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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA
X L I V (2 0 0 1), 4 1 – 5 4
Johann Richter
und das Litauische Sprachseminar in Halle*
VINCENTAS DROTVINAS
Vilniaus pedagoginis universitetas
Der Artikel behandelt die Umstände der Gründung des Litauischen Seminars an der Universität Halle und die Tätigkeit des ersten Lehrers dieses Seminars, Johann Richter (1727–1728). Auf der Grundlage von Materialien aus den Archiven der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg werden neue Fakten aus Richters Biografie festgestellt, beispielsweise im Hinblick auf den Ort, an dem er den Magistergrad erwarb (Universität Wittenberg).
Das Litauische Sprachseminar, das von 1727 bis 1740 an der Theologischen Fakultät der Universität Halle tätig war, ist neben der Universität Königsberg ein zweites Zentrum der Litauistik in Deutschland. In Halle wurde Litauisch unterrichtet; hier erschien das erste „Litauisch-deutsche und deutsch-litauische Wörterbuch“ in Preußen (1730). Als Erster schrieb Franz Specht über das Hallesche Seminar (Specht 1935); den umfassendsten Überblick über die Geschichte des Seminars gab Eduard Winter (Winter 1954). Im Kontext der Geschichte der litauischen Sprachwissenschaft und Kultur haben Gertruda Bense, Vaclovas Biržiška, Kostas Korsakas, Leonas Gineitis, Jurgis Lebedys, Jonas Palionis, Domas Kaunas, Zigmas Zinkevičius u. a. über das Seminar geschrieben. Unter den neueren Untersuchungen sind die Veröffentlichungen von Christiane Schiller (Schiller 1994, 1994a) sowie des Verfassers dieses Artikels (Drotvinas 1998, 1998a) zu nennen. Die Geschichte des Seminars ist jedoch bis heute nicht umfassend erforscht.
In diesem Artikel werden wir versuchen, die Umstände der Gründung des Litauischen Sprachseminars in Halle und seine Arbeitsbedingungen etwas eingehender zu untersuchen sowie einige Aspekte aus dem Leben, dem Studium und der Tätigkeit Johann Richters, des ersten Dozenten des Seminars, hervorzuheben.
Wie wir wissen, verwüsteten die große Pest und Hungersnot von 1709–1711 in Preußen besonders Litauen jenseits der Memel: etwa 40% der Dörfer und Städtchen standen leer. Der preußische König Friedrich I. ergriff Maßnahmen, um den wirtschaftlichen und kulturellen Wiederaufbau des von Litauern bewohnten nördlichen Teils seines Königreichs voranzutreiben. Dem Retablissementplan (Restaurationsplan) zufolge ordnete der König in seinem Reskript von 1718 die Einrichtung von Litauischen Sprachseminaren in Königsberg und Halle an. Dies steht im Zusammenhang mit der Königs-
* Der Artikel verwendet Material, das ich während meines wissenschaftlichen Aufenthalts im Jahr 2000 im Archiv der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie im Interdisziplinären Zentrum für Pietismusforschung der Universität Halle-Wittenberg und der Franckeschen Stiftungen gefunden habe. Für das Stipendium und die geschaffenen Arbeitsbedingungen danke ich der Leitung der Fritz Thyssen Stiftung (Köln) und dem geschäftsführenden Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Pietismusforschung, Prof. Dr. Udo Sträter, herzlich. – Im Artikel wird das Material verwendet, das im Archiv der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg während meines wissenschaftlichen Aufenthalts im Interdisziplinären Zentrum für Pietismusforschung der Universität Halle-Wittenberg und der Franckeschen Stiftungen im Jahre 2000 zu finden war. Für das Stipendium und gute Arbeitsbedingungen möchte ich mich ganz herzlich bei der Fritz Thyssen Stiftung Köln und dem Geschäftsführenden Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Pietismusforschung Prof. Dr. Udo Sträter bedanken.
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Die Reform des Professors der Universität Königsberg und Inspektors der Schulen Ostpreußens, Johann Heinrich Lysius (1670–1731), sollte die Ausbildung von Geistlichen und die Katechisation in Kleinlitauen verbessern. In Königsberg nahm das Seminar 1723 seine Tätigkeit auf, in Halle etwas später, erst 1727.
Was war Halle zu Beginn des 18. Jahrhunderts, und warum wurde gerade in dieser Stadt das Litauische Sprachseminar eingerichtet? Welche politisch-kulturelle Atmosphäre herrschte in Halle in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, und welches akademische System galt an der Universität Halle, als Richter und die ersten „gezielt“ entsandten Studenten aus Kleinlitauen eintrafen?
Halle (mitteldeutsch im oberdeutschen Dialekt hal „Salzbergwerk“) wurde erstmals 806 erwähnt, als Karl der Große eine Festung zum Schutz der Salzhändler errichtete. Halle wuchs und blühte dank des Salzabbaus und des Salzhandels; im Mittelalter gehörte es der Hanse an, ab 1680 den Kurfürsten von Brandenburg-Preußen. Ende des 17. Jahrhunderts wurde Halle zu einer Universitäts- und Garnisonsstadt, die von Berlin und Potsdam aus regiert wurde.
1694 gründete Friedrich III. von Brandenburg in Halle eine Reformuniversität als Gegenstück zu den streng lutherischen Universitäten Wittenberg und Leipzig; sie stand im Zusammenhang mit der Entstehung und Verbreitung des Pietismus. Der Pietismus entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als religiöse Bewegung, die sich gegen den übermäßigen Rationalismus des Protestantismus richtete, der die mystisch-sentimentalen Bedürfnisse der Gläubigen und den intimen Charakter des Glaubens missachtete (Arnašius 1994: 53). Als Begründer der pietistischen Ideologie gilt der deutsche Theologe Friedrich Jakob Spener (1635–1705), der 1670 in Frankfurt am Main die Collegia pietatis („Kollegien der Frömmigkeit“) gründete.
