Skip to document
Back
Go to original Localized version was produced by AI. It may contain inaccuracies.
Preparing document pages…

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXX (1993)

PERIFERINĖS LIETUVIŲ KALBOS TARMĖS

Pietro U. DINI

SLAVISMEN IN DEN KATECHISMEN VON LIZIJUS UND ENGEL: EINE VERGLEICHENDE ANALYSE

0. Dieser Vortrag ist ein weiterer Versuch, die Bedeutung und Aktualität der Erforschung alter Schriften für die Litauistik hervorzuheben. Zugleich könnte dies auch für das Thema dieser Konferenz von nicht geringerer Bedeutung und Aktualität sein.

Die hier unter dem Gesichtspunkt slawischer Lehnwörter untersuchten Texte stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert aus Kleinlitauen, als der Kampf gegen die Germanisierung dieser Region noch im Gange war. Fachleuten und Bibliografen sind die Katechismen von Lizijus und Engel bekannt – beide wurden aus dem Deutschen übersetzt. Bekannt ist, dass Henrikas Johanas Lizijus (H. J. Lysius, 1670-1731), Schulinspektor in Ostpreußen im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts (1718-1719) und Verfasser eines Projekts zur beschleunigten Germanisierung der von Litauern bewohnten Gebiete, 1719 eine handschriftliche litauische Fassung, d. h. einen "Kleiner Katechismus", anfertigte.

Bekannt ist ferner, dass Gabrielius Engelis (G.Engel, 1685-1761) ihm und seinen Absichten besonders feindselig gegenüberstand. 1721 wurde er neuer Inspektor und gab 1722 folgendes Werk in Druck: Mažą Katgismą D.[aktaro] Mertino Luteraus lietuviškay ir vokiškay (...) iš naujo Tilžėje mete 1722 perveizdėta.

Die sprachlichen Besonderheiten dieser Werke sowie ihr tatsächliches Verhältnis zueinander sind bislang nicht untersucht worden. Insbesondere über das Verhältnis der Texte finden sich unterschiedliche Meinungen, die jedoch stets ohne geeignete vergleichende Belege vorgebracht werden: V. Biržiška schrieb im zweiten Band (1963, 7) des "Aleksandryno", Engel habe den Katechismus „erheblich verbessert“, während in der "Mažojoje lietuvių tarybinėje enciklopedijoje" (2, 467) behauptet wird, Engel habe den Katechismus „geringfügig verändert“ gedruckt. Besonders erstaunlich ist, dass man eine solche Aussage treffen konnte, denn das Manuskript von Lizijus verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg, und erst vor zwei Jahren hatte der Verfasser dieser Zeilen das Glück, es in der Bibliothek der Universität Krakau aufzufinden1.

Viele Aspekte dieser Frage werde ich vielleicht bei anderer Gelegenheit ausführlicher erörtern. In diesem Vortrag beschränke ich mich auf einige textkritische Anmerkungen, die für eine allgemeine Charakterisierung der Verwandtschaft dieser Werke von Bedeutung sein könnten. Obwohl ich hier nur wenige Belege anführe, reichen sie meines Erachtens aus, um zu zeigen, dass keine der beiden zuvor genannten Meinungen mit dem Textmaterial übereinstimmt.

1 Žr. Aut. Del Lizijaus "Mažojo Katekizmo" berlyniškio rankraščio // Baltistica, 1989. T. 25.

33

1. Der Katechismus von Engel ist erheblich umfangreicher als der von Lizijus. Ersterer umfasst 72 Seiten, die in Spalten mit deutschem und litauischem Text gedruckt sind, sowie weitere 15 Seiten ausschließlich litauischen Textes; der handschriftliche Text von Lizijus hingegen umfasst lediglich 55 Blätter.

Schon eine oberflächliche vergleichende Analyse der Texte würde zudem zeigen, dass die Katechismen sehr unterschiedlich sind. Genauer gesagt setzt sich der Katechismus von Engel aus dem Text des Katechismus von Lizijus und zusätzlichen, von Engel verfassten Textteilen zusammen: Diese neuen Teile sind teils in den Text des Katechismus von Lizijus eingefügt, teils separat davor und danach angeordnet.

2. Bei der Erörterung der Slavismen in den genannten Katechismen wäre es diesmal besonders interessant, das Original von Lizijus mit der Wiederholung desselben Textes in Engels „überarbeiteter“ Fassung zu vergleichen.

Die Katechismen von Lizijus und Engel sind beide reich an Slavismen. Im Werk von Lizijus gibt es etwa 160 davon, in dem von Engel nicht weniger2. Im Folgenden werden auf Grundlage eines Textvergleichs mehrere Fälle vorgestellt und erörtert, in denen die Herausgeber der Katechismen unterschiedliche Einstellungen zu Slavismen erkennen lassen.

