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DALIA KISELIŪNAITĖ

Institut für Litauische Sprache

Forschungsschwerpunkte: vergleichende baltische Sprachwissenschaft, Geolinguistik, Ethnolinguistik.

DIE NIDA-KARTE NR. 30084 IM ARCHIV DES DEUTSCHEN SPRACHATLAS DER PHILIPPS-UNIVERSITÄT MARBURG: SPRACHANALYSE

Sprachanalyse des Nida-Fragebogens Nr. 30084 im Archiv des Sprachlichen Atlas von Deutschland an der Phillips University, Marburg

ZUSAMMENFASSUNG

Der Beitrag analysiert eines der wenigen schriftlichen Denkmäler der aussterbenden kurischen Sprache – die sogenannte Wenker-Karte Nr. 30084, die in die von Georg Wenker begründete Kartei des „Deutschen Sprachatlas“ (Deutscher Sprachatlas oder DSA) aufgenommen wurde. Das Manuskript dieser Karte selbst, die Umstände seiner Entstehung und sein Schriftsystem wurden bereits in einem gemeinsam mit Christiane Schiller veröffentlichten Beitrag der Autorin vorgestellt. Die einzige Karte zur kurischen Sprache in der Kartei wurde vom Nidaer Lehrer Otto Pohlmans auf Grundlage der Angaben des örtlichen Informanten, des Fischers Mikel Pleikis, erstellt. Der Beitrag analysiert die Sprache dieses Manuskripts auf verschiedenen Ebenen (Orthografie, Phonetik, Morphologie, Lexik und Syntax). Besonderes Augenmerk gilt der Authentizität der Sprache – der Frage, wie der aufgezeichnete Text die tatsächliche Situation der kurischen Sprache zu jener Zeit widerspiegelt und welche Befunde als Mängel der Dokumentationsmethode (Übersetzung) zu bewerten sind. Die festgestellten sprachlichen Merkmale werden mit dem Material der einige Jahre später veröffentlichten Studie Adalbert Bezzenbergers sowie der erst ein halbes Jahrhundert später publizierten Studie von Jūre Plakis verglichen. Da in jüngster Zeit in Deutschland ein Digitalisierungsprojekt des DSA (DiWA) durchgeführt wird, ist anzunehmen, dass eine eingehende linguistische Analyse jeder einzelnen Karte auch diesem Vorhaben dienen wird.

SCHLÜSSELWÖRTER: Georg Wenker, „Deutscher Sprachatlas“, Sprachdokumentation, aussterbende Sprache, kurische Sprache, Sprachkontakt, linguistische Textanalyse.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVII

Nidos kortelė Nr. 30084 Marburgo Pylpo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

Z U S A M M E N F A S S U N G

Der Artikel analysiert eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse der gefährdeten kuršininkischen Sprache: Karte Nr. 30084 aus Nida/Niden, die zusammen mit anderen vergleichbaren Karten aus den deutschen Regionen des 19. Jahrhunderts in die von Georg Wenker angelegte Kartensammlung des Deutschen Sprachatlas (DSA) aufgenommen wurde. Das Manuskript dieser Karte, die Umstände seiner Entstehung und das Orthographiesystem wurden von der Autorin und der Mitautorin Christiane Schiller bereits in einem 2015 veröffentlichten Artikel vorgestellt. Die einzige Karte in Wenker’s Projekt zur kuršininkischen Sprache wurde von Otto Pohlman, dem Lehrer in Nida, ausgefüllt. Sie stützte sich auf die Angaben des einheimischen Fischers Mickel Peleikis. Der Artikel analysiert die Sprache dieses Manuskripts auf verschiedenen Ebenen (Orthographie, Phonetik, Morphologie, Lexik und Syntax). Im Mittelpunkt steht die Authentizität der Sprache – die Frage, wie der geschriebene Text die tatsächliche Situation der kuršininkischen Sprache zu jener Zeit widerspiegelt und welche Aspekte als Schwächen der Dokumentationsmethode (Übersetzung) anzusehen sind. Die beobachteten sprachlichen Besonderheiten werden mit der einige Jahre später veröffentlichten Studie von Bezzenberger und einer weiteren, fünfzig Jahre später erschienenen Studie von Plakis verglichen. In Deutschland wurde vor Kurzem das Digitalisierungsprojekt des DSA (DiWA) umgesetzt. Daher wird davon ausgegangen, dass eine umfassende sprachwissenschaftliche Analyse jeder Karte ebenfalls ihrem Zweck dienen wird.

SCHLAGWÖRTER: Georg Wenker, Deutscher Sprachatlas, Sprachdokumentation, gefährdete Sprache, kuršininkische Sprache, Sprachkontakt, linguistische Textanalyse.

EINLEITUNG

Kūrinių kalbos1 rašytiniai paminklai nėra labai seni. Pavienių leksemų fiksavimai sietini su Mato Pretorijus, Polo Ruigio vardais (plačiau žr. Schiller, Kiseliūnaitė 2015: 444). Turimomis žiniomis, pirmuoju publikuotu kūrinių kalbos paminklu laikytinas nedidelis žodynėlis Peterio Simono Pallas kalbų atlase Linguarum totus orbis vocabularia comparativa (Pallas 1786: 89), kuris pristatytas Victoro Diedericho (Diederichs 1883: 44–46), Dainos Zemzarės (Zemzare 1961: 164–174), Vandos Kazakienės (Казакене 2013) ir Arinos Ivanicajos (Иваникая 2017) darbuose. Pastarame straipsnyje skelbiamas ankstyviausias žinomas kūrinių kalbos rašytinis paminklas – minėtojo P. S. Pallas’o žodyno rankraštinis registras, datuojamas apie 1773 m. Keletas kūrinių kalbos žodžių pateko į vadinamąjį Richterio žodyną (Schiller 2014).

1 In diesem Artikel wird davon ausgegangen, dass die Sprache der Bewohner der Kuršių nerija soziolinguistisch als Sprache zu bezeichnen ist; werden ihre Merkmale jedoch mit der lettischen Standardsprache oder ihren Dialekten verglichen, wird aus genealogischer Perspektive der Begriff Dialekt der Kuršių nerija. verwendet.

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DALIA KISELIŪNAITĖ

Die in diesem Artikel behandelte Quelle ist die sogenannte Wenker-Karte – die handschriftliche Karte Nr. 30084 im Archiv des von Georg Wenker angelegten „Deutschen Sprachatlas“ (Sprachatlas des Deutschen Reiches)2, datiert auf 1879, also einige Jahre vor der Studie von Adalbert Bezzenberger (Bezzenberger 1888). Diese enthält neben einzelnen Beispielen zur Veranschaulichung der Merkmale der kuršininkischen Sprache auch einige zusammenhängende Texte, die später von Jūris Plakis in lettischer Standardschreibung in seiner Studie Kursenieku valoda (Pl) veröffentlicht wurden.

Ein Faksimile des Textes auf Wenkers Nida-Karte, die Umstände seiner Entstehung und die orthographischen Besonderheiten wurden zusammen mit einer Abschrift bereits in einem Artikel der Autorin und Christiane Schiller vorgestellt (Schiller, Kiseliūnaitė 2015); die Sprache selbst wurde dort jedoch kaum analysiert. Hier wird eine Analyse der wichtigsten Merkmale der kuršininkischen Sprache vorgelegt, die auf der Nida-Karte der Kartothek des Wenker-Atlasses sichtbar sind. Ziel ist es, sowohl die alten, aus Kurland mitgebrachten als auch die im weiteren Entwicklungsverlauf entstandenen Merkmale der kuršininkischen Sprache zu bestimmen, Anzeichen und Tendenzen des Sprachkontakts aufzudecken und Besonderheiten herauszuarbeiten, die nur für diese Quelle charakteristisch sind und nicht unbedingt für alle Sprecher gelten. Im Anhang wird das Manuskript in nummerierten Sätzen transkribiert; in der zweiten Zeile steht dieselbe Abschrift in normierter kuršininkischer Sprache mit lettischer Orthographie3, in der dritten Zeile eine wörtliche Übersetzung ins Lettische4, mit einer redigierten Fassung in lettischer Standardsprache in den Fußnoten, und in der vierten Zeile eine Abschrift des deutschen Satzes, der zur Übersetzung vorgelegt wurde.

Die Analyse der Sprache der Quelle ist nach Sprachebenen gegliedert; angewandt werden textologische und vergleichende Methoden.

Auf der Wenker-Karte Nr. 30084 stehen die von Otto Pohlman, dem Lehrer in Nida,5 eigenhändig angefertigten Übersetzungen der sogenannten „40 Wenker-Sätze“ ins Kuršininkische, wobei deutsche und litauische Schriftzeichen verwendet wurden. Die Rückseite des zweiten Blattes ist mit Fragebogendaten ausgefüllt; in Zeile 1 ist in der Antwort auf die Frage „Geschah die Uebersetzung durch Schüler oder durch den Lehrer?“ der Teil „durch Schüler“ handschriftlich gestrichen und anschließend ergänzt worden: „mit Hilfe eines Eingeborenen (Mikel Pelēkis)“ (mit einem Gravis über dem e, der wahrscheinlich die Betonung anzeigt).

Wer dieser Mikels Pelēkis war und dem Lehrer geholfen hat, lässt sich heute schwer sagen. Die gestrichene Zeile zeigt, dass es entgegen Wenkers Empfehlungen wahrscheinlich nicht

2 Plačiau apie lietuvišką šios kartotekos medžiagą žr. Fleischer, Sommer 2012.

3 Diese Abschrift wurde von der Autorin nach den Regeln zur Rekonstruktion des Verhältnisses zwischen Orthographie und Phonetik erstellt, wobei die Sprache des Textes nicht korrigiert wurde; falls erforderlich (bei zweifelhafter phonetischer Realisierung), werden mögliche Varianten in Klammern und Anmerkungen in den Fußnoten angegeben.

4 Die Autorin dankt ihrer Kollegin Dr. Liene Markus-Narvila für ihre Hilfe bei der Redaktion des lettischen Teils der Abschrift.

5 Otto Pohlman stammte aus dem Kreis Prūsų Ylava und war von 1878 bis 1883 an der Schule in Nida tätig (Chronik 2013: 75, 137).

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVII

Nidos kortelė Nr. 30084 Marburgo Pilypo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

… mok… In der genealogischen Datenbank6 sind mehrere Personen als Michel Peleis verzeichnet, die während des Ausfüllzeitraums des Fragebogens in Nida lebten oder dort Kinder bekamen; am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass der Lehrer die Hilfe von M. Peleikis in Anspruch nahm, der ihm eine Unterkunft vermietete7.

Die Sprache der Nidaer Sprachproben, die in der Übersetzung der Wenker-Sätze aufgezeichnet wurde, spiegelt die Sprachmerkmale jener Zeit wider. Sowohl hinsichtlich ihrer phonetischen als auch ihrer morphologischen und größtenteils ihrer lexikalischen Merkmale ist die Sprache der Nidaer Sprachproben als ein Dialekt der kurländischen lettischen Mundarten anzusehen, der sich auf der Kurischen Nehrung vor dem 17. Jahrhundert herausgebildet hat8; es ist jedoch zu betonen, dass es sich nicht um die Fortsetzung einer einzelnen lettischen Mundart handelt, sondern um das Ergebnis des Zusammenwirkens verschiedener Dialekte unter starkem Einfluss des Litauischen und Deutschen.

ORTHOGRAPHISCHE BESONDERHEITEN

In den Sätzen des Nidaer Fragebogens werden deutsche Schriftzeichen verwendet9, mit denen der Verfasser die Besonderheiten der baltischen Phonetik wiederzugeben versucht; dies gelingt ihm jedoch nicht konsequent.

Vokalismus. Häufig wird die Kürze eines Vokals durch Konsonantengemination wiedergegeben: e, a + dd (is ledus »ins Eis, Eis«; prada snkti »es beginnt zu schneien«; pradim »Regen«10), i + tt (kritīs »gefallen«), a + nn (par mani »für mich«), i + bb (gribb 3. Person »wollen«), a + mm (namms »Häuser«), u + rr (eβ turu dikti saukti »ich muss laut

6 http://www.online-ofb.de/namelist.php?nachname=PELEIS&ofb=memeland&modus=lang=de.

7 Der Nachname Pelekis ist auf der Kurischen Nehrung sehr verbreitet; genealogische Portale geben jedoch nicht für alle Personen Geburts- oder Bestattungsort an. Nach möglichen Informanten sollte man daher nur unter denjenigen suchen, die damals in Nida lebten, auch wenn sie aus einem anderen Ort stammen konnten. Es ist schwer zu sagen, was der Lehrer mit »einheimisch« meinte. In der Chronik der Schule von Nida wird 1887 unter den Mitgliedern des Kirchenrats von Nida Michel Peleis aus Preila erwähnt (Chronik 2012: 142). Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass der Lehrer auf seine nähere Bekanntschaft mit M. Peleis zurückgriff, der ihm seit 1878 in seinem Haus eine Unterkunft vermietete (ebd., 137). Vermutlich wird derselbe Michel Peleikis auch später in historischen Quellen als Vermieter von Räumlichkeiten für die Schule genannt (ebd., 149).

8 Zwar gibt es Hinweise darauf, dass die ersten Zuwanderer aus Kurland die Nehrung bereits im 15. Jahrhundert erreichten, doch sind in historischen Quellen für das erste Jahrhundert noch keine ihrer Personennamen belegt, und es ist schwer zu sagen, ob gerade diese Siedler den Grundstein für die später entstandene und gefestigte Sprache legten. Eine stärkere Migration aus Kurland erreichte die Nehrung im 16. Jahrhundert und nahm seit dem 17. Jahrhundert besonders zu (ausführlicher siehe Elertas 2014).

9 Als Einfluss der litauischen Rechtschreibung kann die nicht ganz konsequente Kennzeichnung der Palatalisierung von Konsonanten mit dem Buchstaben i gelten; der Buchstabe ž kennzeichnet konsequent den im Deutschen fehlenden Laut ž; ā und ū mit diakritischen Zeichen kommen vor, doch offenbar nur im Wort bedšan »Affe« (dt. Affe), dessen Diakritikum sich zuverlässig als Längenzeichen deuten lässt.

10 Zur Bedeutung siehe »Lexikalische Besonderheiten«.

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DALIA KISELIŪNAITĖ

(„rufen“) usw. Manchmal weist eine solche Kennzeichnung der Vokalkürze auf regelmäßige phonetische Merkmale des Dialekts hin, etwa auf die Kürze der Vokale in den Verbalpräfixen gaidėti (lett. Schriftspr. gaidīt „warten“), daretė (lett. Schriftspr. darīt „machen“), nedarės (lett. Schriftspr. nedarīs „wird nicht machen“) oder auf Besonderheiten der Wortbildung durch Präfixe, z. B.: ar abelenis „mit Äpfeln“, awenu (Gen. Pl. Dem. von dial. ave, lett. Schriftspr. aita „Schaf“).

