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Künstliche Intelligenz als Innovationspotenzial Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI

Berger, Hilke Marit

Abstract

Gestaltende Verantwortung zu übernehmen ist kein Privileg der Kunst, sondern eine schlichte gesellschaftliche Notwendigkeit. Künstlerische Praxis bietet eine Expertise, die wir dringend für digitale Transformationsprozesse unserer postdigitalen Gesellschaft benötigen. Eine verstetigte Förderung in der KI-Strategie des Bundes und eine Verankerung im Bundesprogramm zur Digitalität sind für die veränderten Produktionsbeziehungen Voraussetzung.

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Künstliche Intelligenz als Innovationspotenzial Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI Hilke Marit Berger Gestaltende Verantwortung zu übernehmen ist kein Privileg der Kunst, sondern eine schlichte gesellschaftliche Notwendigkeit. Künstlerische Praxis bietet eine Expertise, die wir dringend für digitale Transformationsprozesse unserer postdigitalen Gesellschaft benötigen. Eine verstetigte Förderung in der KI-Strategie des Bundes und eine Verankerung im Bundesprogramm zur Digitalität sind für die veränderten Produktionsbeziehungen Voraussetzung. Dr.HilkeMaritBerger,Hafen-CityUniversitätHamburg Vorbemerkung DerursprünglicheTiteldieser Studie,KIalsInnovationspotenzialindenFreienDarstellenden Künsten, war eine Vorgabe. Dass das Wort »Innovationspotenzial« aus etlichen Gründen problematischseinkann,hatteichzunächstvor,produktivzunutzen.EinersterEntwurf dieserArbeitsahbeispielsweiseeinganzesKapitelzurBegriffsgeschichtederInnovation und der problematischen Übertragung dieses wirtschaftlichen Terminus auf den Kontext Künstlicher Intelligenz (KI) und Kunst vor. Gerade die Verbindung von Innovation und Potenzial schien mir deutlich mehr als ein Best-of-Buzzword aus dem Bereich Antragsprosa. Denn in der Verbindung dieser beiden Wörter entsteht ein Gestus, der mir überaus fragwürdig scheint. Gerade das Streben nach ständiger Innovation in unserer kapitalistisch organisierten Wachstumsgesellschaft ist ja auch Teil der Problemlage der KI-Entwicklung der jüngsten Vergangenheit und der entsprechenden Inkaufnahme der massiven soziotechnologischen Konsequenzen, mit denen wir alle bereits leben. Dass der bunte Blumenstrauß technologischer Möglichkeiten, der sich hinter dem Wort KI verbirgt, für alle Lebensbereiche und natürlich auch für die Darstellenden KünstejedeMengePotenzialhat,schienmirdarüberhinausvollkommen evident.InGe- 464 Handlungspotenziale der Kunstförderung sprächen und Diskussionen, während der Recherche und nicht zuletzt im tatsächlichen Schreiben dieser Studie wurde ein anderer Begriff immer zentraler: Verantwortung. Angesichts der immensen gesellschaftlichen Veränderungen, die der Einsatz von KI-Systemen bereits mit sich bringt und zukünftig bringen wird,brauchen wir die Kraft der Kunst fernab einer redundanten Utilitarismusdebatte. Es geht entsprechend nicht umdas beschränkteEntweder-oder-Denken,dasin nützlicheodernutzlose Kunstteilen will, sondern im Sinne der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera und ihres Konzepts einer Arte Útil um »benutzbare« Kunst (vgl. Kapitel 2.2). Es geht um die Frage, welche Rolle Künstler*innen selbstgewählt einnehmen wollen, und darum, wie die Ergebnisse künstlerischer Produktionen sich auf gesellschaftliche Fragestellungen auswirken können. Die Perspektive der Kunst halte ich gerade in diesem Zusammenhang für gleichermaßen zentral wie unterschätzt. Denn für unsere Weltsicht und jeden Entwurf für zukünftiges Zusammenleben sind die spielerischen Möglichkeiten künstlerischer Auseinandersetzung wesentlich. Das große Missverständnis liegt meines Erachtens in der Befürchtung, es gehe damit um eine Instrumentalisierung von Kunst. Einerseits sprichtdiese HaltungKünstler*innen,diemit ihrenArbeitenauchgesellschaftspolitisch Relevanz entfalten möchten, diese Selbstermächtigung ab, und andererseits reduziert sie die Kraft von Kunst, die vordergründig rein ästhetische Zwecke verfolgt, vielleicht sogar explizit sinnlos agiert,auf eine vermeintliche gesellschaftliche Wirkungslosigkeit, ein reines L’art pour l’art. Die im Grundgesetzt verankerte Freiheit von Kunst adressiert aber ja gerade diesen großen Radius künstlerischer Ziele. Ein reiner Nachweis des Potenzials der Darstellenden Künste durch das Zusammentragen innovativer Projekte greift daher viel zu kurz.Es geht um etwas viel Wichtigeres: Die Perspektive der Darstellenden Künste im Bereich KI ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wir brauchen diese Perspektive dringend. Denn nur so können wir einerseits verstehen, was sich den allermeisten Menschen im Angesicht der technologischen Komplexität zu entziehen scheint. Und sind andererseits in der Lage, neue Möglichkeiten zu erforschen und Zukunft mitzugestalten. Die diskursive Auseinandersetzung in journalistischen oder wissenschaftlichen Formaten dient der Aufklärung und dem Verständnis der Komplexität der Thematik.Sie stärkt öffentliches Bewusstsein wie Diskussiongleichermaßen,übt Kritik undschafftRäumeder Auseinandersetzung.Das zentrale Alleinstellungsmerkmal der Künste aber ist eben jene spielerische Entwicklung dystopischer wie utopischer Szenarien. Das Spiel mit der Zukunft ist hier ungleich leichter und dennoch vielschichtiger, denn in der Praxis der Darstellenden Kunst fallen diskursive Aufarbeitung, Sichtbarmachung und die Entwicklung neuer Möglichkeiten ebenso zusammen wie die unterschiedlichen Kunstformen (für den Bereich KI vor allem Musik, Literatur und Bildende Kunst/Medienkunst).Dabei ist die Bewusstmachung der Konsequenzen dieser Möglichkeiten – durchaus auch im Sinne einer einzufordernden gesellschaftlichenVerweigerungweiterenFortschrittsnurumdesFortschrittswillen–genausowesentlichwiedasAuslotenderMehrwerte.DiesesPotenzialdergestaltendenVerantwortung gilt es, wie ich im Folgenden zeigen werde, zu fördern. Nur durch die Übernahme, das Aufzeigen und nicht zuletzt das (finanzielle) Ermöglichen von Verantwortung schaffen wir es vielleicht gemeinsam, eine innovative Gesellschaftzusein,in derenZentrumnicht Innovation,sondern Lebensqualitätfürallesteht. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 465 1. Einleitung Längst bestimmt und steuert Künstliche Intelligenz (KI) unser alltägliches Leben.In fast allen Lebensbereichen arbeiten selbstlernende Systeme ganz selbstverständlich und von uns meist unbemerkt im Hintergrund. Sie sortieren und beeinflussen, was wir lesen, kaufen,essen, hören, ansehen,und nehmen nicht nur auf politische Einstellungen Einfluss, sondern auch ganz grundsätzlich auf die Art, wie wir Dinge wahrnehmen, und damit auf unsere Weltsicht.1 Die Abkürzung KI entspricht der auch im Deutschen gebräuchlichen Abkürzung AI fürArtificialIntelligence.DerBegriffderArtificialIntelligencebesitzteinetraditionsreiche Geschichte,mit eigenem durch den Informatiker John McCarthy auf der Dartmouth Conference 1956 begründeten Fachgebiet. Es besteht aus mehreren Themenfeldern, wie zum Beispiel der Mustererkennung und dem maschinellen Lernen,der Robotik oder der Mensch-Maschine-Interaktion.23 Der Fortschritt der letzten Jahre im Deep Learning künstlicher neuronaler Netze ist gewaltig. Täglich werden sie durch riesige Datenmengen weiter trainiert. Fast alle wissenschaftlichenDisziplinenorientierensichinzwischenanderAuswertungvonBigData mithilfe von Algorithmen.4Ob bei der medizinischen Diagnostik, smarter Logistik, im Finanzmarkt, beim autonomen Fahren und natürlich auch in der Kunst – überall sind selbstlernende Systeme im Einsatz und ermöglichen bisher Undenkbares: Sie erkennen Muster in Datenmassen,die unser menschliches Auswertungsvermögen um ein Zigtau1 Um das Ausmaß des Einflusses der sogenannten smarten Technologie auf unseren Alltag zu verdeutlichen,reichteinBlickaufdieimmenseundstetigsteigendeZahlanMenschen,dieKI-Sprachassistent*innen benutzen. So unterstützt Siri die iPhone-Nutzer*innen seit 2011 und hat durch die Aufbereitung von diversen Inhalten bereits 2019 Einfluss auf die Wahrnehmung von 700 Mio. Nutzer*innen. Imgleichen Jahrließensich 400 Mio.MenschenvonGooglesSprachassistentleiten und ebenso viele durch die Microsoft-Software Cortana. (Vgl. Wittpahl, Volker (2019): Einleitung. In: Ders. (Hg.): Künstliche Intelligenz. Technologie/Anwendung/Gesellschaft. Berlin. 8.) All diese Assistenzsysteme werden noch einmal überflügelt von der Zahl an Menschen, die inzwischen (Stand 2021) den smarten Lautsprecher Alexavon Amazon benutzen. Genaue Zahlen der weltweiten Nutzung von Sprachassistent*innen liegen nicht vor und lassen sich nur schätzen. Laut der PostbankDigitalstudie (URL: https://www.presseportal.de/pm/6586/4637002) wardie Verwendung der smarten Technologie in Deutschland 2020 innerhalb eines einzigen Jahres von 32 % auf 45 % gestiegen. Jede*r zweite Deutsche nutzt KI also bereits völlig selbstverständlich alltäglich. 2 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, 2020): KI. Künstliche Intelligenz. URL: https://www.bmbf.de/upload_filestore/pub/Kuenstliche_Intelligenz.pdf [23.12.2020]. 3 Nach einer ersten euphorischen Phase in den 1960er Jahren kühlte das Interesse an der Forschung und Entwicklung von KI Ende der 1960er Jahre bereits wieder ab. Vor allem auf dem Gebiet der Computer Vision erwiesen sich Problemstellungen als nicht so schnell zu lösen wie zunächst erhofft, was zu einem erheblichen Rückgang der Forschungsförderung führte. Die technischen Fortschritteder jüngerenVergangenheitermöglichennun,dass diejahrzehntealtenVisionentatsächliche Umsetzung finden. Nach einer langen, auch als KI-Winter bezeichneten Epoche der ForschunghatdamiteineganzneuePhasederKI-Entwicklungbegonnen.(Vgl.Engemann,Christoph/ AndreasSudmann(Hg.)(2018):MachineLearning–Medien,InfrastrukturenundTechnologiender Künstlichen Intelligenz. Bielefeld. 9.) 4 BMBF (2020). 466 Handlungspotenziale der Kunstförderung sendfaches übersteigen. Sie adaptieren und verbessern, ordnen vermeintliches Chaos, zeigen Lösungen auf und beraten. Sie komponieren,malen und gestalten.5 Die damit verbundenen Hoffnungen sind gigantisch: Menschliche Fehlbarkeiten könnten beseitigt, bisher unheilbare Krankheiten könnten ebenso wie Armut und Hunger besiegt und die Welt ganz allgemein vor dem Untergang gerettet werden. Die Befürchtungen der Konsequenzen stehen dem in nichts nach: totaler Kontrollverlust, maximale Überwachung, der Mensch als abhängiger Sklave seiner eigenen Erfindung, ersetzbar gerade in Belangen, die wir bisher als einzigartig menschlich empfunden haben, den Empfehlungen und zunehmend autonomen Entscheidungen von selbstlernenden Systemen ausgeliefert.6 Die Vorstellung, dass Menschen selbstlernende Automaten und Maschinenwesen schaffen, die eine eigene Intelligenz besitzen könnten, ist tatsächlich uralt. Von der antiken Vision selbstständiger Automaten über den menschenähnlichen mystischen Golem des Mittelalters bis zur Science-Fiction der Gegenwart mit ihren Cyborgs und humanoiden Robotern zieht sich die Idee der Entwicklung kluger Maschinen, die »intensiver vorgedacht wurde[n] als jede andere«7. Dessen ungeachtet überraschen die gegenwärtig spürbar werdenden Ausmaße augenscheinlichvieleMenschen,unddasverstärktdas grundsätzliche Zeitgefühleiner beschleunigtenWelt.KIwirdwenigeralseineEntwicklungmiteiner über60-jährigenHistorie und unterschiedlichen Hochphasen rezipiert als ein Gegenwartsphänomen,das in dergesellschaftlichenWahrnehmungvielmitvermeintlichplötzlichauftretendenNeuerungen verbunden wird. Wie lange die »smarten« Technologien unseren Alltag schon steuern und welches Ausmaß diese Steuerung besitzt, ist den allermeisten Menschen tatsächlich gar nicht bewusst.8 5 In der Forschung wird zwischen starker und schwacher KI unterschieden. Eine starke KI wäre in der Lage, auf Augenhöhe mit einem Menschen zu arbeiten. Dazu müsste sie selbst ein Problem bzw. eine Aufgabenstellung entwickeln und einen entsprechenden Lösungsweg definieren. Eine solche KI würde in gewissem Maße über ein Bewusstsein verfügen. Die Mystifizierung der Technologie knüpft an eben jene Vorstellung einer starken KI an. Deren Entwicklung aber liegt aktuell noch in ferner Zukunft. Ob eine solche KI überhaupt entwickelt werden kann, wird von vielen Forscher*innen angezweifelt (vgl. Apt, Wenke/Priesack, Kai (2019): KI und Arbeit – Chance und Risiko zugleich. In: Wittpahl, Volker (Hg.): Kunstliche Intelligenz. Berlin. 