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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA

XLV (2001), 179–186

PUBLIKATIONEN

Source Publications

BRIEF VON FRIEDRICH WILHELM HAACK AN GOTTHILF AUGUST FRANCKE

In den letzten Jahrzehnten hat das Interesse der Forschenden an der Geschichte des Litauischen Sprachseminars in Halle (1727–1740) und insbesondere an F. W. Haacks Arbeit im Seminar zugenommen (siehe Bense 1974, 1994; Schiller 1994a, 1994b; Drotvinas 1998a, 1998b, 2001). Untersuchungen zu verschiedenen Aspekten dieser für die Geschichte der Litauistik wichtigen Frage werden jedoch unter anderem durch den Mangel an Archivdokumenten erschwert. Bei meinen Forschungen zur Lexikografie Kleinlitauens fand ich im Archiv der Franckeschen Stiftungen in Halle einen Brief von F. W. Haack (Sign. A FSt/M 5 C5:14) an den damaligen Leiter der Franckeschen Stiftung, Gotthilf August Francke. Der Brief wurde auf einem 17,3 cm langen und 10,2 cm breiten Blatt geschrieben, das in der Mitte gefaltet ist und vier Seiten bildet. Auf der ersten und zweiten Seite steht der Brieftext, die dritte ist leer. Beim Versand wurde der ganze Brief nochmals in der Mitte gefaltet; auf der vierten Seite steht, mit roter Tinte geschrieben, die Adresse AMonsieur Monsieur Francke Profesſeur en Theologie à Halle. Das rote Wachssiegel des Absenders ist abgebrochen und unleserlich. Im Archiv ist der Brief als zweiseitiger Text katalogisiert. In der oberen rechten Ecke der ersten Seite ist nach dem Ort und Datum des Briefes (Stettin d. 19 May 1732)1 mit einem Nummerator die Paginierungsnummer 402 der Archivalieneinheit eingeprägt; mit Bleistift wurde 505 eingetragen und unten mit rotem Bleistift zusätzlich 14. Die Paginierung wird mit der Nummer 403 in der oberen rechten Ecke der dritten (leeren) Seite fortgesetzt. Beide Briefseiten sind mit zwei (insgesamt vier) Löchern durchstochen, die Teile einiger Wörter „herausgebissen“ haben und das Lesen des Textes erschweren.

Der Brief von F. W. Haack ist in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Er zeigt deutlich, wie Absolventen der theologischen Fakultät der Universität Halle bei der Kolonisierung Ostpreußens eingesetzt wurden. Als Dokument des politischen und kulturellen Lebens der ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts hat der Brief die Aufmerksamkeit von Historikern auf sich gezogen und wurde in einer Dokumentensammlung zur Geschichte der Ausbreitung des Pietismus referiert (Müller-Bahlke, Gröschel 1999). Der Brief selbst wurde vom 26. Juni bis zum 28. Oktober 2001 in einer Ausstellung der Franckeschen Stiftung in Halle gezeigt und im dazugehörigen Ausstellungskatalog kommentiert2.

Der Brief liefert Informationen zur Präzisierung von Haacks Biografie und zur Beleuchtung der Perspektiven der Tätigkeit des Litauischen Sprachseminars in Halle. Warum musste Haack tatsächlich das Litauische Sprachseminar verlassen und sich von Halle verabschieden, nachdem er im Herbst 1728, als Johann Richter, der erste Leiter und Dozent des Litauischen Sprachseminars, Halle verlassen hatte und nach Kleinlitauen zurückgekehrt war, dessen Nachfolger geworden war und in diesem Amt bereits sein viertes Dienstjahr begonnen hatte? Es ist bekannt, dass König Friedrich Wilhelm I.,

1 Der Tag 19 wurde aus 10 (?) korrigiert, siehe Müller-Bahlke, Gröschel (1999: 140).

2 Zu den Vorhaben, das Waisenhaus in Halle in die Entwicklung und Integration Ostpreußens einzubeziehen, siehe Müller-Bahlke (2001: 140).

