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Tomáš Hlobil: Geschmacksbildung im Nationalinteresse II. Der Abschluss der frühen Prager Universitätsästhetik im mitteleuropäischen Kulturraum 1805–1848. Hannover: Wehrhahn, 2018

Stašková, Alice

Abstract

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Full text

Tomáš Hlobil: Geschmacksbildung im NationalinteresseII. Der Abschluss der frühen Prager Universitätsästhetik im mitteleuropäischen Kulturraum 1805–1848. Aus dem Tschechischen übersetzt von Jürgen Ostmeyer (= Bochumer Quellen und Forschungen zum 18. Jahrhundert. Hrsg. v. Carsten Zelle, Bd. 8). Hannover: Wehrhahn, 2018, 430 Seiten und 4 Abbildungen. Alice Stašková– Friedrich ‑Schiller ‑Universität Jena Es wäre eine ungebührliche Untertreibung, wenn man behauptete, die Studie von Tomáš Hlobil erfülle ein Desiderat der Forschung. Unterrichtet das Buch doch nicht nur über bisher wenig, partiell oder gar unerforschte Daten und Fakten zur Ästhetik als Unterrichtsfach an der Prager Universität bis 1848. Vielmehr wartet es mit kom‑ plexen Interpretationen von eigens ergründeten Quellen auf, die über die regionale Perspektive maßgeblich hinausgehen und berichtigt folglich auch viele Annahmen und Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen auf diesem Gebiet. Und es inspiriert zu weiteren Forschungen in den Bereichen der Kulturgeschichte, Begriffsgeschichte, Wissensgeschichte und Universitätsgeschichte sowie innerhalb der Fachgeschichte von Ästhetik bzw. Philosophie. Der Untertitel des Buches, Der Abschluss der frühen Prager Universitätsästhetik im mitteleuropäischen Kulturraum 1805–1848, ist bewusst doppeldeutig. Er verweist zum Einen darauf, dass es sich um einen zweiten, historisch wie systematisch abschlie‑ ßenden Teil einer zweibändigen Monographie handelt, deren vorangehender Band die erste der beiden Phasen einer Entfaltung der Ästhetik an der Universität Prag und mithin auch in Österreich behandelt (Tomáš Hlobil: Geschmacksbildung im National‑ interesse. Die Anfänge der Prager Universitätsästhetik im mitteleuropäischen Kulturraum 1763–1805. Hannover 2012). Denn in Prag wurde mit der Ernennung von Carl Heinrich Seibt (1735–1806) zum Professor für schöne Wissenschaften durch Maria Theresia im Jahre 1763 der erste österreichische Lehrstuhl für Ästhetik errichtet. Bereits im ersten Band wird auch die Wahl des Gesamttitels der beiden Bücher er‑ läutert: Bei der griffigen Formel „Geschmacksbildung im Nationalinteresse“ handelt es sich um ein abgewandeltes Zitat des österreichischen Universitätsreformators Gottfried van Swieten (1733–1803), der die Bildung des Geschmacks zum „National‑ interesse“ erklärte (Hlobil 2012: 12). Der Titel der beiden Bände verweist auf mehrere Bedeutungen, die mit der Einführung der Ästhetik als Unterrichtsfach an Lehran‑ stalten in Österreich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einhergehen. Die Institutionalisierung der Ästhetik erfolgte, wie dargelegt wird, im zentralisierten Österreich auf Direktive und somit als raison d’état. Dies mag auf den ersten Blick überraschen oder gar, im Vergleich zu anderen deutschen Gegenden und Staatsfor‑ mationen, etwas folkloristisch anmuten– womöglich als eine sonderbare Blüte eines spezifisch österreichischen amtlichen Zugriffs auf ein schwer greifbares Gebiet. Ent‑ zieht sich dieses doch, da es um Fragen des Schönen, der Kunst und des Geschmacks geht, prinzipiell einer Instrumentalisierung zu Staatszwecken. Diese Auffassung könnte man besonders als Konsequenz des Siegeszugs einer deutschen Autonomie‑ 