jahrhunderts vermuten.
Nicht weniger wichtig ist der Kontext, in dem die prußische Inschrift im Manuskript selbst erscheint. Auf die Weihnachtszeit, genauer auf den Vorabend des Dreikönigsfestes, verweist unmittelbar das Kolophon, dem ein lateinischer Hexameter, eine menschliche Figur, eine deutsche Notiz sowie ein prußisches Textchen beigefügt sind. Daher können sowohl die Figur eines bettelnden Menschen als auch das Fähnchen und der prußische Text als untrennbare Bestandteile des Kolophons gedeutet werden. Dies würde den zuvor geäußerten Gedanken stützen, dass der Schreiber, der das Werk von Nicola Oresme abschrieb, ein Pruße war. Die Verbindung von Bild und Text erinnert gattungsmäßig an etwas, das der Trinkversdichtung (Trinksprüche) fernsteht: ein weihnachtliches Dreikönigsblatt (tříkrálové lístky).
Berücksichtigt man die möglichen Ursprünge des prußischen Textes, die zu Bräuchen des Hausbesuchs und zur Kalenderfolklore führen, lässt sich die Entstehung des prußischen Werkchens vermutlich erhellen. Wahrscheinlich entwickelte sich das hexameterähnliche Zweizeiler aus einem Vierzeiler, der wohl aus metrischen Gründen auf zweierlei Weise umgestaltet wurde: Ein fakultatives Anthoneaw wurde eingefügt und an rekyf, thewelyf wurde die Endung -e angefügt.
Die neu vorgeschlagene Deutung der Entstehungsumstände des prußischen Textes legt eine etwas andere linguistische Analyse nahe, insbesondere für den zweiten Teil des Werks, bei dem vor allem das formale Kriterium maßgeblich sein muss. Das traditionelle Textverständnis beruht auf dem Schema: Anrede – negative Charakterisierung des Adressaten – Begründung dieser Charakterisierung. Das heißt: „Sei gegrüßt, Hausherr, du bist nicht unser guter Onkel; wenn du trinken willst, aber kein Geld geben willst.“ Als Alternative wird vorgeschlagen: Begrüßung – höfliche Anrede (des Sternsingers an den Hausherrn) – durch den Infinitiv ausgedrückte Aufforderung-Bitte. Das heißt: „Guten Tag, Hausherr, lieber Vater; wenn du willst (Besucher, Jesulein) – schenkt ein, wenn nicht – gebt ein Geldstück“ oder „Sei gegrüßt, mein Herr, unser guter Vater; wenn du willst (Besucher, Jesulein) – schenkt ein, wenn nicht – gebt ein Geldstück.“
6 Einige davon veröffentlichte Zíbrt (1905).
7 Die Interjektion würde den Text um eine weitere Funktion bereichern, ist aber an sich nicht notwendig. Man kann auch bei dem traditionellen „Sei gegrüßt, mein Herr“ bleiben. In diesem Fall hätten wir zwei Anreden hintereinander, und das ist normal – in der Folklore gibt es zahlreiche Tautologien: „Sei gegrüßt, mein Herr, guter Vater...“
26
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 17
Die vorgeschlagene Lesart des Textes würde das prußische Werkchen in die ehrwürdige Reihe schriftlicher Denkmäler einordnen, die mit Gilgamešu beginnt und im eng verwandten Umfeld mit dem litauischen Chronographen von 1262 endet. Von der Sovijus-Sage würde es sich im Wesentlichen durch seine Sprache unterscheiden. Somit kann der älteste baltische Text zugleich auch das älteste in der Originalsprache aufgezeichnete Werk baltischer Folklore sein.
L I T E R A T U R
A r d o i n o D i e g o 2012a: On the current location of the Old Prussian Trace of Basel. – Baltistica 47(2), 349–358.
A r d o i n o D i e g o 2012b: La Traccia di Basilea nel suo contesto tedesco-latino: aspetti codicologico, paleografico e filologico. – Индоевропейское языкознание и классическая филология-XVI (чтения памяти И.М. Тронского), ред. Николай Н. Казанский. Санкт-Петербург: Наука, 19–33.
