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Ein Begriff nach dem anderen. X

JONAS KLIMAVIČIUS

Edle Menschen greifen nicht nach dem Fremden und dulden nicht, dass das Eigene durch Nachlässigkeit zugrunde geht

Dionisijas Halikarnasietis

THEATER, THEORIE, THEOREM, GESCHICHTE: LEHNWORTBILDUNG UND SCHÖPFUNG: SCHAUSPIELHAUS UND SCHAUPLATZ, SCHAUBILD UND EINBLICK, SEIN UND ERZÄHLUNG – ENTSPRECHUNGEN UND UNTERSCHEIDUNGEN

Die Untersuchung mehrerer verwandter (hinsichtlich Herkunft und Benennungsmotivation), semantisch jedoch sehr weit voneinander entfernter Internationalismen sowie der von ihnen ausgelösten semantischen Induktion und ihrer Ergebnisse sollte nicht wie etwas Unvermitteltes wirken, das niemandem und aus welchem alten Baumstumpf auch immer entsprungen ist. Im Gegenteil: Sie ist einer von vielen kulturell, dialinguistisch, terminologisch und determinizatorisch komplexen, aber aktuellen Fällen aus einem äußerst weit gefassten Themenkomplex. Besonders berührt sie ein besonderes Phänomen der Wechselwirkung zwischen internationalen Termini und ihren Entsprechungen – eine Art der Desynonymisierung: nicht das Wegfallen des einen oder anderen Synonyms, sondern deren Auseinandertreten, die Differenzierung der Bedeutungen.

HISTORISCHER ZUGANG

Die Entlehnung von Internationalismen als Vorgang und (mit)steuerbare Handlung (die Sache selbst sollte genauer als Entlehnungspraxis bezeichnet werden) ist mindestens zweifach –

1) die Befriedigung des Bedarfs an unersetzlichen fremden Wörtern mit notwendigen Bedeutungen – ihre Übernahme und endgültige Aufnahme in das lexikalische (und terminologische) System der eigenen Sprache (es sei denn, einige ereilt später das Schicksal von Archaismen oder Okkasionalismen),

2) entsprechend den verfügbaren Mitteln oder Entwicklungsmöglichkeiten der eigenen Sprache, allgemeiner gesagt – entsprechend dem bewusst gewordenen Bedürfnis, die eigene Sprachqualität zu fördern – die erfolgreiche Schöpfung und Verwendung eigener Ersatzformen.

Unter normalen Bedingungen, wenn nur linguistische Faktoren ausschlaggebend sind, wird die Wahl der Vorgehensweise durch den Bedarf (die Nachfrage) bestimmt, nicht durch ein blindes Angebot. Dann ist die erste Vorgehensweise die häufigste. Das Bedürfnis nach Internationalität des Lebens war stets vorhanden und wächst, während Nationalsprachen sich als Sprachen erweisen, die den Erfordernissen ihrer jeweiligen Nationalkulturen Rechnung tragen.

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und Möglichkeiten. Die Internationalität des Wortschatzes unterscheidet sich jedoch stark – sowohl nach Bereichen (am stärksten in Wissenschaft und Kultur im weiteren Sinne, am wenigsten in Poesie und Natur) als auch noch stärker nach Sprachen und insbesondere ihren Familien (und das sind ja auch unterschiedliche Kulturen und Zivilisationen).

Daher ist die Entlehnung oft, besonders wenn das Angebot die Nachfrage der Sprache übersteigt, kein abgeschlossener Vorgang, sondern nur die erste Phase:

1) eine kurze Signalphase – Fremdwörter klopfen an, jedoch nicht an das System, sondern nur an die Texte; deshalb ersetzen die eigenen verfügbaren Wörter sie linguistisch leicht (hoch – etažas, Ruinen – ruinos, Maske – maskė, Champignon – šampinjonas, Muskel – muskulas, Lepra – lepra, Explosion – eksplozija, Typhus – tifas, Sporn – šporas), sogar durch zahlreiche Synonyme (Kaprice – aikštis, įgeidis, įnoris, nikis, užgaida);

2) eine längere Signalphase – Fremdwörter werden durch eigene verfügbare Wörter ersetzt, die jedoch an die entlehnte Bedeutung angepasst werden (Kegel – konusas, Koffer – valiza und čemodanas, Blattfeder – resoras, Äquator – ekvatorius), mitunter sehr weitgehend (Zelle – celė, Herd – fokusas);

3) eine nicht kurze, ja sogar langwierige Phase – die Bildung von Neuschöpfungen (Ersatzwörtern, zumindest Entsprechungen) (Entwurf – bruljonas, Fahrrad – velosipedas, Tor – golas, Gebirgsbildung – orogenezė, Kreuzworträtsel – krosvordas, Zeitung – gazieta und caitunga, Begleiter – konduktorius, Stewardess – stiuardesė, Handschrift – manuskriptas, Pseudonym – pseudonimas, Ski – ski, Überraschung – siurprizas, Reißverschluss – ziperis, Fahrer – šoferis, Wasserstoff – hidrogenas, Motor – motoras, Hotel – hotelis, Bordell – bordelis).

Für Lexikologie und Terminologie sind die Ergebnisse der Wortneuschöpfung selbst wichtiger; Daten zu Lehnübersetzungen, Entlehnungen und anderen Induktionsvorgängen sind dagegen nur für die Auswahl besserer Varianten bedeutsamer, etwa zum Zweck der Bewertung der Ersetzung von Lehnübersetzungen (zumindest teilweise) durch Übersetzungsäquivalente (krepšia sūvydis → Korbball, įtaka → / poveikis). Eine langwierige Phase kann sich tatsächlich verzögern; wenn Entsprechungen zu Ersatzwörtern werden, kann sich der Vorgang völlig verlangsamen – mit Rückfällen sogar noch nach Kodifizierungen oder Zulassungen. Doch der Sprachwissenschaftler muss auf das S y s t e m schauen und nicht auf die T e x t e, selbst wenn ein Text durch den Erlass eines Zentrumsleiters oder den Beschluss einer Kommission befestigt worden ist.

Diese drei Verfahren sind seit Martynas Mažvydas bekannt, wurden bereits von Mikalojus Daukša patriotisch und linguistisch begründet und schon von Konstantinas Sirvydas, Professor an der Universität Vilnius, vielfach praktiziert (bemerkenswert: auklėtinis statt alumno!). Leider ließ sich der weit verbreitete Ansturm fremder Sprachen und Wörter nicht aufhalten, nicht einmal, als sich die Standardsprache bereits herausbildete; auch die berüchtigt unqualifizierte Wortneuschöpfung der Aušrininkai und – als verhängnisvoller Rückfall noch einige Jahrzehn-

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te später – die Neuschöpfungen einiger (aber nicht aller) Terminologen ohne sprachwissenschaftliche Ausbildung häuften einen Berg Arbeit auf den Schultern von Jonas Jablonskis. Der Vater der neuzeitlichen Schriftsprache – der Standardsprache – ist zugleich Begründer der wissenschaftlichen Wortneuschöpfung und zudem – täuschen wir uns nicht! – nicht der Schaffung paralleler Entsprechungen, sondern vollständiger Ersatzwörter und ihres Gebrauchs; er war ein produktiver und erfolgreicher Wortschöpfer (wir verwenden über 600 seiner Neuschöpfungen!) (Piročkinas 2000: 10 6). In den kurzen Jahren der Ersten Republik entwickelte sich dieser Prozess wegen der geringen Zahl an Sprachwissenschaftlern und der noch nicht hinreichend gefestigten redaktionellen Arbeit nicht so weit, wie nötig gewesen wäre; eine neue Welle trat verstreut im Ausland in Erscheinung (LKV 1950: 113 und 159–604 – Žodynas) und gewann unter den Bedingungen der Zweisprachigkeit im Exil besondere Aktualität, da man „die Anliegen einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen“ hatte (Skardžius 1998: 438). Deshalb wurde er 1973 von Pranas Skardžius in einem Büchlein konzentriert und knapp ausgearbeitet Lietuviški tarptautinių žodžių atitikmenys (Chicago). In der Heimat gab es während der Jahre der Abhängigkeit keine neue Phase der Wortneuschöpfung; man bemühte sich lediglich, das Erbe zu bewahren. In der Zweiten Republik wurde das erwähnte Büchlein mit der zunehmenden Aktualität der Kodifizierung lexikalischer und terminologischer Normen auch in der Heimat breit zugänglich (Skardžius 1998: 428–507); im selben Jahr erschien zudem die umfangreiche (200 S.) und aktuelle lexikografische Arbeit von Vida Rudaitienė und Vytautas Vitkauskas Vakarų kalbų naujieji skoliniai. Die unter Zeitdruck entstandene Arbeit hat dem dringenden Bedarf noch nicht in erforderlichem Maße entsprochen (Klimavičius 2015: 44–47). Das reichhaltig vorgelegte Material erfordert die Arbeit von Lesern, die weder faul noch ohne Zeit und Qualifikation sind; außerdem bedarf es „der Bemühungen der Intelligenz, die Sprache korrekt, überliefert und zweckmäßig zu erhalten“ (Rudaitienė, Vitkauskas 1998: 29) – nicht abstrakt und deklarativ, sondern auf kontinuierliche Arbeit ausgerichtet.

Es gibt also Ergebnisse. Doch die Lage ist so, dass auch diese zunichtegemacht werden. Vieles liegt als Vorarbeit vor – als angefangene Arbeit oder lediglich als Ansätze zu Entscheidungen –, etwa Variantenwahl, seltener die Festigung von Normen und am seltensten deren endgültige Fixierung durch Kodifizierung. In diesem weiten Arbeitsfeld ist auch semantischer Ehrgeiz gefragt. Indem hier ein nicht kurzer und verzweigter Prozess verfolgt wird, soll auch eine seltenere, wenn auch in der Praxis bereits beobachtete Phase veranschaulicht werden (fabrikas ↔ gamykla, objektas ↔ dalykas, enchiridionas ↔ manualas ↔ vadovėlis) –

4) die Entwicklung der semantischen Beziehungen zwischen Internationalismen und ihren Entsprechungen bis hin zur Bedeutungsdifferenzierung.

THEATER

Der Anfang des Geschehens liegt weit zurück und weit entfernt, und, so könnte man sagen, ist nichts Außergewöhnliches: Das griechische Theater bestand aus drei Teilen: Orchestra, Bühne und Amphitheater. — — — Die Zuschauerplätze bildeten das Theater im engeren Sinne des Wortes (theastai – schauen).

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(Dambrauskas 1974: 299). Mit dem Wort „Theater“ (θέατρον), abgeleitet vom Verb „schauen“ (θεασθαι) und „S c h a u p l a t z“ bedeutend, wurden zunächst die Z u s c h a u e r p l ä t z e bezeichnet. So nannte man sie auch andernorts, zum Beispiel im Stadion. Später umfasste der Begriff den gesamten Gebäudekomplex des T h e a t e r s und die dort stattfindenden V e r a n s t a l t u n g e n (SenGrK 2007: 168). Der Ort zum Spielen (und Tanzen, Singen) war die kreisförmige orchestra (ὀρχήστρα), später dann die auf einem Podium vor dem Zelt skenę (σκηνή) errichtete Proskenion (προσκήνιον); erst die Römer etablierten die Form, wie wir sie heute kennen – die Bühne (scaena) – als wichtigsten Teil des Theaters (daher ist „Theater“, die Kunst der Bühne, eine sehr sinnvolle Bezeichnung). Ein weiterer römischer Beitrag ist lat. spectac(u)lum – 1. „S c h a u s p i e l, A n b l i c k“ → 2. Aufführung, Schauspiel, 3. gewöhnlich Pl. „Z u s c h a u e r p l ä t z e“, 4. übertragen Theater, Amphitheater, sogar 5. „W e l t w u n d e r“: septem spectac(u)la – die sieben Weltwunder LoLieŽ 2007.

Auf dieser ursprünglichen Motivation von gr. Theatron und lat. spectac(u)lum beruht die gesamte breite Semantik von Theater – nicht der Bühnenkunst –: astronomisches Theater „Himmelsgewölbe“, anatomisches Theater „Seziersaal“ (engl. Operationssaal – Operationssaal), Kriegsschauplatz, neuere, der Bühne nähere Verwendungen: Politiktheater IQ 2010 42 (vgl. Schauspieler des politischen Theaters IQ 2011 4 14, Marionetten des politischen Theaters Vd 2010 33 62) und Wahltheater IQ 2010 7 6. Sehr bemerkenswert ist das Welttheater „Weltgeschichte“ und Theater – die Welt: Ich bin ein Komödiant! O, ich werde euch eine Komödie vorspielen, dass ihr alle weinen werdet<...>. Mein Theater ist die Welt; darin spiele ich die Rolle des Herrn und Autors; und meine Komödianten seid ihr alle: Päpste, Könige, Völker! Der Faden, an dem ich euch ziehe, ist die Angst! (Bonaparte) PrRAp 1979 185 (Alfred de Vigny). Es gibt auch Historismen, zum Beispiel: <...> Die Mitte des 18. Jahrhunderts an der Universität Vilnius gegründeten und nicht erhalten gebliebenen Mathematik- und Physikmuseen. <...> für wissenschaftliche Arbeit und zur Veranschaulichung des Unterrichts. Im Mechaniksaal des Physikkabinetts stand ein Maschinentheater – eine aus heliolischen Geräten und Vorrichtungen bestehende, auf einem großen Podest montierte Konstruktion TechEnc IV 2010 752. Auch im Litauischen finden sich offenbar nicht ungebräuchliche Beispiele: Alle Teile, die einst mit den Sinnen wahrgenommen wurden, sind im Theater des Bewusstseins wahre Eindrücke J.GaarSP 1998 211. Das Bewusstsein ist eine Art Theater, in dem nacheinander verschiedene Begriffe erscheinen J.GaarSP 1998 213.

