Go to originalLocalized version was produced by AI. It may contain inaccuracies.
Preparing document pages…
Page 1
JOLITA URBANAVIČIENĖ
Institut für Litauische Sprache
„ICH SEHNE MICH NACH EINER VERGANGENHEIT, DIE MIR IN LEICHTIGKEIT, HEILIGKEIT UND EINFACHHEIT ERSTRAHLT“
(In memoriam Angelė Vilutytė-Rimševičienė, 1943–2022)
Foto aus dem Album von LAURYNAS RIMŠEVIČIUS.
Am 28. Juni 2022 erreichte das Institut für Litauische Sprache die traurige Nachricht, dass die Lexikografin, eine der Autorinnen des Wörterbuchs der litauischen Sprache und Trägerin des Wissenschaftspreises Litauens, Angelė Vilutytė-Rimševičienė, in die Ewigkeit gegangen war. Zwei Wochen zuvor hatte Angelė den Menschen ihrer Heimatregion Kaltanėnai ihr neuestes Buch Die Schätze der Sprache der Heimat vorgestellt. Vermutlich hatte sie auch weitere kreative Pläne, doch die Vorsehung fügte es anders – sie ging am Vorabend ihres 79. Geburtstags von uns.
Angelė Vilutytė-Rimševičienė wurde am 29. Juni 1943 im Dorf Kūriniai, im Amtsbezirk Kaltanėnai (Kreis Švenčionys), geboren. Die künftige Sprachwissenschaftlerin besuchte die Mittelschule in Saldutiškis und schloss später an der Universität Vilnius ein Studium der Klassischen Philologie ab.
248
BENDRINĖ KALBA | 95
Page 2
Von 1966 bis 2010 arbeitete sie am Institut für Litauische Sprache und Literatur (seit 1991: Institut für Litauische Sprache), im Zentrum für Lexikografie.
A. Vilutytė-Rimševičienė ist eine Vertreterin der litauischen lexikografischen Schule. Sie gehört zu der äußerst produktiven vierten Generation der Autorinnen und Autoren des Wörterbuchs der litauischen Sprache – gemeinsam mit Antanas Balašaitis, Irena Ermanytė, Onutė Kažūkauskaitė, Sofija Kėzytė, Antanas Lyberis, Gertrūda Naktinienė, Kazys Pakalka, Jonas Paulauskas, Ritutė Petrokienė, Dovilė Svetikienė, Zita Šimėnaitė, Kazys Ulvydas, Adelė Valeckienė, Vytautas Vitkauskas und Klementina Vosylienė. A. Rimševičienė arbeitete ab Band X am Wörterbuch mit: Sie verfasste die Bände X–XX und redigierte die Texte der Bände XIX–XX. Da es in der Redaktion des Wörterbuchs der litauischen Sprache keine Sprachwissenschaftler aus der Region Švenčionys gab, war Angelės Beitrag besonders wichtig: Bei der Arbeit mit authentischem Dialektmaterial und der Übertragung von Dialektbelegen in der Standardsprache wurde ihre Kenntnis des Dialekts sehr geschätzt. „Aus der Region Švenčionys haben wir keine Sprachwissenschaftler; du musst mithelfen, Material sammeln und zu uns bringen, dich für den Dialekt von Kaltanėnai interessieren“ – so umriss Professor Juozas Balčikonis1 zu Beginn ihres wissenschaftlichen Weges Angelės Aufgaben. Die Wissenschaftlerin hielt sich ihr ganzes Leben daran und sagte: „Ich habe das Wörterbuch so umfangreich wie möglich ergänzt, damit unsere Region bekannt wird.“2 1996 wurde A. Vilutytė-Rimševičienė zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen für ihre Arbeit an den Bänden VII–XVI des Wörterbuchs der litauischen Sprache mit dem Wissenschaftspreis der Republik Litauen ausgezeichnet. Nach Erscheinen des letzten Wörterbuchbandes verfasste A. Rimševičienė zusammen mit den anderen Wörterbuchautorinnen und -autoren Probeentwürfe für Ergänzungen des Wörterbuchs und redigierte und adaptierte außerdem die Texte des elektronischen Wörterbuchs der litauischen Sprache3.
