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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA

LI (2004), 49 – 57

Zur Frage der Bildung des Adessivs1

Ilja A. Seržant

Universität zu Köln

Der Artikel befasst sich mit der Bildung des litauischen Adessivs. Es wird gezeigt, dass die Grammatikalisierung der Adessivkonstruktion (mit der proto-baltischen Postposition Baltic *pie) nach dem Wirken von Leskiens Gesetz erfolgte. Rosinas’ (1999) Behauptung, wonach die Singularformen des Adessivs auf der Grundlage alter Dative gebildet seien, wird sowohl aus morphologischen als auch aus syntaktischen Gründen kritisch untersucht und zurückgewiesen. Es wird versucht, die dialektalen und altlitauischen Dativ-Singularformen auf -i, -u und -ie der i-, u- bzw. o-Stämme zu erklären.

0. E I N L E I T E N D E B E M E R K U N G E N

Wie bekannt, ist der Adessiv (ebenso wie der Allativ) in altlitauischen Texten am besten erhalten2, in den modernen litauischen Mundarten dagegen, mit wenigen Ausnahmen, nur noch in Form von Adverbien3. Aus Mundarten, in denen der Adessiv seine Kasusfunktion noch bewahrt hat, lassen sich folgende Beispiele anführen: ḋiẽv́ier, vaĩkier, vẽšier aus Gervėčiai (Arumaa 1930: 66), bó̇vair, marčẽ̇ir aus Zietela (Stang 1958: 184).

Ziel des Artikels ist es, die Chronologie der Bildung des Adessivs zu präzisieren sowie die von Rosinas (Rosinas 1999) aufgestellte Annahme zu kritisieren, dass den Formen des Adessivs im Singular angeblich eine alte Dativendung zugrunde liegt.

1. V O R A U S S E T Z U N G E N

1.1. Die Bildung von Adessiv und Allativ geht höchstwahrscheinlich auf dieselbe Epoche zurück. Dafür sprechen sowohl das völlig identische Bildungsprinzip als auch die Form der Postposition.

1.2.1. Die Bildung des Adessivs (möglicherweise auch des Allativs) ist in die Zeit nach dem Wirken von Leskiens Gesetz über die Kürzung akzentuierter auslautender Längen zu datieren. Ausgehend von dieser Annahme lassen sich die folgenden Formen vollkommen regelmäßig, ohne Rückgriff auf Analogie, ableiten:

– Adess. Sg. der i-Deklination, z. B. sūnìp (Zinkevičius 1966: 202) < *sūnū + pi < *sūnū < *sūn-úo < *sūn-ōu (vgl. ved. Loc. Sg. paśāu). Eine nicht gekürzte Form *sūnōu+pi hätte im Litauischen höchstwahrscheinlich **sūnuopi ergeben, jedenfalls nicht sūnìp(i);

1 Ich möchte R. G. Derksen sowie Axel Holvoet für zahlreiche Ratschläge und ihre Hilfe danken.

2 Zur Funktion siehe Range (1995), Kavaliūnaitė (2001).

3 Ausnahmen bilden die Mundarten von Zietela, Lažūnai und Gervėčiai, vgl. Zinkevičius (1966: 202).

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– völlig analog ist die Entwicklung der Form des Adessivs Singular der i-Deklination: die indogermanische Lokativendung *-ēi, vgl. vedisch agnā́, altattisch-griechisch πόλῑ-ῐ (Rix 1976: 51). Diese Endung musste im Litauischen -i ergeben. Genau diese Form ist in altlitauischen Texten belegt (vgl. Kazlauskas 1968: 153): ūgnip (DP 158₆, 158₄₁), schirdipi4 (Katechismus von Mažvydas: 448₁₅, 446₆).

