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Institut für Litauische Sprache
Forschungsschwerpunkte: Untersuchungen zum Satzbau im Gegenwarts- und Alt-Litauischen.
SUBORDINIERTE TEMPORALSÄTZE MIT DEM KONJUNKTIONALEN AUSDRUCK (PIRM) NEG IN ALTLITAUISCHEN SCHRIFTEN DES 16.–17. JAHRHUNDERTS
Temporalsätze mit der Konjunktion neg in altlitauischen Schriften
ZUSAMMENFASSUNG
Der Beitrag behandelt subordinierte Temporalsätze im Alt-Litauischen mit den Konnektoren (pirm) neg(i) / nei(gi) / neng. Das untersuchte Material umfasst Sätze aus Jonas Bretkūnas’ Postilė (1591), Mikalojaus Daukšas’ Postilė (1599) und Konstantino Sirvydas’ Punktų sakymų (I – 1629, II – 1644), in denen das zeitliche Verhältnis zweier Propositionen mithilfe eines der genannten Konnektoren ausgedrückt wird. In Bretkūnas’ Postilė finden sich ausschließlich Temporalsätze mit dem komplexen Konnektor pirm(a) nei(g) / neng / neg. In Daukšas’ Postilė und Sirvydas’ Punktuose sakymų sind Sätze vielfältigerer Struktur mit neg(i), neygi, nieg belegt – in diesen Schriften finden sich auch Temporalsätze mit neg ohne das korrelative Wort pirm.
ZUSAMMENFASSUNG
Der Beitrag gibt einen Überblick über Struktur und Semantik subordinierter Temporalsätze mit der Konjunktion (pirm) neg in altlitauischen Schriften (in den Texten von Bretkūnas’ Postilla (1591), Daukšas’ Postilla (1599) und Sirvydas’ Punktai Sakymų (I – 1629, II – 1644)).
SCHLÜSSELWÖRTER: Subordination, Temporalsätze, temporale Nachzeitigkeit, Faktizität, doppelte semantische Funktion.
SCHLÜSSELWÖRTER: Subordination, Temporalsätze, temporale Nachzeitigkeit, Faktizität, doppelte semantische Funktion.
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In all diesen Texten sind Temporalsätze mit der zusammengesetzten Konjunktion pirm neg am häufigsten (in Bretkūnas’ Postilla wird in Temporalsätzen ausschließlich die zusammengesetzte Konjunktion pirm neg verwendet). Die durch die einfache Konjunktion neg eingeleiteten Temporalsätze (die im modernen Litauischen nicht mehr in Temporalsätzen verwendet wird) finden sich in den Texten von Daukša und Sirvydas.
EINLEITUNG
Im älteren Litauischen konnten Sätze mit dem Konnektor neg1 nicht nur qualitative Vergleichsbeziehungen zwischen zwei Handlungen, sondern auch zeitliche Beziehungen der Abfolge von Handlungen ausdrücken2. Sätze mit einem Zeitmodifikator pirm, der neben oder in einiger Entfernung vom Konnektor neg steht, können nicht nur temporal3, sondern auch komparativ interpretiert werden. Im heutigen Litauischen ist die früher vorhandene zeitliche Grenzbedeutung der Konnektoren negu, nei geschwunden: In grammatischen Beschreibungen werden negu, nei nur als komparative Differenzkonjunktionen beschrieben4, und Sätze mit diesen Konnektoren werden als komparative Differenzsätze behandelt5. Sätze mit negu, nei, in denen die zeitliche Abfolge zweier
1 Im Artikel wird neg als allgemeine Bezeichnung für den Konnektor gewählt (wo keine nähere Differenzierung erforderlich ist) – sie umfasst verschiedene Bezeichnungsvarianten von neg, wie negi, nei, negygi, nieig, neng.
2 Zu indirektem oder unausgesprochenem Vergleichen in Aussagen jeder Art, vgl. Lyons (1993: 274ff.). Zu den Möglichkeiten des Vergleichs innerhalb desselben Raums und zwischen verschiedenen Räumen und dazu, dass zwei Handlungen zu vergleichen bedeutet, ihre Anordnung auf einer bestimmten (beispielsweise zeitlichen) Skala zu vergleichen, vgl. Fauconnier (2003: 132; 137). Zum Zusammenhang zwischen Vergleichssätzen und Temporalsätzen, vgl. Lieko (1992: 223).
3 Temporalsätze des Altpolnischen mit niż nach einem ähnlichen Muster werden als Sätze beschrieben, deren Hauptsatz meist ein Adverb oder eine adverbiale Konjunktion mit zeitlicher Bedeutung enthält, die zur Vergleichsgrundlage für die Bestimmung des Zeitpunkts der Handlung im Nebensatz wird (Klemensiewicz u. a. 1955: 468). Jaroslav Bauer bestritt einen direkten Zusammenhang des im Alt-Tschechischen verwendeten Konnektors než in temporaler Bedeutung mit der Verbindung der Negationspartikel ne und der erklärenden Konjunktion že. Seiner Ansicht nach lässt sich nur der Ursprung des Konnektors než in komparativer Bedeutung auf diese Weise erklären. Die temporale Bedeutung des Konnektors než betrachtete Bauer als sekundär; sie sei dadurch entstanden, dass než in Konstruktionen mit komparativer Bedeutung nach dem deiktisch funktionierenden Adverb prevé oder dem Komparativ dréve verwendet wurde. Laut Bauer finden sich in alt-tschechischen Schriften ab der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts Belege für Sätze, in denen das alleinstehende než als Konnektor mit temporaler Bedeutung gelten kann (Bauer 1972: 445–446, 448).
4 Plg. Valiulytė (2006: 459). Jonas Balkevičius Dabartinės lietuvių kalbos sintaksėje sakinių su anksčiau, negu bei greičiau, negu pavyzdžių pateikė skirsnyje „Laiko aplinkybės šalutiniai sakiniai“ pridėdamas pastabą, kad tai „p a l y g i n a m i e j i šalutiniai sakiniai laiko aplinkybei paaiškinti“ ir nuorodą apie retą jų vartoseną (Balkevičius 1963: 351–352).
5 „Die Nebensätze dieser Sätze sind mit bestimmten Wörtern des Hauptsatzes verbunden. Darin ähneln komparative Differenzsätze den Sätzen mit direkter Anfügung. Ihre Satzglieder sind meist unselbstständig und eng miteinander verbunden“; „[D]ie Nebensätze sind mit den im Hauptsatz auftretenden Adverbien im Komparativ [...] verbunden [...].“ Auch Sätze mit negu, nei, in denen die zeitliche Abfolge zweier Handlungen verglichen wird, werden als komparative Differenzsätze beschrieben (Ambrazas 2006b: 695).
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Ihre Handlungen sind zeitlich angeordnet; in der heutigen Sprache werden solche Sätze selten verwendet6. Ein notwendiges Element dieser Sätze ist das Temporaladverb pirma / pirmiau / anksčiau7. Forscher des älteren Litauischen (Eduardas Hermannas8, Leonardas Drotvinas9, Jonas Palionis10, Vytautas Ambrazas11) beschreiben Sätze mit pirm neg als Ausdruck zeitlicher Beziehungen12.
HÄUFIGKEIT DES GEBRAUCHS
In den hier untersuchten Schriften von Jonas Bretkūnas, Mikalojaus Daukša und Konstantinas Sirvydas werden Temporalsätze mit neg noch recht häufig verwendet. Der relative quantitative Anteil der Sätze mit neg an der Gesamtzahl der in jedem der genannten Quellen belegten temporalen Nebensätze13
6 Auch im Korpus der Gegenwartslitauischen Sprache findet man nur vereinzelt einen solchen Satz, z. B.: Auf die Frage, ob er in den Weihnachtsferien nach Norwegen fahren werde, blickte Brynas erst, bevor er antwortete, Jonas Kazlauskas an und fragte mit seinem Blick, ob dieser es sich anders überlegt habe. In der Gegenwartssprache werden zur Hervorhebung der zeitlichen Abfolge aufeinanderfolgender Handlungen meist Konstruktionen mit prieš + Halbpartizip gewählt, vgl. bevor er antwortete, blickte Brynas hin, oder Konstruktionen mit dem Verknüpfungswort o und dem Adverb vėliau ‚später‘, z. B.: Zu den ersten Frühlingspflanzen, die zuerst blühen und später Blätter bekommen, gehören Forsythien DLKT. Vgl. die Varianten: Zu den ersten Frühlingspflanzen, die vor dem Blattaustrieb blühen, gehören Forsythien sowie Zu den ersten Frühlingspflanzen, die früher blühen, als sie Blätter bekommen, gehören Forsythien.
