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rudimentär,-e (1) Biol. rudimentär; nicht hinreichend entwickelt, schwindend, restlich; ~e Organe (Organe, die im Verlauf der evolutionären Entwicklung eines Organismus ihre Funktion verloren haben und sich auf dem Weg zum Verschwinden befinden, z. B. der Blinddarmfortsatz, das Steißbein usw.)

Die Definition des zusammengesetzten Terminus rudimentäre Organe wiederholt in diesem Fall lediglich die Hauptdefinition und ist unserer Meinung nach völlig überflüssig. In dieser Hinsicht ist DLKŽ nicht konsequent.

Der sowjetische Sprachwissenschaftler F. Sorokoletov hat wahrscheinlich recht, wenn er behauptet, die beste Definition von Unterbegriffen in einem erklärenden Wörterbuch bestehe darin, sie in eine Gruppe verwandter Begriffe einzuordnen, statt ausführlich zu erläutern, woraus etwas hergestellt ist, wozu etwas dient usw.2, denn solche Definitionen (insbesondere von Werkzeugen und Geräten) veralten tatsächlich sehr schnell. Außerdem kann man leicht ins Oberflächliche abgleiten, wenn man den zu definierenden Begriff nicht einem übergeordneten Begriff unterordnet oder eine unvollständige Definition verwendet. Nehmen wir zwei Beispiele:

multiplikativ,-e (2) → viel: ~e Zahlwörter (die mit Substantiven im Plural stehen) mineralisch,-e (1) → Mineral: ~e Düngemittel. M. Öl. M. Wasser (in dem ein Mineral gelöst ist)

Nach der unvollständigen Definition des zusammengesetzten Terminus multiplikative Zahlwörter im ersten der oben angeführten Beispiele könnte man folgern, dass das im Wortgefüge fünftes Jahr verwendete Zahlwort als multiplikativ gelten kann. Auch im Wasser eines ganz gewöhnlichen Brunnens sind Mineralien gelöst, aber warum nennt niemand solches Wasser Mineralwasser?

Die Synonyme attributiver Bestandteile zusammengesetzter Termini sollte man zweckmäßigerweise nicht erst nach dem gesamten zusammengesetzten Terminus anführen, wie es in den meisten Artikeln des DLKŽ geschieht (vgl. Bretttür — Brett-, -e Art., Lautschrift — laut-, -e Art., Hahnenkammzahn — Hahnenkamm-, -e Art. usw.), sondern in die Mitte des zusammengesetzten Terminus einfügen (vgl. starkansteigende || starkfallende Intonation — Intonation Art.), da in vielen Fällen auch einwortige Termini Synonyme für zusammengesetzte Termini sind (vgl. Sandstein: Sandstein — sandig,-e Art.).

Wenn die oben erörterten Unregelmäßigkeiten bei der Wiedergabe zusammengesetzter Termini und ihrer Definitionen im DLKŽ vereinheitlicht würden, würde die Struktur seiner Artikel etwas kompakter, und vor allem wäre es für die Menschen bequemer, es zu benutzen.

K. Gaivenis

EINE BEDEUTENDE VERÖFFENTLICHUNG BELARUSSISCHER SPRACHWISSENSCHAFTLER

Дыялекталагічны атлас беларускай мовы, Мінск, 1963. VIII + 338 žemėl. + 970 p.

Zu den umfangreichsten und bedeutendsten Veröffentlichungen, die in den vergangenen Jahren nicht nur die belarussische, sondern überhaupt die sowjetische Sprachwissenschaft bereichert haben, gehört zweifellos der vom Sprachwissenschaftlichen Institut der Akademie der Wissenschaften der Belarussischen SSR, das den Namen J. Kolas’ trägt, herausgegebene „Dialektologische Atlas der belarussischen Sprache“. Diese Veröffentlichung ist das Ergebnis langjähriger, umfangreicher

2 Siehe Ф. П. Сороколетов, Смысловая характеристика терминов в толковых словарях, „Лексикографический сборник“, вып. V, М., 1962, p. 130.

