Page 1LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXVIII (1989)
KALBŲ RYŠIAI IR SĄVEIKOS
MARIJA KINDURYTĖ-SIVICKIENĖ
ÜBER DIE SPRACHE LITAUISCHER KOLONIEN IN BELARUS IM 19. JAHRHUNDERT
Auf dem Gebiet der Belarussischen SSR gibt es zwei Arten litauischer Sprachinseln. Die einen sind „Reliktinseln“, d. h. sie lösten sich aufgrund historischer Umstände, die sich auf die eine oder andere Weise herausgebildet hatten, vom zusammenhängenden litauischen Sprachgebiet. Sie wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts und später, im 20. Jahrhundert, umfangreich erforscht und beschrieben. Besonders intensiv wurde diese Forschung in den 1950er Jahren, als man sich für die litauischen Dialekte sowie für die gegenwärtigen Kontakte und das Zusammenwirken baltischer und slawischer Sprachen zu interessieren begann.
In Belarus gibt es jedoch auch andersartige litauische Sprachinseln. Es handelt sich um kleine Kolonien – einzelne Dörfer, die von Litauern bewohnt wurden, die Ende des 19. Jahrhunderts (1885—1890) aus den ehemaligen Gouvernements Wilna und Kowno hierhergezogen waren. Ein Dutzend größerer oder kleinerer Dörfer war über die heutigen Gebiete Witebsk, Mogiljow und Minsk verstreut (ebenso im benachbarten Gebiet Smolensk). Nicht alle Kolonien haben bis heute fortbestanden.
Wie litauische Dörfer in Belarus entstanden, ist aus den Erzählungen der Einwohner selbst weitgehend bekannt. Unter ihnen gibt es heute niemanden mehr, der in Litauen geboren wurde und mit seinen Eltern hierherkam. Die letzten von ihnen starben vor etwa 20 Jahren.
Kleinbauern schlossen sich zu Gemeinschaften zusammen und zogen aus ihrer Heimat in diese Gouvernements des zaristischen Russlands, in der Hoffnung auf billigeres Land, das meist versteigert wurde. Die Regierung des Zaren schuf für die Auswandernden bestimmte Bedingungen. Bei der Bauernbank in Moskau konnten sie ein langfristiges Darlehen aufnehmen.
Auf diese Weise ließ sich auf dem Gut des Gutsbesitzers Terman das litauische Dorf Málkava (belarussisch: Ма́лькаўка) nieder (Geburtsort der Verfasserin des Artikels; siehe Киндурис 1956), im Gebiet Mogiljow, Rajon Mstislawl, 35 km westlich von Mstislawl. 1885 kamen 42 Bauernfamilien hierher und kauften das Gut Malkava, zu dem etwa 3200 ha Waldland gehörten. Die meisten Einwohner kamen aus Linkmenys und seiner Umgebung, die heute an der Grenze der Rajons Utena, Švenčionys und Ignalina liegen. Bei ihrer Ansiedlung nutzten sie einen Teil des Gutshofsforsts zum Bau von Gebäuden; einen großen Teil rodeten oder brannten sie nieder, um Ackerland zu gewinnen. Anfang des 20. Jahrhunderts siedelten sich die Bewohner Malkavas auf Einzelhöfen an, doch 1939 wurden diese Einzelhöfe aufgehoben, und alle kehrten an den Ort des alten Dorfes zurück. Malkava war eines der größeren Dörfer dieser Herkunft in Belarus. Bis 1929 gab es dort etwa 80 Höfe und 525 Einwohner, später, 1956, 45 Höfe und etwa 280 Einwohner. Im Laufe der Zeit nahm ihre Zahl ab.
Interessante Angaben finden sich in der einzigen Broschüre dieser Art von V. Skardžius (Скардзіс, 1929), in der litauische Siedlungen aufgezählt und kurz beschrieben sowie die Einwohnerzahl und ihre Herkunft angegeben werden.
Ein sehr bedeutender Zeitraum im Leben der Litauer in Belarus waren die Jahre 1927—1937. Damals wurden Grundschulen oder siebenklassige Schulen eingerichtet und betrieben (in größeren
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Page 2(in den Dörfern) litauische Schulen. In der Siedlung Dimanava im Gebiet Witebsk bestand von 1928 bis 1938 eine litauische Internatsschule, die sich allmählich von einer siebenklassigen zu einer Oberschule entwickelte. Dorthin kamen Jugendliche aus allen litauischen Dörfern in Belarus sowie auch aus anderen Orten der UdSSR (Gebiet Smolensk, Gebiet Saratow), um zu lernen. In den Dörfern wurden nationale Kolchosen eingerichtet. Es gab Klubs und Lesestuben; es wurden Abende und Versammlungen veranstaltet. Auch die Älteren wurden im Lesen und Schreiben auf Litauisch unterrichtet. In den Dörfern lasen viele die in Minsk herausgegebene Zeitung „Der rote Pflüger“ sowie die in Moskau gedruckte Zeitschrift „Der Amboss“.