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Um das nach der großen Pest und Hungersnot entvölkerte Preußen zu kolonisieren, lud er 16.000 Salzburger Emigranten ein. Ihre Reiseroute führte über Halle und Berlin weiter nach Litauen Klein. Als Begleiter der Emigranten (Prediger und Übersetzer) wurden Studenten der Theologischen Fakultät der Universität Halle entsandt, darunter auch Haack. Einer dieser Begleiter, Johann Friedrich Breuer, berichtet Francke in einem Brief aus Berlin vom 9. Mai, dass die Prediger Hahn und Haack bereit seien, die Salzburger zu begleiten3. Haack wird auch im Tagebuch eines anderen Begleiters, des Studenten Kuhch, über dessen Reise von Halle nach Berlin vom 24. April bis zum 12. Mai 1732 erwähnt; dort heißt es, Haack sei am 10. Mai mit einer Gruppe von Emigranten aus Berlin aufgebrochen4. In Kenntnis der möglichen Folgen von Haacks Weggang aus Halle bat Francke den König, Haack als Dozenten des Litauischen Sprachseminars in Halle zu belassen, und hatte vermutlich dessen Zustimmung erhalten. In einem Brief vom 13. Mai 1732 dankt Francke im eigenen Namen sowie im Namen der Professoren der Theologischen Fakultät, Joachim Lange (Lange) und Johann Heinrich Michaelis (Michaelis), dem König für seinen Befehl an Haack, für ein halbes Jahr nach Halle zurückzukehren. Zugleich bedauert Francke in dem Brief, dass der königliche Befehl Haack in Berlin nicht erreicht habe; deshalb schreibt Francke, er habe ihm Briefe nach Königsberg und Stettin geschickt5. Aus Haacks Brief an Francke geht jedoch hervor, dass Francke sich zu früh über die Erlaubnis zur Rückkehr Haacks nach Halle gefreut hatte: Der König hatte der Bitte der Halleschen Theologen nicht stattgegeben, und Haack musste dem übergeordneten, das heißt königlichen, Befehl gehorchen6. Haacks Nicht-Rückkehr nach Halle war für die weitere Tätigkeit des Seminars ein Verlust. Francke und Haack hatten zweifellos verschiedene Vorhaben, die die Ausbreitung des Pietismus und die Stärkung der litauistischen Tradition fördern sollten. Leider traten die späteren Seminarleiter auf dem Gebiet der Litauistik nicht hervor.

Der Brief trägt auch dazu bei, die Urheberschaft der Einträge in Haacks Vocabvlarivm zu klären. In der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen wird ein sogenanntes durchschossenes Exemplar von Haacks Wörterbuch aufbewahrt, das heißt ein Exemplar des Vocabvlarivm mit handschriftlichen Ergänzungen und Einträgen (ausführlicher dazu Drotvinas 1998). Diese handschriftlichen Ergänzungen stammen von mehreren nicht identifizierten Personen. Auf der Suche nach dem oder den Verfassern der Einträge vermutete ich, dass einer von ihnen der Verfasser des Vocabvlarivm selbst sein könnte, doch lag mir kein Autograph Haacks vor. Nun, da der hier veröffentlichte Brief gefunden wurde, lässt sich Haacks Handschrift mit der Schrift der Einträge vergleichen. Dieser Vergleich stützt die frühere Vermutung stärker, dass ein beträchtlicher, vielleicht sogar der größere Teil der Einträge (mindestens zwei Drittel) von Haack selbst geschrieben wurde. Genauere Schlussfolgerungen könnten wir natürlich erst nach einer vergleichenden graphologischen Analyse beider Texte – der Einträge und des Briefes – ziehen. Doch schon jetzt könnten wir die von Haack verfassten Ergänzungen als seinen eigenen Versuch bewerten, Material für eine zweite Ausgabe des Vocabvlarivm zu sammeln, die vielleicht gerade wegen des Weggangs des Verfassers aus Halle nicht vorbereitet wurde.

Wir präsentieren ein Faksimile des Originals von F. W. Haacks Brief, eine erweiterte Transliteration des Textes und eine Übersetzung ins Litauische. Bei der Transliteration werden Abkürzungen aufgelöst; ergänzte Buchstaben stehen in eckigen Klammern. Großbuchstaben werden wie im Text wiedergegeben. Wörter in lateinischer (humanistischer) Schrift werden kursiv gesetzt7.

3 Sign. 5 C 5: 22, siehe Müller-Bahlke, Gröschl (1999: 31), vgl. auch Müller-Bahlke (2001: 140).

4 Tagebuch eines Theologiestudenten über seine Reise als Begleiter der Salzburger Emigranten von Halle nach Berlin, Sign. 5 C 5: 22, siehe Müller-Bahlke, Gröschl (1999: 31).