140 BRÜCKEN 28/1 ‑Ästhetik seit Karl Philipp Moritz, Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft sowie den entsprechenden Theoremen etwa von Friedrich Schiller vertreten. Bei genauerem Hinsehen jedoch, und zwar gerade mit Blick auf Bestimmungen des Schönen, des Geschmacks und der diesbezüglichen Disziplin der Ästhetik, so wie sie sich gesamteuropäisch in einem regen Dialog entfalteten und wandelten, erscheint die Entscheidung eines mitteleuropäischen Herrscherhauses, die Geschmacksbildung disziplinär und institutionell im Interesse des Staates zu fördern, als durchaus kon‑ sequent. Löst sie doch auf eine besonders radikale Weise diejenigen aufklärerischen Tendenzen im 18. Jahrhundert ein, die gerade darauf pochten, eine „ästhetische Erzie‑ hung“ sei für die friedliche Entwicklung einer geordneten Gemeinschaft von zufriede‑ nen Bürgern unentbehrlich. So wendet sich etwa Friedrich Schiller in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen von 1795 an einen Herzog und Fürsten, um ihn von der Unabdingbarkeit der Erziehung zur und durch Kunst zu überzeugen und ihn entsprechend auf eine Förderung dieser Erziehung zu verpflichten. Schillers Begründung dürfte einen Monarchen durchaus zu einem solchen Schritte bewegen: Die ästhetische Erziehung stelle, so Schillers Auffassung, vor dem Hintergrund der von Frankreich ausgelösten Umwälzungen, die einzige Alternative zur gewaltsamen Lösung durch eine Revolution dar, die ein jegliches régime zu einem ancien machen würde. Anstatt sich also auf unbegründetes Grübeln über (unheilige) Allianzen von Ethik und Ästhetik, Kunst und Staat einzulassen, gilt es– und das belegen die beiden so umfangreichen wie minutiösen Studien von Hlobil– die tatsächliche Praxis des staatlich verordneten Ästhetikunterrichts genau zu sichten und zu rekonstruieren und somit voreilige Urteile über politische Instrumentalisierungen der Kunst zu vermeiden. Auch diesem Zweck einer medicina mentis dienen die präsentierten For‑ schungen auf eine produktive Weise. Der erwähnte Untertitel des Bandes verweist zum anderen auf die Tatsache, dass 1848 die erste Phase einer Fachgeschichte der Ästhetik an der Prager Universität ihren Abschluss findet. In diesem Jahr wurde aufgrund einer Universitätsreform die propädeutische Bestimmung der philosophischen Studien sowie auch der Ästhetik und Altphilologie aufgehoben, so dass sich diese Fächer zu ausdifferenzierten For‑ schungsdisziplinen entwickeln konnten. Die Ästhetik in Prag und in Österreich in dem abgesteckten Zeitraum 1763–1805 (erster Band) bzw. 1805–1848 (zweiter Band) ist den Debatten des 18. Jahrhunderts verpflichtet. Die mit dem 2. Band behandelte Epoche unterscheidet sich kontextuell von der ersten unter anderem dadurch, dass die Prager deutschsprachige Universitätsästhetik dieses Zeitraums dann auch die nachfolgenden tschechischsprachigen Konzepte auf dem Gebiet der Poetik und Äs‑ thetik zu prägen vermochte. Der nun vorgelegte Band teilt sich– ähnlich wie sein Vorgänger– in zwei große Abschnitte. Im ersten werden Dokumente präsentiert und ausgewertet, die den Stel‑ lenwert der akademischen Ästhetik in Österreich im Vergleich zur Praxis an außer‑ österreichischen deutschsprachigen Lehranstalten von vergleichbarem curricularem Zuschnitt bestimmen. Abgesteckt und untergliedert wird die anvisierte Epoche durch den „Philosophischen Studienplan“, erlassen durch die Hofkanzlei im Jahre 1805, bzw. den „Neuen Lehrplan der philosophischen Studien“ von 1824. Auf die Untersuchung der Studienpläne des Wiener Hofs und der