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TERMINOLOGIEARBEIT IN ESTLAND

Vortrag beim Seminar der baltischen Staaten Terminologiearbeit heute und in Zukunft in Litauen, Lettland und Estland

Die Esten, von denen nur eine Million Estnisch sprechen, waren ebenso wie die beiden anderen benachbarten baltischen Staaten mit Einschränkungen ihrer Sprache und dem Kampf für ihre Sprache konfrontiert. Die geringe Zahl der Sprecher könnte Anlass für strenge Regeln zur Sprachentwicklung und -planung sein; offenbar sind jedoch die meisten Sprachwissenschaftler der Ansicht, dass Sprache ein offenes System ist, das sich ständig verändert, und dass übermäßige Regulierung ihr nur schaden kann. Vielleicht ist die Terminologieplanung in Estland deshalb ein ungeregelter Prozess, und es gibt keine Institution, deren Entscheidung über einen estnischen Terminus für die Nutzer verbindlich sein könnte.

Dennoch muss der Staat die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Sprache erhalten bleibt und gedeiht. Es wurde ein detaillierter Siebenjahresplan erstellt Strategie zur Entwicklung der estnischen Sprache 2004–2010. In dieser Strategie sind die wichtigsten Entwicklungsziele der einzigen Amtssprache der Republik Estland nach ihrer Bedeutung geordnet. Ziel ist es, die estnische Sprache zu schützen, ihre kontinuierliche Entwicklung zu gewährleisten und die notwendigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie in allen Lebensbereichen im gesamten Gebiet Estlands funktionieren kann. Die Strategie legt Ziele und die erforderlichen Maßnahmen zur Erfüllung der festgelegten Aufgaben fest. Außerdem führt sie die Institutionen auf, die für die Umsetzung bestimmter Aufgaben verantwortlich sind. Die Umsetzung der Strategie wird vom Ministerium für Bildung und Forschung koordiniert; der Estnische Sprachrat überwacht und analysiert sie.

Ein Teil der Strategie sieht Terminologieplanung auf staatlicher Ebene vor. Darin wird festgestellt, dass Fachleute aus verschiedenen Bereichen an der Entwicklung der Terminologie interessiert und für diese Arbeit bereit sind. Die Terminologieplanung wird von der Estnischen Terminologievereinigung koordiniert. Die Terminologiekommissionen einiger Fachgebiete sind recht aktiv, doch ihre Beschlüsse sind für die Nutzer nicht verbindlich (bei Weitem nicht so wie die Beschlüsse der offiziellen lettischen Terminologiekommission). Für die Terminologieplanung sind folgende Ziele vorgesehen:

die Terminologie aller Wissenschafts- und Technikbereiche weiterzuentwickeln;

die Schaffung neuer Terminologie in wissenschaftlichen und Bildungseinrichtungen zu fördern,

Informationen über Terminologie zu verbreiten und auszutauschen,

Terminologiewörterbücher (in gedruckter und Online-Version) zu erstellen und zu veröffentlichen,

eine konstruktive Kritik an Terminologiewörterbüchern zu fördern und zu erläutern, wie sie effizient genutzt werden können,

der Rechtssprache besondere Aufmerksamkeit zu widmen,

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an der internationalen terminologischen Zusammenarbeit teilzunehmen und der estnischen Sprache dieselben Rechte, denselben Verwendungsumfang und dieselben Entwicklungsmöglichkeiten zu gewährleisten wie den anderen Amtssprachen Europas.

Die ausführenden Institutionen sind:

die Gruppe für Sprachplanung des Instituts für estnische Sprache,

Terminologiekommissionen verschiedener Fachgebiete,

der Estnische Terminologieverein (ETER),

das Estnische Zentrum für Rechtssprache (ELLC),

Universitäten und Hochschulen,

das Ministerium für Bildung und Wissenschaft,

die estnischen Sprachlehrstühle der Universität Tartu und der Pädagogischen Universität Tallinn.

Der Estnische Terminologieverein (ETER) (www.eter.ee). ETER wurde 2001 als gemeinnützige Organisation gegründet und wird daher nicht vom Staat finanziert (sondern ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge). ETER ist Mitglied der Europäischen Terminologievereinigung (EAFT). Den Vorstand leitet Arvi Tavastas, der auch dem EAFT-Vorstand und der Arbeitsgruppe der Vereinigung für Terminologieausbildung angehört. ETER vereint Menschen, die sich für Terminologiearbeit interessieren – Übersetzer, Terminologen und Fachleute verschiedener Gebiete. Auf der Website gibt es eine wertvolle Datenbank, in der eine Liste von Fachleuten aus verschiedenen Bereichen zu finden ist, die die estnische Terminologie ihres jeweiligen Fachgebiets entwickeln, sowie einen Überblick über die Ergebnisse der Terminologiearbeit in diesen Bereichen. Im Internet findet sich außerdem eine weitere Datenbank mit allen in Estland veröffentlichten Terminologie-Wörterbüchern (in gedruckter oder Online-Form). Diese Website ist der beste Ort, um Informationen über Terminologie und Terminologen zu finden. Bisher veranstaltete ETER jährlich eine große Terminologieveranstaltung: 2001 eine Sommerschule für Terminologie, 2002 eine Konferenz zur Theorie und Praxis der Terminologie und 2003 eine internationale Terminologiekonferenz (Informationen dazu finden sich auf der Website http://www.eter.ee/conference.html). Die Entwicklungsstrategie für die estnische Sprache sieht für den Verein folgende Aufgaben vor:

Entwicklung der Terminologie und Erstellung von Terminologiewörterbüchern,

Verbreitung terminologischer Informationen,

terminologische Bildung,

Kritik an Terminologiewörterbüchern,

Planung (Koordinierung) der Terminologiearbeit,

Teilnahme an der internationalen terminologischen Zusammenarbeit.

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Institut für estnische Sprache (ELI) (www.eki.ee). Lange Zeit war das Institut für estnische Sprache für die Terminologieplanung zuständig. Die hier tätigen Terminologen erstellen gemeinsam mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen Terminologiewörterbücher. Diese Arbeit wird meist im Rahmen von Projekten durchgeführt. Die Strategie zur Entwicklung der estnischen Sprache weist dem Institut folgende Aufgaben zu:

Terminologieausbildung,

Entwicklung der Terminologietheorie,

Erstellung von Terminologiehandbüchern und Lehrbüchern,

Erstellung von Terminologiewörterbüchern,

Entwicklung von Sprachwerkzeugen.

Universitäten. Informationen über estnische Universitäten, die im Bereich Terminologie tätig sind, finden sich auf den Websites: Technische Universität Tallinn (TTU) – www.ttu.ee, Universität Tartu (TU) – www.ut.ee, Pädagogische Universität Tallinn (TPU) – www.tpu.ee. Alle estnischen Universitäten tragen zur Entwicklung der Terminologie bei, doch nur an zwei von ihnen – TU und TPU – wird Terminologie gelehrt. An der Universität Tartu wird seit mehreren Jahrzehnten ein 40-stündiger Kurs Terminologiemanagement (Terminology Management) für Studierende der estnischen Philologie angeboten, in dem die Geschichte der estnischen Terminologie und die grundlegenden Prinzipien der Terminusbildung gelehrt werden. Die Terminologietheorie wird in diesem Kurs nicht behandelt. Seit 2002 hält Arvi Tavastas an der TU und der TPU einen obligatorischen 80-stündigen Kurs Terminologiemanagement für Masterstudierende im Übersetzungsstudium. Ziel dieses Kurses ist es, die Studierenden mit dem Fachgebiet Terminologie vertraut zu machen, Fähigkeiten zur kritischen Nutzung von Terminologiequellen zu vermitteln und sie in die Erstellung von Terminologiedatenbanken einzuweisen. Zu den Hauptthemen gehören Gemeinsprache und Fachsprache, systematische und fachspezifische Terminologiearbeit, normende und beschreibende Terminologiearbeit, die Grundsätze der Auswahl und Bildung estnischer Termini sowie deren Vergleich mit den Fremdsprachen, die auf die estnische Sprache einwirken, die kritische Analyse von Terminologiequellen – Wörterbüchern (gedruckten und elektronischen), Korpora und Vorschlägen von Fachleuten aus verschiedenen Bereichen –, die Zusammenarbeit mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen, Software für Terminologiedatenbanken, deren Auswahl und Nutzung, Terminologietheorien, Schulen und bedeutende Autorinnen und Autoren. Zu den Methoden gehört, dass die Kursteilnehmenden ein Terminologiewörterbuch aus einem beliebigen Fachgebiet schriftlich kritisch untersuchen und an Übungen teilnehmen müssen. In den Übungen werden Terminologiedatenbanken mit Trados Multiterm und von den Studierenden ausgewählten Programmen erstellt. In den Seminaren werden Terminologietheorien kritisch behandelt und mit praktischen Erfahrungen verglichen. Die Kenntnisse der Studierenden werden

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mit einem schriftlichen Test bewertet, der sowohl theoretische Fragen als auch praktische Aufgaben umfasst. Für die Endnote müssen eine Wörterbuchanalyse verfasst und die Seminare besucht werden.

Pflichtlektüre:

Cabré, Maria Teresa. Terminology: Theory, methods and applications, Amsterdam-Philadelphia: John Benjamins, 1999.

Erelt, Tiiu. Estonian Terminology, Tallinn: Valgus, 1982.

