Jan Berg, Edgar Morscher und Anneliese Müller: Bolzano‑Gesamtbibliographie 1804–1999. Stuttgart‑Bad Cannstadt: Frommann‑Holzboog, 2016
Abstract
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Full text
148 BRÜCKEN 28/1 verstanden, wie Csáky vorschlägt, bedeuten auch die letzten Jahre der Monarchie, ihr Zerfall und die folgende Homogenisierungswut eine deutliche Warnung. Ande‑ rerseits tröstet, dass auch die Abwehrmechanismen gegen kulturelle Heterogenität und Globalisierungstendenzen immer schon die andere Tradition in sich behalten. Die tiefere Verankerung der postmodernen Konzepte, wie sie Csáky im letzten Teil des Buches vorführt, stärkt diese Hoffnung. Jan Berg, Edgar Morscher und Anneliese Müller: Bolzano Gesamtbibliographie 1804–1999 (= Bernard Bolzano ‑Gesamtausgabe. Hrsg. von Eduard Winter, Jan Berg, Friedrich Kambartel, Jaromír Loužil, Edgar Morscher, Bob van Rootselaar. Einleitungsband 2/3). Stuttgart ‑Bad Cannstadt: Frommann ‑Holzboog, 2016, 443 Seiten. Kurt Friedrich Strasser– Salzburg und Triest Am 5. Oktober 1781 wurde Bernard Bolzano in Prag, der Hauptstadt des Königreiches Böhmen, geboren. Am 19. April 1804 übernahm er den Lehrstuhl für Religionswissen‑ schaft an der Philosophischen Fakultät der Karl ‑Ferdinands ‑Universität. Zu dieser Zeit herrschte Krieg in Europa. Der oberste Kriegsherr Napoleon hatte den Befreiungs‑ schlag des unterdrückten französischen Volkes von 1789 und die aufgeregte Stimmung für einen Eroberungskrieg genutzt, der den ganzen Kontinent jetzt um Jahrzehnte zurückwarf. Im alten Habsburgerreich hatte man derlei Weltherrschaftsträume zu Zeiten KarlsV. bereits verwirklicht. Jetzt hatte man diese Herrschaftsvisionen aus‑ geträumt und während der Regierung der böhmischen Königin Maria Theresia und ihres Sohnes JosefII. war man dazu übergegangen, für allgemeines Recht, praktische Verwaltung, Bildung– kurz Aufklärung– im Land zu sorgen. Der neue Krieg durch‑ kreuzte jetzt all diese Pläne. Am 24. Dezember 1819 wurde Bolzano seines Amtes enthoben und zog sich ohne Protest ins Privatleben zurück. Am 18. Dezember 1848 starb er im elterlichen Haus in der Zeltnergasse an einem Lungenleiden, das ihn fast das ganze Leben lang begleitet hatte. Die kleine Schar seiner Freunde versuchte bald, Bolzanos Vermächtnis der Öf‑ fentlichkeit zugänglich zu machen. Sein Freund Michael Josef Fesl überreichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien in der Sitzung vom 17. Oktober 1849 ein vollständiges Konvolut mit Bolzanos Schriften, in der Hoffnung auf eine repräsentative Gesamtausgabe seiner Werke. Fesl charakterisierte die Bedeutung dieser Schriften: Wenn es nämlich gewiss ist, dass ein Staat, der wie der unsere aus mehreren kräftigst aufstrebenden und ihrer Besonderheit sich bewussten Nationalitäten be‑ steht, sich nur durch das Einheitliche und allgemein Menschheitliche, nur durch dasjenige, was gemeinsam jeder Menschenbrust ehrwürdig oder unabweislich ist, zu einem grossen Ganzen fortschreitend sich inniger zu verbinden vermag: so