Vorlesungsverzeichnisse an Lehranstal‑ ten in Wien, Prag, Lemberg, Graz, Innsbruck und Olmütz folgt eine Sichtung der 141REZENSIONEN außerösterreichischen Universitäten Freiburg, Würzburg, Halle und Leipzig. Diese Kartographie ermöglicht einen zuverlässigen Vergleich der normativen Vorgaben und deren Umsetzung zwischen österreichischen und nichtösterreichischen Uni‑ versitäten und Lyzeen sowie in katholisch und protestantisch geprägten Ländern. Die dargelegte personelle Situation, die Strategien bei der Besetzung der Dozentenstellen, die präsentierten Vorlesungsunterlagen sowie die jeweilige Verortung der Ästhetik im Rahmen der Curricula ergeben dabei ein differenziertes Bild, das pauschale Charak‑ teristika und eindimensionale Erklärungen außer Kraft setzt und jeglichen Versuch einer teleologisch ausgerichteten Geschichtsschreibung als unangemessen abweist. Die zweite Hälfte des Bandes gilt den Vorlesungen der drei Prager Ästhetik‑ Professoren Joseph Georg Meinert (der in den Jahren 1805–1811 Ästhetik lehrte), Johann Heinrich Dambeck (Lehrer vom 1812–1820) und Anton Müller (Lehrer von 1822–1844). Ergänzt wird dieser Teil durch eine Studie zur Rezeption der britischen Ästhetik an der Prager Universität zwischen 1763 und 1848, die den Fokus in einer dem Gegenstand angemessenen Weise von der deutschsprachigen Ästhetik auch auf die dialogische Situation im gesamten gelehrten Europa verlegt. Die auf die beiden großen Blöcke folgende Zusammenfassung wartet mit einer synthetischen Darstellung der Ergebnisse des vorliegenden Bandes und auch einer prägnanten Charakteristik der Position der Prager innerhalb der österreichischen Ästhetik im von beiden Bänden abgesteckten Zeitraum auf. Diese beiden Schlusskapitel sind (ähnlich wie im ersten Band) nicht zuletzt angesichts der uneinholbaren Forschungs‑ arbeit ein wahres Kunststück; gelingt es hier doch dem Verfasser, die Ergebnisse seiner minutiösen Erkundungen auf elegante Weise auch in ihrer übergreifenden Bedeutung herauszustellen. Auch im zweiten Teil des Buches gibt es eine Festlegung auf– hier drei– Persön‑ lichkeiten (analog zum ersten Band, wo die Konzeptionen von Carl Gustav Seibt, der als Professor der schönen Wissenschaften und Moral 1763–1785 lehrte, sowie von August Gottlieb Meißner, der von 1785 bis 1804 Professor der Ästhetik und der klas‑ sischen Literatur war, dargestellt werden). Dies lässt auf den ersten Blick an eine implizite Hierarchisierung denken, die an bedeutenden Figuren orientiert ist. Das ist hier jedoch nicht der Fall, sondern es hängt mit den Spezifika der österreichischen Situation zusammen, die überhaupt den Kern dieser Forschungsarbeit bilden. Zu den wichtigen Charakteristiken der zentralistischen österreichischen Universitäts‑ politik, und mithin auch der Strategie im Rahmen der Ästhetik ‑Lehre, gehört die bereits erwähnte Tatsache, dass der Unterricht, zunächst auch als Pflichtfach, auf Direktiven basiert. Hiermit hängt zusammen, dass der Unterricht auf allgemeine Ästhetik konzentriert bleibt und dementsprechend der Allgemeinbildung dient: Alternative Angebote in Form von Parallelveranstaltungen gibt es hier im Gegensatz zu außerösterreichischen Universitäten nicht und das Fach wird ausschließlich von einem Dozenten vertreten. Ferner ist für die österreichischen Vorgaben die Bindung an staatlich vorgeschriebene Lehrbücher spezifisch; seit der Entfaltung der Ästhetik in Österreich in der josephinischen Zeit ist Johann Joachim Eschenburgs Entwurf einer Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften verbindlich, später kommt