Bei einer solchen Vielfalt an Theatern ist es nicht völlig verwunderlich, dass auch das Haupt-theater einen Zusatz erhalten kann (sogar offiziell) – das Moskauer Kunsttheater (1898) – художественный, obwohl es seinem (neben einem weiteren) Hauptgründer K. Stanislawski nicht gelang, sich an das System zu halten – es war lediglich ein Schauspielhaus; erst später (1928–1941) hatte es auch ein eigenes Opernhaus. Die bildende Kunst war zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Kunst“, aber

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sie auch heute noch „Maler“ zu nennen, ist bereits ein Anachronismus. L. Mal, I. GitČ 1989 517.

Nach dem römischen theatrum entstanden volkssprachliche Ersatz- (oder Entsprechungs-)wörter in der Zeit der nationalen Bewegungen – tschech. divadlo, dt. Schaubühne (eher „Bühne“), Schauspiel „Darstellung“, ebenso Kriegsschauplatz „Kriegsschauplatz“, engl. playhouse (etwa „Haus des Spiels“). Das Ende des 17. Jahrhunderts von Matthäus Prätorius verfasste Werk Deliciae Prussicae oder Preussische Schaubühne wurde ins Litauische übersetzt als Prūsijos grožybės, arba Prūsijos teatras (L. Gineitis – LlitEnc 2001); 1999 erschien es unter dem Titel Prūsijos įdomybės, arba Prūsijos regykla (Vilnius: Pradai).

Weder K. Sirvydas’ regyklė (widok/dźiowowisko krotofilne. Spectaculum, theatrum, Regikle SD 1642), regykla (in neueren Schriften „aufgeführtes Stück, Aufführung“, bei Vydūnas „Bühne“ LKŽ XI 1978), noch die vor dem Erwachen der nationalen Bewegung entstandenen Wörter – S. Daukantas žaiminyčia, von ihm und L. Ivinskis vypsonė, M. Valančius vypsosena und das spätere, ähnliche Tėvynės sargo-Wort vypsosenė (1896) LKŽ XIX 1999 – waren im Boden der litauischen Kultur nicht heimisch und verschwanden nahezu spurlos, wie andere ähnliche Wörter – teplionė, tepliorius, tepliorystė, skaptorystė –, doch der ernsthaftere Anspruch! reichte bis ins frühe 20. Jahrhundert. Jurgis Šlapelis verzeichnete 1907 im SNŽŽ teatras – regykla: „Ort oder Gebäude, wo Komödien, Dramen und Tragödien gezeigt und angesehen werden“; regykla – Bild, Szene; Szene – „Ort im Theater, von dem aus gespielt wird“; Schauspiel, regykla; Aufführung – Schauspiel; im Theater Darstellung, das Zeigen von Komödien. Im STŽŽ von 1923 finden sich weder Theater noch Aufführung. Im SNŽŽ von 1924 fehlt Theater; Aufführung – Schauspiel, Darstellung im Theater. Die 1920 gegründeten Schauspielbühne und Opernbühne wurden 1922 verstaatlicht und umbenannt in Staatliches Schauspieltheater (ab 1925 Staatstheater) und Staatsoper. Im TŽŽ von 1936 bedeutet Theater nur 1. „<...> Gebäude“ (2. „Ort kriegerischer Handlungen oder sonstiger großer Ereignisse“, 3. „Theater der Anatomie <...>“), während teatralas „Theaterliebhaber; häufiger Theaterbesucher“ bedeutet und Aufführung 1. „theatralische Darstellung“ (2. „Schauspiel“).

So blieben nur Schauspiel und Rolle (erneut drängt sich die Rolle auf...). Weit zurück liegt auch MairR III₂ 1992 661 (1908): Theater-Schaubühne. Doch als erklärendes, erläuterndes Wort und nicht als Terminus ist es möglich: Drama heißt auf Griechisch Handlung. Theater ist Schauplatz. Eine Handlung muss auch sichtbar sein KV 1977 35 11. Wie die Welt ein Theater sein kann, so ist sie manchmal auch ein Schauplatz: <...> Calvin schrieb: „Wir sollten uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, fromme Erquickung aus den Werken Gottes zu schöpfen, die er offenbart hat und die sich vor uns in diesem wunderbaren Schauspiel entfalten.“ NŽA 2009 12 456. Theaterschauspiel IQ 2010 5 25 – unbedingt als Wortverbindung! – ist ebenfalls ganz natürlich.

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THEORIKON

Für uns ist hier der an sich reine Theaterhistorismus sehr wichtig Theorikon: <...> Perikles wird auch die Einführung von Theatergeldern (Theorika) zugeschrieben, die den Bürgern zum Kauf eines Tokens oder einer Eintrittskarte für Theateraufführungen ausgegeben wurden (SenGrI 1955: 206). Mit der Einführung des Theorikons machte Perikles das Theater allen Bürgern Athens zugänglich (277). Historismus, doch sollte es dabei bleiben und nicht durch die beschreibende Wendung Geld fürs Theater ersetzt werden (τὸ θεωρικόν) (193).

THEORIE, THEOROS, THEOREM

Das Theatergeld Theorikon weist jedem ganz augenfällig auf den gemeinsamen Ursprung mit dem Theater und der Theorie hin. Ihre Geschichte und semantische Entwicklung ist jedoch noch viel länger. Auch kulturell ist das nicht überraschend – beide Wurzeln liegen im selben sogenannten Achsenzeitalter, das in den aufgeklärtesten Ländern Eurasiens etwa im 7.–5. Jahrhundert v. Chr. erreicht wurde. Doch das erste Licht des Weltgeistes war keine plötzliche Erleuchtung oder Aufklärung – es entstand allmählich und nicht ohne Mühe, indem es die Finsternis primitiver Kulte und den mythischen Nebel überwand. Die nur schemenhaft bekannte Entwicklung des Theaters lassen wir hier beiseite, da sie nur für die semantische Entwicklung von Tragödie und Komödie, nicht aber des Theaters, wichtig ist.

Die Theorie weist auf einem paradoxen Weg vom Kult sowohl zur Athletik als auch zur Philosophie und Wissenschaft: Das Wort θεωρία hängt etymologisch mit dem Wort theos – Gott – zusammen. Als Theoroi bezeichneten die Griechen die Gesandten der Städte zu religiösen Festen, die mit sakralen Vollmachten ausgestattet waren A.ŠliogD ir M 1988 30. Die olympischen Spiele aller Griechen und einzelner Poleis sowie die Panathenäen der Athener und die Gymnopaedien Spartas, die Gymnastik aller Griechen, standen in engem Zusammenhang mit dem religiösen Kult und dem gesamten geistigen Leben. Doch in Jan Parandowskis historischer Erzählung Die Diskusscheibe von Olympia tritt dies nicht deutlich hervor und bleibt sogar unklar: Der dritte Neumond nach der Sommersonnenwende kam <...>. <...>. <...> Die Wege wimmelten von Menschen – <...> – – – Es zogen Prozessionen dahin, feierliche Theorien, entsandt von Staaten und Städten, und zusammen mit den offiziellen Vertretern pilgerten einfache Menschen OD 1984 110. Zuerst trafen die Architheoroi, die Leiter der Prozessionen, ein, <...>, und handelten einen Ort für ihre Unterkunft aus OD 1984 114–115. In der Erzählung wird Architheoros (179, 236, 237, 242–2x) ohne Entsprechungen verwendet, Theorie dagegen entweder nur zusammen mit Prozession (151, 157, 234, 236, 237–2x, 242, 243–2x, 244) oder allein im Sinne von Zug (112, 234, 277), sogar Menschenzug (111), oft mit einer Erklärung, zum Beispiel: Den Zug beschlossen die erschöpften Pilger aus der Prozession von Elis selbst (150). An den Erläuterungen fehlt es sehr an Ausführlichkeit: Theorie – „feierlicher Zug, Prozession“, Theoros – „deren Teilnehmer“ (278), Architheoros – „Leiter der Theorie“ (273). Das ist ein halbherziger Gebrauch, der zur Litauisierung tendiert –

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vermutlich das Ergebnis der in diesem Fall übertriebenen Bemühungen des bekannten Übersetzers Dominykas Urbas, die die notwendige historische Genauigkeit beeinträchtigen1. Das Wörterbuch der Sportterminologie erläutert Theorie zunächst als „im antiken Griechenland eine von einem Stadtstaat zu den Olympischen Spielen entsandte Gruppe von Bürgern“ (STŽ 1996), präzisiert dies später jedoch als „<...> eine religiöse Gruppe von Aufsehern (gr. theōria)“ (STŽ 2002). Schon viel früher gab es jedoch eine genaue und ausführliche Erklärung: Theoros – „im antiken Griechenland eine Person, die bei religiösen Festen und Spielen einen Staat oder eine Stadt vertrat oder beauftragt war, ein Orakel zu befragen, dem Tempel Gaben darzubringen und Opfer zu bringen“ TŽŽ 1985, 2001, 2013; allerdings gr. theōros bedeutet nicht „Zuschauer“, sondern einen besonderen rituellen „Aufseher“, einen Vollzieher besonderer Leiturgien: „Da die Olympiade vor allem ein religiöses Fest aller Hellenen war, entsandten die Poleis nach Olympia heilige Gesandtschaften, die Theorien (θεωρία) genannt wurden, damit sie im Namen ihrer Stadt Zeus Opfer darbrächten“ (SenGrK 2007: 247).

Diese ursprüngliche Theorie (mit ihren Theoroi und dem Architheoros) lässt sich nicht von der heutigen, üblichen wissenschaftlichen Theorie trennen – im Gegenteil, sie ist eine Art Vorbild dafür: Theoria – das ist sowohl einfaches Sehen als auch der Blick der Seele. Die Phänomene und ihre Systeme, die wir mit den inneren Augen sehen, nennen die Griechen ebenfalls Theorien HŠv 1994 22. Gr. θεωρέω – „Zuschauer sein, schauen; besichtigen, besuchen; beobachten; eine Besichtigung durchführen; untersuchen, nachdenken, erforschen; urteilen“ GrLŽ 1979 – die Bedeutungsentwicklung führt vom (An)schauen der Teilnehmer oder Besucher zu einer abstrakteren und spezielleren Tätigkeit – dem Beobachten, Betrachten und schließlich nicht mehr dem Wahrnehmen des Erscheinungsbilds, sondern dem Erkennen des Wesens: „Die Naturphilosophen der Ionier meinten, dass theōria das Nachdenken über abstrakte Dinge sei. <...>. Für Aristoteles ist bios theōretikos (theoretisches Leben) das Leben des forschenden Philosophen, das dem Nachdenken über verschiedene Dinge gewidmet ist. Daraus folgt: theōria bedeutet wissenschaftliche Forschung, Wissenschaft (im Gegensatz zu Praxis, Tätigkeit, gr. praxis; erst in der Neuzeit Theorie im Sinne der Auffassung oder Ansichten eines einzelnen Wissenschaftlers; abwertend: trockene Theorie“ (AntŽ 1998: 503). „In Griechenland wur-

1 In der Erzählung von J. Parandowski wurde (wahrscheinlich in der Übersetzung) eine gute Gelegenheit verpasst, Thesauros in seiner eigentlichen antiken Bedeutung zu verwenden – in der Erzählung ist es nicht einmal ein Schatzhaus, sondern ein lagerartiger Schatzspeicher (235, 237, 261, 270), ein Vermögensspeicher (177, 197) und schlicht ein Speicher (177, 178,179, 195, 236, 271). Gr. thēsauros in seiner Hauptbedeutung – „Vermögen, Schatz; Schatzhaus; Schatzkammer“ – fand lange keinen Eingang ins Litauische; sogar AntŽ 1998 verzeichnet Thesaurus >Schatzhaus – „Die griechischen Städte hatten ihre Schatzhäuser in Olympia und Delphi, wo sie die Zeus Olympios und Apollon Pythios dargebrachten Gaben aufbewahrten. <...>. Δ wurden mit vielen Schlössern verschlossen, und jeder Schlüssel wurde von einer anderen Person verwahrt. <...>“. Auch wenn dies unsystematisch ist – es gibt keine Grundlage, und Ableitungen sind die Fachbegriffe Thesaurisierung „Geld zu Hause sparen, statt es bei einer Bank oder Sparkasse einzuzahlen“ TŽŽ 1951, Thesaurierung „Ansammlung von Gold als Schatz. <...>“ TŽŽ 1969: Goldthesaurierung, Kapitalthesaurierung ETŽ 1966, Thesaurierung – hoarding – 1. meist „Aufbewahrung von Edelmetallen“, 2. „Ansammlung von Vermögen in Form von Edelmetallen“ B und KŽ 1997, sowie thesaurieren TŽŽ 1985, 2001, 2013. Doch der Thesaurus als „in der Neuzeit ein umfangreiches Wörterbuch (Lexikon) eines bestimmten Gebiets“ AntŽ 1998 wurde in der Lexikografie relativ spät erfasst – TŽŽ 1985, 2001, 2013. Dabei schrieb schon 1921 Kazimieras Būga: „Ein vollkommenes und vollständiges Wörterbuch, dem wir ohne Scheu den Namen ‚Thesaurus linguae Lituanicae‘ geben könnten, sind wir heute noch nicht imstande herauszugeben. <...>. Thesauri werden von mehreren Generationen von Menschen über Jahrzehnte hinweg erarbeitet“ (Būga 1959: 379).