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gemeinschaftlicher Arbeit. Das Material für den Atlas wurde nach einem speziellen Programm an 1027 Orten der Belarussischen SSR gesammelt. An der über mehr als ein Jahrzehnt dauernden Materialsammlung beteiligten sich neben den Sprachwissenschaftlern des Sprachwissenschaftlichen Instituts J. Kolas in Minsk auch zahlreiche Helfer – Lehrkräfte, Doktoranden und Studierende der Hochschulen der Republik sowie viele Lehrer an mittleren Schulen. Auch die Vorbereitung des Atlas für den Druck besorgte ein recht großes Kollektiv wissenschaftlicher Mitarbeiter; die gesamte Veröffentlichung wurde von R. Avanesov, korrespondierendem Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, K. Krapiva, Akademiemitglied der Akademie der Wissenschaften der Belarussischen SSR, und der Doktorin der Philologie J. Mackevič redigiert.

Der „Dialektologische Atlas der belarussischen Sprache“ besteht aus zwei umfangreichen Bänden. Im ersten sind Hilfskarten (Verwaltungs- und Geschichtskarten der Belarussischen SSR) sowie Sprachkarten enthalten. Von den letztgenannten gibt es 338. Sie veranschaulichen die Verbreitungsgebiete wichtiger phonetischer und morphologischer Merkmale der belarussischen Dialekte, einzelner syntaktischer Konstruktionen und Phraseologismen sowie verschiedener Wörter und Termini. Den Erläuterungen zu diesen Karten ist der zweite Band des Atlas gewidmet. Darüber hinaus werden in den Einleitungsartikeln ausführlich einzelne Fragen der Sprachgeographie untersucht, die Entstehungsgeschichte und der Aufbau des Atlas beschrieben und eine Bibliographie zur Erforschung der belarussischen Dialekte vorgelegt.

Vorbildlich ist die technische Gestaltung der einzelnen Karten des Atlas und der gesamten Veröffentlichung – geschmackvoll ausgewählte und aufeinander abgestimmte Farben, verschiedene Zeichen usw.

Der „Dialektologische Atlas der belarussischen Sprache“ hat zweifellos größte theoretische und praktische Bedeutung für die Wissenschaft von der belarussischen Sprache.

Das umfangreiche und vielfältige Dialektmaterial des Atlas wird vor allem eine wichtige Quelle für die Praxis der belarussischen Literatursprache sein. Dieses Material und die dadurch erkennbar gewordene genaue geographische Verbreitung einzelner sprachlicher Erscheinungen werden dazu beitragen, zahlreiche Fragen der Normierung von Phonetik, Morphologie, Syntax und Lexik der Literatursprache besser zu lösen.

In der belarussischen Literatursprache kommen bis heute zahlreiche Varianten vor, zum Beispiel: цярля, цярлё und (seltener) целёнак „Kalb“; Genitiv Plural хам und хамаў „der Hütten“; Instrumental Plural плячамі und плячыма „mit den Schultern“; гэта und гэтая,-ае „diese“; бяром und бярэм „wir nehmen“; годы und гады „Jahre“1. Aufgrund der im Atlas veröffentlichten Dialektdaten (vgl. Karte Nr. 84, 101 u. a.) werden die belarussischen Sprachwissenschaftler vermutlich entscheiden, welche der mehreren Varianten sich am besten für die Literatursprache eignet.

Aus dem dem Wortschatz gewidmeten Teil des Atlas wird der große Reichtum an Synonymen in der belarussischen Sprache ersichtlich; vgl. die Bezeichnungen für das Zugband des Dreschflegels (2592): гужчык, уж, вуісоўка, прывязка, увязка, завязка, угарўна, каніца, пуціца, рэмень, хамуцік, прузік, сырмац, набойка, вароўка usw.; Synonyme des Verbs sprechen (320): гутарыць, гаманіць, балакаць, жгуціць, гукаць, зюкаць, гаварыць. Das im Atlas enthaltene umfangreiche lexikalische Dialektmaterial wird für belarussische Sprachwissenschaftler, die eine nationale Terminologie für verschiedene Bereiche der Volkswirtschaft und Kultur schaffen und weiterentwickeln, eine unersetzliche Quelle sein. Dieses Material wird die Sprachwissenschaftler außerdem dazu veranlassen, zu überprüfen, welches der bisher verwendeten Synonyme als Grundwort oder Terminus der Literatursprache gelten soll. So wurde die am weitesten verbreitete Bezeichnung für die Vorratskammer, смо́нка, im Atlas (240) zu Recht an die erste Stelle gesetzt,

1 Vgl. М. Г. Булахоў, Аб некаторых пытаннях нармалізацыі і развіцця беларускай літаратурнай мовы, „Працы Інстытута мовазнаўства АН БССР“, вып. 1, Мінск, 1954, р. 3—21.

