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JONAS PALIONIS

Forschungsschwerpunkte: Geschichte der litauischen Schriftsprache, Onomastik.

Leszek Bednarczuk

DAS SPRACHLICHE BILD DES GROSSFÜRSTENTUMS LITAUEN. MILLENNIUM LITHUANIAE MIX–MMIX

Kraków: Lexis, 2010, 311 p.

ISBN 978-83-89425-69-0

Das Millennium Litauens, genauer gesagt das Millennium seit der ältesten Erwähnung des Namens Lietuvos in schriftlichen Quellen, fand nicht nur in unserer, sondern auch in der wissenschaftlichen Welt anderer, insbesondere benachbarter Völker ein breites Echo. Es erschienen zahlreiche Artikel zur Erwähnung des Namens Lietuvos (Lituae) in den Quedlinburger Annalen sowie umfangreichere Studien, angeregt durch das Millennium-Jubiläum, in denen die Probleme des wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Lebens des Großfürstentums Litauen (LDK) unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht werden. In einigen von ihnen werden auch die sprachliche Vielfalt und die Sprachbeziehungen im LDK mehr oder weniger ausführlich erörtert. In dieser Hinsicht sticht besonders das 2010 in Krakau erschienene umfangreiche Buch des polnischen Baltisten, Slawisten und Indoeuropäisten Leszek Bednarczuk (Leszek Bednarczuk)1 hervor: Językowy obraz Wielkiego Księstwa Litewskiego. Millenium Lithuaniae MIX–MMIX. Es handelt sich wohl um die erste Studie ihrer Art, in der ein großes Bündel komplexer, nicht nur sprachlicher, sondern auch historischer Probleme untersucht wird, mit denen sich der Autor bereits seit 1974 befasst (in der „Bibliografie“ des Buches sind nicht weniger als 32 Artikel dieser Art aufgeführt)2.

1 Näheres zu ihm siehe in der Lietuvių kalbos enciklopedija. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas, 2008, 74.

2 Unter den Arbeiten anderer Autoren, die unmittelbar mit dem Jubiläum des Namens Litauen zusammenhängen, seien genannt: Białuński G. Misja prusko-litewska biskupa Brunona z Kwerfurtu, Olsztyn: Towarzystwo Naukowe i Ośrodek Badań Naukowych im. Wojciecha Kętrzyńskiego, 2010; Meysztowicz W. Św. Brun na Litwie w 1009 roku. – Lituano-Slavica Posnaniensia. Studia historica 13; Millenium of Lithuania = Millennium Lithuaniae, ed. and text author Mindaugas Šapoka. Vilnius: Lithuanian Art Museum, 2009; Lietuva 1009–2009, sud. Adomas Butrimas, Rūta Janonienė, Tojana Račiūnaitė. Vilnius: Vilniaus dailės akademijos leidykla, 2009; Pietkiewicz K. Początki państwowości litewskiej. – Studia historyków w roku tysiąclecia Państwa Litewskiego. Poznań: Wydawnictwo Poznańskie, 2010; Zinkevičius Z. Netimeras, Zebedenas ir kt. – Baltistika 44(1); Lietuvos vardas. Kilmė ir formų daryba. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos centras, 2010.

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Aus dem einleitenden Wort des Buches („Słowo wstępne“) geht hervor, dass dem Autor nicht nur die Sprachbeziehungen im LDK seit den ältesten Zeiten, sondern auch ihre Entwicklung bis in unsere Tage („do dzisiejszej sytuacji językowej“) am Herzen lag und dass die Grundlage des Buches überarbeitete und präzisierte Fassungen seiner zuvor veröffentlichten Artikel bilden. Die rezensierte Monografie kann daher als korrigierte Synthese seiner früheren Forschungen gelten.

Das Buch umfasst 15 größere und kleinere Kapitel, ergänzt am Ende durch eine umfangreiche Bibliografie (586 Einträge), ein Abkürzungsverzeichnis, Zusammenfassungen in vier Sprachen (Litauisch, Belarussisch, Englisch und Polnisch), zwei Karten (eine ethnolinguistische Karte des LDK und eine Karte der Toponyme des Vilnius-Gebiets mit dem Formans -enientą) sowie eine von Jonas Jurkšas 1985 erstellte Tabelle der Straßennamen der Stadt Vilnius aus dem 16.–20. Jahrhundert.