Der scheinbare Widerspruch betrifft den Nasalkonsonanten in den Pluralformen, da er nach dem Leskienschen Gesetz hätte verschwinden müssen, z. B. dievuosemp und nicht **dievuosep, beim Instr. sg. rankà (< *án) und Acc. sg. ranką̀ (*-ăn). Dies erklärt sich daraus, dass der Nasalkonsonant in diesem Fall analogisch in die Form des Adessivs Plural eingeführt wurde. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten, etwa analog zum Allativ Plural dievump (-um- < Gen. pl. dievų) beim Adessiv Plural *dievuosup > diewūsuntp (Rosinas 1999: 178–180), oder aber analog zur pronominalen Endung jamp(i) < jamip(i). Die Tatsache, dass der Nasalkonsonant analogisch hinzugefügt wurde, wird auch durch sein Vorkommen in den in einigen westaltlitauischen Texten noch nicht nach dem Inessiv analogisch umgebildeten Adessivformen belegt, z. B. bei Vilentas und Daukša wifjūmp (Beispiele siehe Zinkevičius 1982: 30).

Die Intonation der Silbe vor der Postposition -p(i) lässt sich aus folgenden Gründen nicht bestimmen. Nach Zinkevičius (Zinkevičius 1966: 210; §280, 281 sowie 222: §310, 311 u. a.) hatte in einem großen Teil der Aufzeichnungen von Mundarten (angefertigt von Būga, Arumaa und Laigonaitė) die der Postposition -p(i) vorausgehende Silbe in beiden ad-Kasus⁵ eine Akutintonation. Daher sehen wir uns gezwungen, eine Metatonie (métatonie rude) anzunehmen, durch die ursprünglich zirkumflektierte⁶ Endungen in akzentuierte übergingen. Dabei lassen sich die zirkumflektierten Formen des Adessivs und des Allativs durch Analogie zum Zirkumflex in den Endungen der Grundkasus erklären, die dem Adessiv und dem Allativ zugrunde liegen. Die akzentuierten Endungen dagegen lassen sich nicht durch Analogie erklären, da alle Genitiv- und Lokativendungen eine Zirkumflexintonation aufweisen oder nach dem Leskienschen Gesetz gekürzt sind. K

4 Genau so erklärt Kazlauskas (loc. cit.) die Form der i-Deklination; Stang (loc. cit.) dagegen ist der Ansicht, dass diese Endung aus der konsonantischen Deklination entlehnt sei. Hiergegen ist jedoch erstens einzuwenden, dass der Entlehnungsprozess in umgekehrter Richtung verläuft, d. h. die Endungen der konsonantischen Deklination werden durch die Endungen der i-Deklination ersetzt und nicht umgekehrt. Zweitens besteht, da die Endung -ip(i) (unter Berücksichtigung dessen, dass das Leskiensche Gesetz vor der endgültigen Herausbildung des Adessivs wirksam war) völlig gesetzmäßig ist, keinerlei Notwendigkeit, sie durch Analogie zu erklären, zumal dann die Endung der u-Deklination (sūn-up) unerklärt bleibt, da uns die zunächst anzunehmende Analogie konsonantische Deklination > i-Deklination, dann i-Deklination > u-Deklination völlig unwahrscheinlich erscheint.

5 Nach Zinkevičius bilden lediglich Stang und Grinaveckienė eine Ausnahme, da sie eine Zirkumflexintonation festgestellt haben. In Stangs Arbeiten (z. B. Stang 1966: 228) weist jedoch nur die Endung des ades. sg. f. galvōs(p) eine Zirkumflexintonation auf.

6 Beispielsweise der adess. sg. namtēr, dem der alte Lokativ *o-osnov zugrunde liegt, vgl. namiẽ, ankštiẽ (Zinkevičius 1966: 209), ferner der gen. sg. diẽvo (da er nach Leskien nicht gekürzt ist (im **-а) und außerdem keine Verlagerung des Iktus von der zirkumflektierten Silbe nach Saussure–Fortunatov vorliegt) gegenüber dem Akut im Allativ, vgl. dievóp(i) (Stang 1966: 228; Zinkevičius 1966: 210).

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Auch die lettischen Reliktformen sprechen für die Metatonie, vgl. (MEII: 320): kūr (= lit. kur̃) und (MEII: 325): kurp (= lit. **kùrpi(i))7.