Bei der Überarbeitung des Manuskripts von Lizijus fügte Engel nicht nur neue Textteile ein, sondern bemühte sich auch um eine Vereinheitlichung der Rechtschreibung und korrigierte stellenweise einzelne Formen. Im Hinblick auf Slavismen ist anzumerken, dass der Katechismus von Engel eine recht konsequente Schreibung der Formen des slawischen Verbs šlūžyti mit /š/ im Anlaut aufweist (22, 3 ßlužiti, 22, 24 ßlužiciau, 49, 1 užßlužijes usw.) anstelle von /s/, wie es im gesamten Manuskript von Lizijus vorkommt: 13 Služiti, 16, 8 Služiciau, 31 3 užßlužijes; eine Ausnahme bildet hier die Form 36, 19 ßluzma).

Ein Beispiel für eine Korrektur ist die Form pasninkauti (39, 14 Pasninkaut’), mit der Engel die Variante des handschriftlichen Textes von Lizijus pasninkauti (29, 2 Pálnikaut’) ersetzt.

Für Engel ist jedoch die Substitution kennzeichnend. Dabei wird direkt oder indirekt substituiert, das heißt, ein Lehnwort wird durch ein anderes einzelnes Wort oder eine Paraphrase ersetzt.

Betrachten wir zunächst die Fälle, in denen ein Lehnwort durch direkte Substitution schlicht durch ein eigenständiges litauisches Wort ersetzt wird. So steht an der entsprechenden Stelle der Ausgabe von Engel die litauische Form valdžia (60, 8), wo Lizijus das seltene Lehnwort valė (38, 15) verwendet, dessen slawische Herkunft umstritten ist. Interessanterweise stehen die Wörter zwar semantisch auseinander, werden aber im selben Kontext gebraucht. So lautet die Formulierung von Lizijus: Kožna Dubia tur but padūta Wyraulybei Waļę ant jós turrincżej. Engel hingegen gibt folgende Variante: Kožna Dubia tur buti padūta Wyraulybei Waldžia ant jós turrincżej.

2 Dazu siehe Aut. O slavizmach u Lysiusa (BJ, Ms. Slav. Quart. 4) // Sprawozdania z posiedzeń komisji naukowych Oddziału PAN w Krakowie und Aut. Slavismi e germanismi lessicali nel catechismo lituano di Lysius del 1719 // Annali della facolta’ di lettere dell’universita’ della Basilicata, 1989.

34

Betrachten wir nun die Paraphrase, ein Mittel indirekter Substitution: Engel ersetzt dabei ein Lehnwort indirekt durch eine erklärende Paraphrase. Ein Beispiel dafür ist, dass Lizijus, das im kirchlichen Stil sehr verbreitete, aus dem Polnischen ins Litauische gelangte Wort koznadėja (vom polnischen Wort kaznodzieja) in der Überschrift eines Katechismuskapitels verwendet. Die Kontexte sind dieselben; Lizijus schreibt: Wykupams, Klebbonams ir Koźnadėjams (37, 1), während die entsprechende Stelle in Engels Ausgabe die Paraphrase enthält: Wyłkupams Klebonams ir Bažnyčios Kunigams (58, 2). Bemerkenswert ist, dass Engel, um ein Wort slawischer Herkunft zu vermeiden, gleichsam unbewusst ein anderes Slavismus verwendet (d. h. das litauische bažnyčia aus dem altrussischen Wort božnica)!

3. Hier sollte man bei einem umstrittenen Lehnwort verweilen (das auch in Lizijaus’ Katechismus vorkommt) – der im Litauischen sehr seltenen Pluralform parendininkai, die nur in Texten aus Kleinlitauen begegnet3. Es handelt sich um ein nomen agentis, gebildet vom Verb parėndyti „beichten; bekennen“ mit dem Suffix *-iniko- und verwandt mit der Form parėndas (Mask.) / parėnda (Fem.) „Kommunion“.

Daneben gibt es auch die Formen parėdyti „zubereiten; vorbereiten“, parėdnas, parėdningas „ordentlich, tüchtig“, parėdkas, parėt­kas „Ordnung“. Dass sie belarussischer Herkunft sind, zeigt die Entsprechung des litauischen -ė- mit belarussischem -ja-, vgl. das Verb rjadit'-sja4. Um das Verhältnis zwischen Nasal- und Nichtnasalformen zu erklären, kann man annehmen, dass die belarussische Form phonetisch teilweise polonisiert wurde und eine neue semantische Bedeutung erhielt. Etwas Ähnliches findet sich, wie Otrębski5 bemerkte, bei der nasalierten Form *pa-reñjic aus dem Dialekt von Tverečius (Grundlage der Form rašipareñžija „roz-porządził się“), die semantisch mit dem nichtnasalierten Verb parėdyti „zubereiten, herrichten“ verbunden ist. Hier ist höchstwahrscheinlich an die „Vorbereitung des Herzens eines Gläubigen“ vor der Kommunion zu denken; so ergibt sich die Bedeutung „beichten; bekennen“.

Doch kehren wir zu Lizijus zurück. In seinem Katechismus findet sich folgender Satz: Apie Graudinimą Parendininkų (57, 13), während derselbe Satz bei Engel so lautet: Graudinimas prie Diewo Stalo / einančiųmp (86, 1). Somit wird die litauische Pluralform parendininkai durch eine Paraphrase ersetzt – die zum Tisch des Herrn gehen [Menschen] –, vermutlich weil sie als nicht für jedermann verständlich gilt.

