One Slide About – Leicht verdauliche Häppchen oder doch Happen?
Abstract
Ob Tweet, TikTok-Video oder Elevator Pitch – Informationen pointiert zu verdichten entwickelt sich zur Kunst. Das Format One Slide About (nachfolgend OSA) fordert Kursteilnehmer*innen auf, ein Thema oder eine wissenschaftliche Studie auf einem einzelnen Slide einer Präsentation zu verdichten und diesen den Kommiliton*innen in einem max. 180 Sekunden langen Vortrag vorzustellen. Dieses Format wurde in unterschiedlicher Umsetzung erprobt, mit den Teilnehmer*innen diskutiert und anschließend in Form einer quantitativen Befragung unter folgender Forschungsfragestellung evaluiert: Lässt sich mit dem Format One Slide About sowohl Informationskompetenz üben als auch eine Lehrveranstaltung inhaltlich ergänzen?
Full text
Forschung und Innovation in der Hochschulbildung Carsten Knaut One Slide About Leicht verdauliche Häppchen oder doch Happen?
Forschung und Innovation in der Hochschulbildung herausgegeben von Prof. Dr. Sylvia Heuchemer (Technische Hochschule Köln) Prof. Dr. Reinhard Hochmuth (Leibniz-Universität Hannover) Prof. Dr. Niclas Schaper (Universität Paderborn) Dr. Birgit Szczyrba (Technische Hochschule Köln) Nr. 12 | 2022 | Research Paper
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter https://portal.dnb.de/opac abrufbar. „Forschung und Innovation in der Hochschulbildung“ ist eine wissenschaftliche Schriftenreihe des Hochschulservers „Cologne Open Science“ der TH Köln. Sie wird herausgegeben von Prof. Dr. Sylvia Heuchemer (Technische Hochschule Köln), Prof. Dr. Reinhard Hochmuth (Leibniz-Universität Hannover), Prof. Dr. Niclas Schaper (Universität Paderborn) und Dr. Birgit Szczyrba (Technische Hochschule Köln). Die Verantwortung der Beiträge liegt bei den Autor*innen. Nr. 12 | 2022 | Research Paper Titelgestaltung: Prof. Andreas Wrede / TH Köln Layout: Ariane Johanna Larrat / TH Köln Lektorat und Satz: Ariane Johanna Larrat / TH Köln URN: urn:nbn:de:hbz:832-cos4-9668 Dieses Werk wurde als elektronisches Dokument über Cologne Open Science, dem Hochschulserver der Technischen Hochschule Köln, publiziert. Abruf unter: https://cos.bibl.th-koeln.de
Carsten Knaut | One Slide About Forschung und Innovation in der Hochschulbildung | Nr. 12 | 2022 | Research Paper 4 Zusammenfassung Ob Tweet, TikTok-Video oder Elevator Pitch – Informationen pointiert zu verdichten entwickelt sich zur Kunst. Das Format One Slide About (nachfolgend OSA) fordert Kursteilnehmer*innen auf, ein Thema oder eine wissenschaftliche Studie auf einem einzelnen Slide einer Präsentation zu verdichten und diesen den Kommiliton*innen in einem max. 180 Sekunden langen Vortrag vorzustellen. Dieses Format wurde in unterschiedlicher Umsetzung erprobt, mit den Teilnehmer*innen diskutiert und anschließend in Form einer quantitativen Befragung unter folgender Forschungsfragestellung evaluiert: Lässt sich mit dem Format One Slide About sowohl Informationskompetenz üben als auch eine Lehrveranstaltung inhaltlich ergänzen? Gliederung 1 Einleitung: Kann weniger mehr sein? ........................................................................................................................... 5 2 Fluch und Segen: #LernenMitTikTok ............................................................................................................................ 5 3 Wie kann der Einsatz eines TikTok-ähnlichen Formats in der Lehre aussehen? ................................................................ 5 4 Ersteller*innen: Abstracting als Kompetenz – Das OSA-Format .................................................................................. 6 5 Rezipient*innen: Reflexion in Diskussion oder E-Portfolio ......................................................................................... 7 6 Zeitpunkt: Vertiefung ex-post oder Impuls ex-ante? ................................................................................................... 7 7 Empirische Untersuchung der Hypothesen .................................................................................................................. 