1.2.2. Die Herausbildung des Adessivs und des Allativs muss auf die Zeit der Reduktion der Postpositionen in bestimmten Positionen zurückgehen8, die dem indogermanischen Ablaut praktisch vergleichbar ist. Dieser Punkt bedarf einer zusätzlichen Erläuterung. Denn als Postpositionen der sekundären analytischen Kasus wurden im Ostbaltischen ihre reduzierten Varianten verwendet, vgl. Adess. / All. -p(i) im Verhältnis zur etymologisch verwandten Präposition priē, Ill. -na (nicht **-nu!) < *no im Verhältnis zur etymologisch verwandten Präposition *no (nuo, nu-). Diese Paare gehen unserer Ansicht nach auf eine relativ frühe Periode des Proto-Baltischen zurück, in der betonte und unbetonte Alloformen von Präpositionen / Postpositionen / Präfixen existierten. Dazu kann man noch *еп im Lettischen ie-kšā < *en-k-šā im Verhältnis zum litauischen i < *in < *n sowie lett. sa- / sam- (z. B. suods < *san-ds) < *som im Verhältnis zur litauischen Präposition su < *sum < *sm̥.

1.3. Ferner ist festzuhalten, dass, da der Adessiv zumindest auch im Proto-Lettischen existierte – davon zeugen Formen wie šūrp, kurp –, die Zeit seiner Entstehung in jene Epoche zu datieren ist, in der sich das Proto-Lettische und das Proto-Litauische zwar bereits durch einige dialektale Nuancen unterschieden (z. B. das Leskiensche Gesetz §1.2.1), jedoch noch frei Innovationen austauschen konnten.

2. S Y N T A X

Der grundlegende Stein des Anstoßes in der traditionellen Erklärung des Adessivs als eines analytisch auf dem alten Lokativ gebildeten Kasus ist die Nichtübereinstimmung im syntaktischen Gebrauch der synthetischen und analytischen Adessivkonstruktionen: Verb – prie(g) – Dat., dagegen Verb – Lok. Sg. – *prie (Rosinas 1999: 174), obwohl die synthetische und analytische Allativkonstruktion einander vollständig entsprechen: Verb – prie(g) – Gen. Sg. und Verb – Gen. Sg. – *prie. Ebenso gilt in Analogie zu anderen Prä- / Postpositionen: dėl to und todėl oder drin to und todrin müsse die Form Wießpati̇r nach Rosinas’ Auffassung vollständig prieg Wießpati entsprechen und sei daher, ebenso wie im letzten Fall, ein Dativ.

7 Die genaue Ursache der Metatonie (métatonie rude) ist uns bislang nicht klar. Als Hypothese kann man annehmen, dass den Formen auf -ri tatsächlich nicht die Postposition p(r)ie, sondern arie zugrunde liegt. Was die Semantik betrifft, so kann hier als typologisches Beispiel die Art der Bildung der adessivischen Bedeutung im Altrussischen und in russischen Dialekten mithilfe der Präposition о / об (< *op-) (Toporov 1968: 188) angeführt werden, die dem litauischen apie vollständig (semantisch und etymologisch) entspricht. Phonetisch hätte die Präposition apie beispielsweise im Adess. Sg. der ā-Deklination *-ai-api > *-ajapi > -áipi einen Akut ergeben müssen. Nach Stang (Stang 1966: 157) verhielt sich die Sequenz *-ViV- analog zur Sequenz -VuV-, vgl. kiáutas < kẽvetas.