222). Wenn von Künstlicher Intelligenz gesprochen wird, dann ist damit meist die sogenannte schwache KI oder auch methodische KI gemeint. Die KI »lernt« nicht in einem universellen Verständnis, sondern wird über Mustererkennung und das Abgleichen von riesigen Datenmengen trainiert (Machine Learning). »Mit ihr können klar definierte Aufgaben mit einer festgelegten Methodik bewältigt werden, um komplexere, aber wiederkehrende und genau spezifizierte Probleme zu lösen. Die besonderen Vorzüge der schwachen KI liegen in der Automatisierung und im Controlling von Prozessen, aber auch der Spracherkennung und -verarbeitung. Zum Beispiel: Textund Bilderkennung, Spracherkennung, Übersetzung von Texten, Navigationssysteme etc. Auch digitale Assistenzsysteme wie Alexa, Siri und Google Assistent gehören zur Kategorie der schwachen KI.« (URL: https://ki.fhws.de/thematik/starke-vs-schwache-ki-eine-definition/ [14.10.2021]). 6 Vgl.Sadin,Eric(2017):KünstlicheIntelligenz.Dasgehtzuweit!In:DieZeit.Nr.24/2017,08.06.2017. 7 Lenzen, Manuela (2019): Künstliche Intelligenz. Was sie kann & Was uns erwartet. München. 9. 8 Um diese Bewusstmachung und die Notwendigkeit eines Geschichtsbewusstseins im Bereich Kunst und KI wird es im Folgenden verstärkt gehen. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 467 VermeintlichZukünftigesbegleitetunsbereitsbeijederHandlunginderGegenwart. Denn die soziotechnologischen Konsequenzen – im Guten wie im Schlechten – haben sich längst in unserer Gegenwart manifestiert und werden, da sind sich Kritiker*innen wie Technikbegeisterte uneingeschränkt einig,unser aller Leben auch zukünftig immer mehr und immer umfänglicher beeinflussen und verändern.9Ulf Otto stellt in einem Beitrag für Theater der Zeit zum Schwerpunkt Digitalität nüchtern fest: »Ohne algorithmischeVorverarbeitunggeht im BigData,dasunsereWirklichkeitist,wiees die Medien im 20.Jahrhundert waren,auch für humane Intelligenzen nichts mehr.Sinn zu machen (oder zu finden),ohne dass Algorithmen in der einen oder anderen Weise daran beteiligt wären, geht nicht mehr.«10 Der in den letzten Jahren immer emotionaler geführte Diskurs um Künstliche Intelligenz zwischen Fluch und Segen beginnt bereits mit seiner Bezeichnung. Die Genese der Begrifflichkeit ist in Bezug auf die gegenwärtige Rezeption der Technologie wesentlich, handelt es sich doch eigentlich um 65 Jahre alte Antragsprosa.11 EineallgemeingültigeDefinitiondessen,was»Intelligenz«genaucharakterisiert,ist schwierig. Die Kriterien diverser Disziplinen, die sich aus philosophischer, ethischer, medizinischer, technologischer oder auch psychologischer Perspektive mit dem Wesen der Intelligenz beschäftigen, sind teils sehr unterschiedlich. Unabhängig von einer verbindlichen Definition ist die Wortwahl »Intelligenz« in Bezug auf künstliche neuronale Netze bemerkenswert, denn sie schreibt selbstlernenden Systemen eine Form von eigenem Bewusstsein zu, die im alltäglichen Sprachgebrauch unweigerlich mit diesem Wort verknüpft ist. Kritiker*innen sprechen darum ganz bewusst nicht von KI oder AI, sondern von Maschinenlernen bzw. Machine Learning oder auch selbstlernenden Systemen.12 Bereitsin dieser UnterscheidungoffenbartsicheinzentralerGegensatz,derweitreichende Konsequenzen hat: Betrachten wir KI als autonomes und bewusst kreierendes System oder als ein Werkzeug der eigenen, selbstbestimmten Handlung? Aus dieser Haltungsfrage ergeben sich mit Blick auf die Darstellenden Künste neben grundsätzlichenAspekten dergesellschaftlichenAuswirkungentechnologischerAbhängigkeit Fragen nach freiem Willen oder gesteuertem Handeln, nach historischen Wurzeln und bereits geleisteter Entwicklungsarbeit, nach Autonomie und Unfreiheit, nach 9 Vgl. u.a. Gabriel, Markus (2020): Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Berlin; Sudmann, Andreas (Hg.) (2019): The Democratization of Artificial Intelligence. Net Politics in the Era of Learning Algorithms. Bielefeld; Lenzen, Manuela (2019): Künstliche Intelligenz. Was sie kann & Was uns erwartet. München; Heesen, Jessica (Hg.) (2016): Handbuch Medienund Informationsethik. Stuttgart. 10 Otto, Ulf (2019): Und Paro lächelt. Von digitalen Figuren, burgerlichen Angsten und der Multiplizitat des Theaters jenseits des Produktdesigns. In: Theater der Zeit 12/2019. 19. 11 John McCarthy hatte den Begriff Artificial Intelligence 1956 zur Finanzierung der Dartmouth Conference erfunden und erstmals in der Antragstellung dafür verwendet. 12 Der Titel dieser Studie ist vonseiten des Fonds gesetzt worden. Um eine konsistente Argumentation zu ermöglichen, wird der Begriff KI darum trotz der bekannten Polemik des Begriffs im Folgenden »sehenden Auges« genutzt. 468 Handlungspotenziale der Kunstförderung Originalität und Adaption13 und damit ganz zentral nach zukunftsfähigen Rahmenbedingungen für die künstlerische Praxis im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Denn in der Verschaltung von technischer Innovation und Kunst wird auch ein Teil unserer Zukunftgestaltet.FürunsereGesellschaftliegtdarineineeinzigartigeChance.Umdiesezu nutzen, braucht es adäquate Strukturen und passende Förderinstrumente. Denn aktuell finden KI-basierte Verfahren in der Kunst nur wenig und in der Darstellenden Kunst auch erst seit Kurzem steigende Anwendung.14 Im Folgenden wird diskutiert, warum das so ist und welche Weichen für einen veränderten Umgang gestellt werden müssten. DieseStudie,diesichethischen,ästhetischen,historischen,politischenundtechnischen Herausforderungen widmet, gibt einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen und Bedarfe im Bereich KI und Darstellende Künste, mit dem Ergebnis einer Handlungsempfehlung für Förderund Ausbildungspolitik. 1.1. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit Für Künstler*innen hat die beschriebene Haltung gegenüber KIs als Werkzeug oder autonomem System ebenso wie die Potenziale von Machine Learning für das eigene Schaffen extreme Konsequenzen. Spätestens seitdem 2018 das durch KI geschaffene Bild EdmonddeBelamy vom Aktionshaus Christie’s für 432.500 Dollar versteigert wurde, geht es zumindest auf dem Kunstmarkt vor allem um die Frage,ob selbstlernende Systeme tatsächlich etwas Genialistisches kreieren können – also etwas, das bis dato originär und ausschließlich dem menschlichen Schaffen zugestanden wurde. Die Angst,als Künstler*in ersetzbar zu sein,ist nicht neu. Bereits mit der Erfindung von Film und Fotografie und Walther Benjamins berühmtem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit15 wurde der anhängige Diskurs intensiv geführt. Überhaupt lohnt sich der Blick in Benjamins Ausführungen von 1936, die er mit einem Zitat von Paul Valéry beginnt, das einmal mehr zeigt,dass das gegenwärtige Ausmaß der technologischen Veränderungen eine ähnliche Zäsur für die künstlerische PraxisdarstelltwiedieIndustrielleRevolution,unterderenEinflussderLyrikerundSchriftsteller sein künstlerisches Schaffen reflektiert: »Die Begründung der Schönen Künste unddieEinsetzungihrerverschiedenenTypengehtaufeineZeitzurück,diesicheingreifendvon der unsrigen unterschied,und auf Menschen,deren Macht über die Dinge und überdieVerhältnisse verschwindendimVergleich zu der unsrigen war.Der erstaunliche Zuwachsaber,denunsereMittelinihrerAnpassungsfähigkeitundihrerPräzisionerfahrenhaben,stellt unsinnaher ZukunftdieeingreifendstenVeränderungenin der antiken Industrie des Schönen in Aussicht. In allen Künsten gibt es einen physischen Teil, der 13 Murrieta Flores, D. A. (2020): Self-representation and Mimesis in AI Painting. Espace:artactuel. 124. 14 Selbstverständlichgibt es auchimDarstellendenBereichKünstler*innen,die seit Jahrzehntenmit diesen Technologien experimentieren. Diese Zustandsbeschreibung ist bewusst polemisch formuliert. Sie bezieht sich auf das große Feld der ungenutzten Möglichkeiten und auf die überwiegende Mehrheit der Künstler*innen. 15 Benjamin, Walter (2020): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Berlin. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 469 nicht länger so betrachtet werden kann wie vordem; er kann sich nicht länger den Einwirkungen der modernen Wissenschaft und der modernen Praxis entziehen.Weder die Materie, noch der Raum,noch die Zeit sind seit zwanzig Jahren,was sie seit jeher gewesen sind. Man muß sich darauf gefaßt machen, daß so große Neuerungen die gesamte TechnikderKünsteverändern,dadurchdieInventionselbstbeeinflussenundschließlich vielleicht dazu gelangen werden,den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern.«16 Mit Blick auf den Diskurs der von selbstlernenden Systemen geschaffenen Werke wirken diese Zeilen fast schon unheimlich aktuell. Benjamins Ausführungen,die sich auf den Verlust der Aura von Kunst durch technische Reproduzierbarkeit im Sinne Adornos konzentrieren,skizzieren die durch die VermittlungderApparaturveränderteProduktions-und Rezeptionshaltung.17 InBezugauf KI verändert sich das Back End der Produktion aber um einen entscheidenden Schritt mehr, denn die Apparatur ist nicht mehr nur das Medium der Produktion (Fotografie) und/oderVermittlung(Film),sonderndietatsächlicherschaffendeInstanz.Esgehtnicht mehr länger um Mimesis,also Abbildung.Es verändert sich ganz konkret die von Valéry als »Invention« beschriebene Genese von Kunst. 1.2. Die Kunst der Sichtbarmachung Die Angst, ersetzbar zu sein, als Mensch im Vermögen des kreierenden Schöpfers austauschbar zu werden, begleitet technische Innovation und künstlerisches Schaffen vielleicht seit jeher. Sie wird im Kontext von KI aber durch grundsätzliche gesellschaftlicheFragennachAutonomieund Abhängigkeit verstärktundgewinntdadurcheinbisher so nicht dagewesenes Momentum.Die technischen Entwicklungen fordern uns heraus: zunächst im Sinne einer thematischen Aufarbeitung der soziotechnologischen Konsequenzen zwischen Freiheit und Abhängigkeit für unsere Gesellschaften ganz allgemein. HannoRauterbergbezeichnet KünstlicheIntelligenzalszentraleLeitideederGegenwart und attestiert ihr die Veränderung unserer symbolischen Ordnung: »Die neuen Produkte,die smarten Toaster, smarten Häuser, smarten Städte, sind etwas grundlegend anderes als Dampfmaschinen oder der gute alte Otto-Motor.Die Technik von einst mechanisierte das Dasein,und nicht selten machte sie den Menschen zum Rädchen im Getriebe. Hingegen agiert die digitale Technik in einem wolkigen Nichts und zieht weite Teile der Gegenwart eben dort hinein: in eine Sphäre der Unfasslichkeit.«18 Diese Sphäre der Unfasslichkeit ist spürbar, denn was KI genau ist, bleibt den allermeisten Menschen unklar, das zeigen bereits Gespräche im persönlichen Umfeld.Selbst technikaffinenMenschenisthäufigüberhauptnichtklar,wassichhinterdemBegriffder Künstlichen Intelligenz genau verbirgt und wie massiv Algorithmen unser Leben bereits bestimmen. Künstlerische Aufarbeitung könnte vor diesem Hintergrund eine immense 16 Valéry, Paul: Pieces sur l’art. Paris (o.J.): 103–104. Zitiert nach Benjamin, Walter (2020): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Berlin. Zitiert nach Walter (2020). 17 Im Umfang dieser Studie kann auf die Begriffsgeschichte sowie den kunsthistorischen Diskurs zu Begriff und Wirkungsweise der Apparatur nur verwiesen werden. 18 Rauterberg,Hanno(2021): Die Kunstder Zukunft.Über den Traumder kreativenMaschine.Berlin. 9. 470 Handlungspotenziale der Kunstförderung Verantwortung übernehmen,denn Kunst,um Paul Klees berühmten Aphorismus zu bemühen,»gibtnichtdas Sichtbarewieder,sondernmachtsichtbar«19.Diese Fähigkeitder Sichtbarmachung ist gerade in Bezug auf KI nicht hoch genug zu schätzen, vor allem, weil die Technologie extrem mystifiziert wird. Beginnend mit der Bezeichnung, begleitet die Entwicklung Künstlicher Intelligenzen eine so nie dagewesene Antropomorphisierung, die ihnen einen eigenen Willen und damit von vornherein etwas Unheimliches zuschreibt: »Wo einst Maschinenkörper waren, sind nun Maschinengeister«20, schreibt Rauterberg weiter. Eine solche Lesart, wie sie Rauterberg anhand seiner Analyse gesellschaftlicher Reaktionsmuster in Bezug auf KI beschreibt,ist nicht ungefährlich,denn sie unterstellt dem maschinellen Lernen, ähnlich wie die Zuschreibung einer Intelligenz, eine unabhängige Handlungsfähigkeit. Kunst als Sichtbarmachung einer Technologie,die nicht zu sehen und für die allermeisten von uns auch noch unverständlich ist, gewinnt somit graduell an Bedeutung: als Diskursraum, als Verhandlungsangebot, als Experimentierund Forschungshaltung und ja, durchaus auch als Mittel der Aufklärung. Denn durch Kunst wird Zukünftiges erfahrund Gegenwärtiges verstehbar. Künstler*innen arbeiten in diesem Sinn »nicht unbedingt mit der neuesten Technik«,sondern daran, »mithilfe dieser über Menschen und politische und soziale Zusammenhänge zu sprechen.