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Acta Linguistica Lithuanica

LXI (2009), 31 – 40

Die Gliederung des Konjunktivs: Probleme der synchronischen Morphologie

Asta Balčiūnienė

Klaipėdos universitetas

Dieser Artikel behandelt die morphologische Segmentierung der litauischen Konjunktivformen aus synchronischer Sicht. Erörtert werden die in früheren Veröffentlichungen vertretenen Ansätze. Die Alternative besteht darin, diachronische Fakten außer Acht zu lassen und ein Affix -t-/-č- (*tj) anzusetzen oder zwei Suffixe -čia- und -tų/-tum anzusetzen, was eine Berücksichtigung der Allomorphie erforderlich macht.

0. EINLEITENDE BEMERKUNGEN

In der heutigen Sprachwissenschaft ergeben sich zahlreiche Probleme aus den unklaren Kriterien dafür, wie diachronische und synchronische Bewertungen bestimmter sprachlicher Gegebenheiten unter morphologischen Gesichtspunkten voneinander abzugrenzen sind. Besonders deutlich wurde diese Frage auf der Ebene des Verbalsystems. Der in Jolanta Vaskelienės Artikel (Vaskelienė 2006: 83–93) geäußerte Gedanke, dass es in der synchronischen Morphologie besser sei, den Auslaut des Verbstamms in der 3. Person als Endung zu betrachten, löste eine Diskussion aus (Ambrazas 2006: 109–110; Holvoet 2006: 112–166). Dies zeigt, dass die Abgrenzung der Diachronie von der Synchronie (zumindest im Verbalsystem) nach wie vor gewisse fachliche wie methodische Schwierigkeiten mit sich bringt1. Problematisch ist auch die Frage nach einigen anderen Verben

1 Wenn man davon ausgeht, dass nach einer Stammumgliederung der Stammauslaut mit der Endung zusammenfiel (und daher synchronisch ebenfalls als Endung betrachtet werden kann), widerspricht es dieser ersten Annahme, den Stammauslaut der 3. Person nicht als Endung zu betrachten. Holvoets Auffassung, dass es nicht korrekt sei, den Ausgang der 3. Person bei Verben nicht als Endung zu betrachten, weil wir im Nominalsystem den reinen Stammauslaut als Endung auffassen (vgl. žmonà, wo -a < *-ā < *-eh₂-ø), zeigt, dass es kein einheitliches System zur Bewertung morphologischer Phänomene gibt (Holvoet, 2006: 112–115). Daraus ergeben sich sowohl fachliche als auch methodische Schwierigkeiten (sogar in das System der Konventionen für Morphemzeichen müsste ein zusätzliches Zeichen für den Stammauslaut aufgenommen werden; außerdem müsste man bereits in der Schule lehren, den Stammauslaut abzugrenzen). Übrigens, bei den athematischen Verben

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die morphologische Gliederung der Formen2. In der linguistischen Literatur variiert die morphologische Segmentierung des Konjunktivs; die Frage der Kodifizierung des Paradigmas ist ungelöst3.

Ziel dieses Artikels ist es, die Probleme der Abgrenzung und Behandlung des Konjunktivsuffixes bzw. der Konjunktivsuffixe in der gegenwärtigen Morphologie aufzuzeigen und bestimmte Lösungsmöglichkeiten vorzuschlagen.

1. FORSCHUNGSÜBERBLICK

Der Konjunktiv wird in verschiedenen morphologischen Arbeiten recht ausführlich untersucht: Besonders gründlich erforscht sind die Bedeutung dieses Modus und sein Status im System der Moduskategorien (Holvoet, Judžentis 2004: 76–104; Paulauskienė 1979: 148–153; Paulauskienė 1994: 316–318; DLKG: 342–343; Holvoet 2002: 39–49; Holvoet 2007). Untersucht wurden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Ausdruck der Modi im Litauischen und Englischen (Usonienė 2004).