Pasaiko auch nicht gekennzeichnete Länge (genauer: Kürze): radusci (lett. Schriftspr. radusi „gefunden habend“), oder doppelt aufgezeichnete Formen: es neparmanu jummies „ich verstehe euch nicht“, aber wintsch numis11 neparmane „er versteht uns nicht“. Es gibt auch zweifelhafte Fälle: So wurde beispielsweise tadus, taddi zweimal aufgezeichnet (tadus nieks „solchen Unsinn“; mūbu kalni nau taddi diži „unsere Berge sind nicht so groß“); vgl. lett. Schriftspr. tāds „solch“.

Die Länge des Vokals ī im Wort wiers = vīrs „Mann“ ist einmal mit ie wiedergegeben; ansonsten variiert die Schreibung von ī: czijsi = čsti „sauber“, ziti = dzīti „vertreiben, antreiben“.

Die Länge anderer betonter Vokale wird selten wiedergegeben. udnigi = ūdnā „des Wassers“, jubu = jūsū „euer“, buri = būri „Bauern“, kajas = kājas „Beine“; einmal wird das diakritische Zeichen bedschan = bēdzane „Affe“ verwendet (vgl. bedzāne „Schaflaus“ (Plāķis 1927: 50) und bēdzāns m. (Pietsch 1991: 36)); außerdem der Akk. Sg. būdel-ki12 „eine Flasche“.

Unbetonte lange Vokale des Lettischen werden, wie zu erwarten, in diesem Dokument nicht wiedergegeben, da sie in der Sprache der Werke gewöhnlich zu kurzen, in bestimmten Fällen zu halblangen Vokalen gekürzt und seltener als lange Vokale bewahrt werden, beispielsweise in Präfixwurzeln iega „ging“, in Lokativendungen (mežā „im Wald“), in Adverbien lokativischen Ursprungs (pakalā „hinten“) und in Pronomenformen bestimmter Kasus (tā „jene“).

Der betonte Diphthong ie wird meist als iā geschrieben: iābrits = iebrītis „hineingefallen“; so werden auch betontes ē und ę wiedergegeben: ēd = ēd „isst“, valgo, biāz = sēž „sitzt“, miās iām = mēs iesam „wir gehen“, es kommt aber auch eine andere Schreibweise vor: pi tas sewos = pie tās sievas „zu jener Frau / bei jener Frau“. Pasaiko finden sich sogar innerhalb eines Satzes zwei unterschiedliche Schreibungen an derselben Stelle: kur tu ietī wa meb ar tevi ēbam? (kur tu iej, va mes ar tevi iesam? „Wohin gehst du, gehen wir mit dir?“). Zur möglichen Monophthongierung des unbetonten ie siehe den Abschnitt „Phonetische Merkmale des Dialekts“.

Der Diphthong uo wird in betonter Position häufiger als oa wiedergegeben: doadao = duodau, lett. Schriftspr. dodā „ich gebe“, koaki = kuoki, lett. Schriftspr. koki „Bäume“, gowes Akk. Pl. guoves, lett. Schriftspr. govis „Kühe“, soasis koasch (zuoses kuož, lett. Schriftspr. zosis kož „Gänse beißen“), bisweilen als uo: uoglis, lett. Schriftspr. ogles „Kohle“, oder als o: kiozi = kuoci „Körbe“.

11 Druckfehler, richtig muss es heißen: munis.

12 Aus dem Rätsel zu schließen, ist dies wahrscheinlich die im Manuskript verwendete Kennzeichnung für ū.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVIII

Nidos kortelė Nr. 30084 Marburgo Pylpo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

Konsonantismus. Frikative und Affrikaten: Das lettische c wird meist als tʒ wiedergegeben (wetzaich = vecais, lett. Schriftspr. vecais ‘der Alte’); gelegentlich erscheint ts (līts = lec ‘fliegt’) und einmal dz (dzīma = ciema ‘des Hofes’); dz wird häufiger als ds wiedergegeben (idser i = iz-deri ‘hineinsäen’, pabādis = pazadis ‘gestohlen habend’, kādads = kā daudz ‘wie viel’), doch ziti = dziti ‘antreiben, treiben’; z – s (ar sirgu = zirgu ‘mit einem Pferd’), š – sch (sadegschi = sadeguši ‘verbrannt’), doch kommen auch andere Wiedergaben vor, z. B.: wirchus = veršus (lett. Schriftspr. vērsus), č – cz (czijsti = cīsti, lett. Schriftspr. tīri ‘sauber’), ž – das ž der litauischen Schrift (bjāž = sēž 3. Pers. Präs. ‘sitzt’, laužī = laužī, lett. Schriftspr. lauzīs ‘Menschen’), doch kommt auch sch vor (koasch = kuož ‘beißt’). Der Buchstabe β bezeichnet s: isch krābnis (= iš krānes, lett. Schriftspr. krāni ‘in den Ofen, im Ofen’), βaubas lapas (= trockenes Blatt ‘trockene Blätter im Januar’), es eβu (= esu, lett. Schriftspr. esmu, ‘ich bin’), jedoch nicht konsequent – vgl. is gaisa (= iz gaisa, lett. Schriftspr. gaisā ‘in der Luft’) und gaβas (gais, lett. Schriftspr. gais und laiks ‘Wetter’). Gelegentlich wird auch z so wiedergegeben: pabādis (pazadis ‘gestohlen habend’), uβ¹⁵ to lauk (uz tuo lauk ‘auf jenes Feld’); dies sind jedoch seltene Fälle.

Historische Konsonantenverbindungen mit j: Die Verbindung *nj wird eher als ng wiedergegeben: is ta undi = iz tā ūnda ‘ins Wasser’, winga = vina ‘hinein’; die übrigen lettischen palatalisierten Konsonanten werden wie im heutigen Litauischen wiedergegeben, wobei die Palatalisierung durch den Buchstaben i markiert wird: nedęlo = nedu (Plāks 1927: 69), lett. Schriftspr. nedēļu ‘Wochen’, plauti = plauti, lett. Schriftspr. pļaut ‘mähen’, gallu = gaļu ‘Fleisch’, kiucchis = ķaušis, lett. Schriftspr. ola, ‘Ei’, kiozi = kūci, lett. koci, groz ‘Korb’. Im Wort wurschzu (= Gen. Pl. vuršķu, Nom. vuršķis ‘Kiste’) wird das lettische k am Wortstammende wahrscheinlich ausgesprochen und klingt dabei wie c. Bei der Palatalisierung von l < ļ gibt es keine vollständige Konsequenz: zum Beispiel tiā lauzi = tie laužī ‘jene Menschen’; im nächsten Satz gibt es drei Positionen, in denen palatalisiertes ļ zu erwarten ist, doch gerade im Wort ļauzi ist die Palatalisierung nicht gekennzeichnet: Es eβu ar tes ļauzis tiā pakalla par plaβam ib gradu i žjāβ. ‘Ich bin mit jenen Menschen dort (?) hinterher über die Wiesen in den Roggen hineingefahren’. Die Palatalisierung der Konsonanten ist eine der interessanteren Fragen zur Entwicklung der Kūrininkai-Sprache; Näheres dazu siehe im Kapitel „Phonetische Dialektmerkmale“.

Der Konsonant j wird gewöhnlich als j geschrieben (jau, kajas = kājas ‘Beine’), doch zwischen Vokalen kommt auch g vor: satsegu = saciju, lett. Schriftspr. saciju ‘ich sage’, pagings = pakajings ‘ruhig, höflich’, mazis = mācijs, lett. Schriftspr. mācījis ‘wird gelernt haben’.

Fälle der Assimilation werden meist phonetisch geschrieben: snikłi = snigti, aukti = augti, laps = labs, jodsch = juo dž usw. Es kommen jedoch auch Fälle morphologischer Schreibung vor, zum Beispiel tads = tāds ‘solch’, sowie Fehler: pudneni = den. putneni (lett. Schriftspr. putni ‘Vögel’).

13 Siehe „Lexikalische Merkmale“.

14 Dieser Fall könnte ein phonetisches Merkmal widerspiegeln, vgl. fiedat ‘singt’, firdi 2. Pers. Präs. ‘hört’ (Bezenberger 1888: 37).

15 Wahrscheinlich sollte dies als phonische Kennzeichnung gelten, siehe unten.

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DALIA KISELIŪNAITĖ

Präpositionen werden manchmal zusammengeschrieben: ista = is tā (lett. iz tā), kaduds = kā daudz ‘wie viel (viel)’, nußirds = nu(o) sirds, lett. Schriftspr. no sirds ‘von Herzen’, jodsch = juo dižs, lett. Schriftspr. lielāks ‘größer’.

PHONETISCHE MERKMALSBESONDERHEITEN

Auf der kurischen Sprachkarte aus Wenkers Atlas, die mit für baltische Sprachen ungeeigneten deutschen Schriftzeichen ausgefüllt wurde, erkennen wir die Bemühungen eines fremdsprachigen Lehrers, den Lautbestand des gehörten Textes wiederzugeben; dies ermöglicht es, einige (sicherlich nicht alle) sprachlichen Merkmale der Kuren jener Zeit zu erkennen. Ein Teil davon ist aus den Dialekten Kurlands ererbt, doch finden sich hier Elemente verschiedener Subdialekte, weshalb die Kapitelüberschrift nur bedingt zutrifft und auf das Kurische als Geolet des Lettischen anzuwenden ist.

Endungsreduktion. Das heutige Kurische ist durch eine weit fortgeschrittene Endungsreduktion gekennzeichnet. Das Material dieser Quelle zeigt jedoch, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meisten Endungen noch relativ gut unterschieden wurden, obwohl die langen vermutlich schon lange zuvor verkürzt worden waren. In vielen Fällen lässt die Schreibung der Endungen die Kasusformen noch unterscheiden:

Kas tur mane kozi ar galiu pabdis? = kas tur mana koči ar galu pazdis?, lett. sinngemäß: kas tur (ir) man koči (grozu) ar galu pazdis?; ‚wer hat meinen Fleischkorb gestohlen, d. h. wer […] hat gestohlen‘; wing16 tur tas dranas par sawa mati gatawas schti = vina tur tas dranas par sava mati gatavas šūti, lett. sinngemäß: vina tur tās drānas priekš savas mates gatavas šūt (vina ir jaužus) ‚sie hält jene Kleider bereit, um sie für ihre Mutter zu nähen (sie hat sie bereits genäht)‘; ar to wendamo = lepli (ar tuo vendamo lepi), lett. ar to vārāmo karoti ‚mit dem Kochlöffel‘ usw.

Die unterschiedliche Schreibung derselben Endung zeigt, dass die Vokale infolge der Reduktion nicht immer klar unterschieden werden: ac. sg. mane kozi (= mana koči), vgl. lett. Schriftspr. manu grozu; ac. tewe / tewi (= tevi), prt. act. nom. pl. ebam pawargusch (= pavarguši) / (ir) sadagusch, voc. sg. be(ž)dzān (be(ž)dzāne) / mišaisch waikili (= mielai vaikeli). Solche Fälle sind jedoch vergleichsweise selten. Die vorkommenden Varianten der Endungsschreibung hängen auch mit anderen phonetischen Veränderungen zusammen (Vokalöffnung); bisweilen handelt es sich um Grammatikfehler: kad tu wing but pasnis (= kad tu winu būt(u) paznis) ‚wenn du ihn/sie gekannt hättest‘.

Die Endungsreduktion im Kurischen wurde auch von A. Bezzenberger festgestellt, der berichtet, anstelle der unbetonten a und u ein reduziertes e gehört zu haben; davor werden die Konsonanten jedoch nicht palatalisiert: galdē ‚des Tisches‘, mane meit (mana meita) usw. (Bezzenberger 1888: 24–25). Auch J. Plakis spricht von verkürzten Endungen.

16 Die Endung ist wahrscheinlich ein Fehler.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVII

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(Plāks 1927: 17). Im Kurischen entfällt das auslautende a nicht, wenn dadurch Konsonantenverbindungen wie s+s, z+s, sn+s usw. entstünden. Auf der Karte findet sich als Beispiel gaibas, lett. Schriftspr. gaiss ‚Luft‘; vgl. svēss, lett. Schriftspr. svess ‚fremd‘, tiesnas, lett. Schriftspr. taisns ‚gerade‘ usw. (Plāks 1927: 83, 86).

Schriftliche kurische Texte aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen, dass die Endungsreduktion sehr ausgeprägt ist und eine Nivellierung der Kasusformen bewirkt: Kad tie zvejes par labes savumes jua duag āspelni, tap piges cēpe [...] (Pietsch 1983: 116 (= kad tie zveji par labis savumis juo daug āspelņa, tapa pīragi cēpi), lett. kad tie zveji par labiem savumiem (lomi) vairāk nopelna, tika pīragi cepi ‚wenn die Fischer mit guten Fängen viel (dazu)verdienten, wurden Kuchen gebacken‘. Näheres zur Nivellierung der Endungen und zum Zerfall des Deklinationssystems im Kurischen des 20. Jahrhunderts siehe Ivanauskas, Kisiliūnaitė 2015.

Kürzung unbetonter Vokale. Die Kürzung unbetonter Vokale in nicht-endungsbezogenen Formen wurde von allen Forschern des Kurischen festgestellt (Plāks 1927: 17; Bezenberger 1888: 24–26); auf Wenkers Karte wird dieses Merkmal jedoch nur durch Fälle veranschaulicht, die sich in der Schreibung niederschlagen, nämlich durch Konsonantengeminaten. Besonders deutlich wird die Kürzung der Vokale in Verbalsuffixen: darete (= dareti, lett. Schriftspr. darīt ‚machen‘), gaideti (= gaideti / gaidīt lett. Schriftspr. gaidīt ‚warten‘).

Vokalöffnung. Im Kurischen werden die kurzen Vokale i und u in unbetonter Position geöffnet, doch wird dies auf der Karte uneinheitlich wiedergegeben: darete (= daryti, lett. Schriftspr. darīt ‚machen‘), wīno (= vienu ‚einen‘), nedares (= nedaris, lett. Schriftspr. nedarīs ‚wird nicht machen‘), priekš schiescho niedelo niers (= priekš šešu nedēļu nirš, lett. Schriftspr. pirms sešām nedēļām miris ‚vor sechs Wochen gestorben‘, āmeguš (= iemiguši ‚eingeschlafen‘), ei und stawe (= ej un stāvi ‚geh und steh‘), pulātis¹⁷ (= palicis ‚zurückgelassen‘; wiņa [...] pasi (= viņi pasi), jumies = jumes < jumis ‚ihr‘, aber snkti ‚schneien‘, eβ turu dikti saukti (= es turu dikti saukti, lett. Schriftspr. man ir dikti jāsauc) ‚ich muss laut rufen‘ usw. In anderen schriftlichen kurischen Quellen tritt dieses Merkmal (abgesehen von Endungen, in denen e die Endungsreduktion anzeigen kann) nur in bestimmten Fällen auf, zum Beispiel in den Formen des Partikels si / se und im Verbalsuffix -inat (lett. Schriftspr. -ināt): ziema saserinkas (= ziemā sasirinas, lett. Schriftspr. ziemā salasījās ‚im Winter versammelten sie sich‘); iemācēne (= iemācī-nati, lett. Schriftspr. iemācīt ‚beibringen‘) (Pietsch 1983: 82). Bemerkenswert ist, dass die Kurisch-Forschung diesem Merkmal bislang wenig Beachtung geschenkt und es – mit Ausnahme von Christliebe El Moghabel (Moghabel 1993: 66, 68) – keiner gesonderten Analyse unterzogen hat¹⁸.

