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Gintautas ČESNYS

Vilniaus universitetas

DIE LITAUISCHE ANATOMISCHE NOMENKLATUR

ABRISS IHRER GESCHICHTE

Die Grundlage der internationalen anatomischen Nomenklatur bilden lateinische und latinisierte griechische Wörter, die historisch überliefert oder neu im Geiste der antiken Sprachen gebildet wurden. Bezeichnungen arabischer und anderer Herkunft sind seltene Ausnahmen. Die Nomenklatur besteht aus Substantiven (ren) und deren Ableitungen mit Suffixen und Präfixen (renalis, retrorenalis); seltener entstehen hybride Formen, beispielsweise aus einem griechischen und einem lateinischen Wort (lymph nodus). Die Semantik lateinischer Termini hält die Eigenschaften der bezeichneten Objekte auf einer bestimmten Erkenntnisstufe fest; zugleich muss das System offen sein, um wissenschaftliche Erkenntnisse der Zukunft aufzunehmen. Wegen ihrer Beständigkeit und Genauigkeit war die lateinische Sprache jahrhundertelang die internationale Sprache der Wissenschaft. Obwohl ihre Bedeutung im 20. Jahrhundert etwas zurückging, blieb sie dennoch der Kern der medizinischen Nomenklatur, der ständig ergänzt und weiterentwickelt wird.

Andererseits lassen sich ein Ding oder ein Phänomen und ihr Wesen besser verstehen, wenn man sie in der Muttersprache benennt. Die Traditionen nationaler Nomenklaturen unterscheiden sich erheblich. Am einfachsten ist es, sich bei der Entwicklung einer eigenen Nomenklatur nicht anzustrengen, sondern die lateinische zu verwenden, wie es beispielsweise die Türken tun. Leider geht dabei die semantische Information verloren, die in lateinischen Wortverbindungen steckt und es ermöglicht, den Inhalt des beschriebenen Objekts zu verstehen; diese Information ist für das Erfassen des logischen Aufbaus der Termini notwendig. Eine zweite Möglichkeit besteht darin, lateinische Termini an Grammatik, Rechtschreibung und Aussprache der Muttersprache anzupassen. So verfahren Völker, deren Sprachen viele Wörter lateinischer Herkunft enthalten (Italiener, Franzosen, Engländer). In diesem Fall entfernt sich die Aussprache stark vom lateinischen Original, sodass ein derart entstellter Terminus für Angehörige anderer Völker schwerer verständlich ist. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, ein eigenständiges System muttersprachlicher Bezeichnungen zu schaffen, meist durch Übersetzung aus dem Lateinischen, jedoch unter Berücksichtigung der Tradition der Volkssprache. So verfahren unsere nächsten Nachbarn – Letten, Russen, Polen und Deutsche. Nationale anatomische Nomenklaturen gewährleisten ein bewusstes Verständnis lateinischer Wörter. Darüber hinaus sind sie ein großer Reichtum und ein Beitrag zur Muttersprache und zur allgemeinen Kultur des Volkes.

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Lietuviško anatomijos vardyno ištakomis reikia laikyti Konstantino Sirvydo (1579–1631) trikalbį (lenkų–lotynų–lietuvių) žodyną, kurio pirmasis leidimas išėjo apie 1620 m. (žinomas tik defektuotas egzempliorius be antraštinio lapo), fotografuotinis – 1997 m., o labiausiai paplitęs trečiasis Dictionarium trium linguarum – 1642 m., fotografuotinis – 1979 m. Jame užfiksuota gausi paveldėtoji lietuvių kalbos leksika, tarnybes, archaizmai, paties K. Sirvydo naujadarai, tarp jų ir iš medicinos, pvz.: negyvagimis, žinia paraikymo sąnarių (anatomija), karštinė (drugys).