«21 Dieses Zitat von Stefan Kaegi der Gruppe Rimini Protokoll bezieht sich auf seine Arbeit Unheimliches Tal/Uncanny Valley. Im Mittelpunkt steht hier die FragenachderVermenschlichung derMaschine.Das animatronischeDouble desAutors Thomas Melle tritt an seiner Stelle auf und evoziert Fragen nach der Ersetzbarkeit des Originalsdurchdie Kopie,nach Sprecher*innenrolleund Agenda.»Aufdiese Weisewird die Maschine zur Projektionsfläche für eine Zukunft,in der das menschliche Original irgendwann nicht mehr auszumachen ist. Ein solcher Humanoide ist kein industrieller Arbeiter, sondern eine Bezugsperson, wie wir ihr womöglich selbst bald im Altersheim begegnen.DerAutorThomasMellewirdbei RiminiProtokollzumSchöpferseinesEbenbildes.ErgibtdieKontrolleaneinenDoppelgängerab,derihnverdrängt,überdaswechselseitigeVerhältnis reflektiert und dieses Nachdenkenals vielfachgespaltenenVorgang Abend für Abend wiederholbar macht.«22 Zum Einsatz kommt hier aber letztlich keine »echte« KI,sie wird »nur« behauptet.Verhandelt werden so beispielhaft ethische Fragen und gesellschaftliche Konsequenzen einer Anthropomorphisierung von Technik. Dass vor allem die Anthropomorphisierung der Technologie für die Darstellenden Künste interessant ist, liegt auf der Hand, denn KIs können als körperlose, aber auch als verkörperte Akteure zu Ko-Produzent*innen werden.23 Dies zeigt sich am augenfälligsten im Bereich Robotik. Hier arbeiten z.B. Iris Meinhardt und Michael Krauss (Mein19 Klee, Paul (1920): Schöpferische Konfession. Berlin. 20 Vgl. Rauterberg (2021): 9. 21 Stefan Kaegie, zitiert nach Koß, Daniela: Diskussionsreflexion. In: Stiftung Niedersachsen (Hg.) (2019): Kultur gestaltet Zukunft. Künstliche Intelligenz in Kunst und Kultur. Hannover. 22 https://www.rimini-protokoll.de/website/de/project/unheimliches-tal-uncanny-valley 23 Wobbeler, Christian (2022): KI-generierte Verfahren in den Künsten – Theater/Performance. In: Catani, Stephanie/Pfeiffer, Jasmin (Hg.): Handbuch Künstliche Intelligenz und die Künste. Berlin 2022. (Die Autorin dankt den Herausgeberinnen für einen Einblick vorab in diese Studie, die im März 2022 im Handbuch erscheinen wird.) Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 471 hardt & Krauss) an Fragestellungen der Mensch-Maschinen-Interaktion. In diesem Themenfeld bewegen sich auch die Projekte von H.A.U.S. (Humanoid Robots in Architecture and Urban Spaces), einem 2014 gegründeten, interdisziplinären Zusammenschluss von Künstler*innen mit Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen. Die Tänzerin und Performerin Eva-Maria Kraft experimentiert in ihren Choreografien beispielsweise mit humanoiden Robotern und erforscht tänzerisch die unterschiedliche Körperlichkeit von Mensch und Maschine. Das Unterlaufen, das Ausund Infragestellen der AntropomorphisierungderTechnologieunddes einschränkendenDualismus»MenschoderMaschine« stehen im Zentrum der künstlerisch forschenden Arbeit von H.A.U.S. und ihres Gründers,desForschersOliverSchürer.InanderenArbeitenwirdz.B.die KI bewusst als Black Box und Maschine ausgestellt,sodass sie die Inszenierung des intelligenten Roboters unterläuft und dekonstruiert. Während diese Arbeiten die Verschaltung menschlicher und maschineller Körper durch den Einsatz humanoider Roboter beispielhaft thematisieren, geht Marco Donnarumma in seiner künstlerischen Praxis, die mit teils jahrelanger Forschung verbunden ist,noch einen Schritt weiter. So auch in dem Zyklus 7Configurations.ArtificialIntelligence vs Body Politics (2014-2019), der aus einzelnen Forschungsabschnitten, Tanzperformances und Installationen besteht. Beispielhaft daraus die Arbeit Eingeweide. A Ritual Of Coalescence For Two Unstable Bodies (2018 gemeinsam mit Margherita Pevere). Hier verschmelzen Mensch und Maschine durch den Einsatz einer KI-gesteuerten Prothese, die während der Performance in Echtzeit Bewegungen lernen und ausführen kann und den menschlichen Körper so selbst zum Cyborg werden lässt.Es entsteht ästhetisch wie technologisch eine neue Kreatürlichkeit, die Fragen nach Dominanz und Intimität der nichtmenschlichen Interaktion auf den Plan ruft. In all diesen Arbeiten wird KI nicht einfach als Werkzeug benutzt, sondern immer auch reflektiert. Die Entmystifizierung der Technologie ist eine Aufgabe, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, denn mit der Lesart eines unheimlichen Geisterwesens, das irgendeinenunbekannten,jaunheimlichenPlanverfolgt,gibtmanalleVerantwortungder gesellschaftlichen Einflussnahme endgültig ab. Aber natürlich nicht an ein mechanisches Geisterwesen, sondern an ein menschgemachtesSystemmaximalerProfitsteigerungunddamitaneinigewenigewirtschaftliche Akteur*innen. Dabei bietet gerade die künstlerische Praxis ein wesentliches Potenzial, nämlichdas derGestaltung.Denn auchwenndiesediskursiveAufarbeitungder»Sphäre derUnfasslichkeit«wesentlichist,birgtMachineLearningfürdasKunstfeldentschieden mehr Möglichkeiten als die der reinen Sichtbarmachung.Diese Feststellung scheint zunächst banal, aber angesichts der aktuellen Entwicklungen doch zentral zu sein. Denn nicht nur gesellschaftlich, auch künstlerisch lässt sich eine gewisse Ohnmacht angesichtsdesrasantenEinzugsselbstlernender Systemein unserallerLebenfeststellen.RobertThielickefasst inseinemGeleitwortzueinem vomInstitutfür InnovationundTechnik herausgegebenen Themenband zu Künstlicher Intelligenz pointiert zusammen: »Wie jede Technologie ist auch die Künstliche Intelligenz kein unausweichliches Schicksal. Sie lässt sich gestalten. Umgekehrt bedeutet dies aber auch: Wenn wir sie nicht mitgestalten, tun es andere für uns. Die große Frage lautet daher: Wie soll die- 478 Handlungspotenziale der Kunstförderung einen genaueren Blick, da die Absicht, die Kollaboration von Künstler*innen, Ingenieur*innen und Industrie zu fördern, natürlich nach wie vor hohe Aktualität besitzt und der Aufbau des interdisziplinären Netzwerkes durchaus als wegweisend gesehen werden kann. Ausgangspunkt dafür war eine gemeinsame Performance-Serie aus dem Jahr 1966, 9 Evenings: Theatre and Engineering, die man auch als künstlerische Forschung beschreiben würde: »9 Evenings was the first large-scale collaboration between artists and engineers and scientists. The two groups worked together for 10 months to develop technical equipment and systems that were used as an integral part of the artists’ performances. Their collaboration produced many ›firsts‹ in the use of new technology for the theater, both with specially-designed systems and equipment and with innovative use of existing equipment.«39 Auch in Deutschland gibt es eine Geschichte digitaler Performance Art. Historische Aktualisierungsmöglichkeitenbietetz.B.der unter demTitelTheaterundMediengeführte Diskurs der 1990er Jahre, in dem das Verhältnis von Theatralität und Technizität breit diskutiert wurde.40 Auch hier ging es nie darum, das Analoge gegen das Digitale in Stellung zu bringen. Der »unterkomplexe[n] Entgegensetzung von Theater und Medien, Liveness und Reproduktion, Technischem und Sozialem etc.«41 gilt es auch in einer Aktualisierung der Diskussion entgegenzuhalten, dass alle Fragen nach Digitalität immer auch politische Fragen sind. Martina Leeker arbeitet in mehreren Studien sehr interessant heraus, dass das Verhältnis von Algorithmen und Performances als Teil der »Technikgeschichte des Menschen«42 gesehen werden muss. »In Performances mit und durch Technik wird diese nie einfach nur genutzt.Vielmehr werden kollektive Notlagen undUmbrücheaufgefangenundmitihnenumgegangen,MenschlichesundTechnisches re-designed und an der Konstruktion sozio-technischer Ensembles mitgewirkt.«43 Vor allem im Bereich Tanz und Choreografie wurde schon in den frühen 1990er Jahren sehr konkret an dem Einbezug digitaler Systeme gearbeitet. Beispielsweise in dem Projekt Improvisation Technologies von William Forsythe.1994 entwickelte er gemeinsam mit dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe eine interaktive Improvisationstechnologie, eine Art »digitale Tanzschule«44, die als CD-ROM erschien. Das 2009 gestartete zweijährige Rechercheprojekt Inside Movement Knowledge45, eine Kooperation unterschiedlicher niederländischer Forschungseinrichtungen, bietet in seiner Dokumentation und der Publikation Notion einen umfassenden Einblick in historische und zeitgenössische choreografische Praktiken und konzentriert sich auf 39 URL: https://monoskop.org/9_Evenings:_Theatre_and_Engineering [14.10.2021]. 40 Vgl. Otto (2020). 41 Vgl. ebd. 9. 42 Leeker, Martina (2001): Theater, Performances und technische Interaktion. Subjekte der Fremdheit. Im Spannungsgefüge von Datenkörper und Physis. In: Schneider, Gendolla, Spangenberg, Schmitz (Hg.): Formen interaktiver Medienkunst. Frankfurt a.M. 2001. O. S. 43 Leeker, Martina (2020): Algorithmen in Performances. Umdeutungen, Verbergungen, Ver/ Meidungen, Verharmlosungen in der Begegnung von Ingenieurswissen und kunstlerischen Experimenten. In: Otto, Ulf (Hg.): Algorithmen des Theaters. Ein Arbeitsbuch. Berlin. 14–15. 44 URL: https://zkm.de/de/publikation/william-forsythe-improvisation-technologies-0. [14.10.2021]. 45 URL: http://insidemovementknowledge.net/ [28.01.2022]. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 479 eine ähnliche Frage: Wie kann man körperbasiertes Bewegungswissen transformieren und weitergeben? Die Transformation von Wissen in einen digitalen Wissensspeicher durch die Zusammenarbeit ganz unterschiedlicher wissenschaftlicher Perspektiven ist noch immer hoch aktuell und der Blick in die Dokumentation gerade für das Arbeiten mit KI überaus gewinnbringend. Die Frage, wie man Bewegungswissen mit und durch neue Technologien teilen kann, bleibt dabei zentral. Durch den Einsatz von z.B. Movement-TrackingundSequenzierungenwurde derVersuch unternommen,Choreografien und sehr spezifisches Wissen einerseits festzuhalten und andererseits zugänglich für andere Disziplinen zu machen. Technologie wurde zur Dokumentation, aber auch zur Transformation von Wissen benutzt.Die Digitalisierung dieses »Körperwissens« ist aus vielen Perspektiven spannend. Einerseits, weil es der Versuch der Archivierung einer Praxis ist, die in erster Linie durch ephemere Momenthaftigkeit geprägt ist, andererseits, weil durch die Digitalisierung eine neue digitale Kunst entsteht, die Wissen nicht nur speichert, sondern in eine neue digitale Bewegungskunst transformiert. 2.1.2. Blick in die Historie der interaktiven Kunst Mindestens genauso relevant wie ein Blick auf die Entwicklung der Schnittstelle von Kunst und Technologie ist die Kenntnis der Historie interaktiver Kunst, ausgehend von der Performance Art der 1960er Jahre.Hier überlagerten sich darstellende Praktiken mit solchen aus der Bildenden Kunst zu einer performativen Praxis, die so die entsprechenden Zuschreibungen – sowohl in Bezug auf die bekannten künstlerischen Gattungen (und ihre Trennung in z.B. Bildende Kunst, Malerei, Bildhauerei versus Darstellende Kunst) als auch hinsichtlich der Rollen von Künstler*innen und Zuschauer*innen – grundlegend infrage stellte. Im Rahmen der entstandenen Action Art mit Happenings und Fluxus von Künstler*innen wie (u.a.) Allan Kaprow, George Brecht, John Cage, Joseph Beuys und später Marina Abramović wurde das klassische Verhältnis von Zuschauer*in und Künstler*in aufgekündigt und der Handlungsrahmen von beiden erheblich erweitert. Das Ergebnis warensogenannteOffeneKunstwerke,wiez.B.JohnCagesberühmteKomposition4’33,die erst durch die Geräusche des Publikums entsteht. Der Einfluss der Performance-Kunst führte zu einer Vielzahl an Post-Studio-Praktiken in einem Teilbereich, der immer hybrider wurde (und sich vermehrt jeder Gattungszuschreibungentzog).DiesveränderteauchdieArbeitsweisefürTheaterundSchauspieler*innen.Es entstand eine neue Theaterform,die alle klassischen Aufführungssituationen hinterfragte. Die Thematisierung des theatralen Rahmens ließ die Gegensätze wie Fiktion und Wirklichkeit, Bühne und Zuschauerraum brüchig werden. »In performativenAnordnungen,indeneneseinedeutlicheTrennungzwischenBühneundZuschauerraum ebenso wenig gibt wie die klare ontologische Unterscheidung zwischen wirklicher und fiktionaler Welt, wird sich nicht nur die (immer auch körperliche) Präsenz der Akteureintensivieren,siewirdauchaufdenZuschauerzurückwirken.DennderZuschauer istdannnichtmehreinsichimDunkelnversteckenderKonsumentoderVoyeur,sondern ein – ebenfalls körperlich – Anwesender, der selbst, wenn auch nicht auf gleichberechtigte Weise, auf den theatralen Vorgang Einfluss nimmt.