Risiko im Wandel als Herausforderung für die Versicherungswirtschaft
Abstract
In 2021 feiert die Technische Hochschule Köln (TH Köln) ihr 50-jähriges Jubiläum und damit auch das Institut für Versicherungswesen (ivwKöln), wobei sich inzwischen Forschung, Lehre und Transfer in die Praxis auf alle Risikofelder des Versicherungsgeschäfts und alle Kompetenzbereiche der Versicherungsunternehmen beziehen. Anlässlich dieses Jubiläums hat das ivwKöln daher in einem Band „Risiko im Wandel. Herausforderung für die Versicherungswirtschaft“, der in 2022 als Open Access erscheinen wird, die Vielfalt von Forschung und Praxis aller Mitwirkenden an der Arbeit des Institutes gebündelt zusammengefasst. Der nachfolgende Beitrag soll schon vorab einen Überblick der verschiedenen Forschungsthemen geben.
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Forschung am ivwKöln Band 4/2021 Risiko im Wandel als Herausforderung für die Versicherungswirtschaft Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums der TH-Köln in 2021 Institut für Versicherungswesen
Forschung am ivwKöln, Band 4/2021 Institut für Versicherungswesen Risiko im Wandel als Herausforderung für die Versicherungswirtschaft Zusammenfassung In 2021 feiert die Technische Hochschule Köln (TH Köln) ihr 50-jähriges Jubiläum und damit auch das Institut für Versicherungswesen (ivwK öln), wobei sich inzwischen Forschung, Lehre und Transfer in die Praxis auf alle Risikofelder des Versicherungsge schäfts und alle Kompetenzbereiche der Versicherungsunternehmen beziehen. Anlässlich dieses Jubil äums hat das ivwKöln daher in einem Band „Risiko im Wandel. Herausforderung für die Versicherungswirtschaft“, der in 2022 als Open Access erscheinen wird, die Vielfalt von Forschung und Praxis aller Mitwirkenden an der Arbeit des Institutes gebündelt zusam mengefasst. Der nachfolgende Beitrag soll schon vorab einen Überblick der verschiedenen Forschungsthemen geben. Abstract In 2021, the TH Köln - University of Applied Sciences celebrates its 50th anniversary as well as the Institute of Insurance Studies (ivwKöln) where, actually, research, teaching and transfer into the practice cover all topics of insurance business and insur ance companies. With respect to this anniversary, ivwKöln has combined diverse t opics covering research and practice in an open access volume that will be published in 2022. In this paper, an overview of those research topics will be given in advance.
- 1 - Inhalt VORAB: RISIKO IM WANDEL ALS HERAUSFORDERUNG ..................................... 3 1 RISIKO IM WANDEL ........................................................................................... 4 1.1 RISIKOWAHRNEHMUNG UND RISIKOWIRKLICHKEIT .............................................. 4 1.2 RISIKOWAHRNEHMUNG DURCH UND NACH CORONA ........................................... 4 1.3 VOLKSWIRTSCHAFTLICHE EINORDNUNG DER PANDEMIESCHÄDEN ....................... 5 1.4 RISIKO UND ALTERSSICHERUNG ....................................................................... 5 1.5 DIE ABSICHERUNG VON PFLEGEKOSTENRISIKEN ................................................ 6 1.6 KLIMAUND NACHHALTIGKEITSRISIKEN FÜR VERSICHERUNGEN .......................... 6 2 UMGANG MIT RISIKO ........................................................................................ 7 2.1 DIE GRENZEN DER VERSICHERBARKEIT ............................................................ 7 2.2 DAS SICHERHEITSVERSPRECHEN IM WANDEL ................................................... 