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Bernard Bolzano: Vom besten Staat. Mit einer Einleitung und Anmerkungen hrsg. von Kurt F. Strasser. Hamburg: Felix Meiner, 2019

Höhne, Steffen

Abstract

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Full text

127REZENSIONEN hinweg im Buchgeschäft bleiben, neben Druckereien und Verlagen, die mit wissenschaftlichen, behördlichen oder religiösen Institutionen verbunden sind, Witwen, die Unternehmen als Inhaberinnen fortführen usw., finden sich Informationen zu Buchkrämern, die auf Märkten auftauchen oder vom Verschleiß von Normalschulbüchern leben bis hin zu Gesellen und Gehilfen, von denen in den Akten nicht viel mehr geblieben ist als der Hinweis auf ihre ‚Flatterhaftigkeit‘ oder auch darauf, dass sie nicht mehr aus den Ferien zurückgekommen seien. Und es blitzen hie und da Erfolgsgeschichten besonderer Art auf (später in der Geschichte des Habsburgerreichs könnte man sie als ‚kakanisch‘ bezeichnen): Der 1717 in Ungarn geborene Johann Thomas von Trattner, schon als kleines Kind ein Vollwaise, erlernt in Wiener Neustadt das Buchdruckerhandwerk, arbeitet beim Hofbuchdrucker Johann Peter van Ghelen, bereist zahlreiche Länder, auch England, wird dreimal Witwer und vielfacher Vater, wobei aber nur zwei Kinder das Erwachsenenalter erreichen. 1764 wird er geadelt, zwischen 1753 und 1798 besitzt er die Trattnerische Buchhandlung in Prag. Mit 81 Jahren stirbt er in Wien und errichtet gut zehn Jahre vor seinem Tod noch eine Papiermühle in seiner Herrschaft Ebergassing. Diese ‚Geschichte‘ eines Akteurs sei als abschließendes Beispiel für das unglaubliche Potential von Entdeckungsmöglichkeiten zu verstehen, die Buchwesen in Böhmen 1749–1848 bietet. Für jeden, der an Buchforschung, nicht nur im Habsburgerreich, interessiert ist, erweist sich das Lexikon ebenso als ein unverzichtbares Instrument wie für diejenigen, die sich mit der Geschichte und Literatur der böhmischen Länder befassen. Für ein breiteres Publikum hält die Publikation aber ebenso, wie oben angedeutet, allerhand Wissens-, Staunensund Bedenkenswertes bereit. Bernard Bolzano: Vom besten Staat. Mit einer Einleitung und Anmerkungen hrsg. von Kurt F. Strasser (= Philosophische Bibliothek, 732). Hamburg: Felix Meiner, 2019, 177 Seiten. Steffen Höhne– HfM Weimar / Friederich ‑Schiller ‑Universität Jena Betrachtet man die Geschichte der Utopie als eine der jeweiligen Defizite und Missstände der eigenen Gesellschaft, dann liefern entsprechend auf Utopien verweisende Texte gerade angesichts ihres kritischen Potentials immer auch Gegenbilder zu den historischen Realitäten und Möglichkeiten ihrer Zeit. Dass sich ein Denker wie Bernard Bolzano intensiv mit den moralischen und sozialen, den rechtlichen und politischen Bedingungen seiner Zeit auseinandergesetzt hat, ist aus den Erbauungsreden, die er im Rahmen seiner Tätigkeit als Hochschullehrer an der Prager Universität zwischen den Studienjahren 1804/05 und 1819/20 hielt, mehr als deutlich zu erkennen. Diese Erbauungsreden, eigentlich Exhorten bzw. Exhortationen, fanden an jedem Sonnund Feiertag während des akademischen Jahres, also zwischen Anfang November und Ende August statt. Ihnen voraus ging eine Messe, die Bolzano in der im Klementinum gelegenen St. Klemenskirche abhielt. Nachdem ihm die Lehrerlaubnis entzogen worden war und Bolzano auf das Wirken eines Privat- 128 BRÜCKEN 27/2 gelehrten beschränkt war, entschloss er sich, seine „Gedanken über ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen“ (S. XX) näher auszuarbeiten. Diesem Entschluss verdanken wir Das Büchlein vom besten Staat oder Gedanken eines Menschenfreundes über die zweckmäßigste Einrichtung der bürgerlichen Gesellschaft, eine Studie, die allerdings aufgrund der aufkommenden Nationalismen während der 1848er -Revolution ungedruckt blieb, weil– so Bolzanos nicht unberechtigte Befürchtung– diese Abhandlung „in der leidenschaftlichen Auseinandersetzung seiner Zeit nicht verstanden werde und daher auch nicht Gutes bewirken würde.“ (S. XXf.) Bolzano geht, wie er im Vorwort skizziert, von dem Problem aus, „wie den vielen Übeln und Leiden, die unser Geschlecht auf Erden drücken, am wirksamsten gesteuert werden könne.“ (S. 3) Die Ursache für dieses Problem erkennt er in den „bestehenden bürgerlichen Verfassungen“ (S. 3), woraus sich die Leitfrage ableitet, „wie ein Staat ausgerichtet sein müsste, um der Beförderung des allgemeinen Wohles auf das Vollkommenste zu entsprechen.“ (S. 3f.; Herv. i. O.) Bolzano knüpft dabei nicht nur an seine Erbauungsreden an, sondert vermerkt, „dieses Büchlein sei das beste, wichtigste Vermächtnis, das er der Menschheit zu hinterlassen vermag, wenn sie es nur annehmen wolle.“ (S6) Offenkundig ist dieses Vermächtnis nicht angenommen worden (ungeachtet einer Drucklegung Anfang der 1930er), sondern weitgehend unbekannt geblieben, weshalb die aktuelle Publikation in einem renommierten wissenschaftlichen Verlag von einem ausgewiesenen Bolzano -Experten umso wichtiger erscheint. Worum geht es also Bolzano, der von vornherein deutlich macht, dass eine Lösung der Thematik nur in der Reform des Staates, keinesfalls in einer Revolution liegen könne. Und ein weiterer Aspekt erscheint wichtig, dass „wir auch durch die beste Verfassung nie alle weise und gut gemacht werden können“ und das auch bei der „zweckmäßigsten Einrichtung des Staates immer noch Leiden genug erfahren werden“ (S. 10) Es geht Bolzano also eher um einen pragmatischen Ansatz und weniger um ein neues Goldenes Zeitalter, es geht nicht um den Menschen, wie er sein sollte, sondern um das schwache und fehlerhafte Subjekt, welches durch die Verfassung des Staates geschützt werden müsse. Bolzano wendet sich im Sinne der staatswissenschaftlich gesprochen Polity, die den Handlungsspielraum der Akteure im politischen Prozess steuert, zunächst den Bürgern eines Staates und deren gesellschaftlicher Gliederung zu sowie der Rolle der Gesetzgebung und der Regierung. Geleitet wird er dabei entgegen der Tradition utopischen Denkens von einem gewissen Pragmatismus. Zentraler Ansatz seines besten Staates sind nicht nur die besten Gesetze, sondern auch die Sorge darum, das diese „befolgt werden müssten.“ (S. 42) Es geht also eher um eine Frage der politischen Kultur, in der auch die Mitwirkung des einzelnen im Staat verlangt wird. In diesem Kontext ist auch das Plädoyer für die Volksbewaffnung bzw. Wehrpflicht zu sehen, ein Thema, das im Rahmen der antinapoleonischen Erhebungen 1809 und erneut in den Befreiungskriegen 1813/14 auch in der Habsburgermonarchie intensiv diskutiert worden war, hatte man doch erkannt, dass die Berufsheere der Dynastien dem französischen Volksheer eindeutig unterlegen waren. Bolzano unternimmt dann einen Schwenk zur Policy, wenn er sich mit den Inhalten seines besten Staates befasst und Sachbegriffe wie Freiheit und Gleichheit diskutiert. Bei der Vorstellung von Leitkonzepten wie Freiheit und Gleichheit geht es Bolzano dabei weniger um eine begriffliche Festlegung, diese ist bereits in den Erbauungs- 129REZENSIONEN reden erfolgt, sondern um die konkrete Anwendung im besten Staat. So spricht er sich bspw. nicht für eine nivellierende Form von Gleichheit aus: „Die Rechte und Obliegenheiten der Menschen müssen sich unstreitig nach ihren Bedürfnissen und ihren Kräften richten.