«46 Diese veränderte Perspek46 Rebentisch, Juliane (2013): Theorien der Gegenwartskunst zur Einführung. Hamburg. 73. 480 Handlungspotenziale der Kunstförderung tive auf die Zuschauendenposition als aktive (Mit-)Gestalter*in der Situation legte die GrundlagezurweiterenEntwicklungpartizipativerKunstpraktikenundderenAusdifferenzierung.Inden1980er Jahrenetablierte sich fürpartizipativeKunstformen,die computergestützt auf Zuschauer*innenreaktionen zielten,der Begriff»interaktiv«.Eine berühmte Vertreterin dieser Epoche ist die US-amerikanische Künstlerin Lynn Hershman Leeson.MitihremProjektLornavon1983 schuf siedasersteinteraktiveVideokunstwerk, bei dem die Zuschauenden über die Auswahl von Einrichtungsgegenständen den Ausgang der Geschichte der agrophoben Protagonistin bestimmen können.47 Bei interaktiven Theaterformaten gestalten die Zuschauer*innen die Handlung durch das eigene Agieren und Interagieren mit den Künstler*innen mit.Dramaturgisch bedeutet das, dass die Künstler*innen Emotionen und Handlungen der Teilnehmer*innen im Vorfeld antizipieren müssen, um einen Abend die notwendige Rahmung und Handlungsoptionen geben zu können. Hier ergibt sich eine interessante Analogie zu Machine Learning, bei dem die BerechnungderwahrscheinlichstenLösungdasZielist.EsgehtindiesemSinne(ganzähnlichwie beiinteraktivenTheaterformen)umdie Vorhersagemöglicher Settings.Dassdie Entwicklung dieser Art des mathematischen Denkens in den 1960er Jahren letztlich parallelzurEntstehunginteraktiverTheaterformateverlief,istkeinZufall.DieTheatergruppe machina eX48 beispielsweise nutzt heute die Wenn-dann-Logik aus Computerspielen und überträgt sie in immersive Spielesettings auf der Bühne. Andere Interaktionsszenarien der Darstellenden Kunst beruhen auf sehr ähnlichen Prinzipien wie das Training von lernenden Systemen: Die Zuschauer*innen müssen erst einmal Fragen beantworten,etwas von sich preisgeben und werden später damit konfrontiert,was man alles von sich preisgegeben hat.49 In interaktiven Settings werden die Zuschauenden zu Teilnehmenden, deren eigene Aktionen die Handlung entsprechend beeinflussen. Ohne ihren Input stagniert das System. Beispiel: The Agency Interaktivität und die daraus folgende Immersion, also das Eingesogensein der Zuschauer*innen in die Performance, finden sich auch in aktuellen Beispielen wie den Arbeiten der Gruppe The Agency. Arbeiten von Gruppen wie The Agency arbeiten nach diesem immersiven Prinzip des Eingesogenseins.Im Zentrum stehen »subversive Handlungsmöglichkeiten (agency) unterdenBedingungendesPost-Digitalen:Wie bilden sichunserBegehren,unsereGefühle, unsere Identitäten und politische Bewegungen im post-digitalen Zeitalter? Und wie istesunterdiesenBedingungen möglich,counter-emotions,counter-identities,Gegenbewegungen, zu erschaffen? Die künstlerischen Arbeiten greifen neoliberal konnotierte Formate(wiezumBeispieldasCoaching)undderenästhetischeStrategienwieBranding und Corporate Identity auf, überdrehen die darin institutionalisierten Technologien des 47 URL: www.lynnhershman.com/lorna/ [03.02.2022]. 48 URL: https://www.machinaex.com/ [14.10.2021]. 49 Diese Überlegungen beruhen vor allem auf einem Gespräch mit Stefan Kaegi, der im Interview vorschlug, die Geschichte des Theaters als Geschichte der Künstlichen Intelligenz zu lesen, da das Antizipieren von Emotionen im Theater dem Programmiervorgang einer KI so ähnlich sei. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 481 Selbst kritisch affirmativ – und ringen um ein utopisches Potenzial aus quer-feministischer Perspektive.«50 Ein Beispiel dafür ist ihre Produktion Medusa Bionic Rise, die den neoliberalen Optimierungswahn als interaktives Lifesetting ausstellt und Gegenwartsanalyse mit Zukunftsvisionen verbindet, ohne in stumpfe moralische Belehrungen abzurutschen, da die Zuschauenden wie die Performer*innen Teil der Struktur und des Problems sind. Auch wenn hier keine KI eingesetzt wird, sind die Arbeiten durch die Nachahmung des Prinzips des maschinellen Lernens im Kontext dieser Studie interessant. Hier geht es vor allem um die Demokratisierung einer Technologie durch die Ausstellungdeszugrunde liegendenPrinzipsvonMachineLearning.Sokanneine komplexe Technologie auch von Laien verstanden werden. DieArbeitvonTheAgencybewegtsichmitBezugaufdiehiervorangestellteEinteilung im Grenzbereich. Es wird zwar das Prinzip von Technologien sehr anschaulich, aber es entfällt der Mehraufwand des tatsächlichen Codings und damit auch ganz entscheidend die interdisziplinäre Übersetzungsleistung. 2.1.3. Blick in die Historie der interdisziplinären Kunst Lernwerte hierfür bieten vor allem internationale Arbeiten aus dem Schnittstellenbereich Kunst und Technologie. Eine spartenübergreifende Zusammenarbeit und die Kompliz*innenschaft51 mit anderen Disziplinen ist dabei die Voraussetzung für eine erfolgreiche technologische Kunstpraxis. Beispiel: Ars Electronica Dass eine Trennung der Sparten in diesem Feld immer schwieriger und vor allem auch fragwürdiger wird, zeigt nicht zuletzt der Blick auf Festivals wie die Ars Electronica in Linz. Hier werden seit Langem Arbeiten der ganzen Bandbreite mit, von und über KI gezeigt und diskutiert, und das immer im Kontext gesellschaftlicher Entwicklung. Auch hier wird jährlich deutlich, dass die performativen Künste international schon deutlich weitersind,alsArbeitenausdemdeutschsprachigenRaumvermutenlassen.Dassdieses Festival in Österreich stattfindet, zeigt – ähnlich wie die jahrelange künstlerische Forschung an deutschen Institutionen wie z.B. dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe ebenso wie die genannte Dichte diskursiver Formate an deutschen Bühnen und auf Festivals –, dass das Bewusstsein für diese Entwicklung sehr wohl vorhanden ist, die Praxis hierzulande aber erst langsam anfängt zu wachsen. Allein ein Blick auf die Diskussionsrunden, Ausstellungen und internationalen Projekte der Ausgabe 2021 der Ars Electronica unter dem Motto New Digital Deal belegen eindrücklich, dass KI-Arbeiten,vor allem aus dem Bereich Robotik und Machine Learning, eine Vielzahl spannender Möglichkeiten für Künstler*innen bieten und die Genregrenzen sich aufgelöst haben. Außerdem wird hier die Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten deutlich, die von Deepfake-Drag-Kabaretts52 über sich analog zu Körperdaten von 2D 50 URL: https://www.postpragmaticsolutions.com/about [14.10.2021]. 51 Ziemer, Gesa (2013): Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität. Bielefeld. 52 URL: https://ars.electronica.art/newdigitaldeal/de/journey-chat-zizi-show/ [14.10.2021]. 482 Handlungspotenziale der Kunstförderung zu 3D wandelnden Soft-Robotern53 bis hin zu interaktiven VR-Opern reichen54, um hier nur einige wenige Beispiele zu nennen. Der Fokus der Ausstellung 2021 im Ars Electronica Center lag darüber hinaus auf dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine.55 Die Mischung aus euphorischer Aufbruchsstimmung, bezogen auf die Möglichkeiten, die KI als Werkzeug bietet, und den dystopischen Zukunftsbildern, die eine fehlende Auseinandersetzung mit den Auswirkungen technologischer Entwicklungen zur Konsequenz hat, zieht sich wie ein roter Faden durch die ausgestellten Arbeiten. Die Ars Electronica trägt den Entwicklungen, den Visionen, Erwartungen und Ängsten im Kontext von Kunst und KI mit einem ganzen Forschungszweig Rechnung, dem European ARTificial Intelligence Lab (AI Lab), »einer kreativen Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen Institutionen, Ars Electronica und kulturellen Partnern in ganz Europa, die Wissenschaft und digitale Kunst miteinander verbindet«.56 Solche internationalen Festivals geben der Historie technologischer (Darstellender) Kunst ebenso wie dem ganzen Feld der Künstler*innen, die an der Schnittstelle von Kunst und Technologie arbeiten, mehr Sichtbarkeit. Dieser Faktor ist nicht hoch genug zu schätzen, denn das Problem für viele Künstler*innen, die neu an dieser Schnittstelle tätig sind oder zukünftig hier arbeiten möchten, ist vielleicht weniger Ignoranz als schlichte Unkenntnis von Bestehendem. Explizite Festivals für performative KI-Kunst in Deutschland wären weitere zu begrüßende Bausteine, um zu vernetzen und voneinander zu lernen. 2.2. Wachgerüttelt: Warum es mehr braucht als eine Diskursmaschine Sich wortwörtlich vernetzt und voneinander gelernt haben Künstler*innen seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie zwangsläufig. Wie ein Schleudersitz hat die Pande53 URL: https://ars.electronica.art/newdigitaldeal/en/cartesian-shell/ [14.10.2021]. 54 Beispielhaft für ein Arbeiten jenseits von Spartendenken, das aus der Vielzahl der Möglichkeiten ein ganz neues Setting kreiert, ist die Arbeit von M.A.R.S. (Music Art Research Science), die auf dem Festival 2021 mit dem Projekt Speculum Maius (The Great Mirror) vertreten waren. Das multidisziplinäre Team aus Künstler*innen, Kurator*innen, Designer*innen, Ingenieur*innen und Wissenschaftler*innen beschreibt die eigene Arbeitsweise so: »By creating connections and collaborations, sharing knowledge and ideas, encouraging critical thinking, creativity; and innovation, Studio M.A.R.S. is dedicated to the inquiry of art, design, science, technology, and their influence on global contemporary attitudes.« Fürdie OperSpeculumMaius (Der große Spiegel)wurdeVR-TechnologiemitLive-Performanceverschaltet.AufdertechnischenBasisvonMultiplayer-Gaming-StrukturenwarenmehrereZuschauerkanäleparallelgeschaltet.»Entstandenistso eine partizipative, immersive Live-VR-Oper, in der das Reale und das Digitale nahtlos miteinander verschmelzen.Durchdie Verwendungvon SpielstrukturenalsdramaturgischeRichtlinienwird eine Reflexion über unser Zusammenleben in einer Gesellschaft und unsere moralischen Beziehungen angeboten. Speculum Maius untersucht die Art und Weise, wie Technologie die Menschheit formen und Gesellschaften verändern kann, wie sie sich auf persönliche Beziehungen auswirkt und worin der Unterschied zwischen von Menschen geschaffenen und natürlichen Umgebungen besteht«, so die Beschreibung des Projekts. https://www.thestudiomars.com/speculummaius 55 URL: https://ars.electronica.art/newdigitaldeal/de/touring-the-ai-lab/ [14.10.2021]. 56 URL: https://ars.electronica.art/newdigitaldeal/de/ailab/ [14.10.2021]. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 483 mie und die damit verbundenen monatelangen Schließungen aller Kulturorte und das grundsätzliche Kontaktverbot Künstler*innen durchund teilweise vielleicht wachgerüttelt. Denn die Abstandsregeln zwangen Künstler*innen alternative Wege zu ihrem Publikum zu finden und digitale Möglichkeiten zu testen, die es natürlich schon lange gab. Im Ergebnis ist das Feld der digitalen Formate nun im Vergleich zu 2019 erheblich gewachsen. Dies zeigt auch die aktuelle Studie von Aron Weigl und Veronika Ehm »Regionale Perspektiven aus der Krise. Arbeit und Förderung der Freien Darstellende Künste in Zeiten von COVID-19« für den Fonds Darstellende Künste. Die Konsequenzen für Produktionsund Fördermöglichkeiten sind entsprechend groß und extrem unterschiedlich. Denn ein Theaterabend auf Zoom hat nichts mit Virtual Reality und das Streamen von Live-Veranstaltungen noch nichts mit digitaler Kunst zu tun. Wie wichtig nicht nur technische Kenntnisse, sondern ein ganz anderer Zugriff auf die Dramaturgie für digitale Formate ist, kann man sich nicht diskursiv erschließen.ErstimeigenenExperimentieren,Scheitern,NeuversuchenundAusprobierenlässt sich ermessen, welche Expertise, welche Ressourcen, welche neuen Formate es eigentlich braucht. Dass es auch in der Vergangenheit schon eine Vielzahl diskursiver Veranstaltungen im Themenfeld performativer Kunst und neue Technologien gab, ist toll.Was bisher gefehlt hat,ist die Einsicht,dass sich dieser Weiterentwicklung nicht mit den altbekannten Strukturen begegnen lässt. Und zwar weder in Bezug auf die künstlerische Praxis selbst noch im Kontext der etablierten Förderungen. Die Diskursmaschine Theater hat großartige Arbeiten über KI ermöglicht und wird das hoffentlich weiterhin tun. Das langsam wachsende Feld der Arbeiten von und mit KI aber ist dasjenige, das tatsächlich eklatante Veränderungen bewirken wird. Veränderungen u.a. der Sehgewohnheiten, der Formate, der Formsprachen und Dramaturgien. Diesen Veränderungen gilt es Rechnung zu tragen. Gerade weil die Produktionsbedingungen so unterschiedlich sind,sei hier noch einmal betont, dass der Fokus dieser Studie ausschließlich auf den Potenzialen des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz liegt. Die Konsequenzen für eine neue digitale Kunst im darstellenden Bereich in einer allgemeineren Perspektive werden in anderen Studien ausführlich besprochen (vgl. dazu die ebenfalls für den Fonds entstandenen Studien »Mehr als Partizipation. Das digitale Publikum als Innovationstreiber der Darstellenden Künste« von Svenja Reiner und Henning Mohr sowie die Studie »World-Building. Förderung von künstlerischen Produktionsformen unter veränderten Vorzeichen« von Kai van Eickels, Laura Pföhler und Christoph Wirth) und können hier nur kurz erwähnt werden. Auch hier zeigt sich,dass der Diskurs nicht isoliert von einer neuen technologischen Praxis und Arbeitskultur im Theater stattfinden kann. Denn nur durch den praktischen EinsatzderTechnologiekönnenalternativeAnwendungsmöglichkeitenentwickelt,neue Formsprachen und reale Fiktionen fernab von wirtschaftlichem Interesse entstehen,die fürunsereGesellschaftinZukunftwesentlichseinwerden,dennsiesindeinWeg,diebereits beschriebene Ohnmacht angesichts der umwälzenden KI-Entwicklungen in einen Zustand der bewussten Gestaltung zu überführen. Interessant wird es, wenn die Technik nicht nur als Werkzeug der Nachahmung genutzt wird, z.B. wenn eine KI im Stil von Beethoven komponiert, sondern sich diskursive Elemente mit spielerischen Experimenten mischen. So entstehen im besten 484 Handlungspotenziale der Kunstförderung Fall neue und inspirierende »sozio-technische Ensembles«57, denn inhaltliche Reflexion und technischer Einsatz sind in der performativen Praxis untrennbar miteinander verbunden58. Dies zeigen unter anderem auch die vom Fonds Darstellende Künste im Programm AUTONOM geförderten Arbeiten in einer beeindruckenden Bandbreite an Formsprachen und Zugängen.Viele der Arbeiten machen die Technologie,die so massiv unser Leben verändert, konkret erfahrbar. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt SystemFailed der Gruppe ArtesMobiles, das sich mit Herrschaftsstrukturen im »smarten« Zeitalter beschäftigt. Hier werden »algorithmische Regierungstechniken spielerisch erfahrbar gemacht und die kritische Auseinandersetzung mit dem Überwachungskapitalismus angestoßen. In der Performance wird untersucht, wie Künstliche Intelligenz – also statistisches Auswerten, maschinelles Lernen und Computer Vision – unser soziales Verhalten beeinflusst. Drei Performerinnen und ein selbst entwickeltes AI System, das durch bewegtes Licht und Projektionen repräsentiert wird, stehen dem Publikum gegenüber.«59 Auch in Jascha Viehstädts Deep Dance, einer Choreografie, geschaffen von einem neuronalen Netzwerk,trainiert und ausgeführt von internationalen Künstler*innen, geht es um das Schaffen von Zugänglichkeit zur Technologie.Die Choreografie aus strikten Bewegungsabläufen lässt in ihrer strengen Einfachheit die dahinterliegenden Regeln und Wirkungsweisen von Machine Learning erahnen und bietet die Grundlage zur Auseinandersetzung mit den auf die Technologie projizierten Erwartungen. Auf der zum Stück gehörenden Homepage ist der Datensatz zu sehen, der als Audiotranskript den Tanzenden die auszuführenden Bewegungen quasi »ins Ohr flüsterte«. Die Dokumentation bietet einen spannenden Einblick in die Übersetzungsvorgänge und schafft so einmal mehr einen sinnlichen Zugang zu einer sonst hermetisch wirkenden Rechenleistung.60 Das Ausmaß der Auswirkungen, aber auch der neuen Möglichkeiten verdeutlicht ebenfalls die Arbeit Life;eineDNAEngine der Gruppe OutOfTheBox61,in der die VerschränkungvonKIundGenetikausgelotetundmöglicheKonsequenzeneines KI-basiertenGesundheitssystems durch das Publikum in einer gamifizierten Simulation getestet werden. Diese drei kurzen Beschreibungen der über 20 geförderten Produktionen des Sonderprogrammszeigenbereitsexemplarisch,dassdiegroßeChancederKunstauchinder spielerisch-sinnlichen Erfahrbarkeit von Komplexität liegt. Einmal mehr wird so sichtbar:EssindnichtdieKIs,dieunserLebensteuern.SiebesitzenkeineneigenenWillen.Es ist,wiebeschrieben,diewillenloseAuslieferunganeinmenschengemachtesSystem,das nach neoliberalen Regeln der wirtschaftlichen Verwertungslogik funktioniert und unsereHandlungenentsprechendsteuert.IndiesemSystemgibtesschonjetztgroßeGewinner*innen und große Verlierer*innen. Es ist höchste Zeit aufzuwachen. Künstlerische Praxis ist darum mehr denn je als gestaltende Instanz gefordert. Neue Praktiken und 57 Leeker, Martina (2020): Algorithmen in Performances. Umdeutungen, Verbergungen, Ver/ Meidungen, Verharmlosungen in der Begegnung von Ingenieurswissen und künstlerischen Experimenten. In: Otto, Ulf (Hg.): Algorithmen des Theaters. Ein Arbeitsbuch. Berlin. 15. 58 Vgl. Wobbeler (2022): o. S. 59 URL: https://artesmobiles.art/systemfailed/ [14.10.2021]. 60 Vgl. URL: https://deep.dance/#exhibits [31.01.2022]. 61 URL: http://outofthebox-now.de/2020/11/20/life-eine-dna-engine/ [14.10.2021]. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 485 Subjektivitäten entwickeln, Countererzählungen entwerfen, Unsichtbares sichtbar machen, Technik demokratisieren – die Möglichkeiten sind vielfältig, die Verantwortung liegt vor allem darin, sie weise zu nutzen. 3. Die Kunst der Verantwortung AnvielenStellenindieserStudiewurdebereitsaufdieChancefürKünstler*innenhingewiesen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Da sich dieses Thema wie ein roter Faden durch die Ausführungen zieht und teils expliziter, teils implizierter Schwerpunkt in vielen der 25 Interviews war, habe ich, wie in der Vorbemerkung ausgeführt, den Titel der Studie entsprechend geändert. Denn wenn es um KI geht, dann sollten die gesellschaftlichen Konsequenzen der Technologie,egal aus welcher Perspektive man sich mit ihr beschäftigt, nicht ausgeblendet werden.62 Markus Gabriel fasst in seinem BuchMoralischerFortschrittindunklenZeitenzusammen:»DasRückzugsgefechtderliberalen Demokratie und des analogen Menschen,der sich zurzeit noch gegen die Steuerung durch die Software und Unternehmensinteressen wehrt, die hinter und in der Künstlichen Intelligenz stecken,gefährdet das Ideal der Moderne,das darauf setzt, dass naturwissenschaftlich-technologischerFortschrittausschließlichdanngelingt,wennder moralische Fortschritt damit Schritt hält.Andernfalls verwandelt sich die Infrastruktur zur wohltätigen Steuerung unseres Verhaltens (wozu der moderne Wohlfahrtstaat gehört) in ein dystopisches Horrorszenario, wie es von Klassikern wie Aldous Huxleys BraveNew World undGeorgeOrwells1984oder–näheranunsererZeit–vonScience-Fiction-Serien à la Black Mirror, Electric Dreams und Years and Years entworfen wird.«63 Natürlich kann man sich fragen, warum darstellende Künstler*innen sich jenseits dieser diskursiven Aufarbeitung,die ja bereits massiv stattfindet, überhaupt noch praktisch (also technologisch) mit KI befassen sollten. Diese Frage ist angesichts der technischen Anforderungen zunächst naheliegend.Denn anders als beispielsweise im medizinischen Bereich, wo sofort evident wird, warum Deep Learning z.B. in der Auswertung von Scans für die Erkennung von Krebszellen für unsere Gesellschaft einen ungeheuren Mehrwert besitzt, ist dieses Surplus in der Performance Art vielleicht nicht sofort klar. Offensichtlich aber ist sofort,dass die Einbindung von Technik einerseits ein Unsicherheitsfaktor ist,denn technische Settings sind viel fehleranfälliger, und andererseits damit ein erheblicher Mehraufwand verbunden ist. Es entstehen aber auch völlig neue Möglichkeiten, die sowohl ästhetisch als auch gesellschaftlich Mehrwerte schaffen. Angesichts unser aller Verstrickung in eine digitale Kultur, die vor allem nach wirtschaftlichen Interessen organisiert ist, braucht es alternative Nutzungsoptionen und Utopien. DieRolle,diekünstlerischePraxisspielensollte,istdarumgeradeim BereichKIsowichtig wie vielleicht noch nie. Und zwar, wie sich mit Blick auf die Praxis zeigt, in drei Instanzen, die natürlich nicht von allen Künstler*innen gleichermaßen bedient werden und die jede für sich bereits unterschiedliche Möglichkeiten mit sich bringt: 62 Jonas, Hans (2019): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Berlin; Coeckelbergh, Mark (2020): AI Ethics. Cambridge/MA. 63 Gabriel, Markus (2020): Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Berlin. 19. 486 Handlungspotenziale der Kunstförderung 1. In der diskursiven Aufarbeitung soziotechnologischer Konsequenzen, 2. in der Sichtbarmachung der Technologie und ihrer Einsatzmöglichkeiten und 3. in der Entwicklung und Weiterentwicklung von alternativen Szenarien und Anwendungsmöglichkeiten. In seinem Essay zu Künstlicher Intelligenz fragt Richard David Precht mit Blick auf die Verbindung der klimatischen Katastrophe und der techno-euphorischen EntwicklungvonKI:»DieMenschheitgleichteinemVerrückten,derweiß,dassseinKellerbrennt und dass die Flammen sich immer schneller nach oben ausbreiten.Umso fiebriger baut er seinen Dachstuhl aus,um dem Himmel näher zu kommen.Warum hält er nicht inne, um zu löschen?«64 Dass ein Innehalten durchaus möglich ist, hat die Coronapandemie sehr eindrücklich bewiesen. Der Grund hierfür war eine konkrete, spürbare Bedrohung des eigenen Lebens,hervorgerufen auch durch die schrecklichen Bilder von überfordertem Klinikpersonal, Kühltransportern mit Leichen und eilig ausgehobenen Massengräbern. Dass selbst im Angesicht der Katastrophe erschreckend viele Menschen in der Lage sind,diese immer noch zu leugnen, zeigte sich ebenso eindrücklich.Wenn Menschen also nur (und selbst das nur in Teilen) bereit sind innezuhalten, wenn ihnen die Konsequenzen für das eigene Leben vollumfänglich bewusst sind, dann sollte es im Angesicht der rasanten Ausbreitung von KI-Systemen in unserem Leben um genau das gehen: die Sichtbarmachung der Konsequenzen im Positiven wie im Negativen.Hierfür braucht es neben der diskursiven Aufarbeitung ganz zentral die Möglichkeit der praktischen Erfahrbarkeit und der Gestaltung von Alternativen. Gruppen wie Forensic Architecture entwickeln seit 2011 Gegenerzählungen zu staatlicher Desinformation, indem sie alle im Netz zu findenden Informationen künstlerisch aufbereiten und so Aufklärungsarbeit bei Menschenrechtsverletzungen und staatlicher Gewalt leisten.Die Ergebnisse sind beides,künstlerisches Exponat genauso wie Gegenbeweise zu staatlicher Informationspolitik, die auch vor Gericht benutzt werden. Die Grenzen zwischen Wissenschaft, Kunst und Aktivismus werden gezielt unterlaufen.65 Während hier KI gezielt für Countererzählungen genutzt wird, ist ein anderes Beispiel,wie Datenauswertung alternativ genutzt werden kann,die beeindruckende Arbeit »Made to Measure« der Gruppe Laokoon, bestehend aus Hans Block, Cosima Terrasse und Moritz Riesewieck, die im Folgenden etwas ausführlicher beschrieben wird. Beispiel: Made to Measure Ausgangspunkt des künstlerischen Experiments war die Frage,ob man nur anhand von Onlinespuren eine*n Doppelgänger*in einer völlig unbekannten Person schaffen und deren Leben und Persönlichkeit bis ins kleinste Detail nachbauen kann. Um die Pointe vorwegzunehmen: Man kann. Dieses Ergebnis ist wenig überraschend. Selbst in meinem privaten Umfeld, in dem viele Menschen ein großes Bewusstsein für Data Security besitzen, höre ich, wenn es um die Verwendung bestimmter Software wie z.B. Google DriveoderGoogleMapsgeht,immer wieder:»Ach,diewissen ehschonalles übermich.« Die »Ich hab nix zu verbergen«-Haltung dürfte mit Blick auf die eingangs beschriebene 64 Precht, Richard David (2020): Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens: Ein Essay. München. 13. 