8 2.3 VT-RISIKEN IN DER BERUFSUNFÄHIGKEITSVERSICHERUNG ................................. 8 2.4 ABDECKUNG VON CYBER-KUMULSCHÄDEN ....................................................... 9 2.5 MANAGEMENT VON KOMPLEXITÄT AM BEISPIEL VON COVID 19 ........................... 9 3 RISIKO UND RECHTLICHE HERAUSFORDERUNGEN ................................. 10 3.1 HACKERANGRIFF AUF EIN AUTONOM FAHRENDES FAHRZEUG ............................ 10 3.2 KLIMAERWÄRMUNG UND ELEMENTARSCHADENVERSICHERUNG ......................... 10 3.3 VERSICHERUNGSFINANZIERTE BETRIEBLICHE ALTERSVERSORGUNG .................. 11 3.4 STEUERRECHT UND VERSICHERUNGSWIRTSCHAFT .......................................... 11 4 HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE VERSICHERUNGSWIRTSCHAFT ........ 13 4.1 DIE BISHERIGEN KAPITALMARKTKRISEN IM 21. JAHRHUNDERT .......................... 13 4.2 DIGITALISIERUNG UND RISIKOTRANSFER ......................................................... 14 4.3 INTERNATIONALE STANDARDS ISTQB UND IREB ............................................ 14 4.4 FÜHRUNG ERNST NEHMEN ............................................................................. 14 4.5 PERSONALMANAGEMENT − BEITRAG DES IVWKÖLN ......................................... 15 4.6 RISIKEN IM VERSICHERUNGSVERTRIEB ........................................................... 15 ZUM SCHLUSS: DIE ARCHE NOAH AUS DER SICHT DER SEEKASKO .............. 16
- 2 - In 2021 feiert die Technische Hochschule Köln (TH-Köln) ihr 50-jähriges Jubiläum und damit auch das Institut für Versicherungswesen (ivwKöln), wobei sich inzwischen Forschung, Lehre und Transfer in die Praxis auf alle Risikofelder des Versicherungsgeschäfts und alle Kompetenzbereiche der Versicherungsunternehmen beziehen. Anlässlich dieses Jubiläums hat das ivwKöln daher in einem Band Institut für Versicherungswesen (ivwKöln) Hrsg.: Risiko im Wandel. Herausforderung für die Versicherungswirtschaft. Springer Verlag, Heidelberg, 2022, der als Open Access erscheinen wird, die Vielfalt von Forschung und Praxis aller Mitwirkenden an der Arbeit des Institutes gebündelt zusammengefasst. Der nachfolgende Beitrag mit den (ggf. redaktionell bearbeiteten) Zusammenfassungen für die einzelnen Forschungsbeiträge soll schon vorab einen Überblick über die Themenvielfalt dieses Werkes geben, wobei (in alphabetischer Reihenfolge) folgende Autoren zu diesem Band beigetragen haben: Nicole Antonczyk Prof. Dr. Christine Arentz Jonas Arenz Prof. Dr. Rolf Arnold Prof. Dr. Jochen Axer Prof. Dr. Matthias Beenken Marcel Berg Max Bierwirth Robin Biskup Frank Cremer Leyla Dalir Daniel Eichner Katharina Faßbender Christian Fritsch Prof. Dr. Oskar Goecke Prof. Dr. Dirk-Carsten Günther Prof. Dr. Maria Heep-Altiner Prof. Dr. Michael Hüther Dr. Tim Jannusch Gina-Luisa Kothe Sina Kühner Dr. Uwe Langohr-Plato Dr. Ines Läufer Prof. Dr. Alex Lechleuthner Prof. Dr. Karl Maier Prof. Stefan Materne Prof. Dr. Hans-Peter Mehring Prof. Horst Müller-Peters Prof. Dr. Torsten Oletzky Prof. Dr. Lutz Reimers-Rawcliffe Yannik Remond Juliane Ressel Prof. Dr. Torsten Rohlfs Prof. Dr. Jan-Philipp Schmidt Prof. Dr. Bernd Schnur Robin Schüssler Prof. Jürgen Strobel Ken Tribull-Potapczuk Prof. Dr. Michaele Völler Jonas Warnke Benedikt Weiss Erik Winkler Prof. Dr. Gabriele Zimmermann Die Projektorganisation wurde dabei von einem Redaktionsteam des ivwKöln durchgeführt − namentlich in alphabetischer Reihenfolge: Prof. Dr. Rolf Arnold, Marcel Berg, Prof. Dr. Oskar Goecke, Prof Dr. Maria Heep-Altiner und Prof. Horst Müller-Peters.
