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Die Theorie der Gesamtauslage

Ischboldin, Boris

Abstract

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Ischboldin, Boris Article Die Theorie der Gesamtauslage Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Ischboldin, Boris (1958) : Die Theorie der Gesamtauslage, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 78, Iss. 4, pp. 63-82, https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290904 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Sie behandelt das Volkseinkommen als ein Problem der Produktion und der Beschäftigung. 2. Sie unternimmt den Versuch, die Bewegung des Sozialproduktes während einer bestimmten Periode aufzuzeigen. 3. Sie versucht, die Frage zu beantworten, ob eine allgemeine Überproduktion möglich ist, d. h. ob innerhalb der gegebenen Volkswirtschaft während der Periode eine Diskrepanz zwischen den Gesamtauslagen an Produktionsfaktoren und der gesamten Kaufkraft besteht. Unter Gesamtkaufkraft verstehen wir die gesamte wirksame Kaufkraft, sofern sie durch eine effektive Nachfrage aktualisiert wird. Es gibt verschiedene Wege, das Problem der Gesamtauslage anzugehen, so daß wir zumindest die folgenden sechs Theorien unterscheiden müssen: 1. Die „Theorie der Zirkulation des Gesamtausstoßes" wurde von den Physiokraten entwickelt, besonders von François Quesnay in seinem berühmten „Tableau Économique", das 1758 erstmalig gedruckt wurde. Diese Theorie ist gewöhnlich als eine Analyse der Zirkulation des „produit net" bekannt und stellt vielleicht den Anfang einer „Makro-Ökonomik" im engeren Sinne dar. Sie machte auf die Geister der damaligen Zeit großen Eindruck, wobei Mirabeau, der Ältere, soweit ging, daß er diese Theorie mit der Erfindung des Schreibens und des Geldes als eine der bedeutendsten Entdeckungen des menschlichen Geistes bezeichnete. 2. Die „Theorie der Märkte" (oder besser die des Güterabsatzes) wurde von J. B. Say eingeführt, der als einer der bedeutendsten Förderer der Smithschen Volkswirtschaftslehre auf dem Europäischen Kontinent gilt. Says Theorie wurde von Ricardo und den beiden Mills weiterentwickelt. 3. Die „Theorie der einfachen Kapitalreproduktion" wurde von Karl Marx entwickelt und später durch seine Theorie von der Reproduktion des Kapitals in größerem Umfange ergänzt. Aus dieser OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 64 Boris Ischboldin [448 Lehre entwickelte sich die spezielle Theorie der von der Konsumtion losgelösten kapitalistischen Produktion, die auf Tugan-Baranovsky zurückgeht. 4. Die „Theorie des Übersparens", dargelegt von Malthus, hat eine gewisse Affinität zur Theorie der Unterkonsumtion, die von Simonde de Sismondi entwickelt wurde und in unserer Zeit durch J. A. Hobson vertreten wird. 5. Die „Theorie der absoluten Diskrepanz zwischen Gesamtkosten und1 der in Zirkulation befindlichen Gesamtkaufkraft" von C. H. Douglas. 6. Die „Theorie der relativen Diskrepanz zwischen Gesamtkosten und Gesamtkaufkraft", die im Groben von Karl Marx umrissen und von Gordon Hayes und uns modernisiert wurde. Vielleicht können auch Albert G. Hart, D. H. Robertson und L. V. Chandler in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Eine etwas autoritäre Version dieser Theorie wird von Lord Keynes, Alvin Hansen und Sir William Beveridge angeboten. Die erste Theorie ist verhältnismäßig primitiv; es ist die einzige, die sich zumindest teilweise auf eine Lehnswirtschaft bezieht. Sie geht von der Voraussetzung aus, daß das Nettosozialprodukt ausschließlich von der Landwirtschaft produziert wird (zu der Zeit hauptsächlich von Lehnspächtern), die somit die einzige produktive soziale Klasse darstellt. Jedoch bedingt die Herstellung eines solchen Produktes, daß die Bebauer des Bodens an die Grundbesitzer eine Rente zu zahlen haben. Diese haben ferner den Wunsch, einige Güter zu erwerben, die in den städtischen Industriebezirken hergestellt werden. Die Grundbesitzer, d. h., der König, der Landadel und die Kirche, vertreten eine rein distributive Klasse. Ihre Hauptfunktion besteht darin, die Kaufkraft zu verteilen, die sie in Form von Geld von ihren Pächtern erhalten haben, und somit die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit des Volkes anzuregen, die ansonsten auf die Reproduktion solcher Subsistenzmittel und der Produktionsmittel beschränkt