65 URL: https://forensic-architecture.org/ [14.10.2021] Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 487 Nutzung smarter Assistenten wie den Amazon-Lautsprecher Alexa bei mindestens der Hälfte aller Deutschen vorherrschen (siehe Fußnote 1). Soistauch das Ergebniseigentlichvollkommenerwartbar.Eigentlich.Aberder »gläserne Mensch« wird in diesem Projekt so eindrucksvoll sichtbar, dass einem das schulterzuckende »Ach, wissen die eh« im Halse stecken bleibt. Die ausschließlich aus Google-Daten erschaffene Doppelgängerin wird von einer Schauspielerin gespielt, die selbst so ergriffen von der Feststellung ist, dass die Grundlage des Datensatzes ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, dass man sich als Zuschauerin körperlich unwohl fühlt, wenn sich dieDoppelgängerinund die »reale«Persongegenübersitzenund die KopiedemOriginal ihr Leben erzählt. Was in dieser Arbeit den entscheidenden Unterschied zu einer Berichterstattung in den Medien macht: Das Thema der Datenerfassung und der algorithmischen Auswertung der Daten mit den entsprechenden Konsequenzen, sprich: der maximalen Enthüllung der intimsten Geheimnisse eines Menschen bis hin zu seinen Gedanken,wird nicht einfach »nur« thematisch aufgearbeitet. Das geschieht zusätzlich über Interview-Einspieler mit führenden Datenexpert*innen und Forscher*innen auf dem Gebiet des Data Trackings, der digitalen Persönlichkeitsanalyse sowie der personalisierten Online-Werbung. DererschütterndeUnterschiedist,dassebenjenealgorithmischeSortierungderDatenzurKonzeptioneinerkomplettenPersönlichkeittatsächlichvollzogenwird.66 Esentsteht die Matrix eines Menschen, die durch eine Schauspielerin so sehr und so treffend mit kopiertem Leben gefüllt wird, dass kein Schulterzucken mehr möglich ist. Es gibt eine Szene, in der das Original der Kopie zu erzählen versucht, dass manche Suchanfragen nur so zum Spaß passiert seien, sie diese aber nie in Handlung übersetzt hätte.Beispielsweise jene Google-Suche nach kleinen Löffeln zur Portionierung von Kokain. Dieses letzte Aufbegehren gegen die Kopie, die an dieser Stelle nicht ganz richtig sei,macht die (Aus-)Wirkung noch viel schlimmer und die Kopie aus Zuschauendenperspektive glaubwürdiger als das Original.Diese Grenzen verwischen an mehreren Stellen auch für die reale Person. Es gibt kein Richtig und Falsch mehr, keine Kopie, kein Original, kein Damals oder Heute, wenn die Frau z.B. meint, sich nicht mehr an ihre Wohnung in England erinnern zu können, diese aber anhand der Daten von Google Street 66 Zum technischen Vorgehen heißt es auf der Webseite: »In Kooperation mit Datenanalyst*innen haben wir aus den Verhaltensweisen, die der persönliche Google-Datensatz zutage fördert, ein umfangreiches Persönlichkeitsprofil abgeleitet. Dafür haben wir Methoden wie eine algorithmische semantische Analyse eingesetzt, bei der die Google-Suchen Hunderten von Themen-Kategorien zugeordnet werden. Unsere Kategorien haben wir in Anlehnung an einen geleakten Katalog benannt, mit dem Google jede und jeden von uns in Schubladen einordnet. Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon & Co. erstellen mithilfe ihrer Algorithmen von Milliarden von Menschen umfangreichste Profile, um Werbekunden die Möglichkeit zu geben, jede und jeden von uns individuell maßgeschneidert zu adressieren und zu manipulieren. Als wir den ausgewählten Datensatzuntersuchthaben,musstenwirvieleDatenpunktedeutenundzueinemgroßenGanzen zusammensetzen. Oft bringt erst die Verknüpfung verschiedener Informationen die entscheidende Erkenntnis. In anderen Fällen hat erst das Nachbauen und Nachspielen uns verstehen lassen, wasbestimmteGoogle-Suchenbedeutenkönnten.«URL:https://www.madetomeasure.online/de/ [22.09.2021]. 494 Handlungspotenziale der Kunstförderung Die Einsatzmöglichkeiten von KI sind gerade in den Darstellenden Künsten extrem vielfältig, da hier die Entwicklungen anderer Felder wie Literatur, Musik und Bildender Kunst zusammenwirken. Neben der beschriebenen Textgenese (die durch die Möglichkeit des Chats oder als Live-Autor*in wie beschrieben auch als Akteur eingesetzt werden kann) bieten bildgebende Verfahren, die ebenfalls auf dem Prinzip der Mustererkennung basieren, z.B. neue Möglichkeiten für Bühnenbilder und Ästhetiken einer Inszenierung. Das interdisziplinäre Zusammenwirken unterschiedlicher Kunstformen, das den Darstellenden Künsten innewohnt,verlangt für den Bereich KI umso zentraler nach demTeilenvonWissenundTechnologienund damitnachneuenNetzwerkernundKompliz*innenschaften, wie bereits ausführlich beschrieben. 5. Kulturwandel oder die Kunst des Teilens Mit der Verschmelzung von Kunst und KI ließe sich ganz grundsätzlich diskutieren, ob die moderne Trennung in Kunst,Wissenschaft und Technik nicht längst obsolet ist. Der altgriechische Begriff der »technē«, in dem Kunst und Technik noch fusioniert waren und mit dem sowohl Kunstfertigkeit als auch handwerkliches Können beschrieben wurde, wäre deutlich zielführender, um eine zeitgemäße interdisziplinäre Arbeitsweise zu kennzeichnen,inderesneueKompetenzenund Fertigkeitenbraucht.Diese Überlegung kann im Rahmen dieser Studie nicht weiter ausgeführt werden,der Diskurs hierzu ist ja auch nicht neu, sondern basaler Bestandteil der Medienkunst und wurde z.B. im Rahmen der ArsElectronica 2015 als ein Schwerpunktthema mit zugehöriger Ausstellung diskutiert.85 Auch das im Folgenden zitierte Manifest des TheaternetzwerksDigital nimmt im Hinblick auf diese Trennung als eine zu überwindende eine klare Position ein. Die allerorten aber noch gelebte Spaltung in Techniker*innenund Künstler*innen bringt eine ganze Reihe an Problemen mit sich. Esgeht hierbeiauch undan zentralerStelleumdasTeilenvonGestaltungsmacht.Einerseits werden Künstler*innen, die selbst gar keine technologische Kenntnis besitzen und Entwickler*innen nur einstellen,um eine Dienstleistung zu erfüllen, mit Sicherheit scheitern.Andererseits muss man nicht wirklich programmieren können,um großartige Medienkunst zu produzieren, man muss allerdings sehr genau wissen, was man wie ausdrücken kann und möchte. Es geht also absolut zwingend um ein Kommunizieren auf Augenhöhe und geteiltes Erfahrungswissen. Wenn die technische Umsetzung nicht von den Künstler*innen selbst geleistet werden kann, dann muss Gestaltungsmacht geteilt werden, denn das bloße Umsetzen eines Auftrags kann nicht die Antwort auf die Frage technischer Kunst sein. Für die allermeisten Mittelgeber*innen ist es nach wie vor völlig normal, in festen (und starren) Sparten (also Musik,Bildende Kunst,Theater usw.) zu fördern,obwohl die Überwindung dieser strikten Trennung (wie auch in dieser Arbeit beschrieben wurde) bereits in den 1960er Jahren von interdisziplinären Arbeitsweisen abgelöst wurde. Hinzu kommt, dass die Förderlandschaft in Deutschland sich auch noch nicht ausreichend voneiner projektfixiertenMittelvergabegelösthat,dieausschließlichergebnisorientiert 85 URL: https://ars.electronica.art/center/de/exhibitions/techne/ [14.10.2021]. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 495 Unterstützung ermöglicht und viel zu wenig Raum für Experimente und Prozesse und damit auch kaum Entwicklung innerhalb der beantragten Projekte zulässt. Die Frage nach den Schnittstellen, nach interdisziplinärer Arbeitspraxis und zwischenmenschlicher Zusammenarbeit sollte im völlig überholten Silodenken einer letztlich antiquierten Förderpolitik also im Zentrum des allgemeinen Interesses stehen. Hinzu kommt, dass die meisten Förderungen immer noch Innovation fordern86, statt die Weiterentwicklung bestehender und bereits erprobter Technologien zu unterstützen. Dies führt zum Verlust von Erfahrungswissen und auch zu einer technischen wie ästhetischen Stagnation. Der Anspruch, das Rad immer wieder neu erfinden zu müssen, ist für die Entwicklung neuer Technologien und Anwendungsmöglichkeiten gleich doppelt problematisch. Gerade weil die Programmierung von KIs komplex und anspruchsvoll ist, ist das Weitergeben von Erfahrungswerten und das Teilen von Anwendungsmöglichkeiten für eine Vorwärtsbewegung unabdingbar. Nicht umsonst ist die Tech Community eine Sharing Community: Die meisten Programmierer*innen veröffentlichen ihre Codes über Plattformen wie GitHub, auf der Projekte geteilt und gemeinsam weiterentwickelt werden können. Sie sind über Channel wie Discord eng vernetzt und in ständigem Austausch. Open Source, also die Veröffentlichung von Quellcodes und damit die Möglichkeit, sie weiterzuentwickeln, ist eine in dieser Szene tief verwurzelte Arbeitspraxis. Diese ist die Basis einer Kultur des Teilens, die in der Techszene selbstverständlich ist. Eine solche digitale Kultur des Teilens und Helfens aber scheint zumindest aktuell schwer mit der Arbeitspraxis performativer Künste vereinbar. In etlichen Interviews wurde diese fehlende Kulturpraxis des Sharings als ein Kernproblemder Darstellenden Künstebenannt.Woran liegtdas? Die Förderungimkünstlerischen Bereich ist von der Einzigartigkeit von Künstler*innen und Gruppen abhängig. Viel Zeit und Energie wird in der Kunstwelt darauf verwendet, sich »einen Namen« zu machen und eine künstlerische Handschrift zu entwickeln, die als Alleinstellungsmerkmal dient.Künstlerische Praxis hängt viel damit zusammen,diese »Uniqueness« zu verteidigen, indem man zwar interdisziplinär an Projekten arbeitet, aber Arbeitsweisen, Formsprache und grundsätzlicher künstlerischer Ausdruck immer einmalig sein müssen. Für technologische Weiterentwicklung braucht es aber die Zusammenarbeit und Hilfe von vielen. Entwicklungen bauen auf Erfahrungswerten auf, bestehende Codes werden veröffentlicht, geteilt und weiterentwickelt. Open Source in der Tech Community bedeutet nicht, dass geleistete Entwicklungen durch die Veröffentlichung an Wert verlieren, denn der Code allein ist nicht das eigentlich Wertvolle. Erst das Einsetzen, das Nutzen und Weiterentwickeln eines Codes schafft einen tatsächlichen Wert. Als Entwickler*in ist man also vor allem auch daran interessiert, dass ein Code von möglichst vielen Menschen benutzt wird. Wert und Nutzen stehen hier in einem Eins-zu-eins-Verhältnis, denn ein Code ist nur interessant, wenn er sich von möglichst vielen Usern benutzen lässt. Nicht umsonst spricht man von allen Menschen, die mit 86 Dies zeigt der Blick in aktuelle Ausschreibungen in ganz unterschiedlichen Kontexten, ebenso wie die Kriterienkataloge, die häufig zur Beurteilung herangezogen werden, in denen Innovation oft ein wichtiger Faktor ist. 496 Handlungspotenziale der Kunstförderung Technik arbeiten, ja auch von User*innen. An diesen Ansatz knüpfte beispielsweise die kubanische Künstlerin Tania Bruguera mit ihrem Konzept der Arte Útil, also der benutzbaren Kunst an. Nicht zu verwechseln mit nützlicher Kunst – eine solche Beschreibung würde sofort wieder in die Grabenkämpfe der Utilitarismusdebatte führen, in der sich Kunst, die einfach »nur« ästhetische Ziele verfolgt, in einer vermeintlichen Diskreditierungssituation sieht. Arte Útil beschreibt vielmehr eine künstlerische Praxis, die benutzbar ist. Auch wenn die Kunst von Tania Bruguera nicht digital ist, ließe sich von der dahinterstehenden politischen Idee viel lernen. So entwickelte Bruguera zum Jahreswechsel 2013/2014 gemeinsam mit dem Van Abbe Museum in Eindhoven unter dem Motto Radically Yours die Ausstellung Use the Museum!, ein Konzept, das wie ein Appell an die Besucher*innen gerichtet war und sich im Kontext von KI auch sehr schön auf die Verantwortung unserer Kulturinstitutionen allgemein übertragen ließe. Denn aktuell gibt es durch die erst langsam wachsenden Netzwerke innerhalb der performativenDigitalszene einmerklichesVakuum derWissensvermittlung.Auffangen sollen dies einige wenige Institutionen, auf die erstaunlich schnell Kompetenzen projiziert wurden und die nun nach eigener Auskunft völlig überlastet sind. Diese Entwicklung ist problematisch, da das tatsächliche Wissen natürlich in der Praxis entsteht und damit bei den Künstler*innen liegt.Der Grund der Projektion aller Expertise auf Einzelpersonen und einige wenige Institutionen liegt wiederum im Versäumnis des Aufbaus einer Community für das Teilen von Wissen. UmdiePraxisdesTeilensmitdemZwangnachEinzigartigkeitderKunstweltzusammenzubringen, bräuchte es in erster Instanz nichts Geringeres als einen Kulturwandel. Das Bewusstsein hierfür ist noch nicht sehr weit verbreitet, aber dass es durchaus existiert und sich etwas zu bewegen beginnt, zeigt sich zunehmend. Beispielsweise durch die Gründung von Netzwerken und Plattformen. 