7 Ähnlich verhält es sich mit den Verwendungsmöglichkeiten des Adverbs vėliau (allerdings mit umgekehrter Semantik), vgl. […] An jenem Abend war ihre Mutter fortgegangen und kehrte später zurück, als ihrer Tochter das Unglück widerfuhr DLKT. Zu den durch unterordnende Verknüpfung markierten Beziehungen before (vor / bis) und after (nachdem) siehe Cristofaro (2005).
8 In der zusammenfassenden Tabelle der Verknüpfungswörter in der Arbeit Über die Entwicklung der litauischen Konjunktionalsätze ist pirm neg in der Spalte für temporale Bedeutung aufgeführt; das pirm neg in Jonas Bretkūnas’ Postille wird mit der deutschen Konjunktion ehe in Verbindung gebracht, während der Satz mit pirm neg aus Mikalojaus Daukšas Katechismus getrennt von den anderen Sätzen mit neg in dieser Quelle angeführt wird (Hermann 1912: 29, 34–35).
9 Leonardas Drotvinas bezeichnet pirm neg und seine Varianten als in älteren litauischen Schriftdenkmälern gebrauchte Konjunktionen von temporalen Adverbialsätzen (Drotvinas 1968a; 1968b: 89, 95).
10 Jonas Palionis bezeichnet die Konjunktion neng, die nur in den ostpreußischen Schriftdenkmälern vorkommt, als komparativ und als Entsprechung von negu; als Verwendungsbereiche nennt er „Vergleichsausdrücke und temporale Adverbialsätze (zusammen mit pirm)“ (Palionis 1967: 202).
11 Zu untergeordneten Partizipialsätzen mit den Verknüpfungswörtern net, net pirm, pirm nei mit einer „ähnlichen Bedeutung hinsichtlich der Handlungsgrenze wie bei iki“ sowie zur Verbindung dieser Verknüpfungswörter mit absoluten Konstruktionen siehe Ambrazas (2006a: 453–454); zu untergeordneten verbalen Sätzen mit pirm nei, pirm neng zur Bezeichnung der Handlungsgrenze siehe Ambrazas (2006a: 456).
12 Jonas Jablonskis ordnete neig, neg, pirm neng, pirm neig, pirm negu ebenfalls den Verknüpfungswörtern temporaler Adverbialsätze zu (Jablonskis 1911: 498) und verwies in einer Anmerkung auf ihre Quelle (die älteren Schriftdenkmäler): „ähnliche Beispiele aus der Volkssprache haben wir, soweit bisher bekannt, nicht“ (Jablonskis 1911: 510–511).
13 Zur Bedeutung des quantitativen Verhältnisses zu einer oder mehreren Konstruktionen entsprechender Bedeutung, nicht einzelner absoluter Daten, siehe Ambrazas (2006a: 39).
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Page 4Temporale Nebensätze mit dem Konnektor (pirm) neg in den litauischen Schriften des 16.–17. Jahrhunderts
Vor dem Hintergrund des Gebrauchs dieser Sätze ist die Situation ähnlich wie bei temporalen Grenznebensätzen mit net14 – temporale Grenznebensätze mit neg werden in Bretkūnas’ Postilė (19-mal) und Sirvydas’ Punktai sakymų relativ etwas häufiger verwendet als temporale Grenznebensätze mit net, in Daukšas Postilė (57-mal) dagegen etwas seltener (vgl. die Angaben in Tabelle 1).
T A B E L L E 1. Quantitatives Verhältnis der temporalen Sätze mit den Konnektoren neg und net in BP, DP und SP zu sämtlichen temporalen Grenznebensätzen
Temporale Grenznebensätze
BP
DP
SP
Durchschnittliche Gebrauchshäufigkeit
Sätze mit neg
19 (~17,8%)
57 (22,7%)
13 (~25,5%)
(~22%)
Sätze mit net
14 (~13,2%)
72 (28,7%)
8 (~15,7%)
(~19,2%)
Gesamtzahl der temporalen Nebensätze, die im Text eine zeitliche Grenze angeben
107 (100%)
251 (100%)
51 (100%)
(100%)
Daukšos Postilėje esantys laiko sakiniai su neg (neg (54x), neg (3x)) ir pirm (pirm’ (33x); pirm (11x); pirm (3x); pirm (1x)) atitinka Jokūbo Wujeko postilės15 laiko sakinius su jungiamuoju žodžiu niž16 (niž (24x), nižli (29x), niželi (3x), nižem (1x)17), kurie dažniausiai vartojami su prepoziciniu atliepiniu pierwey (41x), pirwey (8x). Sirvydo Punktų sakymų laiko sakiniuose neg užrašytas kaip negi (9x), negi (2x), neg (1x), nieig, (1x), o pirm dažnumas toks: pirm (5x), pirma (5x), pirmay (1x). Punktų Kazan18 tekste neg ir pirm turi įvairesnių atitikmenų: niž (7x),
14 Hier wird der Gebrauch temporaler Sätze mit net und neg aufgrund der ähnlichen Entwicklung dieser Sätze verglichen: Temporale Sätze mit net werden im heutigen Litauisch nicht mehr verwendet, während temporale beziehungsweise vergleichende Sätze mit negu / nei und pirma / anksčiau nur sehr selten vorkommen. Zu den semantischen und grammatischen Eigenschaften temporaler Nebensätze mit dem Konnektor net siehe Pajėdienė (2010).
15 Apie DP šaltinius žr. Palionis (2000: 17–18).
16 Im Altpolnischen wurde niž / nižli (bis zum 18. Jahrhundert) in temporalen Nebensätzen zur Bezeichnung einer Handlungsabfolge verwendet (Klemensiewicz et al. 1955: 468).
17 Vgl. den Satz DP 523₄₅.
18 Konstantinas Sirvydas erläuterte im „Vorwort an den Leser“ von Punktai sakymų die Art der Übersetzung folgendermaßen: „Man wollte eine angemessene Übersetzung aus dem Litauischen liefern und, soweit irgend möglich, Wort für Wort wiedergeben, damit sie verständlich sei“ (Zitat aus der Übersetzung von Regina Koženiauskienė (Koženiauskienė 1990: 296)).
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a niž (1x), nižli (2x), nim19 (2x), až (1x)20, die mit den Modifikatoren pierwej (4x), wprzod21 (5x), przed tym (1x) auftreten.
VERWENDUNG IN VERSCHIEDENEN TEXTSCHICHTEN DER PREDIGTEN
Unter dem Gesichtspunkt der Autorschaft besteht der Predigttext aus mindestens zwei Schichten22. Die eine bilden die mit Herkunftsangaben versehenen Auszüge aus der Bibel, also die Perikopen. Die andere Textschicht besteht aus Kommentaren zur Erläuterung der zitierten Perikopen, die in den untersuchten Texten išguld ymais (BP, DP) oder punktais (SP) genannt werden. In dieser – zur Interpretation bestimmten – Textschicht können einige Passagen des Evangelientextes erneut zitiert oder wiederholt werden. In den Perikopen der untersuchten Texte finden sich 10 temporale Nebensätze mit (pirm) neg: In BP gibt es 5 Sätze, in DP 4 Sätze und in SP 1 Satz (siehe Tabelle 2).
2 T A B E L L E. Verteilung der Temporalsätze mit neg auf die Textschichten der Predigten
Sätze mit neg | Zitate aus der Bibel | Kommentar des Predigers | Implizite Zitate aus der Bibel | Text des Predigers | BP | 5 Sätze | 7 Sätze | 7 Sätze | pirm neng (3x), pirm nei (1x), pirm neig (1x) | pirm nei (6x), pirm neg (1x) | pirm nei (6x), pirm neig (1x) | DP | 4 Sätze | 7 Sätze | 46 Sätze | pirm neg (4x) | pirm neg (4x) | neg (3x) | pirm neg (26 x) | pirm…neg (14x) | neg (6x) | SP | 1 Satz | – | 12 Sätze | pirm neg (1x) | – | pirm neg (4x) | pirm …neg (4x) | negi… pirma (2x) | negi (2x)
19 SP I 805 pirm negi entspricht przed tym nim, und das in SP I 24425 stehende pirma… negi entspricht wprzod… nim. Zum in Temporalsätzen des Altpolnischen verwendeten Konnektor nim siehe Klemensiewicz et al. (1955: 469).