Vokalverengung. Ein weiteres auffälliges Merkmal wurde bei nahezu allen festgestellt: Das geschlossene e verengt sich in unbetonter Position, insbesondere nach Sonoranten, zu i (Bezenberger 1888: 33,

17 Nachtrag zum Manuskript.

18 In J. Plāks’ Studie wird der Übergang der Suffixe -īt und -ināt zu -ēt und -enāt im Grammatikabschnitt erwähnt (Plāks 1927: 33).

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DALIA KISELIŪNAITĖ

34; Plāķis 1927: 16; Endzelīns 1931: 574). Auf Wenkers Karte werden solche Fälle häufig mit dem Buchstaben i notiert: ak. sg. uglis = uogles, iš krãnis = iš krãnes, la. b. k. krãsni, ta ugnī (= tā ugne); möglicherweise ging wegen dieser Eigenschaft die Endung *-el(ia)s / -ele in -ils über: mergìls, vaikìls, stiklìs, vgl. auch sīgīles < lett. Ziegel, mentìlis < lett. Mantel (Bezenberger 1888: 33–34).

Diphthongierung. Im Kursenieker Dialekt ist sie nicht regelmäßig und tritt unter dem Einfluss litauischer Dialekte häufiger in geläufigen Wörtern auf: vielu, la. b. k. vēlu ‘spät’; viel ‘wieder’ usw. (Plāķis 1927: 16). Auf Wenkers Karte ist diese Erscheinung nur im Wort tie belegt, lett. te ‘dort’ (Plāķis, ebenda), aber wel = vēl ‘wieder’.

Reflexe der Diphthonge. Monophthongierung. Es wurden nur einige Fälle mit unbetontem ie gefunden, die als i (schadin = šuodin ‘heute’, ti < tie ‘dort’) und e (ar tes laũzis = ar ties laužis, vgl. la. b. k. ar tiem laudim, wo das Pronomen tie im Instrumental ties steht (Plāķis 1927: 27), siehe „Morphologische Merkmale“). Dies reicht jedoch nicht aus, um festzustellen, ob diese Monophthongierung regelmäßig war. Im später dokumentierten Dialekt tritt die Monophthongierung des unbetonten ie recht häufig auf (Mogharbel 1993: 8519). Wie in anderen lettischen Dialekten werden proklitische Präpositionen auf natürliche Weise monophthongiert: nubīdis = nu sirds, la. b. k. no sirds ‘aus dem Herzen’.

Ein weiterer im Dialekt beobachtbarer Fall von Monophthongierung ist die Annäherung von ei an ein enges e 20, das heutzutage manchmal mit dem litauischen Buchstaben ė wiedergegeben wird: grēt < greit < schnell, mēte < meita ‘Mädchen’, vēds < veids ‘Gesicht’, rēz < reiz ‘einmal’ usw. (Pietsch 1991: 126, 142, 261; Mogharbel 1991: 72), doch auf Wenkers Karte ist diese Erscheinung nicht zu erkennen: grait ‘schnell’.

Die für den Dialekt von Ausgute in Kurland typische Verbindung uv findet sich im Wort dui (la. b. k. divi) ‘zwei’, doch in dieser Quelle fehlen so anschauliche Wörter wie ‘Fische’ und ‘Boden’; vgl.: zuve (la. b. k. zivs ‘Fisch’), dubens (la. b. k. dibens ‘Boden’), suvens (la. b. k. sivēns ‘Schwein’) (Plāķis 1927: 16; Ābele 1927: 119).

Palatalisierung der Konsonanten. Forscher der kurseniekschen Sprache betonen, dass die Palatalisierung des Konsonanten l unregelmäßig ist – in den Wörtern laužī und pak ju wurde häufig auch ein nicht palatalisiertes l ausgesprochen (Bezenberger 1888: 38; Plāķis 1927: 17); folglich ist die von uns festgestellte „Schreibkonsistenz“ von ar tes laužis auf Wenkers Karte wahrscheinlich kein Fehler. Bereits Endzelīns bemerkte dies in der Zwischenkriegszeit (Endzelīns 1931: 574), und die Autorin kann nach der Untersuchung der heutigen Sprache der Informanten bestätigen, dass in der späten Sprachperiode der Gegensatz zwischen l und l in allen Positionen zu einem alveolaren Laut neutralisiert wird (höchstwahrscheinlich unter deutschem Spracheinfluss); in Fällen wie valoda, lēt und laužī ist die Palatalisierung nach dem Gehör schwer zu unterscheiden. Das Material von Wenkers Karte lässt erkennen, dass die Palatalisierung des Konsonanten l im 19. Jahrhundert vor historischem i dennoch

19 Die Präposition pi < pie sollte nicht mit regelmäßiger Monophthongierung in Verbindung gebracht werden, da diese Form in vielen lettischen Dialekten vorkommt, in denen keine regelmäßige Monophthongierung auftritt (Endzelīns 1951: 679).

20 Ši ypatybė būdinga Ventspilio apylinkių tarmėms (Šmite 1928: 116).

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ausgeprägt war, auch wenn man sich bemühte, sie zu markieren. Dennoch geben manche Schreibweisen Anlass zu verschiedenen Überlegungen, etwa ob in der Wortverbindung able koki ‘Apfelbaum’ ein palatalisiertes l gemeint ist oder eine artikulatorisch reduzierte Endung, die vermutlich ihre Funktion einbüßt, weil die beiden Wörter nach deutschem Wortbildungsmuster zu einem verschmelzen. Verfolgt man jedoch die Entwicklung von l vor Vokalen und der Verbindung l von den ersten schriftlichen Quellen bis in die Gegenwart, könnte man auf eine fortschreitende Neutralisierung dieser Phoneme unter deutschem Spracheinfluss schließen21.

Nors J. Plakis rašo tik apie veiksmažodžių kamiengalį (Plākis 1927: 32), tačiau ir vardžodžiai, kurių kamienas baigiasi istoriniais bi, pi, rods, jau XIX a. nebuvo jų išsaugoję – kortelėje tai liudija žepu = ziepu, la. b. k. ziepu ‘muilo’.

Hier ist auch eine weitere Besonderheit zu beachten: Auf Wenkers Karten tritt j als Weichheitszeichen auch in anderen Positionen auf (priækš [...] schiešo niedelo mieres (prieš [...] šešu nedėlu miris); jumies = jumes < jumis ‘euch’, tos kiauschis ‘Eier’). Diese Schreibweise könnte darauf hindeuten, dass Konsonanten auch vor vorderen Vokalen palatalisiert werden, also eine „litauische“ Palatalisierung stattfindet. Diese Erscheinung entwickelte sich vermutlich ebenfalls je nach dem Kontakt der Sprecher mit der litauischen Sprache (insbesondere, wenn die Mütter Litauerinnen waren).

Einfluss palatalisierter Konsonanten, j und historischem j auf den nachfolgenden Vokalismus: Die Vokale a und o am Wortende werden auf der Karte nach j, l, n als e, manchmal sogar als i notiert. Wahrscheinlich spiegelt dies die Aussprache wider: ista auksta udina (iz tā aukstā ūdena), lett. iz tā auksta ūdena / tajā aukstā ūdenī ‘in jenes kalte Wasser’, darė = darja, la. b. k. darja ‘machte’, bij = bija ‘war’, pargjem = pargjam, la. b. k. pargjam ‘wir gingen hinüber’, vgl. lit. žem. turje (turėjo), peile (peilio).

Die Endungen der bestimmenden Formen im Nom. Sg. lauten regelmäßig -aiš: mielaisch = mielais, la. b. k. mīlais ‘der Liebe’, brunaisch = brūnais, la. b. k. brūnais ‘der Braune’, tas labaisch wetwaisch wers = tas labais, vecais vīrs, la. b. k. tas labais, vecais vīrs ‘der gute, alte Mann’. Diese dialektale Besonderheit ist bis heute erhalten geblieben; J. Plakis führt sie auf den Einfluss von j in der folgenden Silbe zurück (vējš, zvejš); in der Sprache der Kursenieker zeigt sie sich auch in den Tonakzenten –āj > -aiš, -ēj > -īš (plavš ‘Pfau’ usw.) (Plākis 1927: 17).

Vokaleinschub. Im Dialekt von Nida werden Vokale in TR- und SR-Position vor einer wortfinalen Nullvokalposition eingeschoben; hat die folgende Silbe jedoch einen Vokal, erfolgt kein Einschub (Nom. tīkls ‘Netz’, aber Gen. tīkla) (ausführlicher dazu Kiseliūnaitė 2005). Auf Wenkers Karte ist diese Besonderheit im Wort agirs = agrs, jo āgrirs (= juo agri, la. b. k. agrāk ‘früher’) belegt. Eine weitere Art des Vokaleinschubs – die Anaptyxe (Einschub eines Vokals nach Diphthongen) – ist eine Erscheinung, die A. Bezenberger ausführlich beschreibt

21 Ch. El Mogharbel (1993: 32) schreibt, dass die Palatalisierung des Konsonanten l je nach Alter der Informanten variiert.

22 Das Diakritikum über a ist wahrscheinlich ein Fehler.

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(Bezenberger 188: 28–29), belegt im Wort pi smertšes = pi smerčes23 < lit. sl. smerties / smerčio ‚des Todes‘. Auf das Schwinden der Anaptyxe nach einem halben Jahrhundert weist]. Plakis hin (Plāķis 1927: 15, 23).

Konsonantenschwund. Die Konsonanten v, n werden nach tautosyllabischen Konsonanten ausgelassen. Diese in der kurischen Sprache regelmäßig auftretende Besonderheit ist auch für fast den gesamten mittleren lettischen Dialekt charakteristisch; im untersuchten Text fand sich jedoch nur ein Beispiel: mels (lett. Schriftspr. melns) ‚schwarz‘; vgl. in anderen Quellen: vēls, lett. Schriftspr. velns ‚Teufel‘ (Pietsch 1991: 291), cilēks, lett. Schriftspr. cilvēks ‚Mensch‘, ciris, lett. Schriftspr. cirvis ‚Axt‘, gala, lett. Schriftspr. galva ‚Kopf‘, tēs lett. Schriftspr. tēvs ‚Vater‘ usw. (Bezenberger 1888: 39; Plāķis 1927: 17).

MORPHOLOGISCHE MERKMALE

Die Sätze auf Wenkerio Karte sind grammatisch nicht einwandfrei, doch spiegeln sie einige morphologische Merkmale des Kurischen wider, die in anderen Untersuchungen beschrieben wurden.

Nomina. Erhalten geblieben sind die alten Formen des Instrumental Plural Maskulinum der Nomina mit o-Stamm: ar sarkanis abolenis, lett. Schriftspr. ar sarkaniem āboliem ‚mit roten Äpfeln‘, ar tes (= ties) laužis, lett. Schriftspr. ar tiem ļaudīm ‚mit diesen Leuten‘. Solche Formen werden auch im 20. Jahrhundert regelmäßig verwendet (Plāķis 1927: 21–23; Mohrbel 1993: 127), in den heutigen Dialekten Südwestkurlands werden sie jedoch häufiger durch Formen der Standardsprache ersetzt (Ozola 2007: 383).

Im Kurischen sind Substantive mit i-Stamm in den ē-Stamm übergegangen. Auf der Karte finden sich folgende Beispiele: isch krabnis = iš krānes, lett. Schriftspr. Gen. krāsns ‚aus dem Ofen‘; ta ugni = tā ugne, lett. Schriftspr. tā uguns ‚das Feuer‘; bi bales = be sāles, lett. Schriftspr. bez sāls ‚ohne Salz‘; nufridis = nu(o) sirdes, lett. Schriftspr. no sirds ‚aus dem Herzen‘; tur [...] dewines govas = tur devinas guves, lett. Schriftspr. Akk. Pl. devinas guovis ‚hat neun Kühe‘. In manchen Fällen lässt sich dies anhand dieser Regel nur schwer feststellen, da unbetontes e und i häufig verwechselt werden (tas piktas soais = tās piktas zuos, lett. Schriftspr. tās piktas zos ‚die bösen Gänse‘); aus anderen Quellen derselben Zeit liegen jedoch hinreichende Belege vor, vgl. ause, aze, awe, smilte, suwe u. a. (Bezenberger 1888: 65).

Im Lokativ (Inessiv und Illativ, vgl. lett. Schriftspr. mežā dzīvot und mežā braukt) werden präpositionale Konstruktionen mit is / iš + Genitiv verwendet: is gais (lett. Schriftspr. gais) ‚in der Luft‘, is ledus (lett. Schriftspr. ledū ‚ins Eis, auf dem Eis‘), iβ graudu (lett. Schriftspr. graudos ‚Molke‘, ‚in die Molke‘), isch krānis (lett. Schriftspr. krāsnī ‚in den Ofen‘), i mušu dārž buduati (lett. Schriftspr. mūsu dārzā būvet ‚in unserem Garten bauen‘) u. Ä. Der Lokativ wird verwendet

23 smērīs, -ča (Plāķis 1927: 81).

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seltener: mit inessivischer Bedeutung gulėjo […] jau gulta (lett. Schriftspr. gulēja gultā ‚lag im Bett‘), in adverbialisierten Formen: apakša (lett. Schriftspr. apakšā ‚unten‘). Zum Konkurrenzverhältnis zwischen Lokativ und Präpositionalphrasen siehe auch Bezenberger 1888: 48–49. Mit dem zunehmenden Einfluss der deutschen Sprache im 20. Jahrhundert setzten sich analytische Formen noch stärker durch.

Analytische Formen der Adjektivkomparation mit juo werden verwendet: tu turi […] judis but (= juo džis, lett. Schriftspr. lielaks ‚größer‘), mužu kalni […] daug jo didži (lett. Schriftspr. lielāki ‚größer‘). Auch der Komparativ von Adverbien wird so gebildet: tu wari jo āgri pis maju īt, lett. Schriftspr. tu vari agrāk mājās iet ‚du kannst früher nach Hause gehen‘. Solche Komparativformen sind auch in den Dialekten Kurlands belegt (Ozola 2007: 387). Eine Superlativform trat nur in einer Konstruktion mit einem Substantiv auf, die als Adverb fungiert: Tu ebi schadin wibu daugumu mazis = tu esi šuden visu daugumu mažis, lett. Schriftspr. tu esi šoden visvairāk mažies ‚du hast heute am meisten gelernt‘.