Aloys Schreibers Lehrbuch der Aesthetik (in Olmütz benutzt) hinzu, sodann aber auch Franz Fickers Aesthetik oder Lehre vom Schönen und von der Kunst in ihrem ganzen Umfange (1830 und 1840). Die amtliche Einführung des zuletzt genannten Wiener Ästhetikers 142 BRÜCKEN 28/1 markiert eine endgültige Verselbständigung der österreichischen Ästhetik, die sich somit von den außerösterreichischen Vorlagen ablöst (S. 169). Der Vergleich der Dokumente im ersten Teil des Bandes bildet eine durchaus kom‑ plexe Situation ab. Zwar erscheint die Stellung der Ästhetik in Österreich als stabil und geradezu privilegiert, die Bindung an eine einzige Dozentur bedeutet jedoch eine Einschränkung. Wichtig ist ferner die systematische Verortung der Ästhetik, die sich bereits in der Tatsache andeutet, dass der vom deutschen Idealismus mitgeprägte Be‑ griff „Philosophie der Kunst“ nicht benutzt wurde; die Ästhetik in Österreich wurde von der Philosophie getrennt und an klassische Philologie gebunden (S. 170). Denn die Disziplin wird als „Krönung der Erkenntnis des antiken Kulturerbes“ (S. 170) im Sinne der Intentionen des Wiener Hofes aufgefasst. Dies alles gibt der österreichischen Ästhetik ein eigenes Gepräge. Im zweiten, den drei Professoren gewidmeten Teil der Studie kommen die beson‑ deren Vorzüge der Forschungen von Tomáš Hlobil dann vollends zur Geltung. Diese gründen darauf, dass er sich mit guten Gründen über die Erfassung der Vorgaben hinaus für die Untersuchung der Unterrichtspraxis entschlossen hat. Wer sich je in Archive begeben hat, um redlich zu erfahren, was in vergangenen Zeiten tatsächlich unterrichtet wurde, der wird das enorme Ausmaß an Arbeit und die Gelehrsamkeit des Verfassers mit größtem Respekt und dankbar begrüßen. Die Ergebnisse seiner Erkundungen sind erwartungsgemäß von ausschlaggebender Bedeutung, wenn es darum geht, die Entfaltung der Ästhetik im österreichischen Raum zu ermessen und dann auch über ihren Erfolg und ihre Folgen für die Geschichte des Faches im Lande zu reflektieren. Auf eine philologische Sichtung und Beschreibung der Quellen (zu denen auch Mitschriften der Studenten zählen) folgt jeweils eine Darlegung der In‑ halte, wobei je nach Forschungssituation und Gegenstand, in der Analyse und Inter‑ pretation der Quellen thematische Schwerpunkte gesetzt werden. Der Akzent auf der Praxis zeitigt wichtige Ergebnisse: Die Praxis war viel komplexer, vielfältiger und heterogener, als es die Sichtung von Regierungsverordnungen, Studienplänen und Verzeichnissen nahelegt. So zeigt sich, um nur ein Beispiel zu nennen, dass Meinert, Dambeck und Müller gar nicht nach Eschenburg unterrichtet haben. Die Diskrepanz zwischen amtlichen Verordnungen einerseits und der von Hlobil rekonstruierten Praxis andererseits ist im Einzelnen so überraschend wie im Gan‑ zen überzeugend. So lesen sich etwa die Ausführungen zu Meinerts subversiven Strategien auf dem Katheder wie eine Kolportage (S. 183f.). Den Schwerpunkt des Meinert gewidmeten Kapitels bildet die Frage nach dessen Nähe zu Auffassungen des deutschen Idealismus, insbesondere der Schillerschen Prägung. Hlobil vergleicht hier Meinerts Antrittsvorlesung (1806) zunächst mit derjenigen Schillers (1789) und konzentriert sich auf den Begriff „Brotwissenschaft“ bzw. „Brotstudium“. Dies bietet Erhellendes: In Österreich ist dieser Begriff im Gegensatz zu Deutschland grund‑ sätzlich positiv konnotiert, und die Professionsfächer (Theologie, Jura und Medizin) beanspruchen in pragmatischer Hinsicht ein Primat. Die Orientierung Meinerts an Schillers Konzeption, die