Der Autor hat die sprachwissenschaftliche Thematik im einleitenden Wort „w pewnym uproszczeniu“ in drei thematische Gruppen unterteilt: 1) Sprachkontakte im LDK (Kapitel I–IV); 2) ethnische Onomastik des LDK (Kapitel V–IX) und 3) in den Gebieten des LDK entstandene Sprachregionalismen. Die für die Untersuchung einer solchen Thematik geeignetste Methode sei nach Ansicht des Autors die arealvergleichende („arealo-porównawcza“), da sie die Interpretation sprachlicher Phänomene unabhängig von ihrer territorialen Verbreitung („niezależnie od granic językowych“) ermögliche. Diesem Interpretationsansatz stehe die Ethnodialektologie am nächsten; vermeintliche Sprachen und Dialekte könne man Ethnolekte nennen (Begriffe des Autors).

Als solche Ethnolekte gelten im ersten Kapitel „Stosunki etnolingwistyczne na ziemiach Wielkiego Księstwa Litewskiego“ (S. 13–26): 1) die litauische Sprache, 2) die belarussische Sprache, 3) die polnische Sprache, 4) die Sprache der litauischen Tataren, 5) die Sprache der Trakai-Karaimen, 6) das nordostjiddische Idiom, 7) die heidnischen Dialekte von Narew („pogańskie gwary z Narewu“) und 8) die Mundart der russischen Altgläubigen. Obwohl das Vorhandensein einiger der hier unterschiedenen Ethnolekte ebenso wie die Existenz mancher nicht erwähnter bezweifelt werden kann, sind ihre Abgrenzung und die Einführung neuer Begriffe doch begründet (die Trennung der Interpretation sprachlicher Phänomene von ihrer territorialen Verbreitung erscheint mir allerdings nicht immer zweckmäßig).

Um sich ein klareres Bild von der Thematik des Buches zu machen und die Bedeutung der Worte des Autors zur Charakterisierung dieser Klassifikation als „w pewnym uproszczeniu“ zu erfassen, ist es sinnvoll, die vollständige Liste der fünfzehn Buchkapitel anzuführen. Abgesehen vom bereits genannten ersten Kapitel lauten die weiteren: II. Drogi christianizacji Litwy (mit dem Anhang „Pogoń i wici“) (S. 27–40); III. Pochodzenie etnosu i języka Białoruskiego (S. 41–60); IV. Język polski na ziemiach WKL (S. 61–99); V. Rzeczpospolita obojga narodów (S. 100–108); VI. Nazwy Wilna i jego mieszkańców w dokumentach WKL (S. 109–122); VII. Nazwiska (od)etniczne mieszkańców WKL (S. 123–158); VIII. Innowacje toponimiczne na ziemiach WKL (S. 159–165); IX. Areały hidronimiczne na ziemiach WKL (S. 166–180); X. Dlaczego za Niemen? (S. 181–185); XI. Słownictwo flisackie na Wilii (S. 186–193); XII. Sytuacja językowa nad Bereziną (S. 194–200); XIII. O języku kronik miejskich Mohylewa i Witebska (S. 201–212); XIV. Polonizmy w zabytkach i gwarach Smoleńskich (mit dem Anhang „List do

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Filipa Obuchowicza...“ und mit der litauischen Kopie des Textes eines in Krakau befindlichen belarussischen Briefes sowie einer Analyse seiner Sprache) (S. 213–254) und XV. Das sprachliche Erbe des Großfürstentums Litauen im Werk von Adomas Mickiewicz (S. 255–280).

Schon an den Titeln der Kapitel und ihrer Anhänge ist zu erkennen, dass das Buch auch Themen enthält, die nicht unmittelbar mit seinem Titel und der darin behandelten Problematik zusammenhängen. Außerdem wird darin der größte Teil der polonistischen Forschung gewidmet, und die linguistische Analyse ist eng mit der Geschichte der im Großfürstentum Litauen lebenden Völker verknüpft. Letztere, allen Kapiteln eigene Besonderheit macht Bednarczuks Arbeit nicht nur für Forscher der baltischen und slawischen Ethnolinguistik, sondern auch für diejenigen interessant und wertvoll, die sich mit der Geschichte dieser Völker befassen.