149REZENSIONEN muss Bern.[ard] Bolzano, dessen Grösse gerade in der objectiven Feststellung der Begriffe, in der durchgreifenden Bewältigung jedes blos subjectiven oder psycho‑ logischen Standpunctes liegt, für die heilsamste Entwicklung unserer Zustände mit jedem Tage an Wichtigkeit gewinnen, oder wenigstens keinem Oesterreicher, dem es um die wahre Herrlichkeit seiner Heimat zu thun ist, gleichgültig und ohne angelegentliche Würdigung bleiben. Die Wiener Akademie hatte bei ihrer– im europäischen Vergleich recht späten– Gründung unter Kanzler Metternich 1847 ein streng pragmatisches Profil erhalten, das „freiere Wissenschaften“ aus Angst vor dem Eindringen von „Socialfragen“ und ideologischen Kontroversen ausschloss. Unruhen gab es genug, auch zwischen den einzelnen Völkern, die im Habsburgerreich zusammengefasst waren: Der aufkom‑ mende Nationalismus war ein Sprengsatz für dieses Staatsgebilde.– Und die Lage bei Bolzano war komplex: Sein Name wurde noch mit seiner verordneten Suspendierung verbunden. Der Vater des Philosophen war aus der habsburgischen Lombardei in das zweisprachige Kronland Böhmen eingewandert. Bolzanos Muttersprache war Deutsch. Diese Sprache war die Koinè des Habsburgerreiches, die gemeinsame Ver‑ kehrssprache, und eben keine „Nationalsprache“. Bernard Bolzano war Österreicher, aber Österreich war keine Nation, sondern eine historisch gewachsene Gemeinschaft unterschiedlicher Völker unter gemeinsamer Verwaltung, die diese sprichwörtliche Buntheit eben nicht in nationale Einheitsfarben aufzulösen gedachte. Selbst wenn die Professoren in der Wiener Akademie die Bedeutung von Bolzanos Gesamtwerk erkannt hätten– seine Leistungen für die Grundlagen der Mathematik, seine Begriffsklärungen in verschiedensten Bereichen der Wissenschaften und des Gemeinwesens, die Bedeutung dieser Lehren zur Überwindung des Idealismus und Nationalismus– es gab jetzt vordringlichere Probleme als die Veröffentlichung seines Gesamtwerks, konkret die Verteidigung des Landes gegenüber den angreifenden Heeren, der Kampf gegen Hunger und Seuchen der darbenden Völker. Der Wunsch nach Einrichtung einer Gesamtausgabe von Bolzanos Werken kam jedenfalls nicht über die freundliche Erwähnung in der Tagesordnung der Akademie hinaus. Und überhaupt, eine „Nationalausgabe“ konnte das ja wohl nicht werden, und es war auch gar nicht gewollt. Von „österreichischer Philosophie“ zu sprechen war inso‑ fern auch problematisch, als mit der Universitätsreform des Grafen Thun ‑Hohenstein von 1848/49 gerade entschieden worden war, dass die offizielle Bildungspolitik den Vorstellungen Franz Exners und den Lehren Friedrich Herbarts folgen sollte, und eben nicht jenen viel weitergehenden Vorstellungen von Bolzano. Nach dem Ende der Habsburgermonarchie 1918 hatten dann Nationalisten aller Herren Länder ihre erträumten Nationalstaaten geschaffen und von „Österreich“ war nur ein kleiner, vorwiegend deutschsprachiger Rest übriggeblieben, der mit dem Gewicht dieses Erbes logischerweise nicht zurechtkommen konnte. Naturgemäß konnte sich nach dem Ende des Habsburgerreiches kein Nationalstaat und auch keine Konfession eindeutig mit Bernard Bolzanos Ideen identifizieren. So kam etwa der Ver‑ such einer tschechischen Gesamtausgabe nicht über die Anfangsbemühungen hinaus. Aber es zeigte sich doch, dass die philosophische Richtung, die Bolzano eingeschlagen hatte, mit der akademischen Kindesweglegung nicht aus der Welt geschafft worden war. In Prag, Wien, Lemberg, Graz und anderen Universitäten des Habsburgerreiches,