- 3 - Vorab: Risiko im Wandel als Herausforderung für die Versicherungswirtschaft „Risiko als ein prägendes Element unserer Gesellschaft kann man nicht völlig vermeiden, aber durch ein angemessenes Risikomanagement beherrschbar(er) machen. In Ergänzung zum technischen Risikomanagement fokussiert das finanzielle Risikomanagement auf die Bewältigung finanzwirtschaftlicher Risiken; Kernaufgabe des aktuariellen Risikomanagements ist dabei die Bewertung der finanzwirtschaftlichen Risiken durch geeignete mathematische Modelle und Methoden.“1 Risiko (in der klassischen einseitigen Definition) bedeutet zunächst einmal ganz allgemein eine mögliche negative Abweichung (im Sinne einer quantifizierbaren Größe) von einem erwarteten Niveau. Die Verhinderung, Reduzierung und Bewältigung von Risiken findet allgemein im Rahmen des Risikomanagements statt; dieses kann technisch (d. h. Prävention, Reparatur oder Wiederaufbau) aber auch finanziell (d. h. eigene Rücklagenbildung oder Kollektivierung in einem privatoder öffentlich-rechtlichen Kollektiv) erfolgen. Versicherung in diesem Zusammenhang ist die klassische Form eines privatrechtlich organisierten Kollektivs zur gemeinsamen Tragung des durch spezifizierte Risiken verursachten finanziellen Schadens.2 Die Themenbereiche Risiko (im Allgemeinen) und Versicherung (im Speziellen) ziehen sich daher durch die theoretischen und praktischen Arbeitsgebiete aller für das Institut für Versicherungswesen an der TH Köln in Forschung und Lehre wirkenden Personen, die zu dem vorliegenden Band beigetragen haben. Die einzelnen Beiträge wurden dabei zur besseren Übersicht in die Themenbereiche • Risiko im Wandel, • Umgang mit Risiko, • Risiko und rechtliche Herausforderungen sowie • Herausforderungen für die Versicherungsindustrie aufgeteilt, wobei im Folgenden ein thematischer Überblick über die einzelnen Bereiche und die jeweiligen Beiträge auf Basis der (ggf. redaktionell bearbeiteten) Kurzzusammenfassungen vorgenommen wird. 1 Institut für Versicherungswesen (2021): Forschungsbericht für das Jahr 2020, S. 17, https://cos.bibl.thkoeln.de/frontdoor/deliver/index/docId/929/file/01_2021_pub.pdf, Zugriff am 10.11.2021. 2 Institut für Versicherungswesen (2022): Vorab: Risiko im Wandel als Herausforderung für die Versicherungswirtschaft, in: Institut für Versicherungswesen 2022.
- 4 - 1 Risiko im Wandel Bei jedem Risiko muss bewertet werden, wie stark eine negative Abweichung von einer Erwartung auch als „störend“ empfunden wird. Eine derartige Einschätzung unterliegt mit der Zeit i. d. R. einem Wandel, d. h. Aspekte, die vor Jahrzehnten noch niemanden gestört haben, können in der aktuellen Gegenwart subjektiv als untragbar empfunden werden.3 Im Zusammenhang mit all diesen vielschichtigen Fragestellungen zum Thema Risiko sowie dem Wandel des Begriffs enthält dieser Abschnitt Kurzzusammenfassungen zu den nachfolgenden Themen: • Risikowahrnehmung und Risikowirklichkeit, • Risikowahrnehmung durch und nach Corona, • Volkswirtschaftliche Einordnung der Pandemierisiken, • Risiko und Alterssicherung, • Die Absicherung von Pflegekostenrisiken sowie • Klimaund Nachhaltigkeitsrisiken für Versicherungen. 1.1 Risikowahrnehmung und Risikowirklichkeit Die menschliche Einschätzung zahlreicher Lebensrisiken weicht erheblich und in systematischer Weise von der tatsächlich gegebenen objektiven Gefahrenlage ab. Dies führt nicht nur vielfach zu übertriebenen Ängsten und Sorgen, sondern auf der Gegenseite ebenso zu unterbliebener Absicherung und Vorsorge. In diesem Beitrag werden solche typischen Abweichungen auf theoretischer und empirischer Basis dargestellt und erklärt, sei es im Verkehr, im Umfeld Wohnen, bei Elementarrisiken, oder auch in Bezug auf Kriminalität, Krankheit oder Altern. Auf dieser Basis werden Empfehlungen für ein „rationaleres“ Versichern für Individuen und Organisationen abgeleitet.4 1.2 Risikowahrnehmung durch und nach Corona Haben sich Verständnis und Wahrnehmung von Risiken verändert? In diesem Beitrag werden Risiko und die Wahrnehmung davon zusammen mit den entsprechenden Einflussfaktoren untersucht, wobei hierfür die maßgeblichen psychologischen Wahrnehmungseffekte erläutert, ausgewertet und auf die COVID-19-Pandemie übertragen werden. Anhand bisheriger Studien und einer selbst durchgeführten 3 Institut für Versicherungswesen (2022): Vorab: Risiko im Wandel als Herausforderung für die Versicherungswirtschaft, in: Institut für Versicherungswesen 2022. 4 Müller-Peters (2022): Risikowahrnehmung und Risikowirklichkeit, in: Institut für Versicherungswesen 2022.