8 7.1 Untersuchungsdesign: Stichprobenvergleich/ Informationen zu den Veranstaltungen ............................................................. 8 7.2 Fragebogen ....................................................................................................................................................................................................... 9 7.3 Ergebnisse ...................................................................................................................................................................................................... 10 7. 3. 1 Wahrnehmung des Formats One Slide About.................................................................................................................................. 10 7. 3. 2 Ersteller*innen vs. Rezipient*innen .................................................................................................................................................... 10 7. 3. 3 Ex-post vs. ex-ante ................................................................................................................................................................................... 11 8 Fazit und Ausblick ....................................................................................................................................................... 11 9 Literatur ...................................................................................................................................................................... 12
Carsten Knaut | One Slide About Forschung und Innovation in der Hochschulbildung | Nr. 12 | 2022 | Research Paper 5 1 Einleitung: Kann weniger mehr sein? In der politischen und gesellschaftlichen Kommunikation gewinnen Plattformen wie Twitter und TikTok immer stärker an Bedeutung. Im beruflichen Umfeld werden Ideen häufig nur noch ‚gepitcht‘. All diesen Formaten ist gemein, dass sie eine extreme Verdichtung von Information verlangen. Diese Form der Verdichtung stellt sowohl hohe Anforderungen an die Informationsund Medienkompetenz der Ersteller*innen als auch an die Rezipient*innen der Inhalte. An eine zukunftsorientierte Lehre ergibt sich daraus die Aufforderung, die Herausforderungen und Kompetenzanforderungen dieser Informationsverdichtung mit Studierenden aktiv zu üben. Aus dieser empfundenen Aufforderung entstand das Format One Slide About (OSA). Das OSA-Format fordert Kursteilnehmer*innen auf, ein Thema oder eine wissenschaftliche Studie auf einem einzelnen Slide einer Präsentation zu verdichten und es den Kommiliton*innen in einem max. 180 Sekunden langen Vortrag vorzustellen. Das Format wurde mit Studierenden der Betriebswirtschaftslehre der Technischen Hochschule Köln (TH Köln) in zwei Kursen des Schwerpunktes Personalmanagement erprobt, mit den Teilnehmer*innen diskutiert und anschließend in Form einer quantitativen Befragung unter folgender Forschungsfragestellung evaluiert: Lässt sich mit dem OSA-Format sowohl Informationskompetenz üben als auch eine Lehrveranstaltung inhaltlich ergänzen? Das Format wurde in zwei Kursen mit distinktem Teilnehmer*innenkreis in verschiedenen Varianten operationalisiert und erprobt. Es wurde von den Teilnehmer*innen als bereichernde Abwechslung empfunden und hat sich als gut geeignet erwiesen, um in Form eines Impulses Interesse für ein Thema zu wecken oder um ein Thema zu vertiefen. Die Ersteller*innen entwickeln nicht nur ein tiefgreifendes Verständnis für ihr Thema, sondern auch dafür, wie herausfordernd es ist, komplexe Sachverhalte komprimiert dazustellen. Eine gemeinsame Diskussion der Präsentationen fördert zudem die kritischen Reflexionsprozesse der Rezipient*innen. 