Spenerio mokinys ir pasekėjas buvo vokiečių teologas Augustas Hermannas Francke (1663–1727), savo mokytojo pažiūras skelbęs Leipcige bei Erfurte ir už tai atleistas iš kunigo pareigų. Būdamas Hallės priemiesčio Glauchos parapijos kunigu, plėtojo socialinę jaunimo rūpybą ir ugdymą, 1695 m. įsteigė mokyklą varguomenės vaikams ir našlaičių (Waisenhaus, gr. Orphanotrophium), iš jų vėliau išaugo Francke’s fondo institucijos (Franckesche Stiftungen) kaip universiteto struktūrinis priedas. Besikuriančiame Hallės universitete 1691 m. Francke pradėjo dėstyti graikų ir rytų kalbas, buvo glaudus humanistinio mokymo Waisenhauso mokyklose šalininkas, planavo įsteigti specialų filologinį seminarą klasikinėms kalboms studijuoti. Be jo, Halėje dėstė žymus vokiečių filologas klasikas Joachimas Lange, kurio graikų kalbos gramatika, vadinamoji Waisenhauso gramatika, 1705–1821 m. buvo išleista 57 kartus, o lotynų kalbos gramatika per maždaug tą patį laikotarpį sulaukė 60 leidimų (Martens 1989: 167–168). Hallės universitetą garsino žymiausi to meto autoritetai. Iš jų minėtinas juristas, prigimtinės teisės propaguotojas Christianas Thomasius (1655–1728), bene pirmasis Leipcige (ir visoje Vokietijoje) 1687 m. pradėjęs paskaitas skaityti vokiškai, leidęs mokslinį žurnalą Mėnesinės naujienos (Monatliche Nachrichten). Thomasius įteisino vokiečių kalbą kaip universiteto paskaitų kalbą ir kaip priemonę mokslinei publicistikai (nors nenuneigė ir lotynų kalbos, kuria dar buvo rašomos disertacijos). Filosofas Christianas Wolffas (1679–1754), Gotfriedo Wilhelmo Leibnitzo pasekėjas, buvo vadinamas antruoju Vokietijos mokytoju (Praeceptor Germaniae), dėl savo pažangių pažiūrų 1723 m. ištremtas iš Prūsijos, 1740 m. pakviestas atgal į Hallę (Käthe, 1998: 19). Visi jie drauge su teologais Joachimu Justu Breithauptu ir Pauliumi Antonu atsisakė senojo universitetų idealo (Dramblio kaulo bokštas) ir grindė universitetų reformą principu „Mokslas turi tarnauti gyvenimui“. Todėl jie laikomi pirmųjų modernių-
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zu den Gründern der deutschen Universitäten. Die Universität Halle wurde im 18. Jahrhundert das Athen an der Saale genannt (dt. Saal-Athen, nach dem Namen des Flusses, der durch die Stadt fließt, Saale).
Francke selbst war der bedeutendste pietistische Theologe Halles. In seiner Person verbanden sich eine strenge Bußdisziplin und ein originelles Lehr- und Erziehungssystem. Francke war der Wegbereiter von Bildungseinrichtungen, die sich später in Deutschland und im Ausland verbreiteten. Nicht zufällig erhielt die pietistische theologische Fakultät der Universität Halle von König Friedrich I. den Auftrag, pietistische Prediger für die Gemeinden Preußens, vor allem Kleinlitauens, auszubilden. Davon zeugt ein Eintrag in Franckes Tagebuch von 1718: „Der König sandte ein Reskript, dass hier in Halle Menschen (Schulleute) ausgebildet werden sollen, die in Litauen Schulvorsteher und später Prediger sein könnten“ (Winter 1954: 44).
Obwohl der König Francke drängte, die Tätigkeit des Seminars in Halle rascher aufzunehmen, ging alles nicht so schnell wie gewünscht. Zunächst war geplant, ein Seminar für 7–8 Theologiestudenten einzurichten, die Litauisch lernen und später in Kleinlitauen als Prediger tätig sein sollten (Schiller 1994: 205)1. Die Anweisung des Reskripts, in Halle zunächst ein „kleines Seminar“ einzurichten, wurde im Herbst 1725 umgesetzt, als die ersten neun Theologiestudenten aus Ostpreußen nach Halle kamen. Dies ist im königlichen Reskript vom 17. November 1725 vermerkt. Auf dieser Grundlage neigt Winter dazu, dieses Datum als Beginn des Litauischen Sprachseminars anzusehen (Winter 1954: 47), und widerspricht Spechts Auffassung, das Seminar habe 1727 seine Tätigkeit aufgenommen. Die ersten Seminarstudenten erhielten jedoch noch keinen Litauischunterricht, da bis dahin kein Lehrer für diese Sprache gefunden worden war. Deshalb betonte der König in seinen Reskripten vom 2. und 26. Mai sowie vom 12. Juli 1727 erneut, wie wichtig es ihm sei, einen Litauischlehrer zu finden.
Leider zog sich die Suche nach geeigneten Personen erheblich in die Länge. Um diese Verpflichtung zu erfüllen, wandte sich der Leiter der Hallenser Pietisten, Francke, an seine Gesinnungsgenossen in Kleinlitauen mit der Bitte, Kandidaten für das zur Eröffnung vorgesehene Litauische Sprachseminar vorzuschlagen. Franckes Bitte kam der Klaipėdaer Dekan (Erzpriester) Johann Arnold Pauli2 nach. In seinem Brief an Francke vom 26. Januar 1727 empfahl er zwei Kandidaten – Johann Richter und Friedrich Wilhelm Haack – und teilte zugleich mit, dass die beiden litauische Wörter aus gedruckten lutherischen Schriften sammelten und ein Wörterbuch erstellten (Winter 1954: 48; Drotvinas 1998a: 84)3.
Richter wird in königlichen Verordnungen weiterhin erwähnt. Aus den Schriftstücken der königlichen Kanzlei in Berlin erfahren wir von der Bestätigung von Richters Kandidatur. Der König, erfreut darüber, dass es gelungen war, einen Litauischkundigen zu finden, der für die Arbeit am künftigen Seminar in Halle geeignet war, ließ 1727 …
1 „… wollen Sie gerne ein kleines Seminarium in Halle von eben 7–8 Subjectis angerichtet wissen…“ (Schiller 1994: 205).