Ein weiteres Gebiet von A. Rimševičienės wissenschaftlicher Tätigkeit war eng mit den Zettelarchiven des Wörterbuchs der litauischen Sprache verbunden. Sie sammelte mehr als 70.000 Wörter, davon 40.000 Belege aus litauischen Dialekten. Über diesen Bereich ihrer Arbeit sagte Angelė: „Man sagte zu mir: ‚Du bringst säckeweise Material herbei – woher bekommst du nur so viel?‘ Pfarrer Šimėnas fragte immer wieder: ‚Was machst du mit diesen alten Frauen auf dem Kirchhof? Was willst du von ihnen?‘ Und ich stellte Fragen; da es nur wenige junge Leute gab, die sich gern unterhalten wollten, unterhielten sie sich gern mit mir …“
1 Jakštas Algis. Mylėdami savo kalbą, mylėkime savo gimtąjį kraštą. Švenčionių kraštas, 2022 m. birželio 25 d., p. 3.
2 Ten pat, p. 3.
3 Lietuvių kalbos žodynas (I–XX, 1941–2002): elektroninis variantas, redaktorių kolegija: G. Naktinienė (vyr. redaktorė), J. Paulauskas, R. Petrokienė, V. Vitkauskas, J. Zabarskaitė; programuotojai: E. Ožeraitis, V. Zinkevičius, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2005 (atnaujinta versija – 2018). Prieiga internete: www.lkz.lt; https://ekalba.lt/lietuviu-kalbos-zodynas/.
JOLITA URBANAVIČIENĖ. „Aš veržiuosi į praeitį, kuri man spindi lengvumu, šventumu ir paprastumu“
249
(In memoriam Angelei Vilutytei-Rimševičienei, 1943–2022)
Page 3
„... weinte, kam vorbei.“4 A. Rimševičienė galt als eine der erfahrensten Sammlerinnen von Wörtern für das Wörterbuch der litauischen Sprache; sie konnte aus dem Strom gesprochener Sprache einen anschaulichen Satz herauslösen, der ein authentisches Dialektwort veranschaulichte. Ihre Sätze mussten nicht gekürzt werden, und die Formen der Stichwörter sowie die Erläuterungen der Bedeutungen gab sie lexikografisch präzise an. A. Rimševičienė beriet angehende Wörtersammler, organisierte die Sammlung lexikalischer Daten und nahm selbst an Expeditionen in die litauischen Sprachinseln in Belarus teil – in Pelesa und Rodūnia sowie in Degučiai (Bezirk Zarasai), Žilinai (Bezirk Varėna), Adutiškis (Bezirk Švenčionys) und anderswo. Sie interessierte sich für die Frage der Authentizität der Karteikartendaten des Wörterbuchs der litauischen Sprache und bewertete in ihren Publikationen die Zuverlässigkeit des von Wörtersammlern zusammengetragenen Materials5.
Im Jahr 2001 erarbeitete und veröffentlichte A. Rimševičienė gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen I. Ermanytė, O. Kažukauskaitė, G. Naktinienė, J. Paulauskas und Z. Šimėnaitė das Phraseologische Wörterbuch6. Es enthält Phraseologismen aus der gesprochenen Sprache (Dialekten), älteren Schriften sowie der periodischen und belletristischen Literatur. Außerdem werden die Struktur und Bedeutung der phraseologischen Verbindungen sowie ihre Gebrauchsmerkmale angegeben und das Phänomen der Phraseologie selbst erörtert.
Ein weiteres Arbeitsgebiet von A. Rimševičienė betraf das lexikografische Erbe von Jurgis Ambraziejus Pabrėža. Sie untersuchte J. A. Pabrėžas botanisches Terminologiewörterbuch Sryje Balsenynyn. Biuluu Žemayt (1834)7 sowie das systematische Pflanzenverzeichnis Waardaa taislynee Augimiu und analysierte Jonas Kruopos Anmerkungen zu den Werken von J. A. Pabrėža8. In wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen regelmäßig Publikationen von A. Rimševičienė zu verschiedenen weiteren Fragen der Lexikografie und Sprachpflege.
Auf ihrem langen Weg als Wörterbuchautorin kostete Angelė auch die Arbeit als Dozentin, Übersetzerin und Redakteurin. Von 1975 bis 1982 unterrichtete sie Latein an der Pädagogischen Universität Vilnius, von 1988 bis 2007 arbeitete sie an der Medizinischen Fakultät der Universität Vilnius. Während sie angehende Mediziner Latein lehrte, übersetzte sie
4 Jakštas Algis. Lieben wir unsere Sprache, so lieben wir auch unser Heimatland. Švenčionių kraštas, 25. Juni 2022, S. 3.