bliebe, die ausschließlich von der produktiven Klasse selbst benötigt werden. In der Auffassung der Physiokraten dienen die Grundbesitzer dem Staate, indem sie geistige Dienste leisten und das Handwerk fördern. Quesnay zufolge werden alle industriellen und kommerziellen Tätigkeiten von einer sterilen Klasse ausgeführt, die von einem abgeleiteten Einkommen lebt, da9 sie entweder von den Pächtern direkt bezieht, indem sie deren Bedürfnisse befriedigt, oder indirekt, indem sie die Grundbesitzer mit den Erzeugnissen des städtischen Handwerkes versorgt. Diese Klasse ist angeblich' nützlich, weil sie die objektive Nützlichkeit eines Teiles des Nettosozialproduktes erhöht, aber sie ist dennoch unproduktiv, weil sie dieses Produkt nicht vermehren kann, sondern ihre jährlichen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 449] Die Theorie der Gesamtauslage 65 Lebenshaltungskosten nur dadurch deckt, daß sie einen angemessenen Wertzuwachs schafft, der von den beiden anderen sozialen Klassen als selbstverständlich hingenommen wird. So lebt praktisch jeder von der Arbeit des Bauern, der sich selbst ernährt sowie Lebensmittel und Rohmaterialien an alle anderen liefert. Besonders die machtvolle distributive Klasse kann sich des Komforts erfreuen, die Kultur und das Handwerk fördern, weil die Landwirte für sie das Land bebauen und Ernte halten. Die Theorie der Gesamtauslage, wie sie von den Physiokraten entwickelt wurde, hat einige ernsthafte Mängel: 1. Wenn die Landwirtschaft deshalb produktiv ist, weil sie ein Nettosozialprodukt schafft, so kann der Bergbau nicht steril sein, denn er tut ein gleiches. Turgot versuchte diese Inkonsequenz zu entschuldigen, indem er behauptete, der Bergmann fördere ein Gut an den Tag, das ausschließlich von Gott erschaffen sei, während der Bauer tatsächlich an der Herstellung eines landwirtschaftlichen Produktes teilnehme. Dies ist jedoch kein Argument, denn der Landwirt leistet seinen Beitrag zum produktiven Prozeß dadurch, daß er den Prozeß der Vegetation, der im Prinzip unabhängig von ihm stattfindet, kontrolliert. Anderseits muß der Bergmann Mühe aufwenden und somit Kosten verursachen, bevor das Erz zu einem Teil des Nettosozialproduktes wird. Folglich assistiert auch in diesem Falle der Mensch der. Natur. 2. Quesnaiys Theorie basiert auf der Annahme, daß die sterile Klasse einen Wertzuwachs schaffe, der dem Wert an Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Rohmaterialien gleich ist, die letztlich produktiv von ihr konsumiert werden. Diese Annahme ist der Grundgedanke der Subsistenztheorie des Lohnes. Hier ist jedoch ihre Formulierung noch ziemlich primitiv und drastisch, denn die sterile Klasse der Physiokraten besteht nicht nur aus Arbeitern. Wenn diese Annahme wahr wäre, so würde kein Geschäftsmann Kapital akkumulieren können. 3. Das berühmte, von Quesnay entwickelte Schema ist rein statischer Natur, denn schließlich ändert sich jahraus jahrein nichts, obwohl die materiellen Güter und die Anweisungsmittel ständig im Fluß sind. Trotz dieser Inkonsequenzen und Irrtümer stellt Quesnays „Tableau" einen dauernden und beachtlichen Beitrag zur ökonomischen Theorie dar, denn es war der erste Versuch, die regelmäßige Schaffung eines Sozialproduktes, seine Zirkulation und seine Verteilung über die verschiedenen sozialen Klassen analytisch zu erfassen. Darüberhinaus enthält Quesnays Schema den Kern der modernen Multiplikatortheorie, wenn auch in einer unrealistischen, kinetischen Form. Sdimollers Jahrbuch 78, 4 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 66 Boris Ischboldin [450 Von der Quesnayschen Abhandlung bis zum Erscheinen der Manischen ökonomischen Analyse hat niemand den Versuch unternommen, die Zirkulation des Sozialproduktes mathematisch zu untersuchen. Dennoch wurde die Theorie der Gasamtauslage nicht vernachlässigt, denn Jean B. Say versuchte, sie in Worten neu zu formulieren und den damals vorherrschenden kapitalistischen Bedingungen anzupassen. Says Versuch wurde schon zu seiner Zeit als die einzige klassische Theorie der Gesamtauslage anerkannt. Es ist paradox, daß Say selbst seine Theorie nach seiner berühmten Auseinandersetzung mit Malthus verwarf. Jedoch Ricardo und die beiden Mills übernahmen Says „Gesetz der Absatzwege" und propagierten es weit und breit. Dies gilt insbesondere von James Mill. In unserer Zeit erfreut sich dieses Gesetz besonderer Beliebtheit in der britischen liationalökonomischen Literatur, wo es mehr oder minder eifrig von Hayek, Lionel Robbins, Pigou und Strachey vertreten wird. Audi Marshall, Wickseil und Albert Hahn gehören zu dieser Gruppe. Says Theorie der Gesamtauslage, welche ein gutes Beispiel für die volle Nomographie ist, kann in folgenden Sätzen zusammengefaßt werden: 1. Das Angebot schafft sich die eigene Nachfrage, weil jeder Verkauf auch ein Kauf ist und umgekehrt. So kann z. B. ein Angebot an Weizen eine Nachfrage nach Baumwolle beinhalten, d. h. die Produktion schafft sich in diesem Falle die eigene Kaufkraft. 