8 In dieselbe Richtung geht auch Rosinas’ Auffassung (1999: 174).

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Hierzu möchten wir Folgendes einwenden. Die Bildung des Adessivs und des Allativs erfolgte nicht während der altlitauischen Sprachperiode, sondern wesentlich früher (vgl. § 1.2.2; § 1.3), und der Vergleich mit Konstruktionen wie dėl to und todėl ist daher nicht ganz zutreffend, da beispielsweise in der postpositiven Form -dėl keine Reduktion **-dėl auftritt (vgl. § 1.2.2), d. h. sie ist nach einem völlig anderen Prinzip und folglich auch in einer anderen relativchronologischen Phase der Sprachgeschichte gebildet worden. Somit ist die Nichtübereinstimmung der Rektion im altlitauischen prie + Dat. Sg. und der Bildung des Adessivs Lok. Sg. + -pi < *-prie unserer Ansicht nach kein gewichtiges Argument. Hier genügt die Annahme, dass prie zur Zeit der Entstehung des Adessivs und des Allativs (auch noch) den Lokativ regierte. Dafür sprechen offenbar auch die lettischen Reliktformen tūrp, kūrp, in denen tūr und kūr eine dem Lokativ ähnliche Bedeutung haben. Darüber hinaus regiert die Präposition *prie in den eng verwandten slawischen Sprachen den Lokativ, vgl. russ. при доме / домах und nicht **при дому / домам.

3. F O R M A L E R T E I L

Um den Adessiv Singular aus dem Dativ herzuleiten, muss Rosinas (Rosinas 1999) eine ganze Reihe unzulässiger Entwicklungen durch Analogie annehmen:

3.1. ā- (ē)-Deklination: Die Formen bóbaip (1), mergáip / mergáip (4) (Zinkevičius 1966: 222) enthalten unserer Ansicht nach die alte Lokativendung *-ai < *-eh₂-i (vgl. Seržant 2004). Wenn man jedoch ausschließlich von der Singularform der ā-Deklination ausgeht, kann hinsichtlich des dem Adessiv zugrunde liegenden Kasus keine eindeutige Entscheidung getroffen werden. Hier muss man sich auf die Bildungsweise der anderen Adessivformen stützen.

3.2. i-Deklination: Die Formen ūgnip (DP 158₆, 158₄₁), schirdipi (Mažvydo Kat. 446₆, 448₁₅) enthalten unserer Ansicht nach die alte Lokativendung des Singulars der i-Deklination, die nach Leskiens Gesetz gekürzt wurde, *-ēi > *-ie > -i (vgl. § 1.2). Rosinas (Rosinas 1999: 175) erklärt die Form des Adessivs als auf der Grundlage des Dativs auf -i entstanden. Es ist jedoch anzumerken, dass bei einer Befolgung von Rosinas unklar bleibt, weshalb die grundlegende und regelmäßige Dativform der i-Deklination -i (aviē)⁹ (Stang 1966: 208), die bis heute erhalten ist (Zinkevičius 1966: 230), nicht als Grundlage für die Bildung des Adessivs diente, sondern eine marginale Form -i, deren Entstehung nicht vollständig klar ist¹⁰ (vgl. auch § 4.4), zugrunde gelegt wurde.

3.3. u-Deklination: Hier findet sich in allen altlitauischen Texten und modernen Mundarten ausschließlich die Adessivform des Singulars auf -up(i), vgl. sūnup(i); die Dativform endet dagegen auf -ui / -uo. In diesem Fall erklärt Rosinas (Rosinas 1999: 174–

9 Vgl. das altkirchenslawische Dat. Sg. пяти < *-ei, Sanskrit kaveḥ < *-ei.

10 Die vorherrschende Auffassung (z. B. Stang 1966: 208) lautet, dass diese Endung aus der konsonantischen Deklination entlehnt wurde. In der modernen Indogermanistik wird die Endung jedoch ausschließlich als nicht dem Ablautwechsel unterliegendes *-ei rekonstruiert; vgl. Rix (1976: 117), Meier-Brügger (2002: 198-9, besonders § 5) u. a. Bereits Szemerényi (1990: 173) rekonstruiert die Dat.-Sg.-Endung **-i überhaupt nicht.

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5) erklärt diese Diskrepanz damit, dass dem Adessiv eine ältere Dativendung -i. zugrunde liegt.