5 Vilutytė Angelė. Probleme der Authentizität der Karteikartendaten des Großen Wörterbuchs der litauischen Sprache. Dialekte: Probleme der Erstellung von Texten und Wörterbüchern. Materialien des internationalen wissenschaftlichen Seminars anlässlich des 85. Geburtstags von Antanė Kučinskaitė, 2000, Šiauliai: Universität Šiauliai, S. 108–116.
6Phraseologisches Wörterbuch, bearbeitet von Irena Ermanytė, Ona Kažukauskaitė, Gertrūda Naktinienė, Jonas Paulauskas (Redaktion), Zita Šimėnaitė und Angelė Vilutytė, Vilnius: Institut für litauische Sprache, 2001; elektronische Fassung – 2015. Online verfügbar unter: https://ekalba.lt/frazeologijos-zodynas/.
7 Vilutytė Angelė. J. A. Pabrėžos botanikos terminų žodynas Sryje Balsenynyn (1834). Lietuvių kalbotyros klausimai 35, 1995, p. 169–175.
8 Vilutytė-Rimševičienė A. Jonas Kruopos Anmerkungen zum lexikografischen Erbe von Jurgis Ambraziejus Pabrėža. Lexikografie und Lexikologie 2, 2010, S. 35–45.
250
BENDRINĖ KALBA | 95
Page 4
das Lehrbuch von Sabina Filipčak–Nowicka und Zofia Grech-Žmijevska Lingua Latina ad usum medicinae studentium9. A. Vilutytė-Rimševičienė arbeitete mit dem Verlag „Versmė“ an der Vorbereitung der Monografien der Reihe Lietuvos valsčių: Saldutiškis (2020)10, Viešvilė (Bde. I–II, 2020)11, Kaltanėnai. Labanoras. Reškutėnai (noch in Vorbereitung). Angelė redigierte außerdem das Wörterbuch von Jonina Lipskienė Vaizdingieji lietuvių kalbos posakiai (2008)12.
Lexikografen, die am Lietuvių kalbos žodyno gearbeitet hatten, waren an kollektive Arbeit gewöhnt, doch Angelė beschränkte sich nicht darauf. Eines der bedeutendsten Werke ihres Lebens – ein Denkmal für ihren Heimatdialekt – war das 2008 erschienene Kaltanėnų šnektos žodynas. Über 40 Jahre arbeitete sie an diesem Wörterbuch, dessen Material aus 40.000 Lexikoneinheiten mit Belegsätzen besteht. Es bewahrt nicht nur den bildhaften Dialekt der älteren Einwohner von Kaltanėnai, sondern enthält auch wichtiges geolinguistisches Material, da durch die Umgebung von Kaltanėnai die Grenze zwischen zwei ostaukštaitischen Unterdialekten verläuft – dem von Utena und dem von Vilnius (1919–1939 verlief hier die Demarkationslinie zwischen Litauen und Polen). Die von A. Rimševičienė vorgelegten Daten, wonach zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den Dörfern Kukliai, Ožkiniai und Kaltanėnai anstelle des unbetonten standardsprachlichen o ein halblanges [ɔˑ] ausgesprochen wurde, während in den Dörfern Berniūnai, Terpežis, Kūriniai und Žvirbliškė ein halblanges [aˑ] erhalten blieb13, liefern wichtige Informationen zur Bestimmung der Grenzen der Unterdialekte. Alle Belegsätze des Wörterbuchs sind in phonetischer Transkription aufgezeichnet und daher sowohl für Lexikografen als auch für Phonetiker wertvoll; die Authentizität des Materials dürfte auch Ethnografen interessieren. Im Vorwort des Wörterbuchs schrieb die Autorin: „Jedes Mal zog mich in der Heimat ein ausgesprochenes altes Wort an, eine Erzählung der Nachbarn, die ich noch nie gehört hatte.“14 Mit großer Liebe erinnerte sie sich an ihre Mutter Eleonora Dailidytė-Vilutienė – eine unvergleichliche Erzählerin – und an ihre Großmutter Eleonora Dailidienė – eine Kräuterkundige und in der ganzen Gegend berühmte Hebamme. Auch ihre Worte fanden Eingang in das Wörterbuch.