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Die Nutzlosigkeit von Theorien galt nicht als Mangel, sondern als Vorzug. – – – Das Leben des Beobachters (βίος θεωρητικός) galt als Ideal“ (SenGrK 2007: 298). Das Denken beginnt mit dem Beobachten, doch beschränkt sich dieser besondere Vorgang nicht auf das Denken: „Indem der Mensch der Antike die Struktur des Kosmos gedanklich erfasste, verspürte er dessen Schönheit und erlebte θεωρια, d. h. ästhetische Befriedigung. Da gerade die Bestimmung der Struktur des Kosmos bei ihm einen solchen Zustand hervorrief, erhielt θεωρια (Theorie) allmählich die Bedeutung der Struktur selbst, während θεωρειν (theoretisieren) die Bedeutung gedanklicher Tätigkeiten annahm, die auf die Erklärung einer solchen Struktur gerichtet sind“ (Jankauskas 1987: 36). Im Verlauf der europäischen Geschichte wandte sich die Theorie zunächst der Durchsetzung des Logos und später auch der Praxis zu. Nur in der Romantik gab es noch Reminiszenzen an die ursprüngliche griechische Metaphysik – an die wahre Theorie, zum Beispiel: <...>Ich würde es wagen, eine Theorie des Romans zu schreiben, die eine Theorie im ursprünglichen Sinn des Wortes wäre: die ruhige, heitere Anschauung eines einheitlichen Geistes auf einen Gegenstand, wie es sich ziemt, mit feierlicher Freude die bedeutungsvolle Freude göttlicher Bilder zu betrachten. Eine solche Theorie des Romans müsste selbst zum Roman werden, <...>“ (Friedrich Schlegel – P ir LE I 1978: 270). In der Neuzeit ist der wesentliche Unterschied der Geisteswissenschaften bereits hinreichend bewusst geworden – als verstehender und erklärender, nicht messender und (be)rechnender Wissenschaften.

Die Römer, die reichlich aus dem Speicher der griechischen Kultur schöpften, übernahmen das Lehnwort theōria erst am Abend der Antike – eher schon nicht mehr in der frühen Morgendämmerung des Christentums – aus der Hand eines der Kirchenväter, des heiligen Hieronymus (347–419), des Übersetzers der Vulgata (siehe LoLieŽ 1996). Boethius (um 480 in der römischen Adelsfamilie der Anicier geboren – um 524 vom ostgotischen König Theoderich, einem Arianer, besiegt), „der letzte Römer und der erste Scholastiker, der letzte Philosoph der Antike und der erste des Mittelalters“ (L ir I 1980: 242), Übersetzer des Aristoteles, entlehnte die Bedeutung des griechischen Wortes und übertrug sie auf das lateinische Wort speculation – 2. Philos. Spekulation (1. Ausschau, Aufklärung bei Ammianus Marcellinus, 4. Jh.) LoLieŽ 1996 – vgl. Spekulation – „Beobachtung, geistiges Betrachten; in der Spätantike und im Mittelalter bedeutete es dasselbe oder nahezu dasselbe wie die Begriffe theoria, contemplatio, meditatio; <...>“ (FilŽ 2002). Später wandelten sich die Bedeutungen von Theorie und Spekulation und entfernten sich voneinander: Theorie – 1. „Erklärung von Erscheinungen der Wirklichkeit in abstrakter logischer Form“, 2. „System wissenschaftlicher Aussagen, die den Untersuchungsgegenstand erklären“ TŽŽ 1985, 2001, 2013; Spekulation 3. Philos. „ganz abstraktes, theoretisches Denken mit dem Ziel, Erkenntnisse über Gegenstände zu gewinnen, die jenseits der Erfahrung liegen“ TŽŽ 1985 (weniger genau: „abstraktes, theoretisches Denken, das nicht mit Praxis und Erfahrung verbunden ist“ TŽŽ 2001, „abstraktes Schlussfolgern, das nicht verbunden ist <...>“ TŽŽ 2013), „Überschreitung der Erkenntnismöglichkeit durch“

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Die Überschreitung der (sinnlichen) Erfahrung und ihrer wissenschaftlichen Überprüfbarkeit durch den Übergang zu etwas, das prinzipiell nicht erfahrbar, nicht erkennbar und nicht begründbar ist, ist nichts weiter als ein bloßes Hirngespinst („reine Spekulation“)“ (FilŽ 2002). Die lexikalische Bedeutung der von derselben Benennungsmotivation geprägten Kontemplation [lat. contemplari – 1. (genau hinsehen, beobachten (entspricht gr. θεάσθαι), 2. übertragen (nach)denken, (ab)wägen LoL ieŽ 2007] ist freier (und doppeldeutig) – 1. „starke Konzentration, Sammlung, Nachdenken“ (2. in der Mystik: „höchste Erkenntnisart, die auf Intuition beruht; passive Wahrnehmung der Wirklichkeit“) TŽŽ 1985, 2001, 2013, doch ist dies weder ein Begriff der Philosophie noch der Psychologie2; die Erklärung „starke Konzentration, Nachdenken, Meditation“ RelŽ 1991 ist hingegen grundsätzlich falsch.

Meditation hingegen bedeutet zunächst – 1. „Nachdenken, V e r s i n k e n in die eigenen Gedanken, Zustand tiefer Konzentration“ (RelŽ 1991), und mehr noch – „eine Art veränderten Bewusstseinszustands [andere sind Traum, hypnotische Trance, psychedelischer Zustand, sensorischer Isolationszustand usw.] – ein Zustand starker Konzentration“, der in östlichen Religionen praktiziert und in der Psychotherapie zur Stressminderung, Entspannung und Beruhigung eingesetzt wird (PsichŽ 1993). In der Philosophie ist sie „das N a c h d e n k e n über die im Alltag oft unausgesprochenen und verzerrten Prinzipien wahrer Erkenntnis und Tätigkeit“ (FilŽ 2002), denn lat. meditari bedeutet – 1. (nach)denken, (über)legen, (ab)wägen, sinnen LoL ieŽ 2007.

Demnach beginnt Theorie mit Beobachtung (Anschauen), Spekulation ist völlig abstrakt und kommt ohne sie aus, Kontemplation ist Nachdenken in konzentrierter Betrachtung der Wirklichkeit, Meditation ist Versenkung in sich selbst und das Leben.

Von derselben Herkunft wie Theorie ist auch Theorem (gr. theōrēma – Lehre, Regel < theōreō – ich denke nach) – „eine t h e o r e t i s c h e Aussage, deren Wahrheit aufgrund früher aufgestellter wissenschaftlicher Aussagen logisch bewiesen werden kann oder bereits bewiesen ist“ TŽŽ 1985, 2001, 2013. Das Theorem ist jedoch auf Mathematik und Logik beschränkt. Einige Sprachen verfügen über eigene Begriffe – poln. twierdzenie (und teoremat), tschech. věta, poučka (und teorém), dt. Lehrsatz (und Theorem).

2Auch nach der Motivationsgrundlage schließen sich hier Skepsis, Skeptizismus an – sie beruhen auf einer ganz ähnlichen Bedeutungsentwicklung des gr. σκέπτομαι: „schauen; untersuchen, erkunden, erfahren; prüfen; denken, überlegen; folgern, urteilen; voraussehen“ (GrLŽ 1979), „ich schaue hin, ich betrachte“, skępsis – Beobachtung SWO 1997 (obwohl viele Wörterbücher der Internationalismen die wesentliche ursprüngliche Bedeutung nicht angeben, zu der erst später die Bedeutungsnuance „zweifelnd, kritisch, prüfend“ hinzukommt). Die lexikalische Bedeutung von Skeptizismus ist jedoch völlig abgewichen – „philos. Richtung, die die Möglichkeit, Wahrheit zu erkennen und zuverlässiges, begründetes Wissen zu erlangen, bestreitet“ TŽŽ 1985, 2001, 2013; besonders komplex ist der philosophische Begriff, bei dem vom inhaltlichen Skeptizismus die Methode des Skeptizismus unterschieden wird – „kritische P r ü f u n g von im Allgemeinen dem Denken und Handeln zugrunde liegenden Annahmen (besonders in Kants Philosophie, wo sie dem Dogmatismus entgegentritt)“ (FilŽ 2002). Im Leben bedeutet gesunder Skeptizismus 2. (und Skepsis) schlicht „Kritik, Zweifel an etwas“ TŽŽ 1985, 2001, 2013. Es ist wichtig, die Aspekte nicht zu verwechseln.

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GESCHICHTE

Der Schritt von der Theorie zur Geschichte ist keineswegs ein Sprung zur Seite oder über einen Abgrund, sondern eine folgerichtige zweite Stufe nach der ersten. Denn der Vater der Geschichte, Herodot, war der Erste, der sie – genauer gesagt: sie, die Geschichten – nicht nach den Berichten von Teilnehmern an den Ereignissen (Kriegen) verfasste, sondern, aufgetragen!, nach seinen eigenen Beobachtungen. Vielleicht wird er daher nicht ganz zu Unrecht bisweilen erstes Mitglied der Journalistenzunft genannt Vd 2009 12 14, wenn er nicht auch auf die Zeugnisse der Ereignisteilnehmer verzichtet hätte. Doch gerade er stellte diese bedeutende Verbindung her: „Nach Herodot bilden theōrein – beobachten, schauen – und historein das Fundament der Geschichtswissenschaft“ – denn Geschichte < gr. historia ist „ein ionisches Wort für Erkundigung: Herodot macht die Erkundigung zusammen mit der Theorie (gr. theōria) – dem Schauen, dem Sehen (vgl. histōr – einer, der mit eigenen Augen gesehen hat) – zur Grundlage der Erforschung von Ereignissen“ (AntŽ 1998: 503, 212). Tatsächlich ist die Bedeutung von gr. ἱστορέω noch umfassender: „fragen, sich erkundigen; besichtigen; besuchen; erforschen, kennenlernen; befragen; übermitteln, b e s c h r e i b e n, e r z ä h l e n“; ἱστορία – „Befragung; Erforschung; K e n n t n i s s e, D a t e n; Wissen, W i s s e n s c h a f t; E r z ä h l u n g d e r V e r g a n g e n h e i t, G e s c h i c h t e“ (GrLŽ 1979).

Während sich also der Gegenstand weiterentwickelte und sich die Bedeutung des Wortes erweiterte, verbreitete sich das Wort auch auf andere Bereiche: „Die Griechen schufen die Geschichtswissenschaft; ihr Wort Erforschung bedeutet Untersuchung“ (SenGr 1995: 62). <...> Aristoteles <...> aus Stageira gilt als Begründer der biologischen W i s s e n s c h a f t. <...> Der um 330 v. Chr. verfasste zoologische Traktat „G e s c h i c h t e d e r T i e r e“ <...> SenGrK 2007 309. Aristoteles’ Schüler und Gesinnungsgenosse Theophrast <...> gilt als Begründer der wissenschaftlichen Botanik. Er legte die Prinzipien der Anatomie und Physiologie der Pflanzen dar, <...>. In den Kapiteln der aus neun Büchern bestehenden „G e s c h i c h t e d e r P f l a n z e n“ beschreibt Theophrast <...> SenGrK 2007 310. Die Buchautorin Dalia Dilytė schlägt hier anstelle von Geschichte Wissen vor, doch wenn es sich um W i s s e n s c h a f t und P r i n z i p i e n handelt, warum dann nicht Wissenschaft: die Wissenschaft von Tieren und Pflanzen? Die Tradition setzte auch der Römer Plinius der Ältere mit seinem vielseitigen (sogar Ethnografie und Anthropologie umfassenden) Naturalis Historia – Naturgeschichte (77, gedruckt 1469) fort – ein wissenschaftliches Buch und keine Sammlung von Geschichten (obwohl es auch solche enthält – Erzählungen, sogar erfundene, ebenso wie Anekdoten).

Geschichte ist ein Ereignis oder eine Nachricht über ein Ereignis, Geschichten sind Ereignisse, doch die Gesamtheit der Ereignisse – ein Kollektivsingular – Geschichte ist wie Gras: „ein Feld oder Haufen von Gräsern, ein Fleck“, Samen: „ein Getreidespeicher oder Sack voller Samen“.

Das Besondere am Wort Geschichte ist, dass dort, wo man üblicherweise eine Terminologisierung vermutet, tatsächlich eher ein Präterminus vorliegt, zum Beispiel: Die Geschichte des Doktor Johann Faust, des berühmten Zauberers und Schwarzmagiers (Vilnius: Institut für Litauische Literatur und Folklore, 2006), doch hier wird auch über Faust erzählt (191, L. Citavičiū-

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tė). Petro Cvirkas Alltagsgeschichten (Erzählungen) und seine Erzählung Hochzeitsgeschichten. Die vierbändigen Memoiren von Wladimir Korolenko Die Geschichte meines Zeitgenossen. Die Lehrreichen Geschichten des assyrischen Schriftstellers (und Gelehrten) Juhanano bar Ebrajo aus dem 13. Jh. (Vilnius: Mintis, 1984) und ihr Kapitel Lustige Geschichten über Schauspieler und Komödianten. Das Leben eines Menschen „ist vor allem eine Geschichte; und wo eine Geschichte ist, da ist ein Erzähler“ (G. K. ChestO 1998: 69); wenn es sich um eine Beschreibung handelt, dann auch um eine Biografie, und ihr Verfasser ist ein Biograf. Schon vor Herodot gab es gewisse Aufzeichner von Geschichten: Logografen – „altgriechische Geschichtsschreiber, die Volkssagen und Gedichte in Prosa niederschrieben“ TŽŽ 1936; genauer: „Schöpfer und Aufzeichner alter Erzählungen und Fabeln (all dies gr. logoi). In Ionien waren sie im 7. und 6. Jh. v. Chr. die Nachfolger der epischen Sänger; in gesprochener Prosa erzählten sie einfachen Bürgern von den Königen und Herrschern anderer Länder, von Abenteuern, fernen Gegenden, <...>. Als in Ionien die schriftliche Prosa aufkam, begannen sie, ihre <...> Geschichten niederzuschreiben; <...>“ (AntŽ 1998); später bezeichnete Logograf zum einen einen „griechischen Chronisten des 6.–5. Jh. v. Chr., der eine auf Mythen und Überlieferungen beruhende Geschichte der Poleis sowie Stammbäume verfasste und bisweilen Reiseeindrücke schilderte“ und zum anderen einen ganz anderen „Verfasser von Gerichtsreden in Athen (seit Anfang des 5. Jh. v. Chr.), der im Auftrag der Prozessparteien arbeitete“ TŽŽ 1985, 2001, 2013.