20 Im Satz SP I 14327 tritt až mit dem präpositionalen nie pierw ej auf. Zum Bestreben von až, sich mit anderen Konjunktionen oder Adverbien zu verbinden, siehe Klemensiewicz et al. (1955: 468).
21 Vgl. Beispiele für die Verwendung von niž mit wprzod in Temporalsätzen des Altpolnischen (Klemensiewicz et al. 1955: 469).
22 Zu den vom Prediger übernommenen Rollen des Kompilators und Interpreten siehe Pisarkowa (1984: 209).
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Die Temporalsätze der Perikopen in BP, DP oder SP mit pirm neg entsprechen den Vulgata-Temporalsätzen mit den Konjunktionen priusquam oder antequam sowie den griechischen NT-Temporalsätzen mit πρὶν oder πρὸ τοῦ (siehe Tabelle 3). Die Wahl der Konjunktion neg im Satz DP 148₂₈ (einem impliziten Zitat aus Mt 26,34²³), die nicht dem polnischen Kompositum pierwey niż (W³ 154₁₂) entspricht, ist eher nicht mit dem lateinischen antequam in Verbindung zu bringen (denn beispielsweise entspricht auch der Satz DP 127₂₈ mit pirm neg einem Vulgata-Satz mit antequam), sondern mit der litauischen Evangelientexttradition²⁴ – vor allem mit dem Text der Evangelijų bei Epistolų (1579) von Baltramiejus Vilentas²⁵. Die Konjunktion des Satzes DP 148₂₈ und das Wortstellungsmuster des Nebensatzes unterscheiden sich vom polnischen Original, stimmen aber mit dem Muster des entsprechenden²⁶ VEE-Satzes überein, vgl.:
[...] ioġ bia nákti / neg gaidis du kartú pragís / tris kartus manęs vžgífsies. DP 148₂₈
[...] iż ty dziś tey nocy / pierwey niż dwákróc kur zápoie/ trzykróc się mnie záprzyb. W³ 154₁₂
[...] iog ſchę nakti neig gaidis du kartu pragns / tris kartus manes vſſignſi VEE 188₁₉²⁷
[...] denn in dieser Nacht bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen Mt 26,34
[...] Ich sage dir, dass du mich in dieser Nacht, bevor der Hahn kräht, dreimal verleugnen wirst Mt 26,34
TABELLE 3. Entsprechungen der Konjunktionen in verschiedenen Quellen bei Temporalsätzen mit neg in Perikopen
Konjunktion in der Perikope
VEE
BP²⁸
DP
SP
W³
Vulg
NT
Jn 4,49
pirm neig 122₁
pirm neig II 474₁
pirm’ / neg 355₂
–
zuvor / ehe 366₁₂
priusquam
πρὶν
23 Vgl. Passia … iżg keturiú Evangelijtų trumpáy surinktá DP 144; der Text des ersten Teils – DP 148–149.
24 Zu den Quellen von Bretkūnas Postilė – Baltramiejus Vilentas Evangelijas bei Epistolas ir Enchiridioną (1579) – sowie dazu, dass die Perikopen in Bretkūnas Postilė „als eine neue Redaktion von Vilentas’ Texten zu betrachten und als Ergebnis der schöpferischen Arbeit zweier Autoren zu behandeln sind: Vilentas als Übersetzer und Bretkūnas als Übersetzungsredaktor“, siehe Aleknavičienė (2005: 28; 2008: 31).
25 Hinweise auf frühere Untersuchungen und Literatur zum möglichen Zusammenhang zwischen dem Text der Perikopen in DP und der Vulgata sowie in einigen Fällen zu möglichen Verbindungen zwischen den Texten von DP und VEE siehe Maskuliūnas (2000: 107). Zum Zusammenhang des von Daukša und Jokūbas Wujek verwendeten Ausdrucksmodells für pronominale Reflexivität, das weder für das Litauische noch für das Polnische typisch ist, mit dem Einfluss des Lateinischen und Griechischen sowie zu der Feststellung, dass „in den Fällen, in denen auch Wujeks Text abweicht, der Gebrauch der Reflexivformen in DP mit Vilentas’ EE […] in Verbindung zu bringen ist“, siehe Maskuliūnas (2000: 121).
26 Vgl. Hiſtoria apie Muka ir Smerti Pona muſu Ieſaus Chriſtaus / pagal keturiu Evangelijtu. VEE 188–214
27 Das für die Untersuchung benötigte Material aus BP, SP und VEE wurde computergestützten Textsammlungen und den vom Institut für Litauische Sprache erstellten Konkordanzen computergestützter Wortformen entnommen. Die Konkordanzen wurden 1997–1998 mit Mitteln der Staatlichen Kommission für die Litauische Sprache beim Seimas der Republik Litauen im Rahmen des Programms der Republik Litauen zur Verwendung und Förderung der Staatssprache in den Jahren 1996–2005 von Ona Aleknavičienė, Ri-čardas Petkevičius und dem Programmierer Vytautas Zinkevičius unter der Leitung von habil. Dr. Saulius Ambrazas erstellt.
28 In der Übersetzung der Bibel Martin Luthers wird in den entsprechenden Temporalsätzen das Konnektiv erhe.
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Konjunktion in der Perikope VEE BP28 DP SP W3 Vulg NT Joh 8,58 pirm neng 5321 pirm neng I 3207 pirm nei I 3262 pirm neg 12728 pirm neg II 10923 pierwey niȝi 1359 antequam πρὶν Joh 14,9 pirm neng 7720 – pirm’ neg 23951 – pierwey niȝby 24417 priusquam πρὶν Lk 2,21 pirm neng 2010 pirm neng I 1266 pirm neng I 1339 pirm neg 5321 – – pierwey niȝli 533 – – priusquam πρὸ τοῦ
MÖGLICHKEITEN DES GEBRAUCHS VON NEG IM SATZ
Wie bereits erwähnt, finden sich in den Texten von BP, DP und SP verschiedene Fälle des Gebrauchs von neg in Temporalsätzen:
einzelnes neg, z. B.:
Nachdem der Herr also seine zehn Diener gerufen hatte / neg von ihnen fortging / gab er ihnen / zehn Talente oder Pfunde [...]. DP 38220 Nachdem also der Herr [...] seine Diener gerufen hatte / niȝ von ihnen fortgegangen war / gab er ihnen [...]. W3 39637
So stirbt ein am Galgen aufgehängter Mensch nicht sofort wie die anderen, sondern muss lange leiden, neg bevor er stirbt. DP 17628[...] sondern musste lange leiden / niȝli bevor er starb. W3 18520
konkurrierender Gebrauch von pirm neg, z. B.:
Danach wurde Adrian Papst, der Vierte / bevor er Papst wurde / nach seiner Absetzung durch Papst Eugen kehrte er nach Norwegen zum Glauben zurück[p]. DP 9124 Danach der selige Adrian, der vierte Papst / pierwey niȝ bevor er Papst wurde [...] führte Norwegen zum Glauben zurück [...]. W3 9228
nicht konkurrierender Gebrauch von pirm und neg: Der Gebrauch von pirm, das weiter vom neg entfernt steht, ist gewöhnlich präpositionell (pirm...., neg...); der Gebrauch von pirm... nach neg ist selten (siehe Tabelle 4), z. B.:
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Page 8Temporalsätze mit dem Konnektor pirm neg in den alten litauischen Schriften des 16.–17. Jahrhunderts
[...] ir teyp Chriſtus iop ſugrįbta / ir giwena iump / kaip pirmay giweno / negi buvo pa-meſtas per daſiſeydimu didžio nuſideimo. SP I 20711
[...] y mieſka w nim / iáko pierwey mieſk̄el / nižli go był zgubil [...] SP I 20714
Iž paweketøy paties Diewo / kuris negi žmogu karalum ir wießpatim paſtate / pirma namus iam gražus ir išdabintus / tay ira tu ſwietu padare / ir potam ii iuolna unt giwenimo ir wießpatawimo iwede. SP I 14317
[...] der, bevor er den Menschen zum König und Herrn bestimmte, ihm zuvor ein schönes Haus [...] errichtete [...]. SP I 14320
In den Texten der untersuchten Quellen wird am häufigsten die unmittelbar benachbarte Verbindung pirm neg verwendet (siehe Tabelle 4). Nur diese Verwendung von pirm neg findet sich in Bretkūnas Postilė (insgesamt 19 Sätze mit Belegen für pirm neg, aufgezeichnet als pirm nei (13x), pirm neng (3x), pirm neig (2x), pirma neg (1x)). Die unmittelbar benachbarte Verbindung pirm neg findet sich in 33 Sätzen in Daukšas Postilė (etwa 58% aller Temporalsätze mit neg-Belegen in DP). In Sirvydas’ Punktai sakymų machen die 5 Temporalsätze mit der unmittelbar benachbarten Verbindung pirm neg etwa 38,5% aller Temporalsätze mit neg in dieser Quelle aus (die unmittelbar benachbarte Verbindung pirm neg ist in drei Formen aufgezeichnet: pirm neigi (3x); pirm neg (1x); pirma nieg (1x)).