- 5 - bevölkerungsrepräsentativen Umfrage mit 400 Teilnehmern werden die Veränderungen der Risikoeinschätzung während der COVID-19-Pandemie dargestellt, aber auch mit anderen Katastrophenereignissen verglichen und analysiert. Für zukünftig eintretende Ereignisse ergeben sich daraus Ableitungen bezüglich der Risikowahrnehmung sowie allgemeine Empfehlungen für verschiedene Zielgruppen.5 1.3 Volkswirtschaftliche Einordnung der Pandemieschäden Dieser Beitrag ordnet die volkswirtschaftlichen Schäden der Covid-19 Pandemie ein. Dabei werden zunächst die Wertschöpfungsverluste, die sich auf mehrere hunderte Milliarden Euro beziffern lassen, in der Systematik der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung betrachtet. Obwohl die kurzfristigen Schäden wie Einkommensoder Beschäftigungsverluste der Pandemie quantifiziert werden können, sind die langfristigen Auswirkungen auf das Wachstumspotenzial in Deutschland nur abzuschätzen. Der Ausbruch der Pandemie in 2020 wirkt im Vergleich zur Finanzkrise von 2009 wie ein exogener globaler Schock, der strukturelle Veränderungen in der Volkswirtschaft auslöst, ohne selbst dort verursacht zu sein. Die langfristigen ökonomischen Auswirkungen sind vor allem angebotsseitig und haben im Jahr 2021 bereits zu deutlichen Bremseffekten beim Wirtschaftswachstum geführt. Schon jetzt ist aber absehbar, dass „Narbeneffekte“ in der Ökonomie über die Pandemie hinaus entstanden sind. Ergänzend dazu werden wichtige ökonomische und soziale Folgewirkungen wie Bildungsverluste, der Anstieg der Staatsquote oder der Verlust an Lebensjahren durch die Lockdown Maßnahmen erörtert. Auch wenn genaue Abschätzungen dieser Effekte nur schwer möglich sind, werden diese post-Corona für eine umfassendere Einordnung der Pandemieschäden notwendig werden. Abschließend werden die Auswirkungen auf die gesellschaftliche Kohäsion überblicksartig aufgeführt, um den Blick über die rein messbaren volkswirtschaftlichen Größen hinaus zu öffnen. In diesem Zusammenhang werden verschiedene gesellschaftliche Erosionspotenziale hervorgehoben.6 1.4 Risiko und Alterssicherung Angesichts der sich abzeichnenden demographischen Entwicklung in Deutschland ist die Sicherung der Altersversorgung gesamtgesellschaftlich, aber auch für jeden Einzelnen eine Herausforderung. Es wird untersucht, was die Grundvoraussetzung für eine Alterssicherung ist, sowie aus volkswirtschaftlicher Perspektive die Determinanten der Alterssicherung bestimmt. Hier stellt sich heraus, dass die demographische Entwicklung dabei ein wichtiger Faktor ist, aber nicht der entscheidende. Die Investitionen in den volkswirtschaftlichen Kapitalstock sind der Schlüssel der Alterssicherung! 5 Eichner, Fritsch, Kothe, Kühner, Remond, Warnke (2022): Risikowahrnehmung durch und nach Corona, in: Institut für Versicherungswesen 2022. 6 Hüther (2022): Volkswirtschaftliche Einordnung der Pandemieschäden, in: Institut für Versicherungswesen 2022.
- 6 - Den Kapitalmärkten fällt dabei eine Schlüsselrolle zu, da sie die Aufgabe haben, Sparer und Investoren zusammen zu führen. Dies führt direkt zur Frage nach dem RenditeRisiko-Profilen langfristiger Sparverträge, denn auf den Kapitalmärkten werden vor allem Erwartungen und Risiken eingepreist. In einem Abschnitt zum intergenerationalen Risikoausgleich werden auch Perspektiven für die Weiterentwicklung der Lebensversicherung aufgezeigt. Hieraus können sich auch neue Impulse für die betriebliche Altersversorgung ergeben.7 1.5 Die Absicherung von Pflegekostenrisiken Spannungsfeld von Versicherungsprinzipien und Solidaritätsnormen Die gesetzliche Pflegeversicherung wurde 1995 für alle Bürger verpflichtend als Teilleistungsversicherung eingeführt. Die Versicherungspflicht war folgerichtig, um die Gesellschaft vor Freifahrerverhalten zu schützen. Allerdings hat die Ausgestaltung als Teilleistungsversicherung