5 Dankschreiben Gotthilf August Franckes an Friedrich Wilhelm I. für den Befehl, Haack nach Halle zurückkehren zu lassen, Sign. 5 C 5: 28, siehe Müller-Bahlke, Gröschl (1999: 35).

6 Aus Haacks Biografie wissen wir, dass er 1733 in Berlin zum Priester geweiht wurde, danach zum Diakon von Gumbinnen ernannt wurde, in Gervischken als Pfarrer tätig war und von 1734 bis zu seinem Tod (1754) Pfarrer in Pillkallen war.

7 Ich danke Frau Aušrinė Jonikaitė, die dabei half, den Brief zu entziffern und die Übersetzung zu präzisieren.

PUBLIKACIJOS

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[Adresas] AMonsieur Monsieur Francke Professeur en Theologie à Halle.

[1] Stettin d[en] 19* Maj 1732. HochEhrwürdiger und Hochgelahrter In[onders HochzuEhrender H[er]r Professor. Ew[re] HochEhrwürden werden mir erlauben daß ich auff Ihre Zu[chriffiten wegen Mangel der Zeit kurz antworten werde 1. Was die Umstände anlanget, darinnen ich vor weniger Zeit ver[etzet worden; so kan ich nicht anders sagen als daß [ie von gott* sind, der mich mehr und mehr kräftig überzeuget daß Er es [o und nicht anders haben* will. Werde dahero auch nicht eher aus dem[elben heraustreten als biß ich' von ihm [elb[st werde heraus geführt worden. Die Umstände des Litthaui[chen Seminarii [ind nicht vermö- gend mich davon abzubringen, weil[en] in Königs= berg

*aus 10 (?) verbessert

*halb vergrößertes Minuskul-g

*h korrigiert

*po ich nubraukta geg

[2] berg woll Jemand wird gefunden werden, der es mit größern Nut[en] und Treue wird verricht[en] kön[nen] als ich es habe thun können. Es fällt mir auch sehr schwer Diejenig[en]* Seelen die mir anvertrauet [ind, zu verla[en zu mahl bey der ersten Einrüftung, darauf es doch das mei= [te in der Führung ankom[m]t; Finde doch* bei mir keine Neigung zurück zu gehen. Der H[er]r Profe[eu]r* werden denn die Liebe** mir erzeug[en] und die Umstände alle zu[am[m]en nehm[en] u[nd] prüfen, damit Sie nicht etwa aus guter Mei= nung gottes Werk hindern möcht[en]. Berichte auch jetzo [elb[ten] meine Umstände an den König. 2) Daß ich auff den Brieff des He[rrn] Professoris den ich in berlin empfangen nicht da geblie= ben sonde[rn] weiter gegangen bin, kan mir

*d Kleinbuchstabe zu Großbuchstaben korrigiert

*durchstochenes Wort doch?

*u ausgelassen und nicht gekennzeichnet **L schwer von l zu unterscheiden

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gar nicht verarget werden, weil ich einen gegenseitig[en] befehl hatte vom Ober Directorio mit den leut[en] gleich mit zu gehen. 3) Daß ich jeßo nicht zurück kom[m]en kan, [on= dern heute noch im Nam[en] gottes vo[n h]ier* abfiegeln werde; iß theils* die oben gezeigte Ursach theils, daß ich keine ſpecielle ordre vom Könige erhalt[en] habe zurück zu geh[en]. Im übrigen empfehle ich Sie gott. u[nd] [einer] gnade[n] u[nd] verbleibe Ihr

*Buchstaben durchstochener Wörter wiederhergestellt *korrigiert, nach theils durchgestrichen obig (?)

Dienſtwiliger F. W. Haack.

Übersetzung ins Deutsche:

[1] Stettin, den 19. Mai 1732.

Euer Hochwohlgeboren und Hochgelehrter, besonders hochgeehrter Herr Professor.