“ (S. 51) Andererseits verwirft er zu große Ungleichheit bei der Verteilung von Reichtum, was „fast in allen bisherigen Staaten“ vorzufinden sei: „Ein solcher Reichtum bei Einzelnen kann unmöglich zustande kommen, ohne dass viele andere verarmen; er kann noch weniger fortdauern, ohne dass seine Besitzer allmählich einen gefährlichen Einfluss auf ihre übrigen Mitbürger gewinnen“ (S. 53). Dies korrespondiert mit einer grundsätzlichen Kritik an der Rolle von Eigentum, insbesondere der ungleichen Verteilung der Güter. Zwar setzt sich Bolzano nicht für ein Goldenes Zeitalter ohne Privateigentum ein, wie es in den frühen böhmischen Chroniken bei Cosmas und Dalimil als Vorform von Gesellschaft beschrieben wird. Aber er möchte, z. B. per Erbschaftsrecht, die Einkommensunterschiede minimieren (S. 56). Sein Plädoyer richtet sich auf ein Eigentum, das verpflichtet, „dass man nur diejenigen zum Besitz eines Gegenstandes gelangen lasse, der den besten Gebrauch von demselben für sich und andere zu machen Hoffnung gibt.“ (S. 87) So sollen zum Beispiel Häuser nicht vererbt werden können, um Güteranhäufungen zu vermeiden. Bolzano entwickelt ein auf Tätigkeit basierendes Solidar -Modell, bei dem Müßiggang oder nutzlose Beschäftigung ausgeschlossen, die unverschuldet Schwachen aber geschützt werden: „Diejenigen Glieder, die wegen Krankheit oder Schwäche nicht arbeiten können (…) leben auf Kosten der Gemeinde.“ (S. 103) Im besten Staat widmet sich Bolzano auch ganz praktischen Fragen wie den Unterrichtsgegenständen. Er plädiert für die Förderung der Muttersprache in den Schulen, „nebst dieser allenfalls noch eine andere Sprache, die als die allgemeine, deren die Völker sich zu ihrem wechselseitigen Verkehr bedienen, angesehen werden könnte; wie man einst das Lateinische dazu hat erheben wollen.“ (S. 65f.) Bolzano lässt dabei offen, ob diese Verkehrssprache in der Habsburgermonarchie das Deutsche sein könne. Eine steuernde Funktion des Staates verlangt Bolzano auch für seinen eigenen Berufsstand, die Gelehrten. Diese sollen vom Staat unterstützt und nicht auf das Interesse einzelner verpflichtet werden, ihre Leistungen sind zudem der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wissenschaftliche Bücher dürften „nie das Eigentum eines Einzelnen werden“ (S. 121) Zudem fordert Bolzano explizit eine Art Qualitätskontrolle für Druckwerke, so wie er sich auch skeptisch zu einer „unbedingten Pressefreiheit“ positioniert, die mit einer „unbedingten Freiheit des Lesens“ korreliere (S. 122), weshalb die Zensur als Institution, um über die Qualität zu wachen, ihre Berechtigung habe. Kategorien, nach denen der Zensor einen Druck verweigern dürfe seien unsittliche, leidenschaftliche, ehrenrührige und triviale Texte (S. 124). „Der Zensor soll verantwortlich sein, wenn er etwas gutheißt, was nach diesen Grundsätzen offenbar hätte gestrichen werden sollen, oder etwas unterdrückt, was nach eben diesen Grundsätzen offenbar nicht hätte unterdrückt werden sollen.