Wieviel Moderne verträgt Die Provinz? Überlegungen zur Moderne als Literatur- und Subjektform in der Karlsbader Zeitschrift Die Provinz (1924)*
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Wieviel Moderne verträgt Die Provinz? Überlegungen zur Moderne als Literaturund Subjektform in der Karlsbader Zeitschrift Die Provinz (1924)*1 Jan Budňák– Masaryk ‑Universität, Brno ABSTRACT How Much Modernity Can the Province Take? Reflections on Modernity as aLiterary and Subject Form in the Karlovy Vary Journal Die Provinz (1924) This paper analyses the significance of the concepts of province and modernity in the journal Die Provinz (1924). This “modern revue” (as one of the self -advertisements puts it), intended primarily for (German -speaking) Czechoslovakia (subtitle: Semimonthly for Czechoslovakia) and published by two social -democratically minded intellectuals close to the artistic avant -garde (Ernst Sommer, Bruno Adler/Urban Roedl), pursues above all an educational purpose: the ‘province’ which it addresses is emphasised as the actual sphere of the ‘human’, but with the portent of the utopian. Its modern features consist above all in the socialisation or solidarisation of the political perspective, which is directed against (national, regional, cultural) particularisms. Post -bourgeois views of the subject, for example in the sense of the cold persona of the New Objectivity (Lethen) or the socialist collective subject, or post -bourgeois views of literature in the sense of abreak with tradition or an opening to avant -gardes, however, cannot be attested to the journal. The journal thus illustrates aspecific hybrid of bourgeois and post -bourgeois modernity. KEYWORDS Czechoslovakia, social democracy, Bruno Adler, Ernst Sommer, modernity, region Die Provinz, laut Untertitel eine Halbmonatsschrift für die Tschechoslowakei, wurde von Januar bis Oktober 1924 in Karlsbad herausgegeben und brachte es insgesamt auf 5 Hefte, davon zwei Einzelhefte (Nr. 1 und 2) und drei Doppelhefte (3–4, 5–6 und 7–8). In einer Selbstanzeige, die am Ende des Doppelheftes 3–4 steht (Provinz 1924: 128), wird der Untertitel modifiziert und damit auch der thematische Aktionsradius der Zeitschrift präzisiert: Halbmonatsschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft der Tschecho‑ slowakei. Die Zeitschrift bewirbt sich in dieser Selbstanzeige aber vor allem mithilfe des großgedruckten Attributs „moderne Revue“. Eine erklärtermaßen moderne Revue, die für die Provinz bestimmt ist? fragt man sich skeptisch– und steht damit vor For- * Der Beitrag ist im Rahmen des Projekts „Dimensionen der Interkulturalität in der deutschsprachigen Kultur der Tschechoslowakei 1918–1939 am Beispiel ihres linken Segments“ entstanden. Das Projekt wird von der Forschungsagentur der Tschechischen Republik (GAČR, Nr. GA21-06511S) gefördert.
32 BRÜCKEN 30/1 schungsfragen, die auch die Struktur des vorliegenden Beitrags vorgeben: Wie wird Provinz denn eigentlich in der Provinz verstanden? Und, im Zusammenhang damit, welche Spielart von Moderne– verstanden nicht nur als eine literarische Form, sondern auch als eine „Subjektkultur“ (Andreas Reckwitz)– wird in der Provinz gepflegt? Und last but not least: welches Literaturverständnis der Provinz geht mit dieser Art von Moderne einher? 1. DIE PROVINZ DER PROVINZ: „DAS ZUNÄCHST LIEGENDE“ UND DAS „UTOPOGRAPHISCHE“ In der Mitte des mit „Statt eines Programms“ überschriebenen Vorworts zum ersten Heft der Provinz steht der Satz: „Nicht der Welt und der Menschheit, sondern der Provinz ist diese Zeitschrift gewidmet.