Wer aber Geschichte (als Wissenschaft) schreibt, ist kein Historiograf. Einen solchen gibt es überhaupt nicht und hat es nie gegeben. Es gibt jedoch Historiografie, allerdings in verschiedenen Bedeutungen. Am häufigsten werden zwei Bedeutungen angegeben: 1. „Wissenschaft, die die Entwicklung der Geschichtswissenschaft untersucht“, 2. „Geschichtsbibliografie“ TŽŽ 1985, MĮstŽ 2000; daraus werden drei: 2. „Geschichtsliteratur“, 3. „Geschichtsbibliografie“ TŽŽ 2001, 2013; schließlich kommt – am plausibelsten? – 4. „Geschichtswissenschaft“ VLE VIII 2005 hinzu (vgl. Geografie). Dann bliebe der Historiker ein „Verfasser einer historischen Quelle“. Um die Sache endgültig zu beurteilen, muss man noch einen weiteren – systematischen – Aspekt im Blick behalten: das Verhältnis der Geschichte zur vieldeutigen (von der Antike bis in unsere Zeit) Historik (veraltet: Jahresgeschichte) – wie das Verhältnis von Synonymie zu Synonymik, von Liturgie zu Liturgik; das Verhältnis zur Historiografie hingegen ist wie das von Lexik zu Lexikografie (dann wäre das Verhältnis zum Historiografen wie das der Komödie zum Komödiografen).

Die Bedeutungsvielfalt von Geschichte und ihr gewisses Synonym Erzählung führen auch über das Gebiet der Geschichte hinaus (wie auch Logograf). Erzählung (1. → erzählen) bedeutet auch 2. „ein kleines, volkskundliches Prosawerk, in dem Ereignisse dargestellt werden“ DŽ 1972. Später wird in DŽ 1993 sein terminologischer Charakter verankert – der Hinweis lit. wird hinzugefügt und eine Systematisierung angestrebt: Es wird auch Erzähler aufgenommen – „jemand, der verschiedene Ereignisse darstellt, Volkskunstwerke erzählt usw.“.

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Das Wörterbuch wird durch die Enzyklopädie auf sehr sachliche Weise gefestigt – hier sind Erzählungen und Erinnerungen: „eine Gattung der erzählenden Folklore. Dazu zählen Werke, die denkwürdige und seltsame Ereignisse und Menschen der V e r g a n g e n h e i t darstellen. — — — haben einen Erkenntniswert, h i s t o r i s c h e n Wert, — —“ VLE XVII 2010. Semiotische Narration, geschweige denn Narration und Erzähler, führt VLE XVI 2009 nicht auf; nur im Artikel Semiotik findet sich die synonyme Bezeichnung d i s k u r s i v e E b e n e d e s n a r r a t i v e n T e x t e s; hier aber auch die pragmatische E b e n e d e s E r z ä h l e n s und d i e K o m m u n i k a t i o n d e s S p r e c h e r s m i t d e m A d r e s s a t e n d e r A u s s a g e, obwohl die n a r r a t i v e S y n t a x schließlich von der litauischen Identität übertroffen wird: Der Text wird als Äußerung gewertet, die untrennbar mit der Situation des Sprechens und der Erinnerung an das Sprechen verbunden ist, die in der inneren Struktur der Äußerung bewahrt wird (VLE XXI 2012 – K. Nastopka). Die Darstellung der Narration im TŽŽ 1985 hatte eine erläuternde Bedeutung – „die Grundlage der Struktur epischer Werke ist das E r z ä h l e n, die Erzählweise“. 16 Jahre später – ein halber Schritt – „das E r z ä h l e n als Grundlage der Struktur epischer Werke“; dem Schritt nahe kommt der Erzähler – „eine Figur in einem literarischen Werk, die den Verlauf der Ereignisse erzählt“; Erzähler TŽŽ 2001, zwölf Jahre später noch ein kleines Stück weiter – Erzähler; „<...>“ TŽŽ 2013. Aber niemand sagt „erzählen“. Ich wiederhole, was schon lange gesagt wird: nicht printen – das ist kein Printer.

Der erste litauischsprachige Historiker Litauens, Simonas Daukantas, beschrieb zunächst die T a t e n der alten Litauer und Schemaiten – das, was „Strijkovskis, ein gebürtiger Pole, <...> auf Polnisch n i e d e r s c h r i e b“, „Vijūkas-Kojalavičius (...), ein gebürtiger Litauer, <...> auf Latein n i e d e r s c h r i e b“ (Daukantas 1976₁: 37), dessen „G e s c h i c h t e kurz ist und noch vieles fehlt, vor allem in jenem Teil, der die T a t e n der heidnischen Litauer und Schemaiten b e s c h r e i b t“ (Daukantas 1976₁: 38); deshalb bemühte er sich selbst, „wenigstens den größten Teil des B i l d e s ihrer alten Tage, ihrer Lebensweisen und Bräuche z u z e i g e n“ und „die Z e i t e n dieses Volkes, das auf der Erde und unter der Erde bis heute fortbesteht“ (Daukantas 1976₁: 38). Das Ziel war, dass die Lehrerinnen der Armen lesen und richtig erzählen könnten: „Nicht für gelehrte Männer und Denker, sondern für jene Mütter s c h r i e b i c h, die ihren Kindern die T a t e n ihrer Urväter e r z ä h l e n können, sich aber ohne Schriften oft irren“ (Daukantas 1976₁: 39). Die Lebensweise der alten Litauer, Oberlitauer und Schemaiten (1845) – „wie die alten S c h r i f t s t e l l e r sie n i e d e r g e s c h r i e b e n hinterließen und was die noch in der Sprache lebenden Sprichwörter bekräftigen“ (Daukantas 1976₁: 409); so also der Autor: nichts erfunden, sondern n i e d e r g e s c h r i e b e n. Die schemaitische Geschichte (~1836–1838) verfassend, hatte er „die ersten alten S c h r i f t e n durchgegangen, die von ihr und ihren Gebieten e r z ä h l e n“ (Daukantas 1995₁: 23), ferner „die N a c h r i c h t e n der Römer über das litauische und schemaitische Volk zur Zeit der Geburt Christi“ (33), ebenso die der „nordischen Schriftsteller“ (43), der „gudischen Schriftsteller“ (52), danach „häusliche E r z ä h l u n g e n“ (62) und „die ersten W e r k e der Litauer, Oberlitauer und Schemaiten, die in S c h r i f t e n zu finden sind“ (144). 1846.

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In der theoretischen und historischen Einleitung zur Übersetzung der Fabeln des Phaedrus wird im Gegensatz zur Fabel – der einfachen Erzählung, oder dem Märchen, oder der Schwankgeschichte, und der gelehrten Erzählung, die „die Welt lehrt, wie man sich verhalten soll“ – die „Erzählung von vergangenen Ereignissen und berühmten Taten <...>“ als Taten-Erzählung oder Geschichte bezeichnet (Daukantas 1984: 32). Schließlich verfasste er die Erzählung von den Taten des litauischen Volkes in alter Zeit (1850).

Doch Erzählung richtet sich nicht nur an Mütter (Adressaten). S. Daukantas’ feines Gespür für die komplexe Struktur von Ereignissen, ihren Ketten und verzweigten Abläufen strömt in der Syntax der Perioden aus und fließt weiter. Erzählung ist die verständlichste und dauerhaft wirksamste figurative Ausdrucksform. Und das ist keineswegs überholt3; im Gegenteil, es wird immer besser verstanden, erklärt und begründet, zum Beispiel: Auch die Beschreibung der paläogeographischen Entwicklung der natürlichen Umwelt Litauens im Spätglazial und Holozän (wie, wann und wohin sich der Gletscher bewegte, was während seines Rückzugs geschah, welche Pflanzen aufkamen und sich ausbreiteten, wie sich das Klima veränderte, also was davor und danach geschah) hat eine narrative Textstruktur, obwohl es sich um die Beschreibung einer natürlichen und nicht einer sozialen Welt handelt. Ihre Entwicklung wird jedoch vom Menschen selbst (re)de(kon)struiert. Daraus folgt, dass auch die Erzählung der Naturgeschichte historisch, also sozial geschaffen wird NŽA 2014 8 63. – Die Beschreibung einer Entwicklung ist eine Erzählung von Geschichte. Wissenschaftliche Geschichte ist keine Beschreibung, geschweige denn eine Erzählung, sondern notwendigerweise eine Erklärung und Deutung der Ereignisse sowie die Darlegung von Bewertungen.

Etymologisch betrachtet: Wenn gr. histor ein Augenzeuge, ein Zeuge ist, dann wäre historia „die litauische Entsprechung Zeugnis“ FaustI 2006 196 (L. Citavičiūtė). Für die Griechen – und für sie nur am Anfang – reicht das nicht; es braucht Ursachen und Bewertungen.

Die Männer der sprachlichen Litauität der nationalen Bewegung, Jonas Jablonskis und Kazimieras Būga, zeichneten sich auch durch die Neubildung būtovė aus: Die Verbindung mit der Vergangenheit, mit unserer alten būtvė, tragen wir selbst in uns LKŽ I₂ 1968 (J. Jablonskis). Antanas Vireliūnas machte aus ihrer Bedeutung „Vergangenheit, Altertum“ eine neue: „Būtovė oder Geschichte verfolgt das Leben der Menschen unter dem Gesichtspunkt der Zeit“ LKŽ I₂ 1968. Die bekannten litauischen Fernsehsendungen Die Geheimnisse der būtvė (A. Bumblauskas mit E. Gudavičius) bedeuten wohl „Altertum“. K. Būgas Romos būtovininkas dagegen bedeutet „Historiker“ LKŽ I₂ 1968. Interessante Wörter, doch sie waren keine Termini und werden es auch nicht sein.

3 Unmissverständlich und ohne Vorbehalt heißt es: „Auch der ‚wissenschaftliche‘ Diskurs findet nur in jener Furche festen Grund, die der Mythos gezogen hat. Dieser Gedanke ist wahrhaft wesentlich: Wenn der moderne Mensch die narrativ-symbolische Dimension seiner Erkenntnis zerstört, endet er damit, dass er den Sinn verliert und Rationalismus und Pragmatismus absolut überhöht“ (RelF 1997: 138).

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II. ANSCHAUUNG

Theorie entspricht motiv ationsmäßig (nur!) vollkommen der Anschauung, und die Entwicklung der Anschauung erinnert ebenfalls an die Theorie.

In der Philosophie erscheint die Anschauung (und das Anschauen) zunächst in den Erläuterungen zur Theorie: „In der Philosophie Platons bedeutet Theorie nicht nur sinnliches Anschauen, sondern zugleich auch die geistige Einsicht in die unveränderlichen (ewigen) Ideen, die das Handeln leiten; diese Ideen ordnen als Grundlage des Seins alle Dinge, insbesondere aber die Einsicht in die Idee der Ideen, das Gute (...). Aristoteles nennt Theorie eine Erkenntnis, bei der die geistige Anschauung ebenso wie das durch sie erkannte Seiende grundsätzlich um ihrer selbst willen existiert. Im Gegensatz dazu dient die Erkenntnis in der Praxis dazu, den Menschen gut zu machen, während sie in der schöpferischen Tätigkeit (poiesis) dazu dient, ein nützliches oder schönes Werk hervorzubringen. Theorie ist frei von jeglichem Dienst, autark, zwecklos (da sie Selbstzweck ist), „rein“, denn in sich selbst ruhend ist sie vollkommene Bewegung (...) und dadurch eine „göttliche Lebensweise“ (FilŽ 2002).

Žiūra teikta jau Stasio Šalkauskio žodyne Bendroji filosofijos terminija (1938) – vue, Gesicht, зрение, t. y. kaip psichologijos terminas, nors pagrindas yra rega – irgi vue, Gesicht, зрение (su visa mikrosistema – regumas, regėjimas, regimybė). II dalyje Paaiškinimai ir pavyzdžiai bandoma grįsti: „Kaip rega yra regėjimo pajėga, taip žiūra yra žiūrėjimo pajėga, bet galima žiūrėti ir vis dėlto neregėti. Paprastai žiūrint matoma, regima“ (ŠalkR II 1991). Iš tikrųjų žiūrima akimis, regima smegenimis. II dalyje atsiranda ir žiūrus, žiūr umas: „Žiūrus yra žmogus, kuris yra linkęs ar paslankus žiūrėti. Žiūr umas, regumas ir akylumas yra artimi sinonimai“ (ŠalkR II 1991). Vėlesniame nebaigtame rengti žodyne Bendroji pedagogikos terminija – taip pat, tik be aiškinimų. Aristotelio dvasinė žiūra, kaip cituota, regima esamybė, o čia – gryna psichologija. Kazimieras Gaivenis S. Šalkauskio pateiktus žiūra, žiūrus, žiūr umas priskyrė prie neprigijusių dvily pės grupės – terminizuotų liaudies kalbos žodžių ir naujadarų (Gaivenis 1983: 135). Liko nepasakyta, kad nebuvo būtinos reikmės. Jos nėra ir dabar – žiūros psichologijoje neprireikė (žr. PsichŽ 1993).