2. Sparen ist eine bestimmte Art, Geld auszugeben. 3. Eine Steigerung der Investition kann nur auf Kosten der Konsumtion stattfinden, deren Kürzung durch einen höheren Zinssatz bewirkt wird. Eine Vollbeschäftigung der Produktionsfaktoren wird vorausgesetzt. 4. Um Beschäftigung zu schaffen ist es nur erforderlich, die Menschen arbeiten zu lassen, denn die von ihnen verdienten Einkommen schaffen die Nachfrage nach den entstehenden Gütern. Somit ist die Arbeitslosigkeit schlimmstenfalls eine vorübergehende Reibungserscheinung. 5. Die Kosten gleichen den Einkommen und die Ausgaben gleichen den Kosten. Mit andern Worten, die Gesamtkaufkraft gleicht der Gesamtproduktion. 6. Es gibt keine allgemeine Überproduktion, sondern nur Überproduktion einiger Güter, die durch Unterproduktion anderer Güter ausgeglichen wird, d. h., eine schlecht aufeinander abgestimmte Produktion. Mit arideren Worten, eine gewisse Krise kann durch eine falsche Verteilung der Produktionsfaktoren hervorgerufen werden, aber nicht durch einen allgemeinen Mangel an Nachfrage. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 451] Die Theorie der Gesamtauslage 67 Der letzte Satz ist praktisch vom ersten abgeleitet, denn wenn Güter in der Tat gleichzeitig Nachfrage nach Gütern sind, so kann es nur eine partielle Überproduktion kinetischer Art geben, die jedoch hin und wieder eine gewisse Krise hervorrufen kann. Da jeder Verkauf einen Kauf bedeutet, läßt jeder Kostenpunkt irgendjemand ein Einkommen zuwachsen, und dieses Einkommen wirkt als Kaufkraft, denn jedes Einkommen beinhaltet zur gleichen Zeit einen Verkauf und einen Kauf. So sind z. B. die Löhne, die ein Unternehmer an die Arbeiter zahlt, Kosten; aber diese Kosten sind für die Arbeiter, die ihre Arbeit verkaufen und gleichzeitig als Käufer von1 Konsumgütern auftreten, Einkommen. Das bedeutet, daß der betreffende Arbeiter einem anderen Menschen, der ebenfalls gleichzeitig Verkäufe und Käufe tätigt, das Einkommen schafft. Eine solche Annahme führte Say zu einem anderen bekannten Schluß, daß nämlich Konsuniaufschub und Investierung identisch seien, während Investieren immer von Sparen abgeleitet wird. So entwickelte Say die statische Kredittheorie und ließ das Horten unberücksichtigt. Einige seiner Nachfolger leugneten nicht, daß bisweilen gehortet wird; aber sie behaupteten, dies würde die Kaufkraft nicht schmälern, weil die Preise — und wahrscheinlich auch die Kosten — genügend fallen würden, um der gesamten Produktion zu gestatten, von der verbliebenen wirksamen Kaufkraft gekauft zu werden. Dies bedeutet, daß sie an eine extreme Elastizität der Kosten und an eine automatische Anpassung der Zahlungsmittel an das Produktionsvolumen glauben. Says Theorie hat augenscheinlich einige schwache Punkte, die wie folgt zusammengefaßt werden können: 1. Sie berücksichtigt überhaupt nicht die wesentliche Tatsache, daß zwischen verschiedenen wirtschaftlichen Prozessen eine Zeitspanne liegen kann. So ist in einer Geldtauschwirtschaft verkaufen nicht notwendigerweise gleich kaufen. Verkauft ein Hersteller ein Produkt, so kann er die Erträge, zumindest für eine kurze Zeit, festlegen. Dies ist bestimmt der Fall, wenn der betreffende Unternehmer in der nahen Zukunft eine Verbilligung der Produktionsfaktoren erwartet. Ferner: Sparen bedeutet nicht immer gleichzeitig Investieren. Einige individuell gesparten Beträge, die einer Bank anvertraut worden sind, können vorübergehend als untätiges Geld festliegen, weil, wie Gordon Hayes sagt, die Bankiers bisweilen nicht in der Lage sind, attraktive Investitionen aufzuspüren. Hayes zufolge ermutigen die Banken ihre Kunden nicht deshalb, große Konten zu unterhalten, weil sie mit dem Geld arbeiten