Der lateinische Wörterbuchtext ermöglicht es, eine Brücke zwischen der Epoche von K. Sirvydas und unserer Zeit zu schlagen und abzuwägen, welche medizinischen und insbesondere anatomischen Bezeichnungen die ältesten sind und aus grauer Vorzeit stammen und welche ein Erzeugnis späterer Zeiten sind (Butrimaitė 2000). Die von K. Sirvydas verwendeten Wörter lassen sich in drei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe umfasst Bezeichnungen, die in die anatomische Nomenklatur eingegangen sind und bis heute verwendet werden: für den ganzen Körper (kūnas), seine einzelnen Teile (galva, kaklas, krūtinė, nugara, pilvas, šonas, ranka, koja), die Kopfregionen (veidas, smakras, kakta, momuo, pakaušis), die Gliedmaßenabschnitte (kirkšnis, šlaunis, blauzda, kelis, petys, alkūnė, delnas, pirštas, nykštys) sowie Systeme und Organe (oda, nagas, plaukas, ausis, burna, lūpa, dantis, gomurys, kaulas, sąnarys, širdis, inkstas, krūtis, bamba). Die zweite Gruppe besteht aus Wörtern, deren Bedeutung sich im Laufe der Zeit verengt, erweitert oder verändert hat (plaštaka – dabar ne palma, o manus; smegenys – tik medulla, bet ne gingivae). Die dritte Gruppe umfasst gute, aber in der anatomischen Nomenklatur nicht heimisch gewordene Wörter wie nugarkaulis (als Terminus durchgesetzt hat sich slankstelis), bruvis (– antakis), kiaušas (– kaukolė), rietas (– šlaunis), stomuo (– ūgis), jeknos (– kepenys), gysla (– nervas).

Pirmuosiuose profesionalios medicininės publicistikos bandymuose Vincas Kudirka (1858–1899) vartojo jau įsišaknijusius anatomijos pavadinimus (plaučiai, krūtinė, burna, dantys, žarnos, širdis, gysla (– vena), inkstai, smegenys, sąnariai), taip pat terminus (skilvis), gal ir savo sugalvotus, kurie vėliau neprigijo (dirksniai, driksniai, sunkė (– arterija), sunkinis kraujas, gyslinis kraujas ir kt.). Vincas Kudirka (Kudirka 1889, 1895) pirmasis mėgino pavadinti audinius žodžiu au-da, atkakliai ieškojo gleivinės, plėvės, dangalo lietuviškų terminų, tačiau ne visai vykusiai visus juos bendrino žodžiu plonė – smegenų plonės, pilvo slidplonė, pilvaplonė, plonės aplink širdį, jungplonė (– jun-

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ginė), gomurio plonė. Er mühte sich auch mit den Bezeichnungen für Rachen, Kehlkopf, Leber und Bauchspeicheldrüse ab und verwechselte sie weiterhin. Bemerkenswert ist die Suche nach einer Entsprechung für „Drüse“, die sich letztlich nicht durchsetzte: seilių, prakaito grumulelis oder grumutėlis.

Der unbestrittene Begründer der professionellen anatomischen Nomenklatur als System von Bezeichnungen war Jonas Basanavičius (1851–1927). Im Manuskriptenarchiv des Instituts für litauische Literatur und Folklore ist sein handschriftliches Werk „Materialien zur anatomischen und medizinischen Nomenklatur“ erhalten, das etwa 270 anatomische Bezeichnungen in russischer, lateinischer und litauischer Sprache sowie einige deutsche und polnische Entsprechungen enthält. Er verwendete ein offenbar russisches medizinisches Fachwörterbuch, stützte sich auf Wörter, die er von Menschen aus seiner Heimat (Pilviškiai, Skiriaudžiai und Marijampolė) gehört hatte, sowie auf das Wörterbuch von F. Kuršaitis (1806–1884) (1870, 1883, 1894). Das Material wurde wahrscheinlich gesammelt, nachdem Jonas Basanavičius nach Litauen zurückgekehrt war (etwa 1908–1912).