In Daukšas Postilė und Sirvydas’ Punktai sakymų wurde der Konnektor neg auch mit dem weiter entfernt stehenden präponierten pirm verwendet (15 Sätze in DP entsprechen etwa 26%, 4 Sätze in SP fast 31% aller in diesen Quellen belegten Temporalsätze mit neg).
Sätze mit neg vor pirm finden sich nur in Sirvydas’ Text (2x).
In Sirvydas’ Punktai sakymų (2x) und Daukšas Postilė (9x) machen Temporalsätze mit einem einzelnen neg etwa ein Sechstel aller Temporalsätze mit neg in diesen Quellen aus.
In Daukšas Postilė wurden 2 Sätze (DP 13029 und DP 14828) mit einem einzelnen neg von Daukša übersetzt, indem der im Original vorhandene Konnektor ausgelassen wurde – die unmittelbar benachbarte Verbindung pierwey wurde weggelassen. Beide genannten Sätze mit neg in DP haben in benachbarten Kontexten nahezu identische Satzentsprechungen, die sich von den hier besprochenen durch den Konnektor unterscheiden (aber mit dem polnischen Original übereinstimmen). Der Temporalsatz in der Auslegung lautet:
[...] neg Abrômas bū / iau aβ eſmi. DP 13029
[...] že pierwey nižli Abrahám byl/ iam iuż ieſt. W³ 13744
wird bei der Erläuterung der Passage aus dem Evangelium nach Johannes angeführt, vgl.:
[...] pirm neg Abrômas bū / aβ eſmi. DP 12728
[...] pierwey niż Abrahám byl/ ia ieſtem. W³ 1359
[...] / pirm neng Abrahamas buwa / eſch eſmi. VEE 5321
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[...] Antequam Abraham fieret, ego sum. Jn 8,58
[...] πρὶν Ἀβραὰμ γενέσθαι ἐγὼ εἰμί. Jn 8,58
Der bereits zuvor erwähnte Satz aus DP, der die Stelle Mt 26,34 wiedergibt (und sich durch das Konnektiv und die Wortstellung im Nebensatz vom entsprechenden polnischen Satz unterscheidet):
[...] iog βịa nákti / neg gaidìs du kartú pragís / tris kartus manęs vžgįfsięs. DP 148₂₈
[...] iź ty dźis tey nocy / pierwey niż dwákroč kur zápóie/ trzykróć Jie mnie záprzyb W³ 154₁₂
hat eine identische Entsprechung im Išguldyme (nur steht im polnischen Text in diesem Fall niźli statt pierwey), vgl.:
[...] βịa nákti / neg gaidìs du kartú pragís / tris’ kartús manés vźįgįfi. DP 150₁₆
[...] tey nocy / niźli kur dwákroč zápóie/ trzy kroć Jie mnie záprzyb. W³ 156₁₈
Der Satz DP 159₁₅ (ein implizites Zitat von Mt 26,75) enthält das Konnektiv pirm neg, das dem polnischen pierwey niż entspricht; die Wortstellung im Hauptsatz ist jedoch etwas anders (dem griechischen Gegenstück ähnlicher), vgl.:
[...] pirm neg gaidìs du kartú pragís tris kartús vźįgįli manés. DP 159₁₅
[...] pierwey niż kur dwákroč zápóie/ trzykróć Jie mnie záprzyb. W³ 165₂₃
[...] pirm neng gaidns du kartu giedos / vſįgįli manęs trns kartus. VEE 196₄
[...] “Priusquam gallus cantet, ter me negabis”. Mt 26,75
[...] πρὶν ἀλέκτορα φωνῆσαι τοῖς ἀπαρνήσῃ με. Mt 26,75
Das implizite Zitat von Mt 26,75 ist in Bretkūnas Postilėje (in einem Abschnitt mit einem aus den vier Evangelien kompilierten Text) ähnlich durch einen Temporalsatz wiedergegeben²⁹ (was die Wahl des Konnektivs betrifft):
Pirm nei gaidais du giedos / tu mane tris kartus uſgini. BP I 373₇
Das vom polnischen Original vorgeschlagene Modell zur Wahl des Konnektors entspricht nicht dem Satz DP 278₂₃ mit pirm neg, vgl.:
diejenigen, die vorher nicht geglaubt hatten / mussten weder gezwungen noch unterjocht werden / sondern sollten aus Gnade freigelassen und entlassen werden [...]. DP 278₂₃
ktorzy niż uwierzyli / nie mieli być [...]. W³ 285₂₅
29 In der Übersetzung von Bretkūnos Biblijos wird die Handlungszeit in den entsprechenden Versen durch andere Ausdrucksmittel angegeben: durch eine Präpositionalfügung mit dem Substantiv pirm gaidghic₃₀ Mt 26,34 und durch einen temporalen Nebensatz mit dem Konnektor pirm ne: Pirm ne kaip Gaidis pragís Mt 26,75 (zitiert nach Gelumbec-kaitė 2002: 199).
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TABELLE 4. Gebrauch temporaler Sätze mit dem Konnektor neg
Konnektor (mit Modifikator) | BP | DP | SP | Durchschnitt der relativen Gebrauchshäufigkeit (vor dem Hintergrund aller Sätze mit neg) | pirm(a) neg | 19 (100%) | 33 (~57,9%) | 5 (~38,5%) | ~65,5% | neg | – | 9 (~15,8%) | 2 (~15,4%) | ~10,4% | neg(i) … / pirma | – | – | 2 (~15,4%) | ~5,1% | pirma … / neg(i) | – | 15 (~26,3%) | 4 (~30,8%) | ~19% | Insgesamt | 19 | 57 | 13 | 100%
STRUKTUR TEMPORALER GRENZSÄTZE MIT (PIRM) NEG
Zweierlei Möglichkeiten der syntaktischen Analyse von pirm
Bei der Beschreibung der Position des Nebensatzes mit dem Konnektor neg im Satzgefüge ist es wichtig, die möglichen grammatischen Analysen von pirm zu erörtern, das in unmittelbar benachbarter Position steht. Eine Möglichkeit besteht darin, neg folgendes pirm als Korrelat im Hauptsatz aufzufassen, die andere darin, pirm neg als eine feste Verbindung zu analysieren (in diesem Fall gehört pirm als Bestandteil eines komplexen Temporalgrenz-Funktors zur Struktur des Nebensatzes).