2 Hier und an anderer Stelle gibt die in Klammern stehende Zahl die laufende Nummer der Karte im „Dialektologischen Atlas der belarussischen Sprache“ an.

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Während im „Belarussisch-russischen Wörterbuch“3 von diesem Wort auf das in einem relativ kleinen Gebiet in Zentralbelarus gebräuchliche Wort варбу́нá verwiesen wird; die Wörter бульбоўнік „Kartoffelkraut“ (281), плёскуни „schuppige Hanfpflanzen“ (283), стог „Kegel, Heuhaufen“ (288), рубель (рубель) „Heuschwade“ (289) sind jedoch wesentlich weiter verbreitet und bekannter als die im Wörterbuch angegebenen Synonyme: бульбянік, манцы, сцірта, жэрдка usw.

Der Atlas wird helfen, viele wichtige theoretische Fragen zu klären, die die Entstehung der belarussischen Mundarten, die Entwicklung der Literatursprache und die historischen Beziehungen der Belarussen zu den benachbarten slawischen (russischen, ukrainischen, polnischen) und anderen Völkern betreffen.

Unter den slawischen Sprachen wird das Belarussische gewöhnlich als ostslawische Sprache mit westslawischen Einflüssen betrachtet. Das Belarussische ist demnach gewissermaßen eine Übergangssprache zwischen den ost- und westslawischen Sprachen. In vielen Fällen wird dies durch das lexikalische Material des Atlas besonders deutlich bestätigt.

Der Wortschatz Ost- und Nordostbelarus’ ist eng mit dem Wortschatz der benachbarten russischen Mundarten verbunden, vgl. ло́вька „Wiege“ (247) — russ. ло́вка; адва́л „(Pflug-)Streichblech“ (256) — russ. отва́л; ву́тка „Ente“ (297) — russ. у́тка; ска́церць „Tischdecke“ (325) — russ. ска́терть; хозя́ин „Hausherr“ (334) — russ. хозя́ин; балны „krank, unwohl“ (319) — russ. больной. Der Wortschatz West- und Südwestbelarus’ weist mehr Entsprechungen im Ukrainischen und Polnischen auf, vgl. die in diesem Teil Belarus’ gebräuchlichen Synonyme der oben genannten Bezeichnungen: кало́чка, кало́ўка „Wiege“ — ukrain. колі́ска, poln. kołyska; палі́ца (па́ліца) „Streichblech“ — ukrain. полі́ця; ка́чка „Ente“ — ukrain. ка́чка, poln. kaczka; абрус (абрус, абру́сак) „Tischdecke“ — ukrain. обру́с, poln. obrus; гаспадар „Hausherr“ — ukrain. госпо́дар, poln. gospodarz; хворы „krank, unwohl“ — ukrain. хворий, poln. chory.

Daneben gibt es ziemlich viele Wörter, die das Belarussische nur mit jeweils einer slawischen Sprache verbinden, zum Beispiel mit dem Polnischen: студня „Brunnen“ (241) — poln. studnia; насі́льды, насі́ла „Tragjoch“ (249) — poln. nosidło; тэнца „Regenbogen“ (312) — poln. tęcza; зі́мна „kalt“ (321) — poln. zimno.

Das im Atlas dargestellte lexikalische Material zeigt und präzisiert auch die Verbreitung von Entlehnungen aus anderen Sprachen im Belarussischen und trägt dazu bei, die Ausbreitungsrichtungen dieser Entlehnungen besser zu verstehen. So tritt das genaue Gebiet hervor, in dem solche über das Polnische entlehnten Germanismen wie die folgenden gebraucht werden: андарак „Rock“ (329) — dt. Unterrock, poln. andarok (vgl. auch litauisch mundartlich andarokas); шні́хір „Speicher“ (239) — dt. (ostpreußisch) spiker, poln. spichler (litauisch mundartlich špykerė, špykeris); шуп, шу́рбк „Schuppen, Unterstand“ (238) — dt. (ostpreußisch) šu(e)r.