4. Erwähnenswert ist auch, dass Engel bei der Behandlung von Slavismen stellenweise unterschiedlich verfährt. Mal behält er die von Lizijus verwendete Form bei, mal ändert er sie. Ein gutes Beispiel ist folgender Satz von Lizijus: Kągi tu užlužijęs elfi Griekas

3 LKŽ IX 417; P. Skardžius erwähnt es nicht, siehe: Skardžius P. Die slawischen Lehnwörter im Altlitauischen // Tauta ir žodis, 1931. T. 7. P. 1-252.

4 Zr. Buga K. Die litauisch-weißrussischen Beziehungen und ihr Alter // Zeit. f. sl. Phil. 1, 1925-RR T. 3. V. 1963. P. 749-778.

5 Zr. Otrębski J. Wschodniolitewskie Narzecze Twereckie. Część III. Zapożyczenia słowiańskie. Nakładem Polskiej Akademji Umiejętności. Kraków, 1932.

35

ławo? (31, 3), den Engel an einer Stelle seiner Ausgabe unverändert wiedergibt (49, 1), an anderer Stelle jedoch folgendermaßen ändert: Ką pelnęs elfi ławo Griekas nū Diewo? (42, 25). Das Verbkompositum slawischer Herkunft užsłużyti (vgl. altpoln. zasłuzyć) gibt Engel mit der litauischen prädikativen Fügung „verdient haben“ wieder.

Auch umgekehrte Fälle sind nicht selten, wenn auch weniger zahlreich. So ersetzt Engel beispielsweise die von Lizijus angeführte litauische Form (ne-)tikėti im selben Kontext durch das Verb slawischer Herkunft (ne-)vierýti. Lizijus sagt etwa: O kur’s Bittiems žodžiems netik’, arba abbejoj’, tas newertingas (39, 26), Engel dagegen: O kuris Bitiems žodžiams niewierij’ arba abejój’ tas newertingas (39, 26).

5. Wie ist also die Einstellung der Übersetzer und Herausgeber zum Gebrauch von Slavismen? Oder genauer: Kann man von einer bewussten Behandlung der Lehnwörter sprechen?

Mindestens zwei Aspekte verdienen Beachtung.

Die große Zahl von Slavismen aus dem kirchlichen Bereich in der älteren litauischen Schriftlichkeit ist auf den bedeutenden Einfluss des Belarussischen und des Polnischen auf die sich entwickelnde christliche Terminologie des Litauischen zurückzuführen. Andererseits wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Kleinlitauen darüber polemisiert, in welcher Sprache man mit dem Volk sprechen sollte (loquendum cum vulgo); Lizijaus’ Korrektoren dürfte daher vor allem daran gelegen haben, möglichst viele Lehnwörter aus dem Deutschen zu vermeiden, während die Slavismen ihrer Auffassung nach kaum oder gar nicht als fremd auffielen, da sie sich schon seit langem im Litauischen eingebürgert hatten.

Interessant ist jedoch, dass die neu von Engel bearbeiteten Textteile weniger Slavismen enthalten als die bloße Wiederaufnahme von Lizijaus’ Katechismus, obwohl es auch dort zahlreiche Gegenbeispiele gibt. Insgesamt ist in Engels Werk stellenweise eine deutliche Tendenz erkennbar, weniger fremde Formen zu verwenden. Daher stellt sich die Frage: Sollte man Engel nicht als einen recht entschiedenen Verteidiger der Sprache betrachten? Wie dem auch sei, die vorliegenden Daten reichen nicht aus, um diese Annahme sicher zu belegen, denn wie die angeführten Beispiele zeigen, ist es hier oft äußerst schwierig oder schlicht unmöglich festzustellen, wo die spontane stilistische Auswahl endet und wo bewusste „Sprachpolitik“ beginnt.

SLAVISCHE LEHNWÖRTER IN KATECHISMEN VON LYSIUS UND VON ENGEL: VERGLEICHENDE ANALYSE

Zusammenfassung

Nach dem Vergleichen der Handschrift des Katechismus von H. J. Lysius, datierter 1719, mit dem im Jahre 1722 gedrucktem Katechismus von G. Engel wurde es festgestellt, daß der Katechismus von Engel viel größer ist: er beträgt den Text des Katechismus von Lysius und die von Engel geschriebenen Teile. Engel korrigierte auch den Text von Lysius. Die von Lysius gebrauchten Slavischen Lehnwörter verbesserte er nicht selten zu echt litauischen Wörtern, z. B.: užsłużyti: pelnyti "verdienen, gewinnen". Doch kommen auch einige Verbesserungen der gegensätzlichen Art vor (z. B. netikėti: nevie ryti "unglauben"). Außerdem gibt es in den von Engel geschriebenen Teilen weniger Slavischer Lehnwörter als in dem von Lysius nachgedrucktem Text.

36

Document details