bei gleichzeitig unzureichender Dynamisierung der Versicherungsleistungen zu einem insbesondere im stationären Bereich immer höheren Eigenanteil der Pflegebedürftigen an den Pflegekosten geführt. Dieser Umstand ist seit einigen Jahren Gegenstand fortlaufender politischer Debatten und Reformbemühungen. Nach einem Problemaufriss wird die aktuelle Debatte eingeordnet und diskutiert, wie die in einer alternden Gesellschaft eine absehbar weiter steigende Finanzierungslast aus den Pflegekostenrisiken auf die verschiedenen Akteure (Versicherung, Gesellschaft und Pflegebedürftige) verteilt werden soll. Hierbei spielen unterschiedliche Solidaritätsnormen eine entscheidende Rolle, um die unterschiedlichen Vorstellungen zur Fairness der Lastenverteilung zu verstehen.8 1.6 Klimaund Nachhaltigkeitsrisiken für Versicherungen Aufgrund der Studienlage muss der Klimawandel im Sinne einer durch den Menschen kausal bewirkten Erderwärmung als gegeben angesehen werden. Dabei sind diese Auswirkungen keineswegs homogen: Je nach Szenario sind verschiedene geographische Regionen, Bevölkerungsgruppen oder Industriezweige ganz unterschiedlich betroffen. Gerade im Bereich der Versicherungen ergeben sich hier große Risiken, aber durchaus auch vielfältige Chancen, wobei nach Auswertung verschiedener wissenschaftlicher Studien in Kombination mit geeigneten qualitativen Ansätzen eine erste Quantifizierung der Effekte vorgenommen werden kann. Dabei sind die Risiken des Klimawandels generell im größeren Kontext der Nachhaltigkeitsrisiken eingebettet, die neben sozialen Aspekten auch die Aspekte einer nachhaltigen Geschäftsführung umfassen.9 7 Goecke (2022): Risiko und Alterssicherung, in: Institut für Versicherungswesen 2022. 8 Arentz, Läufer (2022): Die Absicherung von Pflegekostenrisiken, in: Institut für Versicherungswesen 2022. 9 Heep-Altiner, Rohlfs, Berg, Schmidt (2022): Klimaund Nachhaltigkeitsrisiken für Versicherungen, in: Institut für Versicherungswesen 2022.
- 7 - 2 Umgang mit Risiko Ein adäquater Umgang mit Risken erfolgt durch ein geeignetes Risikomanagement; sofern Risiken nicht vermieden oder reduziert werden können, müssen diese bewältigt werden. Aus Sicht von Versicherungen ist dabei die finanzielle Bewältigung maßgeblich − im Unterschied beispielsweise zu technischen Hilfsmaßnahmen. Hier müssen vorab Risiken u. a. im Rahmen einer Kalkulation (qualitativ und quantitativ) bewertet werden.10 Im Zusammenhang mit ausgewählten theoretischen und praktischen Fragen zum Umgang mit Risiken enthält dieser Abschnitt Kurzzusammenfassungen zu den nachfolgenden Themen: • Grenzen der Versicherbarkeit, • Das Sicherheitsversprechen im Wandel, • Versicherungstechnische Risiken in der Berufsunfähigkeitsversicherung, • Abdeckung von Cyber-Kumulschäden sowie • Management von Komplexität am Beispiel von Covid 19. 2.1 Die Grenzen der Versicherbarkeit Implikationen für Risikomanagement, Vorsorge und Versichern Die Corona-Pandemie hat auch die Versicherungswirtschaft unvorbereitet getroffen, wobei sich diese während der Krise nicht unbedingt souverän verhalten hat. Gleichzeitig hat der ultimative Großschaden der Pandemie den Umgang von Staat und Gesellschaft mit Großrisiken verändert. Die Analyse möglicher Gefahren mit Großschadenpotential im internationalen Versicherungskontext hat gezeigt, dass grundsätzlich zwischen drei Arten differenziert werden kann: • Vollständig staatlich organisierte Konzepte, • Public Private Partnerships und • rein privatwirtschaftlich organisierte Konzepte. Bei der Übertragbarkeit auf die Pandemie stößt die Versicherungsbranche hier an ihre Grenzen. Die Kapazität für die konventionelle Versicherungslösungen könnte über den 10 Institut für Versicherungswesen (2022): Vorab: Risiko im Wandel als Herausforderung für die Versicherungswirtschaft, in: Institut für Versicherungswesen 2022.