Die Endung -ti der 3. Person wird allgemein als solche abgegrenzt, obwohl ihre Funktion und Bedeutung mit denen des Endungssegments der thematischen Konjugation in der 3. Person identisch sind. Was hingegen die Übereinstimmung der Funktionen von Stammfinale und Endung betrifft, gibt es aus unerfindlichen Gründen bis heute unterschiedliche Auffassungen.

2So gibt beispielsweise die uneinheitliche Einordnung des Supins in das Verbsystem Anlass zu Zweifeln. In der Grammatik der litauischen Gegenwartssprache (1994: 385; im Folgenden — DLKG) wird diese Verbform beschrieben, in Aldona Paulauskienės Morphologie der litauischen Sprache (Paulauskienė 1994) jedoch nicht erwähnt, obwohl andere dialektale Fakten festgehalten werden. Die Dialekte sind ein Bestandteil der litauischen Sprache (sie werden im nichtöffentlichen Bereich verwendet), und ihr Erhalt wird durch das Sprachgesetz gewährleistet, dessen Artikel 19 besagt: „Der Staat sorgt für das Ansehen einer korrekten litauischen Sprache und schafft Bedingungen für die Bewahrung der Sprachnormen, der Personennamen, der Ortsnamen und der Dialekte.“ Daher wäre auch eine solche Grammatik der litauischen Sprache erforderlich, in der Fakten der nichtöffentlichen Sprachverwendung konsequent dargestellt würden. In der DLKG werden dialektale Fakten beispielsweise berücksichtigt, indem die von den Dzūken verwendeten Konjunktivformen suptau, suptai erwähnt werden (DLKG: 343); dies geschieht jedoch uneinheitlich.

3Sergejus Temčinas hat dieses Problem aufgeworfen und dafür plädiert, in der litauischen Standardsprache ein Paradigma des Konjunktivs zu kodifizieren: Sg. 1. P. būčiau, 2. P. būtum, 3. P. būtų; Pl. 1. P. būtume, 2. P. būtute, 3. P. būtų. Auf diese Weise würde auch die morphologische Gliederung dieses Modus erleichtert. Dieser Auffassung kann man durchaus zustimmen; um das Paradigma jedoch zu kodifizieren, muss die Gebrauchshäufigkeit verwandter Formen, etwa būtute // būtumėte // būtumėt, in der litauischen Standardsprache untersucht werden. Den Daten des Korpus der litauischen Gegenwartssprache zufolge (im Folgenden — LKT) wird die Pl.-1.-P.-Form būtume am häufigsten verwendet (Gesamtzahl der Belege — 2022; vgl. būtumėm — 88, būtumėme — 9; die Pl.-2.-P.-Form būtumėte kommt 300-mal vor, vgl. būtumet — 166, būtute — 5. Nach dem Häufigkeitskriterium zu urteilen, dürfte daher die kodifizierte Pl.-2.-P.-Form des Konjunktivs am ehesten būtumėte lauten (eine definitive Aussage ist erst nach Untersuchung weiteren Materials möglich).

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Tariamosios nuosakos skaida: sinchroninės morfologijos problemos

Hinsichtlich der synchronisch betrachteten Grundlage der Konjunktivbildung besteht Einigkeit — der Konjunktiv hat einen Infinitivstamm. Über das Derivationsaffix hingegen herrscht keine vollständige Klarheit. In verschiedenen morphologischen Untersuchungen wird festgehalten, dass der Konjunktiv einen Infinitivstamm4 und eine / „Endung“ (Jablonskis 1997: 83) / „Flexionssuffix“ (Valeckienė 1998: 362) / Suffixe (DLKG: 342,) / „Modusmarker“ (Paulauskienė 1994: 316), „relativ stabile Marker“ (a relatively stable marker) (Holvoet 2007: 35) / ein Suffix5 (LKGII: 138–140) hat. Diese terminologische Vielfalt zeigt, dass die Kriterien für die Bildung dieses Modus und für die Abgrenzung eines oder mehrerer Suffixe (Formans/Formantien) nicht einheitlich sind.

