LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXXII (1993)
BALTŲ ONOMASTIKOS TYRINĖJIMAI
VYTAUTAS VITKAUSKAS
ÜBER EINEN SAMOGITISCHEN OIKONYM
Im Amtsbezirk Veiviržėnai im Kreis Klaipėda gibt es offiziell ein Dorf namens Liepačiai (siehe Verzeichnis der administrativ-territorialen Gliederung der Litauischen SSR, Teil II, S. 160). Diese Form wird allgemein in Schriftstücken und wissenschaftlichen Untersuchungen verwendet. So ist beispielsweise der Ortsname Liepačiai im Werk von V. Toporov ”Прусский Язык” Словарь, L.” M., 1990, S. 199 als einziger in Litauen in das große Wortbildungsnest zur Untersuchung der prußischen Wurzel leip- aufgenommen worden.
In der nordsamogitischen Mundart von Veiviržėnai und Judrėnai wird der Name dieses Dorfes ’ė·pa·t’ė ausgesprochen (so sagen es auch die Dūnininkai aus Švėkšna, die Südsamogiten). Das lange e· kann nicht aus ie entstanden sein, sondern nur aus ei (hier werden ai und ei wohl am stärksten monophthongiert), denn nur aus dem Diphthong ei entsteht in dieser Mundart der lange Vokal e vor langen Silben (vor langen Silben kann a in der Mundart unter dem ursprünglichen Hauptakzent nur kurz betont werden: mã·mã, rã·tã, kã·t’ėnõ· ~ kãtinou, s’kėpatã· ~ skėpatai, d’j’ėbõ·n’įs ~ drėbantys usw.). Die tatsächlich vorhandene Form lautet also Leipačiai; Liepačiai entstand erst dadurch, dass man die komplexe Phonetik des samogitischen Ortsnamens nicht in die Standardsprache übertragen konnte.
Liepačiai könnte sein:
1) Ein Substrat aus dem Kurischen (vgl. Vvr, Jdr: gr’ė·p’t’ė ~ greibti „greifen“, p’l’ė·k’t’ėis ~ pleikties „sich aneinanderreihen, sich schlagen“, ė·ž’t’ė ~ ežti „ritzen, schaben“, p’r’ė·kã·ls ~ preikalas „Amboss“, p’r’ė·m’in’ie ~ preimenė; vgl. das in den benachbarten prieku-liškių vorkommende p’ė·t’v’is ~ peitys „Südwind“ u. a. (vgl. Z. Zinkevičius. ”Lietuvių kalbos istorija” II t., S. 21). Dort (Vvr, Jdr, Grg u. a.) gab es auch die umgekehrte Erscheinung: s’v’ėis’t’ė ~ šviesti „schrubben“: s’v’ėitas batūs~švietas batus, pas’ėk’ėit’es ~ pasikėitės „sich verändert habend“, ž’ėips ~ žiebas „Blitz“; vgl. žė·ips (Užv, Krš). Werden die Lautgesetze von Dialekten oder Sprachen vermischt, die einander assimilieren? Als Erster hat Vaižgantas über Lėpačius gesprochen und sogar Lėpačio kalnas geschrieben. Auch Prof. Girdenis hat darüber gesprochen.
2) Vielleicht besteht ein Zusammenhang mit dem Familiennamen Leipus; siehe (”Lietuvių pavardžių žodynas”, L—Ž, S. 47), obwohl ein solcher Familienname im Gebiet der nord- und südsamogitischen Mundarten heute nicht vorkommt (und auch früher nicht belegt wurde).
Eine fehlerhafte Übertragung bringt der Wissenschaft also nur zusätzliche Schwierigkeiten und Unsicherheit. Bei der Veröffentlichung von Untersuchungen oder Wörterbüchern sollte man in Zweifelsfällen auch die authentische Aussprache eines Dialektwortes angeben; erst dann könnte die Geschichte des Ortsnamens deutlich werden, denn eine nicht immer richtig gehörte Form oder eine unwissenschaftliche Übertragung kann selbst bedeutende Wissenschaftler auf Abwege führen. Besonders authentische Dialektformen wären für das geplante umfassende Ortsnamenwörterbuch geeignet, das am Institut für Litauische Sprache erstellt werden soll. Und Liepačiai könnte eine direkte kur-
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