Insgesamt werden in Bednarczuks Buch so viele Probleme im Zusammenhang mit dem sprachlichen Mosaik und der Geschichte des Großfürstentums Litauen erwähnt und sachkundig erörtert, dass sie sich in einer kurzen Rezension weder alle erfassen noch ausführlicher kommentieren lassen. Daher beschränke ich mich auf einige allgemeine Bemerkungen und auf einige Aspekte des litauischen „Ethnos“, insbesondere auf diejenigen, die von einer originellen Sichtweise des Autors geprägt sind.

Eine dieser Bemerkungen betrifft die bereits erwähnte zeitliche Dimension. Obwohl das Buch der traditionellen Auffassung folgt, dass das Großfürstentum Litauen den Zeitraum von Mindaugas bis zur dritten Teilung des polnisch-litauischen Staates („Rzeczpospolita“) im Jahr 1795 umfasst (S. 13), wird die zeitliche Grenze dieses historischen Phänomens doch häufig überschritten und sogar die Gegenwart erreicht. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Kapiteln, in denen der polnische Ethnolekt und die Besonderheiten des Polnischen in den ethnischen Gebieten des Großfürstentums Litauen beschrieben werden (Kapitel IV und VI). Eine solche Überschreitung der zeitlichen Grenze mag in Kapiteln gerechtfertigt sein, in denen die Herkunft von Ethnonymen erläutert wird; größere Ausflüge ins 19. und 20. Jahrhundert bei der Erklärung der Sprachsituation und der Sprachverhältnisse im Großfürstentum Litauen stehen jedoch weder mit dem Buchtitel noch mit der darin untersuchten Problematik in Zusammenhang. Es wäre gut gewesen, am Anfang des Buches eine Karte des Großfürstentums Litauen einzufügen, auf der seine Grenzen und deren historische Veränderungen deutlich eingezeichnet wären (die am Ende des Buches abgedruckte kleine Karte zeigt nur einen Teil des nördlichen und östlichen Gebiets des Großfürstentums Litauen).

Eine weitere allgemeine Bemerkung betrifft die im ersten Kapitel zu findende Klassifikation der Ethnolekte des Großfürstentums Litauen. In die Liste der erwähnten acht Ethnolekte wurde einerseits der merkwürdig bezeichnete Ethnolekt „heidnische Mundarten von Narew“ („pogańskie gwary z Narewu“) aufgenommen, andererseits fehlt darin die samogitische Sprache (bzw. der samogitische Dialekt).

Zu dem angeblichen „Narevo-Ethnolekt“, dessen Entstehung durch das 1978 von Viačeslav Zinov in einer Siedlung im östlichen Teil des Białowieża-Waldes entdeckte Glossar begründet wurde, das etwa 200 polnische Wörter erklärt, die nach Ansicht von Zigmas Zinkevičius in der zweiten Hälfte des 16. oder zu Beginn des 17. Jahrhunderts ins Jotwingische übersetzt worden sein sollen, gibt es bekanntlich unterschiedliche Meinungen3. Wenn man den sprachlichen Mischbestand des erklärenden Teils dieses Glossars, in dem sowohl lettische als auch finno-ugrische und germanische Elemente zu erkennen sind, als eigenständigen Ethnolekt betrachten würde, wäre der mit diesem Begriff bezeichnete Gegenstand auf einen einzigen (in diesem

3 Plg. Schmid Wolfgang P. Die „Germanismen“ in sog. Polnisch-Jatwingischen Glossar. – Indogermanische Forschungen 91, 273–286.

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(dessen Herkunft zudem unklar ist) Schriftdenkmal eingeengt, und es ließen sich sehr viele solcher Ethnolekte finden. Die Wörter „pogańskie gwary“ wurden der Bezeichnung dieses vermeintlichen Ethnolekts unnötigerweise hinzugefügt; dafür gibt es keine überzeugenden Argumente (der Verweis des Autors auf die in Konstantinas Jablonskis’ Buch Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje angeführten Daten reicht dafür nicht aus).