Das Wort Anschauung stammt tatsächlich aus der lebendigen Sprache – ist an verschiedenen Orten belegt und vieldeutig: 1. „Fähigkeit zu schauen, Schauen, Sehen“ (Eržvilkas, Skaudvilė, Betygala), 2. „Blick“ (Raseiniai, Dusetos): Der Blick der Äuglein, das Lächeln der Lippen lockt mich leise Jurbarkas, 3. „Aufsicht über die Ordnung“ (Rumšiškės, Bagotoji, Ramygala), 5. „Besichtigung“ (Palanga), 6. „Aussehen“ (Akmenė), 7. „Ansicht“ (Vilkaviškis); ziemlich weit verbreitet ist žiūros menuo (Zeit) „Werbezeit“

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laikas“ (Kėdainių r. Pagiriai, Pociūnėliai, Vaškai, Ramygala, Ėriškiai) LKŽ XX 2002. Nuo Aušros laikų vartota ir žymesnių rašytojų, V. Kudirkos – reikšmėmis „pažiūra“ ir „panorama, reginys“. Okulisto Petro Avižonio terminizuota – žiūros kampas. Traukta į žodynus – LKRŽ 1948, LKVŽ 1950, DŽ 1954, 1972 (žiūros linija – med. linea visus), net dvikalbius: смотрение psn. – žiūrėjimas, veizdėjimas, žiūra RLKŽ II 1967, žiūra – смотрение, глядение, net žiūrus (ir įžiūrus – проницательный) LRKŽ 1971, t. p. 1988 (be įžiūrus). Ir žiūrus yra iš gyvosios kalbos – 2. „akylas, gerai matantis“: žiūrus katinas Kupiškis, žiūrus kaip vanagas Vilkaviškis (nors 3. „žvairas“ Vabalninkas), 4. „gerai matomas, perregimas“ Anykščiai (LKŽ XX 2002). Pateikiama ir DŽ: 1. „linkęs žiūrėti“, 2. „gerai matomas, aiškus“ DŽ 1954, 1972 (1993 vietoj „aiškus“ – „perregimas“).

Von den Bedeutungen eines Dutzends sind unter dem Gesichtspunkt nicht nur der Motivation, sondern auch der Terminologisierung bereits die Bedeutungen 3. „überblicken, um zu erfahren, was etwas ist, sich von etwas zu überzeugen“, 5. „Aufmerksamkeit schenken, berücksichtigen, in Betracht ziehen“, 8. „warten, erwarten“, 9. „prüfen“, sogar 13. „zuhören (meist mit Wohlgefallen oder Verwunderung)“ (Tauragnai, Smalininkai, Daugai) LKŽ XX 2002, 4. „sich eine Meinung gebildet haben“, 5. „untersuchen“ DŽ 1993 von Bedeutung. Hier ist erblicken relevant, zum Beispiel die Bedeutung von Kategorien I ir B 1988 111, sich eingehender mit etwas befassen: Die Geschichtswissenschaft <...> begann, die Vergangenheit genauer zu betrachten P ir LE II 8 (V. Zaborskaitė), sich selbst betrachten: Allgemein lässt sich über das Selbstbild dieser Figur (...) sagen, dass sie recht ironisch und ohne sich selbst wichtig zu nehmen auf sich blickt L. JonRvb 2008 175. Im LKŽ XII 1981 findet sich noch nicht die jüngere Wortneuschöpfung Selbstbetrachtung: Indem wir die Immanenz Gottes betonen, kultivieren wir S e l b s t b e t r a c h t u n g, Absonderung, einen Kult der Ruhe, Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Fragen – mit einem Wort: Tibet. Indem wir die Transzendenz Gottes betonen, fördern wir Staunen, Neugier, moralische und politische Abenteuer, rechtschaffene Empörung – anders gesagt: die christliche Welt G. K. ChestO 1998 155. Selbstbetrachtung unterscheidet sich deutlich sowohl von Selbstbeobachtung als auch von der darauf beruhenden Methode der Introspektion (PsichŽ 1993). Auch Ansicht, deren im lebendigen Sprachgebrauch am weitesten verbreitete Bedeutung 1. „Äußeres, Aussehen“ ist, seltener 4. „Art des Blickens, Blick“, 5. „Betrachtung, Beobachtung“, hat die Bedeutung 2. „Meinung“ (Ich wählte mir ein Mädchen nach meinen Ansichten Jankai) LKŽ IX 1973 (während Blickwinkel insgesamt die Bedeutungen 1. „Gesichtspunkt, Blickwinkel“ und 2. „Ansicht, Einstellung, Position“ hat LKŽ X 1976 – eine Neuerung der Schriftsprache ist).

Ein langer und langsamer, geradliniger und verzweigter, aber unumkehrbarer Weg – von den Anfängen der Abstraktion der wichtigsten menschlichen Sinneswahrnehmung bis zu den größten Weiten und Tiefen. Zu Beginn der Metaphysik erklärt Aristoteles: „Das Betrachten ist eine Freude,

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wir betrachten gern einfach so“. <...>. <...>. Die Freude am Betrachten zeigt, dass es Erkenntnis gibt, die sich selbst Zweck ist, <...> M.-D. PhilTI 2009 105. Den Gedanken Augustins: Die Gegenwart der Vergangenheit ist die Erinnerung, die Gegenwart der Gegenwart die Beobachtung, und die Gegenwart der Zukunft das Warten gibt der Mensch unserer Zeit – ein Erforscher des Selbstbewusstseins der Feudalzeit – beinahe genau wieder: Zum Erfassen der Vergangenheit ist uns das Gedächtnis gegeben, für die Gegenwart der Blick, für die Zukunft Hoffnung und Erwartung A. GurVKK 1989 104. Doch er erkennt auch einen Wandel: Die europäische Gesellschaft ging allmählich von einer Betrachtung der Welt unter dem Aspekt der Ewigkeit zu einem aktiven Verhältnis zu ihr unter dem Aspekt der Zeit über A. GurVKK 1989 136. Auch ein Mönch unserer Zeit zieht eine eigene Unterscheidung: <...> es ist gefährlich, die theologische und die philosophische Sicht auf die Moral zu verwechseln. Die erste schließt von sich aus die Schau der Weisheit ein, während die zweite in der Schau der Weisheit münden muss M.-D. PhilTI 2009 84. Das Naturgesetz hängt im Wesentlichen von der Schau der Weisheit ab: <...> (84). Und noch eine letzte wichtige Unterscheidung: Die subjektive Schau ist für manche geisteswissenschaftliche Disziplinen die einzige Erkenntnisweise; in den exakten Wissenschaften ist sie völlig unzulässig, doch entspricht sie auf natürliche Weise der Individualität des menschlichen Seins und der Grenzenlosigkeit des Geistes – darauf gründet sich das künstlerische Schaffen KB 1999 5 12. Die Schau geht von einem Standpunkt aus: H. Kardelo zufolge „bildet dieser kaleidoskopische, sich ständig wandelnde Blickpunkt die Grundlage der kognitiven Grammatik“ (...) A. GudE 2000 34. „<...>. Dieser Teil der Kultur [die Sprache] <...> stellt für die jeweilige Kultur typische Arten der Konzeptualisierung und Kategorisierung von Dingen, ein Wertesystem, Blickpunkte und ein gesellschaftlich verankertes Verhältnis zur Welt bereit“ (...) A. GudE 2000 35. <...> Č. Miloš und sein Werk nehmen wir meist aus litauischer Perspektive wahr MkslL 2011 15 7. Es gibt nicht einmal eine ernsthafte Analyse weiblicher Figuren aus männlicher Perspektive LitIšv II 1997 74 (V. Kelertienė). <...> unseren Literaturkanon von neuen Standpunkten aus überdenken LitIšv II 1997 76 (V. Kelertienė); Verschiebungen des Blickwinkels NŽA 2013 3 230, den Blickwinkel ändern NŽA 2014 6 22. Vom Standpunkt aus bestimmt sich auch der Winkel: <...> In der Konzeptualisierung <...> lassen sich ein konkreterer, empirischer Teil und ein abstrakterer, begrifflicher Bereich unterscheiden. In Letzterem ist der Profilaspekt – der Blickwinkel – von großer Bedeutung, ein Parameter, der in einer bestimmten Situation wesentlich wird, wenn ein Gegenstand oder Phänomen erfasst wird, <...> A. GudE 2000 49. Ich denke, die Kombination aus der britischen Neigung, die Dinge heiter zu betrachten, und dem litauischen Wesen und der litauischen Wirklichkeit lässt auch einen solchen Blickwinkel vorstellen IQ 2010 410. Ein ungewöhnlicher Blickwinkel ermöglichte es ihm, sich diesen Themen zuzuwenden NŽA 2014 4 72. Alle Begriffe <...> ergeben sofort einen einseitigen Blickpunkt Schopenhauer 1995 107. <...> nach neuen Blick- und Bewertungsperspektiven suchen MkslL 2014 13 5. Sehr nahe daran liegt hier

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der Wechsel zwischen nahen und fernen Betrachtungsperspektiven SLL XXIII 2007 315. Auch das Feld: In das Feld der semiotischen Betrachtung fällt alles (...) NŽA 2016 5 68, erweitert das Feld der Betrachtung NŽA 2015 3 58. Entsprechend diesen Winkeln und Feldern entstehen auch Betrachtungsbereiche: Die Reflexionen des Schriftstellers, des Lehrenden, des Fotografen und des Malers schaffen eine Vielfalt der Betrachtungsweisen und einen Wechsel der Figuren L ir M 2013 45 14. <...> ein Philosoph, der über Technologien aus theologischer Perspektive reflektiert IQ 2010 7 112. <...>, Lelewel und sein Hystorika steht zwischen Aufklärung und Historizismus als zwei unterschiedlichen Traditionen geschichtswissenschaftlicher Betrachtungsweise NŽA 2015 8 57. Die Entdeckung ethischer Werte wird dem Menschen durch seine Wertorientierung ermöglicht. Sie ist Teil des Wirklichkeitsgefühls, mit dem das Subjekt die Lebenssituation und moralische Phänomene ständig bewertet EtEt VI 1982 172. Daneben findet sich methodologische Betrachtungsweise M.–D. PhilTI 2009 176, nichtmethodologische Betrachtungsweise MksIL 2016 8 8, statische Betrachtungsweise NŽA 2011 7 489. Es könnte noch mehr geben4.

Doch am wichtigsten, und bereits Platon bekannt, ist die Schau der Wesenheiten: „<...> Gegenstand der Erkenntnis ist nicht das sinnlich Wahrgenommene, sondern das, was seiner Idee nach ist und durch die wahrnehmbaren Dinge gleichsam hindurchscheint. Erkenntnis als Prozess des Erwerbs von Wissen (episteme) ist der Aufstieg der mit Vernunft (nous) begabten Seele in das Reich der nichtsinnlichen und zeitlosen Wesenheiten und zugleich die Loslösung (katharsis) von allem Sinnlichen (...). Dieser Aufstieg wird durch den Eros (die Göttlichkeit der Seele, daimonion) angeregt, durch das Streben nach dem ewig vollkommenen Sein in der geistigen Schau der Wesenheiten (theoria), die der Seele Glückseligkeit bedeutet“ (FilŽ 2000: 162). Noch ohne Körper „schaute die Seele die Ideen“ – nur deshalb „ist die erinnerte Schau möglich“ (162). Doch dies gehört – ob verständlich oder nicht, ob akzeptabel oder nicht – in den Bereich der Geschichte der Sachterminologie. In Fachtexten findet sich jedoch, wenn auch selten, die Schau, nicht irgendeine geistige, sondern eine intellektuelle, das heißt das reine Denken: Wissen, das durch reines Denken, auf dem Wege intellektueller Schau erworben wird, ist stets Wissen um Eide, um Ideen (Nekra šas 2004: 140). Ebenso selten ist die theoretische Schau: Die Postmoderne selbst versteht er als eine selbstreflexive Stufe der Moderne, in der die Moderne gleichsam ihre konzeptuellen und ideologischen Gewohnheiten ablegt und sie im Feld theoretischer Schau „subjektiviert“ A. BaumG 2007 20 (V. Rubavičius). Doch die Erläuterung von žiūra 4 in DŽ 1993 und LKŽ XX 2002 – „sinnliche Erkenntnis; <...>“ – widerlegt all dies.

4 Obwohl diese Bedeutung in Wörterbüchern nicht verzeichnet ist, kommt als Synonym für Schau auch Sehen vor: den eigenen Sehstandpunkt durchsetzen MksIL 2011 16 10, Die Unendlichkeit lässt sich von unendlich vielen Standpunkten aus erfassen RelF 1997 38, der Sehstandpunkt ändert sich RelF 1997 45, die ihre Sehschwerpunkte herausgebildet haben <...> Akademiker NŽA 2014 4 37, man entfernt sich deutlich von der intuitionistischen Weltsicht LitIšv II 1997 176. Doch das scheint eher der älteren Sichtweise und dem modischen Sehen zu ähneln. Wäre es vielleicht sinnvoll, zwischen Sehen und Schau zu unterscheiden?