Als Erstes ist hervorzuheben, dass in denselben Texten, in denen der Dativ der Substantive auf -i vorkommt, auch ein pronominaler Dativ auf -mu belegt ist, vgl. Jamig DP 433₃₀, Tamig DP 331₁₈ u. a.; dies bemerkt auch Rosinas selbst (1999: 175). Folgt man jedoch Rosinas’ Annahme, müsste man auch hier einen Adessiv auf *-up erwarten, z. B. **tamur, **jamur; soweit mir bekannt ist, kommen solche Formen jedoch weder in den litauischen Dialekten noch in den altlitauischen Texten vor. Die bekannten pronominalen Adessivformen enthalten dagegen, wie bekannt, die alte pronominale Lokativendung, vgl. tatir (> tamp) / tamimp (-t- analogisch zum Allativ).

Weiterhin weist Zinkevičius (1966: 120) auf die Dativendung Singular auf -i (oder den entsprechenden reduzierten silbischen Lautträger) im Gebiet ungefähr um Panevėžys hin (vgl. auch die Verbreitungskarte dieser Endung N75 (Zinkevičius 1966: 520)), ebenso im Süden, ungefähr in Dzūkija. Für die richtige Interpretation dieser Endung im Gebiet um Panevėžys ist hervorzuheben, dass gerade in dieser Gegend eine starke Reduktion der Endungen zu beobachten ist; beispielsweise endet der Instrumental Singular in Šeduva auf -’ (ràg’), während der Dativ auf -u endet (ràgu) (Zinkevičius 1966: 120: §115), obwohl diese Endungen nach Rosinas hier zusammenfallen müssten. Darüber hinaus genügt für den Vergleich ein Blick auf die e-Deklination. Hier findet sich in derselben Gegend die Dativendung -e und nicht -ei. Somit kann die Endung auf -i als ein aus den nordöstlichen aukštaitischen Dialekten eingedrungener Dialektismus¹¹ gelten, zumal die Verbreitung der Endung -i ein zusammenhängendes Gebiet bildet. Dafür spricht unseres Erachtens eindeutig auch der Dativ bestimmter Adjektivendungen auf -iam, der in denselben Texten wie der Substantivdativ auf -i erscheint, obwohl bekannt ist, dass ihm die pronominale Form jami zugrunde liegt, in der die letzte Silbe apokopiert wurde; vgl. die von Mažiulis angeführten Beispiele (Mažiulis 1970: 108). Das heißt, hier erfolgte eine lautliche Kürzung der Endlängen. Wie in 1.2–3 angegeben, ist die Entstehungszeit des Adessivs und des Allativs jedoch erheblich älter als eine solche Kürzung der Auslautlängen.

Möglicherweise lässt sich diese Endung auch als eine alte Lokativendung erklären, die in den Dativ eingedrungen ist; vgl. § 4.4. Wie dem auch sei, die Endung -i im Dativ kann nicht alt sein, da sie weder aus der indogermanischen Dat. i-Deklination (< *-ouei, vgl. altind. vāhave) noch aus dem Dativ der o-Deklination (< *ōi) herleitbar ist.

Somit kann die Adessivform sī̀nūr nicht auf der Grundlage des Dativs gebildet worden sein.

11 Dass die altlitauischen Texte keine monogene Wiedergabe ein und desselben Sprech- bzw. Dialekts darstellen, bezeugen zahlreiche Tatsachen. Als Beispiel kann die Betonung in Daukšos Postilė angeführt werden, wo sowohl die alte als auch die um eine Silbe nach hinten zurückgezogene Betonung vorkommt, die für die nördlichen aukštaitischen Dialekte charakteristisch ist.