2 Fluch und Segen: #LernenMitTikTok Das Videoportal TikTok des chinesischen Unternehmens Bytedance ist eine der am schnellsten wachsenden Onlineplattformen weltweit. Detaillierte Nutzer*innenzahlen sind zwar ein streng gehütetes Geheimnis, die Nachrichtenseite Bloomberg ist im Jahr 2020 jedoch an interne Dokumente gelangt, wonach Tiktok weltweit mehr als 690 Mio. aktive Nutzer*innen verzeichnet (StokelWalker, 2020). In Deutschland schauen mehr als 10 Mio. Nutzer*innen täglich über 60 Minuten Videos auf der Plattform (StokelWalker, 2020) an. Die Inhalte der jeweils nur max. 60 Sekunden langen Kurzvideos beschränken sich dabei schon lange nicht mehr nur auf den Bereich Unterhaltung wie bspw. in Form von Tanzdarbietungen. TikTok hat bereits vor einigen Jahren das Potenzial seiner Plattform und des Formats für die Bildung erkannt. In Deutschland drängt Bytedance mit TikTok aktiv in den Markt der Bildungsangebote. Im Juni 2020 startete TikTok die Initiative #LernenMitTikTok mit dem Ziel, Entertainment und Lernen zu vereinen (TikTok, 2020). Das 60-Sekunden-Format von TikTok erscheint dabei als eine extreme Form des Edutainments, da es in seiner Kürze auf reinen Konsum ausgelegt zu sein scheint. Dennoch gelingt es einigen deutschsprachigen TikTok-Nutzer*innen – so genannten EduToker wie bspw. SteuerFabi, karriereGuru, diePsychologin uvm. – Fachinhalte einem sehr breiten Publikum zugänglich und verständlich zu machen. Welch hohe Qualität die Inhalte der EduToker teilweise haben, zeigt die Grimme-Online-Award-Auszeichnung des EduTokers Niklas Kolorz im Jahr 2021 (Grimme-Online-Award, 2021). Viele dieser EduToker haben hunderttausende Abonnent*innen und ihre Videos werden mehrere Millionen Male aufgerufen. 3 Wie kann der Einsatz eines TikTok-ähnlichen Formats in der Lehre aussehen? Aus Sicht von Lehrenden stellt sich zuerst die Frage, welche Auswirkungen das TikTok-Format und dessen Popularität auf die Erwartungshaltung und das Lernverhalten der Studierenden hat. Einige Forscher*innen schließen, dass sich die Herausforderung der Aufmerksamkeitsökonomie bei Lehrinhalten weiter verstärkt, da die Anspruchshaltung hinsichtlich des Unterhaltungswertes von Wissensvermittlung steige (Rach & Lounis, 2021). Der Begriff der Anspruchshaltung wirkt in diesem Kontext ungerechtfertigterweise negativ konnotiert. Empirische Belege für eine sich verändernde Aufmerksamkeitsspanne von Studierenden gibt es bisher kaum (Wilson & Korn, 2007). Vielmehr hat bereits Lloyd 1968 (zit. n. Wilson & Korn, 2007, S. 86) in einer viel zitierten Studie zur Informationsverarbeitung darauf hingewiesen, dass die Menge und Qualität der aufgenommenen Informationen maßgeblich von der Qualität der Übermittlung abhängig sind. Dass das TikTok-Format durchaus zur Vermittlung von Inhalten in der Hochschullehre geeignet ist, zeigen zahlreiche wissenschaftliche Projekte, die mögliche Anwendungsszenarien erprobt haben. Chemiker*innen der University of York haben bspw. unter dem Account The Chemistry Collective TikTok in der Grundlagenlehre eingesetzt und konnten zeigen, dass das Format geeignet ist, um Interesse für bestimmte Themen zu wecken (Hayes et al., 2020). Eine quantitative Untersuchung
Carsten Knaut | One Slide About Forschung und Innovation in der Hochschulbildung | Nr. 12 | 2022 | Research Paper 6 existierender Inhalte kommt zu dem Schluss, dass insbesondere physikalische und chemische Experimente für dieses Format gut geeignet zu sein scheinen (Zeng et al., 2020, S. 3225). Das Format eignet sich demnach vor allem, um (1.) Impulse zu geben, (2.) Fakten zu teilen oder (3.) Sachverhalte zu demonstrieren. Die Grenzen des Formats liegen aufgrund der Kürze der Videos auf der Hand: Als Vertiefung kann das Format nur schwerlich dienen. Die Darstellung eines komplexen Sachverhaltes wird zwangsläufig zu einer Reduktion der inhaltlichen Tiefe führen. Gleichwohl erscheint das Format aus den o. g. Gründen geeignet, um im Sinne der digitalen Lernszenarien die Lehre anzureichern (Wannemacher, 2016). Um diese theoretischen Annahmen in der Lehrpraxis prüfen zu können, wurde die nachfolgende, erste Hypothese formuliert: H1 Ein TikTok-ähnliches Format ist gut geeignet, um die Lehre anzureichern und in Veranstaltungen Interesse für ein Thema zu wecken. Die bisherigen Ausführungen bezogen sich schwerpunktmäßig auf die Perspektive der Rezipient*innen. Aus didaktischer Sicht erscheint