Das Zahlwort du weist zwei Flexionsformen auf: grib du (Akk.) pius jaunus namus […] budavai, vgl. lett. Schriftspr. grib divas skaitas mājas būvēt ‚will zwei schöne Häuser bauen‘, doch die damit verbundenen Substantive stehen im Plural²⁴. Belegt ist eine kontaminierte Form des Zahlworts ‚vier‘: Gen. tschēturi (= čet(u)ru, Plāķis 1927: 29 Nom. četri, lett. četri, vgl. lit. keturi); die Schreibung der reduzierten Endung kann das palatale r widerspiegeln, das A. Bezenberger noch hörte (Bezenberger 1888: 38; Plāķis 1927: 17). Im Kurischen sind die Formen der Zahlwörter von 12 bis 19 aus dem Litauischen übernommen; auf der Karte findet sich ein Beispiel: dewika ‚zwölf‘, siehe „Lexikalische Merkmale“.

Tarmė būdingos įvardžių linksnių formos: ac. ir dat. pl. munis, jumis (Plāķis 1927: 26) kortelėje liudijamos pavyzdžiais: nepamanu jumis (la. b. k. ak. jūs) ‘nesuprantu jus (jūs)’, wintsch numis (= mumis) nepamane ‘jis mus (mūsų) nesupranta’, ųmumis gaideti (uz mumis gaiditi), la. b. k. mūs gaidīt ‘mus (mūsų) laukti’, kurias J. Plāķis laiko perimtas iš vakarų žemaičių (Plāķis 1927: 26)²⁵. Tačiau kortelėje yra formų, nesutampančių su J. Plāķio nurodytomis: instr. ar jums (plg. instr. jumis Plāķis 1927: 26), suns tewi nieka nedares (tev – Plāķis 1927: 26), la. b. k. suns te nekā nedarīs. Kitos vienaskaitos formos yra tokios kaip la. b. k.: kasch tewi (la. b. k. kož tevi) ‘kanda tave’, ar tewi (la. b. k. ar tevi) ‘su tavimi’, par mani (la. b. k. par mani) ‘dėl manęs, man’.

Possessivpronomen werden in unflektierter Form verwendet: Mana mīlalis waiki; us manna galdu; sati twa mājai. Solche Formen sind auch im Südwesten

24 J. Plāķis nurodo ac. dui sievu, bet nekmentuoja (Plāķis 1927: 29). Tokią daiktavardžių dviskaitos formą galėtų atsirasti dėl kaimynų lietuvių tarmių įtakos, tačiau iki šiol daugiau pavyzdžių neteko užfiksuoti.

25J. Endzelīns weist darauf hin, dass die Formen jumis, mumis in Kurland mit Dativbedeutung verwendet wurden (Endzelīns 1951: 514).

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Kuržemėje, kalbininkai linkę laikyti jas lietuvių kalbos įtaka (Ozola 2007: 387). Pasitaikė, kad dėl vokiečio originalo įtakos savybiniai įvardžiai mano, tavo vartojami vietoje savybinio savo: saki tawa maβai (la. b. k. saki sawai maša ‘sakyk savo seseriai’), tačiau ne visada: par sawa mati ‘savo motinai’, wing gribejə sawo mait (= meitai) satse (= saci), la. b. k. viņa gribējə savai meitai sacīt ‘ji norėjo savo dukteriai sakyti’. Įvardis viņš, viņa vartojamas ir asmenims, ir neasmenims reikšti: Tas sniegs[...], wintsch satrips (la. b. k. tas sniegs[...] tas iskusis) ‘tas sniegas [...] jis ištirpęs’.

Verben. Struktur.

Die Infinitivform variiert auf Wenkers Karte: -ti // -t (snikt ‚schneien‘, saswiri ‚(auf)kochen, d. h. aufkochen‘, satse = saci, lett. Schriftspr. sācīt ‚sagen‘, darete = dareti, lett. Schriftspr. darīt ‚machen‘, aber stawed = stāvet, lett. Schriftspr. stāvēt ‚stehen‘, iat = iet ‚gehen‘; Variation gibt es sogar innerhalb desselben Satzes: isderi, du musst [...] trinken und jodisch but = izderi, wachsen, sein ‚trinken, wachsen, sein‘ usw.; ähnlich suti = šūti ‚nähen‘ und pataisit = pataisit ‚ausbessern, machen‘ usw. Die variierenden Formen sind bis heute in Gebrauch. J. Plakis setzt überall -ti an (Plāķis 1927: 37), während Ch. E. Mogherl Formen mit -i als selten auftretende fakultative Variante betrachtet (Mogherl 1993: 159).

In der Gruppe der athematischen Verben weist ieti ‚gehen‘ eine fortgesetzte Form der 2. Person Singular Präsens auf: kur tu iētti, vgl. iēti neben ēji (Plāķis 1927:31); sie könnte auch aus den livischen Mundarten Kurlands stammen, und zu ihrer Festigung dürfte der Einfluss der westlitauischen Niederlitauer beigetragen haben (siehe auch Kiseliūnaitė 1998: 130). In alter Bedeutung ist außerdem die Form der 1. Person Plural Präsens pagajem = pāgājam ‚wir kehrten zurück‘ erhalten, vgl. lett. Schriftspr. atnācām.

Die Struktur des Präsens und Imperativs Singular der Verben ohne Suffix unterscheidet sich meist nicht vom lettischen Standard oder den Mundarten Kurlands: id = ed ‚isst‘, liats = liec ‚leg!‘, lāts = lec ‚fliegt‘, koasch = kuož ‚beißt‘, eβi = esi ‚sei!‘. Es gibt jedoch auch abweichende Strukturen: virti hat eine Präsensform mit da-Stamm: ar to werda-mo = leppili = ar tuo verdamo lepil, lett. Schriftspr. ar vāramo kari ‚mit dem Kochlöffel‘; dieselbe Form ist bei A. Bezzenberger und J. Plakis belegt (Bezzenberger 188: 83; Plāķis 1927: 32) und bis heute in Gebrauch.

Unklar ist, ob die Präsensform siš²⁶ im Satz 11 unter dem Einfluss des deutschen Textes mit futurischer Bedeutung verwendet wird (vgl. lett. Schriftspr. sītu ‚ich schlage, du schlägst‘); es kann sich jedoch auch um eine Futurform handeln, in der nach t kein Vokal eingeschoben wird wie im Lettischen (sišu), sondern das Stammende mit dem Suffix verschmilzt, wie im Litauischen²⁷: Es scha tewe tuiu ar to werdamo = leppili (= es sišu tevi tuju ar tuo verdamo-lepili), vgl. dt. ich schlage Dich gleich mit dem Kochlöffel. Dass der Übersetzer die deutsche Grammatik auch nicht einfach übernehmen musste, zeigt Satz 39: dt. Hund thut Dir nichts ist mit dem Futur übersetzt worden

26

Šis veiksmažodis turi ia kamieno præs. formą, žr. Kiseliūnaitė 1998: 133.

27

Ch. El Mogherl tokias formas laikė reta išimtimi (Mogherl 1993: 174), tačiau autorės pastebėjimu, dabartinių kuršininkų kalboje jos nėra retenybė.

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sns tevi nieka nedres (tevi nieka nedaris, lett. Schriftspr. tev neka nedaris) ‚der Hund wird dir nichts tun‘.

Im Kurischen waren wie auch in einem Teil der lettischen Mundarten Präteritalformen mit ē-Stamm in Gebrauch28 (ausführlicher siehe Kiseliūnaitė 1998: 136–138). Offenbar hatte ihr Übergang in den ā-Stamm jedoch schon vor der Auswanderung auf die Kurische Nehrung eingesetzt, denn nur eine abgeschwächte Palatalisierung und sporadisch verwendete Formen der 3. Person zeugen von Spuren der alten Struktur. Auf Wenkers Karte lässt sich hypothetisch ein Beleg dafür vermuten: nazi = nāce, lett. Schriftspr. nāca ‚kam‘.

Bei allen Verben sind die Vokale der Präfixe kurz, und die Präfixe -eti < -ēt sowie -iti < -īt werden nicht flektiert; dies tritt jedoch meist in Präteritalformen auf (saci-ju, turiju, gribju, net runaju // runju – Plāķis 1927: 34). In Wenkers Sätzen gibt es nur wenige präfigierte Präteritalformen. Die variierende Schreibweise von sacit (lett. Schriftspr. sacīt) ‚sagen‘ deutet darauf hin, dass dieses Phänomen phonologisch bedingt sein könnte (Plattierung): es wingu satse un wingu satse, wing gribēja savo maita satseta = es ūnu (ūnai) sacēju un(d) ūna sacēja, ūna gribēja savo maita (meitai) sacīt (lett. Schriftspr. es ūnai saciju un ūna sacīja, (ka) ūna gribēja savai meitai sacīt ‚ich sagte ihr, und sie sagte, (dass) sie ihrer Tochter etwas sagen wollte‘); aber pažakes pažazija = pasakas pasacija, lett. Schriftspr. pasakas pasacīja ‚erzählte Märchen‘; mazigis = māci(j)e(s), lett. Schriftspr. mācī-jes ‚gelernt haben wird‘ wintsch darie = viņš darīja, lett. Schriftspr. viņš darīja ‚er tat‘; gribēja = gribēja, lett. Schriftspr. gribēja ‚wollte‘.

Da in den Formen der 2. Person Plural bei Verben mit i-Stamm (turet, lett. Schriftspr. turēt) eine i-Erweiterung oder abgeschwächte Palatalisierung auftreten kann, lassen sich in den Kartenbeispielen möglicherweise Reflexe von Endungen mit i oder -ia erkennen: newaret, turret < *varīt / varīt, *turit / turīt vgl. lett. Schriftspr. nevarat, turat. Da in den Mundarten Kurlands Spuren des i-Stamms bis ins 20. Jahrhundert erhalten blieben (Endzelīns 1951: 790–800), ist anzunehmen, dass es solche Reflexe auch im Kurischen gegeben haben könnte, obwohl sie aufgrund des Kontakts mit der westlitauischen Mundart, besonders beim Gebrauch gemeinsamer Erbwörter, rasch verschwanden.

Auf Wenkers Karte ist eine Futurform der 1. Person Plural mit -am belegt: ėbam (iesam, lett. Schriftspr. iesim) ‚wir werden gehen‘; solche Formen sind auch in der heutigen Sprache regelmäßig in Gebrauch, obwohl J. Plāķis angibt, auch Formen mit -i- gehört zu haben (Plāķis 1927: 34).

Bei präfigierten Verben steht das Reflexivpartikel nach dem Präfix; gelegentlich werden zwei verwendet (Plāķis 1927: 36). Die Form des Reflexivpartikels nach dem Präfix variiert im Kurischen – häufiger wird sa, etwas seltener si gebraucht. Auf Wenkers Karte sind folgende reflexive Formen belegt: sasviti = sasvirti / sasvirti, lett. Schriftspr. užvārīties ‚aufkochen‘, parsķerjes = parskrējis, lett. Schriftspr. par daudz skrejis ‚zu viel gelaufen‘, mazigis29 = mācij(e)s, lett. Schriftspr. mācījies ‚gelernt haben‘.

28 Daugiau apie ē kamieno pėdsakus Kuržemėje žr. Ābele 1928: 136; Ozola 2007: 389.

29 Diese Partizipialform ist nicht ganz klar; der Bedeutung nach müsste sie reflexiv sein.

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Formų daryba. Kadangi kūrinių tarmeje nebuvo vartojamos dėtyvo formos (Endzelīns 1931: 574; Bezenberger 1888: 88), jo funkciją atlieka analitinės formos su veiksmažodžiu turēt ‘turėti, reikėti’: turr tas dānas par sava mati šuti = tur tās dānas par sava mati šūti, la. b. k. (viņai ir apgērbs savai mātei jāšuj ‘ji turi tuos drabužius savo motinai siūti’; tu turri dar bischki aukti = tu turi dar biški augti, la. b. k. tev vēl biški (drusku) jāaug ‘tu turi dar truputį (pa)augti’. Kitų analitinių formų (su vaizdeli = la. b. k. vajadzēt ar lietuvišku reikia, pavyzdžiui, reik zvejoti30) Wenkėrio kortelėje nepasteikė. Formos su tureti paplitusios ir Šventosios latvių kalboje, fiksuojamos ir vakarų Kuršėje bei ten sukūtoje XVII a. raštijoje (Ozola 2009). Tačiau veiksmažodis turet vartosena tuo neapsiriboja – kaip pagalbinis veiksmažodis jis tarnauja sudėtinėms formoms sudaryti, kurios dažniausiai nukopijuojamos iš originalo vokiečių sakinio (žr. toliau).

Į. Plāks führt zahlreiche Beispiele dafür an, dass die Kuren die Formen des Konjunktivs „litauisch“, d. h. mit Ablaut, verwenden: es būčiau, tu būtum usw. (Plāks 1927: 34). Das auf der Karte gefundene 2 cond. sg. bestätigt dies nicht: Kad tu winga but pasinis, buti zitadi nazis und but stawis ar winga labi. In der Arbeit von A. Bezenberger aus derselben Zeit wird darauf hingewiesen, dass damals litauische und lettische Konjunktivformen miteinander konkurrierten (Bezenberger 1888: 96, 97); die Rolle des Litauischen bei den Konjunktivendungen gewann also an Bedeutung.

Obwohl in der Sprache der Kuren verschiedene nicht zusammengesetzte Verbformen verwendet wurden, stehen bei Wenker fast alle Partizipien in zusammengesetzten Formen, wobei gewöhnlich die deutsche Satzkonstruktion nachgebildet wird31: ir ar zirgu is ledus ākritis ir sta aukta undi kritis = ir ar zirgu is ledus iekritis ir (un) is tā aukta und(a) kritis, la. b. k. ir ar zirgu ledū iekritis (ielūzis) un (aukstajā ūdenī) (ie)kritis ‘ist mit dem Pferd ins Eis eingebrochen und in jenes kalte Wasser gefallen’. Ähnlich: ir [...] mēres, ir [...] sadaguschi, ebu [...] parsiskrejs, ebu [...] bijis, ebi [...] magis, turr [...] pabads, ir [...] pulūzis ale sho it ir wintsch satris, neturat raduschi, turr [...] adaduschu, ebu [...] ijājis. Das Verb turet dient in zusammengesetzten Entsprechungsformen als Kopula; solche Formen sind aus dem Deutschen zu erwarten (Wer hat mir meinen Korb mit Fleisch gestohlen? kas turr mane kozi ar gallu pabads? = kas tur mana koci ar gaļu pazadis?, pl. ‘wer hat meinen Korb mit Fleisch gestohlen, wörtlich: wer hat meinen Korb mit Fleisch gestohlen gehabt’); ähnlich habt ihr [...] gefunden: wa jus neturat [...] raduschi = neturat [...] radūši? ‘habt ihr [...] nicht gefunden, wörtlich: habt ihr [...] nicht gefunden gehabt’). In dieser Situation werden auch im heutigen Lettischen zusammengesetzte

30 Siehe Plāks 1927: 35.

31 Ausführlicher siehe „Syntaktische Merkmale“.

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Formen verwendet, jedoch mit dem Hilfsverb būt. Wie groß hier der Einfluss des Deutschen ist und wie alt er ist, bleibt eine andere Frage.