“ (Adler/Sommer 1924: 2) Warum wenden sich die (vermutlichen) Verfasser des Vorworts, die Mitherausgeber der Zeitschrift, Bruno Adler und Ernst Sommer, nicht an die Welt und die Menschheit und setzen sich somit dem Einwand aus, ein auch der Qualität nach ‚provinzielles‘ Projekt ins Leben gerufen zu haben? Weil sie– offensichtlich in einer impliziten Polemik gegen den Spätexpressionismus– an Weltverbesserung1, ja „Kosmosverbesserung“, wie sie ironisch anmerken, glauben. Zugleich vermerken sie aber dieselben Krisensymp - tome wie dieser und wollen sich ihnen genauso wie dieser stellen. Der Unterschied zwischen den beiden Arten von Aktivismus besteht jedoch vor allem im anvisierten Wirkungshorizont: Die Erkenntnis, dass diese Welt im Argen liegt, ist so billig wie die ihr sogleich folgende Bereitschaft, den Kosmos umzugestalten. Die Bescheidensten lassen es damit genug sein, die sogenannte neue Kultur aufzubauen. Noch nie waren die grossen Töne und Themen so beliebt, und noch nie war es so notwendig, das Geringere und freilich so viel Schwerere zu tun: Die Wirklichkeit zu erkennen und nach ihren einfachen Gesetzen das zunächst Liegende zu tun; das Endliche, das Erreichbare zu wollen; zu scheiden, zu unterscheiden, sich zu entscheiden; alle Ideologien preiszugeben, nicht die ‚Welt‘ zu verbessern, sondern das bißchen Leben, das in den Bezirk des Einzelnen eindringt und von ihm ausgeht. Die Weltstädte, der Weltkrieg, die Weltblätter haben den Quantitätswahn gezüchtet, und dem kleinsten Kerl ist der grösste Wirkungskreis kaum gross genug. So wird nichts bewirkt. Welt und Menschen bleiben, wie sie sind, solange der Einzelne, die Gemeinde, das Land nur sie, nicht sich ändern wollen. (Adler/Sommer 1924: 2) Die Herausgeber der Provinz kehren hier gewissermaßen die Größenverhältnisse um, zu ihren Gunsten, versteht sich: groß ist, wer im Kleinen wirken kann. Die Provinz 1 Nur eines der unzähligen Beispiele für die Radikalität des expressionistischen Glaubens daran, dass ‚der Mensch‘ sein ‚Ich‘ der ganzen Welt förmlich einprägen kann, sei zitiert: „Der Expressionismus glaubt an das Allmögliche. Er ist die Weltanschauung der Utopie. Er setzt den Menschen wieder in die Mitte der Schöpfung, damit er nach seinem Wunsch und Willen die Leere mit Linie, Farbe, Geräusch, mit Pflanze, Tier, Gott, mit dem Raume, mit der Zeit und mit dem eigenen Ich bevölkere.“ (Huebner 1920: 5)
33JAN BUDŇÁK wird in der Provinz also primär als ein realistischer Wirkungskreis betrachtet, als „das zunächst Liegende“. Damit einher geht die in der Zeitschrift wiederholt deklarierte Überparteilichkeit im politischen und ideologischen Sinne. Obgleich beide Mitherausgeber Sozialdemokraten waren (Sommer) bzw. mit der Sozialdemokratie sympathisierten (Adler) (Němec 2001: 226, 230; s. auch Adler 1924a: 55–57), lässt die Zeitschrift höchstens implizit etwas davon erkennen. Sie positioniert sich stattdessen als eine „moderne Revue“ für die ganze Provinz, als Orientierungshilfe für alle kulturell ansprechbaren „Menschen der Provinz“ (Adler/Sommer 1924: 2), und formuliert ihr soziales, künstlerisches und politisches Programm als ein Konsensangebot: Ihre [der Provinz, J.B.] sozialen Anschauungen vertreten das Recht auf die daseinswürdige Existenz Aller […]. Ihre künstlerische Gesinnung soll weder Mode und Schlagwortwesen noch eine hilflos verkümmernde Tradition pflegen; sie dient den Werken und Persönlichkeiten, die durch das starke Band des Ausdrucks geistiger Inhalte über die Grenzen der Klassen und Länder einander zugehörig sind. Ihre politische Stellung ergibt sich aus dem menschlich Allgemeinen: unabhängig von Parteidoktrinen tritt sie für die Verständigung der geistig Verwandten über alle nationalistischen Schranken hinweg ein […]. (Adler/Sommer 1924: 3) An der (mehrmals wiederholten) Betonung des Schlagwortes von der (deutschtschechischen) „Verständigung“2 wird deutlich, dass