der Mehrwert eines solchen Formates umso größer, da die Erstellung von 60-sekündigen Lehrvideos sowohl ein sehr tiefgreifendes inhaltliches Wissen, als auch eine Vielzahl digitaler Kompetenzen erfordert. Dazu gehören sowohl Kompetenzen im Bereich der Informationsbeschaffung und -verarbeitung als auch Kompetenzen in der Kreation und Produktion von Inhalten (Carretero et al., 2017, S. 22). Die Integration eines solchen Formats in die Lehre sollte daher zum einen die Perspektive der Rezipient*innen, zum anderen den Prozess der Erstellung diskursiv behandeln. Aus diesem Grund wird nachfolgend zwischen Rezipient*innen und Ersteller*innen von verdichteten Inhalten unterschieden. 4 Ersteller*innen: Abstracting als Kompetenz – Das OSA-Format Der Einsatz eines TikTok-ähnlichen Formats in der Hochschullehre sollte in Übereinstimmung mit den intendierten Lernergebnissen (Learning Outcomes) der jeweiligen Veranstaltung erfolgen. Die Erstellung von Videos erfordert Medienkompetenz. Diese ist jedoch nur in wenigen betriebswirtschaftlichen Veranstaltungen an der TH Köln ein zentrales Learning Outcome. Auch ist fraglich, inwiefern die Erstellung von kurzen Videos einen großen praktischen Nutzen für Studierende bspw. betriebswirtschaftlicher Studiengänge hat. Videos spielen als Kommunikationskanal in der beruflichen Kommunikation oftmals bisher nur eine untergeordnete Rolle. Im Berufsalltag dominiert die klassische Präsentation als wichtiges Medium der Informationsvermittlung. Große Relevanz hat im beruflichen Kontext die Fähigkeit, einen Sachverhalt oder eine Argumentation in sehr pointierter Form präsentieren zu können. Die Fähigkeit, Informationen zu kondensieren und zusammenzufassen bezeichnet Potter in seinem Media Literacy Model als „Abstracting“ (Potter, 2004, S. 36). Die Verdichtung fachlicher Inhalte auf einen 60 Sekunden langen Vortrag ist ein komplexer Vorgang, der von Studierenden die folgenden Schritte erfordert: (1.) Lesen und Verstehen, (2.) Analysieren und Interpretieren, (3.) Synthetisieren und (4.) Aufbereiten und Präsentieren (Pinto et al., 2008). Bei der Entwicklung eines möglichen Formats für die Lehre sollte der Aspekt der Kondensierung von Informationen und nicht die Medienkompetenz im Vordergrund stehen. In Anlehnung an das bewährte Format eines Elevator Pitches wurde daher das folgende Learning Outcome formuliert: WAS Die Studierenden können komplexe Inhalte auf einem einzelnen Slide und in Form einer max. dreiminütigen Präsentation aufbereiten, WOMIT indem sie - sich selbstständig fundiertes theoretisches Wissen zu einer komplexen Fragestellung aneignen, - dieses Wissen auf eine Kernaussage verdichten, - und diese Kernaussage pointiert auf einer einzelnen Folie (One Slide About; OSA) aufbereiten, WOZU damit sie komplexe Sachverhalte in einem beruflichen Kontext für den s. g. C-Level aufbereiten und die Grenzen einer solchen inhaltlichen Kondensierung reflektieren können. Dieses Learning Outcome übersetzt das TikTok-Videoformat in ein sowohl für Lehrveranstaltungen als auch für die spätere berufliche Praxis sinnvolles Format. Kern des angestrebten Lernergebnisses bleibt die zeitlich stark limitierte Präsentation eines fachlichen Themas. Der Titel des OSA-Formats macht es für die Studierenden greifbarer und vereinfacht die Kommunikation. In den nachfolgenden Abschnitten werden zu untersuchende Aspekte des Learning Outcomes abgeleitet und für die empirische Untersuchung in Form weiterer Hypothesen formuliert.