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3.4. o-Deklination: Der Adessiv Singular vom Typ diever(i) (dievin(i) – seltener) entspricht ebenfalls nicht der als -ui oder dialektal -uo bekannten Dativendung < *-uoi. In den altlitauischen Texten findet sich in der entsprechenden analytischen Konstruktion die Dativendung -ui oder -u: (...) [toios prieg anám Angelui DP 4122; (...) prieg karunawoiṃu erβkiečieys PS II 24414, ebenso prieg + Dat. auf -i (-ie- seltener): kaip turi weiktis prieg dwari io DP 43416, prieg Sakramentu PS II 65; prieg stāli PS II 1891 (Rosinas 1999: 175). Dass es sich um den Dativ handelt, belegt das kongruente Pronomen: (...) kurie ik tam’ mẽti bus numirẽ DK 14612–13. Rosinas (Rosinas 1999: 176) schlägt vor, diese Endung nach folgendem Verhältnis zu erklären: *Dat. (pirt)-ei: Lok. (pirt)-ei = Lok. *namei: Dat. x, wobei x = *(nam)ei.

In diesem Fall ist hervorzuheben, dass weder die Lokativendung Singular der i-Deklination noch die Lokativendung Singular der konsonantischen Deklination jemals **(pirt)-ei war. Im ersten Fall war sie *-ēi > *-ei > -i, im zweiten *-i > -i. Um dieses Verhältnis aufrechtzuerhalten, müsste Rosinas die Lokativendung Singular der i-Deklination *(pirt)-ei als aus der konsonantischen Deklination entlehnt erklären, die ihrerseits aus der o-Deklination übernommen worden sei, z. B. pamiẽ. Abgesehen davon, dass diese Erklärung völlig ad hoc ist, lässt sich noch Folgendes einwenden:

1. Die reguläre indogermanische Lokativendung Singular der konsonantischen Stämme ist praktisch in allen aukštaitischen Dialekten in der Form -uje gut erhalten, wobei das alte *-i analogisch nach dem Lokativ Singular der ā-Deklination verlängert wurde oder einfach analogisch nach dem entsprechenden Lokativ Plural (so wird beispielsweise auch die i-Deklinationendung -uje / (-ūje) erklärt). Ausdrücke des Typs lig rači̇am vãkarie/-i sind Relikte der regelmäßigen Dativendung der konsonantischen Deklination (Mažiulis 1970: 146). Das heißt, in der konsonantischen Deklination gab es die Endungen Dat. -ie, Lok. *-i (in der erweiterten Form -uje), in der i-Deklination Dat. -ie, Lok. *-ēi > *-ie + Erweiterung > -i (nach Leskiens Gesetz) + Erweiterung. Doch in keiner der beiden Deklinationen fielen Dativ und Lokativ ursprünglich zusammen. Somit gibt es, wie es scheint, keinen einzigen faktischen Beleg für die Annahme, dass es einst in der konsonantischen Deklination eine Lokativendung -ie < *-ei gab; im Gegenteil widerlegen die bis heute erhaltenen Lokativformen der konsonantischen Stämme diese Annahme, da sie eher auf das alte *-i zurückgehen (z. B. akmenyje, Verlängerung analogisch zum Illativ) als auf *-ie; folglich existierte der erste Teil des Verhältnisses – Lok. (pirt)-ei – nicht.

2. Das von Rosinas dargestellte Bild ist auch insofern unannehmbar, als nach seiner Rekonstruktion zur Zeit der Entstehung des Adessivs die Dativendung Singular der o-Deklination angeblich *-ei war (z. B. in dievier < *-ei-ri), also eine innovative Form; die heutige Dativform Singular -ui, zemaitisch -uo und ihre Varianten hingegen, wie bekannt, die ursprüngliche Dativendung Singular ist12 und folglich älter als *-ei. Die Behauptung, dass in eine ältere

12 Die Dativendung der o-Deklination war im Indogermanischen ausschließlich *-o-ei > *-ōi. Da diese Behauptung opinio communis ist, führe ich keine konkrete Literatur an.

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dass in einer Epoche eine erneuerte Form verbreitet war, während in der Gegenwart mit wenigen Ausnahmen an derselben Stelle die alte Form steht, enthält unseres Erachtens einen praktisch unüberwindbaren Widerspruch. Varianten dafür, wie nach der Bildung des Adessivs auf der Grundlage des von Rosinas rekonstruierten Dativs *-ei + *ri > *-eiri > (diev)-iép(i) diese Endung durch die alte Dativendung –ui, žem. –uo ersetzt wurde, bietet Rosinas nicht an, und unseres Erachtens lassen sie sich auch nicht finden.