In den Entwürfen des Wörterbuchs finden sich Bezeichnungen für nahezu den ganzen Körper, seine Teile und Organe, die bereits seit der Zeit von K. Sirvydas verbreitet waren. Von neuen litauischen Wörtern dieser Art seien die von J. Basanavičius verwendeten sudėjimą, pašonę, sprandą, vidurius, pakinkį. erwähnt. Gelungen waren die Bezeichnungen für allgemeine Begriffe des Bewegungsapparats (griaučiai, antkaulis, kremzlė, raumuo, sausgyslė), für mit Knochenrelief und Gelenken verbundene Strukturen (vaga, skiauterė, a?tis, siūlė, maumuo, skliautas), einige Knochen (šonkaulis, mentė, noragas, priekalas), Objekte der Splanchnologie (Eingeweidelehre) (raukšlė, vartai, šner-vės, plaučiai, liežuvis, liežuvėlis, stemplė, tulžies pūslė, tiesioji žarna, taukinė, bambos virkštelė, makštis, varpa) sowie einige Körperflüssigkeiten (pra-kaitas, seilės, tulžis, sėkla). Wahrscheinlich geht auch der Gebrauch der Bezeichnungen prieširdžio, miego arterijos, ausies prieangio ir būgnelio für Vorhof, Halsschlagader, Vorhof des Ohres und Trommelfell auf J. Basanavičius zurück. Bemerkenswert ist, dass neben den Bezeichnungen für Geschlechtsorgane auch Synonyme aufgeführt sind, die heute vulgär klingen. Gesondert hervorzuheben sind die Bemühungen, eine neurologische Terminologie zu schaffen. Die von ihm verwendeten Termini mazgas, branduolys, vingis, smegenys, pailgosios smegenys, smegenėlės sind bis heute erhalten; von den Bezeichnungen für nervų (pridėtinis, veido, liežuvio ir nas-ry, liežuvį judinantis, akį judinantis, uoslės, regėjimo, trynukinis, klai-džiojantis) haben sich dagegen nur einige, und auch diese in veränderter Form, durchgesetzt. Den heutigen Bezeichnungen sehr nahe kommen solche von J. Basanavičius vorgeschlagene Benennungen wie akies duobė, terpietis, sėklinės pūšliukės, mergystės plėvutė, plonukės žarnos, pusapskritus kanalas, pilvinė plėvė, širdies plėvės, kryžius. Unter den interessanten, aber nicht heimisch gewordenen Termini seien genannt: gyvyslė (arte-

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Abb. 1. Faksimile des Manuskripts von J. Basanavičius

ria), Hirngefäßchen (nervus), Band (ligamentum), Lendenwirbel (columna vertebrarum), Stumpf, Steißbein (os coccygis), Kniescheibe (patella), Bogen (clavicula), Lockmittel (clitoris), Hodensack (scrotum), Zwerchfell (diaphragma), Zungenbändchen (frenulum linguae). Besonders zu erwähnen sind Auswuchs (processus) und Nervengeflecht (plexus), wohl genauer als die heute verwendeten Fortsatz und Plexus.

J. Basanavičiui gelang es nicht, Bezeichnungen für Teile des Fußes und der Hand, des Beckenknochens und der Hirnhäute zu finden; auch der Begriff für den Rachen war noch unklar, Milz und Bauchspeicheldrüse wurden verwechselt, und über lange Zeit wurde nach litauischen Entsprechungen für die Strukturen des Auges gesucht (man kannte noch nicht die Lederhaut, Hornhaut, Netzhaut, Aderhaut, Linse, Iris, Bindehaut). J. Basanavičiui gelang es nicht, cellula, cochlea, concha, ovarium, ductus ejaculatorius, epiglottis und andere Begriffe zu übersetzen.

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Abb. 2. Beispiel für die Wortbildung bei J. Basanavičius

lateinischer Wörter. Er bemühte sich sehr um die Übersetzung von glandula und schlug gleich mehrere Übersetzungsvarianten vor (gelaža, grumulus, žirnukas, virukas), während er liauką nur im Organismus von Schweinen für vorhanden hielt. Später setzte sich gerade die letztgenannte Bezeichnung durch.

Aus den Entwürfen des Wörterbuchs werden die Prinzipien der Terminusbildung von J. Basanavičius deutlich. Erstens verwendete er nicht übermäßig viele Adjektive mit dem Suffix -inis, sondern häufig den Genitiv eines Substantivs: Gesichtsnerv, Geschlechtsorgane, Ohrspeicheldrüse, Unterzungendrüse, Halsschlagader. Zweitens förderte er Ableitungen von Substantiven mit Präfixen: Hals – Nacken, Kniekehle – Kniekehle, Herz – Vorhof, Zahn – Zwischenzahn usw. Schließlich behielt J. Basanavičius einige offenbar sehr fest etablierte, schwer zu übersetzende lateinische Termini bei, wie es auch im heutigen anatomischen Nomenklator der Fall ist: Aorta, Arterie, Nerv, Organ, Prostata, Myologie, Osteologie, Syndesmologie, Splanchnologie. Übrigens übersetzte er nach Beratung vier Bezeichnungen für anatomische Fachgebiete recht gelungen (Lehre von den Muskeln, Knochen, Gelenken und Eingeweiden). Die heute etablierte Faszie übernahm J. Basanavičius nicht; stattdessen schlug er Muskelhaut vor.