- 14 - 4.2 Digitalisierung und Risikotransfer Wie im Zuge der Digitalisierung neue Geschäftsmodelle entstehen Digitale Innovationen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung des Geschäftsmodells der Versicherung. Inzwischen erreichen diese Innovationen auch das Herzstück des Geschäftsmodells Versicherung, die Risikotragung und den Risikotransfer. Aus diesem Grund werden die Auslöser für diese Veränderungen analysiert und Anwendungsbeispiele aus verschiedenen Bereichen vorgestellt, in denen InsurTech Start-ups neue Modelle der Risikotragung und des Risikotransfers entwickeln oder bekannte Modelle unter Einsatz digitaler Technologien neu interpretieren und ihnen so zu neuen Marktchancen verhelfen.23 4.3 Internationale Standards ISTQB und IREB Optimierung von Testprozessen und Anforderungsmanagement Die digitale Transformation bedingt nicht nur Veränderungen in den Produkten und Prozessen der Unternehmen, sondern auch in den dabei unterstützenden Informationstechnologien. In diesem Zusammenhang sollten vorhandene Optimierungspotentiale bei der Entwicklung und Einführung neuer Software ausgeschöpft werden. Hier können entsprechende Standards zu Verbesserungen von Aufgaben und Projekten in den Anforderungsphasen sowie beim Testen von Anwendungssystemen beitragen. Die in diesem Kontext bekanntesten Standards sind ISTQB und IREB (einschließlich ihrer Zertifizierungsschemata), mit denen Optimierungspotentiale in den Testprozessen und den Prozessen des Anforderungsmanagements realisiert werden können.24 4.4 Führung ernst nehmen Chancen und Risiken von Operationsbereichen in Versicherungsunternehmen Die Operationsbereiche von Versicherungsunternehmen sind für die Profitabilität der Unternehmen von zentraler Bedeutung. Zum einen werden dort die Leistungsversprechen erfüllt, die die Unternehmen an die Kunden ausgesprochen haben, und zum anderen arbeiten dort viele Mitarbeiter. Diese hohe Bedeutung spiegelt sich allerdings nicht in dem Verhalten des Top Managements wider; dessen Fokus sind Themen wie Innovation und Digitalisierung. Sicherlich ist es so, dass in diesen Bereichen Maßnahmen ergriffen werden müssen, die die Effizienz erhöhen und Kosten senken. Das ist aber zu kurz gedacht. Denn die Zufriedenheit der Mitarbeiter in den Operationsabteilungen ist ein zentraler Hebel, um die Leistungsfähigkeit dieser Bereiche und damit die 23 Oletzky (2022): Digitalisierung und Risikotransfer, in: Institut für Versicherungswesen 2022. 24 Schnur (2022): Internationale Standards ISTQB und IREB, in Institut für Versicherungswesen 2022.
- 15 - Kundenzufriedenheit zu erhöhen. Um die Motivation der dortigen Mitarbeiter zu erhöhen, ist es wichtig, Führung ernst zu nehmen, den Arbeitsdruck dort zu reduzieren und in adäquater Form Agilität und New Work umzusetzen.25 4.5 Personalmanagement − Beitrag des ivwKöln In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Risikomanagement der Unternehmen stehen insbesondere finanzielle und technische Risiken im Vordergrund. Personal als eine wesentliche Ressource für den unternehmerischen Erfolg und die mit Personal verbundenen Risiken sind dagegen weniger Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses. Im Talentmanagementansatz lassen sich wesentliche Ansätze eines Risikomanagementansatzes aufzeigen. Für das Talentmanagement eines Unternehmens sind dabei auch externe Kooperationspartner relevant. Das Institut für Versicherungswesen (ivwKöln) fördert seit 50 Jahren als Kooperationspartner der Versicherungsbranche das Talentmanagement der Unternehmen in der Versicherungsbranche. Dadurch werden Beiträge zum Management der Personalrisiken, insbesondere in Verbindung mit der Akquisition, der Bindung und der Motivation von Personal geleistet.26 4.6 Risiken im Versicherungsvertrieb Der Versicherungsvertrieb umfasst aus regulatorischer Sicht neben den selbstständigen Versicherungsvermittlern auch viele Versicherungsbeschäftigte. Er gehört zu den operationellen Risiken eines Versicherers. Spezifische Vertriebsrisiken resultieren aus der Zusammenarbeit mit Vermittlern, aus den typischen Vergütungsund Anreizgestaltungen sowie aus Beratung, Information, Betreuung und Schadenregulierung gegenüber den Kunden. Vertriebsrisiken können vor allem durch organisatorische Maßnahmen gemindert und begrenzt werden.27 25 Zimmermann, Faßbender (2022): Führung ernst nehmen, in: Institut für Versicherungswesen 2022. 26 Arnold (2022): Personalmanagement − Beitrag des ivwKöln, in: Institut für Versicherungswesen 2022. 27 Beenken (2022): Risiken im Versicherungsvertrieb, in: Institut für Versicherungswesen 2022.