2 Johannas Arnoldas Pauli (1682–1741) gimė Johannisburge, 1698 m. studijavo teologiją Karaliaučiaus universitete, 1703 m. buvo pradžios mokyklos vedėjas, nuo 1708 m. visos Rusijos evangelikų karo kapelionas ir Peterburgo liuteronų parapijos kunigas inspektorius. Grįžęs į Vokietiją, 1712 m. Frankfurto prie Oderio universitete gavo teologijos daktaro laipsnį, buvo pakviestas į Karaliaučiaus universitetą ekstraordinarių profesorių. Šios vietos atsisakė ir buvo paskirtas Klaipėdos superintend entu (Krollmann 1967: 492). Paulis buvo vienas iš Heinriko Lysijaus redaguoto katekizmo lietuviško vertimo tikrintojų, pritaręs jam 1719 m. spalio 1 d. Domėjosi prūsų kilmės istorija, išspausdino straipsnį Kurzer Entwurf einer Weitläufigen Ausführung einiger Sätze von der alten Preussischen Sprache, Königsberg, 1754 („Kai kurių plačiai išdėstytų teiginių apie senąją prūsų kalbą metmenys“), žr. Biržiška (1963: 34).
3 Aus dem Inhalt des Briefes geht hervor, dass es sich um Paulis Antwort auf Franckes Brief handelt. Leider ist es bislang nicht gelungen, frühere Briefe Franckes zu finden, die den Beginn ihrer Korrespondenz belegen.
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Im Reskript vom 8. September teilte er Francke mit: „Es freut mich, dass der Theologiestudent namens Richter, der gut Litauisch spricht, beschlossen hat, andere in dieser Sprache zu unterrichten“4. Dass Specht tatsächlich recht hatte, bestätigen die Worte des königlichen Reskripts vom 27. November 1727: „Es freut mich sehr, dass mit dem Seminar für litauische Sprache ein Anfang gemacht worden ist“5.
Als das Seminar für litauische Sprache6 seine Arbeit aufnahm, umfasste Franckes Stiftung 3000 Schüler, Lehrer und Erzieher. 1727 studierten an der Universität Halle 256 Theologen, 245 Juristen und 44 Mediziner, insgesamt 549 Studenten. In den zehn Jahren von 1731 bis 1742 studierten in Halle mehr Studenten als an jeder anderen Universität Deutschlands (Dreyhaupt 1755: 147). Die Bibliothek, deren Grundstock neben Geldspenden aus 8 Büchern in sechs Sprachen bestand, verfügte 1721 bereits über 18 000 gekaufte und geschenkte Bücher; 1728 wurden eigens für sie Räumlichkeiten errichtet (Storz 1992). Zu dieser Zeit nahmen eine Druckerei, eine Buchhandlung, ein Bibelverlag, eine Apotheke und weitere Einrichtungen ihre Arbeit auf. Die Studienbedingungen waren jedoch nicht besonders gut: Es fehlte an Dozenten für Theologie, Vorlesungen in Theologie und Philosophie fanden in einem einzigen Raum in der Bibliothek der Marienkirche statt (heute Marienbibliothek); viele Vorlesungen wurden in den Wohnungen der Professoren gehalten, und erst später stellte der Magistrat der Universität Räume für gemeinsame Veranstaltungen und Feierlichkeiten zur Verfügung (sogenannte Waage); siehe Hertzberg (1891). Francke selbst kümmerte sich übrigens um ausländische Studenten (Tschechen, Slowaken, Ungarn) und half ihnen, sich zu besonderen Übersetzergruppen zusammenzuschließen, um die Bibel und andere religiöse Texte in die Nationalsprachen zu übersetzen. Verschiedene Studentenvereinigungen, die mit wohlklingenden, zumindest aus unserer Sicht so benannten Namen bezeichnet wurden, dienten einem vertieften Studium der Bibel und der Theologie im Allgemeinen.
Die Informationen über Johann Richter, seine Studienjahre und seine sprachpädagogische Tätigkeit sind recht spärlich und knapp. Richter7 wurde 1704 in Klaipėda in der Familie eines aus Lübeck stammenden Kaufmanns geboren. Daher konnte er in Klaipėda schon früh etwas Litauisch lernen und erhielt dort auch seine Grundbildung. Am 14. September 1722 immatrikulierte er sich an der Universität Königsberg, wo er Theologie studierte und seine Litauischkenntnisse wahrscheinlich im dortigen Seminar für litauische Sprache vertiefte. Das Studium in Königsberg dürfte zwei bis drei Jahre gedauert haben. Was er bis zu seiner Berufung nach Halle tat, wissen wir nicht8. In dem erwähnten Brief Paulis an Francke heißt es, der Vater habe seinem Sohn gestattet, das Theologiestudium in Deutschland fortzusetzen.
4 „Nechst diesem ist mir lieb, daß ein Studiosus Theologiae namens Richter, so der littauischen Sprache mächtig ist, sich resolviret hat daselbst andere in dieser Sprache zu unterrichten“ (Winter 1954: 48).
5 „Ist mir recht lieb, daß mit dem littauischen Seminar ein Anfang gemacht worden“ (Winter 1954: 49).
6 In Halles Archivdokumenten wird das Seminar unterschiedlich bezeichnet: Seminarium Lithuanicum, Littauisches Seminar, Seminarium Theologicum Lithuanicum, Collegium Lithuanicum, Institutum Lithuanicum.
7 In der litauischen Historiografie wird Johann (Jonas) Richter als Richter II bezeichnet (im Unterschied zu Johann Richter, der auch Rikovius genannt wird); siehe Biržiška (1963: 66).