das durch die Zeitschrift geprägte Verständnis des Wortes ‚Provinz‘ im scharfen Gegensatz zu einem konkurrierenden Begriff steht, nämlich dem der ‚Heimat‘. Expliziert wird dieser Gegensatz vor allem in der Auseinandersetzung mit der ‚Heimatliteratur‘ bzw. der ‚Heimatkunst‘, die im Abschnitt 3 des vorliegenden Beitrags behandelt wird. Vor allem wird in dem programmatischen Text der Provinz der räumliche Begriff der Provinz weitgehend aus der Opposition zu Zentrum bzw. Metropole herausgelöst. Zusammen mit der Entfernung der nationalen Attribuierung der– hier gemeinten– ‚sudetendeutschen‘ Provinz scheinen hier also die meisten Schranken gefallen zu sein, die der Kommunikation der Zeitschrift mit der der deutschen Sprache mächtigen, nicht jedoch national denkenden Leserschaft aus der ganzen Tschechoslowakei hätten hinderlich sein können. In einem zweiten programmatischen Beitrag im ersten Heft der Provinz (Roedl 1924a) kommt es aber auch schon zu einer Auseinandersetzung mit jenen Bedenken, die sich hinsichtlich des ‚Provinzverbesserungsauftrags‘ der Zeitschrift wohl recht spontan einstellen mussten. Die optimistische Sicht auf die Provinz– hier am ehesten als ‚Kleinstadt‘ konkretisiert– wird dort von Roedl (d.h. Adler) weiterentwickelt; sie sei das „vernunftsgemässe, normale Siedlungsgebilde der Menschen […], Rettung aus Einsamkeit und Betriebswahnsinn“ (Roedl 1924a: 12). Nebeneffekt dieser Konkretisierung ist allerdings eine viel schärfere, ‚essentialistische‘, der Reformbewegung geschuldete Abgrenzung der Provinzstadt vom Dorf auf der einen und von der Groß2 Siehe den Beitrag von Ernst Sommer Verständigung (Sommer 1924: 5f.). Das Thema der nationalen Verständigung bzw. Vermittlung ist auch in dem sehr informativen Beitrag von Mirek Němec zur Provinz zentral (Němec 2001).
34 BRÜCKEN 30/1 stadt3 auf der anderen Seite: „[Die Kleinstadt] ist wesentlich die Norm menschlicher Siedlungsgebilde und als solche von dauernder Gültigkeit; seelisch grundverschieden vom Dorf wie von der Großstadt, bedeutet sie die Mitte zwischen ihnen, die Mitte, welche der eigentliche Bezirk des Menschen ist.“ (Roedl 1924a: 13) ‚Mensch‘ lautet denn auch das in der Zeitschrift am häufigsten vorkommende Schlüsselwort; hier wird er tatsächlich zum Maß aller Dinge. Den– dem Expressionismus durchaus nahen– Anspruch, dem ‚Menschen‘ dazu zu verhelfen, in einer „organischen“, „runden“ „Lebensfähigkeit“ zu existieren, kann laut Roedl nur die Kleinbzw. Provinzstadt erfüllen: Mensch und Menschenwerk so zu fördern, dass sie sich, aller Polarität verwandt, in der Mitte aller Gegenkräfte organisch und zu selbständiger Lebensfähigkeit rund gestalten, ist die Forderung, welche die Kleinstadt erfüllen könnte. Denn die Kleinstadt ist der Kreis, welcher alle menschlichen Beziehungen zur höchsten Konkretheit entwickeln kann. Stets übt sie, da jeder in der Nähe jedermanns lebt, strenge Kritik. So wird ein Mindestmass an Wert und Würde gewährleistet, das weder im Dorf, noch in der Großstadt nötig ist. Sie zerstört den Menschen nicht durch Teilnahmslosigkeit, sie lässt ihn nicht am Alleinsein zugrunde gehen. […] In ihrer Sphäre sind zu allen Zeiten die höchsten Taten geschehen. […] Gesellschaftliches wie Persönliches enthält und bewirkt sie in gleichem Masse, die krassen Unterschiede der Macht, des Besitzes, des Standes, sind in ihr nicht so gegeben, wie in Dorf und Großstadt, ihre Arbeit ist vielfältig und handgreiflich praktisch. Sie lässt dem Menschen die Macht über sein Gebilde, sie entwertet ihn nicht zum Objekt. (Roedl 1924a: 14f.) Roedls Vorstellung ist von Ideen der Reformbewegung getragen. Als seinen Kronzeugen zitiert er den Architekten, „Handwerker und Städtebauer“ (Roedl 1924: 15) Heinrich Tessenow (1876–1950), der eine Entwicklung zu selbstgenügsamen „Ackerbürgerstädten“ hin „verkündet“ (Roedl 1924: 15). Zugunsten Roedls muss hinzugefügt werden, dass er sein Konzept der Provinzstadt ausschließlich in der Zukunft, als Utopie verwirklicht sieht und dies auch offen sagt: „Jene rettende Kleinstadt gibt es nicht. Sie ist nur utopographisch bestimmbar.