Die mundartlichen Unterschiede im Wortschatz sowie in den wichtigsten Merkmalen der Phonetik, Morphologie und Syntax bestätigen in vielen Fällen die zwei Hauptgruppen der belarussischen Mundarten — die nordöstlichen und die südwestlichen. So stehen den für die nordöstlichen Mundarten typischen Formen прамыцьцо „durchwaschen, nachspülen, auswaschen“ (10), го́род „Stadt“ (13), дзі́це́нак „Kind“ (85), новую хату „eine neue Hütte“ (124), бярэць „nimmt (3. Pers. Sg.)“ (148), кажыць „spricht (3. Pers. Sg.)“ (149), ходзюць4 „gehen (3. Pers. Pl.)“ (157), сецць „sich setzen“ (174) in den südwestlichen Mundarten folgende Entsprechungen gegenüber: перамыцьцо,

3 Siehe Белорусско-русский словарь, herausgegeben von dem Akademiemitglied der Akademie der Wissenschaften der BSSR K. K. Krapiva, Moskau, 1962.

4 Zusammengefasste Formen der 3. Person Plural Präsens mit -уць (-юць) statt -аўц (-яўц) verwenden auch die benachbarten russischen Mundarten, vgl. Ю. Ф. Мацкевіч, Марфалогія дзеяслова ў беларускай мове, Мінск, 1959, S. 175, 251.

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э́род, дзіўя, новую хату, бярэ, кажа, ходзіць, се́сці. Auf der Grundlage des Materials des Atlas ziehen belarussische Linguisten den Schluss, dass die Dialekte im Südwesten Belarus’ mehr archaische Merkmale bewahrt haben als die im Nordosten5.

Zwar sind zahlreiche dialektale Erscheinungen der belarussischen Sprache auch etwas anders verteilt. So zeigt der Atlas beispielsweise, dass Isoglossen bestimmter syntaktischer Merkmale das belarussische Sprachgebiet in einen östlichen und einen westlichen Teil gliedern. Im östlichen Teil werden etwa die Konstruktionen пайшоў к бацьку „er ging (ich ging, du gingst) zum Vater“ (217), ехаў на кані „er fuhr (ich fuhr, du fuhrst) mit dem Pferd“ (222), у мяне баліць галава „mir tut der Kopf weh“ (223) verwendet, im westlichen Teil dagegen — пайшоў да бацькі, ехаў канём (diese Konstruktion ist auch in fast allen südlichen belarussischen Dialekten verbreitet), мне баліць галава.

Die Verbreitungsisoglossen der letztgenannten Konstruktionen wie auch vieler anderer im Atlas dargestellter Merkmale reichen über die Grenzen Belarus’ hinaus und durchqueren die Sprachgebiete benachbarter slawischer (russischer, ukrainischer, polnischer) oder baltischer (litauischer, lettischer) Sprachen6. Somit wird der „Dialektologische Atlas der belarussischen Sprache“ auch wertvolles Material für den Allgemeinen Sprachatlas der slawischen Sprachen, für die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft und für verschiedene weitere Studien liefern.

Selbstverständlich ist diese Publikation auch für die litauische Sprachwissenschaft von Bedeutung. Die engen Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Völkern, die über viele Jahrhunderte bestanden, haben deutliche Spuren auch in den Sprachen dieser Völker hinterlassen. Die Gemeinsamkeiten der besonders eng benachbarten Sprachen — des Litauischen und des Belarussischen — sowie der gegenseitige Einfluss dieser Sprachen haben die Aufmerksamkeit der Linguisten schon seit Langem auf sich gezogen. So ist etwa die Verhärtung des Konsonanten l in den östlichen litauischen Dialekten (vgl. láDas < lėdas, aukūnė < alkūnė) sowie die Aussprache der Affrikaten c, dz anstelle der literatursprachlichen Konsonanten t, d (vgl. dúoc, dzienà statt dúoti, dienà) auch für das Belarussische kennzeichnend (vgl. воўк < волк „Wolf“; даць < дать „geben“, дзень < день „Tag“). Nach Ansicht einiger Linguisten hat gerade das Belarussische zur Verbreitung dieser Merkmale in den litauischen Dialekten beigetragen. Den stärksten Einfluss des Belarussischen hat jedoch der litauische Dialektwortschatz erfahren. Hier einige weiter verbreitete Belarusismen: batviniai „Rüben, Suppe aus Rübenblättern“ (belar. бацвін(н)е „Rübenblätter, -stängel“), bočia, bočius „Vater, Großvater“ (belar. бацька „Vater“), bulba „Kartoffel“ (belar. бульба), uzbonas „Krug“ (belar. збан „Krug, Tontopf“), ūtar yti „sprechen, sich unterhalten“ (belar. гутарыць). Einige Entlehnungen aus dem Belarussischen sind sogar in den Wortschatz der litauischen Standardsprache eingegangen, z. B.: norągas, priešlas, sijōnas (belar. нарог; прэсла, прісло; са́йн).

