Page 1Herman Kölln, Oppositions of Voice in Greek, Slavic, and Baltic, København, 1969, 65 S.
In seiner Arbeit „Die Oppositionen des Genus verbi im Griechischen, Slawischen und Baltischen“ untersucht der dänische Linguist Herman Kölln Fragen der semantischen Differenzierung der Präteritalbildungen der genannten Sprachen. Der Autor beschränkt sich auf einige Präteritaltypen und analysiert detailliert nur diejenigen, die seiner Feststellung nach den baltischen, slawischen und griechischen Sprachen gemeinsam waren. Die Schlussfolgerungen von H. Kölln sind so bedeutsam, dass es sich lohnt, jene Kapitel des Buches ausführlicher zu kommentieren, in denen die baltischen Sprachen am häufigsten behandelt werden.
Verwandte, einwurzelige Verben haben, wie bekannt, in den baltischen Sprachen gewöhnlich zwei Präterita: eines mit dem Formans -ē-, ein zweites mit dem Formans -ā- (vgl. keitė: ki-to). Dieser Opposition entspricht im Präsenssystem eine Opposition zwischen Nasal- oder sta-Stammverben und je | o-Stammverben, auf der Inhaltsebene eine Transitivitäts-Intransitivitäts-Opposition. Vor diesem Hintergrund lässt sich das von H. Kölln aufgeworfene und behandelte Problem folgendermaßen formulieren: Kann die Opposition zwischen dem ē-Präteritum und dem ā-Präteritum der baltischen Sprachen aus der Opposition zwischen sigmatischem Aorist und starkem Aorist in den slawischen und griechischen Sprachen hervorgegangen sein?
Vor Beginn des Kommentars ist darauf hinzuweisen, dass in H. Köllns Hypothese die von ihm herausgearbeitete semantische Opposition von Effektivität und Ineffektivität eine wichtige Rolle spielt. Sie betrifft unmittelbar den Bereich des Genus (der Diathese) und drückt das Verhältnis des Handelnden zur Handlung und zum Handlungsobjekt aus. Eine Handlung, die im Hinblick auf das Objekt unwesentlich ist, auf das Objekt keine Wirkung hat und nach deren Abschluss das Objekt unverändert bleibt, nennt H. Kölln ineffektiv (ineffective). Umgekehrt gelten ihm Verben, die eine Handlung bezeichnen, bei der das Objekt geschaffen wird oder seinen Zustand verändert, als effektiv (effective). Es ist leicht zu erkennen, dass es sich hier in Wirklichkeit um die aus anderen indogermanischen Sprachen (dem Griechischen, den indoarischen Sprachen) wohlbekannte Gegenüberstellung von medialem und aktivem Genus handelt. Eine solche Unterscheidung zwischen ineffektiven und effektiven Verben ist durchaus begründet, da sie die semantischen Beziehungen zwischen Verben tiefer erfasst und genauer zum Ausdruck bringt. So ist es angemessener, die Nasal- und sta-Stammverben der baltischen Sprachen als ineffektiv zu bezeichnen: Der Begriff „Intransitivität“ ist zur Beschreibung ihrer Inhaltsebene eindeutig zu eng, denn darunter finden sich auch transitive Verben, vgl. jūnita, rañda.
Unter dem Gesichtspunkt der Opposition von Ineffektivität und Effektivität untersucht H. Kölln im Folgenden die Semantik einzelner Typen, zunächst des ā-Präteritums und anschließend auch des ē-Präteritums.
Das ā-Präteritum haben bekanntlich alle Nasal- und sta-Stammverben der baltischen Sprachen. Semantisch betrachtet sind sie, wie bereits erwähnt, intransitiv, bisweilen transitiv, häufig inchoativ, aber stets ineffektiv. Folglich hat auch ihr ā-Präteritum eine ineffektive Bedeutung. Das ā-Präteritum wird auch bei Verben des Typs keṛta, kiṛto verwendet. Semantisch scheinen diese Verben nur am Rande mit den Nasal- und sta-Stammverben verbunden zu sein. Einige von ihnen sind intransitiv, vgl. sniēgti | sniēga, brēda, slēnka, leñda, telpa, sērga. Sie bezeichnen langsame Bewegung und unterscheiden sich damit von der Mehrzahl der Nasal- und sta-Stammverben; doch auch sie können solche sein, vgl. sniñga, brēda, dial. slīnksta, tilpsta. Andere Verben dieses Typs sind zwar transitiv, dennoch ebenfalls ineffektiv, vgl. lieka, perka, perša, renka, velka, denn sie bezeichnen keine Veränderung des Objekts; das Objekt bleibt unverändert. kreñta, kērpa, kērta bezeichnen destruktive Handlungen. Eindeutig effektiv sind nur kemša, melža (Prät. milžo) und treñkia.