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So krönte J. Basanavičius gleichsam jene Epoche in der Entwicklung unseres anatomischen Nomenklators, in der es in Litauen noch keine medizinische Hochschule gab und sich einzelne Enthusiasten um die Terminologie kümmerten.

Die rege Entwicklung des litauischen anatomischen Nomenklators, wie überhaupt der medizinischen Terminologie, begann mit der Gründung der Universität Litauens in Kaunas. Zunächst studierten die Medizinstudenten mit deutschen und russischen Lehrbüchern, sodass die Notwendigkeit entstand, Lehrbücher in der Muttersprache zu verfassen und damit auch litauische medizinische, vor allem anatomische Termini zu suchen. Sie wurden nicht nur von Anatomen, sondern auch von Physiologen, Pathologen, Klinikern und Naturforschern geprägt. In dieser Zeit treten die Verdienste unseres bedeutendsten Augenarztes Petro Avižonis (1875–1939) besonders eindrucksvoll hervor. Schon von Kindesbeinen an liebte er seine Muttersprache, pflegte Umgang mit Jonas Jablonskis (1860–1930) und anderen Sprachwissenschaftlern, verfasste zwei kleine Grammatiken, redigierte und übersetzte. P. Avižonis schuf einen hervorragenden Nomenklator des Auges, über den Pranas Skardžius (1899–1975) Folgendes sagte: „Man kann mit voller Überzeugung behaupten, dass er die medizinische Terminologie seines Fachgebiets besser geordnet hat als die aller anderen medizinischen Fachgebiete. Er war der einzige Mediziner, der sich, könnte man sagen, leidenschaftlich mit Sprachfragen beschäftigte“ (Skardžius 1939: 114). Der berühmte Augenarzt gehörte bereits seit 1920 der Terminologiekommission an, beriet sich häufig mit ihrem Vorsitzenden Jonas Jablonskis und dem Sprachwissenschaftler Juozas Balčikonis (1885–1969), was die tadellose Sprache seiner Schriften gewährleistete (Puzinas 1979). Bei der Entwicklung der anatomischen Nomenklatur des Auges lassen sich zwei Phasen unterscheiden: Mit dem Aufsatz Senatviškieji akių pakitimai (1929) etablierte P. Avižonis die Lederhaut, die Hornhaut, die Iris, die Pupille, den Glaskörper und die Aderhaut; in seinem berühmten Akių ligų vadove (1940), das erst nach dem Tod des Autors erschien, verwendete er den Ziliarkörper, die Netzhaut, die Linse, die Augenlider, den Tränensee, den Tränensack und die Augenhöhle. All diese Wörter setzten sich erstaunlich rasch durch; ihre hervorragende Wortbildung bleibt bis heute ein Maßstab für alle, die sich um die litauische Terminologie kümmern und kümmern werden.

Kaip nurodė Salezijus Pavilonis (1919–1998), reikšmingiausią vaidmenį tada atliko Jurgis Žilinskas (1885–1957), padedant Anatomijos instituto bendradarbiams (Pavilonis 1993). Jis dalimis paskelbė anatomijos vadovėlio metmenis (Neurologijos paskaitos, 1923; Osteologija ir sindesmologija, 1932; Splanchnologija, 1934). Pirmoje dalyje dar randame tik lotyniškus terminus, o kitose – jau ir lietuviškus, tokius, kurių dauguma vartojama iki šiol. Pažymėtina griežta J. Ži-