“ (Roedl 1924a: 16) Trotzdem besteht er auf seinem Anspruch der Weltverbesserung im Kleinen, denn so weise wie Oswald Spengler sei jeder; jeder wisse, wie die „dämonischen Stadtgebilde“ (ebd.) der Vergangenheit zugrunde gegangen seien, und jeder verstehe die Analogie zwischen ihrem Untergang und dem drohenden Untergang der zeitgenössischen Metropolen. Um die Utopie der Provinz, wie sie Roedl (Adler) und Sommer vorschwebt, zu verwirklichen, bedürfe es also der „Vorbedingung des kulturell geschlossenen Kreises […], welche erst die erzieherische Arbeit möglich macht“ 3 Im Literaturdiskurs der späten Monarchie lassen sich mehrere Versuche ermitteln, in der Provinz die „eigentliche“ Region der Literatur und insbesondere des– auch modernen– literarischen Schaffens zu erblicken. Der namhafteste ist Hermann Bahr, dessen Essay „Die Entdeckung der Provinz“ aus dem Jahre 1899 auf ähnlich ausgerichtete Bestrebungen von Peter Rosegger sowie auf programmatische Texte zeitgenössischer Autorengruppierungen aus der österreichischen Provinz Bezug nimmt. Von seiner erklärtermaßen Wiener Perspektive identifiziert er sich mit dem Anspruch der regionalen Autoren, die Literatur zu erneuern: „Sind wir [Wiener, J.B.] so träge? Aber vielleicht ist es die Provinz, die uns den Stoss geben wird; vielleicht rüttelt und rafft sie uns doch endlich noch auf.“ (Bahr 2010: 144).
35JAN BUDŇÁK (ebd.). Damit sind auch all die Bezugsgrößen genannt, deren Schnittpunkt, oder besser: Fluchtpunkt die beiden Mitherausgeber im Konzept der ‚Provinz‘ erblicken: Kultur, Bildung und Mensch– als vollständig entwickeltes individuelles sowie soziales Wesen: all dies im Angesicht einer Weltapokalypse. „Rettet die Kleinstadt, damit sie uns rette!“ (ebd.), so der lauteste Appell der Zeitschrift an die Provinz. 2. MODERNE IN DER PROVINZ ALS FORTSETZUNG BÜRGERLICHER SUBJEKTKULTUR Die Ausrichtung auf den ‚Menschen‘, auf das menschliche Subjekt ist in der Provinz buchstäblich ab dem ersten Satz des ersten Beitrags präsent: Dort sucht man– dem alten ‚Zyniker‘, also Diogenes, gleich– den ‚Menschen‘, den „raren Vogel“ (Adler/Sommer 1924: 1). Diogenes habe ihn mit der Laterne auf dem Markt von Korinth gefunden, während man heute für diese Suche „keinen anderen Markt als den Büchermarkt“ zur Verfügung habe, weil „zwischen Mensch und Mensch nur noch die Literatur vermittelt“ (Adler/Sommer 1924: 1). Die Fragestellung des zweiten Abschnitts des vorliegenden Beitrags lautet in diesem Sinne: Handelt es sich bei diesem ‚Menschen‘ in der Provinz um eine Subjektform, die als modern zu bezeichnen ist? Für diese Annahme sprächen einige Signale: Die Zeitschrift charakterisiert sich– erstens– schließlich selbst als eine „moderne Revue“. Ihre Herausgeber sind– zweitens– Exponenten moderner Kunst: Adler war Anfang der 1920er Jahre Dozent am Staatlichen Bauhaus in Weimar und Gründer des progressiven, dem Bauhaus nahen Utopia -Verlags in Weimar (Němec 2001: 225f.), Sommer war Autor von einigen grotesk verfremdeten Novellen mit moderner Narration und vielfach fragmentierter, performativ -rollenhafter Figurenzeichung, z.B. Der Aufruhr von 1920 (MacháčkováRiegerová 1969: 26). Auch stellt– drittens– die sozialdemokratische Ausrichtung der Zeitschrift, wie ideologisch ‚ausgeglichen‘ auch immer sie war, sie und ihre Stellungnahmen in zeitgenössischen Diskursen4 auf die progressive, moderne Seite. Nicht zuletzt sind– viertens– auch