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Page 2Su kêrta, kirto-Typ von Verben sind ihrer Flexion nach solche Verben mit Ablaut verwandt wie dial. dėla, dilė, dial. svėla, svilė, dial. gema, gimė, mėna, minė, gėna, ginė, vėja, vijo. Das ältere ā-Präteritum dieser Verben ist in alten Wörterbüchern (z. B. gimau in den Wörterbüchern von Milkė und Nesselmanno) sowie im Lettischen belegt, vgl. dilu, svilu, dzinu (ā).
Das ā-Präteritum hat auch eine Gruppe von Verben mit e/o-Präsens und akutiertem Wurzelvokal, vgl. augo, bėgo usw.
Im Litauischen und Lettischen finden sich Fälle, in denen das Präteritalformans ā nicht aufgrund semantischer Faktoren entstand, sondern in Abhängigkeit von lautlichen Eigenschaften generalisiert wurde. Im Litauischen findet sich das ā-Präteritum heute überall nach j. Verallgemeinert wurde es offenbar auch bei Verben des Typs lipa, lipo, wo es ein älteres ē-Präteritum ersetzte, das in den Dialekten noch erhalten ist (lipė): Das ā-Formans, das gewöhnlich mit der Nullstufe der Wurzel assoziiert wird, konnte hier leicht auftreten, weil Verben dieses Typs gerade den Schwundstufenvokalismus der Wurzel aufweisen.
Folglich bilden die Verben der untersuchten Typen eine semantisch definierte Verbgruppe, deren vorherrschende Bedeutung ineffektiv ist. In morphologischer (oder morphonologischer) Hinsicht schließen sich ihnen einige Verben an, die destruktive Handlungen bezeichnen. Die Verben der untersuchten Typen haben oder hatten ein Präteritum mit dem Formans ā, dessen Bedeutung demnach ebenfalls ineffektiv ist. H. Kölln stellte fest, dass in den Präteritalsystemen des Slawischen und Griechischen der starke (Wurzel- und e/o-)Aorist eine ineffektive Bedeutung hat. Dass das baltische ā-Präteritum historisch mit dem starken Aorist des Slawischen und Griechischen zusammenhängt, weist H. Kölln überzeugend anhand etymologischer Parallelen nach. So haben slawische Nasalverben gewöhnlich einen e/o- (thematischen) Aorist, vgl. sędą: Aor. sědo, „ich setzte mich“. Lit. lieka, liko entspricht hinsichtlich der Flexion genau gr. Präs. λείπω „ich lasse zurück, werfe“, Aor. ἔλιπον „ich ließ zurück, warf“. Destruktive Verben, die auf den ersten Blick H. Köllns Hypothese zu widersprechen scheinen, stützen sie in Wirklichkeit, denn im Griechischen ordnen sie sich mit ihrem e/o-Aorist wie im Baltischen ebenfalls den ineffektiven Verben zu, vgl. lit. kirto, kirpo und gr. ἔταμον „ich schnitt, hieb“; krimto und gr. ἔδακον „ich biss, nagte“. Entsprechungen der Verben des Typs auga, augo haben im Slawischen und Griechischen durchweg einen thematischen Aorist, vgl. bėgo, sl. běgo, puolo, sl. padъ, sėdo, sl. sědъ usw., kando, gr. ἔδακον „ich biss, nagte“. Die logische Schlussfolgerung aus diesen Entsprechungen, die H. Kölln auch zieht, lautet, dass die Verben der untersuchten Typen in den baltischen Sprachen früher ebenfalls einen starken (Wurzel- und thematischen) Aorist hatten.