Natürlich gibt es keine Grundlage, von Endungen wie -čiau, -čia, -tumei, -tum…, -tų usw. zu sprechen (vgl. Jablonskis 1997: 83). Jablonskis’ Auffassung einer Endungsbildung des Modus ist unbegründet, wenn man davon ausgeht, dass Verben keine Endungsbildung aufweisen. Daher ist diese Konzeption in modernen Grammatiken verworfen worden.

Dennoch stellen sich einige Fragen zu den genannten Endungssegmenten. Erstens: Grenzt man ein oder mehrere Konjunktivsuffixe ab? Zweitens: Welches Suffix beziehungsweise welche Suffixe werden synchronisch abgegrenzt, und wo liegen die Grenzen dieses Morphems beziehungsweise dieser Morpheme?

1.1. Bestimmung von Suffix(en)

In den gegenwärtigen Arbeiten zur Morphologie gibt es noch zahlreiche Widersprüche hinsichtlich des Suffixes/der Suffixe des Konjunktivs. Die Bewertung dieser morphologischen Segmentierung wird besonders dadurch erschwert, dass sie nur äußerst knapp begründet wird. Bei einer Durchsicht der wichtigsten Untersuchungen treten im Wesentlichen zwei Auffassungen hervor: Die eine unterscheidet mehrere Konjunktivsuffixe (deren Anzahl variiert), die andere ein einziges Suffix des besprochenen Modus.

4 Natürlich bleiben hier diachrone Untersuchungen unberücksichtigt, in denen der historische Aspekt der Entwicklung des Konjunktivs dargestellt wird – der Konjunktiv wurde aus dem Supinum (supinum), „erweitert um das Formans -b(i) und Personalendungen“ (Zinkevičius 1981: 122–124; vgl. auch Dini 2000: 329; Kazlauskas 1968: 385–404; Stang 1966; Endzelynas 1957: 193–194, Holvoet 2003: 39–49 u. a.).

5 Im Hochschullehrbuch Lietuvių kalbos morfologija (Jakaitienė, Laigonaitė, Paulauskienė 1976: 150; im Folgenden LKM) wird recht abstrakt festgestellt, dass an den Infinitivstamm ein Formans angefügt wird, das „vom Standpunkt der heutigen Sprache aus nicht gerade leicht zu bestimmen ist – allen Formen gemeinsam ist das Vorhandensein des Elements t“, sowie Personalendungen.

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1.1.1. Es werden mehrere Konjunktivsuffixe unterschieden

Aldona Paulauskienė Lietuvių kalbos morfologijoje (Paulauskienė 1994: 316) nurodo tokią tariamosios nuosakos asmenavimo paradigmą:

Vienaskaita Daugiskaita 1. neš-čia-u 1. a) neš-tu-me b) neš-tumė-me 2. neš-tum- (ei) 2. neš-tu-te neš-tumė-te 3. neš-tų- – 3. neš-tų- – neš-tų- –

Die Morpheme -čia-, -tum-, -tu-, -tų-, -tumė- werden auch in einem anderen Werk derselben Autorin angeführt (Paulauskienė 1979: 149). Dort heißt es, „historisch ist diese Einteilung nicht sehr genau, synchronisch jedoch ist eine andere Einteilung unmöglich“. Aus dieser Aussage geht nicht hervor, ob mehrere Konjunktivsuffixe -čia, -tum, -tu und -tumė unterschieden oder als Varianten eines Morphems betrachtet werden. Übrigens werden nur wenige Argumente dafür angeführt, warum synchronisch keine andere Segmentierung möglich sei. Eines davon wäre Žulys’ Auffassung (Žulys 1974, 1988), dass es im Wesentlichen keine dritte Person gebe und daher -ų keine Personalendung einer unpersönlichen Form sein könne; diese Aussage begründet ein solches Prinzip der Suffixabgrenzung jedoch nur schwach. Die athematische Endung -ti (eš-ti) gilt als Endung, obwohl sie ebenfalls eine „unpersönliche Form“ repräsentiert. Natürlich ist das Argument, dass es im heutigen Litauisch nur Relikte der athematischen Konjugation gibt, unbestreitbar; doch sowohl die Form kósti als auch neša müssen nach einheitlichen Prinzipien segmentiert und behandelt werden. Die strukturalistische Auffassung, die dritte Person sei im Grunde „keine Person“, sollte präzisiert werden. In der modernen typologischen Literatur arbeitet man mit der sogenannten Hierarchie der Personenindizierung (vgl. Croft 2003: 156, auf Grundlage von Greenberg 1966: 42–44), die relative Unterschiede in der Markiertheit innerhalb der in Verbformen kodierten Personenkategorie widerspiegelt. Diese Hierarchie wird folgendermaßen dargestellt:

3. Person < 1. Person < 2. Person

Die 3. Person ist demnach das am wenigsten markierte Glied und kann häufig ein Nullaffix erhalten; das bedeutet jedoch nicht, dass sie kein Mitglied der Personenkategorie ist. Wenn wir die Möglichkeit anerkennen, überhaupt eine Endung der 3. Person anzusetzen, könnte die synchronisch eigenständige Konjunktivendung entweder als -ų (ei-t-ų) oder als Nullendung (ei-tų-ø) betrachtet werden.

Die Frage, ob Paulauskienė fünf separate Suffixe unterscheidet oder Varianten eines einzigen Suffixes angibt, lässt sich schwer beantworten.

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Tariamosios nuosakos skaidā: sinchroninės morfologijos problemos

Eine ähnliche Konzeption wird in Adelė Valeckienės Funktionaler Grammatik der litauischen Sprache dargelegt, in der drei „Flexionssuffixe“ des Konjunktivs unterschieden werden: -čia-, -tumė- und -tų- (Valeckienė 1998: 362). Argumente für die Unterscheidung dieser Suffixe werden nicht angeführt.

Die Aussagen der genannten Autoren erklären auch nicht die Zusammenhänge zwischen diesen Suffixen. Wenn wir die Suffixe als Varianten eines Morphems betrachten, ist völlig unklar, auf welche Kriterien gestützt wir dies tun könnten. Bei der Unterscheidung von Affixen ist zunächst das phonologische Kriterium zu berücksichtigen (sowohl Vokal- als auch Konsonantenwechsel sind bei Morphemvarianten möglich, müssen aber regelmäßig sein). In den genannten Suffixen -tu, -čia, -tum, -tumė lässt sich jedoch kein regelmäßiger Vokal- und Konsonantenwechsel erkennen. Es gibt daher keine klare Grundlage, sie als Varianten eines Suffixes zu betrachten. Werden diese Suffixe andererseits als separate Affixe aufgefasst, ist der Status des Konjunktivmarkers problematisch zu begründen.

In DLKG (342) wurde die Zahl der Konjunktivsuffixe verringert — es werden zwei Suffixmorpheme unterschieden, -čia- und -tum(ė)-, obwohl auch das Suffix der 3. Person -tų angegeben wird, das mit dem Supinum übereinstimmt. Diese Erklärung ist phonologisch begründet (-tum und -tų sind beide < *tun6) und völlig akzeptabel, mit Ausnahme der Variante mit ė -tumė- (das Auftreten von -ė- lässt sich hier durch nichts erklären, könnte aber als Erweiterung interpretiert werden). Dennoch ist besonders bemerkenswert, dass die verschiedenen Suffixe -čia und -tum(ė)- derselben Konjunktivkategorie zugeordnet werden, ohne dass erklärt wird, warum. Nähme man an, dass der Konjunktiv mit unterschiedlichen Suffixen gebildet wird, wäre es problematisch, das Bildungssystem des Konjunktivs zu verstehen, denn offensichtlich wird eine bestimmte grammatische Kategorie durch konstante, nur für sie charakteristische Affixe ausgedrückt7.