Zwar ist mitunter unklar, ob eine Entlehnung im Litauischen aus dem Belarussischen oder aus einer anderen slawischen Sprache (z. B. dem Polnischen oder Russischen) stammt. In solchen Fällen wird der „Dialektologische Atlas der belarussischen Sprache“ den Linguisten nun sehr helfen: Er enthält genaue Angaben zur geografischen Verbreitung zahlreicher belarussischer Wörter und Formen. Auf der Grundlage des im Atlas dokumentierten Materials wird sich die Herkunftserklärung mancher litauischer Wörter präzisieren lassen. So wurde die Herkunft des Dialektworts gručkas „Steckrübe“ bisher unterschiedlich erklärt. Man versuchte, das Wort sowohl mit dem polnischen Wort gruszki „eine bestimmte Kartoffelsorte“ als auch mit dem belarussischen бружка8 „Steckrübe“ in Verbindung zu bringen; außerdem wurde es von einer litauischen dialektalen Form abgeleitet

5 Vgl. Ю. Ф. Мацкевич, А. Г. Мурашко, А. В. Орешонкова, Об итогах работы по составлению атласа белорусских народных говоров, „Вопросы диалектологии восточно-славянских языков“, Москва, 1964, p. 45 tt.

6 Vgl. А. П. Непокупный, Ареальные аспекты балто-славянских языковых отношений, Киев, 1964, p. 62 tt.

7 Vgl. E. Fraenkel, Litauisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg-Göttingen, 1955 tt., p. 302.

8 Plg. Lietuvių kalbos žodynas, III, Vilnius, 1956, p. 653.

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krūčkas „Griežtis“ (anstelle dieser Form, die ebenfalls aus dem Belarussischen entlehnt wurde, soll das stimmhafte anlautende k g erst in den litauischen Dialekten selbst entstanden sein⁹). Aus dem Atlas geht hervor, dass es im Belarussischen neben anderen Bezeichnungen für den Kohlrabi (бручка, бручка, бручна, грыжчына, грыжа, кру́чка...) auch гру́чка gibt (276). Diese Bezeichnung ist ebenso wie кру́чка für die belarussischen Dialekte im litauischen Grenzgebiet charakteristisch (Bezirke Glubokoe und Pastavy). Folglich sind die Formen krūčkas und grūčkas, die heute in einzelnen litauischen Dialekten verwendet werden, höchstwahrscheinlich aus verschiedenen belarussischen Dialekten entlehnt.

Der „Dialektologische Atlas der belarussischen Sprache“ wird auch Sprachwissenschaftlern, die den Einfluss der baltischen (litauischen und lettischen) Sprachen auf das Belarussische untersuchen, gute Dienste leisten. Besonders ins Auge fallen zunächst jene Dialektismen, die vor allem in den belarussischen Dialekten verbreitet sind, welche unmittelbar an litauische oder lettische Dialekte angrenzen, zum Beispiel das Suffix -юк (-ук), das zur Bildung bestimmter Diminutivsubstantive verwendet wird (296), das Suffix -ене, mit dem Wörter wie бульбаве́не „Kartoffelkraut“ gebildet werden (vgl. litauisch dialektal bulviẽnis, bulbiẽnis), кармафле́не „ebd.“ (280–2); einzelne Wörter: рэгзіні, ре̨зіні (254) – litauisch rėžginės; жэгін (234) – litauisch žaginys; дзірван (275) – litauisch dirvonas; асве́р, свер, свіршня, свірсня... (242–4) – litauisch svirtis. Weit verbreitet unter den Belarussen sind die folgenden baltischen Lehnwörter: мянта, мянця, ме́нта, ме́нця... (264) – litauisch mentė; сіірта (сіірта), сіірда... (288) – litauisch stirta; свіран, све́ран, свіро́нак (239) – litauisch svìrnas und andere. Vor allem im östlichen Teil der Belarussischen SSR ist der mutmaßliche Litauismus ёўня, ёўня (233) verbreitet – litauisch jauja10, während im Südwesten (in Polesien) клу́ня, клёня (235) vorkommt – litauisch klúonas.