150 BRÜCKEN 28/1 wurde Begriffsklärung als genuines Anliegen der österreichischen Philosophie wei‑ terverfolgt. Auch wenn um die Jahrhundertwende der „Wiener Kreis“ entstand, eine philosophische Vereinigung, die Bolzano posthum einbürgerte: richtig heimisch sollte seine Philosophie an den in Österreich verbliebenen Universitäten nie mehr werden. Und es sollte nach Michael Josef Fesls Versuch noch mehr als ein Jahrhundert dauern, bis 1969 eine Herausgabe des Gesamtwerks in Angriff genommen wurde, von einer Gruppe von Wissenschaftlern um den schwedischen Logiker Jan Berg und den böhmischen Historiker Eduard Winter gemeinsam mit einem privaten Verleger im Baden ‑Württembergischen Stuttgart, Günther Holzboog. Wir können das publizistische Geschehen um Bolzano jetzt in der Bernard ‑Bolzano‑ Gesamtausgabe (BGA) genau nachverfolgen. Bei dieser Ausgabe kann man getrost von einer Spitzenleistung sprechen: Es ist eine wissenschaftliche Edition, die auf persön‑ licher Initiative hochmotivierter Forscher zustande‑ und großenteils ohne staatliche Förderung ausgekommen ist, und deren buchbinderische Qualität Bände spricht! Auf die Gefahr hin, in den Geruch ungebremster Lobhudelei zu kommen, muss die hier zu besprechende Bolzano ‑Gesamtbibliographie als geradezu unglaublich gewis‑ senhafte Großtat in dem gern als Handlanger‑ und Zuträgergewerbe unterschätzten Gebiet der bibliographischen Forschung bezeichnet werden, zumal es sich hier, spe‑ ziell im quantitativen Hauptteil „Literatur über Bolzano“ um kommentierte Einträge handelt, die wertvolle Kurzinformationen über den Inhalt der registrierten Stellen enthalten und wo sogar Tippfehler in Titeln [!] dezent markiert und korrigiert sind. Teil 1 listet Bolzanos veröffentlichte Schriften chronologisch auf, mit dem Anspruch auf Vollständigkeit auch aller späteren Auflagen, Nachdrucke und Übersetzungen im vorgegebenen Zeitrahmen. Teil 2: Bereits erschienene und zu erscheinende Bände der BGA (derzeit 102:25); Teil 3: Die Ergänzungsreihe „Beiträge zur Bolzano ‑Forschung“ an (derzeit 26). Teil 4: Literatur über Bolzano, chronologisch gelistet. Teil 5: Anonyme Schriften, 3 Anhänge mit Grundinformationen. Das umfangreiche Werk, das Bolzano hinterlassen hat, ist vielfältig. Dieser Um‑ stand allein schon hintertreibt eine einfache Stilisierung oder Mythosbildung von vornherein. Bolzanos Freund Franz Příhonský beschreibt die daraus resultierende schleppende Rezeptionsgeschichte 1839, im Vorwort zur erweiterten Neuausgabe des Auswahlbandes von Erbauungsreden 1813, einmal so: Bisher wurde dem Publicum Bolzanos System nur in Bruchstücken bekannt, und dass man an diesen irre werden, ihn selbst für einen zur Stimmgebung in so wichti‑ gen Angelegenheiten der Menschheit Nichtberechtigten halten konnte, ist begreif‑ lich. Die Athanasia war zuerst erschienen, und man ahnete nicht die Vorarbeiten, auf welchen dieses schöne Buch beruhet; dann kam die Religionswissenschaft und man ahnete nicht die ihr eigene philosophische Grundlage; zuletzt folgte die Wissenschaftslehre, deren öffentliche Aufnahme von Seiten des Fachpublikums noch nicht bekannt ist. Diese Reden sollen bezeugen, dass eine so ausgebildete philosophische und theologische Theorie auch der praktischen Brauchbarkeit nicht ermangle.