In Axel Holvoets Monografie Mood and Modality in Baltic heißt es, der Konjunktivmarker -tum- / -tų werde an den Infinitivstamm angefügt, an den sich Präsens- und Präteritumendungen anschließen. Gesondert behandelt wird das Problem der Formen der 1. Person mit -čiau sowie des Alt-litauischen -čia, -čio (Holvoet 2007: 35); dennoch bleibt unklar, ob der Autor diese Ausgänge als Suffixe betrachtet oder darin auch Endungen unterscheidet.

6 Natürlich müsste auch das Auftreten des Konsonanten -tum- in dem Morphem m anstelle von n erklärt werden (ausführlich dazu Zinkevičius 1981: 123).

7 Nur die Evidentialitätskategorie verfügt nicht über spezifische, dieser Kategorie eigene Affixe (Holvoet 2004: 107–113). Wir können behaupten, dass auch der Imperativ durch das Suffix -k- (ei-k) und das Präfix -te- (te-daro) ausgedrückt werden kann; eine solche Analyse wird jedoch dadurch begründet, dass kein Jussiv unterschieden wird.

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Nach Durchsicht dieser Untersuchungen zeigt sich, dass die Zerlegung der Formen der 1. Person Singular synchron besonders schwach begründet wird (sowohl hinsichtlich des unterschiedlichen Suffixes als auch der Bestimmung der Grenze zwischen Suffix und Endung). Worauf stützt sich die Unterscheidung der Endung -u für diese Person anstelle von -au? Auch das Problem der Unterscheidung der Formen der 2. und 3. Person Singular wird nur wenig vertieft: Nach der genannten DLGK-Konzeption sind beide Formen formal endungslos — ungeachtet dessen, dass wir bei der Form der 2. Person ei-tum eine Nullendung annehmen müssen, während die Form der 3. Person ei-tų prinzipiell keine haben kann, da sie aus einem reinen Supinstamm besteht. Dann stellt sich jedoch die Frage, ob sich diese Formen formal nur durch eine phonologische Suffixvariante unterscheiden.

1.1.2. Es wird ein einziges Konjunktivsuffix unterschieden

Es gibt grammatische Studien, in denen synchron ein einziges Konjunktivsuffix (Formans) -t- / -č- (*t̑) (LKGII: 138; LKM: 1976, 150 unterschieden wird. In diesen Arbeiten wird im Wesentlichen eine einheitliche Position vertreten: Was variiert, gilt als Endung (vgl. ausführlicher Paulauskienė 1994: 35–36), was stabil ist, als Suffix: „grammatische Suffixe unterscheiden sich von Endungen dadurch, dass sie unveränderlich sind“ (ebd., 35). Natürlich ist auch die Unterscheidung von für das Verbalsystem ungewöhnlichen Endungen wie -ų (eit-ų) und -umėme (eit-umėme) problematisch.

Offensichtlich gehen die Meinungen in der Morphologieforschung sowohl hinsichtlich der Zahl der Suffixe als auch hinsichtlich der Kriterien für ihre Unterscheidung auseinander. Daher stellen sich folgende Fragen: Wodurch wird diese Meinungsvielfalt bedingt, welche Methode der morphologischen Zerlegung ist sinnvoller, und ist es wirklich sinnvoll, die in früheren Arbeiten vertretene Konzeption eines einzigen Suffixes zu verwerfen?

2. DIAKRONISCHER ASPEKT

Einer der wichtigsten Gründe für die problematische morphologische Segmentierung des Konjunktivs dürfte vermutlich die Modernisierung seiner Bildung sein, die zur Entstehung einer beträchtlichen Zahl atypischer Varianten in den litauischen Dialekten geführt hat. Somit hat die komplexe Entstehungsgeschichte dieses Modus zu einer gewissen Verwirrung in der heutigen Morphologie beigetragen.

Wie wir wissen, gibt es im heutigen Litauischen keine Konjunktivformen mit dem alten Formans -b(i)- (ne nufidetumbiau AK 5612 /chweftumbi Mž. 192-3, ausführlicher siehe Zinkevičius 1981: 122). Gerade aufgrund des Verlusts dieses Formans muss das Suffix des Supins -tų < *tum in der synchronen Morphologie als Bildungssuffix des Konjunktivs aufgefasst werden. Dies würde keine Probleme verursachen, da das Supin keine Grundform des Verbs ist; es wird also nicht behauptet, dass wir den Konjunktiv aus dem Supinstamm bilden.