2017 gründete das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Informationsplattform Lernende Systeme, die einen ganz grundsätzlichen Überblick vermittelt.87 Künstlerische Praxis kommt auf der sehr umfänglichen Seite, die auch viele Best-Practice-Beispiele und eine Karte zur Verortung beinhaltet, nicht vor. Die Seite ist trotzdem interessant, weil sie die Möglichkeiten im Konkreten zeigt,mit Mythen aufräumt und eine gute Basis für alle ist,die sich erstmalig mit der Thematik beschäftigen. Explizit zugeschnittene KI-Anwendungen für Künstler*innen bieten internationale Seiten wie https://creative-ai.org/, eine Sammlung von Wissen und Tools mit der Möglichkeit,sich zu vernetzen.Für die Theaterszene im deutschsprachigen Raum gibt es aktuellzweineue Netzwerke,diealsVerbundvonGleichgesinntengelesenwerdenkönnen, die aber beide noch deutlich Wachstumspotenzial besitzen: das Theaternetzwerk Digital und das Netzwerk Digitale Dramaturgien. Dass zwei der bekanntesten Institutionen mit digitaler Expertise Ersteres gegründet haben, ist natürlich kein Zufall: Die Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund sowie das Staatstheater Augsburg,das neben dem Schauspiel Dortmund als eines der ersten Stadttheater in Deutschland eine Stelle für digitale Entwicklung geschaffen hat, die Tina Lorenz vor allem im Bereich Virtual Reality beeindruckend schnell ausgebaut hat, sind von der beschriebenen Überlastung vollumfänglich betroffen und darum 87 URL: https://www.plattform-lernende-systeme.de/startseite.html [14.10.2021]. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 497 schonaus Selbstschutzauf neuefunktionierendeNetzwerke angewiesen.Dadie Vernetzung inklusive einer neuen Kultur des Teilens so wesentlich ist,zitiere ich im Folgenden vollumfänglich das Manifest des Theaternetzwerks Digital, zu deren Mitgliedern aktuell88 26 renommierte Theaterhäuser aus ganz Deutschland zählen. Beispiel: Theaternetzwerk Digital »Das Digitale ist längst kein Nebenschauplatz unseres täglichen Lebens mehr. Der digitale Kulturwandel, der alle Teile der Gesellschaft umfasst, macht keinen Bogen um die Theater, sondern beeinflusst unser aller Wirken und Tun. Gerade jetzt, ein Jahr nach dem ersten Lockdown, wissen wir: Das Digitale wird als Erbe dieser Zeit auch in einer post-pandemischenTheaterlandschaftseinenPlatzbehalten.VoneinemGegensatzzwischen digital und analog zu sprechen,ist damit nicht mehr zeitgemäß. Digitale Technologien, vor Ort oder in Ausspielungen sind allgegenwärtig,sei es in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik oder auch in den privatesten Bereichen. Der digitale Transformationsprozess hat schon vor 2020 begonnen, die Räume gesellschaftlicher Debatte sind bereits vor der Pandemie digital geworden. So bringt der digitale Wandel ein grundsätzliches Infragestellen zentraler Grundfesten des Kulturbereichs mit sich: von Inszenierungsweisen über Nutzungsformen und PlattformneutralitätbishinzuWertehierarchien.Erverändertundfordertuns,unsereArbeitneuzu überprüfen.Wir wollen den digitalen Wandel aktiv und mit den Mitteln der Kunst gestalten; wir möchten uns neue Spielund Handlungsräume erschließen, wollen den physischen Bühnenraum ins Digitale erweitern und neue Formen der Zusammenarbeit testen. Als Netzwerk gemeinsame Herausforderungen gemeinsam lösen! Wir lassen das Denken in ausschließendenKategorienvon›Technik‹ und ›Kunst‹hinter uns–fürunsgehörenbeide zusammen und müssen deshalb zusammen gedacht werden. Wir, die Unterzeichnenden, sehen den digitalen Kulturwandel und die damit verbundenen Transformationsprozesse als Bereicherung unserer Arbeit. Wir erforschen die – dramaturgisch-künstlerisch sinnvollen – technologischen Möglichkeiten im physischen Kopräsenzraum und werden die digitalen und virtuellen Räume mit den Mitteln der Kunst aktiv und selbstbestimmt gestalten. Deshalb gründen wir gemeinsam das Netzwerk digital affiner Theater, um uns eine Plattform für Wissensaustausch, Kooperation und gemeinschaftliche Problemlösung zu geben. Dazu ist es unabdingbar, sich auch einer digitalen Denkweise anzunähern; der Umgang mit neuer Technologie kann aus dem Blickwinkel,aus dem sie entstanden ist, besser eingeübt werden.Zum einen ist es wichtig,analoge Formate nicht in digitale Räume zu zwingen,sondern zum digitalen Raum auch die passende Erzählung zu finden. Zum anderen betrachten wir es auch als unsere zentrale Aufgabe, Partner:innen zu identifizieren, vernetzt und dezentral zu denken. Wir verpflichten uns, uns Erfahrungen mit digitalen Techniken wechselseitig zur Verfügung zu stellen. Die dem Netzwerk zugehörigen Theater und Kulturinstitutionen planen, ihre kommenden Spielpläne um eine gesamt-theatral verstandene digitale Strategie zu bereichern – sich also dem digitalen Kulturwandel zu stellen.« (April 2021, Akademie für Theater und Digitalität Dortmund | Staatstheater Augsburg)89 88 Stand Oktober 2021. 89 URL: https://theaternetzwerk.digital/ [14.10.2021]. 498 Handlungspotenziale der Kunstförderung Dieses Manifest greift viele der bereits dargelegten Punkte auf. Dass es eine schriftliche Verpflichtung benötigt, gemachte Erfahrungen und Techniken zu teilen,zeugt von der fehlenden Kultur des Teilens ebenso wie vom Willen, diese zu verändern. Der Zeitpunkt des Entstehens dieses Netzwerkes ist natürlich auch kein Zufall.Das Coronavirus hat schlicht die Notwendigkeit einer veränderten Arbeitspraxis mit sich gebracht und den Bedarf weit über die kleine Gruppe der bis dato Engagierten hinaus gezeigt. Vor allemdie NotwendigkeitdesWissens umdieSpezifik digitalerDramaturgienhatderpandemisch erzwungene Sprung ins kalte (digitale) Wasser schonungslos offengelegt. Das entsprechende Netzwerk, das sich dieser Notwendigkeit widmet – die Digitalen Dramaturgien90 –, befindet sich seit Längerem im Aufbau.91 6. Veränderte Vorzeichen: Produktionsbedingungen und neue Formate Mit Blick auf die bisherigen Ausführungen lässt sich zweifelfrei feststellen, dass der Einbezug von KI-Technologien gerade für die Darstellenden Künste in der Überlagerung von Musik, Kunst und Literatur extrem viel Potenzial hat, das aktuell zumindest in Deutschland noch kaum genutzt wird. Das Arbeiten mit, an und über KI ist aber eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Die künstlerische Praxis ist hier im eigenen Selbstverständnis auch in gestaltender Verantwortung gefragt. Die Förderung dieser Arbeitspraxisistdaher wesentlich.Dabeistellt sichdie –auch dieseStudie begleitende– Frage: Braucht es eine explizite Förderung von KI? Oder ist eine allgemeinere Förderung einer digitalen Praxis sinnvoller? Aktuell,Stand 2021, gibt es in Deutschland auf Bundesebene (neben den Fellowships anderAkademiefürTheaterundDigitalitätinDortmund,dievonderKulturstiftungdes Bundes finanziert werden und die ein Arbeiten ohne Ergebniszwang ermöglichen) zwei Programme, die KI in den Darstellenden Künsten fördern: das Programm AUTONOM des Fonds Darstellende Künste und die Programmlinie LINK der Stiftung Niedersachsen. Die Weiterführung von allen drei Formaten ist wünschenswert, aber zum jetzigen Zeitpunkt keineswegs gesichert. Die aktuellen Möglichkeiten zur Finanzierung expliziter KI-Kunst hängen teilweise an der Bereitstellung zusätzlicher Mittel. Die Bundesregierung verabschiedete 2018 die Strategie Künstliche Intelligenz92 und stellte mit dem Bundeshaushalt 2019 in einem ersten Schritt 500 Mio. € zusätzlicher Mittel dafür zur Verfügung. Bis zum Jahr 2025 will der Bund KI-Anwendungen mit weiteren 5 Mrd. € fördern.93 Die Strategie setzt auf drei Säulen: 1.Deutschland und Europa zu einem führenden Standort für die Entwicklung und Anwendung von KI-Technologien zu machen und diekünftigeWettbewerbsfähigkeitDeutschlands zu sichern,2.eineverantwortungsvolle und gemeinwohlorientierte Entwicklung und Nutzung von KI sicherzustellen und 3. 90 URL: https://dramaturgie.digital/ [14.10.2021]. 91 Stand Oktober 2021. 92 URL: https://www.ki-strategie-deutschland.de/home.html [14.10.2021]. 93 URL: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Technologie/kuenstliche-intelligenz.html [14.10.2021]. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 499 KIimRahmeneines breitengesellschaftlichenDialogsund einer aktivenpolitischen Gestaltung ethisch, rechtlich, kulturell und institutionell in die Gesellschaft einzubetten. Die Förderlinie AUTONOM des Fonds wurde durch diese KI-Initiative möglich, dafür wurden 1 Mio. € zusätzlicher Mittel zur Verfügung gestellt. Inhaltlich knüpft das Programm an die Programmlinie KONFIGURATIONEN des Fonds an, die bereits einen Schwerpunkt auf Digitalität im Figurenund Objekttheater gesetzt hatte. Mit der Förderung soll Innovation gefördert und gefordert werden. Es geht also einerseits um das Abdecken von Bedarfen,andererseits aber auch um einen Innovationsschub für die Szene. Vorhandene Impulse sollten verstärkt und damit neue Impulse gesetzt werden. AUTONOM war explizit nicht als Breitenförderung gedacht, sondern als Förderung eines kleinen progressiven Feldes, indem Bemerkenswertes unterstützt werden sollte. Die Projekte waren jeweils mit bis zu 100.000 € Fördermitteln ausgestattet. Das scheint im Verhältnis zu anderen Projekten viel Geld zu sein. Es honoriert aber den technischen und zeitlichen Mehraufwand und nivelliert damit das Gefälle zu anderen Fördermaßnahmen. Vonseiten des Fonds wird eine Verstetigung einer solchen Förderung als wesentlich betrachtet. Ob es wieder eine gezielte Förderung von KI sein wird oder ob eine Ausweitung auf Digitalität nicht ebenfalls in Frage kommt,ist zum jetzigen Zeitpunktnoch offen.Gefreuthaben sich die Programmverantwortlichenvorallem über die Unterschiedlichkeit der Projekte und darüber,dass sich nicht nur Projekte beworben haben, die KI auf einen moralischen Prüfstand stellen. Interessanter sei die Befragung der Künste selbst. Anders aufgestellt ist die Programmlinie LINK der Stiftung Niedersachsen.94 Sie richtet sich in der ganzen Breite an die Schnittmenge Kultur und KI und lud beispielsweise im Jahr 2019/2020 auch völlige Newcomer*innen auf dem Gebiet in ihre KI-Schule ein. Aufgebaut war die Förderung über mehrere Stufen. 2019 fungierte eine große Tagung als Auftakt. Vorträge und Workshops zu den einzelnen Kultursparten bildeten eine gute Ausgangsbasis, die in der Online-Dokumentation von Input und Ergebnissen der Diskussionen Verstetigung fand. Darauf aufbauend waren 20 interessierte Kulturschaffende zu einem sechsmonatigen KI-Weiterbildungsangebot im Blended-Learning-Format eingeladen mit dem Ziel, die Auseinandersetzung mit der Programmierung neuronaler Netze und die eigene Entwicklung von beispielhaften Anwendungen zu intensivieren. Die KI-Schule ist ebenfalls mit Einblicken in ihre Onlinevorlesungen über die Homepage der Stiftung abrufbar und dient somit auch als Speicherort zum Teilen von Wissen. Das letzte Modul der Programmlinie war die Förderung der Bildung von sogenannten Projekttandems aus Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden zur gemeinsamen Umsetzung von KI-Anwendungen in der Kultur. Dieses dritte Modul, die sogenannten LINK-Masters, eine gemeinsame Förderung mit der Volkswagen Stiftung, ist wiederum als eine aufbauende Förderung konzipiert. »Im Vordergrund der LINK-Masters steht die Vernetzung von interessierten Partner*innen der Informatik und verschiedener Kultursparten und das gemeinsame Erarbeiten von Projektideen und deren Umsetzung. Aus den Bewerbungen für das Programm LINK-Masters wurden durch eine Jury Teilnehmer*innen aus Europa ausgewählt und zu einem 3-tägigen Workshop nach Hannover eingeladen. Inspiriert durch fachlichen 94 URL: https://www.link-niedersachsen.de/ [14.10.2021]. 500 Handlungspotenziale der Kunstförderung Input und einen intensiven Austausch wurden erste Überlegungen zu Projektideen und denkbaren Arbeitspartnerschaften ermöglicht.