Dass der samogitische Dialekt nicht in die Liste der Ethnolekte aufgenommen wurde, ist eine erhebliche Lücke, zu der sich der Autor zumindest hätte äußern müssen. Man kann vermuten, dass er deshalb nicht aufgenommen wurde, weil die Samogiten bis zum Sieg in der Schlacht bei Tannenberg häufig sowohl von den Kreuzrittern als auch von den Schwertbrüdern überfallen wurden und zeitweise gleichsam vom Großfürstentum Litauen abgetrennt waren. Tatsächlich bildeten sie jedoch stets einen integralen Teil des Großfürstentums Litauen, wenn auch nicht selten im Dienst der Ziele seiner Herrscher. Die Ausgliederung der Samogiten wie auch anderer Ethnolekte baltischen Ursprungs (Aukštaiten, Dzūken) und ihre Beziehungen zu slawischen (belarussischen, polnischen, russischen) und nichtslawischen (tatarischen, karaimischen, jiddischen, ungarischen) Ethnolekten haben bislang offenbar kaum größere Aufmerksamkeit von Linguisten erhalten und waren nur selten Gegenstand umfassenderer zusammenfassender Untersuchungen, obwohl in den letzten Jahrzehnten immer häufiger Arbeiten zu dieser Problematik erscheinen4.

Wie bereits erwähnt, ist Bednarczuks Buch größtenteils der Polonistik gewidmet, genauer gesagt dem Gebrauch des Polnischen im Großfürstentum Litauen in verschiedenen Entwicklungsphasen und unterschiedlichen Gebieten. Unter dem Aspekt der Ethnolekte werden das Belarussische und das sogenannte Kanzleiruthenische etwas weniger ausführlich beschrieben, das Litauische am wenigsten, obwohl auch einige Probleme der letzteren Sprache, insbesondere der Onomastik, mehr oder weniger eingehend untersucht werden. Das ist völlig verständlich, vor allem angesichts der Tatsache, dass das Buch auf der Grundlage von Artikeln zusammengestellt wurde, die der Autor in verschiedenen Publikationen veröffentlicht hatte und die die Auswahl und Art der behandelten Problematik einschränkten.

Zu den Aspekten des litauischen Ethnolekts ist zu sagen, dass der Autor des Buches zur Darstellung seiner Besonderheiten zahlreiche verschiedene historische Quellen herangezogen hat, die von anderen Forschern (darunter auch litauischen) veröffentlicht und unveröffentlicht in deren Arbeiten verwendet wurden. Außerdem legt er eine Reihe origineller Interpretationen historischer und linguistischer Fakten vor. Hier werde ich nur ein oder zwei umstritten bewertete Fakten zur litauischen Sprache und/oder zur Geschichte Litauens herausgreifen, die im rezensierten Buch originell behandelt werden. Ich beginne mit der Erklärung der Herkunft der Bezeichnung des litauischen Wappens vytis.

Litauische Sprachwissenschaftler und Historiker haben diese Bezeichnung unterschiedlich erklärt. Pranas Skardžius meinte, es handle sich um eine von Simonas Daukantas geschaffene Neubildung – eine Lehnübersetzung aus dem Polnischen pogoń ar pogonia5. Die Historikerin Inge Lukšaitė teilte diese Auffassung jedoch nicht; sie erkannte darin …

4 In diesem Zusammenhang ist besonders die interessante und gehaltvolle Studie des deutschen Historikers Motiejus Niendorfas (Mathias Niendorf) hervorzuheben: Das Großfürstentum Litauen. Studien zur Nationalbildung in der Frühen Neuzeit (1569–1795). Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2006, 329 S. In ihrem Kapitel „Žemaiten ein Fall verhinderter Nationsbildung“ werden gerade die Beziehungen ethnolektischer Art in Samogitien beschrieben; diese Studie blieb Leszek Bednarczuk in seinem Buch jedoch ungenutzt.

5 Diese Auffassung wurde 1937 in Gimtoji kalba Nr. 11, S. 152, in der Antwort auf die Frage eines anonymen Lesers geäußert: „Ist das Wort Vytis (das Zeichen des Volkes) nicht gleichen Ursprungs wie das russische vitiaz?“

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…vytis im Ortsnamen Vutec Kalns (= Vyties kalnas)6, der in einem 1629 in Kęstučiai verfassten Dokument des Amtsbezirks Karšuva von Konstantinas Jablonskis aufgezeichnet wurde, und brachte ihn mit den Personennamen Vygailas, Vytenis, Vytautas (?)7 in Verbindung. Obwohl eine solche Verbindung durchaus gut begründet ist, erklärt sie weder, wann das Wort vytis erstmals in der Bedeutung ‚Wappen‘ verwendet wurde, noch sein Verhältnis zu vi̇t, vi̇c in der Kanzleisprache des Großfürstentums Litauen und zum polnischen wici. Genau diesen Fragen ist Bednarczuks Aufsatz „Pogon i wici“ gewidmet, der in der polnischen Zeitschrift Język polski (66, 1986, S. 165–170) erschien und später, erheblich überarbeitet und gekürzt, als Anhang in das erwähnte zweite Kapitel aufgenommen wurde (S. 38–40).