B a m m e s b e r g e r A l f r e d 1998: Anmerkungen zum Baseler Epigramm. – Baltistik: Aufgaben und Methoden. Heidelberg: C. Winter, 121–126.
Liederbuch XX – Lietuvių liaudies dainynas 20. Advento-Kalėdų dainos. Vilnius: Lietuvių literatūros ir tautosakos institutas, 2007.
D i n i P i e t r o U m b e r t o 2000a: Sul ‘Frammento di Basilea’ e altri inediti nel carteggio fra Chr. Stang e W. R. Schmalstieg. – Res Balticae 6, 195–209.
D i n i P i e t r o U. 2000b: Baltų kalbos. Lyginamoji istorija. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas.
E n d z e l ī n s J ā n i s 1982: Darbu izlase 4. Rīga: Zinātne.
Husitské písně 1952: Husitské písně. Praha: Československý spisovatel.
K o r t l a n d t F r e d e r i k 1998: Who is who in the Old Prussian Epigram. – Baltistik: Aufgaben und Methoden. Heidelberg: C. Winter, 127–128.
L e m e š k i n I l j a 2013: Die Glossen von Basel, Preußen und die Böhmen. – Baltistica 48(1), 103–117.
M c C l u s k e y S t e p h e n C., S c h m a l s t i e g W i l l i a m R., Z e p s V a l d i s J. 1975: The Basel epigram: A new minor text in Old Prussian. – General Linguistics 15, 159–165.
M a ž i u l i s V y t a u t a s 1975: Das älteste baltische Schriftdenkmal. – Baltistica 11(2), 125–131.
M a ž i u l i s V y t a u t a s 2004: Prūsų kalbos istorinė gramatika. Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla.
PEŽ I–IV – M a ž i u l i s V. Etymologisches Wörterbuch der preußischen Sprache 1–4. Vilnius: Mokslas, 1988–1997.
P u r k a r t J o s e f 1983: The Old Prussian Basel epigram: an interpretation. – General Linguistics 23, 29–36.
Straipsniai / Articles
27
Page 18
Schaken Jos 2006: Observations on the Old Prussian Basel epigram. – International Journal of Slavic Linguistics and Poetics 44–45, 331–342.
Schmid Wolfgang P. 1982: Jesus, ich leid. – Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Sonderheft 50. Innsbruck: Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, 205–208.
Slovenské koledy 1992: Slovenské koledy: Od Štedrého večera do Troch kráľov. Bratislava: Práca.
Zíbrt Čeněk 1889: Staročeské výroční obyčeje, pověry, slavnosti a zábavy prostonárodní pokud o nich vypravují písemné památky až po náš věk. Příspěvek ke kulturním dějinám českým. Praha: Nákladem J.R. Vilímka.
Zíbrt Čeněk 1905: Lístky, rozdávané při koledních obchůzkách Tříkrálových. – Český lid 14, 199–201.
Zíbrt Čeněk 1910: Hoj, ty Štědrý večere... (Od Vánoc koledou do Nového roku). Praha: Nakladatelství F. Šimáčka.
Zíbrt Čeněk 2006: Veselé chvíle v životě lidu českého. Praha: Vyšehrad.
Афанасьевский сборник 2005: Афанасьевский сборник. Материалы и исследования. Выпуск III. Календарные обряды и обрядовая поэзия Воронежской области. Воронеж: Издательство Воронежского государственного университета.
Голас... 1995: Голас з невъчэрпнай і жыватворнай крыніцы. Мінск: Навука і тэхніка.
Заленский Эдуард 1912: Что поет современная деревня Псковского уезда. Псков: Электрическая типо-литография губернского земства.
Календарно-обрядовая... 1981: Календарно-обрядовая поэзия сибиряков. Новосибирск: Наука.
Корепова Клара 2009: Русские календарные обряды и праздники Нижегородского Поволжья. Санкт-Петербург: Тропа Троянова.
Новиков Юрий 2002: Волочебный обряд у старообрядцев Литвы и Беларуси (тексты). – Slavistica Vilnensis (Kalbotyra 51(2)), 185–196.
Обрядовая поэзия. Москва: Современник, 1989.