Es scheint nur wenige Fälle zu geben, in denen ein Partizip gemäß der baltischen Sprachtradition in einer zusammengesetzten Form verwendet wird, d. h. in denen die Korrelation der Tempora oder des Modus zwischen Hilfs- und Vollverb gewahrt bleibt: but pasinis = būtų pazinis ‘du hättest erkannt’, butu drėchali pastelajusch = butu drėli pastelajuši ‘sie hätten einen Kleber angeheuert’, ėjam pawargusch = esam pavarguši ‘wir sind müde’, bija [...] įmegusch = bija [...] įmegúši ‘sie waren eingeschlafen’.

Es wurde eine einzige attributiv verwendete Partizipialform gefunden – prt. praes. act. instr. sg. ar werdamo lepli ‘mit einem Löffel für das Kochende’.

Prieveiksmiai. Dalis prieveiksmių pavarti įprastai: apkarti (Plāks 1927: 47 apkārt) ‘aplink’, bischi = biški, la. tarm. biški, biškin ‘truputį’, zitai = citādi ‘kitaip’, labi ‘gerai’, wacker ‘vakar’, scho rit = šuorit, la. b. k. šorīt ‘šįryt’ ir kt.

Belegt sind dialektale, für Kurland typische Lexeme und ihre Formen: ne mag = nemag, la. b. k. nemaz ‘nemaz’, nu ‘noch’³², gana ‘genug’, dikti ‘stark’ < vo. dicht, la. b. k. loti, stipri, aukstum = augšum, la. b. k. augšā ‘hoch’ (ME I 218).

Kortelėje galima rasti prieveiksmių („įpėnėjus veidojums“ – Plāks 1927: 38), kuriuos kuršininkai sudarė savitai: šāmi = žemu ‘žemai’ (žr. „Leksikos ypatybės“). Prieveiksmio daug / dauz formos kortelės sakiniuose įvairuoja (EH I 310): pardau ‘per daug’, wißu daudum ‘daugiausiai’, bet kadudus = kā daud ‘kiek’ (žr. „Leksikos ypatybės“). Kuršininkų kalboje prieveiksmio daug laipsnių formose nėra latviams įprastos leksemos vairāk, visvairāk, čia, kaip ir būdvardžiuose, vartojamos analitinės formos su juo ir visu. J. Plāks laiko latviška ir prieveiksmio formą ciec ‘kiek’ (Plāks 1927: 38; ME I 392 tik iš raštų).

Es gibt aus dem Litauischen übernommene Adverbien und ihre Konstruktionen (siehe „Lexikalische Merkmale“). Einmal kommt der Germanismus fasti vor, der wohl als zufällig anzusehen ist, da für die Wortverbindung fest am schlafen ‘tief, fest schlafen’ kein entsprechendes Beispiel gefunden wurde; allerdings wird in der kurischen Sprache ciets mit dem Wort miegs bis heute verwendet.

Prielinksnių vartojena tik iš dalies sutampa su dabartine latvių kalba ar tradicine vartosena tarmėse: ar sigu = ar zigžu ‘su arkliu’; bi bales = be sāles, la. b. k. bez sāls ‘be druskos’; pi tas sewas = pi tās sievas, la. b. k. pie tās sievas ‘pas (tą) moterį’; pi smerrishes = pi smēr(e)s, la. b. k. līdz nāvei ‘iki mirties, mirtinai’; ar tewi (= ar tevi) ‘su tavim’, par [...] mati = par māti, la. b. k. māte ‘motina’; par mani, la. b. k. man ‘man’ ir kt. Ryškiausias pastebimas skirtumas – jau minėtas prielinksnio is / iš (la. tarm. iz) vartojimas išeivio funkcija: is musu darza = is mūsu dārza ir pan. Tai gali būti kontaminuota forma: plg. la. tarm. iekš krāns = krāsnī ir la. iz (su gen. ME I 712), galima ir lietuvių iš

32 Betones nu ‘jetzt’ – ME II 752, 753.

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Einfluss. Es gibt noch weitere Unterschiede: Das lettische aiz ‚hinter‘ wird im Kurischen mit verkürztem a < āz monophthongiert (as nama = az nama, lett. Schriftspr. aiz nama)33; die Präposition už mit dem Akkusativ erfüllt die Funktion eines Inessivs (und [...] uβ to lauku, lett. Schriftspr. uz tā lauka, lauka. dial. ‚auf dem Feld‘, d. h. ‚im Feld‘; us to muren, lett. Schriftspr. uz tā mūra ‚auf der kleinen Mauer, dem steinernen Zaun‘; us mana galdu, lett. Schriftspr. uz mana galda ‚auf meinem Tisch‘); die Präposition pic < pēc wird wahrscheinlich unter deutschem Einfluss zur Bezeichnung der Bewegungsrichtung verwendet (pis maju iät = pic māju iet, lett. Schriftspr. mājas iet) (Endzelīns 1951: 677). Anders als im heutigen Lettischen werden Präpositionen mit verschiedenen Pluralfällen verwendet: pis maju = pic māju (Gen. Pl.), lett. Schriftspr. mājas neben Akk. Sg. uz māju; priekš schiešo niedelio miēres = priekš šešu nedēļu miris (Gen. Pl.), pi mušu (= pi mūsu, lett. Schriftspr. pie mums, uz mums (Akk. Pl.) (ausführlicher Plaķis 1927: 40; Ivanickaja, Kiseliūnaitė 2015: 217). Der einzige Fall, in dem eine Präposition im Plural mit dem Instrumental verwendet wird (in der heutigen Sprache im Singular mit dem Akkusativ), ist gar ausim (dt. Akk. um die Ohren)34.

LEXIKALISCHE BESONDERHEITEN

Die meisten Wörter des Textes sind in der lettischen Standardsprache oder in den Dialekten bekannt. Gesondert verdienen einige interessantere Beispiele für den für die Dialekte Kurlands charakteristischen Wortschatz Beachtung: archaische Wortformen, echte und semantische Dialektismen sowie Germanismen, die für die westlettischen Dialekte charakteristisch sind. Es handelt sich um in diesen Dialekten verwendete oder belegte Lexeme: maģģ (= maģ), la. b. k. maz „wenig“ (ME I 548); par diždžu = par dižu, la. b. k. par lielu „zu groß“, weil dižs = juo dižs, la. b. k. lielāks „größer“ (ME I 475)35; dikti, la. b. k. ļoti, stipri, skaļi „sehr, stark, laut“ (ME I 466); drānas = drānas, la. b. k. drēbes „Kleidung“ (ME I 494 drāna = drēbes bibl. u. in Kurl. ‚Kleider‘); kiozi = ķuoči, Nom. kuocis aus dt. Dial. kō(t)z „Korb“ ‚Korb‘ (ME II 393; vgl. lit. žem. kiočis ‚Korb, Korb‘); uz murens = mūrens / mūrēnes „auf dem Zaun“ (muris, murieneks – Plaķis 1927: 68) < dt. Dial. mur.

Auf der Karte sind Bildungen mit dem Diminutivsuffix belegt: el > il (vaikeli ‚Kindchen‘, stukila ‚Bündelchen‘), die mit diminutiver Bedeutung ohne abwertenden Beiklang verwendet werden, wie es auch für die Dialekte Kurlands typisch ist (Markus-Narvila 2011: 98); obwohl die belegten Beispiele Litauismen sind, gibt es in der kurischen Sprache auch zahlreiche authentische Bildungen mit dem Suffix el > il (pušilis ‚Bursche‘, laivis ‚Bootchen‘, ruokile

33 Prėdelis āz- ir prielinksnis az (Plaķis 1927: 39, ME I 233).

34 gar ausim duot ‚einen um die Ohren kran‘ (ME I 601).

35 In der Sprache der Kurischen Nehrungskurischen ist das Wort lies unbekannt; das Lexem dižs, -a stammt aus Kurland (Ābele 1928: 142).

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‚Händchen‘ usw. – Plāķis 1927: 14). Ein weiteres beliebtes Diminutivsuffix der Kurischen ist en, anders als im lettischen Standard mit kurzem Vokal (Plāķis 1927: 19): ar abelenis = ar ābuolenis ‚mit Äpfeln‘; avenu = āvenu ‚Schäfchen, Lämmerchen‘ (aus dem Dialekt ave, lett. Schriftspr. aita ‚Schaf‘), pūdeni = pūteni ‚Vögelchen‘; uz murens = mūrena / mūrenes ‚auf dem kleinen Zaun‘.

Besonders auffällig ist die Neigung der Kurischen, bei der Bildung von Abstrakta (mit Bedeutungen wie Zustand, Ergebnis usw., die aus einer Eigenschaft hervorgehen) das Suffix -ums zu verwenden: slapumu = slāpumu, lett. Schriftspr. slāpes ‚Durst‘, vgl. situms, lett. Schriftspr. sitiens ‚Schlag‘; nuronajums, lett. Schriftspr. noruna ‚Vereinbarung‘ (Plāķis 1927: 19, 69) usw. Offenbar dienten diese Formen dazu, die adverbiale Form des Superlativs von daug ‚viel‘ zu bilden: wibu daugumu ‚am meisten‘.

Beachtung verdient auch die bereits erwähnte besondere Bildung der Adverbien, die den kurländischen Dialekten teilweise ähnelt: aukschum = augšum, lett. Schriftspr. augša ‚oben‘ (Paula 1926: 56); sām = zemī, lett. Schriftspr. apakša ‚unten, darunter‘ (vgl. virsuoji bei Paula, ebenda neben apakša= apakā ‚ebd.‘). Andere Forschende haben bereits bemerkt, dass die Kurischen im Sinne von ‚sehr‘ verschiedene Lexeme verwenden: dikti, tā, tā daug, par daug sowie das ihnen unbekannte lettische loti (Plāķis 1927: 38); auf der Karte entspricht dem deutschen sehr ‚sehr‘ pardaug = par daug, tadi dzi = tādi dzi. Das deutsche Adverb to(d)t ‚tödlich‘ wird hier durch die Präpositionalphrase pi smerithes = pi smerā wiedergegeben, vgl. lett. Schriftspr. līdz nāvei.

Semantische Merkmale weisen darauf hin, dass die Bedeutungen mancher Wörter nur wenig differenziert sind; in diesem Fall handelt es sich jedoch nicht unbedingt um eine Eigenheit der Sprache selbst, sondern eher um die Wahl des Übersetzers: So wird etwa dt. erzählen im heutigen Kurischen mit rākot (lett. Schriftspr. stāstīt) wiedergegeben, auf der Karte hingegen mit pažagia = pasacia (lett. Schriftspr. pasacīa); ebenso ist nicht ganz klar, ob das Wort pasakas (dt. Geschichte) stilistisch neutral verwendet wird oder ob damit eine abwertende Nuance wie ‚unwahre, erfundene Erzählung‘ beabsichtigt war. Obwohl die Kurischen das Wort tupeti ‚hocken‘ kennen (Plāķis 1927: 86), heißt es hier, vermutlich unter dem Einfluss des deutschen Originals, von Vögeln bīāz = sēž ‚sitzt‘. Es gibt jedoch auch Bedeutungsunterschiede, die zweifellos der kurischen Sprache zuzuordnen sind und in verschiedenen Quellen bis in unsere Zeit belegt sind, etwa: iāijβ = iējis ‚gefahren‘ (jāti lett. braukt, ‚fahren‘ – Plāķis 1927: 60), namme = namus, lett. Schriftspr. māja ‚Haus‘³⁶.

Im Wortschatz der Kartensätze zeigt sich ein beträchtlicher Einfluss des Litauischen, insbesondere der benachbarten Dialekte. Übernommen werden sowohl litauische Lexeme als auch solche, die über das Litauische aus anderen Sprachen gelangt sind; sie werden auf unterschiedliche Weise phonetisch und morphologisch angepasst: graiti = greiti < lit. greitai, lett. Schriftspr. ātri

36In der kurischen Sprache wird das Wort māja im Singular meist in der zu einer Bedeutungsform erstarrten Lokativform mā(jā) ‚zu Hause, nach Hause‘ oder im Plural mājās ‚zu Hause‘ verwendet. In der Bedeutung ‚Haus, Hütte, Wohnhaus‘ wird nams verwendet.

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kiauschis = kaŭšus < dt. kiaũšis, lett. d. Sg. ola

waikili = vaikilis < dt. vaikẽlis, lett. d. Sg. bērniņš

prada = prada, Inf. pradēt < dt. pradėti, lett. d. Sg. sākt

wis pradim < dt. tam. pradēm ‘ständig’, lett. d. Sg. vienmēr ‘immer’

dewika < dt. dỹlika, lett. d. Sg. dipadsmit ‘zwölf’

miels < mīlas (Plākis 1927: 68 – mīls), la. b. k. mīļš

schischi = šīš(i) < dt. tam. šīš ‘hier’, lett. d. Sg. te, še ‘hier, dort’

tujau < zem. tujau ‘sofort’, lett. d. Sg. tūlīt ‘sofort’

dar < dt. dar, lett. d. Sg. vēl ‘noch’

arb < lie. arb (Plākis 1927: 41 –va), la. b. k. vai.

Das Wort pradēt ‘beginnen’ hat sich im Kurischen an die Verben des Mischtyps angepasst: pradēt, prada, pradija (Kiseliūnaitė 1998: 128).

Einige „litauisch“ anmutende lexikalische Merkmale wurden von anderen Forschern möglicherweise nicht immer zu Recht als Entlehnungen eingeordnet, zum Beispiel lāts = lec ‘fliegt, flattert’, lett. Schriftsprache lido, wurde im kurländischen Dialekt von Kuršėnė verwendet (ME II 458). Wörter, die traditionell als Lituanismen gelten, können Kuronismen sein; so ist beispielsweise puik ‘prächtig, schön’ im litauisch-samogitischen Gebiet verbreitet und auch in den kurländischen Dialekten bekannt (ME 3: 403).

Slawismen gelangten ins Kurische vor allem über die litauische Umgangs- und Religionssprache. Von den alten, noch aus Kurland mitgebrachten Wörtern (baznīca, cil(v)ēks u. Ä.) gibt es nur wenige; auf der Wenker-Karte ist hierzu domajo = duomoju, lett. Schriftsprache domāt ‘denken’, zu zählen. Häufiger finden sich Slawismen, die über das Litauische übernommen wurden⁷: pakajings = pakajings < hib. pakajęs ‘ruhig’, lett. Schriftsprache mierīgs; cizti = čišti < lit. sl. čystai, lett. Schriftsprache tīri ‘sauber’; smerits = smerd / smetes < lit. sl. smėris, lett. Schriftsprache navė ‘Tod’; būdeli = būdeli (būdelė ‘Flasche’ Plākis 1927: 51) < lit. sl. butėka ‘Flasche’; budavati = budavati < lit. sl. budavōti ‘bauen’, lett. Schriftsprache celt, būvēt; bedschan = bezdāne < lit. bezdžionė / beždžionė < weißruss. абязьяна, lett. Schriftsprache pērtiķis.