151REZENSIONEN Příhonský verdeutlicht hier auch den inneren Zusammenhang aller Arbeiten von Bolzano. Ein anderer Bolzano ‑Schüler und ‑Freund, Robert Zimmermann, der Bolzanos mathematischen Nachlass übernommen hat, erfüllt die damit verbundene Sorgfaltspflicht nicht. Er übergibt der k.u.k. Hofbibliothek in Wien ungeordnete Bün‑ del von Manuskripten mathematischer Arbeiten, die dort schlummern, bis sie von Bruno Kerry und Alois Höfler zufällig entdeckt werden. Erst als diese Lücke wieder geschlossen wurde, konnte das Unternehmen BGA sinnvoll angegangen werden. Im Teil 1 der Gesamtbibliographie „Bolzanos veröffentlichete Schriften“ zeigt sich– im Blick auf die Einträge und unter der Voraussetzung, dass wir hier stets von „Ein‑ trägen“ sprechen, also auf Umfang oder gar Gehalt keinerlei Rücksicht nehmen können und wollen– zunächst einmal, dass der junge Universitätskatechet fast ausschließlich mit mathematischen Schriften an die Öffentlichkeit tritt, und zwar mit solchen von großer Relevanz, wie etwa den Beyträge[n] zu einer begründeteren Dar‑ stellung der Mathematik von 1810, die Bolzanos Bedürfnis nach elementarer Klarheit in den Grundlagen logisch ‑mathematischen Wissens bekundet. Der dritte Eintrag betrifft dann seine eigentliche Berufstätigkeit: Es ist ein Sammelband von 16 Reden: Erbauungsreden für Akademiker von Bernard Bolzano, Weltpriester, Doctor der Weltweis‑ heit, und k.k. ordentlichen Professor der Religionsphilosophie an der Karl ‑Ferdinandeischen Universität. Prag 1813, bey Caspar Widtmann, Milo Johann Nepomuk Grün, dem Abt des Prämonstratenserklosters Strahov, Bolzanos Freund und Gönner zugeeignet. Zu‑ stande gekommen war er aufgrund der Arbeit seiner Studenten, allen voran Michael Josef Fesl, die wiederum dem allgemeinen Wunsch entgegengekommen sind, die bisher flüchtigen und nur mündlich gehaltenen Reden schriftlich fixiert zu haben; vor allem, um sie so auch weiter verbreiten zu können.– Von dieser thematischen Ausnahme abgesehen sind, bis 1827, also weit über Bolzanos Berufslaufbahn hinaus, seine Veröffentlichungen ausschließlich der Mathematik gewidmet!– Diesem Befund, und Bolzanos eigenen Angaben (z.B: Lebensbeschreibung 1836: 29) verdanken wir die Einsicht in die Gründe von Bolzanos doch eigenartig wirkender Berufswahl: Der früh als hochbegabter Mathematiker auffallende Student entscheidet sich für das Amt des Religionslehrers, das noch dazu mit der höchst anstrengenden Abhaltung wöchent‑ licher Reden (Erbauungsreden, Exhorten) vor großem Publikum verbunden ist: Auch wenn es für Bolzano aufgrund seines zarten Körperbaues und vor allem seines Lungenleidens eine ungeheure Leistung erfordert; er weiß: nur hier kann man in Richtung Volksaufklärung wirklich etwas bewegen. Die von Fesl anfangs skizzierte politische Brisanz der Gesamtsituation erfordert es, jetzt und hier für sein Vaterland tätig zu werden, das war Bolzano bewusst. Der Teil 4 der Gesamtbibliographie: „Literatur über Bolzano“ ist an Aussagekraft (oder besser: Aussagepotenz) kaum zu überschätzen– und an Fleiß und Mühen bei der Erstellung wohl auch. Interessierte können nun offenen Fragen nachgehen, etwa: „Wie steht es um das Echo von Bolzanos Werk in den Jahren unmittelbar nach seinem Tod, also in den ersten 50 Jahren, von 1850 bis 1900?“ Wenden wir uns ihr kurz zu: Wir wissen ja bereits aus Teil 1 der Bibliographie von der regen Publikations‑ tätigkeit der Schüler und Freunde Bolzanos, die Erbauungsreden (es gibt ca. 600) sammeln und herausgeben: Dr.Bernard Bolzano’sErbauungsreden an die akademische Jugend, herausgegeben von einigen seiner Freunde, bevorwortet von Dr.Franz Příhonský (43) erschien 1849 im Prager Verlag von Wenzel Heß; 1850 ebendort ein zweiter Band