wollen, sondern weil sie fürchten, daß Abhebungen von den Konten Barzahlung an eine andere Bank bedeuten kann. Einige bei der Bank deponierte Sparbeträge können auch im Ausland investiert werden, so daß sie nicht zu einer unmittelbaren Erhöhung der Kaufkraft beitragen. Es versteht sich, daß Gordon Hayes letztlich eine reife Wirt5» OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 68 Boris Ischboldin [452 schaft meint, in der infolge der Verlangsamung des „extensiven Wachstums" (Bevölkerungszunahme, territoriale Expansion) der Anreiz zu investieren verhältnismäßig schwach ist. Es hat den Anschein, daß der zunehmende Mangel an Investitionsmöglichkeiten heutzutage weitgehend mit der wachsenden Ungewißheit verbunden ist, die durch die Entwicklung der institutionellen Schranken und Hindernisse mannigfaltiger Art verursacht wird, was zuerst von William Fellner betont wurde. Auf jeden Fall muß festgestellt werden, daß Say die Tatsache außer Acht läßt, daß nicht jeder Konsumaufschub ein Sparen ist, das eine Investition auslöst; es kann sich um einfaches Horten handeln. Diese Tatsache ist jedoch in unserer gegenwärtigen stürmischen Epoche augenfälliger. Noch Böhm-Bawerk wagte zu behaupten, daß ein wirtschaftlich fortgeschrittenes Volk nicht horte. 2. Says Theorie läßt unberücksichtigt, daß ein gewisser Teil der Kapitaldisposition (Investitionskraft) unter Umständen von den Privatbanken geschaffen werden kann, sodaß die Gesamtinvestition das Sparen übertreffen mag. Wir teilen die Ansicht Gordon Hayes', daß Keynes trotz seiner doppeldeutigen Terminologie nie die Saysche Annahme akzeptiert hat, wonach die Gesamtinvestition notwendigerweise gleich Gesamtsparsumme sei, wie oft angenommen wird. Keynes zufolge haben Sparen und Investieren nur die Neigung, sich anzugleichen. Mit andern Worten, Keynes wollte sagen, daß dadurch, daß Sparbeträge nicht investiert werden, die Einkommen reduziert werden und das Sparen abnimmt; daß sich ferner dieser Prozeß fortsetzt, bis die Sparquote auf jene Höhe fällt, die zu 100 °/o investiert wird. Somit ist Keynes zufolge ein Gleichgewicht zwischen Gesamtsparbetrag und Gesamtinvestition eine gewisse Norm, die zwar jederzeit erreicht werden kann, aber von der das dynamische Wirtschaftsleben ständig abweicht. Man muß zugestehen, daß Keynes die Spartheorie nicht revolutioniert hat, sondern den klassischen Standpunkt durch die Annahme modernisiert hat, daß die Tendenz, Sparen und Investieren anzugleichen, nicht durch den veränderlichen Zinssatz, wohl aber durch das veränderliche Einkommensvolumen verursacht wird. Auf diesem Gedankengang folgten ihm eine Reihe Nationalökonomen, wie z. B. Bertil Ohlin und D. H. Robertson. 3. Says Theorie übersieht die Tatsache, daß viele neugegründete Industriezweige von Anfang an mit einem Minimum an Arbeitskräften auskommen. Dies wird besonders durch den hohen Grad der Mechanisierung ermöglicht, und hier vor allem durch das streng rationalisierte Fließbandsystem. Folglich kann die strukturelle Arbeitslosigkeit nicht als unbedeutend abgetan werden. 4. Es ist riskant zu behaupten, daß alle Ausgaben gleich den Kosten sind. Eine Reihe Supplementärkosten im Marshallschen Sinne bleibt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 453] Die Theorie der Gesamtauslage 69 auf kurze Sicht unberücksichtigt, so daß die kalkulierten Kosten kleiner als die als Aufwand auftretenden wirklichen Kosten sind. Ferner gibt es einige als Ausgaben aufgefaßte Kosten, die ein Einkommen bilden, welches von seinem Empfänger festgelegt wird, so daß in diesem Falle keine augenfällige Beziehung zwischen den Kosten (Ausgaben) eines Wirtschaftssubjektes und den Ausgaben (Käufen) eines anderen besteht, trotz ihrer engen Verbindung. Says Theorie der Gesamtauslage wurde in einem gewissen Sinne von Karl Marx umgebaut. Auch er versuchte zu beweisen, daß es keine allgemeine Überproduktion geben kann, vorausgesetzt, daß die Gesamtproduktion nicht „schlecht aufeinander abgestimmt ist" (Terminologie Mills). Das bedeutet, daß Says Standpunkt nicht mit dem von Marx identisch ist, denn der letztere erkannte die Möglichkeit einer generellen Überproduktion an. Ferner bestand Marx darauf, daß eine störungsfreie Entwicklung der Produktion ohne eine allgemeine periodische Krise nur möglich ist, wenn keine Disproportionalität zwischen Produktionsgiiterund den