In seinem Aufsatz hat der Buchautor weitere Quellen angeführt, in denen polnische Entsprechungen von vyties, nämlich pogoń, pogonia, belegt sind, sowie dessen Verhältnis zu wici, das die Bedeutung ‚ein vom König oder vom Sejm versandtes bestimmtes Schreiben oder Edikt‘ hatte. Im Buch wird diesem Verhältnis jedoch vermutlich deshalb wenig Raum gewidmet, weil die sehr unterschiedlichen Bedeutungen dieser Wörter seine Existenz nicht stützen. Viel überzeugender ist Lukšaitės Hinweis, dass es im Heer des alten Litauens „[…] Vyčiai [vom Verfasser des Aufsatzes durchgestrichen] – besondere Reiter, deren Aufgabe es war, den sich zurückziehenden Feind zu verfolgen“8 gegeben habe. Auf Polnisch könnten sie wici genannt worden sein, obwohl weder Bednarczuks Aufsatz noch sein Buch Beispiele für eine solche Bedeutung anführt. Lukšaitės Hinweis stützt die Schlussfolgerung des Verfassers dieser Rezension, dass „die Form des litauischen Staatszeichens – des Wappens – von den Litauern selbst vermutlich im 14. Jahrhundert (vielleicht auch früher?) geschaffen wurde“9. Bednarczuks Buch enthält eine wichtige Präzisierung dieser Schlussfolgerung: Das Wappenbild sei auf dem Siegel Algirdas erschienen, das in den Vertrag mit Kasimir dem Großen von 1366 eingedrückt wurde. Das einzige Exemplar einer Abschrift dieses Vertrags soll in der Czartoryski-Bibliothek in Krakau aufbewahrt werden (S. 40).

Zu den originellen, mit dem litauischen Ethnolekt verbundenen Ansichten zählt die Auffassung des Autors zur im III. Kapitel erörterten Frage der belarussischen Ethnogenese. Auf der Grundlage archäologischer, ethnografischer, anthropologischer und linguistischer Befunde stellt Bednarczuk die bereits 198410 geäußerte Hypothese auf, dass das belarussische Ethnos und die belarussische Sprache infolge der Zugehörigkeit zum Großfürstentum Litauen entstanden seien, dessen politische Grenzen den ethnografischen Raum Belarus’ beinahe genau abgrenzten11. Diese auf dem baltischen hydronymischen Substrat beruhende Hypothese erscheint recht überzeugend.

6 Jablonskis Konstantinas. Lietuviški žodžiai senosios Lietuvos raštinių kalboje. Kaunas: Lietuvos istorijos draugija, 1941, 332.

7 Lukšaitė Inge. Dėl žodžio „vytis“. – Mūsų praeitis 1. Vilnius: Lietuvos istorijos institutas, 1990, 122.

8 Ebenda, S. 121.

9 Palionis Jonas. Kieno sukurtas Lietuvos herbas (vytis)? – Literatūra ir menas. 2002-11-22.

10 Bednarczuk Leszek. Sprawozdania z posiedzeń Komisji naukowych, 1987, 28 (1984), 117.

11 „Es scheint, dass ein eigenständiges belarussisches Ethnos und eine eigenständige belarussische Sprache infolge der Zugehörigkeit zum Großfürstentum Litauen entstanden sind, dessen politische Grenzen den ethnografischen Raum Belarus’ nahezu genau abgrenzen“ (S. 47–48).