Das ā-Präteritum war früher offenbar auch für Verben des Typs kāsa, kāšė charakteristisch, d. h. für Verben mit a-Präsens und a-Wurzelvokalismus. Ihre alten Präterita lako (Inf. lakti), rako (Inf. rakti), kaso, baro, kalo, malo, aro, kavo, šavo finden sich in älteren Grammatiken, in Dialekten und im Lettischen. Zu diesen Verben ist anzumerken, dass das Präteritalformans ā hier, anders als bei den zuvor genannten ineffektiven Verben, mit einer effektiven Bedeutung verbunden ist. Verben des Typs kāsa, kāšė bezeichnen eine andauernde, rhythmisch wiederholte Handlung, also eine Handlung, die für die ursprünglichen Verben mit o-Vokalismus charakteristisch war.
Im Zusammenhang mit dem ā-Präteritum behandelt H. Kölln anschließend Verben mit einem sogenannten „zweiten“ Stamm auf ā, vgl. ieško (Univ. ieszku), ieškojau, ieškoti. Verben dieses Typs, die im Stamm die Normalstufe des Ablauts aufweisen und einen Zustand bezeichnen, stehen den inchoativen Nasal- und sta-Stammverben mit Schwundstufe gegenüber, vgl. ieško: dial su-ýška. Verben mit einem zweiten-
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Page 3Der ā-Stamm ist in den slawischen Sprachen umfassender vertreten, vgl. iska, iskachǫ, iskati. Eine Gruppe dieser Verben mit einem je/o-Präsens bezeichnet eine lang andauernde, rhythmisch wiederholte Handlung, vgl. posati „schreiben“, lozati „lecken“, tesati „behauen“, stenati „stöhnen“ usw. H. Köllnas Ansicht nach war gerade diese kontinuative Bedeutung der Grund dafür, dass Verben mit einem je/o-Präsens und dem Infinitiv auf -ati aus dem starken Aorist perfektiver (vollendeter) Verben gebildet wurden, z. B. emljǫ, imati aus jьetъ „nehmen“ (2.–3. Sg. Aor. jьetъ), dušǫ, dъchati aus dъchnǫti „atmen, hauchen“. Verben mit normalstufigem Vokalismus und einem zweiten ā-Stamm gibt es nur fünf (miegōti, giedōti, raudōti, ieškōti, saugōti); offenbar blieb dieser Verbtyp im Gegensatz zu den slawischen Sprachen in den baltischen Sprachen unterentwickelt. Daher haben baltische Verben, die den Entsprechungen in den slawischen Sprachen zufolge einen zweiten ā-Stamm hätten erhalten müssen, dieses ā häufig nur im Präteritum, was offenbar einen archaischeren Zustand darstellt. Schon früher war Forschern aufgefallen, dass baltische ā-Präterita in bestimmten Fällen slawischen Verben mit einem zweiten ā-Stamm entsprechen, vgl. kāvo, kāuti, sl. kovati, lāko, lākti, altostsl. lokati, kāso, kāsti, sl. česati. Daraus lässt sich leicht schließen, dass der zweite ā-Stamm (*ieškā-ti) im Baltischen und Slawischen durch Generalisierung des indikativischen Präteritalsuffixes -ā- (Prät. *ieškā-) entstand. Da, wie erwähnt, Verben mit einem zweiten ā-Stamm im Baltischen und Slawischen kontinuierliche, rhythmisch wiederholte Handlungen bezeichnen, ist die Annahme naheliegend, dass das alte ā-Präteritum eine kontinuative Bedeutung hatte.