Konsumgüterindustrien besteht. Zunächst entwickelte Marx ein statisches Bild der „einfachen Reproduktion des Kapitals". Später jedoch, in seinem dritten Band, präsentierte er ein dynamischeres System, das die Reproduktion des Kapitals auf breiterer Basis zeigte. Einige mehr oder weniger beiläufige Sätze von Marx zeigen, daß er allmählich über seine mathematischen Schemata der Gesamtauslage hinausgegangen ist und die Grundlage für die moderne Theorie der relativen Diskrepanz zwischen Gesamtkosten und Gesamtkaufkraft gelegti hat. Darüber hinaus hat er Sismondis Theorie der Unterkonsumtion angenommen. Alles das bedeutet, daß Marx das Problem der Gesamtauslage mit einer ziemlich komplexen und fortschrittlichen Theorie angepackt hat. Die hauptsächlichen Aussagen, die von Marx' mathematischen Schemata, welche sich auf eine rein kapitalistische Wirtschaft beziehen, abgeleitet werden können, sind im Folgenden zusammengefaßt: 1. Ist die Produktion von Produktionsgütern gut abgestimmt auf die von Konsumgütern, so wird es weder eine partielle noch eine allgemeine Überproduktion geben. 2. Der Kapitalismus wird nicht so sehr durch eine mögliche partielle Überproduktion bedroht, die eventuell eine allgemeine Krise hervorruft, als durch ein ständiges Anwachsen des konstanten Kapitals. Dies bewirkt eine höhere organische Zusammensetzung des Gesamtkapitals, und damit eine fortwährende Abnahme des „Mehrwertes", was notwendigerweise eines Tages die Privatinitiative zerstören wird. Dieser Gedanke von Marx, der durch sein vereinfachtes mathematisches Schema erläutert wird, basiert hauptsächlich auf der Annahme, daß der gesparte Teil des Mehrwertes weitgehend in die Produktion von Realkapitalgütern investiert wird, die im folgenden Jahr stattfindet. Gerade OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 70 Boris Isdiboldin [454 diese Entwicklung bestätigt, Marx zufolge, den „grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus", nämlich die Tatsache, daß der soziale Charakter der Produktion im Gegensatz zu dem privat-kapitalistischen Charakter der Aneignung steht. Marx war der Auffassung, daß innerhalb eines Landes der Kapitalismus solange eine unbegrenzte Ausdehnungsmöglichkeit besitzt, wie die richtigen Proportionen der einzelnen Zweige der Gesamtproduktion gewahrt werden und ein Mehrwert besteht. Dies veranlaßte ihn, gleichzeitig zu behaupten, daß der Kapitalist und der Geizhals eine gemeinsame Leidenschaft hätten, nämlich das Streben nach einer unbegrenzten und damit ziellosen Ansammlung von Reichtum. Dieser Gedankengang beeindruckte zwei führende russische Nationalökonomen, Serge Bulgakov und Michael Tugan-Baranovsky. Besonders letzterer entwickelte eine ziemlich extreme und gewagte Theorie der Ges-amtauslage, die in folgenden vier Sätzen zusammengefaßt werden kann: 1. Das Hauptziel der kapitalistischen Volkswirtschaft ist nicht die Sorge um den Endkonsum, sondern die Kapitalansammlung; das ständige Anwachsen des Realkapitals ist Selbstzweck. Mit anderen Worten, der Kapitalismus wird von den Kapitalisten ihrer selbst wegen betrieben, und von ihrem Standpunkt gibt es niemals einen Mangel an Nachfrage nach Produktionsgütern, die sie herstellen. 2. Ist die Gesamtproduktion proportional aufgeteilt und ist ferner zur gleichen Zeit die Herstellung von Produktionsgütern weitgehend selbstgenügsam, so wird durch eine Abnahme des Gesamtkonsums keine Überproduktion hervorgerufen. Sollte ein bestimmtes Gut überproduziert werden, so liegt der Grund dafür in der falschen Nutzung der Produktionsfaktoren. Das kann dadurch geschehen, daß neu geschaffene Kapitalbeträge, besonders die angesammelten Beträge für Ersatzbeschaffung, plötzlich investiert werden. 3. Die Produktionsgüterindustrie (einschließlich Bergbau) ist im Prinzip in sich abgeschlossen und somit nicht von der gesamten wirksamen Nachfrage nach Gütern für den Endverbrauch abhängig. Das ist der Hauptgrund dafür, daß das spezifische Gewicht der Produktion von Produktionsmitteln ständig zunimmt. So wird Kohle für den produktiven Konsum der Stahlindustrie gefördert, Stahl wird produziert, weil er für den Kohlebergbau benötigt wird wie auch für die Herstellung von Werkzeugen, die ihrerseits wiederum für die Produktion von Maschinen benötigt werden, mit denen ölrohre usw. hergestellt werden. Tugan ging sogar so weit, zu behaupten, daß Kohle und Stahl zum Teil für den Zweck einer weiteren Produktion von Kohle und Stahl hergestellt würden. 