ja gerade ein Angriff auf ein pragmatisches Verständnis des Studiums darstellt, unterscheidet ihn allerdings auch von seinen Vorgängern Seibt und Meißner und von deren rhetorisch bzw. psychologisch fundierter Wir‑ kungsästhetik. Wenn schließlich für Meinert die Kunst als „Mittlerin zweier Welten den ganzen Menschen ergreifen, und, indem sie Herz und Phantasie, Verstand und 143REZENSIONEN Vernunft zu harmonischer Thätigkeit anregt, durch das schöne Gleichmaß der Kräfte beglücken […]“ solle (S. 189), dann denkt man sogar über die von Hlobil angeführten Quellen hinaus auch an analoge Formulierungen in Schillers Schrift Über Anmut und Würde (veröffentlicht in Schillers Zeitschrift Neue Thalia 1793): Dort ist von der Schönheit als „Bürgerin zwoer Welten“ die Rede, der sinnlichen und der geistigen, und mithin vom Geschmack, der „zwischen Geist und Sinnlichkeit in die Mitte tritt und diese beyden, einander verschmähenden Naturen, zu einer glücklichen Eintracht verbindet“. Die Philosophie des ‚ganzen Menschen‘ (Der ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert. Hrsg. von Hans Jürgen Schings. Stuttgart, Weimar 1994) nimmt in Meinerts Antrittsvorlesung auf schlaue Weise die staatliche Direktive geradezu subversiv für die Sache einer ganzheitlichen Entfaltung des Individuums in Anspruch. Mit solchen Funden, Analysen und Interpretationen wartet die Monographie von Tomáš Hlobil auf jeder Seite auf; in den Dambeck gewidmeten Kapiteln wird der bisherigen Annahme begegnet, dass sich dessen Konzeption in der Nachfolge von Kants transzendentaler Philosophie und Ästhetik verorten lässt. Hlobil zieht außer der bisher als einschlägig erachteten Druckversion von Dambecks Vorlesungen über Ästhetik I–II, herausgegeben durch Joseph Adolph Hanslick in den Jahren 1822‑1823, deren handschriftliche Fassung von 1819 heran (S. 235ff.). Es gelingt ihm, unter ande‑ rem durch eine souveräne Gegenüberstellung der Auffassungen Kants in der Kritik der Urteilskraft und Dambecks Ausführungen, zu beweisen, dass sich Dambeck nicht in der Kant ‑Nachfolge situiert (S. 224ff.), sondern vielmehr mit seiner anthropologisch fundierten Ästhetik die empirische emotionalistische Tendenz der Prager Ästhetik‑ Tradition fortsetzt (S. 251). Ein weiteres Argument bietet die Feststellung, dass sich Dambeck an den Konzepten von Heinrich Zschokke und seinem Lehrbuch Ideen zur Psychologischen Aesthetik (1793) orientiert (S. 199, insb. 237), der bekanntlich von einer empirisch orientierten psychologischen Position aus zu den Kritikern von Kants transzendentaler Methodik gehörte. Bekräftigt wird diese Interpretation durch die Tatsache, dass Dambeck ferner unter anderen auch Impulsen des (im außerösterrei‑ chischen Milieu besonders erfolgreichen) Friedrich Bouterwek sowie etwa denjenigen von Karl Heinrich Heydenreich folgte. Das Kapitel zu Anton Müller setzt zwei weitere Akzente; und auch diese tragen dazu bei, dass die mikrologische Erkundung des Prag ‑österreichischen Ästhetik‑ Unterrichts überregionale Relevanz besitzt. Der erste Schwerpunkt wird auf Müllers Konzeption des Interessanten gelegt. Die Interpretation der Quellen korrigiert einige Einschätzungen zum Stellenwert dieser Kategorie in der Ästhetik um 1800. Diese mes‑ sen den Erkundungen des „Interessanten“ oft eine nur zeitweilen Bedeutung zu, was durch die Untersuchungen zur wirkmächtigen Figur Müllers (der sich auch als Kunst‑ kritiker hervortat, vgl. die Anmerkung auf S. 279) ad acta gelegt wird. Zuweilen aber tendiert die zumal außerösterreichisch orientierte Forschung über den Begriff des „Interessanten“ auch dazu, das Interesse am Interessanten um 1800 zu einem Signum der Moderne zu erklären. Das Profil des Theoretikers des „Interessanten“ Müller, der ein „inbrünstiger Katholik“ (S. 331) war, widerlegt die letztgenannte Annahme als eine Art Wunschvorstellung. Überdies grundiert seine Dramentheorie, die den zweiten Schwerpunkt des ihm gewidmeten Kapitels bildet, ähnlich wie auch seine Ästhetik insgesamt auf sittlich ‑religiösen Prinzipien und „christlichen Moralaxiomen“ (S. 331). 