- 16 - Zum Schluss: Die Arche Noah aus der Sicht der Seekasko Das Konzept von Versicherung und Risikotragung lässt sich ganz allgemein auf viele Vorgänge im Leben anwenden: So muss man beispielsweise nicht lange suchen, um schon in der Bibel im 1. Buch Moses (Genesis) in Kapitel 6 mit Noah und seiner Arche auf Transportvorgänge zu stoßen – von Lagerrisiken und Sonderzweigen ganz zu schweigen.28 28 Reimers-Rawcliffe (2022): Zum Schluss: Die Arche Noah aus Sicht der Seekasko, in: Institut für Versicherungswesen 2022.
Impressum Diese Veröffentlichung erscheint im Rahmen der Online-Publikationsreihe „Forschung am ivwKöln“. Eine vollständige Übersicht aller bisher erschienenen Publikationen findet sich am Ende dieser Publikation und kann hier abgerufen werden. Forschung am ivw Köln, 4/2021 ISSN (online) 2192 -8479 Inst itut für Versicherungswesen: Risiko im Wandel als Herausforderung für die Versicherungswirtschaft Köln, November 2021 Schriftleitung / editor’s office: Prof. Dr. Ralf Knobloch S chmalenbach Institut für Wirtschaftswissenschaften / Schmalenbach Institute of Business Administration Fakultät für Wirtschafts - und Rechtswissenschaften / Faculty of Business, Economics and Law Technische Hochschule Köln / University of Applied Sciences Gustav Heinemann -Ufer 54 50968 Köln Mail ralf.knobloch@th -koeln.de Herausgeber der Schriftenreihe / Series Editorship: Prof. Dr. Michael Fortmann Prof. Dr. Ralf Knobloch Prof. Dr. Michaele Völler
Publikationsreihe „Forschung am ivwKöln“ Die Veröffentlichungen der Online-Publikationsreihe "Forschung am ivwKöln" (ISSN: 2192-8479) werden üblicherweise über Cologne Open Science (Publikationsserver der TH Köln) veröffentlicht. Die Publikationen werden hierdurch über nationale und internationale Bibliothekskataloge, Suchmaschinen sowie andere Nachweisinstrumente erschlossen. Alle Publikationen sind auch kostenlos abrufbar unter www.ivw-koeln.de. 2021 3/2021 Völler, Müller-Peters: InsurTech Karte ivwKöln 2021 - Beiträge zu InsurTechs und Innovation am ivwKöln 2/2021 Knobloch: Die quantitative Risikobewertung bei einem Portfolio von dichotomen Risiken mithilfe des zentralen Grenzwertsatzes 1/2021 Institut für Versicherungswesen: Forschungsbericht für das Jahr 2020 2020 7/2020 Müller-Peters, Schmidt, Völler: Revolutionieren Big Data und KI die Versicherungswirtschaft? 24. Kölner Versicherungssymposium am 14. November 2019 6/2020 Schmidt: Künstliche Intelligenz im Risikomanagement. Proceedings zum 15. FaRis & DAV Symposium am 6. Dezember 2019 in Köln 5/2020 Müller-Peters: Die Wahrnehmung von Risiken im Rahmen der Corona-Krise 4/2020 Knobloch: Modellierung einer Cantelli-Zusage mithilfe einer bewerteten inhomogenen Markov-Kette 3/2020 Müller-Peters, Gatzert: Todsicher: Die Wahrnehmung und Fehlwahrnehmung von Alltagsrisiken in der Öffentlichkeit 2/2020 Völler, Müller-Peters: InsurTech Karte ivwKöln 2020 - Beiträge zu InsurTechs und Innovation am ivwKöln 1/2020 Institut für Versicherungswesen: Forschungsbericht für das Jahr 2019 2019 5/2019 Muders: Risiko und Resilienz kollektiver Sparprozesse – Backtesting auf Basis deutscher und USamerikanischer Kapitalmarktdaten 1957-2017 4/2019 Heep-Altiner, Berg: Mikroökonomisches Produktionsmodell für Versicherungen. Teil 2: Renditemaximierung und Vergleich mit klassischen Optimierungsansätzen. 