Tavast, Arvi. Estonian Terminological Dictionaries 1996–2000. – Keel ja Kirjandus, 2002 6 7.

Zusätzliche Lektüre:

Cabré, Maria Teresa. La terminologie: théorie, méthode et applications, Ottawa, Paris: Presses de l’Université d’Ottawa, Armand Colin, 1998.

Cabré, Maria Teresa. La terminología: Representación y comunicación, Barcelona: Universitat Pompeu Fabra, 1999.

Handbook of Terminology Management. Compiled by Sue Ellen Wright. Gerhard Budin. Amsterdam-Philadelphia: John Benjamins, 1997.

Sager, Juan C. A Practical Course in Terminology Processing, Amsterdam-Philadelphia: John Benjamins, 1990.

Temmerman, Rita. Towards new ways of terminology description: the sociocognitive approach, Amsterdam-Philadelphia: John Benjamins, 2000.

Wüster, Eugen. Einführung in die allgemeine Terminologielehre und terminologische Lexikographie, Kopenhagen Fachsprachliches Zentrum, 1985.

Erwähnenswert ist, dass 2002 die ISO-Normen für terminologische Arbeit ins Estnische übersetzt wurden (ISO 1087 1 & 2: 2000).

Estnisches Zentrum für Rechtssprache beim Justizministerium (ELLC)

(www.legaltext.ee) wurde 1995 auf Initiative estnischer Kanadier gegründet, damit estnische Rechtsakte sachgerecht ins Englische übersetzt werden. Bald begann das Zentrum, EU-Rechtsakte (acquis) ins Estnische zu übersetzen. Nach estnischem Vorbild wurde das Lettische Übersetzungs- und Terminologiezentrum gegründet. Das ELLC betreibt seit seiner Gründung terminologische Arbeit. Die Terminologieabteilung erstellt eine begriffsorientierte Datenbank namens ESTERM, in der 50.000 Termini gespeichert sind. Bei der Erstellung dieser Datenbank wirken 800 Fachleute aus verschiedenen Bereichen als Experten mit. Sie kann als das wichtigste Zentrum der estnischen Terminografie gelten. Die Terminologieabteilung leitet außerdem mehrere Terminologieprojekte (zum Beispiel NATO- und Militärterminologie, EUROVOC) und hat mehrere kleinere Online-Datenbanken erstellt. Nachdem Estland im Mai 2004 EU-Mitglied geworden war und die Übersetzung des acquis ins Estnische abgeschlossen hatte, wird das Zentrum neben den Übersetzungen sein Hauptaugenmerk auf die Prüfung von Es-

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lands Rechtsdokumententwürfen richten und systematisch im Bereich der Rechtssprache arbeiten. Die Terminologieabteilung beginnt mit dem Aufbau einer neuen Datenbank für Rechtsterminologie, bietet terminologische Unterstützung an und schult alle staatlichen Institutionen in Rechtsterminologie und Terminografie. Bei Bedarf werden Terminologiewörterbücher herausgegeben. Das Zentrum wird sich auch weiterhin gemeinsam mit anderen staatlichen Institutionen an Terminologieprojekten beteiligen.

Estnische Terminologen unterhalten gute Beziehungen zu INFOTERM und IITF. Derzeit wird erwogen, ob eine Mitgliedschaft bei NORDTERM angestrebt werden sollte. Estland würde den Wunsch der lettischen und litauischen Terminologen begrüßen und unterstützen, der EAFT beizutreten. Die internationale terminologische Zusammenarbeit soll durch die zweite internationale Terminologiekonferenz gefördert werden, die im Dezember 2003 in Lissabon stattfindet: Stand der Theorien (http://www.fcsh.unl.pt/termip/cit2003/indexen.htm), das Terminologietreffen im November 2004 in Barcelona und die für den Sommer 2005 in Berlin geplante Terminologiekonferenz.

Vorschläge zur Zusammenarbeit. Die beste Form der Zusammenarbeit ist ein regelmäßiger Informationsaustausch. Angesichts dessen, dass die terminologische Arbeit in den EU-Institutionen künftig anders als in den vergangenen Jahrzehnten üblich fortgeführt wird (Stellen für Terminologen wurden gestrichen, Terminologen arbeiten nicht mehr an der IATE-Datenbank), sollte überlegt werden, wie den Übersetzern aus Estland, Lettland und Litauen in Brüssel und Luxemburg bei terminologischen Problemen geholfen werden kann, da die von ihnen übersetzten Dokumente zu Rechtsakten unserer Staaten werden.

Hiie TAMM

Estnisches Zentrum für Rechtssprache

Tõnismägi 8, Tallinn 10119 Estonia

E-Mail [email protected]

Eingegangen am 2003-11-12

Übersetzt von Jolanta GAIVENYTĖ-BUTLER

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