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Bei dem Versuch, diese Bedeutung, genauer gesagt: diese Bedeutungen, zu bestimmen, muss man sich zunächst auf die grundlegende Bedeutung in der lebendigen Sprache stützen. Dann muss man verstehen, dass Aristoteles’ philosophische Theorie als geistige Schau des gesamten Seienden um ihrer selbst willen – zum Segen der Weltanschauung – in der Geschichte zurückgeblieben ist; doch leben wir längst in einer Welt wissenschaftlicher Theorien, die Phänomene erklären, Gesetze aufstellen und sogar Nutzen bringen (Kunst-theorien bleiben Aristoteles’ Auffassung nahe), und statt jener einzigen Theorie haben wir eine Vielfalt von Anschauungen, keineswegs sinnlichen, sondern perspektivischen, kontemplativen. Dies wurde zweifellos durch die „für die Philosophie der Neuzeit charakteristische Wendung zum Subjekt“ (Anzenbacher 1992: 150) bestimmt, und zwar zu einer solchen, die nicht eines naturwissenschaftlichen Weltbildes (202), sondern eines ganzheitlichen bedarf – der Weltanschauung des Menschen (214), obwohl diese zwangsläufig sprachlich und nur in der Muttersprache möglich ist (167), stets konkret historisch und zumindest ein wenig subjektiv. Kants „dem Menschen eigene einzige Art der Weltanschauung, die durch die ihm eigenen und von seiner Erfahrung unabhängigen, d. h. apriorischen Anschauungen von Raum und Zeit sowie apriorische reine Verstandesbegriffe (Kategorien) bestimmt wird“ (Nekrašas 2004: 181). Thomas Kuhn (1922–1996) ist dagegen der Ansicht, dass es „viele Arten der Weltanschauung“ gibt, denn sie werden durch ein Paradigma bestimmt – „eine Denkweise über die Welt, ein Netz von Begriffen, durch das Wissenschaftler auf die Wirklichkeit blicken“ (181). Es ist umstritten, ob jede von ihnen gleichermaßen wahr wäre; sicher ist jedoch, dass nicht alle gleich bedeutsam sind.

Diese Ansicht ist weit verbreitet, wenn auch nicht allgemein (Anzenbacher 1992 enthält sie nicht). Ihre Definition findet sich jedoch weder in Alois Halders Filž 2002 noch in dem Buch von William Raeper und Linda Smith Durch die Welt der Ideen: Religion und Philosophie damals und heute (Vilnius: Alma littera, 1996) im Glossar (219–258). Klar ist, dass diese Ansicht die Grenzen der Philosophie und der Geisteswissenschaft nicht überschreitet.

Nun wenden wir uns der Ästhetik zu, denn der zweite Teil dieser Erklärung bleibt noch zu behandeln – die „ästhetische Betrachtung“. Auch diese besondere Anschauung hat ihre Entwicklung. Sie beginnt in den ersten Jahrhunderten der Antike: „<...> In Homers Auffassung bleibt Kunst doch nichts anderes als Kunst, die rein künstlerischen Zauber hervorruft, als wäre sie einzig für das Hören der Zuhörer5, für ihr Wohlgefallen und ihren Genuss geschaffen“ (Stoškus 1981: 23). Der Philosoph und Phänomenologe des 20. Jahrhunderts Nicolai Hartmann beginnt sein Hauptwerk Ästhetik (postum 1953 veröffentlicht) erst an diesem Punkt: „Ästhetisches Denken ist in jedem Fall sekundär. Es kann beginnen, nachdem die ästhetische Anschauung und die unmittelbare Wahrnehmung aufgehört haben.“

5 Hier erinnern wir an die bereits erwähnte Bedeutung von žiūrėti – 13. „zuhören (gewöhnlich mit Wohlgefallen oder Staunen)“.

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davimas gėrėjimuisi grožiu, <...>“ (GrožK 1980: 335–336). Nors pavadintas estetiniu mąstymu (tiksliau būtų – suvokimas), tuoj pervadinamas žiūra ir atskiriamas nuo mąstymo: „<...> daug pražūtingesnė klaida manyti, kad estetinis suvokimas (žiūra) apskritai esąs vienas iš pažinimo būdų, to paties lygio, kaip ir racionalusis pažinimas“ (336). Bet kas tada lieka – juk „grožis nėra daikto ontinė savybė“ (345). Tada prasideda antroji žiūra: „Estetinė žiūra yra tik pusiau pojūtinė žiūra. Virš jos yra dar antropo laipsnio žiūra, kurią pojūčiuose sukelia įspūdis, bet kuri su juo nesusilieja ir akte yra aiškiai nuo jo priklausoma. Ta antroji žiūra nėra nei esmežiūra, nei platoniškasis bendrybės suvokimas, nei intuicija, <...>. Ji tebėra nukreipta į vienintelį ir individualų atskirą objektą, bet įžvelgia jame tai, ko pojūčiai betarpiškai nepasiekia: <...>“ (312). Antroji žiūra yra vidinė žiūra (343), pojūtinę žiūrą iš vidaus apšviečia viršpojūtinė žiūra (344), kuri yra kurianti ar bent jau atkurianti žiūra (343). Galima suprasti, kad „tai, ką ji įžiūri, nėra duota pojūčiuose, pojūčiai tai tik įgalina“ (343), nors lieka klausimas – kaip? Trūksta visai mažai, o visa – labai reikšminga6. N. Hartmanno bendraamžis ir bendramintis Vosylius Sezemanas savo studijoje Estetika (1970, parašyta 1962) esmingai papildo, paryškina ir apibendrina: „Mūsų asmenybės emocinis atsiliepimas į objekte pasireiškiančią gyvybę arba jausminį tonalumą nekliudo tam, kad mes to objekto atžvilgiu išlaikytume kontempliatyvų nusistatymą, pajungdami jam ir tą nuotaiką, kurią mus užkrečia pats objektas. Tokio pobūdžio yra kaip tik estetinė žiūra, estetinis atsidėjimas, atskleidžiąs mums ir objektyvią, antiindividualinę jausminių išgyvenimų reikšmę“ (Sezemanas 1970: 256). Vis dėlto estetinės ir teorinės žiūros tapatybė, kartais skelbiama visai tiesmukai, susilaukia neigimo: <...> teigti, kad teorinė ir estetinė žiūra iš esmės sutampa, kad tai vienodai objektyvus žvilgsnis, yra netikslu. <...>. <...>. Teorinei žiūrai rūpi pats konkretus, individualus daiktas, objektas, jo būtis – <...>. Teigti, kad estetiniu žvilgsniu mes suvokiame grynąjį daikto būtį ir pan., vadinasi, pasiduoti iliuzijai L ir M 1989 49 10 (K. Rastenis).

6 Schon viel früher unterschied Arthur Schopenhauer in der Philosophie zwischen intellektueller Anschauung oder absolutem Denken (Schopenhauer 1995: 30 / Vernunftanschauung (73) und sinnlicher Anschauung (131); auch in der Ästhetik unterschied er die von ihm so genannte ästhetische Betrachtung in ihre „zwei untrennbaren Bestandteile: die Erkenntnis des Objekts (nicht als eines einzelnen Dinges, sondern als platonischer Idee, d. h. als einer dauerhaften, einer ganz bestimmten Dingart eigenen Form); und das Selbstbewusstsein des Erkennenden (nicht als Individuum, sondern als reines, willenloses Erkenntnissubjekt) (286). Den ersten Bestandteil nennt er objektive Anschauung (288), jene Objektivität Genie, während die subjektive Seite der Schönheit dazu anregt, „ganz in reine ästhetische Anschauung zu versinken“ (317).

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EINSICHT

„Žiūra“ ist etymologisch von žiūrėti („schauen“) abgeleitet, semantisch jedoch auch untrennbar mit žvelgti („blicken“) verbunden und hängt zudem mit den Wörtern žvilgsnis („Blick“), seltener požiūlgis, zusammen: 1. „Blick“ (S. Daukantos požvilga), 2. siehe požiūris 1 (d. h. „Bezug, Betrachtungsweise“), 3. siehe požiūris 2 (d. h. „Ansicht, Einstellung, Position“), LKŽ X 1976, z. B.: „Praktikabilität ist das Hauptmerkmal, mit dem das Seiende uns anblickt, d. h. ausstrahlt und sagt, dass es eben so ist“ GrožK 1980 217 (M. Heidegger). „Blicken, einen Blick werfen, sich umsehen“ ist zielgerichtet, nicht endgültig, nicht ergebnisorientiert, also im Grunde etwas anderes als „schauen“, denn dann sieht man. Dennoch wurde neben dem Schauen (und selten dem Sehen) auch „žvalga“ („Betrachtung“) verwendet: Die Unsterblichkeit ist die endgültige Vollendung des individuellen Seins <...>. <...>. Es ist eine Betrachtung, die tief im Boden des Christentums verwurzelt ist K. BradPvs 1990 452–453 (V. Zaborskaitė). Č. Miloš wird aus einem anderen Betrachtungswinkel beurteilt MkslL 2011 18 9. <...> jeder urteilt von seinem eigenen Betrachtungsstandpunkt aus MkslL 2014 11 7. <...> ein unberücksichtigter Aspekt der Betrachtung <...> in den Forschungen MkslL 2013 5 12 (hier wohl im Sinne von „Betrachtung... Blick / Gegenblick!..“). Diese Betrachtung ist in Wörterbüchern⁷ nicht verzeichnet und wird es vielleicht auch nie sein. Terminologisch besteht dafür offenbar kein Bedarf.

Etwas ganz anderes sind die Bedeutungen von Ereignis und Richtung bei įžvelgti und įžvalga. Es ist nicht verwunderlich, dass es sogar mit įžiūrėti verglichen wird: „Am Anfang war das Wort. Das kann man nur wortlos erschauen; ‚Menschenworte werden nicht helfen, es zu erblicken. – – –‘“ KatKŽ 1989 256. <...> Mit seiner großen Einsicht erkannte er in ihnen das Symbol der Wissenschaftsgeschichte T. ManLV 1969 253.

„Įžvalga“ („Einsicht“) und „įžvalgus“ („einsichtig“) sind keine Wörter der lebendigen Sprache (die Bedeutung „weitblickend“ in LKŽ IV 1957, belegt in Raseiniai, ist nicht zuverlässig). Sie gehen aus Wörterbüchern hervor und gelangen nur sehr allmählich in den Gebrauch. RLŽ 1924 проницательный – schneidend (Wind), schrill; durchdringend; einsichtig, verständig, прозорливый – einsichtig, scharfsichtig, прозорливость – Einsicht, о провидные – das eine Vorsehung, das andere Voraussicht, sogar RLKŽ II 1967 – Voraussicht, Vorhersage und erst RLKŽ III 1984 – Voraussicht, Vorhersage, Einsicht (das andere – religiös: Vorsehung, Providenz). Wahrscheinlich sehen wir hier die ursprüngliche Vorlage des Lehnübersetzung: lat. providere – 2. übertragen 1) voraussehen, providus – 1. vorausschauend, einsichtig, providens, entis – 2) Adj. einsichtig, umsichtig, vorsichtig, klug, providentia – 1. Einsicht, Voraussicht LoLieŽ 2007. LKRŽ 1948 – nur „įžvalgus“ („einsichtig“), LKVŽ 1950 „įžvalgus“ („einsichtig“) – „fähig, etwas zu erkennen“; scharfsinnig, klug, und įžvalga bedeutet Erkenntnis, Introspektion,

7 Anders ist es bei der Übersicht in der Informatik – anstelle des Scannens (ohne Einlesen); auch wenn Überblick (Scanner klarer wäre, muss man deshalb nicht ganz darauf verzichten).

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obwohl Introspektion – Einsicht, Selbstbetrachtung, Selbstbeobachtung (aber Selbstbeobachtung ist nur Introspektion, Selbstbetrachtung bedeutet „Blick auf sich selbst“; Selbstbeobachtung). Introspektion als „Beobachtung des eigenen inneren Lebens“ (die introspektive Methode bedeutet in der Psychologie „die Erkenntnis psychischer Vorgänge einer anderen Person, erschlossen aus den eigenen inneren Erlebnissen und Erfahrungen“) erscheint erst im TŽŽ 1936 – und sofort als Selbstbeobachtung: übernommen wurde eine Wortneuschöpfung von Jonas Jablonskis (LKŽ XII 1981). Einsicht und Selbstbeobachtung / Introspektion als Synonyme zu behandeln, könnte den Eindruck erwecken, Introspektion (lat. introspectare – (von innen) betrachten LoLieŽ 2007) könne ebenfalls die ursprüngliche Vorlage von Einsicht sein, wenn nicht ihre engere und umfassendere Verbindung zu der viel älteren Providenz. Introspektion gilt in der Psychologie aufgrund ihrer Subjektivität als bedeutungslos geworden (PsichŽ 1993), doch sollte man nicht vergessen, dass sie Selbstbeobachtung bedeutet (Šalk II 1991 329, Skardžius 1998 461), denn außerhalb der Fachterminologie ist sie durchaus möglich. Providenz ist ebenfalls erst im TŽŽ 1936 belegt (nur – Vorsehung); erst viel später erscheint sie als 1. Vorhersehung TŽŽ 1969, 1. Vorhersehung, Umsicht TŽŽ 1985 und schließlich als 1. Einsicht, Vorhersehung, Umsicht TŽŽ II 2000.