“ (S. 124; Herv. i. O.) Auch die schönen Künste sollen in der Obhut des besten Staates liegen, der hier ebenfalls über die Qualität zu wachen habe und der gute Werke der Öffentlichkeit zugänglich machen müsse. „Es werden deshalb alle wahrhaft gelungenen Werke der Dichtkunst, die also eben darum auch sittlich sein müssen, allenthalben verbreitet, wo nur immer zu hoffen steht, dass jemand sie lesen und zu verstehen vermöchte.“ (S. 128) Das Mittel- 130 BRÜCKEN 27/2 mäßige sei dagegen abzulehnen, dieses solle der „Vergessenheit übergeben werden“ (S. 129), was auch Konsequenzen für die Rolle des Künstlers habe: „Darum lässt man sich auch nicht allzu leicht herbei zu erlauben, das jemand aus dem Geschäft des Dichtens oder des musikalischen Komponierens u. dgl. sein Hauptgeschäft mache, wenn er nicht Hoffnung gibt, etwas ganz Außerordentliches zu leisten.“ (S. 129) Kunst bzw. künstlerischer Ausdruck erscheint hier noch an das Konzept der Berufung zur Kunst gekoppelt, und nicht als Ausdruck der individuellen Selbstverwirklichung. Bolzanos Überlegungen umfassen ferner Fragen der richtigen Ernährung, hier mit durchaus ökologischer Intention, der Kleidung, der Wohnung und der Sexualität. Sein bester Staat fundiert zwar auf einem christlich geprägten Vernunftmodell, legitimiert durch einen Gott, der „uns das herrliche Geschenk der Vernunft [gab], damit wir, uns ihrer bedienend, je länger, je weiter fortschreiten könnten in der Verbesserung unseres Zustandes auf Erden“ (S. 13), doch letztlich misstraut Bolzano der Vernunft des einzelnen, da er sich für einen Staat mit pädagogischem Anspruch stark macht, man könnte sogar von einer gleichwohl vernunftgeleiteten Erziehungsdiktatur sprechen. Und damit, ein weiterer Anachronismus, hebt sich Der beste Staat auch von dem zunehmend dominanten, auf das Individuum gerichteten Liberalismus ab, mit dem völlig andere Leitmodelle des Politischen verknüpft waren. Kurt Strasser, ein ausgewiesener Bolzano -Kenner u. a. durch die kritische Edition der Erbauungsschriften im Rahmen der Bolzano -Gesamtausgabe oder durch die jüngst vorgelegte Monographie Bernard Bolzano (1781–1848). Ein böhmischer Aufklärer (Böhlau 2020), hat somit einen durchaus wichtigen, auf einer anderen als der liberalen Logik basierenden Text in einer aktualisierten und kommentierten Fassung vorgelegt. Ein Text, der eher ein Schattendasein in den akademischen und intellektuellen Diskursen geführt hat. Bleibt zu hoffen, dass sich dies zumindest ein wenig ändert. Pavla Machalíková, Taťána Petrásová und Tomáš Winter (Hgg.): Zrození lidu včeské kultuře 19. století. Sborník příspěvků z39. ročníku mezioborového sympozia kproblematice 19. století. [Geburt des Volkes in der tschechischen Kultur des 19. Jahrhunderts. Sammelband zum 39. Jahrgang des interdisziplinären Symposiums zur Problematik des 19. Jahrhunderts]. Praha: Academia, 2020, 290 Seiten. Milan Horňáček– Palacký ‑Universität Olomouc Nur wenige Begriffe wurden in den Debatten des 19. und 20. Jahrhunderts mehr umkämpft als der des Volkes: Seine unreflektierte Gleichsetzung mit der Nation, seine Begrenzung auf die ländlichen Teile der Bevölkerung oder die Annahme, dass es vermeintlich ursprüngliche und folglich ‚vitale‘ Kräfte bewahre, gehören zu den immer noch am meisten verbreiteten und tief verwurzelten Ideologemen, die jede Auseinandersetzung mit einem der zahlreichen Volks -Phänomene erheblich erschweren. Das Konzept der Volkskultur kann dabei als eine Art Modellbeispiel fungieren, an dem sich sowohl zahlreiche (kultur)politische Kontroversen der letzten zwei Jahrhundert Jahre