4. Die einzige Grenze der Produktion von Kapitalgütern liegt in der Menge der natürlichen Kräfte, die einer Volkswirtschaft zur VerOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 461] Die Theorie der Gesamtauslage 77 ein Ungleichgewicht in Form von zyklischen Schwankungen hervorrufen. Offenbar widmete Marx seine Aufmerksamkeit einer sehr wesentlichen Erscheinung, die Douglas einfach nicht berücksichtigt. Aber Marx hat keine Theorie des relativen oder bedingten Ungleichgewichtes zwischen Gesamtauslage und Gesamtkaufkraft ausgearbeitet, weil er sich ausschließlich auf die mögliche Festlegung von Amortisationsfonds konzentrierte, die ihn mehr als ein die Konjunktur bestimmender Faktor interessierte. Das gleiche gilt auch für Tugan-Baranovsky und seine Anhänger. Anderseits behauptet die zeitgenössische Version der Theorie der relativen Diskrepanz zwischen Gesamtauslage im weiteren Sinne und der Gesamtkaufkraft, daß zumindest kein nennenswertes Ungleichgewicht zwischen diesen wesentlichen Faktoren bestehen wird, wenn alle Positionen des gesamten Geldeinkommens im engeren Sinne (d. h. die Summe der individuellen Geldeinkommen) während der betreffenden Periode in Kaufkraft verwandelt werden. Eingeordnet in die Theorie der Gesamtauslage lautet dieser Gedanke: zwischen Gesamtauslage im weiteren Sinne und Gesamtkaufkraft wird es kein nennenswertes Ungleichgewicht geben, wenn alle Bestandteile der jeweiligen Marktpreise, selbst Amortisation, Bankspesen, Steuern usw. in der betreffenden Periode als Kaufkraft auftreten. Damit läßt diese Theorie dem Horten und dem Zeitverzug zwischen Verkauf und Kauf oder Einkommen und Ausgabe besondere Bedeutung zukommen. So hebt z. B. Gordon Hayes, dessen Ansichten für diese Theorie typisch sind, zurecht hervor, daß die gehorteten Beträge gewöhnlich eine „Deflationslücke" hervorrufen, d. h. sie verursachen im Prinzip eine Überproduktion, weil ein Teil des Einkommens in der betreffenden Periode nicht zu Kaufkraft wird. Ebenso können wir ihm auch darin zustimmen, daß ähnliche Auswirkungen stattfinden mögen, wenn viele Konteninhaber es versäumen, gegen ihre aus dem laufenden Einkommen gespeisten Konten Schecks auszuschreiben. Andererseits vermögen wir nicht die Ansicht Esteys zu teilen, der in seinem eindrucksvollen Werk über die Konjunktur den Faktor der Festlegung mit dem Argument unterbewertet, daß jedes Horten durch ein gleichzeitiges Enthorten ausgeglichen werde. Er lehnt auch die Vorstellung ab, wonach die Ausgaben für Ersatzbeschaffung vom Standpunkt der gesamten Volkswirtschaft ungleichmäßig vorgenommen werden. Man kann sagen, daß James Estey eine kinetische Darstellung gibt, die unserer gegenwärtigen dynamischen Wirklichkeit nicht entspricht. Das Problem des Ungleichgewichtes zwischen der Gesamtauslage (im weiteren Sinne) und der Gesamtkaufkraft nimmt in unserer Zeit aus folgenden Gründen ernstere Formen an: 1. Das ständige Fortschreiten der Mechanisierung in Verbindung mit einer häufigen „institutionellen Erschöpfung" vieler kostspieliger OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 78 Boris Ischboldin [462 Realkapitalgüter führt zu einer Erhöhung der Ersatzfonds und provoziert die Tendenz, übertriebene Abschreibungen vorzunehmen. Diese Fonds kommen niemals als Kaufkraft in die Hände des Durchschnittsbürges, sie haben vielmehr die Neigung, in großen Sprüngen investiert zu werden. 2. Die Zunahme der erwerbsmäßigen Schöpfung von Investitionskraft durch Privatbanken erhöht die Summe der Bankspesen. Dieser Preisbestandteil liegt auch gewöhnlich für eine Zeit fest oder führt za Investitionen im Ausland. Auch die Politik der großen Kapitalgesellschaften, große Reserven auf Kosten der Dividenden zu bilden, trägt bei zu einer Kürzung der Gesamtkaufkraft der betreffenden Periode. Bernard Dempsey betonte zurecht, daß auch die Steuern, die heutzutage den größten einzelnen Bestandteil des Volkseinkommens darstellen, während der jeweiligen Periode oft festliegen. 