Die meisten baltischen Verben mit ā-Präteritum, vor allem Nasalpräsentien und sta-Stämme, bezeichnen jedoch nicht die Fortdauer einer Handlung oder eines Zustands, sondern den Eintritt eines Zustands. Es stellt sich die Frage, wie sich erklären lässt, dass diese Verben, die inchoativ-ineffektiv sind und früher, wie H. Köllna annimmt, einen e/o-Aorist hatten, im Baltischen nun regelmäßig ein ā-Präteritum aufweisen, das früher eine kontinuative Bedeutung hatte. Auf diese Frage antwortet H. Köllna: „Wir müssen anerkennen, dass e/o-Aorist und ā-Präteritum früher nebeneinander bestanden, dass diese Verben sowohl einen e/o-Aorist als auch ein ā-Präteritum erhielten und dass zwischen diesen beiden Präteritumstypen ein semantischer Kontrast bestand, solange der thematische Aorist noch lebendig war. Erst nachdem der e/o-Aorist, vermutlich aus phonologischen Gründen, verschwunden war und das ā-Präteritum zum einzigen Präteritum dieser Verben geworden war, eignete es sich dazu, alle Präteritalfunktionen zu übernehmen. Was den konkreten Charakter der Opposition zwischen diesen beiden Präterita betrifft, so glaube ich, dass es sich um eine Aspektopposition auf der Ebene des Präteritums handelte, ähnlich der aus anderen Sprachen bekannten Opposition zwischen Aorist und Imperfekt … Die kontinuative Bedeutung des ā-Präteritums lässt mich hier eine Aspektopposition annehmen; dem anderen Präteritum, in casu dem e/o-Präteritum, entgegengesetzt, spielte das ā-Präteritum wahrscheinlich die Rolle eines Imperfekts“ (S. 41).
Vergleichen wir die Aorist-Imperfekt-Opposition in den slawischen Sprachen mit den entsprechenden baltischen Daten, so sehen wir, dass die in den slawischen Sprachen als Aoriste bekannten Präterita im Baltischen verschwunden sind und dass sich dort die alten Imperfekte erhalten haben, die eng mit den slawischen Imperfekten verwandt sind. Forschern war schon seit Langem aufgefallen, dass die baltischen Präterita ieškojo und sėdėjo den slawischen Imperfekten iskaaсhъ, sěděachъ ähnlicher sind als den Aoristen iskachъ, sěděchъ. Analog dazu erinnert auch das baltische ē-Präteritum vėdė eher an das slawische Imperfekt veděachъ (Aor. vesъ).
In den slawischen Sprachen haben Imperfekte, die von Verben mit starkem (Wurzel- oder e/o-)Aorist gebildet sind, das Formans -ēachъ. Nach H. Köllnas Hypothese, dass im baltoslawischen Dialekt ā-Imperfekte von denselben Verben gebildet wurden wie die starken Aoriste, wären hier eher Imperfekte mit dem Formans -aachъ zu erwarten. H. Köllna beseitigte diese Diskrepanz und zeigte recht überzeugend, dass aus historischer Sicht die baltischen ineffektiven-
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Page 4inchoativen Verben mit ā-Präteritum mit den slawischen imperfektiven (unvollendeten) Verben auf -ati zusammenhängen. So hat sl. dušą, dėchati einen zweiten Stamm dōcha-, der sich auch hinsichtlich des Wurzelvokalismus mit dem Präteritum der baltischen Nasalpräsentien und sta-Stämme dūso vergleichen lässt. Man kann annehmen, dass der slawische zweite Stamm mit -ā- das imperfektive ā-Präteritum oder ā-Imperfekt der baltoslawischen inchoativen Verben fortsetzt, das im Baltischen als dūso reflektiert ist. Der zweite Stamm mit -ā- (dōcha-) wurde im Slawischen wahrscheinlich erst dann mit dem je/o-Präsens assoziiert (vgl. dušą), als diese stativen Verben als imperfektiv reinterpretiert worden waren.
H. Köllna ist der Ansicht, dass die Anfangsstadien der Imperfektbildung im Baltischen und Slawischen gemeinsam waren. Das ā-Präteritum, das zunächst nur als Präteritum kontinuativer Verben (ieškoti, iškati) diente, breitete sich allmählich aus und gewann eine spezifischere Bedeutung, indem es zu einem imperfektiven Präteritum oder Imperfekt wurde (dūso, dōcha-), das dem starken Aorist inchoativer Nasalpräsentien entgegengesetzt war (dūsta, duńsa, dōchna). Nachdem sich die Aorist-Imperfekt-Opposition bei den inchoativen Verben endgültig etabliert hatte, wurden auch die kontinuativen Verben selbst auf der Ebene des Präteritums aspektuell differenziert: Ihr ā-Präteritum spaltete sich in einen Aorist iškachō und, nach erneuter Anfügung des Formans -ā-, in ein Imperfekt iskaa-chō. Im Slawischen wurde das ā-Präteritum (dōcha-) jedoch, wie erwähnt, mit dem je/o-Präsens (dušą) assoziiert, wodurch es seinen Charakter als Imperfekt verlor und zum selbständigen Präteritum der (imperfektiven) Verben wurde. Das Ergebnis dieser Veränderung war nicht nur die Entstehung eines zweiten ā-Stamms, sondern auch, dass imperfektive Verben des Typs dušą, dōchati dem Muster der kontinuativen Verben folgten und ihr Präteritum mit -ā- zu einem deutlich ausgeprägten Imperfekt mit -ā- (aus *-ājā-) weiterentwickelten.