8 In seinem Brief an Francke berichtet Pauli vom Mangel an Pfarrern in den litauischen Gemeinden und weist darauf hin, dass innerhalb weniger Jahre drei Pfarrer gestorben seien. Besonders schwierig sei die Lage auf der Kurischen Nehrung, wo auf einem schmalen Streifen zwischen Meer und Haff 55 Familien lebten; um ihnen einen Pfarrer zu bringen, müsse man hin und zurück 24 Meilen zurücklegen. Obwohl man nach der Reformation versprochen hatte, einen Pfarrer einzusetzen, hatten die Gemeindemitglieder während anderthalb Jahrhunderten keinen erhalten. Er berichtet auch von der schlechten materiellen Lage der Pfarrer, wenn ein armer Pfarrer von neun anderen Armen unterhalten werden müsse. Wegen des Pfarrermangels hört diese kleine Herde Christi oft vier Wochen oder länger nichts vom Wort Gottes und kann leicht verwildern; sie braucht eine bessere Seelsorge (Winter 1954: 202).
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Über Richters Studium an der Universität Halle erfahren wir aus dem Immatrikulationseintrag vom 15. September 1727: Joh. Richter Memela Bonuss dd Theol. (siehe Abb. 1). Der Eintrag stammt von der Hand des Immatrikulierten selbst, ist knapp und wenig informativ. Als zweites Immatrikulationsdatum wird auch der 18. Mai 1728 angegeben (Winter 1954: 48)⁹. In Halle studierte Richter nicht nur Theologie, sondern war auch der erste Dozent des Seminars für litauische Sprache. Über den Litauischunterricht im Seminar wissen wir leider nur wenig. Für den Litauischunterricht, der wahrscheinlich nach dem Vorbild des Königsberger Seminars zweimal wöchentlich zwei Stunden stattfand, brauchte man ebenso wie für jede Textübersetzung oder die Vorbereitung einer litauischen Predigt Lehrbücher. Richter konnte bereits mindestens drei bis dahin erschienene Grammatiken der litauischen Sprache von Daniel Klein und Sapūnas–Schulz verwenden. Wie aus den Briefen an Francke hervorgeht, stellte sie dem Halleschen Seminar der Königsberger Universitätsprofessor, pietistische Theologe Georgas Friedrichas Rogallis (1701–1733), zur Verfügung. Schwieriger war es mit einem litauischen Wörterbuch: Bis dahin war in Preußen noch keines gedruckt worden. Deshalb schickte wohl derselbe Rogallis aus Königsberg ein handschriftliches litauisch-deutsches Wörterbuch, das Richter abschrieb. Davon zeugt das anonyme Manuskript eines litauisch-deutschen Wörterbuchs, das heute in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen aufbewahrt wird und auf dessen letzter (300.) Seite Richters Hand das Datum des Abschlusses der Abschrift vermerkt hat – A. MDCCXXVIII die 18. Junij. Das Wörterbuch gilt bis heute weithin unkritisch als Werk Richters (dies ist Gegenstand eines eigenen Artikels).
ABB. 1. IMMATRICULATIONSEINTRAG VON JOHANN RICHTER
Was litauische religiöse Bücher betrifft, kam Richter nicht mit leeren Händen nach Halle. Er brachte drei Bücher mit und schenkte sie dem Seminar: die Postilę (1591) von Jonas Bretkūnas, den Psalterą Dowido (1625) von Jonas Rėza und das Naująjį Testamentą (1727). Alle diese Bücher wurden dem Seminar für litauische Sprache mit Richters Eintrag gewidmet: In usum Seminarii Lithuani consecravit Joh: Richter Memela Boruss (siehe Abb. 2 und 3). Diese Widmungstexte sind in mehrfacher Hinsicht wertvoll: Sie sind frühe-
9 Dieses Datum stammt aus dem Protokollbuch des Konvents der Theologischen Fakultät der Universität Halle.
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2 PAV. JOHANNO RICHTERIO DEDIKUOTA JONO BRETKŪNO POSTILĖ (1591)
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3 PAV. JOHANNO RICHTERIO DEDIKUOTAS JONO RĖZOS PSALTERAS DOWIDO (1625)
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Die wenigen authentischen Unterschriften Richters aus der Hallenser Zeit. Wie wir wissen, ist das erwähnte Wörterbuchmanuskript ohne den Namen des Verfassers (oder Abschreibers). Vergleicht man Richters Autograph mit der Handschrift des Wörterbuchs, überzeugt man sich offensichtlich davon, dass das Wörterbuch von Richter eigenhändig abgeschrieben wurde. Schließlich ist hervorzuheben, dass die von Richter dem Litauischen Sprachseminar geschenkten Bücher die ersten litauischen Drucke in Halle waren. Daher kann Richter mit gutem Grund als Begründer der litauistischen Bestände der Bibliothek der Francke’schen Stiftungen gelten10.
Am 20. März 1728 unterrichtet Francke Rogall ausführlich über die Tätigkeit des Litauischen Sprachseminars und das Verhalten seiner Mitglieder. Über Richter und seinen Kollegen Haack schreibt er, dass Herr Richter und Herr Haack, die auf Litauisch unterrichten, ebenfalls die Grenzen des Anstands nicht überschreiten und Gelegenheiten zur geistlichen Vervollkommnung nutzen. Über Richter fügt er noch hinzu, dass Pauli, um dessen Studienabsichten zu stärken, ihm für litauische Einrichtungen zwei Dukaten gegeben habe (Winter 1954: 48).
Ferner wird angegeben, dass Richter am 30. April 1728 an der Universität Halle (tatsächlich in Wittenberg, siehe unten) den Grad magister artium erhielt und im August desselben Jahres Halle verließ. Darüber schrieb Francke am 3. September in einem Brief an Rogall, dass viele Preußen Herrn Richter und Herrn Schraube am Mittwoch bei ihrer Abreise begleitet hätten. Nach seiner Rückkehr nach Kleinlitauen wurde er am 13. Dezember 1728 zum Pfarrer ordiniert und erhielt die Pfarrei in Katyčiai; ab 1736 war er Adjunkt des litauischen Pfarrers an der St.-Jakobs-Kirche in Klaipėda und später Diakon der deutschen Pfarrkirche sowie außerdem Pfarrer auf der Kurischen Nehrung (Nehrungspfarrer), siehe Moeller (1968: 94). Von 1744 bis zu seinem Tod am 14. November 1754 war er Pfarrer der litauischen Gemeinde in Klaipėda. Seine Beziehungen zu Halle brach er nicht ab. In Briefen aus Klaipėda aus den Jahren 1736–1738 schreibt er über religiöse Fragen, ferner über den Bau einer Schule mit vom König erhaltenen Mitteln und anderes11. An litauistischer Tätigkeit war er nicht beteiligt.