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…linsko und die Wortbildungssystematik seiner Mitarbeiter. So wurden Knochen meist mit zusammengesetzten Substantiven bezeichnet (Keilbein, Fersenbein usw.); einheitlich und nach demselben Prinzip erfolgte auch die Bildung der Bezeichnungen für seröse Häute (Bauchfell, Brustfell, Herzbeutel). Gelungene Bezeichnungen erhielten die Zähne (Schneidezähne, Eckzähne, Vormahlzähne, Backenzähne), die Gewebe (Bindegewebe, Epithelgewebe usw.); für viele komplexe Bezeichnungen wurden Adjektive mit der Endung -inis verwendet; analog dazu hießen die Verdauungs- und Atmungsapparate. Fest im Gebrauch etablierten sich die Bezeichnungen für innere Organe und ihre Teile, Kehlkopfknorpel, Drüsen sowie die Auskleidungen der Wände röhrenförmiger Organe. Hervorzuheben sind die gelungenen Substantive Schleimhaut, Muskelschicht sowie die durchdachte Gliederung des Darms.

Dennoch erfassten die ersten Lehrmittel für die Anatomie nicht den gesamten Fachwortschatz. Syndesmologie, Myologie und Neurologie blieben nahezu unberücksichtigt, und auch in der bereits weit fortgeschrittenen Splanchnologie bestanden noch Lücken: Inkonsistenzen ließen sich nicht vermeiden (manchmal wurden nur lateinische Termini angegeben – isthmus faucium, tunica fibrosa pharyngis usw.); statt des Genitivs eines Substantivs wurden zu häufig Adjektive verwendet (Gaumenbögen); es kamen misslungene Übersetzungen wie Eingang in den Magen, Ausgang aus dem Magen vor (d. h. Kardia, Pylorus), ebenso absteigender (d. h. descendierender) Teil des Zwölffingerdarms. S. Pavilonis zufolge wurde den kepenims zu Unrecht der Vorzug vor den jėknas gegeben; im Genitalbereich wurde gėda festgeschrieben. J. Žilinskas übersetzte cellula mit narveliu; die Bezeichnung lastėle wurde später von dem Biologen Jurgis Elisonas (1889–1964) eingeführt, der in der Zwischenkriegszeit mehrere Zoologielehrbücher verfasste.

Die von J. Žilinskas vorgeschlagenen Termini wurden von den naturwissenschaftlichen und medizinischen Autoritäten der Vytautas-Magnus-Universität unterschiedlich aufgenommen. Der Physiologe Vladas Lašas (1892–1966) und die Pathologin Janina Mackevičaitė-Lašienė (1897–1993) bezeichneten die Knochen weiterhin mit zwei Wörtern (Stirnbein, Hinterhauptbein, Schläfenbein), nannten den Magen «skilviu», prägten eigene Muskelbezeichnungen und beanstandeten einige Organbezeichnungen (z. B. Leber). Der Biologe Pranciškus Šivickis (1882–1968), der seine Ausbildung in den Vereinigten Staaten von Amerika abgeschlossen hatte, verwendete nach angelsächsischem Vorbild grammatikalisierte lateinische Bezeichnungen, obwohl es dafür bereits Entsprechungen in der Muttersprache gab (faringas, laringas, duodenas, uteras, sogar ekskrecijos duktai, deferentinis duktas usw.). Es überrascht keineswegs, dass sich diese Fremdwörter nicht durchsetzten, denn, wie wir sehen, widersprachen sie eindeutig der Tradition des litauischen Fachwortschatzes und seiner Bildung (Pavilonis 1993).

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Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlte es an litauischen Lehrmitteln, und es mangelte an Kräften, sie rasch zu erstellen. Daher griff man auf die Übersetzung eines guten Lehrbuchs von Vladimir Tonkov (1872–1954) aus dem Russischen zurück (Tonkovas 1957, 1958). Die wichtigsten Übersetzer, Salezijus Pavilonis und Artūras Jurgutis (1909–1967), leiteten eine neue Etappe ein, in der der anatomische Fachwortschatz grundlegend nach der Basler Nomenklatur (B.N.A.) geordnet wurde. Die Übersetzer ersetzten oder korrigierten einige Termini von J. Žilinskas (stuburkaulį ersetzten sie durch slankstelį, bevardį kaulą durch dubenkaulį, gėdikaulį durch gaktikaulį, pleištikaulį und kulnikaulį durch pleištakaulį und kulnakaulį), bildeten neue litauische Bezeichnungen für Gelenke und Bänder und entwickelten nach einem einheitlichen Prinzip Muskeltermini. Die meisten davon waren ziemlich genaue Übersetzungen der lateinischen Bezeichnungen; nur selten erhielten sie eine andere Bedeutung (z. B.: Kopfwender – m. sternocleidomastoideus, zweiköpfiger Wadenmuskel – m. gastrocnemius, Schollenmuskel – m. soleus usw.). Unter Nutzung der Erfahrung der Kaunasser Anatomin Jadvyga Dobrovolskaitė-Tiknienė wurden auch weitere myologische Termini neu erarbeitet; kraujo indai wurden durch die vom Physiologen Jonas Šopauskas (1900–1968) vorgeschlagene Bezeichnung krauja gyslės ersetzt, und Bezeichnungen für Teile, Kerne und Nerven des Gehirns wurden gebildet oder präzisiert (Pavilonis 1993).