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Tariamosios nuosakos skaida: sinchroninės morfologijos problemos

Dem widerspräche auch der historische Aspekt nicht wesentlich, denn laut Holvoet wurde eine mit dem Supin identische Form als Basisform für die konjugierten Konjunktivformen der 1. und 2. Person übernommen: „the 3rd person must have played an important part in the development of the forms in -tum from NON-FINITE to FINITE forms“ (Holvoet 2003: 43). Es scheint, als ließen sich alle Fragen klären, wenn man die Konjunktivformen mit -tų / -tum vom Infinitivstamm ableitet, da man in den Formen der 3. Person eine Nullendung8 ansetzen kann, ebenso wie in der Form der 3. Person des Futurs ẽ-s-ø.

Die Form der 1. Person mit der Endung -čiau hat jedoch phonetisch nichts mit den genannten Suffixen gemein. Daher wird -čia- in den Untersuchungen von DLKG, Valeckienė, Paulauskienė und Holvoet als eigenständiges Suffix betrachtet. Obwohl die Kriterien für die Segmentierung dieses Suffixes nicht in allen Arbeiten begründet werden, ist doch offensichtlich, dass sie aus der historischen Grammatik des Litauischen übernommen wurden. Man stützt sich nämlich auf diachronisches Material, dem zufolge „in den Schriften des 16.–17. Jahrhunderts drei Varianten der suppletiven 1. Sg.-Form verwendet wurden: rašyčiau, rašyčio und rašyčia“ (Zinkevičius 1981: 124).

Doch auch die diachronischen Untersuchungen beantworten nicht alle Fragen zur morphologischen Segmentierung der 1. Person. Die wichtigsten Aspekte, die die Unzuverlässigkeit vieler Hypothesen zur Entwicklung der 1. Person belegen, scheinen folgende zu sein: (1) Ist in einem so jungen Modusparadigma (ein Paradigma, das nur für die ostbaltischen Sprachen charakteristisch ist) eine suppletive Form und ein heteroklitisches Suffix zu erwarten, die eine recht archaische Situation voraussetzen (im litauischen Verbalsystem gibt es keine weitere derartige variierende Art, die 1. Person zu unterscheiden)9? (2) Warum lautet dieses Suffix -čia- und nicht -č- (< *ti̯), da die Endung auch aus dem Präteritum übernommen worden sein kann10 (wie wir wissen, werden die einfachen Modusformen nicht mit einer bestimmten Zeit verknüpft, das heißt, sie werden nicht nach Tempus flektiert). Auch der Einfluss der Präteritalformen zeigt sich in den Pluralformen der 1. und 2. Person

8 Žulys laikosi pozicijos, kad nulinės galūnės skyrimas yra nelogiškas (Žulys 1983: 136–137), bet jei 3 a. įtraukiame į asmenavimo paradigmą, tai tokias formas, kaip eitu, turime vertinti kaip turinčias nulinę galūnę. Kitaip jos bus sutapatintos su nekaitomomis formomis, pavyzdžiui, auš-tant, auš-ti. Žulio siūlymas 3 a. asmens formas laikyti morfologiškai neskaidomomis (žr. ten pat) praktikoje taip ir neprigijo.

9 Auch Chr. Stangs Auffassung, diese Form der 1. Person sei ursprünglich eine Nominalform gewesen, erklärt den Unterschied der hier behandelten Form zu den anderen konjugierten Formen kaum (Stang 1966: 252).

10 Übrigens vertreten auch Zinkevičius (1981: 124; 1987: 222–223), Kazlauskas (1968: 401) u. a. die Auffassung, dass eine Form vom Typ būčiau (die sich im litauischen Standard durchgesetzt hat) eine Präteritalendung besitzt.

