Page 1VINCENTAS DROTVINAS
Pädagogische Universität Vilnius
WOHER STAMMT KÌBIRAS (KIBÌRAS)
Zur Herkunft des litauischen Wortes kibiras wurden mehrere Ansichten geäußert. Kazimieras Būga fiel das Wort zunächst wegen seiner Betonung auf. In seinem „Bericht des Redakteurs des Wörterbuchs der litauischen Sprache“ wies er darauf hin, dass die erscheinenden Wörterbücher weder den Wortakzent noch den Ton der betonten Vokale kennzeichneten: „Aus solchen Wörterbüchern kann man, selbst wenn man es wollte, nicht erfahren, wie das eine oder andere seltenere Wort auszusprechen ist. Nehmen wir an, jemand möchte erfahren, wie diese Wörter ausgesprochen werden [...] kibirai ‚Eimer‘ und kibirai ‚Reisig‘ (Holzsplitter), Späne“ (Lietuva, 1921, Nr. 91). Später schrieb er, dass „[m]an in einem guten Wörterbuch die Antwort fände, dass man [...] kibirai ‚Eimer‘ und kibirai aussprechen sollte“ (Būga 1959: 379). Aufgrund der Unterschiede in Betonung und Bedeutung führt das Wörterbuch der litauischen Sprache ein Homonympaar auf: 1 kibìras (kibìras) ‚dünner trockener Zweig, Reisig, Rute‘ (zur Herkunft siehe Smoczyński 2007: 283) und 2 kibìras ‚Gefäß zum Schöpfen und Tragen von Wasser aus dem Brunnen‘ (LKŽ V 1959: 725); zur Betonung von kibìras ‚aus dem Brunnen gezogenes Wassergefäß‘ siehe ausführlicher Vitkauskas 2006: 125. Das Wörterbuch der litauischen Gegenwartssprache (1972, 1993, 2004, 2006) nennt zwei Betonungsvarianten: kibìras und kìbiras. Die Staatliche Kommission für die litauische Sprache beschloss, kìbiras (3b) als Hauptvariante der Betonung und kibìras (2) als Nebenvariante anzusehen.
Im Aufsatz „Slawisch-baltische Etymologien“ erläuterte K. Būga auch die Herkunft dieses Wortes: litauisch kibìras = urslaw. čьbьrъ. Das Suffix –ira-s stellte er dem Suffix der Wörter inkst-iras, bimb-iras zur Seite (Būga 1958: 326). Auf andere Weise versuchte Viktoras Kamantauskas, ein litauischer Linguist und Übersetzer (1899–1951), die Herkunft des Wortes kibiras zu erklären. Er verfasste Kurze Lehre vom litauischen Akzent (I–II, 1928–1929) sowie das Wörterverzeichnis entlehnter Wörter und ihrer litauischen Entsprechungen Sprechen wir Litauisch (1933). Im Kurzen Wörterverzeichnis litauischer Sprachfehler und Barbarismen (1928) bietet V. Kamantauskas ein Verzeichnis von Schreib- und Betonungsfehlern bei Barbarismen sowie von Wörtern, deren Korrektur zweifelhaft oder von Sprachpflegern fehlerhaft vorgenommen worden war; es war „für die breite Öffentlichkeit und Schüler“ bestimmt. Seine Korrekturen stützt er auf die Ansichten von K. Būga und Rygiškių Jonas, F. Kuršaitis, P. Skardžius sowie der älteren Autoren M. Daukša, K. Sirvydas, S. Daukantas und M. Valančius. Zur Herkunft des Wortes kibiras schreibt er: „Kibiras, mit dem die Sprachverlitauerer das ‚Fremdwort‘ viedrą zu ersetzen befehlen, ist ebenso unlitauisch wie viedras (aus dem Jüdischen stammend).“
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Page 2(das „Fremdwort“) viedrą zu ersetzen, ist ebenso unlitauisch wie viedras (aus dem Jüdischen stammend).“ (Kamantauskas 1928: 35).