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Viele mit dem Ethnolekt der litauischen Sprache zusammenhängende Aspekte werden auch in den Kapiteln erörtert, die dem Gebrauch der polnischen Sprache in verschiedenen Phasen des Bestehens des Großfürstentums Litauen gewidmet sind. So werden beispielsweise in Kapitel VII vielleicht erstmals in der Geschichte der Baltistik derartige slawisierte baltische Ethnonyme beschrieben wie Litwan, Litwasz, Litwosz, Litwach, Litwiniec, Litwinek, Litwinik, Litwak, Litewiak, Litwiniuk, Litewiak, Litwic, Żemojtel, Żmu(j)dzin, Łotysz, Łotwin, Łotyszonok, Łatyszonek, Jatwieżan, Jatwieżin, Jadzwiź(ie). Diese Beschreibung ist für Baltisten zweifellos interessant (sie spiegelt die engen historischen Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Völkern wider), weist jedoch einen bereits erwähnten Nachteil auf: Sie beschränkt sich nicht ausschließlich auf das Großfürstentum Litauen. Sie enthält zahlreiche Belege aus Schriftzeugnissen und der gesprochenen Sprache aus der Zeit nach dem Großfürstentum; häufig wird Kazimierz Rymuts Wörterbuch Słownik nazwisk współcześnie w Polsce używanych, oprac. K. Rymut na podstawie materiałów Rządowego Centrum Informacji PESEL, I–X. Kraków, 1992–1994 herangezogen, dessen Charakter schon aus dem Titel hervorgeht.

Originell und, wie mir scheint, recht überzeugend ist in diesem Kapitel die Deutung des Ethnonyms gūdas. Anders als Kazimieras Būga bringt der Autor des rezensierten Buches dieses Ethnonym mit dem litauischen Adjektiv gudas, in Verbindung, das unter anderem die Bedeutung „gewöhnlich“ hat (LKŽ III 692), die auf „Menschen übertragen worden sein könnte, die schlecht (anders, schlechter) sprachen, als welche die Belarussen galten“ (S. 133). Für diese Deutung spricht meines Erachtens auch, dass das Substantiv gūdas von den Samogiten abwertend für Angehörige anderer Dialektgruppen (Ostaukštaiten) verwendet wird (LKŽ, ebenda).

Auch die Kapitel über den Gebrauch der polnischen Sprache in den nichtethnischen Gebieten des Großfürstentums Litauen, in denen der Autor mit seiner charakteristischen Scharfsicht die bisherigen Untersuchungen zu dieser Problematik zusammenfasst, enthalten interessante Beobachtungen zur Litauistik und allgemein zur Baltistik sowie originelle, durch historische Quellen gestützte Interpretationen von Fakten. So werden etwa in Kapitel VIII 53 Ortsnamen aus Masowien (Mazowsza), Podlachien (Podlasie) und dem Gebiet von Vilnius (Wileńszczyzna) mit den Formanten -ęta / -enięta angeführt, die als Innovationen der ehemaligen Gebiete des Großfürstentums Litauen gelten. Ein Teil von ihnen wird durchaus zu Recht mit einer litauischen Grundlage in Verbindung gebracht: Balenįeta (: bala), Dusinęta (: dusinti), Girbinęta (: gerbti), Gudzieniętz (: gudas), Klidzinįeta (: kliedas), Miedzienięta (: medis), Mieszkienięta (: miškas), Rumienęta (: rumus), Rymszenięta (: Rimša), Urlenięta (: Urликiai, Urlikis), Wojnidzinįeta (: vainoti, *Vainvidas). Der Autor des Buches hat jedoch nur 12 Namen gefunden, die bereits zur Zeit des Großfürstentums Litauen existierten (aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts); die meisten sind daher das Ergebnis einer späteren Polonisierung der Ortsnamen. Außerdem stehen auch die gefundenen Namen meist in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit den angeführten litauischen Appellativa, sondern sind (zumindest überwiegend) anthroponymischen Ursprungs.

Allgemein muss man hinsichtlich der Wiedergabe litauischer Ortsnamen in Bednarczuks Buch wohl oder übel auf einen sehr offensichtlichen methodischen Mangel hinweisen. In den meisten Fällen sind die litauischen Ortsnamen darin nur in polonisierter Form angegeben. Niemand wird bestreiten (auch der Autor des Buches bestreitet dies nicht), dass der Einfluss der polnischen Sprache im Großfürstentum Litauen bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts noch recht schwach war und dass in den ethnisch litauischen Gebieten nicht nur Bauern und Leibeigene, sondern auch die meisten Adligen, Fürsten und Staatsoberhäupter Litauisch sprachen,