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Die Varianten mit längeren Endungen rašytum-ėme und rašytum-ėte, in denen -ė- vermutlich ebenfalls aus dem Präteritum stammt; vgl. auch die längere Endung der 2. Person Singular rašytum-ei (vgl. die Präteritumformen rašėme, rašėte, rašėi). Wahrscheinlich wurden diese längeren Endungen der Konditionalformen erst später in das Paradigma aufgenommen und nach dem Bildungsmuster der Präteritumformen eingeführt. Dies stützt nicht nur die Abtrennung der Endung -au in der 1. Person, sondern lässt auch Zweifel an der Stichhaltigkeit des Suffixes -tumė aufkommen, das in einigen der erwähnten Morphologiearbeiten angesetzt wird.

Wenn wir anerkennen, dass die Endung der 1. Person -au sein kann (in den Dialekten, synchronisch betrachtet — -a (eičia)), oder sogar null sein kann (eič’), lohnt es sich zu überlegen, ob es synchronisch nicht klarer wäre, ein Konditionalsuffix -t- und seine phonetische Variante -č- (< *t̑) anzusetzen.

Auch das Suffix des Siekinis -tų < *-tun ließe sich aus heutiger Sicht zerlegen, denn synchronisch bilden wir den Konditional vom Infinitiv und nicht vom Siekinis (warum also können wir das eine synchronisch erklären, das andere aber nicht mehr?). In diesem Fall bestehen keine Zusammenhänge mit der historischen Entwicklung des Konditionals, doch die synchrone Analyse kann von der diachronischen abweichen11. Entscheidet man sich für diesen Weg, müsste man im Bildungssystem des Konditionals nicht länger zwei verschiedene Suffixe annehmen, was selbst historisch schwer zu erklären ist. Umso schwieriger ist es aus synchronischer Sicht, sich vorzustellen, wie zwei oder mehr verschiedene Suffixe in derselben Flexionsparadigma einer grammatischen Kategorie vorkommen können.

Natürlich ist das Argument gewichtig, dass es Endungen wie -ų im Flexionssystem des litauischen Verbs nicht gibt; im Flexionssystem gibt es aber auch keine heteroklitischen Suffixe. Wenn man synchronisch also das Konditionalsuffix -t-/-č- (< *t̑) ansetzt, wäre die Bildung und Erkennung des Konditionals einfacher. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir auf historische Grammatik verzichten sollten. Vorgeschlagen wird lediglich, diese Ebenen strikter voneinander abzugrenzen.

Ein anderer Weg, der eine diachronische Betrachtung nicht strikt ausschließt, könnte darin bestehen, traditionell zwei Suffixe dieser Modalität anzusetzen: -čia- und -tų/-tum-. In diesem Fall müsste man begründen, worin sich die Formen der 2. Person Singular und der 3. Person unterscheiden; synchronisch ist dies schwierig. Offenbar wäre es unvermeidlich, in der Form ei-tum eine Nullendung und in der Form ei-tų den reinen Siekinis-Stamm anzunehmen. Hält man an

11 Beispielsweise behaupten wir, dass der Siekinis vom Infinitivstamm gebildet wird, obwohl der Infinitiv historisch jünger ist als der Siekinis (siehe Zinkevičius 1981: 163-164). Daher könnten wir nicht sagen, dass der Siekinis einen Infinitivstamm hat (diachronisch betrachtet), obwohl selbst in der historischen Grammatik steht, dass „Siekiniai <…> aus Infinitivstämmen gebildet sind“ (Zinkevičius 1981: 162).

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von dieser Position aus die Schulbücher entsprechend zu überarbeiten und eine andere Zerlegung des Konditionals einzuführen, da die synchrone Morphologie einheitlichen Prinzipien folgen sollte.

ABKÜRZUNGEN

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LKT — http://donelaitis.vdu.lt/

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Asta Balčiūnienė

Klaipėdos universitetas

Baltų kalbotyros ir etnologijos katedra

Herkaus Manto g. 84, LT–92294 Klaipėda

[email protected]

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