All dies belebte das litauische Leben der Kolonien stark. Die litauische Standardsprache beeinflusste in dieser Zeit unmittelbar die Sprache der aus verschiedenen Gegenden stammenden Dorfbewohner. Vielleicht wurden deshalb einige markante Dialektmerkmale und sprachliche Eigenheiten der älteren Generation nicht an die nächste Generation, ihre Kinder, weitergegeben. Im Dialekt von Malkava kann das Dzukisieren als Beispiel dafür gelten. Im Wortschatz entstanden zahlreiche Neubildungen: darbdienis, klubas-skaitykla, kolektyvas, soclenktynės, pirmininkas, pirmūnas usw. Viele Wörter der Standardsprache wurden auch den Angehörigen der älteren Generation bekannt. Allerdings verwendeten Letztere sie situationsabhängig. Im Allgemeinen begnügte man sich mit Dialektwörtern (z. B. sagte man statt erzinti, mindžioti, kiemnas, liesas, svirdukliuoti, šiukšlės trotint, trápint, atšláimas, skriaužnas, svirdukuliuoti, šėgžmas) oder mit Fremdwörtern (z. B. bjaurus, bùlvė, gañdaras, kolektývas ‘Kolchose’, žiūrėti, aber špėtnas, bùlba, bučionas | bùsilas, kalkūozas, dabót usw. (siehe Сивицкене 1963).
Die Lage begann sich zu ändern, nachdem die litauischen Schulen geschlossen worden waren (März 1938) und die nationalen Kolchosen als Brigaden benachbarten belarussischen Kolchosen angeschlossen wurden. Die Stürme des Großen Vaterländischen Krieges zerstreuten die Bewohner dieser Dörfer erheblich. Viele kehrten nach Litauen zurück. In den verlassenen Gehöften von Malkava siedelten sich Kriegsflüchtlinge und Menschen von anderswo an. Wer nicht mehr die litauische Schule besucht hatte, kann weder Litauisch lesen noch schreiben. Briefe an ihre Angehörigen in Litauen schreiben sie auf Litauisch mit russischen (belarussischen) Buchstaben. Die Zweisprachigkeit breitet sich aus und vertieft sich, wenn auch nicht einheitlich. Immer mehr Dorfbewohner verwenden beim Sprechen auf Litauisch Fremdwörter – Wörter und Wendungen wie pretsedátelius ‘Vorsitzender’, spasuõbნას ‘begabt’, staršinìčia ‘Vorsitzender’, dirba un praizvuõdstvas ‘arbeitet in der Produktion, in der Fabrik’ – председатель, способный, старшина, работает на производстве. Die Funktionen und der Gebrauchsumfang der Muttersprache haben sich verengt. Doch auch heute, ein Jahrhundert später, bleibt die Muttersprache unter den litauischen Dorfbewohnern in Malkava das einzige Kommunikationsmittel. Allerdings gibt es heute nur noch sehr wenige solcher Einwohner, etwa 20 Menschen. Eine ähnliche Situation herrscht auch in den anderen litauischen Dörfern, die bis heute überdauert haben.
1964 besuchte die Verfasserin des Artikels zwei litauische Dörfer im Gebiet Minsk, im Rajon Krupki (Крупки, Крупски р-н): Litvinka (Литвинка) und Asinauka (von den Einheimischen Бальшая Асінаўка genannt). Damals (vor 20 Jahren) gab es dort noch viele, die Litauisch sprachen, obwohl längst nicht mehr nur Litauer dort lebten. Die Mundarten dieser Dörfer unterscheiden sich. Die Litauer waren aus verschiedenen Gegenden hierhergezogen. Die Einwohner von Litvinka bezeichnen sich als Vilniuser, das heißt, als aus dem ehemaligen Gouvernement Wilna, dem Kreis Trakai, stammend. Anfangs hatten sich hier zwölf Familien niedergelassen. In Litvinka sind Merkmale des dzukischen Dialekts sehr ausgeprägt, zum Beispiel die Bewahrung der kurzen betonten i- und u-Laute sowie der langen unbetonten Laute; t’ > c’, vgl. prašom aic’ válgyc’. Der Illativ ist weit verbreitet; die Adessiv- und Allativformen scheinen
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Page 3erstarrt zu sein; häufig sind nur die Formen namiepi, namópi. In Litvinka hat sich die alte dzukische Gewohnheit erhalten, abends draußen ein Feuer zu entzünden, sich darum zu versammeln und das Abendessen zu kochen. Die Menschen sind herzlich und leichtgläubig.