152 BRÜCKEN 28/1 (47). Die gesellschaftspolitisch besonders aktuellen drei Vorträge Über das Verhältniß der beiden Volksstämme in Böhmen. Drei Vorträge im Jahre 1816 gehalten von Dr.Bernard Bolzano erschienen als Büchlein 1849 beim k.k. Hofbuchhändler Wilhelm Braumüller in Wien. Und ebenso bei Braumüller erschien noch im selben Jahr der Band Erbau‑ ungsbüchlein für die Gebildeten unter den katholischen Christen, mit einer Sammlung religiöser Texte. Bekannt ist auch, dass diese Bücher und einzelne Erbauungsreden vielfach abgeschrieben wurden und zu Heftchen und gar Büchern gebunden– als eine Art frühe Samizdat ‑Literatur– in ganz Böhmen verbreitet waren, in deutscher wie auch in tschechischer Sprache. Bei Braumüller erschien 1849 auch Bolzanos Aufsatz Was ist Philosophie? (46), ein Büchlein mit 30 Seiten. Weller in Bautzen gab im selben Jahr ein Kurzgefaßtes Lehrbuch der katholisch ‑christlichen Religion, als der wahren gött‑ lichen Offenbarung. Für Gebildete überhaupt, insbesondere für Zöglinge gelehrter Schulen (45) heraus. Die politisch bedeutsame Rede Was ist Vaterland und Vaterlandsliebe? von 1810 (48) ließ Bolzanos Schüler Emilian Wewerka bei Friedrich Rohliček in Prag drucken und 1850 herausgeben.– Bolzanos Berufstätigkeit hatte also einen kräftigen publizistischen Nachhall in den ersten 50 Jahren nach seinem Ableben. Erst in den achtziger Jahren verblasst das lebendige Bild des mutigen Predigers. Als Braumüller in Wien eine Serie von vier Bänden mit Erbauungsreden auflegen wollte, sollte es bei dem ersten Band von 1884 bleiben: Die Aktualität brach– immerhin über sechzig Jahre, nachdem die letzte davon gehalten worden war, allmählich ein. Was aber geschieht sonst, abgesehen vom rührigen Bemühen der Freunde Bolza‑ nos; wer erinnert sich an ihn, wer diskutiert seine Leistungen? Zunächst, so erfahren wir aus Teil 4, passiert wenig: In den ersten 30 Jahren, von 1850 bis 1880, sind außer Marginalien keine (!) Einträge zu finden.– Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung scheint den großen Wohltäter und Aufklärer vergessen zu haben.– Im Jahr 1881, dem hundertsten Geburtstag Bolzanos, veröffentlicht die böhmische Schriftstellerin und Wohltäterin Marie Červinková ‑Riegrová einen biographischen Entwurf zu Ehren des Philosophen. Josef Durdík hält am 15. Oktober anlässlich des Geburtstags im Prager Akademischen Leseverein einen Vortrag über Bolzanos Leben und Wirken in tschechischer Sprache; es gibt Auszüge auch in deutscher Sprache. Jaroslav Vrchlický trägt in der feierlichen Versammlung im Prager Leseverein aus Anlass von Bolzanos Geburtstag ein Gedicht in tschechischer Sprache vor. Zwei Jahre später nimmt der deutsche Mathematiker und Begründer der Men‑ genlehre, Georg Cantor, in seiner „Mannichfaltigkeitslehre“ auf Bolzano Bezug. Der Mathematiker Richard Dedekind erwähnt ihn in seinem Standardwerk Was sind und was sollen Zahlen? (1888/1893). Nach und nach zeigt sich, dass das inhaltliche Kern‑ anliegen Bolzanos, das Sprach‑ und Genauigkeitsproblem, zunehmend erkannt und weiterverfolgt wird. Auch der Wiener Mathematiker Alois Höfler kommt auf die Spur, über ihn der aus Lemberg stammende österreichische Philosoph Alexius Meinong. Edmund Husserl, der große österreichische Philosoph und Gründer der Phänomeno‑ logie, der bei Karl Weierstraß in Leipzig studiert hat, gibt in seinem Standardwerk Logische Untersuchungen (1900ff.) Hinweise auf Bernard Bolzano. Der Wiener Philo‑ soph Benno Kerry stößt dann auf den von Zimmermann sorglos abgelegten Nachlass in der Wiener Hofbibliothek. Das Erstaunen ist groß, als man herausfindet, dass ein bis dahin nach seinem Entdecker Karl Weierstraß benannter analytischer Lehrsatz sich in Bolzanos Functionenlehre schon 30 Jahre zuvor formuliert findet. Er wird zum