Die seltenere Form des Adessivs dievip ist eine Entlehnung aus der i-Deklination.

Somit kann die Adessivform dieviep nicht auf der Grundlage des Dativs gebildet worden sein.

3.5. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass, wenn allein in der ā-Deklination (3.1) die Adessivflexion doppelt interpretiert werden kann – sowohl als Dativ + ri als auch als Lokativ + ri –, dies in den übrigen Fällen entweder sehr unwahrscheinlich ist (i-Deklination, 3.2) oder schlicht unmöglich (u- (3.3), o-Deklination (3.4)). Wenn man ferner davon ausgeht, dass die Bildung der Adessivformen in all diesen Deklinationen nicht in völlig verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung, sondern in einer relativ-chronologischen Entwicklungsstufe erfolgte, wofür die Beschaffenheit der Postposition spricht (vgl. 1.2.2), muss man annehmen, dass die Bildung aller Singularformen des Adessivs parallel erfolgte und folglich alle die Endung des entsprechenden Lokativs mit der Postposition -pi. enthalten.

4. E R G E B N I S S E

4.1. Rosinas (Rosinas 1999) stellt die bislang allgemein akzeptierte Auffassung nicht infrage, dass den Adessivformen des Plurals die entsprechenden Lokativformen zugrunde liegen. Hinsichtlich der Darstellung der Entwicklung und Herkunft der Adessivformen des Plurals möchte ich Rosinas (Rosinas 1999: 178–180) vollständig zustimmen, wo er sich für die von Stang (Stang 1966: 185–6) vorgeschlagene und begründete Interpretation ausspricht, nämlich für die Entwicklung des Inessivs Pl. der o-Deklination unter dem Einfluss des Illativs sowie für den Einfluss der Pluralformen des Allativs auf die Pluralformen des Adessivs: Adess. -sup(i) All. -iтp > Adess. -sump > Einfluss des Inessivs > -semp.

4.2. Noch einmal (1.3) möchte ich auf die lettischen Formen aufmerksam machen, die Rosinas nicht berücksichtigt hat. Angesichts der Tatsache, dass im Lettischen nur Relikte des einst auch hier vorhandenen Adessivs erhalten geblieben sind – wobei ich betonen möchte, dass Relikte älterer Formen gewöhnlich besonders widerstandsfähig gegenüber dem Einfluss verschiedener Arten von Analogiebildung sind –, muss den Formen šūrp, kūrp unseres Erachtens eine besonders große Bedeutung beigemessen werden. Wie ersichtlich, sind diese Formen nicht auf dem Dativ **kat(ui) + ri, sondern auf dem Lokativ kūr. gebildet. Somit bestätigen auch die lettischen Daten, obwohl sie spärlich sind, die von Rosinas angefochtene Annahme, dass dem Adessiv Lokativformen und nicht Dativformen zugrunde liegen.

4.3. Die verbreiteten Behauptungen, dass die Adessivformen nach dem Wirken des Leskienschen Gesetzes endgültig gebildet wurden, ermöglichen es, völlig

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der regelgerechten Herleitung der Formen des Singulars des Adessivs und der i-Deklinationen, ohne dabei, unseres Erachtens, eine sehr komplizierte Analogie heranzuziehen. Dabei erscheint uns die Schlussfolgerung nicht unausweichlich, dass Leskiens Gesetz chronologisch auch im Prälettischen hätte wirken müssen. Hier genügt die Annahme, dass die Konstruktion der Präposition / Postposition *p(r)i (aus *p(r)ie, siehe § 1.2.2.) mit einer Nominalgruppe im Lokativ in adessivischer Bedeutung bereits in der ostbaltischen Grundsprache existierte und sich danach im Prälettischen und Prälitauischen unter dem Einfluss der ostseefinnischen Sprachen getrennt weiterentwickelte.