Als Ende der 1950er-Jahre mit der Sammlung von Material für ein Wörterbuch litauischer medizinischer Termini begonnen wurde, nahm man sich erneut auch den anatomischen Fachwortschatz vor. S. Pavilonis und A. Vaitilavičius veröffentlichten einen Aufsatz (Pavilonis, Vaitilavičius 1959), der nicht nur Anatomen, sondern auch Sprachwissenschaftler und die gesamte medizinische Fachwelt dazu aufrief, einige der bis dahin vorgeschlagenen Bezeichnungen kritisch zu bewerten. Offenbar trugen diese Bemühungen später dazu bei, sowohl in Lehrbüchern als auch im heute vorgelegten Fachwortschatz Termini wie Sehhügel, Epithalamus, Hypothalamus, Trommelfell und Läppchen, Rücken (nicht Wirbel)mark, Hoden, Zwischenlappen, Zwischenwand, Zwölffingerdarm- und Hirnstamm (bulbus), Fuß (nicht Pfote), Periost (nicht apykau-lis), Ringknorpelmuskel usw. zu etablieren.

Die Autoren warfen auch einige umstrittene Fragen auf, die bis heute unbeantwortet geblieben sind. Erstens geht es um die Verwendung der Präfixe pa- und po-. Gestützt auf die Analogien von Achselhöhle, Kniekehle, Kinnregion, Unterbauch bestanden die Autoren nachdrücklich darauf, das lateinische sub- mit pa- und nicht mit po- zu übersetzen, wie es Sprachwissenschaftler vorschlugen und weiterhin vorschlagen. Vielleicht überwogen deshalb später im originalen litauischen Lehrbuch Adjektive mit dem Präfix pa-: paakinis, pasąnarinis,

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pasmegeninis, pamentinis, paodinis und viele weitere. Später suchte man einen Kompromiss und behielt in den meisten Fällen das für die Bedeutung „unterhalb“ spezialisierte Präfix po- für Neubildungen bei. Zweitens geht es um Schwankungen zwischen aktivem und passivem Partizip in attributiver Funktion sowie zwischen Letzterem und dem Genitiv eines Substantivs: verbindende oder verbindende Arterie, aufsteigende oder aufsteigende Aorta, durchbohrende oder durchbohrte, das Schienbein versorgende oder Schienbein-versorgende Arterien, Riech- oder Geruchsnerv, Kaumuskel oder Muskel des Kauens, Verdauungsapparat oder Apparat der Verdauung usw. Drittens wagten es die Autoren nicht, nachdrücklich slėsna und slėsnokauliai statt der ungenauen und mehrdeutigen Fußsohle und Mittelfußknochen vorzuschlagen; möglicherweise setzten sich deshalb später die letzteren Termini durch. Einige von S. Pavilonis und A. Vaitilavičius unterstützte Bezeichnungen etablierten sich später nicht. So schlugen die Autoren beispielsweise vor, plica mit Falte zu übersetzen und Furchen nur für altersbedingte Veränderungen des Gesichts und abnorme Schleimhautbildungen zu verwenden; durchgesetzt hat sich jedoch Furche, während Falten aus unerklärlichen Gründen nur für Bildungen der Synovialmembran der Gelenkkapsel verwendet werden. Valvula semilunaris wurde mit Halbmondklappe wiederzugeben vorgeschlagen; heute wird jedoch Semilunarklappe verwendet. Die Autoren schlugen After (anus) vor, doch blieb diese Bezeichnung lediglich ein Synonym für Ausgangsöffnung. Integumentum commune wurde offenbar dank der Bemühungen der Autoren im litauischen Lehrbuch mit allgemeine Körperbedeckung übersetzt; heute tendiert man zu Körperhülle. Die zeitweise verwendete Bezeichnung Überzug hat man inzwischen aufgegeben (vielleicht zu Unrecht?); beibehalten wurde die internationale Bezeichnung Zwerchfell.