Zu V. Kamantauskas’ Wörterverzeichnis äußerte sich bald Jonas Jablonskis, der unter dem Pseudonym Rygiškių Jonas eine Sammlung von Kommentaren zum Wörterverzeichnis veröffentlichte (Sachen aus unserem Sprachwörterbuch, 1929). Ohne J. Jablonskis’ einzelne Anmerkungen ausführlich zu erörtern, lässt sich sagen, dass der Linguist bei V. Kamantauskas’ Korrekturen häufig eine eingehendere Begründung der Ansichten vermisst. Er fordert, „gesprächiger zu sein“, das heißt, mehr Beispiele und Belege aus dem lebendigen Sprachgebrauch anzuführen; er erklärt, die Argumente des Korrektors nicht vollständig verstanden zu haben; mitunter zeigt er, dass der Verfasser der Korrekturen nicht immer recht hat, weil er Unterschiede zwischen Dialekten oder Wortbildungsformen nicht erkennt; ferner erinnert er daran, dass die Angemessenheit mancher Beispiele von S. Daukantas und F. Kuršaitis kritisch zu beurteilen sei usw. Das zeigt auch die Einschätzung des Linguisten zur Herkunft von kibiras.
J. Jablonskis bezweifelte die Erklärung zur Herkunft des Wortes kibiras und bewertete die Behauptung des Autors skeptisch: „Der Autor leitet kibirą offenbar aus dem Jüdischen her, sagt aber nicht, aus welchem heutigen jüdischen Wort es gebildet worden sein soll. Diese Neuigkeit des Autors ist für mich tatsächlich überraschend. Bevor der Autor so kategorisch über viedrą (slaw.) oder kibirą urteilt, hätte er diese Behauptung zumindest mit etwas Klarerem belegen müssen.“ (Rygiškių Jonas 1929: 44–45). Somit hält J. Jablonskis eine derart unbegründete Erklärung der Wortherkunft für eine „Neuigkeit“, präzisiert aber selbst die Herkunft des Wortes nicht.
Wie die Wörterbücher der litauischen Sprache zeigen, ist kibiras (kibìras) ein westaukštaitisches Wort, das in den Wörterbüchern Kleinlitauens belegt ist – im handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuch des 17. Jahrhunderts Lexicon Lithuanicum: Eymer wiedras, kibiras 33a.; Schöpffeymer kibirras 76a. Im Wörterbuch der litauischen Sprache beginnt die Beleggeschichte mit dem Wörterbuch des 17. Jahrhunderts Clavis Germanico-Lithuana: Eimer. Wedras, ô. M. Kibbiras, ô. M. C I 23 (doch in der dort angeführten biblischen Illustration findet sich nur wiedras, wie auch in den Wörterbüchern von Konstantinas Sirvydas). Das Wort kibiras findet sich auch in den Wörterbüchern von Jokūbas Brodovskis, Pilypas Ruigys, Kristijonas Gotlybas Milkus, Georgas Heinrichas Ferdinandas Nesselmanna, Fridrichas Kuršaitis und späterer Autoren, in den Liedern von Antanas Juška sowie in den litauischen Folklore-Sammlungen von August Schleicher, August Leskien und Karl Brugmann. Es wurde auch von Jonas Jablonskis selbst aufgezeichnet (LKŽ V 1959: 725) und ist heute in der Standardsprache allgemein gebräuchlich.
Warum leitete V. Kamantauskas das Wort kibiras aus dem Jüdischen her? Sehen wir uns an, was seine Quelle im Jiddischen gewesen sein könnte. Das jüdische Wort emer ‚Eimer‘ (← dt. Eimer) wurde nicht unmittelbar mit dem litauischen kibiras in Verbindung gebracht (Jankelovičius, Kačergis 1940). Das jüdische Wort ceber ‚niedriges hölzernes Gefäß mit Henkeln‘, das wahrscheinlich mit dem litauischen kibiras assoziiert wurde,
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Page 3findet sich in jiddischen Wörterbüchern unserer Zeit, zum Beispiel: Русско-еврейский (идиш) словарь […], 1984: 60, 619; cuber = ceber = ciber „цэбар“ (Астравух 2008: 202); vgl. polnisch ceber, cebr. Im Litauischen sind Varianten dieses Lehnworts bekannt: čābaras, càberis und cabàrkas, cèberas „niedriges, mit Henkeln versehenes Holzgefäß, Schöpfgefäß, Bottich“, außerdem cèberis, cẽberis, ceberỹs, cebẽrkas, cẽbras, cèbras 1 siehe ceberas, 2 Bidon (LKŽ II 1969: 8). Die Herkunft des polnischen ceber, cebr wird unterschiedlich erklärt. Aleksander Brückner schreibt, das polnische ceber habe nichts mit dem deutschen Zuber, Zober zu tun; es gleiche der litauischen Wurzel kib- „hängen, sich festhaken, schweben“ lediglich trügerisch (Brückner 1989: 56, 107). Das Polonismus ceber, cebr wird jedoch auf das mittelhochdeutsche Dialektwort zuber, zuibar zurückgeführt (Zusammensetzung aus zwei „zwei“ + beran „tragen“) (Duden 2001: 952; Paul 2002: 1211); vgl. auch Zuber „großes zweihenkliges Wassergefäß“, im Unterschied zu Eimer „Eimer“ (Pfeifer 1995: 1624). Nach M. Fasmer ist die slawische Form čьbьrь mit dem litauischen kibiras „ведро“ verbunden. In den neuesten polnischen etymologischen Wörterbüchern wird darauf hingewiesen, dass ceber nichts mit dem litauischen kibiras zu tun hat; zugleich wird vermerkt, dass kibiras lediglich „ein ständig an der Brunnenwippe hängendes Schöpfgefäß“ ist (Bańkowski 2000: 109).