In den untersuchten temporalen Nebensätzen steht vor pirm neg meist ein Satzzeichen. In Daukšos Postilėje haben 14 Sätze einen Schrägstrich vor pirm neg (von 23 Fällen des benachbarten Gebrauchs von pirm neg außerhalb der Satzanfangsposition); in Bretkūnos Postilėje sind es 11 (von 13) temporale Sätze, in denen vor pirm neg, das nicht am Satzanfang steht, ein Satzzeichen steht, und in Sirvydo Punktuose sakymų sind es 2 (von 3), z. B.:
[...] prámintas yra nūg Anielo / pirm’ neg pradėios cioie. DP 423₃
ktore miánowáne ieft od Anyolá/ pirwey nili fie počal w żywocie. W³ 437₄₁
Schiteipo / pirm nei dangu giwas imtas ftoios nūg iu akiu / paffirodefawiems Apalchtams / po Jawa kenteghimu [...]. BP I 412₉
In einigen Sätzen – DP (8x), BP (2x), SP (1x) – ist pirm neg durch kein Satzzeichen vom Satz getrennt, z. B.:
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[...] die Weisheit überströmte mich am Anfang ihrer Wege, bevor10 sie etwas von Anfang an, seit Urzeiten, geschaffen hatte.Pan mie ofiegnal ná początku drog ſwoich / pierwey niżli co wcźynil ӡ początku od wieku ieſtem ia ӡrӡadӡony [...]. W³ 4328
[...] Christus war bevor er von einer Jungfrau geboren wurde. DP 4434 [...] Chryſtus był pierwey niżli ſie ӡ Pánny národźił. W³ 4341
[...] der alles weiß bevor es geschieht. DP 2353 [...] ktory wszystko prze wie / pierwey niż ſie oftanie. W³ 24340
In einem DP-Satz (Zitat aus Joh 4,49) findet sich ein durch Interpunktion getrennter Gebrauch in unmittelbarer Nachbarschaft von pirm neg (die Zeichensetzung des polnischen Originals wird wiedergegeben), vgl.:
[...] Komm bevor / nicht mein Sohn stirbt. DP 3552 [...] geh bevor / ehe mein Sohn stirbt. W³ 36612 [...] descende priusquam moriatur puer / filius meus. Jn 4,49 [...] κατάβηθι πρὶν ἀποθανεῖν τὸ παιδίον μου. Jn 4,49 [...] Geh bevor mein Kind stirbt. VEE 1221
In anderen Sätzen mit dem Zitat von Joh 4,49 (BP II 4741) oder seiner Paraphrase (DP 3579) steht vor pirm neg ein Bindestrich, vgl.:
[...] Komm / bevor mein Kind stirbt. BP II 4741 [...] Deshalb beeilte er sich, um ihn nach Hause zu bringen, bevor sein Sohn starb. DP 3579 [...] y przetoź ſie ſpiezył / aby go w dom przywiodł / pierwey niżby mu ſyn umárł. W³ 36841
Die Sätze in BP I 1266 und 1339, die Lk 2,21 wiedergeben, weisen eine unterschiedliche Schreibung auf, vgl.:
Der von einem Engel benannt worden war / bevor er im Mutterleib empfangen wurde. BP I 1266 [...] der von einem Engel benannt worden war bevor er im Mutterleib empfangen wurde. BP I 1339Der von einem Engel benannt worden war / bevor er im Mutterleib empfangen wurde. VEE 2010 [...] quod vocatum est ab angelo, priusquam in utero conciperetur. Lk 2,21 [...] τὸ κληθὲν ὑπὸ τοῦ ἀγγέλου πρὸ τοῦ συλληφθῆναι αὐτὸν ἐν τῇ κοιλίᾳ. Lk 2,21
Die Zeichensetzung des Satzes DP 5321, der Lk 2,21 wiedergibt, unterscheidet sich von der des polnischen Originals, vgl.:
[...] der vom Engel benannt worden war bevor der Anfang seines Daseins eintrat. DP 5321Ktore było nazwáne od Anyolá / pierwey niżli ſie w żywocie poczęło. W³ 533
Auch unterscheidet er sich von den Satzvarianten in der Übersetzung im Text der Išguldymai, vgl.:
Dessen Name vom Engel benannt worden ist / bevor sein Dasein begann. DP 42313 [...] nazwane ieſt od Anyolá / pierwey niżli ſie w żywocie począł. W³ 43743 (dazu vgl. die Sätze DP 4233 und DP 4236, die denselben Gedanken in der Išguldymai mit ähnlicher Zeichensetzung ausdrücken).
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Die Interpunktion weist meist darauf hin, dass das in unmittelbarer Nachbarschaft verwendete pirm neg als Verbindung aufgefasst werden konnte, 30deren Bedeutung kol oder iki nahekommt. Aufgrund der Existenz von Sätzen mit nicht unmittelbar benachbartem pirm und neg ließe sich selbst das unmittelbar benachbarte pirm in bestimmten Fällen als Korrelat, d. h. als zum Hauptsatz gehörendes Element, auffassen, da bereits der Klang von pirm eine recht starke Hervorhebung im Hintergrund und damit auch eine beträchtliche Bedeutungsintensität gewährleistet. Mit dem Bedürfnis nach semantischer Hervorhebung lässt sich auch folgende Übersetzung eines DP-Temporalsatzes mit nicht benachbartem pirm … / neg … aus dem unmittelbar benachbarten pierwey niż erklären, vgl.:
Atėio tad Saduceúbaí Wieβpátiesp / ir norėjo io raβtú pergalet’ / ródidami ióg kėlimas numireliu ne gal’ būt: nes’ kitáip wiena mote turėtų turėt’ septinius wirús / kuriús cze pirm’ turėjo / neg numire. DP 34319
[...] ktore tu miálá / pierwey niż umártá. W3 35420
Die Interpunktionsvarianten, die starke Hervorhebung im Hintergrund durch pirm und das Bedürfnis nach semantischer Akzentuierung lassen vermuten, dass pirm, bevor es mit neg eine Verbindung einging, ein zum Hauptsatz gehörendes Korrelat war. In diesem Fall wäre der Nebensatz mit neg in einem mit pirm neg beginnenden Satzgefüge interpositiv. Wenn man pirm neg als zusammengesetzte Konjunktion betrachtet, würden Sätze, die mit dieser Verbindung beginnen, als präpositiv eingestuft (die Möglichkeit einer doppelten grammatischen Interpretation ist in Tabelle 5 durch einen Pfeil gekennzeichnet).
Bei der ersten Interpretation würden nur solche Sätze als interpositiv gelten, deren Nebensatz in den Hauptsatz eingeschoben ist und dessen Subjekt koreferent mit dem am Satzanfang stehenden Subjekt des Hauptsatzes ist, vgl.:
So auch die Juden / als sie in das von Milch und Honig fließende / oder volle Milch und Honig Land kamen: viel Mühe hatten sie, als sie durch die weiten Wälder gingen [...]. SP II 25828 Ebenso die Juden, bevor sie sich dem Land näherten [...] gingen sie durch die Wüste [...]. SP II 25828
Kaip anói neg mėldės įbėio iżg rubežių Jawú [...]. DP 1171
Jáko oná / nižli Jie modlitá / wyβła z graníc swuch [...]. W3 1182
oder Nebensätze, die die zum Hauptsatz gehörende Zeitangabe näher bestimmen, vgl.:
ſche nakti pirm nei gaidis du kartu giedos / tu mane tris kartus uſſiginsi. BP I 3654
Folgt man der Auffassung, dass der Struktur des Nebensatzes auch bei unmittelbar benachbarter Verwendung von pirm neg nur neg zuzurechnen ist, hätten nur Sätze den Status präpositiver Sätze
30 Hier lassen sich allgemeine Prinzipien der vorgrammatischen Sprachebene erkennen (pre-grammar rules), etwa die Gesetzmäßigkeiten von Sprachintonation und Rhythmus (beim Sprechen werden Elemente mit weniger vorhersehbarem Informationsgehalt hervorgehoben; hervorgehoben werden Elemente, die wichtigere Informationen vermitteln; konzeptuell zusammengehörige Informationsabschnitte werden zu einem gemeinsamen melodischen Konturverlauf verschmolzen, und die Dauer der Pausen zwischen solchen Informationsabschnitten entspricht dem kognitiven Zusammenhang) sowie räumliche Anordnungsprinzipien (spacing rules) – konzeptuell zusammengehörige Informationsabschnitte werden näher beieinander angeordnet (Givón 2009: 326).
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mit dem einzelnen neg (2 solche Sätze finden sich in DP, 1 Satz in SP), vgl. das bereits zuvor zitierte
[...] Neg Abraham wird / schon von den Bösen DP 13029
ir
Wer nichts besitzt, wird dann viel Übles verursachenden Neid und Sorgen auf sich nehmen und tragen müssen.
DP 10039
Denn bevor jemand Reichtum erlangt, muss er viele vergebliche und schädliche Mühen [...] ertragen. W3 10153
sowie
Denn wenn die Krieger zur Krönung kommen, verursachen sie viel Aufruhr auf den Straßen und Lärm zu Ehren des Königs. SP II 16426 Und wenn sie zum Ort der Krönung gelangen, tun sie viel auf den Straßen zum Ruhm des Königs. SP II 16423
Unabhängig von der jeweiligen Interpretation ist eine Tendenz erkennbar, Nebensätze mit (pirm) neg postpositional zu verwenden (der relative Anteil postpositionaler Sätze mit neg in BP, DP und SP beträgt im Durchschnitt mehr als 50%).