144 BRÜCKEN 28/1 Diese wenigen Schlaglichter dürften andeuten, dass die beiden vorliegenden Bände für viele historischen Forschungsgebiete von erheblichem Interesse sind. Im ersten Band seiner Untersuchungen formuliert der Verfasser in sympathisch nüchterner Weise eine methodische Frage: Wie schreibt man über regionale Autoren, die zudem im Rahmen der gesamten Geschichte des Faches einer zweiten Reihe zuzuordnen sind, weil sie die Diskussion nicht durch eigenständige Konzeptionen bereichert haben, um damit ein größeres Fachpublikum zu interessieren? (Hlobil 2012: 15) Die beiden Bände von Hlobils Forschungen liefern auf diese Frage eine klare und, einfach ge‑ sagt, performative Antwort– man schreibt es genau auf diese Weise. Die vorgelegten Funde sowie deren Analysen und Interpretationen befördern die Erforschung zur Ästhetik und Philosophie im langen 18. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Auf‑ klärung– als Idee und Epoche zugleich. Diese Forschung ist bislang durch Ergebnisse zu Entwicklungen in größtenteils protestantischen außerösterreichischen Ländern geprägt worden. Sie tendieren bis heute– wiewohl inzwischen nicht ausschließlich– dazu, eine „große Erzählung“ zu liefern (vgl. unter entsprechender Berufung auf den Begriff Lyotards, Hlobil 2012: 15). Das Panorama der vorliegenden Ergebnisse zeigt zwar womöglich eine Einheit in der Mannigfaltigkeit, denn bis 1848 ist für die Prager Lehre die „emotionalistische Gefühlsästhetik“ (S. 251) charakteristisch– von Seibts rhetorisch fundiertem Rührungskonzept über Meißners empfindsame Transforma‑ tionen und Dambecks anthropologisch ‑psychologische Konzepte bis hin zu Müllers Aktualisierung der Allianz von prodesse im Sinne der sittlichen Vervollkommnung via delectare, und unter Inklusion der idealistisch interessierten Positionen Meinerts. Auf einer europäischen Landkarte, die sich auf historische Erkundungen von äs‑ thetischen Kategorien fokussiert, kommt jedoch mit den beiden Monographien von Hlobil ein Gebiet zum Vorschein, das die gesamte Gewichtung maßgeblich verändern dürfte. Im Verzicht auf die „große Erzählung“ liegt die Bedingung für einen großen Erkenntnisgewinn. Die vorgelegten Studien erkunden somit nicht nur die Situation in Österreich und Prag selbst, sondern sie befördern auch das Wissen um die Komplexität sowie die Potentiale der nicht ‑österreichischen deutschen Ästhetik‑ und Philosophiereflexion. Die Beliebtheit des– staatlich verordneten, reglementierten und offiziell normier‑ ten– Faches Ästhetik, das allerdings, wie die Studie nachdrücklich zeigt, von den Dozenten so individuell wie unabhängig vermittelt wurde, zeitigte auch Folgen für die Entfaltung ästhetischer Reflexionen und Konzepte im Rahmen der tschechisch‑ sprachigen Theorie und Praxis des 19. Jahrhunderts. Dies deutet der Verfasser zum Schluss der Studie an; deren Ergebnisse erweisen, wie ertragreich die Beschäftigung mit der Prager deutschen Universitätsästhetik auch für die bohemistische Universi‑ täts‑, Ästhetik‑ und Kulturgeschichte sein kann.