Somit ist kibiras (kibiras) zweifellos ein litauisches Wort.
LITERATŪRA
Bańkowski A. 2000: Etymologiczny słownik języka polskiego. Tom I, A–K, Warszawa: Wydawnictwo naukowe.
Brückner A. 1989: Słownik etymologiczny języka polskiego, Warszawa: Wydawnictwo wiedza powszechna.
Būga K. 1958: Славяно-балтийские этимологии. – Rinktiniai raštai 1, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla.
Būga K. 1959: Lietuvių kalbos žodyno redaktoriaus pranešimas. – Rinktiniai raštai 2, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla.
Duden 2001: Duden das Herkunftswörterbuch. Etymologie der Deutschen Sprache, 3. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Duden Verlag.
Fraenkel E. 1962: Litauisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg–Göttingen.
Jankelovičius Ic., Kačergis S. 1940: Kišeninis Lietuvių Kalbos Raktas. Žydiškas–lietuviškas Žodynas. Stud. Ic. Jankelovičiaus ir S. Kačergio leidinys, Kaunas: C. Kagano spaustuvė.
Kamantauskas V. 1928: Trumpas kalbos netaisyklingumų ir barbarizmų žodynėlis, Kaunas: Valstybės spaustuvė.
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LKŽ 1959: Lietuvių kalbos žodynas 5. Atsak. redaktorius K. Ulvydas, Vilnius.
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Page 4Paul H. 2002: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes. 10. überarbeitete und erweiterte Auflage von Helmut Henne, Heidrun Kämper und Georg Objartel, Max Niemeyer Verlag, Tübingen.
Pfeifer W. 1995: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Deutscher Taschenbuch Verlag, München.
Rygiškių Jonas 1929: Mūsų kalbos žodynėlio dalykai. Atskiras pastebėjimas dėl V. Kamantausko „Trumpo kalbos netaisyklingumų ir barbarizmų žodynėlio“, Kaunas: Tulpės B-vės leidinys.
Smoczyński W. 2007: Etymologiczny słownik języka litewskiego, Wilno.
Vitkauskas V. A. 2006: Žodžių istoriją iškreipiame. – Acta Linguistica Lithuanica 55, 125–126.
Астравух А. 2008: Идыш-беларускі слоўнік, Мінск: Медисонт.
Фасмер М. 1986: Этимологический словарь русского языка. Том II, Москва: Прогресс.
Gauta 2010 10 26
ON THE ORIGIN OF KÌBIRAS (KIBÌRAS)
Summary
The article discusses the origin of two Lithuanian homonyms, namely, 1. kìbiras, kibìras ‘a small dry twig, a dry branch’, and 2. kibìras ‘a container to carry water and draw it from a well’ (Lietuvių kalbos žodynas, 1959, vol. V). The Dictionary of Contemporary Lithuanian (Dabartinės lietuvių kalbos žodynas, 2006) gives two stress variants for the second homonym: kìbiras, kibìras. The dictionaries of Lithuanian provide convincing evidence testifying to the Lithuanian origin of the word. This word originates in the Western Highlanders (Aukštaitian) subdialect, it has also been traced in some dictionaries that were published in the 17th c. in the Prussian Lithuania, or Lithuania Minor, is found in dictionaries and folklore collections. Moreover, the word belongs to the general lexicon of current Lithuanian. Etymologists K. Būga (1958, 1959), E. Fraenkel (1962), A. Brückner (1989), M. Vasmer (1986), and A. Bańkowski (2000) suggest different interpretations of its origin: OSlav. čьbьrъ (< OHG zwibar) and Lith. kib-ti „an.?“, kyb-oti „an.?“
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