Aus den östlichen litauischen Dialekten sind vermutlich auch bestimmte Rufwörter für Vieh und Geflügel in die benachbarten belarussischen Dialekte gelangt, zum Beispiel für Kühe: тпрусь-тпрусь (304) – litauisch tprus(e)-tprus(e), für Schafe: базь-базь (305) – litauisch baz-baz, für Gänse: зю-зю-зю, зюлю-зюлю, жуль-жуль (307) – litauisch žiu-žiu-žiu, žiul(e)-žiul(e), žiu-žiu und anderes.

Das im Atlas vorgelegte lexikalische Material wird auch dazu beitragen, analoge Fälle der Wortbildung und der Entlehnung einzelner Bedeutungen besser zu verstehen. Die vorwiegend in westlichen belarussischen Dialekten verwendeten Formen mažinki, mažilki, mažilnik „Friedhof“ (318) stehen zum Wort mažila „Grab“ in einem Verhältnis, das demjenigen der litauischen Wörter kapai, kapinės zu kapas11 entspricht. Möglicherweise haben die Westbelarussen aus dem Litauischen eine Bedeutung des Wortes rauti entlehnt; vgl. belarussisch лён рваць – litauisch linus rauti „Flachs raufen“; in den östlichen belarussischen Dialekten sagt man in diesem Fall: лён браць (267).

Anhand des Atlasmaterials lässt sich auch die Verbreitung einiger gemeinsamer baltischer und slawischer Wörter auf dem Gebiet von Belarus deutlicher erkennen, zum Beispiel: клець (239) – litauisch klėtis; малака, мо́лака, мало́ка (315) – litauisch talkė; арúць, о́руць (265) – litauisch arti.

Die Erforschung der Gemeinsamkeiten zwischen dem Litauischen und dem Belarussischen sowie ihres wechselseitigen Einflusses wird noch erfolgreicher sein, wenn auch der Atlas der litauischen Sprache erscheint. Bedauerlich ist nur, dass die „Programme“, nach denen das Material für die Atlanten der belarussischen und der litauischen Sprache gesammelt wurde, nicht im Voraus hinreichend aufeinander abgestimmt waren – in beiden „Programmen“ hätte man zum Beispiel aufnehmen können

9 Plg. V. Urbutis, Dvi etimologijos pastabos, „Kalbotyra“, I, Vilnius, 1958, p. 220–221.

10 Vgl. E. Fraenkel, Litauisches etymologisches Wörterbuch, S. 192.

11 Die in den nordpolnischen Dialekten verwendete Form mogiłki „Friedhof“ ist nach Ansicht einiger Sprachwissenschaftler eine Bedeutungsentlehnung, also eine sogenannte Lehnübersetzung aus dem Litauischen; vgl. Cz. Kudzinowski, Jacyngowie w języku, „Acta Baltico-slavica“, Białystok, 1964, S. 224.

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Es dürfte wesentlich mehr gemeinsame oder analoge Fragen der Syntax und Lexik geben (gerade die Lexik zeigt die historischen Beziehungen zwischen diesen Sprachen am deutlichsten).

Der „Dialektologische Atlas der belarussischen Sprache“ unterscheidet sich in seiner Struktur und seinen Gestaltungsprinzipien in gewisser Hinsicht nicht von den zuvor erschienenen sowjetischen12 und zahlreichen ausländischen sprachwissenschaftlichen Atlanten. Dieser Atlas enthält lediglich das Faktenmaterial (die geographische Verbreitung der wichtigsten dialektalen Erscheinungen der belarussischen Sprache), jedoch keine Untersuchung dieses Materials und keine wissenschaftliche Analyse. Es ist zu hoffen, dass die belarussischen Sprachwissenschaftler eine solche Arbeit künftig leisten und die daraus gewonnenen Verallgemeinerungen und Schlussfolgerungen in anderen Publikationen veröffentlichen13.