3. Die politische Unsicherheit unserer Zeit begünstigt das Horten jedweder Art. Eine Diskrepanz zwischen Gesamtauslage im weiteren Sinne und Gesamtkaufkraft entsteht aus der Tatsache, daß das Sparen eines Einkommensteiles und seine Investition häufig nicht von identischen Gruppen vorgenommen wird, so daß Sparen nicht notwendig gleichbedeutend ist mit der Aktualisierung von Kaufkraft eines bestimmten Landes in einer bestimmten Periode. Diese Tatsache wurde besonders von Gunnar Myrdal herausgestellt. Anderseits wird ein Enthorten oder eine institutionelle Erhöhung des Geldangebotes die oben erwähnte Diskrepanz dadurch vermindern, daß sie zu einem gewissen Grade die partielle Festlegung laufender Auslagen ausgleicht. Dieser Gedanke wurde besonders von Bertrand Nogaro und Lester Chandler ausgesprochen. Insbesondere Nogaro sagt zurecht, daß, gäbe es kein Enthorten, viele teure langlebige Konsumgüter, wie z. B. Häuser oder Automobile, nicht in der betreffenden Periode gekauft werden könnten, da das laufende Einkommen der Mehrheit der Käufer für diese Zwecke zu klein ist. Dies setzt natürlich voraus, daß in nennenswertem Umfang kein Konsumentenkredit zur Verfügung steht. Es muß festgestellt werden, daß die Auslagen für Produktionsfaktoren entweder direkter Art sind, wie z. B. Löhne, die ein Werk zahlt, oder indirekt, wie etwa ein Ertrag, der von einer Investition abgeleitet wird und ein anderes Wirtschaftssubjekt in die Lage versetzt, eine direkte Auslage zu tätigen. Eine Aufwendung, die ein Werk zum Einkauf von Rohmaterialien macht, ist vom Standpunkt der gesamten Volkswirtschaft eine indirekte Auslage, weil sie es dem Verkäufer und letztlich dem Produzenten der betreffenden Produkte ermöglicht, einige notwendige direkte Auslagen zu tätigen. Es ist der Hauptfehler Douglas', diese Tatsache nicht zu beachten. Nur im Falle eines Verlustes gibt es eine Auslage, die selbst auf lange Sicht nicht ein Einkommen an jemanden ist. Es besteht kein Zweifel darüber, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 463] Die Theorie der Gesamtauslage 79 daß sich unter anormalen Verhältnissen eine Aufwendung für Material schließlich nicht als eine indirekte Auslage in bezug auf die betreffende Periode auswirken mag; aber dies wird gewöhnlich durch einen gewissen Zeitverzug zwischen Verkauf und Kauf verursacht. Im allgemeinen ist das Tempo, mit dem die Umwandlung von Einkommen in Kaufkraft vorgenommen wird, ein ernstes Problem der Volkswirtschaft. Je schneller das Tempo ist, um so schwächer ist der Prozeß der Immobilisierung. Wir wiederholen noch einmal, daß ein Preis eine gewisse zusammengesetzte Auslage ist, die normalerweise in ihrer Gesamtheit einen Teil der Gesamtkaufkraft absorbiert. Man kann diesen Gedanken auch so ausdrücken, daß man sagt: der Marktpreis eines Produktes, der aus den echten Totalkosten plus einigen möglichen imaginären Kosten (z. B. übertriebene Amortisation) plus einem möglichen Überschußbetrag zusammengesetzt ist, sollte normalerweise in seiner Gesamtheit in dem betreffenden Zeitraum Kaufkraft schaffen. Dies ist der Fall, wenn alle Güter verkauft werden und wenn keine Preiselemente zu einer Quelle des Hortens werden. Wenn anderseits eine Reihe von Kostenelementen immobilisiert wird, ist der entsprechende Preis vom Standpunkte des Volkseinkommens „inaktiv", weil er einige „sterile" Auslagen enthält. Lord Keynes, Alvin Hansen und Sir William Beveridge vertreten letztlich die Theorie der relativen Diskrepanz zwischen Gesamtauslage und Gesamtkauf kraft, da sie der Tatsache große Bedeutung beimessen, daß das Horten die Verwandlung privater Auslagen in Kaufkraft reduziere. Sie entwickeln jedoch eine verhältnismäßig unreine Theorie der Gesamtauslage, da sie besondere Aufmerksamkeit dem Problem der Vollbeschäftigung zollen. Ein weiteres Merkmal liegt in ihrer Betonung der Regierurigsausgaben, besonders solcher für öffentliche Arbeiten und Entwicklungsprojekte. Ihnen zufolge kann und muß der Staat mit seinen Ausgaben die Lücke füllen, die zwischen den privaten Auslagen und d e r. Gesamtkaufkraft besteht, die erforderlich ist, um das gesamte Sozialprodukt, welches unter Vollbeschäftigungsbedingungen entsteht, aufzukaufen. Eine solche Lücke ist ihrer Meinung nach in wirtschaftlich entwickelten Ländern, die an „finanzieller Anämie" leiden, besonders tief. Sie empfehlen, daß die Regierung die wirksame Nachfrage durch Injektion zusätzlicher Kaufkraft — mittels Kreditgewährung oder Kreditschöpfung — erhöhe. Ferner ist man in Übereinstimmung mit der Multiplikatortheorie der Auffassung, daß jeder öffentlich! ausgegebene Dollar mehrere Dollars zum Volkseinkommen