Euer Hochwohlgeboren werden mir verzeihen, dass ich auf Euer Schreiben aus Zeitmangel kurz antworte. 1. Was den Dienst betrifft, den ich schon seit einiger Zeit versehe, so kann ich nichts anderes sagen, als dass er von Gott bestimmt ist, und ich bin immer mehr davon überzeugt, dass Er es so und nicht anders will. Deshalb werde ich diesen Ort nicht eher verlassen, als bis Er selbst es will. Der Dienst am Seminar für die litauische Sprache kann mich nicht dazu zwingen, diesen Ort zu verlassen, da in Königsberg

[2] gewiss jemand gefunden wird, der die Aufgabe mit größerem Nutzen und mehr Hingabe versehen könnte, als ich es vermöchte. Es fällt mir auch schwer, jene Seelen zu verlassen, die mir in meinem ersten Dienst anvertraut sind; und dies ist bei der geistlichen Führung das Wichtigste.

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Ich verspüre keinerlei Verlangen zurückzukehren. Herr Professor, verzeihen Sie mir und bedenken Sie alle Umstände, damit Sie nicht in guter Absicht versuchen, Gottes Willen zu ändern. Auch werde ich dem König nun selbst schriftlich meine Umstände mitteilen.

2) Dass ich, als ich auf den in Berlin erhaltenen Brief des Herrn Professors antwortete, dort nicht blieb, sondern weiterreiste, kann man mir keineswegs vorwerfen, denn ich hatte den gegenteiligen Befehl der höchsten Obrigkeit, mit den Leuten unverzüglich weiterzureisen.

3) Dass ich jetzt nicht zurückkehren kann, sondern im Namen Gottes fortreise; das heißt, teils aus den oben genannten Gründen, teils weil ich vom König keinen gesonderten Befehl zur Rückkehr erhalten habe. Jedenfalls möge Gott Sie und seine Gnade segnen, und ich verbleibe Ihr

ergebener F. W. Haack

ABB. 1. ADRESSE VON HAACKS BRIEF AN FRANCKE

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ABB. 2 ERSTE SEITE VON HAACKS BRIEF AN FRANCKE

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ABB. 3 ZWEITE SEITE VON HAACKS BRIEF AN FRANCKE

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LITERATŪRA

Bense, G. 1974: Lithuanica in Halle. Zeitschrift für Slavistik 19 (2), 295–297.

Bense, G. 1994: Die litauistische Tradition in Halle. Bense, G., Hrsg., Diachronie–Kontinuität–Impulse. Sprachwissenschaftliches Kolloquium Halle, Frankfurt am Main: Peter Lange, 79–95.

Drotvinas, V. 1998a: F. W. Haacko „Vocablarīvm Litthvanico-Germanicvm, et Germanico-Litthvanicvm“ (Halle, 1730). Lietuvių kalbotyros klausimai 39, 82–100.

Drotvinas, V. 1998b: F. W. Haacko „Vocablarīvm Litthvanico-Germanicvm, et Germanico-Litthvanicvm“ (Halle, 1730) rankraščių papildymų egzempliorius. Lietuvių kalbotyros klausimai 40, 3–21.

Drotvinas, V. 2001: Johannas Richteris ir Lietuvių kalbos seminaras Halėje. Acta Linguistica Lithuanica 44, 41–54.

Müller-Bahlke, Th., Hrsg., 2001: Gott zur Ehr und zu des Landes Besten – Die Franckeschen Stiftungen und Preußen. Aspekte einer alten Allianz. Halle (Saale): Verlag der Franckeschen Stiftungen.

Müller-Bahlke, Th., Gröschl, J. 1999: Salzburg–Halle–Nordamerika. Ein zweisprachiges Find- und Lesebuch zum Georgia-Archiv der Franckeschen Stiftungen. Herausgegeben von… und in Verbindung mit der Georgia Salzburger Society. Mit einer Einleitung von Hermann Winde. Tübingen: Verlag der Franckeschen Stiftungen Halle im Max Niemeyer Verlag.

Schiller, Ch. 1994a: Das litauische Seminar in Halle (1727–1740) und seine Mitglieder. Auf Spurensuche. Acta Baltica 32, 195–233.

Schiller, Ch. 1994b: Die litauischen Seminare in Königsberg und Halle. Eine Bilanz. Nordostarchiv N. F. 3, Heft 2, 375–392.

Vincentas Drotvinas Vilniaus pedagoginis universitetas Ševčenkos g. 31, 2009 Vilnius, Lietuva [email protected]

Gauta 2001 12 05

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