Einige weitere kritische Anmerkungen, die sich an die Herausgeber des „Dialektologischen Atlas der belarussischen Sprache“ richten lassen, betreffen größtenteils unwesentliche Aspekte und einzelne methodische Einzelheiten. Eine oder zwei davon wollen wir hier erwähnen.

Im Atlas finden sich Karten zu Bezeichnungen oder Begriffen, deren Bedeutungen nicht genauer aufgeschlüsselt oder differenziert sind. So zeigt Karte Nr. 231 die Verbreitung verschiedener Bezeichnungen für den Schafstall. Eine der am weitesten verbreiteten Bezeichnungen ist аўчарнік, die jedoch an verschiedenen Orten in Belarus nicht genau dasselbe bezeichnet: So wird damit sowohl ein Schafgehege im allgemeinen Stall als auch ein an den Stall angebauter Schafstall und ein ganz eigenständiger Schafstall (einer Kolchose) benannt. Die Karte lässt weder die Bedeutungsunterschiede des Wortes аўчарнік und seiner anderen Synonyme noch die regionale Verteilung dieser Bedeutungen erkennen. Zugegeben, solche Mängel sind auch auf bestimmte objektive Ursachen zurückzuführen, vor allem auf unzureichende oder nicht ganz genaue sprachliche und ethnographische Angaben, die von den Atlas-Mitarbeitern gesammelt wurden.

Es scheint unnötig, dass die geographische Verbreitung so anschaulicher oder relativ weit verbreiteter Synonyme in den Karten des Atlas nicht dargestellt wird, etwa істомка, барання neben стомка, варыўня „kleine Kammer, Vorratskammer“ (240); сіверна, се́верна neben холодна, сцюдзёна, зімна „kalt“ (321) und andere.

Die syntaktischen Konstruktionen sind nicht ganz einheitlich wiedergegeben: Bei einigen Konstruktionen sind alle Wörter mit Akzentzeichen versehen (208, 209, 212, 213, 216, 217, 219), bei anderen nicht (206, 207, 214, 215, 218).

Die Titel einiger Karten des Atlas sind allzu knapp und machen daher den Karteninhalt für den Leser nicht immer verständlich. Das gilt besonders dann, wenn das Titelwort mehrere Bedeutungen hat; vgl. den mehrdeutigen Titel der Karte Nr. 229 „Назвы гары“: Die Karte zeigt die Verbreitung der Bezeichnungen für den Dachboden (Speicher), doch das belarussische Wort гара bedeutet nicht nur „Dachboden“, sondern auch „Berg“ (diese letztere Bedeutung steht im Wörterbuch an erster Stelle). Bei den Titeln für Pflanzen wäre es zweckmäßig gewesen, auch die lateinischen Bezeichnungen anzugeben.

Unter den Übersichtskarten des Atlas vermissen wir eine geographische (Relief-)Karte der Belarussischen SSR, die möglicherweise dazu beitragen würde, das Entstehen und die Verteilung der Isoglossen einzelner dialektaler Merkmale besser zu verstehen.

K. Morkūnas ir A. Vidugiris

12 Plg., pavyzdžiui, Атлас русских народных говоров центральных областей к востоку от Москвы, под редакцией Р. И. Аванесова, Москва, 1957; Й. О. Дзензелівський, Лінгвістичний атлас українських народних говорів Закарпатської області УРСР (Лексика), 1, Ужгород, 1958.

13 Die belarussischen Sprachwissenschaftler haben auf der Grundlage des Atlasmaterials bereits einige zusammenfassende Arbeiten veröffentlicht; vgl. die bedeutende Gemeinschaftsarbeit „Нарысы па беларускай дыялекталогіі“ (Мінск, 1964, 416 р.), einzelne Artikel in den Publikationen „Вопросы диалектологии восточно-славянских языков“ (Москва, 1964), „Беларуская мова“. Даследаванні па лексікалогіі (Мінск, 1965) u. a.

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