ihre politisch -kulturellen, essayistisch -journalistischen und literarischen Beiträge unmissverständlich in der Moderne zu verorten: Eine Art journalistischer Schirmherr der Provinz ist offensichtlich Karl Kraus, aus dessen Umkreis sich auch einige Autoren der Zeitschrift rekrutieren (Otto Stoessl, Berthold Viertel) und dessen Agenda (z.B. der Kampf gegen die ‚Phrase‘) auch in der Provinz weitergeführt wird. Nicht zuletzt lassen sich auch die vielen anti(spieß-, klein-)bürgerlichen Attacken, die einen der roten Fäden der Provinz bilden, als eine spezifische Kritikform der Moderne ansehen– sei es als Ironisierungen des kleinbürgerlichen Provinzstadtlebens, das der Provinz -Utopie Roedls entgegengestellt wird, oder sei es als Versuche, mit bürgerlichen Konventionen zu brechen. Als Beispiel kann die kurze Skizze Der Sinn des Ehebruchs (Roedl 1924b) herangezogen werden: Dort gelangt ein Ehemann zum Verständnis vom „Sinn jenes Ehebruchs, den [er] nicht begangen [hat]“ (Roedl 1924b: 148): „Eine Erkenntnis: sofern die Ehe überhaupt möglich 4 Beiträge zur Bildung, z.B. „Politische Erziehung und Presse“ von William Watkin Davies, Provinz (1924: 65–71); nachgedruckter Beitrag „Schulpolitik einer sozialistischen Regierung“ (80–87); Beiträge zur Wirtschaft, z.B. Josef Sebians „Währung, Problem aller Probleme“ (162–166); „Was ist Zahlungsmittel“ (166f.); und „Josef von Ägypten. Eine volkswirtschaftliche Studie aus dem alten Testament“ (218–220).
36 BRÜCKEN 30/1 ist, ist sie nur in der äussersten Freiheit möglich. Als Institution gesellschaftlicher Ordnung ist sie längst unwahr geworden. [… Die Ehe] fordert die unbedingte Freiheit beider Teile; auf dass sie immer wieder wie zu ihrem gegenseitigen Mass zueinander finden.“ Darauf reagiert dessen Frau: „Ich muss dich verlassen. Du hast mich überzeugt.“ Das letzte Wort hat aber er: „Geh und komm wieder.“ (Roedl 1924b: 148) Wie modern wird also der Mensch konzipiert, um dessen Rettung durch die utopographische Provinzstadt es der Zeitschrift vor allem geht? Gehen wir vom Konzept der bürgerlichen Subjektkultur von Andreas Reckwitz (2020) aus, wird die Zeit vor, während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in die das Projekt der Karlsbader Pro‑ vinz fällt, als die Endzeit dieser Subjektkultur gesehen. Reckwitz bezeichnet zwar die ganze bürgerliche Epoche zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und der Weimarer Republik als „bürgerliche Moderne“ und verwendet somit ein extensives Modernekonzept, wichtiger ist hier aber die Frage, wie er die bürgerliche Epoche und vor allem ihr Ende konzeptualisiert. Im vorliegenden Beitrag wird der Modernebegriff eher im engeren, ‚literaturhistorischen‘ Sinne benützt, also eben als die letzte Phase der (auch von Reckwitz so bezeichneten) bürgerlichen Zeit. Vereinfacht gesagt führt Reckwitz bei seiner Charakterisierung des bürgerlichen Subjekts des langen 19. Jahrhunderts zwei Narrative bzw. Subjektordnungen zusammen, die bis heute oft als getrennt, ja als gegensätzlich gedacht werden. Es ist zum einen das „Narrativ der Individualisierung“ und zum anderen „das Narrativ der Disziplinierung“ (Reckwitz 2020: 13). In der bürgerlichen Subjektform, die „in Alltagspraktiken hervorgebracht, trainiert und stabilisiert“ (Reckwitz 2020: 16) wird, sind demnach beide Subjektordnungen zugleich enthalten, in diversen Formen und Proportionen. Anders formuliert: das bürgerliche Subjekt betreibt Selbstdisziplinierung und es hat ‚Tiefe‘, es wird von der Vorstellung der individuellen Selbstperfektionierbarkeit und der der ‚heiligen‘ menschlichen Individualität bzw. Humanität geleitet. Dieses anthropologische Projekt wird natürlich durch Bildung, Erziehung, Kultur, Literatur genauso wie durch