Carsten Knaut | One Slide About Forschung und Innovation in der Hochschulbildung | Nr. 12 | 2022 | Research Paper 7 5 Rezipient*innen: Reflexion in Diskussion oder E-Portfolio Aus der Perspektive der Rezipient*innen stellt das OSA eine Form reiner Wissensvermittlung dar. Ohne weitere Handlungsaufforderung können sie sich in die Rolle des*der Konsument*in zurückziehen. In Anlehnung an die vier Schritte des Abstracting (Pinto et al., 2008) erfordert die Erstellung des OSA-Formats hingegen eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema und zugleich eine Vorbereitung der eigentlichen Präsentation. Die zu prüfende Hypothese ist demnach: H2 Ersteller*innen empfinden einen größeren Wissenszuwachs als Rezipient*innen. Da es erstrebenswert ist, auch und gerade bei den Rezipient*innen einen Reflexionsprozess zu aktivieren, wurde das Format in zwei Kursen und zwei unterschiedlichen Varianten umgesetzt. Ziel war es, die Rezipient*innen aus einer reinen Wissensaufnahmerolle in einen Reflexionsprozess zu begleiten. In einem Kurs wurden die OSA-Präsentationen daher wöchentlich durchgeführt und an jede Präsentation schloss sich eine Diskussion mit allen Kursteilnehmer*innen an. Im anderen Kurs fanden alle Präsentationen als Block an einem Tag statt, jedoch waren die Teilnehmer*innen aufgefordert, das Gehörte und Gesehene im Rahmen eines Lernportfolios individuell zu reflektieren. Lernportfolios fordern Studierende dazu auf, sich intensiver mit Themen auseinanderzusetzen und können sich positiv auf die Behaltensleistung auswirken (Gumpert, 2016). Nach der Erfahrung des Autors mit dem Einsatz von Lernportfolios, gelingt die reflektive Auseinandersetzung mit Inhalten häufig jedoch erst nach wiederholter Übung unter aktiver Anleitung. Es wurde angenommen, dass die Erfahrungen aus der Erstellung von eigenen Inhalten allein bereits die kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten Anderer fördern und dass dieser Effekt sowohl durch anschließende gemeinsame Diskussionen als auch eine individuelle Reflexion in einem Lernportfolio gefördert werden kann. Aus den Erfahrungen mit Lernportfolios wurde jedoch unterstellt, dass eine geleitete Diskussion einen größeren Beitrag zum Reflexionsprozess leistet als das individuelle Lernportfolio: H3 Regelmäßige Diskussionen fördern die kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten stärker als die individuelle Reflexion im Lernportfolio. 6 Zeitpunkt: Vertiefung ex-post oder Impuls ex-ante? Allein die Kürze der Zeit begrenzt die Möglichkeiten des OSA-Formats hinsichtlich Umfang und Tiefe der Inhalte. Demnach kann das Format entweder nur eingesetzt werden, um einen ersten, bewusst eher oberflächlichen Impuls zu setzen oder gezielt einen einzelnen Aspekt im Anschluss an einen Theorieblock zu vertiefen. Im Sinn der Unterscheidung von Information und Wissen (North, 2021), lässt sich ohne Vorwissen nur Information, also der Rohstoff (Erpenbeck & Sauter, 2019, S. 212), vermitteln. Erst wenn Vorwissen vorhanden ist, kann Wissen als Stoff vermittelt werden und sich in der aktiven Anwendung Kompetenz entwickeln (Erpenbeck & Sauter, 2019, S. 218). Vor diesem Hintergrund könnte man das Format einerseits zur Vertiefung spezifischer Aspekte eines bereits theoretisch erarbeiteten Themas einsetzen (ex post). In diesem Fall verfügen die Teilnehmer*innen bereits über thematisches Vorwissen, jedoch fehlen den Ersteller*innen zum Zeitpunkt der Erstellung ihres OSA die theoretischen Grundlagen, welche erst im Laufe der Veranstaltung gelegt werden. Daher sind die Ersteller*innen gezwungen, sich die Grundlagen eines Themenkomplexes selbst zu erschließen, um im Anschluss eine fundierte Vertiefung bestimmter Aspekte vornehmen zu können. Andererseits könnte man das Format als Impuls vorab einsetzen, um Informationen zu einem unbekannten Themenkomplex zu vermitteln (ex ante). Da in diesem Fall die Präsentationen zu Beginn des Semesters erfolgen müssten, wäre hier die Vorbereitungszeit eine Herausforderung, da den Ersteller*innen nur wenig Zeit für die Recherche und Vorbereitung ihrer Präsentation bliebe. Mit Bezug auf die bereits zitierten Arbeiten von Erpenbeck und Sauter (2019, S. 218) wurde für die Perspektive der Rezipient*innen angenommen, dass mehr Vorwissen eine Aufnahme und vor allem Verknüpfung der neuen Informationen vereinfacht. Daher wird vermutet, dass die Rezipient*innen bei der Ex-post-Variante mehr inhaltliche Anknüpfungspunkte für sich finden. Als empirisch zu prüfende Hypothese wurde diese Annahme wie folgt formuliert: H4 Rezipient*innen können aus dem Ex-post-Format mehr für sich mitnehmen, als aus dem Ex-ante-Format.