153REZENSIONEN Satz „von Bolzano ‑Weierstraß“ umbenannt. Um die Jahrhundertwende wird Bolzano vollends von den Mathematikern und Philosophen wiederentdeckt und sein Name wird dem drohenden Untergang im Meer des Vergessens endgültig entrissen. Die Richtung von Bolzanos Denken, die zu Zeiten des blühenden Idealismus fremd und unwichtig erschien, erweist sich als weiterführend. –Wie genau, das lässt sich mit‑ hilfe der Gesamtbibliographie en detail verorten. Am 200. Geburtstag des Philosophen sieht die Sache schon anders aus: Vor allem in seiner Geburtsstadt Prag, jetzt Hauptstadt der Československá socialistická repu‑ blika, aber auch in Berlin (Ost), Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, wo der verdienstvolle Bolzano ‑Forscher Eduard Winter ein Wirkungsfeld gefunden hatte, feiert man den großen Denker mit Konferenzen, Vorträgen, Sammelbänden, Ausstellungen und allen nachträglichen Ehren (Einträge Impact, Univerzita Karlova, Konference, Studien, Sršeň, Wiederkehr). Es zeigt sich hier, dass, wie Fesl vermeldet hatte, eben jene Wissenschaften, welche „der menschlichen Leidenschaft gleichgültig sind, daher die Untersuchung fast immer mit aller Unbefangenheit und mit gehöriger Muße und Ruhe begonnen und zu Ende gebracht wird“ (Bolzano, Wissenschaftslehre § 315.4: 244) besonders widerstandsfähig sind und jetzt das Überleben seiner Gedan‑ ken– jenseits von Tagespolitik und intellektuellen Moden– sichern. Nach und nach werden auch alle anderen Leistungen Bolzanos wiederentdeckt, in Theologie, Ästhetik, Physik, Metaphysik, Philosophie, Pädagogik, Semiotik. Anlässlich von Bolzanos 200. Geburtstags unternimmt Rudolf Haller den Versuch, diesen verlorenen Sohn gleichsam „heimzuholen“, und zwar mit seinem Aufsatz: „Ein Philosoph Österreichs“ in der Wiener Tageszeitung Die Presse. Die „österreichische Philosophie“ bekam scharfe Konturen, die freilich mit den engen geographischen Verhältnissen „Restösterreichs“ nicht in Deckung zu bringen waren (und auch nicht mussten). Sie hat eine klare logisch ‑analytische Basis und bewegt sich in eine über‑ nationale Richtung, die von Bolzano ausgeht und bis über Wittgensteins Sprach‑ philosophie hinaus logisch weiterentwickelt wird. Besonders vom englischsprachigen Ausland aus sind die Konturen dieses Denkens klarer erkennbar gewesen. Die „drei Briten aus Kakanien“ etwa, Kevin Mulligan, Peter Simons und Barry Smith (Bühler Information Philosophie 1987/3: 22–33) haben sie früh klargestellt (und es auch noch ins Gesamtverzeichnis 1804–1999 geschafft). Werfen wir, am Raumlimit des gebotenen Artikelumfangs angekommen, noch einen kurzen Blick auf die Sprachen, in denen die Einträge von Teil 4 verfasst sind. Naturgemäß erschienen Bolzanos wissenschaftliche Publikationen in deutscher Sprache. Lateinisch hatte als Gelehrtensprache weitgehend ausgedient. Bolzano sprach auch Tschechisch, Französisch, Englisch, Italienisch. Seine Werke wurden bald auch in die andere böhmische