T A B E L L E 5. Möglichkeiten der Positionierung eines Nebensatzes mit dem Konnektor neg31
Nebensatz mit | BP (19 Belege) | DP (57 Belege) | SP (11 Belege) | Präpositionale | Interpositionale | Postpositionale | Präpositionale | Interpositionale | Postpositionale | Präpositionale | Interpositionale | Postpositionale | Einleitendes Wort (mit Modifikator) | pirm(a) neg (gemäß der in den Quellen belegten Interpunktion) | 7 | 2... / pirm neg 1...pirm neg 1 | 8 | 2 | 2332 | 4 | 1 | – | neg | – | – | – | 2 | 4 | 3 | 1 | 1 | – | neg(i)... / pirma.... | – | – | – | – | – | – | – | 2 | pirma... / neg(i)... | – | – | – | – | – | 15 | – | – | 4
31Der Pfeil kennzeichnet verschiedene Möglichkeiten, pirm dem Haupt- oder Nebensatz zuzuordnen.
32 14 Belege... / pirm neg; 8 Belege...pirm neg; 1 Beleg pirm / neg.
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Quellkonstituente mit | BP (19 Belege) | Präpositional | Interpositional | Postpositional | DP (57 Belege) | Präpositional | Interpositional | Postpositional | SP (11 Belege) | Präpositional | Interpositional | Postpositional | Insgesamt | Wenn pirm neg als Teil der Struktur der Quellkonstituente betrachtet wird | 7 ~36,8% | 3 ~15,8% | 9 ~47,4% | 10 ~17,5% | 6 ~10,5% | 41 ~72% | 5 ~38,5% | 4 ~30,8% | 4 ~30,8% | Wenn nur neg als Teil der Quellkonstituente betrachtet wird | – | 10 ~52,6% | 9 ~47,4% | 2 ~3,5% | 14 ~24,5% | 41 ~72% | 1 7,7% | 8 ~61,5% | 4 ~30,8%
Eigenschaften der Prädikate
Zusammengesetzte temporale Satzgefüge mit neg vermitteln ein zeitliches Verhältnis zwischen zwei Handlungen, wobei die durch den Hauptsatz bezeichnete Handlung als vor der Grenze der durch den Nebensatz bezeichneten Handlung stattgefunden habend / stattfindend / stattfinden werdend bewertet wird33. Die grammatischen Eigenschaften der Verben, die als Prädikate des Haupt- und des Nebensatzes fungieren, zeigen, dass diese Handlungen gewöhnlich als faktisch bewertet werden34.
Optionen für die grammatische Zeit der Prädikate im Haupt- und Nebensatz
In den Texten aller drei Quellen sind Belege für temporale Sätze mit Prädikaten derselben grammatischen Zeit im Haupt- und Nebensatz häufiger (siehe Tabelle 6). Das häufigste Satzmodell ist Vbūtasis, neg Vbūtasis (der durchschnittliche relative Anteil in allen drei Quellen beträgt ~52%), zum Beispiel:
Ponas Krijfus po fawo prifjkėleimo ifch numiruju / bei pirm nei dangun βengė / iftate ir prifake Apafchtalams kojani fakiti po wilfą fwieta. BP II 11124
In typologischen Untersuchungen werden temporale Relationen zwischen zwei Prädikaten als Ausdrücke einer before, after, when-Beziehung bezeichnet (vgl. Cristofaro 2005: 159). Für das Litauische eignen sich detailliertere Beschreibungen besser; vgl. die Verwendung der Begriffe Zeitpunkt der Handlung vor / nach einer angegebenen Grenze zur Beschreibung der Syntax von Kasus- und Präpositionalkonstruktionen (Gelumbeckaitė 2002: 198–202).33
34 Über Faktualitätsmarkierungen in temporalen Nebensätzen, die eine Beziehung des Typs before (vor) ausdrücken (Cristofaro 2005: 62).
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Alles wusste er vorher, blickte voraus, erwog und bestimmte, bevor es geschah. DP 3359
Alles hatte er zuvor gewusst, vorausgesehen, bedacht und angeordnet, bevor es geschah. W3 34550
Die durchschnittliche relative Gebrauchshäufigkeit des Satzmodells Präsens, neg Präsens beträgt ~6,7%; vgl. die Satzbeispiele:
[...] damit ich zuerst den Geist nähme, bevor der Geist seine Macht nähme [...]. DP 20325
Ich werde es zuvor übertragen, bevor er gibt / seinen Geist gebrauchen lässt [...]. W3 21142
[...] wägt die Worte ab, bevor er etwas ausspricht [...]. SP II 513
[...] wägt die Worte vorher ab, bevor er etwas ausspricht [...].SP II 513
Die relative Gebrauchshäufigkeit des Satzmodells Futur, neg Futur beträgt ~10,3%; vgl. die Satzbeispiele:
[...] und was werde ich tun, bevor ich in die Stadt komme? DP 12634
[...] und was werde ich essen, bevor ich in die Stadt komme? W3 13329
Bevor es vorübergeht, werde ich euch verraten. DP 21228
Bevor sie rufen, werde ich sie erhören. W3 22047
Bei Sätzen mit dem Bestandteil idant, norint weisen die temporalen Grenzpunktsätze mit neg in beiden Teilsätzen Prädikate im Konjunktiv auf, z. B.:
[...] damit er zuvor ein doppeltes Kreuz erduldet hätte, bevor er an einem einzigen aufgehängt worden wäre. DP 1741
[...] damit er zuvor ein doppeltes Kreuz erduldet hätte, bevor er an einem einzigen aufgehängt worden wäre. W3 1835
In allen drei Texten finden sich Wiedergaben des Satzes aus Joh 8,58 mit einem Präsensprädikat im Hauptsatz und einem Präteritumsprädikat im Nebensatz. Dieses Satzmodell (bevor neg / neg Vbūt, Ves) entspricht nicht dem üblichen semantischen Standard35 (demzufolge der durch den Nebensatz bezeichnete Zeitpunkt der Situation als später als die durch den Hauptsatz bezeichnete Handlung bewertet wird), da es auch Beziehungen einer gewissen Gleichzeitigkeit zwischen den bezeichneten Situationen ausdrückt, vgl.:
Bevor Abraham war, bin ich. BP I 3262
/ Bevor Abraham war, bin ich. BP I 3207
[...] Bevor Abraham war, bin ich. DP 12728
[...] bevor Abraham war, bin ich. W3 1359
[...] Bevor Abraham war, bin ich. SP II 10923
[...] bevor Abraham war, bin ich. SP II 11112
[...] Bevor Abraham war, bin ich. VEE 5321
35 Dazu, dass bei einer vor (bis)-Beziehung der abhängige Satzteil auf eine spätere Handlung als die Handlung des Hauptsatzes verweist, siehe Cristofaro (2005: 159).
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[...] bevor Abraham wurde, bin ich. Jn 8,58
[...] bevor Abraham wurde, bin ich. Jn 8,58
TABELLE 6. Grammatische Tempusoptionen von Sätzen mit neg
Satzmodelle | BP | DP | SP Vbūt, neg Vbūt | 7 (~36,8%) | 28 (~49%) | 9 (~69,2%) Vbūt, neg Vtariam | – | 1 (~1,8%) | – Ves, neg Ves | 4 (~21%) | 6 (~10,5%) | 2 (~15,4%) Ves, neg Vbūt | 2 (~10,5%) | 2 (~3,5%) | 1 (~7,7%) Ves, neg Vbūs | 1 (~5,3%) | 3 (~5,3%) | 1 (~7,7%) Vbūs, neg Vbūs | 4 (~21%) | 5 (~8,8%) | – Vliep, neg Vbūs / es | 1 (~5,3%) (es) | 3 (~5,3%) (būs) | – Vtariam, neg Vbūs | – | 4 (~7%) | – Vtariam, neg Vtariam | – | 5 (~8,8%) | –
Prädikatseigenschaften des Hauptsatzes
Die meisten temporalen Nebensätze mit neg haben ein Prädikat im Hauptsatz, das epistemische Modalität ausdrückt (vgl. die in Tabelle 7 aufgeführten Daten). Negation wird ausgesprochen selten verwendet – jeweils nur ein Satz in den Texten von Daukša und Sirvydas³⁶. Zudem ist die Negation in diesen Sätzen nicht standardgemäß (es handelt sich nicht um Satznegation, sondern nur um die Negation eines Satzglieds³⁷). Die Struktur und Bedeutung des Temporalsatzes DP 435₃₃ hängen vom Prädikat des Hauptsatzes ab, dessen Teil der Satz ist: Ein Prädikat evaluativer³⁸ Modalität, das die Meinung des Textautors repräsentiert und eine anderen Autoren zugeschriebene Aussage als nicht-faktisch präsentiert³⁹, neutralisiert die Negation des Temporalsatzes (im Sinne einer Bewertung der propositionalen Wahrheit), vgl.:
[...] er hatte sich betrunken / weil es noch nicht geschehen war, bevor sie aus der Jungfrau Maria geboren wurde. DP 435₃₃
[...] sie wagten zu lästern / dass es nicht eher war als dass es aus der Jungfrau Maria geboren wurde. W³ 451₁₆
36 Der Satz DP 278₂₃ kann positiv interpretiert werden, vgl.: die vor dem Glauben nicht glaubten / sollten nicht gezwungen oder gedrängt werden / sondern sollten gnädig aufgenommen und bekehrt werden [...].