Das ist wohl alles, was wir über Richter wissen, den ersten Dozenten des Hallenser Litauischen Sprachseminars12. Natürlich war die Tätigkeit des Litauischen Sprachseminars, die tatsächlich nur knapp anderthalb Jahrzehnte (1727–1740) dauerte, lediglich eine kurze Episode im Leben der Theologischen Fakultät der gesamten Universität Halle; umso unwahrscheinlicher ist es, etwas über die Person Richters zu finden, der dort etwas mehr als ein Jahr tätig war.
In den vergangenen Jahren habe ich mich eingehender mit der Geschichte Halles beschäftigt und Material gefunden, das dazu beiträgt, das akademische Leben der Universität während der Jahre der Tätigkeit des Litauischen Sprachseminars besser zu beleuchten. In den Archiven der Universität Halle und der Francke’schen Stiftungen gelang es, einige neue Angaben über Richters Studien an der Theologischen Fakultät zu finden. Darauf gestützt werde ich versuchen, den einen oder anderen Abschnitt aus Richters Leben in Halle zu erläutern.
Das Studium und die Ausbildung der künftigen Pfarrer waren durch die internen Vorschriften der Theologischen Fakultät geregelt, die auf Franckes Lehr- und Erziehungsmethoden beruhten. Der Pietismus verkündete jede-
10 Die von Richter geschenkten und später vom Seminar erworbenen Bücher in litauischer Sprache stellte zuerst Franz Specht vor (Specht 1935: 49); später präzisierte Gertruda Bense ihre Liste in einer bislang unveröffentlichten bibliografischen Beschreibung, die für Litauisten sehr nützlich ist.
11Archiv der Franckeschen Stiftungen, C 467: Briefe 8, 11, 12.
12 Albertas Juška gibt an, dass die ersten Seminarlehrer A. Pottas und J. Richter gewesen seien (Juška 1997: 573), doch ließ sich ein solcher Nachname in den Hallenser Archiven weder bei einem Studenten noch gar bei einem Dozenten finden. Bekannt ist lediglich August Friedrich Pott (1802–1887), der ab 1833 Professor an der Universität Halle war und sich mit den baltischen Sprachen beschäftigte.
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… des Menschen, Gott aus eigener Kraft zu erfahren und zu erkennen, die persönliche Erringung des Christentums („die Erringung des persönlichen Christentums“) und die Hingabe an Gott („die persönliche Hingabe an Gott“). Das allgemeine Erziehungsprinzip – de cultura animi – soll die Zöglinge durch Unterricht, durch die Schulung des Verstandes und durch Arbeitserziehung auf eine nützliche praktische Tätigkeit vorbereiten. Diese Anforderungen sind in Franckes besonderen Anweisungen dargelegt: „30 Regeln zur Bewahrung des Gewissens und zu gutem Benehmen im Umgang oder in der Gesellschaft“; „Ordnung, die von den Studenten einzuhalten ist, die die kostenlose Verpflegung des Halleschen Waisenhauses in Glaucha in Anspruch nehmen“; „Die akademische Weisheit eines christlichen Theologiestudenten, dargelegt in nützlichen Regeln mit einem Anhang über das Bild des Theologiestudenten“¹³. Bereits in seinem Universalprojekt (1704) vertrat Francke die Auffassung, dass Universitäten zu echten Pflanzschulen und Gottes Gärten werden sollten, in denen alles angelegt, vervollkommnet und fruchtbar gemacht würde. In diesen Anweisungen wird betont, dass Theologiestudenten sich auf die Seelsorge und den Dienst in der Kirche gut vorbereiten sollen; daher sollten sie nicht mit ihrer Kleidung prunken, die Nacht nicht zum Tag und den Tag nicht zur Nacht machen, ihre Zeit vernünftig einteilen, damit die Morgenstunden der Arbeit gewidmet sind und die nächtliche Ruhe dem Körper so viel Erholung gewährt, dass die Gesundheit erhalten bleibt usw. Der Geist pietistischer Frömmigkeit verlangte die Abkehr von der Welt. Theater, Zirkusgastspiele und andere Massenvergnügungen waren in der gesamten Stadt Halle offiziell verboten. Das bedeutete die Forderung an die Studenten, sich jeglicher Unterhaltung zu enthalten; Theater, Tanz und Tabakrauchen generell als gefährliche Leichtfertigkeit zu betrachten und sich nicht für Musik, Kunst und Schöpfungen zu begeistern, die der irdischen Liebe dienen (Kawerau 1888: 90–97; Hertzberg 1891: 104; Martens 1989: 186).
Zur materiellen Unterstützung armer, meist von weit her angereister Studenten wurde der sogenannte königliche, auch preußisch-litauische „Tisch“ (Preußisch-littauischer Freytisch) eingerichtet, das heißt ein Stipendium für kostenlose Verpflegung (Mittagessen). Der erste solche Tisch wurde 1704 für zehn Studenten eingerichtet. Eine Zeit lang gab es sogar 13 Tische, später blieben zehn. 1718 gab es 8 Tische mit jeweils 12 Studenten. Die Zahl der kostenlos verpflegten Studenten hing von freiwilligen Sammlungen und Abgaben aus den Domänen ab (den Tisch der Theologischen Fakultät finanzierte die Verwaltung der preußischen Domänen). Anträge auf kostenlose Verpflegung wurden im Konvent der Ephoren (Aufseher) beraten; freie Plätze wurden ausgelost, doch Studenten, die nicht fleißig studierten und sich unangemessen benahmen, wurden nicht aufgenommen. Im Krankheitsfall wurde das Tischgeld nicht verwendet; jedem Erkrankten wurden für eine Woche drei Pfennige abgezogen. Anfangs konnte man die Leistungen des Tisches drei Jahre lang in Anspruch nehmen, später wurde die Dauer angesichts der wachsenden Zahl der Bewerber auf zwei und sogar auf ein Jahr verkürzt. Jedem Tisch wurde ein Senior (Senior) aus den erfolgreich studierenden und in jeder Hinsicht zuverlässigen Studenten zugeteilt. Die Tische wurden von einem Inspektor kontrolliert, der jeden Montag Konferenzen mit den Senioren abhielt. Alle Tische verwaltete ein Aufsichtsgremium (Collegium Ephphorum), das aus vier Professoren (je einem aus jeder Fakultät), dem Quästor, der die gesamten Finanzen verwaltete, und dem Inspektor bestand. Studenten wurden auch im Waisenhaus verpflegt.