Der sich allmählich etablierende anatomische Fachwortschatz wurde in A. Jurgučio Osteologija (1965) und im Lehrbuch für medizinische Fachschulen Žmogaus anatomija (1967) von A. Jurgutis und anderen an die Pariser Nomenklatur (P.N.A.) angepasst.

Ein weiterer Schritt zur Verbesserung des Fachwortschatzes erfolgte bei der Erstellung eines litauischen Lehrbuchs (Pavilonis ir kt. 1972, 1984), dessen Autoren die bedeutendsten litauischen Anatomen jener Zeit waren: Salezijus Pavilonis, Rimvydas Stropus (geb. 1936), Kazimieras Tamašauskas (1936–1998) und Adolfas Urbonas (1922–1995). Bei der Vorbereitung der zweiten Auflage (1984) kamen Vytautas Gavelis (geb. 1927) und Regina Mikėnienė (geb. 1931) hinzu. Bei der Überarbeitung der Termini verwendete man die Pariser Nomenklatur (1955) mit den Änderungen von New York (1960) und Wiesbaden (1965); in der zweiten Auflage wurden zudem die Änderungen von Tokio (1975) berücksichtigt.

Die wichtigsten anatomischen Termini wurden in das Wörterbuch medizinischer Termini (Astrauskas ir kt., 1980) aufgenommen, an dessen Erstellung auch viele Sprach-

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Der große Vorteil des Wörterbuchs besteht darin, dass es mit Akzenten versehen ist. Leider sind auch darin bedauerliche Ungenauigkeiten, Mehrdeutigkeiten und umstrittene Bezeichnungen nicht vermieden worden. Ein neues lateinisch-litauisches anatomisches Terminologiewörterbuch wurde für den Druck vorbereitet, das sich an der Ausgabe von 1998 der Terminologia Anatomica orientiert; darin wurde vieles zu vereinheitlichen und zu präzisieren versucht. Über den Erfolg dieser Arbeit wird erst die jüngere Generation von Lehrenden und Studierenden urteilen. Auch die Anatomen des 21. Jahrhunderts werden einiges zu tun haben, denn die Verbesserung kann nie abgeschlossen werden.

LITERATŪRA

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Pirmasis lietuvių kalbos žodynas. Konstantinas S i r v y d a s 1979: Dictionarium trium linguarum, Vilnius.

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AN ESSAY ON THE HISTORY OF LITHUANIAN ANATOMICAL TERMINOLOGY

Summary

The history of Lithuanian anatomical terminology begins in 1620, when a Polish-Latin-Lithuanian dictionary by Konstantinas Sirvydas (1579–1631) was published. In the first publicistic writings in medicine, Vincas Kudirka (1858–1899) used some anatomical terms that have survived until now. Jonas Basanavičius (1851–1927) started the creation of Lithuanian medical nomenclature as a system. Between the two world wars, Jurgis Žilinskas (1885–1957) and his colleagues tried to unify the system, and Petras Avižonis (1875–1939) quite successfully created terms in eye structure and ophthalmology in general. After the Second World war, Lithuanian anatomical terminology developed when translating Russian hand-books and preparing an authentic Lithuanian text-book of anatomy for university students (1972, 1984), as well as by working on the Dictionary of medical terminology (1988). Salezijus Pavilonis (1919–1998) and Kazimieras Tamašauskas (1936–1998) distinguished themselves especially. Nevertheless, Lithuanian anatomical terminology is far from perfect and future generations of anatomists will have much to do.

Gintautas ČESNYS Gauta 2002-06-06 Vilniaus universitetas, Medicinos fakultetas M. K. Čiurlionio g. 21, LT-2009 Vilnius E. paštas [email protected]

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