37 Als Satznegation gilt eine morphosyntaktische Konstruktion, deren Funktion (bezogen auf das Hauptverb) darin besteht, den Satz zu negieren. Die Negation eines Satzglieds kann nur ein Satzglied betreffen, vgl. Miestamo (2005: 3f.).
38 Apie vertinamuosius predikatus žr. Holvoet, Judžentis (2003: 168–169).
39 Zum Einfluss einer Negation oder eines negativen Elements im Hauptsatz auf den Nebensatz vgl. Cristofaro (2005: 31; 36–37).
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Im Satz SP I 14327 zieht das Verneinungselement pirm40 die Hauptlast der Negation auf sich; daher kann auch die durch es ausgedrückte Proposition als positiv bewertet werden (die Satzfunktion besteht darin, anzugeben, wann Gott in der Kirche erschien), vgl.:
und Gott selbst war nicht zuerst in der Kirche von Salaman erschienen / noch nicht war sie vollkommen fertiggestellt und vollendet. SP I 14327 Und Gott selbst hatte sich nicht zuerst in der Kirche gezeigt [...] / bis41 sie vollkommen fertiggestellt und vollendet war. SP I 14331
(In der heutigen Sprache wäre die Struktur dieses Satzes anders42.)
Die als Prädikate des Hauptsatzes auftretenden Prädikate epistemischer Modalität und der seltene Gebrauch der Negation können mit einer der wichtigeren Funktionen von Temporalsätzen mit neg zusammenhängen – durch diese zusammengesetzten Sätze werden Informationen über eine Abfolge von Handlungen vermittelt (eine bereits eingetretene oder noch bevorstehende), an deren Faktizität der Narrator nicht zweifelt.
Besonderheiten der Prädikate im Nebensatz
In den Texten BP, DP und SP bilden ausschließlich finite43 Verbformen die Prädikate der Nebensätze in Temporalsätzen mit neg. Im Nebensatz wird keine Negation verwendet.
Als Prädikate im Nebensatz treten meist perfektive Verben auf, die einen resultativen oder terminativen Handlungsaspekt ausdrücken, vgl.:
Doch es war ihnen nicht so genannt worden / Nicht durch den Engel, den heiligen Gabriel, den Sohn Gottes / pirm ehe das Leben begann. BP I 1352 Sprich, o König, Herr / komm, pirm ehe mein Kind stirbt. BP II 4741
Der Verweis auf eine abgeschlossene Handlung wird bisweilen auch durch Verben des Imperfekts ausgedrückt, vgl.:
40 Nach Talmy Givón verändert sich der Wirkungsbereich der Negation in Sätzen, die optionale beziehungsweise fakultative Satzelemente wie Adverbien enthalten. In Sätzen mit Negation ziehen solche fakultativen Elemente die gesamte Negationskraft auf sich (Givón 2001 I: 381–382). In Sätzen ohne solche Elemente bezieht sich die Negationskraft in erster Linie auf das Verb, vgl. Givón (2001 II: 230). Zum linearen Charakter des Skopus der Negation vgl. Huddleston, Pullum (2002: 717, 782).
41 Apie samplaikinį nie pierwszy aż pobūdį plg. Klemensiewicz ir kt. (1955: 468).
42 In der heutigen Sprache werden gewöhnlich Varianten verwendet, in denen die Satzelemente anders angeordnet sind, vgl.: [...] erschien in der Kirche nicht früher, als [sie] vollkommen fertiggestellt war oder [...] erschien nicht früher in der Kirche, als [sie] vollkommen fertiggestellt war.
43 Vytautas Ambrazas führt Beispiele für Sätze mit Biblijos im Bretkuno-Übersetzungstext sowie für Partizipien an, die mit pirm nei verwendet werden (Ambrazas 2006a: 453).
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[...] zuerst gab Gott den Juden nichts / ließ den Wind wehen / damit die Erde zugrunde ginge. SP II 9132
[...] ehe Gott den Juden gab / schickte er zuerst den Wind [...]. SP II 9132
TABELLE 7. Grammatische Merkmale der Temporalsätze mit neg
Sätze mit (pirm) neg
BP
DP
SP
Relativer Gebrauchsdurchschnitt
Hat der Satz mit neg eine unmittelbare oder nicht unmittelbare Verwendung von pirm
19 (100%)
48 (84,2%)
11 (84,6%)
(~89,6%)
Positives Prädikat des Hauptsatzes
19 (100%)
56 (~98,2%)
12 (92,3%)
(~96,4%)
Prädikat des Hauptsatzes mit Negation
–
1 (~1,8%)
1 (7,7%)
(~3,2%)
Prädikat des Hauptsatzes mit epistemischer Modalität
17 (~89,5%)⁴⁴
45 (~78,9%)⁴⁵
12 (~92,3%)
(~86,7%)
Prädikat des Hauptsatzes mit deontischer Modalität
2 (~10,5%)
11 (~19,3%)
–
(~10%)
Semantische Möglichkeiten von Temporalsätzen mit (pirm) neg
Sätze mit neg heben die Reihenfolge der Handlungen hervor, die ikonisch⁴⁶ ausgedrückt werden kann, z. B.:
— — — — — — — — — — — — — — — —
44 Davon weisen 4 Belege Prädikate im Futur auf.
45 Davon weisen 6 Belege Prädikate im Futur auf.
46 Ikonizität wird als Tendenz verstanden, sprachliche Strukturen nach dem Vorbild von Erfahrungen zu gestalten. So werden beispielsweise bei der ikonischen Erzählung von Handlungen diese in der Reihenfolge dargestellt, in der sie stattfanden bzw. stattfinden sollten. Näheres zur Ikonizität siehe Croft (1990: 164, 194), zu den Prinzipien der Ikonizität in der Syntax und zur biologischen Grundlage ikonischer Codes siehe Givón (1990: 966–984), zur ikonischen Motivation als Entsprechung zwischen sprachlicher Struktur und sprachlicher Bedeutung, bei der die Reihenfolge der Teilsätze eines komplexen Satzes den logischen Beziehungen zwischen den Handlungen entspricht, siehe Haiman (1985: 11), Cristofaro (2005: 8).