13 „30 Regeln zur Bewahrung des Gewissens und guter Ordnung in der Conversation oder Gesellschaft“, Halle, 1689; „Ordnung so unter denen Studiosis die in dem Waysen=Hause zu Glaucha an Halle des Freyen Kost genießen, zu beobachten ist“, Halle, 1699; „Akademische KLUGHEIT eines christlichen Studiosi Theologiae in einigen nutzlichen Regeln […] Idea Studii Theologiae, oder Abbildung eines Studiosi der Theologie […]“ ertheilet von August Hermann Francke, Halle, in Verlegung des Waysenhauses, 1712.
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Das erste Verzeichnis der Mitglieder des preußisch-litauischen Tisches stammt vom 2. Januar 1728. Darin sind nach dem Senior Straube Richter, Haack und weitere, insgesamt 11 Mitglieder des Litauischen Sprachseminars, eingetragen14 (Drehyaupt 1755: 17).
Neue Erkenntnisse liefern die Akten der Theologischen Fakultät der Universität Halle, die sogenannten Protokollbücher des Konvents der Theologischen Fakultät15, in denen Angaben zum Studienverlauf und zum Verhalten der Studenten enthalten sind (Juntke 1960: 7). Es handelt sich um Protokolle der vom Dekan der Fakultät geleiteten Sitzungen, an denen mehrere Theologieprofessoren oder Dozenten teilnahmen (einige Sitzungsprotokolle sind vom Dekan und einem der Professoren unterzeichnet).
Aus den Protokollbüchern des Konvents wird die soziale Differenzierung der Halleschen Studenten deutlich. Sie unterschieden sich hinsichtlich Alter, sozialer Stellung, Bildung und ihrer Einstellung zum Studium und zum Leben im Allgemeinen. Einige studierten zum ersten Mal und waren die Jüngsten (16–18 Jahre); für andere, die 24 oder sogar etwa 30 Jahre alt waren, war es nicht das erste Studium. Auch ihre Wohnverhältnisse waren unterschiedlich: Die einen lebten im Waisenhaus, die anderen mieteten ein Zimmer in der Stadt; schließlich unterschieden sie sich auch in ihrer wirtschaftlichen Lage: Einige wurden von ihren Eltern unterstützt, andere besserten ihr Auskommen durch Unterricht an verschiedenen Schulen in Halle auf usw. All dies prägte auch das tägliche Verhalten der Studenten.
Was in den Sitzungen erörtert wurde, geht aus dem Inhalt der Protokolle hervor. Zunächst werden Vor- und Nachname des Studenten vermerkt; gewöhnlich werden Herkunftsort und Alter sowie die Dauer des Studiums in Halle angegeben. Genannt werden der Wohnort (der Name des Gastgebers bzw. der Gastgeberin) und der Name des Zimmergenossen (gewöhnlich wohnten zwei Studenten zusammen). In einzelnen Fällen folgen Anträge oder Beschwerden wegen Mittellosigkeit sowie sonstige Wünsche oder Empfehlungen von Höhergestellten. Das zeigt auch das folgende Beispiel: Christoph Liebe, preußischer Litauer, seit 3 Jahren in Halle, hatte auch 5½ Jahre in Königsberg studiert, Mitglied des hiesigen Seminars, wohnt und unterrichtet im Waisenhaus, 27 Jahre alt, gibt ein gutes Beispiel, bittet um ein Zeugnis (Testimonium), da er eine Stelle als litauischer Prediger in Žiliai übernehmen möchte. Da, wie es weiter heißt, Prof. Francke ihn vorschlägt, wird er attestiert (Eintrag vom 28. März 1732). Am häufigsten wird über abgelegte (bestandene) Prüfungen berichtet. Die Einträge enden gewöhnlich mit traditionellen knappen Beurteilungen, einer Art Attesten: bonae mentis, bonae indolis, Excitatur ex acedia, promittit optima. Quod est factum, est per Schedulam usw.
Wie aus den Sitzungsdaten hervorgeht, fanden die Sitzungen unregelmäßig statt, vermutlich je nach Bedarf. Im Frühjahrssemester 1728 tagte man mindestens einige Male. In einer Sitzung wurden jeweils zwei oder drei, manchmal sogar ein Dutzend Studenten besprochen. Ihr Verhalten wurde mit folgenden Worten beurteilt: Videt ur bonae notas, aber blöde; nondum satis notus; bishier weiß man nichts gutes von ihm; Animi non mali, sed scrupulosi. Zahlreiche Protokolleinträge berichten von einem Verhalten der Studenten, das der Studentenordnung16 widersprach. Einige Studenten äußerten sich öffentlich gegen das Theologiestudium. So erklärte Gericke am 10. August 1728 öffentlich, dass er nicht an der Fakultät bleiben wolle; vor dem Dekanskonvent erschien er in roter Kleidung und verkündete sehr unverfroren, dass er nicht die Absicht habe
14 „[...] die Membra, die vorerst wegen ihren Wohlverhaltens dazu verwehlet worden: H.[err] Straube, als Senior, H. Richter, H. Haack, H. Haffenstein, H. Schöneich, H. Wolff, H. Preuss, H. Biermann, H. Grüneberg, H. Gerich, H. Ebenteder“.
15 Archiv der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Rep: 27 B. 4. Tom 3 Nr. 1202 (umfasst den Zeitraum vom 21. November 1721 bis zum 14. Juli 1730).