Landessprache, Tschechisch, übersetzt, sodass man noch zu Lebzeiten von einer weitgehend zweisprachigen Präsenz von Bolza‑ nos Werk sprechen kann. Mit Menyhért (Melchior) Palágyi beginnt 1902 auch im Ungarischen die Auseinandersetzung mit Bolzano, immerhin noch zu Zeiten der Habsburgermonarchie. Palágyi publiziert in deutscher Sprache, aber die Antwort kommt schon auf Ungarisch (Enyvvári 1909). Varga (1909), Sándor Varjas (Über die Logik) 1910 und 1916 (Bolzanos „Wahrheit an sich“), dazu Selmeczi (1924) setzen sich mit verschiedenen Aspekten von Bolzanos Philosophie auseinander. Italienisch, das an den südlichen Rändern des Habsburgerreiches gesprochen wird– im Herzogtum
154 BRÜCKEN 28/1 Toskana oder in der Lombardei, der Heimat von Bernard Bolzanos Vater– kommt in wissenschaftlichen Publikationen zu Bolzanos Lebenszeit nicht vor. Doch seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, besonders seit dem Auftreten von Ettore Casari, fällt eine signifikante Häufung italienischsprachiger Einträge auf, die sich vorwiegend zum Kernbereich Logik und Mathematik zu Wort melden. Der italieni‑ sche Klang von Bolzanos Namen dürfte dabei keine Rolle gespielt haben. Russisch, das am östlichen Rand der Habsburgermonarchie gesprochen wird, kommt durch die Bolzano ‑Monographie (1955, deutsch 1963) des 1882 in einer jüdischen Familie in Prag geboren Ernst (Arnošt) Kolman wieder ins Gespräch. Kolman hat im Ersten Welt‑ krieg noch für die Habsburgermonarchie gegen das zaristische Russland gekämpft. Nach der Russischen Revolution stellt er sich in die Reihen der Kommunistischen Internationale und wird zum einflussreichen Parteiideologen. In seinem Buch über Bolzano versucht er, diesen in die antibolschewistischen Reihen einzugliedern. Später wird ihm seine idealistische, so gar nicht „bolzanische“ Enge bewusst und er zieht seinen Beitrag für die Festschrift zum 80. Geburtstag von Eduard Winter (Oberkofler/ Zlabinger 1976) vor der Drucklegung (und nach seiner ideologischen Wende) noch zurück. Auch Polnisch wird an den Rändern der Monarchie gesprochen. Diese Spra‑ che hat vor allem Kasimirz Twardowski in der österreichischen Bolzano ‑Forschung seit 1894 hoffähig gemacht. Einzig aus den südslawischen Ländern ist noch (denn so eine Bibliographie wird kaum je ganz fertig) kein Eintrag in der Gesamtbibliographie vermerkt. In den anderen europäischen Sprachen– in Englisch besonders mit Charles Sanders Peirce und Bertrand Russell, in Französisch mit Jean Cavaillès, finden sich seit den dreißiger Jahren zunehmend Einträge, seltener sind solche in Hebräisch, Schwedisch, Niederländisch, Bulgarisch, Finnisch, Japanisch. Den inhaltlich harten Kern bilden nach wie vor Logik und Mathematik. Aber der Rest folgt… Viele Arten von Entdeckungsreisen in die Geamtbibliographie lohnen sich… Bernard Bolzano hat seine Absetzung zu Weihnachten 1819 hingenommen und sich umgehend seinen breit gestreuten wissenschaftlichen Interessen und brennenden sozialen Anliegen gewidmet. Es scheint, als überdauerten seine philosophischen Leistungen selbst die dunkelsten Zeiten der abendländischen Geistesgeschichte. Ungefähr zu der Zeit, als Bernard Bolzano sein Lehramt antritt, lässt Friedrich Hölderlin Mnemosyne die tröstlichen Worte sprechen: Nicht vermögen / Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen / Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich / Mit diesen. Lang ist / Die Zeit, es ereignet sich aber / das Wahre. (Die vaterländischen Gesänge, Mnemosyne. 2. Fassung).