H. Köllna beginnt seine Analyse der ē-Präteritumstypen mit Verben des Typs lēsa, lēsē. Diese Verben haben ein e/o-Präsens und ein ē-Präteritum und gehören zu einer besonderen Klasse transitiver Verben. Da sie (mit Ausnahme von sėkti) die Veränderung oder Herstellung eines Objekts bezeichnen, lässt sich vermuten, dass sie aus einer Klasse effektiver Verben hervorgegangen sind. Die entsprechenden slawischen Verben sind ebenfalls effektiv und haben einen sigmatischen Aorist, vgl. vėsō „ich führte“, nėsō „ich trug“, grēsō „ich hütete“ (Praes. grebą), basō „ich stach“ (Praes. bodą). H. Köllna nimmt an, dass diese Verben im Baltischen ebenfalls einen sigmatischen Aorist hatten, da der sigmatische Aorist im Griechischen und Slawischen eine effektivische Bedeutung hat.
Eine weitere Verbgruppe, bei der das ē-Präteritum verwendet wird, bilden Verben auf je/o. Die meisten von ihnen sind transitiv und haben neben sich wurzelgleiche Nasalpräsentien und sta-Stämme mit intransitiver Bedeutung. Daneben finden sich unter den Verben auf je/o jedoch auch solche, die sich hinsichtlich der Diathese nicht von Nasalpräsentien und sta-Stämmen unterscheiden; mit anderen Worten, wie diese sind sie ineffektiv. In diesem Fall bilden sie mit letzteren eine Zustands-Inchoativ-Opposition, vgl. jaučia: junta. Beachtenswert ist H. Köllnas Versuch, die Verteilung der Verben auf je/o zu bestimmen – transitive-effektive versus stative-ineffektive: Wenn das Subjekt von Nasalpräsentien und sta-Stämmen eine Person oder zumindest ein Lebewesen (belebtes Subjekt) ist, sind die entsprechenden je/o-Verben stativ (zustandsbezeichnend), vgl. junta: jaučia, pra-virsta: verčia. Ist ihr Subjekt unbelebt oder passiv (z. B. eine schlafende Person), sind die entsprechenden Verben auf je/o transitiv (effektiv), vgl. plýšta: plėšia, lūžta:
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Page 5bricht. Diese Regel, obwohl sie den semantischen Unterschied zwischen den beiden Verbgruppen je/o recht gut verdeutlicht, scheint nicht besonders gelungen zu sein, denn es ist nicht immer leicht zu sagen, ob das Subjekt belebt oder unbelebt ist; außerdem haben in Einzelfällen – die auch H. Kölln selbst bemerkte – neben den Infix- und sta-stämmigen Verben sowohl transitive als auch stative Verben mit je/o-Stamm Platz, vgl. švinta: šviečia, šveičia.
H. Kölln nimmt an, dass die transitiv-effektiven Verben mit je/o-Stamm in den baltischen Sprachen früher einen sigmatischen Aorist haben konnten, da die entsprechenden Verben in den slawischen Sprachen eben diesen aufweisen, vgl. Präs. bljudą: Aor. bljušь „ich beobachtete“ (verwandt mit lit. baudžia: baudė). Bei den stativen (ineffektiven) Verben mit je/o-Stamm liegen die Dinge jedoch ungünstiger: ihr je/o-Präsens ist vielleicht alt, da es auch durch die slawischen Sprachen belegt ist, vgl. emlją „ich nehme“, dušą „ich ersticke“, doch lässt sich kaum annehmen, dass es hier auch einen sigmatischen Aorist gab, selbst wenn dieser hinsichtlich seiner Bedeutung unmarkiert gewesen wäre, denn die entsprechenden slawischen Verben haben hier einen zweiten ā-Stamm, vgl. imati, dočati.