16 Christian Friedrich Spener wird beschuldigt, über Weihnachten drei Nächte nicht zu Hause übernachtet, sondern im Schlafrock (Schlafrock) im Strohhof (Strohhof) umhergegangen zu sein. Man solle angeblich mit ihm darüber sprechen, ebenso wie mit seinem Zimmergenossen (Crusius), über den Spener sagte, dass auch er im Schlafrock und mit Tabak
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keinerlei Wunsch, Theologie zu studieren. Nicht viel besser verhielten sich die aus Preußisch-Litauen gekommenen Studenten. So lesen wir beispielsweise im Eintrag vom 30. Juni 1730, dass Johannas Gottliebas Perkūnas gottlose Briefe (ge)schrieben habe, sehr unverschämt sei und wegen seines schlechten Benehmens zur Verhandlung gestanden habe usw. Das Leben ging also seinen Gang, und die Universitätsleitung musste beträchtliche Anstrengungen unternehmen, um insbesondere Theologiestudenten von den Versuchungen des Lebens abzuschrecken.
In den genannten Protokollbüchern des Konvents findet sich der Name Richter viermal:
1) – Eintrag vom 9. Dezember 1727: Johannes Richter, Memel-Boruss. muss wegen eines Vergehens in die Arrestzelle; er wohnt bei Frau Gumbrachtin (?)17, siehe unten;
2) Den Namen Richter finden wir in der bereits erwähnten Teilnehmerliste des Litauischen Sprachseminars Freytisch vom 2. Januar 1728. Hier sind die Studenten aufgeführt, die aufgrund ihres guten Benehmens an den preußischen „Tisch“ gewählt wurden. Richter war also aufgrund seines Benehmens und seines Ansehens das erste Mitglied des Freytisch;
3) – Eintrag vom 26. Mai 1728: Johannes Richter, ein Preuße aus Klaipėda, wohnt bei Herrn Horn, einem Buchbinder. [Bestand] die Moraltheologie, Hist. def. et Symb. [Fachbezeichnung unklar – V. D.] anhand des Buches Jesaja. Unterrichtet die litauische Sprache18;
4) – 27. August 1728: Joh. Richter, Memela Borussus. Hier ein Jahr. Kehrt nach Preußen zurück. Gibt Anlass zu Hoffnung, hat sich in letzter Zeit gebessert. War der erste Dozent des Litauischen Sprachseminars19.
Ungeklärt bleibt, welche Bedeutung die Arreststrafe für Richters Schicksal hatte und was die Worte bonae spei in Richters Beurteilung bedeuten. „In letzter Zeit hat er sich völlig gebessert“ (das heißt, früher war nicht alles bonae spei?). Hier müsste man auf den Eintrag vom 9. Dezember 1727 zurückkommen, dem zufolge Richter wegen unangemessenen Verhaltens mit Arrest bestraft wurde. Im Eintrag ist nicht angegeben, worin sich der Student und Seminarlehrer Richter vergangen hatte. Ob Richter tatsächlich Arrest erhielt und wie viele Tage er einsaß, konnte bislang nicht festgestellt werden. Das Universitätsstatut (Kap. 12) besagt, dass die Juristische Fakultät das Verhalten der Studenten beaufsichtigt, mit dem Prorektor und den Dekanen in Verbindung steht, befugt ist, Zivilfälle mit einem Streitwert von bis zu 20 Talern zu entscheiden und über Vergehen zu richten, die mit Arrest bestraft werden (Dreyhaupt 1755: 23). Bekannt ist ein Fall, in dem Studenten wegen ihrer Teilnahme am verbotenen Pfeifenrauchen abends ausgegangen waren (Eintrag vom 6. Februar 1728). Über Joh. Andr. Jaeger aus Magdeburg ist bekannt, dass er nachts draußen in der Stadt umherging und mit Frauen sprach (mit Weibes Volck conversire). Drei Tage zuvor hatte Herr D. Lange selbst vergeblich um 12 Uhr mittags nach ihm gesucht. Sein Verhalten müsse weiter untersucht werden (Eintrag vom 6. Februar 1728). Dies geschah dann am 20. Februar. Johann Konrad Roland, 21 Jahre alt und seit einem halben Jahr in Halle, wurde verwarnt, weil er sich nicht an die Ordnung hielt, nach dem Mittagessen mit einem Gewehr ausging usw. Aus den Protokollen gehen die Liebesabenteuer mancher Studenten hervor. So wurde Christian Gottlieb Gauke, der bei seiner Wirtin Ehrbachin wohnte, am 7. November 1727 verwarnt, weil er sich häufig mit dem Dienstmädchen unterhielt. Er bestritt dies mit der Begründung, das Mädchen wohne nicht mehr in Halle. Er scheint leichtsinnig zu sein. Am 11. November fand man frühmorgens das Dienstmädchen (die Magd) in seinem Bett. Er erklärte, dies sei in seiner Abwesenheit geschehen, und es wurde festgestellt: quod incredibile. Da er das Mädchen gegen den Willen der Wirtin zu sich gebracht hatte, wollte diese ihn nicht länger bei sich behalten. Am 19. Dezember wollte Gauke wieder den Freytisch nutzen. Ihm wurde jedoch vorgeworfen, auf dem Duellplatz erschienen zu sein. Er leugnete dies und auch, sich vor dem akademischen Gericht unverschämt geäußert zu haben. Ihm wurde geraten, sich ein Vierteljahr zurückzuziehen, damit er sich bessern könne. Am 11. Mai legte Gauke Prüfungen ab (in Physik, Exegese, Polemik); er hatte sich also gebessert.
17 „d. 9. Dez. 1727: 3. Joh. Richter, Memel-Boruss. ist aber bald danach umb Umfugs willen in carcerem kommen, log Fr. Gumbrachtin (?)“.
18 „Johannes Richter, Memela Prussus, log. bey Hr. Horn Buchb. Morale, Hist def. et Symb. in Iesaiam. Informiret im Litthauischen“.
19 „Joh. Richter, Memela Borussus. 1 J. hier. Geht zurück nach Preussen. Bonae spei hat sich in der letzten Zeit wohl erhalten. Ist der erste Docens in dem Seminario Lithuanico gewesen“.