die Wirtschaft oder aber z.B. auch durch den Kolonialismus verwirklicht. Ein ähnlich ambitioniertes bürgerliches ‚Selbst -Bildungs -Projekt‘ beschreibt auch Panajotis Kondylis (2010). Die „bürgerliche Lebensform“ des langen 19. Jahrhunderts charakterisiert er als eine „synthetisch -harmonisierende“ Ordnung, die auf einen Ausgleich zwischen Vernunft und Trieb/Irrationalität, zwischen Kultur und Natur, zwischen vita activa und vita speculativa orientiert ist. Den Brennpunkt dieser harmonisierenden Synthese, die Kondylis genau wie Reckwitz als performativ (re-) produziert sieht, erblickt er in den Institutionen des Berufs und der Ehe, sowie auch des Staats: Diese manifestieren die durchaus anspruchsvolle Synthese von Tüchtigkeit und Tiefe des Menschen am anschaulichsten. Reckwitz und Kondylis sowie auch z.B. Helmut Lethen in seinem Werk zur Neuen Sachlichkeit Verhaltenslehren der Kälte (Lethen 1994) modellieren jeweils auch das Ende des bürgerlichen Zeitalters. Die Krisenanfälligkeit des als individuell, kompakt und lernfähig gedachten bürgerlichen Subjekts hatte um 1900 zahlreiche Gründe: den Verlust der menschlichen Einzigartigkeit in der Schöpfung (Darwin), die Entdeckung des Unbewussten (Freud), die Krise der Wahrnehmung (Mach) und der Sprache (Hofmannsthal), Zivilisationskritik (Nietzsche) oder die Vermassung– und daher den Verlust– des Subjekts (Industrialisierung, Sozialismus) usf. Reckwitz identifiziert zwei zentrale Antworten auf diese Krise: ein Sich -Vertiefen im Ästheti-
37JAN BUDŇÁK schen („das transgressive Subjekt der Avantgarde -Bewegungen“, 1890–1930) und ein Sich -Einlassen auf den Essenz -Verlust des modernen industriellen „Angestelltensubjekts“. Als ein Sich -Abfinden mit diesem Zustand der „Kälte“ des Subjekts (das eine kalte persona, keine „Kreatur“ mehr ist) wird das Ende der bürgerlichen Epoche, zu der er auch die Utopie des expressionistischen ‚neuen Menschen‘ noch zählt, von Helmut Lethen (1994: 16–52) dargestellt. Lethen zählt ebenfalls viele Aspekte der gelebten, praktizierten Subjektkultur auf, die für beide Formationen typisch sind (32f.: z.B. innere Kontrollinstanz, Gewissen, Geständnis, Reue für die vor -neusachliche, externe Kontrollinstanz, Scham, Rituale von Ausgrenzung und Wiedergutmachung für die neusachliche, kalte persona). Für Kondylis zerfällt schließlich die bürgerliche „Synthese von Mensch und Welt“ (Kondylis 2010: 48) durch die „massendemokratische Auflösung des Anthropozentrismus“ (z.B. in Oppositionen wie Geist vs. Technik, Ding und Wort usf.). Für Überlegungen zum Moderne -Gehalt in der Karlsbader Provinz folgt aus diesem Schnelldurchlauf durch Konzepte zu spätbürgerlichen Subjektordnungen: Die Provinz steht eindeutig in der bürgerlichen Tradition, und vom ‚modernen‘ Zerfall des Anthropozentrismus, vom Zerbröckeln der Bildungsbzw. Erziehungsmission der ‚hohen‘ Kultur, der Literatur, der (intellektuellen) Wortkunst findet sich dort keine Spur; ganz zu schweigen von der innerlich beeinträchtigten kalten persona eines Fabian, eines Gregor Samsa oder des durch die Provinz (Geschäfts-)Reisenden Malenski von Otto Roeld (Malenski auf der Tour, 1930, neue Ausgabe 2018, vgl. Grimes 2020). Sogar Friedrich Nietzsche, dessen Zorn auf die Deutschen im Beitrag von Walter Tschuppik (Friedrich Nietzsche und die Deutschen in Böhmen; Tschuppik 1924) mit viel (Schaden-) Freude wiederholt betont wird, wird in der Provinz nicht als Moralkritiker oder gar Nihilist ausgestellt, sondern als einer „der grössten Erzieher, [und zwar, J.B.] für die Lehre, dass es nur eine erfolgreiche Waffe gibt, ehe man zu anderen greift, die Waffe des Geistes und der Bildung, und mit ihr die Erhebung der Politik auf ein höheres Niveau“ (Tschuppik 1924: 19). Die Provinz