Überraschend ist, dass diese transitiven (effektiven) Verben in den baltischen Sprachen ein je/o-Präsens haben: In anderen Sprachen haben sie ja ein e/o-Präsens, das sich offenbar auch für die indoeuropäische Ursprache rekonstruieren lässt, vgl. baudžia, aber slaw. bljudą, gr. πεύθομαι, altind. bódhati; verčia, aber lat. verto, altind. vártate. Das Auftreten eines e/o- bzw. je/o-Präsens bei Verben mit transitivem ē-Präteritum hängt offenbar von der Wurzelstruktur ab: Ein e/o-Präsens bewahrten nur Verben mit der Wurzelstruktur TeT-, während Verben mit der Wurzelstruktur T(e)RT- ein je/o-Präsens erhielten (sofern sie das ē-Präteritum bewahrten), vgl. neša, aber baudžia, verčia. Voraussetzung für eine solche Differenzierung der Präsensstämme könnte ein unterschiedliches Verhältnis der Verbalwurzeln zum Ablaut gewesen sein. Wurzeln des Typs TeT- nehmen nicht am Ablaut teil, während Wurzeln des Typs TeRT- leicht zu morphologischen Nullstufen werden. Nur bei Wurzeln des letzteren Typs konnten nach Transitivität oppositionelle Paare entstehen. H. Kölln meint, dass die Diathesenoppositionen im Präteritumsystem, d. h. der Unterschied zwischen dem ē- und dem ā-Präteritum (vgl. vertė: virto) beziehungsweise zwischen sigmatischem und starkem Aorist, auch die Differenzierung der Präsensstämme motivierten. Ein sigmatischer Aorist mit effektiv-transitiver Bedeutung, an dessen Stelle sich nach H. Kölln später in den baltischen Sprachen das ē-Präteritum entwickelte, konnte im Präsenssystem nur mit dem je/o-Stamm assoziiert werden, weil der e/o-Stamm bei Infixverben, Verben auf sta sowie einigen anderen intransitiven Verben des Typs švīta vorkam. Die transitive Bedeutung verband sich allmählich mit dem je/o-Präsensstamm. Erst später wurde der je/o-Stamm zum produktiven Modell für transitive Verben, als die alten e/o-Präsensformen durch je/o-Präsensformen ersetzt worden waren. Voraussetzung für diesen Austausch der Präsensstämme und die Entstehung des eben erwähnten Modells waren jene transitiven Verben, die, wie sich aus ihren etymologischen Entsprechungen im Slawischen schließen lässt, seit alters einen je/o-Stamm hatten, vgl. liežia, slaw. lizą, piešia, slaw. pišą, rėžia, slaw. rězǫ usw. Transitive Verben mit e/o-Stamm konnten bei leicht unterschiedlicher Bedeutungsnuance eine Zeit lang neben transitiven Verben derselben Wurzel mit je/o-Stamm bestehen, ähnlich den gelegentlich vorkommenden Dubletten im Altslawischen, vgl. vezą und vežą, leką und lečą. Außerdem erfordert auch der sigmatische Aorist nicht immer ein e/o-Präsens; er kann (zum Beispiel im Griechischen) auch mit je/o-Präsensformen verwendet werden.
Obwohl ėsti, dioti, imti nicht effektiv sind, kann ihr ē-Präteritum nach H. Köllns Auffassung dennoch alt sein. Ihre slawischen Entsprechungen haben einen Wurzelaorist, vgl. jasrъ, dastъ, jetъ (Präs. jamъ „ich esse“, damb „ich gebe“, imą „ich nehme“). Hier ist H. Kölln gezwungen, neben dem von ihm
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Page 6festgestellten regelmäßigen Entsprechungsverhältnis zwischen baltischem ē-Präteritum und slawischem sigmatischem Aorist auch noch eine historische Identität zwischen baltischem ē-Präteritum und slawischem Wurzelaorist anzunehmen. Diese Annahme zerstört die Geschlossenheit von H. Köllns Hypothese, der zufolge die starken slawischen Aoriste (Wurzel- und thematischer Aorist) den baltischen ā-Präterita entsprechen. Man kann bezweifeln, ob die ē-Präterita dieser Verben tatsächlich alt sind: Das in den Dialekten vorkommende ā-Präteritum (vgl. ēdo) passt besser zur ineffektiven Bedeutung dieses Verbs und zum starken Aorist der slawischen Sprachen (vgl. jastъ „du aßest, er/sie aß“).