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Bei der Versammlung der Stände Niedersachsens wurden mehrere Personen verhaftet und für einige Tage in den Karzer gesetzt (Kertscher 1996: 4). Da der Inhalt und die Umstände von Richters Vergehen ebenso wenig bekannt sind wie das Strafmaß, lässt sich über die Folgen dieser Entscheidung kaum Genaueres sagen. Man kann annehmen, dass dies zumindest in den unmittelbar folgenden Monaten keinen direkten Einfluss hatte: Wie bereits erwähnt, steht Richter auf der Mitgliederliste der Freytisch vom 2. Januar 1728 an erster Stelle nach dem Senior; seinem Verhalten und seiner Autorität nach war er also tatsächlich der erste Nutzer des „Tisches“.
Auch der Zeitpunkt und der Ort, an dem Richter den akademischen Grad magister artium erwarb, sind nicht abschließend geklärt. Winter gibt an, dass im erwähnten königlichen Reskript vom 8. September 1727 von Magister Richter die Rede sei; auch in Paulis Brief an Francke werde er so tituliert (Winter 1954: 48). Wenn dem so war, konnte Richter den Magistergrad nur an der Universität Königsberg erworben haben. Aus den Archivdokumenten geht jedoch hervor, dass Richter in Halle nirgends als Magister bezeichnet wurde. Vaclovas Biržiška behauptet, Richter habe den Grad magister artium in Halle erworben (Biržiška 1963: 66). Das erscheint überzeugend, doch im Archiv der Universität Halle wurden keine Dokumente gefunden, die diese Behauptung bestätigen. Dagegen findet sich Richters Name im Gradverleihungsbuch der Philosophischen Fakultät der Universität Wittenberg. Daraus geht hervor, dass der Griechischprofessor Georg Wilhelm Kirchmaier am 30. April 1728 23 Personen den Magistergrad verlieh, darunter auch Richter: XI. Jo. Richterus, Memela Borussus20. Georg Wilhelm Kirchmaier (1673–1759), Sohn des Griechisch- und Eloquenzprofessors der Universität Wittenberg Georg Gaspar Kirchmaier (1635–1700), übernahm nach dem Tod seines Vaters dessen Lehrstuhl für Griechisch. Sein wichtigstes sprachwissenschaftliches Anliegen war es, die Sprache des Neuen Testaments von Hebraismen zu reinigen (Friedensburg 1917: 592). Kirchmaier lehrte fast 60 Jahre in Wittenberg und hatte zahlreiche Schüler. Bekannt ist, dass Kirchmaier der Bibliothek der Universität Wittenberg 1742 2000 Programme, Dissertationsthesen und Flugschriften schenkte (Programme, Disputationen und Flugschriften), siehe Friedensburg (1917: 536, Anm. 4). Genauere Angaben, etwa zum Thema und Inhalt der Dissertation, zum Betreuer, zu den Opponenten usw., konnten im Archiv der Universität Wittenberg bisher nicht gefunden werden.
Bis heute ist die Frage unbeantwortet, warum Richters Studium und seine pädagogische Laufbahn in Halle so unerwartet endeten. Warum musste Richter, der sich als erster Dozent des Litauischen Sprachseminars hervorgetan hatte, das Seminar bereits nach dem ersten Arbeitsjahr verlassen und Halle ganz den Rücken kehren? Winter stellt lediglich fest, dass Richter Halle verlässt, um in seiner Heimat zu arbeiten (Winter 1954: 54). Aufgrund seiner theologischen Ausbildung (er hatte an zwei Universitäten studiert) und seines Alters (24 Jahre) hätte Richter zum Pfarrer berufen werden können. Angesichts des Mangels an Geistlichen war dies offenbar ausschlaggebend für Richters Rückkehr nach Kleinlitauen. Andererseits gab es mit Haack einen Kandidaten für die Leitung des Seminars.
* * *
So verliefen unter Richters Leitung die ersten Arbeitsjahre des Litauischen Sprachseminars in Halle. Unklar bleibt, wie sich Richters Leben und die Tätigkeit des gesamten Litauischen Sprachseminars entwickelt hätten,
20 „A.C. MDCCXXVIII PRIDIE KAL. MAII ORDINIS PHILOS. QVINTVM DECANO GEORG. G’IL. KIRCHMAIE-RO CONSILIARIV REGIO ET GRAEC. LIT. P. P. SAPIENTIAE ATQ. INGENVARVM ARTIUM MAGISTRI RITE CREATI SVNT TRES ET VIGINTI“. – Universitätsarchiv Halle, Rep. 1, XXXV, 1, Bd. 4 (1714–1812), vgl. auch Juntke (1960: 376).
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wenn Richter länger in Halle geblieben und noch länger Leiter und Dozent des Seminars gewesen wäre. Zweifellos hatte Richter, der erste Seminarlehrer, eigene schöpferische Vorhaben und die Verpflichtung, sich um die Ausarbeitung und Veröffentlichung litauischer pietistischer Literatur und litauischer Lehrmittel zu kümmern; innerhalb eines Jahres gelang es ihm jedoch nicht, etwas Konkretes zu verwirklichen. Man könnte annehmen, dass Richter mit der Übersetzung der 1729 erschienenen Schrift Dawadnas Mokslas apie duszios Iszganima begann, die dann Haack zusammen mit seinen Schülern abschloss.
Pirmuoju Seminaro laikotarpiu (1727–1732) jame dirbo du vedėjai ir docentai – Richteris (1727–1728) ir Friedrichas Wilhelmas Haackas (1728–1732). Jų veiklos rezultatus susumavo Augustas Gotliebas Francke Haacko žodyno (Halle, 1730) pratarmėje (Vorbericht) nurodęs, kad baigė studijas ir jau kunigauja 13 asmenų, o dar 10 studijuoja. Išleista pirmoji Hallėje lietuviška knyga – A. J. Freylinghauseno Ordnung des Heyls (Dawadnas Mokslas apie duszios Iszganimą, 1729), ir svarbiausia – pats žodynas. Galima manyti, kad Richteris buvo pradininkas tų darbų, kuriuos nudirbo jo įpėdinis, antrasis seminaro docentas Haackas. Čia ir yra Richterio indėlis.
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