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mit anderen Worten: die staatliche Elite. Auch die Namen von Dörfern, Städten und Städtchen in diesen Gebieten waren litauisch; die meisten blieben es auch in den späteren Jahrhunderten (17.–18. Jahrhundert), viele sogar bis in unsere Zeit. Daher ist es aus wissenschaftlicher Sicht nicht korrekt, bei der Untersuchung der Toponymie (und Anthroponymie) litauischen Ursprungs ausschließlich mit polonisierten Formen von Orts- oder Personennamen zu arbeiten. Das ist unter anderem deshalb nicht korrekt, weil ein nichtlitauischer Wissenschaftler aus polonisierten Formen die authentischen Eigennamen falsch rekonstruieren kann, besonders wenn die polonisierten Formen stark von den litauischen abweichen (z. B. Soleczniki / Šalčininkai, Wierzbłow / Virbalis).

Die Tendenz, die litauischen Formen nicht anzugeben, ist besonders typisch für Kapitel VI des Buches, in dem auf Grundlage der Briefe Gediminas’ und anderer historischer Dokumente sowie der Studie Lietuvos miestų vardai von Aleksandras Vanagas aus dem Jahr 2004 die Stadt Vilnius und ihre Umgebung behandelt werden. Nach dem historischen Überblick über den Namen der Stadt Vilnius im ersten Unterkapitel gibt es in den folgenden Unterkapiteln nur sehr wenige authentische litauische Formen. In den übrigen wird fast ausschließlich über polonisierte Bezeichnungen für die Gewässer, Hügel, Vorstädte, Tore der alten Stadtmauer, Straßen und Gassen, Burgen und Türme, bestimmte Objekte (Brücken, Mühlen, Märkte) sowie einige Namen von Einwohnern der Stadt und der Region geschrieben.

Diese einseitige Darstellung der städtischen Toponymie, die sich ausschließlich auf bestimmte schriftliche Quellen stützt und auf die am Ende des Buches beigefügte, noch in der Sowjetzeit (1985) von Jonas Jurkštas erstellte, wenig gelungene und vom Buchautor geringfügig bearbeitete Vergleichstabelle der Straßennamen der Vilniuser Altstadt (S. 308–311)12, kann beim Leser einen falschen Eindruck von einem nichtlitauischen Ursprung des Namens der Hauptstadt des Großfürstentums Litauen hervorrufen. Dass im alten Zeitraum des Großfürstentums Litauen (13.–16. Jahrhundert) viele Straßen von Vilnius litauische Namen hatten, die auf Stadtplänen, Karten oder in offiziellen Schriftstücken auf Deutsch, Polnisch oder in der Kanzleisprache der Slawen aufgezeichnet wurden, dürfte kaum Zweifel hervorrufen. So sind etwa die auf der erwähnten Braun-Karte verzeichneten Straßennamen die Deutsche gasse, S. Johangasse, die Schloßgasse nichts anderes als Übersetzungen der litauischen Straßennamen Vokiečių, Šv. Jono, Pilies. Wie aus der im Buch enthaltenen Liste hervorgeht, gab es bereits im 16. Jahrhundert in polnischen Schriftstücken zahlreiche Straßennamen, die Übersetzungen waren oder anderweitig an das polnische Sprachsystem angepasst wurden, z. B.: Antokolska (/ Antakalnio), Koniska (/ Arklių), Rudnicka (/ Rūdninkų), Tatarska (/ Totorių), Trocka (/ Trakų), Vilenska (/ Vilniaus), Zarzeczna (/ Užupio) und weitere. Das bedeutet jedoch nicht, dass die litauischen Einwohner der Stadt,

12 Diese Tabelle wird hier als wenig gelungen bezeichnet, weil in ihrer ersten Spalte nicht die ältesten Straßennamen von Vilnius (die um 1550 im Braun-Atlas verzeichneten), sondern die in der Sowjetzeit verwendeten Namen aufgeführt sind, von denen zahlreiche geändert worden waren (z. B.: anstelle von Domininkonų – Garnelio, v. Pilies – Gorkio, v. Vokiečių – Muziejaus usw.); außerdem werden in den weiteren Spalten die Quellen der Namen nicht angegeben. Bednarczuk änderte die Bezeichnungen einiger Spalten der Tabelle, die dem Büchlein Vilniaus vietovardžiai von Jonas Jurkštas beigefügt war (abgedruckt in der Publikation Kalba ir žmonės): Man vergleiche die Bezeichnung der ersten Spalte bei Jurkštas „Dabartinis gatvės pavadinimas“ mit Bednarczuks „do 11 III 1990“. Die Bezeichnungen der Spalten 3, 12, 13 und 14 wurden geändert; außerdem wurde die 6. Spalte (1837) weggelassen.