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[...] vžėik pirm’ / neg numírs funús mánas. DP 355472
oder nicht ikonisch, z. B.:
[...] kuris negi žmogų karalum ir wieβpatim paſtate / pirmą namus iam gražus ir iżdabintus [...] padare. SP I 14317
Sätze mit neg zeichnen sich durch eine doppelte Möglichkeit der semantischen Darstellung (und funktionalen Verwendung) aus: die Bezeichnung einer gewöhnlichen und einer außergewöhnlichen Handlungsabfolge. Eine gewöhnliche (unmarkierte) Handlungsabfolge bezeichnet das in der Realität übliche Verhältnis zwischen zwei Handlungen, z. B.:
[...] ir muſu Tiewu tiewai tokie ira buwen / pirm neg Dievas iemus ſawa Schwenta βodi atſiunte. BP I 1542
Ein beträchtlicher Teil (durchschnittlich ~44%) der Temporalsätze mit neg in BP, DP und SP bezeichnet einen ungewöhnlichen (markierten) Handlungsverlauf bzw. eine ungewöhnliche Handlungsabfolge:
chrýſtus būwo pirm’ neg iżž mergós užgime. DP 4434 Chryſtus byl pierwey niżli ſię z Pánny národźil. W³ 24341
Kurio buwa pramintas nog Angelo / pirm neng ßiwate praſſideia. BP I 1266
[...] kurís wiſſa péržino pirm’ neg tâm pa. DP 2353 [...] ktory wβytko prze wie / pierwey niż ſię oſtanie. W³ 24340
[...] kuris pirm negi kas io melde / pats [...] prałykie iu maldas / paweizdeio unt reykálu iu. SP II 1032 [...] ktory wprzod niż go kto prośił sam [...] uprzedźil ich modły [...]. SP II 1032
[...] ghis ſcho ſerganczio žmogaus apſjim / ghi netiktai žódeis prieſch Phariſeuſchus uſſto-dams / bet ir io ligga prawaridams / pirm nei ghi ſerganſis meldz [...]. BP II 42523
[...] tai wiſſa prâneſſe pirm neg ſtóios. DP 2352 [...] das alles zu erzählen geruhte, bevor es geschah. W³ 24339
Die doppelte semantische Möglichkeit von Temporalsätzen mit neg weist auf einen engen Zusammenhang zwischen der Struktur dieser Sätze und ihrer Verwendung in Diskursen spezifischer Art hin – mit Sätzen mit neg konnte nicht nur eine gewöhnliche Abfolge von Handlungen bezeichnet werden, die darauf abzielt, die Aufmerksamkeit auf die zeitliche Anordnung oder die zeitliche Nähe der Handlungen zueinander zu lenken, sondern auch eine ungewöhnliche Abfolge von Handlungen, die mit der Besonderheit der beschriebenen Subjekte verbunden ist.
Das Verwendungsspektrum von Sätzen mit (pirm) neg wurde in den untersuchten Schriften nicht nur durch das Bestreben der Textautoren gestärkt, dem von den Primärquellen48 vorgegebenen Satzmodell möglichst genau zu entsprechen,
47 Die Originale der bereits zitierten Sätze werden nicht erneut angeführt.
48 Zur Konkretisierung und Interpretation bei der Übersetzung biblischer Texte vgl. Aleknavičienė (2008: 31).
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sondern auch durch das Erfordernis der Predigtgattung, bei der Interpretation der Primärquellen wichtigere Perikopenzitate zu wiederholen.
8 T A B E L L E. Temporalsätze mit neg: semantische Arten der Bezeichnung von Handlungsabfolgen
Handlungsabfolge | BP | DP | SP | Nichtikonisch | Ikonisch | Nichtikonisch | Ikonisch | Nichtikonisch | Ikonisch | Unmarkiert | Markiert | Unmarkiert | Markiert | Unmarkiert | Markiert | Unmarkiert | Markiert | Unmarkiert | Markiert | Unmarkiert | Markiert | Optionen für grammatische Tempora | Präteritum | 2 | – | 2 | 3 | 4 | 1 | 8 | 16 | 6 | 1 | 2 | – | Präsens | – | 1 | – | 3 | 1 | 2 | 2 | – | 1 | – | 1 | – | Futur | – | 4 | – | – | 4 | – | 1 | – | – | – | – | – | Konjunktiv | – | – | – | – | – | – | 5 | – | – | – | – | – | Gemischt | – | 3 | 1 | – | 3 | 2 | 4 | 4 | 1 | 1 | – | – | Insgesamt | 2 | 8 | 3 | 6 | 12 | 3 | 20 | 22 | 8 | 2 | 3 | – | 10 (~52,6%) (markierte Abfolge ~42,1%) | 9 (~47,4%) (markierte Abfolge ~31,6%) | 15 (~26,3%) (markierte Abfolge ~5,3%) | 42 (~73,7%) (markierte Abfolge ~38,6%) | 10 (~76,9%) (markierte Abfolge ~15,4%) | 3 (~23,1%)
SCHLUSSFOLGERUNGEN
In den Texten der Predigtsammlungen von Jonas Bretkūnas, Mikalojus Daukša und Konstantinas Sirvydas wurden für das Alt litauische typische Temporalsätze mit (pirm) neg noch recht häufig verwendet (sie machen durchschnittlich etwa ein Fünftel aller Sätze aus, die in diesen Schriften eine zeitliche Grenze angeben).
Die in der heutigen Sprache bereits verschwundenen Temporalsätze mit neg ohne Korrelatwörter kommen noch in Daukšas Postilėje und Sirvydas’ Punktuose sakymų vor. In Daukšas Postilėje werden Sätze mit neg stellenweise noch unabhängig vom polnischen Original verwendet.
Die in den Perikopen vorkommenden Temporalsätze mit den Konnektoren pirm neg und neg entsprechen den lateinischen Temporalsätzen der Vulgata mit den Konnektoren priusquam oder antequam sowie den griechischen Temporalsätzen des NT mit πρὶν oder πρὸ τοῦ, doch ein systematischer Zusammenhang mit den von den antiken Sprachen angebotenen Satzmodellen besteht nicht.
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Ein größerer struktureller Zusammenhang zeigt sich zwischen den identische Bibelverse wiedergebenden Temporalsätzen in verschiedenen litauischen Quellen, die mit pirm) neg angeschlossen werden: Die darin verwendeten temporalen Konnektoren neg oder pirm neg stimmen überein (unterschiedlich sind lediglich Varianten von neg selbst) und entsprechen der Wahl des einfachen neng oder der adjazenten Verwendung von pirm neng im Text von Vilentos Evangelijų bei Epistolų.
Die hinsichtlich Position und Zeichensetzung variierenden Schreibweisen des Konnektors pirm (...) neg in den Schriften von Daukša und Sirvydas können als Hinweis darauf gedeutet werden, dass der Konnektor neg sich mit dem Korrelatwort pirm zu einem zusammengesetzten Konnektor verbindet. Das Postilės pirm neg Bretkūnas’ lässt sich als bereits fest etablierter zusammengesetzter Konnektor betrachten: In Temporalsätzen mit pirm neg steht ein Satzzeichen allenfalls vor dem gesamten pirm neg, nicht aber, um pirm neg zu trennen.
Die semantischen Möglichkeiten der Temporalsätze mit (pirm) neg weisen auf einen engen Zusammenhang zwischen der Struktur dieser Sätze und ihrer Verwendung in spezifischen Diskursen hin: Mit Sätzen mit (pirm) neg konnte nicht nur eine gewöhnliche, sondern auch eine atypische Abfolge von Handlungen beschrieben werden, die dazu diente, die Besonderheit der beschriebenen Subjekte hervorzuheben.
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Page 22Prijungiamieji laiko sakiniai su jungiamuoju žodžiu (pirm) neg senuosiuose XVI–XVII a. lietuvių raštuose
SP II – Punkty Kazan na Post wielki Językiem Litewskim Przez W. X. Constantego Szyrwida [...] W Wilnie [...] Roku 1644 in Śyrwids Punktay sakimu (Punkty kazań) [...] litauisch und polnisch mit kurzer grammatisher Einleitung herausgegeben von Dr. Franz Specht. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1929.
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Temporal Clauses with Conjunction neg in Old Lithuanian Writings
S U M M A R Y
The article gives an overview of the structure and semantics of subordinate clauses of time boundary with the conjunction (pirm) neg in Old Lithuanian writings (in texts of J. Bretkūnas’ Postilla (1591), M. Daukša’s Postilla (1599) and K. Sirvydas’ Punktai sakymų (I – 1629, II – 1644)). Temporal clauses with the conjunction (pirm) neg were used to express a usual (unmarked) or unusual (marked) temporal relationship of events (posteriority). In all these texts most frequent are temporal clauses with the compound conjunction pirm neg (only the compound conjunction pirm neg is used in temporal clauses in Bretkūnas’ Postilla). Temporal clauses introduced by the single conjunction neg (no longer used as temporal conjunction in Modern Lithuanian) are fixed in Daukša and Sirvydas. Some temporal clauses of Daukša and Wujek have divergent conjunctions. One such clause with neg in Daukša’s pericopes has a structural similarity with its equivalent in Vilentas Euangelijos bei Epistolos (1579)).
Įteikta 2011 m. sausio 3 d.
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
Lietuvių kalbos institutas
P. Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius, Lietuva
E. paštas - [email protected]
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