Basler Vierzeiler / Zweizeiler: Beispiel einer Bitte um Geschenke
ZUSAMMENFASSUNG
Eine berühmte prußische Inschrift, die 1975 in einem der Codices der Öffentlichen und Universitätsbibliothek Basel gefunden wurde, gilt noch immer als der älteste baltische Text. Sie wird häufig im Zusammenhang mit dem Scherz eines Studenten gedeutet, der grammatikalisch nicht besonders gelungen ist. Eine herkömmliche
28
Acta Linguistica Lithuanica LXIX
Page 19
Auffassung muss jedoch überprüft werden; dazu geben eine andere Deutung des Textinhalts und weitere Kandidaten für die Urheberschaft des prußischen Zweizeilers Anlass.
Eine alternative Lesart setzt bei der Entstehungsgeschichte des Textes an. Auch die Frage der Urheberschaft wird kurz betrachtet: Hat ein Pruße den ganzen Satz selbst verfasst, oder verwendete er eine vorgefertigte Formulierung? Dies ermöglicht es, die mündliche, also folkloristische Schicht der Textmerkmale von der Autorenschicht der prußischen Inschrift zu unterscheiden. Durch das Entfernen von Einschüben wird versucht, die ursprüngliche Form zu rekonstruieren, nämlich den tatsächlich verwendeten gesungenen oder rezitierten Vierzeiler.
Der Verfasser untersucht ferner die Beziehung zwischen einem prußischen Textstück und einem lateinischen Kolophon, das den Zeitpunkt der Abschrift der Quelle festlegt, nämlich den Vorabend des Dreikönigsfestes. Die Jahreszeit und die damit verbundenen Lieder ermöglichen, ja nötigen uns, nach einer Verbindung zu Weihnachtsliedern zu suchen, die ausdrückliche Motive des Bittens um Gaben enthalten.
Die Analyse einzelner Wörter beginnt mit der Wendung Kayle rekyfe, die nicht als Anredegruß „Guten Tag, Herr“, sondern als Gruß „Guten Tag“ gedeutet wird, der in seiner Zusammensetzung beispielsweise an das litauische Skalsink dieve und das tschechische Pozdrav pánbůh erinnert. Der Imperativ würde den Gebrauch eines „additiven“ -e im Wort Kayle und des Lexems rekyfe „Gott“ erklären. Auch die Poetik der Weihnachtslieder spricht dafür, dass an dieser Stelle eine Interjektion steht, denn der Besuch eines Hauses war eng mit der ordnungsgemäßen Begrüßung des Gastgebers und der Gastgeberin verbunden.
Bei der Verfassung von Weihnachtsliedern konnte die Anrede an die angetroffenen Personen folgende Stellung einnehmen. Sie wird im preußischen Text durch eine Vokativform die Frau ausgedrückt. Ein ihr vorangehendes Wort labonache wird Schmid zufolge als „unsere Gute“ gedeutet. Epiteton constans „Wohltäter“, die Imperativform „bring Reichtum“, Subst. Vok. „Gastgeber“ werden ebenfalls so gedeutet, was die Tradition des Bittens ebenfalls stützen würde.
Es wird die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass das Wort thoneaw auf eine bestimmte Person namens (An)tonio verweist. Beispiele zeigen, dass die Verwendung von Personennamen in Weihnachtsliedern ein weit verbreitetes Phänomen ist; dies wiederum bekräftigt den fakultativen Charakter von thoneaw.
Die Deutung des Schlusses des prußischen Textes stützt sich auf ein formales Kriterium, das die Rekonstruktion eines für Weihnachtslieder typischen, im Imperativ formulierten Wechselverses erlaubt: „Wenn (der Sternsinger) es wünscht – gib ihm zu trinken, wenn nicht – bring ihm einen Pfennig.“ Eine Ähnlichkeit zeigt sich auf syntaktischer Ebene.
Während die von den Sternsingern erbetenen Dinge ihre soziale Zugehörigkeit erkennen lassen, rücken die tschechischen Bräuche des 14.th–15.th Jahrhunderts in den Mittelpunkt. Daraus wird geschlossen, dass eine derartige Formulierung eher für Geistliche niederen Ranges geeignet wäre.