Zur weiteren Begründung seiner Hypothese über die Herkunft der ē-Präterita betont H. Kölln, dass die drei letztgenannten Verben mit ē-Präteritum athematisch sind. H. Kölln meint, dass das ē-Präteritum zuerst gerade bei athematischen Verben auftrat. Dabei stützt er sich darauf, dass das athematische slawische Verb jesmъ (lit. esmi) den Imperfekt běchъ aufweist, der das einzige ē-Präteritum der slawischen Sprachen ist. Auch in den baltischen Sprachen muss das Verb „sein“ ein ē-Präteritum gehabt haben, vgl. preuß. ast, bēi, bē, be. Das stative Imperfekt oder ē-Präteritum běchъ stimmt formal mit dem Aorist der stativen Verben auf das Suffix -ēti überein, vgl. Aor. sěděchъ zu Inf. sěděti „sitzen“. Dieser Umstand weist auf das Muster hin, nach dem die ē-Imperfekte (Präterita) gebildet wurden. H. Kölln meint, der Ausgangspunkt sei die Opposition zwischen inchoativen Verben und stativen Verben mit einem zweiten ē-Stamm gewesen: slaw. sěsti: sěděti, balt. sēsti: sēdėti. Ihre Aoriste, der starke Aorist sědъ „ich setzte mich“ und der (später sigmatisierte) ē-Aorist sěděchъ „ich saß“, waren anfangs vermutlich Präterita ohne Aspektstatus, die einander – wie auch andere Verbformen – gegenüberstanden; das heißt, ebenso wie das weißrussische sěsti: sěděti bildeten sie eine Inchoativitätsopposition. Nach dem Muster sědъ: sěděchъ bildete das Verb „sein“ neben dem Wurzelaorist bychъ, 2.–3. Sg. bystъ, ein statives Präteritum bě-chъ „ich war“. Dank des stativen Präsens jesmъ wurde hier kein besonderes Zustandsverb mit -ēti gebildet; vielmehr wurde die Opposition bychъ „factus sum“: běchъ „eram“ als Opposition von Aorist und Imperfekt interpretiert. Von diesem Verb aus breitete sich das ē-Präteritum zunächst auf andere athematische Verben mit Wurzelaorist aus, vgl. lit. ėdmi, ėdė, slaw. jambъ, 2.–3. Sg. Aor. jastъ, Imperf. jaděachъ. Auf der Grundlage dieser Verben setzte sich die Ausbreitung des ē-Imperfekts (Präteritums) fort: Auch Verben, die einen alten sigmatischen Aorist hatten, bildeten dieses Imperfekt, vgl. slaw. vedą, Aor. věsъ, Imperf. vedě-achъ, weißruss. věda, vědě. Da die letztgenannten Verben transitiv sind, löst sich das zur Bildung des Imperfekts neben dem sigmatischen Aorist verwendete Suffix -ē- von der intransitiven (ineffektiven) Bedeutung, die den stativen Verben mit zweitem ē-Stamm eigen ist.
Das Suffix -ē- war in den baltischen und slawischen Sprachen anfangs offenbar ein Kennzeichen der nichtpräsentischen Formen stativer Verben. In diesem Zusammenhang merkt H. Kölln an, dass Stativität aus drei Komponenten besteht: Ineffektivität, Kontinuativität und Konsekutivität. Die Komponente der Kontinuativität führte dazu, dass das Suffix -ē- zum Imperfektkennzeichen wurde.
Wie im Fall der kontinuativen Verben mit einem zweiten ā-Stamm wurden auch die stativen Verben mit einem zweiten ē-Stamm im Präteritumsystem intern aspektuell differenziert: Neben dem Aorist sěděchъ wurde durch Hinzufügung des Suffixes -ā- das Imperfekt sěděa-chъ gebildet.