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die damals noch einen beträchtlichen Teil ausmachten, sprachen die Titel der wenigen polnischen Schriften bereits auf Polnisch aus.

Natürlich ist es heute aufgrund des Mangels an schriftlichen Quellen unmöglich, sämtliche Straßennamen Vilnius’ aus der Zeit der Existenz des Großfürstentums Litauen sowie die Namen anderer urbaner Räume zu rekonstruieren. Retrospektiv lässt sich jedoch anhand zeitgenössischer und späterer, in anderen Sprachen (vor allem in der Kanzleisprache der Slawen und auf Polnisch) verfasster Schriften eine beträchtliche Zahl authentischer Bezeichnungen urbaner Räume in Vilnius rekonstruieren. Dies hat der Historiker Jurkštas in der erwähnten Arbeit recht zuverlässig geleistet; meines Erachtens stützt sich der Autor des rezensierten Buches nur wenig auf ihn (obwohl sein Büchlein im Literaturverzeichnis aufgeführt ist und, wie bereits erwähnt, die von ihm zusammengestellte Tabelle der Vilniuser Straßennamen verwendet wurde).

Auch Kapitel IX über die Verbreitungsgebiete baltischer Hydronyme im Großfürstentum Litauen enthält viele interessante Gedanken. Hier wird, vor allem auf der Grundlage der Forschungen Vanagos, die Geographie der Hydronyme mit den Formanten -nt-, -k-, -ykšč- (-ykšt-), -(n)yčia, -ing-, -us, -da unter Wortbildungs- und Herkunftsgesichtspunkten beschrieben, ihr Verhältnis zu slawischen Entsprechungen erörtert und für einige von ihnen eine etymologische Charakterisierung gegeben. Unter anderem wird hier mit guten Gründen behauptet, dass Toponyme und Hydronyme mit -eika auf dem Gebiet von Belarus auf eine vergleichsweise noch nicht lange zurückliegende Präsenz eines baltischen Ethnos hinweisen können (S. 170). Die auf die Auffassung von Tadeusz Lehr-Splawiński gestützte Annahme, der Name des größten Flusses des Großfürstentums Litauen, Nemunas, könne finno-ugrischen Ursprungs sein und mit dem finnischen Wort niemi ‚Landzunge, Kap‘ zusammenhängen, ist jedoch weder wortbildungsmäßig noch semantisch begründet (S. 176). Ebenso schwer ist zu glauben, dass der Name des zwischen Vilnius und Narutis gelegenen Sees und Städtchens Svyriãi (belarussisch Svir, polnisch Świr) finno-ugrischen Ursprungs sein könnte (ebd.) und nicht mit dem litauischen Verb svirti zusammenhinge.

Ein kundiger Litauist könnte in Bednarczuks neuem Buch noch mehr solcher und ähnlicher Zweifel oder diskutabler Punkte finden. Doch gerade das macht die Arbeit dieses polnischen Linguisten interessant und ansprechend und zeugt von der Innovationskraft und der linguistischen Reife des Autors.

Da sich die Rezension vorwiegend auf Anmerkungen zur Litauistik beschränkt und nicht näher auf die zahlreichen im Buch angesprochenen Probleme der Slawistik, insbesondere der Polonistik, eingeht und diese kommentiert, erhebt ihr Verfasser keinen Anspruch auf eine umfassende Bewertung dieses gehaltvollen Buches. Aus dem Gesagten lässt sich jedoch schließen, dass es sich um eine bedeutende Arbeit mit zusammenfassendem Charakter handelt, die zahlreiche neue Daten und Interpretationen für weitere Untersuchungen dieser Art zum sprachlichen Mosaik des Großfürstentums Litauen bereitstellt. Zweifellos wird sie nicht nur die Aufmerksamkeit von Litauisten und Baltisten, sondern auch von Slawisten, insbesondere Polonisten, auf sich ziehen.

Eingereicht am 15. Februar 2012.

JONAS PALIONIS

Juozo Tumo-Vaižganto g. 9–27, Vilnius, Lietuva

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