Die Einwohner des anderen Dorfes, Balšāja Asinauka, das 30 km von Litvinka entfernt liegt, waren aus dem ehemaligen Gouvernement Kaunas zugezogen; sie erwähnen Troškūnai und Raguvėlė in Anykščiai. Sie haben für diese Gegenden typische Dialektmerkmale bewahrt, zum Beispiel die Aussprache: kórvė, atómėna, dęga, rėžginės. Auch ethnografisch unterscheidet sich das Dorf: Es gibt stattliche Gebäude und eingefriedete Höfe. Die Menschen sind weniger leichtgläubig und zurückgezogener.
Auch die Einwohner dieser Dörfer verwenden in ihrer Sprache belarussische Wörter und unmittelbar übernommene, nicht assimilierte Wendungen. Zweisprachigkeit ist für sie charakteristisch. Angehörige der jüngeren Generationen arbeiten und leben in Städten (Borisov, Minsk, Mogiljow) und besuchen das Dorf nur selten. Es gibt viele Mischehen, deren Kinder bereits kein Litauisch mehr können. Immer weniger ältere Dorfbewohner bleiben zurück.
Diese und andere erwähnte außersprachliche Faktoren bestimmen die Lebensdauer der litauischen Sprachinseln.
LITERATŪRA
Киндурис 1956 — Киндурис М. К. Литовский говор в белорусском окружении. (Говор дер. Мальковка в БССР): Дис.... канд. филол. наук. Л.: ЛГУ, 1956.
Киндурис 1956а — Киндурис М. К. Литовский говор в белорусском окружении. (Говор дер. Мальковка в БССР): Автореф....дис. канд. филол. наук. Л.: ЛГУ, 1956.
Сивицкене 1963 — Сивицкене М. Семантические особенности славянских лексических заимствований на материале изолированного литовского говора // Kalbotyra (Языкознание). Вильнюс, 1963. Т. 6. С. 99—107.
Скардзис 1929 — Скардзис В. Литовцы на Беларуси. Минск, 1929.
О ЯЗЫКЕ ЛИТОВСКИХ КОЛОНИЙ XIX В. В БЕЛОРУССИИ
Резюме
Кроме „остаточных“ островов литовского языка, расположенных в соседней с Литвой Гродненской обл., на территории Белоруссии имеются литовские острова иного происхождения. Это небольшие колонии, отдельные села литовцев-переселенцев в Витебской, Минской, Могилевской областях, прибывших сюда в 80-е гг. XIX в. из разных мест бывш. Ковенской и Виленской губерний. По данным переписи населения 1926 г., в Белоруссии проживали 6863 литовца. Несомненно, большинство их приходилось на литовские села.
О времени, причинах и условиях появления литовских колоний в Белоруссии известно из рассказов самих жителей, из немногих печатных источников. Малоземельные литовские крестьяне организовывались в товарищества и уходили из родных мест в поисках земли. Земля приобреталась у разорявшихся помещиков при посредничестве Московского поземельного банка. Банк предоставлял переселенцам долгосрочную ссуду. Так, напр., на месте имения помещика Термана появилось и литовское село Мальковка (Мстиславский р-н Могилевской обл., в 35 км на запад от Мстиславля). Это одно из наиболее крупных литовских поселений. Сюда пришли выходцы из бывш. Свенцянского уезда Линкмянской и соседних волостей Виленской губ. Исходную территорию уцелевших литовских колоний можно легко определить по диалектным данным, несмотря на то, что минуло около 100 лет со времени их основания.
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Page 4Наиболее значительным периодом в жизни литовских переселенцев были 1927—1937 гг. Тогда были открыты и действовали начальные и семилетние литовские школы. А в мест. Диманово Витебской обл. (Богушевский р-н) была средняя школа-интернат, куда съезжалась молодежь из всех литовских сел Белоруссии и даже из Смоленской, Саратовской обл. В литовских селах были организованы национальные колхозы, делопроизводство в них велось на литовском языке, работали клубы-читальни, проводились вечера и т. д. Старшее поколение обучалось литовской грамоте в ликбезах. Сюда доставлялась газета „Raudonasis artojas”, которая печаталась в Минске, и журнал „Priekalas“, издававшийся в Москве. Именно в то время говоры литовских сел получили большую поддержку со стороны литературного литовского языка. В них появился целый ряд новообразований — советизмов, параллелизмов (диалектное — общенародное). Некоторые диалектные особенности в речи старшего поколения не нашли поддержки в речи последующих поколений.
Положение резко изменилось после того, как (в 1938 г.) были закрыты литовские школы, реорганизованы национальные колхозы. Все меньше молодежи оставалось на селе. После Великой Отечественной войны многие жители литовских деревень выехали в Литву. Появилось пришлое население, участились смешанные браки. Сфера и функции литовского языка все больше сужаются. Младшие поколения, еще говорящие на литовском языке, письменным литовским не владеют. Все больше развивается билингвизм. Кроме старых славизмов, в речи литовцев появляется много новых белорусских слов и неосвоенных выражений. Однако литовский язык остается единственным средством общения коренных жителей между собой. Нам неизвестны случаи смены языка индивида. Экстралингвистические факторы предопределяют длительность существования подобных языковых островов.