Per lietuvių tarmes bus atėję ir kai kurie germanizmai: stukla (= stukėla, plg. vak. žem. stukės ‘gabaliukas’ < vo. dial. stuk; bū ‘būra’, valstiečiai < vo. dial. buhr; slekti, plg. lie. tam. šlėtas < vo. schlecht, la. b. k. slikts ‘blogas’ (Plākis 1927: 81); wurschu (= vuršku, nom. vuršis) < lie. tam. vuršis / vurštas < vo. Wurst, plg. la. b. k. desa ‘dešra’; pastelajusch = pastelajuši < lie. tam. steliuoti ‘kviesti’, vo. stellen; ar bērschtu ‘su šepečiu’ (bērštas la. birste, šukas – Plākis 1927: 50) < lie. tam. bērštas < vo. Bürste ‘šepetys, šukos’. Įdomus žodis ac. sg. drāschali = *drēš(i)s < vo. Drescher ‘kūlėjas’, neužfiksuotas kuršininkų žodynuose, o vo. dreschen verčiamas kulte ‘kulti’ (Pietsch 1991: 88). Kuršininkų leksika, susijusi su žemės ūkiu, daugiau veikė lietuvių, o ne vokiečių kalbą, ir

37 Plačiau žr. Hinze 1993.

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Es ist schwer zu sagen, ob das Wort *drēlis den Kūrini-Leuten überhaupt bekannt war. Auch in den Quellen zum preußisch-litauischen Sprachgebrauch ließ es sich nicht nachweisen, phonetisch wirkt es jedoch wie ein ins Litauische integrierter Germanismus, vgl. skrybėlė < vo. term. skriver usw.

Es gibt noch weitere Nuancen des Wortgebrauchs, die dazu veranlassen, über die Wechselwirkungen zwischen dem Litauischen und dem Kurischen nachzudenken: Das Wort vel = vēl wird in den Sätzen der Karte nicht in der lettischen Bedeutung ‚noch‘, sondern wie litauisch vėl verwendet; lauku < geogr. lauku, vgl. lett. d. M. laukā, āra ‚draußen, nach draußen‘ (lauku zählte I. Plakis zu den besonderen kurischen Ableitungen (Plāks 1927: 38), doch möglicherweise war ihm das samogitische Wort nicht bekannt); satirpis38, lett. d. M. izkusis ‚geschmolzen‘; scha = šā, dt. sonst, vgl. lit. Konj. šiaip ‚andernfalls, sonst, auf andere Weise‘; möglicherweise ist auch der Gebrauch der Konjunktion ir neben un(d) (bi šales ir bi piparu = be šales ir be piparu ‚ohne Salz und ohne Pfeffer‘) ein Einfluss des Litauischen, obwohl sie auch in lettischen Dialekten belegt ist (ME I 708).

Direkt aus dem Deutschen übernommenes Lehngut ist in diesem Text vergleichsweise spärlich: und < dt. und ‚und‘, ganz < dt. ganz ‚ziemlich, ganz‘, fasti < dt. fest ‚fest, hart‘; in anderen kurischen Quellen wird lett. ciets, -a > Adv. cieti verwendet; lepile ‚Löffel‘ aus dt. Löffel, vgl. lett. d. M. karote ‚Löffel‘; brunaisch = brunāiš ‚braun‘; letzteres könnte bereits aus Kurland mitgebracht worden sein (ME I 341). Dazu gehört vielleicht auch koki ‚Kuchen‘, vgl. lett. Dial. koka < dt. Dial. koke (ME II, 342).

Bei der Betrachtung des Wortgebrauchs ist zu beachten, dass es sich bei diesen Texten um eine Übersetzung handelt; daher sollte man nicht sämtliche „Eigenheiten“ des Wortgebrauchs der damaligen kurischen Gemeinschaft zuschreiben. Es ist offensichtlich, dass sich der Übersetzer häufig nicht nur an die deutsche Satzstruktur, sondern auch an die wörtliche Wiedergabe der lexikalischen Bedeutungen hielt und nicht immer ein authentisches semantisches Äquivalent wählte. So entstanden im Text semantische Lehnübersetzungen sowohl in freien Wortverbindungen als auch in der Phraseologie. Besonders auffällig ist der scheinbare Gebrauch der Pronomen tas, ta und iens, -a: wienō bisch = vienu biški ‚ein Bischen‘; wintsch id os kaucsis = vińš ēd tuos kaušus, vgl. er ißt die Eier; tas kajas man padau tap = tās kajas man padau sap, vgl. die Füße thun mir sehr weh; ta uni bi par karta, tīe koki ir [...] sadaguchi = ta une bi(ja) par karta, tie kuoki ir [...] sadeguši, vgl. das Feuer war zu stark / heiß, die Kuchen sind [...] gebrannt; Mušu kalni nau taddi dzi tie jušu daug jo dzi = mušu kalni nav tādi dziži, tie jušu daug jo dziži, vgl. Unsere Berge sind nicht sehr hoch, die euren sind viel höher usw.

Einige deutsche Wortverbindungen werden wörtlich übersetzt: rein machen: czisti pataisit = čisti pataisit ‚saubermachen‘; fertig nähen: gatwas schuti = gatavas šūti ‚fertignähen‘; recht von ihnen: labi no viņa = labi nuo viņu ‚sie haben gut gehandelt, sich gut verhalten‘. Ähnlich verfährt man auch bei festen deutschen Wendungen: wiewel: kadaus = kā daudze ‚wie viel‘, haben Durst (siehe unten).

38 tirpt ‚zerfließen, schmelzen‘ aus der Literatur (ME 4: 197), siehe auch Endzelīns 1931: 575.

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Die Bedeutungen der Wörter werden nicht immer sorgfältig beachtet. So wird beispielsweise dt. durch’s Eis gebrochen mit iš ledus įkritęs = iš ledus įkritis ‚ins Eis gefallen, unter dem Eis eingebrochen‘ übersetzt, obwohl in der Sprache der Kūrini-Leute das Wort įlūžti ‚einbrechen‘ verwendet wird.

Es gibt auch Fälle, in denen die Übersetzung missverstanden wurde. Beispielsweise wurde dt. durchgelaufen (in Bezug auf Füße) offenbar vom Übersetzer nicht verstanden (‚beim Gehen wund gerieben, verletzt‘) und mit parsikreis = parsikreisis wiedergegeben, wodurch der Sinn des ganzen Satzes entstellt wurde. Ähnlich bereitete im Satz Es hört gleich auf zu schneien die Wendung es hört [...] auf ‚hört auf, endet, lässt nach (zu schneien)‘ Schwierigkeiten; übersetzt wurde das Gegenteil: wel jau prada snikti = vėl jau pradeda snigti ‚es beginnt schon wieder zu schneien‘.

Interessant ist der Gebrauch des Verbs turėti ‚haben‘. Im Kurischen wird es gewöhnlich wie litauisch turėti, dt. haben, verwendet. Diese Bedeutung ist auch in den westlichen lettischen Dialekten nicht unbekannt (Ozola 2007: 396–398). Für die deutschen Verben (ihr) dürft (nicht) lässt sich im Kurischen offenbar nur schwer ein Äquivalent finden (vgl. lett. d. M. (ne)drīkstat); das deutsche dürfen wird mit varet ‚können‘ übersetzt (Pietsch 1991), in diesem Text mit (ne)turėti ‚(nicht) haben‘. Außerdem wird turėti nicht nur dort als Übersetzung verwendet, wo im Lettischen grammatisch der Debitivus steht, also deutschen Modalverben wie müssen und sollen entspricht (siehe „Morphologische Merkmale“); mit modaler Bedeutung dient es auch dem Ausdruck eines Zwecks: kad tas piens greit sasvirit tur = kad tas piens greit sas(i)virti tur ‚damit (diese) Milch schneller aufkocht‘. Das Verb turėti wird auch zur Beschreibung eines Zustands gebraucht: turam slapumu = turam slapumu (wörtlich ‚wir haben Durst‘); J. Plakis belegt zwar das Verb slāpt (Plāks 1927: 81), doch die heutige kurische Generation verwendet häufiger gerade die analytische Konstruktion, während slāpt ‚dürsten‘ in Situationen vorkommt, in denen von Fischen die Rede ist: ‚die Fische dürsten‘. Abgesehen von all diesen Fällen übernimmt das Verb turėti in zusammengesetzten Perfektformen eine Kopulafunktion; diese sind als Lehnübersetzungen aus dem Deutschen anzusehen (siehe „Morphologische Merkmale“).

Einige in übertragener Bedeutung verwendete deutsche Wörter werden wörtlich übersetzt (z. B. Das war recht von ihnen), in anderen Fällen gibt der Übersetzer die Bedeutung jedoch auf natürliche Weise wieder: Augenblickchen: biški ‚kurz, ein wenig, einen Augenblick‘.

Manchmal ist nicht ganz klar, ob die Ähnlichkeiten mit deutschen Konstruktionen Eigenheiten des Übersetzers, der Sprache der gesamten kurischen Gemeinschaft oder Auswirkungen des Deutschen auf das Lettische sind. So wird beispielsweise stāvet in der phraseologischen Bedeutung ‚sich vertragen, miteinander auskommen‘ verwendet (es thate besser um ihn stehen: but staw ejs ar wing labi = būtu stāvejs ar viņa (viņu) labi): vgl. dt. stehen mit [...] ‚sich vertragen, miteinander auskommen‘ und ar vieniem raden saietes, ar citiem – stāv naidā (EH II 574). Bisweilen scheint man sogar zu weit gegangen zu sein, denn das deutsche Original „verlangt“ das Wort stāvet nicht (sei so gut): staw tads laps = stāi (esi) tāds labs ‚sei so gut‘. Auch der Einfluss des Deutschen auf die Phraseologie lässt sich nicht eindeutig beurteilen. Im Beispiel ihr dürft nicht solche Kindereien treiben!: jus ne turret tads niakus ziti = jūs neturēt tādus niekus dzīt ‚Unsinn treiben, dummes Zeug reden‘ ist der Gebrauch des Wortes dzīt der lettischen Phraseologie ähnlich,

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Vgl. lett. Dialekt jokus džit ‚scherzen‘; der deutsche Übersetzer von Kinderen gab es jedoch nicht wörtlich wieder, sondern fand ein Äquivalent: niekus.

SYNTAXMERKMALE

Die syntaktischen Merkmale des Textes auf der Karte lassen sich nur schwer beurteilen, nicht nur, weil die Syntax der Kursenieken kaum erforscht ist, sondern auch, weil die kurzen Sätze der Vorlage aus dem Deutschen übersetzt wurden und bei Weitem nicht jeder Sprachbenutzer in der Lage ist oder versteht, wie sich ein Gedanke in einer fremden Sprache mit den eigenen, gewohnten syntaktischen Mitteln ausdrücken lässt. Für die Übersetzungen wurden die Angaben nur eines Informanten herangezogen; daher sollte nicht jedes hier vorkommende ungewöhnliche syntaktische Phänomen als authentisches Merkmal der Sprache der gesamten Gemeinschaft gewertet werden.

Andererseits ging man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland zum Unterricht auf Deutsch über; die Kursenieken lernten mit deutschen Lehrbüchern und anderen Büchern. Daher ist anzunehmen, dass einige syntaktische Merkmale des Deutschen schon damals auch in ihre Umgangssprache eingedrungen waren. Ohne möglichen Bewertungen vorzugreifen oder eine ausführliche Untersuchung vorzunehmen, sollen hier einige markantere syntaktische Merkmale dieses Textes festgestellt werden.

Satzbau. Die Konstruktion vieler übersetzter Sätze unterscheidet sich kaum vom deutschen Original, das heißt, sowohl bei einfachen als auch bei zusammengesetzten Sätzen wird die deutsche Wortstellung beibehalten.

Am auffälligsten ist die deutsche Regel zur Stellung des Prädikats, die schon nach dem Lesen weniger Sätze deutlich wird, besonders jedoch dort, wo sie die natürliche logische Ordnung der eigenen Sprache verletzt: Was sitzen da für Vögelchen oben auf dem Mäuerchen? kas biž ti par pudeni aukšum us to murens = Kas sėž tie par puteni aukšum uz to (tā?) muren(e)s?, vgl. lett. Dialekt kas par putnieni sėž tur augšā uz mūriša?, lit. kas par paukšteliai tupį ten aukštai ant mūrelio? In diesem Fall ist kas par putneni ein unteilbares Subjekt, das in der Übersetzung durch das Prädikat und die adverbiale Bestimmung getrennt wird.

In einfachen Sätzen mit zusammengesetzten Formen stehen die Kopula und der nominale Teil des Prädikats „Klasse“ gemäß den Regeln des Deutschen39: 15. eßi pagangs biž = esi pakaģis biž (ähnlich 5, 28, 32, 33, 40); sogar in den Fällen, in denen eine deutsche zusammengesetzte Form durch eine einfache übersetzt wird, bleibt das Prädikat dennoch am Satzende: Wem hat er die neue Geschichte erzählt? Kam wints tas jaunas paßas paßiga?; lett. Kam viņš tās jaunas pasakas (pa)sacija?

In zusammengesetzten Satzgefügen steht das Prädikat fast immer am Ende des Nebensatzes (3, 9, 16, 17). In solchen Sätzen fehlt außerdem

39 Hier und im Folgenden werden die Satznummern angegeben; anhand dieser Nummern lassen sich die Beispiele bei … finden.

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Das gilt auch für den Fall, dass ein Nebensatz ohne Konjunktion angeschlossen wird: [...] sag Deiner Schwester, sie solle [...] nähən: [...] saki tava māsai, vingai tur [...] schuti = saki tava māsai, vīnai (vīna) tur [...] šūti; ich glaube, ich habe sie durchgelaufen: es domajo es eβu par daug parsikrējis = es domāju, esu par daug parsikrējis.

Auch koordinierte und gemischte Satzgefüge bilden die deutsche Satzstellung wortwörtlich nach (4, 6, 14, 20, 31).

Es finden sich auch Fälle, in denen Konjunktionen eingeschoben werden: 20. [...] sie haben es aber selbst getan: winga ale pachi darė = vīna (vīni) ale paši darja.

Dass die Wortstellung in vielen Fällen unnatürlich ist, zeigt auch die Übertragung der Sätze ins heutige Lettisch (siehe Anhang, Übersetzung von Liene Markus-Narvila), wo die Wortstellung oft anders ist.

Auch die Präpositionalfügungen des Deutschen beeinflussten die Verbindungen in den übersetzten Sätzen. Als solche Einwirkung können jene Fälle gelten, in denen die Entsprechungen der Präpositionalfügungen in den baltischen Sprachen, insbesondere im Lettischen, anders lauten: gar aūbim = la. b. k. pa ausīm, für mich: par mani = par mani, la. tam, priekš manis; la. b. k. man; für eure Mutter: par sava māti = par sava māti, la. b. k. savai mātei; die bereits erwähnte Verwendung der Präposition pic: pis maju = pic māju (la. b. k. mājās).