tritt demgegenüber mit der Überzeugung in die Welt, dass es den Menschen für den Menschen zu erziehen gilt, und [sie ist] mit allen Kräften bemüht, mitzuschaffen an der Aufrichtung eines besseren Lebens, das hervorgehen soll aus einer vernünftigen Ordnung der Freiheit und gegenseitigen Verpflichtung, aus dem Zwang des Gewissens, dem Ernst der Verantwortung und aus der Bereitschaft der Herzen. (Adler/Sommer 1924: 3) Somit werden nicht die Stichworte der neusachlichen bzw. nachbürgerlichen Subjektkultur angeführt, sondern es wird noch einmal auf die Gültigkeit der bürgerlichen Subjektform gepocht. In einem nachgedruckten älteren Aufsatz von T. G. Masaryk im ersten Heft der Provinz wird zwar der bürgerliche Liberalismus des 19. Jahrhunderts (Masaryk 1924) entschieden verabschiedet,5 aber die „sozialistische Demokratie“, die ihn laut Masaryk (und ganz offensichtlich auch laut Adler und Sommer) ersetzen soll, 5 „Politisch löst sich der Liberalismus immer mehr in verschiedene Parteien auf und ist darum parlamentarisch gegen die Sozialdemokratie und ihre uniformere Masse und ebenso gegen die gouvermentale Reaktion schwach. Immer mehr und mehr klammert sich der Liberalismus an formale Prinzipien […]. Kulturell und wirtschaftlich wird der Liberalismus immer negativer; das frühere Streben nach Freiheit
38 BRÜCKEN 30/1 wird als eine Art Wiederherstellung bzw. Weiterführung der bürgerlichen Ideale und Errungenschaften dargestellt, die vom Liberalismus nur teilweise erreicht wurden, bevor dieser, „ein System der Halbheiten“ (Masaryk 1924: 7), sie aus den Augen verlor. 3. MODERNE DER PROVINZ ALS SICHTWEISE AUF DIE LITERATUR Auch an der Auswahl der in der Provinz abgedruckten literarischen Texte lässt sich dokumentieren, wie durchlässig für die aus dem 19. Jahrhundert kommende Tradition die Moderne in dieser „modernen Revue“ ist. Das größte literarisch -politische Anliegen, das in der Provinz verfolgt wird, ist die Ambition Adlers/Roedls, die landläufige Wahrnehmung von Adalbert Stifter als einem „Heimatdichter“ umzugestalten. In der Provinz findet sich sogar ein literarischer Text von Stifter abgedruckt– und zwar ausgerechnet einer seiner ‚modernsten‘: nämlich die Skizze Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842, die heute wegen der gedämpften, nahezu phänomenologischen Schilderung der astronomischen Erscheinung geschätzt wird und die zugleich als religiöse Allegorie lesbar ist.6 Es ist einer der kürzesten Texte Stifters, was wohl auch nicht ohne Belang gewesen sein mag. Nichtsdestotrotz verläuft die Argumentation, die, so der Untertitel des Beitrags von Adler/Roedl, zur „Rettung Adalbert Stifters“ (Adler 1924b) führen oder zumindest beitragen soll, ganz anders. Stifter wird nicht etwa als ein Vorläufer der Moderne betrachtet und gewürdigt, sondern als ein „Vollender“, als „die letzte und lauterste Verklärung einer untergehenden Welt des bürgerlichen Idealismus“ (Adler 1924b: 98). Adler wendet sich zunächst– völlig losgelöst von dessen Texten– gegen die lokale, phantasielose und stellenweise auch gefährliche (da eben mit völkischem und/oder antisemitischem Unterton versehene) Verehrung des toten Klassikers. Zumindest verbal ist er dabei doch recht radikal und spricht etwa vom „Unsinn der Heimatkunst“ (Adler 1924b: 97). Sonst aber schreibt er Stifter eine Art Mystik des literarischen Wortes zu: Das Stoffliche wird fast Nebensache. Die Handlung ist nur Anlass oder Vorwand der Formgestaltung. Die Gelassenheit des Nacheinanders, die Durchsichtigkeit der sprachlichen Atmosphäre, […] überklare Dinglichkeit sind Faktoren dieses Stils. Es gibt da endlose Perioden, die gegenständlich durch nichts bedingt scheinen […]. (Adler 1924b: 99) Damit bezeichnet er im Grunde genau jene Aspekte von Stifters Werk, die heute als (ästhetisch) modern angesehen werden, vor allem die Verselbständigung der Wahrnehmung und ihre Loslösung vom menschlichen Subjekt (Koschorke 1989; Maurer 2005), das damit eigenartig obdachlos wird, stellt sie aber explizit in den Kontext bürgerlichen Humanismus: „Vollender der spätgoetheschen Humanitätsepoche und der abklingenden Romantik, dichterischer Vollender eines Lebensstils von höchster Kultur, utopischer Menschengläubigkeit, eines Stils des Abschieds.