«95 Im Nachklang des Workshops war die Bewerbung auf insgesamt zehn Planning Grants möglich, die mit 10.000 € die Weiterentwicklung der Ideenskizze ermöglichten. Drei der so weiterentwickelten Projekte bekamen als finalen Schritt die Möglichkeit,die Vorhaben mit jeweils150.000 € über einen Zeitraum von 18 Monaten fertigzustellen. Die Stiftung, die damit in diesem Bereich eine Pionierrolle einnimmt, ging mit der Förderung nicht der Frage nach, ob KI die Lösung ist, sondern ob – und wenn, dann wo – der Einsatz von KI in der kulturellen Praxis sinnvoll ist. Die Künstler*innen konnten im Selbstversuch sehen, ob die Technik das eigene künstlerische Arbeiten dominiert (was nie der Fall war). Die Projektleiterin Tabea Golgath sieht ein großes Potenzial der künstlerischen Arbeit mit KI darin, dass es vor allem Künstler*innen gelänge, die Komplexität der Technologie zu vermitteln und Konsequenzen zu verstehen. Die größte Herausforderung sieht sie in einem beidseitigen Verständnis von technischer und künstlerischer Sprache. Kulturmenschen würden eher mit offenen Fragen arbeiten, Naturwissenschaftler*innen nähmen ein Ziel als Ausgangspunkt und würden dann den Weg dahin entwickeln. Das Problem der fehlenden Kenntnis der Arbeitskulturen entstünde bereits im Silodenken während der Ausbildung. Hier müssten Hochschulen dringend nachrüsten. Die begleitende Veranstaltungsreihe sei auch aufgrund dieses Vakuums ein so großer Erfolg gewesen, da in den Workshops immer auch Übersetzungsund Vermittlungsformateenthaltengewesenseien.Für das interdisziplinäreArbeitenistvor allem der Einbezug von genug Informatiker*innen ein Thema, die in wirtschaftlichen Kontexten natürlich viel mehr Geld verdienen. Allerdings könne man hier über eine generell wachsende Awareness auch einiges über Pro-bono-Aktivitäten erreichen, da dasBeschäftigenmitsinnvollenInhaltenunddem MehrwertfürKulturund Gesellschaft immer attraktiver werden. Die ineinandergreifenden Module von LINK sind ebenso wie die langen Förderzeiträume,dieVernetzungderunterschiedlichen Disziplinenund diebegleitendenVermittlungsangebotealsbeispielhaftanzusehen!SieentsprechenvorallemdenAnforderungen künstlerischerPraxisindiesemBereich.NuraufdieserBasislässtsichdieSinnhaftigkeit derFörderformatebeurteilenunddieFragebeantworten,obeineexpliziteKI-Förderung besser geeignet ist, Bedarfe zu decken, als eine breit angelegte Förderung digitaler Formate. 6.1. Zeit, Kommunikation, Forschung – Faktoren künstlerischer Arbeit mit KI »Technology is the answer – But what was the question?« (Cedric Price, 1960) Dieses einleitende Zitat des Architekten Cedric Price pointiert eine wesentliche Anforderung an Künstler*innen,die mit neuen Technologien arbeiten wollen: Ohne eine konkrete Fragestellung, einen Anlass, ein spezifisches Interesse wird das Arbeiten in diesem Bereich schwierig und gerät schnell zur Materialschlacht ohne gesellschaftlichen 95 URL: https://www.link-niedersachsen.de/link-masters/link_masters_details [14.10.2021]. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 501 Bezug. Technik um der Technik willen ist als Arbeitshaltung gleich auf mehreren Ebenen problematisch. Einerseits, weil ein solcher Zugriff kaum zu interessanten Ergebnissen führt.Andererseits,weil das unreflektierte Arbeiten,natürlich gerade im Bereich KI, widerspiegelt, was in einer digitalen Welt passiert, in der es nur um die Datafizierung der Gesellschaft geht, ohne die Auswirkungen vorher abzuschätzen und sich über die Sinnhaftigkeit Gedanken gemacht zu haben. Diese Aussage negiert nicht die Tatsache,dass geradedasArbeitenmit KI vorallem eins ist: ein Experiment.AmAnfangmuss einekonkreteFragestehen.DenndasArbeitenmitKI istzu großenTeilenvorallemauch Forschung. Diesen Faktor gilt es in mehrerlei Hinsicht anzuerkennen, denn damit verbunden ist eine Haltung,die auch für die fördernde Seite erhebliche Konsequenzen hat. Beeinflusst werden von dieser Perspektive sowohl die Produktionsprozesse als auch die Formate. Schauen wir zunächst auf die Produktionsseite. 6.1.1. Faktor Zeit Banal,aber zentral:DerEinbezugdigitalerTechnologienistaufwendig.Das Entwickeln, Programmieren, Ausprobieren, Umschreiben und Einsetzen dauert schlicht viel länger als eine rein analoge Arbeitsweise. Davor schrecken viele Künstler*innen zurück, denn der Mehraufwand wird in den normalen Förderungen nicht berücksichtigt. Ein großes Potenzial des Arbeitens in diesem Bereich liegt in der Entwicklung neuer Anwendungsmöglichkeiten und dem Experimentieren mit KI. In solchen forschenden Settings ist überaus schwer einzuschätzen,wie viel Zeit benötigt wird.Hinzu kommt,dass das Einsetzen neuer Technologien mit einer ganz anderen Fehleranfälligkeit einhergeht. Das Realisierenmöglichst störungsfreierAbläufeistwiederummitzeitlichemMehraufwand verbunden. AbernichtnurdasCodingbenötigt Zeit,es dauert vorallemauch,bis alle Beteiligten eine gemeinsame Sprache sprechen. Denn die zentrale Herausforderung der Kunst des Digitalen ist Kommunikation. 6.1.2. Faktor Kommunikation und Übersetzung In allen digitalen Projekten geht es auf mehreren Ebenen um das Gelingen von Kommunikation und Übersetzungsleistungen. Zunächst innerhalb der Teams, die im Bereich KI fast immer interdisziplinär aufgestellt sind. Es gilt zwischen unterschiedlichen Disziplinen mit jeweils eigenen Arbeitspraktiken, Abläufen, Erwartungshaltungen und Fachtermini zu dolmetschen. Eine gemeinsame Sprache und Arbeitspraxis sind keine Selbstverständlichkeit, werden aber viel zu häufig vorausgesetzt.Tatsächlich arbeiten viele Künstler*innen projektabhängig mit ganz unterschiedlichen Expert*innen zusammen. Das Etablieren einer gemeinsamen Sprache ist daher ein wesentlicher Teil des künstlerischen Arbeitsprozesses. Für die Darstellenden Künste ist das nichts Neues, interdisziplinäre Arbeitsweisen gehören hierzum Tagesgeschäft,aberander Schnittstellezurtechnologischen Entwicklungwird die geforderte Übersetzungsleistung deutlich erhöht. Nicht umsonst heißen Python, C-Sharp oder Java auch Programmiersprachen! Niemand würde auf die Idee kommen, dass es reibungslos funktioniert, wenn sich Menschen treffen, die keine gemeinsame Sprachbasis haben. Will man also mit digitalen Möglichkeiten arbeiten, muss man diese Sprachen nicht zwingend fließend beherrschen, aber man muss zumindest ein 502 Handlungspotenziale der Kunstförderung Verständnis dafür besitzen, was genau in diesen Sprachen ausgedrückt werden kann und was nicht. Man muss übersetzen und vermitteln können, und auch das braucht natürlich wieder mehr Zeit. Vor allem aber sollte man wissen, was man eigentlich übersetzen will. Wie ausgeführt, benötigen Künstler*innen zwingend auch Wissen über die gesellschaftlichen Konsequenzen und ein Bewusstsein für Fragen künstlerischer Verantwortung. Es geht entsprechend auch um eine Übersetzung der Technologie im Sinne der Vermittlung, also um eine Kommunikation nach außen. Diese Vermittlungsleistung ist absolut zentral. Denn sie betrifft auch die Demokratisierung einer Technologie, die durch die permanente mediale Mystifizierung tatsächlich immer menschenferner wird. Die Konsequenz ist das Gefühl, dem Fortschritt einer digitalen Welt einfach ausgeliefert zu sein und keinerlei Handlungsoptionen mehr zu besitzen. Kommunikation ist beim Einsatz von Machine Learning aber auch eine Herausforderung im Umgang mit der Technik selbst. Der unreflektierte Einsatz lernender Systeme führt zu erheblichen Problemen wie Bias, also der Diskriminierung durch Stereotypisierung und Normierung, die ihren Ursprung in der Datenbasis hat, die meist aus WEIRD-Samples (western, educated, industrialized, rich and democratic societies) besteht. KI bewirktsoeineradikaleVerschärfungvonRassismusundallenFormenderDiskriminierung sowie des Ausschlusses marginalisierter Gruppen. Die Technologie ist keineswegs neutral,dasGegenteilistderFall.Denn dieKIentscheidet aufgrundvonLernwerten,die sie aus den Datensätzen zieht.96 Wurden also in der Vergangenheit z.B. vor allem weiße Männer als passende Bewerber zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, entscheidet sich ein lernendes Systemfür Human Resources,das ja wie alle KIs auf Wahrscheinlichkeitsberechnung basiert, auch genau auf dieser Datenlage wieder für weiße männliche Bewerber, so geschehen beim Einsatz von KI im Rahmen von Einstellungsverfahren bei Amazon.97 Die kritische Hinterfragung kann die Maschine, die eben keine eigene Intelligenz besitzt, nicht leisten, wenn nicht genau das Teil der an sie gestellten Aufgabe ist. Das Problem von Bias entsteht entsprechend bereits bei der unreflektierten Datensammlung und setzt sich dann algorithmisch fort. »First, many of the standard practicesindeeplearning arenot designedwithbias detectioninmind.Deep-learning models are tested for performance before they are deployed, creating what would seem to be a perfectopportunity forcatchingbias.Butinpractice,testingusuallylookslikethis: computer scientists randomly split their data before training into one group that’s actually used for training and another that’s reserved for validation once training is done. That means the data you use to test theperformance of your model has the same biases as the data you used to train it. Thus,it will fail to flag skewed or prejudiced results.«98 Diese Problematik zeigt sich auch im Bereichder Gesichtserkennung.Die Beispiele, bei denen Menschen mit nichtweißer Hautfarbe nicht als Mensch erkannt wurden,gingen zum Glück groß durch die Presse und haben – zumindest kann man das hoffen –zu 96 Vgl. URL: https://www.anti-bias.eu/biaseffekte/biases-in-kuenstlicher-intelligenz/ [14.10.2021]. 97 Vgl. ebd. 98 URL: https://www.technologyreview.com/2019/02/04/137602/this-is-how-ai-bias-really-happens and-why-its-so-hard-to-fix/ [14.10.2021]. Hilke Marit Berger: Verantwortung und Möglichkeiten der Freien Darstellenden Künste in Zeiten von KI 503 einer ersten Sensibilisierung im Umgang mit rassistischer Stereotypisierung in Datensetsgeführt.DasgleicheProblemzeigtsichauchimFallvonKörpern,dienichtderNorm entsprechen. Diese Feststellung war Grundlage der Arbeit von Ilja Mirsky am inklusiven Klabauter Theater in Hamburg. In Mittelpunkt des Stücks Mythen der Zweckmäßigkeit – A Digitally Enhanced Performance steht die Verhandlung von Ausgrenzung und Identität, von Diversität, Liebe und Freundschaft. In der gemeinsam mit dem Ensemble entwickelten Performance erweitern z.B. Körperscans,Avatare, Hologramme, Livekameras und Landschaftsprojektionen den künstlerischen Ausdruck. Die Zuschauenden werden darübermitStereotypen,Selbstbildernund gesellschaftlichen Grundvorstellungenkonfrontiert.99 Für Ilja Mirsky steht die Vermittlungsarbeit dabei im Vordergrund – und auch hier auf den zwei Kommunikationsebenen: innerhalb des Teams, aber auch nach außen, denn das Wissen um die Ausgrenzungsmechanismen von KI muss gleichermaßen gesammelt wie sichtbar gemacht werden. 6.1.3. »Hacking the code of gender, making binaries blurry«100 EntsprechendeForschungsarbeit leistetauchGloriaHöcknerin der EntwicklungderArbeit Sentimental Bits über automatisierte Emotionserkennung durch Gesichtsanalyse.101 Ausgehend von der Frage des Verhältnisses von Technologie und Körper stehen die Auswirkungen der Computerisierung menschlicher Emotionen auf unsere Wahrnehmung von Körpern im Zentrum der Forschung. Das Projekt zielt auf die Selbstbestimmung über den eigenen Körper,über Emotionen und Daten im Angesicht zunehmender Überwachung durch neue Technologien. Basis der Arbeit ist die intensive Recherche zu Mechanismen künstlicher Emotionsintelligenz, die u.a. für individualisierte Werbung, zur Überwachung, für polizeiliche Ermittlungen, für Jobinterviews oder auch als Lügendetektor bei Grenzkontrollen eingesetzt wird (z.B. im EU-finanzierten Grenzkontrollsystem iBorderCtrl, in dem Emotions-KIs in Form eines Avatars als Lügendetektortest fungieren). Die KIs werden mit dem 1978 entwickelten Facial Action Coding System (FACS) trainiert, das von sieben Basisemotionen ausgeht. Diese Methodik schließt an die Pseudowissenschaft der Physiognomie an, die im 19. und 20. Jahrhundert als wissenschaftlicher Unterbau für Rassismus und Eugenik diente. Sehr eindrücklich zeigt Gloria Höckners künstlerische Forschung, dass alle Taxonomien oder Klassifizierungssysteme immer politisch sind. DazuprogrammiertedasTeamgemeinsamEmotions-KIs,dieaufOpen-Source-Codes sowie OpenSource-Datenbanken basieren, um so die Mechanismen von Überwachungstechnologien offenzulegen. Damit werden die eingeschriebenen gesellschaftlichen Codes des Trackingsystems gehackt. Als Tool der Unterbrechung von Repräsentationssystemen, Kategorisierungsprozessen, Naturalisierung von binären Gendervor99 URL: http://klabauter-theater.de/projects/mythen-der-zweckmaessigkeit/ [14.10.2021]. 100 Russell, Legacy (2020): Glitch Feminism – A Manifesto. London/New York. 25. 101 Im Folgenden fasse ich eine Präsentation des Forschungsstandes der Künstlerin zusammen und zitiere hierzu in großen Teilen ihre eigene Beschreibung. Der Stückentwicklungsprozess war zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Studie noch nicht abgeschlossen. Das Stück hat am 24. März 2022 auf Kampnagel in Hamburg Premiere. Herzlichen Dank an Gloria Höckner für die Bereitstellung des Materials und die Möglichkeit der Übernahme des Textes!