Paskutinę savo knygą Gimtinės kalbos lobiai (2022) Angelė rašė karantino sąlygomis, tik mintimis apsilankydama gimtuosiuose Kūriniuose. Knygoje pateikiami Kaltanėnų senosios kartos žmonių tarminiai pasakojimai,
9 Filipczak-Nowicka Sabina, Grech-Žmijevska Zofia. Lingua Latina ad usum medicinae studentium, aus dem Polnischen übersetzt von Angelė Rimševičienė, Text ergänzt und bearbeitet von Jūratė Baronienė, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos centras, 2004; 2., korrigierte Auflage – 2010.
10Saldutiškis: Monografie, herausgegeben von Jūratė Baltrukaitienė, 38. Band der Reihe Lietuvos valsčiai, Vilnius: Versmė, 2020.
11Viešvilė: Monografie. III Teile, herausgegeben von A. Sinkevičius, 40. Band der Reihe Lietuvos valsčiai, Vilnius: Versmė, 2020.
12 Lipskienė Jonina. Bildhafte Redewendungen der litauischen Sprache, Vilnius: Institut für Litauische Sprache, 2008.
13 Vilutytė Angelė. Kaltanėnų šnektos žodynas, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2008, p. XIV.
14 Ebenda, S. IX.
JOLITA URBANAVIČIENĖ. „Aš veržiuosi į praeitį, kuri man spindi lengvumu, šventumu ir paprastumu“ (In memoriam Angelei Vilutytei-Rimševičienei, 1943–2022)
251
Page 5
Die gesammelten bildhaften Redewendungen, Phraseologismen und ein kleines Wörterbuch der Slawismen finden sich darin; außerdem enthält es Fotos aus dem persönlichen Album. Dem Buch liegt auch eine CD mit Erzählungen von Eleonora Dailidytė-Vilutienė, der Mutter der Autorin, bei, die 1975 aufgenommen wurden. Angelė räumte ein, dass sie mit der Veröffentlichung des Buches die Einwohner von Kaltanėnai dazu anregen wollte, ihre Sprache zu lieben, ein wenig über ihren Dialekt zu wissen und durch die Sprache ihre Heimat zu lieben15. Die Autorin konnte das Buch noch der Gemeinde Kaltanėnai vorstellen. An der Veranstaltung nahm auch ihr Sohn Laurynas teil, Arzt und Dichter, der sagte, die Arbeit seiner Mutter habe sein Schaffen beeinflusst: „Ich schaute mir die Karteikarten mit Dialektsätzen an, von denen sich zu Hause Tausende angesammelt hatten. Daher kenne ich auch verschiedene Wörter, die die Wirklichkeit inzwischen verdrängt hat.“16Im Vorwort der Autorin spricht auch Angelė selbst poetisch und kehrt in ihren Erinnerungen in die Vergangenheit zurück, „die von Leichtigkeit, Heiligkeit und Einfachheit erstrahlt“17. Beim Lesen sieht man Angelė förmlich vor sich, wie sie sich an das Ufer der Kiauna bei ihrem Elternhaus setzt und dem Konzert der Vögel lauscht. Daneben spürt man gleichsam die Gegenwart der Ahnen, die friedlich auf dem Dorffriedhof ruhen. Nun liegt Angelė neben ihnen, ein Mensch von außergewöhnlicher Bescheidenheit, der sein ganzes Leben der Heimat und ihrem Dialekt gewidmet hat. Ruhe in Frieden, liebe Kollegin, deine Werke werden niemals vergessen werden. Möge dir die Erde von Kaltanėnai leicht sein!
15 Jakštas Algis. Lieben wir unsere Sprache, so lieben wir auch unsere Heimat. Švenčionių kraštas, 25. Juni 2022, S. 6.
16 Binkauskienė Liana. Medizin und Poesie führen auf den Weg der Suche nach dem Wunder. Bernardinai, 27. April 2015. Online verfügbar: https://www.bernardinai.lt/2014-01-09-medicina-ir-poezija-veda-stebuklo-ieskojimo-keliu/.
17 Vilutytė Angelė. Gimtinės kalbos lobiai, Vilnius: Versmė, 2022, 15.