In der normativen Lexikografie und der neueren Terminografie erscheint Einsicht zunächst in der gewöhnlichen Bedeutung „Erkennen, Vertiefung, genaues Betrachten“ DŽ 1954 (obwohl Einblick, buchsprachlich – 1. „genaues Betrachten, Einsicht“, 2. „Blick“). In LKŽ IV 1957 und DŽ 1972 erscheint auch wissenschaftliche Einsicht. Nicht bloß als Wort, sondern tatsächlich w i s s e n s c h a f t l i c h e Einsicht in Terminologiewörterbüchern: engl. insight, dt. Einsicht, russ. инсайт – „plötzliche Lösung von Schwierigkeiten und Problemen, unerwartetes Klarwerden komplizierter Beziehungen und Zusammenhänge; in der Diagnostik von Schülern ein plötzliches Erkennen und neues Verstehen komplexer Persönlichkeitsmerkmale, Emotionen und Motive, die zuvor unklar waren. <...>“ (PT 1993). Die Psychologen entschieden anders als die Pädagogen – wie die Russen: Einsicht (russ. инсайт, engl. insight) – anders ↗ Insight, obwohl die Erklärung ähnlich ist: Insight (russ. инсайт, engl. insight), Einsicht – „plötzliches und durch frühere Erfahrung gleichsam unbegründetes Verständnis der wesentlichen Beziehungen und der Gesamtstruktur einer Situation, Lösung eines Problems. – – – Δ Für das Entstehen ist die Vorbereitungsphase entscheidend – die frühere Tätigkeit des Menschen, die übernommene soziale Erfahrung und die gesellschaftlichen, historischen Mittel ihrer Übernahme (Sprache)“ (PsichŽ 1993). Die Pädagogen bekräftigten ihre Auffassung – Einsicht EncEdŽ 2007. Somit ist das engl. insight die sekundäre, aber unmittelbare Vorlage. Fachleute entschieden sich aus den von Linguisten vorgeschlagenen Entsprechungen – Ahnung, Einsicht, Intuition (Rudaitienė, Vitkauskas 1998) mit gutem Grund für Einsicht. Insight hat sich im Sprachgebrauch nicht durchgesetzt; seine Fremdheit wird sogar ausdrücklich markiert, zum Beispiel: Vipassana bedeutet klares, reines Sehen, das von besonderen Offenbarungen, Einsichten und dem geprägt ist, was Psychologen „Insight“ nennen (insight) J. IvanTM 2004 27.

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In Platons Philosophie wirkt neben dem sinnlichen Sehen auch die geistige Einsicht in die ewigen Ideen, insbesondere das Gute – und eben das ist Theorie (FilŽ 2002). Die Einsicht selbst wird jedoch mit einer „engen Bedeutung“ angesetzt – „unmittelbare sinnliche Wahrnehmung eines einzelnen Wirklichkeitsphänomens durch das Sehen“ (FilŽ 2002), was in Wirklichkeit wohl kaum Einsicht ist. Warum auch immer wird die eigentliche Einsicht als „übertragene Bedeutung“ bezeichnet (in der Sprachwissenschaft nennt man eine Bedeutung, wenn die Übertragung nicht mehr empfunden wird – wenn sie verblasst ist –, nicht mehr übertragen, sondern abgeleitet oder Ähnliches). Zunächst werden Arten der Einsicht unterschieden: „nicht vereinzeltes Vorhandensein der grundlegenden Formen vereinzelter Wahrnehmung“ – Kants reine Anschauung (Beobachtung), d. h. „Anschauung der Formen von Raum und Zeit, die die Möglichkeit aller Erfahrung bedingen“; die völlig unsinnliche intellektuelle Anschauung (gedanklich, begrifflich) und Husserls kategoriale Anschauung, insbesondere die Wesensschau (ähnlich Platons Ideenschau). Es gibt jedoch auch eine verallgemeinerte Lebens- und Weltanschauung – „eine allgemeine geistige, ethische, religiöse usw. Auffassung der Wirklichkeit im Allgemeinen und der menschlichen Existenz (Welt- und Menschenbild), die ein Individuum, eine Gruppe oder eine Epoche entwickelt. <...>. Eine deutliche Tendenz, Einsicht als ein Hier und Jetzt verfügbares Haben dessen aufzufassen, was ewig unverändert und mit sich identisch bleibt und worauf man sich grundsätzlich jederzeit stützen kann“ (FilŽ 2002). Erwähnenswert ist ferner die außergewöhnlichste Art – die unfehlbare Einsicht Gottes, visio infallibilis – eine Art apriorischen Wissens NŽA 2014 1 50 – nicht wie Erfahrungswissen (52).

In der unüberschaubaren Vielfalt des Sprachgebrauchs darf man vor allem Aristoteles’ „in der Wesensnatur des menschlichen Geistes (intellectus animae humanae) liegende Neigung zur sinnlichen Anschauung“ nicht vergessen (FilŽ 2002: 218). Ihr möglicherweise nahe steht die unmittelbar begründete Einsicht Schopenhauer 1995 127. Aber auch in der Gegenwart: Politiker treffen viele wichtige Entscheidungen, können sie aber nicht wissenschaftlich erklären. Sie scheinen die Wirklichkeit zu spüren, haben politischen Instinkt, der nicht auf wissenschaftlichen Berechnungen, sondern eher auf einem sinnlichen Verhältnis zur Wirklichkeit beruht. Dies wird als „Intuition“, „Ahnung“, „Einsicht“ und „praktische Weisheit“ bezeichnet. „Wirklichkeitssinn“ ist nichts Mystisches IQ 2010 3 40 (A. Jokubaitis). Schriftsteller beschäftigen sich heute mit <...> Literatur. Natürlich kann ihre Intuition, ihr künstlerisches Gespür und ihre Einsicht manchmal mehr sagen als die Überlegungen von Alltagsjournalisten oder politikwissenschaftlichen Analysten Sav su TV 2015 29 22. Künstlerisches Schaffen ist eine intuitive Einsicht in die Wahrheit des Seins GrožK 1980 14 (B.Kuzmickas). Eine weitere Gruppe kreist um die Selbsterkenntnis durch Selbstbeobachtung und Ähnliches: Diese programmatische Enzyklika zeigt den Weg der heutigen Kirche: den Weg der Selbsterkenntnis und Einsicht, den Weg der Erneuerung und den Weg des Dialogs KatKŽ 1988 122. Das Buch Seiner Heiligkeit des 14. Dalai Lama „Wie man sich selbst erkennt“ ist der Kultivierung der Selbstbeobachtung gewidmet. Liebe und Einsicht führen uns zur Erleuchtung <...> Sav

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su TV 2012 5 81. Hier schließen sich charismatische und (pseudo-)poetische Verwendungen an: Die Gaben der Charismen, <...>, nennt das Christentum auch Offenbarungsgaben, Wundergaben. Es sind Gaben der Erkenntnis (Weisheit, Wissen, geistige Einsicht), Gaben der Rede (...) und Gaben der Macht (...) Sav su TV 2016 38 18. Daher lieben Barden Wein, Met, Drogen, Kaffee, Tee, Opium, Sandelholzräucherwerk und Tabak oder anderes, was einen Aufschwung der Kräfte spüren lässt. <...> dies sind <...> Ersatzmittel für Nektar, das wahre Getränk der Götter, das den menschlichen Geist beeinflusst, wenn dieser sich der wahren Einsicht nähert. – – – Der Geist der Welt, die große Ruhe, die dem Sein des Schöpfers eigen ist, offenbart sich nicht durch die Zauber von Wein und Opium R. W. EmP 2000 48–49. Wahre Einsicht entspringt tatsächlich dem Denken: <...> keine Erzählung über das Universum kann wahr sein, wenn sie nicht die Möglichkeit offenlässt, dass unser Denken zu wahrer Einsicht wird C. S. LewS 2007 22. Das sind theoretische Einsichten MksIL 2012 8 8, geistige Einsicht H. D. TorV 1985 157, metaphysische Einsicht A. MacR VI 1994 303 (1977)8, philosophische Einsicht NŽA 2014 1 43, religiöse Einsicht RelF 1997 64, natürliche philosophische Einsicht NŽA 2013 5 370, phänomenologische Einsicht GerK 1989 8 (B. Kuzmickas), psychologische und phänomenologische Einsicht SLL XXIII 2007 300, tiefe psychologische Einsicht R. FridG 1977 462.

Oft wird der Erkenntnisgegenstand von Einsicht durchdrungen SLL XXIII 2007 300; es gibt auch durchdringende Einsichten NŽA 2013 1 11. Am ernsthaftesten spricht man von Durchdringung: <...> so tief ins Leben einzudringen, <...>. Das ist nur einem Menschen mit außergewöhnlichen geistigen Kräften möglich, den man Genie nennt, denn nur er vermag das Wesen des Seins und der Dinge als Ganzes zu erfassen, es zu seinem absoluten Thema zu machen und diese besondere Einsicht auf ganz eigene Weise in Kunst, Poesie oder Philosophie auszudrücken A. ŠopGIA 1994 68. Wenn ein Philosoph Einsicht verwendet, dann ist es Einsicht. Wenn irgendein beiläufig Philosophierender das Wort gebraucht, ist seine Bedeutung blass und die Begriffsbestimmung unscharf: <...> er befand sich in einem Seelenzustand, den ich an mir selbst und anderen wiedererkannte: einem Zustand der Wachheit, der Einsicht und des Wissens, der geistigen Gnade H. HesE 1991 260. <...> es ereigneten sich viele Ereignisse und Erlebnisse, von wunderbaren Einsichten gefärbt L. JonRvb 2008 150. <...> – all dies ist mit besonderer literarischer Eindringlichkeit, Einsicht und Weisheit wiedergegeben L. JonRvb 2008 150. Völlig unbestimmt und ansonsten verschwommen sind philosophische und literarische Einsichten A. JasmK 2001 12 (M. Martinaitis), Ansätze zu zeitgenössischen literarischen Einsichten NŽA 2012 4 218, künstlerische Einsicht NŽA 2012 5 307, geistige Einsicht Sav su TV 2016 38 18. Nicht einmal sagen könnte man, dass es sich hier um bloßes Erkennen oder Einsichtsfähigkeit.

8 Termino įžvalga vis dėlto nėra A. Maceinos knygos Religijos filosofija (1975) priede Retesnių lietuviškų žodžių paaiškinimas (A. MacR VII 1994 341–345) ir knygos Asmuo ir istorija (1981) priede Retesnių žodžių paaiškinimas (A. MacR VI 1994 372–374).

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Nicht die eigentlichen, sondern ganz klare und verständliche Einsichten sind überhaupt nicht philosophischer oder psychologischer Art: Einsichten in die technologische Entwicklung („foresight“) Vd 2006 16 10 (E. Vilkas); „Futurologie“ als Einsicht in die Zukunft A. MacR VI 1994 464; verfügte über eine gehörige Portion gesunden Menschenverstands und eine gewisse Einsicht NŽA 2011 6 396.

Die rein geistige / intellektuelle Einsicht wird auch nach ihren Gegenständen, besonders aber nach ihren Eigenschaften beschrieben: tiefe Einsichten Sav su TV 2014 35 32, intellektuell tiefere Einsichten NŽA 2013 4 269, große Einsicht R. W. EmP 2000 35, bedeutsame Einsichten NŽA 2013 4 293, besondere Einsicht A. ŠopGIA 1994 68. Viel häufiger bedeutet įžvalga hier „Vision; Leitlinien; Programm“: die Erarbeitung der Perspektiven der litauischen Wissenschaft und des Studiums „Moksloji Lietuva 2030“ MksIL 2013 10 11. <...> eine von einer Gruppe von Wissenschaftlern erarbeitete Perspektive für die litauische Wirtschaft Vd 2009 38 34. <...> verfasste faszinierende Leitlinien für eine Kulturstrategie. <...>. Für den raschen Weg von strategischen Einsichten zur Umsetzung haben sich günstige Bedingungen ergeben IQ 2010 5 89. Die nationalen integrierten Programme sollten bestimmte strategische Einsichten darüber hervorbringen, was zu ordnen und zu verändern sei MksIL 2013 10 5. Solche Bedeutungen haben wohl auch eine tolerante Einsicht Sav su TV 2012 37 4, eine aufmerksamere Einsicht NŽA 2013 1 14, eine erfolgreiche Einsicht Vd 2011 4 29, eine beeindruckende Einsicht NŽA 2013 5 370, eine positive Einsicht IQ 2011 7 17, radikale Einsichten NŽA 2011 8 536, Einsichten von Skeptikern NŽA 2014 5 26. An manchen Stellen findet sich die Bedeutung „Schlussfolgerungen; Aussagen; Meinung“: Einsichten von Analysten NŽA 2011 6 419, Erkenntnisse aus den jüngsten Untersuchungen MksIL 2015 8 10, Einsichten der Strukturanalyse LitŠv II 1997 83. Niemand möchte ohne Einsichten sein: die Einsichten einer Wahrsagerin und die eines Mediums Sav su TV 2010 40 25.