3/2019 Völler, Müller-Peters: InsurTech Karte ivwKöln 2019 - Beiträge zu InsurTechs und Innovation am ivwKöln 2/2019 Rohlfs, Pütz, Morawetz: Risiken des automatisierten Fahrens. Herausforderungen und Lösungsansätze für die Kfz-Versicherung. Proceedings zum 14. FaRis & DAV-Symposium am 7.12.2018 in Köln. 1/2019 Institut für Versicherungswesen: Forschungsbericht für das Jahr 2018 2018 7/2018 Goecke: Resilience and Intergenerational Fairness in Collective Defined Contribution Pension Funds 6/2018 Miebs: Kapitalanlagestrategien für die bAV – Herausforderungen für das Asset Management durch das Betriebsrentenstärkungsgesetz. Proceedings zum 13. FaRis & DAV Symposium am 8. Dezember 2017 in Köln 5/2018 Goecke, Heep-Altiner, Knobloch, Schiegl, Schmidt (Hrsg.): FaRis at ICA 2018 – Contributions to the International Congress of Actuaries 2018 in Berlin. Beiträge von FaRis Mitgliedern zum Weltkongress der Aktuare vom 4. bis zum 8. Juni 2018 in Berlin
4/2018 Knobloch: Die Pfade einer bewerteten inhomogenen Markov-Kette - Fallbeispiele aus der betrieblichen Altersversorgung 3/2018 Völler, Müller-Peters: InsurTech Karte ivwKöln 1/2018 - Beiträge zu InsurTechs und Innovation am ivwKöln 2/2018 Schmidt, Schulz: InsurTech. Proceedings zum 12. FaRis & DAV Symposium am 9. Juni 2017 in Köln 1/2018 Institut für Versicherungswesen: Forschungsbericht für das Jahr 2017 2017 8/2017 Materne, Pütz: Alternative Capital und Basisrisiko in der Standardformel (non-life) von Solvency II 7/2017 Knobloch: Konstruktion einer unterjährlichen Markov-Kette aus einer jährlichen Markov-Kette - Eine Verallgemeinerung des linearen Ansatzes 6/2017 Goecke, Oskar (Hrsg.): Risiko und Resilienz. Proceedings zum 11. FaRis & DAV Symposium am 9. Dezember 2016 in Köln 5/2017 Grundhöfer, Dreuw, Quint, Stegemann: Bewertungsportale - eine neue Qualität der Konsumenteninformation? 4/2017 Heep-Altiner, Mehring, Rohlfs: Bewertung des verfügbaren Kapitals am Beispiel des Datenmodells der „IVW Privat AG“ 3/2017 Müller-Peters, Völler: InsurTech Karte ivwKöln 1/2017 - Beiträge zu InsurTechs und Innovation am ivwKöln 2/2017 Heep-Altiner, Müller-Peters, Schimikowski, Schnur (Hrsg.): Big Data für Versicherungen. Proceedings zum 21. Kölner Versicherungssymposium am 3. 11. 2016 in Köln 1/2017 Institut für Versicherungswesen: Forschungsbericht für das Jahr 2016 2016 13/2016 Völler: Erfolgsfaktoren eines Online-Portals für Akademiker 12/2016 Müller-Peters, Gatzert: Todsicher: Die Wahrnehmung und Fehlwahrnehmung von Alltagsrisiken in der Öffentlichkeit (erscheint 2017) 11/2016 Heep-Altiner, Penzel, Rohlfs, Voßmann: Standardformel und weitere Anwendungen am Beispiel des durchgängigen Datenmodells der „IVW Leben AG“ 10/2016 Heep-Altiner (Hrsg.): Big Data. Proceedings zum 10. FaRis & DAV Symposium am 10. Juni 2016 in Köln 9/2016 Materne, Pütz, Engling: Die Anforderungen an die Ereignisdefinition des Rückversicherungsvertrags: Eindeutigkeit und Konsistenz mit dem zugrundeliegenden Risiko 8/2016 Rohlfs (Hrsg.): Quantitatives Risikomanagement. Proceedings zum 9. FaRis & DAV Symposium am 4. Dezember 2015 in Köln 7/2016 Eremuk, Heep-Altiner: Internes Modell am Beispiel des durchgängigen Datenmodells der „IVW Privat AG“ 6/2016 Heep-Altiner, Rohlfs, Dağoğlu, Pulido, Venter: Berichtspflichten und Prozessanforderungen nach Solvency II 5/2016 Goecke: Collective Defined Contribution Plans - Backtesting based on German capital market data 1955 - 2015 4/2016 Knobloch: Bewertete inhomogene Markov-Ketten - Spezielle unterjährliche und zeitstetige Modelle 3/2016 Völler (Hrsg.): Sozialisiert durch Google, Apple, Amazon, Facebook und Co. – Kundenerwartungen und –erfahrungen in der Assekuranz. Proceedings zum 20. Kölner Versicherungssymposium am 5. November 2015 in Köln 2/2016 Materne (Hrsg.): Jahresbericht 2015 des Forschungsschwerpunkts Rückversicherung 1/2016 Institut für Versicherungswesen: Forschungsbericht für das Jahr 2015