“ (Adler 1924b: 98) Dahinter ist unschwer eine eigene Melancholie ob dieses ‚verlorenen goldenen wird durch eine politische Genügsamkeit ersetzt, die unter Freiheit das eben noch erträgliche Ausmass der Unfreiheit mit Freude akzeptiert.“ (Masaryk 1924: 10f.) 6 „Die Verfinsterung der Sonne, das Fremdwerden der vertrauten Wirklichkeit wird zur Schreckensvision von gottleerer Welt, Weltuntergang, Vernichtung, Tod.“ (Naumann 1979: 80)
39JAN BUDŇÁK Zeitalters‘ herauszuhören, die in einer „modernen Revue“ und noch dazu von einem Bauhaus -Dozenten nicht unbedingt zu erwarten wäre.7 In der Provinz finden sich auch literarische Texte vieler Autoren, die durchaus als zentrale Figuren der Moderne angesehen werden, an französischen Autoren etwa Jules Laforgue oder Charles Louis Philippe, an österreichisch -deutschsprachigen Alfred Polgar, Otto Stoessl oder Egon Erwin Kisch und an tschechischsprachigen Otokar Březina, Fráňa Šrámek und Karel Čapek. Die literarischen Texte sind (mit der Ausnahme von Kisch und Čapek) nicht neu, sondern entstammen früheren Phasen der literarischen Moderne (Jahrhundertwende). Auch was die Textsorte betrifft, lässt sich eine Tendenz erkennen: nämlich die, entweder allegorisch -essayistische Texte aufzunehmen, deren Bildungsauftrag primär ist (Březina, Čapek, Stoessl), oder betont realistische, in thematischer Hinsicht ‚provinzielle‘ (Kisch, Polgar, Laforgue, Philippe). Auch durch diese Auswahl wird von den Herausgebern der Provinz für eine Moderne votiert, die sehr gut Anschluss finden kann an die Ziele der Zeitschrift: den ‚Menschen‘ in der ‚Provinz‘ im Geist des klassischen bürgerlichen Humanismus– mit sozialistischem Touch– zu erziehen. FAZIT Im vorliegenden Beitrag ist eine zentrale Agenda der Karlsbader Zeitschrift Die Provinz ausgespart geblieben, und zwar ihre kulturelle Vermittlungsarbeit zwischen Deutschen und Tschechen in der Tschechoslowakischen Republik der frühen 1920er Jahre, da dieser Aspekt bereits aufs Gründlichste von Mirek Němec bearbeitet wurde (Němec 2001). Ich habe mich hier in Ergänzung dazu auf die keineswegs selbstverständliche, von der Zeitschrift aber dennoch deklarierte Verbindung zwischen Moderne und Provinz konzentriert. Das Selektionsprinzip der Zeitschrift im Umgang mit Texten der literarischen Moderne, so hat die Untersuchung ergeben, orientierte sich an deren thematischem und vor allem erzieherischem Gehalt, wobei eher Texte der frühen Phase der Moderne um 1900 bevorzugt wurden. Das Beispiel Stifter zeigt auch, dass sich die Zeitschrift– zumindest in ästhetischer Hinsicht– viel stärker in der (ideal-)bürgerlichen Tradition verankert sah, als es im Hinblick auf das ‚moderne‘ Engagement der beiden Mitherausgeber anzunehmen wäre. Nicht zuletzt war auch der modus operandi des Terminus ‚Provinz‘ durch eine spezifische Mischform nachbürgerlicher Moderne (Reformbewegung, Utopiemodelle, Sozialismusnähe) und bürgerlicher Subjektkultur (organisches Subjekt, Bildungsauftrag) gekennzeichnet. 7 Mit Stifter hat sich Roedl/Adler lebenslang beschäftigt, seine Stifter -Biographie Adalbert Stifter. Ge‑ schichte seines Lebens ist zuerst 1936, in neubearbeiteter Auflage 1958 erschienen. Zu Roedls/Adlers Stifter -Interpretationen siehe Storck (2002).