Für die Terminologisierung ist auch eine angemessene Grammatikalisierung erforderlich – ohne abschließende grammatische Ausformung wirkt sie unvollständig. In diesem Fall wäre eine Präpositionalkonstruktion passend: Einsicht in das innere Wesen und den Sinn Schopenhauer 1995 236; unpassend wäre eine Kasuskonstruktion: Einsichten hinsichtlich Identität und Imagologie MksIL 2013 5 12, noch mehr eine Partizipial- und Gerundialkonstruktion: Einsichten, die tief greifen NŽA 2015 8 24, es bedarf einer beträchtlichen Einsicht, um zu unterscheiden, <...> Vd 2011 8 43, oder gar eine Konjunktionalkonstruktion: es wird von unserer Einsicht abhängen, dass das eigene Denken nur in der eigenen Sprache ausgedrückt werden kann A. MacR VI 1994 309. Besonders verbreitet ist der parasitäre Gebrauch von „Einsicht über“: Die Einsichten des heiligen Thomas über die selige Schau zeigen seinen Wunsch, ein wahrhaft Kontemplativer zu sein – ein Mensch, der Gott in Gottes eigenem Licht und in Gottes Liebe betrachtet und deshalb alles im Licht und in der Liebe Gottes sieht M.-D. PhilTI 2009 513. Czesław Miłosz’ geniale Einsicht im „Verführten Denken“ über <...> die Angst IQ 2011 5 13. Die Einsichten des Autors über das Phänomen der Masse Vd 2011 25 57. <...> erinnert an Hannah Arendts klas

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sische Einsichten über die Lügen der Propaganda der totalitären Bewegung NŽA 2014 2 64. Übrigens handelt es sich hier meist nicht um die eigentliche Einsicht: Einsichten in die Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis der Vergangenheit NŽA 2011 6 429, Einsichten in die Entwicklungstendenzen und Perspektiven wissenschaftlicher Forschungsrichtungen MksIL 2009 7 2, Einsichten in die gegenwärtige Lage Litauens NŽA 2011 3 158, Einsicht in ein anderes Litauen IQ 2010 4 9, Einsichten zu Vilnius, <...> und den kulturellen Verbindungen Prags MksIL 2014 12 12, Einsichten in die Gestaltung der Vermarktung landwirtschaftlicher Betriebe MksIL 2016 7 5, sogar Einsichten in die Galinder Vor 2014 3 10, schlicht darüber Vd 2011 18 37, Vor 2014 13 11.

Eine Theorie muss entwickelt werden, man kann sie haben; die Anschauung ist gegeben oder einfach vorhanden. Eine Einsicht muss man haben, aber man kann sie auch ausüben MksIL 2013 10 5, im Stil der Epoche – formen MksIL 2013 10 5, anderen – darlegen Vd 2011 18 37, Sav su TV 2012 3 5, Vor 2014 3 10, vieles – streuen NŽA 2013 5 370, teilen Vd 2014 13 11, MksIL 2016 7 5, selten – erfahren Sav su TV 2014 35 32. Eine seltene Verbindung ist auf besondere Weise ausdrücken A. ŠopGIA 1994 68. Mit einer Einsicht kann man sich militärisch bewaffnen NŽA 2012 2 129; es kann einem an ihr mangeln Vd 2005 6 28. Sie kann sich auffüllen Vd 2011 10 35, Vor 2013 11 15.

Offensichtlich ist įžvalga von įžvelgti abgeleitet, obwohl es sich vor allem um eine Lehnübersetzung handelt (engl. insight, lat. providentia). Verständlicherweise bedeutet įžvelgti in DŽ 1972 und 1993, 2000 noch lediglich „erblicken, bemerken“. LKŽ XX 2002 ¹įžvelgti 2. übertragen „durch Vertiefung begreifen“; dies ist bereits aus alten Schriften bekannt – der Wolfenbütteler Postille (1573), den Wörterbüchern von F. W. Haack, P. Ruigys und K. Milk aus sowie natürlich auch neueren Schriften von Maironis, Šatrijos Ragana, Vydūnas, V. Mykolaitis-Putinas u. a. Das Verb įžvelgti (mit Akkusativobjekt) wird oft gerade deshalb verwendet, damit man die leblose Wendung eine Einsicht machen vermeiden kann, z. B.: Die Kunst ist ihrem Wesen nach ein interesseloses intuitives Betrachten der Wirklichkeit, eine besondere Erkenntnisart, die die Wirklichkeit authentisch durchschaut GrožK 1980 15 (B. Kuzmickas). Historismus (...) ist eine Denkweise, die im 19. Jahrhundert aus der philosophischen und historischen wissenschaftlichen Erklärung der Geschichte hervorging und sich später auf Diltheys Verständnis geschichtlicher Phänomene stützte, das die unterschiedlichen und wandelbaren Zusammenhänge zwischen den Bedeutungen des Lebens in verschiedenen Epochen erkennen soll FilŽ 2002 97. <...> kritisiert eine positivistische Sprachauffassung, die im Wort nur eine Verbindungsfunktion sieht, aber seine „metaphysische Tiefe und Bedeutung“ nicht erkennt A. MacR VI 1994 461 (1977). Das <...> ist ein ernsthafter poetischer Versuch, mit einem eigenständigen, sehr klangvollen poetischen Wort den geistigen Zustand des heutigen Menschen auszudrücken, der weiß, dass Gott geheimnisvoll ist. Anders gesagt, möchte der Dichter Maceina wenigstens einen kleinen Teil von Gottes Geheimnis erahnen, irgendwie näher zu ihm gelangen Sant 1992 2 31. <...> der Mensch

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ist mit seinem Intellekt fähig, das Gute zu erkennen, das universell ist (für den normalen Verstand erkennbar) NŽA 2012 4 229. <...> ich spürte, dass ich ein besseres [intellektuelles] Sehvermögen brauchte, wenn ich das Wesen all dessen erkennen wollte PrRAp 1979 191. Wenn nicht die eigentliche, sondern die gewöhnliche Einsicht gemeint ist, dann ist nur „erkennen“ möglich: Innovationsmöglichkeiten erkennen Sav su TV 2014 31 5, die Gefahr der Umweltzerstörung KB 2012 7–8 7, etwas Schlechtes NŽA 2011 6 464, schlicht etwas NŽA 2012 5 307, oder vieles V. Jer M–P 1992 45.

Das Gesamtbild ergänzen und verdeutlichen auch das Adjektiv einsichtsvoll: <...> sie hebt eine weitaus freiere und lebendigere, von intuitiver Einsicht und Ironie geprägte philosophische Denkweise hervor A. ŠopGIA 1994 15 (A. Andrijauskas). Gott [zu Salomo] sprach: „Weil <...> du um ein empfängliches und einsichtsvolles Herz gebeten hast, damit du erkennen kannst, was recht ist, <...> schenke ich dir ein weises und einsichtsvolles Herz“ (...) VL 1997 101 4. Derjenige ist kein Schriftsteller, der die Augen eines Menschen (=Augen) nicht ein wenig einsichtsvoller gemacht hat K. PaustAR 1958 29. Nicht nur die Augen, sondern auch das einsichtsvolle Bewusstsein NŽA 2014 5 65, tiefes, einsichtsvolles Denken Vd 2016 26 41. Ebenso gibt es das Abstraktum der Eigenschaft: Einsicht, die wir Vorstellungskraft nennen, ist ein äußerst empfindliches inneres Sehen, das man nicht erlernen kann; sie ist eine Eigenschaft des Intellekts, die Fähigkeit, alles zu sehen, was man wirklich sehen muss R. W. EmP 2000 46. Selten begegnet die Wendung einsichtsvoll begreifen KB 1991 11 44, MkslL 2013 10 5.

Die beiden litauischen Termini, die von einer internationalen, historisch uneinheitlich verstandenen Theorie abgeleitet sind, sind weder ihre Entsprechungen oder Ersatzformen noch untereinander Synonyme. Das dialektal vieldeutige, in der Standardsprache ziemlich seltene žiūra wurde mit einer sehr entfernten speziellen Bedeutung terminologisiert. Die Neubildung įžvalga (obwohl sie sich vom geläufigen įžvelgti ableitet und neben dem seit Langem gebräuchlichen įžvalgus steht) hat ebenfalls eine sehr spezielle terminologische Bedeutung, wird aber von einem breiten, nicht immer klar definierten, determinisierten und sogar extrem entterminologisierten, beinahe sinnentleerten Gebrauch stark überlagert.

ALLGEMEINE SCHLUSSFOLGERUNGEN

Wörter sind keine Waren. Das Bedürfnis nach Internationalität im Leben ist sekundär: Primär und ursprünglich sind die nationalen Eigenheiten – kulturell und zivilisatorisch, historisch und strukturell sehr unterschiedlich. Ähnlich verhält es sich mit der Internationalität des Wortschatzes: Obwohl Wörter kostenlos sind, strebt man doch stets danach, eine Eigenschaft zu bewahren und zu vermehren – sie neu zu schaffen. Eine Sprache ist am lebendigsten, wenn sie Neues hervorbringt, das Alte pflegt und achtet und es hochhält.

Die Wellen lexikalischer Induktion aus den antiken und westlichen Sprachen (durch sie auch aus dem Osten) bringen uns nicht nur die benötigten internationalen Wörter und die schwer vermeidbaren internationalen Lehnübersetzungen, sondern auch Überflüssiges – ein Übermaß, das das Eigene zerstört – und zwar gleich-

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ermaßen unnötige, prächtige, prunkvolle und – wagen wir es, uns selbst zu sagen! – un-kulturelle Beläge und Ablagerungen. Seit den Anfängen der litauischen Gemein- und alten Schriftsprache und in jeder bedeutenderen Phase verflechten sich unablässig und auf vielfältige Weise die Ströme internationaler Wörter (und anderer Entlehnungen, sogar Fremdwörter) in die geistigen, kulturellen und sozialen Systeme und Komplexe der einheimischen Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis, des Weltgefühls, Weltverständnisses und Weltbildes, in ihre Werte und ihr Selbstwertgefühl; unmerklich und deutlich verändern sie diese – sie ergänzen, restrukturieren und zersetzen sie –, fruchtbar, tiefgreifend, oberflächlich, bedrohlich und sogar gefährlich. Schon seit Langem wird zu Recht bemerkt, dass die Litauer – wohl für immer – Fremdes leicht und ergiebig verdauen (kulinarisch ähnlich wie bei ungesunder Unwählerischkeit), doch man muss ergänzen: Ihren eigenen Topf zu kochen fällt ihnen schwer. Kreativität ist, wie man weiß, viel schwieriger. Wer sich jedoch mit dem Leichten begnügt, geht bergab und an den Wegrand.

Bei einer gründlicheren systematischen Untersuchung der Induktionswellen einer Gruppe internationaler Termini (die auf dem wichtigsten Sinn – dem „Sehen“ – beruhen) im Litauischen fallen zunächst Herz und Auge die semantische Lebendigkeit, Kreativität, motivationale Freiheit und Erfindungsgabe der gebenden Sprachen auf, aber auch die Begründetheit und Verknüpfung ihrer Entwicklung und natürlich deren wunderbare, allseitige Früchte: Alles ist benannt, anderes hingegen umbenannt, Neues aufgenommen und Altes nicht vergessen. Wäre das nicht auch für uns, die aufnehmende Sprache, ein Impuls und Vorbild? In vielen Bereichen der Geschichte unserer Sprache – auch der Gemeinsprache – sehen wir, dass dies gefehlt hat, mitunter sogar gänzlich, oder dass man unnötige, misslungene oder allenfalls mittelmäßige Neubildungen angehäuft hat. Hat aber nicht schon S. Daukantas angeregt und uns durch sein Beispiel gelehrt: „<...> hat eine eigene, besondere Sprache, die sich notwendigerweise [d. h. ganz und gar] von anderen Sprachen unterscheidet [d. h. außergewöhnlich, verschieden ist], <...>, in der sich alles begreifen und alles offenbaren lässt“ (Daukantas 1976₁: 407–408)? P. Skardžius fügt auf wesentliche Weise Hoffnung hinzu: „<...> sind im Litauischen zahlreiche Neubildungen eigenständiger gebildet worden als etwa im Lettischen, Russischen oder Deutschen“ (Skardžius 1998: 435). Leider gerät man bereits auf Seitenwege und in die Weiten – die litauische Sprache hat sich in Richtung der polnischen Sprache geneigt, in deren Fachterminologien (in der Wissenschaft!) es Unmengen von Ersatzwörtern für Internationalismen gibt, während die Alltagssprache, ja sogar die Umgangssprache, voller internationaler Vornehmheit ist. Das sind wurmstichige Früchte der Eitelkeit einer Lebensweise vergangener Zeiten.

Dennoch haben wir auch ein sich bereits häufiger findendes Sein und ein sich rasch verbreitendes Sehen – motiviert wie eine Theorie, doch ein anderes, also eigenes Wort und eigenes semantisches Ergebnis, obwohl es aus der Ferne angeregt (induziert) wurde. Wiederum: Lasst uns nicht alle übereinander herfallen und blindlings in einen zweifelhaften Determinismus oder eine schlichtweg unbestimmbare, undefinierte Extermin(alis)ierung stürzen – so geschah es mit der Einsicht (hier konkurriert sie auf unschöne Weise mit der Herausforderung).

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Als Wegweiser für jede Art von Normierung (Standardisierung), Ordnung und Förderung empfiehlt es sich daher, folgende Maxime von G. K. Chesterton zu wählen: „<...> Wenn wir eine besondere Leidenschaft dafür empfinden, alles in Ordnung zu bringen, müssen wir unablässig darauf bestehen, dass alles verderben kann“ (G. K. ChestO 1998: 158). Wenn es mehr Möglichkeiten gibt, alles zu verderben, als einem lieb ist, überrascht es umso mehr, dass jemand, der in der Terminologietheorie und -praxis völlig neu ist, versucht, sie sofort in Richtung einer Art Markt- und Meinungslinguistik zu lenken (Vladarskienė 2015), dabei Begriffe sehr ungenau verwendet (zum Beispiel stilistische Linguistik 98 – statt linguistischer Stilistik) und die Rolle des Terminologen nicht versteht (zum Beispiel: „Methoden der Terminologiearbeit sind für die Etablierung eines bestimmten Konkurrenten im Sprachgebrauch von Bedeutung“ 100). Es gibt ohnehin genug Leute, die die Terminologie herabsetzen und die Autorität der Terminologen unter den Sprachwissenschaftlern untergraben.

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Gauta 2016-10-17

Jonas Klimavičius Erfurto g. 56-14 LT-04107 Vilnius, Lietuva

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