4.4. Zu den altlitauischen und dialektalen Dativendungen der i-Deklination auf -i, der u-Deklination auf -u und der o-Deklination auf -ie (po vakar ie) möchten wir folgende Vermutung äußern. In Anbetracht der Tatsache, dass all diese Formen mehr oder weniger der regulären phonologischen Entwicklung der gut bekannten entsprechenden indogermanischen Dativendungen widersprechen und daher die Annahme einer ganzen Reihe von Analogien / Entlehnungen aus anderen Deklinationen erfordern, sowie der Tatsache, dass neben ihnen auch phonetisch regelmäßige Dativendungen erhalten geblieben sind (d. h. -ie bzw. -iu/i), und da sie phonetisch vollständig den entsprechenden Lokativendungen entsprechen, kann man annehmen, dass sie historisch alte Lokativendungen sind. Der Grund dafür, dass diese Endungen als Dativ gebraucht wurden, liegt möglicherweise gerade darin, dass einst Präpositionen wie pro13, prie sowohl mit dem Lokativ als auch mit dem Dativ gebraucht wurden, später jedoch die semantischen Bedeutungen ihrer Verwendungen mit Lokativ und Dativ zusammenfielen, wie dies beispielsweise bei prie geschah, wo, wie Rosinas (Rosinas 1999: 173–4) gezeigt hat, die Bedeutung von prie + dat. = adess. (= loc. + pi <- prie, 4.2). Gleichzeitig wurde die Lokativendung selbst um -je / -e erweitert und in einigen Fällen verlängert: -u > -uje / -ūje, -i > -yje / -īje, -ie > -e; in Konstruktionen mit einer Präposition blieb jedoch die alte Lokativendung erhalten14 und wurde von den Sprechern als Allomorph des Dativs aufgefasst: pried Wiešpati DP 4841 neben prie Wiešpatie ⇒ Wiešpati = Wiešpatie. Später wurde diese Allomorphie in den einzelnen Mundarten unterschiedlich beseitigt: Mancherorts blieb nur die alte Lokativendung erhalten (z. B. in Dzūkija), andernorts die alte Dativendung (im Žemaitischen und Ostaukštaitischen).

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

ME – Kārlis Mūlenbachs, Latviešu valodas vārdnīca. Herausgegeben, ergänzt und fortgeführt von JĀNIS ENDZELĪNS. 2. ungekürzte Auflage. I–VI. Chicago: Čikāgas baltu filologu kopa, 1954.

СтСл – Altslawisches Wörterbuch (nach den Handschriften des 10.–11. Jahrhunderts), herausgegeben von R. M. Цейтлин, R. Вечерка und Э. Благова. 2. Auflage, stereotyp, Moskau, 1999.

13 Vgl. den Gebrauch von po im Altslawischen mit Akkusativ, Dativ und Lokativ (СтСл 453).

14 Als typologisches Beispiel sei hier gern der russische Ausdruck по приезде angeführt, in dem приезд eindeutig eine Lokativform ist, obwohl die Präposition по im modernen Russischen ausschließlich mit dem Dativ gebraucht wird. Dieses Beispiel zeigt, dass Präpositionskonstruktionen in idiomatischen Formen eine alte Rektion bewahren können.

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LITERATURVERZEICHNIS

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Mažiulis, V. 1970: Baltų ir kitų indoeuropiečių kalbų santykiai (Deklinacija), Vilnius: Mintis.

Meier-Brügger, M. 2002: Indogermanische Sprachwissenschaft, 8., überarbeitete und ergänzte Auflage der früheren Darstellung von Hans Krahe. Unter Mitarbeit von Matthias Fritz und Manfred Mayrhofer, Berlin–New York: De Gruyter.

Range, J.-D. 1995: Allativ und Adessiv in altlitauischen Texten des 16. Jahrhunderts. Linguistica Baltica 4, 93–103.

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Ilja A. Seržant

Universität zu Köln

Institut für Linguistik

Historisch-Vergleichende Sprachwissenschaft

D-50923 Köln

[email protected]

Eingegangen am 04.11.2004

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