Ein weiterer Stolperstein für den Übersetzer waren Negationen, die im Deutschen durch die Partikeln nicht und kein ausgedrückt werden, während sie in den baltischen Sprachen im Verbalpräfix notwendig sind. Von drei Fällen auf der Karte sind zwei den eigenen Regeln entsprechend übersetzt, in einem Satz fehlt jedoch das Negationspräfix am Verb: habt ihr kein Stückchen [...]: wa jus neturat neviena stukla = va jus neturat neviena stukla; Hund thut Dir nichts: uns tevi nieka nedarēs = uns tevi nieka nedaris; aber: Ich will es auch nicht mehr wieder thun!: Es gribu ne mag to darte = Es (ne)gribu ne māg to darit.

Man kann feststellen, dass die deutsche Syntax das natürliche Satzgefüge der baltischen Sprachen stark eingeengt hat; im Kartenmaterial finden sich kaum Sätze, die in freierer Wortstellung und mit eigenen grammatischen Entsprechungen übersetzt wurden:

12. Wo gehst Du hin? Sollen wir mit Dir gehn? Kur tu īeti wa meβ ar tewi eβam? = Kur tu ieti, va mes ar tevi iesam? (die deutsche Stellung des Prädikats wird nicht beibehalten).

29. Unsere Berge sind nicht sehr hoch, die euren sind viel höher: Muβu kalni nau tadi diži tā jūbu daug jo diži = Mūsu kalni nav tādi diži, tie jūsu daug jo diži (die Kopula wird nicht wiederholt).

30. [...] wieviel Brod wollt ihr haben?: kadus maizes jus gribat = kā daudze maizes jūs gribat? (das Wort haben wird nicht übersetzt).

7. ohne Salz und Pfeffer: bi šales ir bi piparu = be sales ir be piparu (die Präposition wird wiederholt).

Natürlichere Übersetzungen finden sich in den Fällen, in denen sich der grammatische Ausdruck im Deutschen und in den baltischen Sprachen völlig unterscheidet: 18. Hättest Du ihn gekannt!: Kad tu viņa but pazinis = kad tu viņa (viņu) būtu pazinis. Ähnlich „findet man einen Ausweg“, wenn ein unpersönlicher deutscher Satz durch einen persönlichen ersetzt wird: 22. Man muß laut schrein: eβ

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turru dikti saukti = es turu dikti saukti. Es scheint, dass der Übersetzer auch die gesamte Konstruktion legen geblieben im Satz 25 „vereinfacht“ hat: Der Schnee ist [...] bei uns liegen geblieben = Tas sniegs ir [...] pi mūsu pultais = Tas sniegs ir [...] pi mūsu palicis. Es ist nicht ganz klar, warum im Satz 38 eines der gleichrangigen Prädikate durch eine Finalangabe ersetzt wurde: sind [...] draufen auf dem Felde und mähen / haue: Tā laui ir šcodanin wibu lauku už to lauku plauti = Tie laži ir šodien visi lauku uz to lauku plauti.

Somit ist die Syntax wohl diejenige Sprachebene des kurischen Textes, die am stärksten unter der Wahl der Methode gelitten hat; doch erst eine ausführlichere Analyse der Sprache weiterer Quellen, insbesondere von Tonaufnahmen, könnte beantworten, wie die Alltagssprache der Kurischen tatsächlich durch die Zweisprachigkeit beeinflusst wurde.

SCHLUSSFOLGERUNGEN

Die Karte Nr. 30084 aus Wenkerios Atlas ist ein wertvolles schriftliches Dokument der kurischen Sprache. Durch sie gelangte die kurische Sprache in ein großes europäisches linguistisches Projekt. Die Sprache ist auf der Karte nach bestem Vermögen gut dokumentiert; dabei wurden deutsche und litauische Schriftzeichen kreativ an eine schriftlose Sprache angepasst. Nach der Darlegung der orthografischen Prinzipien und der linguistischen Analyse des Textes lässt sich feststellen, dass die Nida-Karte sorgfältig ausgefüllt wurde und ihre linguistischen Informationen in vielen Fällen die authentische Sprache ihrer Zeit widerspiegeln. Der Vergleich mit den von professionellen Linguisten durchgeführten Untersuchungen der kurischen Sprache (von A. Bezzenberger und J. Plakis) zeigte, dass die kurische Sprache in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Sicht der lettischen Dialektologie noch ein systematisches Konglomerat war, das den Ursprung heterogener Dialekte bezeugt. Die Karte spiegelt auch die Sprachinteraktion auf der Kurischen Nehrung wider.

In der Phonetik sind alte Merkmale der kurländischen Dialekte sowie Ergebnisse der Wechselwirkung mit benachbarten litauischen Dialekten in der Morphologie sichtbar (phonetische Veränderungen in bestimmten Formen), der Einfluss des Deutschen ist jedoch vergleichsweise gering (beispielsweise sind noch lettische Unterschiede bei der Palatalisierung des auslautenden l erkennbar; der Prozess der Endungsreduktion ist noch nicht eingetreten). Auch in der Morphologie finden sich archaische Relikte der kurländischen Dialekte (vergleichsweise klare Deklinationsparadigmen, erhaltene alte Kasusformen der Substantive und Steigerungsformen der Adjektive, noch nicht gefestigte Formen des Konjunktivs, bezeugte Präteritalform mit ē-Stamm des Verbs, Präpositionen in Verbindung mit verschiedenen Pluralkasus); zugleich ist ein Einfluss des Litauischen festzustellen (Pronominalendungen, der Gebrauch von Verb tureti + Inf. usw.) sowie ein einsetzender Einfluss des Deutschen, der sich im Gebrauch präpositionaler Fügungen und zusammengesetzter Verbformen zeigt. Doch nicht in allen Fällen ist der Einfluss des Deutschen als Dialektmerkmal zu betrachten – beispielsweise scheint die Verwendung der Pronomen tas, ta oder des Verbs tureti in zusammengesetzten Formen

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als Übersetzungsmangel zu bewerten zu sein. Im Wortschatz wurde neben alten kurländischen Wörtern und Wortbildungsmustern ein deutlicher Einfluss des Litauischen festgestellt, insbesondere des benachbarten žemaitischen Dialekts, aus dem die Kurischen nicht nur Wörter litauischer, sondern auch deutscher und slawischer Herkunft übernahmen; einige gemeinsame baltische Wörter begannen sie zudem mit litauischen Bedeutungen zu verwenden. Der direkte Einfluss des Deutschen auf den Wortschatz ist nicht in allen Fällen als authentisches Merkmal der kurischen Sprache zu betrachten, da spätere Quellen manche Wörter oder deren Bedeutungen nicht bestätigen. Wahrscheinlich sind einige lexikalische und semantische Germanismen in diesem Text durch eine wörtliche Übersetzung entstanden. Einige Entsprechungen zum Deutschen lassen sich nicht ohne Weiteres interpretieren, da ähnliche Phänomene auch im Lettischen vorkommen. Dies gilt insbesondere für die Syntax. Der größte Teil der übersetzten Sätze gibt die Konstruktion des deutschen Originals wörtlich wieder, die den baltischen Sprachen häufig fremd ist und den Satz mitunter schwer verständlich macht. Es gibt jedoch auch Ausnahmen – es finden sich übliche, natürliche syntaktische Entsprechungen, und der Gedanke wird freier ausgedrückt.

Aufgrund der gewählten Erhebungsmethode (Übersetzung) ist gerade der Einfluss des Deutschen auf die kurische Sprache in dieser Quelle mit Vorsicht zu beurteilen, da bei dieser Methode eine wörtliche Orientierung am Original nahezu unvermeidlich ist.

LITERATŪRA

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVII

Nidos kortelė Nr. 30084 Marburgo Pilypo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

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Straipsniai / Articles

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DALIA KISELIŪNAITĖ

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVII

Nidos kortelė Nr. 3008 Marburgo Pilypo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

PRIEDAS

DSA KORTELĖS

NR. 30084 TRANSKRIPCIJA

1 PUSĖ1

1. Siāma lȧts βaũβas lapas is gaisa apkarti. Ziemā lec sausas lapas is gaisa apkārti. Ziemā lec (ido) sausas lapas gaisa apkārt.2 1. Im Winter fliegen die trocknen Blätter durch die Luft herum.

2. Wel jau prada snkti, tad bus3 gaibas vel laps. Vēl jau prad4 snigti, tad būs gaisas vel labs. Atkal sāk snigt, tad būs laiks atkal labs. 2. Es hört gleich auf zu schneien, dann wird das Wetter wieder besser.

3. Līts Uoglis is krãnis, kad tas piens grāti sawirti tur. Liec ogles iš krānes, kad tas piens greti sas(i)virti tur. Liec ogles ikš krāns, kad tas piens āri vārītos.5 3. Thu Kohlen in den Ofen, daß die Milch bald an zu kochen fängt.

4. Tas labaiš wetaiš wiem ir ar sirgu is ledus ākritis ir ista auksta udin-gi krittis. Tas labāš vecāš vīrs ir ar zīgu is ledus iekritis ir is tā auksta udēna kritis. Tas labāš vecāš vīrs ir ar zīgu ikš ledus (ledū) iekritis (ielūzis) un ikš tā auksta udēna (aukstaja udeni) (ie)kritis. 4. Der gute alte Mann ist mit dem Pferde durch’s Eis gebrochen und in das kalte Wasser gefallen.

5. Wintsch ir präksch schetturri arba schiescho niedelio mières. Viņš ir priekš četru arba (va) šešu nedēļu miris.

1 Antrosios pusės, užpildytos vokiškai, perrašė žr. Schiller, Kiseliūnaitė 2015.

2 Ziemā gaisa īdo sausas lapas.

3 3 a. galūne ū yra klaida.

4 Vertimo klaida, turi būti ‘liaus, baigs’.

5 Liec ogles krāsni, lai piens ātrāk sāktu vārīties.

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DALIA KISELIŪNAITĖ

Viņš ir piekš (pirms) četrām vai sešām nedēļām miris.6 5. Er ist vor vier oder sechs Wochen gestorben.

6. Tā ugni bi par karta, tē koki ir apakša gauz meli sageuši. Tā ugne bi(a) par karta, tē kuoki ir apā ganč meli sageuši. Tā uguns bija par karta, tie pragi ir apakš gan (loči) meli (melni) sageuši.7 6. Das Feuer war zu stark/heiß, die Kuchen sind ja unten ganz schwarz gebrannt.

7. Wintsch iäd tos kiauschis wis pradim bi ßales ir bi piparu. Vinš ēd tos kaušus vis pradem be sāles ir be piparu. Vinš ēd tos kaušus (olas) vienmēr bez sāls un bez pipariem. 7. Er ißt die Eier immer ohne Salz und Pfeffer.

8. Tas kàjas man pardaug ßap, es domajo es eßu par daug parsikreijis. Tàs kàjas man par daug sāp, es domàju, es esu par daug parsikreijis. Tàs kàjas man par daug (daudz) sāp, es domàju, es esu (esmu) par daug (daudz) skrēis. 8. Die Füße thun mir sehr weh, ich glaube, ich habe sie durchgelaufen.

9. Es eßu pi tas sevos bijis und es wingu sacegu und winga sacega, winga gribeja savo mait satseta8. Es esu pi tas sievas bijis und es viņu9 saciju und viņa sacija, viņa gribeja sa-vo meita(i) saci. Es esu (esmu) pie tās sievas (sievietes) bijis un es viņu (viņai) (to) saciju un viņa sacija, (ka) viņa gribēja sava meitai sacīt. 9. Ich bin bei der Frau gewesen und habe es ihr gesagt, und sie sagte, sie wollte es auch ihrer Tochter sagen.

10. Es gribu ne mag to darte. Es gribu ne māg to date. Es (ne)gribu mag (nemaz) to darīt.

6 Viņš ir miris pirms četrām vai sešām nedēļām.

7 Uguns bija par karstu, pīrāgi apakšā ir sadeguši pavisam melni.

8 Dēļ -ti redukcijas gali būt ne visai tiksliai atstatytas balsis.

9 Klaida, greičiausiai dėl redukcijos neteisingai užrašyta dat. galūnė, turi būti viņai.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVII

Nidos kortelė Nr. 30084 Marburgo Pilypo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

10. Ich will es auch nicht mehr wieder10 tun!

11. Es sicha tewe tuja ar to wedamo = leppili gar ausim, tu beschān11.

Es sīšu tevi tuja ar tuo wedamu lepili gar ausim (-im?), tu bedzān. Es sīšu tevi tult ar to vāram karoti gar ausim, tu pertiķi12.

11. Ich schlage Dich gleich mit dem Kochlöffel um die Ohren, Du Affe!

12. Kur tu iēti wa meß ar tewi eßam? Kur tu ieti, va mes ar tevi iesam? Kur tu ej, vai mēs ar tevi iesam (iesim)?

12. Wo gehst Du hin? Sollen wir mit Dir gehn?

13. Nu ir slekti laiki. Nu ir slekti laiki. Nu ir slekti laiki.

13. Es sind schlechte Zeiten.

14. Mana mālaisch vaikili, pald13 schischi sēmui staved14, tas piktas soasis koasch tewi pi smerishes15.

Mana mielā16 vaikili, paliec šīi zemū stāvet, tas piktas zuosis (-es?) kuōz tevi pi smer(i)ča.

Mans mīlais bērniņ, paliec te apakšā stāvet, tās piktas zosīs kož tevi līdz nāvei.17

14. Mein liebes Kind, bleib hier unten stehn, die bösen Gänse beißen Dich todt (dt. zu Tode).

15. Tu ebi schoadin wibu daugummu mazis und ebi pakagins bijs, tu wari jo āgni18 pis maju iāt kad tā ziti.

10 Kursinakai vok. k. nicht mehr wieder su veiksmāždžiu paprastai atliepia morfologine forma nibi- < lie. nebe-: es nibėriau ‘aš nebenoriu’, plg. la. b. k. vairs nebrū.

11 Rankraštyje matyti ā (su diakritiku).

12 Es sīšu tevi ar pavāņu pa ausīm, tu pertiķi!

13 Greičiausiai klaida, turėtų būti c.

14 Klaida, inf. turi būti t.

15 Subraukta, atstatyta s pagal sistemą pi su gen.

16 Plg. mīļš, -a (Plāķis 1927: 68).

17 Mans mīlais bērniņ, paliec te apakšā stāvet, tās niknās zosis nokos tevi līdz nāvei.

18 ā greičiausiai klaida vietoje a.

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DALIA KISELIŪNAITĖ

Tu esi šiōdien visų daugumų māčijis und esi pakajīgs bijis, tu vari jo ag(i)ri pic māju iet ka(d) tie citi.

Tu esi šiōdien visvairāk māčijis un esi pieklājīgs (miēgs) bijis, tu vari jo agr(i) (agrāk) mājas iet (ne)kā tie citi.19

15. Du hat heute am meisten gelernt und bist arg gewesen, Du darßt früher nach Hause gehn als die Andern.

16. Tu dar ne ēbi par didžu gana wiāno būdelki20 winā izdēti, tu turi dar biški augti ir jo dižs būt.

Tu dar nesī par didžu gana vienu būdelki vnā izdēti, tu turi dar biški augti ir jo dižs būt.