Dies ist H. Köllns Hypothese zur Bildung und Entwicklung des baltischen und slawischen ā-Präteritums und ē-Präteritums (Imperfekts). Aus dem Gesagten geht hervor, dass H. Kölln die eingangs gestellte Frage verneint: Seiner Auffassung nach steht das ā-Präteritum beziehungsweise
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Page 7ēDas Präteritum kann nicht unmittelbar das starke resp. sigmatische Aorist der baltischen und slawischen Protodialekte fortsetzen. ā- und ē-Präterita (Imperfekte) einerseits sowie der starke und der sigmatische Aorist andererseits waren parallele, nebeneinander bestehende Präteritalbildungen, die von ein und denselben Verben gebildet wurden. Die ā- und ē-Präterita (Imperfekte) dehnten ihren Anwendungsbereich allmählich aus, indem sie an die Stelle der Aoriste traten und deren Funktionen übernahmen.
Wie jede Hypothese hat auch H. Kōllnos Hypothese stärkere und schwächere Aspekte. Methodologisch begründet sind H. Kōllnos Bemühungen, einen historischen Zusammenhang zwischen den Präteritalformanten ē- und ā und den entsprechenden Verbstämmen (den sogenannten „zweiten“) zu suchen. Weite Perspektiven für die Erforschung des baltischen Verbs eröffnet die von H. Kōlln festgestellte semantische Äquivalenz zwischen dem baltischen ā-Präteritum und dem starken Aorist im Slawischen und Griechischen sowie zwischen dem baltischen ē-Präteritum und dem sigmatischen Aorist im Slawischen und Griechischen. Vor den Forschern stellt sich die Frage, wie diese mögliche Entsprechung diachronisch zu deuten ist, denn H. Kōllns Lösung dieser Frage, nämlich dass die baltischen Dialekte einen sigmatischen Aorist hatten, den sie später verloren, ist problematisch. Angesichts des Konservatismus der baltischen Sprachen wäre das vollständige Verschwinden des sigmatischen Aorists nicht recht verständlich; außerdem wäre es kaum möglich, diesen Verlust zufriedenstellend zu begründen und zu erklären. Tatsache ist, dass in den baltischen Sprachen deutliche Tendenzen zur Vereinheitlichung und Vereinfachung der Verbparadigmen bestanden. Ebenso wahr ist jedoch, dass einzelne Formen älterer Paradigmen in den baltischen Sprachen heute als selbstständige lexikalische Einheiten existieren können. Die von H. Kōlln ermittelte Bedeutung des sigmatischen Aorists in den slawischen Sprachen ist effektivisch, während in den baltischen Sprachen das Element -s- als Wortbildungsmorphem bei den stativen Verben mit den Suffixen -ėti und -oti fungiert, vgl.: dubšėti (Praes. dùbši neben dùbti, dùmba) und vėpsóti (neben vẽmpa, vėpti). Verben mit dem Suffix -sā- weisen häufig eine Dehnstufe auf; somit verbindet sich hier das Formans -s- mit der gedehnten Ablautstufe der Wurzel, was oft im sigmatischen Aorist der slawischen Sprachen vorkommt, vgl. weißruss. *vęp-s- und slaw. Aor. vẽšo „ich führte“ aus *vẽd-s-. Nach der verbreiteten Auffassung, der auch H. Kōlln selbst anhängt, ist der sigmatische Aorist eine Innovation der slawischen Sprachen; folglich wäre auch seine effektivische Bedeutung erst später entstanden. In diesem Fall könnte es bei der Suche nach Entsprechungen in den baltischen Sprachen zweckmäßig sein, auch die semantisch-wortbildnerischen Typen anderer Verben zu berücksichtigen. So zeigt etwa im Fall der Wurzel bēsti, slaw. bosti die baltischen Sprachen den Vokalismus ō bei stativ-inchoativen Verben, vgl. bodėti (Praes. bódi), bóstis (Praes. -džiasi) und bósti (Praes. bōsta), während dieser Vokalismus in den slawischen Sprachen im sigmatischen Aorist erscheint, vgl. slaw. basъ „ich stach“ aus *bōd-s-. Das sigmatische Element in der Zusammensetzung des Suffixes -sį- fungiert hier im Präsenssystem ebenso wie das Suffix -sk- (-sk-), das in den baltischen Sprachen ursprünglich ein Präsensformans war, im Armenischen hingegen im Präteritalsystem fungiert.
S. Karaliūnas