hinzufügt. Praktisch genommen ist der Investitionsmultiplikator das Verhältnis einer Einkommenserhöhung zu der entsprechenden Erhöhung neuer Investitionen. Dieses Verhältnis drückt die tatsächliche „Investitionselastizität" des betreffenden Volkseinkommens zu einer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 80 Boris Isdiboldin [464 bestimmten Zeit aus und hängt weitgehend von der gegebenen Konsumneigung ab. Beträgt diese Neigung 50%, so wird eine Injektion von 1 Milliarde Dollar die Gesamtkaufkraft um 2 Milliarden Dollar erhöhen, denn die Multiplikatorformel lautet: , wobei R die 1—K Konsumneigung darstellt. Somit bewirken zusätzliche Investitionen in Höhe von 1 Milliarde Dollar eine Erhöhung des Einkommens um eine weitere Milliarde. Es ist jedoch richtiger, die Konsumneigung durch die allgemeine Ausgabeneigung zu ersetzen, der die „leakages" (z. B. Horten) gegenüberstehen. Wir werden aber die „leakages", die den Multiplikatoreffekt vermindern, an dieser Stelle nicht untersuchen. Man kann jedoch den umgekehrten Weg beschreiten, wie es Machlup und Enke tun, die den Multiplikator als den reziproken Wert aller „leakages", wie z. B. Horten, Importe usw., betrachten. In diesem Falle wird die Höhe des Geldeinkommens bestimmt durch die periodische Injektion, dividiert durch die „leakages" der betreffenden Periode; oder, wenn die Geldmenge auf einmal in die Volkswirtschaft injiziert wird, so wird sie dem reziproken Wert aller „leakages" gleich sein. Es wäre richtiger, den Multiplikator nicht mit der Investition in Verbindung zu setzen, sondern mit der gesamten injizierten Kaufkraft, die aus verschiedenen Quellen zufließen kann. Im Falle einer Kaufkraftabschöpfung sollte man als „leakages" die Möglichkeit des Enthortens in Betracht ziehen. Die gesamte Keynesianische Theorie sieht sich jedoch einer Schwierigkeit gegenüber, die von Lord Keynes selbst erkannt wurde. Wenn nämlich die erhöhte Konsumnachfrage, die durch neue Investitionen verursacht wird, nicht vorhergesehen wird, so wird diese Investition neues Einkommen schaffen, für das keine neuen Konsumgüter produziert worden sind. Unter diesen Umständen wird die neue Nachfrage, wie Keynes hervorhebt, teils durch Auflösung der Lagerbestände gedeckt, zum anderen wird sie wegen der erhöhten Preise oder auch wegen der NichtVerfügbarkeit der gewünschten Güter verschoben werden. In dem Ausmaße, wie der Konsum aufgeschoben wird, werden der Grenzhang zum Konsum und der Multiplikator vorübergehend unter ihre normale Größe fallen. Später, wenn die Güter verfügbar werden, kann der Grenzhang zum Konsum über seine normale Höhe steigen und sich schließlich wieder auf diese einstellen. Henry Villard sagt zurecht, daß Keynes' Multiplikatortheorie in einem gewissen Sinne an die Quantitätstheorie des Geldes erinnert. Diese besagt, daß bei einer Erhöhung der Geldmenge das Einkommen um einen Betrag steigen wird, welcher der Einkommensgeschwindigkeit mal der Erhöhung der Geldmenge gleich ist. Die Multiplikatortheorie beinhaltet, daß bei einer Zunahme der Gesamtinvestition das Einkommen um OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.78.4.63 | Generated on 2023-04-04 11:26:22 465] Die Theorie der Gesamtauslage 81 einen Betrag steigen wird, welcher dem Multiplikator mal Investitionszunahme gleich ist. Zusammenfassend können wir sagen, daß die Keynesianische Theorie der Gesamtauslage sich in einem gewissen Sinne mit unseren Ansichten deckt. Sie hat jedoch1 einen anderen Ausgangspunkt, da sie ein Teil einer Beschäftigungsanalyse ist. Ferner hat sie einen etwas autoritären Anstrich, da sie erwartet, daß der Staat durch Regierungsausgaben eine unzulängliche Entwicklung der Gesamtkaufkraft ausgleicht, die letztlich durch Horten verursacht ist. In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, daß nach der Keynesianischen Theorie die Eingriffe des Staates den Kapitalismus retten, der sich nicht allein auf automatische Anpassungsprozesse verlassen kann. Mit andern Worten, die von der Regierung verordneten „Geldspritzen" zerstören das Unterbesdiäftigungsgleichgewicht, welches institutionell durch einige „oligopolistische Verstopfungen" (z. B. durch Starrheit der Löhne und Preise) geschaffen wurde, und führen die Volkswirtschaft zu einem Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung. 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