Tu vēl neesi gana dižs (iels) (vienu) pudeli vīna izdzert, tev vēl bišķi (mazliet) jāaug un lielākam jākļūst21.

16. Du bist noch nicht groß genug, um eine Flasche Wein auszutrinken, Du mußt erst noch ein End/etwas wachsen und größer werden.

17. Ei und stāve tās labs und saki tava māsa, viņai tur tās dranas par sawa mati gatavas šuti und ar Bāršču czijti pataisit.

Ej und stāvi (esi) tās labs und saki tava māsai, viņai22 tur tās drānas par sava mati gatavas šūti und ar bērtu čišti pataisit.

Ej un stāvi (esi) tās labs un saki tava (tavai) māsai, viņai tās drānas priekš savas mātes ir gatavas jāuzšuj un ar birsti jāiztīra.23

17. Geh, sei so gut und sag Deiner Schwester, sie sollte die Kleider für eure Mutter fertig nähen und mit der Bürste rein machen.

18. Kad tu vīna būtu pazinis, būtu citādi nācis un būtu stāvējis ar viņa labā24.

Kad tu viņa (viņu) būt(u) pazinis, būt(u) citādi nācis und būt(u) stāvējis ar viņa (viņu) labā.

Kad tu viņu būtu pazinis, būtu citādi iznācis un būtu stāvējis ar viņu labā.25

19 Tu esi šiōdien visvairāk māčijis un esi bijis pieklājīgs (miēgs), tu vari iet mājās agrāk nekā citi.

20 ū su diakritiku yra užrašytojo klaida, nes po to einanti germanų dd turi reikšti trumpą balsį.

21 Tu vēl neesi gana liels, (lai) vienu pudeli vīna izdzertu, tev vēl mazliet jāpieaug.

22 Dat. forma čā neregulāri: jeigu reikamybė reiškiama su turėt, vartojamas nom. formos.

23 Ej un esi tik labs, un saki savai māsai, ka viņai ir apģērbs savai mātei jāuzšuj un jāiztīra.

24 Rankraštyje raidė a išbraukta.

25 Ja tu viņu būtu pazinis, būtu citādāk bijis, (tu) būtu labi ar viņu satics.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVII

Nidos kortelė Nr. 30084 Marburgo Pilypo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

18. Hättest Du ihn gekannt! dann wäre es anders gekommen, und es täte besser um ihn stehen.

19. Kas tur mane kozi ar galiu pab̃dis?

Kas tur maną kuoci ar galų padzis?

Kas ir manų koci (grou) ar galų padzis?26

19. Wer hat mir meinen Korb mit Fleisch gestohlen?

20. Winsch darė tą jaunas pabkes pabziga27 kad wingi butu drėschali pas-tellajusch, winga ale paschi darie.

Viñs darija tą, kad viñ butu drėeli pastelauši, viñ ale paši darija.

Viñs darija tą, ka viñ butu kūleju pastelejuši (pasūtijuši), bet viñ (to) paši darija.

20 Er hat so, als hätten sie ihn zum Dreschen bestellt; sie haben es aber selbst gethan.

21. Kam winsch tas jaunas pabkes pabziga.

Kam viñs tas jaunas pasakas pascija?

Kam viñs tās jaunas pasakas pascija (stāstija)?28

21 Wem hat er die neue Geschichte erzählt?

22. Eβ turu dikti sakti cha winsch numis29 nepamane.

Es turu dikti sakti, šā viñs mumis nepamane.

Es turu (man ir) dikti (skali) saukt, citādi viñs mumis (mūs) nesaprot.30

22 Man muß laut schreien, sonst versteht er uns nicht.

23. Męβ ębam pa wargusch und turam sląpum.

Mes esam pavarguši(i) un turam sląpum.

Mēs esam pavārguši un turam (mums ir) slāpes31.

23. Wir sind müde und haben Durst.

26 Kurš ir man gals grozu nozadzis?

27 Rankraštyje išbraukta; matyt, per klaidą buvo įrašytas fragmentas iš kito sakinio, žr. toliau.

28 Kuram viñs tās jaunās pasakas stāstīja?

29 Klaida, turi būti mumis (Plaķis 1927: 26).

30 Man ir ļoti skali jāsauc, citādi viņš mūs nesaprot.

31 Mēs esam pavārguši un izslāpuši.

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DALIA KISELIŪNAITĖ

24. Kad mäß wacker wacker pargajem, ta gullejo ta zitti jau gultā und bija fasti iāmegusch.

Kad mēs vakar vakar(ā?) pārgājam, ta guleja tie (?) citi jau gultā und bija fasti (cieti) iemiguš(i).

Kad mēs vakar vakarā pārgājām, tad tie citi jau gulēja gultā un bija cieti iemiguši.32

24 Als wir gestern Abend zurück kamen, da lagen die Andern schon zu Bett und waren fest am schlafen.

25. Tas sniäks ir scho nakti pi muḷbu pulātzis33 ale scho rit ir wintsch satirpis.

Tas sniegs ir šo nakti pi mūsu palicis, ale šopit ir viņš satirpis.

Tas sniegs ir šo nakti pie mūsu (pie mums) palicis, bet šorīt viņš ir satirpis (izkusis).34

25. Der Schnee ist diese Nacht bei uns liegen geblieben, aber heute Morgen ist er geschmolzen.

26. As muḷbu namma stav trīs puiki ābole koaki ar sarkanis abolennis.

Az mūsu nama stāv trīs puiki ābol(1?)a (-u?) kuoki ar sarkanis ābuolenis.

A(i)z mūsu nama stāv trīs puiki (skaisti) ābolu koki ar sarkanis ābolēnis (ar sarkaniem āboliem).35

26. Hinter unserm Hause stehen drei schöne Apfelbäumchen mit rothen Aepfelchen.

27. Wa jus newaret wieno bischki uʃmumīs gaidetti tad mēs iäbam ar jums.

Vai jūs nevarat (nevarētu?) vienu biški uz mums gaideti, tad mēs iesam ar jums.

Vai jūs nevarat (nevarētu?) bišķi uz mums (mūs) (pa)gaidīt, tad mēs iesim ar jums.

27. Könnt ihr nicht noch ein Augenblickchen auf uns warten, dann gehn wir mit euch.

28. Ius ne turret taddus36 niäkus ziti.

32 Kad mēs vakar vakarā pārnācām, tad tie citi jau bija gultā un bija cieti iemiguši.

33 Priēsdēlejie greičiausiai korektūros klaida.

34 Sniegs ir šonakt pie mums saglabājies, bet no rīta tas ir nokusis.

35 Aiz mūsu nama stāv trīs skaistas ābeles ar sarkaniem ābolīšiem.

36 Mažai tikėtina, kad tads būtų su trumpuoju, tačiau du kartus parašyta geminata dd (žr. Nr. 29), leidžia spėti, kad gali būti ir ne klaida.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVIII

Nidos kortelė Nr. 30084 Marburgo Pilypo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

Jūs neturat tādus niekus dzī̄t. Jūs nedrīkstat tādus niekus dzīt. 28. Ihr dürft nicht solche Kindereien treiben!

29. Mußu kalni nau tādi diži tiā juḅu daug jo diži. Mūsu kalni nav tādi diži, tie jūsu daug juo diži. Mūsu kalni nav tādi lieli, tie jūsu (ir) daudz lielāki. 29. Unsere Berge sind nicht sehr hoch, die euren sind viel höher.

30. Ziäk schwarru wurschu ir kadauds maīes jus gribat. Ciek svaru (švaru?) wuršku ir kā daudź maizes jūs gribat? Cik svaru desas un cik (daudz) maizes jūs gribat? 30. Wieviel Pfund Wurst und wieviel Brod wollt ihr haben?

31. Es neparmanu jummies jus turrat wienu bischki dikti satziti. Es neparmanu jumis, jūs turat (vienu) bišķi dikti saciti. Es jumis nesaprotu, jums bišķi (mazliet) diktak (skaļak) jāsaka.37 31. Ich verstehe euch nicht, ihr müßt ein bißchen lauter sprechen.

32. Wa jus neturrat newiena stukkila baltu Žȩpu par manni us manna galdu raduschi. Va jūs neturat (neesat) neviena stukiļa baltu ziepu par mani uz mana galdu (galda?) raduši? Vai jūs neturat (neesat) nevienu gabaliņu baltu ziepju priekš manis uz mana galda atraduši?38 32. Habt ihr kein Stückchen weiße Seife für mich auf meinem Tische gefunden?

33. Winga bralis gribb dui puikus jaunus namm us is muḅu darźa39 būdawati. Viņa brālis grib dui puikus jaunus namus is mūsu darza būdavati. Viņa brālis grib dui (divus) puikus (skaistus) jaunus namus mūsu dārzā būvēt. 33. Sein Bruder will sich zwei schöne neue Häuser in eurem Garten bauen.

34. Tas warts nazi wingam nußirdis. Tas vards nāce viņam nu(o) sirdes.

37 Es jūs nesaprotu, jums jārunā mazliet skaļāk.

38 Vai jūs neesat nevienu baltu ziepju gabaliņu uz mana galda man atraduši?

39 Tikriausiai ž yra rašybos klaida, nes latvišką darzs kuršininkai vartoja iki šių dienų.

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DALIA KISELIŪNAITĖ

Tas vārds nāca viņam no sirds.

34. Das Wort kam ihm von Herzen!

35. Tas biji labi no winga.

Tas bija labi nuo viņu40.

Tas bija labi no viņiem41.

35. Das war recht von ihnen!

36. Kas Bǟž ti par pudnenni aukschum us to murenns.

Kas sēž tie par putneni aukšum uz tuo muren(e)s42?

Kas sēž tur par putniniem aukšum (aukšā) uz mūr(en)a?43

36. Was sitzen da für Vögelchen oben auf dem Mäuerchen?

37. Tā būri tur piätzus wirzchus und dewinges goawes und dewìlika awennu priäksh ta dziāma advādušchu tos wingi gribbeja parduati.

Tie būri tur piecus vēršus und deviņas goves und dvìlika avenu priekš ta ciema atwedušu44, tuos viņi gribēja parduoti.

Tie zemnieki ir piecus vēršus un deviņas goves (govis) un divpadsmit aitiņas priekš tā ciema atveduši, tos viņi gribēja pārdot.45

37. Die Bauern hatten fünf Ochsen und neun Kühe und zwölf Schäfchen vor das Dorf gebracht, die wollten sie verkaufen.

38. Tā ļauži ir schoadinni wißu46 lauku uß to lauku pliauti.

Tie ļauži (ļauži) ir šodien visi lauku uz to lauku plauti.

Tie ļauži (ļaudis) ir šodien visi ārā uz lauka pļaut47.

38. Die Leute sind heute alle draußen auf dem Felde und mähen/hauen.

39. Ei nu tas brūnaisch suns tewi niēka nedarres.

Ej nu, tas brūnais suns tevi nieka nedaris.

40 Vokiškas sakinys rodo daugiskaitą.

41 No viņu puses tas bija labi / taisnīgi (darīts).

42 Su –en– nuo muris (Plāķis 1927: 68), la. b. k. mūris, tačiau neaiškus vedinio linksniavimo tipas.

43 Kas par putniņiem sēž tur augšā uz mūriša?

44 Greičiausiai klaida, turėtų būti atveduši.

45 Zemnieki atveda pie ciema piecus vēršus un deviņas govis, un divpadsmit aitiņas, tos viņi gribēja pārdot.

46 Galbūt klaida: turėtų būti visi (lauži).

47 Tie ļaudis ir šodien visi ārā uz lauka pļaut.

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVIII

Nidos kortelė Nr. 30084 Marburgo Pilypo universiteto vokiečių kalbos atlaso archyve: kalbos analizė

Ej nu, tas brūnais suns tev nekā nedarīs.

39. Geh nur, der braune Hund thut Dir nichts.

40. Es eßu ar tes ļaužis tiä pakaļļa par pliawam iß graudu iäjajiß. Es esu ar ties ļaužis (laužis) tie pakaļā par pļavam(s) is graudu iejājis. Es esmu ar ties ļaužis (tiem ļaudīm) tur pakaļā par pļavām graudos iejājis (iebraucis?).48

40. Ich bin mit den Leuten da hinten über die Wiese ins Korn gefahren.

48 Es esmu ar tiem ļaudīm pāri pļavām graudu laukā iebraucis.

Language Analysis of Nida Questionnaire № 30084 in the Archive of the Linguistic Atlas of Germany at the Phillips University, Marburg

S U M M A R Y

The article presents a written source of the Kursenieku language - Card No. 30084 (Nida/Nidden) from Deutscher Sprachatlas (DSA) launched by Georg Wenker. The linguistic analysis led to the following conclusions:

The Nida card is carefully written, and its linguistic information in many cases reflects the authenticity of the language. The comparison with the research by professional linguists (Bezzenberger and Plakis) showed that in the nineteenth century the Kursenieku language was still a systematic geolect derived from a heterogeneous dialectal basis. The card also reflects the interaction of languages in the Curonian Spit.

Phonetic features reflect the dialects of Courland and the results of interaction with the neighbouring Lithuanian dialects in terms of phonomorphology and a relatively insignificant influence of the German language.

Morphology also contains archaic features of the dialects of Courland (the manifested declension paradigms, the old flections of nouns and the grades of adjectives, the preserved

Straipsniai / Articles

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DALIA KISELIŪNAITĖ

preterit forms of verbs, prepositions with plural forms). At the same time, the influence of the Lithuanian language (pronoun flections, verb tureti + inf., etc.) and the beginning of the influence of the German language, which manifests itself in the use of prepositions and compound verb forms, is observed. However, the effect of the German language cannot always be regarded as a dialect feature – for example, the often-repetitive use of tas, or the verb tureti in compound verb forms looks more like a fault of translation.

In the lexis there is a strong Lithuanian influence, especially from the neighbouring Samogitian dialects, next to the lexis inherited from Courland. The Kursenieki also adopted German and Slavic lexemes from Western Lithuanian dialects, and some common Baltic words absorbed the Lithuanian meaning. The direct influence of the German language on lexis is not always considered to be an authentic feature of the Kursenieku language, since some words or their meanings are not confirmed by later sources; a part of lexical and semantic Germanisms in the text arose due to literal translation. Some similarities with German language equivalents are not easy to interpret, because analogical features can be found in Latvian. This makes the determination of the time of their occurrence in the Curonian Spit difficult.

This is most applicable to syntax. Most of the translated sentences literally repeat the construction of the German original sentence, which is often not typical of the Baltic languages and sometimes makes the sentence hard to understand. However, there are exceptions – some natural, creative syntactic equivalents are found.

Due to the chosen method of language documentation (translation), the effect of German on the Kursenieku language in the 19th century should be carefully considered in this source, because the use of this method makes the literal transfer of the original almost inevitable.

Įteikta 2018 m. birželio 8 d.

DALIA KISELIŪNAITĖ

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Acta Linguistica Lithuanica LXXVIII

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