Carsten Knaut | One Slide About Forschung und Innovation in der Hochschulbildung | Nr. 12 | 2022 | Research Paper 8 7 Empirische Untersuchung der Hypothesen Das OSA-Format wurde in zwei verschiedenen Kursen im Wintersemester 2020/2021 in verschiedenen Varianten erprobt. Am Ende des Semesters erfolgte eine quantitative Erhebung mittels Fragenbogen. Nachfolgend werden das Untersuchungsdesign, die Stichprobe und die Ergebnisse der quantitativen Erhebung erläutert. 7.1 Untersuchungsdesign: Stichprobenvergleich/ Informationen zu den Veranstaltungen Um die Hypothesen zur Reflexion (H3, Diskussion vs. Lernportfolio) und zur unterschiedlichen Wahrnehmung (H4, ex-post vs. ex-ante) prüfen zu können, wurde das Format in zwei Kursen unterschiedlich operationalisiert. Im Schwerpunktkurs Personalmanagement im Bachelorstudiengang Betriebswirtschaftslehre an der TH Köln wurden die Teilnehmer*innen aufgefordert, eine wissenschaftliche empirische Studie zu einer spezifischen Fragestellung oder zu spezifischen Aspekten eines Themas auf einer Folie zusammenzufassen. Die Teilnehmer*innen konnten sich ihr Thema aus einer Liste von Vorschlägen aussuchen. Zu jedem Themenvorschlag wurden ergänzende Stichworte als Suchhilfe zur Verfügung gestellt. Bei jedem Themenvorschlag handelte es sich um einen ergänzenden Aspekt zu einem Thema, das in der Veranstaltung behandelt wurde; bspw. wird in einer Veranstaltung das Thema Arbeitsleistung besprochen. Ein Themenvorschlag für ein OSA war hier „One Slide About … Reziprozität und Hilfsbereitschaft“, mit dem ergänzenden Suchbegriff „Organizational Citizenship Behavior“. Der Vortrag wurde in die Veranstaltung zum Thema Arbeitsleistung eingebettet und der Inhalt der Studie in der gesamten Gruppe diskutiert. Abbildung 2 zeigt beispielhaft das OSA zum oben genannten Thema. Bei diesem Slide handelt es sich, gemäß der zuvor an die Studierenden kommunizierten Bewertungskriterien, um ein durchschnittliches OSA. Abbildung 1: Beispielhaftes OSA. In der Wahlpflichtveranstaltung Digitale Arbeitswelt im Bachelorstudiengang Betriebswirtschaftslehre an der TH Köln konnten die Teilnehmer*innen einen Begriff aus einer Liste wichtiger Fachbegriffe der Digitalisierung wählen und waren aufgefordert, diesen Begriff auf einer Folie vorzustellen. Auf ihrer Folie sollten sie den Begriff kurz definieren, in Form eines Bildes visualisieren und an einem Beispiel mit Bezug zum Thema Human Resource Management veranschaulichen. Die Vorstellung der Slides und Begriffe erfolgte in virtuellen Räumlichkeiten in Form einer Ausstellung (via gather.town, s. Abb. 2).
Carsten Knaut | One Slide About Forschung und Innovation in der Hochschulbildung | Nr. 12 | 2022 | Research Paper 9 Abbildung 2: Präsentation der Slides in gather.town. Eine Zusammenfassung der Kurse, Operationalisierung und Stichprobenstruktur kann der nachfolgenden Tabelle entnommen werden (s. Tab. 1). Tabelle 1: Kurse, Operationalisierung und Stichprobenstruktur im OSA-Format. Gruppe 1 (G1) Gruppe 2 (G2) Kurs Personalmanagement 2 Digitale Arbeitswelt Infos zum Kurs B.Sc. Pflichtkurs im Schwerpunkt Personalmanagement B.Sc. Wahlpflichtkurs im Schwerpunkt Personalmanagement Anzahl Teilnehmer*innen (n) 33 16 OSA-Inhalt Wissenschaftliche Studie Einzelner Fachbegriff Format Ex-Post: Jede Woche zwei bis drei Vorträge zur Vertiefung zuvor behandelter theoretischer Inhalte Ex-Ante: Alle Präsentationen in einer Veranstaltung zwecks Einführung wichtiger Fachbegriffe Reflexion Wöchentliche Diskussion (Gruppe) Lernportfolio (individuell) Prüfungsleistung der Veranstaltung Präsentation (10%) + Hausarbeit (20%) + Klausur (70%) Gruppenpräsentation (30%) + Lernportfolio (70%) 7.2 Fragebogen Der Fragebogen umfasste sieben geschlossene und eine offene Frage. Die einzelnen Items des Fragebogens werden im Rahmen der Auswertung jeweils angegeben, sodass an dieser Stelle auf eine separate Erläuterung des Fragebogens verzichtet werden kann. Die Einschätzung der Studierenden wurden bei allen Items mit einer siebenstufigen Likert-Skala erfasst, mit dem Wert 1 für „trifft voll und ganz zu“ und dem Wert 7 für „trifft überhaupt nicht zu“.